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Textdaten
Autor: Friedrich Vogt
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Titel: Gmünd
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aus: Die Schwäbische Alp. Beschreibung und Wegweiser mit historischen Rückblicken, Angabe der Entfernungen, Aussichtspunkte, Gasthäusern etc., einem Anhange von Tagestouren und Ortsregister;
S. 64–77
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Erscheinungsdatum: 1854
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Siehe auch Schwäbisch Gmünd
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[64] Um nach Staufeneck und Süssen zu gelangen, kann man vom vorderen Weiler Rechberg, in welchem seit einiger Zeit die Holzschuhfabrikation eingeführt ist, entweder am Rande des Plateau’s vom Rehgebirg, oder über mehrere Höfe und das Dorf Reichenbach, welches nicht ohne viele freundliche Partieen ist, oder auch über den kahlen Stuifen, der aber längere Zeit in Anspruch nimmt, den Weg einschlagen, der in 2 Stunden zum Ziele führt. Der direkte Weg zum Rosenstein nach Heubach über Waldstetten, Bargau, ist sehr ermüdend, um so mehr, als in diesen Dörfern kein Wirtshaus etwas Gutes bietet. Dagegen findet man gute Gasthöfe und in der Regel heitere, gesellige Unterhaltung in Gmünd, wohin man in einer Stunde [65] theils durch Wald theils durch das Dorf Straßdorf gelangt. Dieses liegt sehr schön auf der Vorstaffel des Rechbergs, welche sich noch eine Viertelstunde weiter gegen das Remsthal ausdehnt. Von dem Straßdorfer Berg, nahe am Kapellhäuschen, hat man einen schönen Ueberblick über die Stadt und die nächste Umgebung.

Alt und alterthümlich mit Stadtgraben, Mauern, Thoren und einer schönen Zahl von Thürmen, wobei man freilich die schon längst eingestürzten Thürme der Stiftskirche um so schmerzlicher vermißt, füllt die Stadt so ziemlich das ganze nicht sehr breite Remsthal von einem Berge bis zum andern aus. Eine Reihe von theilweise schön ausgestatteten Gärten umgibt dieselbe. Oestlich im Thale zieht das alte ehemalige Kloster Gotteszell, jetzt die Verbesserungsanstalt für schwere Verbrecher, den Blick auf sich, links drüben die Felsenkirche am Salvatorberge, zwischen beiden über der Stadt der Lindenfirst mit sehr einladenden Spaziergängen, dem Taubenthal und Becherlehen zu seinen Seiten, im Thale selbst ein Wiesengrund von so hell schimmerndem Grün, daß man ihn gerne mit Schweizermatten vergleicht, über den Höhenzug hin endlich der dichte dunkelgrüne Sammt des herrlichsten Tannenwaldes, die ganze Landschaft belebt durch Höfe, Weiler und Dörfer.

Gmünd, Oberamtsstadt im Jagstkreise mit 6300 Einwohnern. Gasthöfe: Krone, Post, Rad: die drei Mohren und mehrere Biergärten, in denen öfters die Trompetermusik der k. Artillerie ihre ausgezeichneten Harmonien ertönen läßt.

Der Aufenthalt daselbst ist so angenehm, daß die Ableitung des Namens Gamundia aus gaudia mundi schon Manchem ganz plausibel vorgekommen ist. Andere denken an die mehreren Bäche, die links und rechts in die Rems einmünden.

Große Gewerbsamkeit zeichnet die regsamen Bewohner aus. Gold-, Silber-, namentlich Semilor-Arbeiten haben die Gmünder Fabrikate weithin bekannt gemacht, wobei freilich die Kunst, das allbeliebte glänzende Metall bis auf einen erstaunlich geringen Grad zu verdünnen, auch wieder der Verbreitung Eintrag gethan hat. Perlenstickerei beschäftigt ungemein viele Hände. Außerdem liefert Glasschleiferei und [66] vor allem Wachszieherei die zierlichsten Arbeiten, namentlich bei Rieß und Herlikofer. Zu den bedeutenden Gold- und Silberfabriken ist seit einigen Jahren die musterhaft eingerichtete Bronzefabrik von Erhard und Söhnen gekommen, wozu das alte Wirthshaus zum Bock, von dem die Hauptstraße ihren Namen hat, verwendet wurde.

