Die Gartenlaube (1881)/Heft 9

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1881
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 9.   1881.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.


Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.



Amtmanns Magd.

Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich war vorhin heftig und habe Sie mit allzu raschen Worten verletzt. Sie haben ganz Recht, wenn Sie vor Allem von der Diakonissin Selbstbeherrschung verlangen, und deshalb bitte ich, vergessen Sie mein unüberlegtes Gebahren!“

Sie hielt ihm schüchtern die Hand hin.

„Viel Lärm um Nichts!“ rief er, halb lachend, halb zornig, und ohne ihre Geste zu beachten. „Wer wird denn um einer solchen Lumperei willen, wie der Hautriß da, auch nur ein Wort verlieren! … Und wenn ich wirklich den Fonds von Geduld aufbrächte stillzuhalten, im nächsten Augenblicke risse ich doch das Zeug wieder ab – ich bin viel zu ungeduldig –“

„Seien Sie gut!“ unterbrach sie ihn mit sanfter Bitte.

Diese Töne waren von zauberhafter Wirkung: er wandte achselzuckend den Kopf weg, stützte die Linke auf den Tisch und hielt ihr die verletzte Rechte schweigend hin.

Sie mußte in der That bereits Diakonissenpflichten geübt haben – diese gewandte, sichere Art zu untersuchen war nicht blos die angeborene Geschicklichkeit des Weibes.

Der Gutsherr wandte ihr langsam das Gesicht wieder zu und sah auf sie nieder.

„Waren Sie in einer Diakonissenheilanstalt?“ fragte er mit hörbarem Erstaunen.

„Ja, nicht sehr lange zwar, und auch nicht zu dem Zweck, ausschließlich Diakonissin zu werden. Ich wollte mir nur so viel Kenntnisse aneignen, um nöthigenfalls auf dem Lande, wo oft der Arzt stundenweit hergeholt werden muß, im ersten Augenblick Hülfe leisten zu können,“ antwortete sie, ohne ihre Beschäftigung zu unterbrechen. Aber nun blickte sie auf. „Sie werden doch den Arzt hinzuziehen müssen,“ sagte sie, und er sah, wie ihre Augen sich feuchteten, „die Sichel hat Scharten gehabt –“

Er lachte.

„Nähen Sie nur getrost zu,“ ermuthigte er, „und vertrauen Sie meiner robusten Natur!“

Sie biß die Zähne zusammen und handhabte die Nadel rasch und sicher, obgleich dann und wann ein Beben durch ihre schlanken Finger ging. … Es schwebte doch ein Räthsel um ihre Person – weß Geistes Kind war sie eigentlich? Ihre Redeweise, ihr ganzes Sein und Wesen, das halbverleugnete und doch immer mehr zu Tage tretende Wissen gaben ihr unwiderleglich die gebildete Welt als ursprüngliche Heimath – und doch leistete sie die niedrigsten Magddienste, und Fräulein Gouvernante, die am besten wußte, was für ein reicher, geistiger Fonds in ihr steckte, hielt sie unter dem Druck dieser herabwürdigenden Stellung unerbittlich fest. … Was gab jener Egoistin die Macht über den klaren Geist und das Lebensschicksal dieses wunderbaren Mädchens?

Sein Blick hing wie festgebannt an dem schönen Kopf, der sich über seine Hand beugte, an dem köstlichen, einfach zurückgestrichenen nußbraunen Haar – eine dunkle Fluth voll elektrischer Gewalten, die ihm zuströmten. Sein Athem ging schwer und beklommen. … Auf dem schmalen Streifen des weißen Halses, den das Busentuch frei ließ, lag wieder das schwarze Sammetband, diesmal mit halbgelöster Schleife. Trug sie ein Amulet oder ein theures Andenken auf der Brust, das sie nie ablegte? Eine eifersüchtige Wallung trieb ihm das Blut nach dem Kopfe – am liebsten hätte er nach dem losen Ende gegriffen, um das Band fortzuschleudern. Das Mädchen ahnte sicher nicht, auf welche Gewaltthätigkeit er sann, sonst hätte sie wohl nicht mit so seelenvollem dankbarem Blick zu ihm aufgesehen. Der Verband war fertig; sie entließ sanft die Hand aus der ihren und trat an den Tisch, um das Verbandzeug wieder zusammenzupacken.

„Ich danke Ihnen,“ sagte sie aufathmend, als sei ihr eine Last von der Seele genommen. „Morgen werde ich wiederkommen und nachsehen.“

Dagegen hatte er ganz und gar nichts einzuwenden, aber er sprach nicht. In seiner Seele spannen Verrath und böse Wünsche heimtückisch weiter. Aeußerlich mit wahrhaft stoischer Ruhe ihrer Beschäftigung zusehend, träumte er, ein Windstoß packe das kleine runde Nest da auf der Gartenmauer mit Mann und Maus und trage es schneller als das Dampfroß, beflügelt wie der sehnsüchtige Gedanke, plötzlich durch die Lüfte, um es fein säuberlich in den Anlagen der märkischen Villa Markus niederzusetzen. … Weit hinten in den Thüringer Wäldern bliebe die unerklärliche Gewalt der egoistischen Mansardenbewohnerin, das Haus im Grafenholz mit seiner Anziehungskraft und seinen ungelösten Räthseln – losgerissen von Allem, was sie umgarnte, wäre die Heißbegehrte einzig und allein auf ihn, auf seinen Schutz angewiesen, und – herausgeben würde er sie nie wieder. … Ja, das war so ungefähr das verrätherische Gespinnst, das verlockend Masche um Masche nestelte, während er neben ihr stand und den schwachen Veilchenhauch athmete – das Parfüm des Fräulein Gouvernante, das auch von den groben Kleidern der Dienerin ausging.

Und was hinderte ihn denn jetzt, selbst den Sturmwind zu spielen und mit einer plötzlichen stürmischen Werbung die [138] Ueberraschte zu gewinnen? Nichts als der Wille in dem klugen Mädchenkopfe da. Wollte er es wirklich erleben, daß Amtmanns Magd in kurzen, dürren Worten erklärte, sie bedanke sich recht sehr dafür, Herrin in der Villa Markus zu werden? Neu und unerhört den Gouvernantenbestrebungen gegenüber war diese Entscheidung jedenfalls und imponirend auch, und so und nicht anders fiel sie aus – das wußte er, und Herr Markus junior, der daheim recht schonungslos und übermüthig mit der feinen Koketterie in eleganter Toilette zu verfahren pflegte, er war auf seiner Hut und preßte die Lippen fest auf einander, damit ja kein feuriges Wort eine schneidige Abfertigung von Seiten des ernsten Mädchens im Arbeitskittel herausfordere. –


14.

Er hatte sonst gar nichts dagegen, daß Frau Griebel zu ihm kam; er plauderte stets sehr gern mit ihr, allein in diesem Augenblicke war ihm das Knarren der Lederschuhe, die, kräftig aufstapfend, das Gartentreppchen heraufkamen, in tiefster Seele zuwider. Er sah, wie bei diesem Geräusche ein helles Roth über das Gesicht des Mädchens lief; sie ließ sich jedoch nicht weiter beirren und band die Leinenrolle wieder zusammen, als Frau Griebel die Thür öffnete.

Auch das Töchterlein Luise kam mit. Die Präsentirteller, die Beide trugen, reichten kaum aus für die Himbeersaft- und Selterswasserflaschen, das Kaffeegeschirr, die Arnika-Tinctur und Gott mochte wissen was Alles die brave Dicke in der Eile zusammengerafft hatte.

„Na –?!“ fragte sie gedehnt, mit hochgezogenen Brauen und auf der obersten Stufe wie festgenagelt stehen bleibend. Und flinker als gewöhnlich wandte sie den Kopf zurück nach ihrem Küchlein und machte sich sichtlich breit, nur den Thürrahmen mit ihrer Person auszufüllen und den naseweisen jungen Augen, die sie hinter sich wußte, den Einblick zu versperren.

„Ja, nun kommen Sie zu spät, verehrteste Griebel!“ sagte der Gutsherr. „Es ist doch nicht zu verachten, wenn man altes Leinen und Arnika bei der Hand hat, wie die Leute aus dem Vorwerk. Das Malheur mit meiner ungeschickten Hand ist mir dort passirt, und weil ich schreckliche Angst vor dem Verbinden hatte – ich bin gar furchtsam von Gemüth – so bin ich ausgerissen, freilich umsonst“ – er zuckte mit dem ernsthaftesten Gesicht die Achseln – „der Heilgehülfe ist mir auf den Fersen geblieben, und wohl oder übel mußte ich still halten. Da sehen Sie her, Fürsorglichste aller Pflegemütter! Die klaffende Wunde ist zugenäht, kunstgerecht zugenäht, und den will ich sehen, der an dem Verbande Etwas auszusetzen hat.“

„’s ist die Möglichkeit – zugenäht?“ mit diesen Worten wurde der Präsentirteller klirrend auf den Tisch gesetzt, und somit war es nunmehr auch Klein-Luischen unverwehrt, einzutreten.

„Na, dann ist’s ja gut,“ meinte Frau Griebel. „Aber das mit dem ,furchtsamen Gemüth’, das lassen Sie nur unterwegs, Herr Markus – ich bin nicht von gestern. … Meiner Treu, die Bandage sieht wirklich aus, als hätte sie unser alter Medicinalrath auf Schloß Heinrichsthal angelegt – das ist ein tüchtiger Mann, ein berühmter Doctor, Herr Markus. Ja, vor so einem Verbande, wie der da, muß sich freilich der Tillröder Bartkratzer in die Ecke verkriechen. Und das hast Du gemacht? Du, die Magd bei Amtmanns?“ – Sie richtete ihre Augen scharf auf das Mädchen. – „Ja, wo lernen denn bei Euch zu Lande die Mägde solche Männerarbeit? Nicht einmal im Institut, wo doch meiner Luise das Menschenmögliche beigebracht wird, kömmt dergleichen vor – oder doch, Luise?“

„Nein, Mama,“ erwiderte das Töchterlein, das bisher schweigend Amtmanns schöne Magd angestaunt hatte. – „Aber eine Mitschülerin, die zu Ostern auf ein Gut in Südrußland als Gouvernante engagirt ist, geht jetzt zu den Diakonissinnen, um die Krankenpflege zu lernen.“

„So? – Na ja, da ist’s richtig – Euer Fräulein drüben ist auch eine Solche, und Du hast’s ihr abgeguckt!“ sagte Frau Griebel zu dem Mädchen, das mit weggewendetem Gesicht ruhig das Zusammenpacken der Utensilien beendete und nun den Korbdeckel darüber legte. „Das ist ja nun freilich ganz gut und praktisch bei einem Malheur, wie es unserem Herrn passirt ist; da konnte sie Dich doch nachschicken. Sie selbst dürfte es natürlich nicht probiren, bis hierher, in die Herrenstube zu kommen – das wäre eine schöne Blamage für eine Amtmannsnichte. Hui, da möchte ich meine Trabanten in Stall und Küche hören.“

Ein flammendes Erröthen schoß dem Mädchen in die Wangen, und ihre Hände fuhren rückwärts, nach den verknoteten Zipfeln ihres großen weißen Busentuches, um sie zu lösen.

„Was reden Sie da?“ fuhr der Gutsherr scharf und zornig auf. „Wo bleibt der gesunde Sinn meiner braven Griebel? Ich frage, welcher vernünftige Mensch möchte sich wohl dem urtheilslosen Gewäsch Ihrer ,Trabanten in Stall und Küche’ unterordnen? Die ärztliche Hülfe, gleichviel wer sie ausübt, steht über dem Verband des gesellschaftlichen, oft recht albernen Herkommens. Das wären mir die rechten Helfer, die einem Ertrunkenen oder Verblutenden gegenüber erst erwögen, ob sich der ärztliche Beistand auch für sie schicke.“

„Na, mit dem Verbluten war’s so gefährlich nicht, Herr Markus,“ entgegnete Frau Griebel mit unzerstörbarer Ruhe und nicht im Mindesten empfindlich. „Ihre schöne Rede in Ehren, aber so ganz zutreffend war sie doch nicht. Und dem guten Ruf einer Dame kann auch die grobe Gesellschaft, die ich meine, eine Schlappe beibringen – dabei bleibe ich – gerade so wie das nichtsnutzige Mäusevolk in das schönste Seidenkleid seine Löcher knabbert, ohne den Kukuk danach zu fragen, ob es vornehm ist oder nicht. Sie sollten nur einmal die Klappermühlen in der Gesindestube hören, zum Beispiel über diese da“ – sie zeigte auf das Mädchen – „aber ich will mir den Mund nicht wieder verbrennen – i Gott bewahre! – ich bin still,“ unterbrach sie sich.

„Darum möchte ich auch recht sehr bitten,“ sagte Herr Markus mit finsterem Ernst.

„Du meine Seele, Sie nehmen ja das so ernsthaft, wie ein Advocat, Herr Markus. Ja gelt, nun ist die ,brave Griebel’ auf einmal ein alter Drache, der der lieben Jugend spinnefeind ist – ich kann mir’s schon denken. Aber so bin ich nicht, nein, so bin ich nie gewesen. Schöne, junge Mädels haben mir’s mein Lebtag angethan, auch in meiner Jugend, und ich hab’ vielleicht gerade um deswegen so gern an so einer Schlanken in die Höhe gesehen, weil ich selber keine Schöne gewesen bin – halt immer so ein kleiner, dicker, runder Knopf, wie heute noch, aber meinem Peter war ich doch recht so. … Na ja, wie ich sage – und in der Seele leid hat mir’s immer gethan, wenn’s mit so Einer, die ich in mein Herz geschlossen hatte, auf einmal ein Häkchen gehabt hat, und die Leute haben mit Fingern auf sie gewiesen – Du brauchst Dich nicht auf die Seite zu drücken“ – wandte sie sich nach dem Mädchen zurück, das leise hinter ihr wegging und die Altanthür zu gewinnen suchte, und wie neulich auf dem Fahrweg bei der Schneidemühle hielt die dicke Frau den Schürzenzipfel der Fortstrebenden fest. „Das, was ich sage, paßt auch auf Dich, ja gerade auf Dich. … Jetzt, wo Du das Scheuleder nicht über dem Kopfe hast, jetzt sieht man erst, was an Dir ist. Du bist eine schöne Person – das muß Dir der Neid lassen. Meiner Treu, so ein Gesicht kann man weit und breit suchen –“

Sie verstummte für einen Moment, buchstäblich verblüfft; denn das Mädchen riß sich bei den letzten Worten das Halstuch ab und warf es verhüllend über den Kopf. Nun aber übermannte ein heiliger Zorn die gleichmüthige Frau.

„Was? Bist Du denn eine Katholische, eine Klosternonne, daß Du gar so penibel thust? Ist’s denn ein Unglück oder eine Schande, wenn Dir eine ehrbare Frau in Dein Gesicht guckt? – Tausendsapperment, was für eine Heilige! Sag’ mal, bist Du denn auch im Forstwärterhaus solch ein scheuer Vogel?“

Ein lauter Ausruf Luisens schnitt diese kräftige Strafrede ab. … Bei der heftigen Bewegung des Mädchens war ihr das gelöste Sammtband vom Halse auf den Teppich herabgeglitten.

Sie selbst so wenig wie die erbitterte Frau hatte Acht darauf gehabt; mit desto mehr Spannung aber war Herr Markus dem Herabgleiten des Bandes gefolgt, und nun griff er hastig zu und nahm es vom Boden auf – eine Goldmünze hing daran, bei deren Erblicken Klein-Luischen den Jubelruf ausgestoßen hatte.

In diesem Augenblick fiel aber auch der Blick des Mädchens auf das am Bande schaukelnde Goldstück. Sie fuhr mit beiden Händen prüfend nach ihrem Halse.

„Der Henkelducaten ist mein,“ erklärte sie gelassen und streckte die Rechte nach ihm aus.

