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Die Schreckmittel einer istrianischen Natter

Textdaten
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Autor: Thomas Schlegel
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Titel: Die Schreckmittel einer istrianischen Natter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 860
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[857]
Die Gartenlaube (1888) b 857.jpg

Istrianische Natter, einen Angriff abwehrend.
Originalzeichnung von G. Mützel

[860] Die Schreckmittel einer istriainschen Natter. (Mit Abbildung S.857.) Im 4. Kapitel seines Werkes „Der Ausdruck der Gemüthsbewegungen bei dem Menschen und den Thieren“ berichtet Ch. Darwin von einer nicht giftigen ostindischen Schlange, dem Tropidonotus macrophthalamus, daß sie, wenn sie gereizt wird, ihre Halshaut wie ihre Landesgenossin, die Cobra (Brillenschlange), ausbreitet und daher irrthümlicherweise für diese gehalten wird. „Diese Aehnlichkeit,“ schließt Darwin, „dient vielleicht dem Tropidonotus als ein gewisser Schutz. Eine andere nicht giftige Schlange, die Dasypeltis von Südafrika, bläht sich auf, breitet ihren Hals aus und zischt und schießt auf jeden Eindringling zu. Viele andere Schlangen zischen unter ähnlichen Umständen. Sie schwingen auch ihre vorgestreckten Zungen mit Schnelligkeit, und dies dürfte dazu dienen, das Schreckenerregende ihres Ansehens noch zu vermehren.“

Ein ähnliches Verhalten gegen den Angreifer beobachtete ich an einer Tropidonotus-Art, die ich in großer Menge auf den Sumpfwiesen am Timavo in Istrien antraf. Diese, die Vipernatter Tr. viperinus hat ihren Namen von ihrer auffallenden äußerlichen Aehnlichkeit mit der Redischen Viper (Vipera aspis sive Redii); sie ist 65 bis 90 cm lang, hat 2 vordere, 2 hintere Augenschilder, 7 obere Lippenschilder, von denen das 3. und 4. an das Auge stoßen; die Schuppen stehen in 21 Längsreihen; die Grundfarbe ist oben bald hellgrau – bald gelb-braun- oder graugrün, an den Seiten Heller; im Nacken hat sie 2 schwärzliche Flecken; dahinter jederseits auf dem Rücken eine Längsreihe schwärzlicher Querflecken, welche häufig durch ein Zickzackband verbunden sind; auf der Unterseite ist sie schwarz gewürfelt. Die Exemplare mit dem Zickzackband sahen bei grauer Grundfarbe mehr der Hornviper (Vipera cerastes) ähnlich.

Das erste 45 ein lange Exemplar traf ich auf den Felsen des Meerufers zwischen Duino und St. Giovanni, und hielt es anfangs für eine Redische Viper. Das Thierchen lag gar behaglich im Sonnenschein – ich hielt es bald mit meinem Stocke nieder. Nun blähte sich die Schlange zum doppelten Umfange auf, ihr Kopf näherte sich im Umrisse einem gleichseitigen Dreiecke, sie zischte laut und lange, rollte sich tellerförmig zusammen und schoß mit dem Kopfe ganz wie eine Giftschlange, wenn sie beißt; nur fiel mir auf, daß sie dabei den Rachen nicht öffnete.

Ich traute ihr aber doch nicht, sondern drehte sanft drückend den Stock bis zu ihrem Genick, wobei sie wüthend zischte und, so lange es noch ging, den Kopf emporschnellte, jedoch immer ohne den Rachen zu öffnen. Die Zunge blieb beim Zischen bis auf die beiden Spitzen eingezogen, welche dabei in vibrirender Bewegung waren. Erst als ich sie mit der Pincette im Genick faßte und sie genau besah, wußte ich, was für einen Gesellen ich vor mir hatte, und nahm ihn unbesorgt in die Hand, was er durch eine reichliche Gabe seiner widerlich riechenden Exkremente belohnte; denn mein Tropidonotus hatte jetzt alle Abschreckungsversuche aufgegeben, ja schien selbst in großer Angst zu sein. Ein Hündchen, das mich zum Timavo begleitete, schreckte eine große Vipernatter durch ihre drohende Haltung derart, daß es sofort Reißaus nahm. Gewiß lassen sich auch Falken, Krähen und Sumpfvögel durch die Schreckmittel und die schützende Aehnlichkeit unserer unschuldigen Natter täuschen. Da in dieser Gegend die obgenannten Giftschlangen häufig vorkommen, haben die Vögel dort wohl oft die tödlichen Wirkungen des Vipernbisses an ihren Genossen gesehen und scheuen daher einen Angriff auf die verdächtige Vipernatter. Daraus läßt sich das überaus häufige Vorkommen derselben in dieser Gegend und das seltene der Ringelnatter erklären, welcher diese

Schreckmittel nicht zu Gebote stehen.
Thomas Schlegel.