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Textdaten
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Autor: Eduard Baldamus
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Titel: Die Großfuß-Hühner
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 437–441
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
siehe auch den Nachtrag zu dem Artikel über die Großfußhühner
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[437]
Die Großfuß-Hühner.
Von Dr. E. Baldamus.


Noch heute – nach 37 Jahren – erinnere ich mich sehr lebhaft des gewaltigen Eindrucks, den eine Rede des Prinzen von Canino, Charles Lucien Bonaparte, im Jahr 1841 auf mich machte. Der geniale, wissensdurstige Naturforscher hatte sie gelegentlich „der dritten Versammlung italischer Gelehrter“ in Florenz gehalten; darauf war sie gedruckt worden, und der Prinz hatte ein Exemplar dem Prof. Dr. J. F. Naumann in Ziebigk bei Köthen zugesendet.[1] Bei ihm, meinem hochverehrten Lehrer, [438] fand ich sie und verschlang sie, so weit meine mangelhafte Kenntniß des Italienischen sie zu verstehen oder vielmehr zu errathen mir verstattete. Was ich aber verstanden und errathen, das war mir vollkommen neu und unbekannt. Und so ging es, der kleinen Schrift gegenüber, wohl allen Ornithologen damals. Ich hatte denn auch keine Ruhe, bis ich Alles verstand. Mit Hülfe von Grammatik und Lexicon lag nach etwa vierzehn Tagen die vollständige Uebersetzung der hochinteressanten Rede schwarz auf weiß vor mir – und ich konnte diese Uebersetzung damals fast auswendig. Schade, daß sie nicht gedruckt wurde! Sie wäre dessen heute noch werth.

Mein besonderes Interesse erregte in der Broschüre folgende Stelle, welche uns mitten in unser Thema führen wird:

„Zu den auffallendsten Anomalien der Thiere Neuhollands werden Sie (durch J. Gould’s damals erscheinendes epochemachendes Werk ‚Die Vögel Australiens’) mit Vergnügen noch einige andere hinzukommen sehen, von denen man bis heute keine Ahnung hatte. So die Nistweise eines Vogels, über den man bisher in Zweifel war, ob er zu den Hühnern oder zu den Geiern gehöre. Es pflegen sich nämlich viele dieser Vögel zusammenzuthun, um blos mit Hülfe ihrer Füße große Haufen vegetabilischer Stoffe, welche leicht in Fäulniß übergehen, zusammenzuscharren und zur Aufnahme der Eier zuzubereiten, welch letztere sie, eines einen Fuß weit vom andern entfernt, mit dem spitzen Ende nach unten tief in die Nistwälle hineinstellen etc..“

Man glaubte damals noch ziemlich allgemein, daß der Strauß das Brütgeschäft der lieben Sonne überlasse; man wußte, daß die Eier der Süßwasser-Taucher oft zur Hälfte im Wasser liegend – gleichsam im warmen Wasser – von den Eltern ausgebrütet werden: aber von solch wunderbarer Nist- und Brütweise hatte derzeit kein Naturforscher eine Ahnung. Gould’s und seines Gehülfen Gilbert’s Entdeckungen begegneten deshalb manchem Zweifel, wenn auch nicht bezüglich der verhältnißmäßig enorm großen Eier, von denen einige schon zu Ende der zwanziger Jahre durch Salomon Müller an das Leydener Museum eingesendet worden waren, wo ich sie später gesehen habe.

Und doch ging es mit dieser Entdeckung wie mit so mancher andern: sie liegen zuweilen Jahrhunderte lang vergraben, und kommen erst durch spätere wiederholte Entdeckung zu Ehren.

