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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1875) 105.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[105]

No. 7.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.


Das Capital.
Erzählung von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)


Landeck erzählte nun Malwinen die ganze Sachlage, in welche ihn gestern Rudolph eingeweiht hatte, in kurzen bündigen Worten. Malwine wurde dabei immer erregter, immer erschrockener, bis sie endlich, ihre Hände wie im tiefsten Verzagen zusammenfaltend, ausrief:

„Aber ich bitte Sie, dann wäre ja Maiwand ein ganz nichtswürdiger und abscheulicher Mensch, von dem ich das Aergste zu befürchten hätte. Glauben Sie wirklich, daß Rudolph’s Verdacht wahr und gegründet ist, daß es Maiwand war, der für sich die Summe erschwindelte?“

„Ich kenne Rudolph so wenig,“ entgegnete Landeck, „ich sah ihn gestern zum ersten Male – es wäre vorschnell, wenn ich ein festes Urtheil auf seine Darstellung der Sache baute. Sie kann einseitig sein, durch den langen Groll, den er still mit sich umher getragen, getrübt – wer weiß das? Aber ich habe Ihren verstorbenen Gemahl gekannt, und ich frage Sie, Sie selbst, Frau von Haldenwang: halten Sie ihn für fähig, einen jungen Menschen zu einer Pflichtverletzung verführen zu lassen, oder, wenn dies geschehen wäre, ihn alsdann im Stiche zu lassen?“

„Sie haben Recht,“ sagte Malwine stockend und groß die Augen zu ihm aufschlagend, „Sie haben Recht und ich hätte mir das längst, längst selbst sagen können. Weshalb bin ich so kindisch arglos, so vertrauensvoll und einfältig gläubig Allem gegenüber, was man mir sagt!“

„Weil Sie eine völlig reine und goldig helle Seele haben, und die Organe der Lüge und des Schlechten gar nicht in Ihnen sind. Wie könnten Sie da sie in Anderen vermuthen?“

„Das lautet,“ warf Malwine mit leisem Erröthen und ein wenig wegwerfendem Tone ein, „ja völlig anders, als was Sie mir früher von den Frauen zu hören gegeben haben. Danach, schien es, gab es für Sie in den Frauen nur Organe für alle möglichen kleinen Bosheiten. Aber streiten wir nicht darüber! Sagen Sie mir lieber, was ich thun, was ich beginnen soll – jetzt, wo ich alles und jedes Vertrauen zu Maiwand verloren habe und überdies mich noch vor dem Menschen in meinem eigenen Hause fürchte.“

„Wenn Sie meinen Rath verlangen, so lautet er kurz so: weihen Sie Ihren ehemaligen Vormund, Ihren Oheim Escher, in dies Alles ein und beauftragen Sie ihn, an Ihrer Stelle Maiwand zur Ausstellung eines Reverses und zum Verlassen der Stellung, die Sie ihm als Verwalter Ihres Vermögen eingeräumt haben, aufzufordern – wo nicht, zum Justizrath zu gehen und diesen um die Einleitung der Klage wider Maiwand zu ersuchen!“

„Aber wohin soll er sich dann wenden, was beginnen, wenn ich ihm auf diese Art seine Existenz raube? Er wird sich widersetzen bis auf’s Aeußerste. Und der Oheim Escher, mit dem bin ich ja überworfen seit jener unseligen Geschichte. Er weigerte sich, mir mein Vermögen zu solch leichtsinniger Verschleuderung, wie er es nannte, auszuliefern. Er war außer sich darüber; er erinnerte mich an die jahrelange Mühe, die mein armer Vater sich gegeben, nur ein solches kleines Vermögen zu hinterlassen, das ich nun fortwerfen wolle, um einen mit unverantwortlichem Leichtsinn gemachten Cassendefecet zu verdecken. Ich solle, eiferte er, den Schuldigen seinem Schicksal überlassen, und ihm, dem Oheim, nicht zumuthen, durch die Auslieferung des Vermögens die Hand zu einer ganz verrückten Handlung zu bieten. Ich mußte ihm erst in den allerentschiedensten Ausdrücken klar machen, daß ich nun und nimmer zugeben werde, daß mein Vetter Rudolph in Haft und Schande komme, daß ich auf meinem Recht bestehe und daß er meinen Willen nicht beugen werde, bis er sich im äußersten Zorn in die Sache fügte und that, was ich verlangte. Aber er hat mir meine Handlungsweise von damals nie verziehen, bis heute nicht; er würde mir jetzt erklären, daß er durchaus keine Lust habe, sich je wieder in meine Geschäfte zu mischen … und außerdem ist er ja in diesem Augenblick durch seine eigenen Angelegenheiten, durch diesen Arbeiteraufruhr so in Anspruch genommen, daß Niemand von ihm Teilnahme für andere Dinge verlangen kann.“

„Wie glücklich Sie mich machen würden, wenn Sie mir das Vertrauen schenkten, mich für Sie handeln zu lassen, brauche ich Ihnen nicht zu sagen,“ antwortete Landeck. „Aber meine unselige Uebereilung hat mir ja ein Eingreifen in diese Sache unmöglich gemacht. Ich kann nicht mit dem Manne verhandeln, den ich gefordert habe.“

„Nein, das können Sie nicht,“ sagte Alwine mit einer zornigen Bitterkeit. „Sie sehen, wie verkehrt und thöricht Sie gehandelt haben.“

Bei diesem Vorwurf blickte Landeck betroffen in Malwinens Züge. Es lag darin das Geständniß, daß sie durch nichts Anderes abgehalten sei, ihn zu ihrem Anwalt und Vertheidiger zu machen, und dies konnte ihn nur mit einer großen Freude erfüllen.

[106] „Wollen Sie,“ rief er lebhaft und hocherröthend aus, „daß ich zu ihm gehe und eine Ausgleichung mit ihm suche, daß ich meine Worte und meine Herausforderung zurücknehme? Es würde mir schwer werden, und ich weiß in der That nicht, ob es sich mit meiner Ehre vertrüge, aber was verschlägt mir das Alles, wenn Sie es wollen, wenn es Ihretwegen geschieht! Ich könnte dann in Ihrem Namen und Auftrag mit ihm verhandeln. Wenn Sie mir dazu Vollmacht geben wollen, so bin ich bereit.“

Malwine schüttelte den Kopf und winkte abwehrend mit der Hand.

„Wie könnt’ ich ein solches Opfer Ihres Ehrgefühls annehmen?“ sagte sie mit traurigem Tone. „Welche Folgen würde das haben! Welche Schlüsse würden Sie daraus ziehen! Welche Erwartungen und welche Folgerungen!“

„Keine andern Folgerungen als die, daß Sie mir die ‚Beleidigung‘ verziehen haben, von der Sie neulich redeten. O Sie hatten Recht, ich bin so tactlos, so thöricht, so unvorsichtig gewesen. Wollen Sie mir nicht gönnen, etwas thun zu dürfen, um mein Vergehen zu büßen?“

„Nein, nein,“ fügte sie aufstehend und langsam durch das Zimmer zum nächsten Fenster schreitend hinzu, „ich bin so schmerzlich belehrt worden, wohin es führt, wenn man einem Manne vertraut, wenn man ihm gestattet, uns Dienste zu leisten, statt ihn in eisigster Kälte und Unnahbarkeit fern zu halten!“

„Aber ich bitte Sie, gnädige Frau,“ rief Landeck nun seinerseits aufspringend aus, „fühlen Sie nicht, wie furchtbar ungerecht Sie sind, daß Sie Erfahrungen, die dieser Maiwand Sie machen ließ, auch bei mir befürchten zu müssen glauben? Es ist abscheulich, daß Sie mich und ihn ohne Weiteres in eine Kategorie stellen – das habe ich nicht verdient und …“

„O, machen Sie mir noch Vorwürfe?“ unterbrach sie ihn in einem Tone des Zorns wie ein schmollendes Kind. „Quälen Sie mich noch mehr, als ob Sie mich nicht schon genug gequält hätten? Sehen Sie denn nicht, wie unglücklich ich bin?“

„Das sehe ich freilich,“ versetzte Landeck, „aber wenn ich Sie gequält habe, so habe ich doch auch das Recht wie die Pflicht meinen Fehler wieder gut zu machen, so viel er gut zu machen ist. Ich sehe ja auch, daß Sie Niemand anders haben, Ihnen beizustehen, Ihnen zu helfen, als mich, und ich, ich werde Ihnen helfen, trotz allem was Sie sagen mögen … wenn Sie mir auch Ihre Vollmacht dazu verweigern: Ihre Lage, die Verhältnisse geben sie mir. Ich bitte, ich flehe Sie deshalb an, thun Sie nichts selber, vermeiden Sie jedes Wort mit Maiwand über dies Alles – und lassen Sie mich handeln!“

„Was wollen Sie thun?“ rief Malwine halb erschrocken, halb erstaunt aus.

„Ich weiß es selbst nicht in diesem Augenblick. Aber vertrauen Sie mir, daß ich das Rechte finden werde! Vertrauen Sie mir!“

Damit wandte er sich ab und eilte davon.

Malwine ging, als er verschwunden war, langsam zu ihrem früheren Sitze zurück. Sie stützte sinnend das Kinn auf ihre Hand.

„Wie unglücklich ist eine Frau, die allein steht!“ sagte sie nach einer Pause seufzend. „Wenn er mich rettete vor diesem bösen Menschen, so hätte ich an ihm einen neuen Tyrannen. Und ich fühle, ich weiß, er wird es. Nun denn, in Gottes Namen!“

Sie blickte durch’s Fenster in die ferne weite Himmelsbläue, und ihre Züge verloren allmählich alle ihre frühere Spannung, ihren Ausdruck von Erregung. Eine eigenthümliche Ruhe schien über sie zu kommen, je mehr und mehr ihre Gedanken sich mit ihrer „Rettung“ durch Landeck beschäftigten und mit der „Tyrannei“, in welche sie alsdann gerathen würde. –




11.

Landeck eilte heim, um in seiner Wohnung Rudolph zu erwarten, der, nach der Verabredung vom gestrigen Tage, am Vormittage zu ihm kommen wollte, um ihm das Resultat seiner Unterredung mit dem Arzte mitzutheilen. Landeck war um so gespannter auf diese Mittheilung, als er selbst in diesem Augenblick noch nicht im Entferntesten einen Plan hatte, einen bestimmten Weg vor sich sah, wie er das, was er Malwinen gelobt hatte, ausführen solle; er wußte, er fühlte in seiner stürmischen Aufregung nur, daß er sein Gelöbniß lösen werde und müsse, und sollte es ihm das Leben kosten.

Als er die Gartenanlagen um die Villa des Herrn Escher betrat, sah er, daß Rudolph bereits gekommen war – aber Rudolph machte keine Miene, von ihm Notiz zu nehmen; er ging mit Elisabeth in dem Gange, der an der niedrigen Seitenmauer des Gartens entlang führte, auf und ab, und Beide sprachen mit unterdrückter Stimme, aber äußerst lebhaft mit einander.

„Der Vater,“ hatte Elisabeth eben gesagt, „ist außer sich – Gott gebe nur, daß die beiden erregten Männer nicht aufeinander stoßen! Daß Dein Vater, sein leiblicher Bruder, so habe wider ihn handeln können, da er ihm doch selber gestanden, daß es in seiner Macht gelegen, unsere Arbeiter von dem Strike zurückzuhalten, das hat ihn so furchtbar empört, so über alle Rücksichten fortgerissen, so offen und zornig vor meiner Mutter und mir Alles aussprechen lassen, was er bisher tief in sich verbarg. Und so ist mir endlich dieses schreckliche Licht gekommen, weshalb die unselige alte Spannung zwischen ihnen, und weshalb der Vater so hartnäckig wider unsere Verbindung ist. O Rudolph, Rudolph, welch unglückselige Stunde war das, wo Du so entsetzlich schwach warst …“

„Wenn Du mir diese Stunde vorwirfst, Elisabeth,“ unterbrach Rudolph sie, „wenn Du an meine Schuld dabei glaubst, wie es Dein Vater thut, wenn Du, wie er, überzeugt bist, ich hätte in der Noth, in die ich durch meine eigene Verschwendung und Liederlichkeit gerathen, meinen Herrn bestohlen – dann, bei Gott, Elisabeth, will ich den Untergang der Sonne, die jetzt auf uns scheint, nicht mehr sehen – dann mache ich meinem Leben ein Ende.“

„O nein, nein, nein,“ versetzte Elisabeth, mit der Linken seinen Arm ergreifend und fest umklammernd, während sie mit der Rechten ihr Tuch zu den Augen führte, um die strömenden Thränen abzutrocknen, „ich glaube Dir ja Alles, Alles, Rudolph; mein ganzes Herz sagt es mir, Du kannst so schlecht nicht gewesen sein – aber ist unser Unglück desto weniger groß darum? Der Vater glaubt es nun einmal – und bei seinem harten argwöhnischen Sinne –, wer wird ihm ausreden, was er glaubt, wer wird ihn überzeugen, daß die Sachen so zusammenhängen, wie Du sagst!“

„Das ist freilich zum Verzweifeln,“ rief Rudolph aus, „und ich würde verzweifeln, wenn ich nicht sähe, daß Du mir wenigstens vertraust und mir gut geblieben bist, Elisabeth, nachdem ich Dir eben gesagt habe, wie Alles gekommen ist und wie es zusammenhängt. Und nicht wahr, Du siehst jetzt auch ein, jetzt, wo ich Dir Alles gebeichtet, daß ich gar nicht anders konnte, als mit Malwinen auf dem Fuße guter Freundschaft bleiben, nicht allein wegen dessen, was Malwine für mich that, sondern auch, um Fühlung mit diesem Maiwand zu behalten …“

„Gewiß, gewiß, es ist mir jetzt selbst, als sei ich eine Thörin gewesen mit meiner Eifersucht. Unter dem furchtbaren Schrecken, den meines Vaters Worte mir erregt haben, und dem Kummer darüber ist es mir, als sei ich mit meiner Eifersucht recht erbärmlich und klein gewesen – ich will es Dir gestehen, Rudolph, es war auch weniger in mir der Glaube, daß Du Malwinen lieben könntest, als der Verdruß darüber, daß Malwine denken könne, Du gehörtest zu der Schaar ihrer Anbeter – sieh, dazu warst Du mir zu gut; das ließ mich so trotzig grollen … aber es ist vorüber, Alles, Alles. Rede nicht mehr davon … aber schaffe Rath und Hülfe, daß wir die Väter versöhnen, daß mein Vater von der Wahrheit überzeugt wird und daß er Dich und Dein Handeln in einem andern Lichte erblickt!“

Rudolph hatte Elisabeth’s Hand ergriffen und drückte glühende Küsse darauf.

„Also Du hast an meiner Liebe nicht gezweifelt, Elisabeth? – Du hast es wirklich nicht … o wie danke ich Dir für dieses Wort“ … es hat mich so unsäglich empört und erbittert, es hat mir so mein ganzes Leben vergiftet, daß Du keinen Glauben an mich hattest, wenn ich Dir sagte, daß ich mit Malwinen nicht brechen könne …“

[107] Elisabeth, deren Thränen wieder hervorbrachen, warf sich schluchzend an seine Brust.

„Nein, nein, nein, es war ja kindisch und abscheulich, und auch der Aerger war dabei, daß Du mir nicht gehorchtest, und weil ich meinen Willen nicht durchsetzte – o gewiß, ich war recht schlecht, Rudolph. Vergieb, vergieb mir und thue Alles, um der Wahrheit den Sieg zu verschaffen! Ich flehe Dich an …“

„Das werde ich, Elisabeth – und wenn ich ein Verbrechen begehen müßte, ich will jenen bösen Menschen zum Reden zwingen, da wir nun einmal kein anderes Auskunftsmittel haben … und dort unten sehe ich Landeck stehen; er harrt meiner. Er ist mein Verbündeter in der Sache … also auf Wiedersehen, Elisabeth! Ich hoffe, wir Beide athmen leichter, wenn wir uns wiedersehen.“

Er riß sich von ihr los und eilte zu dem seiner harrenden Freunde.

Beide hatten sich eine neue Verwickelung ihrer Lage mitzutheilen. Rudolph, indem er Landeck sagte, was er eben von Elisabeth erfahren. Herr Escher hatte nämlich in furchtbarer Entrüstung seinen Bruder, den Vater Rudolph’s, angeklagt, daß dieser die Arbeiter auf seinen Werken nicht von dem Strike abgehalten habe; er hatte sich ferner im Zorn offen darüber ausgesprochen, wie Malwinen’s Vermögen zur Deckung des Deficits in der Casse verwandt worden, die Rudolph angegriffen. Damit hatte denn auch Elisabeth ein ganz erschreckendes Licht über jenen unheilvollen Vorgang in der Residenz bekommen, das sie in Verzweiflung gestürzt, bis Rudolph sie eben durch eine offene Schilderung des Hergangs zu beschwichtigen gewußt. – Landeck theilte dagegen den Inhalt seiner Unterredung mit Malwinen mit, welche ihn in ebenso große Spannung seines ganzen Willens gebracht. Er fragte Rudolph dann nach dem Ergebniß seines Schrittes beim Doctor Iselt … aber Rudolph hatte von diesem nichts vernommen, was sie fördern konnte. Doctor Iselt hatte nur mitgetheilt, daß er früher, als er in der Hauptstadt Assistenzarzt gewesen, ein junges durch Maiwand verlassenes Mädchen in einer Krankheit behandelt und damals genug über ihn gehört habe, um zu seiner Ansicht über den Charakter des Mannes berechtigt zu sein, und daß er in die Hauptstadt geschrieben, um gewisse nähere Angaben hierüber zu erhalten. Das half den jungen Männern aber sehr wenig.

„Es bleibt uns nichts übrig, als uns an meinen Vater zu wenden,“ rief Rudolph aus. „Wir wollen ihm schildern, wie Malwine durch diesen Maiwand, durch die thörichte Handlung, zu der sie sich von ihm verlocken ließ, bedroht ist. Er ist klug und entschlossen; seine Arbeiter folgen ihm unbedingt; er soll sich mit diesen der Sache annehmen und bei unserem Feinde nöthigenfalls Gewalt brauchen. Wenn ein halb Dutzend entschlossener Männer den Herrn von Maiwand einfängt und ihm droht, ihn, wenn er nicht Alles gesteht und schriftlich bekundet, was man von ihm will, in eines unserer Frischfeuer schleudern zu wollen – ich denke, das hilft.“

„Ah – Sie wollen Gewalt brauchen, Rudolph,“ rief Landeck beunruhigt aus, „gegen einen so durchtriebenen und verschlagenen Menschen ist das sehr gefährlich.“

„Eben weil er so durchtrieben und verschlagen ist, bleibt uns ja nichts Anderes übrig. Oder wissen Sie ein anderes Mittel? Sie wissen keins. Deshalb kommen Sie – begleiten Sie mich! Wir wollen zu meinem Vater gehen. Sie sollen mich unterstützen bei ihm, indem Sie ihm Malwinens Lage Maiwand gegenüber schildern – kommen Sie!“

Rudolph zog ungestüm Landeck mit sich fort. Dieser folgte ihm, obwohl er nichts weniger als einverstanden war mit dem verzweifelten Entschlusse seines Freundes. So schritten sie aus den Anlagen hinaus und dem Wege nach, der flußaufwärts zu den Fabriken und dort über eine Brücke über den Fluß führte. Am Aufgange zur Brücke stand eine Menge Arbeiter beisammen; sie ließen sie schweigend vorüberziehen; einige grüßten Rudolph, der im besten Ansehen bei ihnen stand; überhaupt schien, nachdem die friedlichere Partei, welche gegen die Zerstörung der Maschinen war, bei ihnen gesiegt hatte, einige Beruhigung eingetreten. Jenseits des Flusses kamen mehrere ältere Männer in der Richtung von des Werkmeisters Hause her ihnen entgegen; sie blieben stehen, als sie Rudolph erreicht hatten, und einer sagte:

„Es ist gut, daß Sie kommen, Herr Rudolph Escher. Gehen Sie rasch und sehen Sie nach Ihrem Vater; es ist dem Manne etwas zugestoßen, was ihn ganz verstört macht. Wir hatten mit ihm zu verhandeln – wegen der Strikecasse und der Vertheilung der ankommenden Gelder, wissen Sie – aber es ist gar nicht mit ihm zu reden; es ist, als ob er von Sinnen sei und nicht mehr wüßte, was er sagt.“

„Es ist, als ob ihn der Schlag getroffen,“ sagte ein anderer der Arbeiter.

„Er ist erkrankt?“ rief Rudolph erschrocken aus.

„Krank? Ich weiß nicht, ob’s just das ist. Sehen Sie selbst!“ versetzte der Erstere.

