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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Die Gemsjagd
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1, S. 11–16
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Ein Auszug aus Gerstäckers Buch Eine Gemsjagd in Tyrol. Ernst Keil, Leipzig 1857
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[11]
Die Gemsjagd.
Von Fr. Gerstäcker.[1]

Die Gemsjagd! – welchen eigenen Zauber das Wort allein schon auf mich ausübt! Kaum nehme ich die Feder in die Hand, und lasse die Erinnerung zurückschweifen zu jenem wilden fröhlichen Leben, so tauchen auch schon die grimmen Berge in all’ ihrer Pracht und Herrlichkeit empor. Wieder sehe ich jene schroffen Kuppen und Joche, jene Schluchten und Wände hoch über mir emporragen – unter mir in schwindelnder Tiefe liegen – wieder höre ich in weiter Ferne das Donnern der Lawinen, das Prasseln der aufgescheuchten Gemsen auf dem lockeren Geröll der Reißen, und wie mit einem jähen Schlag steht plötzlich jene wunderbare Welt in ihrer ganzen Pracht und Größe bewältigend um mich her.

Das Herz fängt mir an zu schlagen, als ob ich noch einmal da draußen, halb in einen Laatschenbusch hineingeklemmt, auf überhängender, vorspringender Felsenspitze klebte, und kaum athmend, mit der gespannten Büchse in der Hand, in ängstlicher, fast peinlicher Lust, die Sinne zum Zerspringen angestrafft, des flüchtigen Wildes harrte – und Alles wird lebendig um mich her:

In den gelblich schimmernden Lärchentannen, die tief unter mir ihre halbtrockenen Spitzen heraufstrecken, rauscht und murmelt der Wind, schüttelt und schaukelt die elastischen zähen Zweige der Krummholzkiefer und fegt den Staub aus den trockenen Ritzen und Spalten der weiten Klamm, die sich neben mir, mit ihren gähnenden Schluchten und Spalten, tief in den Berg hineingefressen hat. Dort drüben balgt sich ein Schwarm schreiender munterer Alpendohlen, und still darüber hin, in stummer gewaltiger Majestät, zieht ein einzelner Jochgeier seine luftige Bahn.

O komm! – fort, fort aus dem flachen Land. – Dort hinten ragen schon die starren, lichtübergossenen Joche aus dem duft’gen Nebel auf, der wie ein Schleier auf den Bergen liegt; neben uns rauscht und funkelt die blaue Isar, und trägt den flüssigen, wie mit leuchtendem Silber übergossenen Bergkrystall zum niederen Land hinab. Die kleinen zierlichen reinlichen Häuser mit ihren steinbeschwerten Dächern, hölzernen Veranda’s, bunten Heiligenbildern und Außenwerken von gespaltenen Winterscheiten werden häufiger, freundlich grüßende Gesichter mit spitzen, federgeschmückten Hüten darüber, das unvermeidliche „Regendach“ unter dem Arme, begegnen uns, und jetzt rasselt der Wagen über das Pflaster des Bergstädtchens Tölz die lange Straße hinab, die wie eine Bildergallerie an beiden Seiten alle möglichen „Schildereien“ aus der biblischen Geschichte und christlichen Sage zeigt. – Den Hang nieder geht’s durch eine plankenbelegte mit blauen Hemmschuhspuren gestreifte Gasse über die Isar hinüber, die hier ärgerlich schäumt, weil sie da urplötzlich in ein Wehr gedrängt und Mühlen treiben soll, das freie Kind der Berge und jetzt – o wie uns das Herz da weit wird und die Brust noch einmal so leicht in der reinen Luft zu athmen scheint, strecken die alten lieben Berge die Arme aus, uns zu begrüßen, und enger, tiefer wird das Thal mit jeder Meile, grüner der Fluß, an dem wir aufwärts ziehen, reiner der Himmel, schmäler der Weg, dem der leichte Wagen folgt. Schon nickt die Krummholzkiefer, der Laatschenbusch, wie sie der Tyroler nennt, uns von den nächsten Hängen ein freundliches Willkommen zu und läutende, trefflich genährte Heerden – die Lieblingsthiere mit riesigen Glocken um den Hals – Schafheerden der Bergamasker Raçe mit herunterhängenden Ohren – und Hirten, schwer mit allerlei Alpengeräth bepackt, begegnen uns in der Straße. Es ist Oktober, und Hirten wie Heerden weichen dem nächst zu erwartenden Schneefall aus, der die höchsten Kuppen des Gebirges schon dann und wann einmal auf ein paar Tage mit seinem weißen Mantel überwirft, – nur als ob er sehen wollte, ob ihnen die alten Kleider vom vorigen Jahre noch passen – und sie sitzen wie angegossen.