Schon zu Anfang des vorigen Jahrhunderts nämlich veröffentlichten die „Philosophical transactions“ – Jahrgang 1703 – ein Verzeichniß der auf den Philippinen beobachteten Vögel auf Grund handschriftlicher Mittheilungen des mährischen Jesuiten Pater G. J. Camel, dessen Gedächtniß Linné bekanntlich in dem Huldigungsnamen der edlen „Camellia“ erhalten hat. Unter den Mittheilungen Camel’s befindet sich nun auch folgende:

Avis ovimagna – das große Eier legende Huhn – von den Eingeborenen Tavon genannt – kleiner als das gewöhnliche Huhn – legt rostrothe Eier, so lang wie Gänseeier, aber weniger dick, und zwar 40, 50 bis 60 Stück an sandigen Seeküsten, Flußufern und selbst an sandigen Stellen der Gebirge, vier Spannen tief eingescharrt und der Sonne zum Ausbrüten überlassen. …“

Bald genug fand sich jetzt, daß es sich hier um eine ganze Familie von Vögeln handelte, welche die neuere Ornithologie mit vollem Recht unter dem Namen „Megapodidae“ von den übrigen Gliedern der Hühnerordnung wegen ihrer so auffallenden Fortpflanzung abgetrennt hat. Von den für dieselbe gebildeten Trivialnamen sind die der „Wallnister“, „Hügelhühner“ etc. nicht auf die gesammte Familie zu beziehen, da, wie wir sehen werden, die Mehrzahl der gegen zwanzig gegenwärtig beobachteten oder doch bekannten Arten weder Wälle noch Hügel, sondern Gruben scharrt; richtiger ist als Gesammtname Großfuß- oder Scharrhühner.

Ich übergehe die Beschreibung der verschiedenen Arten, von denen man die bekannteren in unseren Museen, mehrere auch in zoologischen Gärten findet und von denen unsere Illustrationen drei Arten zur Anschauung bringen. Das nicht mit abgebildete Großfußhuhn von Niua-fou, Megapodius Pritchardi, welches, wie den Lesern erinnerlich sein wird, der Gegenstand eines polemischen Meinungsaustausches zwischen der „Neuen Freien Presse“ und der „Gartenlaube“ geworden ist, gleicht im Allgemeinen der einen gezeichneten Art Megapodius Fraicineti, nur daß bei Pritchardi der Schopf gänzlich fehlt und die Basis der Schwingen etwas Weiß aufzeigt. Neuerliche Entdeckungen besonders seitens der reisenden Naturforscher des um deutschen Handel und deutsche Wissenschaft hochverdienten Hauses Godefroy in Hamburg, lassen übrigens das Auffinden weiterer Arten auf den kleineren Inseln Centralpolynesiens, dem speciellen Handels- und Erforschungsgebiete des genannten Hauses, als möglich erscheinen.

Was die geographische Verbreitung der Scharrhühner betrifft, so findet man dieselben von den Nikobaren östlich bis Niua-fou durch nahezu 100 Längenkreise und von den Philippinen und Mariannen bis Südaustralien, in einer Ausdehnung von etwa 50 Breitengraden. Auffallend ist zunächst die enge Beschränkung des Vorkommens der meisten Arten auf kleine Inselgruppen oder auf kleine Inseln Malayasiens und Polynesiens, von denen so ziemlich jede ihre besondere Art besitzt, während Neuguinea und Australien – ein Beweis mehr für den früheren Zusammenhang dieser großen Inseln – je drei verschiedene Arten und davon eine oder zwei gemeinsam haben und um so mehr als „Schöpfungscentrum“ der ganzen Familie zu betrachten sein dürften, als auch mehreren der Tiefsee-Inseln zwischen Borneo und Neuguinea einige Arten gemeinsam sind.

Die Lebens- und Fortpflanzungsweise dieser Thiere anlangend, so scheint allen Arten gemeinsam die Vorliebe für einen Aufenthaltsort zu sein, den man als „verkümmerten Wald“ bezeichnen könnte. Alle Forscher stimmen in der Angabe überein, daß sich diese Plätze stets in der Nähe der Seeküste, der Binnengewässer, Lagunen etc. befinden, oder daß sich die Vögel wenigstens zur Legezeit dahin begeben.

Ihre Nahrung besteht aus Baumfrüchten, Sämereien, Insecten, vielleicht auch Pflanzenknospen und Wurzelknollen. Auch verschlucken sie, wie alle Hühnerarten, groben Sand.