Rudolph eilte so schnell davon, den Weg zu dem hochliegenden kleinen Hause hinauf, daß Landeck alle Mühe hatte, ihm nachzukommen. Als sie den Garten betraten, sahen sie Rudolph’s Vater auf der Bank vor dem Hause sitzen. Die Hände zwischen den Knieen zusammengeklammert, vornübergebeugt, saß er da, starr auf den Boden niederblickend; das Geräusch der nahenden Schritte ließ ihn aufblicken … und als ob der Anblick der beiden hastig daher kommenden jungen Männer etwas Erschreckendes für ihn hätte, erhob er sich mit offenbarer Anstrengung und schien vor ihnen in die nahe offene Hausthür fliehen zu wollen. Aber nach einem Schritte, den er gemacht, sank er wie gebrochen und kraftlos auf die Bank, an deren Armlehne er sich gehalten, zurück.

„Vater – Vater – was ist Dir? Was ist Dir zugestoßen?“ rief Rudolph, jetzt schon an seiner Seite und, um ihn zu unterstützen, seinen Arm ergreifend.

„Weshalb kommst Du?“ stieß der Alte mühsam und doch zornig hervor – „geh’ fort, geh’ hinein, laß’ mich! Ich will allein sein – geh’ hinein!“

„Wie kann ich hineingehen, ehe Du mir sagst, was Dir ist, was vorgefallen, ob Du krank bist, was Du hast, Vater?“

„Was mir ist – das soll ich Dir sagen vor dem Fremden da? Geh’ hinein, sag’ ich Dir – geh’ – ich will’s. Laß’ mich!“

Rudolph stand rathlos diesem räthselhaften Wesen seines Vaters gegenüber.

„Soll ich hinabeilen und nach dem Arzte senden?“ fragte Landeck besorgt.

„Lassen Sie den Arzt!“ rief der Alte – „hier ist nichts zu heilen. Was gethan ist, das ist gethan; was zerbrochen, das leimt kein Arzt mehr.“

„Aber,“ sagte jetzt Rudolph beinahe entrüstet durch diese seltsame schroffe Weise, „was ist denn gethan und was ist zerbrochen? Du sollst reden, Vater – Du kannst nicht glauben, ich ginge und ließe Dich so in Deinem Kummer oder in Deinem Leiden, bevor Du mir seinen Grund gesagt und ich weiß, was Dir geschehen ist.“

„Gesagt … ich soll es noch sagen – vor dem Fremden da sagen? Wahrhaftig, ich sollt’ es, ich sollt’ es thun, ich sollt’ es offen in die Welt hinausschreien, daß ich selbst nichts als ein alter böser Narr bin, der seinen Bruder, seinen leiblichen Bruder umbringt und ruinirt, und daß mein Sohn, mein eigener einziger Sohn, für den ich gearbeitet, gedarbt, erworben, für den ich gelebt habe, ein, ein …“

Er sprach das Wort nicht aus. Trotz seines inneren Jammers, trotz der entsetzlichen, niederschmetternden Last auf seiner Brust, die ihn nur keuchend Athem holen ließ, schien die Rücksicht auf die Gegenwart Landeck’s das Wort auf seiner Zunge festzubannen – er murmelte nur unhörbar das Wort, schlug dann langsam das Auge auf, und der Blick, den er nun auf Rudolph’s Züge richtete, hatte eine ganz unbeschreibliche Sprache von Zorn, Groll und tiefem Elende.

Landeck, der den Grund dieser Scene nach Rudolph’s früheren offenen Geständnissen längst glaubte verstanden zu haben, trat jetzt dichter heran an den alten Mann, und seine Hand beschwichtigend auf seine Schultern legend, sagte er:

„Sie durften das Wort, welches eben auf Ihrer Lippe lag, vor mir laut aussprechen; es würde der Ehrenhaftigkeit Ihres Sohnes in meinen Augen nicht das Geringste nehmen. Aber es ist besser, daß Sie es nicht sprechen, denn glauben Sie mir, Sie würden ein großes Unrecht an ihm begehen. Was Sie auch von ihm glauben mögen …“

Gotthard Escher unterbrach hier Landeck’s Rede durch einen [108] Blick voll zorniger Verachtung und eine heftig abwehrende Bewegung mit der Hand.

„Glaubt nicht, mich noch belügen zu können!“ sagte er mit leiser Stimme und unendlich verachtungsvoller Betonung – „da leset und dann geht!“

Er zog mit zitternder Hand Papiere aus der Brusttasche hervor und reichte sie Rudolph. Während dieser sie erfaßte und gespannt entfaltete, erhob sich der Alte mühsam und schritt wankend in’s Haus hinein, dessen Thür er hinter sich zuschlug.

Rudolph hatte unterdeß die Papiere – es waren zwei Briefe, die er in Händen hielt – zu lesen begonnen.

„Sie mögen mit mir lesen, Landeck,“ sagte er dabei, „ich habe Ihnen Alles gesagt und brauche nichts mehr vor Ihnen zu verbergen. Sehen wir nach, was dies ist!“

Landeck trat zu ihm und las mit ihm das Blatt, das Rudolph in seiner zitternden Hand hielt. Es lautete:

„Du hast keine Schonung gegen mich gehabt, jahrelang nicht in Deinen argwöhnischen Gedanken, jetzt sogar nicht mehr in Deinem gehässigen Handeln. Ich wär’ ein Thor, wenn ich noch länger Schonung übte, statt die Anklage, die Du mir in’s Gesicht schleudertest, offen zurückzuweisen. Darum sage ich Dir: es ist nicht Hochmuth, wenn ich Elisabeth Deinem Rudolph nicht geben will, sondern ich will es nicht, weil Rudolph sie nicht verdient, weil er kein Mensch ist, dem ich meiner Tochter Schicksal anvertraue. Und Malwinens Vermögen habe ich nicht unterschlagen, nicht leichtsinnig für mich verwendet, nicht ‚das Capital‘ daraus gemacht, das Ding, das Leute Deiner verworrenen Anschauung als den Dämon der heutigen Welt betrachten; nein, dieses Vermögen ist Malwinen bis auf Heller und Pfennig ausbezahlt worden, weil sie es verlangte und gebieterisch von mir forderte, um den groben Cassendiebstahl zu verdecken, den Dein Rudolph vor Jahren in der Hauptstadt begangen hat.

Dein Bruder Gottfried Escher.“

Rudolph ließ, nach Luft ringend, das Blatt zu Boden fallen; er vermochte kaum noch das mit zitternden Händen gehaltene zweite zu lesen. Es war ein vergilbter alter Brief Malwinens und lautete:

„Lieber Onkel, ich bin Dir dankbar für die Vorstellungen, die Du mir machst und die unter anderen Umständen ja auch gewiß bestimmend für mich sein würden. Wie die Dinge liegen, können sie es aber nicht; denn es handelt sich um die Ehre unseres Namens, um das Schicksal Rudolph’s. Denn um Dir die Wahrheit zu sagen: er hat eben eine Lücke in seiner Casse, zu deren Füllung beinahe mein ganzes Vermögen erforderlich ist, Du aber wirst nicht wollen, daß ich es darauf ankommen lasse, daß man ihn verhaftet, wider ihn processirt, ihn zum Zuchthaus verurtheilt. Das geht nicht, Onkel. Du siehst das ein – also sende mir umgehend meine von Dir so wohl gehüteten Staatspapiere, und indem Du Dich von ihnen trennst, denke: das leichtsinnige Kind, die Malwine, ist mündig, seit einem Jahre mündig und hat ihren eigenen Kopf, den sie diesmal unbeugsam und hartnäckig aufsetzt. Natürlich muß die Sache für immer auf’s Strengste vor Onkel Gotthard verborgen bleiben.

In der zuverlässigen Erwartung, daß ich übermorgen Abend ganz bestimmt das Paket erhalten werde,

Deine getreue und dankbare Nichte Malwine.“

„Da haben wir’s,“ sagte Rudolph, tief aufathmend und mit Thränen der Verzweiflung im Auge den Brief Landeck reichend, der eben auch den zu Boden gefallenem aufgegriffen hatte, „nun ist so gut wie das Aeußerste geschehen, das Allerletzte. Das wird meinem Vater das Herz brechen, und ich stehe selber da wie gebrochen und kraftlos. Was soll ich thun?“

„Nur Eines nicht,“ versetzte Landeck, „erschüttert in die Züge des bleich gewordenen und schwer athmenden jungen Mannes blickend, „nur Eines nicht, nur nicht verzweifeln! Was wir Ihrem Vater sagen könnten, das würde freilich wenig bei ihm verfangen; er würde weder Ihnen noch mir, der als Ihr Freund auftritt, glauben. Aber er wird, er muß am Ende doch Einer glauben, der besten Zeugin in der ganzen Sache, Malwinen.“

Rudolph schüttelte hoffnungslos den Kopf, aber Landeck ließ sich nicht irre machen.

„Es ist nicht anders möglich,“ fuhr er fort, „als daß Malwinens Persönlichkeit so viel Einfluß auf ihn übt, daß er sich nach und nach ihr gefangen giebt und ihr glaubt. Die Wahrheit wird sich eine Bahn zu seinem Herzen brechen. Gehen Sie hinein, bewachen Sie Ihren Vater, sehen Sie, was Sie zu seiner Pflege thun können! Ich eile unterdeß nach Haldenwang und unterrichte Malwine von dem Allem. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß sie mit mir hierher kommen wird, um diesem armen alten Manne zu sagen, wie schweres Unrecht er seinem Sohne thut.“

„Sie kennen den harten mißtrauischen Kopf meines Vaters nicht,“ entgegnete Rudolph trostlos zu Boden blickend.

„Mag sein,“ versetzte Landeck, „und doch ist dies das Einzige und gewiß auch das Beste, was im Augenblick geschehen kann.“

Damit wandte er sich, ohne auf weitere Einwürfe zu hören, und schritt eilends den Gartenpfad wieder hinab und dann den Weg über die Berghalde, den er eben gekommen, hinunter, der Flußbrücke neben den Fabrikgebäuden zu.

Es war ein weiter Weg, erst über diese Brücke, dann am jenseitigen Flußufer hin, an Herrn Escher’s Villa vorüber und weiter hinab, bis zu der schmalen Laufbrücke, die wieder auf’s andere Ufer und zu der Eichenallee führte, welche zum Hause Haldenwang hinauf leitete. Eine halbe Stunde Gehens mochte es sein.

Landeck eilte in seiner heftigen Aufregung so angestrengt wie möglich – doch sollte er nicht unaufgehalten den Weg machen; als er, um ihn möglichst abzukürzen, quer durch den Garten der Villa schritt, trat der Landbriefträger eben die Stufen des Hauses hinab und rief seinen Namen; er mußte irgend eine recommandirte Sendung haben, denn nur mit solchen erschien er, da Herr Escher die übrigens Correspondenzen für sich und sein Haus täglich im nächsten Städtchen abholen ließ. In der That zog der Postmann aus seiner schwarzen Tasche einen fünffach gesiegelten Brief nebst einem Empfangsschein hervor. Landeck gab dem Manne, der für seinen Verkehr mit der Landbevölkerung und den Arbeitern vorsichtiger Weise Schreibzeug bei sich führte, seine Quittung; im Weitergehen öffnete er dann den Brief, der nur wenige Zeilen enthielt, und barg die in demselben eingeschlossenen Banknoten, welche eine nicht unbedeutende Summe ausmachten, in seiner Brieftasche.

Und dann hastete er in seiner Erregung weiter. Rasches Gehen dämpft in eigenthümlicher Weise die Schärfe des Gedankenlebens; in Landeck war, als er in der Eichenallee jenseits des Flusses angekommen, der Gedanke an das, was er eigentlich bei Malwinen wollte, schon sehr in den Hintergrund getreten, verdrängt von einem traumhaften Zustande, in welchem er nur noch wie magisch gezogen zu ihr eilte, wie in dunklem Drange, wie im unbewußten Gefühle, daß bei ihr für ihn Heil und Friede sei und Rettung aus jedem Sturme, und wie für ihn, so auch für die Freunde, um deren Kummer und Noth er eben so stürmisch unter den hohen Eichenwipfeln dahinschritt, jetzt schon an der Stelle vorüber, wo sich Malwine neulich von ihm getrennt, dann an dem Platze im Walde, wo ihm Rudolph die Geschichte seines Fehltrittes anvertraut hatte.

Als er Haus Haldenwang endlich erreicht hatte, hemmte er plötzlich seinen Schritt, ging dann leise, tief aufathmend die Stufen zur Nebenveranda hinauf und stand unter dieser still, wie festgebannt; im Wohnsalon, in den die offenstehende Fensterthür führte, saß Malwine vor einem kleinen Pianino und sang. Landeck hatte sie nicht mehr singen gehört, seit sie in Athen zuweilen einige kleinere Lieder des Abends im engeren Kreise vorgetragen; jetzt, wo sie allein war, hatte sie eine ihrer großen Opern-Arien begonnen, und es schien sich ihre ganze Seele darin auszuströmen, auszustürmen, mit einer Fülle und Macht, mit einer so hinreißenden Gewalt tiefer Leidenschaft, daß Landeck wie völlig bezaubert stand. Sie war wie entrückt der Welt um sie her, aller Enge, allem Fesselnden, allem Erdenelende. Ihre Seele fuhr dahin im rauschenden Siegeszuge auf den Wogen unendlicher Schönheit, über die Höhen ewiger Gedanken. Es war eine wunderbare Stimme, und eine wunderbare Seelenoffenbarung lag darin – man mußte sie gehört haben, um Malwinen ganz zu verstehen, um ihrem Wesen, ihrem sorglosen, oft übermüthig scheinenden Hinwegschreiten über die Bedingungen des Lebens, ihrer Art, die Dinge und die Menschen wie spielend zu nehmen, ganz gerecht werden zu können, um das souveräne Freiheitsgefühl und das stolze Bewußtsein einer bevorzugten Natur zu begreifen.

(Fortsetzung folgt.)
[109]
Ludwig Dessoir.

Am kältesten Tage dieses Winters, am 2. Januar 1875, wurde des unsterblichen Künstlers sterbliche Hülle der mütterlichen Erde übergeben. Auf dem Matthäikirchhofe bei Berlin, dort, wo die Brüder Grimm, Diesterweg und so Mancher von unvergänglichem Namen ruht, wurde auch ihm gebettet zu ewigem Schlummer. Nur seine Söhne und ein sehr kleiner Kreis von Kunstgenossen und Freunden warf ihm eine Hand voll Erde hinab auf den lorbeerbekränzten Sarg. Der bekannte Prediger Dr. Sydow, welcher bereits im Trauerhause eine geistvolle Leichenrede gehalten, sprach ein kurzes Gebet an der offenen Gruft, und schnell beendeten die Todtengräber ihr Werk.

Im herrlichsten Winterschmucke prangte die Natur. Mit blendend weißem, fußhohem Schnee waren die Felder bedeckt, und die dichtbereisten Bäume glitzerten wundervoll in den Strahlen der Nachmittagssonne. Von dem Trauerhause in der

Die Gartenlaube (1875) b 109.jpg

Ludwig Dessoir.
Nach einer Photographie.

Bendlerstraße bewegte sich der Leichenzug die Potsdamerstraße entlang, vorbei am botanischen Garten bis gegen Schöneberg. So empfindlich auch die grimmige Kälte den Leidtragenden auf dem langen Wege wurde, mit Entzücken weidete sich jedes Auge an der winterlichen Landschaft. Und jenen tiefen, beseligenden Frieden, welcher eine gleichsam erstorbene Natur bedeckte – neidlos gönnte ihn Jeder dem Heimgegangenen Meister, da ja auch er geistig schon längst erstorben war und sich innigst gesehnt hatte nach ewigem Frieden. War ihm doch überdies der Tod nicht in seiner schreckenden, sondern in seiner freundlichsten Gestalt genaht. Ohne vorhergegangene Krankheit, nach einem kräftigen und ruhigen Schlafe hatte er ihn durch plötzlichen Herz- und Lungenschlag aus den warmen Armen der Liebe kampf- und schmerzlos in seine kalten Arme genommen.

Am 15. December 1810 wurde Ludwig Dessoir zu Posen geboren. Am 30. December 1874, früh vier Uhr, ist er zu Berlin gestorben. Mit seinem großen Vorgänger Ludwig Devrient theilte er merkwürdiger Weise denselben Geburts- und Todestag. Ich habe schon früher in meinen Silhouetten „Berliner Hofschauspieler“ und in einem Aufsatze der „Vossischen Zeitung“, welcher erst ganz kürzlich erschien, sowohl Dessoir’s künstlerische Bedeutung eingehend gewürdigt, wie auch sein Leben ziemlich ausführlich beschrieben. Deshalb will ich hier weder eine kritische Studie, noch eine eigentliche biographische Skizze bieten, sondern nur ein schlichtes Wort der Erinnerung über den Heimgegangenen Freund sprechen, und Einzelnes, welches bisher unbekannt war, aus seinem Leben veröffentlichen.

Neben Ludwig Dessoir wuchsen im Hause der Eltern, welche dem Kaufmannsstande angehörten, noch vier Geschwister auf, zwei Brüder und zwei Schwestern. Alle fünf Kinder widmeten sich später der Bühne. Von den Schwestern verheirathete eine sich nachmals an den Schauspieler Lobe und wurde die Mutter des jetzigen Directors am Wiener Stadttheater, Theodor Lobe. Die andere Schwester ist spurlos verschollen.

Den ältesten Bruder, einen einst gefeierten Schauspieler, trieb unglückliche Liebe in Wahnsinn und Selbstmord. Er war zehn bis zwölf Jahre älter als Ludwig, von riesiger Figur und wunderbaren Mitteln und der Liebling des Braunschweiger Hofes und Publikums. Auf Befehl des Herzogs von Braunschweig wurde er als Nero, welchen er in einem alten Stück, „Die Katakomben“, gespielt hatte, für die fürstliche Gemäldegalerie gemalt. Leider ging dieses Bild beim Brande des Braunschweiger Schlosses von 1830 zu Grunde. Charakteristisch für die allen Dessoirs eigene Energie ist die Art und Weise, wie er sich das Leben nahm. Er setzte sich bei offnen Thüren in bloßer Nachtjacke auf einen Stuhl, verstopfte sich Ohren und Nase mit Baumwolle und preßte ganz tief in seinen Mund ein feines ostindisches Taschentuch. So wurde er todt, anscheinend schlafend, gefunden. Unvermählt ist er in der Blüthe seiner Jahre heimgegangen, und sein jüngerer Bruder hat ihn nur als einen Wahnsinnigen kennen gelernt.

Der zweite Bruder lebt noch heute als reicher Mann und als Vater einer großen Familie in Amerika. Er war ursprünglich gleichfalls Schauspieler geworden, ging aber, da er in diesem Berufe nicht vorwärts kam, nach Amerika hinüber, wo er mit echt Dessoir’scher Energie sich aus bitterster Armuth zu blühendstem Wohlstande emporarbeitete. Als Straßenkehrer begann er drüben seine Laufbahn, wandte sich dann der Tischlerei zu und ist heute Inhaber eines großen Möbelmagazins. Vor etwa sechs Jahren war er in Berlin bei seinem berühmten Bruder zu Besuch. Er sah dessen „Hamlet“ und mißbilligte ihn als zu zahm; dafür legte er eine von ihm selbst verfaßte Tragödie, betitelt „Das Leben im Leben“, vor, in welcher Ludwig hinwiederum nur Spuren höheren Blödsinns erkennen konnte. Die beiden Brüder trennten sich auf Nimmerwiedersehn, ohne daß ein gegenseitiges geistiges Verständniß zwischen ihnen ermöglicht worden.

Als weitaus jüngster von den drei Brüdern mochte Ludwig Dessoir vielleicht der besondere Liebling der Mutter gewesen sein. Wenigstens erzählte er bis an sein Lebensende immer mit großer Rührung, daß seine Mutter sich fast blind geweint habe, als auch er zur Bühne ging. Auf der Bürgerschule seiner Vaterstadt hat er sich keine tiefe und breite wissenschaftliche Bildung aneignen können, zumal er schon mit vierzehn Jahren als Negerknabe Nanky in Körner’s „Toni“ die Bretter betrat. Bald darauf widmete er sich völlig der Bühne, indem er beim Director Couriol in Posen als Secretär, Rollenabschreiber, Schauspieler eintrat. Aber schon nach anderthalb Jahren mußte Couriol Concurs ankündigen, und nun begann für Dessoir ein Wanderleben bei kleinen ambulanten Bühnen, reich an Entbehrungen aller Art, aber auch reich an dem romantischen Zauber wegelagernden Zigeunerthums. Mit wahrem Behagen erzählte er später auf der Höhe seines Ruhmes von der Noth und dem Reiz dieser Lehrjahre. Sein erstes besseres Engagement fand er beim Director August Hake in Wiesbaden. Dort rückte er, sein Felleisen auf der Schulter, so ausgehungert,und bettelarm ein, daß er (es war zur Sommerszeit) mit den gefallenen Kirschen, welche er auf der Chaussee fand, wenigstens [110] etwas die Bedürfnisse seines Magens zu stillen suchte. Auf dem Wege zwischen Wiesbaden und Mainz begegnete er übrigens zum ersten Male seinem vorher nie gesehenen und nur an der Familienähnlichkeit und nach den Schilderungen der Mutter von ihm erkannten älteren Bruder, dessen einst so kräftiger Geist leider schon in unheilbarem Wahnsinn gebrochen war.