An dem Marktplatz, mit dem Eingang gegen den Kasernenplatz gerichtet, steht die Johanniskirche mit ihrem merkwürdigen Thurm, dem sogenannten Schwindelstein, und dem St. Veitskirchlein, das an ihr angebaut steht. Man meint, diese zuletzt genannte Kapelle, ohne Zweifel das älteste unter den kirchlichen Gebäuden, rühre vielleicht noch von dem Klösterlein her, das schon Karl der Große dem Abt Volrad zu St. Denis in Gamundia zu errichten gestattete. Sie enthält eine Gruft, und mag für die drei Brüder, die anfänglich hier wohnten, allerdings groß genug gewesen seyn. Als aber die Stadt sich vergrößerte, wurde auch ein größeres Gotteshaus nöthig. Die Kirche selbst, in welcher die Benediktiner zu Lorch bis 1297 funktionirten, ist offenbar byzantinisch. Auch die merkwürdigen Figuren an ihren Wänden tragen das Gepräge alter Zeit namentlich an der Ecke gegen Süden eine sitzende Frau mit der Krone auf dem Haupt, einem Kind auf ihrem Schooß, in der rechten Hand eine Kugel, welche zugleich des Kindes linke Hand trägt; über beiden ein Engel, der seine Hände segnend über sie ausstreckt; ferner zwei gekuppelte Hunde mit einem kleinen Manne, der in ein Jagdhorn bläst. Die Figur, welche drei in einander verschlungenen Bretzeln ähnlich ist, nennt das Volk Zweifelsstrick, indem es ein Gemälde in der Kirche damit in Verbindung bringt, wornach die Herzogin Agnes, Gemahlin Friedrichs von Staufen und angebliche Stifterin der Kirche, auf der Jagd ihren Ehering verloren, ihn aber wunderbarerweise wieder erhalten haben, auch aus mancherlei sonstigen Gefahren dabei gerettet worden seyn soll. Die Figur eines Männchens, dem der Teufel die Nase wegreißt, soll der Baumeister seyn, der, weil er die Kirche in der vertragsmäßig bestimmten Zeit nicht vollendete, vom Teufel also mißhandelt wurde. Ein anderes Gemälde in der Kirche stellt die Gegend und die ehmalige Burg Hohenstaufen dar, [67] und ist wohl Kopie eines alten Bildes. Der Thurm von schöner Form ist bis zur Spitze ganz massiv.

Etwas abgelegener, aber auch auf freiem Platze, auf welchen man von der Hauptstraße, der Bockgasse, durch eine kleinere krumme Straße gelangt, steht die Pfarrkirche zum heiligen Kreuz, ein schönes Gebäude in gothischem Styl, dessen großartige Verhältnisse und erhabene Formen sogleich ins Auge fallen, aber auch den Mangel eines Thurmes fühlbar machen. Zwei Thürme, die sie hatte, sind schon 1497 am Charfreitage eingestürzt, aus Mangel an Vorsicht bei Ausbesserung des auf 22 kolossalen Säulen ruhenden Gewölbes, indem die Bauleute zu schwache Unterlagen angewendet hatten. Im J. 1351 16. August wurde der Grundstein gelegt, und nach 26 Jahren war der Bau vollendet. Ein Gemünder, Namens Heinrich Arler wird als der Erbauer des Mailänder Doms genannt. War er es vielleicht, der auch dieses Kunstdenkmal hinterließ? Das Altarwerk, die heil. Familien, Anna und die drei Marien mit ihren Kindern, ist eine feingefühlte, ausdrucksvolle Sculptur-Arbeit.