Sie scheinen, aber nur zur Legezeit, gesellige Vögel zu sein und, wo sie von den Europäern nicht gar zu sehr decimirt worden sind, noch heute in größerer Anzahl zu leben. Von den Eingeborenen werden sie übrigens ihrer großen und wohlschmeckenden Eier wegen sorgsam geschützt und ihre Eiermagazine fast überall streng überwacht.

Wie alle Hühner an den Boden gewiesen, verlassen sie diesen nur ungern und in der Noth, entziehen sich der Verfolgung meist laufend und fliegen nur bei plötzlicher Ueberraschung auf die untersten Aeste, in solchem Falle leider eine nur allzu leichte Beute des Jägers, während sie im dichten, oft stacheligen Gestrüpp schnell und gewandt dahinrennend schwer zu erlegen sind. Ihr Flug ist übrigens weder besonders langsam, noch sehr ungeschickt, aber von kurzer Dauer.

Die Systematiker haben die Großfußhühner nach deren plastischer Eigenthümlichkeiten in vier Sippen getrennt, von denen zwei, Megacephalon und Leipoa, nur je eine Art, die dritte, Talegalla (Alectura, Catheturus), zwei oder drei, die vierte, Megapodius, vierzehn oder fünfzehn Arten enthalten. Für uns kommt hier mehr ihre Nistweise in Betracht, und in Bezug auf diese kann man sie, wie schon bemerkt, in Wallbauer und Grubenscharrer theilen.

Zu letzteren gehört die Mehrzahl der bis jetzt beobachteten Arten, darunter die größte von allen, das auch im Bilde vorgeführte, durch eine Rückwärtsverlängerung des Schädels, kurze, stumpfe Nägel und einen zart rosigen Hauch des weißen Unterleibes ausgezeichnete „Großköpfige Scharrhuhn“ (Megacephalon Maleo). Wallace, welcher einen der größten Nistplätze an der Nordost-Küste von Celebes besuchte, fand in einer circa eine englische Meile langen, über der Fluthgrenze erhabenen Strandfläche von lockerem Sande allenthalben die vier bis fünf Fuß im [439] Durchmesser haltenden Gruben, in denen die Eier ein bis zwei Fuß tief lagen – zuweilen nur eins oder zwei, oft aber auch sieben bis acht, jedes sechs bis acht Zoll vom andern entfernt. Die Vögel kommen nach seiner Angabe im August und September, wo es wenig oder gar nicht regnet, paarweise und oft zehn bis zwölf Meilen weit zu den Nistplätzen und wählen eine alte Grube oder machen eine neue, indem beide Gatten abwechselnd ausscharren und dabei eine wahre Fontaine von Sand emporwerfen. Wenn die nöthige Tiefe erreicht ist, legt das Weibchen ein Ei und bedeckt es mit Sand, worauf beide Gatten zum Walde zurückkehren. Gegen Ende des dreizehnten Tages kommt dasselbe Paar zum Nistplatze zurück, und das Weibchen legt ein zweites Ei. Nachdem die Eier gelegt und bedeckt worden sind, kümmern sich die Eltern nicht mehr um sie: die jungen Vögel brechen die Schale, arbeiten sich durch den Sand und laufen dem Walde zu.

Aehnlich berichteten über diese und andere Arten der Grubennister alle übrigen Beobachter, Mac Leod, Pritchard und Andere; mir speciell ausführlich, mündlich und schriftlich, Baron von Rosenberg, welcher einunddreißig Jahre in Malayasien zugebracht hat.

Solche Grubennister sind unter andern die meisten Megapodien, und zu diesen zählt denn auch der Megapodius Pritchardi von Niua-fou. Dr. Bennett berichtet über ihn in der Zeitschrift „Proceedings“ nach Mittheilungen des Capitain Mac Leod: „Dieses Huhn lebt in dem buschreichen Innern der Insel Niua-fou in der Nähe der großen, wahrscheinlich aus einem verloschenen Krater entstandenen Lagune, welche die Mitte der Insel einnimmt. An der einen Seite dieser Lagune legen die Vögel ihre Eier zwei Fuß tief unter die Oberfläche des Bodens. Die Zahl der Eier ist verschieden; zuweilen findet man 40 beisammen.“ Pritchard, nach welchem diese Art durch G. R. Gray benannt worden ist, beruft sich auf Angaben der Eingeborenen für die Behauptung, daß die Eier (in einer Grube?) bis zu 200 pyramidenförmig ansteigend gelegt werden.

