Die Gesellschaft im Keller

Textdaten
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Autor: E. T. A. Hoffmann
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Titel: Die Abentheuer der Sylvester-Nacht – 2. Die Gesellschaft im Keller
Untertitel:
aus: Fantasiestücke in Callot’s Manier, Zweiter Theil, S. 241-250
Herausgeber:
Auflage: Zweite, durchgesehene Auflage in zwei Theilen (= Ausgabe letzter Hand)
Entstehungsdatum: 1814-15, revidiert 1819
Erscheinungsdatum: 2. Auflage: 1819
Verlag: Kunz
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Erscheinungsort: Bamberg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: pdf bei commons: Bd.2
Kurzbeschreibung:
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Hoffmann Fantasiestücke in Callots Manier Bd.2 1819.pdf
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2.
Die Gesellschaft im Keller.


Unter den Linden auf und ab zu wandeln mag sonst ganz angenehm seyn, nur nicht in der Sylvester-Nacht bei tüchtigem Frost und Schneegestöber. Das fühlte ich Baarköpfiger und Unbemäntelter doch zuletzt, als durch die Fiebergluth Eisschauer fuhren. Fort ging es über die Opernbrücke, bei dem Schlosse vorbei – ich bog ein, lief über die Schleusenbrücke bei der Münze vorüber. – Ich war in der Jägerstraße dicht am Thiermannschen Laden. Da brannten freundliche Lichter in den Zimmern; schon wollte ich hinein, weil zu sehr mich fror und ich nach einem tüchtigen Schluck starken Getränkes durstete; eben strömte eine Gesellschaft in heller Fröhlichkeit heraus. Sie sprachen von prächtigen Austern und dem guten Eilfer-Wein. „Recht hatte Jener doch,“ rief Einer von ihnen, wie ich beim Laternenschein bemerkte, ein stattlicher Uhlanenoffizier, „Recht hatte Jener doch, der voriges Jahr in Mainz auf die verfluchten Kerle schimpfte, welche Anno 1794 durchaus nicht mit dem Eilfer herausrücken wollten.“ – Alle lachten aus voller Kehle. Unwillkührlich war ich einige Schritte weiter gekommen, ich blieb vor einem Keller stehen, aus dem ein einsames Licht herausstrahlte.[WS 1] Fühlte sich der Schakspearsche Heinrich nicht einmal so ermattet und demüthig, daß ihm die arme Creatur Dünnbier in den Sinn kam? In der That, mir geschah Gleiches, meine Zunge lechzte nach einer Flasche guten englischen Biers. Schnell fuhr ich in den Keller hinein. „Was beliebt?“ kam mir der Wirth, freundlich die Mütze rückend, entgegen. Ich forderte eine Flasche guten englischen Biers nebst einer tüchtigen Pfeife guten Tabaks, und befand mich bald in solch einem sublimen Philistrismus, vor dem selbst der Teufel Respekt hatte und von mir abließ. – O Justizrath! hättest du mich gesehen, wie ich aus deinem hellen Theezimmer herabgestiegen war in den dunkeln Bierkeller, du hättest dich mit recht stolzer verächtlicher Miene von mir abgewendet und gemurmelt: „Ist es denn ein Wunder, daß ein solcher Mensch die zierlichsten Jabots ruinirt?“ –

