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Textdaten
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Autor: Unbekannt
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Titel: Die Lotusblume in Aegypten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 51
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[51] Die Lotusblume in Aegypten. Wenn man von der Lotosblume hört, denkt man zunächst an das ferne Indien, wo dieser indische Lotos ja die Wiege der Götter war; doch auch Aegypten hat seinen Lotos, über den uns Franz Wönig in seiner Schrift „Die Pflanzen im alten Aegypten“, die auf eingehenden Studien beruht, die genaueste Auskunft ertheilt. „Der Lotos“, sagt er, „dieses echte Kind der ägyptischen Flora, das aus den stillen spiegelnden Fluthen des breiten majestätischen Stromes seine Blätterteller und Blüthen entfaltet, harmonirt so ganz mit dem Charakter der imponirenden feierlichen Ruhe des alten Wunderlandes. Nil und Lotos sind in der Mythe zu einem unzertrennlichen idealen Gedanken verschmolzen und sind in Wahrheit auch unzertrennlich; denn wenn der Nil zu schwellen beginnt, erwacht der Lotos im tiefen Grunde zum Leben; wenn der Strom seinen Segen spendet, steht die Pflanze in voller Blüthe, und wenn der Strom allmählich zu sinken beginnt, stirbt sie langsam ab. In welcher Ausdehnung und Ueppigkeit einst der Nymphäenflor im Nil aufgetreten, künden unzählige Abbildungen in den Werken der ägyptischen Kunst. Lotos und wieder Lotos tritt uns bei der Durchmusterung der interessanten eigenartigen Bildwerke entgegen. Ob wir mit den alten Aegyptern auf den Vogel- und Fischfang gehen, uns mit ihnen auf dem Strom belustigen, ob wir den Spiegel des Sumpfes oder Teiches betrachten, aus welchem der Frohnknecht Wasser zum Erweichen der Ziegelerde schöpft, ob wir uns ans Nilufer zu den Papyrusarbeitern begeben, einen Blick auf die reichbesetzten Opfertische werfen oder Herren- und Damengesellschaften, Sänger und Sängerinnen bei Tanz und Spiel belauschen oder hinabsteigen in die Grabkammern, immer finden wir das Symbol der höchsten Gottheiten in reicher Fülle vor.“

Die Königin der Blumen fand die mannigfachste Verwendung. Man verkaufte sie auf den Straßen, auf den Märkten, pflegte sie in Kübeln und Thongefäßen, stellte sie als Zimmerschmnck in zierlichen Alabaster- und Thonvasen auf und erfreute sich an ihren lichten Farben und am zarten zimmetartigen Geruch der Blüthe. Lotosblumen waren das bevorzugte Geschenk der Liebenden; man trug sie als Amulet aus Holz oder gebranntem Thon auf der Brust. Es galt als Zeichen feiner Sitte, nicht nur bei großen öffentlichen Festen, sondern auch in Privatkreisen und Gesellschaften, mit einer Lotosblume in den Händen zu erscheinen. Den Gästen wurde oft ein Blumenkragen um den Hals gelegt, ihr Haupt gesalbt und mit Blumengewinden geziert, aus denen dann eine Lotosknospe oder Lotosblume über die Stirn herabhing. Auf allen Bildern von Festmahlen tragen die Gäste Lotosblumen in der Hand, die von den Dienern und Dienerinnen durch frischere, duftvollere ersetzt werden. Aus den Zeilen der zunehmenden Schwelgerei, wo sich auch die Damenwelt dem Genuß des Weines im Uebermaße hingab, sind noch Bilder vorhanden, welche diese trunkenen, auf ihre Sklavinnen gestützten Schönen darstellen, und der Künstler giebt ihnen sinnvoll eine „geknickte“ Lotosblume in die Hand.