Die Schäden der modernen Cultur/Eine verschämte Arme

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Autor: Fr. Friedrich
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Titel: Die Schäden der modernen Cultur/Eine verschämte Arme
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 151–152, 154-155
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[151]
Die Schäden der modernen Cultur.
1. Eine verschämte Arme.


Bei dem Rentier Meitzen, einem bereits bejahrten und durch seine Gutmüthigkeit bekannten Herrn, ließ sich eine Dame anmelden. Die Eintretende, welche höchstens dreißig Jahre zählen mochte, war schwarz und einfach gekleidet, aber jeder Theil ihrer Kleidung verrieth die größte Ordnung und Sauberkeit. Ihr Gesicht war bleich, und auf den hübschen Zügen lag der Ausdruck eines tiefen Leides. Mit gesenkten Augen war sie neben der Thür stehen geblieben.

Meitzen, welcher sie scharf beobachtet hatte, fragte, was sie wünsche; sie bewegte die Lippen, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Die Hand, in der sie mehrere Papiere trug, zitterte leise. Noch einmal wiederholte Meitzen seine Frage, und wieder schien die Frau mit der Antwort zu ringen; eine Thräne drängte sich in ihr Auge und rann langsam über die bleiche Wange.

„Verzeihen Sie – die Noth hat mich zu Ihnen getrieben,“ sprach sie endlich. „Ich bin so namenlos unglücklich, daß mir nichts als dieser Schritt übrig blieb.“ – Sie weinte heftiger.

Meitzen’s Herz regte sich. Er war zwar von verschämten und unverschämten Armen sehr oft in Anspruch genommen. Er hatte in der großen Stadt, in der er lebte, schon so schlimme Erfahrungen gemacht, daß er alle Bettler kurz abwies – hier konnte er es nicht. Die Frau hatte ja noch um nichts gebeten. Sie war eine Unglückliche; das unterlag keinem Zweifel, und er wußte auch, daß Mancher unverdient und in harter Weise vom Unglück heimgesucht wird. – Er forderte die Arme auf, ihm ihr Geschick zu erzählen.

„Mein Mann war Lehrer,“ begann die Frau, indem sie mit der Linken über die Augen fuhr. „Er hatte nur eine geringe Stelle, wir litten jedoch keine Noth, obschon er kränklich war. Wir theilten das Wenige, was wir hatten, ein und kamen damit aus. Vor einem Jahre starb er, und ich stehe nun mit meinen vier Kindern allein und hülflos da.“ – Sie preßte das Tuch vor das Gesicht.

„War Ihr Mann hier in B. Lehrer?“ fragte Meitzen, der Mitleid empfand.

„Nein,“ – sie nannte ein Dorf in der Provinz.

„Weshalb sind Sie nicht dort geblieben?“

„Es war nicht möglich. Anfangs versuchte ich es. Ich hoffte durch Nähen und Stricken mich und meine Kinder zu ernähren, allein ich fand bei den Bauern keine Arbeit und Mitleid noch [152] weniger, obschon mein Mann sich in seiner Stellung aufgerieben hat. Sie befürchteten, daß ich mit den Kindern der Gemeinde zur Last fallen werde; deshalb versagten sie mir jede Unterstützung; sie wollten mich forttreiben.“

„Es ist empörend,“ rief Meitzen aus. „Weshalb sind Sie aber hierher gekommen, wo Alles so theuer ist?“

„Ich kannte die Verhältnisse hier nicht. Der Bruder meines Mannes lebte hier und versprach, mich zu unterstützen. Er that es auch, soweit seine Kräfte reichten, allein er starb, als ich kaum wenige Wochen hier war, und ich stand wieder allein. Ich habe alle Kräfte zusammengenommen, habe Tag und Nacht gearbeitet, um meine Kinder nicht hungern zu lassen, bis ich endlich der Anstrengung erlag. Wochenlang bin ich krank gewesen. Meine Augen haben so gelitten, daß ich nur wenige Stunden am Tage arbeiten kann – ich weiß nicht, was ich ferner beginnen soll.“ – Sie sank auf einen Stuhl und preßte beide Hände vor das Gesicht.

