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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1878
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
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Quelle: commons
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Die Gartenlaube (1878) 617.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[617]
Gratiana.
Eine Harzgeschichte von E. Vely.
(Fortsetzung)


Das Mädchen stutzte und schaute zur Erde; er sprach so hart mit ihr, in einem spöttischen Tone, und doch hatte sie gestern das Bild der schönen Frau für ihn geschmückt – es that ihr weh. Plötzlich blickte sie auf und sagte mit fast kindlicher Demuth:

„War es nicht recht, Herr Professor?“

Diesmal konnte er wiederum nicht vermeiden, tief in die blauen Augen zu blicken.

„Gewiß nicht, Fräulein Jeanne, denn ich meinte es gut und hätte, falls Ihnen der Brief nicht willkommen gewesen wäre, denselben an den Verfasser zurückgeschickt, in einer Art, die ihn fernerer Stilübungen überhoben hätte.“

„Ah,“ flüsterte sie beinahe staunend.

Schon wieder war sein Argwohn rege. „Sie hätten das aber nicht gewünscht?“

„Darüber dachte ich noch nicht nach, aber ich wundere mich, warum Sie es so gut mit mir meinen.“

Er hätte ihr anders antworten mögen, mit einem raschen, betheuernden Ausdrucke, der aus dem Herzen kam – aber er zwang sich, ruhig zu bleiben, und sagte nur etwas wärmer als zuvor:

„Haben Sie mich für einen Unmenschen gehalten? Aber nun seien Sie auch offen! Ahnen Sie, was in diesem Briefe stand?“

Wieder erröthete sie.

„Vielleicht, ja! –“

„Es ist der erste, den Sie empfingen?“

„Ja – und ich erwartete ihn nicht.“ Dann wandte sie das Haupt nach dem Hause hin. „Großmutter wird rufen. – Guten Morgen, Herr Professor!“

Sinnend schaute Ehrenfried ihr nach.

„Sie weicht aus; was soll ich von ihr halten? Ist sie eine Kokette? Nein, ihr ruhiges, offenes Auge widerspricht der Annahme. Das Mädchen interessirt mich immer mehr.“

Er legte die Hände auf dem Rücken zusammen und ging, den Kopf gesenkt, die Treppe zu seiner Wohnung hinauf, zu seinen „einzigen Freunden“, wie er murmelnd sagte, indem er sich am Tische niederließ, – den Büchern.

Das Bild mit dem Epheukranze hatte wiederum nicht einen Blick erhalten. –

Gleich nach der Mittagsstunde stand der Professor abermals, zum Spazierengehen gerüstet, draußen auf der Landstraße. Es schien, als überlege er noch, nach welcher Richtung er sich wenden wollte, denn er spielte eine Weile, in Gedanken versunken, mit seinem Stocke, hob dann den Kopf, nickte sich selber wie bejahend zu und schritt schnell davon.

Die Großmutter hatte am Fenster gestanden.

„So,“ sagte sie, sich der Enkelin zuwendend, „jetzt ist er mit seinem Plane fertig, nun geht’s im Schnellschritt davon. Solch gelehrte Herren haben ihre Sonderbarkeiten, die ihnen aus den vielen Büchern in den Kopf gestiegen sind und die sie Zeit ihres Lebens nicht wieder los werden. Und dem sitzt auch noch was im Herzen, das ihn unruhig macht.“

„Die schöne Dame oben,“ versetzte das Mädchen, „Großmutter, wenn Du sie nur sehen könntest!“

„Ja, die muß es sein. Weißt Du, Kind, solche Leute, zu denen unser Professor gehört, die haben sich ganz anders, wenn Eins das Andere mag, als wir. Bei uns ist das ruhig mit Vater und Mutter abgesprochen; dann fragt das Paar einander, ob man die Last und Mühe des Lebens zusammen tragen will, und hat man sich das versprochen, so giebt der Pastor den Segen des lieben Gottes hinzu. Aber die Vornehmen, die haben ein Gethu’ vor der Hochzeit und sehen den Himmel voller Geigen; nachher freilich – pflegte mein Vater zu sagen – brummt oft die Baßgeige drein. Kind, ich habe schon viel erlebt; wir schlichten Leute sagen, ‚wir haben uns gern‘; die Anderen sprechen von Liebe und ewiger Treue an Tod und Elend, wenn sie einander nicht haben sollen – es wird aber nie so schlimm, weder im Guten noch im Bösen.“

„Und – unser Professor, meinst Du, Großmutter, der sei vor Glück und Freude – so sonderbar?“

„Nun, gewiß! Ich kenne das, Kind.“

Jane schaute ernst vor sich nieder; endlich sagte sie leiser als vorhin: „Doch dünkt mich oft, er sehe gar nicht glücklich aus – und wenn er sie liebt, warum ist er nicht bei ihr? Warum hier auf dem Harz, so von der Welt abgeschnitten?“

„Ah, sinne und simulire!“ sagte die Alte fast barsch, „was geht es denn uns an! Er wird etwas arbeiten müssen und will einen klaren Kopf dazu haben.“

Jane seufzte tief auf und beugte sich wieder über ihre Arbeiten. – –

Der Gedankengang des Professors war ein recht krauser gewesen. Erst hatte er in den Wald, dann nach einer Grube und endlich nach den Schmelzöfen gewollt; jeder dieser Pläne wurde aber wieder verworfen, und endlich war er zu dem Resultat gelangt,

[618] daß es gewiß ganz interessant wäre, wenn er den Herrn Anton, den kranken Lehrer, einmal aufsuche. „Zur besseren Orientirung“, sagte er sich dabei, als müsse er vor sich selber gewissenhaft einen Grund angeben. Daß diese „bessere Orientirung“ wiederum dem schönen Mädchen galt, wollte er sich eben so wenig gestehen, als daß es ihr Bild gewesen, welches ihn in den letzten Tagen von früh bis spät allein beschäftigt hatte.

Er hatte den Weg nach dem kleinen Hause leicht wiedergefunden und stand, die Finger um den Thürgriff gelegt, eine Weile wie zögernd vor demselben; dann machte er schnell entschlossen die Thür auf. Ein Glöckchen klingelte, und sofort öffnete sich seitwärts eine andere Thür, die des Wohnzimmers, und ein blasses freundliches Mädchen sah ihn fragend an.

„Professor Winter,“ sagte er seinen Hut ziehend.

„Ah – der Herr Professor!“ rief eine schwache Stimme von innen, „Riekchen, bitte, führe den Herrn Professor zu mir!“

Ueber die Schwelle tretend, gewahrte Ehrenfried anfänglich kaum die kleine, verkrüppelte Gestalt des Sprechenden, die sich mühsam aus der Sophaecke erhob und eine Verbeugung zu machen suchte: „Herr Professor Winter, Sie sind mir sehr willkommen – und durchaus kein Fremder mehr; ich kenne Sie bereits aus Jane’s Erzählungen.“

Winter’s Gesicht hellte sich auf, und er reichte dem Lehrer die Hand; das blasse Mädchen rückte einen Stuhl für ihn heran.

„Es ist schön, daß ein Mann wie Sie einen armen Kranken aufsucht,“ versetzte die dünne Stimme des Lehrers, nachdem Riekchen das Zimmer verlassen. „Ich habe selten einen Besuch, der mir von draußen erzählen kann.“

Ehrenfried wußte nicht recht, wie er sein Kommen eigentlich motiviren solle; deshalb schwieg er ganz darüber und sagte:

„Aber Sie haben in Ihrer freiwilligen Verbannung doch Anregung – durch Bücher, Herr Anton.“

„Freiwillig? ach, Herr Professor, sehen Sie mich an und fragen Sie, ob das freiwillig ist! Den mißgestalteten Körper hatte ich wohl von Kindheit an – aber nun ist seit Jahren eine Krankheit der Augen dazu gekommen … o, wie viel Seufzer hat die mich schon gekostet! Thränen darf ich nicht sagen, denn weinen darf ich nicht. Ja, wäre die nicht gekommen! Aber was ist dagegen anders zu machen, als mit frischem Gleichmuth das Unabänderliche zu tragen. Ich finde mich zurecht. Meine Welt ist von jener Thürschwelle begrenzt, und doch lebe ich in ihr ein mir genügendes Dasein.“

Der Professor ließ seine Blicke durch das kleine Gemach schweifen; Bücher überall auf Gestellen hoch an den Wänden aufgestapelt, auf Seitentischen mit Rococofüßen und neugesetzten glatten Platten, einige Blumenstöcke an den kleinen Fenstern, vor einem derselben ein Nähtisch, auf welchem das unvermeidliche Strickzeug lag, vor dem Sopha der Tisch mit Büchern und Papier, vier hochbeinige und hochlehnige geschnitzte Stühle, die wohl ein Jahrhundert schon gesehen, ein winziger Spiegel, ein riesiger Kachelofen mit blauen Ritterfiguren, eine kleine Schwarzwälderuhr, die eben ihr „Kukuk!“ rief – das war diese Welt.

Er drückte unwillkürlich die Hand des kleinen Mannes, der sich mühte, unter dem grünen Augenschirm hervor seine Züge zu unterscheiden.

„Sie sind auf dem Harze geboren, Herr Anton?“

„Ja, ja – wie Sie hören werden, kann ich auch den Anklang an den Dialekt nicht ganz vermeiden. Früher war der einmal beinahe fort, als ich in Heidelberg zwei Semester studirte, Philologie, Herr Professor – ach, Heidelberg ist der Glanzpunkt meines Lebens!“

„Aber –“

„Ich weiß, was Sie sagen wollen,“ fiel der Kranke dem Professor in’s Wort, „Sie sollen gleich meine ganze Lebensgeschichte haben. Es ging nicht weiter mit dem Studiren; mein Vater starb; Vermögen war nicht da, aber meine Mutter und das Riekchen, ein ganz kleines Kind. Was blieb da übrig? Ich mußte ein Ende mit dem Studiren machen – das schnitt in die Seele – aber das Muß ist ein gewaltig Triebrad; ich that’s und war glücklich, als man mir in Rücksicht auf die Verhältnisse hier eine Stelle an der Volksschule übertrug, sodaß ich für Mutter und Schwester sorgen konnte. Ich hatte viel auszustehen mit den wilden Harzburschen und manchmal unter ihrem rohen Spott zu leiden – na, das erträgt ein Philosoph. Aber weil ich weiter fortschreiten wollte und auch Privatstunden zu geben hatte, arbeitete ich Nachts viel, und das hat endlich den Augen so sehr geschadet, daß ich mein Amt niederlegen mußte und nun so dasitze.“

Verwundernd blickte Ehrenfried den Erzählenden an. Trotz allem Traurigen, was Jener berichtete, hatte sein Herz sich eine gewisse Fröhlichkeit bewahrt. Er sagte ihm das offen.

„Es ist weniger mein Verdienst als Temperamentsache des echten Harzers,“ erwiderte der kleine Lehrer, es steckt so etwas Unverwüstliches in uns, und für Sie sollte es auch interessant sein, diesen Volksstamm zu studiren, der seine großen Eigenarten hat. In allen Lagen des Lebens behält der Harzer eine gewisse Zähigkeit und die Fähigkeit, sich über Schmerz und Leid hinaus noch ‚ein fröhlich Herz‘ zu bewahren. Kennen Sie unsern Trinkspruch von altersher? Bei keiner festlichen Gelegenheit darf er fehlen; er eröffnet jedes Freudenmahl; früher als des Landesherrn denken wir unser selber, indem wir sagen:

‚Es grüne die Tanne, es wachse das Erz —
Gott schenke uns Allen ein fröhliches Herz!‘

„Sehen Sie, neben dem äußern Gut, das uns unsere Berge schenken, gedenken wir des schönsten Erdenbesitzthums, eines fröhlichen Herzens. Ich habe mancherlei über meine Landsleute gesammelt; dachte einmal ein Buch zu schreiben, aber das ist auch so ein verlorener Wunsch geblieben. Ich dictire dann und wann noch etwas aus dem Material der Jane in die Feder.“

Professor Winter seufzte auf bei dem Namen: Jane.

„Ihre dankbare Schülerin, Herr Anton,“ sagte er lebhaft, „das Mädchen schuldet Ihnen seine ungewöhnliche Ausbildung, die ich mit Erstaunen wahrnahm.“

„Sie nahmen sie wahr?“ fragte Herr Anton fast zweifelnd. „Sie ist sonst sehr scheu und läßt selten durchblicken, was sie weiß, aber – dankbar, ja, das ist sie. Stundenlang mag sie sitzen und lesen, weil’s meine Augen nicht mehr können. So brachte sie mir auch kürzlich freudestrahlend das Ihnen entliehene Buch – wir schreiten langsam damit fort; dieser Engländer, der zu unserer Beschämung Goethe besser kennt als mancher unserer Landsleute, giebt mir zu vielen Erörterungen und Jane zu Fragen Anlaß – ich bin Ihnen so sehr für das Buch verbunden.“

„Bitte,“ sagte Ehrenfried, und setzte dann erstaunt hinzu: „und Jane kennt Goethe, Schiller? – das ahnte ich nicht.“

„Ah,“ lächelte der Lehrer, „das wußte ich ja; sie läßt davon nichts heraus. Aber ich sage Ihnen, das Mädchen hat ein besseres Verständniß für unsere Dichter, als manche vornehme Dame. Wir haben alles Mögliche in unserem Stundenplan, sogar Physik und Chemie – nur eine Concession machten wir der alten Großmutter, wir treiben keine fremden Sprachen.“

„Herr Anton,“ rief Ehrenfried, und drückte auf’s Neue die schmale, krankhaft blasse Hand, „welch ein Verdienst haben Sie sich da im Stillen erworben! Diese Mädchenseele höherem Wollen und Können zugänglich gemacht zu haben, ist in der That ein Verdienst.“

Das bleiche Gesicht überflog ein trauriges Lächeln. „Wie man’s nimmt, Herr Professor. Es war anfangs der Lerntrieb des Kindes, der mich reizte; dann stellte ich immer größere Anforderungen – und lernte dabei selbst auf’s Neue mit ihr; sie ist jetzt mein guter Camerad.“

„Und später?“ fragte der Andere.

„Ah, ich habe nicht lange Zeit mehr – das fühle ich. Die Jane hat dann gelernt, wie man sich selber durch’s Dasein kämpft!“

„Oder – man hat sie mit all dem, was Sie ihr erschlossen, mit all ihren Geistes- und Seelenvorzügen für immer an kleinliche Verhältnisse gefesselt.“

„Was wollen Sie damit sagen, Herr?“ fragte der Lehrer, sich angstvoll aufrichtend.

„Daß man sie einem Bergmann zur Frau giebt, damit sie lebt, und endet, wie ihre Vorfahren.“

„Nein, das ist unmöglich. An so etwas dachte ich niemals – und doch, o Herr Professor, wenn Sie damit Recht hätten!“

Die Glocke der Hausthür und dann ein Klopfen an der des Zimmers unterbrach die aufgeregt gewordene Unterhaltung. Ein junger Mann in akademischer Kleidung trat ein.

„Ah, zu außergewöhnlicher Zeit?“ fragte der Lehrer, als Jener in fremdklingenden Accente seinen Gruß gesagt.

„Ich bringe ein Buch.“

„Herr Baron Negris – Herr Professor Winter! Ein [619] Schüler; der Herr ist Belgier und will recht schnell unsere Sprache lernen; ich gebe hier und da noch einige Stunden.“

Professor Winter betrachtete den Ankömmling mit einer Miene von Argwohn – war er Derjenige, welcher am gestrigen Abend Gratiana in den Weg getreten? Der Schreiber des Briefes, der am Morgen in seine Hand gefallen war?

Der junge Mann nahm wenig Antheil an dem fortgesetzten Gespräche, aber bei jedem Geräusche auf der Straße wandte er horchend und beinahe wie erwartend den Kopf; und da Ehrenfried durch einige geschickte und scheinbar gleichgültige Fragen von dem Lehrer erfuhr, daß dieser Jane heute noch erwarte, war er völlig überzeugt, daß er in der Person des jungen Akademikers sich nicht geirrt habe.

