Die Kanarienvögel vom Truteschen Stamm

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Titel: Die Kanarienvögel vom Truteschen Stamm
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aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 67
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[67] Die Kanarienvögel vom Truteschen Stamm. Von Harzer Kanarienvögeln spricht heutzutage jedermann oder er weiß es doch, wenn die Rede darauf kommt, daß im Harz die eigentliche Heimstätte der vorzüglichsten Sänger dieser Art sein soll. Wer sodann einigermaßen näher eingeweiht ist, kennt auch die Vögel vom Truteschen Stamm und bei allen wirklichen Liebhabern gelten sie als weltberühmt.

Während der Kanarienvogel nachweislich erst seit etwas länger als dreihundert Jahren dem Menschen gleichsam als Hausthierchen zugänglich geworden und von dem schlicht gelblich-graugrünen, freilebenden Vogel oder Wildling zum goldgelben Kulturvogel sich verwandelt hat, können wir die Entwicklung des Kanarienvogels als eines Sängers gar erst seit Jahrzehnten verfolgen.

Das Bergstädtchen St. Andreasberg im Harz war es, von wo diese Veredlung des Kanarienvogelgesanges ausging, bis sie in allerneuester Zeit sich auch in vielen anderen Gegenden unseres deutschen Vaterlandes festgesetzt und weiter entwickelt hat; so außer in den übrigen Harzer Städtchen namentlich in Berlin, Hannover, Frankfurt a. M., Nürnberg, Stuttgart, Köln, Leipzig, Dresden u. a. m.

Bei weitem die meisten der am vorzüglichsten singenden Harzer Kanarienvögel bezeichnet man einfach als Schläger, bezw. Hohlroller vom Truteschen Stamm, und dies schreibt sich daher, daß unter den verschiedenen Kanarienstämmen in St. Andreasberg der des Bergmanns Trute der bedeutendste war und noch ist, neben welchem als gleich hervorragend eigentlich nur noch der Erntgessche Stamm (gezüchtet vom Kaufmann Erntges in Elberfeld) in Betracht kommt.

Wilhelm Trute war ein einfacher, biederer Mann. Wie es in St. Andreasberg üblich ist, geht die Kanarienvogelzüchtung als Nebenbeschäftigung und Nebenverdienst der Bergleute vom Vater auf den Sohn über und jeder sucht den Gesang seines Kanarienvogelstammes weiter auszubilden und zur möglichst hohen Vollkommenheit zu führen. Dazu gehört nicht bloß Eifer, Liebe und Lust, volles Verständniß und Geschmack, reiche Kenntniß und Erfahrung, sondern vor allem ein feines sicheres musikalisches Gehör. Diese Eigenthümlichkeiten können dann aber auch zu einer wahren Goldgrube werden.

So züchtete Trute alljährlich 200 bis 275 Kanarienhähne, die er in früherer Zeit zum Durchschnittspreis von 7,50 Mark, seit zehn Jahren aber mit 10 Mark für den Kopf an einen Berliner Vogelhändler verkaufte, welcher die sorgsam ausgemusterten oder, wie man zu sagen pflegt, „abgehörten“ Vögel sodann zum Durchschnittspreise von 15 bis 20 Mark, und einzelne köstliche Sänger für 30 bis 60 Mark, im höchsten Einzelpreise bis zu 100 Mark an die Liebhaber absetzte. Eine beträchtliche Anzahl der besten Vögel behielt Trute stets zurück, und für dieselben fand er bereitwillige Abnehmer im einzelnen zu 60 Mark, 75 Mark, 100 Mark bis 150 Mark und wohl noch darüber. Für seine Zuchtvögel sind ihm zuweilen 300 Mark und mehr für den Kopf auf den Tisch gelegt worden, ohne daß er sich jemals dazu hätte verleiten lassen, dieselben fortzugeben, denn von ihnen hing ja der Bestand und der Werth seiner ganzen Kanarienvogelzucht und damit einer nicht unerheblichen Erwerbsquelle ab.

Jetzt ist Teute, leider viel zu früh, im Alter von noch nicht 50 Jahren verstorben, und alle, die ihn gekannt und in seinem anspruchslosen und rechtschaffenen Wesen, namentlich aber in seinem achtungswerthen Streben geschätzt haben, werden die Ueberzeugung hegen, daß sein Andenken ein bleibendes ist, denn Kanarienvögel vom Truteschen Stamme wird es in aller Zeit geben, solange wir den goldgelben Hausfreund hegen und pflegen.