Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Sklaverei der Kinder in England
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 528
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[528] Die Sclaverei der Kinder in England. Wer in London an den Schaufenstern gasstrahlender Läden die Zierlichkeit der Posamentier-Arbeiten, der feingestichelten Lederzeuge, der Strick- und Näh-Stücke erblickt und wer sie kauft, der ahnt wohl nicht, wo und von wem diese schönfarbigen Waaren gearbeitet, gestickt und gepreßt worden. Dein Kind, dem die Mutter die neuen purpurrothen Strümpfchcn über die kleine pralle Wade zieht, lacht laut auf vor Vergnügen. Und der kleine Camerad, der die Arbeit gemacht, hat sich schon im fünften Jahre zu Tode gearbeitet! Glänzend schmiegt sich die mit Seide gestickte schottische Schärpe um die schlanke Taille einer schönen Sechzehnjährigen, und ein kleines über dem Nähen halberblindetes Mädchen von sechs Jahren hat darüber ganze Nächte durchhungert! Kein Roman, sondern wirklichste Wirklichkeit. Es ist ein officielles Schriftstück, genannt der „Rapport der Parlaments-Commission über die Beschäftigung der Kinder in England“, dem ich nacherzähle, ein Buch, dessen schöner Druck auf großem feinem Parlamentspapier so ansprechend sich ausnimmt und in welchem doch jeder Buchstabe dem englischen Leser zuruft: „Du bist mitschuldig!“

Es giebt darnach in den Binnenland Grafschaften Englands, namentlich in Nottingham-, Derby- und Leicester-Shire, viele Tausende von Eltern, die um weniger Pence willen, durch Noth und Hunger zum Aeußerstcn getrieben, ihre Kinder schon im vierten Lebensjahre an die Arbeit setzen. Und diese „Arbeit“ heißt dort etwas Besonderes. Sie kennt keine Schlafstunden und währt so lange, wie die Fingergelenke gehorchen, und noch viel länger, als die Gesundheit währt. Das Wachsthum hört auf, aber die Arbeit währt fort; die Lebenskraft verkümmert und die des Geistes wird stumpf und zum Blödsinn abgeschwächt, aber die Arbeit währt fort. Die Eltern selbst sind in jenem Commissionsberichte beschrieben als „hager durch Mangel und erschöpft von harter Arbeit und Sorge“, die Kinder aber als „unbehülflich, verstumpft und verkümmert und ohne Leben“ und zugleich als „völlig unwissend“. Ihr Augenlicht wird schwach, besonders geschieht dies bei den mit dem Säumen beschäftigten Kleinen, und Mädchen von kaum eilf Jahren und weniger tragen – Brillen! In einem großen Dorfe, vier Meilen von der Stadt Nottingham, fand man ein zu Hause arbeitendes kleines Mädchen mit dem Säumen von Handschuhen beschäftigt. Sie war fünf und ein halbes Jahr alt und war schon über zwei Jahre bei dieser Arbeit – das heißt, sie hatte mit drei und einem halben Jahre beginnen müssen! Der Bericht sagt: „Sie pflegte wegen ihrer Kleinheit auf einem Stuhle zu stehen, um besseres Licht von dem auf den Tisch gestellten Talgstumpf zu erhalten.“ Und diese Mühsal ist nicht auf Stunden beschränkt – denn eine Feierstunde würde mit einer Hungerstunde bezahlt. Die kleinen Geschöpfe haben „so viele Finger“ an den zugeschnittenen Handschuhen zu nähen, ehe sie in’s Bett dürfen, und wenn es darüber Mitternacht wird. In’s Bett? Drei, vier zusammengeknotet auf einem zerlumpten Strohsack. Und sie müssen diese „Finger“ machen, und die Mütter, die in der Tretmühle der Noth hart geworden, haben einen Plan erdacht, sie scharf bei der Arbeit zu halten. Die Kleinsten werden an der Mutter Knie mit den Falten ihres Röckchens eng mit Stecknadeln angeheftet, und, wie der Bericht sagt, „wenn sie schläfrig werden, giebt ihnen die Mutter einen Schlag auf den Kopf, um sie wach zu erhalten.“