[139] „So? Dein? Hör mal, Mädel, das will mir nicht in den Kopf. Wie kommst denn Du zu einem solchen Werthstück?“ fragte Frau Griebel, indem sie ihre verschüchterte Luise ruhig beiseite schob, um die Sache selbst auszufechten. „Den Henkelducaten da kenne ich so gut wie meine Tasche – er gehört meiner Luise, so gewiß, wie zweimal zwei vier ist. … Solche uralte Familienstücke laufen nicht heerdenweise in der Welt ’rum – unsere alte Dame hat das selber gesagt, als sie meiner Kleinen am Confirmationstage den Ducaten um den Hals gebunden hat – das war gar feierlich dazumal, mich überläuft’s noch kalt, wenn ich daran denke. … Und nun sag’s nur – es ist ja weiter kein Unglück – gelt, Du hast den Henkelducaten draußen vor dem Hause gefunden, und es hat Dich gelockt, auch einmal zu probiren, wie Dir so ein hübsches Geflinkere zu Gesicht steht?“

Das Mädchen wurde blaß über das ganze Gesicht.

„Gefundenen Schmuck tragen ist so gut wie stehlen,“ preßte sie hervor.

„Ach was – ,stehlen’!“ wiederholte die kleine Dicke kopfschüttelnd. „Wer sagt denn das, närrisches Mädel Du? So siehst Du nicht aus. Eine erfahrene Frau, wie ich, weiß auf den ersten Blick, wo Barthel Most holt. Verstündest Du Dich auf’s Mauscheln und Mausen, da hättest Du Dir auch schon bessere Sachen auf den Leib geschafft. Aber Du bist jung, und da ist das Bischen Eitelkeit zu entschuldigen. Ich trag’ Dir’s nicht nach, Gott bewahre! Bin ich doch heilfroh, daß wir den Henkelducaten wieder haben! Ein ander Mal binde ihn aber auch fester, Luise!“

Diesen Henkelducaten keinesfalls!“ erklärte das Mädchen bestimmt. „Dann trüge Ihr Töchterchen ja auch einen Schmuck, der ihr nicht gehört. Er ist seit vielen Jahren mein Eigenthum,“ wandte sie sich ernst an den Gutsherrn „und – nun, es muß ja gesagt und bewiesen sein – er stammt aus dem Besitz der verstorbenen Frau Oberforstmeisterin. Sehen Sie sich die Prägung an! Es ist eine der ersten sicilianischen Goldmünzen aus dem zwölften Jahrhundert –“

„Ganz recht,“ bestätigte er. „Ich kenne sie, und ihre Umschrift lautet: ,Si tibi, Christe, datus, –’

,Quem tu regis, iste Ducatus'“ vollendete sie.

Er lächelte und legte den Henkelducaten in ihre Hand.

„Es bedurfte dieser Beweisführung nicht. … Nur über Eines wundere ich mich: daß Ihre egoistische Herrin auch Anwandlungen von Großmuth haben kann, und ihre Dienerin mit dem hübschen Andenken der vorstorbenen alten Freundin schmückt.“

Das Mädchen schwieg erröthend, und das unter dem Kinn gebundene Tuch wieder aufknüpfend, legte sie sich das Band um den Hals.

„Und das soll ich nun wirklich geduldig und stumm wie ein Stockfisch mit ansehen?“ rief Frau Griebel empört und zeigte nach den braunen Fingern des Mädchens, wie sie hastig die Bandzipfel zu einem Knoten verschlangen. „Ich soll es leiden, daß sich Amtmanns Magd vor meinen Augen den Henkelducaten umbindet, den meine Luise seit drei Jahren alle Tage an ihrem Hälschen getragen? Und das blos, weil die Aparte dort pfiffig genug gewesen ist, sich das Verschen zu merken, das drauf steht? Ich könnt’s freilich nicht hersagen – nicht um die Welt, und wenn Sie mich todtschlügen, Herr Markus. So fremdes Kauderwelsch ist nie meine Sache gewesen; ich bin gut deutsch – was geht mich der französische Quark an?“

„Es ist ja Latein, Mama!“ lachte Klein-Luischen und schlang ihre hübschen Arme um die Schultern der erregten Frau.

„Ach meinetwegen, französisch oder lateinisch, das ist mir ganz egal. Und geh’ nur weg, Du Schmeichelkatze! Diesmal lasse ich mich nicht ’rumbringen. Schön ist’s nicht von Ihnen, Herr Markus, daß Sie dem hergelaufenen jungen Ding gegen eine rechtschaffene Frau überhelfen. Und der König Salomo in der Bibel hätten Sie dazumal auch nicht sein dürfen – nichts für ungut, Herr Markus, aber zu einem Urtheil gehören auch Beweise. – Ja, lachen Sie nur, lachen Sie immerzu – ich nehm’s Ihnen gar nicht übel! Weiß ich doch, daß ich zuletzt lache. … Das Mädchen sagt, der Henkelducaten sei auch von unserer seligen Dame – Amtmanns neue Magd aber, wie sie da steht, ist erst in den Hirschwinkel gekommen, nachdem die Frau Oberforstmeisterin längst begraben war. Hat die Selige vielleicht Henkelducaten vom Himmel ’runtergeschüttelt, und noch dazu für Eine, die ihr Brod unter den Leuten suchen muß, für Eine, die sie bei Lebzeiten mit keinem Auge gesehen hat? Machen Sie mir doch so Etwas weiß! … Und wie viel solcher Ducaten soll denn die alte Dame gehabt haben? Man kann sich doch nicht den ganzen Hals damit bepflastern; man trägt doch allemal nur einen –“

„Man trägt auch neun an einer goldenen Halskette, wie eine solche im Nachlaß meiner Tante vorhanden ist, verehrteste Griebel!“ fiel der Gutsherr mit einem Gemisch von Humor und Aerger ein. „Ich werde Ihnen in der That nachher die verlangten Beweise bringen – Sie sollen sich selbst überzeugen, daß zwei Goldmünzen an der Kette fehlen, und es ist wohl kein Zweifel, daß die eine auf das Vorwerk verschenkt worden ist. Oder wollen Sie leugnen, daß dort Leute wohnen, die der Verstorbenen auch nahe gestanden haben?“

„Ei, wie werde ich denn das wollen? – Also wirklich, neun Stück an einer Kette, und alle egal?“ fragte sie kleinlaut und betroffen. „Je nun, das hab’ ich nicht gewußt,“ entschuldigte sie sich achselzuckend. „Unsere alte Dame war Keine, die sich gerne putzte und mit ihren Schmucksachen behing – du lieber Gott, für wen denn auch? Bei der Tillröder Kirmse, die auch für den Hirschwinkel mit gilt, war das obere Stockwerk im Gutshause immer zwei Tage lang fest verschlossen, und keine Maus, geschweige denn ein Kirmsengast, hätte auch nur ein Kuchenkrümchen im Speiseschrank über uns gefunden; Gesellschaftstrubel und Staatmachen waren eben nicht ihre Sache. … Na ja, da wird’s schon so sein. Den anderen Henkelducaten hat die Frau Amtmann, oder vielleicht auch Fräulein Franz gekriegt. Aber da frage ich nun, wie kommt er denn an den Hals da – weißt Du’s vielleicht, Jungferchen?“ wandte sie sich über die Schulter nach dem Mädchen hin. „Ich soll doch nicht etwa denken, daß die Damen auf dem Vorwerke es ruhig mit ansehen, wenn sich die Magd ihre Schmucksachen umbindet? Und noch dazu in der Woche, beim Heumachen und beim Scheuern, und zu dem verschossenen Fähnchen da, das Dir nächstens vom Leibe fällt – ’s ist der reine Spectakel –“

„Aber Mama!“ fiel ihr Luise mit sanfter Mahnung in’s Wort. Die Augen des jungen Mädchens hingen unverwandt an der „Aparten“, welche bei allen Demüthigungen, die sie hinnehmen mußte, nicht einen Moment ihre stolz reservirte Haltung verlor. „Das klingt Alles so verletzend – Du bist doch sonst so gut und mitleidig und kannst kein nasses Auge sehen. – Die Damen auf dem Vorwerke haben den Henkelducaten jedenfalls verschenkt –“

„,Verschenkt’!“ wiederholte Frau Griebel ärgerlich. „Da piept nun solch eine Grasmücke und denkt wunder, was sie für eine Weisheit ausgekramt hat, und es ist doch ohne Sinn und Verstand gewesen. … Du lieber Gott, auf dem Vorwerke, wo Schmalhans Küchenmeister ist, wo sie Nachmittags nicht einmal ein Töpfchen Kaffee an’s Feuer zu rücken haben, und wo der alte Herr in einem Schlafrocke ’rumläuft, der mit seinen tausend Flicken die reine Landkarte vorstellt – da werden sie wohl den Dienstboten Ducaten schenken – ja wohl, Ducaten! … Gänschen Du! Nasse Augen kann ich freilich nicht sehen, aber sieh’ Dir einmal die schwarzen dort an! Die haben keine Thräne –“

Sie hielt inne und sah nach dem Gutsherrn, der unterbrechend die Hand gegen sie ausstreckte, aber sein böses Gesicht schüchterte sie nicht ein. „Na, was haben Sie denn an meiner Rede auszusetzen, Herr Markus?“ fragte sie ganz gemächlich. „Sieht denn das verstockte Mädel dort aus, als hätte sie je in ihrem Leben nasse Augen gehabt? Nichts als der Hochmuthsteufel sitzt drin; die sehen auf Unsereinen ’runter, wie auf den Staub am Wege. Mit Solchen hab’ ich kein Mitleiden; ich müßte heucheln, wenn ich’s sagen wollte. Im Uebrigen will ich mich nicht weiter ärgern. Unser Henkelducaten ist’s nicht, das sehe ich ja wohl ein, und wem der andere gehört, das ist nicht meine Sache. Die guten Leute drüben mögen doch selber aufpassen; ich bin nicht Schatz- und Kronhüter auf dem Vorwerke.“

Sie trat an den Tisch und fing an, das mitgebrachte Geschirr zu ordnen, und das Mädchen ging hinaus. Vergebens bog sich Herr Markus vor, ihre Augen suchend – das Gesicht war verschlossen und undurchdringlich wie von Stein. Sie hob die Wimpern nicht und schritt an ihm vorüber, die Treppe hinab.

Wie magnetisch hingezogen, ging Luise ihr nach und blieb auf dem Altane stehen. „Gehen Sie nicht im Bösen!“ rief sie halblaut und bittend hinab.

Das Mädchen, das eben unter dem Altane wegging, sah [140] weder auf, noch machte sie die geringste Bewegung, die bewiesen hätte, daß sie den Zuruf beachte.

„Bemühen Sie sich nicht, Klein-Luischen!“ sagte der Gutsherr, der auch herausgetreten war, laut und anzüglich, „das macht Ihre kindliche Bitte nicht wieder gut. Der Unschuldige muß mit dem Schuldigen leiden – das ist so Frauenart. Ich bin auch in Acht und Bann gethan, weil ich meinte, jedes vertheidigende Wort sei, solchen Anschuldigungen gegenüber, eigentlich eine Beleidigung.“

„Geh’ herein, Luise, und mache keine dummen Streiche!“ gebot Frau Griebel kurz und trocken vom Tische herüber. „Lasse sie doch laufen, die Aparte! Da soll man wohl auch noch, wie bei Hofe, die Worte auf die Goldwage legen, wo doch ein Blinder sieht, daß die Geschichte mit dem Henkelducaten faul ist. – Herr Markus, das ist eine Magd, wie andere Mägde auch, und weil sie sich so ein Air zu geben weiß, da brauchen Sie nicht gleich zu thun, als wär’ sie womöglich die Amtmannsnichte selbst. Damit verdirbt man nur die Leute, und es ist nachher gar kein Aushalten mehr mit dem Gesinde.“

Mit diesen Worten kam sie auch näher an die Altanthür, wobei sie an dem Trinkglase, welches die Mischung von Himbeer und Selterswasser aufnehmen sollte, wischte und putzte. „Wissen möchte ich eigentlich, wo die Junge auf dem Vorwerke das Mädchen aufgelesen hat. Mir kommt sie immer vor, als müßte sie von einer Zigeunergesellschaft weggelaufen sein. Sie kann so allerhand Künste, wie man an dem Verbande da sieht; sie spricht so fremd und närrisch, und sehen Sie doch hin, wie sie dort am Hölzchen geht! Das Tuch fällt ihr vom Kopfe, und sie merkt es nicht einmal – richtig! dort bleibt’s am Wege liegen. Na ja, da haben wir’s, das richtige leichtsinnige Zigeunerblut! Und hat sie nicht so brandschwarze, dicke Haare, wie die Tatern?[1] Sie funkeln ordentlich in der Sonne. Ja, schlank und blank und geschmeidig wie die Eidechse ist das Taternvolk; die alten Hexen stehlen den Weibern das Portemonnaie aus der Tasche, und die jungen den Männern gar oft das Herz aus dem Leibe. Passen Sie nur auf, Herr Markus: die Geschichte mit dem Henkelducaten ist noch nicht zu Ende – wir werden noch ’was erleben.“

„Warten wir’s ab!“ schnitt er ihr die Rede kurz und barsch ab und griff nach den Büchern auf dem Tische, welche das Mädchen gebracht hatte.

„Na ja – etwas Anderes wird uns auch nicht übrig bleiben aber viel Geduld werden wir nicht brauchen,“ sagte sie trocken und sah ihm kopfschüttelnd nach, wie er mit den Büchern das Gartentreppchen hinab nach dem Gutshause ging und sie mit all ihren herbeigeschleppten Herrlichkeiten allein im Pavillon stehen ließ. Später aber wurde sie ernstlich böse; denn der Gutsherr war direct aus dem oberen Stocke in den Wald hineingegangen, wie die Mägde sagten.

Und Herr Peter Griebel schmunzelte – er setzte sich eben zum Vesperbrod unter den Birnbaum im Hofe nieder – und drehte gemüthlich die Daumen um einander, wie sie vor ihn hintrat und in etwas beschleunigtem Tempo sagte: „Der gute Mann denkt wohl, die Griebel sei expreß für ihn auf die Welt gekommen? Ja, Prosit! Da hab’ ich nun bei der Hitze und Gluth den Kaffee fertig gemacht, bin in den Keller nach Selterswasser gerannt, hab’ ein selbstgesponnenes, noch ganz schönes Betttuch seinetwegen zerschnitten – das wurmt mich am allermeisten! – und in allen Kasten und Schränken nach der Arnika gesucht, und das Alles – für die Katze! Er soll mir nur wiederkommen!“

Eine Zigeunerin sollte sie sein, die Räthselvolle? Im wilden Lagerleben wäre sie erblüht? Mit dieser kühnen Hypothese hatte die gute Griebel gleichsam einen Ball hingeworfen, den der Gutsherr fast wider Willen aufgefangen und seit gestern und heute halb belachte, halb mit stutzigem Auge prüfte. Er lachte, wenn er sich die geistige Grazie, die fest hervortretenden Charakterzüge des Mädchens vergegenwärtigte, welche unleugbar auf Schulbildung und gesitteten Umgang hinwiesen; er lachte, daß die braunen Augen – Frau Griebel hatte sie im Zorn für schwarz erklärt – ihren ernsten Mädchenblick, die weiße Haut den Schmelz bewahrt haben sollte im wüsten Hordenleben von Kindesbeinen an – nein, eine wilde Blume war sie nicht. Und doch drängten sich ihm dunkle Vermuthungen auf: waren die räthselhaften Besucher des Forstwärterhauses vielleicht Elemente eines Lebenskreises, dem sie entflohen? Hatten sie ihr nachgespürt und machten ihr Anrecht geltend, und der Forstwärter, der „goldtreue“ Camerad, beschützte die lichtscheuen Zusammenkünfte des Nomadenvolkes in seinem Hause möglicher Weise nur, um die Stammgenossen allmählich zu beschwichtigen und das Mädchen mit der Zeit loszuketten? Das war abenteuerlich, und wenn er an sie dachte, an ihre Menge Arbeit, an die beispiellose Hingebung und Pflichttreue ihrer Herrschaft gegenüber, so verwarf er jenen Gedanken als absurd, als absolut lächerlich. Aber er hatte sie gestern Abend wieder im Waldhüterhaus gesehen. Nach langem Umherirren im Walde hatte er sich – ganz gegen seinen Willen natürlich – doch auf der alten Fährte wiedergefunden; sie war für ihn der gefeite Ring, den die Seelen verstorbener Bräute, die Willis, nächtlicherweile um ein Opfer ziehen, sie war wie das Wildgatter, an welches der Hirsch vergebens sein Geweih bohrt – über den Bann hinaus, der den Hirschwinkel und das Stückchen Grafenholz mit dem Forstwärterhaus umkreiste, kam auch er nicht mehr.

