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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1888
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
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Quelle: commons
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Die Gartenlaube (1888) 165.jpg
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Kaiser Wilhelm todt!

Es stirbt der Mensch, das ist sein irdisch Theil.
Er stirbt: doch ewig währt der Menschheit Leben.
Nur wer gelebt hat zu der Menschheit Heil,
Den wird zu ihren Höhen sie erheben.
     Es gehen Miilionen spurlos fort,
Wie sie herein in diese Welt gekommen.
Doch – welch ein Sturmlaut braust von Ort zu Ort,
Wo nur ein Menschenohr das Wort vernommen,
     Das, wie es blitzgleich in die Herzen schlägt,
     Ein Weltgefühl durch alle Lande trägt!


Wohl achtet man des Neides werth das Loos,
Steht auf des Daseins Höhen schon die Wiege:
Da glänzt der Name in des Glückes Schooß,
Ob fern die Zeit der ernsten That auch liege.
     Wem Glanz und Lust der Höhe nur gefällt,
Kann groß im Kreis von Seinesgleichen stehen, –
Doch wer hinabsteigt in des Volkes Welt,
Erklimmt allein des Herrschens höchste Höhen;
     Der ist es, der, sich selbst zur Mahnung, spricht:
     So hehr die Macht, so heilig sei die Pflicht! –


     „Todt – Er ist todt!“ Wehzitternd haucht’s ein Mund
Am Sterbebett. Die Weltstadt hört’s voll Schrecken
Und ruft’s ins Reich, – Europa wird es kund –
Und weiter fliegt nach allen Himmelsstrecken
     Im Boden tief, durchs Meer und durch die Luft
Das Wort, das jener Mund so leis’ gesprochen –
Und wo’s in fernster Welt ein Deutscher ruft,
Da ruft der Schmerz: Welch Herz ist uns gebrochen!
     Da lauschen alle Völker rings umher
     In Ehrfurcht: Kaiser Wilhelm ist nicht mehr!


Ein Fürstenwort! Der Kaiser sprach es aus
Und hat’s wie einen heil’gen Eid gehalten.
Wie Er als Jüngling Gott befahl Sein Haus,
Hat Gottes Gnade es erhöht dem Alten.
     In jedem Kreise Seiner Pflicht ein Mann –
Wie hell Sein Aug’ im Kampfesfeuer sprühte!
Doch Seinen höchsten Siegerpreis gewann
Er mit dem Herzen voller Lieb’ und Güte!
     Sein Zeugniß sind die Thränen, die vereint
Das ganze Volk heut seinem Kaiser weint.


Nun weht durchs Reich der schwarze Trauerflor,
Nun tönt die Harfe Ihm von Preis und Klagen,
Nun steigt vor uns Sein Bild so hoch empor,
Wie keines je vermochte aufzuragen.
     So weit von deutschem Leben reicht die Spur,
Hat noch kein deutscher Mann so hoch gestanden.
War doch der Besten ew’ge Sehnsucht nur:
Ein Herrscher in den einig-deutschen Landen!
     Er hat gestillt die Sehnsucht königlich:
     Er gab das Reich uns, und Er gab uns Sich!


     An Seiner Gruft steh’ kein verzagend Leid,
Kein Schwächlingshauch zieh’ ein durch diese Pforte!
Er war so groß, daß vor Ihm Haß und Neid
Beschämt sich neigten, nur der Dank hat Worte.
     Die fernste Zukunft schaut dereinst zurück
Auf Deutschlands Heldengang durch Blut und Eisen,
Und will der Enkel Mund das höchste Glück
Von einem Manne unsrer Tage preisen,
     So ist’s der Spruch, der ihn zuhöchst erhebt:
Er hat zu Kaiser Wilhelms Zeit gelebt!

Friedrich Hofmann.     
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[166]
Zum Gedächtniß Kaiser Wilhelms.
Die Gartenlaube (1888) b 166.jpg

Eine tiefe Trauer und eine laute Wehklage geht durch ganz Deutschland: der allverehrte, allgeliebte Kaiser Wilhelm I. ist nicht mehr! Was, bei dem außerordentlich hohen Alter des greisen Monarchen, unaufhaltsam immer näher und näher drohte, aber immer wieder ferner gerückt erschien durch seine wunderbar kräftige Natur, das ist nun wirklich eingetreten, und wie sehr wir unsere Gedanken gewöhnt zu haben meinten an das Unvermeidliche, dennoch stehen wir im Innersten erschüttert vor der unerbittlichen Wahrheit, daß uns hinfort nicht mehr vergönnt sein soll, unsere Blicke verehrungs- und bewunderungsvoll zu erheben zu der ehrwürdigen Heldengestalt in weißem Haar und weißem Bart, dem geweihten Hort und der sichtbaren Verkörperung unserer nationalen Einheit!

Denn das war Kaiser Wilhelm I. nicht in jenem gewöhnlichen Sinne, wie jeder Monarch der Vertreter und Schirmherr seines Volkes und Staates ist, sondern in einem viel höheren. In ihm verehrte die Nation den starken Begründer und den weisen Erhalter des neuen Deutschen Reiches; durch ihn sah sie sich, dankerfüllt, aus jahrhundertelanger Zerrissenheit und Schwäche erweckt und mit Einem Male zu einem Range unter den Völkern Europas erhoben, von dem wohl die wenigsten unter uns selbst nur zu träumen gewagt hatten, von ihm datirte für Deutschland eine Periode innerer Einigkeit seiner Fürsten und seiner Stämme, wie sie in dem mehr als tausendjährigen Verlaufe der deutschen Geschichte noch nicht dagewesen, und einer Machtstellung nach außen, wie sie in solcher Festigkeit und so dauerverheißend selbst den glänzendsten Zeiten früherer deutscher Kaiser niemals beigewohnt hatte.

Und alles das war ganz wesentlich mit das eigenste Werk und Verdienst des verewigten Kaisers. Er persönlich hatte, unter dem Beirath der sachkundigsten Männer, eines Roon, eines Moltke u. a., jene Neugestaltung des preußischen Heeres in die Hand genommen und durchgeführt, die schon 1866 sich als ein so wunderbares Mittel gewaltigster Schlagfertigkeit bewährte, 1870 aber ganz allein Deutschland vor der Gefahr einer, wenn auch nur zeitweiligen, Besetzung seiner Grenzlande durch feindliche Truppen schützte und den Krieg sofort in Feindesland hinüberspielte. Er war durch die Erfolge seiner siegreichen Waffen und der nicht weniger siegreichen diplomatischen Künste seines großen Ministers Bismarck, dem er das ganze Gewicht der preußischen Macht zur freiesten Verfügung gestellt, der Begründer eines neuen, starken festgegründeten deutschen Reiches geworden. Und, was beinahe noch schwerer, gewiß aber nicht minder verdienstlich war, er verstand es, durch seine Weisheit zu erhalten, was seine Bismarck und Moltke Großes und Glorreiches geschaffen; er verstand es, den lauernden Feinden Deutschlands Furcht vor dessen allzeit bereiter Wehrhaftigkeit, den befreundeten Mächten aber volles Vertrauen zu seiner aufrichtigen Friedenspolitik einzuflößen.

Daher nahten auch ihm, ihrem ehrwürdigen Senior, huldigend Europas Fürsten, große wie kleine; er ward der Stifter und der beherrschende Mittelpunkt eines machtvollen Bundes, an dessen Spitze er die Erhaltung des europäischen Friedens, die er sich selbst zur heiligen Pflicht gemacht, auch andern, wenn nöthig, gebieten konnte.

In Deutschland selbst ward Kaiser Wilhelms Persönlichkeit der alles verbindende, ausgleichende, versöhnende Talisman. In ihm fanden die deutschen Fürsten die sicherste Bürgschaft dafür, daß ihnen nichts angesonnen werden würde, was nicht schlechterdings nothwendig wäre entweder für die Sicherheit und Größe des Reichs oder für die innere Wohlfahrt der Nation. Um ihn scharten sie sich – nicht halb widerstrebend, wie im alten deutschen Reiche so oft die Vasallen um ihren obersten Lehnsherrn, nein, voll Hingebung und Anhänglichkeit, wie getreue Bundesgenossen um das von allen hochgehaltene und verehrte Haupt des Bundes, und er selbst, der edle Greis, begehrte nichts anderes zu sein, als „der Erste unter seinesgleichen“.

Und, wie die Fürsten, so die Völker. Der kältere Norden wie der lebhafter empfindende Süden, sie huldigten mit der gleichen Begeisterung dem allgeliebten Kaiser Wilhelm. Ja selbst in jenen erst neuerlich für Deutschland zurückgewonnenen Landschaften, wo das Gefühl der alten Zugehörigkeit zum Reiche, verdunkelt durch lange Trennung von uns, sich nur schwach wieder regt, selbst dort ward das persönliche Erscheinen des Kaisers allerwärts das Signal zu freudigen Kundgebungen weiter Bevölkerungskreise. Die seltene Mischung echt fürstlicher Hoheit und fast bürgerlicher Einfachheit, die in Kaiser Wilhelm war, bezauberte Alt und Jung, Vornehm und Gering. Daher die zahllosen Kundgebungen der Ehrerbietung und Liebe, die bei jeder Gelegenheit von allerwärts ihm zuströmten – in Wort und Bild, in gebundener und ungebundener Rede, aus Palästen und Hütten daher vor allem jene vielen halbschüchternen und doch treuherzig zutraulichen Sendungen aus den Kreisen der Armen und Bedrängten, ja aus den Kreisen der Jugend- und Kinderwelt, die entweder mit vertrauensvollen Bitten dem hohen Herrn nahten oder auch nur im Drange ihres Herzens ihm die Verehrung der Absender bekundeten, ihm eine kleine Liebesgabe, und wäre es nur ein Strauß seiner blauen Lieblingsblume, zu bieten wagten. Und alle diese Zusendungen fanden bei ihm die gleiche wohlwollende Aufnahme, und allen diesen Bitten gewährte er, so weit es irgend möglich, freundliche Erhörung.

Denn, wie das Volk ihn, so liebte er das Volk. Alle Stände, alle Berufsklassen umfaßte er mit derselben väterlichen Gesinnung. Noch in seinem höchsten Alter war es sein liebster Gedanke, nachdrücklich und nachhaltig für jene große, ehrenwerthe Gesellschaftsschicht zu sorgen, auf deren rühriger Arbeit ganz wesentlich mit der Wohlstand der Nation beruht, und fast mit Bangen mag ihn der Zweifel erfüllt haben, ob noch bei seinen Lebzeiten für ein so schwieriges Beginnen die rechte Form und der wirklich zum Ziele führende Weg gefunden werden möchte.

Kaiser Wilhelm gehörte nicht, gleich seinen berühmten Vorfahren, dem Großen Kurfürsten und Friedrich dem Großen, zu jenen genialen Herrschern, die alles nur durch die eigene Kraft vollbringen und für welche auch die begabtesten ihrer Diener nur ausführende Werkzeuge ihrer selbstschöpferischen Ideen sind. Auch wäre wohl zu dieser Art selbstherrlichen Regiments, sogar eines Friedrich des Großen, weder unsere Zeit noch unser Volk angethan. Aber Kaiser Wilhelm verstand die seltene Kunst, im Kabinet wie im [167] Felde die rechten Männer um sich zu scharen und sie auf die rechten Posten zu stellen, und zugleich übte er die, bei Monarchen noch seltenere, Selbstverleugnung, der erprobten Einsicht dieser Männer, bisweilen wohl sogar mit Hintansetzung der eigenen Wünsche, rückhaltlos sich anzuvertrauen.