Meitzen suchte sie zu beruhigen.

„Ich würde Alles gern ertragen, wenn meine Kinder nicht hungern müßten,“ fuhr die Frau fort. „O Gott! Wenn mein Mann gewußt hätte, daß ich zur Bettlerin werden würde! Er war so tüchtig und hoffte, sich durch seine Fähigkeiten emporzuschwingen. Bitte, werfen Sie nur einen Blick in diese Papiere – es sind seine Zeugnisse.“

Meitzen durchblätterte die Papiere. Sie enthielten Zeugnisse über einen Lehrer Schulz, und alle hoben die Fähigkeiten, das eifrige Streben und den ehrenwerthen Charakter desselben in der rühmendsten Weise hervor. Sie waren von dem Pastor, dem Superintendenten und der Ortsbehörde ausgestellt.

„Haben Sie nicht versucht, Ihre Kinder im Waisenhause unterzubringen?“ fragte Meitzen.

„Nein, nein!“ rief die Frau hastig. „Ich kann mich von ihnen nicht trennen – lieber will ich selbst verhungern. Ich darf es auch nicht, denn ich habe meinem Manne, als er auf dem Sterbebette lag, gelobt, mich nicht von ihnen zu trennen.“

Meitzen fand dies natürlich. Er erinnerte sich an Alles, was er über die traurige Lage der Dorfschullehrer gelesen hatte. Er hatte die Schilderungen für übertrieben gehalten – jetzt glaubte er daran. Schweigend drückte er der Frau einige Thaler in die Hand, und nachdem sie ihm ihre Wohnung bezeichnet hatte, versprach er, sich nach ihr zu erkundigen und noch mehr für sie zu thun, wenn sich ihre Aussagen bestätigten.

„Bitte, erkundigen Sie sich nach meiner Lage und meinem Leben!“ bat die Frau. „Sie haben eine Unglückliche vor sich, welche ihr trauriges Geschick nicht verschuldet hat.“

In demselben Augenblick, als sie das Zimmer verließ, trat der Neffe des Rentiers, ein junger Arzt, Namens Knaus, ein.

„Ah, Du hattest Besuch, Onkel,“ rief er.

„Eine unglückliche Frau, die Wittwe eines Lehrers, welche in der größten Noth ist.“

„Also eine Bettlerin.“

„Nein, eine Unglückliche, welche durch die Noth gezwungen ist, die Hülfe Anderer in Anspruch zu nehmen.“

„Onkel, das sagen Alle, welche betteln.“

„Die Frau ist keine Schwindlerin,“ erwiderte Meitzen unwillig. „Ich lebe nicht erst seit gestern hier und habe gelernt, wirkliche Noth von der Verstellung zu unterscheiden. Außerdem hatte die Frau Zeugnisse.“

„Waren sie echt?“ warf der Arzt ein.

„Ja, sie waren echt,“ rief Meitzen. „Wenn man Alles bezweifeln will, bleibt Einem schließlich nichts im Leben übrig.“

„Onkel, Du kannst ja Recht haben. Ich befürchtete nur, daß Dein gutes Herz sich habe täuschen lassen.“ –

Sofort am folgenden Morgen begab sich Herr Meitzen nach dem Hause, in welchem die Wittwe nach ihrer Angabe bei einem Herrn Adolph Märker wohnte, um über sie Erkundigungen einzuziehen. In freundlicher Weise wurde er von dem Herrn empfangen und in sein äußerst fein ausgestattetes Zimmer geführt. Er nannte den Zweck seines Besuches und fügte hinzu, daß er zu dieser Vorsicht genöthigt sei, weil er schon oft getäuscht worden sei.