Als er sich erhob, stand auch Jener auf, und mit absichtslos klingender Freundlichkeit lud ihn der Professor ein, den Weg mit ihm zu machen; nur zögernd schloß der Baron sich ihm an.

Mit vielen Dankversicherungen und Bitten um Wiederkommen verabschiedete der Lehrer seine Gäste; es dunkelte schon, als Beide auf die Straße traten. Ein Gefühl von Schadenfreude bemächtigte sich Ehrenfried’s, als er dachte, wie sehr er des Ausländers Pläne in Bezug auf das junge Mädchen kreuzte; so nahe war der Marder dem Taubenschlage geschlichen und sah nun seinen Weg verlegt! Er trug im Gespräche über die Akademie, über Erträglichkeit der Gruben und viele andere Sachen an, erhielt aber nur kurze Antworten, aus denen eine gewisse Widerwilligkeit gegen das Reden überhaupt klang.

„Bitte, hier rechts!“ sagte der Professor, „wir haben ja denselben Weg.“

Der Fremde schleuderte die Cigarre fort und murmelte etwas vor sich hin.

„Sie sagten?“ forschte des Professors malitiöse Stimme. „Sehen Sie nur, wie einsam diese Straßen sind; man könnte hier ungestört ein Rendezvous halten – ob das in dem kleinen Orte wohl vorkommt?“

Der junge Belgier sah ihn von der Seite her forschend an. „O, hier,“ entgegnete er dann achselzuckend, „ich zweifle.“

„In der That? Aber all die schmucken Akademiker – sollte sich unter ihnen Keiner finden, der auf das Herz einer schönen Harzjungfrau Eindruck machte?“

In der Ferne wurden leichte Schritte hörbar – der Baron blieb unwillkürlich stehen, ebenso Ehrenfried.

„Sie glauben nicht daran? Freilich, diese Bergstädterinnen sollen sehr eigensinnig sein.“

Eine weibliche Gestalt, rasch heranschreitend, wurde sichtbar – ja, es war Jane. Des Professors Auge suchte die Dunkelheit förmlich zu durchbohren – wenn sie jetzt ihre Schritte mäßigte, sich umschaute? Nein, flüchtig wie ein Reh huschte sie auf der andern Seite der Straße dahin, dem kleinen Hause des Schullehrers zu; enttäuscht sah Negris ihr nach und dann zu dem Begleiter, dem Zerstörer seiner Pläne, auf. Unbekümmert um den Blick grimmigen Zornes, der ihn getroffen, ging Jener weiter, ja, er war augenscheinlich sehr heiter gestimmt, denn er pfiff einige Tacte, ehe er sich wieder zu dem Baron wandte.

„Lernten Sie diesen Eigensinn noch nicht kennen, mein Herr?“

„Nein!“ stieß der Andere kurz heraus.

„Ah, aber ich meine, das ist die beste Sprachübung, die Sie habe könnten; einer Schönen den Hof machen, alle ihre Vorzüge aufzählen, von Liebe und Treue sprechen – ich sage Ihnen, die Wendungen und Vocabeln finden sich da wie von selber – eine solche Uebung fördert mehr, als stundenlange Discussionen mit Herrn Anton.“

„So – ich glaube aber, daß ich nicht Gelegenheit habe werde …“

„Nichts leichter als das – sollte Ihnen noch kein hübsches Gesicht aufgefallen sein? Und dann müssen Sie sich im Briefschreiben üben – –“

„Mein Herr –“

„Sie wünschen?“

„Ihre Art, mit mir zu verkehren, ist so sonderbar!“

„In wiefern? Fühlen Sie sich durch etwas getroffen?“

„Mein Herr!“

„Nun, das könnte ja sein. Und in dem Falle würden Sie auch entdeckt habe, daß es Lagen giebt, in welchen plötzlich so etwas wie ein Beschützer auftaucht, den man nicht ungestraft herausfordern möchte. Im Uebrigen aber wünsche ich Ihnen eine recht gute Nacht; hier trennen sich unsere Wege. Schlafen Sie wohl, mein Herr Baron, und nehmen Sie meine besten Wünsche für die Fortsetzung Ihrer Sprachstudien!“

Der Andere zog verwirrt sein Mützchen mit dem blanken Schirm. Der Professor bog schnell in eine Querstraße und fing wieder lustig zu pfeifen an; in der fröhlichsten Stimmung gelangte er nach Hause.

Diesmal konnte er auch unmöglich so schnell an der Thür der alten Großmutter vorübergehen, ohne ihr guten Abend zu sagen, und dann spann sich das Gespräch mit ihr und Vater Gottlieb so sehr aus, daß er zur Würze desselben noch eine Flasche Wein herabholte und fröhlich sein Glas an das des alten Bergmanns klingen ließ. Es war nicht weit mehr von der Zeit entfernt, um welche die Alten ihr Lager aufzusuchen pflegten, als Jane in Begleitung der blassen Lehrersschwester und des strammen Conrad in’s niedere Zimmer trat. Wie schön sie aussah mit den frisch gerötheten Wangen, wie ihre Augen leuchteten – vielleicht des Conrad’s wegen, der dort wieder verlegen seine Kappe in der Hand hin und her drehte. Nein, das war ja nicht möglich, der Mensch konnte ihr nicht genügen; das wäre die biederschlichte Einfalt gewesen neben – ah, er athmete erleichtert auf, der Herr Professor Ehrenfried Winter, und brachte eigenhändig ein Glas Wein zu Conrad hinüber, stieß mit ihm an und sagte „Glück auf!“

Schullehrers Riekchen legte das Tuch nicht ab.

„Es war nur um durch die Luft zu kommen,“ sagte sie zur Großmutter, „der Bruder ist allein.“ Dann reichte sie dem Professor die hart gearbeitete Hand hin: „Kommen Sie auch wieder zu ihm? Er war so froh heute – und – er hat so wenig Frohes auf der Welt.“

Ehrenfried nickte. „Ich komme sogar mit Büchern, und gefällt’s ihm, lese ich ihm auch daraus.“

„Wie gut Sie sind – Gott lohne es!“ sagte das blasse Mädchen, während ihn ein Blick aus Jane’s Augen traf, so voll, so warm, daß ihm war, als schlage sein Herz schneller davon. Er lächelte – das war doch eine Täuschung – „alter Ehrenfried“!

„Gute Nacht mit einander!“ grüßte Riekchen.

Conrad schlürfte laut den letzten goldenen Weintropfen hinab und sagte verlegen:

„Ich bringe Dich hinunter!“

„Nicht doch –“ wehrte das Mädchen.

„Gewiß!“ rief Jane’s volle Stimme, „in der dunklen Nacht gehst Du nicht allein; schlaf wohl, Conrad!“ und damit hatte sie das Paar hinausgeschoben. Mit einem Scherzwort wünschte Ehrenfried den beiden Alten eine angenehme Nacht, dann streckte er dem Mädchen seine Hand entgegen. Zum ersten Male legten sich ihre warmen Finger in dieselbe.

„Gute Nacht, Gratiana!“

Sie bewegte nur die Lippen und senkte die Augen. Er griff nach dem Leuchter und stieg treppauf; das Zimmer war kalt; dennoch öffnete er das Fenster und blickte zum besternten Himmel auf.

„Ich weiß es nicht warum, aber mir ist heute so leicht, so froh, vielleicht treibt diese frische Bergluft mir alle Grillen aus, und ich bringe als Errungenschaft aus dem Harzleben mit heim: ein fröhliches Herz.“

Drunten öffnete sich nochmals die Hausthür, Jane trat heraus, um die kleinen Fensterläden zu schließen. Auch sie stand einige Secunden und sah zum Nachthimmel auf – was wird sie denken, wünschen? fragte sich Ehrenfried. War das nicht ein leiser Seufzer? Jetzt drückte sie die Läden an; die Schraube, welche drinnen Vater Gottlieb handhabte, kreischte, dann fiel die Thür zu, und der Schlüssel drehte sich in derselben.

„Gute Nacht, Gratiana!“ flüsterte Ehrenfried und schloß sein Fenster. Wie er das Haupt wandte, streifte sein Blick Constanzens Bild.

„Ah – sie!“ sagte er und hob den Leuchter, „sie ist nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung; alle Farben verblassen.“ Näher tretend gewahrte er den Epheukranz und in demselben eine frische Rose.

„Gratiana – Du – Du glaubtest für mich ein liebes Bild zu kränzen, aber es ist Todtenschmuck geworden. Ich danke Dir [620] dennoch, und wenn jene Blume dort verwelkt ist und ihre Blätter herabgefallen, wer weiß, was dann ist – ja dann!“

So glücklich hatte Ehrenfried Winter’s Gesicht seit langen Wochen nicht gelächelt, wie jetzt.




Mit eben der guten Laune, in welcher er schlafen gegangen, erwachte der Professor auch am nächsten Morgen; draußen schien die Sonne freundlich; einige Spatzen zwitscherten an seinem Fenster – die Welt, die kleine hier auf der Bergeshöhe – war doch wunderschön. Vater Gottlieb brachte ihm den Kaffee, aber wortlos heute, gegen seine sonstige Gewohnheit; das machte ihn zwar aufsehen, doch er fragte nicht, und als der Alte mit einer Hast, die noch ungewohnter war, sein Zimmer verlassen hatte, flüsterte er:

„Der Wein ist ihm zu stark gewesen, und das trägt er mir nach.“ Er griff zu dem Zeitungspaket und der Pfeife, horchte aber dabei auf jedes Geräusch, das sich unten vernehmbar machte.

„Sonderbare Unruhe heute, ganz gegen alles Herkömmliche! Was ist nur? Und dort schlägt Vater Gottlieb die Thür zu? Müssen auch die Frauen entgelten, daß ihm der Rüdesheimer so gut geschmeckt? Nun kommt es hastig die Treppe herauf –“ Die Zimmerthür wurde aufgerissen, und Jane erschien in derselben. Aber nicht die ruhige, selbstbewußte Jane – die schweren Flechten halb aufgelöst den Rücken herabhängend, im Unterrock aus Beiderwandstoff, wie ihn die Harzerinnen tragen, der nur bis zum Knöchel reicht, und einem Mieder, aus welchem die Hemdärmel bis zum Ellbogen herabhingen, ein Tuch lose um die Schultern geworfen mit hoch gerötheten Wangen, blitzenden Augen und fliegendem Athem – so stand sie da und streckte ihm beide Hände wie beschwörend entgegen: „Herr Professor, helfen Sie mir!“

Erschreckt sprang er empor, die Zeitungen auf den Boden werfend:

„Was ist?“

„Sie sind gut, edel; ich werde Sie nicht vergebens um Hülfe anflehen.“

Er schloß die Thür hinter der Aufgeregten und faßte ihre Hand, um sie nach einem Sessel zu führen, aber sie wiederstrebte ihm.

„Nein, nein, nicht früher, als bis ich Ihr Wort habe – wollen Sie mir helfen?“

Welche Leidenschaft in Ton, Blick und Bewegung – er würde sie nie bei dem sonst so stillen Mädchen gesucht haben.

„Gewiß, Gratiana, unter jeder Bedingung.“

Wie prüfend blickte sie ihm in’s Auge: „Es ist gut; ich habe Ihr Wort.“

Dann sank sie auf den Stuhl und bedeckte, wie um sich zu sammeln, das Antlitz mit beiden Händen; erregt und bleich stand Ehrenfried vor ihr; jede Frage, jeden Laut der Theilnahme zurückdrängend, um ihr Ruhe zu gönnen.

Endlich ließ sie die Hände sinken. „Nun kann ich reden, nun muß ich’s, damit Sie nicht denken, daß ich eine Wahnsinnige bin.“

„Gratiana!“

„O – das wäre keine Unmöglichkeit,“ sagte sie bitter. „Nein, sehen Sie mich nicht so entsetzt an – was ich von Ihnen will, ist Hülfe, Beistand gegen die beiden alten Leute dort unten.“

„Gratiana!“ sprach Ehrenfried und streichelte ihren dunklen Kopf, „beruhigen Sie sich erst. Was will man denn?“

„Es ist das erste Mal, daß Großmutter und Vater strenge mit mir sind und daß ich ungehorsam bin, sein muß.“ Dabei fiel eine Thräne auf die heiße Wange. „Meine Seele ist in Gefahr, mein ganzes Denken und Sein; es ist ein moralischer Mord!“

„Armes Mädchen, verlangt man von Ihnen, daß –“ er konnte nicht weiter reden.

„Ich soll heirathen.“

„Den Conrad?“ setzte Ehrenfried hinzu.

„Ja! – Sie wußten es also?“ fragte sie, und die Falte auf ihrer Stirn wurde düsterer, „Sie finden auch, daß ich dumm und albern bin, wenn ich mich dagegen sträube?“ Sie sprang auf, aber er hielt sie mit beiden Händen fest und drückte sie auf ihren Sitz zurück:

„Thörichtes Mädchen, nein, nein; ich will es nicht, daß Sie den Conrad heirathen, denn –“ Er stockte.

Sie glitt vom Stuhle herab und wollte seine Kniee umfassen; er zog sie empor, konnte aber nicht hindern, daß sich ihre rothen Lippen mit einer dankbaren Bewegung auf seine Hand preßten. Wie seltsam ihn die Berührung durchzuckte!

„Sie wollen es nicht?“ Ein Freudenschein überflog dabei ihr Gesicht. „Nun sollen Sie Alles wissen.“

„Ich wußte es längst, Gratiana; die Großmutter sprach davon – damals schon war mir der Gedanke unerträglich.“

Sie nickte und sagte in ihrer alten Weise, ohne den Blick wieder zu erheben:

„Ich habe nichts geahnt, bis die Großmutter gestern Abend so seltsam sprach, mich schalt, daß ich den Conrad fortgesandt, und heute Morgen kündete mir der Vater an, daß er jetzt dem Conrad sein Jawort geben wolle. Wie ich ihn bat, mich sträubte! – nichts half – und Gründe meiner Weigerung verstehen sie nicht; nur der Herr Anton trage die Schuld, hieß es, der mir den Kopf mit unnützen Dingen angefüllt, daß ich mich nun überhöbe. Und ein für alle Mal dürfe ich, ich möge nun ja oder nein zu dem Conrad sagen, die Schwelle des Lehrers nicht mehr überschreiten. O, Sie wissen nicht,“ fügte sie leidenschaftlicher hinzu, „wie kindliche Dankbarkeit und der Trieb der Selbsterhaltung, der Herzensfreiheit in mir mit einander kämpfen.“

„Der Herzensfreiheit,“ wiederholte Ehrenfried mit starker Betonung, „Gratiana, ist es der Gedanke der geistigen Unzusammengehörigkeit allein, der Sie den Conrad verwerfen läßt – ist Ihr Herz frei – lieben Sie nicht, haben Sie keinen Herzenstraum?“

„Traum?“ sie fuhr über die Stirn und lächelte mühsam, „wer hat nicht Träume?“

„Seien Sie ehrlich, Gratiana!“

Die blauen Augen blickten ihn offen an: „Die Dichter besingen eine Liebe, so schön, so lockend, ich habe aber nie darüber nachgedacht – jetzt kenne ich die Bedeutung, jetzt, nachdem mir der Zwang entgegen getreten; wenn lieben in sich begreift, daß man für Jemand zu sterben bereit ist, daß man sein eigen Selbst gerne opfert, dann – ja, dann liebe ich.“

Mit fliegendem Athem hatte sie die Worte herausgestoßen und war darauf zur Thür geeilt. Ehrenfried stand noch neben dem von ihr verlassenen Stuhl. „Also doch – doch!“ flüsterte er halblaut und folgte ihr langsam.

„Ich habe kein Recht, nach den Geheimnissen Ihres Herzens zu forschen, Gratiana,“ sagte er milde; „aber Sie sollen in mir den Freund, den Bruder sehen.“

Nochmals wollte sie ach demüthig auf seine Hand beugen, aber er zog sie schnell zurück.

„Ich gehe jetzt doch nach Zellerfeld,“ flüsterte sie.