Rührend, wie dieses Vertrauen, war auch die Bescheidenheit, womit er den Dank der Nation und den Ruhm bei Mit- und Nachwelt für all das Große, was ihm gelungen, von sich auf Die abzulenken suchte, die ihm dabei rathend oder helfend zur Seite gestanden hatten. Nach dem glorreichen Tage von Sedan richtete er – damals noch König Wilhelm – an die im Feldlager mit anwesenden deutschen Fürsten eine Ansprache, worin er sagte:

„Sie wissen, meine Herren, welch großes geschichtliches Ereigniß sich zugetragen hat. Ich verdanke dies den ausgezeichneten Thaten der vereinigten Armeen, denen ich mich bei dieser Veranlassung gedrungen fühle meinen königlichen Dank auszusprechen um so mehr, als diese großen Erfolge wohl geeignet sind, den Kitt noch fester zu gestalten, der die Fürsten des Norddeutschen Bundes und meine anderen Verbündeten, deren fürstliche Mitglieder ich in diesem großen Momente zahlreich um mich versammelt sehe, mit uns verknüpft, so daß wir hoffen dürfen, einer glücklichen Zukunft entgegenzugehen. Meinen Dank jedem, der ein Blatt zum Lorbeer- und Ruhmeskranze Unseres Vaterlandes hinzugefügt!“

Und beim Mittagsmahl im großen Hauptquartier am 3. September brachte er folgenden Trinkspruch aus:

„Wir müssen heut aus Dankbarkeit auf das Wohl meiner braven Armee trinken. Sie, Kriegsminister v. Roon, haben unser Schwert geschärft, Sie, General v. Moltke, haben es geleitet, und Sie, Graf v. Bismarck, haben seit Jahren durch die Leitung der Politik Preußen auf seinen jetzigen Höhepunkt gebracht. Lassen Sie uns also auf das Wohl der Armee, der drei von mir Genannten und jedes einzelnen unter den Anwesenden trinken, der nach seinen Kräften zu den bisherigen Erfolgen beigetragen hat!“

Ihm stand überhaupt die Sache des Vaterlandes und des Volkes allezeit weit höher als seine Person. Gleich seinem großen Vorfahr Friedrich II. betrachtete er sich nur als den „ersten Diener des Staats“ und handelte streng in diesem Sinne. Es mag ihm nicht immer leicht geworden sein, langgehegte Ansichten, werthgehaltene Einrichtungen den Wünschen des Volkes, wie sie durch dessen gesetzliche Vertreter an ihn gelangten, oder dem selbsterkannten Bedürfniß der Zeit zu opfern; aber niemals hat er eigenwillig an überlebten Zuständen festgehalten oder einem einseitigen Interesse das Interesse des Ganzen nachgesetzt. Nie war sein Ohr jenen falschen Freunden des Königthums geöffnet, welche dem Monarchen einzureden suchen, seine wahre Größe bestehe in der Unbeschränktheit seiner Machtbefugniß, und wenn in seinen letzten Lebensjahren ihn bisweilen die Besorgniß zu beschleichen schien, als könne die Würde der Monarchie leiden unter einer zu weiten Ausdehnung volkstümlicher Einrichtungen, so hat doch diese Besorgniß ihn nie zu dem Versuche verleitet, die Schranken zu verrücken, welche eben diese Einrichtungen der Gewalt des Staatsoberhauptes setzen.

Geboren, auferzogen und zum Manne gereift in den Formen und Bräuchen des absoluten Königthums, der Abkömmling eines Herrscherhauses, welches sich wie wenige mit Recht rühmen darf, durch eine Reihe ausgezeichneter Regenten aus seinem Schoße die Größe seines Staates und die Wohlfahrt seines Volkes begründet und gefördert zu haben, in einem Alter, wo es selbst dem Privatmann schwer fällt, seine Ansichten und Lebensgewohnheiten noch zu ändern, hat er, wenn auch vielleicht nicht immer ohne Ueberwindung, doch immer ohne Rückhalt, sich in die neuen Verhältnisse geschickt und den Anforderungen einer neuen Zeit stattgegeben. Als 1844 sein königlicher Bruder sich anschickte, die Verfassung des Landes auf wesentlich veränderte Grundlagen zu stellen, da hat er seine Bedenken dagegen nicht zurückgehalten; nachdem jedoch die berufenen Rathgeber des Königs in ihrer großen Mehrheit sich für die Notwendigkeit einer solchen Aenderung ausgesprochen, hat er diesen Bedenken entsagt und seine Stimme ebenfalls für die Aenderung abgegeben, indem er jene denkwürdigen Worte sprach:

„Ein nettes Preußen bildet sich; das alte geht zu Grabe. Möge das neue so erhaben und groß werden, wie es das alte mit Ehren und Ruhm geworden ist!“

Als dann 1848 König Friedrich Wilhelm IV. noch weiter gehend, eine Verfassung ganz im Geiste moderner Zeit verhieß, erklärte der damalige Prinz von Preußen auf eine an ihn von den Ständen des Belgarder Kreises gerichtete Adresse:

„Sie wissen, daß ich als Mitglied des Staatsministeriums das Patent Sr. Majestät vom 18. März, durch welches dem preußischen Volke eine konstitutionelle Verfassung verheißen worden ist, mit voller Uebereinstimmung unterzeichnet und mich dadurch zu deren einstiger Aufrechterhaltung verpflichtet habe. Sie kennen mich hinreichend, um zu mir das Vertrauen zu hegen, daß ich meinem gegebenen Worte mich treu erweisen werde.“

Zehn Jahre später, 1858, ergriff er selbst als Regent die Zügel der Regierung Preußens. Weit entfernt, durch hochtönende Verheißungen um die Gunst des Volkes oder um den Beifall der öffentlichen Meinung Europas zu werben, war er vielmehr fast ängstlich bemüht, überschwenglichen Erwartungen, die der Regierungswechsel erregen könnte, entgegenzutreten. „Von einem Bruche mit der Vergangenheit,“ so erklärte er in jener berühmten Ansprache an das neue Staatsministerium, „soll nun und nimmermehr die Rede sein; wohl aber soll die bessernde Hand angelegt werden, wo sich Willkürliches oder gegen die Bedürfnisse der Zeit Laufendes zeigt.“ Aber so bekannt und erprobt war bereits die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung und die Festigkeit seines Willens, daß diese strengbemessene Zusage mehr wahre Befriedigung erweckte, als alle noch so viel verheißenden Kundgebungen, wie sie sonst wohl vorgekommen.

Dann freilich kam gleichwohl eine Zeit, wo das Verhältniß zwischen Thron und Volk eine schmerzliche Trübung erfuhr – sicherlich für niemand schmerzlicher als für ihn. „Ich schlafe keine Nacht,“ sagte er tiefbewegt zu Herrn v. Beckerath, als dieser ihn beschwor, Frieden zu machen mit seinem Volke. Mit seiner strengen Pflichttreue als Monarch eines großen Staates und seiner ebenso strengen Gewissenhaftigkeit in Erfüllung gegebener Zusagen sah er sich vor die harte Wahl gestellt, entweder wohlerwogenen Plänen für die Wiedererhebung Preußens zu der ihm gebührenden Machtstellung, zugleich für die Einheit und Größe des gesammten Deutschlands zu entsagen, weil die gesetzlichen Vertreter des Volkes die zu deren Ausführung nötigen Mittel verweigerten, oder geschehen zu lassen, daß seine Regierung sich für einige Zeit außerhalb der Verfassung stelle. Wie lebhaft mag der hohe Herr den großen Moment herbeigesehnt haben, wo die Erfolge der gegen den Widerstand der Volksvertretung durchgeführten Maßregel das Vorgehen seiner Regierung, wie er sicher hoffen durfte, rechtfertigen und so zwischen ihm und seinem Volke die von ihm so schmerzlich vermißte Eintracht wiederherstellen würden! Wie sehr eilte er, noch unter dem frischen Eindrucke der glänzenden Siege in Böhmen und der nicht minder glänzenden diplomatischen Erfolge des Jahres 1866, zu dieser Aussöhnung die Hand zu bieten! Wahrlich, einen ähnlichen Akt edelster Selbstverleugnung, wie es unter den damaligen Umständen die von König Wilhelm angeordnete Vorlegung des Indemnitätsgesetzes an die Kammern war, dürfte man in der ganzen Geschichte des Konstitutionalismus wohl vergebens suchen!

Als Kriegsherr hat Kaiser Wilhelm mit den Truppen, an deren Spitze er in den beiden großen Kriegen von 1866 und von 1870 bis 1871 sich persönlich stellte, alle Gefahren und alle Anstrengungen redlich getheilt. Nur mit Mühe konnte ihn in den heißen Schlachten von Königgrätz und von Gravelotte seine Umgebung aus dem Feuer der feindlichen Geschütze entfernen, dem er unerschrocken und heldenmütig sich aussetzte. Mehr als einmal hat er mit dem dürftigsten Nachtlager und mit der knappen Kost des gemeinen Soldaten vorliebgenommen. Blieb er doch selbst im Frieden seinen militärischen Gewohnheiten so treu, daß er auch in seinem Königspalais zu Berlin nie anders als in einem schlichten eisernen Feldbett und unter einer einfachen Decke schlief. Was Wunder, wenn Offiziere und Gemeine, wenn die Söhne seines Preußens wie die aller andern Bundesstaaten mit einer Begeisterung ohnegleichen an ihm hingen. Er selbst zeigte sich fast überwältigt von diesen stürmischen Liebesbeweisen seiner Krieger.

„Den Empfang durch die Truppen kannst Du Dir denken! unbeschreiblich!“ – so telegraphirte er vom Schlachtfelde von Sedan aus an seine Gemahlin. Und dann wieder: „Ueberall ward ich begrüßt von stürmischen Hurrahs der heranziehenden Trains, welche die Volkshymne anstimmten; es war ergreifend! “ [168] Mit der erlauchten Gefährtin seines Lebens theilte er seine Freude über die errungenen wunderbaren Siege, aber auch seine Trauer über die vielen gefallenen Helden; an sie richtete er alle seine Depeschen von den Schlachtfeldern aus, an sie ausführliche Schilderungen der gewaltigen Kriegsereignisse. Aus allen diesen Zuschriften spricht in ergreifendster Weise, wie der liebende Gatte und der warmfühlende Vater seines Volkes und seines Heeres, so aber auch der selbst in den schwersten Stunden unerschütterlich Gott vertrauende, selbst auf der steilsten Höhe menschlichen Ruhmes sich demüthig vor Gott beugende Held.

„Wenn ich mir denke,“ schreibt er an die Königin bald nach der Kapitulation von Sedan und der Gefangennahme Napoleons – „daß nach jenem großen glücklichen Kriege (1866) ich während meiner Regierung nichts Ruhmreicheres mehr erwarten konnte, und ich nun diesen weltgeschichtlichen Akt erfolgt sehe, so beuge ich mich vor Gott, der allein mich, mein Heer und meine Mitverbündeten ausersehen hat, das Geschehene zu vollbringen und uns zu Werkzeugen seines Willens bestellt hat. Nur in diesem Sinne vermag ich das Werk aufzufassen und in Demuth Gottes Führung und seine Gnade zu preisen.“

„Gott sei gepriesen für diese erste glorreiche Waffenthat, er helfe weiter!“ – so telegraphirte er an die Königin nach der ersten gewonnenen Schlacht bei Weissenburg, und wiederum nach Wörth: „Preise Gott für seine Gnade!“ Kaum Ein Telegramm, worin nicht diese dankbare und demüthige Anrufung Gottes sich wiederholt.

