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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1888
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1888) 709.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[709]
Deutsche Art, treu gewahrt.
Eine Hofgeschichte aus dem 17. Jahrhundert von Stefanie Keyser.

(Fortsetzung.)

Im Residenzhause der Dornburg regte sich früh das Leben. Das Audienzgemach wurde aufgethan. Lakaien stäubten mit langen Binsenwedeln die kostbare Tapezerei ab, welche hinter dem Thronstuhl der Frau Witwe die Wand bedeckte und das sächsische Wappen, den Rautenkranz, darstellte, und rückten den niedrigen Sessel für die junge Herzogin Dorothea neben den Ehrensitz ihrer Mutter. Die Pagen trieben mit einer Räucherpfanne die eingeschlossene Luft hinaus.

Als der Zeiger der Sonnenuhr am Thurm die zehnte Stunde wies, rollte das Hofceremoniell wie ein Uhrwerk ab.

Der Zug der fürstlichen Frauen ging nach dem Audienzgemach. Anna Maria in schwarzem Moorkleid, das blasse Gesicht vom Witwenschleier halb verhüllt, ließ sich auf den Thronstuhl nieder, Dorothea, eine weiße Straußfeder in der Hand, nahm ihren Sessel ein. Wie Automaten reihten sich an der einen Seite des Gemaches Hofmeisterin und Hofjungfrauen, überein gekleidet, als trügen sie eine Livrei, andern der der Schloßhauptmann und ein Hofjunker aneinander.

Die Pagen öffneten die Thür. Auf der Schwelle stand, tief sich neigend, Achatius. Dann glitt er unhörbar vor und verbeugte sich abermals.

„Tretet näher, Herr von Krombsdorff,“ sprach Anna Maria in leisem gnädigen Tone. „Wir sind gewärtig, die Botschaft zu vernehmen, mit welcher unsere lieben Neffen, die Herzöge von Weimar, Euch zu uns gesendet haben.“

Zwei Finger der linken Hand am Degengriff, mit der rechten den federgeschmückten Hut gesenkt haltend, hub Achatius seine Rede an:

„Eurer fürstlichen Gnaden sendet meine gnädige Herrschaft ehrfürchtigen Gruß und läßt kund thun, daß meine gnädigen Herzöge beschlossen haben, in der Mitte des Wonnemondes eine Sitzung der Fruchtbringenden Gesellschaft in Weimar abzuhalten, und die Frau Herzogin Eleonore gedenkt, zur gleichen Zeit die hoch- und wohlgeborenen Damen zu sich zu laden, welche dem Bund der Tugendlichen angehören. Es ist meiner Herrschaft vornehmlichster Wunsch, bei selbiger Occasion Eure fürstlichen Gnaden einmal wieder zu sehen. Zu mehrerer Anfeuerung hat die Frau Herzogin mir dieses Gesellschaftsbrieflein mitgegeben.“ Das Knie beugend, überreichte er dem fürstlichen Fräulein ein von mächtigem Wachssiegel geschlossenes Schreiben.

Dorotheas Augen waren während seiner Rede aufgestrahlt.

Auch über die schwermüthigen Züge der Frau Witwe hatte sich ein Lächeln gebreitet. Voll warmer Anerkennung sprach sie:

„Unsere lieben Vettern von Weimar bleiben immer die ernsten Fürsten, selbst wenn sie gesellige Freuden planen. Sie berufen die Fruchtbringende Gesellschaft, die

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Meteorologisches Observatorium auf dem Pic du Midi.

[710] unter dem Zeichen des Palmbaumes Fürsten, Edelleute und Gelehrte vereinigt, um die deutsche Sprache von fremden Worten zu reinigen, die heimische Dichtung zu fördern. Und sie laden die Tugendlichen, welche das schlichte Walten der deutschen Frauen pflegen und zu Ehren bringen wollen. Ein hochverdienstliches Unternehmen dünkt uns diese Festivität.“

Die Lippen der jungen Herzogin schürzte ein muthwilliges Lächeln.

„Den Plan, die Palmgenossen einzuberufen, hat gewiß Herzog Albrecht gesponnen. Fremde Wörtlein ins Deutsche zu zwingen, ist sein liebstes Passeletemps.“

Achatius dachte bei sich: Eine erfahrene Dame hätte nicht sogleich den Namen des Kavaliers genannt, der um ihre Holdschaft warb; laut aber sagte er geschmeidig:

„Herzog Albrecht hat allerdings großen Eifer bewiesen, da das Fest geplant wurde. Doch glaube ich nicht, daß Hochderselbe allein an gelehrte Arbeit gedacht hat.“

Dorothea erröthete leise, fuhr aber dennoch fort zu fragen:

„So würde unser Vetter einem anmuthigen Zeitvertreib nicht abhold sein?“

Achatius sah sie erstaunt an. Das war eine sonderbare Frage für eine angehende Braut. Doch mit schmeichelnder Stimme sprach er: „Ich glaube, der anmuthigste von allen wird heiß ersehnt.“

Ein noch dunkleres Roth flog über ihr Antlitz. Aber in ihren Augen war ein Ausdruck, als folge sie einem weitabgelegenen Gedankengang.

„Warum hat Herzog Albrecht alsdann nicht lieber heitere Spiele in Aussicht genommen?“ setzte sie ihr Examen fort.

Holla! Wo wollte das hinaus? Sie wurde dem Hofmeister immer unverständlicher. Mühsam sammelte er sich zu der mit tiefer Verbeugung gegebenen Antwort:

„Weil Hochdemselben jetzo sehr ernst ums Herz ist.“

Sie wehte lebhafter, fast ein wenig ungeduldig mit der Feder, als wolle sie damit alle Weihrauchwölkchen, welche aus den Worten des Hofmeisters zu ihr aufstiegen, verjagen, um klaren Blick zu gewinnen. Dann fragte sie wie mit plötzlichem Entschluß:

„Glaubt Ihr, daß Damen und Kavaliere in Weimar zu finden wären, welche geschickt sind, Diskurse über zarte Gefühle zu führen gleich den Schäfern und Schäferinnen in der ,Astrea’?“

Achatius war gänzlich verblüfft. Sacre Dieu! Das fragte man ihn! Und zu welchem Zweck? Noch mehr auf seiner Hut antwortete er, doppeldeutig gleich einem alten Orakel und jungen Hofmann: „Eure fürstlichen Gnaden werden sich am besten durch eigene Prüfung überzeugen können, daß man in Weimar ebenso gut zärtliche Gefühle zu empfinden und darüber zu sprechen vermag wie an andern Orten.“

Die Frau Witwe hatte schon lange ihre Tochter mahnend angesehen. Jetzt schnitt sie ihr die weitere Rede ab, indem sie die Audienz beendete. „Ueberbringt Eurer Herrschaft Unseren freundlichen Gruß und Dank. Wenn nicht wetterwendische Tage die Wege grundlos machen, gedenken Wir der Einladung Folge zu geben.“

Achatius zog sich mit drei zierlichen Reverenzen zurück.

Die Herzoginnen erhoben sich. Ein leiser Wink der Frau Witwe entließ den Hofstaat.

Die fürstlichen Damen begaben sich allein in das Gemach der Frau Witwe.

„Was schreibt Ihre Liebden von Weimar?“ fragte Anna Maria, auf ihrem hohen Stuhl Platz nehmend.

Dorothea eilte nach einer Fensternische, die sie sich mit der Freiheit eines verzogenen Lieblings eingerichtet hatte. Zwischen Clavicymbel, Stickrahmen und Nähkästchen ließ sie sich nieder, erbrach den Brief und las:

„An die Freudige richtet die Demüthige ihren schwesterlichen Gruß und bittet sie, um ihres Bundesgelübdes willen bei ihr im Rautengärtlein einzukehren. Sie soll finden, was sie sich zum Sinnbild erkiest hat: ein Virginal, das sie meisterlich zu schlagen versteht, und ein Gläslein Wein, von dem die Bibel sagt: Er erfreut des Menschen Herz.“

Ein leises silberhelles Lachen kam über die Lippen Dorotheas. „Die gute Eleonore! Es ist ihr heiliger Ernst mit dem tugendlichen Bund. Wer wird diesmal das längste Hemd genäht haben? Nun, ich für mein Theil gedenke, gegen die ehrbare Langeweile mit diesem Hirtentäschlein zu Felde zu ziehen.“ Sie griff nach ihrem Stickrahmen, über den sich grüne Seide spannte. Ein rosenfarbiges Herz war in dieselbe gestickt, das zierliche Flämmlein zeigte.

„Du willst, die alamode Spielerei doch nicht mit nach Weimar nehmen?“ sagte die Frau Witwe. „Wenn mich nicht alles trügt, so ist Herzog Albrecht den französischen Bräuchen gram. Er zog nachdenklich die Brauen empor, als Du bei der Jagdtafel die Silberspitzen trugst, gegen welche die Geistlichen als eine zu große Ueppigkeit eifern, und sah Dich mahnend an, so Du ein französisches Wörtlein fliegen ließest.“

„Aber er sah mich doch an, und meine gnädige Mutter hat soeben gehört, er will mich wiedersehen,“ antwortete Dorothea übermüthig und zog einen Goldfaden durch die Nadel.

„Ja, er will Dich wiedersehen,“ sprach Anna Maria wie aufathmend. „Nimm nun die gute Stunde wahr! Zeige ihm, daß Du es vermagst, Dich seiner ernsten Lebensführung zu fügen.“

Dorothea hob eigenwillig das Köpfchen. „Es wird plaisirlicher sein, ihn zu unsrer heitren zu bekehren.“

Die Frau Witwe schüttelte seufzend das Haupt. „Ein Mann läßt sich nicht durch die Frau umwandeln. Nur aus höchsteigener Entschließung schlägt er zuweilen einen andern Weg ein. Steter Widerspruch aber erzürnt ihn und löscht die Liebe aus.“

„Meine gnädige Mutter wolle mir vergeben,“ erwiderte Dorothea mit heitrer Sicherheit, „wenn ich ihr entgegen die Hoffnung hege, daß durch kleine Disputationen eine wohlmeinende Affektion angefacht wird wie der Funke durch das Blasebälglein.“ Und sie stickte die Flammen noch einmal so lang und zackig.

Die Gedanken, die hinter der weißen darüber geneigten Stirn ihr Spiel trieben, waren nicht minder funkelnd und aufstutzig. Sie schoben die Warnungen der Herzogin-Mutter bei Seite, wie frisch aufsprießendes Laub das welke der vergangenen Zeit. In der Abgeschiedenheit der Dornburg war der gebeugten fürstlichen Witib die Welt fremd geworden.

O, Dorothea kannte sie besser. Sie wußte, daß die Zeit sich wendete. Wie die Morgenröthe die Gipfel der Berge zuerst küßt, so wurden allgemach die Fürstenhöfe von dem neuen schönen Leben ergriffen, das aus Frankreich stammte.

Eine Reihe heitrer Bilder gaukelte an ihrer Erinnerung vorüber.

Wie sie in Altenburg bei ihrem ältesten glücklich verheiratheten Bruder das Ballet der Paysans mittanzte, das ihre Schwägerin dem haushälterischen Gemahl abgeschmeichelt hatte, wie sie in Kassel der reizenden Landgräfin Agnes half, die französische Sprache am Hofe einzuführen, und in Köthen mit der Fürstin Amöna die Académie des vrais amis stiftete. O, und was hatte die alte kurfürstliche Witib ihr hinter dem Faltfächer zugeflüstert, als sie jüngst bei ihr zum Besuch auf der Lichtenburg weilte? Am Hofe der Pfalzgräfin Elisabeth werde jeglicher, der seine Rede nicht mit französischen Worten würze – mit Permission solle es gesagt sein – für einen unverständigen Esel verschrieen. Ueberall waren es die Damen, welche die französischen Bräuche einführten. Und mit Fug und Recht. Denn sie errangen durch selbige die hohe Stellung, die ihnen gebührte.

Während der Audienz war ihr die Offenbarung geworden, daß auch sie zu diesem Werk berufen war. Ihr fiel die Aufgabe zu, in Weimar, das noch im finsteren Thale lag, das neue Licht anzuzünden.

Für das Gewebe, das ihre Gedanken nun zu spinnen begannen, fand sie keine deutschen Worte. Alamode Praktiken, Intriguen und Finessen wirbelten durcheinander wie draußen die weißen Blüthenblättchen im Frühlingswind. Aber immer deutlicher trat aus denselben ein Bild hervor: ein hoher fürstlicher Herr, der sein vergoldetes Rappier gegen einen Schäferstab vertauscht hatte und seufzend mit einem Messerlein ein Madrigal an sie in die Baumrinde schnitt. –

Ihre Zuversicht hatte die Frau Witwe in ihren eigenen Ansichten schwankend gemacht. Wie alle Menschen, die nicht viel Glück gehabt haben, mißtraute Anna Marie ihrem Urtheil. Und doch lasteten das Hirtentäschlein und die kleinen Disputationen, mit denen Dorothea sich und den Herzog Albrecht erlustiren wollte, wie eine Sorge auf ihr.

Schwerer Gedanken voll trat sie an das andere Fenster.

Es war ein heitrer Frühlingstag. Flaumige Wolken segelten über den blauen Himmel hin. Die Schlehenbüsche an dem [711] Felsen, der die Dornburg trägt, waren mit weißen Blüthen übersäet. Drunten im Thal glitzerten zwischen den grünen Wiesen die Wellen der Saale und rauschten unter der altersbraunen überdachten Brücke auf, die nach dem von blühenden Kirschbäumen umkränzten Dörfchen Dorndorf führte. In den Sonnenstrahlen sprangen übermüthig die Fische aus dem Gestrudel empor, und drüben in der Feldschlucht jagten sich Hasen, machten Männchen und spitzten die langen Ohren.