Nun, er hatte sie belauscht, und zwar in später Abendstunde. Ehe er sich dessen selbst versehen, hatte er auf der Bank unter den zwei mit blauen Rouleaux verhangenen Eckfenstern gestanden, von diesen Fenstern war aber auch ein bläulich blasses Licht ausgegangen, ein magischer Schein, ebenso verlockend und anziehend für ihn, wie für die aus Busch und Sumpf herbeitaumelnden Motten- und Mückenschaaren. Das eine leicht verschobene Rouleau hatte ihm einen schmalen Einblick in die geheimnißvolle Eckstube gewährt, und weil es so still rings im tiefdunkelnden Walde gewesen war, so todtenstill, als sei Leben und Athem unter der lastenden Schwüle erstickt, so hatte er deutlich das Murmeln einer männlichen Stimme hinter den geschlossenen Scheiben hören können. Es hatte eintönig, fast wie die Beichte eines bedrückten Gemüthes geklungen und war öfter durch schweres Athemholen oder einen schmerzlichen Seufzer unterbrochen worden.

Das Lampenlicht hatte die geräumige Stube nicht zu durchdringen vermocht, die größere Hälfte derselben war in düsterem Halbschatten verblieben, und da hatte das Mädchen gesessen, still, den Kopf an die hohe Stuhllehne gedrückt und den linken Arm hingestreckt – es hatte ausgesehen, als halte Jemand ihre Hand in der seinen; manchmal war ein leichtes Schütteln durch den Arm gegangen. Herr Markus hatte sich nach Kräften bemüht, zu erforschen, welcher Mensch da seitwärts in der dunklen Ecke sitze, so ohne Unterbrechung in das Mädchen hineinrede und ihre Hand in der seinen festhalte, als sei sie sein unbestrittenes Eigenthum, aber der unausstehliche Fensterrahmen hatte sich gerade da breit gemacht, und der Unsichtbare war durchaus nicht so gefällig gewesen, sich auch nur ein einziges Mal vorzubiegen.

(Fortsetzung folgt.)
  1. Zigeuner.

Album der Poesien.
Abschied von der Heimath.

Nun ade, du liebes Heimathland!
Es geht jetzt fort zum fremden Strand,
Und so sag’ ich denn mit schwerem Muth,
Wie man wohl sagt, wenn man scheiden thut:
      Lieb Heimathland, ade!

Wie du lachst mit deines Himmels Blau!
Wie du grüßest mich mit Feld und Au!
Gott weiß, zu dir steht treu mein Sinn;
Doch jetzt zur Ferne zieht’s mich hin.
      Lieb Heimathland, ade!

Begleitest mich, du lieber Fluß,
Bist traurig, daß ich wandern muß;
Vom moosigen Stein, über’m waldigen Thal
Laß grüßen dich zum letzten Mal:
      Mein Heimathland, ade!

(Altes Volkslied.)
[141]
Die Gartenlaube (1881) b 141.jpg

Abschied von der Heimath.
Nach dem Oelgemälde von M. Weese.

[142]

Ein Wintergarten im Freien.

Vorschläge und Anregungen von Carus Sterne.


Johannes von Beka, ein Schriftsteller des vierzehnten Jahrhunderts, erzählt in seiner „Chronik der Bischöfe von Utrecht und Grafen von Holland“, der Kölner Dominikaner Albertus Magnus habe dem zum deutschen Könige gekrönten Grafen Wilhelm von Holland, als er am 6. Januar 1249 das Fest der heiligen drei Könige, seiner Schutzpatrone, in der heiligen Drei-König-Stadt beging, trotz der Winterkälte in seinem Klostergarten ein prächtiges Gastmahl gegeben, während dessen sich der froststarre Boden mit grünem Rasen, die Bäume mit Laub, Blüthen und singenden Vögeln geschmückt hätten. Sobald das Mahl beendet gewesen sei, wäre wieder die vorige Winterkälte zurückgekehrt und der Zauber verschwunden gewesen.

Man hat diese Sage vielfach besprochen und auf große Gewächshäuser zurückzuführen gesucht, in denen das Fest mitten im Winter unter grünenden und blühenden Gewächsen stattgefunden haben könnte, wobei man daran erinnerte, daß ja schon die Römer in den Tagen Seneca’s und Martial’s Glashäuser gehabt, in denen sie Rosen und Lilien im Winter getrieben hätten. Allein genauere Untersuchungen scheinen zu ergeben, daß diese altitalienischen Glashäuser nur Ueberwinterungshäuser gewesen sind, während Warmhäuser und Wintergärten erst im fünfzehnten Jahrhundert und zwar zuerst in Deutschland und den Niederlanden erbaut worden sind. Sie wurden allerdings bald für Festlichkeiten verwendet, und bereits aus dem fünfzehnten Jahrhundert besitzt man einen Kupferstich, der ein solches Hoffest in einem ansehnlichen Wintergarten darstellt.

Allein noch lange Zeit hindurch blieben sie eine große Seltenheit, und der französische Arzt und Gartenschriftsteller Liebault beschrieb 1574 das Orangeriehaus des Kurfürsten von von der Pfalz in Heidelberg wie ein achtes Weltwunder. Ja Olivier de Serres, der sein berühmtes Werk über Land- und Gartenbau zuerst um’s Jahr 1600 veröffentlichte, pries diesen Wintergarten mit Ausdrücken, welche deutlich zeigen, daß man damals in Frankreich derartige Glashäuser noch nicht kannte.

„Mit vielem Staunen,“ berichtet er, „erblickt man den mit kostbaren Pflanzen gefüllten Garten beim Hause des Kurfürsten, der während der schlechten Jahreszeit mit einer großen Holzwandung umgeben und bedeckt ist. Während derselben werden die Bäume durch Oefen, welche man heizt, warm gehalten; durch große Fenster, welche man nach Belieben öffnet und schließt, wird der Raum erleuchtet, an schönen Tagen aber scheint die Sonne herein, um die Bäume zu erfreuen. Wenn schließlich die schöne Jahreszeit gekommen und die Furcht vor Frösten verschwunden ist, werden alle diese Bäume von Wandung und Decke befreit und der Macht des Sommers überlassen; so regiert, vermöge dieses kostbaren Aufwandes, in diesem Aufenthalt beständig die Milde des Frühlings und des Sommers, und nie wird die Strenge des Winters daselbst empfunden.“

Diese und ähnliche Schilderungen machen es, wie gesagt, keineswegs wahrscheinlich, daß schon im dreizehnten Jahrhundert ein ähnlicher Wintergarten bei einem kölnischen Kloster existirt haben könnte; das Gartenfest des Albertus Magnus sollte eben nicht mehr und nicht weniger als ein Zauberstück des berühmten der Magie verdächtigten Gelehrten vorstellen und gehört überdies zu dem Sagenkreise, der sich erst Jahrhunderte nach seinem Tode nur seinen Namen gewoben hat und von welchem seine Zeitgenossen selbst nichts wußten.

Wie aber, wenn dieses Wunder dennoch in einer bescheideneren Form möglich wäre, wenn wir uns wirklich draußen im schneebedeckten Garten ein Plätzchen Herrichten könnten, auf welchem wir vom October bis zum März bei günstiger Witterung fortdauernd unsere Augen an frischem Grün und blühenden Ziergewächsen erfreuen könnten? Da wir in Europa mehrere mitten im Winter blühende und frostharte Zierpflanzen besitzen, so bin ich sehr erstaunt, noch nirgends einem derartigen, mit geringen Kosten ausführbaren Vorschlage begegnet zu sein. Zumal im milden Rheinthale, in Frankreich, Belgien, Holland und England, woselbst eine Reihe der herrlichsten immergrünen Schmuckgewächse, wie Alpenrosen, Kirschlorbeer, Aucuben, breitblätterige Coniferen und viele andere unbedeckt im Winter aushalten, würde bei zweckmäßiger Anlage in einem geschützten Hofe ein Januargartenfest in üppigster grüner Umrahmung durchaus keine Zauberkräfte erfordern. Aber auch abgesehen vom Rheinthale ließe sich in den meisten Gegenden Deutschlands bis in die Breiten von Dresden und Berlin ohne große Schwierigkeiten ein Wintergarten im Freien einrichten, der dem Naturfreunde zu jeder Zeit im Winter neue Freuden und Ueberraschungen bieten würde. Man müßte dazu eine abseits gelegene, durch die Gartenmauer oder noch besser durch hohe Gebäude gegen den Nordost geschützte, der Mittagssonne aber offene Ecke des Gartens auswählen und könnte die hereinschauenden kahlen Mauerwände mit Epheu bekleiden, wenn man demselben durch davorgepflanzte Bäume Schutz gegen die allzu grelle Sommersonne gewährte. In dieser Ecke könnte man dann den gesammten Bezirk des Wintergartens durch eine dichte, im Kreise oder Vieleck angelegte immergrüne Wand abgrenzen.

Man kann dazu den baumartigen Buchsbaum (Buxus arboreus), „den grünen Getreuen, der uns in aller Freude und allem Leide getreu bleibt,“ wie ihn Bettina nennt, oder die noch schönere Christpalme (Ilex aquifolius) mit ihren breiten, stahlglänzenden immergrünen Blättern und ihren bis in den Winter prangenden korallenrothen Beeren auswählen. Diese winterfrischen Gesträuche würden im Vereine mit Immergrün (Vinca), welches zu allen Jahreszeiten ein willkommenes Kranzmaterial liefert, gleichsam die Tapete oder innere Wandbekleidung des unverwelklichen Zufluchtsortes gegen die allgemeine Verödung der Flur darstellen, und das würde so recht ein Plätzchen geben, wo man mit Krummacher sprechen könnte:

„Epheu, Buchsbaum, Wintergrün
Trotzen allen Wettern;
Mag des Lenzes Schmuck verblüh’n,
Nichts wird euch entblättern;
Ruht erstarrt das Saatgefild,
Bleibt ihr treuer Hoffnung Bild.“

Nach diesem Allerheiligsten des Wintergartens könnte dann ein immergrüner Laubgang hinführen, der, wenn man eine chronologische Eintheilung des Gartens belieben sollte, von einem „Herbstplätzchen“ ausgehen könnte. Außer den bekannten Herbstblumen müßte man daselbst die Zeitlose und den echten Saffran (Crocus sativus), die beide bis in den October hinein blühen, und die schöne, reichblüthige Winteraster (Chrysathemum indicum), welche in günstigen Jahren bis in den November unsere Augen mit bunten Farben erfreut, anpflanzen. Vor Allem aber gehört hierher die wenig bekannte, aber desto mehr die Aufmerksamkeit der Gartenfreunde verdienende Zauberhasel (Hamamelis virginica), ein nach Wuchs und Blattform unserer Haselnuß vergleichbarer, aber schönerer Zierstrauch, dessen Aeste sich im October, wenn ringsherum die andern Sträucher und Bäume ihr Laub verlieren, dicht mit citronengelben Blüthen, wie mit feinen vierzipfligen Seidenschleifen schmücken, ein um diese Jahreszeit wahrhaft herzerfreuender Anblick. In der That mag es für den beschaulichen Naturfreund kaum ein poesievolleres Gewächs geben, als diesen Strauch, der seinen Frühling ganz für sich allein feiert, wenn rings das Laub des Gartens in allen Nüancen von gelb und rothbraun hinabsinkt. Die Samen dieses schönen Herbstblüthenstrauches, der sehr gut in unserem Klima ausdauert, reifen, wie die der Herbstzeitlosen, erst im nächsten Jahre, und wenn sie gut gediehen sind, eröffnen sie, von elastischen Schleudern fortgeschnellt, ein Kleingewehrfeuer auf Jeden, der in die Büsche einzudringen sucht. Das einzige unserer einheimischen Gewächse, welches ihm bei dieser späten Blüthe Gesellschaft leistet, ist unser Epheu, der aber bekanntlich erst zum Blühen kommt, wenn er ein gewisses Alter erreicht hat und seine mit umgeformten Blättern versehenen Blüthenzweige über das Gemäuer oder aus einem Baumwipfel zum Lichte hervorstrecken kann. Uebrigens schmücken die schwarzen Beeren den Epheu mehr, als die grünlichen Blüthendolden.

Gehen wir aber von dieser Einleitung zum Wintergarten auf diesen selbst über, so würden wir vorschlagen, die niedere innere Laubwand zunächst überragen zu lassen von einen: äußern Kranze dichtwachsender, immergrüner Coniferen, die, wie Humboldt so schön sagt, „den Polarvölkern verkünden, daß, wenn Schnee und [143] Eis den Boden bedecken, das innere Leben der Pflanzen, wie das prometheische Feuer, nie auf unserm Planeten erlischt.“

Die Familien der Eiben und Cypressen bieten in dem dunklen Taxus, den krausnadligen Wachholderarten (z. B. Juniperus virginiana), den lichteren Lebensbäumen und der wunderzierlichen Thujopsis dolabrata ein reiches Material zur dichtere Umhüllung und Mischung. Hierauf mögen sich weiter nach außen höher wachsende Arten Nadelhölzer anschließen, unter denen die herrlichste von allen, die spanische Abies Pinsapo, nicht vergessen werden darf, und den äußersten Umkreis würden endlich unsere eignen nordischen Nadelhölzer, die Kiefern, Fichten und Tannen zu bilden haben, mit Ausnahme der Lärche, welche Plinius mit Recht einen im Winter „traurigen“ Baum nannte.

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, daß hier die Auswölbung einer Art immergrünen Nestes, als Seitenstück der Grotten und Cabinets de verdure der altfranzösischen Gärten angestrebt wird. Sogar den Boden dieses Nestes könnte man mit einem immergrünen Rasen aus demselben Material wie die Wände versehen, wenn man daselbst den glatt am Boden hinkriechenden und einen dichten immergrünen Nadelteppich bildenden niedergestreckten Wachholder (Juniperus prostrata) anpflanzen wollte.

Aber wir ziehen es vor, den hauptsächlichsten Raum des innern Beetes den Blumen des Wintergartens frei zu halten; denn wir brauchen bunte Farben in dem sonst sich gar zu düster färbenden Winterasyl. Hier wäre zunächst noch ein kleiner Kunstgriff sehr angebracht, um durch Contrastwirkung die im Winter herabgestimmte Farbe der Nadelhölzer zu heben, und dazu eignet sich nichts besser, als der rothe Hartriegel (Cornus sanquinea), dessen Zweige sich im Winter blutig roth färben und zwischen den dunkelgrünen Coniferen bis in den Vorfrühling hinein ungemein belebend wirken. Sie zeigen überdem einen ähnlichen Farbenwechsel wie die Lebensbäume, nur in umgekehrter Reihenfolge, indem sie sich im Winter lebhafter färben, als im Sommer.

Wir kommen nun zu dem Hauptstück unseres Wintergartens, zu dem inneren Rundbeet, dessen Rand mit Immergrün oder Buchsbaum eingefaßt werden kann, während die Fläche selbst ganz und gar mit Helleborus-Arten, den Winterblumen ersten Ranges, besetzt würde. Wie die Coniferen den eisernen Bestand der Grünwandung, so liefern sie den Farbenschmuck der inneren Decoration, und man erlebt Winter, in denen sie beinahe gar nicht aufhören zu blühen.

