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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1888
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1888) 277.jpg
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Alle Rechte vorbehalten.
Das Eulenhaus.
Hinterlassener Roman von E. Marlitt.      Vollendet von W. Heimburg.
(Fortsetzung.)

In wenig Sekunden hatte sich die bewegte Schar um die Tische gruppirt; ein breiter glitzernder Strom von Jugend, Schönheit und Pracht quoll aus der Halle, wo die Herzogin unter einem Purpurbaldachin an der Tafel neben ihrem jungen Kavalier präsidirte, bis in den Garten hinaus. Man saß auf den teppichbelegten Treppenstufen im bläulichen Mondlicht, unter den Linden im röthlichen Schein der Laternen, und dazu die schwüle duftige Sommernacht, die weiche Musik.

Der Herzog wandte sich mit Claudine dem Garten zu und deutete auf das Dunkel der Linden. „Es ist schwül hier in der Halle,“ erklärte er. Auf den Stufen der Treppe blieb er stehen und blickte in das von peinvoller Verwirrung unsagbar liebliche Mädchengesicht.

„Um Gotteswillen, gnädiges Fräulein, “ sagte er erschreckt und mitleidig, „was glauben Sie –? Ich bin weder ein Räuber noch ein Bettler, und – Sie haben mein Wort. Mißgönnen Sie mir doch diese harmlose Freude nicht!“

Sie ging mechanisch neben ihm die Treppe hinunter zu einem der kleinen Tische unter den Linden, der nur vier Kouverts trug. Ihre lange rosa Schleppe lag noch im silbernen Mondlicht auf dem Rasen, ihren Aufenthalt verrathend, sie selbst stand im Dunkeln hinter ihrem Stuhle, hoch aufgerichtet jetzt.

„Eh!“ rief der Herzog plötzlich, „Gerold, hier ist noch Platz!“

Der Baron war mit seiner Dame, der jungen harmlosen Frau des Landraths von N., die Stufen herabgeschritten; es lag eine qualvolle Unruhe über seinem Wesen. Er kam im völligen Sturmschritt auf den Tisch des Herzogs zu; die niedliche Frau an seiner Seite, in perlendurchwirkter grüner Gaze mit Wasserrosen im Haar, vermochte kaum ihm zu folgen.

„Hoheit haben befohlen,“ sprach er.

Es war, als hole er tief Athem, während er seiner Dame den Stuhl hielt, als sie Platz nahm. Und er winkte dem Diener, der die Platte mit Speisen trug.

Der kleinen Prinzeß war Herr von Palmer durch das Los zugefallen. Sie saß in der Halle an der Tafel Ihrer Hoheit, ebenso Prinzessin Thekla. Die Herzogin konnte von ihrem Platz aus den Tisch erblicken, an dem ihr Gemahl soupirte; die Gestalten der vier Personen waren wie in ein Rembrandtsches clair-obscur getaucht. Sie ergriff verschiedentlich den Champagnerkelch und trank dem Herzog zu. Baron Lothar erhob sich einmal, trat auf die Treppe und brachte das Hoch auf die Hoheiten aus. Der Herzog ließ die Damen leben. Die Augen der Prinzeß Helene hingen mit wahrhaft dämonischem Ausdruck an jenem Tisch dort unten im Garten; man schien sehr heiter dort, das sonore Lachen des Herzogs scholl deutlich in ihr Ohr. Zuweilen wandte sie das bleiche Gesicht mit den funkelnden Augen nach

Die Gartenlaube (1888) b 277.jpg

Thüringer Bauernfrau.
Nach dem Oelgemälde von Prof. Anton Weber.

[278] der Herzogin und sah mit stiller Befriedigung, wie auch sie ihre Blicke unablässig dorthin sandte; eine bange Frage schienen sie zu enthalten, obgleich ihr Mund lächelte, obgleich sie so heiter schien, wie seit langer Zeit nicht. Die Stimmung ward auch hier animirt. Frau von Katzenstein, die mit dem Jagdjunker zu Tische gegangen, war köstlich in ihrem trockenen Humor.

Zum Dessert, als die Knallbonbons mit den Raketen draußen wetteiferten, saß Prinzeß Helene plötzlich neben der Herzogin; sie hatte Herrn von Palmer gebeten, den Stuhl mit ihr zu tauschen, worauf er eifrigst einging. Ihre Hoheit hatte so wie so kein Wort für ihn gehabt, nur für ihren jungen Kavalier. Die kleine Prinzessin blieb anfänglich stumm. Trotz ihrer besinnungslosen Eifersucht klopfte ihr das Herz bei dem Gedanken an das, was sie thun wollte. Sie trank gegen alle Etikette ihren Champagnerkelch einige Male rasch aus; Herr von Palmer wußte ihn immer unbemerkt wieder füllen zu lassen.

In ihrem tollen leidenschaftlichen Köpfchen sah es erbarmungswürdig aus an diesem Abend. Wieder blickte sie hinunter; ein großes bengalisches Licht flammte eben auf und zeigte ihr deutlich jene Verhaßte neben ihm; sie sprachen nicht mit einander, nein, aber er hatte das Gesicht ihr zugewandt, als wollte er den Anblick des schönen Mädchens in der weißen Lichtfluth voll auskosten. Das rebellische, durch den Wein erhitzte Blut stieg ihr verwirrend zum Kopf.

„Hoheit,“ flüsterte sie besinnungslos und beugte sich zu ihr, die eben nach Fächer und Strauß griff. „Hoheit! Elisabeth, um Gotteswillen, Sie vertrauen zu viel!“

Hatte es die Herzogin nicht gehört? Sie erhob sich langsam und würdevoll. Das Signal zur Aufhebung der Tafel war gegeben, Stühle wurden geschoben, und draußen unter den dunklen Bäumen flammte ein verschlungenes A. E. auf mit der Herzogskrone. Alles fluthete zurück in den Garten, zum Tanz.

„Prinzeß Helene!“ befahl die Herzogin ihrem Kavalier, als sie nach einem Augenblick in das Zelt neben dem Ballplatz getreten war. Sie hatte den leichten Mantel umgenommen und sah aus, als fröstele es sie. Sie setzte sich nicht mehr, der Befehl für die Wagen war bereits gegeben. Nur der Herzog stand noch dort unter den Linden, mit Claudine plaudernd.

Prinzeß Helene flatterte eilfertig daher; auf ihrem heißen Gesichtchen lag eine Art verzweifelten Trotzes.

„Erklären Sie sich deutlicher, Kousine,“ sprach die Herzogin laut zu ihr, indem sie Frau von Katzenstein winkte, sich zu entfernen. Es war jetzt niemand weiter in diesem kleinen, von rosiger Dämmerung erfüllten Zelte, vor dessen zurückgeschlagener Gardine das Fest im Mondlicht wogte.

„Hoheit!“ rief das leidenschaftliche Mädchen heftig, „ich ertrage es nicht, zu sehen, wie Sie hintergangen werden!“

Wer hintergeht mich?“

Noch einmal gewann alles Vornehme, alles Gute in diesem Mädchenherzen die Oberhand. Sie sah diese so schwer nach Athem ringende Frau; sie wußte, was das nächste Wort bedeute für dieses Leben.

„Nichts! Nichts!“ stieß sie hervor. „Lassen Sie mich gehen, Elisabeth – schicken Sie mich fort!“

„Wer hintergeht mich?“ fragte die Herzogin noch einmal bestimmt mit Aufbietung aller Kräfte.

Die kleinen Hände der Prinzessin falteten sich und ihr Blick wandte sich zu Claudine, die dort noch immer von dem Herzog festgehalten wurde. Die Augen der Herzogin folgten ihr, eine erschreckende Blässe breitete sich über ihr Gesicht.

„Ich verstehe nicht,“ sagte sie kühl.

Das Herz der Prinzessin pochte wie wahnsinnig gegen die Kapsel, in der sie den Brief des Herzogs verwahrte. „Hoheit wollen nicht verstehen,“ flüsterte sie, „Hoheit wollen die Augen verschließen!“ Sie hob die noch immer gefalteten Hände empor und preßte sie auf das blauseidene Jäckchen; sie sah in diesem Augenblick wieder die Scene dort oben in der dämmerigen Stille am Bettchen des Kindes – „Claudine von Gerold!“ stieß sie hervor.

Sie vollendete nicht, die Gestalt der Herzogin wankte; mit einem leisen Schreckensruf hielt die Prinzessin sie umfangen, aber nur einen Moment, die Herzogin war schon wieder Herrin ihrer selbst.

„Es schaut, als ob diese schwüle betäubende Nacht Fieber erzeugt,“ sagte sie mit einem Lächeln um den blassen Mund. „Gehen Sie zu Bette, Kousine, und trinken Sie kühle Limonade – Sie reden irre! – Rufen Sie Fräulein von Gerold, liebe Katzenstein“ wandte sie sich dann an die alte Hofdame, die herbeigeeilt war und unter ihrem Spitzenhäubchen hervor besorgt in das blasse Gesicht der Herzogin schaute.

Und als das schöne Mädchen kam, sagte sie freundlich und so laut, daß auch die Außenstehenden es hören mußten, indem sie das trauliche „Du“ gebrauchte:

„Führe mich zum Wagen, Dina, und vergiß nicht, daß Du morgen an einem Krankenbett sitzen wirst. Ich fürchte, meinen Kräften ist dieses schöne Fest zu viel geworden.“

Sie stützte sich fest auf Claudinens Arm und schritt, begleitet von dem Herzog, von Baron Lothar und dem Gefolge und nach allen Seiten freundlich grüßend, der Freitreppe zu, wo die Wagen hielten. Sie übersah dabei die tiefe Verneigung der Prinzessin Helene. – Als Claudine zurückkehrte an der Seite Lothars, trug sie den Granatstrauß der Herzogin in der Hand.

Sie weilte noch einige Augenblicke unter all den Menschen, die plötzlich kein Auge mehr für sie zu haben schienen; aber sie bemerkte es nicht; sie sehnte sich nach Ruhe. „Gute Nacht, Beate, ich möchte heim.“

„Wie sonderbar die Herzogin war beim Abschied!“ sprach Beate, als sie durch einen Seitengang neben Claudine dem Wagen zuschritt. „Sie sah Dich an, als wollte sie bis auf den Grund Deiner Seele schauen, und doch, als hätte sie Dir etwas abzubitten. Es ist etwas Kindliches in dieser Frau! Wie lieblich die Art und Weise war, als sie Dir den Strauß noch zuletzt aus dem Wagen reichte und. ‚Meine liebe Claudine‘ sagte, als könnte sie Dir nicht Liebes genug thun.“

„Wir haben uns sehr lieb,“ antwortete Claudine einfach.

Prinzeß Helene tanzte weiter in dieser Nacht. – „In völligem Rasen,“ dachte Frau von Berg, die zurückgekehrt war, nachdem sie die Schale ihres Zornes ergiebig über das Haupt der Kinderfrau ausgeleert hatte. Die schwarzen Augen der kleinen Prinzessin funkelten in Thränen, während sie lachte und die Hand zur Faust ballte um den Elfenbeinfächer. Dann meinte sie plötzlich, die innere Unruhe, die Herzensangst nicht mehr aushalten zu können, warf sich im Dunkel eines Bosquetts auf eine Bank und preßte ihre glühende Wange an das kalte Eisen der die Lehne bildenden imitirten Birkenstämmchen. Frau von Berg stand mit finsterer Miene vor ihr.

„Mein Gott“, sagte sie, „wenn jemand Eure Durchlaucht so sähe!“

„Kommt der Baron?“ fragte die Weinende, rasch die Augen trocknend.

Die Berg lächelte.

„O, doch nicht; er spricht mit dem Landrath von Besser über Feuerversicherungen.“

„Haben Sie gesehen, Alice? Die Gerold wurde von der Herzogin noch mit dem Strauß begnadet beim Abschied; das war“ – hier lachte die Prinzessin – „das Resultat meiner gut gemeinten Warnung.“

Frau von Berg lächelte noch immer.

„Durchlaucht verzeihen, die Herzogin konnte nicht anders! Auf ein bloßes on dit läßt ein so vornehmer Charakter seine Freundin nicht fallen. Ich habe geglaubt, Sie kennen Ihre Hoheit besser. Sie bestanden so selbst so dringend auf ‚Beweisen! ‘

Die Prinzessin fuhr mit beiden Händen an die Ohren, als wollte sie nichts mehr hören.

„Beweise!“ wiederholte Frau von Berg noch einmal, „Beweise, Durchlaucht!“




Die Herzogin hatte sich gleich nach der Rückkehr in ihr Schlafgemach zurückgezogen und sich zur Ruhe begeben.

Wie leicht sagt sich das „zur Ruhe begeben“ – wie selbstverständlich klingt es und wie tückisch flieht der Schlaf ein beunruhigtes Herz!

Sie hatte ihr kühlendes Himbeerwasser getrunken und lag, die Arme unter dem Haupt, in ihrem stillen Zimmer. Zuweilen hustete sie und ihre Wangen begannen zu glühen.

Es war zu viel gewesen für sie, dieses rauschende Fest; sie hätte im Krankenzimmer bleiben sollen, wo sie hingehörte – aber, [279] es ist doch hart, so jung noch und schon so gebrechlich! Ob es je besser wird?

Sie griff an ihre linke Seite, sie fühlte da einen sonderbar dumpfen Schmerz. „Merkwürdig, was kann es nur sein?“ War es körperlich? War es das Herz? – Wie lähmende eiskalte Angst kroch es durch ihre Adern und legte sich betäubend auf ihr Denken.

„Unmöglich!“ flüsterte sie. Sie wußte plötzlich, woher der dumpfe Schmerz kam. „Unmöglich!“ – Sie saß energisch im Bette hoch und schaute um sich, als wolle sie sich vergewissern, daß sie wach sei, daß kein schwerer Traum sie quäle. – Dort lagen die Brillanten auf der seidenen Decke des Toilettentisches, die vorhin die Kammerfrau aus ihrem Haar genommen. Sie hatte die Dienerin so eilig entlassen, daß diese nicht mehr forträumen konnte; sie hatte das dringende Bedürfniß empfunden, allein zu sein. Sonst sprach sie auch so gern noch mit ihrer guten Katzenstein über dies und jenes, heute war die liebenswürdige alte Dame schon im Korridor verabschiedet worden.

Dort hing die Spitzenmantille über dem rothseidenen Polster des Sessels, neben ihr lag noch eine der Centifolien, die Claudine an der Brust getragen und die sie sich ausgebeten, weil sie den Duft, diesen echten Rosenduft, so liebte.

Wie schön das Mädchen gewesen war!

Die Herzogin ergriff einen elfenbeingefaßten Handspiegel und schaute hinein. Zwei tief eingesunkene Augen, ein mageres gelbliches Gesicht sah ihr entgegen in der mattrosigen Beleuchtung. Sie ließ den Spiegel auf die Bettdecke fallen und legte sich zurück, an qualvolles Erschrecken auf ihren Zügen. „O Du lieber Gott!“ flüsterte sie. Und sie nahm das Bild des Herzogs vom Tischchen neben ihrem Bette, starrte das schöne stolze Gesicht an und drückte es dann leidenschaftlich an ihre Lippen.