Kaum noch dem Jünglingsalter entwachsen, stand Dessoir auf der Höhe des Ruhmes. Der eigentliche Ausgangspunkt seines Rufes wurde Leipzig, wo er von 1834 bis 1836 unter Ringelhardt sein erstes festes Engagement fand. Hier wurden seine Leistungen von Heinrich Laube, dem damaligen Redacteur der „Zeitung für die elegante Welt“ eingehend und anerkennend gewürdigt, hier durfte er bereits an die Begründung eines eigenen Herdes und Heims denken. Bei seinem Eintreffen in Leipzig fand er Fräulein Therese Reimann an der dortigen Bühne engagirt, eine bei Publicum und Kritik gleich beliebte Schauspielerin. Sie flößte ihm eine so heftige Leidenschaft ein, daß er, nach seinem eigenen Geständnisse, wie sein älterer Bruder, dem Wahnsinne würde verfallen sein, hätte er sie nicht heirathen können. Im Jahre 1835 vermählte er sich mit der Geliebten, doch wurde diese namenlos unglückliche Ehe, aus welcher sein Sohn Ferdinand Dessoir (jetzt Schauspieler am Hoftheater zu Dresden) stammt, schon nach einjähriger Dauer getrennt. Von Leipzig ging Dessoir 1836 zu kurzem Engagement nach Breslau, von dort ein Jahr später nach Pest, von wo er 1839 an das Karlsruher Hoftheater berufen wurde. Hier war er zehn Jahre hindurch thätig, bis der Badische Aufstand die Schließung des Hoftheaters gebot. Durch Professor Rötscher’s Vermittlung trat er am 1. October 1849 in den Verband des Berliner Hoftheaters, auf welchem er schon zwei Jahre früher gastirt hatte, und welchem er fortan bis zu seiner Pensionirung, 1. October 1872, dauernd angehörte.

Was er in diesen dreiundzwanzig Jahren auf der Berliner Hofbühne gewirkt, das sichert seinem Namen einen der ehrenvollsten Plätze in der Geschichte des deutschen Theaters. Und gerade hier den höchsten Ruhm zu erringen, war Arbeit doppelter Energie. Warfen doch auf diese Bretter die Gestalten zweier noch nicht allzu lange heimgegangener Meister ihre gigantischen Schatten. Ludwig Devrient und Karl Seydelmann, stand doch auf diesen Brettern ein neuer, epochemachender Genius in der Vollkraft seines Schaffens: Theodor Döring. Aber weder die Erinnerung an die großen Todten, noch die Nebenbuhlerschaft des lebenden Meisters beeinträchtigen Dessoir’s Ruhm. Auf eigenen, selbstständigen Bahnen schritt er hinauf zur Höhe seiner Kunst, und die liebende Bewunderung der Mitwelt wußte ihn dort auch dann noch festzuhalten, als ihm selbst die physischen Kräfte versagten. Ja, der begeisterte Biograph Seydelmann´s, Professor Rötscher, war der Ersten Einer, welcher der ehrfurchtsvollen Menge zu wissenschaftlichem Bewußtsein brachte, daß in Ludwig Dessoir ein neuer Genius erstanden, werth, nach dem höchsten, von Todten und Lebenden entnommenen Maßstabe gemessen zu werden.

Oft genug wurde in fetten Jahren bei den Theaterenthusiasten die Frage erörtert, wer von beiden der Größere sei, Theodor Döring oder Ludwig Dessoir. Aber ohne die Genannten in weitere Parallele mit dem Dioskurenpaare unserer classischen Dichtung setzen zu wollen, hätte man auch diesen Streit mit dem bekannten, derben Ausspruche Goethe’s abweisen können. Man solle doch nicht streiten, wer größer sei, er oder Schiller, sondern sich überhaupt freuen, daß zwei Kerle da seien, über welche es solchen Streites lohne. Und in der That, wie der Eine jener Heroen nicht den Ruhm des Anderen beeinträchtigt, so prangt der Lorbeer um Döring’s Haupt nicht minder voll und frisch, weil auch Dessoir einen reichen Kranz mit sich hinabgenommen in die Gruft.

Und doch hatten die beiden großen Nebenbuhler des Berliner Hoftheaters das eine Gemeinsame, daß Keiner von ihnen Künstler des einfach Schönen war. Letzteres wurde unter den Darstellern jener Epoche auf dem Berliner Hoftheater vielleicht am glücklichsten durch Hermann Hendrichs vertreten. Bei Dessoir fand immer ein Ueberragen des Ideellen über das Bildliche, Sinnliche statt, er ist der geborene Darsteller des Erhabenen. Bei Döring findet stets ein Ueberragen des Bildlichen, Sinnlichen über das Ideelle statt; er ist der geborene Darsteller des Komischen.

Dieses Ueberwiegen des Ideellen, Geistigen machte Dessoir zum gefeiertsten Liebling der Gebildeten, der Gelehrten. Wohl wußte er auch die Menge durch die dämonische Kraft seiner Leidenschaft hinzureißen, aber er blieb vorwiegend der Bewunderte auserwählter Kreise. Seinen höchsten Ruhm hat er als Shakespearedarsteller errungen, und sein Othello, welchen er 1853 gelegentlich eines Gastspiels in London spielte, wurde selbst von der englischen Presse neben und über die Leistungen von Edmund Kean, Maeready und Brooks gesetzt.

Ueber das äußere Leben des Heimgegangenen habe ich nur Wenig nachzutragen. Im Jahre 1844 hatte er sich zum zweiten Male, mit Fräulein Helene Pfeffer, der Tochter eines hochansehnlichen Pester Hauses, vermählt. Auch diese Ehe scheint keine glückliche gewesen zu sein. Dessoir selbst hat mir oft gestanden, daß er immer von einer fast wahnsinnigen Eifersucht gewesen sei, und daß der bloße Gedanke, sein Weib könne von einem anderen Manne mit begehrendem Auge angesehen werden, ihn beinahe rasend machte. Sich selbst und seiner Gattin bereitete er durch diese Eifersucht viele trübe Stunden, und das Glück der Ehe wurde völlig zerstört, als die beklagenswerthe Frau im Jahre 1859, beim Tode ihres einzigen Kindes in unheilbaren Wahnsinn verfiel. Sie lebt noch heute in der Landesirrenanstalt zu Ofen.

Dessoir konnte es nicht über sich gewinnen, die Ehe gerichtlich scheiden zu lassen. Besonders hielt ihn die warme Liebe zu seinem Schwager Ignaz Pfeffer, welchen er stets mit wahrer Verehrung als den edelsten der Menschen rühmte, von solchem Schritte zurück. Freilich entfremdete er sich seelisch und leiblich immer mehr und mehr der irrsinnigen Gattin.

Von den drei überlebenden Söhnen des Künstlers führen nur zwei den berühmten Namen Dessoir. Einer derselben, der oben erwähnte Ferdinand, ist bereits ein gefeierter Schauspieler; daß der Zweite, Max, es werden möge, war der lebhafte Wunsch des Vaters. Max Dessoir, gegenwärtig Schüler des Berliner Wilhelmsgymnasiums, war der Liebling des Verstorbenen und dürfte ihm auch in der äußeren Erscheinung am ähnlichsten werden. Den älteren der beiden illegitimen Söhne Dessoir’s, welcher auf den Namen Emil getauft ist, und jetzt etwa fünfzehn Jahre alt sein mag, kenne ich nur wenig. Er lebt gegenwärtig in Berlin, wo er sich der Handlung widmet. Der kleine Max spielte häufig genug unter dem stolzen Lächeln des Vaters zu unseren Füßen, wenn wir uns in langen Gesprächen über die Aufgaben und Gebilde der dramatischen Kunst unterhielten.

Bei seiner treuen Haushälterin Auguste Grünemeyer, der Mutter seines jüngsten Sohnes Max, fand Dessoir für seine letzten Lebensjahre die Pflege und liebevolle Hingabe, deren er so sehr bedurfte. Hatte er doch nie an einem wilden Wirthshausleben nach Ludwig Devrient´scher Manier Gefallen gefunden, liebte er doch stets ein geordnetes, behagliches Hauswesen, verlangte doch seine außerordentlich sensible Natur immer nach einem regelmäßigen Einerlei des täglichen Treibens. Letzteres wurde ihm zu besonders dringendem Bedürfniß, seit ihm im November 1867 heftige Nervenzufälle die vollkräftige Ausübung seiner Kunst unmöglich machten. Seitdem lebte er, ein Schatten seiner einstigen Größe, sich selbst zur Last.

Aber er mußte spielen, da er ohne Vermögen war und sein Contract ihn zu keiner Pension berechtigte. Es gereicht Herrn Generalintendanten von Hülfen zu großer Ehre, daß er, um dem Künstler die Demüthigung eines Gnadengesuches zu ersparen, aus freien Stücken im Jahre 1872 einen neuen Contract mit Dessoir abschloß, wodurch demselben eine Pension von zweitausend Thalern jährlich gesichert wurde. Am 1. October 1872 trat Dessoir denn auch, mit Beziehung der bezeichneten Pension, in den wohlverdienten Ruhestand.

Fortan lebte er ganz zurückgezogen mit seiner Haushälterin und seinem Max. Sein alter, ihm wenige Wochen in den Tod vorangegangener Schul- und Jugendfreund Louis Czarnikow, sein trefflicher Vetter Ludwig Eichborn, der als Dichter des „Timoleon“ und „Lorenzino von Medici“ bekannte, jetzt in Leipzig ansässige Dr. Hans Marbach und der Schreiber dieser Zeilen waren fast die einzigen vertrauten Freunde, welche er in den letzten Jahren bei sich sah. Das Theater hat er fast nie mehr besucht, von seinen Collegen fand fast keiner zu ihm. Und doch, [111] wenn auch der Körper, namentlich Füße und Zunge, ihm den Dienst versagten, der Geist war frisch geblieben bis an sein Ende. Durch unermüdliches Studium hatte er die Lücken seiner Schulbildung auszufüllen gewußt und sich namentlich auf dem Gebiete der Literatur, Philosophie und Geschichte schätzenswerthe Kenntnisse erworben. Unter den Poeten waren Shakespeare und Goethe, unter den Philosophen Lessing und Schopenhauer, unter den Historikern Thomas Carlyle und Theodor Mommsen seine Lieblinge.

Durch Gastspiele in London und den bedeutendsten Städten Deutschlands hat Dessoir seinen Ruhm über Europa und weiter verbreitet. Zum letzten Male trat er als Gast auf dem Meininger Hoftheater 1870 einmal als Marcus Brutus (Julius Cäsar) auf. Gar oft erzählte er mir, daß er als freundliche Erinnerung an diese letzte Stätte neuen Triumphes den Eindruck der wunderbaren Schönheit eines jungen, goldlockigen Mädchens bewahre, welches neben ihm den Lucius spielte und ihn im vierten Acte durch Wein und Musik zu dem letzten, entscheidenden Gange stärkte. Der Genius der Poesie, glaubte er, grüße ihn noch einmal in dieser Erscheinung; aber nicht neue Kraft wurde ihm zu neuem Schaffen.

Es findet sich bei Tacitus eine ergreifende Stelle, welche mir stets als die trefflichste Grabschrift derer erschien, die so stolzer Worte würdig sind. Sie möge hier als Abschiedswort an Ludwig Dessoir stehen:

„Wenn es einen Wohnort seliger Geister giebt, wenn, nach dem Ausspruche der Weisen, eine große Seele nicht zugleich mit dem Körper der Vernichtung anheimfällt, so ruhe in Frieden und wende uns weg von schwachmüthigem Trauern und weibischem Wehklagen zur Betrachtung Deiner Tugenden, um die man nicht weinen, noch jammern soll. Durch Bewunderung vielmehr, durch immer neue Lobpreisung und, wenn unsere Kraft zureicht, durch Nacheiferung wollen wir Dich ehren. Das ist die rechte Ehrenbezeigung, das ein Liebeszeichen innigster Verbindung. Was wir an Dir geliebt, was wir bewundert haben, das bleibt und wird bleiben in den Herzen der Menschen, in der endlosen Folge der Zeiten, in der Geschichte.“

Otto Franz Gensichen.




Epische Briefe.
Von Wilhelm Jordan.
VI. Iran und Firdusi.


Dieser Brief soll mit Umrißstrichen zeichnen, wie sich die mitgebrachte Göttersage der Arier in Iran ausgebildet hat zu einer der edelsten Religionen; wie diese Religion ihre Bekenner groß gezogen hat zur weltbeherrschenden Nation, und wie fast drei Jahrtausende nach Beginn dieser Geschichte in einem Enkelstamme der alte Liederschatz zum schönen Kunstepos gediehen ist.

In früheren Erd-Epochen war Iran ein Meer, umgrenzt von einem weiten Kranze felsiger Inseln. Erhebungen verwandelten diesen Inselkranz in ein zusammenhängendes Gebirge, nach außen schroff, nach innen allmählich abfallend und ein Binnenmeer, ähnlich dem Caspischen, einschließend. Ferneres Schwellen der dortigen Haut unseres Planeten ließ dieses Meer zusammenschrumpfen zu einigen Seen und legte die große Mittelmulde trocken als felsige Salzwüste.

Vom Meeresniveau steigt das Land im Demawend, dem Gipfel des Elbrus, bis zur Höhe des Montblanc. Diese Höhenunterschiede und die Sonnengewalt jener Breiten bedingen die schroffsten Contraste. Von schneebedeckten Terrassen gelangt man rasch hinab in blühende Thäler. Die nördlichen Hochländer, oft heimgesucht von Wolkenbrüchen und Erdbeben, erleiden harte Winter und wochenlang verschneien die Felder und Weiden. An den Flüssen aber, dem Kur, dem Araxes, in den Thälern von Schiras, im Rosengarten Irans, der Landschaft Persis, gedeihen zwischen Myrthen- und Orangenhainen die üppigsten Obst-, Blumen- und Fruchtgärten. An den südlichen Küsten erreicht der Pflanzenwuchs eine fast tropische Fülle, und die Dattelpalme trägt reichliche Frucht. Wie aber dort der Schnee, so droht hier und besonders in den einwärts gerichteten Thälern glühender Flugsand die Aecker zu verwehen. Denn Iran ist ein umgekehrtes Aegypten: dort liegt das Land mitten in der Wüste, hier die Wüste mitten im Lande. Vom Mai bis in den September trübt keine Wolke das tiefe Blau des Himmels. Seine Durchsichtigkeit giebt der Landschaft ein scharfes Gepräge und energisch absetzende Farben, dadurch dem Auge des Menschen eine staunenswerthe Sehkraft, seiner geistigen Auffassung große Bestimmtheit und Klarheit.

In dieses Land der schroffsten Gegensätze von Tag und Nacht, Gluth und Frost, Fruchtboden und Wüste, dem Menschen günstiger und feindlicher Natur, brachten die Arier dieselbe Göttersage mit, welche im Stromgebiete des Indus auch die ihrer indischen Vettern gewesen war: die Anschauung aller Erscheinungen als Kampf zwischen den Mächten des Lichts und der Finsterniß. In den Gangesländern, wo die unerschöpfliche Zeugungskraft der Natur der Zerstörung spottet und alles Gestorbene rasch verwandelt in neues Leben, verblaßte die Vorstellung von zwei feindlichen Götterparteien, und bald verschwammen ihre Gestalten zu Traumgeburten der einigen Weltseele. In Iran bestätigte jeder Blick die Scheidung der Götter in zwei feindliche Heerlager. So wurde diese Lehre hier zum Grundsteine eines systematisch ausgeführten Religionsgebäudes.

Die indischen Arier fanden am Ganges eine neue Heimath, in welcher es sich bei Weitem leichter leben ließ als in der alten; die nach Iran ausgewanderten hatten ihr Dasein hier weit größeren Schwierigkeiten abzuringen als bisher. So sollten sie beweisen, daß Hindernisse, so lange sie nicht ganz unüberwindlich sind, als Mächte des Segens wirken, weil der Kampf mit ihnen Erzeuger der Kraft ist. Hier bekam der Mensch sein Leben nicht geschenkt, sondern nur bezahlt als Arbeitslohn. So vergeudete er es nicht wie eine unverdiente Erbschaft, sondern verwaltete es wie ein sauer erworbenes Vermögen, von dem er die Zinsen geniesen darf, das Capital aber unversehrt, ja vermehrt seiner Nachkommenschaft überliefern muß.

Im östlichen Iran, in Baktrien und Sogdiana, wo zuerst unter tüchtigen Stammfürsten ein geordnetes Culturleben aufgeblüht war, im Innern voll Arbeit gegen die Wüste und den Winter, nach außen voll Kampf gegen räuberische Nomadenstämme, trat, ungefähr ein Jahrtausend vor Christi Geburt, ein Weiser auf, der die zwiespältige Naturreligion in ein philosophisch-poetisches System brachte, Zarathustra oder Zerduscht, von den Abendländern Zoroaster genannt. Er ordnete die Schaaren der guten und bösen Geister zu zwei Reichen unter zwei obersten Herrschern, Ahuramazda (Ormuzd), das ist der Herr der großen Gaben, und Agramainyus, ein Name, den wir im Deutschen noch mit denselben wenig veränderten Worten wiedergeben können; denn aus agra ist durch eine sehr gewöhnliche Versetzung unser arg geworden, und mainyus ist „der meinende“, Agramainyus also der Arges meinende, sinnende, später abgekürzt in Ahriman. Beide befehligen Heerschaaren ihnen ähnlicher, nach Rangstufen abgetheilter Geister, Ahriman die Dews oder Divs, und Ormuzd zunächst die Amschaspands. Der Name dieser letzteren, in der Ursprache anesha çpenta,[1] das ist die heiligen Unsterblichen, verräth, daß die ursprüngliche Vorstellung keine andere gewesen ist, als die germanische von den besten Helden, welche Wodan als Einherier in Walhall um sich schaart.

Die Erde in ein Paradies zu verwandeln, war im strengen Wortsinne die von dieser Religion gestellte Lebensaufgabe der iranischen Völker. Denn Paradies (pairidaëza, das ist Umrahmung des Körpers, ungefähr unser „Leibgehege“) ist ein iranisches Wort und bedeutet eine Umfriedigung, innerhalb deren die Natur durch Kunst zur höchsten Schönheit, Fruchtbarkeit und Mannigfaltigkeit des Lebens gesteigert ist. Solche Parke anzulegen strebte Jeder nach seinen Mitteln, vor Allen die Könige. Welches Naturgefühl in diesem lebte, beweist ein hübscher Zug, den Herodot von Xerxes erzählt. Als dieser in Lydien eine besonders schön gewachsene Platane fand, stiftete er dem Baume zur Belohnung einen goldenen Schmuck und einen ständigen Wachtposten.

[112] Im Vendidad, einem erhaltenen Abschnitte des Zend Avesta, zeichnet eine der ältesten Sagen das Muster eines solchen Paradieses. Ich setze sie abgekürzt hierher, weil sie ähnlich wiederkehrt in unserer germanischen Göttersage vom „Garten der Mitte“, den die Himmelsgötter für das Menschengeschlecht den Frostriesen und dem Gefolge Surtur's, des mit Gluth versengenden, entrissen haben und vertheidigen halfen; vom letzten Kampfe mit den Unheilmächten unter Loki’s Führung, dem Wolfe und der Mittgartschlange, vom Untergange der Welt in der Götterdämmerung und von ihrer verklärten Erneuerung. Zugleich bin ich sicher, daß der Leser keines Fingerzeiges bedürfen werde, um zu erkennen, was auch sonst noch Alles in dieser Sage schon deutlich vorgebildet liegt.