Auch die Gedanken der Frau Witwe begannen ein Fädlein zu spinnen, aber nicht in spitzfindiger alamoder Art, sondern nach treuherzigem alten Brauch. Stand ihr Fuß nicht so weich und warm auf dem braunen Bärenfell, das ihr von Herzog Albrecht verehrt worden war? Es hatte dem letzten Bären am Inselsberg angehört und war von ihrem Lieblingsneffen erbeutet worden, auf einer Jagd bei seinem alten Vetter, dem Herzog von Eisenach. Sie schuldete ihm noch ein Gegengeschenk. Jetzt gedachte sie des zur Hasenjagd trefflich abgerichteten Hündleins Kiekebusch, das sie von ihrem ältesten Sohn erhalten hatte, weil Hasenbraten ihr Leibessen war. Dies Hündlein wollte sie als seltsame Verehrung dem jungen fürstlichen Herrn durch den Hofmeister senden. Denn in ihrer Jugend hatte man für freundliches Entgegenkommen freundliche Erwiderung gehabt, nicht solange Verstecken gespielt, bis man sich gar nicht mehr zu finden vermochte. –

Indessen ging Achatius wieder nach der Wohnung des Schloßhauptmanns hinüber. Er schaute zu dem Fenster mit dem Rosmarinsträuchlein auf. Dasselbe war leer. Aber bevor er sich noch weiter nach Käthchen umzusehen vermochte, stand schon ein Diener vor ihm, der meldete, daß der Schloßhauptmann ihn zu einem Imbiß erwarte.

Und nun ging alles wie am Schnürchen von statten, daß Achatius kaum zur Besinnung kam.

Er hatte getafelt, mit dem Schloßhauptmann eine Kanne Wein ausgestochen, sein Staatskleid gegen den Reiseanzug vertauscht – er wußte nicht, wie. Jetzt war sein Felleisen bereits von flinken Händen geschnürt und wurde in den Hof getragen, wo seine Leute schon vorritten.

Dem bedächtigsten Knecht setzte der Schloßhauptmann das Hündlein Kiekebusch auf das Pferd. Das fand sich dort schnell zurecht; denn es war gewohnt, mit auf die Jagd zu reiten; man ließ es erst laufen, wenn es an das Aufspüren der Hasen ging.

„Ich danke Euch für die herrliche Traktation,“ sagte Achatius ganz schwindelig von der schnellen Bedienung zu Frau von Tautenburg.

Da kam Käthchen gesprungen. Noch hing ihr vom Taubenschlag her ein Strohhalm, ein Federchen an Kleid und Haar.

Ihre Eltern erschraken. „Wo hast Du Deine Turteltauben?“ fragte ihr Vater.

„O, mit denen hat es gute Weile,“ erwiderte sie athemlos. „Die fliegen mir nicht davon. Ich habe sie einstweilen wieder in ihren Käfig gesperrt.“

Dem Hofmeister ging ein Licht auf. Wartet! dachte er, Ihr sollt Euch und mich umsonst abgehetzt haben. Er nahm eine schwermüthige Miene an, seufzte und sprach zu Käthchen:

„Die Stunden, da ich traulich bei Euch weilen durfte, sind fortgelaufen wie Wasserbäche. Bald sitze ich wieder in meinem öden Haus am Schloßplatz seelenallein.“ Er sah Käthchen herzbrechend an.

„Dann kommt vielleicht endlich Eure Geckerei zur Ruhe,“ fuhr Frau von Tautenburg dazwischen.

Vor der Hand war dieselbe noch nicht einzudämmen. Er legte die Hand aufs Herz und flüsterte mit bebender Stimme: „Nun geb’ ich Euch das ewige Adieu und letzte Bewahr Dich Gott!“

Er schwang sich auf das Pferd. Seine Augen flogen an alle Fenster der Dornburg.

Sie waren von Frauenköpfen besetzt. Da bog sich die rundliche Hofmeisterin heraus; dort lugten, durch die Butzenscheiben ein wenig schief gezogen, die ältlichen Gesichterchen der Hofjungfrauen herab. Selbst aus der Dachluke guckten noch zierliche Kammermägdlein.

Er nahm den Federhut ab, schwenkte ihn rings im Kreis gegen all die Frauen und Mägdlein, die ihre Hälschen nach ihm ausreckten, und ritt davon.

Käthchen stand und sah dem Scheidenden nach. Unter dem Thorgewölbe schaute er noch einmal sich um und warf einen Kuß zurück. Dann war er verschwunden.

Sie lauschte auf die immer ferner klingenden Hufschläge; nun erstarben auch diese. Ach, wenn sie doch eines ihrer Täublein wäre, die sich droben auf dem Dach des Thurmes sonnten Die konnten ihn noch erschauen, wie er, den Arm in die Seite gestemmt, auf seinem Schecken saß und so keck die Welt über die Achsel ansah.

Der Schloßhauptmann raunte seiner Ehegesponsin zu: „Ich glaube, die Käthe weint.“

Sie warf einen Seitenblick nach dem jungen Mädchen. „Stellet Euch, als ob Ihr es nicht sähet. Denn wenn man solchen Liebeshandel erst ausgerufen und benamset hat, dann ist er nimmermehr aus der Welt zu bringen. Er kommt ihr ja jetzt aus den Augen.“

Der Schloßhauptmann rückte bedenklich sein Hausbarett hin und her. „Nu, nu! unsere Herrschaft reist nach Weimar und hat befohlen, daß Ihr Euch ihrem Gefolge anschließen sollt!“

Frau von Tautenburg hob die Arme gen Himmel.

„Auch die Käthe? Sollen wir das Lamm dem Wolf in den Rachen treiben? Und sie ist aus allen ihren Fähnchen herausgewachsen. Gott sei Dank, daß der leberfarbene Seidenkamelot noch da liegt. Grethe! lauf nach dem Schneider! Töffel, morgen früh reitest Du nach Jena und holst Goldbrokat zu einem Brustlatz! Suse, ist noch Spikanardiwasser vorräthig zum Besprengen der Gewänder?“ Sie stürmte hinter dem Ingesinde her.

Käthchens Thränen wären schnell versiegt. Sie schlug vor Freude die Hände zusammen. „Nach Weimar? Und ich bekomme einen leberfarbenen Seidenkamelotrock? Was wird Vetter Achatius für Augen machen!“ –

Vetter Achatius hatte in seinen Gedanken dem Bäschen wirklich das ewige Adieu gegeben. Noch einmal sah er sich nach der Dornburg um. Dort lag das graue Gebäu mitten im Maiengrün. Das runde Haupt der Burglinde schaute über die Ringmauern; an der Mittagseite wehten mit Blüthenquästchen betroddelte Birken; gen Mitternacht zog sich der Hain am Burgberg herab. Nur die uralte Ulme ragte dunkel über die Buchen empor, wie es der Art des finstren Baumes gemäß war, unter dem einst dem Donnergott Opfer geschlachtet wurden. Denn nicht von Rosendornen, sondern vom alten deutschen Gott Torr leitet die Dornburg ihren Namen her.

Der Blick des Hofmeisters suchte nicht das steile Dach über dem Wohngelaß des Schloßhauptmanns. Er richtete sich auf die so hoch herab und so weit in das Land hinausschauenden Fenster des Residenzhauses, hinter denen die schöne Dorothea weilte.

Wie lautete die Lösung des Räthsels, das ihre Fragen ihm aufgegeben hatten? Nachdenklich setzte er seinen Weg fort.

Aber endlich wippte er leichtsinnig mit der Reitpeitsche in die Luft. Ach, hudelt euch weg, ihr grüblerischen Gedanken! Diese Nüßlein zu knacken war Sache des Herzogs Albrecht. Die Sonne hatte sich auf ihren goldenen Wagen gesetzt, der Vögel kleine Kumpanei spazierte tirillirend durch das Feld. Dort pflanzten braune Nymphen grüne Kräutlein in die warme Erde. Wie wäre es, wenn er gleich Pan mit ihnen um die Stauden tanzte?

Kaum noch mit den adligen Insassinnen einer Burg karessirt und nun ein Bauerndirnlein geschwenkt: also changirt ein alamoder Monsieur mit feister Passion. Ihm gehört ja das ganze Frauenzimmer.

Da tauchte vor seinem innern Auge eine Gestalt auf, schlank und zart, mit einem von dunklem Haar umschlossenen Köpfchen.

Ob ihm die Gertrud von Heilingen auch gehörte?

Diable! Er hätte sie noch gar nicht gewollt. Sie war ihm viel zu langweilig, um ihrer zu gedenken.

Er gab seinem Schecken die Sporen und sprengte an den braunen Nymphen vorüber, ohne sie nur zu sehen.

In langem scharfen Trabe suchte er der langweiligen Erinnerung zu entfliehen. Aber sie saß mit ihm zu Pferde, und als er demselben endlich ein Verschnaufen gönnte, machte sie sich wieder mausig.

Schier unausstehlich dünkte ihn die blasse Hofjungfrau in ihrer großen weißen Schürze, mit der sie allezeit angethan war. Nein! Bei Festlichkeiten, wenn sie in dem Staatsrock von braunem seidenen Vorstatt erschien, den der Herzog Wilhelm den Hofjungfrauen seiner Gemahlin zu Weihnachten geschenkt hatte, entstellte das Vortuch sie nicht. Dafür trug sie alsdann ebenso unabänderlich ein

[712]
Die Gartenlaube (1888) b 712.jpg

In Auerbachs Keller.
Nach dem Oelgemälde von Eduard Grützner.
Photographie im Verlage von Fr. Hanfstaengl in München.

[713] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [714] altes Familienschmuckstück. Dicksatt hatte er das Halsband aus Bernstein, an welchem jedes Glied ein versteinertes Würmlein umschloß. Er vermochte es gar nicht mehr zu ersehen, wenn sie darin an ihm vorüberwandelte mit dem zarten Antlitz und den großen dunklen Augen, die so ernst blickten.

Ihn schaute sie nie an, er mochte ihr nun in den fürstlichen Sälen begegnen, oder zum niedrigen Fenster der Kanzleistube sich hinauslegen, wenn sie abends um sieben Uhr nach der Burgmühle hinüber schritt, wo ihre gänzlich verarmte Mutter einen Gnadensitz von der Herrschaft erhalten hatte.

Welche Zeit mochte es wohl jetzt sein?

Er zog seine schlagende Halsuhr hervor. Fünfmal erklang ihr helles Stimmchen. Und da war der Meilenstein, der ihm anzeigte, daß er noch zwei Wegstunden bis Weimar zurückzulegen hatte.

Aber wahrhaftig! Es fiel ihm nicht ein, durch das Wasserthor des Lustgartens heimzureiten. Was ging es ihn an, daß die andere Hofjungfrau, die blonde Benigna, sich von ihm hatte aufbinden lassen, er kehre durch dasselbe zurück, und nun wahrscheinlich dort herumtrippelte? Er würde durch das Kegelthor einziehen, wenn es auch ein Umweg war und ihn an der Burgmühle vorüber führte. Zum Teufel! Er fürchtete sich wahrlich nicht vor dem kleinen Tugendspiegel.

„Nun Schritt!“ befahl er seinem Gefolge. „Vor sieben Uhr brauchen wir nicht in Weimar zu sein, und ich denke nicht daran, meinen Schecken zu Schanden zu reiten.“


Als die Tage kamen, an denen die Sitzungen der Palmgenossen und der Tugendlichen stattfinden sollten, machte der Heitersberg, der alte Wetterprophet für die Residenzstadt Weimar, seinem Namen Ehre: klar hob sich sein breiter Rücken vom blauen Himmel ab.

Schon am frühen Morgen waren die Bewohner der Stadt auf den Füßen, um von den fremden Gästen so viel als möglich zu erschauen. Aus dem abgelegenen Rosmaringäßlein sprangen die kleinen Handwerker über die Schrittsteine nach dem Geleitshaus, wo die Einziehenden das Wegegeld entrichten mußten. Wohlhäbige Bürger wandelten auf dem schönen neuen Pflaster der fürnehmen Rittergasse, in welcher die Häuser des auswärtigen Adels lagen, der zu dem Fest erwartet wurde. In der Schloßgasse fanden sich die entferntesten Muhmen und Basen ein, geschmückt mit frisch gestärkten Halskrausen, das schönste Messer an die Gürtelkette gehangen, und nahmen Platz in den Erkern.

Und alles Volk schaute auf und horchte, wenn die Palmgenossen hoch zu Roß einzogen, einander mit ihren Ordensnamen zurufend: „Grüß’ Gott, Nutzbarer!“ „Schönen Dank, Wohlbekommender!“ und die Tugendlichen aus den langen Kutschen, in denen sie saßen, mit Frühlingssternen und Himmelschlüsseln sich Grüße zuwinkten. –

Auch aus einem Fenster der Burgmühle sah ein feines ältliches Frauenantlitz voll Antheilnahme auf die Reiter und Wagen, die über die Kegelbrücke zogen.

Der Schnitt der steifen Haube, die diademartig das schmale Gesicht fest umschloß, und die vornehme Haltung der Frau verriethen, daß sie nicht in die Sippe des Müllers gehörte. Sie zollte auch den mit Säcken heran und hinwegtrabenden Eseln nicht die mindeste Beachtung.

„Michel,“ rief sie einem krummen Knecht zu, der vor der Thür an einem Sägebock stand und einen ebenso krummen Weidenstamm klein schnitt. „Ist das dort nicht der Lehnsvetter, der unser Gut bekam, als mein seliger Eheherr starb, ohne Sohne zu hinterlassen? Das Gesinde trägt weiß und blau, die Hellingenschen Wappenfarben. Den wird der Wirth ,Zum güldnen Ring’ arg bezwacken; einem Edelmann berechnet er allezeit achtzehn Pfennige für die Nächtigung.“

Der Knecht schaute auf. Dann brummte er:

„Hierher zu fahren, dazu haben sie Geld. Das Altenhäuschen, darin Ihr mit der Jungfrau Trude von Rechtswegen einen Sitz hattet, konnten sie nicht wieder ausflicken, als es von den Kaiserlichen bei der Einlagerung zerstört worden war.“

„Du mußt nicht immer murren gegen die Fügungen Gottes,“ verwies Frau von Heilingen. „Er hat alles wohl gemacht. Ohne unsre Noth wäre die fürstliche Herrschaft nicht darauf gekommen, die Trude als Hofjungfrau zu nehmen, und mir hat ihre Gnade dieses sichre Losament in Dero Mühle angewiesen, wo auch Du einen Unterschlupf gefunden hast. Während Du das geschenkte Holz spaltest, solltest Du nur voll Dankbarkeit sein.“

Der Knecht brummte etwas in seine alte Weide hinein und sägte weiter.

