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Textdaten
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Autor: C. Falkenhorst
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Titel: Die Komödie eines Königreiches
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 131
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: despektierliche Schilderung von Kalākauas Herrschaft über Hawaii
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Die Komödie eines Königreiches.

Aus dem Großen Ocean ist die Kunde eingetroffen, daß Kalakaua, König von Hawaii, gestorben ist. Das bringt uns den sonderbaren König in Erinnerung, der einst, als er anfangs der achtziger Jahre seine Reise um die Welt machte, den Europäern einen so heiteren Unterhaltungsstoff geboten hat – und unsere Gedanken fliegen zurück zu den Hawaii- oder Sandwichinseln mit ihren rauchenden und flammenden Vulkanen, ihrer prachtvollen Natur, ihren Sandelholzwäldern und Zuckerplantagen – ein Kapitel aus der Geschichte der Entdeckungsreisen steigt in unserer Erinnerung auf; denn auf den Sandwichinseln schloß der Tod einen ruhmreichen Lebenslauf ab; dort wurde der berühmte James Cook von den Eingeborenen erschlagen.

Ein Jahrhundert ist seit jenem Ereigniß verflossen, und wie vieles hat sich auf den Inseln verändert! König Kamehamaha II. hatte die Götzenbilder verbrannt und dem Christenthum das Land geöffnet; leider kamen von Europa und Amerika nicht nur Missionare ins Land, sondern auch solche Weiße, denen der heimathliche Boden zu heiß unter den Füßen geworden, und diese Einwanderer waren keine Kulturträger, im Gegentheil, sie impften den sonst so begabten und bildungsfähigen Kanaken alle möglichen Laster der Civilisation ein.

Das Hawaiireich besteht aus acht bewohnten Inseln und mehreren Felseilanden, früher zählte die Bevölkerung nach Hunderttausenden; Cook selbst schätzt sie, wenn auch in übertriebener Weise, auf 400 000. Und jetzt? Allerlei Seuchen haben unter den Eingeborenen schrecklich aufgeräumt. Im Mai 1890 wurde die Bevölkerung des Königreiches auf rund 92 000 Seelen angegeben, und wie bunt ist sie dabei zusammengesetzt! In dieser Zahl entfallen auf Eingeborene und Mischlinge zusammen 45 000, auf Weiße 19 000 (darunter 1500 Deutsche), auf Chinesen gleichfalls 19 000 und auf Japaner 8500.

Die Wälder von Sandelholz, die einst viele Händler lockten, sind längst ausgerodet, aber dafür blühen auf den Inseln Zuckerpflanzungen; man kann sagen, daß die Inseln förmlich überzuckert sind, und in den Pflanzungen allein steckt ein Kapital von etwa 120 Millionen Mark. Es ist zumeist amerikanisches Geld, das hier die Welt mit Süßigkeiten versorgen hilft, sowie auch der meiste Hawaiizucker nach San Francisko geht. Theodor Kirchhoff, der den Lesern der „Gartenlaube“ durch zahlreiche Beiträge wohlbekannte Deutsch-Amerikaner, hat neuerdings ein Buch, „Eine Reise nach Hawaii“[1], geschrieben, in dem er mit frischen Farben sowohl das bunte Leben der Pflanzer, wie auch den höchst eigenthümlichen König Kalakaua schildert.