Während Jima Khsaëta herrschte, gab es weder Kälte noch übermäßige Hitze, weder Alter noch Tod, weder Haß noch Neid. Väter und Söhne hatten gleichmäßig das Aussehen fünfzehnjähriger Jünglinge. Zu einer Versammlung der besten Menschen kam auch Ahuramazda und sprach zu Jima: „Du sollst die belebte Schöpfung schützen vor den Uebeln des Winters, vor dem Schnee in zu großer Fülle. Mache eine Umfriedigung mit vier Winkeln zur Wohnung für die größesten, besten und schönsten Männer und Frauen. Ebendahin bringe den Samen aller Arten von Vieh, welches auf Erden das beste, größeste und schönste ist. Da lasse nisten die besten der Vögel; da sammele das Wasser in einem Becken von zehntausend Schritt in’s Geviert. Dahin bringe den Samen aller Arten von Bäumen, Speisefrüchten und Gewächsen, welche die schönsten, süßesten und wohlriechendsten sind. Alles dies mache paarweise und unversiechbar.“ Und Jima machte den Umkreis, richtete Wohnungen ein und brachte zusammen die besten und schönsten Männer und Frauen, Thiere und Pflanzen. Nicht war dort Zank und Verdruß, nicht Abneigung und Feindschaft, keine Bettler, keine Klage, keine Armuth noch Krankheit, keine unschön übermäßige Gestalt, kein zu lang gewachsener Zahn, kein Mal des Agramainyus am Körper der Menschen noch an dem immerdar goldfarbenen Orte, dessen Speise niemals versiechte. Diese Menschen führten das schönste Leben und hielten für einen Tag, was ein Jahr ist.

Aber Jima ward übermüthig, sandte sein Bildniß umher zu den Völkern und verlangte göttliche Verehrung. Da wich von ihm der Glanz Gottes. Die Großen empörten sich; Agramainyus brach in Schlangengestalt in sein Paradies ein und drohte schon zu triumphiren. Doch Ahuramazda erbarmte sich und offenbarte durch Zarathustra das „Wort des Lebens“, Zend Avesta, nach dessen Lehren die Menschen das Paradies nun allmählich herstellen können. Aber auch der Böse verdoppelt seine Anstrengungen, und so wird das Menschengeschlecht noch unendliche Plagen und Schrecknisse zu überstehen haben. Verheert von Hungersnoth und Pest wird die Erde zittern, wie das Schaf vor dem Wolfe. Aber endlich ersteht aus dem Geschlechte Zarathustra’s ein Siegesheld, der Sosiosch. Er tritt auf die „Brücke der Vergeltung“ Tshimavat, die vom höchsten Berge Hara berezaiti in die Wohnungen der guten Götter führt, und hält da Gericht über die auferstehenden Todten. Die Gerechten dürfen sogleich trinken vom Safte des Lebensbaumes und in’s Reich der Seligen eingehen, die Ungerechten aber müssen erst geläutert werden in einem Feuerstrome. Dann wird die Erde frei von allem Unreinen, und fortan ist auf Erden nur Eine Lebensweise, Ein Staat und Eine Sprache der glücklichen Menschen.

Bis dahin waltet nun das Böse fort als Winterfrost und versengende Sonnengluth, Mißwachs, Krankheit und schädliches Gethier, im Menschen als Trägheit, Lüge, Laster und schwächende Sünde, die das Leben erst nachträglich mit dem Keime des Todes behaftet hat. Aber Ormuzd hält es in Schranken, und in diesem Kampfe ist der Mensch der Mitstreiter der guten Götter.

Zwar haben die Priester auch aus Zaroaster’s einfachen Grundlehren ein unendliches Ceremoniell von Reinigungsvorschriften herausgeklügelt; aber den Kern der Sittenlehre bilden die gesundesten Forderungen, und mit aller unserer Wissenschaft würde es uns schwer fallen, bessere Ideale aufzustellen.

Nicht seine ganze Natur soll der Mensch vernichten durch finstere Bußübungen, sondern nur ihre Verunreinigung abthun. Es ist heilige Pflicht, gut zu essen und zu trinken, den Leib durch Uebung zu stärken und sich seiner Kraft und Gesundheit zu freuen. Nicht mit feigen Opfern bestechen, sondern offen bekriegen soll man die bösen Geister, in sich selbst durch Sauberkeit, Andacht und gute Handlungen, in der Natur durch schaffende Thätigkeit. Die Arbeit selbst wird Gottesdienst. Mit dem Fruchtbaume, mit dem wogenden Saatfelde wächst das Gesetz Ahuramazda’s. Wann das Getreide aufkeimt, dann bekommen die bösen Daëwa vor Aerger den Husten; wann es in Halme schießt, dann weinen sie, und wann sich die Aehre füllt, dann ergreifen sie die Flucht. Die Erde ist nicht, wie den Indiern, das Exil der sich selbst quälenden Gottheit, sondern die schöne Tochter Ahuramazda’s. In Liebe soll der Mensch ihr dienen, indem er sie bepflanzt, wo sie öde liegt, tränkt, wo sie dürstet, entwässert, wo sie zu feucht ist. Dafür dankt sie mit Reichthum und zahlreich blühender Nachkommenschaft. Sie ist traurig, wo sie unangebaut bleibt, und fühlt sich beglückt, wo ein reiner Mann sein Haus errichtet, ein lauteres Herdfeuer lodern läßt, schmuckes Vieh weidet und mit seiner Frau viele schöne Kinder heranzieht.

Solche Sprüche voll tiefster Innigkeit zwischen Mensch und Natur sind Denkmale eines tüchtigen und glücklichen Volkslebens. Auf der wenig trostvollen Wanderung durch die unendliche Trümmerwüste der Geschichte mit ihren Zeugnissen ewigen Vernichtungskampfes und eifriger Selbstverbitterung des Daseins thut es wohl, einen Augenblick auszuruhen auf einer dieser so seltenen als erquicklichen Oasen.

So stellte den Iraniern die Religion ein praktisches Ideal auf und in diesem das höchste Gebot, das der Zucht, der Veredelung des Menschen im Laufe der Geschlechter. Die Prüfung „nach ihren Früchten“ besteht keine Religion glänzender. Denn die Geschichte lehrt, wie dieser Glaube zu Thaten geworden ist. Selbst jenes ferne Zukunftsideal der Vereinigung aller Völker zu einem Volke hat er in beträchtlicher Annäherung verwirklicht in einem Weltreiche von ungeheurer Ausdehnung und straffer Einheit. Ja, er hat die unverwüstliche Kraft erzeugt, vermöge deren dieses Weltreich, während es in Trümmern lag, der Mutterboden wurde für die bisher gewaltigste Begebenheit der Menschengeschichte und vermöge deren es dann nach zweimaliger Vernichtung zum zweiten und dritten Male wieder auferstanden ist.

Davon, und von der Dichtung, welche das dritte persische Reich als unverwelkliche Blüthe getrieben, soll die zweite Hälfte dieses Briefes handeln.

(Schluß folgt.)




Die tanzenden Heiligen von Watervliet.
Von Moritz Busch.
I.
Nach der Shakerstadt. – Nüchternheit und Stille. – Eine unheimliche Begegnung. – Bei einem deutschen Shaker. –Ein ungelöstes Geheimniß. – Elder Pelham. – Geschichte der Secte. – Christus als Frau wiedergekommen. – Dogmatik und Moral der Shaker. – Ihre Verfassung.


Seit länger als einem Jahre schon spukt in den englischen, und seit einigen Monaten erscheint gelegentlich auch in den deutschen Zeitungen eine wunderliche Secte, die man die Shaker nennt, und die, da ihr Hauptglaubenssatz darin besteht, daß Christus vor etwa hundertdreißig Jahren in Gestalt einer Frau wiedergekommen ist, um die Erlösung der Menschheit zu vollenden, wohl interessant genug ist, um auch in der „Gartenlaube“ für ein Stündchen Zutritt zu finden. Die Shaker sind zwar Communisten, duften aber nicht im Mindesten nach Petroleum. Sie halten die Ehe für Sünde, aber unsere jungen Damen sowie deren Mütter werden, wenn sie diese Meinung selbstverständlich nicht billigen, wenigstens die Art und Weise, auf die man dieselbe rechtfertigt, ziemlich ergötzlich finden. Sie verehren Gott endlich durch Tanz, und ich irre kaum, wenn ich von der schöneren Hälfte der Leser annehme, daß dieser Zug sie ihr weniger unangenehm als sympathisch machen wird, und da sie [113] mit Salbung tanzen, so wird auch die andere Hälfte, mit Einschluß der Herren Pastoren, ihnen am Ende nicht gram sein dürfen. Und nun wollen wir uns nicht mehr mit Empfehlungen und Entschuldigungen meiner Freunde aufhalten, sondern stracks in die Sache selbst hineinspringen.

Als ich mich im Herbst 1851 zu Dayton im südlichen Ohio aufhielt, hörte ich unter andern curiosen Dingen auch, daß nicht weit von der Stadt eine Ansiedelung von Shakern sei.

Es war am Nachmittage des 3. October, als ich meinen Entschluß in’s Werk setzte und nach ungefähr zweistündiger Wanderung, meist durch schönen Laubwald, vor meinem Ziele anlangte. Das Volk nennt die Niederlassung, die südöstlich von Dayton an einer Seitenstraße der nach Cincinnati führenden Chaussee liegt, schlechthin „Shakertown“, Shakerstadt, während sie auf der Landkarte Watervliet heißt. Sie befindet sich inmitten einer weiten Rodung im Walde, durch die sich ein kleiner Bach, der Beaver-Creek, von der Hügellehne herabschlängelt, und besteht aus einer Gruppe von Häusern und Häuschen, die von wohlbebauten Mais- und Weizenfeldern und einem weitläufigen Garten mit Apfel- und Pfirsichbäumen umgeben sind. Die kleineren Gebäude, theils Blockhütten, theils Bretterhäuser, sind mit schreienden Farben, eines eigelb, zwei oder drei schneeweiß, eines maigrün, angestrichen. In dem Hauptgebäude, einem ziemlich großen Hause von rothen Backsteinen mit einem grauen Schindeldache, das ungefähr die Mitte der Gruppe einnahm, vermuthete ich die eigentliche Wohnung der Gemeinde, und so lenkte ich meine Schritte dahin.

Das Bild der „Shakerstadt“ war freundlich, aber nicht schön. Ihre Bewohner waren offenbar nüchterne poesielose Leute. Dem Garten fehlten Blumen, Strauchwerk und Schattenbäume; die Häuser zeigten nicht einmal den Versuch zu einer Verzierung. Der Friedhof am Wege war nichts als ein verwilderter Grasfleck; die Gräber hatten weder Hügel noch Denksteine mit Bildwerk oder Inschriften und waren nur mit rohen Platten, wie man sie auf dem Felde daneben gefunden haben mochte, als solche bezeichnet.

Unbehaglich, fast unheimlich war das tiefe Schweigen, das ringsum herrschte. Es war erst drei Uhr Nachmittags und die ganze Gegend so völlig ruhig und einsam, als ob es Mitternacht gewesen wäre. Eine stille Kuhheerde weidete innerhalb einer Umzäunung; sonst war weit und breit kein lebendes Wesen zu sehen. Kein Laut ließ sich hören als das leise Murmeln des Baches und – halt! doch etwas Menschliches – das Klappern eines fernen Webstuhles, das aber auch das Hacken eines Spechts im nahen Walde sein konnte. Wäre das Hauptgebäude, vor dem ich endlich anlangte, stattlicher gewesen, so hätte ein Tourist, phantasievoller als ich, ohne Zweifel an ein verzaubertes Schloß gedacht – wenigstens in seinem späteren Berichte. Mir war es mit seiner unromantischen Nüchternheit und seiner anscheinenden Ausgestorbenheit nur ein peinliches Geheimniß, das durch die erste Begegnung mit einem der Bewohner dieser stillen Welt eben nicht minder peinlich wurde.

Ich mochte fünf Minuten vor der Thür gestanden haben, als ich aus dem Walde hinter dem Hauptgebäude einen Mann in Shakertracht auf mich zukommen sah. Er trug einen Strohhut mit so breitem Rande, daß man einen Brunnenmund damit hätte zudecken können, einen graublauen Rock, der hinten unmittelbar unter dem Kragen kittelartig in Falten gelegt war, und gewöhnliche Beinkleider von derselben Farbe. Als er näher kam, sah ich ein bleiches, faltiges Gesicht und hohle, düstere Augen. Den Kopf gesenkt, die Hände auf dem Rücken, schien er, ohne mehr als flüchtig Notiz von mir zu nehmen, scheu an mir vorüber zu wollen. Ob er sich ein neues Dogma überlegte oder eine Predigt memorirte? Ob alle Shakers daheim so in sich gekehrt, so ungesellig, so griesgrämig einherwandelten? Zu der Stille ringsum hätte es gepaßt, aber ermuthigend für mich war es nicht. Wie, oder war der finstere Träumer etwa tiefsinnig, gestörten Geistes, daß er meinen Gruß nicht beachtete? „Das fängt schön an,“ sagte ich zu mir, als ich, durch seine Unhöflichkeit nicht abgeschreckt, wenn auch ein wenig verlegen, die Frage an ihn richtete, ob man hier eintreten und von der Einrichtung des Hauses und seiner Insassen Kenntniß nehmen dürfe, und nur ein unverständliches Brummen zur Antwort erhielt.

Indeß kam es besser, als ich nach diesem ersten Auftritte der Tragikomödie, die mit dem Erscheinen des Blaugrauen begann, hoffen konnte. Der Wahnsinnige – das war er, wie ich später erfuhr, in der That – verschwand um die Ecke, und aus der Thür trat ein zweiter Shaker mit einem freundlichen, breiten, rothen Gesicht, in Hemdsärmeln, kaffeebrauner Schoßweste und gleichfarbigen Hosen. Er trug keinen Hut und die grauen Haare über der Stirn kurz verschnitten und hinten lang, ungefähr wie die Deutschen im Mittelalter – eine Haartour, der ich später bei allen Männern und Knaben der Secte wieder begegnete. Ich grüßte und wurde wieder gegrüßt. Ich wiederholte ihm den Zweck meines Kommens und erhielt, nachdem er einen prüfenden Blick auf mein Gesicht geworfen und vermuthlich Gutes darin gelesen, den Bescheid, wer in der ehrlichen Absicht, ihre Lehre und ihr Gesetz kennen zu lernen, bei ihnen Einlaß begehre, sei willkommen. Es stelle sich freilich, sagte er, zu Zeiten schlimmes Volk hier ein, und so schien er denn wieder mißtrauisch zu werden. Wenigstens meinte er, die Regel erfordere, daß er über meinen Wunsch erst den Aeltesten befrage. Ich gab ihm weiteren Aufschluß über meine Person und meine Absichten, und obwohl er schwerlich begriff, daß Jemand fünftausend Meilen weit hierher kommen könne, blos um eine Secte zu studiren, vielmehr, wie dies auch sonst bei ähnlichen Leuten in Amerika vorkommt, der Meinung sein mochte, ich wolle entweder bekehren oder bekehrt werden, schien er es doch vorläufig mit mir soweit wagen zu wollen, daß er mich einließ und dann erst zum Aeltesten ging.

Wir traten durch die Hausthür in einen unten mit braunem Holze getäfelten, oben einfach geweißten Gang, dessen Fußboden gelb lackirt und der Länge nach mit schmalen Bastmatten belegt war. Rechts und links öffneten sich mehrere Thüren. Auch hier war Alles still. Nicht einmal das Picken einer Uhr ließ sich hören. Mein Begleiter klopfte an eine der Thüren zur Rechten. „Herein!“ sagte auf Englisch eine Baßstimme. Wir gingen hinein und standen in einer Stube, die wie der Gang gemalt und getäfelt war, und die außer einem großen Himmelbette und einer altmodischen Schublade an Hausgeräth nur noch einige Stühle mit Sitzen aus Spahngeflecht hatte, welche zum Theil an Pflöcken an der Wand hingen. Mein Führer stellte mich als „Freund Maurice“ einem Manne in Shakertracht vor, der, mit dem Flechten einer ähnlichen Brunnenbedeckung beschäftigt, wie sie der Wahnsinnige draußen getragen, am Fenster saß, und den er „Bruder Harmon“ nannte. Derselbe mochte ein hoher Vierziger sein und hatte eine große silberne Brille auf der Nase. Er nahm einen Schaukelstuhl von der Wand und lud mich zum Sitzen ein. Nach der Brille rechnete ich ihn zu den gelehrten Ständen; nach den ersten Sätzen des Gesprächs, das sich nach dem landesüblichen Händeschütteln entspann, glaubte ich auch zu wissen, daß ich einen Landsmann vor mir habe. Ein Deutscher, der studirt hatte, unter den Shakern – Saul unter den Propheten!

Die Vermuthung bestätigte sich, als der Andere ging, um nunmehr dem Aeltesten meine Ankunft zu melden. Wir setzten jetzt unsere Unterhaltung in der bequemeren Sprache unserer Mütter fort. Sein Dialekt bezeichnete ihn als Norddeutschen. Ich sagte ihm, daß ich Theolog sei, und er war offenbar auch vom Handwerk. Zwar gestand er das nicht ausdrücklich, aber die Art, wie er meine Fragen nach dem Glauben seiner „Denomination“ (der Ausdruck Secte ist hier verpönt, weil beleidigend) beantwortete, genügte vollständig. Ueber seine persönlichen Verhältnisse erfuhr ich zunächst von ihm nichts, als daß er sich seit dem letzten Herbste hier befand. Indeß hatte ich bald den Eindruck, daß er sich hier nicht zu Hause fühlte und daß seine Ueberzeugung von den Wahrheiten des Shakerkatechismus nicht gerade felsenfest stand. Nach einer Weile mußte er mehr Vertrauen zu mir gewonnen haben. Augenscheinlich wollte er mir etwas mittheilen, was ihn bedrückte. Aber war es nun Scham oder die Furcht, behorcht zu werden, so oft er dazu ansetzte, stockte er und sprach dann von Anderem. Dann kam es ihm wieder auf die Lippen. Er sah zum Fenster hinaus, wie um sich zu vergewissern, daß kein Lauscher da sei, und öffnete, offenbar zu demselben Zwecke, die Thür. Er war jetzt sicher in Betreff der Anderen, aber wieder schien er ungewiß geworden, ob ich sein Geheimniß wissen dürfe. Er schwieg [114] einen Augenblick, heftete einen scheuen, traurigen Blick auf mich und schlug die Augen nieder. Endlich sah er auf und sagte:

„Darf ich Ihnen etwas mittheilen?“

Ich wollte ihm eben bejahend antworten, als die Hausthür ging und Schritte auf dem Gange sich hören ließen. Es klopfte, und zwei andere Mitglieder der Gemeinde traten ein, die den weithergekommenen Fremden auch sehen und begrüßen wollten. Unter diesen Umständen verschloß Bruder Harmon seine Offenbarung natürlich wieder, und wir kehrten zum Credo der Shaker, zu ihren Sitten und Bräuchen, zu ihren gesellschaftlichen Einrichtungen und Aehnlichem zurück.

Die Neuhinzugekommenen waren freundliche, gutherzige Leute, nach den Fragen aber, die sie an mich richteten, so unbekannt mit den Dingen in der Welt draußen, wie neugeborene Kinder. Sie nahmen an, ich werde die Nacht bei ihnen bleiben. Ich mußte dies eines Versprechens halber, das mich zum Abend nach Dayton rief, ablehnen, sagte aber auf ihre Bitte zu, morgen zurückzukehren und dann länger bei ihnen zu verweilen, was Bruder Harmon mit einem dankbaren Blicke beantwortete.

Als ich mich verabschiedete, erbot er sich, mich zu begleiten, vielleicht, um auf dem Wege Gelegenheit zu nehmen, mir zu offenbaren, was er durch das Hinzukommen der Brüder zu sagen verhindert worden war. Aber ich weiß nicht, wie es kam, er schien wieder den Muth verloren zu haben. Statt zu beichten, zeigte er mir nur die Gebäude der Colonie und erklärte mir ihre Bestimmung. Das maigrün angestrichene Häuschen war das Bureau des Diakons, das zugleich als Herberge für besuchende Brüder dient. Eine weißgetünchte Blockhütte enthielt Betten für profane Fremde. In einer anderen unterrichtete der freundliche Alte, der mich hereingeführt, vier Knaben. Ein größeres Gebäude war das Arbeitshaus der Schwestern. Nicht weit davon stand eine Wagenfabrik. Ein einfaches Bretterhaus ohne Thurm und Glocke war das Meetinghaus oder die Kirche der Gemeinde. Zuletzt besuchten wir noch die Färberei und die Werckstätte, wo die Shaker ihre Kleiderstoffe verfertigen, und wo ich dem einen der beiden Vorsteher der Niederlassung, dem Elder Richard Pelham, der hinter einem Webstuhl saß, vorgestellt wurde. Es war ein hageres, dunkelhaariges Männlein mit lebhaften braunen Augen, das sich sofort anschickte, mir über die Shakerreligion ausführlichen Bescheid zu geben, und als ich erklärte, aufbrechen zu müssen, wenn ich vor Dunkelwerden wieder heim sein wolle, mich dringend einlud, morgen wieder zu kommen und so lange zu bleiben, wie es mir gefiel.