„Und ich zur Großmutter,“ entgegnete er. „Muth und Vertrauen einstweilen!“

„Muth! Wie vielen Muth und welch inniges Vertrauen bricht die Welt oft!“ sagte sie. Ein schmerzlicher Zug lag auf dem schönen Mädchengesicht: „aber ich will hoffen. Immerhin ist die Welt groß – aber was mich stets schmerzt, das ist der traurige Gedanke, daß Einer in der großen, weiten Welt elend und allein verderben kann.“

Ehrenfried nahm ihr Haupt mit einer schnellen Bewegung in beide Hände und drückte einen Kuß auf ihre Stirn:

„Schwester Gratiana, Du bist nicht allein.“ Dann wandte er sich und ging zum Fenster. Als er dasselbe wieder verließ, hatte sich die Thür hinter ihr geschlossen. Er sah sehr ernst und bleich aus.

„Also doch,“ sagte er wie vorhin, „wenn sie wüßte, wie mich das traf! In demselben Augenblicke gewahrte ich ja erst, daß mein eigenes Herz wieder begonnen hatte, zu träumen. – Gratiana! Eine Welt voll Glück umschloß dieser Name für mich – und nun?“ Er bückte sich, hob die Zeitungen empor, glättete sie und flüsterte dann:

„Sie liebt – vielleicht doch ihn? Gewiß sogar. Das Fremde, die gebrochene Sprache, der Titel endlich, das Alles hat sie geblendet – und es ist genug –! O Ehrenfried, welch ein Thor Du warst! Wenn er nur ehrlich denkt! Wehe ihm, wenn’s anders wäre! Es darf, soll nicht anders sein, ich werde wachen, und wehe ihm! Sie gab mir die Rechte eines Bruders und soll sie nicht in schlechte Hände gelegt haben. Und jetzt – zur Großmutter!“

Als er unten über die Schwelle getreten, gewahrte er gleich,

[621]
Die Gartenlaube (1878) b 621.jpg

Im Wartezimmer des Künstlers.
Nach dem Gemälde von V. Palmaroli auf Holz übertragen.

„Dein fröhlich Bräutchen ist zur Stell’ –
Heut malst Du mich zu deinem Ruhme;
Mein süßer Schatz, mein Rafael,
Heut malst Du Deines Herzens Blume.

Wo bleibst Du denn, mein Rafael?
Hat Dir die Liebe keine Eile?
So hilf, o Spiegel, du mir schnell,
Verscheuche mir die Langeweile!“

Und in dem Glase, blank und hell,
Beäugelt sich das munt’re Wichtchen.
„Schmuck nennt mich ja mein Rafael –
Soll mich denn freu’n nicht mein Gesichtchen?“



daß sich die beiden alten Leute noch in großer Aufregung befanden. Großmutter saß zwar im Lehnstuhl, aber ohne die klappernden Nadeln zu rühren, nur ihre dürren Finger bewegten sich rastlos hin und her, und Gottlieb, der in voller Bergmannstracht steckte, wanderte auf und nieder.

Der Morgengruß wurde von Allen übergangen.

[622] „Was sagt Ihr, was sagt Ihr nur?“ rief die alte Frau Ehrenfried entgegen, und „Helft und rathet einmal!“ der Gottlieb.

Der Professor schob, statt jeder Antwort, einen hochlehnigen Stuhl an Großmutters Seite und sagte dann kaltblütig: „Vor allen Dingen: Ihr sollt Euch Beide erst beruhigen.“

„Da habt Ihr gut reden,“ sagte Gottlieb, „das kann ich mir selber sagen, ohne ein grundgelehrter Herr aus dem Lande zu sein. Aber ich will nicht ruhig sein; ich bestehe auf meinem Recht und will kein echter Harzer sein und nicht ehrlich da in dem Kittel gesteckt haben, wenn’s mir nicht wird. Nach dem Superintendenten geh’ ich und nach dem Gericht.“

„Gemach, Gottlieb – in der ersten Hitze thut man keinen vernünftigen Schritt.“ Die Großmutter nickte dazu.

„Ach, was schwatzt Ihr! Ich brauche keinen Rath. Ein echter Mann verficht seine Sache selber; haltet Ihr mich etwa für keinen?“ Jetzt bekam der Holzschemel der Großmutter einen Stoß.

„Gottlieb,“ sagte der Professor mit entschiedenem Tone, „tobt nicht, wie ein Tollhäusler! Das ist Eurer weißen Haare wenig würdig.“

„Die hab’ ich mit Ehren –“ entgegnete er, gelassener werdend, „aber, Herr Professor, wenn Ihr das hättet erleben sollen: ein Kind, das Ihr gehegt und gepflegt habt, wie Euren Augapfel – das ist zu hart. Seht, da kam ich vom Begräbniß des Vetters herauf, der so alleine gelebt und gestorben; kein Kind und kein Kindeskind weinte an seinem Grabe; das ging mir an’s Herz – so hätte ich nicht sterben mögen. Großmutter, sagte ich, die Jane ist jetzt im rechten Alter; sie soll heirathen; da erleben wir noch Freude, ich an den Enkeln, Du an den Großenkeln. Und da ist nun der Conrad, fleißig und rechtschaffen und ein strammer Kerl; einen besseren Sohn wünsch’ ich mir gar nicht. Er sucht eine Frau und hat die Jane gern, und gestern Abend da legte mir der Wein das Herz auf die Zunge, und als Ihr fort waret, machte ich dem Mädchen Andeutungen, daß man den Liebhaber nicht mit einer Andern fortsendet. Erst wollte sie mich nicht verstehen; dann lachte sie und sagte, daß der Conrad die Rieke grad so möge, wie sie. – Ich ließ das gehen; ein Mädchen muß nie gleich mit beiden Händen zugreifen, sondern sich suchen lassen. Ich denke, das ist so Mädchenart. Heut’ Morgen lief mir aber die Sache ernstlicher durch den Kopf; ich rief die Jane – und da erklärte sie denn rund ’raus, daß sie den Conrad nicht wolle, aber ein echter Harzer beugt seinen Kopf nicht – sollt ich’s vor einem Weibsbild, das meine eigene Tochter ist?“

„Gottlieb,“ rief die Großmutter, „wenn sie nur nicht schon Jemanden anders gern hat!“

(Schluß folgt.)




Die Schreckenstage in den Tiroler Alpen.
Von einem Augenzeugen geschildert.

„Flieht, rettet Euch! Der Damm ist gebrochen!“ – Diesen Schreckensruf, wie er am 17. August dieses Jahres das kleine Dorf Taufers in Tirol erfüllte, werde ich nie aus dem Ohre verlieren.

Von Bruneck, dem beliebten Sommerfrischplatze an der Pusterthalbahn, hatte ich mich an dem breiten, rauschenden Ahrenbache entlang nach dem etwa drei Stunden entfernten Taufers begeben. Eigentlich sind es zwei zusammenhängende Ortschaften, Sand und St. Moritzen, welche man unter jener Bezeichnung begreift. Die Ruine des auf hohem Felsen gelegenen Schlosses Taufers hat ihnen diesen gemeinschaftlichen Namen gegeben.

Am Mittage des 15. August überzogen das Tauferer- und Ahrenthal schwarze, drohende Wolken und bald brachen auch mit Macht die Gewitter überall los. Es waren jedoch meist Hochgewitter, die sich hauptsächlich weit droben auf den Bergen entluden. Wir im Thale wurden nur mit einigen wolkenbruchartigen Regengüssen bedacht. Da jedoch der Wind nach Norden umschlug, lebte in uns die Hoffnung auf Besserung des Wetters. Aber Furchtbares stand uns in nächster Zeit bevor.

Der schon erwähnte Ahrenbach, ein prachtvoller, hauptsächlich von den südlichen Gletscherabflüssen der Zillerthaler Tauern genährter Bergstrom, trübte sich plötzlich am Abend des 15. August, und nachdem er vorher noch etwas, aber nicht in Besorgniß erregender Weise, angeschwollen war, versiechte er während der Nacht mit einem Male so vollständig, daß wir das tiefe Bett mit seinen Felstrümmern ganz trocken gelegt sahen. Daran erkannten die Bewohner der verschiedenen am Ahrenbache gelegenen Ortschaften sofort, was ihnen drohe. Ueberall ertönten noch in der Nacht die Sturmglocken, um die Gefahr zu verkünden und Hülfe herbeizurufen.

Bald traf denn auch die Nachricht ein, daß etwa eine Meile oberhalb Taufers die von den Zillerthaler Gletschern herabkommenden angeschwollenen Gebirgsbäche, namentlich der Rohrbach, solche kolossale Massen von Steinen, Schutt und Schlamm herabgewälzt hatten, daß in der Gegend von Arzbach das Thal vollständig geschlossen sei. Ein Wall von einer Viertelstunde Breite und fast eine halbe Stunde lang hatte sich mit unwiderstehlicher Gewalt quer über das Thal geschoben und hierbei die ansehnlichen gräflich Enzenberg’schen Kupferschmelzwerke vollständig vermuhrt (verschüttet).

Durch diese Muhre aber stauete sich der Ahrenbach und bildete einen schäumenden See, der bald bis zu dem fast eine halbe Stunde weiter thalaufwärts gelegenen Dorfe St. Martin reichte. Dies war der Grund des plötzlichen Versiechens des Ahrenbaches im unteren Thale gewesen. Um die entsetzliche Gefahr abzuleiten, versuchten die von allen Seiten herbeigeströmten Männer dem immer drohender anwachsenden See an einer Stelle des Walles einen Abfluß zu bahnen, und nach einer Riesenarbeit von mehreren Stunden hatte dieses höchst gefährliche Unternehmen einigen Erfolg. Das angestaute Wasser fand endlich Abfluß, den schmalen Durchbruch mit eigener Gewalt rasch erweiternd. Brausend und donnernd strömte es durch das noch eben leere Bett, Alles mit sich fortreißend. Steine, Felsstücken von zwanzig und mehr Centnern rollten mit der Fluth dahin wie leichte Spielbälle.

Aber welch entsetzlicher Unterschied zwischen den blaugrünlichen Fluthen, die sonst das Thal durchrauschten, und der schwarzbraunen schlammigen Masse, die sich jetzt rasend daher wälzte! Der Waldboden stundenlanger hoher Bergabhänge war mit herabgeschwemmt worden und bildete mit dem aufgewühlten Erdreiche der tiefer gelegenen Felder und Wiesen einen Schlammstrom. Diese dunkle Fluth verbreitete einen durchdringenden Modergeruch, der sich selbst auf weite Entfernung noch bemerkbar machte. Und welche Massen von Baumstämmen, Holz aller Art, besonders aber Holzkohlen brachte der Strom mit sich! Letztere hatten nämlich in ungeheueren, für mehrere Jahre ausreichenden Vorräthen bei dem Kupferschmelzwerke, wo die Erze nur mit Holzkohlen geschmolzen werden, aufgehäuft gelegen. Tausende von Fudern dieser Kohlen jagten jetzt auf den empörten Wogen thalabwärts.

Nachdem das Wasser jenes Hinderniß durchbrochen und das vorher verlassene Bett bis zum Ueberströmen gefüllt hatte, galt es in Taufers-Sand die gefährdetsten Uferstellen zu schützen, zu welchem Zwecke man mächtige Tannen fällte und dieselben, an starken Ketten befestigt, mit den Zweigen in die Fluth versenkte, wodurch die Gewalt der anstürmenden Wogen wenigstens einigermaßen gebrochen wurde.

In den Nachmittagsstunden des 16. August glaubte man die Gefahr beseitigt, weil die Fluth die bisher erreichte Höhe jetzt nicht mehr überstieg. Aber diese Hoffnung erwies sich nur zu bald als trügerisch.

In der Nacht vom 16. zum 17. August ertönten abermals ringsumher die Sturmglocken aller Dörfer des Thales. Die immer mehr geschmolzenen Schneefelder der Gletscher hatten neue, größere Wassermassen entsendet, und stündlich wuchs die Gefahr. Es war eine schauerliche Nacht; das Geheul der Sturmglocken, das Brausen der Wogen, mehr aber noch der Alles übertönende, weithin hörbare Donner der großen Felsstücke, welche die Fluth in dem zerwühlten Bette wüthend vor sich herrollte – kurz, Alles vereinigte sich, um das Herz mit Schauer und Grauen zu

[623] erfüllen. Noch hatte man sich in Taufers-Sand für hinreichend sicher gehalten, denn man glaubte, daß die breiten Steindämme den Ort vor Unheil schützen müßten. Bei dem Grauen des Tages aber erkannte man, welche erschreckenden Verwüstungen die immer wachsenden Fluthen während der Nacht angerichtet hatten. Die Fahrstraße, welche auf starkem Unterbau längs des Ahrenbachufers an der Schloßruine vorbei in das Thal gen Luttach führte, war bereits von den andrängenden Wogen vollständig zerstört, und immer weitere Strecken des Weges nach dem Dorfe Sand zu verschwanden vor dem Anpralle der Fluthen.

Der Damm, der jetzt noch die letzte Schutzwehr für das Dorf bildete, erzitterte unter dem unaufhörlichen Anstürmen der Stein- und Wassermassen. Die Gefahr wuchs zusehends, und immer mehr ward es zur Gewißheit, daß hier menschliche Hülfe vergeblich sei. Jetzt eilten die entsetzten Bewohner in ihre Häuser und Hütten, um das Vieh nach dem Bergabhange zu schaffen. Dabei wurde noch in fliegender Hast von der armseligen Habe zusammengerafft, was sich rasch fortbringen ließ; kurz, das ganze Dorf hatte das Ansehen, als wären seine Bewohner auf der Flucht vor einem plündernd nahenden Feinde.

Das wilde Brausen der Wogen noch übertönend, erschollen plötzlich in der siebenten Morgenstunde vom Ufer her die Jammerrufe: „Der Damm ist gebrochen! Die Wasser kommen!“ In demselben Augenblicke aber wälzte sich auch schon die verheerende, schmutzige Fluth dem nach Süden etwas tiefer gelegenen Dorfe zu.

Mit ungefähr vierzig Personen, zum größten Theile Touristen und Sommergästen befanden wir uns noch in dem Gasthause „Zur Post“, welches, zu beiden Seiten durch Dorfgassen von den Nachbarhäusern getrennt, fast am südlichen Ende des Ortes liegt. Uns gegenüber nach der Bergseite zu und durch die Straße kaum fünfzehn Schritte von uns getrennt, lag das Gasthaus „Zum Elephanten“, welches von Fremden ebenso angefüllt war wie das unserige. Von den gegenüberliegenden Häusern bot sich Gelegenheit, sofort den anstoßenden Bergabhang zu erreichen, und diesen Vortheil erwägend, wollten wir noch rasch nach jenen Häusern hinüber fliehen, aber nur Wenigen gelang die Ausführung dieses Planes, denn mit Blitzesschnelle waren alle Dorfgassen zu ebenso viel brausenden Wildbächen geworden. Furchtbar war das Jammern; nicht minder furchtbar waren die Rufe um Hülfe, welche aus den bedrohten Häusern und Hütten ertönten, deren Bewohner sich gleich uns nicht mehr hatten vor der Fluth retten können. Händeringende, weinende Menschen starrten aus den Fenstern und von den Dächern herab in die mit jedem Augenblicke wachsenden Wogen. Aber die Jammerrufe mußten erfolglos verhallen, denn das tosende, entfesselte Element drohte jedem menschlichen Wesen, das sich zu eigener Rettung oder zum Schutze Anderer hätte hinauswagen wollen, mit sofortigen Untergange.

Für uns hing jetzt Alles davon ab, ob die Mauern der Häuser stark genug wären, den Anprall der Wogen und der mit denselben daherrollenden schweren Steinblöcke, sowie das Anstürmen der massenhaft aus den Fluthen daherjagenden Baumstämme, Brückenbestandtheile, Wagen, Hausgeräthe und Hölzer aller Art auszuhalten.