Den Ehrenplatz der Mitte gönnen wir selbstverständlich der herrlichen, anfangs weißgrünlichen, dann sich röthenden Christwurz oder Weihnachtsrose (Helleborus niger), die in milderen Wintern von Weihnachten an bis in den März hinein blüht und immer neue Blüthen aus dem leichten Schneegewande hervortreibt. Es ist wohl kein Zweifel, daß sowohl die Ueberlieferung von der Gründung Hildesheims an einer Stelle, wo mitten im Schnee Rosen blühten, wie auch die von Perger mitgetheilte Sage von der Rose bei Marienstein im Elsaß, die sich alljährlich in der Christnacht öffnet, ja, alle jene Märchen von in der Christnacht sich öffnenden Blumen auf diese Pflanze zu beziehen sind. So faßte die Sache schon der alte deutsche Botaniker Brunfels auf, als er um 1530 schrieb: die Pflanze wird „Christwurtz genannt / darumb das sein blum / die gantz gryen ist / vff die Christnacht sich vffthut / vnd blüet. Welches ich auch selb wahrgenommen vnd gesehen / mag für ein Gespötte haben / wer da will.“

Aber wem sollte das nicht wie ein holdes Märchen erscheinen, wenn er die, wilden Rosen gleichenden, zartgerötheten, einen goldenen Kranz einschließenden Blumen über dem weißen Leichentuche der Flur sich erheben sieht? Eduard Möricke, welcher das Wunder nach langem vergeblichem Suchen einst auf einem schneebedeckten Grabe erblickte, hat es in sehr wahr empfundenen Versen gefeiert:

„Schön bist du, Kind des Mondes, nicht der Sonne;
Dir wäre tödtlich andrer Blumen Wonne:
Dich nährt, den keuschen Leib voll Reif und Duft,
Himmlischer Kälte balsamsüße Luft.“

Auch wird Niemand sich darüber verwundern, daß man diese Blume geradezu als christliches Symbol und Mysterium gefeiert hat, wie es nicht nur Möricke, sondern auch die patriotische Dichterin Agnes Franz und Ludwig Bund gethan haben:

… „Geschmiegt in’s Taunendunkel,
Ein holdes Wunder, das sich nie erklärt.
Erblüht im Schnee und im Krystallgefunkel
Christblume, die der Geist der Liebe nährt.“

Diejenigen, welche culturhistorische Beziehungen in die Anlage des Wintergartens hineinspielen lassen wollen, mögen es versuchen, dieser christlichen Weihnachtsblume in ihrem Wintergarten jenes heidnische Weihnachtsgewächs gegenüberzustellen, welches schon die alten Druiden zur Zeit der Geburt Christi als Unterpfand der neuerstarkenden Sonne im Walde suchten und welches noch heute in Altengland bei keiner rechten Weihnachtsfeier fehlen darf, das grüngoldene Reis der um diese Zeit mit weißen Beeren geschmückten Mistel. Jemandem, welcher die Fortpflanzungsart dieses sagenreichen Gewächses studirt hat, würde es nicht schwer sein, es auf den jüngeren Zweigen der Kiefern seines Wintergartens anzusiedeln; als im Februar blühendes Gewächs gehört es um so mehr in den Wintergarten und gewährt aus dem dunklen Grün der Kiefer heraus einen überaus freundlichen Anblick. Man malt sich gern ein in diesem Wintergarten, unter lebenden, mit Lichtern geschmückten Bäumen gefeiertes Weihnachtsfest aus, wobei natürlich alle der Mistel in Altengland zugestandenen Privilegien, die ihre Ansiedelung schon allein belohnen, gelten müßten. Der freundlichen, mit den englischen Weihnachtsgebräuchen weniger genau vertrauten Leserin wollen wir unter dem Siegel der Verschwiegenheit verrathen, daß jedes junge Mädchen, welches von einem jungen Manne unter der Mistel getroffen wird, sich küssen lassen muß.

In unserem Wintergarten dürften aber auch die anderen mitteleuropäischen Nieswurzarten, namentlich Helleborus viridis und foetidus nicht fehlen, obschon sie in der Regel erst aufblühen, wenn der Winter schon zu Ende geht. Besonders bietet die zuletzt genannte Art, mit ihren vielen grüngelben Blüthenknospen, die wie Goldkugeln wundervoll von dem tiefgrünen Laube abstechen, schon lange vor dem Aufblühen, und wenn rings noch Schnee und Eis ausdauern, eine herrliche Zierde unseres Wintergartens dar. Aber auch die rosa bis tiespurpurn gefärbten Arten aus Ungarn und Kroatien (Helleborus purpurascens und atrorubens) halten unsern Winter gut aus und verlangen, gleich den vorgenannten, nur bei scharfem, schneefreiem Froste eine leichte Decke. Wer sich eine kleine, mit einem Glasdache versehene Versenkung in seinem Wintergarten anbringen lassen will, kann darin noch manche andere schöne Nieswurzarten sowie mehrere der noch zu erwähnenden Blumen ohne alle künstliche Wärme in frühester Blüthe erhalten.

Eine andere schätzenswerthe, im Februar blühende Winterblume ist ferner der viel zu wenig gewürdigte Winterling (Eranthis hiemalis). Mit seinen großen, tiefgoldgelben Sternblumen erzeugt er den glänzendsten Contrast mit den beiden Schneeglöckchenarten (Galanthus nivalis und Leucojum vernum) und sollte womöglich stets in kleinen Gruppen mit denselben abwechselnd gepflanzt werden. In ihrer heiteren Wechselwirkung lassen sie uns, wenn rings noch Alles erstorben liegt, den köstlichsten Vorfrühling genießen, besonders, wenn im Hintergründe Haselnußsträucher mit ihren gelben Troddeln und purpurnen Narben wirken. Wenn man eine nach Mittag blickende Mauer zur Verfügung hat, kann man gegen Ende des Monats ihre Wirkung durch Pfirsich- und gefüllte Mandelblüthe steigern, wenigstens im westlichen Deutschland; denn bei uns hat das Symbol des Fürwitzes, die Mandel, mit ihrer Ungeduld oft einen harten Stand, und das „Symbol der Vorsicht“, der zu allerletzt seine Blätter entfaltende Maulbeerbaum, den der bedächtige Ludovico Sforza in’s Wappen nahm und von dem er seinen Beinamen (il Moro) erhielt, hat nur zu oft Gelegenheit, das Sträuchlein Fürwitz auszulachen.

Wenn wir nun zum März übergehen, so haben wir an Blumen keinen Mangel mehr. Auf den schwarzen Beeten wetteifern frühe rothe Windröschen (Anemone Hortensis), weiße, gelbe und violette Crokus, blaue Scillen und gelbe Narcissen an Farbenpracht mit einander, und unter den Gesträuchen können wir Veilchen, Pulmonarien, Schlüsselblumen, Corydalis und Leberblümchen ziehen, aber in die Gesträuche selbst gehört mehr frisches Leben, als man gewöhnlich um diese Zeit darin antrifft. Da sollten die frühblühenden Forsythien mit ihren goldenen Glocken an den purpurnen Zweigen nirgends fehlen und noch weniger der gelbe Hornstrauch (Cornus mas), der in der Regel schon im Anfang des März seinen goldenen Blüthenschleier, wie überaus zartes Frühlingslaub durch die Büsche schimmern läßt. Eine schöne Abwechselung gewährt der häufig schon Ende Februar mit rothen Blumen bedeckte Seidelbaststrauch (Daphne Mezereum), [144] der in nördlicheren Breiten die zärtlichere Mandel im Wintergarten vertreten muß.

Wer aber einen Bach oder ein kleines Wasser in der Nähe seines Wintergartens haben kann, der unterlasse nicht, die Ufer desselben mit Dotterweiden zu bepflanzen, welche abwechselnd mit dem schon erwähnten purpurzweigigen Hornstrauch durch ihr tiefgelbes Astwerk ungemein viel Lebensfarbe in die öde Landschaft des Vorfrühlings bringen. Das geneigte User am Wasser sollte man in den Zwischenräumen reichlich mit unserer gemeinen Pestwurz (Petasites officinalis) bepflanzen, einer Pflanze, die lange nicht genug von unseren Landschaftsgärtnern gewürdigt wird. Sobald Ende Februar der Schnee vom Rasen fortgeht, tauchen ihre purpurnen Blüthensträuße wie rothe Tannenzapfen aus dem Boden empor und entfalten sich im März, während die kolossalen Blätter in ihrer wahrhaft tropischen Ueppigkeit den ganzen Sommer über als herrlichste einheimische Blattpflanze das Ufer schmücken. Ich weiß nicht, ob der sogenannte Winter-Heliotrop (Petasites fragrans), der in Frankreich den ganzen Winter hindurch vom November bis zum März seine rosenrothen Vanilleduftenden Blüthen entfaltet, auch in unseren Gärten fortkömmt; er würde sonst eine werthvolle Bereicherung unseres Wintergartens bilden.

Wer noch weiter gehen will, mag in unmittelbarer Verbindung mit dem Wintergarten eine Alpenpflanzengruppe anlegen, deren Blumen sich in der Ebene größtentheils schon im April entfalten, um so einen Uebergang zum Sommergarten herzustellen und die Jahreszeiten an bestimmte Stellen seines Gartens zu fesseln. Natürlich will alles, was hier gesagt wurde, nur als Anregung betrachtet werden, nach welcher aber jeder geschickte Blumen- und Landschaftsgärtner im Stande sein dürfte, unseren Gärten und Parken neue und ungeahnte Reize für die ödesten Monate im Jahre zu verleihen.






Etwas über den Panama-Canal.

Es hat viel Erhebendes, daß in einer Zeit, in welcher das altverrottete Chinesenthum der Grenzsperren tagtäglich an unseren moskowitischen Ostmarken den friedlichen Verkehr befreundeter Nachbarvölker erschwert, in einer Zeit, in welcher die hohe Politik in hohen Steuer- und Zolltarifen Schutzbarrieren gegen freien Verkehr und Handel aufthürmt, daß in eben derselben Zeit so beschränkender Maßnahmen der Mensch alle Schranken der Naturgewalten überwindet, um dem Verkehr die kürzesten, sichersten, bequemsten Straßen zu öffnen. Die Natur wird, um den Verkehr zu fördern, förmlich umgebildet, die breitesten Klüfte, die tiefsten Abgründe werden überbrückt, die höchsten Berge umgangen, durchbohrt und Eisenstraßen über sie geführt – Jahrtausende getrennte Meere werden zu verkürztem Verkehr mit einander verbunden.

Es ist überflüssig anzuführen, welche Tunnels, Viaducte, Brücken und Canäle in unserem Jahrhundert zu diesem Zweck gebaut worden sind, was die Technik zur Beförderung des Verkehrs in Wasser- und Landbauten, in Hoch- und Tiefbauten geleistet hat. Es ist überflüssig anzuführen, daß durch den Suezcanal das Mittelmeer mit dem Rothen Meer, der Atlantische Ocean mit dem Indischen verbunden, und daß dadurch die kürzeste schiffbare Verbindung zwischen Europa und Asien, den beiden volks- und productenreichsten Erdtheilen, hergestellt worden ist.

Ein Seitenstück vom Canal von Suez ist der jetzt geplante Canal in Centralamerika, der das Atlantische Meer mit dem Großen Ocean verbinden soll. Ueberblicken wir die Vertheilung des Festen und Flüssigen auf der Erde, so werden wir bald erkennen, wie diese beiden großen Werke einander entsprechen. Vergessen wir auf einen Augenblick die herkömmliche, aber nur zufällige Eintheilung der Erdoberfläche in fünf Erdtheile und fünf Meere, so sehen wir ein einziges großes Weltmeer, in welches zwei Landmassen von den Nordpolargegenden bis weit in die südliche Halbkugel hinein sich erstrecken, die dadurch dieses Weltmeer in zwei große Abtheilungen zerlegen.

Das Weltmeer ist nun überall der Tummelplatz des großen Verkehrs geworden, doch ist dieser nicht über alle Theile der Erde gleichmäßig verbreitet. Alle Völker, die an ihm regen Antheil nehmen, wohnen auf der nördlichen Halbkugel, und zwar der Hauptmasse nach auf dem Gürtel von 30 Breitegraden oder 450 geographischen Meilen, welcher zwischen dem 30. und 60. Grad nördlicher Breite eingeschlossen ist. Was ist begreiflicher, als daß sie sich an dem Naturzwang stoßen, der sie nöthigt, einen Hunderte von Meilen weiten Umweg zu machen, wenn sie von einem Meer in’s andere gelangen wollen? Die Europäer, denen der Verkehr mit den Ländern des Indischen Oceans am meisten am Herzen liegt, haben deshalb in 30 Grad nördlicher Breite bei Suez die eine Landmasse durchbrochen. Statt um die 70 Breitegrade südlicher liegende Spitze von Afrika zu fahren, können sie nun am Nordrande dieses Erdtheils hin in das andere Meer gelangen und sparen damit nicht nur Zeit und Geld, sondern sind auch im Stande, ihre Macht nach jenen Gegenden hin viel straffer und damit stärker fühlbar zu machen, als vordem. Zeit sparen heißt vorzugsweise in unseren Tagen nicht blos Geld sparen, sondern auch Macht gewinnen.

Aber die Schranke der westlichen Landmasse ist noch immer geschlossen, und so ist denn nunmehr ihre Durchbrechung das nächste großartigste Werk, die nächste Weltarbeit, welche handels- und geldmächtige Völker und unternehmende Geister sich vorgesetzt haben. Die Durchstechung des Isthmus von Panama wird bei weitem das größte Werk sein, das Menschenhände jemals geschaffen. Weder der Suezcanal, noch die Pyramiden, noch die hängenden Gärten der Semiramis werden diesem Werke gegenüber fernerhin als Weltwunder angestaunt werden können; denn die Schwierigkeiten und Hindernisse, die hier der Ausführung entgegentreten, sind bei weitem zahlreicher, mannigfaltiger und mächtiger; sie sind physischer, technischer, finanzieller, politischer Natur. Die Verhältnisse des amerikanischen Isthmus sind von jenen der Landenge von Suez so verschieden, daß man diese Werke kaum mit einander vergleichen kann. Die eine Landenge ist die Region außergewöhnlichen Regenfalls, die andere außergewöhnlicher Trockenheit; die eine ist bedeckt mit undurchdringlichen, endlosen Urwäldern, die andere gänzlich kahl; die eine besteht aus Gebirgen mit steilen Abstürzen und Schluchten, durch die sich nach jedem Regen furchtbare Ströme wälzen, die andere ist eine sandige Ebene.

Die Wichtigkeit der Verbindung beider Weltmeere ist seit der Entdeckung Amerikas erkannt worden. Schon Columbus, so unrichtig seine Vorstellungen auch sonst waren, suchte hier eine Durchfahrt nach dem goldenen Kathai und Cipangu (nach China und Japan), nach den duftigen Eilanden der Gewürze, welche vor ihm Marco Polo geschildert hatte. Auch die ersten spanischen Eroberer Amerikas suchten hier vergeblich eine Meeresstraße, und während der späteren langen Jahrhunderte fuhren die Segler den langen Weg an den Küsten um die Südspitze Amerikas.

Erst Alexander von Humboldt war es im Anfange unseres Jahrhunderts, der sich eifrigst mit dem Verbindungsproject beider Meere durch einen Canal beschäftigte. Er hat darauf gedrungen, den Isthmus in seiner ganzen Länge an der Hand der Höhenmessung zu untersuchen, „besonders da, wo er sich an das Festland von Südamerika durch Darien und die unwirthbare ehemalige Provincia de Biruquete anschließt und wo zwischen dem Fluß Atrato und der Bai von Cupica (im Litoral der Südsee) die Bergkette des Isthmus fast gänzlich verschwindet“.

General Bolivar hat auf Humboldt’s Vorstellungen in den Jahren 1828 und 1829 durch Lloyd und Falmarc die Landenge zwischen Panama und der Mündung des Rio Chagres genau nivelliren lassen, und andere Messungen sind später von kenntnißvollen und erfahrenen französischen Ingenieuren, wie Projecte für Canäle und Eisenbahnen mit Schleußen und Tunnels gemacht worden. Die Zahl der in den letzten zwanzig Jahren von den verschiedensten Regierungen, Gesellschaften und Privaten zu diesem Zweck unternommenen Expeditionen und Canalprojecte ist Legion. Das Großartigste im Projectemachen leisteten bisher die Franzosen; von ihnen liegen nicht weniger als 36 Entwürfe zum Durchstich des Isthmus vor, von denen jeder der „einzig“ durchführbare sein sollte. Aber sie alle zusammengenommen waren nicht auf Untersuchung der Feldmeßkunst gegründet. Erst die von der Vereinigten Staatenregierung ausgerüsteten Expeditionen in den Jahren 1870 bis 1875 untersuchten wissenschaftlich den ganzen Isthmus. Je [145] genauer man die Sache prüfte, desto geringer wurde auch die Zahl der Projekte, welche Aussicht auf Erfolg hatten, und nunmehr ist nur noch die Frage: Nicaragua oder Panamacanal? Für jeden einzelnen agitiren die Vereinigten Staaten, England und Frankreich aus verschiedenen Sonderinteressen.