Die große Dominikaner- und die St. Ludwigskirche sind in Magazine umgewandelt. Die Augustinerkirche ist der protestantischen Gemeinde eingeräumt. Sie bietet aber nichts Merkwürdiges. Das dazu gehörige Kloster hat, übrigens bloser Sage nach, Konrad III. im J 1140 gestiftet. Die Bulle Pabsts Innocenz IV. vom 5. April 1251 bestätigt demselben die Zehentfreiheit. Jetzt befinden sich die Oberamtei und das Kameralamt darin. Gotteszell, östlich von der Stadt an der Straße nach Aalen, war ein ehmaliges Nonnenkloster, von zwei Wittwen Namens Schaupp ums J. 1240 gestiftet. Gmünd hatte übrigens ehmals im Ganzen vier Mönchs- und zwei Nonnenklöster, eine Zahl, welche im Verhältniß zu den 18,000 Einwohnern, die es einst gehabt haben soll, nicht zu groß wäre.

Sehr interessant ist die uralte Felsenkirche zu St. Salvator, westlich von der Stadt an der grünen Thalwand über dem rechten Remsufer. Vor dem Bocksthor führt ein und derselbe Weg, mit Pappeln bepflanzt, theils gerade fort ins Taubenthal, theils links auf [68] den Calvarienberg. Eine Reihe kleiner Kapellen enthält die Leidensstationen des Erlösers. Große Figuren aus Holz geschnitzt erinnern eben nicht an jene Hebel’sche [1]

               Muetter Gottis, wie sie in Himmel luegt,
               Und ihr G’sicht wird sunnehell und lächlet so liebli,
               Aß me möcht’ katholisch werde, wemme se aluegt.

Nur etwa die Frauen an den drei Kreuzen auf dem Höhenpunkt (auf Golgatha) nehmen sich besser aus. An der fünften Kapelle, wo Pilatus seine Hände in Unschuld waschend abgebildet ist, fließt das Herzjesu-Brünnlein mit sehr reinem und frischem Wasser. Von da führt der gerade fortgehende Weg zunächst zum Meßnerhaus, der Stationenweg aber zur Rechten im Zickzack aufwärts bis zur Kreuzigung und an einigen weiteren Kapellen vorüber zum Pfarrhause. Auf beiden Wegen aber gelangt man bald zu dem Felsen, welcher der Epperstein heißt und allmälig in die jetzige Form einer Kirche umgewandelt worden ist. Ursprünglich nur ein unterirdisches Felsgewölbe, vielleicht gar nur die Wohnung eines Eremiten mit einer Bedachung, aber schon von Alters her der Anbetung der h. Maria geweiht, wurde sie erst im J. 1617 in Folge einer Stiftung des Pfarrers Pfennigmann zu Sulzfeld durch den Magistrat hergestellt, und seither immer mehr in dem Geschmack des Volks verschönert. Zu unterst und zu ebener Erde ist die alte ursprüngliche Kapelle mit Eingang, einigen runden Fensterchen in der Felswand und drei Altären. In ihr befindet sich das alte vielbesuchte wunderthätige Muttergottesbild, dem zu Ehren gewallfahrtet wird. Links an dieser Kapelle ist das Moses-Brünnlein und der Thurm der Kirche mit eignem Eingang. Rechts aber führen mehrere Stufen theils zum Pfarrhaus, theils mit einer Wendung links zur zweiten Etage, in die zweite Kapelle oberhalb der ersten, mit nur Einem Altare. Durch die vordere Felsenwand sind mehrere viereckige Fensteröffnungen und ein Ausgang neben dem Altare auf die Kanzel durchgebrochen. Vom Altare soll ein unterirdischer Gang zur Stadt hinabführen. Die Kanzel aber ist aus dem Felsen selbst ausgehauen und hängt vor dem Gebäude in der Mitte desselben [69] im Freien über dem Mosisbrünnlein, so daß sie zuerst ins Auge fällt. Die noch roh gelassenen Felsenstücke, die hinter dem Thurme hervorragen, verbergen eine alte Klause, wo erst noch vor ungefähr 30 Jahren eine hochbetagte Frau bis an ihr Ende gewohnt hat. Als der Fels auf die genannte Art in ein solches Gotteshaus umgebildet wurde, saß Kilian Debler auf einem der drei Bürgermeisterstühle, und seitdem hat auch die Debler’sche Familie das Recht, aus ihren Mitgliedern den Pfarrer von St. Salvator zu wählen. Dieser hat freie Wohnung auf dem Berge, und muß wöchentlich dreimal in der Kapelle Messe lesen. Die Familie theilt sich übrigens in zwei Linien, nach der Gmünder Sprache in die Darenhansische und Broitenmöllische, d. i. in die vom dürren Hans und vom breiten Melchior. Auch hat außerdem die Stahl’sche Familie noch ein zweites Benefiziat daselbst. Die Aussicht von diesem Punkt über die Stadt in das Thal und an die Berge ist reizend, wie denn überhaupt die Umgebungen Gmünds ungemein reich an Spaziergängen sind voll der anziehendsten Abwechslung. Einige sind schon gelegentlich genannt. Nicht zu den letzten gehört aber das nordöstlich von Gotteszell sich hinziehende Schießthal, wo im Sommer die königl. Artillerie ihre interessanten Uebungen vornimmt, und ihren imponirenden Lärmen ertönen läßt.