Als Napoleon III., der erst kurz zuvor ihn muthwillig aufs tiefste beleidigt hatte, indem er in seinem Uebermuth ihn entweder zu einer maßlosen Selbsterniedrigung zwingen oder zum Kriege reizen wollte, als dieser selbe Napoleon sich ihm als Gefangener ausliefern und in der demüthigen Gestalt eines Ueberwundenen und um Frieden Bittenden vor ihm erscheinen mußte, da war er, in der ganzen Hoheit seiner edlen und wahrhaft frommen Gesinnung, so weit entfernt auch von dem leisesten Anfluge der Selbstüberhebung oder der Schadenfreude, daß er vielmehr tiefergriffen an seine Gemahlin schreibt: „Was ich alles empfand, nachdem ich vor drei Jahren Napoleon auf dem Gipfel seiner Macht gesehen hatte, kann ich nicht beschreiben.“

Ja, echte Frömmigkeit war der Grundzug im Charakter des Kaisers Wilhelm, war das, was allen seinen anderen trefflichen Eigenschaften gleichsam die Weihe gab, aber eine Frömmigkeit, die fern war von jeder Frömmelei und eine erklärte Feindin jener Scheinheiligkeit, welche unter der frommen Maske so gern ganz andere Neigungen und Absichten verbirgt. Dies bekundete er schon als Prinz-Regent von Preußen, da er in seiner Ansprache an die Minister sagte:

„Mit allem Ernst muß der Richtung entgegengetreten werden, die dahin abzielt, die Religion zum Deckmantel politischer Bestrebungen zu machen. In der evangelischen Kirche, wir können es nicht leugnen, ist eine Orthodoxie eingekehrt, die mit deren Grundanschauungen nicht verträglich ist und die in ihrem Gefolge Heuchelei hat. Alle Heuchelei, Scheinheiligkeit, alles Kirchenwesen als Mittel zu politischen Zwecken ist zu entlarven!“

Wohl hatte Kaiser Wilhelm Grund, der göttlichen Vorsehung zu danken und sie zu preisen für das, was sie Großes an ihm und durch ihn an Preußen an Deutschland gethan! Wenn er zurückdachte an die traurigen Tage seiner Kindheit, wie die unvergeßliche Königin Luise mit ihm fliehen mußte aus der von dem französischen Eroberer bedrohten Hauptstadt, fliehen weiter und weiter vor dem nachrückenden Feinde bis an die äußerste Grenze der preußischen Staaten, wie die geliebte Mutter auf der mühe- und gefahrvollen Reise schwer erkrankte, er selbst in Memel am Nervenfieber darniederlag; wenn er sich der Thränen seiner Mutter erinnerte, die sie über den Zusammenbruch der Monarchie Friedrichs des Großen geweint, und jener Worte, mit denen sie seinen älteren Bruder, den nachmaligen Friedrich Wilhelm IV., und ihn gemahnt: „Befreit Euer Volk von der Schande der Erniedrigung, worin es schmachtet, sucht den jetzt verdunkelten Ruhm Eurer Vorfahren zurückzuerobern!“ – wenn er alles dieses sich ins Gedächtniß zurückrief und damit die glorreichen Waffenthaten seines Heeres verglich, welche selbst die der Befreiungskriege noch übertrafen, die von Frankreich zurückgewonnenen Länder, die in seine Hand gegebene ungeheure Machtfülle, die Erhebung Preußens und Deutschlands zum ersten Range unter den Nationen – dann mochte er wohl mit gerührtem und dankerfülltem Herzen ausrufen: „Der Herr hat alles wohl gemacht, der Name des Herrn sei gepriesen!“

Und er konnte das mit um so reinerem Gewissen, als er sich bewußt war, zu dem Kriege, der ihm und uns so Großes eintrug, keinen Anlaß gegeben zu haben, vielmehr dazu auf die frevelhasteste Weise gezwungen worden zu sein; als er sich ferner bewußt war, seiner Siege niemals sich überhoben, seine Macht niemals mißbraucht zu haben. Hat er doch in jener großen Stunde, wo in seiner Person das alte deutsche Kaiserthum erneuert wurde, das feierliche Gelübde gethan: „Mehrer des Reichs zu sein nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens, auf dem Gebiete nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung.“

Ein so gewaltiger Kriegsfürst Kaiser Wilhelm I. war, als ein ebenso aufrichtiger Freund des Friedens hat er sich allezeit bewährt. Was Napoleon III. nur heuchlerisch verkündete: „Das Kaiserreich ist der Friede,“ das konnte er von dem durch ihn gegründeten und von ihm beherrschten Reiche mit vollster Wahrheit sagen. Wozu jener sich willkürlich aufwarf, zum Schiedsrichter Europas, dazu ward dieser edle, selbstlose Kaiser von streitenden Parteien mehr als einmal freiwillig auserkoren. Wo es galt, das Gleichgewicht und die Ruhe Europas gegen bedenkliche Verrückungen der Machtverhältnisse sicherzustellen, da hielt ihn weder die Rücksicht auf alte und werthgehaltene Beziehungen, noch die Besorgniß vor Gegnerschaften, die er dadurch sich schaffen konnte, von der Erfüllung dieser in seinen Augen heiligsten Pflicht zurück.

So schmückt seinen Sarkophag neben dem Lorbeer des Helden die Palme des Friedens, neben beiden aber der Eichenkranz des Vaters und Wohlthäters seines Volkes und der gesammten deutschen Nation; sein Angedenken aber wird gesegnet bleiben und fortleben unvergänglich von Geschlecht zu Geschlecht! Das bezeugte schon vor nunmehr zehn Jahren, als zweimal eine ruchlose Hand sein theures Leben gefährdete, der in allen deutschen Gauen erschallende laute Aufschrei des Entsetzens und der bangsten Besorgniß; das bezeugen die tieftraurigen Blicke und die unwillkürlich hervorbrechenden Thränen, womit, da Gott nun den geliebten Kaiser – in einem Alter, wie es wenig Menschen vergönnt ist – durch einen sanften Tod zu sich genommen, diese Trauerkunde allerwärts aufgenommen worden ist.

Selten wohl konnte ein Mächtiger der Erde mit so ruhigem, ja freudigem Bewußtsein diesem göttlichen Rufe entgegenharren, wie Kaiser Wilhelm; denn selten wohl hat selbst ein Privatmann, geschweige ein mit großer und schwerer Verantwortlichkeit Belasteter alle seine Pflichten, die nächsten wie die höchsten, die des zärtlichen Familienvaters, wie die des Herrschers eines mächtigen Reichs, so treu, so gewissenhaft, so peinlich streng erfüllt wie er.

Möge sein Geist fort und fort ruhen auf allen seinen Nachfolgern und auf dem ganzen deutschen Volke!

Karl Biedermann.     
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[169]
Die Gartenlaube (1888) b 169.jpg

Auf der Plattform des kaiserlischen Palais am Morgen des 9. März.
Originalzeichnung von H. Lüders.

[170]
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Das Eulenhaus.
Hinterlassener Roman von E. Marlitt. Vollendet von W. Heimburg.
(Fortsetzung.)

Die Herzogin lag in ihrem mächtigen französischen Himmelbette, dessen schwere seidene Purpurvorhänge zurückgenommen waren. Das ganze Gemach zeigte dieses tiefe satte Roth, die Lieblingsfarbe seiner Bewohnerin; unter der Decke hing eine Ampel aus Rubinglas. Neben dem Bette stand ein niedriges mit rother Seide bezogenes Tischchen, darauf eine Lampe mit ebenfalls rothem Lichtschirm; in einem zusammenlegbaren Juchtenrahmen die Photographie des Herzogs und der Prinzen. An der gegenüberliegenden Wand hing in schwerem Goldrahmen eine wundervolle Kopie der Madonna della sedia; der erste Blick der Erwachenden mußte dieses schöne Bild treffen.

Die fürstliche Frau schien sich ganz erholt zu haben; sie lag mit einer gewissen Behaglichkeit unter ihrer Purpurdecke und lächelte der Eintretenden entgegen. „Setzen Sie sich auf das Tabouret hier und lesen Sie mir die Thüringer Lieder, liebe Claudine. War der Herzog noch bei Ihnen?“ fragte sie dann, „ist er sehr geängstigt über den Hustenanfall? Es thut mir so leid, wenn ich in seiner Gegenwart husten muß; ich weiß, er ist dann verstimmt. War er sehr traurig?“

Die Kranke sah forschend in die bewegten Züge des schönen Mädchens, welches nicht wußte, was sie antworten sollte. Sie nahm Platz und bückte sich nach ihrem Taschentuch zur Erde, um Zeit zu gewinnen. Wie furchtbar war doch ihre Lage!

„Claudine,“ sagte die Herzogin, „ich glaube, Ihr haltet mich alle für sehr krank, für kränker als ich bin. Lesen Sie nur, ich will keine Antwort. Dort, wo das Zeichen liegt.“

Und Claudine las mit bebender Stimme:

„Denn das ist deutschen Waldes Kraft,
Daß er kein Siechthum leidet
Und alles, was gebrestenhaft,
Aus Leib und Seele scheidet –“

„Hören Sie?“ unterbrach die Herzogin, „hören Sie? Auch ich werde hier genesen! Und morgen wird die Sonne scheinen, und wir wandern hinaus in die Tannen und athmen Gesundheit – o, meine geliebte Heimath!“

* *
*

Als Claudine Abends die Treppe hinabstieg, um heimzufahren, trat ihr Herr von Palmer entgegen und begleitete sie vollends hinunter. Er gab hinter Claudinens Rücken der Kammerfrau einen Wink, die sogleich verschwand.

„Mein gnädiges Fräulein,“ begann er mit einer geflissentlich zur Schau getragenen Ehrfurcht – er hätte nicht devoter sein können, wäre sie die Herzogin selbst gewesen – „Se. Hoheit hat mich mit dem schmeichelhaften Auftrage betraut, ein Billet in Ihre Hände zu legen, was ich hiermit thun möchte.“

Er hielt ihr ein Briefchen hin, mit dem herzoglichen Wappen gesiegelt. „Es betrifft Ihre Hoheit, die Frau Herzogin, und Antwort sei nicht nöthig, sagten Hoheit. Darf ich bitten?“

Sie mußte es nehmen, obgleich sie die Hand des Menschen am liebsten zurückgestoßen hätte. Wie konnte der Herzog so unvorsichtig sein, ihr durch diese Kreatur einen Brief, einen verschlossenen Brief zu senden! Sie riß das Kouvert in seiner Gegenwart auf und las; es waren nur wenige Zeilen:

„Claudine! 

Sie sind ein ungewöhnlicher Charakter und werden dementsprechend auch das Ungewöhnliche richtig beurtheilen. Nach Ihrem letzten Wort – habe ich nur noch eine Bitte: bleiben Sie der Herzogin auch trotzdem eine Freundin, geben Sie meinem Bekenntniß nicht die Folge, Altenstein zu meiden! Sie haben es nicht nöthig, Claudine! Bei meinem Wort, Sie dürfen mir vertrauen!

Adalbert.“     

Sie ging rasch, Billet und Kouvert in der herabhängenden Rechten tragend, weiter. Herr von Palmer folgte ihr und half ihr devot in den Wagen; er ließ sich sogar nicht nehmen, behutsam die Schleppe ihres Kleides in das Koupé zu legen, so zart und vorsichtig wie eine Mutter, die um den Ballstaat einer Tochter besorgt ist, und trat erst mit tiefer Verbeugung zurück, als der Diener die Wagenthür schloß.

„Auf Wiedersehen!“ sagte er, als jetzt der Lakai zum Kutscher auf den Bock sprang und die Pferde anzogen. Dann nahm er mit lächelnder Miene aus seinem rechten Aermel ein Papier. „Man muß derartiges fester halten, schöne Claudine,“ murmelte er und überflog die Zeilen beim Scheine der Thürlaterne.

Er nickte befriedigt und ging, eine Operettenmelodie vor sich hinsingend, in das Schloß zurück, um sein Zimmer im Erdgeschoß aufzusuchen. Dort zündete er sich eine Havanna an, warf sich auf die Chaiselongue und überlas das Billet noch einmal. Was es enthielt, wußte er bereits seit Stunden; er las, sozusagen, alles, was der Herzog schrieb, heimlich, aus der Ferne, aus der Bewegung der Feder; schlimmsten Falles öffnete man so ein Kouvert. Heute war es sogar ohne diese Mühe geschehen; denn der Herzog war, bevor er das Kärtchen in die Enveloppe schob, erregt aufgesprungen und im Zimmer umher gegangen, und somit hatte der Inhalt des Billets für solche Falkenaugen offen dagelegen. Aber trotzdem, es war doch angenehm, das Original zu besitzen!

„Se. Hoheit scheinen einen etwas stürmischen Anlauf genommen zu haben,“ murmelte er, „und sie – hat ihn in tugendhafter Entrüstung abgewiesen, gedroht, nicht wieder zu kommen. Und nun bittet er, der Herzogin wegen, diesen grausamen Vorsatz aufzugeben, und verspricht Besserung. Zeit gewonnen – alles gewonnen! denkt er. Es entwickelt sich sehr logisch, es ist gar nichts dagegen zu sagen – hm! Sie ist klug, sie wird sich nie begnügen, Sr. Hoheit die Stirn mit Rosen zu bekränzen; sie wird regieren helfen wollen; diese Damen glauben ja alle, ihre schiefe Stellung durch sogenannte gute Thaten zu sühnen; sie wollen den Unglücklichen, den sie in ihrer Macht haben, veredeln, wollen dem Volke zeigen, daß sein geliebter Herrscher keiner Unwürdigen in die Hände fiel; es soll anbetend vor ihnen auf den Knieen liegen und sie ‚des Landes guten Engel‘ nennen. Und mit ihrem auf Kleinliches gerichteten Interesse sehen auch die Klügsten nur das, was ihnen zunächst vor Augen steht, und dieses Nächste könnte möglicher Weise im vorliegenden Falle – ich sein!“

Er blies den Rauch seiner Cigarre zur Decke empor und betrachtete die Stuckarabesken dort oben.