Der Leser mag das Zweckmäßige dieses Planes bezweifeln – so thaten auch die wohlmeinenden Commissarien. Es wurde ihnen so erklärt: „Wenn die Kinder an dem Knie der arbeitenden Mutter befestigt werden, so können sie ja nicht fallen, wenn sie geschlagen werden oder über dem Sticheln in Schlaf sinken wollen. Ein Sturz auf die Diele würde die Arbeit unterbrechen und wird in solcher Weise verhindert!“ Werden sie älter, so vergrößert sich die Arbeit, „bis man eilf- und zwölfjährige Kinder findet, die bis ein und zwei Uhr Morgens aufsitzen müssen, und mit dreizehn und vierzehn Jahren müssen sie’s die ganze lange Nacht. Letzteres geschieht vornehmlich in den Nächten jedes Donnerstags und Freitags, denn am Sonnabend ist ja – Lohntag.“ Und welcher Lohn, Herr im Himmel! Damit sie mit Thee und Brod Seele und Leib zusammenhalten können. Einige Kinder „gehen aus“ auf Arbeit, indem in diesem oder jenem Hause eine ganze Schaar zusammen arbeitet. Eltern, die ihre Kinder aussenden, gestatten ihnen freilich „nicht länger, als bis neun oder zehn Uhr Abends“ in der Werkstätte zu arbeiten, vor den Leuten sagend, „damit hätten sie genug für das Geld gethan.“ Aber in Wirklichkeit fängt auch dann noch nicht das Erbarmen an. Sie lassen sie nur deshalb „so früh“ (!!) nach Hause kommen, weil sie zu Hause neue Arbeit finden, die entweder mit ihren Eltern gemeinsam zu vollenden ist, oder für dieselben gemacht werden muß, wenn diese nach dem Public-House trollen, nach dem Gin-Palast.

Sind die Kinderjahre überwunden, wird Arbeit die Nacht hindurch häufig Regel; sogenannte „Ueberstunden“ müssen dazu dienen, den armseligen Verdienst um einige Pence hinaufzutreiben. Als „glänzendste Ausnahmen“ gelten die Arbeitsstunden in den Waarenhäusern selbst, weil Kinder eines gewissen Alters gesetzlich davon ausgeschlossen und die Arbeitszeit auch eine fixirte und mehr in ein System gebrachte ist. Es ist eine Eigenthümlichkeit der Posamentierarbeit, daß sie von der Dampfmaschine nicht durchweg geleistet werden kann, also vieler „Hände“ Mühe nöthig macht, und deshalb so vielfach ausgegeben wird, um „daheim“ gethan zu werden. Daher das Uebermaß des Elends und die Unmöglichkeit wohlwollender Controle.

Soweit die leibliche Noth dieser Kinder des freien Englands. Was die geistige angeht, so ist die Unwissenheit unbeschreiblich. Schulzwang existirt nicht, und in der Woche würde der Unterricht der Kinder die Familie „umbringen“. Die Commissarien erwähnen als einen eigenthümlichen Fall, daß sie sogar einen 25jährigen Burschen gefunden, der nicht zu unterscheiden wußte, ob Frankreich der Name einer Person oder einen Landes sei, noch weniger, daß der Name seiner Königin „Victoria“ war. Ein 14 jähriges Bübchen, das unter den Seinigen als Gelehrter galt, weil es eine Sonntags-Nachmittagsschule besuchte, erklärte, es würde dort nur von Knaben unterrichtet, die nicht größer als es selbst seien, mit den charakteristischen Worten schließend: „Sie fragen uns einmal und dann schlagen sie uns. Sie sind nicht älter und nicht größer als wir Andern, aber viel, viel stärker.“ – „Elend,“ so heißt es weiter, „zu Hause, und ihr Leben eine Scene zermahlender Zuchtarbeit, und so mit der Mehrzahl der armen Mädchen. Sobald als ein Kind seiner Mutter Nadel fädeln kann, hat es seine Vorprüfung zur Arbeit abgelegt und ist zum Elend gebucht. Ein fünfjähriges Mädchen mußte die Nächte über sticheln und fädeln, und von einem „Saum Arbeiter“ wurde erwähnt, daß sein zweijähriges Söhnchen das heiße Bügeleisen so lange zu handhaben hatte, bis seine Finger aus den Gelenken gingen in Folge des fortwährenden „Greifens des Instrumentes.“