Ein Blick auf das nachstehende Kartenbildchen, auf welchem die Dampferlinien um das Cap Horn in vollen, die nach dem Durchstich der Landenge von Panama dagegen voraussichtlich einzuschlagenden Routen über den interoceanischen Canal mit punktirten Linien angegeben sind, giebt eine Vergleichung der Wegelängen um das Cap Horn und durch den Panamacanal und eine augenfällige Anschauung von den verheißenen Vortheilen des projectirten gigantischen Werkes. Der Weg von den europäischen und ostamerikanischen Häfen nach den Häfen an der Westküste von Mexico und Columbien, sowie theilweise nach Australien und Ostasien wird um die Hälfte oder gar um nahezu zwei Drittel abgekürzt. Während z. B. jetzt die Entfernung von Cap Lizard, am westlichen Ausgange des englischen Canals, welches im Allgemeinen als Anfangs- und Endpunkt für oceanische Fahrten der deutschen, holländischen und englischen Schiffe angesehen wird, nach San Francisco um das Cap Horn etwa 15,000 Seemeilen beträgt, wird nach der Eröffnung des Canals San Francisco von Lizard nur 7800 Seemeilen entfernt sein.

Die Gartenlaube (1881) b 145.jpg

Die Handelswege und der Panama-Canal.

Am wichtigsten sind allerdings für uns die Entfernungen von den deutschen Häfen, die wir auf der Karte nicht angedeutet haben, um die Dampferlinien nicht zu verwischen. Wir bemerken aber dabei, daß zwischen Bremen und Hamburg einerseits und London andererseits in Bezug auf die Entfernungen im Panamacanalverkehr kein nennenswerther Unterschied besteht.

Während bis jetzt die Reisedauer von Hamburg aus um das Cap Horn oder durch die Magellansstraße nach San Francisco, je nach der Schnelligkeit der Dampfer, 50 bis 60 Tage beträgt, wird sie nunmehr durch den Panamacanal auf 20 bis 22 Tage abgekürzt werden.

Die Vereinigten Staaten sind bei dem Riesenwerke zunächst und am meisten interessirt, da es in erster Linie der Westküste Amerikas, namentlich Californien zu Gute kommen würde, an zweiter Stelle der Inselwelt des Stillen Meeres und dem Festland von Australien. Californien ist gegenwärtig kein Goldland mehr, sondern ein Kornland, aber zur vollen Entwickelung und Verwerthung seines Bodenreichthums fehlt ihm die Verbindung mit dem Außenlande. In reichen Jahren muß der Farmer sein Vieh mit Weizen füttern, weil er für denselben keinen Absatz hat. Die Länder im Osten der Pacificbahn sind selber an Körnerfrüchten überreich; der weite Umweg um das Cap Horn, obwohl auf ihm schon jetzt Ladungen nach Europa gehen, vertheuert dagegen die Erzeugnisse der Westküste unverhältnismäßig gegenüber der billigen Fracht der Prairiestaaten, welchen bequeme Wasserstraßen und billige Eisenbahnwege nach der östlichen Hälfte zu Gebote stehen. Nur die Eröffnung eines Conciles von Meer zu Meer kann Californien die Mittel gewähren, seinen Reichthum bestens zu verwerthen.

Aber auch der atlantischen Küste des Landes wird für die Manufakturen der gewerbreichen östlichen Staaten ein Gebiet erschlossen, von welchem sie zur Zeit noch durch europäische Concurrenz fast völlig fern gehalten werden, und Aehnliches ist auch für den Verkehr mit Polynesien und Australien der Fall; denn der Suezcanal bietet Europa hinsichtlich dieser Länder nur einen theilweisen Vorschub, weil Segelschiffe auf demselben fast ausgeschlossen sind und das Verlangen nach billiger Fracht stets den Weg über Amerika vorziehen wird.

In Europa ist es in erster Linie England, welches für die Ausführung des Canals sich interessiren muß. In Wirklichkeit hat es auch bereits im Jahre 1850 sich mit den Vereinigten Staaten durch einen Vertrag dahin verständigt, daß ein Canal durch Centralamerika, wo und wie er auch immer ausgeführt werden sollte, nicht einer Nation allein ausschließlich angehören dürfe. England rückt durch einen Isthmuscanal seiner Colonie Neuseeland und einigen Häfen an der Westküste Amerikas um mehrere hundert Meilen näher. Freilich bleibt es zweifelhaft, ob die Dampfer nach Neuseeland den Weg durch den Isthmuscanal nehmen werden; denn Neuseeland ist heute noch nicht bevölkert genug, um eine directe Dampferverbindung mit England erhalten zu können, und alle Dampfer, welche heute nach Australien und Neuseeland fahren, legen in Aegypten und Indien an und machen sich nur hierdurch bezahlt. Man sieht also zur Zeit keine Vortheile, um deren willen England seine Millionen an ein Unternehmen wenden sollte, das nur seinem Rivalen von Nutzen sein könnte. Es ist sogar wahrscheinlich, daß England den Canalbau zu erschweren suchen wird. Schon jetzt concurriren amerikanische Waaren in China, Indien, Neuseeland sehr erfolgreich niit den englischen und drohen dieselben zu verdrängen. England hat also kein Interesse daran, Amerika den Weg nach seinen Märkten zu öffnen. Hierzu kommt noch: England besitzt den Löwenantheil am Suezcanal, dem mächtigsten Rivalen des amerikanischen Canals, den es schwerlich mit seinem Gelde wird unterstützen wollen.

Deutschland hat zur Zeit ziemlich wesentliche Interessen im Großen Ocean, wird sich jedoch kaum mit besonderer Vorliebe [146] für den Canalbau erwärmen. Aber es wird Pflicht unseres Kaufmannsstandes sein, die alten Posten zu erhalten und neue rechtzeitig aufzustellen, ehe der gesammte Panamahandel in die Hände anderer Nationen übergeht. Auch Spanien, das außer England und Portugal mit Südamerika verkehrt, wird den Amerikanern nicht Canäle bauen helfen, da es sich selbst nicht helfen kann, und die Staaten Centralamerikas sind finanziell zu zerrüttet, als daß sie an materielle Förderung denken könnten.

Unter diesen Umständen agitirt Herr Lesseps in Europa und in Amerika für die Beschaffung des erforderlichen Capitals, was ihm auch glücklich gelungen, weil die in Paris aufgelegte Zeichnung von 590,000 Actien à 500 Franken um 200,000 Actien überzeichnet ist. Die Unternehmer Couvreux und Hersent verlangen für Herstellung 512 Millionen Franken, während die Baukosten vom internationalen geographischen Congreß in Paris (1879) auf 1070 Millionen berechnet wurden. Der Canalbau ist auf sieben Jahre veranschlagt, und soll das Werk im Jahre 1887 vollendet sein. Der technische und politische Theil des Unternehmens scheint im Großen und Ganzen ziemlich festgestellt zu sein; die Verhandlungen sind im Flusse; die Zeichnungslisten für die Panama-Actien liegen auch in Deutschland aus. Es sind auch bereits achtundvierzig französische Ingenieure aus Paris zur Aufnahme der Arbeit nach Panama abgegangen, und der Panamacanal soll der neueste Wunderbau des Weltverkehrs werden!

Und trotz alledem, trotz dem so entschiedenen und zuversichtlichen Vorgehen Lesseps’ beschäftigen doch noch mehrere Concurrenzpläne die volle Aufmerksamkeit der Fachmänner wie der Geldmänner Nordamerikas. So hält bekanntlich der berühmte amerikanische Ingenieur Eads eine Schiffseisenbahn für leichter ausführbar, als einen Canal. Er will nichts Geringeres, als eine Eisenbahn bauen, auf der die größten Seeschiffe über den ganzen Isthmus von Locomotiven gezogen werden sollen und welche er mit dem vierten Theile des Zeit- und Kostenaufwandes herstellen will, den die Anlage eines schiffbaren Canals nach dem Plane Lesseps’ erfordert. – Wie dem aber auch sei und welche Projecte sonst noch geplant werden mögen, hier genügt es, auf das gigantische Unternehmen als ein charakteristisches Werk unseres Jahrhunderts hingewiesen zu haben.






Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
Von C. Michael.
13. Wie und wo soll man sparen?

„Mein liebes Kind, wir werden uns etwas einschränken müssen.“ Wie viele Hausväter haben wohl im Verlauf der letzten Jahre diesen Satz in den verschiedensten Variationen zu ihren Frauen gesprochen! Alles will sich „einschränken“; die ganze Welt findet es plötzlich nothwendig zu „sparen“.

Der Finanzminister stellt diese Nothwendigkeit seinem Herrscher vor, der Güterdirector seinem fürstlichen Chef; regierende Fürsten geben ihre Hoftheater auf; vornehme Herrschaften verkaufen ihre reizenden Landsitze, um zu sparen, und englische Lords gehen zu demselben Zweck nach dem Continent „auf Reisen“; hier entläßt man einen zweiten Diener und dort das einzige „Mädchen für Alles“; nur zwei große Diners, statt der üblichen fünf, will der Minister in diesem Monate geben, und die Bürgersfrau streicht, in gleicher Absicht, ihren Kindern die Butter etwas dünner auf’s Brod – sie Alle, Hoch und Niedrig, Vornehm und Gering, versuchen zu sparen. Man sollte meinen, wenn das so fort ginge, müßte die Welt binnen Kurzem unermeßlich reich werden.

Die feuerfesten Schränke müssen ja bersten von dem aufgespeicherten Reichthum, und die Sparbanken werden bald überfüllt sein. Dem ist leider aber nicht so. Bei all der Sparsamkeit nimmt die Zahl der Armen nur zu, und das aus dem einfachen Grunde, weil die Mehrzahl der Sparenden den „Versuch“ falsch angreift oder nur kurze Zeit mit Energie durchführt.

„Wie und wo soll man sparen?“

Die Beantwortung dieser Frage hat schon viel Thränen und schlaflose Nächte gekostet. Wir wollen es heute einmal versuchen, der schwierigen Lösung derselben um einen kleinen Schritt näher zu kommen; denn auch wir haben über diese Frage gewacht und geweint, gesorgt und gegrübelt. Die „obersten Zehntausend“ unserer Sparenden lassen wir vorläufig aus dem Spiel; es gelüstet uns nicht, uns mit Finanzoperationen und Nationalökonomie zu befassen. Wie immer, wollen wir uns nur streng auf unser eigenes Reich, auf das Reich der Hausmutter, beschränken.

Dieser vielgeplagten Hausmutter also hat ihr Gatte gesagt: „Wir müssen uns einschränken,“ und gehorsam seinem Wunsche, nimmt sie am folgenden Morgen nur die Hälfte der gewohnten Bohnenquantität zum Kaffee oder bringt, an Stelle des erwarteten Bratens, zu Mittag eine Milchspeise auf den Tisch.

„Nein Kind,“ ruft da der Hausherr entrüstet, „ein ordent- liches Stück Fleisch muß ich haben. Am Essen darfst Du mir nicht mit dem Sparen anfangen, schon um der Kinder willen nicht, die bei ihrem raschen Wachsthum gut genährt werden müssen.“

„Ich werde lieber versuchen, in der Garderobe zu sparen,“ denkt die Frau und kämpft heroisch den längst gehegten Wunsch nach einem neuen Mantel nieder.

Man wird ausgebeten. Der Mann, in tadellosem Salonanzug, tritt in die Wohnstube und meldet sich bereit zum Aufbruch. Die Frau greift nach Hut und Mantel.

„Ist denn Dein neuer Mantel noch nicht fertig?“ fragt ärgerlich der Gatte.

„Aber – der Mantel ist wirklich noch recht gut, und – ich wollte sparen,“ stammelt die Frau.

„In der Kleidung darfst Du es nicht,“ lautet die energische Antwort, „was müßte man denn von uns denken, wenn Du in diesem abgetragenen, unmodernen Mantel zu einer Hochzeit kämst!“

Die Folge des verunglückten Sparversuches ist, daß man – statt zu Fuß zu gehen – an der nächsten Ecke einen Wagen nimmt und im ersten besten Magazin eiligst einen theuren Mantel kauft, der nicht einmal dem Geschmacke der Käufer entspricht. – Und wie viele „Loth Kaffee“ konnte man mehr verbrauchen für die überflüssig bezahlte Droschke!

Unsere Hausmutter ist eine der guten, geduldigen Frauen, die nicht raisonniren. Sie sagt kein Wort; sie rechnet sich blos ganz heimlich das Exempel aus. Mit einem Vorschlage, den Musikunterricht der Töchter zu streichen, die Knaben in die Bürgerschule zu schicken, statt auf das theure Gymnasium, kommt sie aber auch nicht besser an.

„An Allem gespart, nur nicht am Unterricht!“ erwidert der Gatte, „das ist ja ohnedem das Einzige, was wir unseren Kindern mitgeben können, ihr bestes Capital für’s ganze Leben.“

Sie will das Dienstmädchen entlassen, aber: „Das fehlte noch,“ heißt es da. „Bist Du nicht geplagt genug?“

So geht es fort und fort, und doch muß sie dabei alle Tage wieder das alte Lied hören: „Wir müssen uns einschränken.“

Ist das nicht zum Verzweifeln? Nein, mein armes Hausmütterchen, es ist nicht zum Verzweifeln; denn merkwürdiger Weise findet sich gerade in dem Widerspruche, der Dich so tief niedergeschmettert, zugleich die einzig richtige Lösung der Aufgabe.

Man darf nicht nach einer Richtung hin sparen wollen, sondern man muß es nach allen Seiten hin thun, nach jeder aber so wenig, daß es nur im Allgemeinen, nicht im Besonderen fühlbar wird. Um bei dem ersten Bespiele stehen zu bleiben, so mußte unsere Hausfrau nicht gleich die Hälfte des Kaffees weniger nehmen, auch nicht das Fleisch ganz fortlassen. Nur etwas knapperes Maß des ersteren und etwas kleinere Portion des letzteren! Das wäre kaum bemerkt worden. Täglich ein halbes Pfund Fleisch weniger macht im Jahre 120 bis 130 Mark aus. Der neue Mantel konnnte davon gekauft werden, und ein Hut noch obendrein, wenn die Ansprüche nicht allzu hoch waren.

Also, ein klein Bischen sparen an allem, wo es sich ohne Schaden thun läßt – das ist schon eine bedeutende Hülfe, eine noch viel größere aber ist es: nichts Ueberflüssiges anschaffen, das Nöthige zur richtigen Zeit und an den richtigsten Bezugsquellen entnehmen, und drittens: peinlich darauf halten, daß nichts verdirbt oder verloren geht. Durch diese drei Mittel kann man viel, viel mehr sparen, als durch größere Einschränkung nach einer Seite hin.

[147] „Bei einer großen Wirthschaft wird eine kleine gemaust“ – die Wahrheit dieses Spruches steht zweifellos fest. Bei jedem Rittergute wird mindestens eine sogenannte „Gartennahrung“, das heißt eine Wirthschaft mit Haus, Garten, etwas Feld und einer Kuh – gestohlen. Das ist nicht zu ändern, und wer mir sagt, in seinem Hofe sei es anders, von dem glaube ich, daß er es nicht versteht und sich also wahrscheinlich – zwei kleine Wirthschaften mausen läßt, statt der einen. Dasselbe gilt von den Stadthaushaltungen. Dagegen ist es geradezu wunderbar, wie weit der Oelkrug langt, wenn die Hausfrau selbst die Lampen füllt.

Eine sparsame Hausfrau wird darauf sehen, daß alle Hausgenossen satt werden, daß kein Bettler ungespeist von ihrer Schwelle zieht und die Vöglein auf dem Fenstersimse draußen auch nicht verhungern, aber – verderben wird sie nichts lassen, kein Brodkrümchen, kein Bandstückchen, keine Stecknadel.

Ich kenne Frauen, die einen neuen Hut stets zum ersten Mal bei Regenwetter aufsetzen – selbstverständlich vergessen sie den Regenschirm zu Hause. Einen Bratenrest heben sie zwar sorgfältig auf, beseitigen ihn aber stillschweigend nach acht Tagen, wenn er nicht inzwischen lebendig geworden und – selber davon gelaufen ist. Und ein solches Dämchen will dann noch behaupten, es sei „weise Sparsamkeit“, wenn sie den Dienstboten nicht satt zu essen giebt und keinen Pfennig an einen Armen „verschwendet“?

Der englische Nationalökonom Smiles giebt uns für die Sparsamkeit drei goldene Regeln. Sie lauten: 1) Verthue stets etwas weniger, als du einnimmst! 2) Bezahle baar, und entsage standhaft Allem, was du nicht bezahlen kannst! 3) Nimm keine ungewisse Einnahme als schon empfangen an, indem du im Voraus schon darüber verfügest!

Diese Regeln lauten etwas schroff, aber immerhin! Heil Dem, der stark genug ist, sie zu befolgen! Besonders die erste ist sehr beherzigenswerth: Man soll in guten Tagen Etwas zurücklegen für die bösen.