Es ist Herbst, und die Hirten „drin im Gebirg“ haben selbst die letzten „Unterleger“ verlassen, ihre Thalwohnungen aufzusuchen und ihre Heerden vor Lawinensturz und Wintersturm in Sicherheit zu bringen.

In den Bergen wird’s jetzt leer, da Vieh und Heerden thalab gezogen, und wunderhübsch schildert Tschudi das in seiner Alpenwelt:

„Weißt Du doch selber, Alpenwanderer,“ sagt er, „was für ein schwermüthig drückender Ton im Herbst über diesen Felsen liegt, wenn Menschen und Heerden, Pferde und Hund, und Feuer, Brot und Salz sich in’s Thal zurückgezogen. Wenn Du an der verlassenen und verrammelten Hütte vorübersteigst, und Alles immer einsamer und einsamer wird, wie wenn der alte Geist des Gebirges den majestätischen Mantel seines furchtbaren Ernstes über sein ganzes Revier hinschlüge. Kein befreundeter Athemzug weht Dich meilenweit an, kein heimischer Ton – nur das Krächzen des hungrigen Raubvogels, das Pfeifen des schnell verschwindenden Murmelthiers mischt sich in das Dröhnen der Gletscher und das monotone Rauschen des kalten Eiswassers. Die kahlgeweideten Gründe, in denen die kleinen Gruppen der giftigen Kräuter mit frischen Graskränzen, welche das Vieh nicht berührte, sich auszeichnen, haben die letzten anmuthigen Tinten des Idylls verloren. Der schwarze Salamander und die träge Alpenkröte nehmen wieder Besitz von den verschlammenden Tränkbetten der Rinder, und die verspäteten Bergfalter schweben mit halbzerrissenen und abgebleichten Flügeln durch das Revier, aus dem die beweglichen Unken in trostlosen Chören die sömmerlichen Jodelgesänge der Hirten wie spottend zu wiederholen scheinen.“

Nicht wahr, wie schade, daß der Jäger gerade in diese Berge einzieht, wenn sie der Hirt mit seinen idyllischen Heerden verläßt, und der Jäger bedauert das gewiß –

„Gott sei Dank, daß das langweilige Vieh mit seinem Gebimmel endlich abzieht,“ murmelt er vergnügt vor sich hin, „jetzt bekommen die Berge doch endlich eine Ruh, und man braucht

[12]
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Das Aufsteigen.

nicht zu fürchten auf jedem Pirschgang – jedem Joch statt einem Rudel Gemsen eine Heerde Schafe anzutreffen.“

Die Poesie der Berge verträgt sich recht gut mit der Jagd und der echte Jäger weiß sie gewiß zu würdigen, denn sein ganzes Leben und Treiben ist poetisch; aber – sie darf ihm nur nicht in’s Gehege kommen, sonst sind sie eben die längste Zeit Freunde gewesen. Wo sie die Ausübung seiner Jagdlust stört, hat sie für ihn aufgehört Poesie zu sein, und – wenn er sie nicht zum Teufel wünscht, geschieht das nur in einzelnen Fällen aus ganz besonderer Rücksicht.