„Sie thun sehr recht,“ versicherte Märker, ein stattlicher Mann von angenehmem Aussehen. „Es leben ja Tausende vom Betteln, die nicht Lust haben zu arbeiten; sie erzählen die rührendsten Geschichten, an denen kein wahres Wort ist, und leben von dem erbettelten und erschwindelten Gelde besser als mancher fleißige Handwerker und Beamte. Die Polizei ist gegen solche Schwindler viel zu milde. In diesem Falle hat sich wirklich eine Unglückliche und Nothleidende an Sie gewandt.“

„Kennen Sie die Frau näher?“ fragte Meitzen.

„Ich kannte sie gar nicht, als meine Frau vor einem halben Jahre von ihrer Noth hörte. Da dieselbe wirklich vorhanden war, räumte ich ihr ein auf den Hof heraus gelegenes Zimmer, welches ich nicht benutze, ein. Ich habe sie beobachtet und kann nur Gutes von ihr sagen. Sie ja sehr fleißig und bescheiden und scheint nur das eine Interesse zu kennen, für ihre Kinder zu sorgen. Sie hatte sich überarbeitet und war lange Zeit krank. Meine Frau hat sie während der Krankheit vollständig unterhalten, und wir haben sie der Unterstützung durchaus würdig befunden.“

„Ist sie zu Hause?“ fragte Meitzen, dessen Herz weich geworden war.

„Nein. Bitte, sehen Sie sich ihr Zimmer an! Die Frau ist trotz ihrer Armuth stets sauber und ordentlich; deshalb mag ich ihr das Zimmer auch nicht nehmen.“

Er führte Meitzen in ein kleines, nach einem dunklen Hofe hinaus gelegenes Gemach. Nur wenige, sehr ärmliche Möbel standen darin; trotzdem herrschte die größte Sauberkeit. Auf einem kleinen Tische am Fenster lag eine Näharbeit. Nicht ohne ein reges Gefühl des Mitleids blickte Meitzen sich in dem engen Zimmer um, dann gab er Märker fünf Thaler für die Frau und versprach, sich weiter für sie zu bemühen.

„Sie thun wirklich ein gutes Werk,“ versicherte Märker. „Ich wohne leider noch nicht lange in B. und habe deshalb nur wenige Bekannte hier, bei denen ich mich für die Arme verwenden könnte, Sie hingegen haben einen großen Freundeskreis. Es ist der Frau geholfen, wenn sie an Unterstützungen so viel erhält, daß sie sich einige Wochen lang schonen kann, bis sie zur Arbeit wieder gekräftigt ist; wäre es möglich, eine Nähmaschine für sie zu erwerben, so wäre ihre Zukunft gesichert, denn sie ist außerordentlich fleißig.“

Noch einmal versprach Meitzen zu thun, was in seinen Kräften stehe. Es freute ihn, daß ihn dieses Mal seine Menschenkenntniß nicht getäuscht habe und daß er im Stande war, jeden Zweifel seines Neffen zu widerlegen.

Bei allen Freunden und Bekannten sammelte er nun für die unglückliche Frau, deren Noth er mit den lebhaftesten Farben schilderte, und er erhielt ansehnliche Beträge. Die Damen gaben der Wittwe Arbeit zum Nähen und Stricken und erhielten dieselbe stets schon nach so kurzer Zeit sauber ausgeführt wieder zurück, daß die Frau nothwendig die Nächte zur Arbeit zu Hülfe genommen haben mußte. Sie wurde reichlich für ihre Arbeit bezahlt. In wenigen Wochen hatte Meitzen mehr denn hundert Thaler für die Arme zusammengebracht, und es freute ihn jedes Mal, wenn er ihr eine Gabe überbringen konnte, sie aber ließ trotzdem in ihrem Fleiße nicht nach.

„Die Frau verdient Ihre aufopfernde Bemühung,“ versicherte Märker wiederholt. „Ich beobachte sie täglich. Sie wendet Alles für ihre Kinder auf und gönnt sich keine Stunde der Erholung.“

– Eines Abends besuchte Meitzen in Begleitung seines Neffen das Schauspiel.