„Eine Flasche Wein weniger, in der Gründerzeit, gab dem Arbeiter zwei Brode nach dem Krach,“ sagt ein hamburgisches Volksblatt.

Ueber den zweiten Smiles’schen Satz: „Bezahle baar, und versage dir standhaft, was du nicht bezahlen kannst!“ ließe sich schon eher streiten. Er scheint mir nur für Solche gemacht, die eine feste Einnahme haben, und sich wohl am leichtesten nach dieser ihrer Decke zu „strecken“ vermögen. Wollte man ihn auf kaufmännischen, ökonomischen und sonstigen Geschäftsbetrieb anwenden, so würde bald aller Handel und Verkehr in’s Stocken gerathen.

Bei der dritten Regel: „Nimm keine ungewisse Einnahme als schon empfangen an!“ muß ich an einen unserer Nachbarn denken. Derselbe hatte, noch lange bevor es gesetzlich vorgeschrieben wurde, alle seine Feldwege mit Bäumen, und zwar mit Süßkirschen bepflanzt, für welche, wie sich später herausstellte, der Boden seines Gutes nicht geeignet war.

„Das giebt in drei, vier Jahren einen Kirschpacht von mindestens fünfhundert Thalern,“ sagte er triumphirend, „und diese Summe capitalisirt, giebt, wenig gerechnet, 15,000 Thaler, also ist mein Gut durch diese Alleen um so viel im Werthe gestiegen.“

„Der thut ja, als hätt’ er seine 15,000 Thaler schon in der Tasche!“ äußerte mein Mann lächelnd, „wenn er nur nicht etwa darauf hin den Umbau seines Schlosses vorgenommen hat!“

Und richtig, so war es. Das neue Schloß kostete zehntausend Thaler, die herbeigeschafft werden mußten, aber von den Kirschen hatte der Aermste noch keinen rothen Heller Einnahme gesehen, als er nach fünf Jahren fortziehen, Schloß und Kirschbäume aber einem Andern überlassen mußte.

Um noch einmal auf die alten Bauernregeln zurückzukommen, will ich nur an ein Wort erinnern, das sehr zu beherzigen ist: „Nur bei vollen Töpfen ist sparsam wirthschaften.“

Welch ein bedrückendes Gefühl, wenn Kisten und Kasten, Fässer und Töpfe leer sind! Da rafft man zusammen, was eben noch vorhanden ist, oder das Dienstmädchen muß alle Viertelstunden wieder von der Arbeit fortlaufen, um jetzt Essig, jetzt Zucker, dann wieder Salz oder Mehl zu holen. Wie viel Zeit wird dabei verlaufen, und bezahlst du nicht alle diese Wege aus deinem Beutel? Bezahlst du nicht obendrein bei jedem halben Pfund Reis die schöne Papierdüte auch mit und giebst für die Waare um einige Pfennige mehr, als im Centnerpreis? Nur bei Vorrath, nur bei „vollen Töpfen“ ist sparsam wirthschaften – ich lobe mir die guten alten Sprüchwörter.

O, ich weiß deren noch viele, die Bezug haben auf dieses Thema, und einen tiefen Kern von Lebensweisheit haben sie alle.

Meine alte Tante – sie gehörte zu jener Sorte, die jetzt leider auszusterben scheint – weihte mich in meinen wirthschaftlichen „Lehrjahren“ in die Mysterien von Milchkeller und Speisekammer ein. Deutlich steht sie noch vor mir, die rüstige, stets heitere Frau in der spiegelblanken breiten Leinwandschürze, mit den biederen Worten und dem krystallklaren Gemüthe, unermüdlich thätig und für jeden denkbaren Anlaß mit einem ihrer zutreffenden Sprüche bei der Hand.

„Spare mit nichts so peinlich, wie mit der Zeit!“ pflegte sie zu sagen, „denn ’s ist das einzige Ding, was sich nie wieder einkriegen läßt.“

„Die Frau bringt mehr in der Schürze heim, als der Mann im Wagen,“ hieß es, wenn sie sich nach einer Kartoffel bückte oder ein paar verloren gegangene Krautblätter auflas, und: „Da suchst Du wieder einen Pfennig und verbrennst dabei drei Lichter.“

„Na, na, beruhige Dich nur!“ tröstete sie ein andermal, „keine Suppe kommt so heiß auf den Tisch, wie sie gekocht wird.“ Und wirklich, wenn die „Suppe“ von Trübsal oder Aergerniß auf den Tisch kam, so habe ich sie noch jedes Mal essen können; sie war doch so gar heiß nicht.

„Man muß Gott für Alles danken, mein Kind!“ hieß die Antwort auf meine Klage, daß die Henne nur zwei Küchlein ausgebrütet habe, und wenn sich ein paar Dienstmägde zankten, so rief sie lachend: „Höre nur gar nicht erst darauf! Eines ist zwei Dreier werth und das Andere sechs Pfennig.“ Oder noch derber ausgedrückt: „Laß sie laufen! ’s ist ranzige Butter und schimmliges Fett.“

Der Kernspruch all ihrer Sprüche aber war einer, dem ich viel zu danken habe, und der mir oft wunderbar geholfen hat, so einfach er klingt: „Beiß die Zähne zusammen – ’s muß hinunter,“ sagte sie, wenn ein unabänderliches Weh zu tragen war.

„Es muß hinunter!“ Wie oft hat mir das Wort in späteren Jahren in den Ohren geklungen, wenn es galt, die Zähne fest über einander zu beißen bei unverdienter Demüthigung, bei bitterem Herzeleid, von Menschenhand heraufbeschworen!

Noch ein einziges ihrer „Sprüchel“ will ich hier anführen, als letztes:

„Keine Tugend steht allein;
Es müssen ihrer viele sein.“

Auch die Sparsamkeit kann beileibe nicht „allein“ stehen in der Welt. Wo sie das thut, da wird sie ein zweckloses Zusammenscharren von Geld und Gut, Habsucht genannt, oder ein Darben, mitten im Besitze: der schnöde Geiz. Nein, Sparsamkeit, die echte, rechte, die ich meine, steht niemals allein. Schon um zur Sparsamkeit im gewöhnlichsten Sinne des Wortes zu werden, braucht sie ein Gefolge von Ordnungsliebe, Reinlichkeit, Fürsorge und kluger Umsicht. Aber auch noch viel höher vermag sie sich aufzuschwingen; diese anscheinend kleinlichste und prosaischste aller häuslichen Tugenden kann eine nie geahnte Höhe erreichen, wenn sie, gepaart mit Großmuth und Freigebigkeit, die treue warme Nächstenliebe selbst als Triebkraft ihres Wirkens einsetzt. Das ist ihr Triumph, und erst an diesem Ziele angelangt, wird sie in Wahrheit zur Tugend, zu einer der lautersten, erhabensten Tugenden des Menschenherzens.

Schön ist es und edel, wenn reich Begüterte die milde Hand aufthun, um von ihrem Ueberfluß Almosen zu spenden; noch höheres Verdienst gebührt Jenem, der da erst sparen und sorgen muß, um dann am rechten Orte desto reichlicher – geben zu können.

Es ist eine schon oft beobachtete Thatsache, daß Arme zumeist freigebiger sind als Reiche. Der erste Grund mag wohl sein, daß nur der Arme wissen kann, was Entbehrung heißt, und mit dem besseren Verständniß für die Leiden der Armuth auch das tiefere Mitgefühl für fremde Noth verbindet, ganz gewiß aber kommt noch ein Zweites hinzu: Wenn der Reiche einen Theil seines Ueberflusses spendet, so empfindet er nicht in dem Maße die Wonne des Opfers, wie der Arme, der sich diese Freude erst mühevoll durch tausend kleine Entsagungen erkämpft hat. Zieht man diesen Hochgenuß des Opfers aber mit in Rechnung, so kann man wohl sagen, daß die Sparsamkeit in ihrer Vollendung ein gar weites, segensreiches und befriedigendes Gebiet umfaßt. Aber es ist nicht so leicht, sich zu dieser Höhe aufzuschwingen, wie man gewöhnlich glaubt; es gehört mehr dazu, als nur ein augenblicklicher [148] Entschluß, und Keinem wird es gelingen, nur so gleichsam „über Nacht“ – sparsam zu werden.

Fangt zuerst damit an, das zu erhalten, was noch euer Eigen ist. Schafft zweitens nichts Ueberflüssiges an, so wird es euch kaum jemals am Nöthigen mangeln, und dann erst, wenn Ordnung, Umsicht und kluge Eintheilung das Ihrige gethan haben, dann erst greift zu dem äußersten Mittel, hier und da etwas abzuknappen an den gewohnten Bedürfnissen! In den meisten Fällen aber wird es, zu eurem Staunen, gar nicht nöthig sein, daß ihr die Sparsamkeit so weit treibt.




Karl von Clausewitz.
Ein Lebensbild aus den Zeiten der Befreiungskriege.
Von E. Rudorff.
„Ich habe nie Ihren großen Werth verkannt.“
Scharnhorst.

Unter den ausgezeichneten Männern, welche seit der unglücklichen Schlacht bei Jena ihr ganzes Streben daran setzten, Preußen vom tiefen Fall zu erheben, steht in erster Linie der jüngere Freund Scharnhorst’s und Gneisenau’s, Karl von Clausewitz. Er war eine ideal angelegte Natur, und wie er für sein Denken und Handeln die reinsten Charaktere des Alterthums als Vorbilder nahm, so schenkte er auch Freundschaft und Liebe nur wahrhaft vornehmen Seelen. Dem allgemeinen Interesse ist Clausewitz kürzlich durch das Erscheinen seiner mit so großem Beifall aufgenommenen Biographie von Karl Schwartz*[1] auf’s Neue näher getreten, und so dürfte ein Blick auf sein Leben den Lesern der „Gartenlaube“ gerade jetzt nicht unwillkommen sein.

Wir stützen uns bei den folgenden Mittheilungen namentlich auf das so eben erwähnte interessante Lebensbild und berücksichtigen dabei besonders unseres Helden bisher noch wenig bekannt gewordenes, von Hauche einer schönen Idealität durchwehtes Verhältniß zu seiner Geliebten und nachmaligen Gattin, der durch große Gaben ausgezeichneten Gräfin Marie von Brühl.

Karl von Clausewitz wurde 1780 in Burg geboren. Sein Vater war als Officier im siebenjährigen Kriege bei Colberg an der rechten Hand verwundet worden, mußte den Abschied nehmen und erhielt den Posten als Accise-Einnehmer in Burg. Das Einkommen dieser Stelle betrug 300 Thaler, und von einer so bescheidenen Summe hatte Clausewitz vier Söhne und zwei Töchter zu erziehen. Trotzdem war die Erziehung der Kinder eine so treffliche, daß sie alle sich des braven Vaters würdig erwiesen.

In Burg gab es nur eine Bürgerschule, welche Karl bis zu seinem zwölften Jahre besuchte; dann trat er, gleich seinen älteren Brüdern, in das Regiment „Prinz Ferdinand“ ein und machte im nächsten Jahre mit demselben den Rheinfeldzug mit.

Mit fünfzehn Jahren als Secondelieutenant nach Neu-Ruppin in Garnison gekommen, suchte der lernbegierige Jüngling die Lücken seiner Bildung auszufüllen, doch fehlte es in der kleinen Stadt ebenso sehr an Hülfsmitteln dazu, wie an der nöthigen Anleitung. Erst 1801 erfüllte sich sein sehnlichster Wunsch: sich auf der allgemeinen Kriegsschule in Berlin fortbilden zu dürfen.

Kurze Zeit vorher war Scharnhorst als Obristlieutenant im dritten Artillerieregimente und Lehrer an der Militärakademie in den preußischen Dienst berufen worden und übernahm nun den größten Theil des Unterrichts an dieser Anstalt. Voll Güte und Freundlichkeit ermunterte er den nur unzulänglich vorbereiteten jungen Officier und förderte durch seinen lichtvollen Unterricht dessen geistige Anlagen. Mit Recht nannte daher Clausewitz ihn „den Vater seines Geistes“ und hing zeitlebens mit der höchsten Verehrung an dem geliebten Lehrer. Wiederholt hat Scharnhorst geäußert, daß außer seinen Kindern ihm kein Mensch auf Erden so nahe gestanden habe als Clausewitz. Und 1813 schreibt er dem jüngeren Freunde: „Ich habe nie Ihren großen Werth verkannnt; recht gefühlt habe ich ihn erst in dieser Zeit, wo ich so viel zu thun hatte. Nur mit Ihnen verstehe ich mich; nur unsere Ideen vereinigen sich oder gehen in ruhiger Gemeinschaft neben einander in unveränderter Richtung.“

Clausewitz verdankte es Scharnhorst, daß er nach beendigtem Cursus an der Kriegsschule als Adjutant des Prinzen August von Preußen in Berlin bleiben durfte. In Folge seiner Stellung in die Hofkreise eingeführt, lernte er im Jahre 1803 die Gräfin Marie von Brühl, Hofdame der Königin Mutter, kennen. Gräfin Marie, eine Enkelin des bekannten sächsischen Ministers und Reichsgrafen von Brühl, war ein Jahr älter als Clausewitz; sie war eine große Verehrerin Goethe’s, sprach vortrefflich Englisch und Französisch, malte mit Geschmack und war sehr musikalisch. Ohne schön zu sein, zeichnete sie sich durch einen schlanken Wuchs und gewinnende Züge aus, und in ihren blauen geistvollen Augen spiegelte sich ein edles reines Gemüth. Obwohl in den höchsten Kreisen aufgewachsen – ihre Mutter war Sophie Gomm, Tochter des englischen Botschafters in Petersburg – und stets im Verkehr mit der vornehmsten Gesellschaft, war sie von der größten Einfachheit und Natürlichkeit des Benehmens. Sie hatte vor kurzer Zeit ihren Vater verloren, als Clausewitz in einer Abendgesellschaft bei dem Vater des Prinzen August ihr vorgestellt wurde. Beide sahen sich nun häufig in Hofkreisen, und mit jeder Begegnung wuchs das Interesse, welches sie an einander nahmen. Es gereicht der jungen Hofdame zum höchsten Lobe, daß sie bald den inneren Werth des schüchternen, ernsten, in der Gesellschaft wenig hervortretenden Officiers erkannte, und dem innigen Gefühle, das sie zu ihm zog, sich mit voller Wärme überließ. Obwohl Beide empfanden, wieviel sie einander waren, gab es doch während zweier Jahre keinen Augenblick, in welchem sie sich ohne Zeugen hätten sehen und ein Wort der Verständigung sprechen können.

Endlich, am 3. December 1805, bei dem bevorstehenden Ausmarsche der Truppen, als Clausewitz sich von der still Geliebten verabschiedete, wagte diese die Worte:

„Ich hoffe, Sie werden Ihre hiesigen Freunde nicht vergessen.“

Clausewitz ergriff ihre Hand, küßte dieselbe und sagte:

„O, wer Sie einmal gesehen hat, der vergißt Sie nie wieder.“

„Sein Blick,“ äußerte sich die Gräfin in einer späteren Aufzeichnung, „der Ton seiner Stimme bei diesen Worten drang mir bis in’s Innerste der Seele und wird mir ewig unvergeßlich bleiben. Wir hielten einander noch einen Augenblick schweigend und gerührt bei der Hand; wir wären einander in die Arme gesunken, wenn wir allein gewesen wären, wären dann um eine herrliche Erinnerung reicher, aber auch so gehört dieser Augenblick zu den schönsten und wichtigsten unseres Lebens; denn wir hatten einander verstanden, und der Bund unserer Herzen war schweigend geschlossen.“ Bald sollten jedoch bestimmtere Erklärungen folgen; denn am 21. Juni 1806 war es den Liebenden vergönnt gewesen, sich noch einmal zu sehen und ohne Zeugen ihre Gefühle einander aussprechen zu dürfen.

Der Krieg kam erst im Jahre 1806 zum Ausbruch; Clausewitz rückte mit dem Prinzen August in’s Feld, wurde jedoch bald nach der Schlacht bei Jena sammt dem Prinzen nach ruhmvoller Gegenwehr gefangen genommen.