Die erwähnten Zustände entspringen einer Verbrüderung der Noth mit der Gewissenlosigkeit und sind das Resultat der complicirtesten Uebel. Jeder Mahnung an die Eltern setzen diese die furchtbare Antwort entgegen: „Sir! wir müssen leben!“ –

Eine andere Classe von „Kindern der Industrie“ hat schon verschiedene Male das öffentliche Mitleid und auch die Beachtung der Gesetzgeber auf sich gezogen – die Schornsteinfegerbuben. Bei unseren weiten Rauchfängen in Deutschland ist deren Beschäftigung kaum mit einem Zehntheil der Gefahren verbunden, die sie in England zu bestehen haben. Dort hat jedes Zimmer seinen Kamin und seinen besonderen Rauchfang, der neben acht, zwölf, ja zwanzig anderen aus einem und demselben Dache ausmündet, oben entweder mit wunderlichen skeletartigen eisernen Röhren versehen, oder mit einem roththönernen Aufsatz. Diese das Mauerwerk im Innern nach allen Seiten hin durchbohrenden Kaminröhren sind sehr eng und würden der Lunge einen nur fünfzehnjährigen Buben den Raum zum Athmen, ja seinen Schultern sogar den Einschub verwehren. Da half man sich mit kleinen Knaben. Sie wurden oft zu zweien und dreien in das schwarze Labyrinth geschickt, um die Säuberung vorzunehmen, wo sie, abgesehen von der Kindern natürlichen Furcht, die ihre Nerven in Fieber versetzte, häufig halbe Stunden lang im tiefsten Dunkel mit der Gefahr des Erstickens (durch heftigen Zug, Ruß, Staub, böse Gase und Rauch) zu ringen hatten. Unzählige Male sogar stürzten sie betäubt in den Kamin hinunter; oft kamen sie nicht wieder, und man brach die Wände auf und fand nur die kleinen Leichen in irgend einem der ineinanderlaufenden Schlote „gekauert“, wo sie die Kraft oder Besinnung verlassen; auch ereignete es sich, daß sie, die Richtung verlierend, in einen gerade benutzten Schlot geriethen und von Qualm halb erstickt in die unten lodernde Flamme fielen! Endlich, nachdem die Meister vom Handwerk Alles vergeblich versucht, diese Schäden der öffentlichen Rüge so lange als möglich zu entziehen, wurden die Urtheile der über den kleinen Leichen berathenden Todtenjuries doch zu herb; die Presse alarmirte das schläfrige Gewissen des Publicums, und das Parlament erließ ein Veto gegen solche Verwendung von Kindern unter einem „gewissen“ Alter. Man erfand nun Maschinen, um deren Arbeit zu ersetzen. Nun sollte man glauben, dem Uebel wäre abgeholfen? Man hatte den Meistern, wie man meinte, das Handwerk gelegt – aber man hatte das liebe Publicum vergessen! Das Unwesen währt noch fort, obwohl es mit einer Geldbuße von 30 Thalern bedroht ist. „Denn,“ sagte ein Meister von der schwarzen Sippe, wegen einer solchen Uebertretung jüngst vor dem Richter vernommen, „die meisten seinen Ladies des Hauses verwehren uns, Gebrauch von der Säuberungsmaschine zu machen, um nicht ihre schönen Brüsseler Teppiche zu beschmutzen,! – Da müssen denn die Jungen dran. Das Geschäft kann ja so reicher Kunden nicht entbehren.“ Der Richter fuhr ihn mir Heftigkeit an wegen „herzloser Nachgiebigkeit“ gegenüber den „grausamen Launen“ solch’ „feiner Ladies“. „Herr Richter!“ erwiderte der Mann, „Sie wissen ja, daß vorige Woche in Ihrem eigenen Hause meine Jungen in die Schornsteine mußten!“

Gegen gewohnheitsmäßige Gewissenlosigkeit kämpft das Gesetz selbst vergebens. Und doch findet man an englischen Schaufenstern ein Bild ausgestellt, auf dem die „Britannia“ an arme Wilde Bibeln austheilt, und darunter steht in schön verzierter Schrift: „Das Geheimniß der Größe Englands.“ Und das Bild hängt die Lady des Hauses in ihrem Staatszimmer auf und ist sehr „gottselig“ auf ihren unbeschmutzten Teppichen! – - -