[13]
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Der Niedergang.

Aber das Gebirg wird schon wilder. – Rechts von uns ragt eine hohe schroffe Steinwand, von der Sonne mit ihrer flammenden Gluth übergossen, wie eine riesige Silberstufe auf; nach links zu öffnet sich jetzt das Thal, und herüber grüßt da plötzlich: mit seiner scharfgeschnittenen, schneegedeckten Pyramidenkuppe der Schafreuter, während weiter nach vorn, wo jetzt die Riß sich in die Isar gießt, der Stuhlkopf und dahinter der gewaltige Steinkegel, der große Falken sichtbar wird. Das sind alte Bekannte, alte Freunde, und es ist fast, als ob sie die mächtigen Hälse reckten und freundlich herüberwinkten, uns zu grüßen.

[14] Nein – es war nur Augentäuschung. In grimmer stolzer Majestät stehen sie dort, und bieten den Jahrhunderten die Stirn. Ob sie Orkane umrasen, ob der Föhn durch ihre Schluchten tobt, und die Lawinen von ihrem Nacken niederdonnern, das Entsetzen in die Thäler wirft – oder ob kosende Frühlingslüfte ihre Hänge und Wände mit Blüthen decken, was kümmert’s sie. Geschlechter gehn und kommen und vergehn auf’s neu, und starr und trotzig recken sie die Häupter nach wie vor dem blauen Aethermeer entgegen.

Da hinein – an jenen Wänden hinauf, jene Schluchten mit ihren eingerissenen Klammen und schwindelnden Abgründen kreuzend, bald auf, bald nieder, jetzt ein Laatschendickicht durchdringend, jetzt über rollendes Gestein mit flüchtigem Fuße hinüberspringend, liegt unsere Bahn, und wirklich nur der, der selbst die Jagdlust – die Leidenschaft der Jagd kennt und mitfühlen mag, wird auch begreifen können, wie Menschen mit zäher Ausdauer, allen Strapatzen, allen Gefahren trotzend, in diese Berge klettern können, das scheue flüchtige Wild, die Gemse, zu erlegen.

Wenn auch manches Märchen über diese Art Jagd erzählt ist, das den gemüthlichen Leser im flachen Lande unnöthigerweise mit Schaudern und Entsetzen erfüllte – wenn er auch nicht z. B. zu glauben braucht, daß sich der Gemsjäger die Schuhe und Strümpfe auszieht und die nackten Sohlen aufschneidet, um mit seinem eigenen Blute an den glatten Hängen und Gletschern zu kleben, bieten doch die schroffen Wände in Wirklichkeit der gefährlichen Plätze genug, die Jagd eben interessant zu machen.

Wo Weg und Steg aufhört, wo der niederbrechende Fels mit seinen Trümmern die Hänge überstreut und wild Geröll ins Thal gerissen hat; wo hier und da an glatten Wänden nur kleine grasbewachsene Streifen oder vorstehende Steine dem Fuß gestatten, zweifelhaften Halt zu finden; wo überhängende Laatschen dem aufklimmenden Jäger freundlich die zähen Arme niederhalten – mit einem Worte, wo irgend nur ein Anhaltspunkt sich bietet, vorwärts zu kommen, und der Kletternde, den Blick nicht rückwärts wendend, oft Stellen ersteigt, die er nie wieder an demselben Platze zurückpassiren könnte, sucht er sich die Bahn. Nur erst die Höhe muß gewonnen, das Wild gefunden werden, das ist der einzige Gedanke, der ihn treibt, und nach beendeter Jagd gibt es dann Stellen genug, wo man in’s Thal zurückklettern kann.