Hinter der als prächtiger Aussichtspunkt bekannten Veranda des Gasthauses „Zur Post“ befand sich ein Grasgarten, der von einer gegen vier Ellen hohen, aus großen Feld- und Bruchsteinen abgeführten starken Mauer umgeben war. Diese Mauer schien unserm Zufluchtsorte Schutz zu gewähren, denn an ihr theilten sich noch die Fluthen, zu beiden Seiten der „Post“ Abfluß findend, wobei sie die Dorfstraßen in kurzer Zeit zu theilweis klaftertiefen Flußbetten aufrissen. Noch immer aber stiegen die Wasser; bald hatten sie die Höhe jener Gartenmauer erreicht und stürzten nun cascadenartig aber dieselbe durch den Garten auf unser Haus zu. Da brach plötzlich ein großes, dicht hinter jener Mauer stehendes Schuppengebäude, welches uns auch noch einigen Schutz gewährt hatte, krachend zusammen und wenige Minuten später stürzte mit furchtbarem Gepolter ein großes Stück der starken Gartenmauer ein. Nun aber wälzte sich die ganze Macht des Stromes unbehindert auf unser Haus zu. Klirrend und ächzend brachen die im Erdgeschosse liegenden Fenster vor dem Anpralle der Fluthen, und jetzt ging der größte Theil des Wassers direct durch die unteren Räume des Hauses, durchbrach nach der Vorderseite Thüren und Fenster und fand so, schauerlich tosend und das ganze Haus mit eisiger Kälte erfüllend, ungehindert seinen Ausweg.

Unsere Lage wurde mit jeder Minute trostloser. Ueberall begegnete man bleichen Gesichtern. Eine Anzahl Frauen des Dorfes hatte in der „Post“ Zuflucht gefunden und saß nun in Verzweiflung jammernd und betend auf den Treppen des Hauses. Drüben am Bergabhange aber halten sich diejenigen Dorfbewohner gelagert, welche vor dem hereinbrechenden Wasser noch rechtzeitig hatten fliehen können. Nur wenigen war es gelungen, in der Eile einige Kleidungsstücke oder Betten mitzuschleppen. Und alle diese Unglücklichen mußten jetzt Zeugen sein, wie die Fluthen ihre ärmlichen Wohnungen zerstörten, wie die Wogen ihren kärglichen Hausrath fortspülten und an den Mauern der Häuser zerschellten. Noch jetzt treten mir die Thränen in die Augen, wenn ich an dieses schauerliche Bild des Elends und der Zerstörung denke.

Während voller fünf Stunden blieb das Wasser fast auf derselben gefährlichen Höhe; endlich machte sich ein langsames Fallen bemerkbar. Zwar hatten die Fluthen, welche unausgesetzt aus den öderen Thälern heranbrausten, noch nicht nachgelassen, aber zum Glücke für die Häuser der Dörfer Sand und St. Moritzen hatte etwas unterhalb des oberen Dammbruches plötzlich ein neuer Durchbruch stattgefunden, und durch diesen wälzte sich nun ein Theil der Wasserfluthen über die daselbst liegenden Felder, freilich nicht ohne die noch meist in Garben stehende reiche Ernte schonungslos zu vernichten und die Fluren in furchtbarer Weise aufzuwühlen oder hoch mit Steinen und Schlamm zu bedecken. Bald sollte nun für uns die Erlösungsstunde schlagen.

Die in dem uns gegenüberliegenden, geschützteren Gasthause wohnenden Fremden hatten schon längst berathen, wie uns Hülfe geschafft werde könne, aber so lange die Fluthe unser Haus noch so wüthend umtobten, wäre jeder Versuch, uns beizustehen, ebenso erfolglos wie gefährlich gewesen. Jetzt aber wurde unter aufopfernder Hülfe einiger zufällig anwesender Ingenieure, welche italienische Arbeiter mitbrachten, und unter dem Beistande der rüstig Hand anlegenden Fremden und Dorfbewohner mühsam, aber doch glücklich eine Nothbrücke mit zwei rasch gefällten mächtigen Tannen als Unterlage hergestellt, auf welcher wir endlich unserm gefährlichen Kerker entrinnen konnten. Der Ausweg durch die Thüren oder Fenster des Erdgeschosses war uns freilich verschlossen, denn fast vier Fuß hoch waren alle diese unteren Räume mit Sand und Schutt gefüllt, und die Gewalt des Wassers hatte diese Masse so fest geschlagen, daß dieselbe später nur langsam mit Hacke und Schaufel entfernt werden konnte. Wir waren also gezwungen, unsern Weg zur Nothbrücke aus den Festern des ersten Stockwerkes der „Post“ heraus auf Leitern zu nehmen. Aber wie leicht athmeten wir auf, als wir endlich wieder festen, sicheren Boden unter uns fühlten, und wie herzlich dankten wir allen denen, die ihre Kräfte bei unserer Befreiung bis auf’s Aeußerste angestrengt hatten! Später ließ uns die theilweise schon bloßgelegte Grundmauer der „Post“ mit Entsetzen erkennen, daß auf viel länger hinaus auch unser Zufluchtsort der Gewalt der vernichtende Fluthen nicht hätte widerstehen können.

Aber welch ein trauriges Bild der Verwüstung bot sich jetzt unseren Augen, als wir von der Höhe des Berges das gestern noch so schöne, liebliche Thal überblickten! Verwüstung, Jammer, so weit das Auge reichte! Fast keines der Häuser Sands war ohne erhebliche Beschädigung geblieben; einige waren fast vollständig zerstört, die meisten aber für lange Zeit ganz unbewohnbar. Am andern Ufer des Ahrenbaches im Dorfe St. Moritzen hatten die Fluthen fast noch schlimmer gewüthet; hohe Steinhaufen lagen um die Häuser; die Brücken waren fortgerissen und sämmtliche Mühlenwerke zerstört. Noch viel furchtbarer hatte das Wasser aufwärts nach Luttach zu und in den Seitenthälern, namentlich im Mühlwaldthal, gehaust. Nach Bruneck zu glich das Ahrenthal noch einem breiten See. Die Landstraße war auf große Strecken zerstört, Brücke um Brücke fortgerissen und so jede Verbindung nach Bruneck unterbrochen worden.

Den weitaus größten Schaden haben jedoch die Felder und Fluren erlitten. Das Tauferer Thal war fast durchweg gut und fleißig angebaut; besonders in diesem Sommer schien eine reiche Ernte die schwere Arbeit der armen Anwohner lohnen zu wollen, und nun haben die Fluthen erbarmungslos Alles, Alles hinweggerissen, zerstört und mit einem Schlage alle Hoffnungen vernichtet.[1]

[624] Das Traurigste aber ist, daß die Ernte-Aussichten auf viele Jahre hinaus vernichtet sind, denn lange Zeit werden die verwüsteten Felder unsäglich Arbeit verlangen, ehe hier wieder Halm oder Aehre gedeihen kann. Ja, diese wenigen Stunden reichten hin, um Tausende von fleißigen, braven Menschen zu Bettlern zu machen. Sind doch auch durch die Verschüttung der Kupferschmelzwerke Hunderte von Familien auf Jahre hinaus ihres Verdienstes beraubt worden – kurz, das Elend, welches über jene Gegend so furchtbar rasch hereinbrach, ist grenzenlos. Rasche Hülfe thut dringend Noth, wenn nicht die so hart betroffenen Bewohner jener Gegend in Elend verkommen sollen. (Siehe den Aufruf am Schlusse dieser Nummer! D. Red.)

A. Brendel.




Procop Diwisch.
Ein Beitrag zur Geschichte des Blitzableiters.
Von Karl Bornemann.

Nachdem bis zum sechszehnten Jahrhundert jedes Volk und jedes Zeitalter eigenartige Versuche angestellt hatte, sich vor der vernichtenden Gewalt der Gewitter zu schützen, und nachdem sich alle Mittel fruchtlos erwiesen hatten, blieb es der fortschreitenden Wissenschaft im vorigen Jahrhundert vorbehalten, auch auf diesem Gebiete das lang ersehnte Ziel zu erreichen. Alle früheren Experimente waren mißlungen,[2] weil man eben das Wesen der Wetterwolken nicht erkannte. Nach Aristoteles’ Lehre hielt man den Blitz lange Zeit für eine plötzliche Entzündung brennbarer Stoffe in der Luft. Erst im Jahre 1600 legte der englische Physiker William Gilbert den ersten Grund zur richtigen Erkenntniß des wahren Wesens des Blitzes, sofern er an einer großen Menge von Körpern die Erregung einer neuen Naturkraft – der Elektricität feststellte. Als weitere Förderer der Erkenntniß müssen wir erwähnen den Magdeburger Bürgermeister Otto von Guericke, der die erste, wenn auch noch unvollkommene Elektrisirmaschine herstellte, sowie denn Engländer Wall, der 1708 zuerst eine Aehnlichkeit zwischen dem elektrischen Funken und dem Blitze bemerkte.

Unter denen, welche für die Verbesserung der Elektrisirmaschine hervorragend thätig waren, ist besonders Professor Johann Heinrich Winkler in Leipzig zu nennen. Derselbe behauptet geradezu („Progr. de avertendi fulminis artificio“, Leipzig 1753), daß zwischen dem Leuchten und Prasseln künstlich hervorgerufener Electricität und dem Blitz und Donner gar kein anderer Unterschied bestehe, als derjenige der Größe. Und dieser Naturforscher war es auch, welcher die ersten Vorschläge machte, man möge die Häuser vor dem Blitze durch Metallstangen schützen und solche durch Ketten mit dem Erdreich in Verbindung bringen. Die Wissenschaft war nunmehr reif, das[WS 1] wichtige Erzeugniß zu Tage zu fördern, aber Winkler selbst blieb den Beweis für seine Behauptung schuldig.

Dagegen hatte sich schon seit sieben Jahren der willensstarke und lernbegierige Philadelphiaer Buchdrucker Benjamin Franklin mit Versuchen beschäftigt, welche ein ähnliches Ergebniß lieferten. Schon im Juni 1752 ließ er in Gegenwart seines Sohnes einen großen Papierdrachen mit eiserner Spitze an hänfener Schnur gegen eine Wetterwolke steigen, um sich mit Hilfe desselben zu überzeugen, ob in den Wolken wirklich Electricität vorhanden sei. Sein Versuch gelang, und man nimmt an, daß dabei zum ersten Male mit Vorbedacht Electricität aus den Wolken zur Erde herniedergeleitet wurde, so bezeichnet denn jener Tag einen Wendepunkt in der Geschichte unserer Kenntniß dieser Naturkraft.

Aus Franklin’s handschriftlichen Mittheilungen geht hervor, daß er seine Ideen und Erfahrungen schon im Jahre 1747 oder 1748 durch P. Collinson und Dr. Mitchell der „Royal Society“ in London vorgelegt, daß dieselben jedoch von den gelehrten Mitgliedern dieser Gesellschaft in öffentlicher Sitzung belacht worden sind. Ein Dr. Fothergill allein erkannte den Werth von Franklin’s Angaben und veröffentlichte sie auf den Rath eines Redacteurs Cave als Flugschrift, welche fünf Auflagen erlebte. Der große französische Naturforscher Graf von Buffon veranlaßte die Uebersetzung der Abhandlung in die französische Sprache durch Dalibard. Dieser Mann war es, der gemeinsam mit de Lor an Marly noch vor Franklin selbst, aber auf dessen Vorschlag hin, den Versuch machte, „den Blitz aus den Wolken zu ziehen“. Nun nahm auch die „Royal Society“ Franklin’s alte Berichte nochmals in Verhandlung, ernannte den Amerikaner zu ihrem Mitgliede und sandte ihm mit schmeichelhaften Ausdrücken die goldene Medaille für das Jahr 1753, nachdem auch in England ein Herr Canton sich überzeugt hatte, „daß man mittelst einer zugespitzten Eisenstange sich einen Blitz aus den Wolken verschaffen könne“. Franklin’s eigene Aussage ergiebt also, daß weder er, noch Dalibard und de Lor in Frankreich, noch Canton in England einen wirklichen Blitzableiter errichtet hatte mit der Absicht, ein Gebäude oder irgend einen andern Gegenstand vor dem Blitze zu schützen. Noch hatte man keine Wetterstange mit der Erde verbunden, konnte also einen directen Nutzen nicht von diesem Experimente erwarten. Die aufgerichteten Eisenstangen waren isolirt (das heißt auf schlechten eletrischen Leitern befestigt) und nur am unteren Ende mit Glöckchen oder Leydener Flaschen verbunden, um an diesen das Vorhandensein der elektrischen Materie zu beobachten. Das Ganze erscheint uns in seiner nachmaligen häufigen Wiederholung als eine lebensgefährliche Spielerei, zum mindesten als ein sehr unüberlegtes Wagniß, welchem denn auch wirklich der Professor Richmann in St. Petersburg zum Opfer fiel, da er es wohl verstand, den Blitz bis in sein Zimmer, aber nicht wieder aus demselben hinauszuführen; er wurde am 6. August beim Experimentiren vom Blitzstrahle getödtet.

Ueber diesen Unglücksfall las ein anderer Naturforscher, der Pfarrer Procopius Diwisch zu Brenditz in Mähren, einen Bericht in der „Prager Zeitung“. Sofort schrieb er eine Abhandlung über das Ereigniß, in welcher er nachwies, warum die eisernen Stangen, welche der Professor Richmann benutzt hatte, ebenso unnütz wie gefährlich seien, und im Anschlusse an diese Erklärung schilderte er eingehend einen Apparat, welcher fähig wäre, die atmosphärische Elektricität anzuziehen und gefahrlos in die Erde zu leiten. Diese Darlegung seiner Ideen reichte Diwisch an die Akademie der Wissenschaften zu Berlin durch deren damaligen Director Euler, einen bedeutenden Physiker und Mathematiker, ein, wurde aber niemals einer Antwort gewürdigt, obwohl Euler mehrere Jahre später in einer 1761 erschienenen Schrift auf Diwisch’s Abhandlung Bezug nahm. Dennoch war Diwisch seiner Sache so sicher, daß er nunmehr auf eigene Faust an die Ausführung seines großen Apparates ging und denselben bereits am 15. Juni 1754 in der Nähe seiner Pfarrwohnung errichtete. Erst im Jahre 1760 wurde in Philadelphia nach Benjamin Franklin’s Angabe ein feststehender, mit der Erde verbundener Blitzableiter auf dem Hause des Kaufmanns West aufgerichtet, und diesen hält man jetzt allgemein für die erste Wetterstange, welche gen Himmel ragte.

Vor einem Jahre ist die meisterhafte und lehrreiche Selbstbiographie Benjamin Franklin’s in neuer deutscher Uebersetzung

[625] unter der Aegide Berthold Auerbach’s und Friedrich Kapp’s erschienen und dem deutschen Publicum geboten worden. Sie wird unzweifelhaft dazu beitragen, den Ruhm des großen amerikanischen Staatsmannes und Erfinders noch zu vermehren, aber sie giebt uns auch Veranlassung, das Gedächtniß an jenen Mann aufzufrischen der die Erfindung des Blitzableiters in Europa gleichzeitig mit Franklin oder wahrscheinlich noch früher gemacht hat, und dem die Ehre der Erfindung nicht minder zukommt, da sie ihm nicht durch Zufall und Glück, sondern als reife Frucht langjähriger Studien und unermüdlichen Forschens in den Schooß fiel. Franklin fand in seinen Landsleuten ein empfängliches Publicum, in Nordamerika einen dankbaren Boden für seine Bestrebungen. Nicht so Diwisch, dessen Leistungen fast spurlos verschwunden sind.

Wer kennt heutzutage den Namen Diwisch? – Kein Conversationslexicon nennt ihn, und doch ist kaum ein Jahrhundert verstrichen, seit man den Träger dieses Namens mit den unsterblichen Göttern verglich in dem Distichon:

„Non laudate Jovem, gentes!
Quid vester Apollo?
Iste magis Deus est fulminis atque soni.“

(„Was rühmt Jupiter ihr ? was prahlet ihr noch mit Apollo? Er ist der größere Gott des Blitzes sowohl, als der Töne.“)


Die Behauptung, daß Diwisch schon vor Franklin einen Blitzableiter errichtet habe, ist keineswegs neu; sie läßt sich bereits im Jahre 1777 bei den böhmischen Historiographen Franz Martin Pelzel nachweisen. Daß Diwisch das Mögliche gethan, seine Erfindung und seine Erfahrungen dem allgemeinen Besten zugänglich zu machen, möge eine Skizze seines Lebens zeigen, welche in der Hauptsache den Aufzeichnungen eben jenes Pelzel zu verdanken ist.