O, sie wußte am besten, wie sehr man diesen Mann lieben mußte!

Das Bild an die Brust gedrückt unter ihren gefalteten Händen, blieb sie liegen, die Blicke unverwandt ins Leere gerichtet. Claudinens hinreißende Erscheinung, wie sie dieselbe vor ein paar Stunden gesehen, gaukelte vor ihren Augen; sie sah sie neben dem Herzog bei Tische, beim Tanz unter den Linden – das Mädchen hatte so oft die Farbe gewechselt. – Wie war sie nicht stets befangen, wenn Seine Hoheit ins Zimmer trat! Sie wollte immer so ungern singen, wenn er zugegen! Sie war zuweilen tief niedergeschlagen, dann wieder so fröhlich!

„Arme Claudine! Eine schöne Freundin, die hier an Dich denkt, die Dich mit aller Gewalt erst hergezogen, um dann an Dir zu zweifeln!“

Nein, sie zweifelte gar nicht. Unerhörter Klatsch! Die kleine Prinzessin war bisweilen nahezu unbegreiflich!

„Arme Claudine!“

Die Herzogin lächelte, und dennoch standen plötzlich perlende kalte Schweißtropfen auf ihrer Stirn, und durch das singende, summende Geräusch des aufgeregten Blutes in ihren Ohren war ein heller unbarmherziger Glockenton, die Stimme der Prinzessin, gedrungen – .„Hoheit wollen nicht sehen, Hoheit wollen nicht verstehen!“ – so bestimmt, so entsetzlich unabweisbar. „Vater unser“ – rang es sich aus ihrer Brust und die heißen Hände drückten das Bild fester gegen das unruhige, laut klopfende Herz. Ihre Lippen flüsterten weiter das alte Gebet des Herrn – „Amen! – Lieber todt, als das erleben – laß mich sterben, guter Gott, laß mich sterben!“

Ihr ganzes Eheleben zog vor ihren Augen vorüber. Sie selbst hatte den Altar ihres Glückes verschwenderisch mit Rosen geschmückt; sollte sie übersehen haben, daß er ohne dies ein recht, recht schmuckloser gewesen? Daß sie allein davor gebetet?

Wie kam sie nur darauf? Nein, sie hatte sich nicht hineinphantasirt in dieses Glück, sie besaß es wirklich! Er war doch stets so freundlich, so nachsichtig, so ritterlich gewesen, besonders jetzt, wo sie krank war.

Freundlich? Nachsichtig? Ist das alles, was die Liebe geben kann?

Sie stöhnte auf; es schien ihr plötzlich, als sei ein Schleier von ihren Augen gerissen und lasse sie in eine grenzenlose Nüchternheit und Aermlichkeit schauen.

Aber niemals hatte er ihr doch einen Grund zur Eifersucht gegeben, dieser bürgerlichen Leidenschaft, wie Prinzeß Thekla sagte, die eine Fürstin nie besitzen dürfe.

„Ich kenne diese Leidenschaft nicht,“ hatte sie damals geantwortet, „ich habe noch, Gott sei Dank, keine Gelegenheit dazu gehabt.“ In diesem Augenblick aber fühlte die regierende Herzogin, die königliche Prinzessin, daß auch sie dieser Leidenschaft verfallen war in furchtbarem Grade, daß auch sie auf dieser Folterbank liegen werde, ohne Rettung.

Wieder blickte sie in den Spiegel, dann schlug sie die Hände vor die Augen. War sie denn blind gewesen? Was konnte sie ihm noch sein, sie, die Kranke, dem Grabe Zuwankende? Nichts, nichts als eine Last. Nur das nicht, das nicht!

Aber konnten sie nicht warten, bis sie todt war? Wie lange würde es denn noch dauern? „Ach, nur Schonung, Mitleid so lange, nur so lange! Erbarmt Euch!“

Sie sank zurück in einem ohnmächtigen Zustande, unfähig sich zu bewegen und doch fühlend, daß sie wache, daß es entsetzliche Wirklichkeit sei, daß ihr Schicksal die lächelnde Maske abgeworfen, um sein wirkliches Antlitz zu zeigen, ein so trostloses, verzweiflungsvolles Antlitz.

Sie wußte nicht, wie lange sie so gelegen. Sie hatte nicht mehr die Kraft sich selbst zu widersprechen; sie sah immer ein blondes Haupt, das sich an seine Brust schmiegte, wie das ihre einst gethan; und sie selbst lag im Sarge und konnte sich nicht rühren, so sehr sie sich mühte. Der kalte Schweiß rieselte ihr über die Stirn; mit einer entsetzlichen Anstrengung schnellte sie endlich empor und riß an der Klingel in wilder Verzweiflung. Erschreckt stürzte die Kammerfrau herzu.

„Die Fenster auf!“ stöhnte die Herzogin, im Bette hochsitzend, „ich ersticke!“

Die Kammerfrau eilte zum Fenster, raffte die Vorhänge zurück und da brach der erste funkelnde dunkelglühende Strahl der Morgensonne in das Gemach und traf das geängstigte fieberhaft erregte junge Weib auf seinem Lager.

Sie starrte wie fragend hinaus in diese wunderbar schöne Welt, über die im Morgenwind zitternden Wipfel der Bäume des Parkes hinweg zu den blaugrünen tannenbewaldeten Bergen. Sie athmete die reine frische Luft; sie hörte das Zwitschern der Vögel im Geäst und sie brach in Thränen aus, in Thränen der Scham über ihre Verzweiflung, über ihr Mißtrauen.

Lange noch lag sie schluchzend und schlief endlich ein. Als sie erwachte, saß Claudine an ihrem Lager.

Sie ordnete einen Strauß Rosen, die sie von Heinemanns Stöcken erbeten, und war damit so lautlos emsig beschäftigt, daß sie nicht merkte, wie die Augen der Herzogin schon eine ganze Weile auf ihr ruhten. Als sie endlich aufblickte, ging ein froher Zug über ihr sorgenvolles Gesicht.

„O, Du!“ rief sie und knieete an dem Bette nieder mit ihren Rosen. „Wie hast Du mich erschreckt, Elisabeth! – Was fehlt Dir? In aller Morgenfrühe ließ mich Frau von Katzenstein schon holen. Ist Dir das Fest gestern nicht bekommen?“

Die Herzogin hatte den Kopf schwer auf die Hand gestützt und sah unverwandt in das schöne Antlitz, aus dem Angst und Betrübniß so deutlich sprachen. Dann strich sie wie liebkosend über das duftige Blondhaar. „Mir ist schon besser,“ sagte sie leise; „wie gut, daß Du gekommen bist!“

Sie blieb sonst stumm während des ganzen Vormittags; aber sie folgte Claudine immerwährend mit den Augen. Gegen Mittag wollte sie aufstehen, aber sie taumelte wie eine Trunkene und mußte wieder zu Bette.

„Bleib’ bei mir, Claudine,“ bat sie.

„Ja, Elisabeth.“

Die Kranke machte die müde zugesunkenen Augen auf, und als wundere sie sich über diese rasche Zusage, fragte sie: „Du kannst doch ohne Sorge fort von daheim?“

„Sprich davon nicht, Elisabeth. Selbst wenn es dort eine Lücke gäbe, ich würde dennoch kommen. Ich schreibe ein paar Worte an Joachim und lasse mir einiges Notwendige holen. Aengstige Dich nicht!“

„Erzähle mir etwas,“ bat die Herzogin gegen Abend. Sie hatte den Tag über fast regungslos gelegen mit geschlossenen Augen.

[280] „O gerne, Elisabeth, aber was?“

„Aus Deinem Leben.“

„Ach Gott, da ist wenig zu berichten. Ich meine, Elisabeth, Du kennst das Alles.“

„Alles?“

„Ja, meine liebe Elisabeth!“

„Hast Du niemals eine Neigung gehabt, Dina?“

Ueber des Mädchens Gesicht flog ein glühendes Roth; langsam neigte sie den Kopf.

„Laß das, Elisabeth,“ bat sie mit erstickter Stimme, „frage nicht weiter – ich –“

„Kannst Du es mir nicht sagen?“ sprach die Herzogin leise und dringend. „Schenke mir Dein Vertrauen, Dina, schenke es mir – Du weißt doch alles von mir.“

In diesem Augenblick meldete die Kammerfrau den Herzog, und fast verstört erhob sich das schöne Mädchen und trat mit einer Verbeugung an ihm vorüber in das Nebenzimmer.

„Claudine! Claudine!“ rief die Kranke, und als sie zurückeilte, deutete die Herzogin auf den Sessel neben ihrem Bette. „Bleib’ hier!“ sagte sie herrisch. Es war zum ersten Male, daß sie so zu ihr sprach.

Gehorsam setzte sich Claudine. Sie hörte, wie theilnehmend der Herzog mit der Kranken redete, wie er hoffe, daß sie morgen doch wieder an dem Fest im Garten teilnehmen könne, daß sicher auch Mama erscheinen werde.

„Ich will mir Mühe geben, gesund zu werden,“ erwiderte sie.

„Das ist prachtvoll, Liesel! Gieb Dir Mühe,“ lachte der Herzog. „Wenn alle Kranken so dächten, gäbe es weniger Patienten. Der Wille thut wirklich etwas zur Genesung, frage nur den Medicinalrath.“

„Ich weiß es, ich weiß es,“ sagte sie hastig.

„Der Medicinalrath behauptet, Du seist heute nur psychisch krank,“ sprach der Herzog weiter. „Ich wüßte nicht, wieso? Ich meine, Du hast Dich einfach erkältet, mein Kind. Du mußt durchaus mehr geschont werden; Nachtluft ist nichts für Dich. Zum Winter gehst Du auf jeden Fall nach Cannes.“

„Zum Winter!“ dachte sie bitter und sagte laut mit völlig ungewohntem Trotz. „Ich will mich aber nicht mehr schonen!“

Se. Hoheit schaute verwundert auf das sonst so fügsame Geschöpf „Du bist in der That angegriffen,“ erwiderte er mit der Schärfe, die ein nicht völlig logischer Widerspruch unwillkürlich erzeugt. Und sich zu Claudine wendend, sagte er, dem Gespräch eine andere Wendung gebend. „Ihr Vetter hat gestern aber in Wahrheit ein reizendes Fest veranstaltet, welch geschmackvolles Arrangement und welch originelle Toiletten! Die Ihrige zum Beispiel, gnädiges Fräulein, einfach großartig! Nicht, Elisabeth?“

„Ich kann das Sprechen nicht ertragen, Adalbert; bitte – geh,“ sagte die Kranke mit nervös zuckender Lippe. Und als er mit einer ungeduldigen Bewegung zurücktrat, reichte sie ihm ängstlich die Hand, während ihre Augen in Thränen schimmerten: „Verzeihe mir!“ Und dann faßte sie Claudinens Hand, und sie in ihrer heißen Rechten haltend, legte sie sich zurück und schloß die Augen.

Er war gegangen.

Der Himmel hatte sich indessen mit schweren dunklen Wolken bezogen, gewitterschwül und beängstigend war die Luft. In der trüben Regenbeleuchtung sah das Gesicht der Herzogin aus wie das einer Todten. So lag sie unbeweglich, und so saß Claudine neben ihr, stundenlang.

Seltsam unheimlich dünkte es ihr.

(Fortsetzung folgt.)




Ein deutscher Fürst als Geschichtsschreiber seiner Zeit.
Von Friedrich Hofmann.

Der deutschen Nation ist mit dem Werke des Herzogs Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha „Aus meinem Leben und aus meiner Zeit“[1] ein Buch in die Hand gegeben, welches nach allen, selbst den entschiedensten Parteiurtheilen zu den denkwürdigsten Erscheinungen unserer historischen Litteratur gehört. Selbstverständlich ist es vom höchsten Interesse für alle, welche die geschilderten Zeitereignisse verständnißfähig mit erlebt haben. Wer in der Menge und im Gedränge des Tages mit fortgeschoben wurde oder selbst mit schob, der muß es als eine Wohlthat erkennen, daß er die ganze durchlaufene Bahn noch einmal überschauen kann, aber mit einer Beleuchtung von oben, die es ihm nachweist und verständlich macht, wo auf diesem Gange unvorhergesehene Hemmnisse oder überraschende Vorwärtsstöße zu verspüren waren und warum das sogenannte Schicksal oft so wunderliche und unheilvolle Wege für Deutschlands Weltstellung und Zukunft einschlug. Wir lesen dieses Buch mit doppelter Empfindung; wir empfinden Freude über den Wahrheitsmuth, der hier die Leuchte trägt, und Trauer über das, was wir so oft erleben mußten, um vom rechten Weg zum richtigen Ziel unseres nationalen Auflebens immer wieder abgedrängt zu werden.

Zu der letztern Empfindung, zu der Trauer, ist ganz besonders die Periode unserer Geschichte geeignet, welche im ersten Bande des Werkes uns vorgeführt wird: wir stehen am Ende vor den Tagen von Olmütz, vor dem österreichischen Sieg des wiedererstandenen Bundestags durch Rußlands Gnade, – vor der „Leidensgeschichte des Jahres 1850“, wie der Herzog es bezeichnet.

Wer hier, bei der 616. Seite des Buchs, angekommen ist, der fühlt einen Druck wie von einem erneuten bitteren Leid auf dem Herzen; es ist des Niederbeugenden so viel über uns ergangen, daß wir uns nach den ersten Kapiteln des Werks zurücksehnen, wo Heimath, Haus und Jugend des Herzogs und seines Bruders Albert mit frischen erquickenden Bildern die Seiten füllen.

Wenn andere Autoren in ihren Vorworten sich über Wahl und Behandlung des Gegenstandes ihrer Werke aussprechen, so sieht der Verfasser des vorliegenden Buchs sich genöthigt, vor allem seinen Standesgenossen gegenüber sich das Recht eines solchen öffentlichen Wortes zu wahren. Drei Sätze des Vorworts stellen das entschieden fest:

„Offen spreche ich meine Ueberzeugung aus, daß in unserer vielgeschäftigen, den Erfolg der Dinge oft nur äußerlich beurtheilenden Zeit der Mann der That mehr als jemals das Bedürfniß haben muß, seinen Standpunkt und seinen Antheil am politischen Leben nicht ganz verdunkelt zu sehen.“

„In den Erzählungen der Nachgeborenen wird nur derjenige hoffen können, einen sichern Platz zu behaupten, welcher dafür Sorge getragen hat, daß von seinen Bestrebungen schriftliche Kunde bestehe.“

„Ich kann mich nicht bestimmt finden, mir mein Recht verkümmern zu lassen, die Dinge darzustellen, wie ich dieselben erlebt, empfunden und mitbewirkt habe. Mir war ein halbes Jahrhundert hindurch Gelegenheit geboten, im Vordertreffen zu stehen; ich habe vieles erfahren, die Ereignisse scharf beobachtet, und kein wirklicher Kenner der Zeit dürfte meinen bescheidenen Antheil an den Gestaltungen unseres Vaterlandes in Zweifel ziehen wollen.“

Diesen drei Sätzen möge noch der folgende zum Abschluß aus dem Vorwort dienen: „Mein Leben fiel in eine große Zeit des Ringens um die nationalen Güter; ich habe nie anders als mit Freude und Hingebung mitgearbeitet, immer die großen Resultate im Auge, deren sich die Generation, welcher ich angehöre, nun dankbar rühmen darf. Selbstverständlich wird kein einzelner Mann und vielleicht noch weniger eine einzelne Partei für sich in Anspruch nehmen wollen, immer auf der einzig richtigen Bahn dem Ziele unserer heutigen Entwickelung zugestrebt zu haben. – Das rein sachliche Interesse jedoch, welches meiner Darstellung Freunde erwerben muß, wird für bloßes Uebelwollen keinen Raum gewähren; ich glaube sicher sein zu können, daß meine Aufzeichnungen noch nach vielen

[281]
Die Gartenlaube (1888) b 281.jpg

Kirschenblüthe.
Originalzeichnung von A. Kappis.