Ueber die wallbauenden Scharrhühner hat zuerst der verdienstvolle Reisende und Erforscher der australischen Vogelwelt, John Gould, in seinem Prachtwerke „Die Vögel Australiens“ berichtet. Die Entdeckung, daß die von manchen Reisenden für Grabhügel der Australneger gehaltenen Wälle und Hügel „Brütanstalten“ der Großfußhühner seien, machte große Sensation und veranlaßte neue und eifrige Forschungen bezüglich der Lebens- und Nistweise dieser merkwürdigen Vögel.

Gould selber sah von Brüthügeln der drei in Australien heimischen Arten nur den des Talegallahuhnes (Talegalla Lathami) und zwar auch nur den eines in Sydney in Gefangenschaft gehaltenen Vogels, der sich gewöhnlich im Hühnerhofe zu den Haushühnern hielt und einen 10 Fuß hohen Haufen von vegatabilischen Materialien zusammengescharrt hatte. Gould sagt:

„… Der Vogel sammelt einen ungeheuern Haufen todter Pflanzentheile als Unterlage für die Eier und überläßt diese der Wärme, welche durch die Zersetzung des mit Sand oder Erde vermengten Materials entwickelt wird, zum Ausbrüten. Mehrere Paare vereinigen sich zu dem Bau dieser Brüthügel, und zwar schon einige Wochen vor dem Eierlegen. Sie verfahren dabei ebenso wie unsere Hühner beim Scharren, das heißt sie werfen Blätter, Sand, Erde etc. mittels der mit kräftigen Zehen und langen Schaufelnägeln ausgerüsteten stämmigen Beine hinter sich auf einen Punkt zusammen und scharren dabei den Boden ringsum so rein, daß man ziemlich weit umher kein Blatt und keinen Grashalm sieht. Ist der Hügel hoch genug und hat sich die Gährungswärme genügend entwickelt, so werden in eine oben oder seitlich kraterförmig ausgescharrte Grube die Eier armtief und neun bis zwölf Zoll von einander senkrecht, mit dem spitzen Ende nach unten, eingelegt und bedeckt. Eingeborene und in der Nähe solcher Brüthügel lebende Colonisten versicherten, daß man nicht selten aus einem solchen einen Scheffel (Bushel) Eier nehme, welche äußerst wohlschmeckend sind und deshalb sorgfältig aufgesucht werden. Dagegen weichen die Erzählungen der Eingeborenen darin von einander ab, daß die Einen behaupten: die Mütter hielten sich zur Zeit des Auskommens der Junge fortwährend in der Nähe der Hügel auf, um jene zu schützen und zu bedecken, Andere aber versicherten, daß sie sich nach dem Eierlegen nicht weiter um Eier und Junge kümmerten und diese ihren Weg ohne Beistand fänden.“ Einen Nistplatz der Talegallahühner veranschaulicht die eine der beigegebenen Illustrationen.