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Procop Diwisch.

In der östliche Ecke Böhmens, im Königsgrätzer Kreise, liegt das Städtchen Senftenberg, böhmisch Ziamberg genannt, wo Procopius Diwisch am 1. August 1696 geboren wurde. Er empfing auf dem Jesuiten-Gymnasium zu Znaim in Mähren seine Ausbildung, und diese an der Südgrenze der Markgrafschaft Mähren, hoch über dem Ufer der waldumrauschten und weinumrankten Thaja gelegene Stadt blieb der Mittelpunkt für sein ganzes ferneres Leben und hat sicher durch seine Lage nicht wenig Einfluß auf die Neigung und das Studium des Jünglings geübt. Die heftigen Gewitter, die sich gerade in dieser Gegend und namentlich an der hochgelegenen Kreuzherren-Ordenspropstei Pöltenberg angesichts der Stadt brechen und entladen, müssen auch auf ihn Eindruck gemacht haben, und der Gedanke liegt nahe, daß sie ihm frühzeitig Veranlassung wurden, sich mit dem Wesen des Blitzes zu beschäftigen.

Wenige Minuten südöstlich von Znaim, dort, wo die große Reichsstraße von Prag nach Wien die Thaja überschreitet, liegen die palastartigen Gebäude des ehemaligen Prämonstratenser-Klosters Bruck. Dieses Stift war mit allen Hülfsmitteln der Gelehrsamkeit durch die der Wissenschaft vielfach förderliche Prämonstratenser reichlich ausgestattet worden. Hier fand der junge Diwisch, nach dem Austritte aus dem Gymnasium Aufnahme und später Ermunterung und Erlaubniß zum Eintritt in den Orden, legte 1720 die ersten Gelübde ab und wurde nach abermals sechs Jahren zum Priester geweiht.

Aus dem Schüler ward schnell ein tüchtiger Lehrer, man übertrug ihm das Lehramt der naturwissenschaftlichen und philosophischen Fächer. Nach Ablauf eines Jahres erhielt Diwisch den Auftrag, Theologie zu dociren, und auch diese Aufgabe erfüllte er so sehr zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten, daß man ihm rieth, sich durch Erwerbung der Doctorwürde für höhere Ehrenstellen vorzubereiten. Und wirklich ward er auf Grund seiner Dissertation „Tractus de Dei unitate sub inscriptione A et O“ zu Salzburg am 5. August 1733 mit dem Doctorhute geschmückt.

Wie all die reichen Klöster, besaß auch die Abtei Bruck eine Anzahl Dörfer, in welchen sie die Seelsorge wahrzunehmen hatte. Die Ordensgeistlichen wurden daher einer nach dem andern für gewisse Zeit zur Verrichtung der geistlichen Amtsgeschäfte in die Pfarreien eingesetzt, und auch unsern Diwisch traf das Loos. Er erhielt die Pfarrstelle zu Brenditz. Nachdem er eine Zeitlang während des ersten schlesischen Krieges die Verwaltung des nahen Klosters Bruck, dessen Prior von Friedrich dem Großen in Haft genommen worden, in dieser schwierigen Kriegslage glücklich geführt hatte, kehrte er zu der liebgewordenen Pfarre zurück. Er hat dieselbe bis zu seinem Tode innegehabt.

Die Pflichten eines Seelsorgers sind in dem kleinen Orte nicht beschwerlich, und so konnte Diwisch bei seinem bewundernswerthen Eifer in langen Jahren die vielseitigsten und eingehendsten Forschungen vornehmen. Man weiß, daß er schon im Jahre 1727 oder 1728 selbstständig experimentirte, daß er sich seit 1740, das ist seit seiner Zurückgezogenheit in Brenditz speciell mit der Erforschung der Elektricität beschäftigt hat, und man muß annehmen, daß er an gründlicher Kenntniß auf diesem Gebiete die meisten Zeitgenossen überragte. Dafür spricht auch, daß Kaiser Franz der Erste, der Gemahl der Maria Theresia, Diwisch nach Wien einlud. 1750 veranlaßte ihn der gelehrte Jesuitenpater Franz, seinen Experimenten mit der Elektrisirmaschine beizuwohnen, und wirklich erregte die Kunst des Paters das Interesse seiner Zuschauer, da er es vermochte, förmliche Ströme von Feuer aus verschiedenen Gegenständen zu locken. Plötzlich wurden die Experimente durch eine geheimnißvolle Einwirkung unseres Diwisch unterbrochen, und Pater Franz war nicht mehr im Stande, seinen Conductoren auch nur den kleinsten Funken zu entlocken. Diwisch hatte sich auf die Experimente wohl vorbereitet und in die Stirnhaare seiner Perrücke zahlreiche sehr spitzige stählerne Stifte verborgen, welche er den geladenen Körpern entgegenhielt, indem er sich den Anschein gab, als wolle er die Apparate aufmerksam betrachten. Der Jesuit war geschlagen.

Die Aehnlichkeit des electrischen Funkens mit dem Blitze war für Diwisch unzweifelhaft. Versuche, wie der vorstehende, mußten ihn auf den Gedanken bringen, ob das Experiment nicht auch dem Himmel gegenüber ausführbar sei, aber er hatte nicht die Absicht, wie es später Franklin that, einen einzelnen zufällig niedergehenden Blitz aufzufangen, sondern er trug sich mit der weit umfassenderen und später (ohne Erfolg) in den vermeintlichen Hagelableitern nachgeahmten Idee, ein ganzes herannahendes Gewitter im freien Felde, wo es keinen Schaden anrichten könnte, förmlich aufzulösen. Verweilen wir einen Augenblick bei den Grundbedingungen, welche für die Wirksamkeit von Wetterstangen in Betracht kommen!

Die freie Elektricität hat wie ein Gas, dessen Theilchen sich gegenseitig abstoßen, das Bestreben, den Körper, auf dem sie sich [626] befindet, zu verlassen; sie flieht noch außen und ist deshalb nur bei kugelförmigen Körpern gleichmäßig auf der Oberfläche angehäuft. Besitzt ein Körper jedoch Ecken, Kanten oder Spitzen, so sammelt sie sich an diesen in größeren Massen. Daher kommt es also, daß, wenn die Oberfläche der Erde mit Elektricität gefüllt ist, sich in den Spitzen der Bäume, Thürme, Häuser und Schiffsmasten am allermeisten Elektricität anhäuft, welche zuweilen als feurige Ausströmung (St. Elmsfeuer) sichtbar wird. Dies findet jedoch nur statt, wenn die Wolken aus noch nicht völlig klargestellten Ursachen mit entgegengesetzter Elektricität gefüllt sind denn man nimmt zweierlei Arten, positive und negative Elektricität an, die sich gegenseitig anziehen und zur Neutralität ausgleichen wie sich, um ein gröberes Beispiel zu wählen, Säure und Lauge gegenseitig abstumpfen, oder besser, Eis und kochendes Wasser eine Mitteltemperatur hervorbringen. Es kann ebensowohl der Fall sein, daß Erde und Wolken gleichzeitig positiv elektrisch, oder negativ elektrisch, oder auch gar nicht elektrisch sind; in diesen drei Fällen ist dann natürlich keine Ausgleichung, also kein Gewitter möglich, und daher ist es ungefährlich, sich mitten in einer blitzenden Wolke, z. B. bei Bergbesteigungen, zu befinden. Denn der Blitz ist das Ausgleichungsmittel zwischen den verschiedenartigen Elektricitäten; er tritt ein, wenn die zahlreichen Spitzen der Erdoberfläche nicht mehr auf ruhigem Wege und allmählich diesen Ausgleich vollziehen können, wenn die Spannung der vorhandenen Elektricität so groß ist, daß sie einer gewaltmäßigen und plötzlichen Ausgleichung bedarf. Es sei hier daran erinnert, daß die Blitze nicht nur vom Himmel zur Erde, sondern auch gelegentlich von der Erde zum Himmel hinauf zucken und daß noch viel häufiger sich Blitze von einer Wolke zur andern bewegen.

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Fig a.

Man darf aber nicht glauben, daß Franklin und Diwisch oder irgend einer ihrer Zeitgenossen die Gesetze und Verhältnisse vollständig gekannt hätten, welche wir im Vorhergehenden kurz angedeutet haben, denn erst Du Fay entdeckte 1773 den wichtigen und merkwürdigen Unterschied, welchen wir mit positiver und negativer Elektricität bezeichnen. In der That ist die Kenntniß dieser feinen Unterschiede durchaus nicht zur Construction eines Blitzableiters nöthig. Fußen wir auf dem Stande der Wissenschaft, welchen unsere beiden Forscher, Diwisch und Franklin, ziemlich gleichmäßig einnahmen, und versuchen wir uns klar zu machen, was sie anstrebten.

Beide kannten nur eine Elektricität, die ihnen bald an irdischen Dingen, bald in den Gewitterwolken erschien. Wie Dimisch seiner Zeit aus dem geladenen Conductor der Elektrisirmaschine mit den stählernen Spitzen in seiner Perrücke die elektrischen Funken aufsog, so baute er nun einen Apparat, der die atmosphärische Elektricität anziehen und unbemerkt zu der seiner Meinung nach unparteiischen Erde leiten sollte, der aber im schlimmsten Falle auch fähig sein müsse, einen leibhaftigen Blitz ohne Gefahr für die Nachbarschaft bis in das Erdreich zu bringen. Die entgegengesetzte Thätigteit, welche einen nicht minder wichtigen Bestandtheil der Wirksamkeit aller Blitzableiter bildet, nämlich das Ausströmen der Erdelektricität, verrichteten Diwisch’s und Franklin’s Blitzableiter nun ebenfalls unablässig, ohne daß ihnen diese Function von ihren Herren und Meistern speciell aufgetragen worden wäre.

Sehen wir uns nun einmal Diwisch’s Wettermaschine auf Grund der erhalten gebliebenen Zeichnungen an!

Ein Gerüst (Fig. a), anfänglich 48 Fuß, als dies unzureichend erschien 130 Fuß hoch, trug eine Eisenstange von 1½ Zoll Stärke, welche in einer Spitze endigte. Unterhalb dieser Spitze sind drei Flügel von Blech befestigt, die vom Winde bewegbar sind und nur dazu dienen, die Vögel zu verscheuchen. In der Mitte der Hauptstange gehen starke eiserne Arme nach vier Seiten, auf denen wieder je eine Querstange horizontal ruht. Dadurch entstehen zwölf wagerechte Enden, welche auf schuhhohen Stäben blecherne Kästchen tragen. Ein solcher Kasten (Fig. b) ist einen Fuß lang, mit Eisenfeilspähnen angefüllt und mit einem hölzernen, durchlöcherten Deckel (Fig. c) geschlossen. In jedem der Löcher dieses Deckels steckt ein Spieß, wie er bei Fig. d in natürlicher Größe gezeichnet ist. Dieser kleine Spieß von etwa Haarnadelstärke wird durch ein pfropfenartiges Holz im Deckel befestigt und ragt mit seinem unteren Theile bis in die Eisenfeilspähne. Fig. e zeigt ein vollständig in Ordnung befindliches Kästchen, wie deren zwölf an dem Apparat angebracht sind. Der Balken, auf welchem die Hauptstange ruht, ist der Dauerhaftigkeit wegen mit Eisen beschlagen, die eiserne Stange selbst aber, theils zur Leitung des Blitzes, theils zur Handhabung der ganzen beweglichen Maschinerie, durch Ketten mit der Erde verbunden. Dieses also war der erste Blitzableiter, von Procop Diwisch erfunden und „Wetterleiter oder Conducteur“ genannt.

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Fig b.

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Fig c.

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Fig e.

Ueber die erste Aufrichtung seiner Maschine (15. Juni 1754) berichtet unser Naturforscher „Um zwei Uhr nach Mittag stieg von Norden ein Gewitter empor, und wie es gegen die Maschine gekommen, sah man ganz weiße und dünne Streife, die sich gegen dieselbe richteten. Nach einigen Minuten lagerte sich über das Geräthe eine weiße feine Wolke, und das Gewitter nahm augenscheinlich ab und breitete sich gegen Aufgang aus. Am 17. dieses Monats schwang sich wiederum von allen Seiten des Horizonts ein Gewitter in die Höhe, von welchem weiße Wolkenstrahlen, wie ein Schleier oder wie weiße Wolle sich gegen und über die Maschine richteten.“ (An diesem Tage ließ Diwisch Mittags zwölf Uhr den Leiter herunternehmen, um zu sehen, wie sich nun das Gewitter verhalten würde.) „Sobald er auf der Erde lag, veränderten die weißen Wolken ihre Farbe und Lage: sie verfinsterten sich und zogen sich gegen die entlegeneren schwarzen Wolken das Gewitter stieg höher, und es blitzte und donnerte immer stärker.

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Fig d.

(Nach etwa dreiviertel Stunde ließ Diwisch die Maschine wieder in die Höhe ziehen; er leitete selbst die eisernen Ketten, die von oben zur Erde gingen.) „Kaum stand sie ausgerichtet, so löste sich ein heftiger Blitz mit einem starken Knall über der selben auf; die Wolken zerrissen sich, und gerade über der Stange wurde man eine lichte Oeffnung in den Wolken gewahr, die acht Zoll im Durchschnitte zu haben schien (?). Das Wetter wurde nun zu Brenditz ganz stille, obwohl sich in der Nähe noch schwaches Blitzen und Donnern äußerte. Ungefähr nach drei Minuten stund gegen [627] Mitternacht etwa im 20. Grade eine große graue Wolke, die sich ganz niedrig herabließ und der Maschine eilends näherte. Sie theilte sich aber, wovon ein Stück zurück in der Nähe bliebe das andere vereinigte sich mit einer gegen Mittag beinahe im 50. Grade stehenden Wolke, nachdem sie gegen einander ein wenig geblitzet hatten. Dann blieben beide über Brenditz stille stehen und lösten sich in einen sanften Regen auf.“

Mag diese Schilderung immerhin mit Voreingenommenheit von dem für seine Erfindung begeisterten Manne niedergeschrieben sein, sie muß in der Hauptsache auf Richtigkeit beruhen, denn der Pfarrer Diwisch war nicht der einzige Zeuge dieser Vorgänge und hätte nicht wagen dürfen, Phantasiegebilde zu Papier zu bringen, sie an Dr. Scrinci, den damaligen Professor der Experimentalphysik an der Prager Universität, abzuschicken und durch dessen Vermittelung im nämlichen Jahre in der „Deutschen Prager Zeitung“ zu veröffentlichen.

Es ist fast überflüssig die Unterschiede zu erwähnen, welche zwischen Diwisch’s und Franklin’s Erfindung bestehen, da heutzutage Jedermann einen Blitzableiter nach Franklin’s Theorie kennt. Die modernen Blitzableiter bestehen aus einer einfachen zugespitzten Eisenstange, welche gelegentlich noch mit einigen Seitenspitzen versehen ist. Derartige Stangen ruhen in einem schlechten Leiter, z. B. Holz; dagegen ist die Stange selbst nicht durch Ketten, sondern durch eiserne Bänder oder geflochtenen Kupferdraht mit der Erde verbunden und möglichst tief in feuchtes Erdreich oder noch besser in einen Brunnen, Wasserbassin u. dergl. geleitet. Da derartige Stangen auf den Umkreis ihrer eigenen doppelten Höhe, nach anderen Angaben sogar bis achtzig Fuß weit wirken, sind sie, wenn in genügender Anzahl auf den Gebäuden angebracht, für den Schutz ausreichend. Man geht neuerdings sogar so weit, daß man am Blitzableiter die Fangstange ganz wegläßt, weil man ihre Wirkung für unbedeutend hält; man glaubt, es genüge zum Schutze eines Gebäudes, wenn alle hervorragenden und alle Metalltheile, die Ecken und Spitzen des Daches und die Dachrinnen durch ein Kupferdrahnetz unter sich mit der Erde verbunden sind.