Oft mag er stundenweit auf grasigen, nicht allzusteilen Lannen rasch und bequem aufwärts steigen. Oft bietet ihm gerade das niedergebrochene, fest liegende Gestein vollkommen sichern Anhalt. Wo noch Bäume wachsen, kann er dabei leicht alle etwa gefährlichen Stellen umgehen. Sie selber oder ihre Wurzeln verstatten ihm guten, oft bequemen Grund, darauf zu fußen. Selbst wo die Krummholzkiefer, die sogenannte Laatsche, wächst, hat er wohl beschwerlichen, aber immer noch verhältnißmäßig sicheren Weg aufwärts, denn deren zähe, elastische Zweige brechen nicht, und ihre Wurzeln klammern selbst in dem lockersten Boden mit erstaunlicher Festigkeit. Ein fingerdicker niederhängender Zweig trägt das Gewicht eines Mannes.

Nur da, wo Lawinen oder niederstürzende Bergwasser Spalten und Schluchten zwischen sie hineingerissen haben, was der Bergjäger dort Klammen nennt, beginnt die Gefahr des Kletterns, und nicht allein ein sicherer Fuß, nein auch ein sicherer Blick gehört dazu, die Stellen auszuwählen, wo ein Ueber- oder Aufgang möglich ist.

Der Gemsjäger ist hierzu schon durch seine Schuhe und seinen Stock ausgerüstet, und seine ganze Tracht nicht allein der Jagd selber, sondern auch dem Terrain, auf dem er sich befindet, angepaßt – praktisch und malerisch zugleich.

Auf dem Kopf trägt er den bekannten Tyroler Hut, mit einigen nach rückwärts gebogenen Spielhahnfedern, dem Stoß eines Schnee-, Hasel- oder Steinhuhns und manchmal einen Gemsbart. Der Hals ist frei, und das weiße Hemd wird durch ein schwarz oder buntseidenes Tuch locker zusammengehalten. Vortrefflich unter den Hut paßt aber die graue Joppe mit dem grünen Kragen – die Joppe eigentlich gewöhnlich etwas zu dunkel für die Berge, weil die lichteren Farben viel besser mit dem Wettergrau der Steine verschmelzen. Unter diesen reichen dann die schwarzen Lederhosen nur bis zum oberen Rand des Knie’s, das sie bloß lassen, während unter dem Knie der dickwollene, weiß gewebte, grüne oder graue Strumpf beginnt. Die Füße stecken in mächtigen Bergschuhen, von festem, wenig geschmeidigem Leder, das den Fuß kräftig zusammenhält, während die darunter eingeschlagenen Nägel nur beim bloßen Anblick einem, mit Hühneraugen geplagten Menschenkinde Entsetzen einflößen müßten.

Es sind das auch nicht etwa gewöhnliche Nägel. Nach innen scharf abschneidend, nach außen aber mit breitem Griff die Sohle fassend und schützend, bilden sie einen wirklichen scharfen eisernen Rand um den Schuh herum, und ahmen dadurch die ähnlich eingeschnittenen Schalen der Gemse nach. Ohne diese Schuhe würde nicht einmal der, von kleinauf an diese Berge gewohnte Jäger im Stande sein, an den steilen platten Graslannen und schroffen Hängen, die oft nur zollbreite Vorsprünge auf ihrer starren Fläche bieten, fortzukommen. Mit solchem scharfen Eisenrand schneidet man aber fest in die Wände ein, und wenn der Kopf nicht schwindelt, läuft man mit einiger Uebung sicher über nicht eben ganz senkrechte Hänge hin.

Dazu aber braucht man, außer den Schuhen noch ein anderes, höchst nöthiges Instrument, und zwar den Bergstock. Dieser, von etwa sechs Fuß Länge, mit oder ohne eisernem Stachel, gewöhnlich nur roh aus einer Haselstaude geschnitten und getrocknet, bietet dem Bergwanderer die Hauptstütze und Hülfe. Ohne den Stock wäre er nur wenig nütze da oben.