Ich mochte ohne Hut und Mantel den Leuten etwas verwunderlich vorkommen. Dem Manne schwebte eine Frage auf den Lippen, da pochte es an’s Fenster und eine Stimme rief herab: „Macht auf, macht auf, ich bin da!“ Der Wirth lief hinaus und trat bald wieder herein, zwei brennende Lichter hoch in den Händen tragend, ihm folgte ein sehr langer, schlanker Mann. In der niedrigen Thür vergaß er sich zu bücken und stieß sich den Kopf recht derb; eine baretartige schwarze Mütze, die er trug, verhinderte jedoch Beschädigung. Er drückte sich auf ganz eigene Weise der Wand entlang und setzte sich mir gegenüber, indem die Lichter auf den Tisch gestellt wurden. Man hätte beinahe von ihm sagen können, daß er vornehm und unzufrieden aussähe. Er forderte verdrießlich Bier und Pfeife, und erregte mit wenigen Zügen einen solchen Dampf, daß wir bald in einer Wolke schwammen. Uebrigens hatte sein Gesicht so etwas Charakteristisches und Anziehendes, daß ich ihn trotz seines finstern Wesens sogleich liebgewann. Die schwarzen reichen Haare trug er gescheitelt und von beiden Seiten in vielen kleinen Locken herabhängend, so daß er den Bildern von Rubens glich. Als er den großen Mantelkragen abgeworfen, sah ich, daß er in eine schwarze Kurtka mit vielen Schnüren gekleidet war, sehr fiel es mir aber auf, daß er über die Stiefeln zierliche Pantoffeln gezogen hatte. Ich wurde das gewahr, als er die Pfeife ausklopfte, die er in fünf Minuten ausgeraucht. Unser Gespräch wollte nicht recht von Statten gehen, der Fremde schien sehr mit allerlei seltenen Pflanzen beschäftigt, die er aus einer Kapsel genommen hatte und wohlgefällig betrachtete. Ich bezeigte ihm meine Verwunderung über die schönen Gewächse und fragte, da sie ganz frisch gepflückt zu seyn schienen, ob er vielleicht im botanischen Garten oder bei Boucher gewesen. Er lächelte ziemlich seltsam und antwortete: „Botanik scheint nicht eben Ihr Fach zu seyn, sonst hätten Sie nicht so“ – Er stockte, ich lispelte kleinlaut: „albern“ – „gefragt“ setzte er treuherzig hinzu. „Sie würden,“ fuhr er fort, „auf den ersten Blick Alpenpflanzen erkannt haben, und zwar, wie sie auf dem Tschimborasso wachsen.“ Die letzten Worte sagte der Fremde leise vor sich hin, und Du kannst denken, daß mir dabei gar wunderlich zu Muthe wurde. Jede Frage erstarb mir auf den Lippen; aber immer mehr regte sich eine Ahnung in meinem Innern, und es war mir, als habe ich den Fremden nicht sowol oft gesehen, als oft gedacht. Da pochte es aufs Neue ans Fenster, der Wirth öffnete die Thür und eine Stimme rief: „Seyd so gut Euern Spiegel zu verhängen.“ – „Aha!“ sagte der Wirth, „da kommt noch recht spät der General Suwarow.“ Der Wirth verhing den Spiegel, und nun sprang mit einer täppischen Geschwindigkeit, schwerfällig hurtig, möcht’ ich sagen, ein kleiner dürrer Mann herein, in einem Mantel von ganz seltsam bräunlicher Farbe, der, indem der Mann in der Stube herumhüpfte, in vielen Falten und Fältchen auf ganz eigene Weise um den Körper wehte, so daß es im Schein der Lichter beinahe anzusehen war, als führen viele Gestalten aus und in einander, wie bei den Enslerschen Fantasmagorien. Dabei rieb er die in den weiten Aermeln versteckten Hände und rief: „Kalt! – kalt – o wie kalt! In Italia ist es anders, anders!“ Endlich setzte er sich zwischen mir und dem Großen, sprechend: „Das ist ein entsetzlicher Dampf – Tabak gegen Tabak – hätt’ ich nur eine Priese!“ – Ich trug die spiegelblank geschliffene Stahldose in der Tasche, die Du mir einst schenktest, die zog ich gleich heraus und wollte dem Kleinen Tabak anbieten. Kaum erblickte er die, als er mit beiden Händen darauf zufuhr und, sie wegstoßend, rief: „Weg – weg mit dem abscheulichen Spiegel!“ Seine Stimme hatte etwas Entsetzliches, und als ich ihn verwundert ansah, war er ein Andrer worden. Mit einem gemüthlichen jugendlichen Gesicht sprang der Kleine herein, aber nun starrte mich das todtblasse, welke, eingefurchte Antlitz eines Greises mit hohlen Augen an. Voll Entsetzen rückte ich hin zum Großen. „Ums Himmelswillen, schauen Sie doch,“ wollt’ ich rufen, aber der Große nahm an Allem keinen Antheil, sondern war ganz vertieft in seine Tschimborasso-Pflanzen, und in dem Augenblick forderte der Kleine: „Wein des Nordens,“ wie er sich preziös ausdrückte. Nach und nach wurde das Gespräch lebendiger. Der Kleine war mir zwar sehr unheimlich, aber der Große wußte über geringfügig