„Onkel,“ sprach der junge Arzt, der die Damen in den Logen durch sein Lorgnon musterte, „dort in der ersten Loge sitzt ja Deine arme Wittwe,“ und er machte Meitzen auf eine sehr fein gekleidete Dame aufmerksam, die ihrem hübschen Gesichte mit einem Fächer Kühlung zuwehte.

Der Rentier blickte überrascht auf. Die Dame hatte allerdings mit der Wittwe eine auffallende Aehnlichkeit. „Du bist ein Thor,“ entgegnete er. „Siehst Du nicht, daß die Dame luxuriös gekleidet ist? Wie sollte die arme Frau in die Kleider und an den Platz kommen! Haha! Jetzt erkenne ich Deinen Scharfblick. Sieh, wie kokett die Dame umher blickt! Die arme Wittwe ist stets bescheiden und wagt kaum die Augen aufzuschlagen – ich kenne sie besser.“

Knaus schwieg, ohne seine Vermuthung aufzugeben.

Meitzen bemerkte im Parquet Herrn Märker. Er wollte zu ihm gehen, um ihn auf die auffallende Aehnlichkeit aufmerksam zu [154] machen, allein mehrere Bänke trennten ihn von demselben, und als die Vorstellung beendet war, verließ Märker schnell das Haus. Meitzen begab sich mit seinem Neffen in einen Weinkeller, um dort mit ihm zu Abend zu essen, und neckte ihn auf dem Wege mit seiner thörichten Vermuthung. „Ich gebe für Deinen Scharfblick nicht einen Thaler,“ fügte er lachend hinzu.

In dem Keller befanden sich einzelne Zimmer oder Abtheilungen für kleine Gesellschaften oder auch einzelne Paare, welche allein zu sein wünschten. Aus einer derselben schallte wiederholt das laute, lustige Lachen einer Frauenstimme. Meitzen, welcher den Dampf der Cigarre gedankenlos vor sich hinblies, schien nicht darauf zu achten, dem Doctor aber fiel es auf. Der Kellner hatte bereits mehrere Male Speisen und Wein in die Abtheilung gebracht. Als er wieder heraustrat, neigte der Doctor sich vor, um einen Blick durch die halbgeöffnete Thür zu werfen.

„Onkel, dort drinnen sitzt Deine Wittwe,“ rief er leise.

„Laß' endlich die Thorheit!“ entgegnete Meitzen unwillig.

„Ueberzeuge Dich doch selbst davon!“

Der Kellner kam zurück und brachte auf einem Präsentirteller eine Flasche Champagner im Eiskühler und zwei Gläser. Er trat auf die Abtheilung zu, aus welcher das lustige Lachen tönte. Als er die Thür öffnete, blickte Meitzen durch die Spalte hinein und fuhr bestürzt zurück – er hatte in dem kleinen Zimmer Märker und die arme Schullehrerwittwe in elegantester Kleidung bemerkt. Er sprang auf und wollte in das Zimmer dringen, der Neffe aber hielt ihn zurück.

„Sei vorsichtig!“ mahnte er. „Hier würde es vielleicht eine sehr heftige Scene geben. Laß’ uns ruhig warten, bis sie das Zimmer verlassen! Dann können wir sie sehr deutlich sehen. Sie müssen dann auch Dich erblicken, und ich bin neugierig, ob sie dies nicht etwas aus ihrer Fassung bringen wird.“

Meitzen antwortete nicht. Mit fest aufeinander gepreßten Lippen stand er da.

„Nein, komm’, komm’!“ rief er und eilte aus dem Weinkeller fort, der Neffe folgte ihm. Hastig begab er sich zum nächsten Polizeibureau und theilte dem Polizeilieutenant, welchen er dort antraf, Alles mit.

Aufmerksam hörte der Lieutenant ihm zu.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar für diese Mittheilung,“ sprach er dann. „Ich habe auf den Herrn Märker, sowie auf seine Frau, längst ein wachsames Auge, denn es ist mir Verschiedenes bei ihnen aufgefallen.“

„Ich spreche nicht von seiner Frau, sondern von der Lehrerwittwe, welche bei ihm wohnt,“ warf Meitzen ein.