[282] Jahren zur Information über unsere merkwürdige Zeitepoche dienen werden.“

Diesen Glauben wird jedermann theilen, der einen Blick auf das Quellenmaterial wirft, über welches die Hand des Verfassers zu verfügen hat; denn neben den öffentlichen und geheimen Archiven und historischen Sammlungen und den seit frühester Zeit sorgfältig geführten Tagebüchern unterstützte sein Unternehmen eine Korrespondenz von unvergleichlichem Werte, welche die hervorragendsten und in ihrer Art bedeutendsten Zeitgenossen umfaßt. Da dem Herzog Ernst in seinem Werke überall, wo die Darstellung das frische Bild des Erlebten wiedergeben soll, diese brieflichen Schilderungen, entweder eigene oder geistesverwandte, zu Gebote stehen; da er nie Behauptungen bringt oder Geheimnisse aufdeckt, die er nicht aktenmäßig aus das klarste beweist; da sein eigenes scharfes Auge selbst so viel gesehen und er mit den wichtigsten Personen der Zeitgeschichte in Verkehr gestanden, und da dem regierenden Fürsten als Schriftsteller bei aller Rücksicht für Lebenserscheinungen in höheren Kreisen, die man nicht der Oeffentlichkeit preisgiebt, am höchsten die Wahrheit in der Geschichte steht, gegen deren Verhüllungen oder Schönfärbereien er sich keine Nachsicht gestattet: so ist aus der zehnjährigen Arbeit allerdings ein Werk entstanden, das für die größte Entwickelungszeit des deutschen Nationallebens immerdar ein hochwichtiges Buch bleiben wird.

Und nun zu unserem Gegenstande! Das Buch beginnt mit der Erzählung des sächsischen Prinzenraubes von 1455 und den mancherlei Beziehungen und Deutungen, die man an die Namensgleichheit jener und der koburgischen Prinzen, Ernst und Albert, knüpfte. An dieselbe fügt der Herzog die Klage über die erste Theilung des Besitzthums der Wettiner, der noch so viele Erbtheilungen in der ernestinischen wie in der albertinischen Linie des sächsischen Hauses folgen sollten – zum Unglück Sachsens, besonders aber zum größten Unsegen Deutschlands. Denn – so fragt Herzog Ernst: „Der große Kurfürst (Friedrich der Weise), welchem das deutsche Volk seine Glaubensfreiheit verdankte, – wäre er nicht der berufenste Mann gewesen, um das Kaiserthum in neue Bahnen zu leiten und seinem Hause zu sichern, wenn alles wettinische Land in seinen Händen gewesen wäre? Der getheilte Besitz gestattete ihm nicht den Muth, die angebotene Krone zu nehmen, welche an Karl V. gelangte.“ –

„Wenn wir so fort theilen, so werden unsere Herzogtümer noch kleiner als Grafschaften“ – dieser Ausspruch aus sächsischem Fürstenmunde hätte fast schon auf das koburg-saalfeldsche Ländchen gepaßt; daß dasselbe, trotz der trübseligen Zustände, in welche es durch die Kriegsaussaugungen und Mißverwaltung gekommen war, nach dem Friedensschluß in wenigen Jahren zu erfreulichstem Gedeihen gelangen konnte, verdankte es den Gliedern der Fürstenfamilie, die sämmtlich sich durch Begabung und treffliche Erziehung, die männlichen außerdem durch Tapferkeit und hervorragende Stellung in den Kriegen gegen Napoleon, die weiblichen durch außerordentliche Schönheit, die übrigens auch den Männern nicht abging, auszeichneten.

Das koburger Völkchen hatte mit seinem Fürstenhaus das bitterste Leid der Kriegsjahre und der Franzosenherrschaft treu getragen und es redlich verdient, nun auch des aufsteigenden Glücks und Glanzes desselben sich mit zu freuen, und das that es in der kräftigen und treuherzigen Weise, die der Frankenart am Thüringerwald eigen ist. Betätigt wurde dies vom ganzen Lande bei der Vermählung des aus dem Befreiungskrieg mit Ehren heimgekehrten Herzogs Ernst I. mit der schönen Prinzessin Luise von Gotha und gleich freudig bei der Geburt des ersten Prinzen, Ernst, der am 21. Juni 1818 im Residenzschlosse Ehrenburg zur Welt gekommen war: die Bevölkerung der Aemter und Städte von Koburg-Saalfeld brachte durch freiwillige Sammlungen ein „Pathengeschenk“ von 12 455 Gulden rheinisch auf, das auf Zinseszinsen bis zu Großjährigkeit des Prinzen angelegt werden sollte.

Der Herzog gesteht: „Ich denke nicht ohne Rührung noch jetzt an dieses Opfer treuer Bürger, das damals nach so vielen Kriegsjahren ein namhaftes war.“

Und als schon am 26. August 1819 auf dem Sommerschloß Rosenau ein zweiter Prinz, Albert, geboren wurde, stand es im Lande fest, daß man das schönste fürstliche Ehepaar im herrlichsten Glück besitze. – Und doch fiel ein Giftthau in diese Rosenblüthe, es kam zur Trennung der Gatten und 1826 zur Scheidung der Ehe. Welchen Antheil das Volk an diesen traurigen Ereignissen nahm, habe ich in dem Artikel „Drei Tage aus dem patriarchalischen Staat“ („Gartenlaube“ 1862, S. 41) zu schildern versucht.

Der Herzog verweist hinsichtlich dieses Ereignisses auf das Buch der Königin Viktoria über den Prinzen Albert und bemerkt dazu: „Für die Welt, welche man mit dem vielsagenden Worte der historischen zu bezeichnen pflegt, können diese persönlichsten Dinge des Menschenlebens nicht für vollwerthig betrachtet werden und sie sinken in das Meer der Vergessenheit, mit all den Thränen, die daran hängen.“

Die mutterlosen Knaben, damals sechs und fünf Jahre alt, zog nun der Vater immer näher an sich; sie waren ihm die liebste Gesellschaft; zugleich galt er als das Haupt der gesammten männlichen und weiblichen Verwandtschaft, da „eine in fürstlichen Familien sehr oft fehlende freundschaftliche Gesinnung alle einzelnen Glieder verband.“

„So innig aber auch der Verkehr unter denselben sein mochte, nichts läßt sich mit der vollkommenen Gemeinsamkeit vergleichen, in welcher ich und mein Bruder mit einander aufgewachsen sind. Von frühester Jugend theilten wir alles in Freud und Leid, was immer das Leben darbot. Und da wir auch nach unserer persönlichen Trennung im intimsten Austausch unserer Gedanken und Pläne verblieben, so darf ich sagen, daß vielleicht selbst in bürgerlichen Kreisen ein Beispiel so enger Verbindung von Brüdern nicht eben häufig vorgekommen sein mag.“

So leitet Herzog Ernst die Geschichte seines brüderlichen Verhältnisses ein, dessen Darlegung und Verherrlichung die schönsten Seiten seines Buches einnimmt. Von besonderem Interesse ist der Bildungsgang beider Prinzen. Während der Vater alle ritterlichen Uebungen der Knaben und Jünglinge überwachte und ihre Abhärtung aufs gründlichste betrieb, verfolgte der Erzieher Florschütz eine eigene Lehrmethode. „Von Hause aus waren wir sozusagen einsprachig aufgewachsen. Das Deutsche war wahrhaft unsere Muttersprache und beherrschte ausschließlich die kindlichen Vorstellungen, ein Umstand, der bei keinem Menschen ohne Einfluß auf die spätere Entwicklung und Denkungsart bleibt.“

Mit dem deutschen Unterricht verband sich der von Professor Hassenstein geleitete in Naturgeschichte, Chemie und Physik in einer damals in deutschen Lehranstalten ungewöhnlichen Ausdehnung. Florschütz selbst unterrichtete in Mathematik, Latein und Geschichte. Französisch und Englisch kamen später dran; aber in allen Sprachen wurde Gutes, im Latein so viel geleistet, daß beide Prinzen später in Bonn an Disputationen theilnehmen konnten.

Das war der Weg, auf welchem beide Prinzen, die schon als Knaben für alles Volksthümliche schwärmten, zu der sie auszeichnenden Vorurtheilsfreiheit gelangten. Herzog Ernst gesteht: „Der unbestimmte politische Freiheitsdrang, von welchem damals fast alle jungen Gemüther in Deutschland erfüllt waren, regte sich auch in uns und wirkte auf unser ganzes Leben ein.“

Die Lehr- und Wanderjahre dieses Lebens begannen, nachdem die Brüder 1835 konfirmirt worden waren, im Mai 1836 mit der ersten großen Reise, auf welcher sie ihren Vater an die Höfe von Holland, England, Frankreich[2] und schließlich nach Brüssel begleiteten, wo sie unter Aufsicht ihres Oheims, des Königs Leopold, ihre wissenschaftlichen und Kunststudien fortsetzten und ihre militärischen begannen. Dies geschah vom Juni 1836 bis Ende Juli 1837. Der ungezwungene Verkehr mit Leuten aller politischen Richtungen, welchen König Leopold seinen Neffen gestattete, hat freilich böse Diplomatenberichte angeregt und in Deutschland hochbedenklichen Eindruck gemacht. Dieselbe Verurtheilung traf auch den nächsten damals für Prinzen gewagten Schritt derselben – zur Universität. Am 3. Mai 1837 wurden [283] beide in Bonn ordnungsmäßig immatrikulirt, und ihr erster Besuch führte sie – zum alten Arndt. Die drei ihnen vergönnten Semester benutzten und genossen sie so, daß ihnen nur liebe Erinnerungen an sie blieben. Das Ende der akademischen Herrlichkeit war zugleich das Ende ihres Zusammenlebens: „der Ernst des Lebens wies jedem von beiden seinen besonderen Weg.“ Hören wir hierüber den Prinzen Albert. „Die Trennung,“ so schreibt er am 26. Oktober 1838 an Prinz Löwenstein, „wird uns furchtbar schwer werden; wir waren bis jetzt, so lange wir denken, keiner noch einen Tag ohne den andern. Ich mag mir den Augenblick gar nicht vergegenwärtigen.“ Ja, das Leben eines jeden von ihnen war so ganz in das des anderen aufgegangen, daß Albert bei der Mittheilung der Abreise seines Bruders an die Großmutter in Gotha sich mit peinlichem Schrecken bewußt wird, daß er sich jetzt das „Wir“ abgewöhnen und sich von nun an des so egoistischen und kalt lautenden „Ich“ bedienen müsse. („Das Leben des Prinzen Albert“ von Martin.)[3]

Die Gartenlaube (1888) b 283.jpg

Ernst II., Herzog von Sachsen-Koburg und Gotha.

Albert mußte nun die Vorbereitungen für die englische Verbindung beginnen, er sollte den Winter in Italien zubringen, während Ernst nach Dresden ging, um als Rittmeister in das Gardereiterregiment einzutreten. Aber noch einmal feierte die Freundschaft der Brüder einen Triumph; als am 21. Juni 1839 Ernst mit dem 21. Lebensjahre seine Mündigkeit erreicht hatte, wurde durch einen besonderen Akt der Gesetzgebung auch Albert für mündig erklärt, und zwar, wie die väterliche Urkunde betont: „in Anerkennung des zwischen unseren vielgeliebten beiden Söhnen bestehenden innigen und liebevollen Verhältnisses, welches uns und ihnen es wünschenswert macht, daß sie sich eines so wichtigen und bedeutungsvollen Ereignisses gleichzeitig erfreuen mögen.“

Am 15. Oktober 1839 war die Verlobung, am 10. Februar 1840 die Vermählung Alberts mit Königin Viktoria erfolgt. Während Albert sich seinem neuen Beruf widmete, setzte Ernst sein Soldatenleben in Dresden fort, bis auch ihm die Ehepforte winkte. Auch die Gattin verdankte er einem Winke seines Bruders. Auf seinen Rath begab er sich, nachdem die ihm sehr gewogene Königin von Sachsen ihm einleitende Vermittelung zugesagt, mit Beistimmung seines Vaters an den Hof von Karlsruhe. Obwohl von den Eltern der Prinzessin freundlich aufgenommen, stellten doch beide sich fremd für den Zweck jenes Besuches; er mußte ihn endlich selbst aussprechen und erfuhr nun, daß sie mit ihrer Einwilligung auf die der Tochter warteten. Die Prinzessin kam und die Eltern gingen, um die jungen Leute sich selbst zu überlassen. „Es war ein Moment der Sprachlosigkeit,“ erzählt der Herzog – „aber da galt’s kein Zögern und – so sagte ich gerade heraus, daß ich gekommen sei, nur um ihre Hand zu werben. Entweder erklären Sie, daß Sie mit meiner Absicht einverstanden sind, und alsdann bleibe ich und wir lernen uns näher kennen, oder – ich verlasse dieses Haus in der guten Ueberzeugung, daß niemand weiter von der Sache erfährt, die sich hier zugetragen hat.“

Und die Prinzessin? – Sie sagte. „Es könne ihr nichts besser gefallen, als einen Mann zu finden, der so gerade heraus, frei und ehrlich mit ihr spreche, – das Sichkennenlernen führe im Leben oft erst recht zu Täuschungen, und das Beste wäre Glauben und Vertrauen. So schlug sie ein und erklärte, daß wir gleich als verlobte Brautleute erscheinen könnten.“

Das war die Brautwerbung, die den Herzog so glücklich machte, daß er (am 7. April) an König Leopold schreiben konnte. „An Alexandrine hat mich der Himmel finden lassen, was nur je für mich zu wünschen war.“ Die Hochzeit fand schon am 3. Mai 1842 statt und die Honigmonate verlebten sie bei dem englischen Ehepaare. Im nächsten Jahre, 20. April 1843, hatten sie im Auftrag des Vaters der Vermählung des Vetters August (von Koburg-Kohary) mit Prinzessin Clementine beizuwohnen, ohne zu ahnen, daß schon der erste Mond des nächsten Jahres sie an den Sarg des Vaters stellen sollte. Herzog Ernst I. war am 29. Januar 1844 in Gotha gestorben.

