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Titel: Die Linde zu Bordesholm
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 291
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[291] Deutschlands merkwürdige Bäume. Die Linde zu Bordesholm. (Zu der nebenstehenden Abbildung.) Ein Sinnbild ewiger Jugend könnte man den stolzen Baum nennen, den wir heute unsern Lesern vorführen; denn in ungebrochener Pracht und Schönheit wölbt die fünfhundertjährige Linde zu Bordesholm ihre Krone, als hätte es für sie nie Sturm und Ungewitter gegeben und als hätte das eherne Gesetz von der Vergänglichkeit alles Irdischen für sie keine Geltung. An ihrem Blüthenathem ergötzt sich heute noch allsommerlich ein Geschlecht, dessen Ahnen vor Jahrhunderten schon den köstlichen Duft einsogen, den der Windhauch ihnen zutrug.

Die Gartenlaube (1890) b 291.jpg

Deutschlands merkwürdige Bäume: Die Linde zu Bordesholm.
Nach einer Photographie von G. J. Koch, Hofphotograph in Schleswig.

Die Maße des Stammes und die Höhe des ganzen Baumes sind nicht eben bedeutend. Der erstere hat einen Umfang von fünf Metern und die Spitze der Linde liegt etwa 24 Meter über dem Erdboden. Stattlich dagegen ist der Durchmesser der breit ausladenden Krone: er beträgt beinahe 30 Meter.

Bordesholm selbst ist ein reizend am Bordesholmer See, an der Bahnlinie von Kiel nach Altona gelegenes Kirchdorf, einst ein reiches Augustinerkloster. In seiner schönen gothischen Kirche ruhen unter anderem Christian Friedrich, Herzog von Holstein-Gottorp, der Stammvater des russischen Kaiserhauses, und Herzog Georg Ludwig, der Stifter des großherzoglich oldenburgischen Hauses. Aber nicht bloß durch seine Gräber ist Bordesholm wichtig: es ist auch die Wiege einer fruchtbaren Pflanzstätte der Wissenschaft. Bald nach Einführung der Reformation, im Jahre 1565, wurde das Kloster aufgehoben und in eine lateinische Schule umgewandelt. Diese Schule wurde später nach Kiel verlegt und durch Herzog Christian Albrecht zur Universität erhoben. So ist also das Samenkorn, aus welchem die „Christina Albertina“ entsproßt ist, unter dem Schatten der Linde von Bordesholm gelegt worden.

In den Stamm der Linde ist eine einfache Holztafel eingelassen, welche folgende Inschrift trägt:

„Manches sah dein gewaltiger Dom, hochrauschende Linde,
     Freude hast du und Leid mancher Geschlechter geschaut;
Größeres hast du doch nimmer gesehn als der Holsten Erhebung,
     Deutschlands Stämme geeint, wiedergeboren zum Reich!“