„Michel,“ ertönte wieder die Stimme. „Hoffentlich hat der Schneider sein Bedenken über das Hofkleid, welches er für mich machen soll, bei Seite gestellt, und ich bekomme selbiges zur rechten Zeit.“

Michel zog die schiefe Schulter noch höher empor. „Der Meister kratzte sich gewaltig hinter den Ohren, als ich ihm Euren Befehl ausrichtete, daß er das Vordertheil von dem alten aschenfarbigen Brokatmäntelchen des seligen Herrn, das Rücktheil aus Eurem Zindelrock machen sollte.“

„Das versteht Ihr Leute nicht,“ sagte mit ruhiger Würde Frau von Heilingen. „Bei Hofe zeigt man sich nicht von hinten.“

Der Knecht sägte und brummte weiter.

„Michel,“ erscholl es wieder über ihm. „Sorge, daß ein paar Steine in den Schmutz der Straße geworfen werden, auf denen ich morgen hinüber schreiten kann, wenn ich zu Hofe gehe.“

„Der Quadt ist arg,“ sagte der Knecht, „solltet lieber zu Hause bleiben.“

„Das verstehst Du nicht,“ belehrte sie ihn von oben herab. „Eine Edelfrau darf sich ihr Recht nicht nehmen lassen, der fürstlichen Herrschaft aufzuwarten. – Vergiß nicht, daß Dein blau und weiß getheilter Mantel wohl ausgebürstet sei, wenn Du mit dem Spieß mir folgst, wie es sich für die alte Frau von Heilingen geziemt.“

Jetzt stellte Michel die Säge aus der Hand. „Gestrenge Frau! In dem getheilten Mantel lachen mich alle aus. Itzunder haben die Knechte, Lakaien werden sie genannt, Wämser und Hosen von einer Farbe, und kein Mensch trägt einen Spieß hinterher, sondern abends ein Stablicht voraus.“

Frau von Heilingen schaute gelassen und erhaben auf ihren gekränkten Knecht herab. „Laß sie lachen! So bin ich schon zu Hofe gegangen bei der Großfraumutter der jetzigen Herzöge und habe immer mit Ehren bestanden. Und der liebe Gott wird mich schon behüten, daß ich auch ohne Stablicht nicht in den Quadt falle.“

„Der liebe Gott soll auch alles machen,“ rief der Knecht unwirsch.

„Wenn Er will, werden wir auf Engelsfittigen getragen,“ entgegnete sie zuversichtlich und schob mit der schmalen welken Hand geruhig das Fenster zu. –

(Fortsetzung folgt.)
Wie eine Oper entsteht.
Von Josef Lewinsky.

Wie eine Oper entsteht? Nichts einfacher. Man nimmt eine Hand voll Text, eine Hand voll Noten, ein paar Dutzend Sänger und Sängerinnen und ein Schock Musikanten. Das Ganze wirft man in einen Topf, rührt es tüchtig durcheinander und läßt es gehörig schmoren. Soll der Schmaus einen pikanten Geschmack erhalten, so wirft man auch einige Fingerspitzen oder besser Fußspitzen Ballet hinein und die Oper ist fertig. Probatum est!

Nach diesem Rezept – so behauptete ein in culinarischen Dingen erfahrener Freund - vollzöge sich die scenische Zubereitung einer neuen Oper. Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Ich mußte mich selbst überzeugen. Doch wie? Ich wandte mich an einige Autoritäten. Der Lampenanzünder wußte es nicht; der Theaterdiener zuckte die Achseln und der Instrumententräger rümpfte die Nase. Endlich traf ich eine theilnahmsvolle Seele, welche mich in das große Geheimniß einweihte und mir alle die Kräfte [715] offenbarte, welche zusammenwirken, um die kleinen und großen Geister einer Opernpartitur zu Licht und Leben zu erwecken.

Bevor wir aber in eine Schilderung der wechselvollen Phasen einer aufzuführenden Opernnovität entgehen, sei es uns gestattet, den Urhebern einer solchen wenige Worte zu widmen.

Ein Komponist, der eine Oper zu schreiben beabsichtigt, ist ein Mensch, der sich mit musikalischen Heiratsgedanken trägt. Kein ehelustiges Mädchen kann mit größerer Sehnsucht nach einem Lebensgefährten ausschauen, als der Opernkomponist nach einem – Textdichter. Endlich ist das Ziel erreicht, der „Mann“ gefunden und die Verbindung vollzogen, eine Ehe, die allerdings nicht immer „im Himmel“ geschlossen ist.

Mit jener Diskretion, die uns ziemt, ziehen wir einen Schleier über die nun folgenden Flitterwoche oder auch -Monate des glücklichen Paares. Eines Tages hören wir wohl von den Kindern des Hauses: „Bei Xens hat der Storch heute Nacht eine neue Oper gebracht.“

Mit begreiflicher Neugierde eilen die gute Freundinnen und Nachbarinnen herbei, selbstverständlich, um allerlei „Aehnlichkeiten“ an dem Kindlein zu entdecken. Der Komponist, mit dem seligen Lächeln einer jungen Wöchnerin sein Werk betrachtend, denkt indessen nur daran, wer das Neugeborene aus der Taufe heben soll. Er entscheidet sich für das Berliner Opernhaus.

Die Partitur wird bei der Generalintendanz eingereicht; der erste Schritt ins Leben ist gethan. Allein er führt sofort in ein kritisches Fegefeuer; denn über den musikalischen Theil des Werkes sitzt ein Viermänner-Kollegium zu Gericht, während der Regisseur das Libretto auf seinen Goldgehalt zu prüfen hat. Dem Komponisten (er sei denn von hervorragender Bedeutung) bleibt bis zur Entscheidung genügend Zeit, sich in Hoffnungen zu wiegen und – eine neue Oper zu schreiben.

Endlich ist der Tag des Gerichts angebrochen, der Urtheilsspruch gefällt und Triumph! wenn er lautet – die Oper ist angenommen.

Nun werden hundert Kräfte in Bewegung gesetzt, um die Partitur ins Leben einzuführen. Zunächst werden die Stimmen herausgeschrieben, die schwierige Frage der Besetzung geregelt – eine Frage, die schon manchen „ Sängerkrieg“ entzündet hat – und die Künstler mit ihren Aufgaben bekannt gemacht. Gleichzeitig werden vom Regisseur mit all den wichtigen Personen, in deren Hände die „Ausstattung“ der neuen Oper gelegt werden soll, Konferenzen abgehalten. Dekorationsmaler, Kostümiers, Garderoben-, Maschinen- und Beleuchtungsinspektoren, Requisiteure, Lieferanten kommen mit ihren Plänen und Entwürfe angerückt, die Entscheidung des Regisseurs heischend, der die Inscenirung der Novität übernommen hat.

Das Werk ist eingeleitet, der ganze artistische und technische Apparat in Thätigkeit versetzt, und nun überlassen wir alle die Herrschaften ihrer mehr oder minder stillen Arbeit, stören auch Chor und Ballet bei ihre Probe nicht und gedulden uns mehrere Wochen oder auch Monate, bis zur ersten Scenenprobe auf der Bühne des Opernhauses.


* * *


„Um 11 Uhr Scenenprobe am Klavier von …“ haben wir auf dem schwarzen Brett des Kastellans gelesen. Neugierig, wie wir sind, finden wir uns schon um ½11 Uhr am äußeren Eingang zur Bühne ein. Wir haben Muße, bis zum Beginn der Probe Beobachtungen anzustellen. Diese beziehen sich auf die in derselben beschäftigten Künstler ersten, zweite und sechsten Ranges. Zuerst bemerken wir von unserem Posten aus nur Theaterarbeiter, die aus dem nahen Depot Dekorationen und sonstige Ausstattungswunder auf die Bühne schaffen, Herrlichkeiten, die im Lichte des Tages allerdings etwas nüchtern aussehen … Gruppen von Chorsängern versammeln sich, welche die Chancen der neuen Oper, die zahlreichen anstrengenden Proben oder die jüngste Verfügung des Generalintendanten besprechen. Die hohe Gestalt dort, die, im Vollgefühl ihres lebenslänglichen Kontrakts, gemessenen Schrittes sich naht, ist der Vertreter der Haremswächter, Priester und Teufel. Schweren Trittes, als müsse er unter der Last seiner Lorbeeren zusammenbrechen, folgt ihm auf dem Fuße der Träger der Heldentenorpartie. Mit jener Herzlichkeit, die nur den Vertretern verschiedener Fächer eigen, begrüßen die Kollegen einander. Die Partitur unter dem Arm, gesellt sich ihnen zu – der Komponist. Mit entzückender Liebeswürdigkeit drückt er „seinen Sängern“ die Hand und erkundigt sich nach ihrem Befinden. Ihr „Befinden“ liegt dem Manne wirklich am Herzen; es ist für den Erfolg seines Werkes geradezu eine Lebensfrage … In scharfem Trabe jagt jetzt der Theaterwagen einher. Eine Anzahl Neugieriger umringt denselben. Der Theaterdiener springt an den Kutschenschlag und –

„Es speit das … geöffnete Haus
Zwei – Primadonnen auf einmal aus.“

Mit anmuthigem Kopfnicken nach rechts, nach links, schweben die Künstlerinnen hinein in den Theaterraum.

Die Anfangsstunde der Probe ist inzwischen gekommen; vor dem Theater wird es immer lebendiger, und im Moment, wenn die Gestalt des Regisseurs dort an der Ecke der Hedwigskirche sichtbar wird, ist es für das in der neuen Oper beschäftigte Personal an der Zeit, sich auf die Bühne zu begeben.

Wir dagegen verfügen uns in den völlig dunkeln Zuschauerraum. Es macht einen eigenthümlichen Eindruck, diesen Saal, den wir in hellster Beleuchtung zu sehen gewohnt sind, in Finsterniß gehüllt, die Logen, die wir nur im Glanze blendender Toilette kennen, von graue Decken verhängt, und die übrige, sonst so gefüllten Räume völlig verlassen zu sehen. Dort oben auf der Bühne, die hellerleuchtet ist, geht es um so lebhafter zu. Solisten, Choristen, Theaterarbeiter, Inspektoren, Requisiteur, Inspicient, Souffleur, Kapellmeister, Komponist – das wirbelt bunt durcheinander. Wie der Leuchtthurm im brandenden Meere, überall sichtbar der Kopf des Regisseurs.

Da unterbricht die Glocke des Inspicienten den Lärm.

„Anfangen, meine Herrschaften!“ ruft der Regisseur. „Wer nicht in der ersten Scene beschäftigt ist, den bitte ich, sich zurückzuziehen.“

Der Kapellmeister mit der Partitur nimmt links am Klavier Platz. Der Souffleur mit seinem Buch rechts an der erste Koulisse.

„Bitte, Herr Kapellmeister, die Einleitung,“ wünscht der Regisseur.

Die Oper beginnt mit einem Männerchor. Der leitende Genius, mit dem Regiebuch in der Hand, instruirt die „ Ritter“, in welcher Weise sie aufzutreten haben. Mehrfache Unterbrechungen, bis diese „Stützen des Thrones“ sicher geworden. Nun tritt der Held der Oper auf. Auch er muß die höhere Gewalt des Regisseurs anerkennen; denn heute wird zum ersten Mal auswendig gesungen und gleichzeitig zum Gesange agirt. Der liebenswürdige Regisseur macht in der ersten Bühnenprobe gute Miene auch zum bösesten Spiel. Handelt es sich doch zunächst um den rohen Aufbau der Oper, nachdem der Bauplan in seinen Grundlinien festgestellt und das scenische Gerüste aufgerichtet ist. Ein Auftreten, eine Stellung, eine Bewegung, ein ganzes Bild – es wird eben alles aus dem Fundament herausgearbeitet und die Wirkung des Einzelnen in mehrfacher Wiederholung erprobt. Hier und da giebt auch der Komponist seine Meinung kund, da es nun einmal seine Oper ist, die an dieser Stätte zur Aufführung gelangen soll. Im ganzen ist aber der Regisseur Herr der Situation und es entgeht uns nicht, wie das Räderwerk dieses großen und komplicirten Apparates auf einen Wink von ihm sich in Bewegung setzt.

Beobachten wir den Lenker dieser „Welt“ in seiner den Außenstehenden unsichtbaren Thätigkeit, so erkenne wir mit Bewunderung einen kleinen Herrgott, einen Schöpfer en miniature in ihm. Wir sehen seine Finger in den Werken der Ober- und der Unterwelt, des Schnürbodens und der Versenkung. Alles, was da leuchtet, glänzt, kreucht, fleugt, singt und spielt, ist ihm unterthan.

Der erste Akt ist zu Ende. „Morgen die Fortsetzung!“ ruft der Regisseur.

Wir überspringen mehrere Tage, während welcher die Scenenprobe am Klavier aktweise ihrer Entwickelung entgegenreifen, und sehen uns wieder in der sogenannte „Sitzprobe“ im Probesaale des Opernhauses. Zu diesem „sitzenden Stelldichein“, in welchem die Sänger zum ersten Male mit dem Orchester zusammenwirken, scheint sich auch eine ansehnliche Gesellschaft höchst fragwürdiger Dissonanzen ein Rendez-vous gegeben zu haben. Was der Notenschreiber beim Kopiren der Stimmen hinzu- oder auch hinwegkomponirt hat, in dieser Probe kommt es an den Tag; denn alle [716] Irrthümer, die sich in seine Arbeit eingeschlichen haben, vor dem kritischen Ohre des Kapellmeisters müssen sie heute Revue passiren. „Halt, meine Herren!“ ruft dieser, jeden Augenblick mit dem Taktstock abklopfend. „Hier stimmt’s wieder nicht!“

Da fehlen die Hörner, hier macht sich ein „fis“ breit, wo ein „c“ rechtmäßig hingehört; da klappt eine Figur und dort ein Accord in der Begleitung nicht. Die „Sitzprobe“ bietet auch dem Komponisten Gelegenheit, dem Kapellmeister den Kopf recht warm zu machen. Diese Stelle hat er sich so und jene so gedacht; da möchte er in die Partitur noch eine kleine Aenderung, dort eine „wesentliche Verbesserung“ einschalten, und all das müßte wiederum in die Orchesterstimmen übertragen werden. In der „Sitzprobe“ kommen auch alle Wünsche, welche die Solosänger auf dem Herzen haben, zum Ausdruck.