Noch darf ich den Bergsack nicht unerwähnt lassen. Er ist, wie Alles, was der Alpenjäger braucht und mit sich trägt, so einfach, leicht und praktisch wie nur irgend möglich eingerichtet. Er besteht aus einem grünleinenen Sack, der hinten mit einem starken aber dünnen Seil auf- und zugeschnürt werden kann, und auf dem Rücken, wo er keine Bewegung hindert, mit zwei ledernen oder gurtenen Achselbändern getragen wird. Birgt der Jäger nun seinen Proviant, seine Steigeisen, Munition und vielleicht die Regenjoppe mit etwas Wäsche darin, so nimmt er, zusammengefaltet, wenig Raum ein, läßt sich aber soweit ausbreiten, noch mit Leichtigkeit den größten Gemsbock darin aufzunehmen. Die „Gams“ wird dann so zusammengelegt, daß Kopf und Läufe ineinandergeschoben oben auf kommen und nur die äußersten Spitzen der Läufe mit den Krickeln (Hörner der Gemse) zum Schlitz herausschauen.

Einen außerordentlichen Vortheil bietet diese Tracht der nur bis zum Knie reichenden Hosen besonders beim Bergaufsteigen. Lange Hosen würden das Knie bei jedem Schritt reiben und spannen, und dadurch das Bein weit eher ermüden, während dasselbe so frei und unbehindert bleibt, und keinem Druck unterworfen, den Körper leicht und kräftig aufwärts trägt.

Der Stock ist beim Aufsteigen weit weniger nützlich, als beim Bergabklettern, obgleich man sich auch oft mit ihm heben und auf ihn stützen kann. Beim Aufsteigen müssen die Hände fast so viel mithelfen als die Füße, und das Gewehr auf den Rücken gehängt, an jedem Busch sich anklammernd, in jede enge Spalte sich einklemmend, jetzt einen vorspringenden Stein, jetzt eine Wurzel, jetzt einen einzelnen Alpenrosen- oder Grasbüschel benutzend, hebt sich der Steigende daran empor. Auch nicht gut ist es, viel zurück zu schauen. Beim Niedersehen in die Tiefe faßt uns leicht Schwindel an, und die Sinne braucht man dort droben alle zusammen und in guter Ordnung, damit der Fuß nicht etwa strauchele. Nur immer vorwärts, Freund, dort oben hast Du wieder festen sicheren Boden, und erst den hohen Rand erreicht, von dem der Blick die Schluchten weit übersieht, magst Du die scheue Gemse auch berücken.

Da rasselt’s da drüben an der Wand, Steine rollen und kleine dunkle Punkte, nicht größer wie Ameisen, springen blitzesschnell über die lichten Wände hin.

Mit dem Fernrohr, nach Büchse und Bergstock das wichtigste Instrument für den Gemsenjäger, suchen die Schützen indessen das Terrain, das sie übersehen können, ab – unerwartet kann ihnen überhaupt hier kein Wild kommen, denn der steinige, rauhe Boden verräth es schon auf größere Entfernung. Da drüben ist ein dunkler Punkt an der nämlichen Wand, über der der erste Treiber sichtbar wurde – richtig es ist ein alter Bock, der sich hier unter einen Felsvorsprung gestellt hat, nach unten hin aufmerksam die springenden Gemsen betrachtet, nach oben ganz erstaunt hinaufhorcht, woher auf einmal all’ die großen dicken Steine kommen, von denen er freilich, grad wo er steht, wenig zu fürchten hat.