Zunächst lebten der Prinz und Clausewitz in Soissons und Nancy, besuchten auch Paris und hielten sich auf der Rückreise einige Zeit bei Frau von Staël in Coppet auf, wo sie mit August Wilhelm von Schlegel zusammen kamen und die Bekanntschaft von Pestalozzi machten. Während dieser Trennungszeit hatte die Gräfin Marie zwar mit Einwilligung ihrer Mutter in brieflichem Verkehr mit Clausewitz gestanden, von einer öffentlichen Verlobung des jungen, unbemittelten Subalternofficiers mit der Tochter eines Reichsgrafen durfte jedoch nicht die Rede sein. Ueberhaupt hielt die alte Gräfin Brühl dieses Verhältniß für ein romanhaftes und wünschte ihre Tochter bald mit einem für sie passenderen Gatten vereint zu sehen. Gräfin Marie blieb jedoch fest, obwohl sie durch eine Verbindung mit dem Grafen Alexander von Dohna, welche auch der ihrer Familie befreundete Minister Stein befürwortete, allen Ansprüchen auf Rang und Stellung hätte genügen können.

[149]
Die Gartenlaube (1881) b 149.jpg

„Geck, los Geck elan!“
Originalzeichnung von C. Röhling.

[150] Clausewitz benutzte die unfreiwillige Muße, welche sein Aufenthalt in Frankreich ihm gewährte, um einige militärische Aufsätze zu schreiben, die von dem tiefblickenden Geiste des Verfassers Zeugniß gaben. Seine Briefe an die Geliebte athmen das volle Glück, welches die Verbindung mit ihr ihm gegeben, aber in jedem derselben ist auch der Gedanke an das bedrängte Vaterland, der heiße Wunsch, für dasselbe zu kämpfen, ja selbst unterzugehen, ausgesprochen.

Was seine äußere Lage und seine künftige Verwendung im Militärdienste betrifft, so schreibt Clausewitz darüber an die Geliebte: „Woran ich zuweilen mit Vergnügen denke, ist, daß Scharnhorst in der Folge Kriegsminister werden wird; alsdann glaube ich gewiß zu sein, daß er mich zu sich nehmen und mir einen bedeutenden Wirkungskreis verschaffen wird. Denn so viel ich ihn kenne, traut er mir eine Art Talent zu, die dem seinigen zum Supplemente dienen könnte; er glaubt, daß ich Sprache und Darstellungsgabe besitze, die ihm fehlen und in großen Verhältnissen gebraucht werden. Ich habe in dem Briefe an ihn von allem diesem gar nichts erwähnen mögen und meinen Wunsch so leise als möglich berührt; denn da ich seine Lage und Stimmung gar nicht kenne, so könnte es ihm leicht eitel und egoistisch vorkommen, wenn ich ihm viel von meinem Schicksale sprechen wollte in einem Augenblicke, da vielleicht das Schicksal der Nation seine edle Seele ganz erfüllt.“

Clausewitz hatte Recht: das Schicksal der Nation erfüllte ganz die Seele Scharnhorst’s. Er schrieb dem jüngeren Freunde am 27. November 1807 einen Brief, der ein Helles, schönes Licht auf das Verhältniß und die Seelenharmonie der beiden Männer wirft. Es heißt in demselben:

„So empfangen Sie denn nun hier meinen innigsten und herzlichsten Dank für die Liebe, Freundschaft und Güte, die Sie mir durch Ihre Briefe erzeigt haben! Ihre Urtheile sind die meinigen, oder werden es durch Ihre Briefe; Ihre Ansichten geben mir Muth, die meinigen nicht zu verleugnen; nichts könnte mich jetzt glücklicher machen, als mit Ihnen an einem Orte zu sein. Aber recht traurig würden wir dennoch sein, denn unglücklich, ganz unbeschreiblich unglücklich sind wir. –

Wäre es möglich, nach einer Reihe von Drangsalen, nach Leiden ohne Grenzen, aus den Ruinen sich wieder zu erheben, wer würde nicht gern Alles daran setzen, um den Samen einer neuen Frucht zu pflegen, und wer würde nicht gern sterben, wenn er hoffen könnte, daß er mit neuer Kraft und Leben hervorginge! – Aber nur auf Einem Wege, mein lieber Clausewitz, ist dies möglich. Man muß der Nation das Gefühl der Selbstständigkeit einflößen; man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie mit sich selbst bekannt wird, daß sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst dann wird sie sich selbst achten und von Andern Achtung zu erzwingen wissen. Daraus hinzuarbeiten, dies ist Alles, was wir können. Die Bande des Vorurtheils lösen, die Wiedergeburt leiten, pflegen und so in ihrem freien Wachsthume nicht hemmen, weiter reicht unser hoher Wirkungskreis nicht. So sehe ich die Sache, so sehe ich unsere Lage an.“

Im November 1807 kehrte Clausewitz nach Berlin zurück, verließ es jedoch schon im April 1808, um dein Prinzen August nach Königsberg zu folgen. Jetzt war der eine seiner Wünsche erfüllt: er befand sich mit Scharnhorst an einem Orte, und dieser weihete ihn in alle seine Pläne ein.

Clausewitz wurde nun seiner dienstlichen Stellung als Adjutant des Prinzen August enthoben, und am 23. Februar 1809 erschien die Cabinetsordre, welche ihn zur Arbeit beim Kriegsministerium, das ist zur Disposition des Generals von Scharnhorst berief. Zugleich wurde er zum wirklichen Capitain ernannt.

An dem Kriege Oesterreichs gegen Frankreich hätte er, den es, wie alle Patrioten, zum Bruch mit Frankreich drängte, gern Theil genommen, und er trug sich kurze Zeit mit dem Gedanken, in österreichische Dienste zu treten. Seine feurige Seele dürstete nach Thaten des Ruhmes und der Ehre – aber er blieb Preußen und Gneisenau getreu, der nun der Dritte im Bunde wurde.

In stetem Verkehre mit dem ritterlichen Gneisenau und all den trefflichen Männern, welche an der Wiedergeburt Preußens arbeiteten, verging ihm der Aufenthalt in Königsberg, bis gegen Ende 1809 der Hof nach Berlin zurückkehrte. Clausewitz wurde zum Major befördert, in den Generalstab versetzt und erhielt das Amt eines Lehrers an der Kriegsschule. Auch ward er dazu ausersehen, dem Kronprinzen (später Friedrich Wilhelm dem Vierten) Vortrage über Kriegswissenschaft zu halten.

Die Liebenden befanden sich nun in der glücklichen Lage, an eine öffentliche Verlobung und eine eheliche Verbindung denken zu können. Im Juni 1810 theilt Clausewitz seine Verlobung Gneisenau mit und sagt über seine Braut: „Ueber meine Wahl brauche ich mich nicht zu rechtfertigen; denn meine künftige Frau ist sehr viel mehr und sehr viel besser als ich.“

Am 17. December 1810 fand die eheliche Verbindung von Clausewitz und der Gräfin Marie von Brühl in der Marienkirche zu Berlin durch den Consistorialrath Ribbeck statt, der gleich Schleiermacher, Fichte und anderen edel gesinnten Männern zu dem patriotischen Kreise gehörte, der in naher Beziehung zu Clausewitz stand. Gneisenau schrieb an seine Gattin, nachdem er Frau von Clausewitz kennen gelernt: „Mit dem cultivirtesten Geiste verbindet sie die größte Herzensgüte und die angenehmsten, feinsten Formen des Umgangs. Sie ist hier in Berlin eine von unseren Musenfrauen.“

Clausewitz lebte jetzt in so glücklichen häuslichen und amtlichen Verhältnissen, daß ihm kaum ein Wunsch übrig bleiben konnte. Nur die traurige Lage des Vaterlandes lastete auf seiner Seele, doch gaben er und die Freunde nicht die Hoffnung auf, es endlich von dem Drucke der Fremdherrschaft befreit zu sehen. Im August 1811 verweilte er zum Curgebrauche im Bade Cudowa; selbst hier gab der unermüdlich thätige Mann seine Arbeiten für das Wohl des Vaterlandes nicht auf. Er machte Terrainstudien, entwarf einen Vertheidigungsplan für Schlesien und übersandte ihn Gneisenau. Dieser müßte – das war seine Ansicht – bei einem Kriege mit Frankreich das preußische Heer in Schlesien führen, eine Aufgabe, welcher er allein gewachsen sei.

Als im Jahre 1812 der Bundesvertrag zwischen Preußen und Frankreich abgeschlossen wurde, nahm Clausewitz mit zahlreichen Freunden seinen Abschied, da es ihm unmöglich war, für Frankreich zu kämpfen. Er trat in russische Dienste, und Gneisenau empfahl ihn dem Kaiser Alexander mit den Worten: „Herr von Clausewitz, einer der besten Köpfe und voll tiefer Kenntnisse in der Kriegskunst.“

Clausewitz wurde in Rußland nicht zu hervorragenden Aufgaben verwendet, wohl aber gelang es ihm, am Ende des Jahres seinem Vaterlande Preußen einen großen Dienst zu leisten, indem er – von Diebitsch an York gesendet – diesen zu der Convention von Tauroggen zu bewegen wußte. Von Tauroggen, wo er seine Brüder „wohl an Seele und Leib“ gesehen, schreibt er beglückt an seine Frau.

Diese aber feierte den Schluß des Jahres, indem sie einen Aufsatz über ihr Verhältniß zu ihrem Gatten verfaßte, der sich dem Schönsten anreiht, das über einen Herzensbund gesagt werden kann.

„Wie glücklich ist es doch,“ heißt es da, „im Gegenstände seiner höchsten Liebe auch den seiner höchsten Achtung zu finden und ebenso sehr durch den Verstand zur Bewunderung als durch das Herz zur Liebe hingerissen zu werden! – - Um das Höchste zu erreichen, muß nach meiner Meinung die Frau nicht weniger reif und gebildet sein als der Mann; sie muß so weit gekommen sein, als sie allein kommen kann; es muß ihr nur das fehlen, was sie allein durch den Mann erhalten kann; dann wird sie bald, auch bei der vollkommensten Freiheit und Gleichheit und ohne daß einer von beiden Theilen die Absicht habe, den andern nach sich zu bilden oder ihm ähnlich zu werden, den Einfluß empfinden, den der Mann durch das bloße Zusammenleben auf sie hat, und je freier und absichtsloser dieser Einfluß ist, desto lieber wird sie ihn anerkennen und sich ihm hingeben, – – Ich bin täglich und stündlich von dem durchdrungen, was ich Clausewitz schuldig bin, und glaube, daß jede Frau, die das Glück hätte, einen solchen Mann zu haben, das Nämliche empfinden müßte. Wie Vieles, was sonst dunkel und verworren in mir war, hat er in Klarheit verwandelt, wie viele Mißtöne in Harmonie aufgelöst! Ja, es ist nicht zu viel gesagt, es ist buchstäblich wahr, daß ich durch ihn erst wirklich lebe. Denn wie wenige Augenblicke meines vorigen Lebens verdienten den Namen eines solchen! Ein Mann von weniger Verstand hätte ebenso wenig auf mich gewirkt als einer, der Verstand gehabt hätte und kein so schönes, zartes Gemüth; gerade diese seltene Vereinigung, die ich in ihm bewundere, gehörte zu meinem Glück. Aber wie [151] groß, wie vollkommen ist nun auch dieses Glück! Das Gefühl desselben kann selbst durch die Schmerzen der Trennung nicht vermindert werden; denn auch in der freudelosen Einsamkeit, in der ich jetzt lebe, bleibt mir ja meine Liebe, die Ueberzeugung der seinigen und der Stolz auf seinen Werth.“

Zu Anfang des Jahres 1813 kam Clausewitz mit dem Wittgenstein’schen Corps nach Königsberg und hatte hervorragenden Antheil bei der Organisation der Landwehr, was um so erklärlicher ist, als er seit Jahren in die Ideen Scharnhorst’s über diesen Punkt eingeweiht war und ganz nach dessen Ansichten verfahren konnte. Daß er Zeuge des großartigen Patriotismus sein durfte, wie er in Königsberg während dieser Zeit sich offenbarte, rechnete Clausewitz stets zu den schönsten Erinnerungen seines Lebens. Im April ging er nach Schlesien und schrieb vorher noch aus Rochlitz an seine Gattin: „Uebrigens bin ich sehr heiter; der Augenblick ist fast idealisch schön; ich bin ganz in den alten Verhältnissen, bei meinem alten General, wieder Chef seiner Bureaux, nur daß die Gegenstände etwas gewechselt und an Wichtigkeit zugenommen haben. Blücher, Scharnhorst und Gneisenau behandeln mich mit ausgezeichneter Güte und Freundschaft; ich kann mir kein schöneres Verhältniß denken.“

In der Schlacht bei Großgörschen, wo er im heißesten Kampfgewühle focht, blieb Clausewitz unverletzt.

„Liebe Marie,“ schreibt er, „ich bin ganz wohl, ob mir gleich ein kleiner Franzose mit dem Bajonette hinter dem rechten Ohre gesessen hat.“

Von Scharnhorst sagt er:

„Er war mehrmals mit gezogenem Säbel an der Spitze von Cavallerie und Infanterie in den Feind eingedrungen; er ancouragirte die Leute und rief: ,Es lebe der König!’ indem er den Säbel schwang. Seine Wunde, die er etwa um sechs Uhr erhielt, ist nicht gefährlich, sodaß er schon jetzt eine Reise nach Wien unternehmen kann.“

Aber auf dieser Reise, welche der ausgezeichnete Mann im Interesse des Vaterlandes unternahm, und bei welcher er – selbstlos, wie wenige Menschen – nicht genug an sich selbst dachte, verschlimmerte sich bekanntlich die Wunde, und am 28. Juni starb Scharnhorst in Prag, von Clausewitz und den übrigen Freunden auf’s Tiefste betrauert.

Die Saat jedoch, welche Scharnhorst gesäet, sollte bald herrliche Früchte tragen; am 26. August gewannen Blücher und Gneisenau die Schlacht an der Katzbach; „entscheidend,“ schreibt Gneisenau an Clausewitz, „wie die Franzosen noch nie eine Schlacht verloren haben.“ Er unterzeichnet: „bleiben Sie gewogen Ihrem überglücklichen Freunde.“

Frau von Clausewitz aber schrieb dem siegreichen Gneisenau: „Es ist der erste entscheidende folgenreiche Sieg auf deutschem Boden. Jahre von Schmach und Leiden sind verwischt, und in neuem Glänze stehen wir da, der großen Vorfahren nicht mehr unwürdig. – - Nur ein wehmüthiges Gefühl trübt diese Freude, es ist die Erinnerung an unsern theuren und unvergeßlichen Freund (Scharnhorst), der dieses Glückes auch so würdig gewesen wäre; doch wenn er aus einer besseren Welt auf uns herabsieht, muß ja auch er sich freuen, daß seine treuesten Freunde der schöne Siegeskranz schmückt, der ihm auf Erden nicht zu Theil werden sollte.“

Clausewitz war leider nicht in der Nähe der Freunde, als der Sieg errungen ward. Vergebens hatte Gneisenau, als er zum Generalstabsschef des Blücher’schen Heeres und zugleich zum Generalgouverneur von Schlesien, Befehlshaber aller Landwehren und Leiter aller Vertheidigungsanstalten der Provinz ernannt wurde, gebeten, ihm Clausewitz als Gehülfen zu geben. Der König konnte es Clausewitz nicht vergessen, daß er den preußischen Dienst verlassen und sich nach Rußland gewendet hatte. So ward er russischerseits als Generalquartiermeister zum Corps Wallmoden commandirt, und seinen Anordnungen ist das glückliche Treffen an der Göhrde zu verdanken. In stetem Briefwechsel mit Gneisenau verfolgte er die Siegeslaufbahn der schlesischen Armee mit unaussprechlicher Freude und Genugthuung. Wie er schon vor Jahren Gneisenau für seinen jetzigen Posten ausersehen, so schreibt er am 14. December 1813 an den Freund: „Ihre Armee kommt mir vor wie die Spitze von Stahl in dem schwerfälligen Keil, womit man den Koloß spaltet.“ Ein treffendes Wort, da der Marschall „Vorwärts“ während des ganzen Krieges muthig und siegreich voranschritt.