„Bitte, Herr Kapellmeister, meine Arie nur recht diskret begleiten,“ flötet die Koloratursängerin.

„Die Partie liegt mir entschieden zu tief,“ brummt der Bassist mißmuthig, obgleich er heute bereits die glänzendsten Kontratöne „geschmettert“ hat. Im ganzen wird diese Probe von allen daran Betheiligten mehr als „Prüfung“ angesehen, bei der man, in sein Schicksal ergeben, die Rolle des Hiob spielen muß.

Da wir indessen keinen Anlaß haben, die Geduld des Lesers auf die – Sitzprobe zu stellen, so verlassen wir sie und eilen der ersten Orchesterprobe auf der Bühne zu.


* * *


Gelichtet ist das Chaos. Das Schöpfungswerk der „neuen Oper“ ist beim Xten Tag angelangt. Zwar hat diese Schöpfung etwas länger gedauert als einstens die der Welt, dafür kann man aber auch nicht behaupten, daß in der Opernschöpfung nun „alles gut“ sei. Die kleinen Hilfsgeister der Ober- und Unterwelt, des Podiums, des Schnürbodens und der Versenkung sind in der Zwischenzeit nicht müßig gewesen. Dekorationen, Requisiten und sonstige Ausstattungsherrlichkeiten haben den ihnen gebührenden Platz gefunden. Maschinen- und Beleuchtungseffekte funktioniren bereits ohne sonderliche Stockung, und auch die übrigen Werke der Regie nähern sich mehr und mehr ihrer Vollendung. Die Künstler haben ihre Aufgaben nun erfaßt und feilen nur noch an der gesanglichen und dramatischen Gestaltung ihrer Partien. Der Chor hat das Indiehöhewerfen der Arme verlassen, das eingelegte Ballet das der Füßchen erreicht, während das Orchester auf dem besten Wege sich befindet, aus dem Dunstkreis seiner Dissonanzen sich zu reineren Sphären zu erheben.

Der Regisseur hat inzwischen alle das ihm anvertraute Schifflein umwogenden Fährlichkeiten überwunden. Dem Steuermann gleich führt er von seinem Regietisch aus mit fester Hand das Schifflein aus der Brandung der Probe dem bergenden Hafen der Aufführung zu, nur bisweilen sich erhebend, um diesen oder jenen Künstler vor gewissen Klippen, an denen seine Leistung zu scheitern droht, zu warnen und den Kurs der Fahrt immer sicherer zu gestalten.

Der Souffleur hat sich heute in seinem Kasten etablirt, und wir vernehmen seine Stimme nicht mehr in der gleichen Lungenstärke wie vorher. In einer Prosceniumsloge sehen wir den Komponisten, welcher, die Partitur vor sich aufgeschlagen, das Orchester kontrollirt. Hier und da ruft er einem Instrumente eine Bemerkung zu oder begiebt sich, wenn dieselbe nicht verstanden wird, zum Kapellmeister hinunter. Freilich ist dieser nur wenig erbaut, wenn ihm vom Komponisten allzu viel „dreingeredet“ wird, denn mit dem Augenblick, in welchem er den Taktstock in die Hand nimmt, sieht er die zu dirigirende Oper als „sein“ Werk an. In der Zwischenpause können wir in der Orchesterprobe zu flüchtigem Besuche auch den Generalintendanten auf der Bühne sehen, eine hohe, schlanke Gestalt von aristokratischem Gepräge, ein Kopf, der selbstbewußt auf stolzem Nacken ruht, mit Augen, die zielbewußt in das Leben schauen, und einem Schnurrbart, der in seinem martialischen Schwunge auf Energie hinzudeuten scheint.

In den verschiedensten, fein abgewogenen Schattirungen die auf der Bühne anwesenden Damen und Herren begrüßend, unterhält sich der Generalintendant vornehmlich mit einigen hervorragenden Künstlern. Die anderen sind sichtlich bestrebt, einen Strahl dieser „Sonne“ auf sich zu lenken.

Der erste Akt ist zu Ende, damit zugleich die erste Orchesterprobe. In einzelnen Akten werden auch diese Proben, je nach der Größe und Schwierigkeit der Oper acht bis vierzehn Tage hindurch, bis zur Vollendung fortgesetzt. Wir können selbstverständlich dem Leser nicht zumuthen, an allen diesen ziemlich gleichmäßig verlaufenden Proben theilzunehmen; wir ziehen es vielmehr vor, ihn zu der nun stattfindenden Generalprobe einzuladen.


* * *


Wie ganz anders ist das Bild, das sich uns heute darbietet! Die „neue Oper“ ist auf der letzten Etappe zu ihrem Ziele angelangt – wir befinden uns in der Generalprobe. Diese repräsentirt gleichsam die erste Aufführung. Der Vorhang ist heruntergelassen, der Zuschauerraum hellerleuchtet wie am Abend und eine aus geladenen Zuhörern (Kritikern, Freunden und Freundinnen des Komponisten, der Künstler, der Musiker etc.) bestehende Versammlung füllt das Haus. Die Stimmung ist eine gehobene, erwartungsvolle, doch minder kritisch geneigt als in der Première.

Das Erscheinen des Kapellmeisters macht dem (genau wie in der Aufführung) gehörfeindlichen Stimmen des Orchesters ein Ende. Der Inspicient giebt auf der Bühne das Glockenzeichen, die Ouvertüre beginnt. Bei dem ersten Ton hat der Inspicient die Zeit festgestellt, um danach die Dauer der Akte, der Zwischenakte und – für den Theaterzettel – die Zeitdauer der ganzen Oper bemessen zu können. Beim Aufgang des Vorhangs darf niemand die Bühne betreten, der nicht scenisch auf derselben beschäftigt ist, und auch der Regisseur vermeidet sein Erscheinen, wenn nicht besondere Umstände ihn zu einem persönlichen Eingreifen in die Probe zwingen.

Die Sänger haben indessen über ihre Aufgaben die Herrschaft meist vollkommen erlangt, singen und spielen wie in der Première, und selbst das Lampenfieber „klappt“ wie in der Aufführung.

Bezüglich der Garderoben bemerken wir, daß nur die neuangeschafften Kostüme, um deren Wirkungen zu prüfen, in der Generalprobe angelegt werden. Die Solisten sind davon ausgenommen, wenn sie nicht durch schwierige Umzüge, um einer Störung am Abend vorzubeugen, zu einer Probe ihrer Kostüme bei voller Beleuchtung veranlaßt werden. Zur Hilfeleistung der betreffenden Mitglieder sind die erforderlichen Garderobiers etc. selbstverständlich im Hause anwesend.

Gestatten wir uns nun einen Blick dort links nach jener Loge hin.

Die Würde des Generalintendanten kann kaum sichtbarer zum Ausdruck gelangen, als in der Generalprobe. Einem Herrscher gleich sitzt der Chef des Theaters , von seinen Räthen umgeben, in dieser Loge an einem mit Schreibutensilien versehenen Tisch. Da sehen wir in seiner unmittelbaren Nähe den Kanzler des Koulissenreiches, den Regisseur. Ihm zunächst den „Staats“-minister, Kostümier-Professor K., den das „Innere“ repräsentirenden Intendanzrath S., ferner die Vertreter der andern Ressorts: den Dekorationsmaler, die Oberinspektoren der Maschinen, der Beleuchtung, der Garderoben und noch verschiedene Sterne kleineren Ranges, jeder einzelne sein Werk einer letzten Prüfung unterwerfend.

Nach jedem Akte findet zwischen dem Generalintendanten und dem Regisseur ein Meinungsaustausch statt, bei welchem diejenigen Uebelstände, die dem Chef im Verlauf der Probe etwa aufgefallen und von ihm notirt sind, zur Sprache kommen. Die Abstellung dieser Unvollkommenheiten vor der Aufführung bildet den Gegenstand der Erörterung mit den betreffenden, auf dieselben einwirkenden Persönlichkeiten in der Umgebung des Chefs.

Bei größeren Aufzügen, bei Balleteinlagen etc. begiebt sich der Generalintendant ins Parkett, um eine bessere Totalansicht zu gewinnen. Ihm zur Seite ist dann gewöhnlich der Balletmeister. Der Komponist, der natürlich noch überall Mängel erblickt und den Erfolg seines Werkes durch alles Erdenkbare in Frage gestellt glaubt, ist in nervöser Aufregung bald auf der Bühne bei den Sängern, bald im Orchester beim [717] Kapellmeister, wie ein Feldherr vor der Schlacht, seine Scharen zur letzten Entscheidung anfeuernd.

„Die Stelle: ‚Verschmäht von Dir‘, in Ihrem großen Duett – Sie wissen doch, bestes Fräulein,“ spricht er zur Primadonna – „die muß einen Beifallssturm entfesseln, wenn Sie dieselbe noch etwas pathetischer, wie soll ich sagen – so recht schmerzdurchwühlt singen.“

„Für das Allegro con fuoco in der Arie des Leonardo bitte ich noch etwas mehr Elektricität, liebster Kapellmeister. Das muß in der Begleitung förmlich Funken sprühen.“

„Die Oboe in der Serenade nur ja recht süß und schmelzend, und die Hörner, meine lieben Herren, in der Waldscene so weich Sie können, sie sind mir ans Herz gewachsen –“

Der letzte Ton verklingt. Die Generalprobe ist beendet. Wir haben gesehen, wie eine Oper entsteht, begehre niemand zu wissen, wie eine Oper mitunter – vergeht. Von der Wiege bis – zu ihrer Mündigkeit haben wir unserer Oper das Geleit gegeben; hoffentlich wird sie uns zu keiner andern Gefolgschaft den traurigen Anlaß bieten. Sei ihr ein langes Leben und – gefällt’s den Musen – die Unsterblichkeit beschieden!




Meteorologische Hochstationen im Bereich der Wolken.
Die Gartenlaube (1888) b 717.jpg

Die Wetterwarte auf dem Hochobir
im Winter.
 

Einem unermeßlichen, zusammenhängenden Ozeane vergleichbar bedeckt Atmosphäre die Oberfläche unserer Erde und wir Menschen leben am Boden dieses Luftmeeres. Von dem, was in den höchsten Regionen des atmosphärischen Ozeans vor sich geht, wissen wir durchaus nichts und die Vorgänge, welche in ihrer Gesammtheit unser Wetter bilden, spielen sich in Höhen ab, die wohl niemals 1½ deutsche Meilen übertreffen. In diesen höchsten Regionen schweben die leichten, federförmigen Cirruswolken, welche als Vorboten von Regen und Sturm bekannt sind. Sie bestehen aus gefrorenem Wasserdunst, aus feinen Eiskryställchen und erst tief unter ihnen, in Höhen die 3500 Meter nicht überschreiten, trifft man auf die Haufenwolken, welche am Horizont wie ferne, schneebedeckte Gebirge aussehen, und auf die grauen Schichtwolken, welche bei Landregen trübselig den Himmel überziehen. Es ist klar, daß das Studium dieser Wolken und derjenigen Vorgänge im Luftmeere, welche die Bildung von Wolken und Regen verursachen, nur sehr unvollkommen durch Beobachtung an der Erdoberfläche gefördert werden kann. Zwar ist es den unermüdlichen Anstrengungen der Meteorologen gelungen, auch schon mit Hilfe der gewöhnlichen Beobachtungen wichtige Resultate über die Bewegungen in höheren Luftschichten zu erringen, allein es ist für den Fortschritt der Wissenschaft von größter Wichtigkeit, daß auch in der Wolkenregion selbst beobachtet wird. Dazu bieten sich zwei Wege dar, nämlich durch Ballonfahrten und durch Anlegung von meteorologischen Observatorien auf den Gipfeln hoher Berge. Mit Hilfe des Luftballons hat man in der That bereits wichtige Ermittelungen über die Abnahme der Luftwärme mit zunehmender Höhe anstellen können, allein über die Verhältnisse des Luftdruckes in der oberen Schicht der Atmosphäre läßt sich im Ballon nichts ermitteln.

Das Studium der Luftdruckverhältnisse in der Höhe ist aber für das Verständniß der gesammten Luftcirkulation über der Erde von der allergrößten Wichtigkeit, besonders auch, um für die Wetterprognosen mit der Zeit eine bessere, zuverlässigere Grundlage zu schaffen. Deshalb sind die Amerikaner schon vor einer Reihe von Jahren mit der Errichtung von Bergobservatorien vorgegangen und haben unter anderem auf dem Mount Washington in New-Hampshire, sowie auf dem Gipfel des Pikes Peak in Colorado, der sich 4340 Meter über die Meeresfläche erhebt, ständige Stationen errichtet, an denen Tag und Nacht beobachtet wird.

In Frankreich faßte man anfangs 1870 den Plan, auf dem 2877 Meter hohen Pic du Midi ein meteorologisches Observatorium zu errichten. Dieser Berg erhebt sich unweit der Stadt Bagnères de Bigorre in den Pyrenäen als ungeheure völlig isolirte Felsmasse, von deren Gipfel man eine unermeßliche, von keinem höheren Punkte beschränkte Aussicht hat. Im Wege einer öffentlichen Subskription wurden die Mittel zusammengebracht, um ein kleines Haus und die nothwendigsten meteorologischen Instrumente auf dem Gipfel des Berges einzurichten. General Nansouty, von einem Hilfsbeobachter begleitet, bezog im Sommer 1874 das kleine Häuschen auf dem Pic du Midi als Beobachter. Schon bald zeigte sich die Bösartigkeit des Wetters in dieser Höhe und am 11. Dezember jenes Jahres zerstörten Eismassen die Fenster des Raumes, in welchem die beiden Männer wohnten. Es fanden sich oben keine Mittel, die Fenster wieder herzustellen, infolge dessen drangen Wind, Schnee und Frost ein und die Kälte stieg dauernd auf – 18° C. Um dem Tode zu entgehen, blieb den Beobachtern nichts anderes übrig, als mitten im Winter den schreckensvollen Abstieg zu den Menschen zu wagen. Und es gelang, nachdem beide 16 volle Stunden unter fortwährender Lebensgefahr in der Eiswüste des Berges umhergeirrt waren. Aber im nächsten Sommer waren die zwei Beobachter wieder auf ihrem Posten, Stunde um Stunde, Tag für Tag lasen sie ihre Instrumente ab; doch im Oktober begrub eine Lawine das kleine Observationshaus und zwang wiederum zur Einstellung der Beobachtungen.