So ging ich denn, ohne Bruder Harmon’s Geheimniß mitzunehmen, und so leid es mir thut, auch die Leser dürfen es aus Rücksichten auf die wirksamste Anordnung meines Stoffes heute noch nicht erfahren. Ueber acht Tage also, wenn wir uns wiedersehen und ich die Shakers habe tanzen lassen, fällt der Schleier und löst sich das Räthsel, von dem ich, um die Spannung zu steigern, hier nur noch so viel verrathen will, daß sein Kern ein tragikomischer ist. Damit der Leser aber heute nicht blos Einleitung zu sehen bekommt, will ich ihm in der Kürze berichten, was ich über die Geschichte und die Glaubenslehre der Secte in Erfahrung gebracht habe.

Die Secte der Shaker ist zu Bolton in Lancashire entstanden, und zwar aus einer kleinen Gemeinde von Mystikern, die vor ungefähr hundert und dreißig Jahren von Tage zu Tage auf die Wiederkehr Jesu hoffte. Diese Hoffnung erfüllte sich, indem 1758 Ann Lee der Gemeinschaft beitrat. Dieselbe war damals zweiundzwanzig Jahre alt, mit dem Hufschmied Stanley verheirathet und Mutter von vier Kindern. Durch glühende Frömmigkeit und bedeutende Rednergabe ausgezeichnet, sowie in unmittelbarem Verkehre mit dem Himmel stehend, nahm sie bald die erste Stelle unter den Uebrigen ein. Die Offenbarungen, die sie erhielt, wurden Glaubenssätze, und nachdem man die Vermittlerin eine Zeitlang als „geistige Mutter“ verehrt, erfuhr man, daß sie der zur Aufrichtung des tausendjährigen Reichs wiedergekommene Christus sei. Da Spott und Verfolgung nicht ausblieben, empfing Ann 1772 die Weisung, nach Amerika auszuwandern, ein Geheiß, dem sie mit ihren Anhängern zwei Jahre später nachkam. Dreißig Köpfe stark, siedelten sich die „Kinder der Mutter Ann“ in den Wäldern von Niskayuna bei Albany an, wo sie, obgleich auch hier wiederholt Verfolgung wider sie ausbrach und Ann mehrmals in’s Gefängniß wandern mußte, allmählich an Zahl wuchs, sodaß die Gemeinde nach einigen Jahren schon über tausend Seelen stark war und außer der ersten Colonie New-Lebanon bereits eine andere zu gründen begann. Auch als Ann, die „Schwester und Braut Christi“, am 8. September 1784 das Zeitliche gesegnet, breitete sich der Shakerglaube noch weiter aus. Die Ansiedelungen gediehen unter ihrer communistischen Verfassung, und gegenwärtig existiren deren achtzehn, von denen vier auf den Staat Ohio kommen. Die Gesammtzahl der in diesen Niederlassungen befindlichen Shaker soll gegen viertausend betragen, zu denen seit etwa zwei Jahren noch einige Hundert in England kommen.

Der Glaube der Shakers läßt sich kurz in folgende Sätze zusammenstellen: Sie sind Chiliasten, unterscheiden sich aber von den übrigen Secten dieser Richtung wesentlich dadurch, daß nach ihnen, während jene auf die baldige Wiederkunft Christi zur Errichtung des tausendjährigen Reiches auf Erden nur hoffen, dieses Reich bereits besteht. Im Jahre 452 nach Christo, so beweisen uns ihre Dogmatiker ebenso ausführlich, wie haarscharf, begann mit Begründung der päpstlichen Macht das Reich des Antichrists, welches nach der Offenbarung Johannis dem zweiten Auftreten des Heilandes auf Erden vorausgehen soll. Es breitete sich zur Herrschaft über die Welt aus und nahm dann seit der Reformation, die[WS 1] den „großen Drachen“ aber nicht tödtete, sondern nur in zwei Theile zerriß, allmählich wieder ab. Der göttliche Geist Christi, des „Sohnes der ewigen Mutter Weisheit“, kehrte während dieser Herrschaft des Antichrists in den Himmel zurück, um dort seine Wiederkunft „in und mit der heiligen Braut, welche die Tochter der ewigen Weisheit ist“, vorzubereiten, und als die Zeit erfüllet war, im Jahre 1747, ließ er sich auf Ann Lee herab, um durch eine zweite Erlösung der Menschheit sein tausendjähriges Friedensreich zu gründen, in dem die Sünde keine Stätte hat.

Wenn man fragt, warum er in Gestalt eines Weibes wiederkam, so antworten die Shaker: Die Sünde kam durch Adam und Eva, unsre ersten Eltern in die Welt, und zwar durch die erste Vermischung der Geschlechter. Sie kann nur durch die Wiedergeburt aufgehoben werden, und zu dieser bedarf es, wie zur leiblichen Geburt, nicht blos eines Mannes, sondern auch einer Frau. Christus steht als zweiter Adam, Ann Lee als zweite Eva am Anfang der letzten Periode der Menschengeschichte. In ihrer Ehe wird fortan Jeder, der an sie glaubt, geistig von Neuem erzeugt und wiedergeboren, und diese Zeugung und Geburt soll hinfort die einzige sein. Wer daher zu den Heiligen des tausendjährigen Reiches gehören will, hat sich alles geschlechtlichen Verkehrs, aller irdischen Liebe zu enthalten oder, um mit den Shakern zu reden, „sein Kreuz auf sich zu nehmen“. Die Welt, der Staat, die bürgerliche Gesellschaft hat mit dem Reiche Christi und der „Mutter Ann“ nichts zu schaffen; alles Weltliche ist daher nach Möglichkeit zu meiden, und so verlangt ein zweites Gebot die Trennung von den Kindern der Welt, die Ablehnung ihrer Ehren und Aemter und die Sammlung der Gläubigen in abgeschlossenen Gemeinden. Als dritte Pflicht tritt eine friedfertige Gesinnung und Haltung gegen Jedermann hinzu, die alle Anwendung von Zwang und Gewalt und selbstverständlich die Theilnahme am Kriegsdienst verschmäht. Sodann soll der Shaker nicht schwören und keine die Gleichheit der Menschen verneinenden Ausdrücke brauchen, weshalb er nicht blos keinen Titel annehmen, sondern auch Niemand mit einem solchen anreden darf. Selbst das Wort „Herr“ ist verpönt; Fremde werden mit „Freund“, Glaubensgenossen mit „Bruder“ oder „Schwester“ bezeichnet. Wie die Shaker in ihrer Ehelosigkeit den Mönchen und Nonnen der katholischen Kirche gleichen, nur mit dem Unterschied, daß in ihren Klöstern beide Geschlechter beisammen wohnen, so ähneln sie ihnen auch noch darin, daß sie kein Eigenthum haben dürfen. Wer ihrer Gemeinschaft beitritt, hört damit auf, etwas für sich zu besitzen; was sein war, geht an die Gesellschaft über, die fortan die Verpflichtung übernimmt, für seine Bedürfnisse in gleicher Weise wie für die aller andern ihrer Mitglieder zu sorgen. „Ein Leib und ein Brod“, lautet in dieser Beziehung ihr Grundsatz. Die Kirche ist eine geistige Familie, die aus den Kindern Christi und der „Mutter Ann“ besteht. Kinder haben den Willen ihrer Eltern zu thun, und diese Eltern werden hier durch die „Elders“, das heißt die Vorsteher der einzelnen Colonien vertreten, die über sich wieder das sogenannte [115] „Ministerium“ in der Hauptniederlassung und dem Centralpunkte des gesammten Shakerthums New-Lebanon haben. Gehorsam ist somit ein ferneres unumgängliches Gebot der Moral der Secte.

Der Gottesdienst in einer Shakergemeinde ist sehr einfach. Sie sind Alle heilig und Alle gleich, also giebt es bei ihnen keine Priester. Die Sacramente waren nur nöthig in der Zeit, die auf das tausendjährige Reich vorbereitete; dieses Reich ist da; also braucht man weder Taufe noch Abendmahl mehr. Glocken und Orgeln sind Tand, die der Heilige zu seiner Erbauung nicht bedarf. Sein Altar ist sein Herz; folglich hat sein Betort keinen vonnöthen. Dasselbe gilt von Kanzel und Kerzen, Bildern und Kreuzen. Das einzige Mittel zur Gottesverehrung sind Tänze, welche bald als Bild ihrer Einheit in der Mannigfaltigkeit, bald als Wanderung nach dem Himmel, bald als ein Rausch und Taumel des Gefühls der Liebe zu „Mutter Ann“ auftreten und mit jubelnden Gesängen begleitet, bisweilen auch von einem kurzen predigtartigen Vortrage unterbrochen werden.

Die Damen der „Gartenlaube“ werden neugierig sein, zu wissen, welchem Tanze meine Freunde den Vorzug geben. Die nächste Nummer soll auch dieses Räthsel befriedigend lösen. Hier nur die Andeutung, daß sie ihre religiösen Empfindungen weder durch Menuet, noch durch Galopp, noch durch Walzer ausdrücken, und daß auch die etwaige Vermuthung, sie tanzten eine andächtige Polka oder eine gottselige Française, auf Irrthum hinauslaufen würde.

Unsere Damen werden ferner vielleicht Aufschluß haben wollen, wie die Shaker diesen immerhin auffälligen Brauch bei ihrem Gottesdienste erklären und rechtfertigen. Man wird mir Recht geben, wenn ich sage: nichts leichter als das, und man muß sich nur wundern, daß die Leute anderswo nicht auch schon darauf gekommen sind. Es ist das reine Ei des Columbus. Gott hat Alles zu seiner Ehre erschaffen. Er hat uns ein Herz eingesetzt, um seine Liebe zu empfinden; er hat uns die Zunge gegeben, um ihn zu preisen mit Gesängen; er hat uns Hände verliehen, um sie betend zu ihm zu erheben. Wie kämen die Beine dazu, lediglich um weltlicher Zwecke willen sich zu bewegen? Sollten nicht der ganze Körper, Haupt und Glieder, Hände und Füße in gleichem Maße berufen sein, sein Lob zu verkünden? Gewiß, das ist überzeugend, zumal die Shaker bei ihrer Auffassung die fromme Schwester Mosis, des Propheten, die mit Pauken und Cymbeln beim Zuge durch das Rothe Meer den Reigen führte, und den nicht minder frommen und heiligen König David, der vor der zurückkehrenden Bundeslade tanzte, Pathenstelle vertreten lassen und somit den Beweis liefern können, daß der liebe Gott das schon vor Alters so hat haben wollen.



Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin.
Von Otto Glagau.
3. Gründer und Gründer-Praktiken.

„Die Woche fängt gut an!“ sagte Jener. Er sagte so am Montag, und da wurde er aufgeknüpft. – Bekanntlich nennt man diese Art von Laune den Galgenhumor. Auch ein armer Sünder kann unter Umständen noch Humor zeigen, aber nie und nimmer der Henker. Der hat höchstens Witz. Und genau in demselben Falle befindet sich die Börse. Auch ihren Angehörigen ist der Humor, als ein Product des Gemüths und des Herzens, versagt: aber dafür machen sie in Witz. Sie reißen Witze, die wie Scheidewasser schmecken und wie Höllenstein brennen. Als die Gründungen florirten, sang die Börse, während sie Leimruthen legte, mit solchem Henkerswitz:

„Erst kommt der Erfinder,
Dann kommen die Gründer oder die Schinder;
Beide brauchen sie Rinder,
Und wenn’s gut geht, machen sie Kinder.

Die Rinder sind – mit Respekt zu sagen – das liebe Publicum, während die Kinder hier den Vorgang andeuten, welchen sonst nur das Thierleben auf der untersten Stufe zeigt. Nach Art der ekelhaften Schmarotzerthierchen vermehrten sich auch die Gründer und die Gründungen mit reißender Schnelligkeit. Eine heute geborene Bank oder dergleichen gründete morgen schon lustig selber; oder sie „emittirte“ immer wieder „junge Actien“; sie kam aus dem „Jungen“ nicht heraus. Wir lassen einstweilen „Kinder“ und „Rinder“ bei Seite, und betrachten zunächst „Erfinder“ und „Gründer“.

Schon das obige Verslein verräth, daß Beide nicht immer dieselben, sondern häufig verschiedene Personen waren. Der „Erfinder“ hatte die Idee, der „Gründer“ übernahm die Ausführung. Jener war meistens ein Schlaukopf, dieser nicht selten ein bloßer Taps. Dafür wurde der „Erfinder“ oft mit einem Trinkgelde abgespeist, während der „Gründer“ eine Million für sich in Anspruch nahm. Der Erfinder wußte zu finden und zu erfinden: sein Auge sah lauter Gründungsobjecte, und wo es schlechterdings gar nichts sah, da half die Phantasie ihm aus. Die damals entstandene „Neue Börsenzeitung“ entwarf davon eine artige Schilderung, die etwa so lautete:

Im einsamen Thale entdeckt der „Erfinder“ einen verlassenen Schornstein, und aus dieser Ruine macht er flugs eine – Maschinenfabrik. Auf dem Berge sieht er eine Windmühle, ein altersschwaches Gehäuse mit lahmen Flügeln – und sofort ist ein Mühlen-Etablissement auf Actien fertig. Am Ufer eines Baches stolpert er über einen umgestülpten Kahn – und ein „Lloyd“, ein binnenländischer „Lloyd“ läßt seine Dampfer hin- und herfliegen. Und wie beginnt die Geschichte jener Verblend-Ziegelei auf Actien?

„Es war einmal ein Thonlager … etc.“ Des Erfinders Phantasie macht aus einem Zimmermann, der Balken ausschält, ein Lieferungsgeschäft für Baumaterial; aus dem verwegenen Knaben, der eine Rakete steigen läßt, eine chemische Fabrik. Und – nehmt Eure Wäscherinnen in Acht! Laßt sie nicht allein über die Straße gehen, sonst macht sie der Erfinder zu einer Actien-Wäscherei.

Es wurde öffentlich und insgeheim, durch Zeitungsinserate und unter der Hand nach Gründungsobjecten gesucht; es wurde förmlich Jagd gemacht auf schon bestehende Fabriken, Berg- und Hüttenwerke, Brauereien etc.; und natürlich in erster Reihe auf altrenommirte Etablissements. Der Inhaber einer bekannten großen Färberei und „Garderobe-Reinigungsanstalt“ in Berlin erhielt so viele Anfragen und Anerbietungen, daß er seine ablehnende Antwort: er sei nicht geneigt, sich gründen zu lassen – bald nicht mehr geschrieben, sondern nur noch lithographirt versandte. Wohl die härtesten Anfechtungen hatte Borsig, der „Locomotivenkönig“, zu bestehen. Man bot ihm verschiedentlich für seine großartigen Werke geradezu fabelhafte Summen – bis zwölf Millionen Thaler, wie eine Version lautet, und man würde ihm überhaupt jeden Preis gegeben haben, den er nur gefordert hätte; aber er war ehrliebend und auch wohl klug genug, um sich nicht verblenden zu lassen. Viele andere Fabrikherren dagegen bewiesen sich weniger prüde, und so verwandelten sich viele solide, wohlberufene Privatgeschäfte in lauter faule und anrüchige oder doch zweifelhafte Actiengesellschaften; z. B. Maschinenfabriken von Egells, Webers, Eckert und Freund, Porcellan-Manufactur von Schumann, Lampenfabrik von Stobwasser, Ofenfabrik von Dankberg, Kammgarnspinnerei von Schwendy, Wagenbauerei von Neuß, Tabakshandlung von Brunzlow und Sohn etc. etc.

Herr Egells verkaufte sein Etablissement sogar zwei Mal, zum zweiten Male natürlich zu einem höheren Preise, worauf der erste Käufer oder das erste „Gründungs-Comité“ die Hülfe des Richters anrief. Durch solche Umwandlungen zeichneten sich wieder aus Herr Schweder von der „Preußischen Bodencreditactienbank“ und Herr Quistorp. Herr Schweder „gründete“ die Glasfabrik „Albertinenhütte“, die Nähmaschinenanstalt Pollack. Schmidt und Comp. in Hamburg, die Maschinenfabrik von Wöhlert, das Bergwerk „Redenhütte“, das Soolbad Salzungen etc. Herr Quistorp „gründete“ die chemische Fabrik von Schering, die Fabrik für Wasser- und Gasanlagen von Mattison und Brandt, die Feilenfabrik von Schaaf, die Papierfabrik Wolfswinkel, das Fuhrgeschäft von Gebrüder Besckow, die Brauerei von Scholtz

[116]
Die Gartenlaube (1875) b 116.jpg

Das neue Rathhaus in München.
Nach der Natur aufgenommen von Peter Herwegen.

[117] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [118] in Breslau, das Tabaksgeschäft von Prätorius, die Schraubenfabrik von Ludewig, die Holzhandlung von Gebrüder Sarau in Potsdam, die Brillenfabrik von Emil Busch in Rathenow, die Böttcherei von Wunderlich in Zwickau etc. Alle diese Geschäfte wurden ihren Inhabern um Summen abgekauft, welche Jene noch kurz vorher sich nicht hatten träumen lassen, und nun als Actiengesellschaften mit einem so riesigen Capital belastet, daß eine Rentabilität in Zukunft unmöglich war.

Gewisse Verkäufer, wie Wöhlert und Andere, ließen vor Freude über die ungeheuere Kaufsumme, welche ihnen zugefallen; Beträge bis 50,000 Thaler und mehr unter ihre früheren Beamten und Arbeiter vertheilen. Verschiedenen dieser „gegründeten“ Fabrikherren dagegen war beim Essen der Appetit gewachsen, und um ihre Muße ordentlich auszunutzen, gingen sie selber unter die Gründer, mit denen sie nun brav wetteiferten. So thaten z. B. Egells, Stobwasser, Schering, Webers, Schwendy etc.

Auch die Etablissements und Geschäfte zweiten und dritten Ranges kamen an die Reihe. Auch sie wurden entweder aufgesucht, oder sie suchten selber nach Gründern umher. Ihre Besitzer waren zuweilen verschuldet, oder sie standen gar schon auf der Kippe, oder sie trachteten doch, den günstigen Zeitpunkt wahrzunehmen. Sie traten mit einem Bankhause oder mit einem namhaften Gründer direct in Verbindung, oder sie übertrugen die Vermittelung einem Agenten, der sich nun von beiden Theilen eine erkleckliche Provision ausbedingte. Wollte der Besitzer oder der Agent die Gründung selber in die Hand nehmen, so mußte er Verbündete und Patrone gewinnen, die man an der Börse kannte und respectirte. Es mußten Namen angekauft werden, und diese waren nicht billig. So bot man dem Chef eines Bankhauses, wenn er den ihm vorgelegten Gründungsprospect mit unterzeichne, die runde Summe von 10,000 Thalern. Aber er entgegnete mit vornehmem Lächeln, daß seine Unterschrift um diesen Preis noch nicht zu haben sei.

Wie es Gründerbanken gab, so gab es auch eine ganze Anzahl von Personen, die das Gründen als Beruf erfaßten und dabei so gut fuhren, daß sie bald die öffentliche Aufmersamkeit auf sich zogen. In einer Posse, die damals auf der Kroll’schen Bühne erschien, fragt der Vater seinen Sohn: „Was willst Du werden?“ „Gründer!“ ruft der kleine Bursche, zum Entzücken des Publicums, das wüthend Beifall klatschte. – Von diesen professionellen Gründern hatten manche ihr besonderes Fach. Der Eine gründete hauptsächlich Bauvereine, der Zweite Brauereien, der Dritte Banken, der Vierte Maschinenfabriken, der Fünfte Berg- und Hüttenwerke, und so fort. Die Mehrzahl freilich trieb ihre Kunst sonder Auswahl und Beschränkung auf allen möglichen Gebieten. Manche genossen den Ruf besonderer „Feinheit“ und „Gerissenheit“, oder sie hatten doch lauter Erfolge aufzuweisen, so daß man sich bei neuen Unternehmungen eifrig um sie bemühte, sie zum Gelingen der Gründung für unentbehrlich hielt. Andere wieder verstanden es, sich bald hier bald dort einzudrängen; oder man ließ sie zu, um ihnen den Mund zu stopfen, damit sie das Project nicht etwa befehden und schädigen möchten. Endlich bildeten die Gründer verschiedene Cliquen, die gewöhnlich zusammenhielten, und wo der Eine dafür sorgte, daß der Andere nicht vergessen wurde. Gewisse Gründer und Gründercliquen werden wir bei Gelegenheit vorführen.