Ueber den Wallbau einer zweiten australischen Art, des schönen augenfleckigen Scharrhuhns (Leipoa ocellata), liefert Gilbert in einem Briefe an Gould eine der obigen nahekommende Schilderung. Der größte von ihm untersuchte Wall hatte fünfundvierzig Fuß im Umfang und volle fünf Fuß Höhe. Das innere vegetabilische Lager in allen zur Aufnahme der Eier noch nicht vorbereiteten Wällen war feucht und kalt, und Gilbert glaubt deshalb, daß der Vogel dasselbe jedesmal vor dem Eierlegen umwende und mit Erde bedecke. Alle oben gerundeten Hügel enthielten Eier, während die ohne Eier weder oben, noch an den Seiten abgerundet, an letzteren vielmehr höhlenartig ausgescharrt waren. Die genauesten Beobachtungen speciell über diese Art hat übrigens Sir George Grey, der als Forscher und Förderer der Naturwissenschaften hochverehrte Gouverneur von Australien, der Capcolonie und Neuseeland, gemacht. Nach ihm legt dies Scharrhuhn zweimal im Sommer je acht bis zehn Eier, dabei täglich nach Sonnenaufgang eins. Er beobachtete die Vermehrung von Gelegen aus acht Eiern, wovon die ersten vier Eier in ein Quadrat oder einen Rhombus zu liegen kamen; die vier nächsten wurden dann zwischen die vier ersten gelegt.

Wie mehrere Eingeborene ihm übereinstimmend versicherten, gehört immer nur ein Paar zu einem Hügel, der alljährlich ausgebessert oder neu angelegt wird. Das Männchen hilft dem Weibchen beim Oeffnen und Zudecken des Hügels, und beide benutzen denselben weiter, auch wenn man ihn einige Mal der Eier beraubt hat. Vom Beginn des Baues bis zum Auskriechen des letzten Jungen vergehen vier Monate. Die Jungen scharren sich selbst heraus, ohne daß die Mutter ihnen beisteht. Es kommen in der Regel alle auf einmal heraus, zuweilen auch nur ein paar mit einander. Die Mutter hält sich in der Nähe, kommt auf den Ruf der Jungen herbei und führt dieselben, wie unser Haushuhn.

Auch über eine dritte australische Art, von Gould für neu gehalten und Megapodius tumulus (wallbauendes Großfußhuhn) oder Junglehuhn benannt), hat der treffliche und unermüdliche Gilbert noch kurz vor seinem jähen Tode interessante Beobachtungen gemacht, die, in seinen Tagebüchern und Notizen verzeichnet, durch Dr. Leichhardt’s Energie nach England und in Gould’s Hände gelangten. Gilbert hatte sich in Australien dem Dr. Leichhardt auf seiner Landreise in’s Innere angeschlossen und fiel bei einem nächtlichen Ueberfalle der Zelte durch Eingeborene, ein Tod, den später auch der muthige Leichhardt finden sollte. Gilbert untersuchte die kegelförmigen Wälle dieser Vögel bei Crockersbay, wahre Riesenbauten mit von oben oder seitwärts schräg in’s Innere laufenden, sehr locker gefüllten Bruthöhlen und gewöhnlich nur einem Ei im Grunde. Hinsichtlich ihrer Lage, Form und Bestandtheile fand er die Brüthügel sehr verschieden; meist in der Nähe des Wasserrandes und unter dichtbelaubten (kleinen) Bäumen verborgen, glichen einzelne aufgeworfenen Wällen; an der Südseite von Crockersbay fand er einen solchen von 25 bis 30 Fuß Länge bei 5 Fuß durchschnittlicher Höhe. Ein anderer fast kegelförmiger bedeckte einen Raum von 150 Fuß Umfang. Die Hügel und Wälle waren augenscheinlich das Werk mehrerer Jahre und Generationen, einige offenbar sehr alten Ursprungs, denn es waren Bäume aus ihnen hervorgewachsen. Gilbert beobachtete, daß die Vögel vom Ende August bis März legen und nur in der trockensten Jahreszeit aussetzen. Diese Angaben fanden durch John Mac Gillivray ihre Bestätigung.

Zum Schluß ist einer in ihrer Brütweise von der vorigen abweichenden Art der Scharrhühner, zugleich der schönsten unter allen zu gedenken, welche den Namen ihres Entdeckers Wallace trägt. Sie komme, berichtet dieser, aus den Wäldern des Innern – einiger Inseln der Molukkengruppe – nach dem Seestrande herab, scharre aber weder Wälle noch Gruben, sondern grabe eine gegen 3 Fuß tiefe Höhle in schräger Richtung in den Sand, auf deren Boden sie ihre 3 bis 3¼ Zoll langen und 2 bis 2¼ Zoll breiten Eier niederlege und leicht bedecke. Endlich macht Dillwyn von Scharrhühnern Mittheilung, welche die Nester so herstellen, daß sie „bis 18 Zoll tiefe Gruben mit einem großen Haufen von Muscheln und Schutt bedecken“.