„Ich kenne keine Wittwe, welche bei ihm wohnt. Die Beschreibung, welche Sie mir von der angeblichen Lehrerwittwe gemacht haben, stimmt jedoch auf Märker’s Frau. Sie wird die Wittwe gespielt haben, um unter dieser Maske zu betteln.“

„Nein, nein, die Wittwe wohnt bei ihm,“ versicherte Meitzen.

„Ich werde morgen früh sogleich nachforschen. So viel ich weiß, ist die Existenz des Herrn Märker eine etwas dunkle. Er lebt, als ob er Vermögen besäße, und doch sind verschiedene Anzeichen da, daß er keins besitzt. Am Tage geht er nie mit seiner Frau aus, während er des Abends oft mit ihr in Weinkeller geht und dort sehr gut lebt.“

„Die Frau hat mir die Zeugnisse ihres verstorbenen Mannes gezeigt.“

„Es ist ja möglich, daß sie mit einem Lehrer verheiratet gewesen ist.“

„Sie war so einfach; es kann doch unmöglich ein Mensch aus Verstellung weinen,“ rief Meitzen.

„Weshalb nicht? Die Fälle sind nicht so selten,“ bemerkte der Lieutenant. „Derartige Leute leisten in der Verstellungskunst oft Außerordentliches.“

„Wollen Sie mich von dem Resultate Ihrer Nachforschung in Kenntniß setzen?“ fragte Meitzen.

„Sehr gern. Ihr Zeugniß wird ohnehin erforderlich sein,“ gab der Lieutenant zur Antwort.

Meitzen entfernte sich, und der Doctor geleitete ihn heim.

Der Gedanke, betrogen zu sein, ließ Herrn Meitzen nicht schlafen. Mit Ungeduld erwartete er am folgenden Tage den Polizeilieutenant, der versprochen hatte, ihm Nachricht zu geben. Derselbe kam nicht und schon faßte Meitzen neue Hoffnung. Am zweiten Tage gegen Abend erschien der Polizeilieutenant endlich. Meitzen eilte ihm entgegen.

„Nicht wahr, wir haben uns getäuscht?“ rief er.

„Leider nicht!“ erwiderte der Lieutenant. „Sie haben zwei sehr kecke Betrüger entlarvt. Ich habe beide heute Nachmittag verhaftet. Die Dame ist nicht die Wittwe eines Schullehrers, sondern die Frau des Mannes, bei dem sie wohnte, der nicht besser ist als sie. Märker war früher Buchhalter in einem großen Geschäfte. Er ist schon einmal wegen Betrugs und Unterschlagung verurtheilt worden und hat sich hierher nach B. begeben, weil er hier nicht bekannt war. Beide haben die Bettelei systematisch betrieben und luxuriös davon gelebt. Das einfache Zimmer, nach dem Hofe hinaus, war allein zu dem Zwecke eingerichtet, um es allen Denen, welche sich nach der ‚armen Wittwe‘ erkundigten, zu zeigen und ihr Mitleid dadurch zu erregen. Ich habe, als ich die Leute verhaftete, zugleich einen sehr interessanten Fund bei ihnen gemacht. Der Mann hat die Einnahmen, welche die Bettelei seiner Frau eingetragen, sehr pünktlich gebucht und die Namen der Geber dabei verzeichnet. Ich bin selbst erstaunt, wie einträglich dieses Geschäft gewesen ist, denn es hat im letzten Jahre gegen dreitausend Thaler eingebracht, davon konnten sie freilich gut soupiren und Champagner trinken.“

„Die Frau hat aber sehr fleißig gearbeitet,“ rief Meitzen. „Eine Anzahl mir bekannter Damen hat ihr auf meine Bitten Arbeit gegeben, und sie hat dieselbe stets sehr gut und schnell ausgeführt.“