Der Gründungsproceß selber war mehr oder weniger verzwickt und weitläuftig. Wir wollen ihn an einem Beispiele illustriren. Aus den zahllosen Gründungen jener Tage greifen wir Eine heraus, die wohl als Muster der Gattung gelten darf, und verändern nur die Namen. – Fabrikbesitzer Flau und Gründer Hecht sind durch einen Aufspürer oder Agenten einander zugeführt worden. Flau will seine Fabrik verkaufen, die einen reellen Werth von 250,000 Thalern haben mag. In Anbetracht der Zeitverhältnisse und der eigenthümlichen Umstände fordert und erhält er aber dafür 400,000 Thaler. Das heißt, er erhält sie einstweilen noch nicht. Er überläßt die Fabrik für diesen Preis dem Gründer Hecht mittelst eines sogenannten Schlußscheins, der in der Regel nur eine einseitige Verpflichtung enthält und die Gültigkeit des Abkommens auf einen gewissen Zeitraum beschränkt. Während der nächsten vier oder sechs Wochen steht die Fabrik für die genannte Summe zur Verfügung Hecht’s; Flau darf sie nicht anderweit veräußern, wohl aber ist Hecht befugt, von dem Vertrage, sobald es ihm beliebt, ohne jedes Reugeld zurückzutreten. Den Schlußschein in der Tasche, verständigt sich Hecht mit seinen Cameraden und Geschäftsfreunden; die Rollen des Gründungscomités, der ersten Zeichner, des Aufsichtsraths und Vorstandes werden vertheilt, und es beginnt jetzt, um dem Gesetz in der Form zu genügen, eine Reihe von Komödien. Als „Gründungscomité“ treten Hirsch und Wolf auf. Sie schließen eine offene Handelsgesellschaft, die sie etwa „Cyklop“ nennen, und verlautbaren vor einem Notar das Statut oder den Gesellschaftsvertrag. Als Gegenstand des Unternehmens geben sie den Erwerb einer Maschinenfabrik oder dergleichen an – der Zweck der Gesellschaft wird gern so unbestimmt und vieldeutig wie nur möglich ausgedrückt, damit man hinterher aus ihr Jedes und Alles machen kann. Noch an demselben Tage kaufen sodann Hirsch und Wolf die Maschinenfabrik von vormals Flau; sie erwerben sie von Hecht für den soliden Preis von Einer Million Thaler, nachdem sie vorher im Statut das Actiencapital auf 1,200,000 Thaler festgesetzt haben. Der Ueberschuß von 200,000 Thalern soll als „Betriebscapital“ dienen, um der Fabrik noch einen höheren Aufschwung zu geben. Noch an demselben Tage findet, wieder unter Zuziehung eines Notars, die erste sogenannte „constituirende Generalversammlung“ des „Cyklop“ statt. Es sind anwesend: Hecht, Hirsch und Wolf, dazu noch Fröhlich und Selig, und Grün und Gelb; zusammen also sieben Personen.

Diese Sieben sind die ersten „Actionäre“ des „Cyklop“, die „ersten Zeichner“, welche das Actiencapital von 1,200,000 Thaler aufbringen, das heißt, wie man sehen wird, blos auf dem Papier. Hecht zeichnet 300,000 Thaler, Hirsch und Wolf je 200,000 Thaler, Fröhlich und Selig je 150,000 Thaler, und Grün und Gelb je 100,000 Thaler. Macht zusammen wie oben. Die sieben Actionäre und ersten Zeichner genehmigen einstimmig das ihnen vorgelegte Gesellschaftsstatut, und ebenso einstimmig genehmigen sie den Erwerb der Fabrik von vormals Flau für 1,100,000 Thaler, sowie die Zahlung dieser Summe an Hecht. Darauf wählen diese Sieben den „Aufsichtsrath“ der Gesellschaft, der nach dem Gesetze mindestens aus drei Personen bestehen muß. Es werden mit großer Majorität: Fröhlich und Selig zu Mitgliedern und Wolf zum Präsidenten des Aufsichtsraths gewählt. Mit derselben überwältigenden Majorität wird Hecht zum ersten Director des „Cyklop“, und Hirsch zu seinem Stellvertreter ernannt. Die fünf Würdenträger nehmen an dem langen Tische des Vorstandes Platz, und auf den Bänken der Actionäre sitzen nur noch – Grün und Gelb. Der amtirende Notar aber hat den Verlauf der Generalversammlung protocollirt und gehörig überwacht; er hat die Versammelten mit seinem juristischen Rathe unterstützt, und namentlich darauf gesehen, daß die verschiedenen Genehmigungen, Versicherungen und Wahlhandlungen in vorschriftsmäßiger Form geschahen.

Nach diesem öffentlichen Schauspiele, zu dem freilich auch nur die Acteure, keine unbetheiligten Zuschauer zugelassen werden, macht man das Weitere hinter den Coulissen ab, und zwar so heimlich, daß es noch kein Staatsanwalt und kein Richter hat erforschen und erweisen können. Indem Flau nicht direct, sondern zunächst an Hecht, und dieser wieder an das Gründungscomité verkauft, ist eine Mittelperson gewonnen und so dem Gesetze eine Nase gedreht; denn „es ist ein unanfechtbarer Rechtsgrundsatz, daß Jeder verkaufen und kaufen darf, zu welchem Preise er wolle, und daß es auch Niemanden etwas angeht, was der Verkäufer mit der Kaufsumme mache.“

Die gesammten 1,200,000 Thaler Actien werden dem Bankhause Gebrüder Israel, das gleichfalls zu den Gründern gehört, aber von den offiziellen Verhandlungen sich fern gehalten hat, zum Vertriebe übergeben. Die Zeichnungen der sogenannten ersten Zeichner sind bloße Scheinzeichnungen; Gebrüder Israel schießen die zehn Procent des Grundcapitals vor, die nach dem Gesetze mindestens eingezahlt werden müssen, und darauf geschieht die Eintragung des „Cyklop“ in das Handelsregister. Binnen einigen Wochen oder Monaten ist es den Gebrüdern Israel gelungen, die Actien zum Theil über, zum Theil unter Pari (100) abzusetzen, das heißt dem Publicum aufzudrängen. Sie bringen von dem Erlös ihre Provision in Abzug, welche etwa 16⅔ Procent oder 200,000 Thaler beträgt, und führen den Rest von 1,000,000 Thaler an den Director [119] des „Cyklop“, Herrn Hecht ab, welcher nun die Theilung des Raubes vornimmt.

Grün und Gelb sind bloße Statisten gewesen
     und erhalten jeder 10,000 Thaler,
     zusammen also
20,000 Thlr.
Fröhlich und Selig haben größere Ansprüche,
     weil sie höhere Summen zeichneten und
     außerdem als Aufsichtsräthe fungiren; auf
     sie entfallen je 20,000 oder zusammen
40,000
Hirsch und Wolf endlich sind die beiden
     Intimusse von Hecht, mit denen er stets
     zusammengeht, und die ihn nächstens bei
     Gründungen, wo Einer von ihnen die
     Hauptrolle spielt, in gleicher Weise zuziehen
     und „betheiligen“. In Anbetracht
     dessen, in Erwägung ihrer Zeichnungen
     und mit Rücksicht auf ihre einflußreichen
     Stellungen als Präsident des Aufsichtsraths
     und resp. stellvertretender Director erhalten
     Wolf und Hirsch je 50,000 oder zusammen
100,000
Hecht zahlt also an seine Verbündeten 160,000 Thlr.
     und da er von Gebrüder Israel 1,000,000
     empfangen, bleiben noch 840,000 Thlr.
Hierin stecken die Kaufsumme für Flau mit
     400,000 Thlr. und das Betriebscapital
     mit 200,000 Thlr., gleich
600,000
so daß Hecht selber etwa 240,000 Thlr.

profitiren würde. Es ist jedoch sicher anzunehmen, daß er auch mit Flau ein geheimes Abkommen getroffen hat und an diesen nicht 400,000 Thaler voll, sondern höchstens 350,000 Thaler zahlt. Aehnlich verhält es sich mit dem „Betriebscapital“ von 200,000 Thalern, dessen Schicksal ganz in den Händen des Directors Hecht und seines Stellvertreters Hirsch ruht und das in der Regel schon im ersten Geschäftsjahr der neuen Gesellschaft wegzuschmelzen pflegt, wie der Schnee im April. Was Wunder, wenn die mit 100 an der Börse eingeführten Actien des „Cyklop“ schnell auf ein Sechstel des Nennwerths sinken?! Was Wunder, wenn nach einem Jahre der „Cyklop“ bereits um seine Existenz ringt, zu einer Anleihe schreiten muß, oder gar in Concurs geräth, und die Actionäre auch nicht einen Heller mehr retten?!!

Der Leser aber darf überzeugt sein, daß diese Vorgänge und diese Zahlen keinem bloßen Phantasiegebilde entnommen sind, sondern auf Thatsachen beruhen, die sich hundertmal wiederholt haben, und bei dem Gründungstreiben überhaupt die Regel bildeten. Jene Summen sind durchaus nicht übertrieben, sondern die Gründer haben in vielen Fällen noch weit größere Beute-Antheile davon getragen; ja es ist, namentlich bei Banken und Bergwerken, mehrfach vorgekommen, daß überhaupt gar kein oder doch nur ein eingebildetes, in Wahrheit völlig werthloses Gründungsobject vorhanden war, das aber trotzdem die Actionäre mit Millionen bezahlt haben.

Man gestatte uns, noch einen Augenblick zum „Cyklop“ zurückzukehren um daran einige Erläuterungen zu knüpfen. Herr Hecht konnte die Gründung nicht allein vollführen. Er bedurfte dazu der anderen Personen als seiner Gehülfen. Um die Posse der „constituirenden Generalversammlung“ in Scene zu setzen, um den obligaten „Aufsichtsrath“ und „Vorstand“ wählen zu können, sind mindestens sieben bis zehn Schauspieler nöthig. Dieses müssen Leute von Vermögen oder Credit sein, sonst vertreibt kein namhaftes Bankhaus die Actien, sonst findet das „Effect“ an der Börse keinen Anklang und überhaupt kaum Aufnahme. Selbstverständlich giebt sich nun aber zu solchem Diensten Niemand umsonst, Niemand aus bloßer Gefälligkeit her – am wenigsten ein Geldmann, sondern wer beim Gründen hilft, verlangt auch seinen Antheil. Und mit Recht. Denn jeder Mitgründer trägt eine moralische wie eine gesetzliche Verantwortlichkeit, die ihm Geld und Freiheit kosten kann, Achtung und Ehre meistens gekostet hat, und wenn er als „erster Zeichner“ auftritt, übernimmt er auch immer ein Risico. Selbst wo er nur zum Schein zeichnet, wo z. B. das angeworbene Bankhaus für ihn die Einzahlung leistet, bleibt er demselben doch verhaftet, falls die Gründung verunglückt, oder die Actien nicht abgesetzt werden. Daher sind alle die Personen, welche je beim Gründen irgend wie Pathen standen, dafür auch bezahlt worden, und in der Regel überreichlich. Auch pflegten sich die „ersten Zeichner“, gleichviel ob wirkliche oder nur Scheinzeichner, außerdem noch gewisse einträgliche Vorrechte nach der Zukunft hin zu wahren, z. B. für den Fall der Ausgabe neuer Actien, worauf wir seiner Zeit näher eingehen.

Verkaufte der Besitzer direct, oder unternahm er selber die Gründung, so hatte er natürlich seine Helfershelfer abzufinden und stellte demgemäß die Verkaufssumme oder das Actiencapital so hoch wie nur irgend angänglich. „Lieber etwas mehr Capital!“ war fast überall die Losung, und die Vorstände gewisser Actiengesellschaften, die nachher in Concurs geriethen oder zur Liquidation (Auflösung) schreiten mußten, suchten sich dann mit der Behauptung zu entschuldigen: „das Actiencapital sei zu klein gewesen“ (!). Man that’s in der Regel nicht unter einer Million, da man sonst nicht die Gründungsspesen herausschlug, und weil es sonst auch nicht recht lohnte, damit an die Börse zu kommen. Weil man blos „gründete“, um zu gründen, mußte man die Leitung der Fabrik oder der Bank etc. oft in den Händen des Verkäufers lassen. So heißt es in dem Prospecte der „Märkisch-Schlesischen Maschinenbau- und Hüttenactiengesellschaft, vormals F. A. Egells“: „Die Mitwirkung der früheren Besitzer ist für das neue Unternehmen gesichert.“ Und in der Ankündigung der so berüchtigt gewordenen „Thüringer Actiengesellschaft für Fabrikation von Eisenbahnmaterial, Erfurt-Gotha“ – eingeführt durch die Bankhäuser Rauff und Knorr und S. Frenkel, die beide noch eine Reihe ähnlicher Gründungen leisteten – liest man: „Der bisherige Chef der Fabrik in Erfurt, Herr Julius Unger, eine technische Autorität für Eisenconstructionen, ist für die Oberleitung des neuen Unternehmens gewonnen, dem damit die Erfahrungen und Verbindungen des alten zu Gute kommen.“ Der Verkäufer oder Vorbesitzer, der nicht selten ja der eigentliche Gründer war, ließ sich in vielen Fällen zum Präsidenten des Aufsichtsrathes oder zum Director der neuen Actiengesellschaft ernennen. Als solcher bezog er dann einen Ministergehalt und eine vielleicht noch höhere Tantième und verfuhr im Uebrigen nach Willkür und Belieben. Entweder er that gar nichts und ließ die Dinge gehen, wie sie wollten, oder er that zu viel, begann zu bauen und zu vergrößern, schaffte die theuersten Maschinen an, experimentirte in der kostspieligsten Weise und verschwendete in Materialien und Löhnen – lauter Dinge, vor denen er sich früher wohl gehütet hatte.

Um bei einer Gründung vorsichtig und sicher zu gehen, um sich gegen Verluste und Rückschläge zu decken und um das Risico möglichst zu theilen – bildete man wohl auch nicht blos ein Consortium (Genossenschaft), sondern mehrere hintereinander. Der interessanteste Fall dieser Art ist der folgende. Herr A., ein in Geschäften sehr gewandter und darin auch stets äußerst glücklicher Mann, verband sich im November 1871 mit guten Bekannten zur Gründung eines „artistischen“ Unternehmens. Nachdem die Zeichnungen geschehen, verkaufte das erste Consortium die Actien an ein zweites Consortium zum Course von 75, worauf sie ein drittes Consortium zum Course von 85 übernahm, und sie einem vierten Consortium zum Course von 93 überließ. Dieses endlich führte die Actien an der Börse ein zum Course von – 110 und schlug sie zu diesem Preise auch wirklich los. Der Leser schüttelt verwundert den Kopf. Aber er wird sich erst recht wundern, wenn er hört, daß der geschickte Herr A. allen vier Consortien angehörte. In der That, Herr A. trat viermal hintereinander zugleich als Verkäufer und als Käufer, als „Geber“ und als „Nehmer“ auf, und verdiente natürlich jedesmal doppelt, nach rückwärts wie nach vorwärts hin. – Uebrigens war die Gründung trotzalledem keine eigentlich unsolide. Nein, sie ist vielleicht die solideste der ganzen Periode. Denn die Gesellschaft hat seit drei Jahren regelmäßig zehn Procent Dividende vertheilt, und ihre Actien stehen selbst heute, wo die Börse an der galoppirenden Schwindsucht darnieder liegt und die Mehrzahl aller Effecten am Course fast neun Zehntel eingebüßt hat, circa – 120! Die Moral von der Geschichte aber mag der Leser selbst herausfinden.


[120]
Bis zur Schwelle des Pfarramts.
1. Elternhaus.
(Schluß.)


Von drückenden Sorgen sahen wir nichts. Fast Alles, was man zum Leben brauchte, producirte man selber. Milch und Butter gaben die Kühe, welche das reichliche Heu der Pfarrwiesen ernährte, das Fleisch die Schweine, die man mit den Abfällen fütterte. Die Frucht lieferte die Zehntscheuer, den Hanf für die Winterarbeit der Mutter und Schwestern der Acker. Die Gemüse reichten Feld und Garten, und das Ei legten die Hühner und Enten, die im großen Hofraum und an den Halden ringsum sich ungehindert herumtrieben. Man lebte einfach und ländlich, aber man hatte genug. Am Morgen war die gewöhnliche Nahrung der Haferbrei, über welchen die Mutter das Sprüchlein führte: „Hafermus giebt starken Fuß“. Er kam in der rußigen, dreifüßigen Pfanne auf den Tisch, und Kinder, Knecht und Magd langten mit dem Löffel hinein – Teller brauchte man nicht; als der Jüngste hatte ich das Recht, auf dem Tische unmittelbar an der Pfanne zu sitzen, und ich gebrauchte dieses Vorrecht, um jedesmal das Fett, das sich in den Vertiefungen sammelte, vorwegzunehmen, wofür ich freilich von den Neidischen dann und wann Eins auf die Finger bekam. Neben der Hafermuspfanne stand ein hölzerner Teller mit rohem, ungekochtem Sauerkraute, unmittelbar aus der Stande; auf einige Löffel Haferbrei kam immer eine Gabel Sauerkraut. In den strengsten Arbeitszeiten nahmen Knecht und Magd außerdem jedes noch einen Hafen voll saurer (gestandener, geronnener) Milch.

Was sagt ihr, meine Leser und Leserinnen, zu diesem gesunden Volksmagen? Der Abend versammelte Alle wieder um die Schüssel voll süßer Milch mit dampfenden Kartoffeln, und Alle tauchten wieder mit dem Löffel in die Schüssel – so demokratisch war man noch. Fleisch und Wein bekamen wir Kinder nur wenig und zur Seltenheit. Der Kaffee war noch ganz unvolksthümlich. Nur da und dort hatte eine reiche Bauernfrau angefangen, im Kämmerlein abseits von der Welt an der duftenden Schale zu nippen, wie an einer seltenen, verbotenen Frucht. Unsere Eltern tranken ihn Morgens, und der Papa nahm einen ganzen Krug voll mit in die Studirstube, um daran bis zum Mittagsessen zu nippen. Es währte nicht lange, so wurde der Kaffee erst zur Wohlthat des Sonntags; dann, zehn Jahre später, trank ihn die ganze Familie bis zur Magd herunter täglich zweimal, und Niemand im Volke wollte das braune Getränk mehr entbehren. Mit der Unwiderstehlichkeit der Idee hatte die Culturbohne sich den Weg gebahnt.

Bei dieser Lebensweise gab es natürlich nicht viele Krankheiten, die fingirten ausgenommen, so das gewöhnliche Montagskopfweh, wenn ich den Sonntag über, der mir nicht zur Plage gemacht schien, vergessen hatte, die Bibelsprüche auswendig zu lernen, welche am Montag abgehört wurden, bis der Vater endlich die List merkte und den Patienten zur Arbeit trieb. – Auch war kein Arzt im Orte, wenn man nicht etwa ein autodidaktisches Genie von einem Barbier und Chirurgen so nennen wollte. Als ich mich einmal gelegt hatte und dem Vater der Zustand für seine gewohnten Hausmittel zu bedenklich schien, holte er den befreundeten Arzt aus der Stadt. Der kam, untersuchte mit Wichtigkeit Puls und Zunge und sprach von einigen Tränklein, die wohl helfen würden. Aber kaum war er aus der Kammer getreten und in der Wohnstube im lebhaftem Gespräche begriffen, so fing ich im Bette an hellauf zu pfeifen, worauf er – wenn er vernünftig war, ich weiß es nicht mehr genau – von jeder Medicin abstrahirte.

Aber nun laßt uns einmal aus dem Hause hinaustreten und sehen, was ein Dorfleben einem munteren Knaben in Sommer und Winter an Lust und Freude bringt. Da war der große Obstgarten mit Pflaumen und Zwetschen, mit Aepfeln und Birnen, mit Johannis- und Stachelbeeren; das war für uns Knaben das Paradies. Da bauten wir in der Sommerhitze die Laubhütten, unter denen wir im Schatten ruhten; da kletterten wir wie die Eichhörnchen auf die Bäume; da sammelten wir das zu früh gefallene Obst und legten davon im Heu eine „Munklete“ an, deren Geheimniß vor jedem fremden Auge sorgfältig gewahrt wurde.

In einer Nacht hatte es gestürmt und geregnet, und in unserer Phantasie ward jeder Windstoß zur Feenhand, welche die Aepfel schüttelte. Des Morgens höre ich, wie der Bruder in seinem Bettchen unter der Decke die Strümpfe sachte anzieht, um mir zuvorzukommen; ich, in einem Satze zum Bette hinaus, renne, wie ich bin, im bloßen Nachthemdchen durch Kammer und Wohnzimmer, wo die erstaunten Eltern und Geschwister sitzen, die Treppe hinab; der Bruder rennt hinter mir drein, und keine Drohung der Mutter mit geballter Faust zum Fenster heraus schreckte uns, das gefallene Obst aus dem nassen Grase aufzulesen.

Da waren die Freuden der Heuernte. Welche Lust für uns, in der thauigen Frühe aus den Schwaden, welche die Mähder von Morgens drei Uhr an gelegt hatten, die Kümmelstengel herauszulesen und den Kümmel der Dote (Taufpathin) nach S. zu schicken, wofür sie Jedem von uns einen Sechser (sechs Kreuzer) zurückgab, oder gegen Abend, Zügel und Peitsche in der Hand, – denn der treue Fuchs ließ sich von Kinderhand leiten – hinauszufahren und auf dem duftenden Heu heimzukehren!