„Sie kann mich nicht leiden,“ sprach er weiter; „es geht ihr mit mir, wie es weiland dem unschuldigen Gretchen mit Mephisto erging; und es ist klar, daß sie eines Tages zu ihrem fürstlichen Faust sagen wird: ‚Der Mensch, den Du da bei Dir hast, ist mir in tiefer innerer Seele verhaßt‘ – und so weiter. Das möchten wir am Ende doch verhindern! Ich will es nicht darauf ankommen lassen, ob der Herzog ihr glaubt oder nicht – daß ich ein Schelm. Einstweilen freilich – Attention! Die Berg wird helfen, sie hat eine hervorragende Begabung für Intriguen; mir selbst graut zuweilen vor diesem Weibe.“

„Das Souper ist servirt,“ meldete ein Lakai. Herr von Palmer erhob sich ohne allzu große Eile, schloß sorgsam das Billet in einen riesigen alten Schreibtisch, dessen Täfelung das Gerold’sche Wappen zeigte, ordnete vor einem großen Stehspiegel sein spärliches Haar, wusch sich mit einer wahren Fluth Eau de Cologne die mageren feinen Hände, gähnte herzhaft, nahm den zusammenlegbaren Hut und die Handschuhe von dem ehrerbietig harrenden Diener, und nachdem er noch einen Blick auf die Uhr geworfen, welche die zehnte Stunde anzeigte, ging er nach dem kleinen Speisezimmer, wo die wenigen Kavaliere, die der Herzog für seinen hiesigen Aufenthalt gewählt, bereits versammelt waren: der alte Kammerherr von Schlotbach, der Adjutant von Rinkleben, der die Charge eines Rittmeisters besaß, und der Jagdjunker von Meerfeldt, ein Kerl wie ein junger Hund – wie Herr von Palmer ihn bezeichnete. Der letztere schien sich im allgemeinen der Freundschaft dieser drei Herren auch nicht besonders zu erfreuen. „Verzeihung,“ sagte er zu den in einer Gruppe Versammelten; „ich ließ warten, war im Allerhöchsten Dienste beschäftigt; und ein reizender Dienst, meine Verehrtesten! Ich hatte auf Befehl Sr. Hoheit die schöne Claudine von Gerold in den Wagen zu heben.“

„Donnerwetter, sie war schon wieder hier?“ rief der Jagdjunker mit ungeheucheltem Erstaunen.

[171] „Soeben verließ sie die herzoglichen Gemächer –“

„Sie wollen sagen: ‚die Gemächer Ihrer Hoheit‘, mein Herr von Palmer,“ berichtigte nicht ohne Schärfe der Rittmeister, und eine leise Röthe stieg in sein Gesicht.

„Ich hatte das Glück, den schönsten Gast dieses Hauses auf dem oberen Korridor zu treffen,“ erwiderte Palmer lächelnd und vielsagend.

„Ah so! ‚Man wußte nicht, woher sie kam; und schnell war ihre Spur verloren, sobald sie wieder Abschied nahm‘,“ deklamirte der Jagdjunker lachend.

Der Rittmeister warf ihm einen unwilligen Blick zu. „Fräulein von Gerold war bei der Herzogin, hat in ihrem Salon gesungen und ist dann im Schlafzimmer Ihrer Hoheit gewesen,“ sagte er laut und bestimmt.

„Vorzüglich orientirt!“ flüsterte Palmer und verbeugte sich tief; der Herzog war soeben eingetreten. – – –

„Ich verstehe Claudine von Gerold nicht,“ sagte der Rittmeister ernst, als er nach beendetem Souper neben dem Jagdjunker den Korridor entlang schritt, an dessen Ende sich ihre Zimmer befanden. „Es ist Muth am unrechten Platz; sie sollte die Höhle des Löwen meiden. Unglaublich, mit welcher Tollkühnheit ein Weib seinen guten Ruf aufs Spiel setzt im Gefühl seiner Sicherheit und Tugend.“

„Vielleicht macht’s ihr Spaß, auf dem gefährlichen Seil zu tanzen,“ erwiderte der Jagdjunker leichthin; „strauchelt sie, dann sind ja die Arme längst geöffnet, die sie auffangen; strauchelt sie nicht – um so besser. Ich denke aber, es kann ganz amüsant werden; es ist ohnehin verteufelt langweilig in diesem deutschen Aranjuez.“

„Von einer Andern würde ich vielleicht auch so denken, lieber Meerfeldt; aber in Anbetracht dieser Dame möchte ich doch bitten, Ihre scharfe Kritik etwas mäßigen zu wollen.“

„Na, nur nicht tragisch, Rittmeisterchen,“ lachte der Andere. „Lassen Sie sich den Schlaf nicht vergehen darüber, vorläufig sehen Se. Hoheit noch nicht aus wie ein Beglückter; Sie waren mehr denn schlechter Laune. Die Langeweile! Die Langeweile! Dieses Altenstein ist aber auch eine tolle Idee. Wenn man hier dumme Streiche macht, so plädire ich für mildernde Umstände.“




Claudine langte vor dem Eulenhause an; sie hatte noch immer ein zerknittertes Papier in der Hand. Der alte Heinemann, der schon lange neben seinem Laternchen vor der Gartenthür auf sie gewartet, erhielt kaum mehr als einen flüchtigen Gruß von seiner jungen Herrin. Sie flog förmlich vor ihm her in das Haus hinein, und als er nachkam und die Thür verriegelte, hörte er nur noch das Rascheln ihres seidenen Kleides auf dem oberen Flur; dann ging eine Thür und es ward still.

Auch in dem kleinen Mädchenstübchen blieb es still und dunkel, als sei niemand drinnen; und doch saß am Fenster eine Gestalt und starrte regungslos in das Waldesdunkel, das schwärzer noch als die lichtlose Nacht das einsame Haus umgab, und mühte sich, das heute Erlebte ruhig zu überdenken mit Aufbietung aller Seelenkräfte. „Was ist geschehen?“ fragte sie sich. Und sie begann: „Der Herzog hat mir seine Liebe gestanden und – ich wies ihn zurück, auf immer zurück; aber um welchen Preis?“ Um das Bekenntniß ihres tiefsten heiligsten Geheimnisses, das sie sich selbst noch nicht zu gestehen wagte, weil sie es vor sinnbetäubendem Herzklopfen nicht auszudenken vermochte, daß sie liebte; ihr Stolz empörte sich gegen diese Thatsache; und jetzt wußte es derjenige, der ihr heute mit einem beleidigenden Geständniß genaht! Ob der Herzog ahnte, wen sie liebte? Es wäre unerträglich!

Sie ballte unwillkürlich das Billet in ihrer Hand zusammen und Tropfen heißer Scham traten ihr in die Augen. Rasch erhob sie sich, zündete Licht an, faltete das Papier wieder aus einander und bemühte sich, es zu glätten; dann stützte sie sich schwer auf den Tisch und starrte auf das zerknitterte weiße Kouvert; es war eben nur das Kouvert, weiter nichts – das Briefblatt fehlte! Unruhig begann sie in der nächsten Minute zu suchen, auf dem Tische, an der Erde; an dem Fleck, wo sie gesessen; sie schüttelte den Mantel aus und die Falten ihres Kleides, sie nahm endlich den Wachsstock und leuchtete das Treppchen hinunter in dem schlafenden todtenstillen Hause – auch dort nichts! Wie ein Dieb schlich sie zur Hausthür, schob den Riegel zurück und leuchtete hinaus auf die Schwelle und den Sandsteintritt – auch hier nichts zu sehen. In ihrer Besorgniß ging sie, das flackernde Flämmchen mit der hohlen Hand schützend, den Gartenweg entlang bis zur Pforte; möglicherweise war ihr das Papier beim Aussteigen entfallen. Die Gitterthür, die auf die Landstraße führte, knarrte, als sie von ihr geöffnet wurde; der Lichtschein flammte geisterhaft über den Weg – nichts Helles glänzte ihr entgegen. Mit angstvollen Augen spähte sie unter die Weißdornsträucher zur Seite der Pforte – nichts! Und plötzlich flackerte das Licht auf und erlosch dann und sie befand sich im Dunkeln; und so tief erschien den an das Licht gewöhnten Augen die Finsterniß, daß sie einen Augenblick rathlos stand und nicht zu unterscheiden vermochte, wohin sie sich wenden müsse, um wieder in den Garten zu gelangen.

Ah, richtig! Dort über ihrem Fenster leuchtete Joachim’s Studierlampe friedlich in die Nacht hinaus und sandte einen schmalen Streifen Helligkeit auf das Gärtchen und die Chaussee. Wenn er ahnen könnte, wie sie hier draußen stand, Angst und Zorn im Herzen! Sie beneidete ihn förmlich um den Frieden seiner engen Stube, in die kein Sturm von außen drang; sein Schifflein lag im Hafen, und ihres trieb auf dem wilden Meer, und wo es einst einen Hafen finden würde, das mochte Gott allein wissen! – Unwillkürlich hatte sie sich umgewandt und schaute sehnsuchtsvoll über die finsteren Berge hinweg nach der Richtung, wo Neuhaus lag, und gerade an diesem Punkte zerrissen die Wolken und blitzend trat ein einzelner Stern hervor. Sie mußte lächeln unter Thränen; es erschien ihr so trostverheißend, so glückbringend, wie ein gutes Zeichen.

Dann schrak sie plötzlich zusammen und huschte in die geöffnete Pforte. Auf der Landstraße scholl Hufschlag, nahe schon und immer näher; ein rascher Trab war es, und jetzt kam der Reiter dicht an ihr vorüber, und just in dem Lichtschein blieb er halten und sah zu dem Fenster des Thurmes hinauf. Sie faßte auf einmal, wie nach einer Stütze suchend, in die Latten der Pforte und starrte hinüber – Lothar! Was wollte er hier? Ein fast betäubendes Glücksgefühl überkam sie, der Leuchter entsank ihren Händen, die sich fest in einander schlangen wie zum Gebet. Sah sie recht? War er es wirklich? Was wollte er? Kam er wahrhaftig, um nach ihrem Fenster zu spähen? Barmherziger Gott, ein Zeichen, daß sie nicht träume, daß es Wirklichkeit!

Da wandte er das Pferd, und langsam ritt er zurück; die Dunkelheit verschlang aufs neue seine Gestalt; nur der Hufschlag klang noch lange in den Ohren des zitternden Mädchens nach, bis sie sich endlich in das Haus zurückschlich.

Sie dachte nicht mehr an das verlorene Billet; sie konnte überhaupt nicht mehr denken; ihre Augen brannten, und ihre Lippen waren trocken; es bohrte ihr schmerzend in den Schläfen. „Ruhe! Ruhe!“ flüsterte sie und barg die heiße Stirn in die Kissen, als sie hastig ihr Lager aufgesucht und die Lampe gelöscht – „Ruhe! Schlaf!“




Auf Neuhaus herrschte am andern Tage ein ganz ungewöhnliches Leben. Zu ebener Erde neben dem Wohnzimmer, links von dem großen Flur, stand in dem hohen geräumigen Speisesaal eine Tafel, die wesentlich abstach von derjenigen, an welcher gewöhnlich hier gegessen wurde. Während sie sonst mit einem blendend weißen, aber doch ziemlich derben Drelltischtuch nebst Servietten von gleicher Qualität gedeckt war, breitete sich heute schimmernder Damast darüber aus und hing bis auf den getäfelten Fußboden hernieder, der wahrhaft beängstigend glatt gebohnt erschien. Das einfache Geschirr von englischem Steingut mit blauen Rändchen war durch köstliches altes Meißner Porzellan verdrängt, welches schon seit langer Zeit den Stolz des Neuhäuser Geschirrschrankes ausmachte; reizend geformte Tafelaufsätze, deren Platten Früchte und Konfitüren trugen, hatten die Blechkörbchen ersetzt, in denen Beate für gewöhnlich den Nachtisch präsentiren ließ, mochte derselbe in Frühbirnen oder Winteräpfeln oder in kleinem Gebäck bestehen, und die sehr handfesten Solinger Messer und Gabeln mit Griffen von Hirschhorn waren den Silberbestecks gewichen, die glänzend wie eben aus dem Laden gekommen blinkten und Wappen, Namenschiffre der Gerolds und eine Jahreszahl trugen, welche das hohe Alter verrieth, wenn es ihre schöne Form nicht bereits gethan.

Die Arme des mächtigen Kronleuchters aus Bergkrystall über der Tafel, die übrigens nur sieben Kouverts zählte, waren mit gelblichen Wachskerzen besteckt, eben so die zahlreichen Wandleuchter. [172] Auf dem riesigen eichenen Kredenztische aber funkelte und blitzte es von silbernem Geräth und prächtigem Krystall; verwundert lugte die Sonne, die täglich um diese Zeit hier herein einen Blick that, auf diese Pracht, ließ farbige Lichter aufsprühen und streifte das braune Haar über der weißen Stirn Beatens, die beschäftigt war, auf einem Tischchen Blumen in ein paar Vasen zu setzen.