Vom Regierungsantritt Herzog Ernsts II. in Koburg und Gotha bis zum Jahre 1848 ist’s nur ein Zeitraum von vier Jahren, aber der Herzog wußte diese in beiden Ländern so zu verwenden, daß der Sturm jenes Jahres sie nur wenig erschütterte. Was er aber in den Jahren der Erhebung und des Rückgangs in Schleswig-Holstein, für das Parlament von Erfurt, für den Fürstenbund gewirkt und gelitten bis zum Untergang der letzten Hoffnung, daß Deutschland durch Preußen gerettet werde, in Olmütz: darüber kann man nicht kurz berichten, das muß man lesen, um Geist und Herz des Verfassers des Buches gerecht zu würdigen. So weit führt uns der erste Band des fürstlichen Geschichtswerkes. Vom geistigen Zusammenleben der Brüder bis zu Alberts Tode, am 14. Dezember 1861, würde der folgende Band des Werkes gerade über die großartig entfaltete Wirksamkeit des Prinz-Gemahls in England selbst, wie über seine steigende Theilnahme an den Schicksalen Deutschlands gewiß ebenso viel Erquickendes wie Erschütterndes bringen. Der Herzog übergiebt, wie wir hören, nur bis zum Jahre 1871 seine Erinnerungen der Oeffentlichkeit. Wir fühlen im Voraus, mit welchem aufleuchtenden Auge Herzog Ernst das Ende seines Buchs dahin setzt, wo alles erreicht war, was auch er sein ganzes Leben lang offen, treu und redlich erstrebt hat. Verlangt jemand noch ein Zeugniß dafür? Hier stehe es aus dem Buche selbst: „Es war in Versailles, an jenem 18. Januar, wo die Fürsten unmittelbar vor dem Beginn der weltberühmten Feierlichkeit sich um den Kaiser versammelt hatten. Als er mich begrüßte, sprach er öffentlich die folgenden Worte.

‚Ich vergesse nicht, daß ich die Hauptsache des heutigen Tages Deinen Bestrebungen mit zu danken habe. ’

Der Kaiser bezeichnete damit, nur in allzu persönlicher Weise, wie sich im momentanen Drang der Gefühle leicht erklärte, die Thatsache, daß das Eintrachtswerk nie gelungen wäre, wenn nicht eine Anzahl von gesinnungstreuen Männern durch ein halbes Leben die Bausteine zusammengetragen hätten.“ – Wer zweifelt an einem Zeugniß, das dem Herzog Ernst sein Kaiser Wilhelm ausgestellt hat?

[284]

 Festgedicht

zur Einweihung des Deutschen Buchhändlerhauses in Leipzig
 am 29. April 1888

Und die Erde – also steht’s geschrieben –
Glich der Wüste, sie war öd und leer;
Denn die Herrschaft war der Nacht geblieben,
Finsterniß regierte dumpf und schwer.

Dasein war, doch keine Daseinswonne,
Leben seiner selber unbewußt,
Bis der Flammenkuß des Gottessonne
Seele weckte in der Erde Brust.

Da gebar die Seele den Gedanken,
Der Gedanke wurde Leiblichkeit –
Und der erste Mensch betrat die Schranken,
Die gewaltigen, von Raum und Zeit.

Einsam in der weiten Welt verloren,
Hilflos flehend that er auf den Mund;
Sieh, da ward’ ein neuer Ton geboren,
Wie ihn nie vernahm der Erden Rund.

Stark wie Sturmwind, der den Wald durchrauschet,
Süß wie Quelle am verborgnen Ort,
Und der Ton, dem rings die Erde lauschet,
Dieser wunderbare, war das Wort. –

Und zur Sprache ward das Wort – umfangen
Hält den Menschen sie mit Leid und Lust;
Lieb’ und Haß, sein Hoffen und sein Bangen,
Er vertraut es ihrer Freundesbrust.

Von des sterbenden Geschlechtes Grabe
Schritt zur Wiege sie des nächsten fort;
Spätem Enkel brachte sie zur Gabe
Seines Ahnen längst verklungnes Wort.

Kampf zerbrach der Menschheit alte Bande,
Volk entriß dem Volke seinen Platz,
Und das flücht’ge trug vom Heimathlande
Seine Sprache fort als letzten Schatz.

In der Halle, wo der Sieger thronte,
Stimmte den Triumphgesang sie an;
Da wo trauernd der Besiegte wohnte,
Ihr vom Mund die Klage tröstend rann.

Und da schlug die wunderbare Stunde,
Schöpfungskräftig ward des Menschen Hand;
Für die Sprache, die er trug im Munde,
Schrift und Zeichen sich der Mensch erfand.

Was der Hauch des Augenblicks gegeben,
Wurde köstlich dauernder Besitz;
Gluth am Herd, des Hauses warmes Leben
Ward der zückende Gedankenblitz.

Da erhob von aller Welten Enden
Sich der Jünger ungezählte Schar,
Um die Schrift zur Schönheit zu vollenden,
Die noch jung und ungefüge war.

Und sie zogen wandernd in die Ferne,
Keine Mühsal brach die frohe Kraft,
Daß der Eine von dem Andern lerne
Edlen Könnens höchste Meisterschaft;

Trugen mit sich in die fremden Lande
Ihres eignen Volkes Geist und Sinn,
Brachten heim vom fern entleg’nen Strande
Fremden Volkes Sprache als Gewinn;

Da vernahm ein Volk des andern Rede
Und die Völker lernten sich verstehn.
Was der Kampf zerrissen und die Fehde,
Ließ die Schrift zusammen wieder gehn.

Aber sieh, die Schriftgelehrten kamen,
Sprachen: „Uns gehört die Schrift allein,“
Prägten auf die Wahrheit ihren Namen:
„Keine Wahrheit soll daneben sein.“

Da erhob sich aus der Nacht der Zeiten
Gottes Geist und sprach zu einem Mann:
„Stehe auf, Du sollst die Schrift verbreiten,
Daß ein Jeder sie besitzen kann.

Denn ich bin die Sprache, die für jeden,
Für den Armen und den Reichen spricht –
Gutenberg, Du laß’ die Stummen reden;
Es will dunkel werden, zünde Licht!“

Und da schlug die Stunde aller Stunden:
Deutsche Hand zerbrach die Finsterniß,
Und im Erze ward die Kraft gefunden,
Die das Wort aus Schreibers Willkür riß.

Vor dem Morgen, der zu allen Thoren
Jauchzend einbrach, wichen Nacht und Fluch
Und es war die neue Welt geboren,
Und die neue Welt sie hieß „das Buch“. –

Hoffnung war es, die die Saaten streute,
Kraft und Muth behüteten das Feld –
Wir, die Nachgebornen, ernten heute
Früchte, die die Väter uns bestellt.

Und in unsres Herzens Tiefe regen
Kindheitslehren sich mit süßem Laut,
Die uns sagen, daß des Vaters Segen
Kind und Kindeskindern Häuser baut.

Hier im Haus, das uns das Buch gegründet,
Seid gegrüßt mit Herzen, Mund und Hand!
Hier zum Altar, den der Geist entzündet,
Trage jeder seinen Opferbrand!

Jeder beuge sich dem Wort und leiste
Huld’gung ihm, das uns zusammenhält:
„Wer dem Buche dient, der dient dem Geiste;
Wer dem Geiste dient, der dient der Welt.“

 Ernst v. Wildenbruch.

[285]
Aus den Tagen der Wassersnoth.
(Mit Illustrationen Seite 288 und 289.)

Trotz der Bereitwilligkeit, mit welcher bereits aus allen Theilen Deutschlands Gaben für die Ueberschwemmten gespendet wurden, ist es doch in Anbetracht der Größe der Noth, die von aller Welt als eine der furchtbarsten ihrer Art erkannt ist, dringend zu wünschen, daß die Opferfreude nicht erlahme. Die Folgen einer Ueberschwemmung werden mitunter dort unterschätzt, wo die große Masse der Bevölkerung dieselben nicht aus eigener Erfahrung auf dem eigenen Boden kennen lernen kann. Im größten Theil von Mitteldeutschland steht man mit seinen Gewässern aus friedlicherem Fuß, sowohl mit den lustigen Gebirgsbächen wie mit den stattlicheren Flüssen, wie der Main und seinesgleichen. Man kennt ihren Wasserübermuth zur Schneeschmelze und weiß sich selbst bei einer Ueberschwemmung gegen allzugroße Schädigung zu rüsten, und nur ein Naturereigniß, das außer aller Berechnung steht, kann dort jedes Wasser zur vernichtenden Macht erheben, ein Wolkenbruch.

Aber was ist ein Wolkenbruch Mitteldeutschlands gegen einen Damm- oder Deichbruch an den norddeutscheu See- und Stromgestaden? – Wenn man aus dem süddeutschen Gebirg einen Landmann, dessen Acker dort vor Lawinen nicht sicher wäre, in jene norddeutsche Ebene wegführte, in die prächtigen Gehöfte, die dem Bauer ins Herz lachen, und er gewahrte, daß der nahe große Strom seine Wogen höher dahinführt als die weiten Fluren an seinen beiden Ufern, er würde keine ruhige Nacht hier finden und unter seinen Lawinen sich sicherer fühlen. An diesen Ufern aber lebt ein wehrhaft Geschlecht, das den Kampf mit See und Strom seit Jahrhunderten führt und zeitweilig den Sieg davongetragen zu haben scheint. Der Strom ist der Stolz und zugleich der Wohlthäter des Landes, das ihm sein festes Bett bereitet hat, und die herrliche Blüthe der Gefilde ist der Beweis dafür, daß der Fleiß hier mit Ruhe und Sicherheit arbeitet. Wenn auch die Klage nie aus der Welt geht, so steht doch fest, daß in diesen weiten Landen an der Elbe, Oder und Weichsel Tausende von Familien im Schoß des Friedens glücklich leben; blühende Städte pflegen alle Zweige der Industrie und Künste, und Hunderte von freundlichen Dörfern und einzelnen Höfen sind Mustersitze der Landwirtschaft und ländlicher Gewerbe. Man muß an Tells Lob gedenken, wenn man von den hohen Ufern in die Ebenen blickt.

„Dort wächst das Korn in langen schönen Auen,
Und wie ein Garten ist das Land zu schauen.“

Und gegen diesen Garten mit all seinen Samen und Früchten in Böden und Scheunen, seinen Thieren in Ställen und Höfen, seinen Menschen vom Kind bis zum Greis in Häusern und Hütten zieht alljährlich ein unerbittlicher Feind herein: die Hochfluth der Schneeschmelze, die den Weg zum Meere sucht. Meilenweit sehen derselben die Bewohner der weiten Gebiete mit aller Seelenruhe entgegen, sie vertrauen der wohlgepflegten Uferbefestigung; an anderen Strecken baut die Vorsicht immer neu, und wieder an anderen liebt man ein leichtes Ueberrieseln der Felder und Wiesen vom Stromgang aus als eine Förderung der Bodenpflege. So erleben es die Hunderte von Städten und Ortschaften manch glückliches Jahr. Für den Eisgang dieses Jahres aber mahnten die Naturgesetze an andere Vorsicht, und sie mahnten leider an vielen Orten zu spät oder vergeblich. Es ist ein furchtbares Ringen mit der Fluth um die Dämme geworden; alles was Hände hatte, eilte zur Rettung derselben herbei; Lasten von Sandsäcken wurden zur Stopfung der Dammlücken herangeschafft – während zur selben Zeit eine doppelte Flucht begann: in den Häusern von der unteren zur oberen Wohnungsabtheilung mit Familie und Thieren, Nahrungsmitteln und Geräthen, und im Freien nach höher gelegenen Ortstheilen. Und meist war die Flucht noch lange nicht beendet, ja oft noch nicht einmal begonnen worden, wenn der Bruch geschah, der das Fürchterliche mit allen Schrecknissen eines Wolkenbruchs einleitet und weite Strecken alles, auch hohe steinfeste Gebäude vor sich niederwerfend fortführt, bis die Eiswasserwogen nach allen Seiten sich ausbreiten und glätten und alles unter sich begraben, was wenige Stunden vorher noch wie ein Garten zu schauen war.

Und nun treten die Tausende von Nothbildern ins Leben, von denen jedes einzelne uns erschüttert und die in ihrem erschrecklichen Wechsel das Mitleid aller gebildeten Menschen erregen. Es wird zur Pflicht, den Lesern in diese entsetzliche Sammlung von Menschenelend einen Einblick zu eröffnen. Ist doch keine Kunst fähig, die Quelle dieses Stoffes je zu erschöpfen.

Unser Künstler führt uns nach den Ueberschwemmungsgebieten von der Niederelbe bis zur Weichsel. Von den drei Landschaftsbildern des Mittelraums unserer Illustration zeigt uns das oberste das vielgennante Unglücksdorf Darchau. Die Strecke des rechten Elblandes von Boitzenburg bis Schnackenburg kann man in zwei Ueberschwemmungsabtheilungen scheiden, deren eine von Boitzenbnrg bis Hitzacker reicht, während die andere von da bis Schnackenburg sich erstreckt und die großen Verwüstungsstätten Dömitz und Lenzen in sich faßt. Zur andern Strecke gehört als Hauptort die Kreisstadt Neuhaus und der große Feldaukessel, in welchem allein nicht weniger als 79 Büdner-, 11 Erbpacht- und 2 Gutshöfe durchschnittlich 3 Meter hoch von der Fluth bedeckt sind. Dort war die Noth für die Menschen um so größer, weil die Höfe weit von einander ab liegen, so daß die Bewohner sich nicht gegenseitig helfen konnten. Aehnlich in Darchau, wo nach amtlicher Bestätigung fast sämmtliche Gebäude zerstört und 8 Menschen ums Leben gekommen sind. Auf das größte der noch stehenden Häuser unseres Bildes möchten wir als auf dasjenige hinweisen, in welchem allein 25 Kühe und 3 Pferde ertrunken sind.

Das zweite Landschaftsbild stellt das nordwestliche Ueberschwemmungsgebiet von Elbing vor, und zwar in der Ausdehnung bis zum Dorfe Zeyer.

Das dritte Bild zeigt uns einige Häuser von Hitzacker, das, auf dem linken Elbufer, ebenfalls einen Dammbruch zu erleiden hatte und wo viele Häuser durch das Eis eingedrückt worden sind.