Nach seinen Berichten ist das Leben in jenem Inselreiche schmählich theuer; denn wenn man in der Hauptstadt Honolulu mit Familie behaglich leben will, so braucht man 40 000 bis 50 000 Mark jährlich. Honolulu ist eine eigenartige Stadt. Die alten Grashütten der Eingeborenen sind aus ihr längst verschwunden; wir sehen Villen und Geschäftshäuser im amerikanischen Stil; die Ziegel zu denselben sind in San Francisko angefertigt und das Holz von der amerikanischen Westküste aus Pouget-Sund und aus Oregon und Kalifornien eingeführt worden. Natürlich fehlen auch nicht einfachere Häuser, die aus Korallen- und Lavasteinen gebaut sind. Honolulu hat nur etwas über 20 000 Einwohner und nur zwei Hotels. Aber in zweifacher Beziehung übertrifft es alle Städte der Welt: es hat im Verhältniß zur Einwohnerzahl die meisten Droschken und die meisten Telephone; denn die Zahl der ersteren beträgt gegen 300, die der letzteren übersteigt 1000. Die feuchtwarme Luft der Insel ermüdet leicht den Europäer und darum werden die Droschken viel und auf sehr kurze Entfernungen benutzt. Elektrisches Licht glänzt schon lange in diesem „Paradiese des Pacific“ und selbst die Straßen werden elektrisch beleuchtet. Die Stadt ist ein Abglanz Nordamerikas, nur von den Sitten des leichtlebigen Volkes läßt sich nicht viel Rühmliches sagen. Der Champagner fließt hier in Strömen, aber nicht er allein macht das Leben theuer. Die Preise für Lebensmittel sind ungemein hoch, ebenso die Löhne für die Diener, und der Verbrauch an Wäsche bei dem feuchtwarmen Klima ist ein ungeheurer.

Ueber das bunte Getriebe von Menschen, in welchem alle Schattirungen der Hautfarben von blendendem Weiß bis zur Schwärze des Ebenholzes vertreten sind, herrschte nun seit dem Jahre 1874 König Kalakaua.

Er war kein „Tyrann“ wie andere Häuptlinge auf solchen fernen Inseln, sondern ein konstitutioneller König, der nach dem Aussterben der Dynastie Kamehamahas regelrecht gewählt wurde und dem ein „Parlament“ zur Seite stand. Er war der Kriegsherr einer Armee von 75 Mann und fand sich bereit, die großartige Abrüstung auf 31 Mann, also um mehr als 50 Prozent, gutzuheißen.

Die Charaktereigenschaften, durch die er sich auszeichnete, waren: Liederlichkeit, Trunksucht und ein weites Gewissen, und so erklärt es sich, daß er der Hans Narr seines Volkes war und Spottgedichte auf ihn in den Buchläden seiner Residenz ohne Scheu verkauft wurden. Er kümmerte sich darum wenig; er ging zum Tanzvergnügen in das „Hawaiian Hotel“ im schwarzen Gehrock und ohne Orden und ließ sich dort Fremde vorstellen. Natürlich wurde er „Your Majesty“ angeredet, aber in einem sehr vertraulichen Tone. „Ein prächtiger Kerl!“ sagten von ihm die Amerikaner, und Theodor Kirchhoff schildert eine Begegnung mit Kalakaua im „Hawaiian Hotel“ mit folgenden Worten: „Ich bewunderte die bunt schillernden Gewänder und die Junonischen Gestalten der weißen und der bräunlich angehauchten, mit Rosen geschmückten Damen der feinen Welt Honolulus, das farbenreiche Gepränge in den von elektrischen Glühlampen erleuchteten Räumen und das Menschengewoge und lauschte den Tanzweisen des vortrefflichen Orchesters – als der König in meiner Nähe in eines der offen stehenden kleinen Gemächer trat, wo ein halbes Dutzend mit Wein gefüllter Karaffen, Gläser etc. auf einem kleinen Tisch standen. Seine Majestät öffnete nacheinander drei Flaschen, roch hinein und steckte die Glaspfropfen mit sichtlichem Widerwillen wieder in den Hals derselben, denn Sherry und Port waren entschieden nicht, was er suchte. Mit den Fingern laut schnippend, rief er einem chinesischen Aufwärter zu: ‚John, bring’ mir Gin!‘ was der schlitzäugige Mongole denn auch prompt besorgte. Nachher setzte sich Kalakaua mit einigen Amerikanern in dasselbe Zimmer, spielte dort bei offenen Thüren Karten, trank Champagner, riß Witze etc., ohne der während der Tanzpausen oft auf der Veranda dicht bei ihm vorbeiwandelnden Ballgesellschaft die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Der an der Flasche riechende König der Sandwichinseln ist mir lebhaft in Erinnerung geblieben. Er trinkt nur Gin und Sekt, wovon er unglaubliche Massen zu vertilgen vermag.“