Indessen verlor General Nansouty den Muth nicht, er brachte mit Hilfe von Freunden der Wissenschaft die nöthige Summe zum Bau eines neuen Observatoriums zusammen, das dann auch telegraphisch mit der Stadt Bagnères de Bigorre in Verbindung gesetzt wurde. Unsere Abbildung (S. 709) giebt eine Ansicht des Observatoriums nach einer Zeichnung von Tissandier, dem berühmten Luftschiffer, der dasselbe im Jahre 1879 besuchte.

Nachdem die Station auf dem Pic du Midi eingerichtet war und ihre Bedeutung für die Wissenschaft sich als unzweifelhaft erwiesen, ging man in Frankreich daran, auch auf einem andern Berge ein meteorologisches Observatorium einzurichten. Als solcher erschien besonders der Puy de Dôme bei Clermont geeignet und mit einem Kostenaufwand von 100 000 Franken wurde von 1873 bis 1878 dort ein massives Gebäude hergestellt. Das eigentliche Observatorium besteht aus einem runden Thurme, der auf dem Gipfel des Puy sich erhebt, 15 Meter tiefer liegt ein Wohnhaus, von dem ein Tunnel nach dem Thurme führt. Die Aussicht vom Observatorium aus ist großartig, aber ganz einzig dann, wenn weiße Wolken die Erde völlig den Blicken entziehen und das Auge gewissermaßen nur einen unermeßlichen Ocean erblickt, aus dem die Gipfel der benachbarten Berge gleich Inseln hervorragen.

Unsere Abbildung aus S. 720 giebt in meisterhafter Weise eine Vorstellung von diesen Bewölkungsverhältnissen. Man sieht vor sich [718] den Gipfel des Puy de Dôme mit dem Observatorium, daran schließen sich mehrere kleinere Puys, während man in der Ferne den 1886 Meter hohen Pic de Sancy und den gleich hohen Plomb de Cantal sieht, die wie Inseln aus einem Meere aufsteigen. Die sehr gleichmäßig hohe Oberfläche der Wolken ist überaus merkwürdig und Professor Alluard bemerkt, daß bei heftigem Winde diese Oberfläche bisweilen völlig einer bewegten See gleiche, indem trotz der Bewegung das allgemeine Niveau keinen Wechsel erleide.

In Oesterreich besteht ein Hochobservatorium erster Ordnung auf dem Obirgipfel in 2044 Metern Meereshöhe südlich von Klagenfurt. Schon seit 1846 wurden dort Beobachtungen angestellt, aber nur an den Wochentagen, weil die Aufseher Sonntags zu ihren Familien herabstiegen. Erst seit 1878 wurde auf Veranlassung der Sektion Eisenkappel des österreichischen Touristenklubs auf dem Obir ein Touristenhaus nebst einem kleinen Schlafhause aufgeführt und ein Beobachter bestellt, der Sommer und Winter oben ausharren und regelmäßig beobachten mußte. Von da an wurde die Station wichtig für die Meteorologie, besonders da der hochverdiente Direktor Hann[WS 1] in Wien, gegenwärtig wohl der Erste unter den lebenden Meteorologen, die Station auf dem Obir mit selbstregistrirenden Instrumenten ausrüsten ließ.

Auf diese Weise wird dort oben seit mehreren Jahren von Stunde zu Stunde der Druck der Luft, die Temperatur, die Richtung und Stärke des Windes, ja die tägliche Dauer des Sonnenscheins automatisch aufgezeichnet, ohne daß der Beobachter wesentlich mehr dabei zu thun hat, als die Aufzeichnungen von den Instrumenten abzunehmen und die Apparate von Zeit zu Zeit nachzusehen, damit ihre Thätigkeit nicht stocke. Die Erhaltung der Station und die Versorgung des oben weilenden Aufsehers mit Lebensmitteln geschieht von dem Orte Eisenkappel aus, auch ist eine Telephonverbindung eingerichtet, so daß der in der Wolkenregion weilende Beobachter nicht völlig vereinsamt ist, sondern mit den Menschen unten wenigstens durch die Sprache verkehren kann. Unser Bild (S. 721) giebt den allgemeinen Anblick der Station von einem benachbarten hohen Punkte des Obir aus. Wir fügen noch eine zweite Abbildung bei, welche nach einer Zeichnung des Herrn Berger in Eisenkappel angefertigt ist. Sie stellt den Hochobir im Winter dar, wenn das Beobachtungshaus in den Schneemassen begraben liegt und ein tiefgrauer Himmel über der weißen, öden Fläche liegt. Man sieht, daß von dem Beobachtungshause aus eine elektrische Leitung nach der eigentlichen Spitze des Obir führt. Auf dieser Spitze, in 2140 Metern Höhe, von keiner andern Erhebung überragt, steht das Anemometer, das heißt ein Instrument, um Richtung und Stärke des Windes anzuzeigen die dann durch den elektrischen Strom nach dem Beobachtungshause übermittelt und automatisch aufgezeichnet werden.

Ein anderes Hochobservatorium besitzt Oesterreich aus dem Sonnenblick in der Goldberggruppe der Hohen Tauern. Dieser Gipfel ragt bis zu 3103 Metern empor, ist also um mehr als die Hälfte höher als der Hochobir und eignet sich dabei durch seine Lage wie kaum ein zweiter in den Alpen zur Anlage eines meteorologischen Observatoriums. Das Hauptverdienst um die Errichtung dieser höchsten Wetterwarte Europas gebührt dem Gewerken Ignaz Rojacher. Dieser, im wahrsten Sinne des Wortes ein „selbstgemachter“ Mann, ist der eigentliche Urheber der Sonnenblickwarte, indem er das, was die österreichische meteorologische Gesellschaft längst sehnsüchtig gewünscht hatte, kräftig ins Werk setzte. Der Bau des Observatoriums auf der schwer zugänglichen Höhe bot ganz besondere Schwierigkeiten, namentlich in dem ungünstigen Sommer 1886, aber Rojachers Energie überwand alle Hindernisse. Am 2. September jenes Jahres wurde die Station feierlich eröffnet, und ein Knappe Namens Simon Neumeyer wurde der erste Beobachter.

Unsere naturgetreue, nach einer Photographie dargestellte Abbildung auf S. 720 zeigt uns den schwierigen Aufstieg zum Sonnenblick. Rechts unten sind die Knappenhäuser des Goldbergwerkes von Rojacher sichtbar, von hier zieht sich der Weg auf den Sonnenblick über den Glascher (links) bis zu den unterhalb der Spitze ansteigenden Felspartien. Ueber diese hinauf gelangt man zu dem im Bilde nur gegen die Spitze zu erscheinenden oberen Gletscher und zu der Hochwarte Sonnenblickhaus.

Die größte Kälte im Februar 1887 war – 32° C. am 9. jenes Monats, die größte Wärme am 5. Januar betrug – 6,2° C. Das sind, wie man sieht, sibirische Verhältnisse. Die mittlere Temperatur der Sommermonate steigt auf nur wenig über den Gefrierpunkt, ja sie bleibt zum Theil noch darunter. Für den Juni beträgt sie – 1,4°, für Juli + 1,2°, für August + 1,0°, durchschnittlich für die Sommermonate + 0,3° C. Sonach kommt die Sommerwärme auf dem Sonnenblick ziemlich jener auf Spitzbergen oder Franz-Josef-Land im arktischen Eismeer gleich.

Die Schweiz besitzt eine Hochstation auf dem Säntis in 2500 Metern Höhe, den man von Appenzell aus leicht erreichen kann. –

Die höchstgelegene Beobachtungsstation im Deutschen Reiche befindet sich seit 1883 auf dem Wendelstein, der von München aus über Bayerisch-Zell bequem zu besteigen ist. Der Berg selbst, dessen Beschreibung in Nr. 6 des vorigen Jahrganges enthalten ist, erhebt sich bis zu 1860 Metern über die Meeresfläche und trägt auf der höchsten Kuppe, die mittels eines Drahtseiles zugänglich ist, ein großes Kreuz. Da diese Spitze jedoch im Winter nur mit Lebensgefahr erreicht werden kann, so sind die Instrumente der meteorologischen Station in dem 130 Meter tiefer liegenden Touristenhause aufgestellt.

Die nachfolgende Zusammenstellung giebt einen Ueberblick über die hauptsächlichsten Gipfelstationen in Europa, geordnet nach ihrer Höhe über dem Meeresspiegel: Sonnenblick, Salzburg, Hohe Tauern 3103 Meter, Aetna, Sicilien 2900 Meter, Pic du Midi, Pyrenäen 2877 Meter, Säntis, Appenzeller Land 2500 Meter, Monte Cimone, Apennin 2162 Meter, Hochobir, Kärnten 2044 Meter, Mont Ventrux, Cottische Alpen 1960 Meter, Wendelstein, Südbayern 1860 Meter, Schafberg bei Ischl 1776 Meter, Pic l’Aigual, Cevennen 1567 Meter, Puy de Dôme, Auvergne 1463 Meter, Ben Nevis, Schottland 1418 Meter, Brocken, Harz 1141 Meter.

So sehen wir , daß heute zu Zwecken der Wissenschaft die leisesten Regungen des Luftozeans überwacht werden an Orten, die noch vor 150 Jahren von allen Schrecknissen des Aberglaubens umhüllt waren; und da, wo man vor zwei Menschenaltern noch den Aufenthalt von Drachen und Fabelthieren der seltsamsten Art vermuthete, in Höhen, in denen nach Ansicht der damaligen Alpenbewohner der „kalte Berghunger“ den Menschen befiel, dreht sich heute das selbstregistirende Anemometer und schreibt die Sonne im Dienste der Wissenschaft auf, wie lange sie an jedem Tage leuchtet und wie lange sie hinter Wolken verborgen blieb.

Dr. Klein.      




Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Die Alpenfee.
Roman von E. Werner.
(Fortsetzung.)

Die weiche Stimme Alices verstand so süß zu bitten und die braunen Augen blickten so fragend und teilnehmend den jungen Arzt an, und doch war Nordheims Tochter die letzte, die den wahren Grund zu Reinsfelds Stimmung erfahren durfte. Sie hatte freilich recht gesehen; Benno litt schon seit Wochen unter dem Druck jenes Verdachtes, den Gronau in seine bis dahin so arglose Seele gepflanzt hatte. Zwar hatte sich nichts gefunden, was ihn irgendwie bestätigte, aber Reinsfeld ahnte, daß Veits plötzliche Abreise und sein langes Ausbleiben damit zusammenhingen, daß dieser die Spur weiter verfolgte. Er faßte sich indessen rasch und erwiderte:

„Es wird mir schwer, Oberstein zu verlassen. So anstrengend meine Praxis auch bisweilen war, und so sehr ich mich nach einem größeren Wirkungskreise sehne, ich fühle es doch jetzt, wie sehr ich verwachsen bin mit den Menschen, deren Freud und Leid ich jahrelang getheilt habe, mit den Bergen, die mir eine zweite Heimath geworden sind. Ich lasse hier so manches zurück, was mir das Scheiden schwer macht.“

[719] Sein Auge suchte den Boden bei den letzten Worten, sonst hätte er die Veränderung gewahren müssen, die plötzlich mit Alice vorging. Sie erbleichte und die eben noch so strahlende Heiterkeit ihrer Züge erlosch, während das Sträußchen von Waldblumen, das sie vorhin gepflückt hatte, ihrer Hand entfiel und auf das Moos niedersank.

„Ist Ihre Abreise so nahe?“ fragte sie leise.

„Gewiß, ich warte nur auf die Ankunft meines Nachfolgers, der voraussichtlich in acht Tagen eintrifft.“

„Und dann gehen Sie – für immer?“

„Ja – für immer!“

Die Frage wie die Antwort hatten einen gleich schweren Klang, dann trat ein Schweigen ein. Alice bückte sich und hob das Sträußchen wieder auf, das sie mechanisch zu ordnen begann. Sie wußte freilich von der Berufung nach Neuenfeld und von der Annahme seitens des Doktors, aber sie hatte geglaubt, er werde wenigstens bis zu ihrer Abreise hierbleiben, und über diese Abreise waren ihre Gedanken nie hinausgegangen. Sie war hier in den Bergen so glücklich gewesen, hatte sich mit ganzer Seele der frohen, sonnigen Gegenwart hingegeben und kaum jemals daran gedacht, daß sie ein Ende nehmen könnte; jetzt wurde sie daran gemahnt, wie nahe dies Ende war.

„Ich kann diesmal ohne Besorgniß gehen,“ hob Benno wieder an. „Der Gesundheitszustand in meinem Bezirk läßt kaum etwas zu wünschen übrig und Sie, gnädiges Fräulein bedürfen meiner ja nicht mehr. Bei der nöthigen Schonung, die Sie sich noch eine Zeit lang auferlegen müssen, glaube ich mich für Ihre dauernde Genesung verbürgen zu können. Ich bin sehr glücklich darüber, daß ich meinem Freunde Wort halten und ihm die Braut gesund und lebensfroh wiedergeben kann.“

„Wenn ihm überhaupt etwas daran liegt!“ sagte Alice leise.

Reinsfeld sah sie betroffen an bei der seltsamen Bemerkung.

„Gnädiges Fräulein –?“

„Glauben Sie denn, daß Wolfgang mich lieb hat? – Ich glaube es nicht!“

Es lag keine Bitterkeit in den Worten, sie klangen nur traurig und ebenso traurig fragend war der Blick, der sich jetzt zu dem jungen Arzte emporhob.

„Sie glauben nicht an Wolfgangs Liebe?“ rief er bestürzt. „Aber weshalb hätte er denn sonst –“ er brach plötzlich ab und verstummte mitten im Satze. Er wußte ja doch am besten, daß die Liebe bei der Wahl seines Freundes keine Rolle gespielt hatte; er erinnerte sich noch so deutlich jener Stunde, wo der junge Oberingenieur sich mit kalter, kühner Berechnung vornahm, die Tochter des allmächtigen Präsidenten zu gewinnen, des spöttischen Achselzuckens, mit dem er den Gedanken an eine Neigung zurückwies – es war eine Spekulation gewesen, weiter nichts.