Unsere oberen Seitenbilder zur Rechten, eine überschwemmte Vorstadt und Pioniere beim Abbruch einer zerstörten Chausseebrücke, gehören ebenfalls dem Elbgebiete an, während die unterste Darstellung uns in die Nähe von Marienburg führt; in raschem Geistesflug überblicken wir hier Tausende derselben Jammererlebnisse. Wir lassen uns von einem Ingenieuroffizier das Folgende selbst erzählen. Er schreibt:

„Ich ließ mich in Marienburg in der Nacht am Montag, bevor noch das sofort requirirte Pionierbataillon eintraf, schnell von der Regierung auf der Karte über die Situation aufklären und konnte von dort aus am Morgen die Kompagnien nach den verschiedenen Seiten dirigiren. Ich für meine Person, mit einem Unteroffizier und drei Mann im Ponton, fuhr nun über die Telegraphendrähte der Eisenbahn im Wasser nach Altfelde und fand jammervolle Zustände; eine Frau schrie aus dem Schornsteine heraus (dies unser Bild) nach ihrem Kinde, das Wasser drang nach; wir rissen ein Loch in das Dach und fanden das Kind in der Balkenlage noch lebend; in Fischau sahen wir eine Frau todt im Bette liegen noch im Wasser; an dem Tage habe ich mit meinen Leuten 16 Familien mit 27 Kindern gerettet und nach einer hochgelegenen Zuckerfabrik gefahren und dort untergebracht.“

Welchen Gefahren aber diese tapferen Männer ausgesetzt waren, darüber giebt uns der fernere Verlauf des obigen Berichtes wahrhaft haarsträubende Kunde. Der Ingenieuroffizier schildert uns die Scene, die wir im oberen Seitenbilde links dargestellt sehen:

„Ueber die unabsehbare See weiter fahrend, sah ich, wie im Dorfe Sommerau eine Nothflagge flatterte und eine Gestalt winkte: der Eisgang nahm dort gerade seinen Strom; ich ging mit meinem Ponton hinein zum Retten, wir kämpften wie die Löwen gegen die Eisplatten, die sich gegen das schwache Ponton drückten, ich gerieth immer tiefer hinein, der Strom riß unser Ponton fort und in Zeit von 10 Minuten war ich vereist, von allen Seiten bis an den Horizont nur Eisschollen sehend. Wir wurden eingeklemmt und haben 11 Stunden im Eise gelegen. Mit nackten Füßen aus den Eistafeln balancirend, versuchte ich mit den Leuten das Ponton zu schieben, bis wir alle so entkräftet waren, daß wir uns auf Gnade und Ungnade auf den Hungertod gefaßt machten. Es war Abend geworden und ich wollte noch einmal Rettung versuchen. Wir nahmen, unser Fünf, jeder ein Brett, ließen Ponton und Gepäck zurück, und uns platt auf den Brettern vorschiebend über die hochkantigen Eisschollen, kamen wir in 2 Stunden ans freie Wasser, wo der Stromstrich war. Nach vielem Rufen fand uns ein verirrtes Ponton, und wir hatten das nackte Leben gerettet. Wir logiren bei den Leuten auf den Böden mit dem geretteten Vieh zusammen; gestern habe ich mir einen Kamm und ein Stück Seife in Elbing, das zum Theil auch unter Wasser steht, kaufen können.“

Das untere Bild zur Linken führt uns nach Posen, das vor 12 Jahren seine letzte große Warthe-Ueberschwemmung zu erleiden hatte. Wie diesmal überall überstieg auch hier die Warthe alle früheren Höhenmaße bedeutend und setzte nicht nur die Vorstädte Schrodka, Städtchen und Wallischei ganz, sondern sogar die Unterstadt noch zum Theil unter Wasser. Als wenn es so sein müsse, hatte auch hier der ärmste Theil der Bevölkerung das Schwerste zu ertragen; aber auch die Wohlhabendsten mußten mit tragen lernen, als plötzlich die überschwemmte Gasanstalt ihr Licht ausgehen lassen mußte und zum unheimlichen Wasser in den Straßen und Gassen nun auch noch ägyptische Finsterniß trat. Allein in der Stadt Posen sind mehr als 7000 Menschen obdachlos geworden; wie groß wird nun erst die Arbeitslosigkeit infolge so vieler Zerstörungen von industriellen und landwirtschaftlichen Betrieben werden! Das ist ein Zukunftsbild, vor dem vor der Hand noch jedes Auge zurückschaudert.

Unsere letzte Illustration führt uns zu unserem ersten Bildchen, nach Darchau zurück; sie stellt den Untergang der acht Menschen vor, der dort erwähnt ist und wie folgt erzählt wird: Nach der ersten Nacht nach dem Dammbruch saßen in Darchau auf den Dächern und Böden der Häuser noch viele Menschen und schrieen nach Rettung. „Da kommt ein Boot in Sicht, es trägt die Retter, welche voll Todesverachtung das eigene Leben für die unglücklichen Brüder in die Schanze schlagen! Schon froh des Sieges, den sie über das wilde Element errungen haben, werden sie von der furchtbaren Strömung erfaßt; sie sehen den Tod vor Augen und mit übermenschlicher Gewalt ergreifen sie die Ruder. Ein Kampf auf Leben und Tod ist’s, den sie kämpfen, doch die Angst des Todes verleiht ihnen gigantische Kraft! Fast scheint’s, als sollten sie siegen. Da, im entscheidenden Augenblicke, brechen die Ruder; führerlos wird der Kahn von der Strömung erfaßt, er schlägt um und Retter und Errettete werden von den Wellen begraben.“

Wir haben hier zu wiederholen, was wir schon in unserem Aufruf für die Unglücksbrüder unseres wackeren norddeutschen Volkes hervorgehoben: wir können unsere Hochachtung und Verehrung für die heldenherzigen Männer vom Kriegs- und Bürgerstand, die seit den Tagen der höchsten Gefahr bis heute Leben und Gesundheit als Retter dransetzten, nicht laut genug aussprechen. Wie die Namen der Helden des Krieges verdienen auch ihre Namen auf Ehrentafeln von Erz den Nachkommen erhalten zu werden!

F. H.     
[286]
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Der Kampf um die Kunst.
Von Karl Erdm. Edler.
(Fortsetzung.)

Ueber das neue Erziehungsmittel Jakobäas war die Tante entzückt und schließlich so verzückt, daß sie zu sehen vermeinte, wie aus den Höhen der Seligen Monsieur Demarre dem Anschlage Beifall zunickte. Jakobäa bat nämlich Herrn Haushuber, wenn er just Zeit habe, ihr doch ein wenig bei dem Einstudiren ihrer Rollen behilflich zu sein – es handle sich um die Stichworte. Florian war ungemein gutmüthig, und da er aus ihren Bitten zu sehen glaubte, daß es ohne ihn gar nicht gehe, so nahm er willig das Buch in die Hand.

„Mein Gott!“ sagte sie, indem sie die Hände faltete und voll Anbetung an ihm emporblickte. „Was wären Sie für ein wunderbarer Siegfried, Othello, Herodes, Ingomar!“

Er lachte herzlich darüber und begann dann seinen Ingomar herunterzukauen – er hatte nämlich die Cigarre im Munde – in jenem breitvokaligen gespreizten Hochdeutsch, dessen gekünstelte Greuelklänge nur der eingeborene Wiener zu Stande bringt, wenn er seinen gemüthvollen Dialekt verleugnen will oder muß. Dabei zeugte sein Vortrag von einem solchen Verständniß und klang so überzeugt und überzeugend, wie wenn ein kleiner Schuljunge als Leseübung KantsKritik der reinen Vernunft“ herableiern würde.

Es war unmöglich – so ging es am allerwenigsten! Fräulein Nina blickte trostlos zum Himmel empor, von wo der Theaterfriseur entrüstet ganz verschwunden war; Jakobäa widmete sich plötzlich mit großem Eifer wieder ihrer Unart, die Finger zu ziehen. Als alle zehn nach der Reihe geknackt hatten, wollte sie wieder von vorn beginnen, aber es ging nicht mehr. Da warf sie Herrn Haushuber einen Blick zu; der stieg nicht mehr bewundernd von unten empor, sondern schlich trübselig von oben herab.

In ihrem Bereiche war das Erlösungswerk an ihm nicht zu vollenden, das stand nun fest – kräftig entschlossen sprang sie denn mitten in seinen eigenen Kreis. Es wäre so doch jammerschade gewesen um den herrlichen großen Menschen, um diesen Ingomar! Sie wollte eine Parthenia für ihn werden, sie wollte um den „Krug voll edlen Weines, dem nur der Kranz gebricht“, diesen Kranz als schöne Zierde flechten, doch nur dies allein – nichts weiter! Hätte jemand sie an den Lohn der Liebe gemahnt, welchen Parthenia für ihren Kranz gewonnen, sie hätte nur bitter lächelnd ihr eigenes kleines Figürchen mit einem schmerzlichen Blicke gemessen – nein, das war auf dieser weiten Erde nicht für sie, und sie dachte auch nie daran. Auf der Bühne freilich, in der Welt des Scheins, da liebte sie, da ward sie geliebt – da vergaß sie ihrer selbst!

Bei dem kühnen Sprung in Florians eigenen Bereich schimmerte in der That bald etwas auf, was Berechtigung zu der Hoffnung geben konnte, daß an diesem Ingomar auch nicht ewig der Waldgeruch haften werde. Er begleitete nach einiger Zeit die beiden Frauen nicht ungern in die Gemäldegalerien im Belvedere und in der Akademie, in den Palästen Liechtenstein und Harrach. Es interessirte ihn dort doch manches von seinem Standpunkte; dieser Standpunkt war anfangs freilich der, ein Dogenporträt von Tizian und einen Trafiktürken von Florian Haushuber in Parallele zu stellen. Allmählich begann ihm dann doch ein gewisser Unterschied einzuleuchten, und er fing auch an zu verstehen, was Jakobäa mit den Worten gemeint hatte: „Herr Haushuber, sehen Sie, das ertrüge ich nicht! Sie sind kein Handwerker, beileibe! Aber Sie sind auch kein Künstler – so mitten innen: ein Zimmermaler nicht mehr, ein Kunstmaler noch nicht!“

Florian lächelte über diese Worte auch jetzt noch, selbst als ihm deren Sinn aufzugehen begann. Dies denkwürdige und in seinem Leben Epoche machende Ereigniß geschah im Belvedere vor der heiligen Justina von Moretto da Brescia. Denn wenngleich obiger Herr Moretto Heilige vorzüglicher malte als Herr Haushuber, was letzterer vor diesem Bilde nicht leugnen konnte, so malte andererseits Herr Haushuber Semmeln, Kerzen, Buchstaben besser. Nahm man aber selbst den unwahrscheinlichen Fall an, daß der Heiligenmaler auch diese Dinge ebenso gut zu Stande brachte, so war auch das Herrn Haushuber höchst gleichgültig. Er betheiligte sich an keinem Wettschwimmen, Wettrudern, Wettreiten, Wettlaufen und ebenso wenig an einem Wettmalen mit Herrn Moretto. Die Lehre überzeugte ihn demnach nicht im mindesten, wohl aber die begeisterte Prophetin derselben.

Er ließ sich seit jenem Tage, da er vor der heiligen Justina gestanden, aus reiner Gutmütigkeit von Jakobäa schieben, indem er dabei still in sich hineinlächelte. Es ging anfangs wohl ziemlich schwerfällig; dann aber, als er einmal in Bewegung war, ließ er sich nicht nur recht leicht schieben, sondern auch, ohne daß er sich dessen bewußt ward, allmählich emporschrauben.

Einem armen Zögling der Kunstakademie wurden die Bodenkammern eingeräumt; dafür und für weiteren reichlichen Geldlohn weihte er den Hausherrn in die geheimsten Tücken der Perspektive, in die heillosen Launen der Oelfarbentechnik ein und hielt ihm überdies freie Vorträge über die Geschichte der Malerei. Florian saß behaglich in seinem Lehnstuhl und sah und hörte ihm mit einem wohlwollenden Lächeln zu, in das sich manchmal etwas Mitleid mischte – der arme Junge gab sich eine so unsinnige Mühe. Dazwischen griff Florian auch wohl zum Pinsel, um die frische Weisheit in Thaten umzusetzen – eigentlich aber aus menschlichem Mitgefühl, um den armen Jungen aufathmen zu lassen. Nach und nach aber begann ihm die Sache Spaß zu machen. Nach einiger Zeit war die Ziehharmonika und die Laubsäge ganz verstummt – Florian malte.

Aber es war merkwürdig: die sichere Hand, das scharfe Auge, die richtige Zeichnung, der kecke Pinselstrich, die er ehedem besessen, ja fester und untrüglicher besessen hatte als sein jugendlicher Lehrer von der Akademie – das Alles war auf einmal irgendwie verloren gegangen. Was er vordem nachlässig wie eine Improvisation mit breitem Pinsel hingeworfen hatte, das strichelte er jetzt unsicher und zaghaft, zögernd und nachdenklich, prüfend und versuchend.

Als ihm Jakobäa einmal zusah, sagte er lachend: „Mir scheint, ich bin jetzt eher auf dem Wege zum Zimmermaler hinunter, als zum Kunstmaler hinauf – was meinen Sie, Aea?“ so nannte er sie in einer bequemeren Verkürzung.

„Herr Haushuber, glauben Sie, daß man so über Nacht zum Künstler wird?“ antwortete sie. „Sehen Sie doch, wie ich arbeite und studire!“

„Ja Sie, Aea, das ist ganz etwas Anderes!“

„Gar nichts Anderes, Herr Haushuber! Sie lassen sich nur so gehen … wenn Sie nur ernstlich wollten und ganz dabei wären … auch sonst!“

Dann nahm sie ihr Buch, und eifrig hineinschauend, deklamirte sie, indem sie auf- und abging:

„Nur Anmuth fehlt und Ebenmaß der Sitte,
Und das wird kommen! Wer aus rohem Stein
Ein Götterbild ins Leben rief, gewiß,
Der muß auch noch den Marmor glätten lernen.“

Diese Worte standen nicht in dem Buche; sie stehen in Halms „Sohn der Wildniß“, und Jakobäa hielt Shakespeares „Macbeth“ in der Hand.

Florian sagte nichts mehr. Er verstand jenes „auch sonst“, womit sie ihre Rede kurz abgeschlossen hatte, ließ sich aber nicht träumen, daß die deklamirten Verse eine poetische Umschreibung davon und an seine Adresse gerichtet waren. Jenes „auch sonst“ schloß in sich die Hemdärmel, den Ohrring, die Haarstoppeln, die Ziehharmonika, das bequeme Hindämmern und viele andere derartige Dinge mehr, ein ganzes Register unkünstlerischer Sünden. Aber dank den rastlosen Bemühungen Jakobäas um den herrlichen großen Menschen, welche von seiten der Tante stets eine nachdrückliche Unterstützung erhielten, schrumpfte dieses Register mit der Zeit immer mehr zusammen.

Die Werkstatt hieß jetzt Atelier und gestaltete sich allmählich auch zu etwas dergleichen unter vier weiblichen Händen, welche von einem akademisch gebildeten Kopf gelenkt wurden; wenigstens versicherte der junge Akademiker, daß keiner seiner Professoren ein so großartiges Atelier besitze. Zu Weihnachten lag auf dem Tische, welcher unter dem Christbaum für Florian bestimmt war, ein kastanienbrauner und ein schwarzer Sammtflaus nebst einigen ungewöhnlich langen seidenen Halstüchern. Eines derselben ward [287] ihm noch am selben Abend, nachdem er sich gesetzt und noch ein wenig im Stuhle gebeugt hatte, von Jakobäa um den lockeren Halskragen gebunden, mit kühn dahinflatternden Enden à la Byron. Nachdem mit Hilfe der milden Weihnachtsstimmung dieser erste Angriff ohne erheblichen Widerstand geglückt war, wurde man unternehmender. Nicht lange darnach lagen neben Florians Geburtstagskuchen, von dessen sechsundzwanzig Kerzchen glänzend beleuchtet, zwei Künstlerhüte mit Riesenkrempen – er nannte sie „Schattenspender“, aber er trug sie.