Dort und da wird es jetzt lebendig. Ueber den tiefen Thalgrund des weiten Felsenkessels springt das stärkste Rudel gerade dort hinauf, wo ein Jäger, die Büchse im Anschlag, fest hinter einen hohen Stein gedrückt steht. Näher und immer näher [15] kommen sie hinan – der Wind schlägt auf und sie wittern nicht die Gefahr, der sie sich nahen. Prachtvoll sieht es dabei aus, wie die dunklen, schlanken Thiere an den lichtgrauen Steinwänden hin und aufwärts setzen. Jetzt bleibt die Leitgeis auf einer vorspringenden Zacke mit dicht zusammengeschobenen Füßen stehen und sichert umher – aber nicht lange braucht sie nach der vermutheten Gefahr zu suchen – der Treiber dort oben auf dem nackten Joch schwenkt den Hut nach ihnen hinüber, seine ganze Gestalt zeichnet sich ihnen scharf und rein gegen den blauen Himmel ab, und fort stürmen sie wieder, geschützteren Platz zu erreichen, und aus so gefährlicher Nähe zu kommen – die armen Dinger.

Jetzt setzen sie die Schlucht hinauf, an dessen oberem Ende der Jäger steht – kaum funfzig Schritt an ihm vorbei springt das Leitthier – hält einen Augenblick auf dem Kamm, sieht den neuen Feind, thut einen scharfen Pfiff und verschwindet auf der anderen Seite des Jochs – Und kein Schuß? – noch eine Gems und noch eine folgen ihr und jetzt – eine kleine blaue Wolke steigt hinter dem Felsen auf – jetzt noch eine, und zwei Gemsen sind schon lange zusammengeknickt und von der steilen Höhe niedergerollt, als der dumpfe Knall der Büchse sich erst donnernd an den Wänden bricht und in das Thal seine Schallwellen niederwälzt. – Wie die übrigen Thiere stutzen und schrecken – aber die Leitgeis ist voraus, der müssen sie folgen, und nach drängt deshalb, trotz dem Schuß, der ganze Trupp, nur einen scheuen Bogen um die gestürzten Kameraden beschreibend.

Wieder steigt in zwei kurzen Stößen der blaue drohende Dampf empor, und wieder taumelt eine Gemse. Wild vorbei stürmen die entsetzten Thiere. Aber noch ist der Donner nicht verhallt, als auf’s Neue die tödtliche Kugel ihr Opfer sucht.

Sechs Mal hat es aus den drei Doppelbüchsen gesprochen und drei Gemsen liegen verendet auf dem Platze und schwer verwundet schleppten sich zwei andere noch über das Joch hinüber, davon eine der Hund nach kurzer Suche in einem Laatschenbusche antrifft und niederreißt. Die andere ward später verendet gefunden.

Die übrigen Rudel brechen zwischen den Treibern durch, und nur der eine alte Bock ist halsstarrig in seinem wohlversteckten Platz stehen geblieben, bis die Jäger ihn längst passirt haben. Dann drehte er sich um und verschwindet plötzlich in einer der zahlreichen Spalten, wie in die Wand hinein.

Und nun der fröhliche Heimzug von der Jagd! Rasch versammeln sich die Jäger, guter Dinge, daß der mühselige „Trieb“ gelungen; brechen das erlegte Wild auf und werfen es aus, thun sorgfältig das gesammelte Feist wieder hinein, packen die Gemsen in ihre Bergsäcke und heimwärts geht es jetzt, am Rücken des Jochs auf einem ziemlich guten Pirschwege hin.

Viele Menschen, besonders die Flachlandleute, glauben daß es viel bequemer sei, einen Berg hinab, als ihn hinaufzusteigen. Bei nicht zu steilen Hängen und auf kurze Strecken, oder in dem kleinen lockeren Geröll der Reißen auf die ich noch später zu sprechen komme, mögen sie auch recht haben. Wer aber den ganzen Tag in den Alpen herumgeklettert ist, und mit müden Knieen dann Abends noch auf dem Heimweg die steilen Hänge, die er den Tag mit Mühe und sauerem Schweiß erklommen, wieder hinab muß, der weiß, was es zu sagen hat, das Niedersteigen.