In dem Erstaunen über die enorme Größe der Scharrhühnereier im Verhältniß zur Größe der Vögel sind alle Beobachter [440] einig,[2] von Camel bis auf den heutigen Tag. Im Allgemeinen macht die lange dauernde Entwickelung dieser die ganze untere Bauchhöhle ausfüllenden Eier im Thiere die Größe begreiflich. Nach Wallace’s Beobachtung und Untersuchung legt das großköpfige Scharrhuhn etwa alle 13 Tage ein Ei. Aehnliche oder gleiche Angaben über die Zeitdauer der Eierbildung machen Eingeborene, Colonisten und Reisende. Nun kommt aber das Wunderbarste: es scheint nämlich, daß gewisse Scharrhühner gar nicht diese verlängerte Reifezeit für ihre Eier benöthigen, vielmehr zu den allerfruchtbarsten Vögeln gehören und trotzdem wahre Rieseneier legen!


Die Gartenlaube (1879) b 440.jpg


Megacephalon Maleo. Megapodius Fraicineti. Talegalla Lathami.
Großfuß- oder Scharrhühner.
Originalzeichnung von A. Goering.


Dr. Bennett berichtet an die „Proceedings“, daß Dawson von Sava lebende Vögel der Art Megapodius Barnabye, welche man neuerdings als identisch mit der von Niua-fou bezeichnet hat, mitnahm, die an Bord seines Schiffes täglich bis zu ihrem auf der Ueberfahrt nach Sydney erfolgten Tode 2 Eier legten, und daß ein Weibchen sogar 2 bis 4 Eier täglich lege. Und was für Eier! 3 Zoll lang und 1¾ Zoll breit oder 76 (nach Gray sogar 78) Millimeter lang und 44 Millimeter breit, während der Vogel von der Schnabel- bis zur Schwanzspitze 354 Millimeter mißt, wovon nach Abzug der Maße des Schnabels, Kopfes, Halses und Schwanzes, wie ich nach Exemplaren der reichen und schönen Sammlung auf der „Veste Coburg“ constatirt habe, gegen 160 Millimeter Rumpflänge übrig bleibt. Die Eier erreichen also nahezu die Hälfte der Rumpflänge! Dabei findet die rasche Production dieses und vielleicht auch anderer nahe verwandter Arten in den gleichfalls mit großer Bestimmtheit auftretenden Angaben über die bereits erwähnte Höhe der in einer Grube auf Niua-fou gefundenen Eierzahl ergänzende Bestätigung. Und weshalb sollte ein solcher diametraler Gegensatz hinsichtlich der Entwickelungsdauer bei verschiedenen Arten einer Familie nicht vorkommen, welche nach Allem offenbar auf der primitivste Brütversuchsstation der Vogelwelt zurückgeblieben ist, zumal da innerhalb der zum Theil auf einem ähnliche Standpunkte verharrenden Familie der Kukuke nahezu gleiche Gegensätze bezüglich der Entwickelungsdauer der Eier nachgewiesen worden sind? Ueberhaupt hat die ganze Entwickelungsart dieser Vogelfamilie, so abnorm sie auf den ersten Blick erscheint, für den Forscher bei genauerem Zusehen nichts Unverständliches. So ist die außerordentlich langsame Entwickelung der jungen Thiere im Ei augenscheinlich durch deren mit dem gesammten Brütproceß in logischem Zusammenhange stehende, vollkommenere Ausbildung bedingt. Auch das monatelange Liegen- und Frischbleiben der Eier in den primitiven Nestern ließe sich vielleicht als ein Glied der wunderlichsten Kette von Fortpflanzungsverhältnissen nachweisen, sowie das gleichzeitige Ausschlüpfen der Jungen dadurch erklären, daß sich die Brütwärme erst nach und nach in Folge fortschreitender Gährung oder Bestrahlung durch [441] die Sonne bis zu der erforderlichen Temperatur steigert, und daß die Keimentwickelung der früher oder später gelegten Eier erst mit dem Eintritt der nöthigen Wärmegrade beginnt und somit die zur vollen Entwickelung des kleinen Huhns erforderliche Wärmesumme auf alle Eier gleichzeitig oder doch fast gleichzeitig wirkt.