Das große Problem war nun gelöst, da es aber galt, die erprobte Erfindung zum Nutzen der Menschheit zu verbreiten, erinnerte sich Diwisch seines Gönners, des Kaisers Franz, und hoffte von ihm Unterstützung zu dem Vorhaben, in verschiedenen Gegenden des Reiches derartige Wetterleiter aufzurichten. Allein die Wiener Gelehrten, welche der Kaiser um ihr Urtheil befrug, erklärten, sie könnten die Möglichkeit eines Erfolges und den Nutzen eines solchen Geräthes nicht einsehen. Wie Diwisch schon früher in Berlin und Franklin einige Jahre vorher in London, so traf auch hier die Kühnheit eines selbstgebildeten Geistes mit den eingewurzelten Vorurtheilen einer engherzigen und kurzsichtigen Coterie zusammen und mußte unterliegen.

Das hätte aber gewiß unseren thatkräftigen Gelehrten nicht gehindert, seine Ideen durchzusetzen und der Welt zugänglich zu machen, wenn nicht ein anderes Ereigniß seine schönsten Hoffnungen zertrümmert hätte. Der zweite Sommer nach Aufrichtung des Blitzableiters war ein außerordentlich trockener, und die mißvergnügten Bauern der Umgebung von Brenditz schrieben die eingetretene Dürre der zauberischen Wirkung der geheimnißvollen Maschine zu. Die Dummheit siegte über den Respect vor dem geistlichen Herrn. An einem verabredeten Tage rotteten sich die tollsten Köpfe, von weit und breit zusammen, zogen nach Brenditz, rissen den ganzen Apparat nieder und zerstörten ihn. Was vermochte der einzelne Mann gegen die aufgebrachte Bande? Er mußte machtlos geschehen lassen, was geschah, und als der Befehl seiner geistlichen Oberen zur Verhütung weiterer Unruhen und Uebelstände ihn an der Wiederaufrichtung seines Werkes hinderte, da endigte die äußere Thätigkeit des schwer gekränkten Mannes auf dem Gebiete der Elektricitätslehre.

Daß der einsame Denker nach solchen Erfahrungen etwas verschlossen und mürrisch gegen seine Umgebung wurde, ist natürlich. Es schien lange Zeit, als ob er seine Studien aufgegeben habe, aber Diwisch hatte das Bedürfniß zu schaffen und zu grübeln, und sein ruheloser Geist warf sich nun auf ein weniger gefahrvolles, aber um so angenehmeres Gebiet. Eine Idee, welche den Physiker schon vor seinen Experimenten mit dem Blitzableiter beschäftigt hatte, kam nun zur Ausführung.

Es war ein musikalischer Apparat, welcher in sich alle denkbaren Blas- und Saiteninstrumente vereinigen sollte, eine Maschinerie, welche fähig sein müßte, wie die Orgel, mit Händen und Füßen von einem einzigen Manne dirigirt zu werden und doch ein vollständiges Orchester zu ersetzen. Diwisch’s Plan gelang; er nannte sein Instrument mit 130 Mutationen Denisd’or und hatte die Freude, mit demselben so viel Anerkennung zu erwerben, daß Prinz Heinrich von Preußen dem Erfinder eine bedeutende Summe dafür bot. Allein während der Unterhandlungen endigte das Leben unseres strebsamen Gelehrten und seine gesammte Hinterlassenschaft fiel dem Kloster Bruck zu, wo das große Instrument noch eine Reihe von Jahren durch einen eigens angestellten Künstler in Thätigkeit gehalten wurde.

Merkwürdig, daß sich auch in diesem letzten Lebensabschnitte Anklänge an Franklin’s Leben und Streben vorfinden! Auch Franklin beschäftigte sich mit der Tonkunst, indem er die Glasharmonika verbesserte. Ein von ihm gefertigtes und der unglücklichen Königin Maria Antoinette gewidmetes Instrument wird jetzt noch gezeigt.

Während Franklin’s Ideen, verschwenderisch ausgestreut als Samen in der jungfräulichen Erde nordamerikanischer Unabhängigkeit und Bürgerfreiheit, aufsproßten und gediehen und noch heute im Herzen und Andenken aller Culturvölker leben, scheint ein unabwendbares Verhängniß auf Diwisch’s Thätigkeit geruht zu haben. Die furchtbare Macht der „todten Hand“ übertrug ihre lähmende Wirkung auf ihre Angehörigen. In seinem Sterbejahre veröffentlichte Diwisch bei Cotta in Tübingen „Die längst verlangte Theorie von der meteorologischen Elektricität“ (1765, 8°), von welcher Schrift eine zweite Auflage erschien (Frankfurt 1768, 8°) herausgegeben von Friedrich Christoph Oettinger, württembergischem Superintendenten. Ein größeres Werk, welches Diwisch über die Elektricität schrieb, ist nicht vollendet worden, scheint aber nach Privatmittheilungen des Herrn Custos Trapp wenigstens teilweise im mährischen Landesmuseum zu Brünn erhalten zu sein.

Im letzten Jahre hat endlich lobenswerter Bürgerstolz dafür gesorgt, daß unseres Erfinders Name nicht mehr in Vergessenheit gerathe; die Stadt Znaim hat einem öffentlichen Platze den Namen Diwisch-Platz gegeben. Hoffentlich wird auch noch die Zeit kommen, daß man Diwisch’s Grabhügel auf dem Friedhofe zu Brenditz wieder durch eine einfache Tafel kenntlich macht und vor der Zerstörung schützt.

Der Ruhm Franklin’s wird nicht geschmälert durch die Thatsache, daß auf diesem einen Gebiete vor ihm ein Anderer ähnliche Bahnen gewandelt. Zu allen Zeiten wird mit der Erfindung des Blitzableiters auch der Name Benjamin Franklin genannt werden. Aber andererseits sollte man einen Mann nicht vergessen, der sein ganzes Leben dem großartigen Gedanken weihte, die Schrecknisse des Gewitters zu mildern und die zerstörende Kraft des Blitzstrahles aufzuheben. Möchten zuvörderst die deutschen und österreichischen Fachmänner die Bestrebungen des vergessenen mährischen Gelehrten würdigen! Dann erst können wir erwarten, daß andere Nationen die Verdienste des bescheidenen Prämonstratensers Procop Diwisch neidlos anerkennen.



Ein Palaver in Loango.
Von Dr. Pechuel-Loesche.[3]

Es war eine böse Zeit für den Küstenstrich des Districtes Tschintschotscho, die Zeit vom März bis Mai des Jahres 1875. Die Regenzeit ging zu Ende, und die letzten großartigen Gewitter schütteten ihre Wassermassen auf Loango herab. Des Nachts deckten übelriechende Nebelschwaden die Erde; am Tage brütete die Sonne in voller Gluth über der Landschaft. Von den vermodernden organischen Substanzen in den Wäldern und Savannen, aus den Lagunen und Tümpeln stiegen mephistische Dünste auf;

[628] die schwüle, erdrückende Luft war mit Miasmen geschwängert. In den Dörfern der Eingeborenen wüthete Krankheit und Tod, und auch auf der deutschen Station Tschintschotscho herrschte ein erschreckendes Hinsiechen und Sterben. Ein geheimnißvolles tückisches Leiden befiel ohne Unterschied Weiße und Schwarze und forderte, trotz aller Anstrengungen unseres Arztes, nur zu viele Opfer. Allenthalben in den umliegenden Ortschaften erschallten Tag und Nacht die Beschwörungsformeln der die Krankheit bannenden Nganga (Zauberärzte), die dumpfen Schläge der Holztrommeln, häufig untermischt mit dem langgezogenen Klagegeschrei trauernder Familien, dem Krachen der Steinschloßflinten und all dem bei Todtenbestattungen landesüblichen Lärm. Eine trübe Stimmung hatte sich unser Aller bemächtigt; die Sorge um die Zukunft der Expedition lastete schwer auf uns; wer konnte ferner wissen, ob und wie er selbst den nächsten Tag erleben würde?

In unserer Station wohnte als Oberaufseher und Dolmetscher der mächtigste und angesehenste Häuptling der Küste, der Muboma Liumba von Yenga, ein stattlicher Mann von vortrefflichem Charakter, der mit Recht unsere Achtung und unser Vertrauen besaß und durch seinen weitreichenden Einfluß unsere Beziehungen zu den Eingeborenen sehr günstig zu gestalten begann. Auch er wurde schließlich von der Krankheit ergriffen, während unser Arzt leider abwesend war. Der Zustand des Muboma verschlimmerte sich bald derartig, daß ihn seine Getreuen eilig nach seiner eigentlichen Residenz, dem Dorfe Yenga, eine Viertelstunde nördlich von unserem Gehöfte gelegen, überführten. Die Nachricht hatte sich schnell weithin im Lande verbreitet; von allen Seiten fanden sich Fürsten und Häuptlinge ein, um dem leidenden Oberrichter, einem Großwürdenträger des herrscherlosen Königreiches, ihre Theilnahme zu bezeugen.

Wir brachten und schickten dem Kranken das Beste, was wir besaßen, doch wurde sein Zustand immer hoffnungsloser. Eines Nachmittags stürmte denn auch ein Beamter aus Yenga in die Station, mit eigenthümlich modulirendem Geschrei und in höchstem Entsetzen verkündend, daß der Muboma soeben gestorben wäre. Sofort erschallte lautes Wehklagen aus der geräumigen Hütte, die er bei uns zu bewohnen pflegte, wo einige seiner Diener und Weiber zurückgeblieben waren. Wie sich die Nachricht verbreitete, wurde an allen Seiten das Geschrei aufgenommen, und von überall eilten erregte Menschen nach Yenga.

Auch wir gingen hin, die Ueberreste des besten schwarzen Mannes, den wir gekannt, durch einen letzten Besuch zu ehren. Dem Strande folgend, vernahmen wir, trotz des Getöses der Brandung, schon von weitem das Jammern im Dorfe. Ein verwirrender, betäubender Aufruhr empfing uns daselbst. Die Eingeborenen sprangen und taumelten wie außer sich umher, gesticulirend und die Haare raufend; einzelne Weiber schlugen die Brüste und wälzten sich sogar im Staube. Die Stimmen Aller mischten sich zu einem ununterbrochenen Klageton, der grell vibrirend die Luft erfüllte. Alle Gesichter waren von Thränen überströmt, von Schmerz verzerrt. Um das Schattendach, unter das man die Leiche geschafft, herrschte ein wildes Gedränge. Das jüngste, sehr hübsche Weib des Muboma, die sonst so heitere Ngalasi, umrannte schluchzend und jammernd die Stätte, die Arme erhoben, die Finger krampfhaft verschränkt, selbst in ihrer Verzweiflung noch anmuthig. Ein ebenfalls bedeutender Häuptling und Nachbar des Verstorbenen, der alte Mambuku, wandelte gemessenen Schrittes, sich leicht drehend und wendend, auf seinen langen Stab gestützt, in würdevoller Haltung einher, den einen ausgestreckten Arm leicht bewegend und mit thränenden Augen dem Abgeschiedenen sein Trauerlied intonirend. Verschiedene Nganga durchzogen einzeln und paarweise mit wie zum Gebet gefalteten Händen das Getümmel, bald mit leisem Murmeln, bald mit lautem Aufschreien ihre Beschwörungen recitirend.

Man begrüßte uns und schaffte uns Raum, während wir manchen Händedruck austauschten. Auf seinem Ruhebett lag der Muboma, die einst so mächtige, markige Gestalt abgezehrt und zusammengefallen. Frauen und Diener waren eben damit beschäftigt, die Nägel zu beschneiden und mit Hülfe von Rasirmessern das Kopfhaar zu entfernen, um den Körper zur Bestattungsfeier vorzubereiten. Es wurde nicht gesprochen; man hörte nur Stöhnen und abgebrochene Laute, während Einzelne, wie unfähig sich noch länger zu zügeln, plötzlich von ihrer Beschäftigung abließen und zwischen der die Stätte beständig umkreisenden Menge verschwanden, um sich auszutoben.

Ihre Trauer war gerecht; denn nicht nur einen angesehenen, braven Häuptling, den Patriarchen seines Gaues und Verwandten vieler Familien hatten sie verloren, auch mancherle1 neue politische Verwickelungen im alten Streite zwischen dem Innern und der Küste waren zu erwarten, und zunächst für viele Anklagen auf Leben und Tod wegen Hexerei. Der Muboma konnte nur in Folge bösen Zaubers geendet haben – das war Aller überzeugungsmäßige, oder doch wenigstens kund gegebene Meinung, und die Schuldigen mußten ausgefunden werden. Wer von Allen war aber sicher, daß schlimmer Verdacht nicht ihn selbst treffen könne?

Wir erhielten bald Gewißheit, daß mehrere Personen, namentlich verschiedene Häuptlinge des Districtes (die politische Intrigue lag für uns klar zu Tage), sowie Frauen des Verstorbenen beschuldigt worden seien, hüteten uns jedoch selbstverständlich in irgend welcher tactlosen Weise zu Gunsten derselben aufzutreten. Wir waren weder berufen, noch hatten wir die Macht, Eigenthümlichkeiten zu bekämpfen, die, weil sie so innig mit den gesammten Anschauungen eines Volkes verwachsen sind, sich gesondert gar nicht reformiren lassen, die sich ja bis noch vor nicht zu langer Zeit selbst bei Culturvölkern erhielten und theilweise auch heutigen Tages noch verstohlene Anhänger haben. Jede unüberlegte, rasche Einmischung in von Alters her ehrwürdige Landesgebräuche konnte uns nur Nachtheile, den Angeklagten aber keine Vortheile bringen.

Anders lagen die Verhältnisse in Rücksicht auf die möglichen politischen Umgestaltungen. Bei diesen waren wir, kraft unserer Verträge mit den Eingeborenen, als Grundbesitzer und Führer einer bedeutenden von uns abhängigen Menschenzahl, in directer Weise betheiligt, denn die Zukunft der Expedition wurde in nicht geringem Maße bedingt von der Haltung der im Districte herrschenden Häuptlinge. Es stand zu befürchten, daß die alte Eifersucht zwischen Küste und Innerem heftiger sich äußern würde, da der mächtigste Gegner der Häuptlinge binnenwärts liegender Gebiete, der Muboma, dieselben nicht mehr in Schach hielt. Vor wenigen Monaten erst war dieser mit den Küstenbewohnern offen auf unsere Seite getreten, als in Folge alter Mißhelligkeiten verschiedene Führer des Innern die uns benachbarte Handelsfactorei bedrohten, das Trinkwasser abschnitten, und auch uns zwangen Tag und Nacht zum Schutze der Station unter Waffen zu stehen. Jetzt war die Gelegenheit zu günstig für jene, um nicht zu versuchen, entweder auf diplomatischem Wege oder mit Kriegesmacht ihre Herrschaft bis nach der Küste auszudehnen. Kamen sie doch dadurch in nächste Fühlung mit den Weißen und ihren Schätzen, und konnten als Herren des Landes den Handel monopolisiren, die alten, von ihnen nicht abgeschlossenen Verträge mißachten und nach dem beliebten Ausnutzungs-System den Europäern neue Bedingungen aufzwingen, behaglich Tribut und reiche Sporteln erheben.

In Erwägung aller dieser Umstände hatten wir den Eingeborenen unsere Absicht kund gethan, an den zwischen ihnen bevorstehenden Verhandlungen theilzunehmen. War dies auch in Loango bisher nicht üblich gewesen, so sprachen doch viele gewichtige Momente für uns, und, mochten auch einzelne Parteien sehr unzufrieden mit der schließlichen Entscheidung sein, wir empfingen dennoch die gewünschte Einladung zu dem schon für den nächsten Tag anberaumten „Palaver“.