So erfolgreich Jakobäas Bemühungen waren, „den Kranz um den Krug edlen Weines zu winden“, so wenig Freude erlebte sie an ihrem eigenen Aeußeren. Das Streckbett sammt dem Dehnen und Ziehen der Glieder half ebenso wenig wie die Tage, Wochen, Monate, welche nur so bei ihr vorüberhuschten , als ob es an ihr gar nichts zu schaffen gäbe! Wenn sie einsam auf ihrem Stübchen vor ihren Büchern und Heften saß, wurde sie zuweilen von einer wilden Verzweiflung darüber gepackt.

Sobald sie aber wieder auf der Uebungsbühne des Konservatoriums eine ihr zusagende Rolle zu spielen hatte, dann vergaß sie gänzlich des knappen Rahmens und fühlte nicht mehr, wie sich ihr Geist allenthalben daran stieß. Ja, sie lebte und ging so vollständig in der Darstellung auf, daß sie in ihrer tragischen Hoheit und königlichen Würde sich wohl ein wenig bückte, wenn sie durch die Thür des Hintergrundes abtrat. Man hatte immer den Eindruck, sie habe sich selbst sehr lieb in solchen Stunden, und sie erschien einem dann etwa wie ein winziges ärmliches Fleckchen Erde, dem ein plötzlicher Sonnenstrahl etwas Erhabenes und Erhebendes verleiht. Ihr Organ hatte dabei Töne, welche an die tiefsten Saiten der Menschenbrust rührten; ihre Tragik wühlte dunkle Ahnungen empor, daß sie wie helle Offenbarungen da lagen – es war etwas Dämonisches , etwas Berauschendes darin. Merkwürdigerweise entwickelte sich nicht – wie das sonst bei kleinen Persönchen zu sein pflegt – in den zierlichen Gliedern eine hastige und sprunghafte Regsamkeit, sondern sie bewegten sich in einer würdevollen Ruhe, in einem feierlichen Rhythmus, welcher Erinnerungen an Goethes Theaterdirektion und an die Weimarsche Schule heraufbeschwor. An dem feinen Figürchen wirkte dergleichen befremdend und muthete erst dann an, wenn sich dem längere Zeit hindurch der Vortrag zugesellte. Beides gehörte zusammen; man sah dann, daß diese feierliche Bewegung der inneren Natur gemäß war und von innen heraus in Werkzeuge strömte, welche ihr zwar gehorchten, aber nicht dafür geschaffen waren.

So war das erste Studienjahr zu Ende gegangen. Fräulein Jakobäa Almer hatte es mit Auszeichnung zurückgelegt; sie war und blieb unangefochten die begabteste und zugleich die fleißigste unter sämmtlichen Zöglingen ihres Jahrganges.

Die Familie Haushuber hatte sonst immer den Sommer in Wien zugebracht. Die nöthige Abkühlung suchte und fand Florian im Donaustrom, wo er im bequemen Tempo seinen Schwimmübungen oblag, zu denen sich auch hier allerlei krause Künsteleien gesellten; so liebte er es, auf dem Kopf im Wasser zu stehen, bloß mit einer Hand oder auch nur mit dem kleinen Finger zu rudern, am eifrigsten aber verlegte er sich auf das Tauchen nach Kreuzern und Kieselsteinen. Ein einziger Versuch, einmal mitten in einem allzu heißen Sommer sich auf dem Lande zu erfrischen, war kläglich mißlungen. Florian hatte so sehr die häusliche Bequemlichkeit vermißt und Fräulein Nina ihre rastlose Thätigkeit, beide aber die gewohnte bürgerlich gute Küche, daß sie nach drei Tagen wieder heimgekehrt waren. Nun versicherte der Arzt, welchen Fräulein Nina unter dem Vorwande eines Unwohlseins zu sich berufen hatte, „bei dieser Gelegenheit“ Herrn Haushuber, daß seiner Fettleibigkeit eine Grenze gezogen werden müsse, und schickte ihn unter den üblichen furchtbaren Drohungen nach Karlsbad.

Ueber die Fettleibigkeit lachte Florian bloß; die Drohungen hingegen machten ihn doch einigermaßen nachdenklich. In einem sehr knappen Sarg auf dem sehr langweiligen Centralfriedhof zu liegen, das erschien ihm doch zu wenig behaglich und ging ihm über allen Spaß. „So ein kleines Schlagflüßchen!“ hatte der elende Doktor gemurmelt. Florians Körperumfang hatte zwar die üblichen Grenzen immer etwas überschritten; das viele Sitzen der höheren Kunst zu Liebe hatte jedoch in neuester Zeit diese Neigung wirklich in bedenklicher Weise gefördert.

Nebenbei warf der Doktor „bei dieser Gelegenheit“ auch gegen Jakobäa hin, daß sie gar nicht gut aussehe. Das that sie auch nicht. Die Ueberanstrengung vor den Prüfungen sammt der Sommerhitze hatten sie merklich angegriffen; sie schlief schlecht und aß fast gar nichts.

„Ihrem Magen würden auch ein paar Becher Karlsbader Schloßbrunn nicht schaden,“ brummte er – „und Ihren Nerven thut es noth, daß Sie eine Zeit lang Karlsbader Waldluft schnappen. Das wird Sie wieder röther und voller und stattlicher machen.“

Stattlicher! – Das klang wie eine Himmelsbotschaft an Jakobäas Ohr. Wenn es ohne besonderes Aufsehen gegangen wäre, so wäre sie dem alten struppigen Doktor gern um den Hals gefallen. Also es gab ein Mittel, es war auf der weiten Welt ein Ort, wo man stattlicher werden konnte! Sie sah dem alten brummigen Herrn mit einem heißen Blicke nach, wie Julia ihrem Romeo, indeß Herr Haushuber, der sonst allen Menschen wohlwollte, diesem Romeo den Hassesblick des Tybalt nachsandte. Aber das Schlagflüßchen – dergleichen duldet eben wenig Widerrede.

Das Atelier blieb daheim, Sammtflaus und Künstlerhut kamen mit; Fräulein Nina packte einen großen Korb voll Proviant für die kurze Tagesreise und hing den Strickbeutel über den Arm; Jakobäa endlich stopfte ihr Kofferchen mit dem ganzen Shakespeare voll. So stürzte man sich in die weite unbekannte Welt mit dem Steckbrief des Wiener Arztes an den Karlsbader Arzt im Strickbeutel. Gleich am ersten Tage suchte und fand Fräulein Nina in ihrer thatkräftigen Weise, welche sie überall, nur nicht an Florian bethätigte, eine passende und angenehme Wohnung auf dem Schloßberg. Florian schlenderte indessen durch die Straßen und richtete sein Augenmerk auf die Werke der Karlsbader Schildermalerei; sie nöthigten ihm nur ein verächtliches Lächeln ab, und endlich ward er dieses Anblickes so satt, daß er sich auf eine Waldbank beim Hirschensprung rettete. Dort saß er und schnitzte sich zum Nutzen sowohl als zum Zeitvertreib einen Stiefelknecht, weil dieses Möbel im Gasthaus sich für seine Füße zu klein erwiesen hatte. Aber wie die Noth stets die Erfinderin der Künste ist, so kamen ihm bei dem Schnitzeln des nothwendigen Instrumentes allerlei Erleuchtungen; zuerst wurde das Stützende des Stiefelknechtes in eine Art Zange zum Herausziehen der Nägel umgezaubert, hierauf die eine Zacke der Gabel in einen Hammer – über die zweckmäßige Verwendbarkeit der andern Zacke war er noch im Unklaren. Das Ganze sollte daheim noch künstlich zum Zusammenlegen gefügt werden, damit man es in die Rocktasche stecken könne; wozu man einen Stiefelzieher in der Rocktasche tragen müsse, daran dachte er in diesem Augenblicke nicht. Vor Eifer schweißtriefend ward er mitten in dieser Beschäftigung von den Frauen aufgestöbert und aus der Waldidylle zu dem neu gefundenen Heim geführt.

Dann begann der übliche Tageslauf eines Karlsbader Kurgastes, nur bei Florian etwas später als bei der großen Mehrzahl. Er liebte im allgemeinen das frühe Aufstehen nicht und hatte sich auch nur einmal, am ersten Tage, den Gänsemarsch der Kurgäste bei den Brunnen von weitem angesehen. Als er nach diesem Anblick heimkam, erklärte er ohne weitere Begründung, es wäre doch klüger gewesen, in Wien zu bleiben. Er kam zwar bei dem Frühstück in Erinnerung des Schlagflüßchens wieder von diesem Gedanken ab; aber er stand nie früher auf, bevor er nicht sicher sein konnte, daß der ortsübliche Gänsemarsch aufgelöst und der Zutritt zu den Brunnen frei sei. Jakobäa studirte nach dem ersten Becher den Theaterzettel des Tages und blickte nach dem zweiten Becher an sich nieder, ob sie bereits „stattlicher“ geworden sei. Während sie von dem sanften Schloßbrunn nippte, verschlang Florian unsägliche Massen des gewalttätigen Sprudels und führte dabei in der Sprudelkolonnade ein gemächliches Stillleben, da er die Bewegung nicht liebte.

Dann nahm man gemeinsam bei Pupp das Frühstück. Florian beklagte sich dabei jeden Tag über sein zu kurzes Bett; Fräulein Nina spürte mit Zunge, Nase und Augen den Geheimnissen des berühmten Karlsbader Kaffees nach, und Jakobäa durchstöberte die Theaternachrichten sämmtlicher Zeitungen. Hierauf begannen alltäglich die bangen Ahnungen der Tante bezüglich des zu erwartenden Mittagessens, welche während desselben sich in schweren Seufzern Luft machten und nach demselben als schmerzliche Erinnerungen erst durch den Nachmittagskaffee verscheucht wurden. Dieser wurde gleichfalls gemeinsam beim „Elefanten“ auf der alten Wiese unter den schattigen Bäumen eingenommen. Florian saß mit jener Gemächlichkeit da, wie sie seine Trafiktürken unabänderlich zur Schau trugen, und musterte [288]

Die Gartenlaube (1888) b 288.jpg

Im Kampf gegen die Eisschollen. Ansicht von Darchau. Überschwemmte Vorstadt.
Straßenbild von Posen. Das nordwestliche Überschwemmungsgebiet von Elbing. Pioniere beim Abbruch einer zerstörten Brücke.
Dem Untergang geweiht. Hitzacker. Rettungsarbeit bei Marienburg.

Aus den Tagen der Wassersnoth.
Originalzeichnung von O. Gerlach.

[289] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [290] mit einer kühlen Gelassenheit die bunten Gruppen an den Tischen. Er trank dabei – vom Morgen an gerechnet – bereits den dritten verbotenen fetten Kaffee, aß dazu schon das zwölfte verbotene fette Gebäck und rauchte die sechste verbotene Virginiacigarre. Aber er machte sich nichts daraus; denn die Damen in der Runde waren bei derselben Zahl von Kaffees und Kaffeebroten angelangt. Und dabei hatten sie alle so schmerzlich zurechtgelegte Züge, obzwar sie innerlich recht ruhig waren; aber es macht sich gut so und gehört mit zur Kur, angegriffen auszusehen. Nach acht Tagen ertappte sich Florian selbst auf derartigen Anwandlungen und nach vierzehn Tagen glaubte er aufrichtig an ein empfindliches Angegriffensein. Von dieser Zeit her rührte eine neue Beschäftigung, welche ihn täglich ernst in Anspruch nahm.

Man stößt da an dem Berghange längs des Teplflusses auf Aufschriften, welche vor mehreren Jahren noch lauteten. „Hier kann man sich wiegen lassen.“ – Der fortschreitenden Kultur und Sprachwissenschaft entsprechend ist jenes „wiegen“ seither in „wägen“ umgemalt worden. Auch die ehedem schlicht und ohne Dach hingepflanzte Dezimalwage von jener rohen kleinen Gestalt, wie man sie bei Dorfkrämern findet, ist einem verwickelten Apparat von ehrfurchtgebietender Größe gewichen. Derselbe prangt jetzt unter einem Dächlein oder in einem feierlich dämmernden, mit Tapeten überzogenen Holzverschlage neben Stühlen, einem Lehnstuhl oder gar einem Sofa. Daselbst überzeugen sich die Kurgäste handgreiflich an Gewichtsstücken, ob das Karlsbader Wasser bereits Wunder gewirkt und ob die Fettschichte über ihren Gedanken und Gefühlen schon merklich abgenommen habe. Es ist ein gediegener und lehrreicher Zeitvertreib für alle gelangweilten dicken Fremden. Aber der ernste Mann, an welchen Florian zufällig dabei gerathen war, sah es durchaus nicht als solchen an, er nahm die Sache nicht so leicht wie seine Konkurrenten, bei denen man an eine Art Nichtsthun mit verschämter Bettelei dachte, das jeder sofort auszuüben im Stande ist wie das Drehorgelgeschäft. Er dagegen bekundete bei seinem Wägeverfahren etwas tief Gründliches, Wissenschaftliches; das war eine gewissenhafte Untersuchung, wie wenn ein berühmter Arzt an ein Krankenbett tritt. Es begann langsam mit einem feierlichen Aufsetzen der Augengläser und endete mit dem ernst und nachdrucksvoll ausgesprochenen Urtheile: „Hundertzehn Kilo und fünf Deka!“ Bei diesem Ausspruch hatte er auch ganz die Haltung und Miene eines berühmten Diagnostikers, der endgültig über Tod und Leben aburtheilt. Es klang wie eine höhere Offenbarung, war unumstößlich und bis auf ein Dekagramm untrüglich. Ganz so wie manche große Diagnostiker verhehlte und schmeichelte er dabei niemals, sondern sagte dem dicksten Banquier seine Fettziffer mit Marmorruhe ins bleiche Antlitz. Daraus erhielt der Gerichtete einen Zettel in seiner Muttersprache, in dessen gedrucktes Formular der Beherrscher der Wage Datum und Gewicht mit schönen Ziffern niederschrieb. Auf den ersten Blick hatte er es weg, welchem Volksstamm sein Patient angehöre, und mit zauberhafter Raschheit war das Dezimalgewicht seiner Wage in russisches oder norwegisches altes Gewicht umgewandelt. Jedermann bekam auf dem Zettel sein Fett in seinem Landesmaße zugemessen, nachdem der Zettel und der erbetene Name in ein großes Hauptbuch eingetragen worden waren. Der Zettel konnte verloren gehen, die Ziffer vergessen werden – dann wäre der Verlust ohne das Hauptbuch unersetzlich gewesen. Der Mann hütete darum auch dies Buch wie seinen Augapfel. Es waren ungeheure Massen Menschenfett darin aufgespeichert, und manche Nachfrage in späteren Jahren, mancher interessante Briefwechsel knüpfte sich daran, welcher sein Selbstgefühl noch erhöhte.

