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Die Pleißenburg und ein Stück vom alten Leipzig

Textdaten
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Autor: Otto Moser
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Titel: Die Pleißenburg und ein Stück vom alten Leipzig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 879
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Gartenlaube (1887) b 877.jpg
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[879] Die Pleißenburg und ein Stück vom alten Leipzig. (Mit Illustration S. 877.) Es hat sich in Leipzig, das als Sitz des Handels und der Wissenschaft unter Deutschlands Städten seit Jahrhunderten einen hohen Rang behauptete, manches historisch denkwürdige Gebäude erhalten. Unter diesen Bauwerken nimmt die Pleißenburg durch Größe, Ausdehnung und geschichtliche Bedeutung die erste Stelle ein. Sie war eine der drei Zwingburgen, welche Markgraf Dietrich, den die Geschichte als „den Bedrängten“ bezeichnet, der aber richtiger „der Bedränger“ genannt werden müßte, im Jahre 1217 gegen die seiner Willkür und Habsucht entgegentretende Bürgerschaft errichtete. Während zwei dieser Zwingburgen bald nachher den Klosterbauten der Dominikaner und Franziskaner weichen mußten, blieb die dritte, zum besseren Schutze der Stadt, bestehen und galt Jahrhunderte hindurch für eine der stärksten Festungen des Landes.

Während des Zeitraumes von der Gründung der Pleißenburg bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts ist nur eine Belagerung derselben vorgekommen, wie denn überhaupt Leipzig im Mittelalter wenig von kriegerischen Ereignissen heimgesucht wurde. Als die Pleißenburg im Jahre 1547, bei der Belagerung durch Johann Friedrich den Großmüthigen, sammt den Festungswerken der Stadt, arg geschädigt worden war, ließ Kurfürst Moritz ein neues Schloß, nach dem Plane der Citadelle von Mailand und dem 1530 von Tartaglia zuerst in Anwendung gebrachten neuen Fortifikationssysteme, errichten. Der Baumeister war der berühmte Architekt Hieronymus Lotter, Bürgermeister zu Leipzig. Das Schloß erhielt eine Bastion nach außen und zwei halbe Bastionen nach der Stadtseite, wie sie der Unterbau der Pleißenburg in ihrer ursprünglichen Gestalt noch jetzt zeigt. Auf dem hohen, starken Thurme, welcher muthmaßlich noch vom alten Baue herstammt, befanden sich fünf Böden mit Geschützen, und nicht minder waren auch die Bastionen mit Kartaunen und Feuermörsern wohl armirt. Zwei viereckige Thürme, die jetzt bis zu geringer Höhe abgebrochen sind, und die Gewölbe des nach der Stadt gerichteten „Trotzers“ waren einst so gefürchtet wie die Jupen von Rochlitz und die Kerker und Folterkammern von Stolpen und Hohnstein. Im Dreißigjährigen Kriege galt die Pleißenburg für eine Hauptfestung, und es haben blutige Kämpfe und mehrfache Belagerungen derselben um ihren Besitz stattgefunden.

Als aber aus der Blutsaat dieses scheußlichsten aller Kriege friedliche Zeiten erwachsen waren, verlor die Pleißenburg ihren Werth. Im Siebenjährigen Kriege galt sie schon nicht mehr als Festung. Alsbald nach dessen Beendigung kam der Gedanke zum Ausdruck, daß eine den Künsten und Wissenschaften, dem Handel und Gewerbe geweihte Stadt, wie Leipzig, sich nicht zu einer Festung eigne und was sie noch als solche erscheinen ließ, Graben, Wälle und Bastionen, allmählich verschwinden müßten, um anderen Zwecken Raum zu geben. Den Anfang hierzu machte 1766 die Erbauung eines Stadttheaters auf der Ranstädter Bastion, und bald traf die umgestaltende Hand des Friedens auch die Pleißenburg. Der Thurm wurde zur Sternwarte eingerichtet, und in die Wohnungen der Besatzung und die fürstlichen Gemächer verlegte man landesherrliche Magazine, die Maler- und Bau-Akademie, das chemische Laboratorium und ein Gerichtsamt. Seit 1830 dient die theilweise umgebaute Pleißenburg als Kaserne. Zugleich mit dem Neubaue des Schlosses Pleißenburg hatte Kurfürst Moritz auch der Stadt neue Befestigungen gegeben, deren Ueberbleibsel ihr manche pittoreske Ansicht verliehen. Namentlich war es der südliche Theil der Stadt, von der Pleißenburg bis zu dem sogenannten Moritzdamme, wo noch die alte Wallmauer, das Petersthor, die steinerne Bogenbrücke am Petersthore, mit ihren zwei Riesenpappeln, der als Obstplantage benutzte Stadtgraben und das gewaltige Magazingebäude, mit den angrenzenden niedlichen Zwingerwohnungen und dem Peterskirchlein, ein anmuthiges Erinnerungsbild der einstmaligen Festung boten. Es erhielt sich bis zum Jahre 1857, wo die in Leipzig erwachte Baulust ihr Augenmerk auch hierher richtete. Nach kurzer Zeit waren nur noch die Pleißenburg und die Peterskirche erhalten. Alles Uebrige hatte prächtigen Promenadenanlagen und einer der schönsten Straßen der Stadt, der Schiller-Straße, Platz gemacht. Das Peterskirchlein ist Anfang 1886 ebenfalls verschwunden und an dessen Stelle ist das Gebäude der Reichsbank getreten. So blieb von Allem nur die finstere Trotzburg Markgraf Dietrich’s übrig, als einziger Zeuge einer langen denkwürdigen Vergangenheit, in der sie ihre einst so stolze Bedeutung verlor, während die Jahrhunderte von ihr beherrschte Stadt zu Macht und Größe emporstieg.

Otto Moser.