Schneller geht’s jedenfalls, als bergauf; die Brust ist nicht so eingezwängt dabei, und hat freieren Athem. Die Glieder brauchen den Körper nicht fortwährend zu heben, sondern geben nur dem Druck von oben nach. Wenn aber die Knie besonders vom Steigen angegriffen sind, und müssen nun einen steilen Hang auf Stundenweite hinab, dann staucht das doch gar bös, und man würde viel lieber noch einmal dieselbe Strecke aufsteigen als hinab.

Auch gefährlicher ist der Niedergang an steilen oder „schiechen“ Stellen. Aufwärts hat man weit eher festen Halt. Die Fußspitzen sind vorn, man sieht den Fels dicht vor sich, an dem man aufklettert, sieht jeden kleinen Vorsprung, den man benutzen kann – versucht hie und da die beste Stelle und rückt, wenn auch langsam, sicherer empor. Anders ist das beim Niedersteigen, wo der Blick die Tiefe suchen muß, den nächsten Anhalt für den Fuß zu finden. Der Hacken ist dabei lange nicht so biegsam als die Fußspitze, und ruht der Körper auf ihm und gibt dann der Stein, auf dem er rastet, nach, dann kann die Hand nur in seltenen Fällen helfen stützen, und vor dem Sturz bewahren.

So mühselig es z. B. sein mag, in den Krummholzkiefern aufwärts zu klettern, wo uns die langen stachligen Zweige alle entgegendrücken, so wenig gefährlich ist es dabei. Abwärts dagegen, wo man in dem dichten Gestrüpp, das nur die grüne Decke bildet, nicht sehen kann, was darunter liegt, ist man stets der Gefahr ausgesetzt in irgend eine senkrechte Wand, über die sich diese Büsche nur zu gern hinüberhängen, einzugleiten.

Ist der Boden gebrochen, mit großen Steinen oder Wurzeln bedeckt, und nicht zu glatt und abschüssig, so geht es noch eher. Auch von nicht zu steilen Lannen läuft man ziemlich rasch hinab. In dem Fall ist dann der Bergstock die beste Stütze des Jägers. Aber nur nicht voraus darf man ihn einstemmen, denn rutschte er ab, wäre es um den Mann geschehen. Wagerecht hält ihn der Kletternde deshalb in der Hand, die Spitze an die Wand zurückgedrückt, die eine vorn am äußersten Ende untergehalten, die andere etwa in der Mitte aufgestemmt, das Gewicht des Körpers darauf vom Abgrund fortzulehnen. Der Stock dient solcher Art als Hemmschuh, der mit dem Stachel in den Boden reißt und selbst bei etwaigem Ausgleiten des Fußes den Körper immer noch zu halten vermag.

Am leichtesten und schnellsten läuft sich’s die sogenannten Reißen hinab.

Diese „Reißen“ sind weiter Nichts als Geröll; von steilen Wänden losgebröckeltes Gestein, das in’s Thal hinabgeworfen, sich in den Jahrhunderten höher und höher gethürmt hat. Die meisten derselben sind nicht übermäßig steil, da sie sich eben nur dadurch vergrößern, daß die abfallenden Massen auf ihnen eine Strecke niederrollen und, wenn ihr ärgster Fall gebrochen, liegen bleiben. Zum Theil bestehen sie dabei aus riesigen Felsbrocken, die entweder durch ihr eigenes Gewicht losgebrochen, oder durch eine Lawine zu Thal gerissen wurden. Was aber auch die Unterlage bildet, obenauf sind die meisten von ihnen mit klarem kleinen Steinzeug bedeckt, das dem darauf tretenden Fuß weicht und ein Aufsteigen wohl nicht gefährlich, aber entsetzlich beschwerlich macht. Bei jedem Schritt aufwärts rutscht man wieder fast ebensoweit zurück; kein fester Punkt bietet den sich immer nur mit aller Kraft einhakenden Sohlen sicheren Halt. Hinunter geht es aber dafür desto leichter, und auf einer steilen klaren Reißen braucht man kaum selbst den Stock zur Stütze. Bei jedem Schritt weicht das Geröll mit dem Fuß, und läßt den Körper oft seine ganze Länge tiefer gleiten. Ihm nach poltern allerdings die Steine, und rutscht oft das ganze Geschiebe nach, aber was thut’s – kommt es zu arg, so braucht man nur mit ein paar Sprüngen seitwärts auszuweichen, und ich habe solche Niederfahrt auf klarem Geröll immer nur mit dem Gefühl des Schlittschuhlaufens vergleichen können. In zehn Minuten legt man dabei oft eine Strecke bergab zurück, zu der man auf demselben Terrain stundenlang gebrauchen würde, sie bergauf zu steigen.