Ja, dich kann ich nicht ohne Rührung nennen, treuer Fuchs, edles Thier. Als es eines Morgens hieß, du seiest todt, da stand die ganze Familie trauernd im Hofe und Keines war, das sich nicht die Thränen abwischte. Welche Dienste hast du uns erwiesen! Wie geduldig botest du dem Knaben deinen Rücken, wenn er dich in die große Schwemme unten am Pfarrgarten führte und das Wasser immer höher und höher stieg, daß er die Beinchen oben auf dir zusammenzog, bis du wieder schwer athmend zurückschwammest! Wie sicher trabtest du mit der altmodischen Pfarrkutsche dahin – „das Wort Gottes vom Lande“ pflegten wir Studenten später solche Möbel zu nennen, wenn sie in die Stadt hineinfuhren –, wie sicher trabtest du dahin, wenn der Vater etwa am Sonntag Nachmittag ausfuhr in die Stadt oder in ein benachbartes Pfarrhaus, oder wenn er auf vier bis fünf Stunden Weges den Sohn, der von der lateinischen Schule oder von der Universität in die Ferien kam, abholte, und gewöhnlich uns Buben, oft von der Straße weg, aufpackte und mitnahm! Wie kräftig zogest du den schwerbeladenen Wagen die stundenlange Steige hinaus in das hohe ferne Dorf, wo eine sehr primitive Anstalt zum Mosten war, wo wir Kinder unterdessen im Hause des Vetter Pfarrers uns tummeln durften! So fromm warst du uns Allen – so lieb, daß der Vater dir keinen Nachfolger gab. Wer hätte nach dir so treu gedient?

Oft ging ich mit den Knechten und Tagelöhnern dieses oder jenes Bauern schon am frühesten Morgen auf’s Feld und lebte den Tag über von rohem Speck und Schwarzbrod. Da machte es mir jedesmal besondere Freude, wenn ich den Kirchhof passirt hatte und den Eltern aus den Augen war, Strümpfe und Schuhe abzulegen und barfuß, wie die meisten Dorfkinder, durch’s Dorf zu gehen und den Staub der Straße aufzuwirbeln. Unvergeßlich sind mir besonders die Tage geblieben, die ich mit dem Gänsehirten auf dem Anger zubrachte. Wenn er in sein Horn stieß und die Gänseschaar aus den Bauernhöfen sammelte, das war Wonne für mein Ohr. Dann schloß ich mich an, blieb ein oder das andere Mal den ganzen Tag bei ihm, und redlich theilte er mit mir die Krumen harten schwarzen Brodes, welche die Bauern ihm, dem armen elternlosen Knaben, mitgegeben hatten. Da hüteten wir zusammen die Herde, damit keines sich in unerlaubtes Land verirre, da warfen wir uns in den Fluß, wenn die Sonne zu heiß drückte, und badeten und schwammen nach Herzenslust; da schmückten wir den Hut mit den Gänsefedern, die freiwillig ausfielen, oder zerrten auch der einen oder anderen besonders kräftig befiederten eine Schreibfeder gewaltsam aus, wenn sie in ein verbotenes Gehege gerathen war und wir sie fangen konnten.

Was da von Poesie und Naturstimmung unbewußt in die Seele fällt! Einmal ging ich über Feld – ich mochte sieben ober acht Jahre alt sein – die Lerchen trillerten in der Luft über die weite Ebene hin; die Kleefelder dufteten, und die Fruchthalme trieben [121] in die Höhe. Da fiel es wie ein unendliches, namenloses Sehnen über mich; ich wußte nicht, was es war, aber ich weinte und weinte, bis ich den Acker erreichte, auf dem die Knechte und Mägde rüstig schafften, und bei den kräftigen Bauernpferden meinen Weltschmerz vergaß.

Eine besonders ergiebige Quelle für solche Naturstimmungen war das Flüßchen, das an der südöstlichen Seite des Dorfes, oft unter Weidenbüschen versteckt, so sanft dahin murmelte. Da saßen wir stundenlang und angelten. Oder am Sonntag Nachmittag zog die Bubenschaar, größere und kleinere, hinaus an eine besonders geeignete und tiefere Badestelle. Da führten wir unsere ersten Religionskriege. Oft war der Platz bereits von den Knaben des katholischen Nachbarortes besetzt; er wurde, nachdem wir unterwegs unseren Muth auf alle Weise entflammt hatten, mit Sturm genommen. Am glänzendsten war der Feldzug, wenn der ältere Bruder Theodor, groß und muthig, wie er war, in den Ferien bei uns war und mit unserem „Mohr“, einem kühnen Stauferhunde, der ganzen Schaar voranging. Ich sehe noch den geschlagenen Feind in ungeordnetem Rückzug den Hügel entlang ziehen.

Wenn dann die Nebel des Herbstes in’s Land fielen, dann ging’s hinaus auf den Kartoffelacker draußen am Saume des Waldes; da machten wir das Feuer an und unterhielten es mit den Stauden der Frucht und brieten die mehligen Dinger. Und der Winter erst, wenn in dem etwas rauhen Klima Eis und Schnee das Land fast die Hälfte des Jahres bedeckte! Der erste Schnee im Jahre – welch ein Fest der Jugend! Man steht am Fenster in der traulichen Stube und schaut unverwandt nach den ersehnten Flöckchen, die erst so schüchtern und spärlich und zögernd kommen, als wollten sie den unsicheren Grund erst einmal untersuchen. Es wird Nichts werden, o! man möchte den Wolkenflor bespötteln. Aber schon kommen sie dichter und dichter – schon neigen sich die Aeste der Bäume. Du freust Dich umsonst; der Schnee ist zu saftig – er wird nicht halten. Doch schon ist der Boden bedeckt, wohin das Auge sieht. Schon sind die Steine unter der weißen Decke verschwunden. Jetzt den Schlitten aus der dunklen Kammer geholt und hinaus auf alle Hügel und Halden! Ja, kaum waren wir dem Mutterarme entwachsen, so regierten wir den Schlitten, wie der Reiter sein Pferd. Wenn dann der Thauwind wieder kam und die Eisdecke löste, dann ging es mit kühnem Wagniß auf die abgesprengten Eistafeln hinaus; von der einen Tafel, die unter dem Fuße sank, setzte man auf die andere und so fort über das ganze Eisfeld hin auf und ab. Eines Tages hatte mir die älteste Schwester, welche in Abwesenheit der Eltern das häusliche Scepter führte, dieses Vergnügen untersagt, als nur für ältere Knaben ungefährlich. Aber ich widerstand dem Reize nicht, und richtig, ich gleite aus und falle in das tiefe Wasser; es gelingt mir, mich so lange an einer Eistafel zu halten, bis einige Knaben sie mit einer Stange an’s Ufer getrieben haben. Pudelnaß renne ich heim, und die strenge Schwester, weit entfernt, über die Rettung des Bruders Thränen der Rührung zu vergießen, statuirt vor ihren auf Besuch anwesenden Freundinnen aus dem Dorfe ein empfindliches Strafexempel an dem verwegenen Jungen.

Hatten wir uns dann den Tag über müde gerannt, dann ruhte sich’s so süß am langen Abende auf dem großen, strapazenreichen Familiensopha. Unter beständigem Kampfe der gegen einander gekehrten Füße, den nur hier und da ein kräftiges Scheltwort der Mutter unterbrach, lagen wir Knaben da und lauschten dem Familiengespräche. Mutter und Schwestern spannen, und das Rädchen surrte unter dem Fuße der ältesten Schwester, und die Spindeln der Anderen, die vor ihrer Kunkel saßen, tanzten so melodisch auf dem Boden.

Neben den Freuden auf Eis und Schnee bestand mein Hauptwintervergnügen im Vogelfange. Henricus auceps (Heinrich den Finkler, dem großen Kaiser aus dem sächsischen Hause nach) nannte mich darum später mein Praeceptor (Lehrer an der Lateinschule). Da war das Haus des guten Provisors, in welchem ich wie daheim war, der Liebling der alten zahnlosen Provisorin, die immer ein Zückerlein oder ein Brätlein[2] für mich parat hielt, und der ständige Gesellschafter des lahmen Sohnes, dem ich seine Pfeife stopfte und anzündete und die traurigen Stunden seines freudlosen Lebens erheiterte. Der Wand entlang in der Wohnstube war ein großer Vogelkäfig mit vielen Abtheilungen. Sobald der erste Schnee fiel, ging es da an ein Hämmern und Zimmern und die Meisenschläge wanderten auf die Bäume im Garten neben dem Hause. Täglich, stündlich wurde nachgeschaut. War einmal der Deckel gefallen, dann ging’s mit pochendem Herzen den Baum hinauf. Man sieht durch die Spalten des Schlages: es regt sich Etwas; es ist etwas Schwarzes darin. Ist’s eine Blaumeise? eine Spiegel- oder Kohlmeise? Schnell den Schlag losgelöst, am Taschentuche hinuntergelassen und in’s Zimmer getragen. Wie seltsam that der Vogel, wenn er sich aus dem finsteren Behälter in den hellen geräumigen Käfig versetzt sah! Aber es war ein Käfig; er hatte seine Freiheit verloren. Wild und ruhelos rannte er, wie ein Verzweifelnder, im Kerker auf und ab und pickte nur mit Verdruß und unter stummen Vorwürfen den Samen, der ihn verleitet hatte, bis das stürmische Freiheitsfeuer sich allmählich dämpfte und der Flug in’s Freie, wenn der Frühling wieder kam, fast zögernd und zaghaft unternommen wurde.

Einmal ist mir etwas Schreckliches passirt: gegen das Ende des Winters hatte ich auch auf einem hohen Birnbaume im Pfarrgarten noch einen Schlag gerichtet, wohin ich sonst nie einen gestellt hatte. Der Schnee schmolz, und die Erde grünte; es fiel mir nicht ein, daß in solcher Zeit noch ein Vögelein sich würde fangen lassen. Wie zufällig komme ich einmal hin. Der Schlag ist gefallen – ein Vögelein ist darin, aber wehe! todt und ausgestreckt. Es war mir wie ein Stich in’s Herz, daß ich das arme Thier so traurigem Tode preisgegeben.

Daß ich doch unter den Winterfreuden den Samiklaus (Sanctus Nicolaus) und den Weihnachtsbaum nicht vergesse! Wie bebte dem Kinde das Herz, wie angstvoll schlugen die Pulse, wenn um die ahnungsvolle Weihnachts- und Neujahrszeit nach all’ den abergläubigen, furchterregenden Erzählungen, welche ihm in’s Herz geträufelt worden waren (zwar nicht im Elternhause), der Klaus nächtlicher Weile die Treppe heraufpolterte, im Gange einen wüsten Lärm machte, hereintrat, das Kind, das sich verkrochen hatte, aufsuchte, um dann beim Weggehen das geängstete durch eine Hand voll Nüsse, die er in die Stube warf, zu trösten! Neben diesen aufregenden Erinnerungen an das alte alemannische Heidenthum wirkte der Christabend so wohlthuend und freundlich. Das war wohl einer der glücklichsten Griffe, welchen die christliche Kirche that, als sie das Heidenthum aus unseren Ländern verdrängt hatte, daß sie in die Zeit der römischen Saturnalien und der germanischen Weihenächte, in welchen die Göttin der Huld mit ihren Gespielinnen über die Fluren ging, um die Samenkörner des Frühlings auszustreuen, ihr Christfest verlegte mit der Losung: „Die Nacht ist vergangen; der Tag ist gekommen; wandelt ehrbar als am Tage!“ Selbst wenn der christliche Festkalender einmal gänzlich sollte vergessen sein, würde doch der Weihnachtsbaum nicht untergehen mit dem hoffnungsreichen Grün in kalter Winterzeit, mit seinen schimmernden Lichtern in dunkler Nacht. Nichts bildet die jugendliche Phantasie und Nichts nährt das Gemüth an seinen verborgenen Wurzeln, wie diese Feier. Nachdem wir wochenlang theils die offenen Vorbereitungen vor uns gesehen, theils an manchen seltsamen Zeichen Geheimnisse geahnt hatten, schickte man uns am Tage des heiligen Abends gleich nach Tische in’s Nachbarhaus, wo wir ungeduldig harrten, bis die Magd mit der Laterne kam und uns holte. Noch ein Viertelstündchen Geduld im Vorzimmer, und auf ging die Thür, und alle die Herrlichkeit stand vor uns, bescheiden zwar, aber dem durch künstliche Genüsse nicht verwöhnten Gemüthe wie ein Königreich. Wer dieses Glück einmal getroffen hat, der mag es nicht mehr missen, so alt er wird.

Das sind einige Erinnerungen aus der Jugendzeit. War das nicht ein herrlicher Tag voll Sonnenschein? Aber, so fragt vielleicht ein Neidischer, habt Ihr denn Nichts lernen müssen, Ihr Glücklichen? Wohl, wir hatten auch Schule, aber es war – soll ich sagen ein Spaß oder eine schnell vergessene Pein? Die circa zweihundert Kinder des Dorfes waren in zwei großen Zimmern zusammengepfercht, die Jüngeren unter dem alten gutmüthigen Provisor, der zugleich des Vaters Küster war, die älteren unter dem strengeren Schulmeister. Das waren zwei Bürger der Gemeinde, die in ihrer Jugend lesen, schreiben und [122] rechnen gelernt hatten; von einer besonderen Ausbildung für den Lehrerberuf war keine Rede. Da wurde Alles rein mechanisch angelernt; warum man ein Wort so schreibe, ein anderes so, warum man z. B. beim Addiren eine Zahl unter den Strich setze und die andere zur folgenden Reihe hinübernehme, das erfuhr man nie.

Im achten Jahre nahm mich der Vater zu sich auf die Studirstube mit dem Bruder, der schon ein Jahr vorher aus der Schule genommen war, um mit uns Latein zu treiben; auch ein Kaufmannssohn aus dem Dorfe nahm Theil. Wir lernten brav, aber es gab doch zu viele Abhaltungen und Störungen. Am Montag Morgen kam die Dorfpolizei mit der stehenden Redensart: „Guten Morgen, Herr Pfarrer. Ich habe Ihnen zu vermelden, daß ich Nichts zu vermelden habe,“ der Mann meinte besonders Uebertretungen des Sonntagsgebots, „haben Sie sonst Nichts zu vermelden?“ Da kam wieder ein Bäuerlein, das marktete um den Zehenten, aus welchem zum Theil die Pfarrerbesoldung bestand, und erklärte, daß die Ernte weit unter der amtlichen Abschätzung ausgefallen sei.

Ein anderes Mal war eine Beerdigung oder eine Hochzeit, und der Vater mußte zur Kirche. Kaum war er zur Thür hinaus, so ging es an einen Hosenlupf, und gewöhnlich unterlag der geistig und körperlich etwas langsamere ältere Bruder der Schnelligkeit und List des Jüngeren. In anderer Weise standen sich Esau und Jacob gegenüber. Auch war der Vater viel zu gut für solche Wildfänge. Man sagt, daß die Väter gewöhnlich schlechte Lehrer seien. Wenn die brüderlichen Füße unter dem Tische hinter einander geriethen, oder wenn ich das Tintenfaß des Bruders, während er emsig schrieb, auf den Kopf stellte, daß er sich die Feder beim nächsten Versuch des Eintunkens zerstieß, dann erhob der Vater den Kopf einen Augenblick von seiner Lectüre und sprach mit wehmüthigem Ton: „Buben, Buben!“ anstatt den stets keinnützigen Jüngeren, wie er’s verdiente, einmal kräftig durchzuwichsen.

Als ich meinen neunten Geburtstag feierte, erschrak der Vater; er hatte gemeint, ich zähle erst acht Jahre. Wie hätte er Zeit gehabt, das Alter seiner Kinder auszurechnen? Jetzt hieß es aber: schnell mit ihm fort in die lateinische Schule! Denn das Landexamen, das schon die dreizehnjährigen Bürschchen in die Residenzstadt rief, war eine Macht, mit der sich nicht spaßen ließ. Daß ich nämlich Theologie studiren müsse, das verstand sich aus mehr als einem Grunde von selbst. Denn erstens waren der Vater, der Großvater, der, damals nahe den Achtzigen, eine Stadtpfarrei verwaltete, der Urgroßvater und so weiter rückwärts, Pfarrer gewesen, und Alle hatten diesem Berufe bei wenig äußerlichem Glanze mit innerer Befriedigung gelebt. Für’s andere erwuchsen auf diesem Studienwege Vortheile, deren kein anderer Berufszweig sich zu rühmen hatte; das ganze Studium ging vom vierzehnten bis zum zweiundzwanzigsten Lebensjahre auf Kosten des Staates, Dank dem frommen Herzog Christoph, der zur Reformationszeit einen Theil des eingezogenen Klostervermögens auf diese Weise für das Reich Gottes wieder fruchtbar gemacht hatte. Aber außerdem – hatte ich denn nicht schon von Kindheit auf gepredigt? Als kleiner Knabe hatte ich den nächsten besten Fußschemel oder Stuhl zur Kanzel gemacht und über meinen Lieblingstext gesprochen: „schaffet, daß ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern!“ Hatte denn nicht meine liebste Freundin, die alte Provisorin, hundert Mal gesagt: „Heinrich, ich will’s noch erleben, daß er Pfarrer in Sch. wird“? Und hatte nicht die Frau Decanin von F., als ich einmal vor einer großen Tischgesellschaft so unerschrocken mein Thema abgehandelt hatte, mir als Zeichen ihrer Anerkennung ein kostbares Kinderspiel verehrt?

Bei allem Drang in die Fremde und allem Frohmuth meiner Natur fiel mir doch der Abschied schwer. Als ich am letzten Sonntag, den ich im Dorfe zubrachte, noch einmal im Hause des Provisors war und die Nachbarn, die in behaglicher Sonntagsruhe dort zusammen saßen, über die alltäglichsten Dinge sprachen, wie sonst, konnte ich das nicht begreifen und wurde ihnen recht böse. Sollte es denn nicht Allen zu Herzen gehen, daß ich morgen fort müsse? Am Montag Morgen, noch bei Licht, rief mich der Vater in sein Studirzimmer, sprach ernste und liebevolle Abschiedsworte, drückte mir dann zwei Gebete in die Hand, eines für den Morgen und eines für den Abend, die er ausdrücklich für mich niedergeschrieben hatte, und sagte: „Bet’ und arbeit’ fleißig!“

Auf den Marktkisten eines befreundeten Kaufmanns, der nach der Stadt zur Messe fuhr, legten wir, mein Bruder und ich, die erste Strecke unseres Weges zurück und waren nach sechs oder sieben Stunden am Orte unserer Bestimmung.




Blätter und Blüthen.


General Sheridan in New-Orleans. Der am 4. Januar dieses Jahres begangene Gewaltact im Hause der Repräsentanten des Staates Louisiana hat in den Vereinigten Staaten einen Sturm erregt, dessen hochgehende Wogen noch heute gegen das stolze Piedestal branden, auf welches die Bürger der Union den Präsidenten Grant stellten.

An diesem Tage hat ein Soldat, der General de Tobriand, es gewagt, an der Spitze von zwanzig Untergebenen in die Legislatur des Staates einzubrechen und fünf conservative Mitglieder derselben aus dem Sitzungssaale werfen zu lassen. Ein solcher Act ist unerhört in der Geschichte der Union und mit Recht rief Louis Wilts, der Sprecher des Hauses: „Louisiana hat aufgehört, ein souveräner Staat zu sein.“ Die Folgen der That sind bekannt. In New Orleans constituirten sich zwei Legislaturen. General Sheridan übernahm persönlich das Militärcommando und telegraphirte an den Präsidenten Grant, daß die Civilregierung des Staates Louisiana außer Stande sei, die Ordnung aufrecht zu erhalten; darum müsse über denselben der Belagerungszustand verhängt werden.

Grant billigte alle militärischen Maßregeln und zeigte sich nicht abgeneigt, auf Sheridan’s Verlangen einzugehen. Dies wird, soweit ich die Amerikaner kenne, dem Präsidenten den besseren Theil seiner republikanischen Freunde für immer entfremden.

Was den kleinen Phil. Henry Sheridan angeht, so dürfte ein Erinnerungsblatt aus vergangenen Tagen zur Genüge darthun, daß der Generallieutenant für keine Zustände so sehr schwärmt, als für Belagerungszustände. In dem Manne steckt ein Dictator. Wir wollen herzlich wünschen, daß die transatlantische Republik niemals in die Lage komme, von diesen hervorragenden Anlagen Sheridan’s Gebrauch machen zu müssen.