Dazu kommt aber noch eine Analogie, welche für das Verständniß dieser Erscheinungen wie für die naturwissenschaftliche Erkenntniß im Allgemeinen von hohem Interesse ist.

Sicherlich haben viele Leser bereits an die Aehnlichkeiten der geschilderten Fortpflanzungsweise mit derjenigen mancher Reptilien, der Echsen, Schlangen und Schildkröten gedacht. Die Uebereinstimmung ist vielfach überraschend. Nicht blos das Ausscharren von Eiergruben, das Aufschichten und Bedecken der Eier mit Sand oder Erde etc., sondern auch Form und Structur der Eischale und das übergroße Dotter ist diesen Hühnern mit den genannten Reptilien, besonders mit den Krokodilen gemeinsam. Nun steht aber bekanntlich die ganze Classe der Vögel bezüglich ihres inneren Baues und ihrer embryonalen Entwickelung den Reptilien sehr nahe und verehrt in den Echsen ihre Ahnen. Ist uns doch in dem Solenhofer lithographischen Schiefer die Urlithographie eines Reptilienvogels aufbewahrt worden: der echsen- oder saurierschwänzige Urvogel, Archaeopteryx lithographica, zeigt einen aus zwanzig langen und dünnen Wirbeln gebildeten Eidechsenschwanz, mit je zwei seitlich an jeden Wirbel angesetzten starken Schwanzfedern. Dieser Eidechsenvogel, vielleicht oder wahrscheinlich nicht einmal der erste Vogel, kam mit den Saurierahnen V. Scheffel’s


Die Gartenlaube (1879) b 441.jpg

Brutstätten von Talegalla-Hühnern.
Originalzeichnung von A. Goering.

„zu tief in die Kreide, und da war es natürlich vorbei“. Für diese Stammverwandtschaft der Vögel mit großen und kleinen Eidechsen bildet die Fortpflanzungsweise der Großfuß-Hühner einen nicht unwichtigen Beleg.


  1. Dem Vernehmen nach soll im nächsten Jahre, dem hundertjährigen Jubeljahre seiner Geburt, dem Großmeister der deutschen Ornithologen, Professor Dr. J. F. Naumann und zugleich seinem Vater und Bruder ein einfaches, aber würdiges Denkmal in Köchen errichtet werden. Der lange geplante Gedanke wurde bereits 1849 von dem Verfasser obigen Artikels, Dr. Baldamus, und dem jetzigen Präsidenten der deutschen Ornithologen-Gesellschaft, Baron Eugen von Homeyer, angeregt, und ist bereits dafür gesammelt worden. Das Capital wurde auf Zinsen ausgethan, reicht indeß mit den Zinsen doch nicht aus, um das Denkmal in der beabsichtigten Weise herzustellen. Wir glauben manchem dankbaren Schüler und Verehrer Naumann’s einen Dienst zu leisten, wenn wir auf das vorstehende Jubiläum aufmerksam machen und ihm so Gelegenheit geben, seine Theilnahme an dem Unternehmen auch werkthätig zu beweisen. Herr Dr. Baldamus in Coburg wird gern auf Anfragen guten Rath ertheilen.
    D. Red.
  2. Es giebt übrigens einen Vogel, der nach Verhältniß der Körpergröße noch größere Eier legt: eine Kiwi-Art – Apteryx Mantelli – in Neuseeland wiegt 4½ Pfund, während das an die großen Schildkröteneier erinnernde Ei 14¼ Unzen (= 28½ Loth) schwer ist. Ein mit Wasser gefülltes Ei meiner Sammlung wog 29½ Loth.