„Ich will ja keinen Vorwurf gegen Wolfgang aussprechen, gewiß nicht,“ fuhr Alice fort. „Er ist stets so aufmerksam, so rücksichtsvoll und so besorgt um mich, aber ich fühle es doch, wie wenig ich ihm bin, fühle, daß, selbst wenn er bei mir ist, seine Gedanken weit fort sind. Ich habe das seither kaum empfunden und wenn ich es empfand, that es mir nicht wehe. Ich war immer so müde, hatte so gar keine Freude am Leben und kam mir stets wie eine Gefangene vor, in der Krankenhaft. Erst als der schwere Druck zu weichen begann, der mir Geist und Körper lähmte, habe ich sehen und unterscheiden lernen. Wolfgang liebt seinen Beruf, seine Zukunft, sein großes Werk, die Wolkensteiner Brücke, auf das er so stolz ist – mich wird er niemals lieben!“

Benno fand nicht sogleich eine Antwort, er war ebenso erschreckt wie überrascht von diesem Urtheil des jungen Mädchens, das er in diesem Punkte für so gleichgültig gehalten hatte, und das nun mit so unerbittlicher Klarheit die Wahrheit durchschaute.

„Wolf ist überhaupt keine leidenschaftliche Natur,“ sagte er endlich langsam. „Bei ihm überwiegt der Ehrgeiz nun einmal das Gefühlsleben; schon als Knabe war er so und bei dem Manne tritt das noch starrer und schärfer hervor, es ist Charakteranlage.“

Alice schüttelte verneinend das Haupt: „Doktor Gersdorf ist auch eine ruhige, kühle Natur, und wie liebt er Wally! Ernst Waltenberg kannte früher kein anderes Glück als seine schrankenlose Freiheit, und was hat die Liebe aus ihm gemacht! Frau von Lasberg sagt freilich, das eine sei Tändelei, die mit den Flitterwochen zu Ende gehe, und das andere Strohfeuer, das ebenso schnell erlöschen würde, wie es aufflammte; die wahre dauernde Liebe sei überhaupt ein Traumgespinnst, eine thörichte Romanidee, die eine kluge Frau von vornherein aufgeben müsse, wenn sie eine glückliche Ehe führen wolle. Sie mag ja vielleicht recht haben, aber es ist eine so trostlose, so niederschmetternde Weisheit – glauben Sie auch daran, Herr Doktor?“

„Nein!“ sagte Reinsfeld, so fest und nachdrücklich, daß Alice ihn verwundert anblickte, aber sie lächelte trübe.

„Dann sind wir beide Träumer und Thoren, die jene klugen Leute nicht gelten lassen.“

„Und Gott sei Dank, daß wir es sind!“ brach Benno aus. „Lassen Sie es sich doch nicht rauben, mein Fräulein, das Einzige, was im Leben Glück zu geben vermag, was das Leben überhaupt erst der Mühe werth macht. Mir hat Wolf freilich stets prophezeit, daß ich damit ein armer Tropf bleiben werde, nach dem niemand fragt – meinetwegen! Ich bin doch glücklicher als er, mit all seinem Selbstbewußtsein und seinen Erfolgen. Er hat ja keine Freude daran, er steht überall nur die öde, nüchterne Wirklichkeit, ohne Begeisterung, ohne jeden idealen Schimmer. Ich habe ein hartes Leben durchgemacht, bin nach dem Tode meiner Eltern als verwaister Knabe in der Welt herumgestoßen worden, habe als armer Student oft nicht gewußt, wo ich das Brot für den nächsten Tag hernehmen sollte, und habe auch bis jetzt nur eben das Nothwendige gehabt, aber ich tausche doch nicht mit meinem Freunde und seiner glänzenden Zukunft!“

Er ließ sich von seiner Erregung fortreißen und fühlte gar nicht, welche schwere Anklage gegen Wolfgang in seinen Worten lag; aber auch Wolfgangs Braut schien das nicht zu empfinden, denn sie blickte mit leuchtenden Augen zu dem jungen Arzte empor, der, sonst so schlicht und einfach in seinem ganzen Wesen, jetzt in einer förmlichen Begeisterung aufflammte. Er war sonst scheu und verschlossen, wie alle tiefinnerlichen Naturen, jetzt aber, wo die Schranke einmal gebrochen war, kannte er auch keine Zurückhaltung mehr, sondern fuhr beinahe leidenschaftlich fort:

„Wenn wir beide dereinst die Summe unseres Lebens ziehen, dann ist das Glück doch vielleicht auf meiner Seite, dann gäbe Wolfgang vielleicht all seine stolzen Errungenschaften hin für einen einzigen Trunk aus dem Quell, der mir unversiegbar strömt. Wir armen, verhöhnten und verspotteten Idealisten sind doch die einzig Glücklichen in der Welt, denn wir können lieben aus vollem Herzen, können uns begeistern für alles Große und Gute, können Hoffen und vertrauen, trotz aller bitteren Erfahrungen. Und wenn uns alles zusammenstürzt im Leben, dann bleibt uns doch noch das Eine, das nach oben weist, und das trägt uns zu einer Höhe, wohin die anderen nicht folgen können; es fehlen ihnen ja die Flügel und die sind mehr werth als all ihre vielgepriesene Lebensweisheit!“

Alice lauschte schweigend, athemlos dieser Sprache, die sie nie gehört hatte in ihrem Vaterhause und die sie doch verstand mit dem Instinkt eines jungen warmen Herzens, das nach Glück und Liebe verlangt. Und sie wußte nicht einmal, daß der Mann, der so begeistert für den Idealismus, für den Glauben an die Menschen eintrat, eine der herbsten Erinnerungen in Bezug auf Freundesehre und Freundestreue mit sich herumtrug, und daß diese Erinnerung ihrem eigenen Vater galt.

„Sie haben recht!“ rief sie, ihm wie zum Danke beide Hände hinstreckend. „Das ist das höchste, das einzige Glück im Leben und das wollen wir uns nicht rauben lassen!“

„Das einzige?“ wiederholte Benno, während er, fast ohne zu wissen, was er that, ihre Hände ergriff und festhielt. „Nein, mein Fräulein, Ihnen wird doch noch ein anderes Glück beschieden sein! Wolfgang ist trotz alledem eine groß und edel angelegte Natur, lernen Sie sich nur erst gegenseitig verstehen, dann wird und muß er Sie glücklich machen, oder er wäre es nicht werth, Sie zu besitzen. Ich,“ hier wurde ihm doch die Stimme untreu, sie bebte in verhaltenem Schmerze, „ich werde ja öfter von ihm und seiner Ehe hören, wir bleiben in Briefwechsel, und dann – erlauben Sie mir vielleicht auch, dann und wann einen Gruß an Sie einzuflechten.“

Alice antwortete nicht, aber ihre Augen standen voll heißer Thränen; sie war nicht im Stande, diesen ersten tiefen Schmerz ihres Lebens zu verbergen, und bei den letzten Worten barg sie mit einem lauten Aufschluchzen das Gesicht in beide Hände.

Benno sah das mit einem Gefühl berauschenden Glückes und berauschenden Schmerzes. Ein anderer hätte vielleicht alles [720] vergessen bei diesem Anblick, der so deutlich sprach, und die Geliebte in seine Arme gezogen; für ihn war sie nur die Braut seines Freundes, der er um keinen Preis der Welt mit einem Liebesworte genaht wäre – er trat langsam einige Schritte zurück.

„Es ist doch gut, daß ich nach Neuenfeld gehe!“ sagte er kaum hörbar. „Ich wußte längst, daß es nothwendig war!“

Die beiden hatten keine Ahnung davon, daß sie belauscht wurden. Schon in jenem Augenblick, wo der Doktor die Hände des jungen Mädchens ergriff, theilte sich das Gebüsch am Fuße des Felsens, und Wally, die eine neckende Ueberraschung beabsichtigte, lugte daraus hervor.

Ihr muthwilliges Gesicht nahm aber den Ausdruck höchster Verwunderung an, als sie Alice, die sie allein glaubte, in Gesellschaft des Vetter Benno und in einer sehr vielsagenden Vertraulichkeit mit ihm erblickte.

Zu den vielen lobenswerthen Eigenschaften der Frau Doktor Gersdorf gehörte auch eine sehr hervorragende Neugierde. Sie wollte unter allen Umständen wissen, wie dieses verfängliche Zusammensein sich weiter entwickelte. Sie verharrte daher regungslos auf ihrem Lauscherposten und hörte das ganze folgende Gespräch mit an, bis Ernas und Waltenbergs Schritte sich vernehmen ließen, die erst jetzt den Felspfad herabkamen.

Zum Glück besaß die kleine Frau Geistesgegenwart, und überdies hatte sie während ihrer eigenen Brautzeit Alice so nachdrücklich als Schutzgeist in Anspruch genommen, daß sie sich nun auch ihrerseits zu dieser Rolle verpflichtet fühlte. Sie tauchte daher geräuschlos in das Gebüsch zurück und rief dann laut und lustig den Niedersteigenden zu, daß sie ihnen schon weit voraus sei. Das that denn auch seine Wirkung; als alle drei einige Minuten später die Bergwiese


Die Gartenlaube (1888) b 720 1.jpg

Sonnenblick in den Hohen Tauern.
Nach einer Photographie von Würthle und Spinnhirn in Salzburg.

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Aussicht von der Wetterwarte des Puy de Dôme.
Zeichnung nach einer Abbildung in „La Nature“.

[721]
Die Gartenlaube (1888) b 721.jpg

Ansicht der Wetterwarte auf dem Obirgipfel.
Originalzeichnung von J. J. Kirchner.

[722] betraten, hatte sich das junge Paar gefaßt, Alice saß auf ihrem früheren Platze und Reinsfeld stand ernst und schweigsam daneben. Wally war natürlich grenzenlos überrascht, ihren Vetter Benno hier zu finden, dessen sie sich sofort bemächtigte. Er mußte beichten, sobald sie allein waren, das stand bei ihr fest, und Alice mußte es gleichfalls, als Schutzgeist hatte man Anspruch auf unbedingtes Vertrauen.

Die kleine Gesellschaft trat gemeinsam den Rückweg an, und dabei mußte Benno unausgesetzt seiner jungen Verwandten Stand halten, die ihn mit Fragen und Erzählungen überschüttete. Er hörte mechanisch zu und gab ebenso mechanisch die geforderten Antworten, während sein Blick an der schlanken, zarten Gestalt hing, die wortlos an Ernas Seite ging; er wußte es ja nicht erst seit heute, daß sie ihm das Theuerste auf der ganzen Welt war.




Der Präsident war zur festgesetzten Zeit angekommen, er mußte bis zur Eröffnung der Bahn den Weg noch über Heilborn nehmen und hatte den Doktor Gersdorf von dort mitgebracht, der seine Frau abholen wollte. Der Chefingenieur war an dem Tage „zufällig“ nach einer sehr entfernten Strecke der Bahn gefahren und konnte seinen Schwiegervater nicht wie sonst begrüßen. Nordheim wußte sich das zu deuten; allerdings rechnete er jetzt auf keine Nachgiebigkeit Wolfgangs mehr, aber es mußte trotz alledem noch zu einer letzten Auseinandersetzung zwischen ihnen kommen.

Wally hatte unmittelbar nach Tische ihren Gatten in den kleinen Waldpark gezogen, der zu der Villa gehörte, um dort ungestört ihr Herz ausschütten zu können, aber sie machte sehr großartige Vorbereitungen dazu und erging sich in so geheimnißvollen Andeutungen und Winken, daß Gersdorf anfing unruhig zu werden.

„Aber, liebes Kind, so sage mir doch endlich, was eigentlich geschehen ist,“ bat er. „Ich habe gar nichts Ungewöhnliches bemerkt bei meiner Ankunft; was hast Du mir denn anzuvertrauen?“

„Ein Geheimniß, Albert,“ versetzte die junge Frau mit großer Feierlichkeit, „ein schweres, tiefes Geheimniß, dessen Bewahrung ich Dir auf die Seele binde. Es haben sich hier ganz unglaubliche Dinge ereignet – hier und in Oberstein.“

„In Oberstein? Ist etwa Benno dabei betheiligt?“

„Ja!“ Frau Doktor Gersdorf machte eine sehr lange Kunstpause, um ihrer Eröffnung den nöthigen Nachdruck zu geben, dann sagte sie in einem hochtragischen Ton:

„Benno – liebt Alice Nordheim!“

Die Nachricht machte leider nicht den gehofften Effekt, der Rechtsanwalt schüttelte nur den Kopf und sagte mit empörender Gleichgültigkeit:

„Der arme Junge! Gut, daß er nach Neuenfeld geht, da wird er sich den Unsinn hoffentlich bald aus dem Sinne schlagen!“

„Das nennst Du Unsinn?“ rief Wally entrüstet. „Und Du meinst, man könne es sich so ohne weiteres aus dem Sinne schlagen? Du hättest es wahrscheinlich gekonnt, wenn ich nicht Deine Frau geworden wäre, Albert, denn Du bist ein herzloses Ungeheuer!“

„Aber ein vortrefflicher Ehemann!“ behauptete Gersdorf, der an diese tragischen Ausdrücke seiner Frau schon gewöhnt war, mit philosophischer Ruhe. „Uebrigens lag die Sache bei mir doch etwas anders. Ich wußte, daß Du mir erreichbar warst trotz mancher Hindernisse, und überdies war ich Deiner Gegenliebe gewiß.“

„Das ist Benno auch, Alice liebt ihn gleichfalls,“ erklärte Wally und hatte die Genugthuung, zu sehen daß ihr Gatte diese zweite Neuigkeit bedeutend ernster nahm, als die erste. Er hörte nachdenklich und schweigsam zu, während sie in ihrer gewohnten lebhaften Weise den ganzem Bericht hervorsprudelte, von dem zusammentreffen im Walde, von ihrem Lauscherposten im Gebüsche und ihren höchst energischen Bemühungen, Klarheit in die Sache zu bringen, wie sie sich ausdrückte.