„Werdet Ihr gleich stehen!“ murmelte sie ärgerlich vor sich hin, als ein paar Levkojen immer wieder zur Seite fielen. „So, nun geht’s.“ Und sie steckte in die bunte Pracht eine rothe Rose, und den zierlichen Aufbau betrachtend, reichte sie ihn dem Stubenmädchen, das neben ihr stand. „Trag’ es zur Frau von Berg, Sophie; sie soll es in das Zimmer der Prinzessin Thekla setzen; der Herr habe es befohlen. Dann bist Du gleich wieder unten und wischest noch einmal Staub von allen Stühlen und schließest die Jalousien; eben kommt die Sonne.“

Nun ging auch Beate noch einmal an der Tafel hinunter und blieb kopfschüttelnd vor dem Platz stehen, den sie, nach der Bestimmung Lothar’s, neben Ihrer Durchlaucht der Prinzessin Thekla einnehmen sollte; heute Abend zum ersten Male und dann täglich vier Wochen lang. Wie würde sie das nur aushalten? – Da lag die Suppenkelle, das Symbol ihrer Hausfrauenwürde; Lothar hatte gewünscht, daß sie dieses Amt wie immer verwalten möge, „denn wir sind auf Rittergut Neuhaus, meine beste Beate, und nicht bei Hofe, und nichts in der Welt ist mir unangenehmer, als ein Umhertragen der gefüllten Suppenteller, sie haben so leicht überlaufende Ränder.“

Dies war aber auch so ziemlich das Einzige, was in Hinsicht seines hohen Besuches von ihm angeordnet worden; alles Uebrige hatte er vertrauensvoll ihrem klugen Kopf und ihren geschickten Händen überlassen und allen Fragen gegenüber nur geantwortet: „Aber Du wirst es ja so gut machen; thue ganz nach Deinem Gefallen.“

Nun war sie auch dieser Riesenarbeit Herr geworden. Sie hatte ein weißes Tuch über ihre glänzend braunen Haare gebunden und war in Hauskleid und Wirthschaftsschürze, mit Schlüsselbund, Staubtuch und Besen im Hause umhergezogen, hatte dem Dienstpersonal „Beine gemacht“, wie sie sich ausdrückte, Möbel rücken, Vorhänge aufstecken, Teppiche auf Treppen und Korridoren ausbreiten lassen und Truhen und Spinden das Feinste und Beste entnommen. Und eben war das Letzte gethan; sie konnte sich noch ein paar Stündchen ausruhen, ehe sie ihren Gästen als Hausfrau gegenüber treten mußte.

Die ganze obere Etage hatte man für die durchlauchtigste Schwiegermutter und Schwägerin Lothar’s hergerichtet; der Hofdame war ein nettes Zimmer neben Frau von Berg eingeräumt, der Kavalier nebst Kammerdiener im Gartenpavillon untergebracht worden und die Kammerfrau Ihrer Durchlaucht in der Nähe ihrer Damen. Lothar behielt sein Zimmer rechts vom Hausflur; das liebe alte Wohnzimmer und die Schlafstube Beatens sollten ganz und gar abgeschieden bleiben; einen Zufluchtsort mußte man doch haben.

Beate war eben den Korridor entlang geschritten und näherte sich der Thür ihrer Wohnstube; ein humoristischer Zug flog einen Moment um ihren vollen Mund; dann nahm sie ein Kreidestückchen aus dem Schlüsselkorb, schrieb auf die braune Täfelung „Verbotener Eingang!“ und trat nun, noch immer lächelnd, in ihr Reich. Sie saß ein Weilchen ruhend im Lehnstuhl; dann sprang sie empor und eilte in die Schlafstube. Nach ein paar Augenblicken kam sie zurück; sie hatte einen großen braunen Strohhut aufgesetzt und eine leichte Pelerine um die Schultern geworfen. Im Hinausgehen zog sie ein Paar Leinwandhandschuhe an und trat, noch an denselben knöpfend, in die Küche, wo die Mamsell mit rothem Kopf vor dem Backofen stand und Mürbkuchen herauszog.

„Gut, Riekchen, daß ein paar fertig sind,“ sagte Beate und nahm ein halbes Dutzend des zierlichen Gebäckes, „gebt etwas Papier – so – ich mache noch einen Spaziergang und bin pünktlich zurück. Begeht nur keine Dummheiten mit den Kücken und setzt die Schoten nicht zu früh an; den Rehrücken knapp eine Stunde im Ofen! – Ich sag’s Ihnen noch einmal, ich habe keine Zeit, darnach zu sehen, wenn ich bei Tische sitze, und daß nur die Forellen schön blau und krumm sind und im Grünen servirt werden. Es kommt alles auf Sie, Riekchen.“

Sie nickte noch einmal und ging raschen Schrittes direkt aus der Küche, einen Seitenweg durch den Park nehmend, auf die Landstraße. Eigentlich war’s nicht zu rechtfertigen, daß sie davonlief, heute, wo ihr Ruf als Hausfrau geprüft werden sollte. Wie, wenn irgend etwas mißlang?

„Auch gleich!“ sagte ihr eine innere Stimme, „denn wenn die ganze Hatz hier eingezogen ist, komme ich fürs Erste nicht wieder nach dem Eulenhause zu – zu Claudine und zu der Kleinen.“

Sie ging in wahrem Sturmschritt und nahm allerhand Richtwege; dunkelroth glühte ihr Gesicht, als nach einer halben Stunde das Eulenhaus aus grünen Wipfeln auftauchte; es war just drei Uhr Nachmittags.

Im Schatten der alten Mauer spielte die Kleine mit ihrem Puppenwagen; sie kam mit wehenden Locken auf die Tante zugestürmt, und diese hockte sich an die Erde und fing das Kind mit beiden Armen auf.

„Es war gar nicht hübsch, Tante Beate,“ klagte es; „immerzu hat es geregnet und Tante Claudine ist so oft fortgefahren.“

„Aber heute scheint die Sonne und Du kannst wieder im Garten spielen – gelt, das gefällt Dir?“

Die Kleine nickte und trippelte neben ihr her. „Und Tante Claudine ist auch zu Hause,“ plapperte sie; „sie sitzt in ihrer Stube und schreibt und ist so fein angezogen.“ An der Hausthür blieb das Kind stehen und schüttelte den blonden Kopf; „ich gehe wieder zu Heinemann,“ erklärte sie und lief eilends davon.

Beate stieg die schmale Treppe empor und klopfte an die Thür ihrer Kousine. Claudine saß in der That am Schreibtisch, aber sie schrieb nicht mehr; vor ihr lag ein fertiger Brief; der Duft von feinem Siegellack füllte das Zimmer.

„O Beate, Du?“ sagte sie müde und kam der Eintretenden entgegen.

„Ei, ei!“ scherzte diese. „In Weiß mit blauen Schleifen? Was ist denn los? Willst Du nach Altenstein?“

Das Mädchen nickte.

„Ich hatte abgesagt heute früh, aber die Herzogin ließ es nicht gelten. Sie schrieb mir, wenn ich nicht zu ihr kommen wolle, würde sie zu mir kommen; sie will hier vorüber fahren und mich abholen.“ Sie schaute dabei resignirt an Beate vorüber. „Es ist so heiß,“ fuhr sie fort, „ich sehnte mich nach einem lichten Kleide. Man sagt immer, die Farbe der Toilette habe Einfluß auf die Stimmung, nun – ich könnte ebenso gut –“

„Schwarzen Flor anhaben,“ ergänzte Beate und setzte sich. „Was ist Dir denn? Du siehst aus, als ob Du Migräne hättest!“ und sie sah befremdet in die abgespannten Züge Claudinens.

„Mir fehlt eigentlich gar nichts, Beate.“

„Eigentlich? – Na, das hast Du noch vom Hofe; so eine unglückliche Hofdame muß sich immer ‚wohl‘ befinden, wie ein Ballettmädel immer lächeln muß, auch wenn sie kaum noch Athem kriegt.“

„Beate, Du übertreibst,“ sagte Claudine ruhig. „Nein, ich bin nicht krank; aber denke – vielleicht verreise ich auf einige Zeit.“

„Du?“ rief die Kousine, „jetzt?“

„Ja, ja! Schweige aber darüber. Joachim weiß es noch nicht,“ erwiderte sie. Und ehe noch Beate die Frage aussprechen konnte, die auf ihren Lippen schwebte, fiel Claudine ein: „Ist Dir Joachim nicht begegnet?“

„Nein!“ antwortete Beate leise.

„Ich glaube, er wollte Lothar’s Besuch erwidern; Du weißt, das ist ein Entschluß für ihn. Er ging vorhin erst fort; ich bin überzeugt, er braucht drei Stunden zu dem Wege; denn beim Gehen wird ihm allerlei einfallen, und da setzt er sich denn hin und schreibt und notirt in seine Brieftafel und vergißt Zeit und Ort.“

„Er wird Lothar nicht antreffen,“ sagte zögernd Beate. „Lothar ist nach Lobstedt.“

„Nach Lobstedt?“ fragte Claudine. „Will er verreisen?“

„Nein; er erwartet Prinzeß Thekla mit Tochter; weißt Du das noch nicht? Sie will vier Wochen in Neuhaus residiren, um ihr Enkelchen zu genießen.“

„Nein –“ sagte Claudine tonlos.

„Ich dachte, ich hätte Dir davon gesprochen, Claudine?“

(Fortsetzung folgt.)
[173]

Die Reichshauptstadt beim Tode des Kaisers.

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Am achten März.

Düster brach der 8. März 1888 an. Es war, als ob die Natur den Menschen den Schicksalsschlag vorher verkünden wollte, der das deutsche Volk bedrohte.

Unsichtbar schwebte der Todesgenius über dem kaiserlichen Hause in Berlin, um das Maß der Prüfung voll zu machen. Schon seit Tagen wehte dort halbmast die Standarte, als Zeichen der Trauer um den frühzeitig verschiedenen kaiserlichen Enkel Prinz Ludwig von Baden, und jetzt rang dort mit dem Tode der größte Herrscher unserer Zeit, der Heldenkaiser. Und wie die Wagschale des Lebens stieg und sank, so wogten Freude und Trauer durch die Kaiserstadt und die weiten deutschen Lande.

Wer an jenem Tage mit dem Schnellzuge der Hauptstadt des Reiches entgegenstrebte, der konnte jenes Hangen und Bangen, Hoffen und Trauern von Stadt zu Stadt verfolgen. Hier das dunkle Gerücht. „Der Kaiser soll gestorben sein!“ Auf der nächsten Station keine Nachricht; aber dort und dort hat man in allen Kirchen von 8 bis 9 Uhr läuten lassen. Dann wieder: „Es ist nicht wahr; es geht dem Kaiser besser!“

Endlich hält der Zug in der Hauptstadt. Der Kaiser „Er soll leben,“ lautet die Antwort des Bahnbeamten. „Die Todesnachricht ist dementirt worden,“ entgegnet der Droschkenkutscher. Er lebt! jubelt Berlin; sie war falsch, die Nachricht der Extrablätter, welche konfiscirt wurden.

Versuchen wir im nachstehenden jenen düstern Tag in Berlin zu schildern, die Eindrücke wiederzugeben, die schnell auf einander folgten. Ein besonders geräuschvolles und wechselndes Hin und Her entwickelte sich bereits [174] Vormittags vor dem mit dem kaiserlichen Wohnsitze verbundenen „Niederländischen Palais“ und dem daran grenzenden Hôtel du Nord, in welchem ersteren die großherzoglich badische Familie Quartier genommen, während in dem letzteren die Generaladjutanten Zimmer innehatten. Durch die Behrenstraße in der Richtung nach den Linden flogen die königlichen Equipagen. Man sah in ihnen hohe Offiziere, welche sich in das Palais begaben oder von dort zurückkehrten. Viele hatten Schriftstücke in der Hand, welche anscheinend empfangene Ordres enthielten.

Während aber Morgens und bis

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Schutzmann, lebt der Kaiser?