Kalakaua hatte ein Jahreseinkommen von 80 000 Dollar, trotzdem machte er Schulden über Schulden. Seine Regierungsräthe dachten auf Nebeneinkünfte für ihre eigenen Taschen. Man wollte z. B. die Einwanderung der Chinesen beschränken und erschwerte denselben die Bedingungen, unter denen sie sich in Hawaii niederlassen durften. Da verkauften die Beamten zu Hunderten und Tausenden Rückkehrpässe für Chinesen, die von Einwanderungslustigen in China nach Belieben gekauft werden konnten. Der König aber übertrumpfte seine Beamten, indem er das Recht des Opiumhandels in seinem Reiche zweimal hintereinander jedesmal für 71 000 Dollar an zwei Chinesen verkaufte.

Er schlug zu sehr über den Strang. Anno 1887 machte die Reformpartei des Reiches, die Weißen an der Spitze, eine Revolution. Kalakauas Armee wurde alarmirt, aber zur Vertheidigung des Palastes meldeten sich nur dreizehn Mann und von dieser kühnen Schar machten sich noch elf unsichtbar, als der Feind vor dem Königshause erschien. So kapitulirte Kalakaua und mußte sich bequemen, daß zur Tilgung seiner Schulden ihm Abzüge gemacht und die dem einen Chinesen gesetzwidrig abgenommenen 71 000 Dollars aus dem Vermögen des Königs zurückerstattet wurden.

Zuletzt, am 30. Juli 1889, fand in Honolulu eine Revolution der Farbigen unter der Führung eines Mischlings Namens Wilcox statt. Das Rebellenheer war 250 Mann stark, konnte aber den Palast nicht einnehmen. Da kamen der königlichen Armee fünf Deutschamerikaner zu Hilfe, schossen von den umliegenden Gebäuden aus die Bemannung des einzigen Geschützes der Aufständischen nieder und trieben die Rebellen in den im indischen Stil erbauten Sommerpavillon der Königin Kapiolani zurück. In dieser festen Stellung wurden sie schließlich durch einen im Ballspiel geübten Amerikaner zur Kapitulation gezwungen, indem derselbe vom Dache des Opernhauses aus die Empörer mit Dynamitpatronen bombardirte. Allsogleich flatterte ein weißes Betttuch der Königin als Friedenszeichen aus einem der Fenster. Sieben Todte und zwölf Verwundete deckten das Schlachtfeld; niemand wurde bestraft, die Todten bestattete man, die Fensterscheiben wurden wieder eingesetzt – und die Revolution der Kanaken hatte ein Ende.

Aber etwas Großes hatte Kalakaua doch gewollt. Es war einmal, da faßte er den Plan, „Kaiser der Südseeinseln“ zu werden; er kaufte ein Schiff, den zahmen hawaiischen Kriegsdampfer „Kaimiloa“ (auf Deutsch: „das Schönste“), und sandte ihn im Dezember 1886 mit entsprechenden Anträgen nach Samoa. Dort aber wurden seine Kaiserpläne mit Verachtung zurückgewiesen – und das Schönste dabei war, daß „das Schönste“, nämlich der Dampfer „Kaimiloa“, mit Ach und Krach in Apia dem traurigen Schicksal entging, versteigert zu werden, um den längst fälligen Sold, den die hawaiische Regierung den murrenden Seeleuten schuldete, flüssig zu machen. Anfang 1890 wurde den Eingeborenen von Hawaii überhaupt das Betreten der Samoainseln aufs strengste untersagt.

Vielleicht wird jetzt die traurige Komödie eines Königreichs auf den Hawaii-Inseln ihr Ende erreichen. Im Interesse der sonst bildungsfähigen Reste der Kanaken ist dies nur zu wünschen. C. Falkenhorst.


  1. Altona. Schlütersche Buchhandlung.