Doch was sind alle die Beschwerden und selbst Gefahren in dem einen seligen Gefühl der Jagd.

Ihr Tagewerk war wahrlich kein leichtes, und wer ihnen zusieht, wie sie an den steilen Wänden hinlaufen, oft über Abgründen hangen, wo der geringste falsche Tritt sie rettungslos in die Tiefe schickt – jetzt im Schweiße ihres Angesichts durch ein Laatschendickicht arbeiten, jetzt über das Geröl1 einer Reißen springen, und immer munter, immer vergnügt dabei, der muß die Leute wahrlich bewundern.

Und trotz den oft furchtbaren, immer höchst mühseligen Wegen, die sie zu steigen haben, achten sie nicht blos auf ihren schmalen Pfad, nicht blos auf das Wild, auf das sie losgehn sollen. Nein, ihr Auge späht dabei noch, sorglos um die Gefahr, die sie umgibt, nach dem spärlich, und nur an den rauhsten, wildesten Stellen wachsenden Edelweiß, nach einer einzelnen, vom Sommer übrig gebliebenen Scabiosa, nach einem tiefblauen Enzian oder einer, in dieser Jahreszeit sehr seltenen Alpenrose, mit diesen Blüthen, neben Spielhahnfedern und Gemsbart, den Hut zu schmücken.

Der Bruch von einer Laatsche an Mütze oder Hut ist dann das Siegeszeichen der gelungenen Jagd, und das Behagen erreicht den höchsten Grad, wenn Abends die erlegten Gemsen am Pirschhaus, mit den Krickeln oben am Dach eingehakt werden, und nun zur Zierde, als eben soviel wohlerworbene Trophäen, dort über Nacht hängen bleiben.

So verfliegt der Tag draußen in den Bergen – man weiß wahrhaftig manchmal gar nicht, wo er hingekommen, und der Abend dann, am lodernden Kamin, vergeht noch schneller fast. Recht [16] eigentlich müde wird der Körper auch nie in dieser reinen leichten Luft, selbst nach solchen Anstrengungen, die den stärksten Mann im flachen Land zu Tod erschöpfen würden. Die Zwischenzeit zwischen Tag und Jagd ist deshalb auch nicht Erholung, sondern wieder nur ein Vergnügen anderer Art. Man hat eben nicht zu Jagen aufgehört, weil man müde – sondern einfach, weil es dunkel wurde, und beginnt frisch wie am vorigen Morgen, sobald die Sonne sich im Osten zeigt.


  1. Wir entnehmen diese Skizze einem unter der Presse befindlichen Prachtwerke des obengenannten Verfassers, auf das wir im Voraus unsere Leser aufmerksam machen wollen. Dasselbe wird in der Verlagshandlung der Gartenlaube erscheinen, und mit vielen Holzschnitten und Kunstlithograhieen verziert werden, deren Ausführung den besten Künstlern anvertraut ist. Die in unserer heutigen Nummer abgedruckten Abbildungen, die in dem Werke selbst natürlich in ganz anderer Ausführung erscheinen werden, mögen einen kleinen Beweis von der Wahrheit und künstlerischen Auffassung der artistischen Beilagen geben.
    D. Redakt.