Florian, von dem tiefen Ernst der Sache ergriffen, von den blinkenden Augengläsern des Mannes und von dem großen Bleistift hinter dem Ohre verschüchtert, legte jedesmal vor dem Wägen alles ab, was das strenge Urtheil der Wage irgendwie beeinflussen konnte: Uhr sammt schwerer Goldkette und Georgsthaler, Geldtasche, Schlüssel, Taschenmesser und die großen goldenen Manschettenknöpfe. Täglich trat er vor diesen Richterstuhl, täglich brachte er dasselbe Urtheil heim: die Wägezettel wiesen wie die Guldenzettel, welche er für sie hingab, immer ein und dieselbe Ziffer.

In gleicher Weise erging es Jakobäa: bei Florian keine Abnahme, bei ihr keine Zunahme. Aber da stand auf dem Wege unter dem Hirschensprung eine junge Eiche mit üppig grünendem Wipfel. Die hatte einst auf dem Gestein Fuß gefaßt und hatte sich nach und nach mit zäher Kraft und Ausdauer den ganzen Felsen angeeignet. Er war jetzt ein Theil von ihr geworden: die Hauptwurzeln faßten ihn wie eiserne Klammern, die Nebenwurzeln umstrickten ihn von allen Seiten; die feinen Ausläufer krochen in die engste Ritze, schmiegten sich an jede Erhöhung, umgarnten alle Kanten. Wer den ganzen Baum haben wollte, mußte den Felsen sprengen. Daneben war in die Felswand die Gedenktafel eines armen Kranken eingemauert, darauf die vielen Jahre einzeln verzeichnet standen, in denen er nach einander die Kur in Karlsbad gebraucht hatte. Die Inschrift unten galt sowohl der Eiche, die den Fels überwunden hatte, als auch ihm selbst: Beharrlichkeit führt zum Sieg. Dies Sprüchlein sagte sich Jakobäa täglich vor, wenn sie von der Wage stieg.

Dagegen gab es an anderen Orten so manche andere Sprüchlein zu lesen von Beharrlichkeit, Geduld und Hoffnung; aber sie glichen jenem des Doktors von dem „stattlicher werden“: es stak nichts dahinter, oder wenn etwas dahinter lag, war es nur traurig. Der Teplfluß bildet unmittelbar am Ende der alten Wiese eine scharfe Krümmung, wo den Bergen noch der Raum für das „Hôtel de Saxe“ und für das „Hôtel Pupp“ mit seinen Anlagen abgewonnen ist. Gleich darauf tritt der Fuß der Waldhöhe wieder so dicht gegen das linke Ufer heran, daß man ihr nur noch einen Weg für Spaziergänger gewaltsam abringen konnte. An der Felswand, welche dabei in den herandrängenden Berg gehauen worden ist, sind Tafeln und Aufschriften angebracht, darauf zu lesen steht, weshalb, wann, wie oft, mit welchem Erfolg der Stifter die Karlsbader Kur gebraucht hat. Fräulein Nina widmete sich mit großem Vergnügen dem Entziffern dieser Tafeln; das waren nach ihrer Ansicht doch einmal Menschen, die nicht erst auf einen Possendichter, wie es der von ihr vergötterte Nestroy war, warteten, sondern sich lieber gleich selbst mit ihrer Schwäche an den Pranger stellten. Es erschien ihr höchst komisch, wie sie dabei doch selbst das Lächerliche ihres Unternehmens einsahen, wenn sie so der zügellosen Leidenschaft fröhnten, ihre Namen zu verewigen sammt ihren körperlichen Gebrechen; denn jedesmal ward diese nackte und zugleich häßliche Eitelkeit keusch mit dem Vorwande umschleiert, die Heilkraft der Quellen zu verherrlichen, der hilfereichen Quellennymphe zu danken. Jakobäas Auge überflog hingegen diese Wand immer mit einem tiefen Ernste, und trotz aller Erinnerungen an Nestroy und seine Witze, die Fräulein Nina unerschöpflich daran knüpfte, konnte sie nie darüber lächeln. Es waren uralte Gedenktafeln darunter, verwischt und halb zerbröckelt, deren Urheber längst vermodert waren. Und Jakobäa dachte, wie seit Jahrhunderten die Menschen, welche hier gewandelt waren, immer andere gewesen, das Leiden jedoch, unberührt vom Wechsel der Menschen und Zeiten, unverändert einherziehe – damals in denen, die seither gestorben, wie heute in allen, die da lebend neben, vor, hinter ihr dahinschritten.

Solche Gedanken vereinigten sich mit ihrer trübseligen Grübelei über ihr eigenes Mißgeschick und tauchten dann wieder hinab, um die Schwermut ihrer Seele noch mehr zu vertiefen. Dann trieb sie wohl eine verzweifelte Stimmung fort aus dem drängenden Menschengewühle in den dichtesten Wald. Da breiteten sich die mächtigen Buchen, mit gewaltigen Wurzeln – und sie stand daneben so schwach und dünn. Dort wieder schossen die leichten schlanken Tannen hoch, immer höher dem Himmel zu – und sie stand so klein, so niedrig unter ihnen in der Waldestiefe. Sie ließ sich auf eine Bank nieder und blickte empor zu den dichten Laubkronen, wo in jedem kleinsten Blättchen die belebenden Kräfte gestaltend und vergrößernd wirkten.

Und eben dieselben Kräfte – sann Jakobäa – waren es, die auch in ihr thätig waren oder doch thätig sein sollten; jedoch von ihrem Walten sah man nichts, gar nichts. Es war, als täten sie es an und in ihr nur so im Schlafe, lässig eben nur das erhaltend, was da war und wie es war, aber nichts dazu schaffend, nichts vergrößernd, erhöhend, erweiternd. Eine stumme schmerzliche Frage stand in dem Blick, mit welchem sie den Baum anstarrte. Die goldenen Strahlen in seiner Krone waren inzwischen zu einem mattgoldenen Nebel zerflossen, und diesen durchglühte jetzt der Purpur des späten Abends – aber in Jakobäa dämmerte schon längst nächtliches Dunkel, und mitten darin knirschte der eiserne Wille an eiserner Kette.

Dann war die Karlsbader Kurzeit um und man zog heimwärts.

(Fortsetzung folgt.)
[291]
Blätter und Blüthen.

Die Tekke-Frau. In seinen „Reiseschilderungen durch Centralasien“ giebt Heinrich Moser, der jugendliche Reisende, interessante Bilder aus der Kirgisensteppe, aus Taschkend, Bochara, Chiwa und Persien, die Kapitel des Werkes aber, die vorzugsweise die Theilnahme fesseln, behandeln die durch ihren Widerstand gegen die russische Uebermacht rühmlich bekannten Turkmenen und geben uns von Land und Leuten ein anschauliches Bild. Die Illustrationen und Schilderungen aus der Turkmenenwüste und den andern Gebieten, welche dieser Volksstamm bewohnt, sind durchaus stimmungsvoll. Von den Frauen der Tekke-Turkmenen berichtet der Reisende, daß ihre Kleidung, obschon sehr einfach, ihre Reize zur Geltung kommen läßt; sie besteht aus einem langen walleneden, blau- oder rothseidenen Hemde, das von keinem Gürtel gehalten wird. Dieses Hemd ist um den Hals und bis zum Ende der Taille mit Münzen und Silberplatten überladen, woraus eine Art Panzer entsteht, zu dem kleine Silberglöckchen gehören, die bei jedem Schritte erklingen. Diese verschiedenen Münzen, Platten, Glöckchen sowie auch die Armbänder, womit alte Frauen geschmückt sind, beweisen nicht allein den Reichthum des Mannes, sondern auch seinen Muth; denn diese Kleinodien, obgleich von einheimischen Künstlern in turkmenischem Geschmack gearbeitet, stammen von den Raubzügen des Gemahls: die Frau trägt die Siegeszeichen. Der Kopf der verheiratheten Frau ist mit einer kleinen runden gestickten Mütze bedeckt, aus der das lange Haar hervorquillt. Das junge Mädchen trägt die Haare unbedeckt in Flechten. Die Tekke-Frau ist schön, groß und schlank; sie ist die einzige Frau in Centralasien die das Gehen versteht.

„Nichts ist anmuthiger, als ein Mädchen dieser Rasse mit dem großen Krug auf der Schulter nach einem Brunnen wandern zu sehen; oft stand ich still, um dieses Schauspiel zu genießen, das mich die häßlichen Masken von Chiwa und Bochara vergessen ließ. Ich hatte noch einige Arm- und Halsbänder und sonstige Kleinigkeiten übrig, die ich unter meine schönen Besucherinnen vertheilte; sie brachten mir dafür von ihnen angefertigte Handarbeiten, denn die Tekke-Frau ist eine Künstlerin, und unsere feinen europäischen Damen würden sich sehr verwundern, wenn sie sähen, was eine arme Wilde mit ihren Fingern zu Werke bringt. Die Teppiche, welche die Weiber herstellen, sind die schönsten und dauerhaftesten von allen. Uebrigens stehen die Preise sehr hoch; denn in der Achaloase selbst kostet wohl ein kleiner Bettteppich, wenn er schön ist, vierzig Rubel. Größere Arbeiten dieser Art, die ich zu Gesicht bekam, werden bis zu 6000 bis 8000 Mark geschätzt. Im Nothfall wird diese Frau eine Heldin; bei der Eroberung von Gök-Tepe durch die Russen kämpften die Frauen neben den Männern; ein Blatt ihrer langen Schere, am Ende eines Stockes befestigt, bildete die Lanze, von der noch heute mancher russische Soldat die Spuren trägt.“

Obgleich die Vielweiberei im turkmenischen Lande sehr verbreitet ist, behält dennoch die Frau ein gewisses Ansehen. Es giebt sogar einige, die auf die öffentlichen Angelegenheiten Einfluß ausüben. In Merw z. B. erfreute sich die Witwe Nur Werdi Chans eines großen Ansehens und die Tekke sagten: sie regiert in Merw.

Der Bräutigam kauft seine Frau von ihrem Vater. Der Kalim (Kaufpreis) bestand ehemals in einer gewissen im voraus bestimmten Zahl von Sklaven. Vor der russischen Eroberung schwankte der Preis einer Frau zwischen 1000 bis 1600 Mark; aber seit dem Blutbad von Gök-Tepe sind die Frauen viel zahlreicher als die Männer und ihr Preis ist sehr gefallen. Die Frau, die sich verheirathet, bringt als Mitgift eine gewisse Anzahl Filze, welche sie in ihren Mußestunden angefertigt hat und unter denen sich eine sehr feine Decke für das Pferd ihres Gemahls befinden muß. Eines der Sprichwörter der Tekke sagt: Je feiner der Filz für den Renner ist, desto größer ist die Liebe für den Reiter.


Eine Thüringer Bauernfrau. (Mit Illustration S. 277.) Daß die auf dem heutigen Titelbilde dargestellte alte Frau aus Thüringen und zwar aus dem thüringischen Flachlande stammt, das bezeugt die charakteristische Bändermütze, die, das Haar gänzlich verhüllend, auf ihrem Haupte sitzt, wie nicht minder der ebenso charakteristische Frauenmantel. In diesem Mantel, denn das ist hauptsächlich seine Bestimmung, hat die gute Alte nach der Reihe gewiß alle ihre Kinder, und es waren deren nicht wenige, getragen und groß gezogen, bis sie auf ihren eigenen Füßen zu stehen vermochten, wenn der kattunene Ueberzug auch inzwischen ein paar Mal erneuert wurde. Nun sind sie zum Theil schon wieder selbständig geworden. Die älteste Tochter, die Gretliese, hat schon vor mehreren Jahren in das Nachbardorf geheirathet, und nun hat eines Sonntags nach der Nachmittagskirche sich die alte Großmutter aufgemacht, die Enkelkinder zu besuchen. Sie darf dabei nicht mit leeren Händen kommen. Die Flasche Milch und der locker gebackene Striezelkuchen werden den kleinen Wildfängen sicher gut munden. Die anderthalb Wegstunden sind aber für die alten Füße zu viel auf einmal.

So hat sie unterwegs sich auf einem blumigen Feldraine zur Rast niedergesetzt, den schweren Henkelkorb bei Seite gestellt und den Griff des rothen Regenschirms mit beiden Händen gefaßt zur Stütze des von der Last des Alters gekrümmten Leibes. Es mögen auf der kurzen Raststation der guten Alten gar mancherlei Gedanken durch den Kopf gehn, Erinnerungen an die nun längst dahingeschwundenen Jahre der Jugend, da sie, eine frische muntere Dirne, denselben Weg zog hinüber in das Nachbardorf zum Kirchweihtanze und trotz der durchtanzten Nacht am frühen Morgen noch frisch und lustig den Heimweg antrat am Arme des strammen Burschen der nicht ohne Kampf und Hindernisse ihr treuer Lebensgefährte geworden war. Sie hatte ihn überlebt; drei Jahre deckte ihn nun schon die Erde. Der älteste Sohn hatte das Gut übernommen und sie lebte als Auszüglerin auf dem Hofe. Sie würde wohl ganz still und einsam gelebt haben, wenn sie nicht oft die Kinder der Tochter hätte besuchen können; denn diese sorgten mit ihrem muntern sorglosen Wesen schon dafür, daß es ihr nicht an Freude und Abwechslung gebrach. Wie fröhlich wird sie von ihnen empfangen werden, wie werden sie sich an ihren Mantel hängen den den Korb neugierig durchstöberen! „Großmutter, hast was mitdebringt?“ wird das Mädchen rufen. Und nun jetzt flugs ans Auspacken. Ja, das Alter hat auch noch seine Freuden!


Ernst von Wildenbruchs Festgedicht. Die Einweihung und Eröffnung des deutschen Buchhändlerhauses zu Leipzig, jenes neuen glänzenden Heims für den deutschen Buchhandel, findet am 29. April statt. Nach einer Hauptversammlung des Börsenvereins in der alten Buchhändlerbörse geht der Festzug nach dem neuen stattlichen Gebäude, von dem wir bereits in unserem Blatte eine Abbildung brachten. Dort findet die Festversammlung des Börsenvereins, ein Umzug durch die Räume des neuen Hauses, eine Besichtigung der Ausstellungen und das Festmahl statt.

Damit dem Fest auch die dichterische Weihe nicht fehle, hat Ernst von Wildenbruch diesen Weihegruß der begeisterten Muse über das neue Heim der Buchhändler gesprochen, der in der Festschrift „Das alte und das neue Deutsche Buchhändlerheim“ zum Abdruck kommt und den wir auch hier unsern Lesern mitttheilen.