„Eine Stunde später hatte ich Benno unter vier Augen,“ fuhr sie fort. „Er wollte anfangs nicht beichten, durchaus nicht, aber man soll es einmal versuchen, mir etwas zu verbergen, wenn ich auf der Spur bin! Ich sagte ihm schließlich auf den Kopf zu: ‚Sie sind verliebt, Benno, rettungslos verliebt!‘ Da endlich gab er sein Leugnen auf und antwortete mit einem tiefen Seufzer: ‚Ja – und hoffnungslos!‘ Er war ganz verzweifelt, der Arme, aber ich sprach ihm Muth ein und erklärte, daß ich mich der Sache annehmen und sie in Ordnung bringen werde.“

„Was ihn natürlich sehr getröstet hat!“ warf Gersdorf sarkastisch ein.

„Nein, im Gegentheil, er wollte nichts davon hören. Dieser Benno ist von einer entsetzlichen Gewissenhaftigkeit! Alice sei die Braut seines Freundes, er dürfe nicht einmal an sie denken, wolle sie nie wiedersehen, sondern womöglich schon morgen nach Neuenfeld abreisen und was dergleichen Ueberspanntheiten mehr waren. Er verbot mir sogar, mit Alice zu sprechen – natürlich ging ich sofort zu ihr, sobald er den Rücken gewandt hatte, und brachte sie gleichfalls zum Geständniß. Kurz und gut, die beiden lieben sich, namenlos, grenzenlos, unaussprechlich – da bleibt also nichts anderes übrig, als daß sie sich heirathen!“

„So?“ sagte der Rechtsanwalt, etwas überrascht von dieser Schlußfolgerung. „Du scheinst ganz zu vergessen, daß Alice die Braut des Chefingenieurs ist.“

Frau Wally rümpfte das Näschen; diese Verlobung hatte niemals Gnade vor ihren Augen gefunden, und jetzt machte sie vollends kurzen Prozeß damit.

„Alice hat diesen Wolfgang Elmhorst nie geliebt,“ versicherte sie mit der größten Bestimmtheit. „Sie hat Ja gesagt, weil ihr Vater es wünschte, weil sie damals überhaupt nicht die Energie besaß, Nein zu sagen, und er – nun er wollte eben eine reiche Partie machen.“

„Und eben deshalb wird er nicht geneigt sein, sie fahren zu lassen, das solltest Du doch einsehen.“

„Ich habe Dir ja gesagt, Albert, daß ich mich der Sache anzunehmen beabsichtige!“ erklärte die junge Frau großartig. „Ich werde mit Elmhorst sprechen, werde an seinen Edelmuth appelliren, ihm vorstellen, daß er zurücktreten muß, wenn er nicht zwei Menschen unglücklich machen will. Er wird gerührt, erweicht sein, wird die Liebenden zusammenführen und –“

„Eine echte Romanscene spielen!“ ergänzte Albert. „Nein, das wird er nicht thun! Du kennst den Chefingenieur schlecht, wenn Du ihm eine solche Gefühlsseligkeit zutraust. Er ist am wenigsten der Mann, von einer Verbindung zurückzutreten, die ihm den einstigen Besitz von Millionen verbürgt, und wenn er die Liebe seiner Frau dabei entbehren muß, so wird er sich zu trösten wissen. Und was glaubst Du denn, was Nordheim zu der romantischen Geschichte sagen würde?“

„Der Präsident?“ fragte Wally kleinlaut. Sie hatte bei ihren kühnen Entwürfen, wo sie sich schon als segnenden Schutzgeist sah, der die Hände der beiden Liebenden mit der nöthigen Rührung vereinigte, gar nicht daran gedacht, daß Alice noch einen Vater besaß, der ein entscheidendes Wort in der Sache zu sprechen hatte.

„Ja, Präsident Nordheim, dessen eigentliches Werk diese Verlobung ist, und der schwerlich geneigt sein dürfte, sie aufzuheben und die Hand seiner Tochter einem jungen Landarzte zu bewilligen, der bei all seiner Bravheit und Tüchtigkeit doch äußerlich gar nichts in die Wagschale zu legen hat. Nein Wally, die Sache ist völlig aussichtslos, und Benno hat durchaus recht, wenn er jede Hoffnung aufgiebt. Selbst wenn Alice ihn wirklich liebt – sie hat ihr Jawort einmal gegeben, freiwillig gegeben, und weder der Bräutigam noch der Vater werden sie davon entbinden. Es hilft nichts, sie müssen sich beide fügen.“

Er hätte noch weit mehr Gründe anführen können, ohne seine Frau zu überzeugen. Sie wußte, was ihr eigenes Trotzköpfen ausgerichtet hatte, als es sich um die Vereinigung mit dem Geliebten handelte, und sah durchaus nicht ein, weshalb Alice das nicht gleichfalls durchsetzen sollte. Sie hörte zwar aufmerksam zu, schnitt dann aber jede weitere Einwendung ihres Mannes mit der diktatorischen Erklärung ab:

„Das verstehst Du nicht, Albert! Sie lieben sich – also müssen sie sich heirathen, und das werden sie auch!“

Und gegen eine solche Logik kam Gersdorf mit seinen Gründen allerdings nicht auf. –

(Fortsetzung folgt.)
[723]
Das Oelen der See.

Wem sind nicht die Berichte über die kühnen Fahrten der Walfischfänger bekannt? Alte verrottete Schiffe derselben, leck wie Siebe, wagten sich auf das weite Meer hinaus, überstanden die schwersten Stürme und kehrten unversehrt in die Heimath zurück. Wohl waren die Kapitäne derselben erprobte Schiffer, aber besser als andere Seefahrer kannten sie außerdem ein Mittel, das geeignet ist, die Gefahren der stürmischen See zu mildern: die Anwendung des Oeles zur Beruhigung der Meereswellen. Ob lenzend (auf See vor schweren Stürmen mit kleinen [dicht] gerefften Segeln laufen) oder treibend, pumpten sie während des Sturmes so viel Oel mit ihrem Bilgewasser aus, daß Brechseen über Deck gar nicht vorkamen.

Gegenwärtig ist das Oelen der See zum Gemeingut aller Seefahrer geworden. Früher war das Bedürfniß nach einem ähnlichen Mittel nicht so sehr dringend. Hölzerne und Segelschiffe waren den Gefahren der Brechseen nicht so sehr ausgesetzt wie eiserne und Dampfschiffe. Sie hatten kleinere Luken und waren zur Hebung der Segelfähigkeit mit größter Sorgfalt beladen, was ihnen eine besondere Stabilität verlieh. Dies ist bei unsern Dampfschiffen nicht immer der Fall, und von vielen Dampfern, die in der Neuzeit spurlos auf der See verschwunden sind, kann man wohl behaupten, daß sie tief weggeladen und schlecht stabilisirt und darum als eine träge unbeholfene Masse widerstandslos der überbrechenden See preisgegeben waren. Dies machte das Bedürfniß nach Mitteln, welche die Wuth der Brechseen mildern, besonders lebendig; man griff zu dem altbekannten Oelen der See, und die verschiedensten Versuche haben den Nutzen desselben über allen Zweifel gestellt.

Es klingt gewiß märchenhaft, daß einige Tropfen Oel genügen sollen, die haushoch daherstürmenden Wogen zu glätten; aber die Thatsache ist unzählige Male beobachtet worden. Die Oelschicht zerstört dabei die Kämme nicht; sie unterdrückt sie nur und verwandelt sie unterhalb des Oelbereiches in eine weniger gefährliche Dünung. Jenseit des Oelbereiches kommen die Kämme wieder zum Vorschein.

Die Art und Weise, wie das Oel am zweckmäßigsten angewandt werden soll, bildete in letzter Zeit den Gegenstand vielfacher Untersuchungen, und auch der Hamburger Nautische Verein hat auf Veranlassung von Georg Duncker im Jahre 1887 ein Preisausschreiben für die beste Arbeit über diese Frage erlassen. Eine der prämiirten Schriften[1] liegt jetzt im Druck vor und gestattet uns, den vielfachen Nutzen dieser Methode kennen zu lernen.

Wäscht bei anhaltend stürmischer Witterung die See über das Schiff, schlägt sie Ladeluken ein, richtet am Deck Zerstörung an, so ermattet endlich die Mannschaft in dem langen Kampfe mit den Elementen; die Schäden können nicht mehr ausgebessert werden und wie das Schiff wehrlos, so wird die Mannschaft gleichgültig; das gewisse Schicksal, weggeschwemmt zu werden, läßt sie die Gefahr übersehen, daß das Schiff unter ihren Füßen wegsinken könne. Werden dann die Oelbeutel ausgehängt, verwandelt das heraustropfende Oel die vom Sturme gepeitschte haushoch heranwogende Brechsee in eine harmlose Dünung, die, anstatt über das Schiff hinwegzubrechen, unter demselben hinweggleitet, so kehrt mit dem Gefühl der Sicherheit der Muth der Mannschaft wieder, und die erlittenen Havarien können leicht ausgebessert werden.

Ein Beispiel dafür möge uns ein Auszug aus dem Bericht des deutschen Dampfers „Bohemia“ geben, der am 25. Februar 1886 einen orkanartigen Sturm zu bestehen hatte.

Bis Mittag des genannten Tages herrschte orkanartiger Sturm mit Schnee und Hagelböen und einer fürchterlichen Kreuzsee. Die See wusch beständig über Deck von drei Seiten zugleich; das Schiff arbeitete schrecklich. Die Thüren vom Steuerhaus wurden an beiden Seiten eingeschlagen; zwei Boote an Steuerbord und Backbord gleichzeitig voll Wasser geschlagen, und die See drang darüber hin in den Kesselraum; die Kajüten-Skylights wurden demolirt, ein Offizier und ein Mann nicht unerheblich verletzt. „Wir hingen“ heißt es nun weiter in dem Bericht, „fünf Oelbeutel an Steuerbordseite aus, desgleichen versahen wir zwei Klosetts an derselben Seite mit Oel zum langsamen Durchsickern; stoppten die Maschine und ließen das Schiff treiben, welches nach West abfiel. Das Schiff nahm jetzt kein Wasser mehr über. Die furchtbar hohe See brach sich, sobald sie die dünne Oelschicht erreichte, häufig nur wenige Fuß vom Schiffe, lief unter dem Schiffe durch und raste auf der andern Seite mit scheinbar unverminderter Kraft weiter. Wir lagen auf diese Weise bis zum folgenden Morgen beigedreht. Obgleich das Schiff in der hohen See mitunter stark überholte, so kam kaum Spritzwasser an Deck.“

Aber nicht allein große Schiffe, auch Boote, die sich im schlechten Wetter auf hoher See befinden, können von der Anwendung des Oels den größten Nutzen ziehen. Kapitän Karlowa führt als Beleg dafür folgenden Fall an:

Das englische Schiff „Slivemore“ verbrannte im Juni 1885 etwa 800 Meilen von den Seyschellen-Inseln. Die Mannschaft rettete sich in die Boote. Am dritten Tage nach dem Verlassen des Schiffes geriethen sie in einen Cyklon, den zu überstehen niemand erwarten konnte. Vor dem Verlassen des Schiffes hatte der Kapitän die Vorsicht gebraucht, die Boote mit Oel zu versehen in der Voraussicht auf einen Nothfall, wie er jetzt wirklich eingetreten war. Ein langer Strumpf mit Werg gefüllt und mit Oel getränkt, wurde vorn übergehängt, wodurch eine Oelschicht rund um jedes Boot gebildet wurde, welche die hohen Brechseen in unschädliche Dünung verwandelte, auf der die Boote in vollster Sicherheit das schlechte Wetter überstanden. Vor dem Gebrauche des Oels waren verschiedene Seen in die Boote geschlagen und die Insassen hatten für ihr Leben Wasser auszuschöpfen, jetzt kam wenig oder gar kein Wasser hinein, obgleich dieselben tief beladen waren.

Ebenso wichtig ist die Anwendung des Oels bei Rettung der Mannschaften gestrandeter Schiffe, und Rettungsboote werden jetzt in der Regel mit Oel ausgerüstet. Die Seeleute wissen sich dabei manchmal in origineller Weise zu helfen. Der Kapitän des englischen Dampfers „Barrowmore“ bemerkte, als er sich am 24. Januar 1885 dem gestrandeten Schiffe „Kirckwood“ näherte, daß die See um das Wrack herum bedeutend ruhiger war, und fand in der Folge aus, daß die Mannschaft die in der Ladung befindlichen Kisten mit Lachs entzwei geschlagen und den fettigen Inhalt ins Wasser geschüttet hatte, um die See zu dämpfen. Der „Barrowmore“ setzte in das ölige Wasser sein Rettungsboot aus und vermochte 26 Mann zu retten.

Die Fachleute arbeiten jetzt rüstig an der Lösung der Frage, auf welche Weise man am zweckmäßigsten das Oel beim Lenzen, beim Beidrehen, beim Halsen etc. anwenden solle, doch das sind Fachfragen, die einem weiteren Leserkreis ferner liegen. Wir begrüßen in diesen Arbeiten freudig einen neuen Fortschritt, der bestimmt ist, Leben und Gut der Menschen zu schützen, die Gefahren zu mildern, mit denen der kühne Seemann ringen muß.
*     
  1. „Die Verwendung von Oel zur Beruhigung der Wellen“. Von Kap. R. Karlowa, Hamburg 1888, Eckhardt und Meßtorff.




Blätter und Blüthen.

In Auerbachs Keller. (Mit Illustration S. 712 und 713. ) Die bekannte Scene in Goethes „Faust“, welche uns die Zeche lustiger Gesellen in Auerbachs Keller zu Klein-Paris vorführt, hat ist Eduard Grützner einen genialen Darsteller gefunden.