„Die Frau hat nichts gethan. Auch hierüber giebt die Buchführung ihres Mannes sehr genauen Aufschluß. Sie hat die Arbeiten einigen armen Mädchen zur Ausführung übergeben und dieselben sehr spärlich dafür bezahlt, während sie von den Damen meist einen reichlichen Lohn empfing. Auch hierdurch haben die Leute ihre Einnahmen erhöht.“

„Es ist empörend!“ rief Meitzen. „Solche Betrüger müssen hart bestraft werden.“

„Dies Alles ist nach dem Gesetze wohl kaum strafbar,“ bemerkte der Lieutenant. „Ich habe indessen noch Anderes bei ihnen gefunden, was sie wohl in das Gefängniß bringen dürfte. Hat die Frau sich bei Ihnen nicht als die Wittwe eines Schullehrers vorgestellt?“

„Gewiß.“

„Hat sie Ihnen Zeugnisse ihres angeblich gestorbenen Mannes gezeigt?“

„Jawohl.“

„Sie würden dieselben wieder erkennen?“

„Mit Bestimmtheit.“

„Die Zeugnisse und gefälscht, und wegen dieser Fälschung habe ich Beide verhaftet. Märker hat Ihnen auch gesagt, daß die Frau eine Lehrerwittwe sei?“

„Jawohl.“

„Und Sie würden dies Alles beschwören können?“

„Gewiß, und ich werde es sogar mit Vergnügen thun, weil solche Frechheit bestraft werden muß. Wie benahmen diese nichtswürdigen Betrüger sich, als sie verhaftet wurden?“

„Ich hatte den gestrigen Tag benutzt, um sie zu beobachten und noch weitere Nachforschungen über sie einzuziehen. Als ich heute Nachmittag zu ihnen kam, traf ich sie bei einem sehr reichlich besetzten Tische. Sie waren anfangs erschrocken, faßten sich indessen schnell, weil sie fortwährend mit dem Gesetze auf gespanntem Fuße leben. Sowohl der Mann wie die Frau traten sehr dreist auf. Die Frau forderte ihren Mann sogar auf, mich aus dem Zimmer zu werfen.“ – –

Meitzen hatte Tage nöthig, um sich zu beruhigen.

Die beiden Verhafteten, die sich einer Menge ähnlicher Fälle schuldig gemacht hatten, wurden unter der Anklage des Betrugs und der Urkundenfälschung vor die Geschworenen gestellt. Märker trat sehr brüsk auf und leugnete die Zeugnisse über den Lehrer Schulz angefertigt zu haben; nach seiner Behauptung hatte er sie gefunden. Durch vereidete Sachverständige wurde jedoch nachgewiesen, daß die Zeugnisse von seiner Hand geschrieben waren. Die Frau spielte, um das Mitleid der Geschworenen zu erregen, eine ähnliche Rolle, wie Meitzen gegenüber. Sie trat sehr schüchtern und bescheiden auf, weinte, machte die Reuige und Unglückliche und behauptete, durch die Noth zu diesen Schwindeleien getrieben worden zu sein.

[155] Die Geschworenen sprachen über die beiden Angeklagten das Schuldig aus, und der Gerichtshof verurtheilte sie zu zwei Jahren Zuchthaus. Die Strafe war eine wohlverdiente, denn länger als zwei Jahre hatten die Verurtheilten ihr betrügerisches Spiel getrieben, und es war nur schwer zu begreifen, daß dasselbe nicht früher entdeckt war.

Meitzen, durch diesen Vorfall über die Gefahr falscher Wohlthätigkeit belehrt, hatte eine Zeit lang seine sonst so milde Hand allen Bittstellern verschlossen und zum Ueberflusse an seiner Thür nach ein Schild anbringen lassen, auf dem geschrieben stand, daß jede Bettelei verbeten werde. Heute giebt er zwar wieder reichlich, aber nur mit der äußersten Vorsicht, wie die wahre Humanität es gebietet.

Fr. Friedrich.