Mittag die Besorgnisse vor der unmittelbar bevorstehenden äußersten Entscheidung das Publikum noch nicht ergriffen hatten, verbreitete sich fünf Uhr Nachmittags plötzlich das Gerücht, daß der Kaiser gestorben sei. Wie ein Lauffeuer ging’s durch die ganze Stadt. Fürst Bismarck fuhr in einer königlichen Equipage vom Reichstag ins Palais, wo sich Prinz und Prinzessin Wilhelm, sämmtliche Mitglieder der königlichen Familie und die höchsten Hofschargen versammelt hatten. Aber dem in Ungewißheit harrenden Publikum ward für diesmal noch die Beruhigung, daß der Kaiser trotz starker Schwäche lebe! Ja, die Hoffnung auf seine Erhaltung wurde noch einmal lebendig; man vernahm auch, daß im Palais in der unmittelbarsten Umgebung die Worte gefallen. „Ein Kranker mit so klarem Blick sei dem Tode noch nicht nahe! Seine eiserne Natur werde den Anfall überwinden!“

Mehrfach war der hohe Kranke bei vollem Bewußtsein. Er blickte liebevoll auf seine Gemahlin, die ihm die Hand reichte; er traf Anordnungen für sein Begräbniß, welches von der Schloßkapelle aus stattfinden solle.

Als höchst ergreifend und rührend wird geschildert, wie der Hofprediger Dr. Kögel dem Kaiser einen Bibelvers vorsprach und wie dieser denselben andächtig wiederholte und sich über den erhebenden Inhalt äußerte.

Im Westviertel erhielt sich während der Spätnachmittagsstunden das Gerücht von dem Ableben des Kaisers. Vor den Häusern standen eifrig redende Menschen mit besorgten Mienen; Militärs trafen sich auf den Pferdebahnwagen,

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Extrablatt vor dem Palais am Morgen des 9. März.

machten sich – gemeinsam bewegt von dem einen Gedanken – mit einander bekannt und besprachen die Eventualitäten.

Als dann halb sechs Uhr die Glocken des Domes bei Gelegenheit der kirchlichen Fürbitte ertönten, deutete man in den ferneren Stadttheilen diese ungewohnten Klänge als das Zeichen des bereits Geschehenen. Dann aber kamen doch wieder die ermuthigenden Nachrichten, daß der Kaiser lebe und. sich sogar wohler fühle. – Mit der zunehmenden Dunkelheit jedoch hob sich wiederum die ängstliche Spannung und Unruhe. Die Droschken wurden besetzt und die Pferdebahnwagen waren überfüllt, weil alles dem Centrum zueilte.

An der Ecke des Café Bauer Unter den Linden staute sich die Menge dergestalt, daß nicht durchzukommen war. Das Licht aus den großen Scheiben überfluthete den sich drängenden Knäuel, der nicht vor- noch rückwärts konnte und auf den ein andauernder Sprühregen herabrieselte.

Eine ungeheuere Bewegung kam unter die Zahllosen, als plötzlich „Neuestes!“, der Ruf der Extrablatthändler, erscholl. Die Zeitungen meldeten fälschlicher Weise den Tod des Kaisers, wurden aber sogleich konfiscirt, und von Seiten des Polizeipräsidiums ergingen telegraphische Mittheilungen an sämmtliche Bureaux des Inhalts: “Der Kaiser lebt!“

Unvergeßlich bleibt dem Beschauer das Bild vor dem Palais etwa um die achte Abendstunde. Das dort angeschlagene Bulletin von Abends 7 Uhr 15 Minuten hatte wieder die Hoffnungen gehoben die sich noch in allen Herzen regten.

Im weiteren Verlauf des Abends nahm der Regen zu. Unter den Schirmen stand eine zu Tausenden und aber Tausenden angewachsene Menge, schaute auf das erleuchtete Schloß, beobachtete die Bewegung im Fahnenzimmer, im Vestibül, schob sich, von den reitenden Schutzmännern innerhalb gewisser Grenzen gewiesen, nach der Opernhausseite hin und warf von hier aus die Blicke auf die Fenster neben der Bibliothek. Es waren aber die Vorhänge in dem Arbeitszimmer herabgelassen.

Im Innern standen um das Lager des unvergeßlichen Helden, des edlen, großen Mannes, des zärtlichen Familienvaters die nächsten Angehörigen, voran die Großherzogin von Baden, aber auch die Aerzte, des Kaisers Halbschlaf behorchend, oder zu Dienstleistungen bereit.

Um dieselbe Zeit ereignete sich Unter den Linden auch ein kleiner, für die Theilnahme des Publikums bezeichnender Zwischenfall. Ein Schutzmann, der aus dem Seitengang des Palais gekommen war und seine Schritte an die Ecke der Charlottenstraße lenkte, ward im Nu umringt und ausgefragt. In demselben Augenblicke fuhr eine Privatequipage vorüber und die Inhaberin des Koupés sah, daß der Beamte Antwort ertheilte.

Rasch ließ sie halten, sprang aus dem Wagen heraus, zertheilte die Menge und fragte, wie es mit Majestät stehe.

„Er lebt und es scheint besser zu werden!“ –

Es hätte wenig gefehlt, daß die Dame den Verkünder der frohen Botschaft umarmt hätte!

Unglaublich war das Gewühl und Gedränge um Mitternacht in den Cafés unter den Linden. Dem Ort der Trauer nahe zu sein, drängte die Bevölkerung. Es war z. B. ein fast endloses Aus und Ein in dem Etablissement Bauer, und einen ungeheuren Kontrast bildete gegen dieses lebendig fluthende Gewoge in den lichtdurchströmten Räumen das in tiefem Schweigen und in Dunkelheit ruhende Palais: das Sterbehaus, auf das ein dichter feiner Regen vom Himmel herabrieselte, der somit gleichsam auch noch in letzter Stunde sein Mitweh und seine Mittrauer an den Tag legte.

Am neunten März.

Eine schwere, aufregungsvolle Nacht hatte Berlin hinter sich, als die ersten Lichtstrahlen im Osten den Anbruch des neuen Tages verkündeten, und trübe, wie der 8. März geschieden, brach der folgende Morgen an. Und mit der Millionenstadt erwachte die alle Herzen bewegende Frage. „Wie geht es dem Kaiser?“

Jedes Ohr lauschte mit Bangen, ob nicht Extrablätter verkünden würden, wie er die Nacht zugebracht und ob er den Tag noch erlebt habe. Und horch, nun schallt es durch die von regem Leben erfüllten Straßen: „Neuestes!“ „Neueste Nachrichten vom Befinden des Kaisers!“

Gott sei gedankt, mit verhaltenem Athem hatte man gehorcht, was die Unglücksboten rufen würden! Das Schlimmste, nein es ist noch nicht eingetroffen; gebe der gütige Himmel, daß wir noch lange, lange darauf warten müssen!

[175] Aber was ist das?! – Wir sind den „Linden“ nahe, dicht beim Opernhaus, dort, wo sich, gegenüber der Universität, die Denkmäler der Helden aus den Befreiungskriegen erheben. Nahe vor uns bilden sich kleine Gruppen; sie wachsen an, dann stieben sie aus einander. Dort ballen sich neue zusammen, immer enger, immer dichter, man sieht die Aufregung in diesen schwarzen Menschenklumpen; eine Frau drückt das Tuch vor die Augen – mein Gott, sollte … man wagt es nicht zu denken, man will es nicht denken; es kann, es darf nicht sein, und doch, jetzt schallt es uns entgegen, dumpf, verhalten, mit ängstlichem Schauer. „Der Kaiser soll soeben gestorben sein!“

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Der Kaiser auf dem Todtenbett.

Aber wir weisen ihn zurück, den furchtbaren, den niederschmetternden Gedanken. Dasselbe entsetzliche Gerücht war auch gestern Nachmittag verbreitet und hatte fieberhafte Aufregung hervorgerufen, es wird auch diesmal derselbe Fall sein, und das Mütterchen an unserer Seite wird gewiß Recht behalten, wenn es sagt: „Wer todt gesagt wird, der lebt noch lange!“ Ach, wie gern erfreuen wir uns an diesem trügerischen Hoffnungsschimmer! – Nun sind wir endlich angelangt bei den „Linden“, es ist kurz vor neun Uhr. Welch ein tiefergreifender, erschütternder Anblick: in weitem Viereck stehen ungezählte Menschenmengen um das Palais; ein ernstes, unheilbrütendes Schweigen liegt um das eherne Denkmal des Großen Friedrich ausgebreitet; man hört kein lautes Wort, keinen lärmenden Ton; die Schutzleute in ihren langwallenden schwarzglänzenden Regenmänteln haben ein leichtes Amt; jeder folgt ihrem Wort, keiner übertritt die abgesperrte Grenze. Und auch hier fliegt das Gerücht von Mund zu Mund! „Der Kaiser soll todt sein!“ – und auch hier widerspricht man ihm! „Nein, er ist nicht todt, es ist nicht möglich!“ Und aller Blicke richten sich auf das historische Eckfenster des Parterres, als könnte man dort die theuren, milden Züge des greisen Herrschers hinzaubern, als könnte er erscheinen an derselben Stelle, wo man ihn so oft erblickt, wo man ihm so oft begeistert zugejubelt, wenn mit rauschendem Spiel die Wachtparade vorbeigezogen!

Aber wo richten sich nun die Blicke plötzlich hin, hinauf zum Dach des Palais? Einzelne haben es zuerst bemerkt und nun sehen es all die Tausende. Die Fahne ist eingezogen; die purpurne Standarte weht nicht mehr stolz an ihrer hochragenden Flaggenstange: was bedeutet das? Und wieder schwirrt es von Mund zu Munde: „Der Kaiser ist gestorben!“ und wieder findet diese Kunde keinen Glauben!

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Vor dem Eingange des kaiserlichen Palais in der Behrenstraße.

Ein General, es ist ein Flügeladjutant, schreitet die Rampe des Palais herab. Von weither leuchten die rothen Aufschläge des Mantels, die sehnige Figur scheint uns gebückt, aus dem wetterharten Antlitz ist nichts zu lesen. Bereitwillig öffnet sich ihm die Menschenmauer; man will ihn mit Fragen, mit Bitten bestürmen; man wagt es nicht. Da kommt ihm ein Admiral, den Mantel offen, den Dreimaster auf dem ergrauten Haupt, entgegen. Beide sprechen einige Worte und drücken sich ergriffen die Hand, aber nun ist es bei den Umstehenden, Umdrängenden vorbei mit der Scheu vor dem hohen militärischen Rang. „Wie geht es dem Kaiser?“ – „ Ist der Kaiser todt?“ – „Lebt der Kaiser?“ Hundertfach wird es gerufen, gefragt. Und nun, als Ruhe eingetreten, vernimmt man die schweren Worte. „Seine Majestät ist um acht Uhr dreißig Minuten heute früh entschlafen!“ Wie dieser mit thränenerstickter Stimme gesprochene kurze Satz uns das Herz zerreißt, wie mit einem Schlage die Welt um uns dunkel und unglücksschwanger erscheint – wer könnte das wiedergeben!

„Der Kaiser ist todt!“ So hallt es nun durch Berlin und klingt schrill in das entlegenste Gäßchen [176] hinein. Die Menschen stürzen auf die Straße, einer erzählt es dem anderen, aber noch immer findet die Nachricht zahllose Ungläubige, die jedoch rasch bekehrt werden; denn ungestüm werden alsbald Extrablätter ausgerufen und wer auch diesen nicht glaubt, der sieht das Schreckliche jetzt bestätigt durch das Halbmast-Hissen der Fahnen auf allen öffentlichen Gebäuden, auf den Palais und Gesandtschaften, während aus der Ferne dumpf der Donner der Kanonen erschallt.

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„Se. Majestät ist um 8 Uhr 30 Minuten heute früh entschlafen.“

Noch bevor die Trauerbotschaft auf diese Weise Unter den Linden bekannt wurde, erfuhr man dieselbe schon an dem entlegeneren Eingang zum kaiserlichen Palais in der Behrenstraße, wo in dem Hausflur die amtlichen Bulletins angeschlagen wurden. Der Andrang der Wagen und das gleichzeitige Aufziehen der berittenen Schutzmannschaft, welche die Wache verstärken oder ablösen sollte, verriethen schon äußerlich den Vorübergehenden, daß etwas Außergewöhnliches sich ereignet habe.

Mit einem Schlage ist die Physiognomie der Straßen verändert. Hier werden die Läden geschlossen; dort weisen die Schaufenster im Fluge hergestellte stimmungsvolle Dekorationen um das Bild, um die Büste, um die Statue des hingeschiedenen Herrschers auf; umflorte Fahnen und schwarze Banner wallen überall hernieder; in fast undurchdringlicher Fülle schieben sich die Menschenhaufen dahin, Wieder strömt alles den „Linden“ zu; Schutzleute zu Fuß und zu Pferde streben gleichfalls dorthin; ein unabsehbares, schwarzes Gewimmel herrscht um das Palais, auf welchem nun wieder in halber Höhe die Purpurstandarte weht. Die Bevölkerung legt Florstreifen an. Später werden mit Flor umhüllte Kornblumen vertheilt.