„Mit so wenig Witz und viel Behagen
Dreht jeder sich im engen Cirkeltanz,
Wie junge Katzen mit dem Schwanz.
Wenn sie nicht über Kopfweh klagen,
Solang der Wirth nur weiter borgt,
Sind sie vergnügt und unbesorgt,“

sagt Mephistopheles, als er mit Faust in den mit lustigen Studenten bevölkerten Keller tritt. Diese beiden Gestalten im Hintergrunde des Bildes sind mit charakteristischer Schärfe aufgefaßt. Mephisto freut sich, als Cicerone den Faust in diese Welt flotter Lustigkeit einzuführen, wo er ihm vor Augen führen kann, wie leicht sich’s leben läßt – und dabei verlacht er mit überlegenem Spott die ewig unbefriedigte Weisheit des tiefsinnigen Forschers. Dieser aber sieht und hört befremdet den übermüthigen Taumel einer berauschten Jugend; man sieht es ihm an, nicht lange wird’s dauern, so empfindet er die Lust, wieder abzufahren; das vierblättrige Kleeblatt in der Mitte des Bildes befindet sich aber auf der Höhe des Wohlbehagens. Da ruft der Schmerbauch Siebel:

„Mit offner Brust singt Runda, sauft und schreit,“

und Altmayer hält sich die Ohren zu:

„Weh mir, ich bin verloren!
Baumwolle her! der Kerl sprengt mir die Ohren,“

während Frosch und Brander mit Behagen der kräftigen Losung des Liedersängers folgen. Im übrigen hat der Maler Auerbachs Keller mit stimmungsvoller Detailmalerei ausgeführt.
†     

Das Aalgift. Unter diesem Namen wird in die große Reihe der Gifte gegenwärtig von der Wissenschaft ein neues eingereiht. Es ist furchtbar in seinen Wirkungen und in dem Blute unserer wohlschmeckenden Aale enthalten. Wer hätte daran gedacht, wenn er einen fetten großen Aal ansah, daß man aus dem Blute dieses Fisches eine Menge Gift gewinnen könnte, welche wohl genügt, um zehn Menschen zu tödten! Und doch ist die Thatsache wahr. Professor Mosso in Turin hat neuerdings seine interessanten Studien nach dieser Richtung hin veröffentlicht und wir heben aus seinem Bericht das Wichtigste hervor.

In der zoologischen Station in Neapel, von welcher Karl Vogt in früheren Jahren unseren Lesern berichtet hat, befaßte sich Professor Mosso mit Studien über die Zusammensetzung des Fischblutes und wollte vor allem feststellen, warum gewisse Fische, wie z. B. die. Aale, in See- und Süßwasser leben können, während andere Seefische in kurzer Zeit absterben, wenn man sie ist Süßwasser bringt. Zu diesem Zwecke ließ Professor Mosso Aalblut gerinnen. Es bildete sich dabei wie gewöhnlich der sogen. Blutkuchen und das Blutwasser; das letztere sah gelb aus und hatte einen bläulichen Widerschein. Professor Mosso kostete einen Tropfen dieses Blutwassers. Kaum aber hatte er damit die Zunge berührt, so empfand er schon einen scharfen brennenden Geschmack und hierauf stellte sich eine reichliche Speichelabsonderung nebst deutlichen Schlingbeschwerden ein.

Sowohl das Blutwasser des gemeinen Aales, wie das des Meeraales und der Muräne zeigte dieselben Wirkungen. Es unterlag keinem [724] Zweifel, daß dieses Blutwasser giftige Eigenschaften besitzen mußte. In Turin wurden die Versuche weiter verfolgt und das Blutwasser der Aale tödtete alle Versuchsthiere, denen es ins Blut eingespritzt wurde. Ein Kaninchen z. B., dem man 3 Decigramm Blutwasser einer Muräne unter die Haut einspritzte, erlag der Wirkung in 2½ Minuten; ein Hund, dem ½ Gramm in die Halsader eingespritzt wurde, war in 4 Minuten todt. Die Vergiftungserscheinungen waren derselben Art, wie wir sie beim Schlangengift beobachten; mit dem Unterschied, daß das Schlangengift weit energischer wirkt. Glücklicherweise wirkt dieses Fischgift nur dann, wenn es unmittelbar in das Blut gebracht wird, und wir werden darum nach wie vor Aale „nach allen Arten“ essen können; denn das Aalgift verliert auch durch die Zubereitung des Fisches in der Küche seine verderbenbringenden Eigenschaften. Besonders wichtig aber ist die Erklärung des Professors Mosso über die Art der Wirkung des Giftes, da es auch auf die Behandlung des Schlangenbisses einiges Licht wirft. Unsere Leser werden auch als Laien wissen, daß in dem verlängerten Mark sich eine kleine Stelle befindet, welche der „Lebensknoten“ genannt wird. Sie ist nur so groß wie ein Stecknadelkopf und bildet das Centrum der Athembewegungen. Durchbohrt man diesen „Knoten“ mit einer starken Nadel, so fällt das Thier augenblicklich todt zusammen, da mit einem Schlage die Athembewegungen vernichtet werden. Das Aal- und Schlangengift scheint nun in erster Linie das verlängerte Mark zu beeinflussen und durch die Hemmung der Athmung den Tod zu verursachen. Wird nun künstliche Athmung eingeführt, so kann die Wirkung des Giftes nach der bedenklichen Richtung hin gehoben werden und dem Organismus wird die Möglichkeit geboten, sich nach und nach zu erholen.

Man darf den weiteren Forschungen des berühmten italienischen Gelehrten mit Interesse entgegensehen; vielleicht gelingt es ihm, vollgültige Beweise für die Richtigkeit seiner Auffassung zu bringen und ein Mittel gegen das Schlangengift zu finden.
*     
Kaiser Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica. In der Provinz Westfalen wurde nach dem Tode Kaiser Wilhelms I. der Gedanke angeregt, zum bleibenden Andenken an den ruhmreichen Herrscher ein einziges mächtiges Wahrzeichen für die ganze Provinz auf einer geschichtlich denkwürdigen und landschaftlich ausgezeichneten Bergeshöhe zu errichten, statt die Kräfte durch viele kleinere Denkmäler in den verschiedenen einzelnen Ortschaften zu zersplittern. Dieser Vorschlag fand Beifall, und heute tritt ein Komitee in Minden mit einem Aufruf an die Oeffentlichkeit, in welchem als geeignetster Platz für das Denkmal die Porta Westfalica empfohlen wird, jenes mächtige Felsenthor, durch welches die Weser im Nordwesten des Reiches das Gebirge verläßt und der Tiefebene sich zuwendet. Die Stätte ist reich an geschichtlichen Erinnerungen von den Zeiten Hermanns des Befreiers, Karls des Großen und des Sachsenherzogs Wittekind an bis zu den Tagen, da König Wilhelm zum blutigen Kampfe gegen den Erbfeind auszog. Die Stadt Minden ist mit einer ersten Zeichnung von 20 000 Mark vorangegangen, und es ist wohl zu hoffen, daß dieser erhebliche Betrag auch andere Städte anspornen und dazu beitragen wird, binnen kurzem einie günstige pekuniäre Grundlage für das schöne vaterländische Unternehmen zu schaffen.
* *     
Skat-Aufgabe Nr. 11.
Von H. Schuhmacher in Hamburg.

Bei einem Vierskat sagt Hinterhand, um nicht im nächsten Spiel herumzufahren, auf folgende Karte:

Die Gartenlaube (1888) b 036 3.jpg Die Gartenlaube (1888) b 036 4.jpg Die Gartenlaube (1888) b 036 5.jpg Die Gartenlaube (1888) b 036 13.jpg Die Gartenlaube (1888) b 220 2.jpg Die Gartenlaube (1888) b 724 6.jpg Die Gartenlaube (1888) b 308 7.jpg Die Gartenlaube (1888) b 084 9.jpg Die Gartenlaube (1888) b 036 6.jpg Die Gartenlaube (1888) b 036 7.jpg
(tr. B.)
(p. B.)
(c. B.)
(car. B.)
(c. 9.)
(c. 8.)
(c. 7.)
(car. 9.)
(car. 8.)
(car. 7.)

Grand an und gewinnt durch eine Finte mit Schneider.

Wie sitzen und fallen die Karten?
Auflösung der Skat-Aufgabe Nr. 10 auf S. 668:

Auf die angegebene Karte ist ein Null oder Null ouvert nur dann verlierbar, wenn der Spieler in Vorhand sitzt. In diesem Falle muß aber auch bei richtigem Gegenspiel das Spiel verloren gehen, der Spieler mag ausspielen, was er will, wenn gZ g9 im Skat liegen und der eine Gegner 6 Blatt in Schellen (car.), der andere 6 Blatt in Roth (c.) hat, also z. B. bei folgender Sitzung:

Mittelhand: eD, cK, e9, e8, sD, sK, sO, sU, sZ, s8
Hinterhand: eO, eU, eZ, e7, rD, rK, rO, rU, rZ, r8.

Die Spielführung bedarf keiner Erläuterung.

Auflösung der Damespiel-Aufgabe auf S. 708:
1. D. c. 1 – d 2   1. D h 4 – d 8 am besten
2.D e 1 – h 4 2. D d 8 – a 5 am besten
3. D d 2 – e 1 3. D a 5 – d 8 (A)
4. D e 1 – a 5 gewinnt.
A
3. D a 5 – c 7
4. D h 4 – g 3 4. h 2 – f 4 †
5. D g 1 – e 3 gewinnt.

Kleiner Briefkasten.
(Anonyme Anfragen werden nicht berücksichtigt.)

„Heimburg=Verehrer“ in Berlin. Die neueste Novelle von W. Heimburg „Onkel Leos Verlobungsring“ finden Sie im Gartenlaube-Kalender 1889. Derselbe ist zum Preise von 1 Mark elegant gebunden in den meisten Buchhandlungen zu haben.

O. P. in Klosterneuburg. Jedes Huhn, welches Läuse hat, wird an allen Stellen, wohin es mit Schnabel oder Fußkralle nicht gelangen kann, besonders an Schultern und Nacken, an einem Tag mit Insektenpulvertinktur, am andern mit verdünntem Glycerin (1 : 10) bepinselt. In Zwischenräumen von zwei Tagen wird dies drei- bis viermal ausgeführt. Inzwischen muß der Stall gründlich gereinigt werden. Alle Schlupfwinkel, irgend welche Ritzen an den Sitzstangen, Wänden etc., wo die Milben oder Hühnerläuse über Tag sich verstecken und auch ihre Brut absetzen, müssen mit heißem Wasser ausgebrüht, die Stangen, Wände und Dielen mit heißer Lauge abgescheuert, dann mit Thran ausgepinselt und darüber muß Insektenpulver geblasen werden. Nach dieser Säuberung werden alle Ritzen mit Cement verstrichen, dann die Wände mit Kalkmilch, welcher etwas Koloquintenabkochung zugesetzt ist, ausgeweißt. Den Fußboden des Stalls beschütten Sie mit Torfgruß oder Gerberlohe, welche an jedem Morgen vom Unrath gesäubert werden muß, und schließlich gewähren Sie den Hühnern irgendwo einen Haufen trockenen, saubern Sand zum Paddeln. Uebrigens sei noch bemerkt, daß die sonst gebräuchlichen Mittel: bloßes Eistreuen von Insekten- oder Schwefelpulver ins Gefieder und in die Nester nicht ausreichend sind, das Bepinseln der Sitzstangen oder gar der Hühner selber mit Petroleum, Benzin u. dergl. aber für das Geflügel selbst leicht ebenso schädlich werden kann wie für das Ungeziefer.

Dr. Karl Ruß.     

Für unsere Knaben und Mädchen!
Von der bereits seit 16 Jahren bestehenden und allbeliebten Musterjugendschrift:
„Ohne falsche Selbstberühmung dürfen wir sagen, daß kein anderes Bildungsvolk eine Jugendzeitschrift wie die ‚Deutsche Jugend‘ besitzt. Der Satz: ‚Für die Jugend ist das Beste gerade gut genug‘ ist tief wahr, und jene Zeitschrift verträgt es, an diesem Satz gemessen zu werden. Es ist gar nicht zu sagen, welchen Segen jene Blätter seit etwa zwei Jahrzehnten in die deutschen Häuser getragen haben.“
Königsberg i. Pr. Prof. Felix Dahn.
Deutsche Jugend
herausgegeben von
Julius Lohmeyer
„Lohmeyers Jugendwerk wird durch seinen dauernden Wert in der Litteraturgeschichte den Ruhm einer tadellosen Gabe, zum Nutzen der höchsten Ziele der Menschheit in Familie und Schule, empfangen.“
Potsdam. Dr. Werner Hahn, Verfasser der „Geschichte der poetischen Litteratur“.
erschien soeben das reich illustrierte erste Heft des neuen Bandes, enthaltend:

Der Prügeljunge. Erzählung aus der Zeit Friedrich des Großen, von Stefanie Keyser, illustriert von J. Kleinmichel. – Hermann von Salza’s Aufruf. Ballade von Felix Dahn, illustrirt von J. Gehrts.Erzählungen aus dem alten Deutschen Reiche von Werner Hahn.Die Schiffsmeuterer, erzählt von E. Bake, illustrirt von A. Zick.Die Schleiereule im Taubenschlag. In Wort und Bild von Thedor Flinzer. – Allerlei Lustiges zu Roß und Wagen. Silhouette von Albert Richter.Topf und Deckel. Ein neues Spiel fürs Freie. – Knackmandeln von R. Löwicke, enthaltend Rösselsprung, Damespielaufgabe, Schieberäthsel, Arithmet. Aufgabe, Füllräthsel, Ergänzungsaufgabe, Metamorphosen-Aufgabe, Königszug, Buchstabenversetzung, Magisches Kreuz, Geographischer Arithmogriph, Domino-Aufgabe, Dechiffrir-Aufgabe, verschiedene Räthsel etc.

Dieses gediegene und glänzend illustrierte Jugend- und Familien-Album zu Nutz und Lehr, das bekanntlich von hervorragenden Schulmännern und dem Preußischen Unterrichtsministerium als „Muster der Jugendliteratur“ in öffentlichen Kundgebungen allen Eltern und Lehrern wiederholt empfohlen wurde, erscheint jährlich

in 12 Monatsheften für den billigen Preis à 40 Pfg.

welche zusammen einen prachtvollen Geschenkband bilden. Die meisten Buchhandlungen nehmen Abonnements entgegen und liefern Probehefte u. Prospekte.

Alle Eltern, welchen das geistige Gedeihen ihrer Kinder wahrhaft am Herzen liegt, kann die „Deutsche Jugend“ als eine geist- und gemüthbildende Lektüre auf das wärmste empfohlen werden.

Verlag von Gebrüder Kröner in Stuttgart.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Julius von Hann, Vorlage: Hain