Merkwürdig sind einige Thürme der Stadtmauer, welche zum Theil gegen die innere Stadt, wo Gärten stehen, auch malerische Partien bilden. Der eine heißt Königsthurm, ein anderer Schwedenthurm, ein dritter, der noch bewohnt ist, von seinen Knöpfen der Knöpflesthurm.

Herzog Friedrich soll die Stadt mit Mauern umgeben haben, und Barbarossa verlieh ihr Stadtrechte. Jedenfalls gehörte sie den Hohenstaufen, die einen Schultheißen, d. i. eine Art Statthalter, hier hatten, welcher nach bestimmter Zeit wieder von seinem Amte abtrat. Trotz des anbefohlenen und gedrohten Kirchenbanns sandte Gmünd seine Mannschaft nach Italien an Friedrich II. In dieser Zeit muß ihre Blüthe groß gewesen seyn, wenn die Dichtung[2] das Wahre getroffen hat: [70]

               Als Heinrich mit Konstanzien sich zu Mailand
               vermählt und in dem Kreis ital’scher Großen
               zu Tische saß, da traten in den Saal
               Gesandte, die vom schwäb’schen Lande kamen.
               Sie schenkten ihm zur Hochzeit eine Wiege
               von Silber, schön durchbrochen und verziert,
               ein künstlich Werk der Schmiede zu Gemünd.

Zu diesen Silberschmieden kamen die Waffenschmiede, deren Zahl auf 400 sich belaufen haben soll, und deren Ruhm und Kunstfertigkeit fortdauerte. Denn im J. 1450 machte Graf Ulrich von Württemberg mit dem Werkmeister Eiselen daselbst einen Vertrag, ihm zwei „werfende Handwerke“ zu verfertigen, um damit große Steine in Städte und Schlösser zu werfen, und zweien oder dreien Männern die nöthige Unterweisung zu ihrer Behandlung zu geben. – Aus Hohenstaufischem Besitze gelangte Gmünd, wahrscheinlich durch kluge Benützung ihrer Privilegien und Freiheiten, zur Würde einer Reichsstadt. K. Heinrich VI. hatte sie am 20. Juni 1193, und K. Konrad IV. im Januar 1240, endlich Konradin am 28. Dez. 1266 persönlich besucht, und letzterer mit dem Gmünder Zoll zwei Eßlinger Bürger belehnt.