Clausewitz wurde endlich als Oberst im Jahre 1814 wiederum preußischer Officier und im April 18l5 Chef des Generalstabes bei Thielmann, welcher das dritte Armeecorps commandirte. Während beider Feldzüge stand er in ununterbrochenem Briefwechsel mit seiner Gattin, und wir wollen nur eine Stelle aus einem Briefe vom 3. Juli 1815 mittheilen, um das ideale Verhältniß Beider zu kennzeichnen:

„Lebe wohl, theuerste Freundin meiner Seele! Jetzt sehen wir uns hoffentlich bald wieder. Sobald der Friede abgeschlossen ist, schreibe ich Dir und denke jetzt schon auf die Einrichtung Deiner Reise. Glücklich, unaussprechlich glücklich fühle ich mich, nach einer solchen Epoche noch etwas zu besitzen, was mehr werth ist als aller Triumph, noch einem Augenblicke entgegenzueilen, der alles Andere übertrifft. Ich liebe Dich nie mehr als im höchsten Glücke und im höchsten Unglücke, denn Dein Verdienst steht höher als alle Erscheinungen des ersteren und füllt jede Lücke aus, die das letztere in meinem Schicksale hervorbringen konnte.“

Gneisenau kam nach dem Frieden als commandirender General der Rheinprovinz nach Coblenz, und Clausewitz wurde sein Generalstabschef. In dieser Stellung blieb er drei Jahre, und sie gehörten zu den schönsten und genußreichsten seines Lebens. Ein Kreis ausgezeichneter und liebenswürdiger Männer hatte sich um Gneisenau geschaart. Wir nennen hier nur den Oberpräsidenten der Rheinprovinz von Jagersleben, den Major Wilhelm von Scharnhorst – Sohn des verstorbenen Generals und mit Gneisenau’s ältester Tochter Agnes vermählt –, Obristlieutenant Graf Karl von der Gröben, Obristlieutenant von Stosch – Vater des jetzigen Ministers –, Major von Hellwig, Max von Schenkendorf, Präsident von Meusebach und Consistorialrath Johannes Schulze, später unter Altenstein Leiter des höheren Unterrichtswesens in Preußen. Auch die Gattinnen der genannten Herren waren hochgebildete Frauen und standen mit Clausewitz und seiner Marie in innigster Verbindung. Und ein Band vereinte Alle: die Freude an der endlich gewonnenen Freiheit des Vaterlandes.

Im Jahre 1818 wurde Clausewitz zum Generalmajor und zugleich zum Director der Allgemeinen Kriegsschule in Berlin ernannt, aber diese ihm übertragene Wirksamkeit befriedigte ihn in keiner Weise, da die wissenschaftliche Leitung der Anstalt sich in anderen Händen befand und er nur der Vorgesetzte der jungen Officiere in Bezug auf dienstliche und ökonomische Angelegenheiten war. Doch einen Vorzug hatte seine Stellung: sie gewährte ihm die Muße, jene Werke zu verfassen, welche seinen Namen mit unvergänglichem Ruhme zieren sollten. Und diese Werke, die erst nach ihres Verfassers Tode der Öffentlichkeit übergeben wurden, sind geschrieben – in dem Zimmer seiner Frau. War er doch gewöhnt, Alles mit ihr zu besprechen, und gab doch ihre Nähe ihm stets das Gefühl wohlthuendster Befriedigung. Frau von Clausewitz sagt darüber in Bezug auf ihren Gatten:

„So frei er auch von jeder kleinlichen Eitelkeit, von jedem unruhigen egoistischen Ehrgeize war, so fühlte er doch das Bedürfniß, wahrhaft nützlich zu sein und die Fähigkeiten, mit welchen Gott ihn begabt hatte, nicht ungebraucht zu lassen. Im thätigen Leben stand er nicht an einer Stelle, wo dieses Bedürfniß Befriedigung finden konnte, und er machte sich wenig Hoffnung, noch einst zu einer solchen zu gelangen; sein ganzes Streben richtete sich also auf das Reich der Wissenschaft, und der Nutzen, den er einst durch sein Werk zu stiften hoffte, wurde der Zweck seines Lebens. Wenn trotzdem der Entschluß, dieses Werk erst nach seinem Tode erscheinen zu lassen, immer fester in ihm wurde, so ist dies Wohl der beste Beweis, daß kein eitles Verlangen nach Lob und Anerkenntniß, keine Spur irgend einer egoistischen Rücksicht diesem edlen Dränge nach einer großen und dauernden Wirksamkeit beigemischt war.“

Daß die Ehe dieser beiden Glücklichen kinderlos blieb, hat Clausewitz vornehmlich um der Gattin willen geschmerzt. Ein vorahnendes Gefühl sagte ihm, daß er früher heimgehen würde als sie. Er sprach dies in einem Gedichte „Zum neuen Jahre“ aus, das in den ersten Jahren ihrer Verbindung geschrieben wurde, und dessen letzte Strophen lauten:

Eins doch möcht’ ich uns erflehen:
Dir ein lieblich Kind zu sehen
Spielend an der Mutter Brust.
Trennt uns dann des Schicksals finst’rer Wille,
Füllet um Dich her des Grabes Stille
Deines Kindes heit’re Jugendlust.

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„Mutter, sprich, wo ist der Vater blieben?“
„Weit von uns er weilet, drüben
Ueber’m Strome, mein geliebtes Kind.“
„Sage, Mutter, kommt er nicht herüber?“
„Liebes Herz, wir ziehen bald hinüber,
Wenn wir erst zur Reise fertig sind.“

Auch Berlin sollte indessen nicht der dauernde Wohnsitz von Clausewitz werden, denn im August 1830 wurde er zum Artillerie- Inspecteur in Breslau ernannt und siedelte dahin mit seiner Frau über. Als bald darauf durch die polnische Revolution die Aufstellung eines Observationscorps nöthig wurde, ward Gneisenau zum Oberbefehlshaber der vier mobilen Armeecorps berufen und wählte Clausewitz zum Chef seines Generalstabes, und so waren die beiden ausgezeichneten Männer, welche sich so völlig verstanden, wiederum zu gleicher Wirksamkeit vereint.

Nachdem Paskiewitsch Warschau erstürmt und die Revolution niedergeschlagen hatte, war die Mission des Observationsecorps beendet, und Clausewitz kehrte zurück nach Breslau – jedoch in tiefster Seele leidend, denn am 24. August 1831 war Gneisenau zu Posen an der Cholera gestorben. Am 23. August hatte Clausewitz der Gattin geschrieben. „Der Feldmarschall ist lebensgefährlich krank – ich bedarf aller Fassung, um Dir diese Zeilen zu schreiben.“ Wenige Stunden später, als jede Hoffnung auf Erhaltung des edlen Mannes geschwunden war, fügte er hinzu. „Ich bin wohl und suche Halt zu finden in dem Gedanken und Gefühle an mein theures, geliebtes Weib.“

Nur wenige Tage war Clausewitz in Breslau, als auch er an der Cholera erkrankte und nach kurzem Todeskampfe verschied (16. November). Die Aerzte erklärten, sein Tod sei mehr eine Folge des durch tiefen Seelenschmerz erschütterten Zustandes seiner Nerven gewesen, als der Krankheit, von welcher er einen verhältnißmäßig leichten Anfall gehabt.

Sobald Frau von Clausewitz ihren Schmerz um den unersetzlichen Verlust soweit überwunden hatte, daß sie anhaltenden Beschäftigungen sich widmen konnte, ging sie an die Herausgabe der Werke ihres Gatten. Graf Karl von der Gröben und Major O'Etzel standen ihr dabei zur Seite. Am 30. Juni 1832 schrieb sie im Marmorpalais zu Potsdam – wohin sie als Gouvernante des Prinzen Friedrich Wilhelm, des jetzigen Kronprinzen, berufen war – eine Vorrede zu dem damals erscheinenden berühmten Clausewitz’schen Werke „Vom Kriege“, und später war es ihr vergönnt, acht Bände der hinterlassenen Werke ihres Gatten zu veröffentlichen – sie durfte sich der allgemeinen Anerkennung und Bewunderung, welche dieselben erregten, aus voller Seele erfreuen Im Jahre 1835 begann ihre Gesundheit zu schwanken, und am 28 Januar 1836 erlag sie einem heftigen Nervenfieber. Auf dem alten Militärkirchhofe zu Breslau ruht sie neben dem geliebten Gatten.

Die beiden letzten Bände der nachgelassenen Werke von Clausewitz wurden von dem Grafen Karl von der Gröben herausgegeben, und berufene Fachmänner erklärten namentlich das Werk „Vom Kriege“ als epochemachend in der Kriegswissenschaft.

„Clausewitz erlebte nicht die späte Erfüllung alles dessen, was er und seine Freunde von der Zeit der Fremdherrschaft an vorbereitet hatten,“ so schloß Oberst von Meerheimb seinen in der militärischen Gesellschaft zu Berlin am 23. October 1874 gehaltenen Vortrag über Clausewitz. „Ebenso hatten Heer und Volk in weiteren Kreisen erst lange nach seinem Tode, in Folge der späten Wirkung seiner Schriften, die Größe seines Wesens erkannt – heute wird die höhere wissenschaftliche Anschauung im deutschen Heere durch ihn bestimmt, die Feldzüge von 1866 und 1870 bis 1871 sind in seinem Sinne gedacht und geführt worden.“




Blätter und Blüthen.




Frauenwirken in den Gefängnissen. Das aufopfernde und segensreiche Wirken ausgezeichneter Engländerinnen in den Gefängnissen ihres Landes, namentlich Londons, ist allbekannt. Nach den aus diesem Wirten gewonnenen Erfahrungen schlug 1872 bei Gelegenheit des Gefängniß- Congresses in London der Gouverneur des West-Hiding-Gefängnisses in Wakefield vor, diesen wohlthätigen Einfluß der Frauen dauernd zu gewinnen. Es ward bald darnach öffentlich aufgefordert, daß gebildete Frauen die gesonnen wären, diesen schweren und einflußreichen Beruf zu ergreifen sich melden möchten, um sich einige Zeit durch Aufenthalt in den Gefängnissen daraus vorzubereiten. Seitdem sind überall für die Frauenabtheilungen je eine Oberaufseherin und zwei bis drei Wärterinnen angestellt worden. Ueberall zeigte sich der gute sittlichende Einfluß, als die gefangenen Frauen nicht mehr genöthigt waren, nur von Männern beaufsichtigt und beobachtet zu werden, wobei naturgemäß oft noch der letzte Rest von Scham, der den gesunkenen Frauen übrig geblieben, verloren gehen mußte. Die Aufseherin, die einen milden, mitleidigen und Vertrauen erweckenden Ton anschlug, wußte meistens wohltuend, im Guten und Nützlichen fördernd für die Haftzeit, wie für das ganze Leben zu wirken.

In Deutschland, zunächst in Sachsen, folgte man bald diesem Beispiele. Es wurden in den Gefängnißhäusern ebenfalls Frauen als Aufseherinnen und Handarbeitslehrerinnen für die weiblichen Abtheilungen angestellt. Auch hier war der Erfolg ein sehr guter, es fanden sich viele zur Uebernahme dieser schweren Stellung bereit, die, entsprechend den deutschen Verhältnissen, bevor diese Aufforderung an sie erging, nicht gewagt hatten, sich in einen solchen Wirkungskreis einzudrängen, da man das, was man in England bei der Lady als einen Zug weiblicher Milde und Großherzigkeit hochachtete, der deutschen Frau als Unweiblichkeit anrechnete.

Man ist aber in Betracht der durch den weiblichen Einfluß erzielten guten Erfolge noch einen Schritt weiter gegangen und hat z. B. in Sachsen schon vom 1. December 1877 an nicht nur in den Straf- und Correctionshäusern, sondern auch in den Arresthäusern Frauen angestellt.

Gerade in den Arresthäusern ist es von Wichtigkeit, daß die vielleicht zum ersten Male „eingebrachten“ Delinquenten von Frauen und Mädchen, nicht nur von Männern beaufsichtigt werden. Zuweilen sind unter Jenen doch Solche, die ein geringes Vergehen gegen das Eigenthum aus momentanem Leichtsinn, aus unüberlegten, auf Veranlagung Anderer oder um Anderer willen, aus Liebe oder Noth, oft auch in trauriger Begriffsverwirrung aus beiden Motiven zugleich begingen, solche beklagenswerthe Geschöpfe werden zu einer gebildeten Frau Vertrauen fassen und ihr Herz ihren Ermahnungen öffnen, ihr Vergehen einsehen und gestehen.

Schon sind uns sehr erfreuliche Resultate dieser neuen Einrichtung bekannt. Aber um sie überall zu erzielen ist es höchst wünschenswerth, daß sich gebildete, von der Höhe ihrer Aufgabe durchdrungene Frauen zur Uebernahme solcher Posten entschließen, die ihnen ja auch außerdem die Mittel zum Lebensunterhalt und für die Jahre des Alters und der Krankheit Pension gleich andern Staatsdienern gewähren - zwei Ziele. nach denen ja so viele alleinstehende gebildete Frauen vergeblich streben.

In Sachsen haben Frauen, die solche Anstellungen wünschen, sich an das Ministerium des Innern, wenn sie an Strafanstalten, und an das der Justiz, wenn sie an Arresthäusern angestellt werden wollen, zu wenden. Sie haben dann eine Vorbereitungszeit zu bestehen von ein paar Monaten, während der sie eine tägliche Vergütung von zwei Mark erhalten. In ersteren Anstalten bekommt dann eine Aufseherin meist 900 Mark, eine Oberaufseherin 1800 Mark Jahresgehalt mit freier Station. In den Arresthäusern fällt letztere meist weg, dann ist der Monatsgehalt 50 bis 100 Mark. Pensionsberechtigung tritt nach zehnjähriger Dienstzeit ein.

Aber nicht nur für die gefangenen, auch für die aus den Gefängnissen entlassenen Mädchen ist weibliche Fürsorge nötig, denn es wird solchen noch viel schwerer in der bürgerlichen Gesellschaft Erwerbsstellungen zu finden, die sie vor Rückfällen und Versuchungen schützen, als den männlichen entlassenen Sträflingen. Man bereitet darum jetzt in Berlin die Gründung einer „Haus- und landwirtschaftlichen Industrieschule für aus dem Gefängniß entlassene minorenne Mädchen“ vor. Die Kaiserin und die Spitzen der betreffenden Behörden in Berlin sind für diesen Zweck gewonnen worden, und dem Unternehmen gingen bereits namhafte Geldbeträge zu. Man will mit der verwahrlosen Jugend beginnen wo es am ehesten möglich ist rettenden Einfluß zu gewinnen, indem man die Mädchen lehrt, wie sie sich selbst ihr Brod verdienen können, und ihnen dann Gelegenheit zu passenden Stellungen verschafft. Auch hierbei wird den Frauen obliegen, an ihren hilfsbedürftigen Schwestern das Meiste und Beste zu thun,

Louise Otto.






„Geck, los Geck elan!“ („Geck, laß den Geck vorbei!“) (Mit Abbildung S. 149.) Ein Blick in das Kölner Carnevalstreiben frei und frisch, wie das Narrenfest dort noch immer sich erhalten hat! – Es geschieht dem alten Herrn mit der langen Hauspfeife ganz recht, daß er von einem flotten Straßenbesuch überrascht wird. Warum lachten seine beiden Damen auch so fröhlich zum Fenster hinaus auf den unten wogenden Narrenzug? Ein Trüpplein der lustigen Leute befolgte sofort Goethe’s Faust-Spruch: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan,“ und da sind sie, bunt und keck, wie es das Fest gebietet.

Edle Sitte weiß auch der Handwerksbursche zu ehren: wie er da vor uns steht mit dem urwüchsigen Wanderstab, dem Wachstuchhut und Tabaksbeutel aus der guten alten Wanderschaftszeit, galant den Strauß in der Hand und der Schönheit huldigend, während der Hanswurst mit dem Weinglas ein Hoch ausbringt, das sein Hintermann, auf der Kohlenschaufel schmetternd, begleitet! Wie aber der flügelfrackgeschmückte Herr im Vordergrunde mit dem Handkuß, an dessen Ausführung ihn seine stattliche Nase hindert, fertig werden will, müssen wir ihm überlassen, einstweilen lachen wir so herzlich, wie die von ihm verehrte ältere Dame – und freuen uns insgemein, daß dem guten alten deutschen Humor wenigstens am Rhein noch eine glückliche öffentliche Heimstätte vergönnt ist.


  1. * Leben des Generals Karl von Clausewitz und der Frau Marie von Clausewitz geborenen Gräfin von Brühl. Mit Briefen, Aufsätzen, Tagebüchern und andern Schriftstücken. Von Karl Schwartz. 2 Bände.