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Titel: Die Sprengung des Domthurms zu Berlin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 308
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Einsturz des Turms des Berliner Doms nach zwei erfolglosen Sprengversuchen
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[308] Die Sprengung des Domthurms zu Berlin. (Mit Abbildung.) Eine weite Trümmerstätte, auf der nur noch ein paar spärliche Mauerreste und ein halbes Dutzend gebrochener Säulen stehen, bezeichnet die Stelle, an der sich bis vor kurzem die Berliner Domkirche mit ihren drei grünspanbedeckten Kuppeln erhob. Als man bei der Niederlegung des Gebäudes an den Thurm kam, der die große Mittelkuppel trug, da zeigte es sich, wie vortrefflich dit Baumeister früherer Jahrhunderte solche Arbeiten auszuführen wußten. Die über fünf Meter starken Grundmauern konnten nur mit Dynamit gesprengt werden. Am 8. April wurde die erste Sprengung vorgenommen, vorsichtig und – erfolglos. Denen, die diesem ersten mißlungenen Versuch beigewohnt haben, wird der Augenblick unvergeßlich sein, als nach dem Luft und Erdboden erschütternden Knall die mächtige Staubwolke sich langsam verzog, alle die Tausende von Menschen in athemlosester Spannung den Zusammenbruch der Ruine erwarteten, die einen Augenblick lang sich thatsächlich zu heben schien und dann doch wieder stand, fest und trotzig, scheinbar unerschüttert, und wie sich die Spannung der großen Volksmenge in einem jubelnden Hurraruf löste. Dieser Ruinenkoloß, der so romantisch über das weiße Trümmerfeld emporragte, erschien wie eine Persönlichkeit, eine gewaltige, heldenhafte Persönlichkeit, die sich gegen kleinliche Umsturzmächte zu halten hatte und – hielt.

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Der Berliner Domthurm vor und nach der Sprengung.
Nach Original-Aufnahmen des Berliner Phototypischen Instituts Robert Prager in Berlin.

Und der Held hielt sich auch am zweiten Tage, am Molltag den 10. April, als Major Gerding mit der weit stärkeren Ladung von 140 Kilogramm Dynamit die Sprengung wiederholte. Dasselbe Schauspiel wie am Sonnabend vorher. Nur die Risse klafften weiter. Eine dritte Sprengung sollte am Tage darauf erfolgen. Da geschah das Unerwartete: noch am Nachmittage des 10. April, um 4 Uhr, während nur Major Gerding mit ein paar Soldaten anwesend war, die sich noch rechtzeitig zurückziehen konnten, legte sich der Thurm langsam, als hätte[WS 1] er nur darauf gewartet, einsam und nicht in Gegenwart einer neugierigen, schaulustigen Menge zu sterben, nach der Seite des Spreebettes hin nieder. Ein gewaltiger Donnerkrach und eine die Luft weithin verfinsternde Staubwolke, die sich die wenigen in der Nähe zufällig und ahnungslos Vorüberwandelnden erst gar nicht zu erklären vermochten – und von der Stelle, wo die Ruine stand, bis zum Flußbett hin lag nur noch ein weißer Schutt- und Trümmerhaufen, aus dem kolossale Mauerstücke hervorragten. Die ganz ungewöhnlich starke Verankerung des Mauerwerks ist namentlich der Grund gewesen, daß zweimal eine Sprengung erfolglos verlaufen konnte, die unter keinen Umständen mit noch stärkerer Ladung hätte unternommell werden dürfen, wollte man nicht die Umgebung des Lustgartens, das Museum, das Schloß und die Häuser der Burgstraße aufs ernsteste gefährden. Schon bei dem zweiten Sprengungsversuch machte sich eine sekundenlange erdbebenartige Erschütterung des Bodens bemerkbar. Bei den Sprengungen hatte der Kaiser vom Mittelbalkon des Schlosses zugeschaut, während die Sprengungskommission auf der großen Freitreppe des Alten Museums Aufstellung genommen hatte. Die beiden elektrischen Batterien, mit denen die Minen entzündet wurden, befanden sich an einem der beiden Springbrunnen des Lustgartens.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: häte