An den Straßenecken bilden sich jetzt neue Gruppen und lesen die soeben angeschlagene schwarzumränderte Bekanntmachung des Staatsministeriums:

„Es hat Gott gefallen, Seine Majestät den Kaiser und König, unseren Allergnädigsten Herrn, nach kurzem Krankenlager heute Vormittags 8½ Uhr im 28. Jahre Seiner reichgesegneten Regierung aus dieser Zeitlichkeit abzurufen. Mit dem Königlichen Hause betrauert unser gesammtes Volk den Hinritt des allgeliebten ehrwürdigen Herrschers, dessen Weisheit so lange über seinen Geschicken in Krieg und Frieden ruhmvoll gewaltet hat.“

Wind und Wetter werden bald diese Maueranschläge vernichten, aber was die einfachen Worte sagen, das kann kein politisches Unwetter dem deutschen Volke entreißen!




Aus dem Leben des Kaisers Wilhelm I.[1]

„Geliebt wie keiner je von seinem Volke!“     

Die Hohenzollern, denen es vergönnt war, den jahrhundertalten Traum eines einigen, starken deutschen Reiches über kühnstes Hoffen hinaus so ruhmvoll und glänzend zu erfüllen, erscheinen hierzu schon durch die Entwicklungsgeschichte ihres Geschlechts als besonders auserwählt. Süden und Norden haben gleichen Theil an ihm. Dem ersteren entsprossen, im letzteren zur Fülle seiner Kraftentfaltung gelangt, ist es wie berufen, die alten Stammesgegensätze in unserem Volke unter seiner Führung auszugleichen und zu versöhnen.

Welchem Deutschen schwebte nicht in großen Zügen die aus sagenhafter Dämmerung der Vergangenheit zum Sonnenlichte der Gegenwart emporwachsende Geschichte unseres Kaiserhauses vor?

Ritterliche und weitblickende Herrscher, bemühen sich die Markgrafen von Brandenburg nicht ohne Erfolg, in des deutschen Reiches „Streusandbüchse“ einen ebenso blühenden wie starken Wall des Deutschthums gegen slavische und skandinavische Eroberungslust zu errichten, bis die Schrecken des dreißigjährigen Krieges nicht nur alle diese Früchte, sondern unser ganzes Volksthum zu vernichten drohen.

Da aber treibt der Hohenzollernstamm ein Reis, „so kräftig wie noch keins zuvor“ – und mit dem Großen Kurfürsten tritt der erste Zollernfürst von welthistorischer Bedeutung und eigentliche Begründer der brandenburgisch-preußischen Anwartschaft auf die Schirmherrschaft Deutschlands in die Erscheinung.

„Auf muth’gem Schlachtroß sah’ ich die Gestalt,
Des Herrscherauges blitzende Gewalt,
Und von des Vaterlandes heil’gen Borden
Zornmüthig fegt sein Schwert die fremden Horden.
Sein kühner Geist und seine scharfe Wehr
erobert deutscher Flagge selbst das Meer.
Den ‚Grossen‛ nennt ihn seines Volkes Dank. –
Und andre sah ich folgen des Geschlechts,
Nicht minder groß als er, gerecht und weise –
Bis Einer kommt, der glücklichste von allen,
Dem es, ein zweiter Siegfried, vorbehalten,
Den lang versunknen Nibelungenhort,
des deutschen Reichs verlorne Herrlichkeit
Zu heben aus dem Bann der finstern Mächte
Und mitten im besiegten Feindeslager,
Beschirmt von rath- und thatgewalt’gen Helden,
Neidlos umjauchzt von all’ den andern Fürsten
Und Stämmen des geeinten Vaterlandes,
Die Kaiserkrone auf das greise Haupt
In frommer Demuth sich zu setzen – der
Geliebt wie keiner je von seinem Volke,
und dessen Stirn der Eichenkranz des Friedens
Und schlichter Bürgertugend schöner noch
Als selbst des Siegers Lorbeer schmücken mag!“

Das nun abgeschlossene Leben dieses „Glücklichsten von allen“ den mit dem gesammten deutschen Volke ihm innig nachtrauernden Lesern der „Gartenlaube“ in großen Umrissen nochmals vor Augen zu führen, ist der Zweck der folgenden Darstellung. Wir müssen uns dabei des gegebenen Rahmens wegen darauf beschränken, nur die besonders bezeichnenden Züge dieser überreichen Laufbahn, deren Geschichte fast gleichbedeutend mit der Geschichte des letzten Jahrhunderts ist, hervorzuheben.

[177]
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Abends vor dem kaiserlichen Palais.

[178] Möchte es unserer von deutscher Liebe und deutscher Dankbarkeit. geführten Feder gelingen, ein treffendes Bild des in seinem innersten Kerne so schlichten und in seiner welthistorischen Gestalt doch so erhabenen Herrschers zu zeichnen; eines Herrschers, der die gewaltige Höhe, welche er erstiegen, weniger einer genialen Begabung als dem ernsten und unablässigen Bestreben verdankt, seinen Charakter in sonnigen und stürmischen Tagen zu festigen und zu stählen, um dadurch befähigt zu werden, in immer gleichbleibender Pflichttreue als ganzer Mann bis zum letzten Hauche auf dem Posten auszuharren, auf welchen sein Geschick ihn einmal gestellt hatte.

Glückliche Kinderzeit.
(1797–1806.)

Kein köstlicheres Gut kann einem Menschen mit aus seinem späteren Lebensweg gegeben werden, als die Erinnerung an eine sonnige Jugendzeit. Bis zu seinem zehnten Jahre ist unserem dahingeschiedenen Kaiser Wilhelm eine solche in vollem Maße zu Theil geworden.

Im elterlichen Palast war das reine Glück eines beinahe bürgerlich schlichten Ehelebens zu Hause. Der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm, in der fast scheuen Einfachheit seines Charakters so anders geartet als sein prunkliebender, gutgesinnter, aber innerlich schwächlicher Vater König Friedrich Wilhelm II., hatte „seine Frau“ – wie er sie auch noch als Königin mit Vorliebe nannte – die mit allem weiblichen Liebreiz und den edelsten Gaben des Herzens und Geistes geschmückte Prinzessin Luise von Mecklenburg-Strelitz, zum ersten Male im März 1793 in Frankfurt a. M. gesehen, wo zur Zeit das königliche Heerlager in dem wenig Erfolg bringenden Feldzuge gegen die erste französische Republik aufgeschlagen war.

Der Macht dieser nach Goethe’s zeitgenössischem Urtheil „himmlischen Erscheinung“ der siebzehnjährigen Prinzessin konnte sich der dreiundzwanzigjährige Kronprinz nicht entziehen. An dem der Braut verwandten landgräflichen Hofe zu Darmstadt wurde bereits am 21. April desselben Jahres die Verlobung des liebenden Paares gefeiert.

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Friedrich Wilhelm III. Königin Luise.

An prophetischen Worten hat es in den Tagen der Vermählung der Eltern unseres Kaisers Wilhelm nicht gefehlt. Bei ihrem Einzuge in Berlin wurde die Braut am 22. Dezember 1793 von einem lieblichen jungen Mädchen mit einem Gedicht begrüßt, dessen Schlußworte lauteten:

„Heil Dir! Der künft’gen Welt wirst Du Monarchen geben,
beglückter Enkel Mutter sein!“

Und bei der Trauung im weißen Saale des königlichen Schlosses am Weihnachtsheiligenabend betete Hofprediger Sack für das Brautpaar: „Laß durch dasselbe den Glanz des preußischen Hauses vermehrt und auch für die künftigen Geschlechter eine Quelle neuer Segnungen eröffnet werden!“

Wie köstlich sind diese Wünsche und Bitten in Friedrich Wilhelms und Luisens zweitem Sohne in Erfüllung gegangen!

Der erste, nachmals König Friedrich Wilhelm IV., war dem Paare am 15. Oktober 1795 geboren worden. Die Wiege Kaiser Wilhelms stand ebenso die die seines Bruders im kronprinzlichen Palais zu Berlin, demselben, welches auch dem ersten Kronprinzen des Deutschen Reiches und seiner Gemahlin zur Wohnung gedient hat.

Das früheste Urtheil über den am Nachmittage des 22. März 1797 zwischen 1 und 2 Uhr geborenen zweiten Prinzen empfangen wir aus den Aufzeichnungen der Oberhofmeisterin des kronprinzlichen Paares, der würdigen Gräfin von Voß. „Es ist ein prächtiger kleiner Prinz“, schreibt sie in ihrem Tagebuche, und fügt hinzu. „Ueberall war große, große Freude.“

Am 3. April wurde im Audienzsaale des kronprinzlichen Palais durch den Hofprediger Sack die Taufe vollzogen. Die Oberhofmeisterin brachte den Täufling dem König Friedrich Wilhelm II., welcher seinen Enkel während der Taufhandlung hielt. Der Prinz empfing die Namen Friedrich Wilhelm Ludwig mit der Bestimmung, daß sein Rufname „Wilhelm“ sein solle. Zu den achtzehn Fürsten und Fürstinnen, welche als Taufzeugen geladen waren, gehörten auch der durch den russischen Gesandten vertretene Kaiser Paul von Rußland und seine Gemahlin.

Diese Taufe des zweiten Enkels war der letzte historische bedeutsame Familienakt, welchem Friedrich Wilhelm II. beiwohnte. Am 16. November starb bereits der König, und so bestieg schon im ersten Lebensjahre des Prinzen Wilhelm sein Vater als Friedrich Wilhelm III. den preußischen Königsthron.

Mit ihm zog ein neuer, gesunder Geist in die Regierung des durch Verschwendung, Sittenlosigkeit und Heuchelei arg zerrütteten Staates Friedrichs des Großen wieder ein. Die Grundsätze bürgerlicher Einfachheit, Schmucklosigkeit und Sparsamkeit herrschten fortan im königlichen Hause, als welches das bescheidene bisher kronprinzliche Palais auch während der ganzen Regierungszeit Friedrich Wilhelms III. beibehalten wurde. Die Eindrücke, welche Prinz Wilhelm nach dieser Richtung früh im Vaterhause empfangen, die veredelnde Wirkung, welche die Vorbilder der in inniger Liebe unter sich und mit ihren Kindern verbundenen Eltern auf das offene Knabengemüth ausübte, sind [179] unverkennbar von größtem Einfluß auf die vortreffliche Herzens- und Charakterbildung des dereinstigen Kaisers gewesen.

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Prinz Wilhelm im dritten Lebensjahre.

In die Obhut solcher Eltern gegeben, mußte die zarte Lebenspflanze des Prinzen Wilhelm sich zu einem glücklichen Frühlingsdasein entfalten. Von welcher sorgenden Zärtlichkeit die ersten Kindertage desselben umhegt waren, ist schon aus dem uns überlieferten Zuge zu erfahren, daß die königlichen Eltern auch nach dem rauschendsten Hoffeste, zu welchem die Etikette sie zwang, niemals zur Ruhe gingen, ohne noch einmal in die Kinderstube zu treten und einen leisen Kuß auf die Stirn der schlummernden Lieblinge zu drücken.

Die thatsächlichen Schilderungen aus den Kinderjahren des Prinzen Wilhelm sind nicht zahlreich. In einem traulichen Erinnerungsbilde, auf welchem der etwa dreijährige Prinz zwischen seinen Eltern auf dem Sofa stehend einen Säbel schwingt, während der Kronprinz sich an das Knie seines Vaters lehnt und die 1798 geborene Prinzessin Charlotte, die nachmalige Kaiserin von Rußland, auf dem Schoße der Mutter sitzt – könnten wir versucht sein, ein Symbol früher Hinneigung des späteren kaiserlichen Helden zum kriegerischen Beruf zu entdecken, wenn wir uns nicht genügen ließen, darin den Ausdruck ungetrübten häuslichen Glücks der königlichen Familie zu erkennen. – Wir wissen, daß die kleinen Prinzen in Begleitung ihrer Mutter wiederholt an Bewirthungen und Weihnachtsbescherungen der Kinder des Berliner Friedrichs-Waisenhauses theilnahmen und daß sie am sechsten Geburtstage des Kronprinzen im Prüfungssaal der Potsdamer Gewerbeschule den fleißigsten Schülern Geschenke reichen und dann mit ihnen festlich essen und spielen durften.