scheinende Dinge recht viel Tiefes und Ergötzliches zu sagen, unerachtet er mit dem Ausdruck zu kämpfen schien, manchmal auch wol ein ungehöriges Wort einmischte, das aber oft der Sache eben eine drollige Originalität gab, und so milderte er, mit meinem Innern sich immer mehr befreundend, den übeln Eindruck des Kleinen. Dieser schien wie von lauter Springfedern getrieben, denn er rückte auf dem Stuhle hin und her, gestikulirte viel mit den Händen, und wol rieselte mir ein Eisstrom durch die Haare über den Rücken, wenn ich es deutlich bemerkte, daß er wie aus zwei verschiedenen Gesichtern heraussah. Vorzüglich blickte er oft den Großen, dessen bequeme Ruhe sonderbar gegen des Kleinen Beweglichkeit abstach, mit dem alten Gesicht an, wiewol nicht so entsetzlich, als zuvor mich. – In dem Maskenspiel des irdischen Lebens sieht oft der innere Geist mit leuchtenden Augen aus der Larve heraus, das Verwandte erkennend, und so mag es geschehen seyn, daß wir drei absonderliche Menschen im Keller uns auch so angeschaut und erkannt hatten. Unser Gespräch fiel in jenen Humor, der nur aus dem tief bis auf den Tod verletzten Gemüthe kommt. „Das hat auch seinen Haken,“ sagte der Große. „Ach Gott,“ fiel ich ein, „wie viel Haken hat der Teufel überall für uns eingeschlagen, in Zimmerwänden, Lauben, Rosenhecken, woran vorbeistreifend wir etwas von unserm theuern Selbst hängen lassen. Es scheint, Verehrte! als ob uns Allen auf diese Weise schon etwas abhanden gekommen, wiewol mir diese Nacht vorzüglich Hut und Mantel fehlte. Beides hängt an einem Haken in des Justizraths Vorzimmer, wie Sie wissen!“ Der Kleine und der Große fuhren sichtlich auf, als träfe sie unversehens ein Schlag. Der Kleine schaute mich recht häßlich mit seinem alten Gesichte an, sprang aber gleich auf einen Stuhl und zog das Tuch fester über den Spiegel, während der Große sorgfältig die Lichter putzte. Das Gespräch lebte mühsam wieder auf, man erwähnte eines jungen wackern Malers, Namens Philipp, und des Bildes einer Prinzessin, das er mit dem Geist der Liebe und dem frommen Sehnen nach dem Höchsten, wie der Herrinn tiefer heiliger Sinn es ihm entzündet, vollendet hatte. „Zum Sprechen ähnlich, und doch kein Portrait, sondern ein Bild,“ meinte der Große. „Es ist so ganz wahr,“ sprach ich, „man möchte sagen, wie aus dem Spiegel gestohlen.“ Da sprang der Kleine wild auf, mit dem alten Gesicht und funkelnden Augen mich anstarrend schrie er: „Das ist albern, das ist toll, wer vermag aus dem Spiegel Bilder zu stehlen? – wer vermag das? meinst Du, vielleicht der Teufel? – Hoho Bruder, der zerbricht das Glas mit der tölpischen Kralle, und die feinen weißen Hände des Frauenbildes werden auch wund und bluten. Albern ist das. Heisa! – zeig mir das Spiegelbild, das gestohlne Spiegelbild, und ich mache Dir den Meistersprung von tausend Klafter hinab, du betrübter Bursche!“ – Der Große erhob sich, schritt auf den Kleinen los und sprach: „Mache Er sich nicht so unnütz, mein Freund! sonst wird Er die Treppe hinaufgeworfen, es mag wol miserabel aussehen mit Seinem eignen Spiegelbilde.“ – „Ha ha ha ha!“ lachte und kreischte der Kleine in tollem Hohn, „ha ha ha – meinst Du? meinst Du? Hab’ ich doch meinen schönen Schlagschatten, o Du jämmerlicher Geselle, hab’ ich doch meinen Schlagschatten!“ – Und damit sprang er fort, noch draußen hörten wir ihn recht hämisch meckern und lachen: „hab’ ich doch meinen Schlagschatten!“ Der Große war, wie vernichtet, todtenbleich in den Stuhl zurückgesunken, er hatte den Kopf in beide Hände gestützt und aus der tiefsten Brust athmete schwer ein Seufzer auf. „Was ist Ihnen?“ fragte ich theilnehmend. „O mein Herr,“ erwiederte der Große, „jener böse Mensch, der uns so feindselig erschien, der mich bis hieher, bis in meine Normalkneipe verfolgte, wo ich sonst einsam blieb, da höchstens nur etwa ein Erdgeist unter dem Tisch aufduckte und Brodkrümchen naschte – jener böse Mensch hat mich zurückgeführt in mein tiefstes Elend. Ach – verloren, unwiederbringlich verloren habe ich meinen – Leben Sie wohl!“ – Er stand auf und schritt mitten durch die Stube zur Thür hinaus. Alles blieb hell um ihn – er warf keinen Schlagschatten. Voll Entzücken rannte ich nach – „Peter Schlemihl – Peter Schlemihl!“[1] rief ich freudig, aber der hatte die Pantoffeln weggeworfen. Ich sah, wie er über den Gensdarmesthurm hinwegschritt und in der Nacht verschwand.