Die Stadt spielte ihre selbstständige Rolle unter den anderen Reichsstädten. Als Karl IV., wie bei Weil, so auch bei Gmünd, das Schultheißenamt an Eberhard von Württemberg verpfändete und, wie es gewöhnlich der Fall war, der Käufer den theuren Kaufpreis mit Wucher wieder herauszupressen suchte, da begannen die gegenseitigen Befehdungen und Beschädigungen, wo dann die Rechberge bald auf der Grafen, bald auf der Städter Seite mit thätig waren. Als im J. 1462 Ludwig der Baier Donauwörth wegnahm, stießen die Gmünder mit 15 Pferden und 63 Knechten zu ihm. Dafür ward ihr Wappen, ein silbernes Einhorn in rothem Schild, in die kaiserliche Reichssturmfahne aufgenommen. Im J. 1468 wurde der Goldschmied Murenmeister auf dem Gebiete ermordet. Da suchte seine Wittwe, eine Margaretha Reuhin, überall Hülfe und ließ nicht nach, bis der kaiserliche Hof durch den Bischof von Konstanz den irgendwie bei der [71] Sache betheiligten Magistrat vor den Grafen von Württemberg als kaiserlichen Kommissär nach Göppingen beschied, worauf dann eine ziemliche Summe, von welcher die Wittwe 300 Gulden erhielt, an den Grafen erlegt und an der Stelle, wo der Mord geschah, eine Kapelle mit ewiger Messe gebaut werden mußte. In derselben Zeit kommen verschiedene Einigungen mit Württemberg zu „steifer Handhabung des Landfriedens“ vor, sogar ein Centgericht wird gegen die Räubereien in den benachbarten Wäldern und gegen das Faustrecht eingerichtet. Als Eberhard 1495 die Herzogswürde angenommen hatte, bringen ihm die Gmünder zum Gruß einen „zweifach verguldeten Becher uff beiden Liden den Schild Gmünd.“

Vom J. 1517 an traten Prediger der neuen Lehre auf; die Minoriten ließen dieselben jedoch nicht aufkommen und brachten es dahin, daß die Rathsherren zu Bezeugung ihrer katholischen Ueberzeugungstreue mit dem Rosenkranz in der Hand aufs Rathhaus gehen mußten, was denn auch bis 1802 beobachtet wurde. Als im J. 1546 der Kaiser Karl V. die schmalkaldischen Bundesfürsten in die Acht erklärte, und von Heidenheim her das Heer derselben anrückte, da schloß Gmünd vor ihren Abgesandten, welche die Uebergabe der Stadt und aller Kirchengüter und noch 20,000 Gulden dazu verlangten, die Thore. Das Herr hatte sich aber genähert und warf in der Nacht „einen Schutt“ (Schanze) auf, um die Stadt zu beschießen. Nachdem hin und her nicht weniger als 130 Schüsse gefallen, und die Mauern schon ziemlich beschädigt waren – durch Kugeln bis zu 65 Pf. schwer – so wurde akkordirt, und Otto von Lüneburg, wie auch der Kurfürst von Sachsen, der Nachmittags selbst erschien und in dem Gundling’schen Hause zur Krone sein Absteigquartier nahm, bewiesen sich gnädig. Man handelte auf 7000 Gulden, die man in einigen Tagen von Haus zu Haus ersammelte, und in Neckarsulm übergab. Nur die untergeordneten Obersten plünderten den Bürgermeister aus und nahmen ihn gefangen mit sich; er mußte aber bald wieder freigelassen werden. Zwei Kompagnien Soldaten ließen sich ebenfalls mit einer Summe Geldes abfinden und zogen ab. Da kamen dann auch schon die kaiser[72] lichen Gesandten wieder, welche von den protestantischen Städten einen Schadenersatz für Gmünd auswirkten. Damals verbrannten die Hessen Gotteszell.

Der dreißigjährige Krieg brachte auch hier seine Drangsale und hatte insbesondere die abscheulichen Hexenprozesse in seinem Gefolge. Ein Melchior Bestlen ward wegen Unholdenwerk mit dem Schwerte hingerichtet. Namentlich bezüchtigten sich die Gemünder und die vom Hohenrechberg gegenseitig der Hexerei bis zur äußersten Erbitterung.

Die reichsstädtische Verfassung zeichnete sich dadurch hauptsächlich aus, daß dem Magistrate mit drei Bürgermeistern an seiner Spitze (von 1552 an) fünf rechtsverständige Syndici, eine Art Tribunen, zur Aufsicht über Amtsführung und zu etwaiger Beschwerdeführung nach der Wahl der Bürgerschaft gegenüberstanden.

Gmünd ist der Geburtsort unseres genialen Violinspielers und Mitglieds der Stuttgarter Hofkapelle, Eduard Keller.[3] Sein Spiel erinnert uns an

den Geiger zu Gmünd
von Justinus Kerner.