Schon als fünfjähriger Knabe wohnte Prinz Wilhelm seiner ersten Fahnenweihe bei. Königin Luise ließ am 5. April 1802 den Bürgern der Köllnischen Vorstadt, seitdem Luisenstadt genannt, eine neue Fahne überreichen, bei deren Befestigung an der Fahnenstange der Kronprinz den ersten, Prinz Wilhelm den zweiten Nagel einschlug. Nachher nahmen beide Prinzen an dem Festmahl der Bürger Theil.

Den Ueberlieferungen des preußischen Königshauses entsprechend, empfingen die beiden Prinzen mit ihrem Vetter Friedrich, dem Sohne des verdorbenen Prinzen Ludwig, früh Unterricht im Exerciren, und zwar in Potsdam durch den Unteroffizier Bennstein vom damaligen Bataillon Garde und in Berlin durch den Feldwebel Klary vom Regiment Möllendorf. Prinz Wilhelm, obschon in den ersten Kinderjahren vielfach kränkelnd und der schwächste unter den drei Prinzen, scheint gleichwohl der eifrigste bei diesem Studium gewesen und sich allen militärischen Uebungen mit der ihm schon damals eigenen vollen Hingebung an die einmal ergriffene Sache unterzogen zu haben.

Am Weihnachtsabend des Jahres 1803 begrüßte Prinz Wilhelm unter seinen Geschenken mit hellem Jubel eine kleine Uniform nach dem Muster des damaligen Rudorff’schen, früher Ziethen’schen Husarenregiments. Auch der Kronprinz und Prinz Friedrich hatten Uniformen erhaltest; der erstere eine solche der Garde du Corps, der andere eine des Dragonerregiments Kurfürst von Pfalzbayern Nr. 1. Es war eine köstliche Scene, als der König nach geschehener Einkleidung der kleinen Soldaten diese militärisch stramm antreten ließ und sie der freudig erstaunten Königin als „die drei jüngsten Rekruten der preußischen Armee“ vorstellte.

Wie der König früh für die den Körper kräftigende militärische Disciplin der Prinzen sorgte, so war die Königin nicht minder auf die rechtzeitige Ausbildung der geistigen Fähigkeiten derselben bedacht.

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Prinz Wilhelm schlägt einen Nagel in die von der Königin Luise den Bürgern der Luisenstadt geschenkten Fahne.

„Allerdings ist es mein heißester Wunsch“ – so hatte sie an Professor Heidenreich in Leipzig auf die Zusendung seines Buches „Grundsätze für Geist und Herz“ geschrieben – meine Kinder zu wohlwollenden Menschenfreunden zu bilden; auch nähre ich die frohe Hoffnung, diesen Zweck nicht zu verfehlen.“

In diesem Sinne hatte sie durch ihr Beispiel von jeher auf die Gemüther ihrer Kinder zu wirken gesucht; in diesem Sinne auch war auf Empfehlung des damaligen ersten deutschen Pädagogen, des Professors Niemeyer, Direktors der Franke’schen Stiftungen in Halle, ihre Wohl des Erziehers der Prinzen auf den bisherigen Rektor der Klosterschule zu Magdeburg, Friedrich Delbrück, gefallen Im Juli 1800 trat dieser sein Amt zunächst bei dem Kronprinzen, später auch beim Prinzen Wilhelm an.

Die erste Censur über die Fortschritte des letzteren im Lesen ist uns in einem im Hohenzollern-Museum aufbewahrten Lesebuche des Prinzen mit dem Titel „Kleine Plaudereien für Kinder, [180] welche sich im Lesen üben wollen“ von Löhr (Frankfurt a. M. 1802) aufbewahrt. Auf dem Vorderblatte liest man nämlich mit Bezug auf das darin befindliche Lesestück „Frau Mildheim“ folgende Notiz: „Seite 43–45, Frau Mildheim, las Prinz Wilhelm den 10. Oktober 1803 zum ersten Mal ohne vorhergegangene Anleitung recht gut.“

Es scheint, daß Delbrücks Einfluß auf den jüngeren Prinzen Wilhelm tiefer war als auf den geistreich beweglichen Kronprinzen. Ein dem Hofe nahestehender Gelehrter – wahrscheinlich Joh. G. Woltmann, welcher selbst zu den Lehrern des Prinzen Wilhelm gehörte – giebt hierüber in seinen nur mit einem „W“ und drei Sternchen gezeichneten „Erinnerungen“ folgendes Urtheil: „Die ganze, mehr dem praktisch Religiosen zugewendete Richtung des etwa zweiunddreißigjährigen Erziehers, welcher das volle Vertrauen des königlichen Vaters besaß, schien in dem Prinzen Wilhelm einer ursprünglichen, natürlichen Anlage zu begegnen; indeß bei dem von Scherz und kindlicher Rede nicht eben überfließenden Knaben alle geistigen Motive in die Tiefe des Gemüths still zurückzutreten pflegten, ging sein Handeln schon in den frühesten Lebensjahren auf das gegebene Ziel ehrlich und bestimmt hin. Wer Gelegenheit hatte, die beiden königlichen Prinzen in der Mitte der ihnen durch Delbrück und den tüchtigen Lehrer Reimann mit prüfender Sorgsamkeit auch aus den bürgerlichen Ständen erwählten Spielgenossen zu sehen, konnte leicht beobachten, wie gern der nachmalige König Friedrich Wilhelm IV. sich in dem Gefühle seiner geistigen Ueberlegenheit abzusondern und neckisch in die Spiele der andern einzugreifen pflegte, indeß sein jüngerer Bruder nicht selten mit den Freunden Partei gegen diese Störungen und den mannigfachen geistreichen Unfug des Kronprinzen bilden mußte. Sonst fand sein tiefes Gefühl in bewegten Momenten nicht bequem und leicht den angemessenen Ausdruck, so daß er bisweilen dem wenig erfahrenen Beobachter geradezu als gemüthlos gelten konnte.“

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Der König stellt „die drei jüngsten Rekruten“ der Königin vor.

Diese in die Knabenzeit des späteren Kaisers Wilhelm helles Licht bringende Schilderung charakterisirt die Anlage der beiden von einander so verschiedenen königlichen Brüder überaus zutreffend. Diese Schilderung stimmt auch vollständig mit dem Urtheil überein, welches die Königin Luise über ihre Söhne in dem berühmten Briefe an ihren Vater im Jahre 1809 fällte:

„Der Kronprinz ist voller Leben und Geist. Er hat vorzügliche Talente, die glücklich entwickelt und gebildet werden. Unser Sohn Wilhelm wird, wenn nicht alles trügt, wie sein Vater, einfach, bieder und verständig.“

(Fortsetzung folgt.)




Blätter und Blüthen.


Kaiser Wilhelm I. (Mit Portrait.)

„Er war ein Mann – nehmt alles gleich in allem,
Ihr werdet niemals seines Gleichen sehn!“

Könnte dem verstorbenen deutschen Kaiser eine schönere Grabschrift zu Theil werden, als sie in diesen Worten des großen Dichters liegt?

Und so sehen wir ihn auf diesem Bilde; einen Helden an Ehren und Siegen reich, männlich fest und würdevoll, eines großen Reiches Begründer, vertrauend der eigenen Kraft und dem Schutze der Vorsehung für die hohe Sendung, die sie in seine Hand gelegt! So wird sein Bild fortleben in des Volkes Erinnerung, diese Züge voll Milde und Würde: Preußens König, ein Feldherr wie wenige, den Sieg an seine Fahnen bannend, rastlos strebend, große Ziele zu erreichen; Deutschlands Kaiser – ein Friedensfürst wie wenige, der fast zwei Jahrzehnte hindurch Europa die Ruhe verbürgte, anerkannter Schiedsrichter der Nationen, weit hinaus bis in den dunklen Welttheil, bis in ferne Zonen, in denen auf einmal des Reiches Flagge wehte, ein gepriesener Herrscher. Und jetzt – am Todtenbette des hochbetagten Greises, der noch immer die Wage der Gerechtigkeit in festen Händen hielt, steht Europa trauernd – und auf Augenblicke, vom Mitgefühl besiegt, schweigt selbst der Waffenlärm der Revanche jenseit der Vogesen. Und dies Mitgefühl gilt vor allem dem schmerzlichen Schlage, der dem großen Herrscher nicht erspart blieb! Wenn irgend einer zu den Glücklichen gehörte, so war es der Kaiser. Einem Napoleon mochte die Sonne von Austerlitz einmal glorreich aufgehen: die Sonne der Hohenzollern ging dem deutschen Kaiser nicht unter. Bei allem, was er unternahm, strahlte sie ihm im hellsten Glanze; kein Unfall wurde ihm verhängnißvoll, und selbst Mörderhände, die nach seinem ehrwürdigen Haupte zielten, hatten den Lohn ihrer schnöden That dahin.

Und doch – niemand ist vor seinem Ende selig zu preisen. In einem Alter, das alltägliche Lebensdauer auch der Bejahrten weit hinter sich läßt, tritt ein tiefer Schmerz an ihn heran, verschleiert sich die Sonne eines so lange ungetrübten Glückes. Die Krankheit seines Sohnes und Erben, welche das ganze deutsche Volk mit banger Sorge erfüllt, fällt wie ein düsterer Schatten in die sonst so hellen Tage seines hohen Alters.

Die Bulletins von der Riviera, meist trübe, selten hoffnungsvoll; sie, welche die Theilnahme unseres Volkes, die Theilnahme aller Völker wachriefen – wie mußten sie das Herz des Kaisers, das Herz des Vaters im Innersten ergreifen! Ein herrlicher Kriegsfürst, Sieger in großen Schlachten, Liebling des Volkes durch seine Leutseligkeit, seine Toleranz, seine Friedensliebe bei aller glorreich bewährten Kriegskunde und Tapferkeit, einem bösartigen Leiden verfallen, gegen das die Kunst der Aerzte nur mit oft versagender Hoffnung ankämpft!

Und jetzt: welches seltene Schauspiel für die Welt! Von seiner Krankenstation an dem Ufer des Mittelländischen Meeres, aus der warmen heilenden Luft des Südens eilt der neue Kaiser an die Todtenbahre des Vaters, mit dem hohen Pflichtgefühl, das den Hohenzollern eigen ist, nicht des eigenen Leids gedenkend, sondern der Pietät gehorchend und der großen Aufgabe seines Lebens alle Kraft widmend, welche der Dämon der Krankheit ihm gelassen hat.

Ein feindlich Schicksal wirft seinen Trauerflor über das Deutsche Reich: doch am Grabe eines Fürsten, der seine Regentenpflichten stets in vollstem Maße erfüllt hat, steht des Reiches neuer Kaiser, dem das Schicksal in die Lorbeerkrone auch die Dornenkrone geflochten hat, gleich mit seiner ersten That bekundend, daß höher als jedes Gut des Lebens ihm das unerbittliche Gebot der Pflicht steht und jener hohe Opfermuth, der sich nicht bloß im Wetter der Schlachten erprobt.

†     


Kaiser Wilhelm auf dem Todtenbette. (Mit Illustration S. 175.) Da ruht der Kaiser friedlich in seinem schlichten und einsamen Schlafgemach – nichts erinnert an den gewaltigen Kriegsherrn, als das eiserne Feldbett, auf welchem er immer zu ruhen pflegte.

Treu nach der Natur ist das Bild unseres Zeichners, der kurz nach dem Tode das Sterbezimmer betreten durfte, aufgenommen – noch ehe dem todten Fürsten von der Hand seiner Tochter der Blumenschmuck zu Theil geworden: die weißen Rosen an der Brust, die Maiblumen in der Rechten. So ruht er, ein Friedensfürst „trotz aller Kriegslorbeern“, ein Held der eisernen Pflicht, der er sein Leben geweiht, aber voll Güte und Sanftmuth, die noch im Tode seine Züge verklären.

†     

  1. Wir entnehmen die nachstehenden Schilderungen der demnächst im Verlage von Ernst Keil’s Nachfolger erscheinenden ausführlichen LebensbeschreibungKaiser Wilhelm I. Ein Gedenkbuch für das deutsche Volk. Von Ernst Scherenberg“ und empfehlen dieses vorzügliche und wahre Volksbuch, welches durch seinen billigen Preis von einer Mark, geschmackvoll gebunden, jedermann zugänglich ist, unseren Lesern aufs wärmste.
    Die Redaktion.