Palaver (ein an der Westküste im Verkehr zwischen Weißen und Schwarzen aus dem Portugiesischen eingebürgertes Wort) nennt man alle möglichen Zusammenkünfte von Europäern und Afrikanern, oder von letzteren allein (die selbstverständlich ihre eigenen verschiedenen Bezeichnungen dafür haben, je nach dem Zweck der Versammlungen), während welcher man Streitigkeiten schlichtet, Verträge abschließt, zu Gericht sitzt über Leben und Tod, sowie Verhandlungen über wichtige Staatsactionen führt. Palaver sind der Schrecken aller Weißen an der Küste, da sie gleichbedeutend sind mit unvermeidlicher Aussaugung der Händler. Allerdings muß man den Eingeborenen Loangos nachrühmen, daß sie selbst bei Streitigkeiten mit den Europäern, nach Landesgesetz, ohne Ansehen der Person im Schiedsgericht unbefangen und gerecht aburtheilen; dennoch weiß der schlaue Sieger seinen Vortheil gar zu vorzüglich wahrzunehmen und versteht es, dem Weißen gegenüber,

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Der falsche Fang. Nach dem Oelgemälde von Anton Deibl.

[630] zuweilen sogar noch seine Verurtheilung in einen, wenn auch noch so geringen, materiellen Gewinn zu verwandeln. Je nach der Tragweite der Verhandlungen sind bald nur wenige Menschen, bald Hunderte und sogar Tausende versammelt. Große Palaver, die unter den Eingeborenen allein geführt werden, bei denen es sich um bedeutsame innere Vorgänge handelt, sind, ungeachtet manches dem Fremden grotesk Erscheinenden, durchaus feierliche und in ihrem würdevollen Verlaufe imponirende Ereignisse.

In Loango hält man streng auf exacte Beobachtung ceremonieller Höflichkeit, parlamentarischer Regeln; die Leute sind gewiegte Diplomaten, erfahrene Redner, die ihre wohllautende Sprache meisterhaft zu handhaben verstehen. Ein Obmann und gewählte Sprecher leiten die Debatten. Jener, gewöhnlich ein Muboma, führt als Zeichen seiner Würde das Tschimpapa, ein breites, stumpfes und eigenartig ausgezacktes Sceptermesser, das eine ähnliche Macht verleiht, wie die Klingel, der Hammer bei Culturnationen, dessen Handhabung jedoch auch die zahlreichste und erregteste Versammlung vollständig beherrscht. Sobald tumultuarische Auftritte den Gang der Verhandlungen gefährden könnten und der Ordnungsruf des mit dem Tschimpapa Betrauten unbeachtet verhallt, wirft er zwischen die Streitenden sein Würdezeichen zur Erde nieder. Sofort haben die Parteien zu schweigen, zu ihren Plätzen zurückzukehren und sich so lange ruhig zu verhalten, bis der Obmann das Tschimpapa wieder aufnimmt und damit die Fortsetzung der Erörterungen gestattet, Jemandem das Wort ertheilt oder auch die Versammlung vertagt.

Am Morgen des Palavertages bemerkten wir Schaaren zum Theil bewaffneter Leute nach Yenga ziehend, in langen, charakteristischen Einzelreihen geordnet, wie die zwischen hoher Vegetation sich entlang windenden schmalen Pfade sie bedingen. Vom Strande herauf dröhnte barbarische Musik; die Deputirten vom unfern gelegenen, sehr wohlhabenden Nachbardorfe Makaya passirten vorüber und ehrten uns durch einen Gruß aus ihren vier kostbaren Mpundschi. Unter letzteren versteht man die Loango eigenthümlichen und in vornehmen Familien forterbenden Elfenbeinhörner, vollständige, verschieden große Elephantenzähne, welche mühsam bis nahe zur Spitze durchbohrt und gewöhnlich mit reicher und origineller Schnitzerei verziert sind.

Um zehn Uhr sandte man uns Botschaft, daß die Häuptlinge vollzählig versammelt seien. Wir nahmen unsere Gewehre und begaben uns nach Yenga mit einigen der stattlichsten unserer Leute, von denen der Intelligenteste und Getreueste, unser späterer Dolmetscher Ngo, nicht unerfahren war in den Künsten der Nganga. Er trug seinen in seine Felle gehüllten, mit landesüblichen Eisenglöckchen behangenen Fetischbeutel über der linken Schulter.

Unter einem weitverästelten Baume, einem Ficus, auf dem Dorfplatze fanden wir das Negerparlament tagend. Es mochten an dreihundert Eingeborene anwesend sein, Abgeordnete aller betheiligten Gaue und Ortschaften des Districtes, welche in guter Ordnung, ernst und schweigend, theils auf der Erde, theils auf Papyrusmatten (Luangu) mit gekreuzten oder sonst bequem gelegten Beinen saßen. Zahlreiche Weiber mit und ohne kleine Kinder, die Jugend beiderlei Geschlechts aus der Umgegend, sowie Sclaven bildeten in angemessener Entfernung einen neugierigen Zuschauerkreis. Die Sitz und Stimme habenden Parteien umrahmten alle Seiten eines Vierecks, das ungefähr fünfzehn Schritt im Quadrat hielt und gänzlich frei gelassen sowie sauber gefegt war. Die erste Reihe jeder Abtheilung bildeten die betreffenden Häuptlinge mit einigen ihrer im Range zunächst kommenden Vertrauten; noch vor ihnen saßen, jeder allein, ihre Kriegsobersten. Letztere hatten ihre breiten, leicht gebogenen säbelähnlichen Messer einheimischer Arbeit, mit der Schneide nach ihrer Person zu, vor sich in der Erde stecken.

Die bei weitem stärkste Truppe bestand aus den Leuten des todten Muboma. Neben ihnen am rechten Flügel nahmen auch wir Platz auf für uns bereit gehaltenen Stühlen und verstärkten auf diese Weise moralisch die Coalition der Küstenbewohner. Sie alle waren kenntlich an den Stirnbändern von indigoblauem Stoffe, dem Zeichen der Trauer; sie alle waren ausnahmslos bewaffnet mit Steinschloßflinten, die sie aber sämmtlich mit der Mündung zur Erde und gegen die linke Schulter gelehnt hielten. Die übrigen Parteien hatten nur wenige Schießwaffen mitgebracht, befanden sich auch in der Minderzahl gegenüber diesen auf Seite in geschlossenen Reihen hinter ihren Führern geschaarten Kriegern. Vor ihnen saß auf der Erde der Oberste des todten Muboma, ein großer stattlicher Mann; er allein unter Allen trug das kriegerische Abzeichen seiner Würde, einen Streifen Leopardenfell um seinen linken Oberarm. In seiner rechten Hand und zurückgelegt an die Schulter hielt er das schon erwähnte Tschimpapa, das Machtzeichen des verstorbenen Oberrichters. Angehörige von Fürstenfamilien waren nicht erschienen.

Das Parlament wurde angemessen durch Musik eröffnet. Die vier Leute mit den Elfenbeinhörnern aus Makaha traten in die Mitte des freigelassenen Vierecks, wandten sich dann hinüber zu der Kriegerschaar des Muboma, knieten oder hockten vor derselben nieder und bliesen einen markigen, streng ryhthmischen Satz im Viervierteltact, den ich später auch bei Palavern in anderen Provinzen gehört habe, eine Art Heroldsruf. Das größte an fünf Fuß lange Horn begann und intonirte das charakteristische Motiv; die übrigen nahmen dasselbe der Reihe nach auf, das kleinste zuletzt, sodaß gleichsam ein allerdings sehr barbarischer Kanon entstand, dessen unleugbare dauernde Disharmonie inmitten einer solchen Umgebung seiner fast grandios zu nennenden Eigenart keinen Abbruch that. Das musikalische Verständniß der Vortragenden war natürlich ein sehr primitives; ihre Bestrebungen concentrirten sich auf das Tacthalten und namentlich einen möglichst kräftigen Gebrauch ihrer Lungen. Die äußerst machtvollen Töne dieser Instrumente ähneln in Klangfarbe den riesigen Schalmeien oder Muscheltrompeten und erinnern sehr an die unserer Tuba, unserer Posaune, sind jedoch weicher.

Von rechts nach links umziehend, wiederholte das Orchester diesen längeren einleitenden Heroldsruf vor jeder der vier Seiten. Als dies beendet, erhob sich der Kriegsoberste von Munoma’s Anhängern, schritt gemessen in die Mitte des Vierecks, rief die Versammelten an und begrüßte sie, indem er vor jeder Partei sich auf das rechte Knie niederließ, das Tschimpapa mit dem Griff auf die Erde stieß und, mit dem oberen Ende nach den Angeredeten zu, niederlegte. Dann schlug er langsam dreimal doppelt in die Hände, wobei ihm sämmtliche der begrüßten Partei Zugehörenden genau nachahmten, und hielt ihnen eine kurze Rede, während welcher sie wiederum beistimmend und emphatisch bei dem letzten Worte jedes Satzes einfielen, wie es der von Alters her überkommene Gebrauch erforderte. Zum Schlusse folgte wieder das gravitätische dreifach doppelte Händeklappen. Nachdem dies geschehen, trat jener in die Mitte des Raumes, legte, ein Knie beugend, das Tschimpapa vor sich zur Erde und verkündete feierlich, daß der Muboma todt sei. Unter wunderbar dramatischen Geberden, mit reicher Modulation der Stimme, scheinbar jedes Wort abwägend, hielt er eine Rede über Alles, was vorgegangen, dabei auf uns deutend und besonders betonend, daß selbst die Weißen erschienen seien. Die ganze Versammlung unterstützte und ermunterte ihn einmüthig durch kurze Beifallsäußerungen, die genau in die Redepausen fielen, oder indem man das letzte Wort eines Satzes nachdrucksvoll gleichzeitig mitrief. Dies Alles verlief so würdevoll und gehalten, daß auch der Europäer einen bedeutsamen Eindruck empfangen mußte – und doch! wie viel List und Hintergedanken mochten auch in dieser so ceremoniös versammelten Menge verborgen sein!

Während der Sprecher sich zu seinem Platz wandte, trat rasch und herausfordernd ein Unterbeamter des Verstorbenen in das Viereck, der Ankläger. Wild, in sprudelnder Rede, unter den heftigsten Gesticulationen, rief er: „Der Muboma ist todt, aber die Zauberer, die ihn umgebracht, die leben; wo sind sie? wer zeigt sie?“ Die Umsitzenden fixirend, nach allen vier Seiten die Hände mit ausgepreizten Fingern schüttelnd, erhob er wieder und wieder seine Stimme. Da sprang mit lautem Ausruf ein junger Mann von einer Gegenpartei in den Raum, den Kriegstanz aufführend, das Gewand hochgeschürzt, ein großes Buschmesser schwingend, das Gesicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Die Weiber brachen eilig grüne Büsche ab, liefen herbei und steckten dem ob dieser Störung etwas Ungeduldigen einen Zweig in seinen Gürtel. Er raste etwa drei Minuten lang umher.

Der Sprecher des mächtigsten Häuptlings aus dem Innern erhob sich hierauf, ein klug dreinschauender alter Mann, schmächtig, mit intelligentem Gesicht. Vom Leiter der Verhandlungen sich das Tschimpapa entlehnend, begrüßte er im Namen seiner Partei in derselben umständlichen Weise wie jener die Versammlung und [631] hielt dann eine lange Ansprache, zuweilen in einen eigenthümlich singenden Ton verfallend. Schweigend hörte man ihn an.

Ihm folgte schnell ein Anderer, wieder mit dem Kriegstanze; vom weiblichen Geschlechte ebenfalls sorglich mit grünen Reisern geschmückt, leistete er das Beste, was ich je und nicht nur unter Naturvölkern gesehen. Er war ein junger Neger aus dem Binnenlande Tschintschotschos, der wohl die dunkle Haut, jedoch nur sehr wenig vom Gesichts-Typus seiner Race besaß, prachtvoll schlank gewachsen, geschmeidig wie eine Schlange, behend wie eine Katze. Seine Bewegungen waren im höchsten Grade dramatisch, von furchtbarer Wildheit; die Augen verdrehend, die Zunge aus dem offenen Munde bleckend, gab er seinem Gesichte einen wahrhaft abschreckenden Ausdruck, der etwas Medusenhaftes hatte, an gewaltsamen Tod erinnerte, doch trotz seiner Gräßlichkeit nicht gemein häßlich war. Ein großes Säbelmesser schwingend, tobte er umher, daß der Staub aufwirbelte; vor und zurück laufend, haltend, sich drehend, dabei wie rasend um sich hauend und stechend, vollführte er in schnellster Folge erstaunliche Sprünge, wie sie nur höchste Kraft und Gewandtheit ermöglichen können. Und als er dann durch die Reihen der Seinigen schritt und sprang, jede Muskel mächtig gespannt, die Waffe in der Linken, den rechten Arm mit zwingender Geberde ausstreckend, auf jeden Einzelnen zeigend, gleichsam fragend: Ist Der, Der, Jener schuldig? und drohend: Er wird gefunden, er muß sterben – da erreichte er eine überwältigende Wirkung. Bei dieser Macht des Ausdruckes mußte jeder sich schuldig Dünkende von Furcht befallen werden. Als der Mann seinen Platz wieder einnahm, erschien er seltsamer Weise nicht im Geringsten erregt und athmete durchaus nicht auffallend schneller.

Jede Abtheilung ließ nun von einem der Ihrigen den Kriegstanz wiederholen; stets waren es die stattlichsten jungen Männer von den Anwesenden, aber Erfolge wie Jener erzielte Keiner wieder. Besonders charakteristisch und wirksam wurden alle Kriegstänze insofern noch, als die jeweilige Partei während der Dauer der Pantomime mit aller Kraft ihrer Lungen das Kriegsgeschrei anstimmte, ein dröhnendes, fast schmetterndes Gellen, welches noch schallender gemacht wurde dadurch, daß Jeder der Mitwirkenden mit der flachen Hand schnell abwechselnd sich vor den geöffneten Mund schlug und auf diese Weise ein erschütterndes Tremoliren, erzielte. Der Lärm, den die starke Schaar von Muboma’s Leuten erzeugte, war geradezu betäubend.

Als der Tanz die Reihe umgegangen war, gebot der Obmann Ruhe; ein neuer Sprecher entnahm von ihm das Tschimpapa, vollzog wiederum in umständlicher Weise alle Ceremonien der Begrüßung und führte dann die Berathung fort. Inzwischen näherte sich aus dem Zuschauerkreis ein wohlgekleidetes junges Weib, rief ein paar Worte in die Versammlung, welche zusagend und einstimmig antwortete, und trat dann, ihre Gewänder zusammenraffend, leichten Schrittes in die Mitte des Vierecks. Prinzessinnen besitzen allerdings in Loango von jeher das Vorrecht, bei Berathungen der Männer mit Sitz und Stimme sich zu betheiligen, doch die so überraschend sich hier Einmischende hatte nicht einen so hohen Rang; sie war die Tochter eines einfachen Dorfchefs der Umgegend. Nach kurzer wohlbetonter und mit schönen Gesten begleiteter Ansprache ließ dieselbe ihr weites togaähnliches Obergewand zur Erde fallen, schritt zu einigen der Häuptlinge, beugte sich unter Beifallsgeschrei der Versammelten und der Zuschauer zu diesen nieder und schob einem Jeden schnell ihren rechten Arm unter seinen linken, dann den linken unter seinen rechten, nahm ihr Tuch vom Boden auf und verschwand. Mit solcher Ceremonie gab sie diesen vor allem Volke ein Zeichen höchsten Vertrauens und höchster Ehre, gewissermaßen in feierlicher Weise einen Bund bekräftigend. Mehrere andere junge und alte Frauen, darunter auch einige nach altem Brauche an ihrer vernachlässigten Toilette kenntliche Wittwen des Muboma, drangen nach jener, ohne erst anzufragen, ebenfalls in den Mittelraum; Einige krochen sogar wie Schlangen am Boden. Alle jammerten und schrieen, hoben die Hände empor, begrüßten verschiedene Würdenträger und zogen sich dann zurück.