Aus dem Nachlasse Albert Lindners, des verstorbenen unglücklichen Dichters, theilen wir einige Lieder mit, welche beweisen, daß der preisgekrönte Dramatiker auch stimmungsvolle lyrische Gedichte zu schaffen verstand.


Waldsegen.

Die stillen Sonnenlichter
Spielen im Waldesdom;
Weit unten im Thale gleißet
Von ihrem Gold der Strom.

5
Mit meines Herzens Schlägen

Allein, so weit ich späh’!
Fernab in der Schlucht nur wiegt sich
Lautlosen Flugs die Kräh’.

Ist’s doch, als raunte leise

10
Der Wald mir etwas zu.

Sei nur fein still, mein Herze,
Vielleicht vernimmst es du.
„Ich bin des Ew’gen Priester,
Lad’ dich zur Beicht’ herein.

15
Mein Schweigen ist meine Sprache,

Will nur verstanden sein.

Ich soll dich freundlich locken,
Du armes Menschenherz,
Daß still du hier dein Sorgen

20
Abthust und deinen Schmerz.

Und willst du’s auch nicht geben,
Du trotz’ger Menschensinn,
Schenk’ ich dir doch den Frieden,
Weil ich der Friede bin.

25
Gestein und Moos und Welle

Wollen zu Diensten sein.
Schütt’ hin, schütt’ hin dein Grämen,
Die sargen’s treulich ein.
Die Blätter läutens’s zu Grabe,

30
Und weiter wird’s nicht kund;

Der braucht die Welt nicht weiter,
Wer mit dem Wald im Bund.“


Wiesenbach.

Das Bächlein rauscht durch Wiesengrund
Geschwätzig hinab zu Thale,
Putzt sich mit Schilf und Blumen bunt,
Schminkt sich mit dem Sonnenstrahle.

5
Und wo ein Zweig sich niederbiegt,

Da muß es küssen und kosen;
Und wo ein Stein im Wege liegt,
Da muß es zanken und tosen.

„Wohin?“ fragt Schilf und Blümelein,

10
„Komm, spiel’ mit uns, Geselle!“ –

„„Muß rauschen in die Welt hinein,
Muß wachsen zur Meereswelle!““

Und Blümchen sagt ihm still Lebwohl,
Das Schilf empfiehlt sich neigend.

15
Die Erle steht gedankenvoll

Daneben, und vornehm schweigend.


Die rothe Mütze. Mit der deutschen Einigung sind endlich auch die Vorstände der Eisenbahnstationen zwar nicht unter einen Hut, wohl aber unter eine Mütze gebracht. Die rothe Mütze ist charakteristisch für das Deutsche Reich. Während Roth im Signalwesen der Eisenbahnen Halt! Hier droht Gefahr! bedeutet, ist der Mann mit der rothen Mütze der Ziel- und Angelpunkt aller Reisenden, die irgend ein Anliegen haben, mag es sich nun um einen Rath, eine Auskunft, eine Entscheidung, oder um eine vermeintliche Unbill, eine Beschwerde handeln.

Wie wir zur rothen Mütze gekommen sind?

Die – eigentlich orangefarbene – Kopfbedeckung wurde Anfangs der sechziger Jahre bei den preußischen Staatsbahnen eingeführt in Uebereinstimmung mit den gleichfarbigen Vorstößen der preußischen Eisenbahnuniform. Der letztere Grund war es auch, weshalb man die rothe Farbe vorzog vor dem viel weiter sichtbaren Weiß. Von Preußen aus machte die rothe Mütze ihren Siegeslauf durch das ganze Reich, und wie buntscheckig unsere Eisenbahnuniformen auch immer noch sein möge – haben die Franzosen ihr „Bonnet“, die Oesterreicher ihre „Kappen“, so haben wir als nationales Einheitszeichen „die rothe Mütze“.


Frau Obrist Hooker. Die Pensionskommission des nordamerikanischen Freistaates Indiana war nicht wenig überrascht, als bei ihr das Gesuch einer Dame um Pension eintraf, welche nicht etwa als Offizierswitwe, sondern wegen ihrer eigenen militärischen Leistungen auf eine solche Anspruch machte. Frau Hooker wies nach, daß sie sich während des Bürgerkriegs als Soldat hatte anwerben lassen, daß sie drei Jahre gedient hatte und zweimal verwundet worden war. Sie begleitete damals ihren Gatten, einen Premierlieutenant, ins Feld, und zwar nicht als seine Frau, sondern als Soldat. Es galt bei diesem kühnen Unternehmen indeß von Hause aus eine Klippe zu umschiffen, welche dasselbe leicht vereiteln konnte:

[292] die militärärztliche Untersuchung, der jeder Soldat sich unterziehen muß. Ein junger Mann, der ihr einigermaßen ähnlich sah, stellte sich für diese Untersuchung und Frau Hooker benutzte die erste sich darbietende Gelegenheit, um die Uniform des Rekruten anzulegen und an seiner Stelle den Krieg mitzumachen.

Die Chronik der deutschen Befreiungskriege berichtet von ähnlichen romantischen Heldenthaten kriegslustiger Mädchen und Frauen. Wer an der Glaubwürdigkeit dieser Ueberlieferungen zweifeln wollte, den wurde das auf nachgewiesene Thatsachen gestützte Pensionsgesuch der Frau Obrist Hooker gewiß bekehren.

†     

Der Kampf gegen das Trinkgeld. Seitdem der berühmte Rechtsgelehrte v. Jhering dem Trinkgeld den Krieg erklärt hat, ist der Kampf gegen dasselbe auf der ganzen Linie entbrannt, allerdings ohne nachweisbare sonderliche Erfolge. Obschon es in die Hotelrechnungen mit aufgenommen worden, führt es doch daneben seine selbständige Existenz fort. Und vor der Abreise aus dem Hotel muß jeder Gast, nach bezahlter Rechnung, sich ernstlich überlegen, welche freiwillige Spende er noch den Bediensteten des Hauses opfern will.

Das Streben, den einzelnen Ansprüchen gerecht zu werden, sowie der Wunsch, keinen unfreundlichen und verdrossenen Gesichtern auf der Treppe und am Hausthor zu begegnen, gerathen oft in Streit mit einander, der in der Regel auf Kosten des Portemonnaies zu einem versöhnlichen Ausgang führt.

Der Verfasser der kleinen gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Studie „Reisende, Gastwirthe und Trinkgelder“ (Zürich, Cäsar Schmidt) gehört mit zu den eifrigsten Bekämpfern des Trinkgeldes; er hat einen Brief vom Professor v. Jhering erhalten, in welchem dieser erklärt, daß die Gastwirthe, welche das Trinkgeld abstellen würden, des größten Zulaufs sicher sein könnten, er selbst wurde gern höhere Preise zahlen, um der Widerwärtigkeit der richtigen Abmessung des Trinkgeldes im einzelnen Fall überhoben zu sein.

„Gegen das Trinkgeld an den Hausknecht habe ich meinerseits nie etwas einzuwenden gehabt und habe es gern gegeben, indem ich es den Umständen gemäß bemaß; aber das Trinkgeld an den Oberkellner, der, indem er den Betrag der Rechnung in Empfang nahm, für mich nichts gethan hatte, sondern nur für seinen Herrn, ebenso an die Unterkellner, die bei Tisch aufgewartet, das Stubenmädchen, das die Betten gemacht, den Portier, der an der Thür gestanden und für mich nicht das Geringste gethan hatte, ist mir stets als Doppelzahlung für eine Leistung erschienen, für die ich dem Wirth den Preis bereits in der Rechnung entrichtet hatte.“

Daß in vielen Restaurants und Kaffeehäusern die dienstbaren Geister sogar auf die Trinkgelder angewiesen sind, ist ein offenbarer Mißbrauch; es ist Pflicht der Wirthe, ihren Kellnern ausreichenden Lohn zu geben; eine Brandschatzung der Gäste ist unzulässig. und eine moralische Brandschatzung liegt dabei immer zu Grunde: denn es ist begreiflich, daß die Kellner und alle Bediensteten jeden Gast von Hause aus mit Bezug auf das erwartete Trinkgeld rubriciren; denn es ist ja der einzige Vortheil, den sie selbst von ihm haben – und wer hätte heutigen Tags nicht seinen Vortheil im Auge? Doch auch die Kellner sind auf etwas Unsicheres, auf die Generosität der Gäste, zu der diese gar nicht verpflichtet sind, angewiesen und auch insofern ist solche Ablohnungsweise unzulässig.

Dem Vernehmen nach ist es dem Berliner Verkehrsverein bereits gelungen, eine stattliche Anzahl von Hôtels zusammenzubringen, welche sich zur Abschaffung der Trinkgelder entschlossen haben. Es ist damit ja ein Anfang gemacht, aber eine so weitverbreitete und tiefgewurzelte Unsitte auszurotten, dazu bedarf es der Zeit und es bleiben auch Rückfälle nicht aus, wo schon andere Wege eingeschlagen wurden.






Schach-Aufgabe Nr. 6.
Von J. Hintzpeter in Siegen.
Die Gartenlaube (1888) b 292.jpg

Weiß zieht an und seht mit dem dritten Zuge matt.

Auflösung der Schach-Aufgabe Nr. 5 auf S. 240:
Weiß:   Schwarz:
1. D b 5 – a 6 f 4 – f 3!
2. D a 6 – f 6 † a) L g 5 – f 6:
3. S e 8 – d 6 beliebig.
4. s resp. T setzt matt.

A) Sogleich 2. S d 6 scheitert an T f 8. Sehr stark ist auch 2. S f 6!, worauf nur der leicht überschaubare Zug L d 2! parirt. (Falls 3. S g 4 so L b 4:! ) Auf 2. T e 2, f:T, 3. D c 2: folgt L f 4!, und 2. D f 1!, f:T, 3. D e 1! wird durch e 4 – e 3 widerlegt (auch 2 . . . f 3 – f 2 hält Stich.) Falls 2 c 5 – c 6 so K e 3.

Varianten: a) 1 . . . . e 4 – e 3, 2. D. e 6 T:S, 3, T d 2 † etc. – b) 1. . . . T:S, 2. T d 2 †, K e 5, 3. T d 5 : † etc. Dies ist die Drohvariante. – c 1. . . . K e 5, 2. T: L † etc. – Falls 1. . . . K e 3 so L gl 1 † etc. und falls 1. . . . L e 7 so 2. L f 4 : etc.

Ein schönes, gut angelegtes Problem. Die Fülle der sich darbietenden Angriffschancen dürfte das Interesse der Löser längere Zeit fesseln.


Kleiner Briefkasten.
(Anonyme Anfragen werden nicht berücksichtigt.)






J. A. Weiden. Sie haben Recht; die deutsche Industrie ist der englischen nichts schuldig geblieben. Das von uns erwähnte Kunststück, Korrespondenzkarten wohlfeiler zu verkaufen als die Post, hat jener Seifenfabrikant ebenfalls zu Stande gebracht, der von solchen mit seinen Personalien versehenen Korrespondenzkarten 120 Stück zu 5 Mark verkauft, während die Post dafür 6 Mark verlangen würde.

Uralte Abonnentin, Berlin. Wir danken für das eingesandte Gedicht: doch wir können davon keinen Gebrauch machen, weil wir mit der Kaiserlyrik zunächst abgeschlossen haben.

Musikalische Hausfrau in M. Es ist wahr, Noten sind im allgemeinen recht theuer und die Abwechslung in den Stücken, welche so belebend auf die Hausmusik wirkt, wird dadurch nicht wenig erschwert. Es giebt jedoch Zeitschriften, welche diesem Uebelstande abzuhelfen suchen: den „Musikalischen Hausfreund, Blätter für ausgewählte Salonmusik“ (C. A. Kochs Verlag, J. Sengbusch, in Leipzig), von welchem vierteljährlich sechs Hefte zu dem geringen Abonnementspreis von einer Mark ausgegeben werden, ferner die weit verbreitete „Neue Musikzeitung“, Verlag von C. Grüninger in Stuttgart (früher Tonger in Köln), welche vierteljährlich nur 80 Pfennig kostet.

Abonnent seit 1880. Photographien des Spitzerschen Bildes „Die Lehrerin kommt“, von dem eine Holzschnittnachbildung jüngst in der „Gartenlaube“ erschien, sind von dem Verlage der Photographischen Union in München zu beziehen.



In unserem Verlage ist soeben erschienen und durch beinahe alle Buchhandlungen zu beziehen:
Kaiser Wilhelm I.
Ein Gedenkbuch für das deutsche Volk.
Von Ernst Scherenberg.
Elegant in Leinwand gebunden (15 Bogen gr. Oktav) Preis 1 Mark.

Inhalt: I. Glückliche Kinderzeit (1797–1806). II. Frühe Leidensjahre (1806–1810). III. Die Tage der Vorbereitung und Erhebung (1810–1813). IV. Während der Befreiungskriege (1818–1815). V. Mannesjahre des Prinzen Wilhelm (1815–1840). VI. Prinz von Preußen (1840–1858). VII. Prinzregent (1858–1860). VIII. König von Preußen (1861–1871), IX. Oberhaupt des Norddeutschen Bundes (1867–1870). X. Deutscher Bundesfeldherr (1870–1871). XI. Deutscher Kaiser (1871–1888). XII. Kaiser Wilhelms Tod (9. März 1888).

Vorräthig in den meisten Buchhandlungen. Wo der Bezug auf Hindernisse stößt, wende man sich unter Beifügung des Betrags in Briefmarken direkt an die

Verlagshandlung von Ernst Keils Nachfolger in Leipzig.

  1. Berlin, Verlag von Wilhelm Hertz (Besser’sche Buchhandlung), 1887.
  2. In Paris, wo Erbprinz Ernst rasch die Gunst Louis Philipps gewann, würde damals eine Verbindung desselben mit der Prinzessin Clementine eingeleitet worden sein, wenn nicht die Konfessionsunterschiede dazwischengetreten wären. Später heirathete Clementine einen Vetter des Herzogs, den Prinzen August von Koburg-Kobary; ihr Sohn ist der bulgarische Fürst Ferdinand.
  3. Auch poetische Zeugnisse sind für das ungeschwächte Gefühl dieses Trennungsleides vorhanden. So liegt vor mir ein „Gruß an den Bruder“:

    „Hat so lang’ mein Lied geschwiegen,
    Soll es heute auferstehn
    Und aus süßem Schlaf Dich wiegen
    Durch der Klänge zartes Wehn.
    Ist auch noch so weit die Reise,
    Trägt’s ein Zephyr hin zu Dir,
    Und es flüstert dann ganz leise:
    ‚Denkst des Bruders Du auch hier?‘
    Von der Heimath, von dem Norden
    Von der Jugend stillem Glück
    Spricht es, schwebend in Accorden,
    Leitet hierher Deinen Blick.“

    Dieser des Bruders zarterem Gemüth so sinnig angepaßte Gruß steht in einer fürstlich ausgestatteten Sammlung von Poesien, die unter dem Titel. „Aus frühen Tagen. Gedichte von E. H. z. S.“ – „als Manuskript gedruckt“ sind und nur als Geschenk des Herzogs in andere Hände kommen.

    D. V.