[…][4].

[76] Das Schullehrerseminar befindet sich in dem ehemaligen Franziskanerkloster, die Taubstummen- und Blindenanstalt in einem vom Staate angekauften ehemaligen Privathause in der Bockgasse. Unter den blinden Kindern zeigt sich zuweilen in sehr hohem Grade Sinn für Musik und für Rechenkunst. Nicht weniger interessant ist es, die Taubstummen zu sehen, wenn sie durch ihre sinnreichen Hände- und Fingerbewegungen ihre Erlebnisse wie z. B. gemeinschaftliche Spaziergänge u. dgl. darzustellen sich bemühen.

So wohlthätig die reichen Spitäler mit zum Theil sehr ansehnlichen Stiftungen schon gewirkt haben mögen, so haben sie doch auch hier wie anderwärts manchen „Pfründner“ zum Faullenzer gemacht. Einzelne verkauften ihr Essen und erbettelten sich dazu noch so viel, daß sie ungestört ihrem Hang zum Branntwein nachgehen konnten, indem sie listigerweise wenigstens eine Zeit lang aller Aufsicht sich zu entziehen wußten. Man rühmt es an dem Institut der barmherzigen Schwestern, die seit einiger Zeit sich angesiedelt haben, daß solche Mißbräuche nun aufgehört haben, indem Leute, denen öffentliches Almosen zukommt, auch zu einer bestimmten Arbeit angehalten werden. Außerdem rühmt man die außerordentliche Aufopferungsfähigkeit der vier bis fünf Schwestern, die Tag und Nacht bereit seyen, zu jedem Krankenlager zu eilen, insbesondere der Oberin, welche zur Einführung einer guten Ordnung als musterhaftes Beispiel voranleuchte und sogar bei den geringsten Knechts- und Magddiensten selbst Hand anlege, wo es nöthig sey.

Noch wollen wir zum Schlusse der eigenthümlichen Gestaltung der Namen im Munde der Gmünder erwähnen, von welcher oben schon ein Beispiel gegeben ist, und die ihren komischen Eindruck auf jeden, dem sie noch neu ist, nicht verfehlt. Da hört man –musle und –kusle, als Abkürzung der Namen (man sagt: Nämen und Uebernämen) Hieronymus und Dominikus, – doppelt komisch in Zusammensetzungen wie Kupfer-Annes-Kusle u. s. f. Andere, wie Huienrompompele, Schnaigräbeles-Tonele, Caressir-Vögele, Tausendguldengang u. s. f. mögen den Forscher weiter beschäftigen. Schöne Mädchen [77] heißen „malafiz schöne Mätzen“ u. s. w. In der Sprache scheinen sich manche alte Grundformen erhalten zu haben. Man sagt gangen statt gehen, standen statt stehen, z. B. land me ganga (lasset mich gehen), wogegen übrigens gefragt wird: spazieren gehen? wenn man Jemanden begegnet, der irgend einer weltlichen Verrichtung nachgeht. Erscheint Jemand mit dem „Büchle“ in der Hand, bei dem heißt die Frage: fleißig seyn? (nämlich zum Beten). Diese Fragen, in einem eigenthümlich singenden Nasenton vorgebracht, ersetzen den Gruß. „I ka me net anregen vor Beste“ ist der Ausdruck für den höchsten Grad von Vergnügen und Wohlbehagen.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Johann Peter Hebel: Die Feldhüter
  2. Ludwig Uhland: Konradin (Werke, hrsg. von Hartmut Fröschle u.a., Bd. 2, S. 323 bzw. Uhlands Gedichte und Dramen Bd. 1, 1889, S. 218 Google-USA*. Quelle Uhlands war vermutlich Ammermüllers Hohenstaufen-Beschreibung, Erstausgabe 1805 Google)
  3. Siehe Eduard Keller, Erinnerungen aus seiner Kindheit
  4. Siehe Der Geiger zu Gmünd als Erstausgabe (1816). (Abgedruckt ist diese Legenden-Ballade auf den Seiten [73] , [74] und [75] der Vorlage.)