Nach diesem eigenartigen Intermezzo lockerte sich die Ordnung in der Versammlung. Die Männer, gleichsam zu wilderen Anstrengungen vom weiblichen Geschlechte begeistert, begannen in gehobener Stimmung wieder ihre Kriegstänze in rascherer Folge. Hatte Einer kurze Zeit getobt, so lief ein Anderer herbei, kroch ihm geschickt zwischen den Beinen hindurch, von vorn nach hinten und wieder zurück, nahm ihm die Waffe aus der Hand und führte den Tanz weiter, bis ein Dritter ihn in gleicher Weise ablöste – und so fort. Der Staub wirbelte auf in der Arena; das Kriegsgeschrei hallte ununterbrochen; selbst Knaben fielen mit ein, während die umgebende Menge näher drängte.

Endlich trat wieder Ruhe und Ordnung ein. Noch einige Zeit führten verschiedene Sprecher, wie gewöhnlich, in ernster Weise die Berathung weiter. Die Angeklagten, die schon früher allgemein Beschuldigten von hohem und niederem Range, waren sämmtlich zugegen, saßen sogar größtentheils mit in den Reihen der Berathenden. Keiner derselben bekannte sich natürlich als böser Zauberer, denn dann wäre er sofort von dem abergläubischen und rachedürstenden Volke niedergeschlagen und verbrannt worden; jeder derselben zeigte sich jedoch bereit, seine Unschuld im Ordal durch Nehmen der Giftrinde zu erweisen. Die Verhandlungen wurden in Folge dessen außerordentlich vereinfacht, die politische Intrigue in den Hintergrund geschoben; über die Wahl eines einstweiligen Vertreters des verstorbenen Oberrichters vermochte man sich nicht zu einigen. Der erste Sprecher und Leiter des Palavers, der Oberst des Muboma, hielt nun unter allgemeinem Schweigen eine letzte Rede und vollführte darauf einen kurzen eigenthümlichen Reigen, einen sehr maßvollen feierlichen Kriegstanz. Dann begab er sich zu den anwesenden Parteien. Er trat dicht vor den höchsten Vertreter einer jeden; dieser legte seine rechte Hand an den Knöchel des vorgeschobenen rechten Beines des Sprechers und blickte sitzend zu dem vor ihm Stehenden auf, der ihm leise murmelnd das Tschimpapa mit leicht ausgestrecktem Arme horizontal frei über den Kopf hielt. Mit dieser letzten feierlichen Ceremonie, die ringsum in tiefstem Schweigen ausgeführt wurde, waren alle Parteien vorläufig bis zum nächsten Palaver zum vollsten Landfrieden gebunden, und das Parlament wurde endlich für geschlossen erklärt.

Die Zuschauer mischten sich unter die Deputirten. Die Kriegerschaar, welche Muboma’s Leute bildeten, erhob sich wie auf Commando und zog, die Führer voran, in langer Einzelreihe nach einem anderen Platze des Dorfes, um in einiger Entfernung unter sich weiter zu berathen. Wir hielten es nun auch an der Zeit aufzubrechen. Mit manchen wohlbekannten Eingeborenen noch Grüße austauschend, begaben wir uns auf den Heimweg zur Station.

Nicht lange währte es, und wir hörten wieder die Töne der Mpundschi; die versammelt Gewesenen gingen nach allen Seiten aus einander. Verschiedene Häuptlinge statteten uns mit ihrem Gefolge noch einen Ehrenbesuch ab und wurden mit einem Trunke gebrannten Wassers für ihren Rückmarsch gestärkt – eine unvermeidliche Höflichkeit der Küste, der sich der Europäer nicht wohl entziehen kann, wenn er mit den Landesbewohnern in freundschaftlichem Verkehre bleiben will.

Wie so häufig in Afrika und anderswo, war im Parlamente an diesem Tage nicht eigentlich Besonderes gethan und erzielt worden. Jeder hatte hauptsächlich seine persönlichen Anschauungen vorgetragen und seine weiter reichenden Wünsche nach Möglichkeit zu verbergen gesucht, obgleich dieselben im Grunde genommen ein öffentliches Geheimniß waren. Nur das Eine war unleugbar: die Küsten-Coalition hatte in ihrer festen Geschlossenheit einen moralischen Sieg errungen, der Partei aus dem Innern imponirt und ihr deutlich gezeigt, daß Herrschaftsgelüste sich vorläufig nicht verwirklichen ließen. Die ganze Angelegenheit wurde in Folge dessen auf die lange Bank geschoben und hörte endlich auf die Gemüther zu beschäftigen.

Die der Zauberei Beschuldigten verstanden es in ihrer Negerschlauheit vortrefflich, den Tag der Ordalien in eine ungewisse Zukunft zu verlegen; schließlich gerieth auch diese Angelegenheit in den Nebel der Vergessenheit. Die Häuptlinge des Innern beriefen allerdings mehrere Male die Abgeordneten der Provinz nach ihrem Hauptdorfe, doch wurde die Aufforderung von den Küstenleuten gar nicht beachtet, und jene mußten wohl oder übel allein tagen. Einige Versuche, sich in nachdrücklicherer Weise, namentlich in die Fischerei-Gerechtsame am Meere einzumischen, endeten in noch schmählicherer Weise.

So blieb es, so lange die deutsche Expedition in Loango verweilte, und es ist auch bis heute nicht wesentlich anders geworden. Nur den mächtigsten und einflußreichsten Häuptling des Innern, [632] einen riesenhaften und allerdings auch recht muthigen und unerschrockenen Mann, der überall als Unruhstifter und Ränkeschmied bekannt war und uns sowohl wie Anderen manche Noth bereitet hatte, ereilte die Nemesis. Als er, seit unserem Abzug immer übermüthiger geworden, im vorigen Jahre gegen die der ehemaligen deutschen Station benachbarten Factorei, die in ihren Handelsbeziehungen schon viel von ihm zu leiden gehabt hatte, einen Gewaltstreich auszuüben versuchte, wurde er von dem Factoristen vor der Thür seines bedrohten Waarenlagers erschossen. Der Küstenstrich hat keinen Grund über seinen Tod zu trauern.



Blätter und Blüthen.


Der falsche Fang. Der Zeichner unseres Bildes (S. 629) erzählt: „Es ist eine einfache, aber traurige Geschichte: An einem schönen Sommernachmittage, als gerade keine Schule war, zogen zwei Knaben und ein kleines Mädchen zum Fischen in dem nahen Mühlbach. Dort angelangt brachten sie an dem Angelhaken einen großen Regenwurm als Köder an, und nun wurde der Versuch gemacht, einen großen Fisch zu fangen. Gemüthlich schwammen einige alte und junge Enten in dem genannten Bach. Schon ist die Angel in die Mitte des Wassers geworfen; die Kinder erwarten sehnsuchtsvoll den Fisch, der anbeißen soll. – Da spannt sich plötzlich die Schnur, aber – Entsetzen und Jammer zeigte sich auf den Gesichtern der Kinder. Nicht ein Fisch, sondern Lise, die weiße Ente, hat den Regenwurm verschluckt. Vergebens suchen sie dieselbe vom Haken zu befreien. Endlich werfen sie die Angelruthe weg, laufen geängstigt nach Hause und gestehen reumüthig die That. Natürlich erhielten sie eine möglichst gerechte Strafe. Der Maler hat diese traurige Geschichte im Bilde vereinigt und bittet diejenigen um Verzeihung, welchen sie nicht gefallen sollte.“



Zum Geheimmittelschwindel. „Winter’sche Gichtketten mit Flußableitung.“ Unter diesem Titel preist seit einigen Wochen ein C. Winter aus Berlin in zahlreichen Zeitungen ein angeblich unfehlbares Heilmittel an gegen alle denkbaren rheumatischen Krankheiten. Nach den Anpreisungen des Erfinders unterscheiden sich diese Ketten von den bisherigen dadurch, daß sie täglich nur zwölf Stunden getragen werden dürfen; die übrige Zeit des Tages müssen dieselben nämlich aufgehängt werden, damit der aufgesogene gichtische Stoff in die Erde abfließen kann. Wer die Heilung beschleunigen will, muß daher zwei Ketten kaufen. Ich ließ mi eine solche Gichtkette kommen und erhielt ein ziemlich roh gearbeitetes, aus achtzehn Paar Kupfer- und Zinkschlingen bestehendes Kettchen an dem eine ebenfalls aus diesen beiden Metallen gearbeitete kleine Kapsel hängt. Das Ganze kann vom nächsten besten Klempner für den zwanzigsten Theil des von C. Winter berechneten Preises hergestellt werden. Von irgendwelcher Wirkung kann selbstverständlich keine Rede sein. Für Diejenigen welche die angebliche Heilkraft dieser Gichtketten auf Elektricität zurückführen möchten, füge ich ausdrücklich hinzu, daß dieselben nicht eine Spur von Elektricität zu entwickeln vermögen.

Metz
M. Löhle.



Berichtigung. In der Redactionsbemerkung zu dem Artikel „Nach Mercator’s Projection“ ist der Entwurf des Mercator-Denkmals in Duisburg irrthümlich dem Stadtbaumeister Schultze zugeschrieben worden. Statt Schultze lese man: Schülke!


Kleiner Briefkasten.

M. L. in A. Kommt demnächst zum Abdruck. Bei ferneren Einsendungen wollen Sie aber stets nur auf eine Seite des Manuscriptes schreiben, eine Bitte, die wir andern Mitarbeitern gegenüber schon oft ausgesprochen haben und die hier für Alle noch einmal wiederholt werden mag.

Gallus – Frankfurt a. M. Sie haben Ihre Wette verloren.



Für unsere von zwiefachem Unglück heimgesuchten Oesterreicher.

Wir leben in einer Zeit, welche an Stürmen jeder Art gegen Völker und Menschenglück so reich ist, daß die öffentliche Theilnahme selbst für die im Augenblicke ergreifendsten Schicksale durch immer neue Ereignisse rasch übertäubt wird und bald genug auch in der Tagespresse keine Nahrung mehr findet. Nur wenige Wochen sind vergangen seit alle Blätter ihre Spalten mit den Schilderungen der furchtbaren Ueberschwemmung in zwei der blühendsten Tiroler Alpenthäler füllten, – und schon heute verlautet in den außertirolischen Zeitungen über all jene Verwüstungen kein Wort mehr. Aber die Unglücklichen, welchen die Gletscherströme Ernte und Acker zugleich fortgerissen, welche wüste Gestein- und Schlammhaufen fanden, wo sie ihre Häuser und Fluren gesucht, diese Unglücklichen stehen noch heute vor ihrem unabsehbaren Elend und bedürfen ausgiebigster Hülfe. Für sie war in ihrer Armuth keine andere „Versicherung“ möglich, als die des Vertrauens, daß ihre Mitmenschen sie nicht ganz verlassen und dem Verderben preisgeben würden.

Was hier ein Sturm der Natur in wenig Stunden vollbracht, das bewirkt, nur noch wilder und grausamer als die Natur, zu gleicher Zeit und vielleicht noch lange für Tausende der Krieg. Der in seiner ganzen Ausbreitung und Stärke nicht vorausgesehene Widerstand, auf welchen Oesterreichs Truppen in Bosnien stießen, kostet dem stammverwandten Nachbarreiche schwere Opfer, die schwersten an Menschenleben und Familienglück. Wir brauchen unsere deutschen Leser nicht erst an jene Tage zu erinnern, wo wir nach den „Verlustlisten“ unserer eigenen Heere in Frankreich mit zitternden Händen gegriffen, um sie zugleich daran zu mahnen, mit welch brüderlicher Theilnahme man damals in Oesterreich für unsere Verwundeten und die Wittwen und Waisen der Gefallenen gesammelt hat. – Jetzt ist es an der Zeit, Treue gegen Treue, Theilnahme gegen Theilnahme zu bewähren.

Und so richten wir nun an unsere Leser die Bitte, für unsere von solchem zwiefachen Unglück heimgesuchten Oesterreicher recht tief in die Säckel zu greifen. Wir sagen „unsere Oesterreicher“, weil die „Gartenlaube nicht ein Blatt nur der Deutschen im Reiche, sondern des ganzen deutschen Volkes ist, das ja jenseits der Reichsgrenzen und der Meere noch nach Millionen zählt. An sie Alle ergeht unsere Bitte. Gaben ohne besondere Bestimmung theilen wir zwischen die Tiroler und die Kriegsbedrängten. Der Opferstock ist aufgestellt: möchten wir recht bald berichten können, daß er in den Stand gesetzt ist, Wunden heilen und Thränen trocknen zu helfen.

Leipzig, im September 1878.
Die Redaction der „Gartenlaube“.



Bock’s Buch. 12. Auflage complet.
Dieses schon bei seinem ersten Erscheinen allgemein warm aufgenommene, jetzt in 150,000 Exemplaren verbreitete Werk:
Das
Buch vom gesunden und kranken Menschen.
Von Professor Dr. Carl Ernst Bock.
Mit 169 feinen Abbildungen.
Zwölfte umgearbeitete und vermehrte Auflage.
Mit dem Portrait des Verfassers in Stahlstich.
Eleg. brosch. 9 Mark. Eleg. geb. 10 Mark.

hat seinen alten Ruf, als Hausschatz der Familie zu gelten, auf’s Neue bewährt und wird, in seinen Erfolgen unerreicht, auch in der zwölften Auflage als Helfer in der Noth wieder willkommen geheißen werden.

Die Verlagshandlung Ernst Keil in Leipzig.

Auch in 12 Lieferungen à 75 Pfennig zu beziehen.



Nicht zu übersehen!

Mit nächster Nummer schließt das dritte Quartal. Wir ersuchen die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das vierte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.

Die Postabonnenten machen wir noch besonders auf eine Verordnung des kaiserlichen General-Postamts aufmerksam, laut welcher der Preis bei Bestellungen, welche nach Beginn des Vierteljahrs aufgegeben werden, sich pro Quartal um 10 Pfennig erhöht (das Exemplar kostet also in diesem Falle 1 Mark 70 Pfennig statt 1 Mark 60 Pfennig). Auch wird bei derartigen verspäteten Bestellungen die Nachlieferung der bereits erschienenen Nummern eine unsichere.

Die Verlagshandlung.



Verantwortlicher Redacteur Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Man schätzt den in jener Gegend angerichteten Schaden auf fast zwei Millionen Gulden. Als ein Glück muß es betrachtet werden, daß wenigstens im Tauferer Thale Menschenleben nicht verloren gingen.
  2. Die Forschungen unserer Aegyptologen haben in den letzten Jahren die früher oft wiederholte Behauptung, daß die Priester der klassischen Völker den Blitzableiter gekannt und für Cultuszwecke benützt hätten, zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit erhoben. An mehreren ägyptischen Tempeln, nämlich zu Edsu, Dendera und Medinet-Abu, haben Johannes Dümichen und später Burgsch Inschriften aufgefunden, welche besagen, daß die hohen, an den Thorpfeilern befindlichen und die Zinnen überragenden Flaggenmaste mit Kupfer beschlagen und an der oberen Spitze vergoldet gewesen seien, „um das aus der Höhe kommende Ungewitter zu brechen“. Man kann bei diesen dreißig bis vierzig Meter hohen kupferbeschlagenen Holzmasten, deren Abbildung man z. B. in Meyer’s „Conversations-Lexikon“ (Art. Baukunst), oder in Lübke’s „Geschichte der Architektur“ findet, den Inschriften zufolge kaum an etwas anderes als an Blitzableiter denken, und es ist interessant, daß die eine Inschrift den König Ramses den Dritten, den Rhampsinit des Herodot, als denjenigen bezeichnet, der (dreizehnhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung) diese kupferbeschlagenen, an der Spitze vergoldeten Stangen aufgerichtet habe, welche, wie eine andere Inschrift andeutet, das Gebäude vor dem Ungewitter schützen sollten, wie die daneben abgebildeten Göttinnen Isis und Nephtis den Osiris schützten, der freilich dennoch von der bösen Gottheit der Ungewitter (Typhon) erschlagen wurde. Wörtlich mitgetheilt findet man diese Inschriften in J. Dümichen’s „Baugeschichte des Dendera-Tempels“ (Straßburg 1877)
    D. Red.
  3. Die folgende Schilderung wird in dem bei Paul Frohberg in Leipzig erscheinenden Werke der Loango-Expedition nicht enthalten sein.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: was