Als ich in den Keller zurück wollte, warf mir der Wirth die Thür vor der Nase zu, sprechend: „Vor solchen Gästen bewahre mich der liebe Herr Gott!“ –


Anmerkungen

  1. Peter Schlemihls wundersame Geschichte, mitgetheilt von Adalbert von Chamisso und herausgegeben von Friedrich Baron de la Motte Fouqué, Nürnberg bei J. L. Schrag. 1814.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. [In der ersten Fassung schließt – siehe Hirschberg 1922 Bd. 13, S. 356–357 Commons – hier an:]
    die lustige Gesellschaft hatte sich entfernt, es war stille geworden und ich vernahm deutlich wie Mann und Frau unten mit einander sprachen:
    Die Frau. Nun sitzen wir wieder allein und das Leben für die vornehmen Leute da oben geht erst recht an.
    Der Mann. Mags doch, war es denn nicht heute recht voll bey uns und lauter tüchtige ehrsame Männer?
    Die Frau. O ja! – zehn Menschen oder eilf, und was haben wir denn verdient? – Aber freylich, wenn man nichts feil hat als Bier, nicht einmahl Rum, den sie nun einmahl alle trinken wollen. – Oben geht es schon anders, da klappert die Thüre immer auf und zu – auf und zu, und lauter hübsche vornehme Herren.
    Der Mann. Geh’ mir mit deinen vornehmen Herren und dem ausländischen Laden. Mein Manheimer, Fredersdorfer, Neuwalder, Stettiner ist das beste weit und breit, und mehr verlangt der Gevatter Kammacher und jeder meiner werthen Gäste nicht.
    Die Frau. Aber Rum mußt du dir halten und auch Sardellen. [357]
    Der Mann. Gott soll mich dafür behüten, das welsche Zeug soll nicht in meinen Keller. Einmahl war ich da oben im Laden beym Nachbar Thiermann, der die vielen schönen Bilder hat. Bey dem ging es lustig her in den Zimmern und ein ganz kleines blaßes Männlein trug eine große Schüßel mit ganz kuriosem bunten Zeuge – gelb – roth – blau – grün durcheinander – hinein. Sie nannten das einen italiänischen
 Sallat – Gott verzeih! mir wurde ganz schlimm und unheimlich; 
der kleine Kerl kam mir vor wie ein Däumling mit einem Satansfraß die Leute zu verlocken.
    Die Frau. Wie du auch bist! – das kommt aber, weil unser Herr dir zuweilen allerley närrisches Zeug vorschwatzt. – Heute bleibt er wohl aus.
    Der Mann. Ich glaub’ es auch – wir wollen nur zu Bette gehn.
    
Schnell fuhr ich in den Keller hinein. Die Frau saß im Lehnstuhl am Ofen, der Mann stand im Nachtwamms und Pantoffeln vor 
ihr.
    [Weiter mit: „Was beliebt?“ kam mir der Wirth,…]