Sheridan erhielt bereits im Winter des Jahres 1865 im Staate Louisiana das Militärcommando und verlegte sein Hauptquartier nach New-Orleans, wo er kräftiglich bemüht war, die Wiederherstellungsacte durchzuführen. Als der Präsident Johnson diesen gewaltsamen Bemühungen durch die Abberufung des Generals ein Ziel setzte, gab sich im Norden eine große Entrüstung kund. Es ist wahrscheinlich, daß Johnson sich bei diesem Schritte von unlauteren Motiven leiten ließ, allein gewiß ist, daß Sheridan durch sein barsches Auftreten viel an der Verschärfung des genugsam ausgebildeten Racenhasses in Louisiana verschuldete und daß er sich bei der Anwendung seiner fast unumschränkten Macht Vollkommenheit nicht immer von der Rücksicht für Recht und Billigkeit leiten ließ.

Im französischen Opernhause zu New-Orleans spielte zu jener Zeit eine deutsche Schauspielertruppe, welche bei der geringen Anzahl der in der Stadt wohnenden Deutschen und der durch den Krieg herbeigeführten Geldcalamität Mühe hatte, die weiten Räume des prächtigen Theaters zu füllen. Zum Heile der Gesellschaft meldete sich Ende December eine italienische Operntruppe zum Gastspiele, welche – das ließ sich voraussehen – brillante Einnahmen erzielen mußte. Die Oper sollte viermal in der Woche Vorstellungen geben und dreimal die deutsche Gesellschaft. Als der Impressario eintraf, ließ dieser durch den deutschen Director ein Logenabonnement eröffnen. Schon waren die Logen alle vergriffen, da sandte General Sheridan einen Adjutanten auf’s Bureau und ließ für sich die große Prosceniumsloge rechts vom Parterre in Beschlag legen.

Diese Maßregel rief bei dem deutschen Director wie dessen Gesellschaft eine nicht geringe Bestürzung hervor, denn gerade diese Loge war von einer Familie bereits gemiethet, welche ein Anrecht darauf besaß.

Der Lohgerber N., ein biederer Schwabe, hatte das deutsche Schauspielunternehmen so zu sagen in's Leben gerufen. Er unterstützte die Direction mit reichen Geldmitteln und war seit Eröffnung des Theaters stetiger Abonnent dieser Loge gewesen. Abend für Abend war dieser treue Kunstmäcen in jener Loge erschienen, hatte sich in den weichen Sammetfauteuil gestreckt und war bei den Klängen der Ouverture fest eingeschlafen, um nicht eher wieder zu erwachen, als bis der Vorhang fiel. Welch’ einen beruhigenden Einfluß der Anblick dieses wackeren Schläfers auf die vom Coulissenfieber befallenen Darsteller ausübte, möge der unparteiische Leser selber beurtheilen. Andererseits aber floß aus dieser Loge den Schauspielern, welche sich in animirter Stimmung befanden, auch wieder ein reicher Strom der Ermunterung zu. Dem braven Schläfer gegenüber hatte nämlich dessen Gattin, eine höchst würdige Matrone, Platz genommen, welche nicht schlief, sondern mit gespannter Aufmerksamkeit den Gang des Spiels verfolgte. Bei alledem war es nicht der sittliche Ernst dieser Dame, welcher einen belebenden Einfluß ausübte, so hoch ich denselben auch sonst immer anschlage. Die Person, welche eine nie versiechende Quelle der Anregung und stummen Heiterkeit ausströmte, saß im Schooße der Dame und war keine andere als Chrischtöffle, das schwarze Adoptivkind der Familie.

Chrischtöffle war ein Vollblutneger im Alter von sieben Jahren, den die Lohgerberfamilie adoptirt hatte, als dessen Mutter, eine treue Person, dem gelben Fieber zum Opfer fiel. Der lebhafte Knabe hatte eine ebenholzschwarze Hautfarbe, blendend weiße Zähne, aber die edlere Gesichtsbildung der Negerstämme im Hochlande Centralafrikas. Was nun den pikanten Zug im Wesen dieses schwarzen Knaben ausmachte, war der [123] seltene Umstand, daß, er von der englischen und französischen Sprache nur höchst unvollkommene Begriffe hatte, dagegen die alemannische Mundart in der ganzen ungetrübten Reinheit, wie sie zwischen Neckar und Rhein erklingt, zu Gehör brachte.

Chrischtöffle war der lebhafteste Zuschauer, welchen das deutsche Theater je aufzuweisen hatte: er klatschte in die Hände, fletschte die Zähne, kicherte überlaut, weinte dicke Thränen beim kläglichen Schicksale der Genoveva und warf dem Franz Moor, Jago oder Wurm pantomimisch stets die ärgsten Drohungen an den Kopf. Bei Gastspielen oder sonstigen feierlichen Gelegenheiten erschien Chrischtöffle stets mit einem Lorbeerkranze an der Logenbrüstung, den er aber nie dem Gaste, sondern immer dem Komiker des Stückes zuwarf. Ging ein Schauspieler an des Lohgerbers Haus vorüber, so durfte er stets erwarten, daß ihm Chrischtöffle mit einer kritischen Bemerkung unter die Augen trete, welche entweder dahin lautete: „Ihr hent awer wüschte Faxe gemacht,“ oder im Falle des Wohlwollens und besonderer Gnade: „Du bischt emol e scharfer Spieler.“

Daß bei einer solchen Sachlage Chrischtöffle den Gegenstand des Ergötzens aller Schauspieler und Theaterbesucher in gleichem Maße bildete, begreift sich leicht – und er sollte nun aus einer Loge verbannt werden, in welcher seit Monden seine persönlichen Eigenschaften zu so vortrefflicher Geltung kamen! Alle deutschen Gemüther empörten sich.

Sofort begab sich Director O. nach Sheridan’s Hauptquartier, und da ihm eine Audienz zugestanden wurde, stellte er dem General vor, daß er mit Rücksicht auf seine hervorragende Stellung ihm die schönste Loge im Centrum des Theaters reservirt hätte, die verlangte sei dagegen an eine Familie verkauft, welcher er großen Dank schulde und die außerdem seit der Erbauung des Opernhauses sich im Besitze derselben befinde.

Sheridan schnitt diese Vorstellungen mit einem kurzen „Das kümmert mich nicht!“ ab. – „Wenn diese Leute so lange in der einen Loge gesessen haben, so können sie sich zufrieden geben und endlich einmal Andere darin Platz nehmen lassen.“

„Wie aber in aller Welt soll ich die rechtmäßigen Eigenthümer daraus vertreiben?“ wagte der Director einzuwenden.

„Das ist Ihre Sache.“

„Ich kann es nicht –“

„Sie können es nicht?“ rief jetzt Sheridan ungeduldig und trat in drohender Haltung vor den Schauspieldirector hin. „So kann ich es. Wenn am Tage der ersten Vorstellung diese Loge nicht in meinem Besitze ist, so schließe ich das Theater zu und mache einen Pferdestall daraus.“

„Herr General,“ stammelte O. und erbleichte, „mit welchem Rechte –“

„Mit welchem Rechte?“ unterbrach ihn Sheridan verächtlich. „Haben Sie vergessen, daß das Kriegsrecht über diese Rebellenstadt verhängt ist und daß ich jedes Gebäude der Stadt zu militärischen Zwecken verwenden kann? Erhalte ich die Prosceniumsloge nicht, so wiehern morgen die Pferde meiner Officiere an derselben Stelle, wo Faust und Margarethe ihr Duett flöten sollten.“

„Aber das sind ja Zustände –“

„Wie sie Ihnen nicht gefallen? – Ich meinerseits befinde mich äußerst wohl dabei.“ Sprach’s und ging lächelnd von dannen. –

Mit dem Gefühl tiefster Zerknirschung theilte der rathlose Director seinem freundlichen Mäcen das traurige Dilemma mit, vor welches ihn die unbillige Forderung Sheridan’s gestellt habe. Der Lohgerber fügte sich in das Unvermeidliche mit den Worten:

„Sehe Se, liewer Director, die Säwelrassler bleiwe sich in der ganze Welt gleich. Sitze die emol uf dem hohe Pferd, dann frage se nimmer was das Gesetz, sondern was die Gewalt ihne erlaubt.“ –

Am ersten Opernabend war das prächtige Theater zum Erdrücken gefüllt. Der Glanz der alten Sclavenstadt schien wieder erwacht zu sein, denn Hunderte von dunkeläugigen Creolinnen paradirten in reichster Toilette und mit der Camelie im schwarzen Haar. Aber an derselben Stelle, wo einst Chrischtöffle’s rabenschwarzes Antlitz glänzte, das alle Zuschauer zum Enthusiasmus anfeuerte, sah man heute nur Uniformem.

In vorderster Reihe saß Philipp Henry Sheridan, der Sieger von Five-Forks und Sailors Creek, der Mann, dessen glücklichem Eingreifen bei Appomattox Grant es vorzugsweise dankte, daß der Löwe des Südens, Sir Robert Lee, die Waffen streckte. Sheridan zählte damals erst vierunddreißig Jahre, und da er klein von Gestalt, begabt mit einem runden unschönen Gesicht und von lebhaften Bewegungen ist, so glaubte man den jungen kecken Lieutenant noch vor sich zu sehen, der einst bei den Cascaden des Columbia die Indianer in die Enge trieb. Seine hohe Begabung als Taktiker wurde damals gerade in militärischen Kreisen auf’s Rühmendste anerkannt, und Officiere, welche im Pulverdampf grau wurden, behaupteten, daß die blitzartige Schnelligkeit, mit welcher dieser Cavalleriegeneral seine Dispositionen treffe, geradezu einzig dastehe und nur mit dem raschen Handeln des alten Ziethen verglichen werden könne.

Um so beklagenswerther, daß ein Mann von so hervorragenden Talenten sich nicht den schlichten Bürgersinn bewahrt hat, welcher einen Helden wie George Washington zu jeder Zeit des Lebens auszeichnete.

Warum bestand aber Sheridan gerade auf den Besitz dieser Loge, welche nur zwei Personen einen freien Blick auf die Bühne gestattete, während die in zweiter Reihe sitzenden Officiere so gut wie nichts sahen?

Meine Blicke fielen auf die gegenüberliegende Prosceniumsloge, und nun bemerkte ich zu meiner Verwunderung, daß die Augen aller meiner Nachbarn nach derselben Stelle gerichtet waren. In dieser Loge befand sich Prinzessin Ruth. – Wer war Prinzessin Ruth? – Niemand konnte es sagen, selbst nicht der reiche Kranz ihrer Bewunderer, welcher sich des Abends in ihrer einsamen, von einem Orangenwalde umhegten Villa zusammenfand. Wie das Mädchen aus der Fremde tauchte sie in New-Orleans auf, und so verschwand sie auch wieder; allein – um die Wahrheit zu gestehen – sie nahm mehr Gaben mit sich, als sie austheilte. Der Titel „Prinzessin“ gab ihr keinerlei Anwartschaft auf den Gothaer Hofkalender, denn derselbe verdankte seine Entstehung lediglich der Erfindungsgabe einiger geistreicher Anbeter. Anlaß zu dieser Auszeichnung boten theils die erstaunliche, fast unirdische Schönheit der Miß Ruth, theils ihr vornehmes Auftreten. Nie erschien sie in einer andern Tracht als in einem schmelzbesäeten schwarzen Seidenkleide; nie schmückte ein anderer Zierrath ihr Haar als eine dunkle Granatblüthe, und nie sah man sie auf der Straße in anderer Gesellschaft als der einer jüngern Schwester von milder, knospenartiger, aber ebenso auffallender Schönheit. In wahrhaft königlicher Majestät lehnte sich Prinzessin Ruth gegen die Logenbrüstung, und als sei sie des Anstarrens müde, ließ sie langsam die dunkeln Wimpern ihr gluthsprühendes Auge beschatten. Nachlässig spielten ihre schlanken Finger mit einem breiten schwarzbefiederten Fächer, dessen weiße Elfenbeinstäbe weithin sichtbar waren.

Der Vorhang rauschte auf. Aller Augen wendeten sich nach der Bühne; nur die Sheridan’s nicht. Jetzt spielte Prinzessin Ruth mit den weißen Fächerstäben. – Was war das? Diese Stäbe waren jeder Schiebung zugänglich. Jetzt bildeten sie römische Ziffern. Die Prinzessin telegraphirte, und dann richtete sie einen flammenden Blick nach des Generals Loge. Sheridan’s Auge schien achtlos über das schöne Weib zu streifen, dann plötzlich nickte er wie Boas bei der Aehrenlese. … Die Südstaaten, und vor Allem das reiche Louisiana, seufzen heute unter dem Fluche, den sie durch die Sclaverei auf sich geladen. Der Racenkampf bildet die offene Wunde am Körper der Union; nur die Zeit kann diese heilen. Wer aber den Heilungsproceß beschleunigen will, der kann dies nur durch Vermehrung der Schulen, Förderung der Einwanderung und nachdrücklichen Schutz der Gesetze. Belagerungszustände aber und Gewaltmittelchen, wie sie General Sheridan liebt, reißen die klaffende Wunde nur noch weiter auf.

R. Elcho.


Eine wichtige chemische Entdeckung. „Im Vaterlande gilt der Prophet nichts“, so dachte ich, als die „Gartenlaube“ noch immer nichts über eine der wichtigsten chemischen Entdeckungen der Neuzeit brachte, die doch gerade in dem berühmten Leipziger Universitätslaboratorium und von dessen als einer der ausgezeichnetsten Chemiker anerkanntem Leiter, Professor Kolbe, gemacht worden ist. Sie verdient aber, wegen ihrer Wichtigkeit für Hauswirthschaft, für die Volksernährung und Hygiene ein ausgebreitetes Bekanntwerden, wie es gerade die „Gartenlaube“ gewährt, im ausgezeichneten Grade. Es ist mit einem Worte die künstliche Darstellung der Salicylsäure. Wohl mancher Chemiker, der in technischen Journalen die lakonische Anzeige der Fabrik von Fr. von Heyden in Dresden „Salicylsäure, hundert Gran drei Reichsmark“, las, mag sich im Anfange den Kopf zerbrochen haben, einmal darüber, wie man diesen seltenen Stoff zu einem so billigen Preise darstellen – dann wozu man selbst diese billige Salicylsäure wohl im Großen verwerthen könnte.

Das Wintergreenöl, aus welchem man diese Säure sonst herstellte, ist zu theuer, um daraus so billige Salicylsäure zu gewinnen. Dann erhielt man sie auch aus Carbolsäure, indem man metallisches Natrium darin auflöste und unter Erhitzen trockene Kohlensäure einleitete. Da war wieder das Natrium zu theuer. Kolbe’s Entdeckung besteht nun darin, daß er einfach an die Stelle des Natrium das billige Aetznatron setzt, die Verbindung der Carbolsäure damit zur staubigen Trockene bringt und nun das bis auf circa 180° Celsius erhitzte Pulver in einem Strome trockener Kohlensäure erhitzt. Zwar wird dadurch ein Theil der Carbolsäure frei gemacht, die aber nicht verloren geht und in reinster Form wieder gewonnen wird; ein anderer Theil geht aber mit der Kohlensäure und dem Natron eine Verbindung ein, die eben nichts anderes als salicylsaures Natron ist, und nach dem Auslösen im Wasser und Sättigen mit Salzsäure die Salicylsäure in kleinen, hellgelblichen im Wasser schwer löslichen Krystallen niederfallen läßt, die blos abfiltrirt und getrocknet zu werden brauchen, um in den Handel gebracht zu werden.

Sie hat keinen Geruch, einen schwach süßlich-säuerlichen Geschmack, ist nicht ätzend, nicht giftig und kann in ziemlich großen Mengen vom Menschen genossen werden, ohne lästige Erscheinungen hervorzurufen. Ihre Haupteigenschaft, durch welche sie eben die enorme wirthschaftliche Bedeutung erhielt, ist die Giftigkeit für niedere Organismen, durch welche bekanntlich Fäulniß und Gährung hervorgerufen werden. Sie theilt dieselbe mit der bekannten Carbolsäure, aus der sie entstanden ist – aber ohne eine einzige der üblen Wirkungen derselben zu besitzen. Die Carbolsäure riecht sehr übel. Sie wirkt ätzend auf die Haut, reizend auf Wunden, ist, in einigermaßen größerer Menge genossen, auch für höhere Organismen ein gefährliches Gift. Man nahm bisher diese üblen Nebeneigenschaften mit in den Kauf, weil man eben kein besseres fäulnißwidriges Mittel kannte. Das ist aber die enorme Tragweite der Entdeckung der Salicylsäure, daß sie noch besser und in noch kleineren Quantitäten vor Fäulniß schützt, als die Carbolsäure, daß sie daneben aber vollkommen harmlos ist.

Ueber die fäulnißhindernden Wirkungen der Salicylsäure liegen von Kolbe, von Heyden und Anderen die ausgiebigsten Versuche vor. Bier, mit einer Spur Salicylsäure versetzt, wird in offenen Schalen und im Sommer zwar schal, aber nicht sauer. Zuckerlösung, mit Hefe versetzt, hört nach dem Zusatz der Säure zu gähren auf. Milch wird nicht sauer; eingemachtes Obst, Gemüse, Gurken beschlagen nicht. Fleisch, damit übergossen, fault nicht. Selbst als Dr. von Heyden, wie er mir mittheilte, im heißen Herbste des vorigen Jahres sechs Stück Rebhühner erhielt, die sich durch eine Irrung der Eisenbahnverwaltung über vierzehn Tage auf der Eisenbahn herumgetrieben hatten und natürlich den höchsten Hautgout entwickelten, gelang es durch Abwaschen mit Salicylsäurelösung, die Thierchen noch ganz schmackhaft für die Bratpfanne herzurichten. Wenn man nun bedenkt, welche Massen Fleisch in überseeischen Ländern verloren gehen, während unsere Arbeiter und selbst unsere Mittelclassen das Fleisch sich in immer geringeren Quantitäten zumessen müssen; wenn man ferner erwägt, welche nutzlose und schädliche Thierquälerei auch in Europa durch den Transport lebenden Viehs begangen wird, welche unnütze Transportkosten dadurch erwachsen; wenn man endlich auch die lästige Aufbewahrung [124] von Fleisch, Wild, Geflügel, Fischen mittelst Eis in unseren Städten in Betracht zieht – welcher enorme Vortheil muß dadurch erwachsen, daß man frisches Fleisch durch wenige Gramm Salicylsäure auf Wochen und Monate hinaus fast unverändert bewahren kann! Ein einfaches Einlegen und Abwaschen mit frischem Wasser genügt, um das Conservirungsmittel zu entfernen; bliebe selbst etwas daran haften, so übt es weder auf den Geschmack der Nahrung, noch auf die Gesundheit einen schädlichen Einfluß aus.

Noch wichtiger fast sind die Experimente in sanitärer Beziehung, besonders bei Operationen. Hofrath Thiersch in Leipzig berichtet von einer Amputation des Oberschenkels, die vorgenommen wurde, indem man die ganze Operationsstelle in einen Nebel von staubförmig vertheilter Salicylsäurelösung eingehüllt hielt, und später auch die Verbandcompressen mit einer solchen Lösung fortwährend anfeuchtete. Der Amputirte wurde durch sechs Tage lang in Ruhe gelassen, ohne daß man den Verband nachsah oder wechselte. Es trat nicht der mindeste Schmerz noch das geringste Fieber ein, und nach diesen sechs Tagen zeigte sich die Wunde bis auf einige oberflächliche Hautstellen schön vernarbt. Denke man sich die enorme Wohlthat auf Schlachtfeldern und in Spitälern!

Auch Versuche, die Salicylsäure bei inneren Blutfäulnißkrankheiten, Typhus, Cholera etc. anzuwenden, scheinen Erfolg zu versprechen.

In Amerika stellt man mittelst Salicylsäure und Glycerin schon Mundgurgelwasser gegen riechenden Athem etc. als Patentmedicinen dar. Sie werden über den Spahn bezahlt werden, aber, was man sonst von solchen Mitteln nicht immer sagen kann, wirksam sein, falls sie nur Salicylsäure enthalten.

Vor Allem möchte ich unseren Hausfrauen für ihre Speisekammern, im Sommer und zur Einmachezeit, die Salicylsäure nochmals auf das Dringendste empfehlen.
Prof. H. Schwarz in Graz.


Das neue Rathhaus in München. (Mit Abbildung, S. 116 u. 117.) Den vielen Besuchern der deutschen Kunstmetropole, deren Zahl sich alljährlich steigert, wird zweifellos bei ihrer Wanderung durch die Altstadt auf dem Marienplatze neben der Mariensäule, dem Fischbrunnen und dem alten Rathhause auch das neue einige Aufmerksamkeit abgewinnen. Dasselbe, im Spitzbogenstyl erbaut, mißt in der Breite einundvierzig und in der Länge siebenzig Meter. Es ist ein Ziegelrohbau; der Mittelbau der Vorderansicht, sowie sämmtliche Bogen- und Fensterlaibungen, Erker, Säulen und Gesimse sind in Sandstein ausgeführt. Der Bau besteht aus dem Erdgeschoß und drei Stockwerken. Zu ebener Erde links sehen wir die Hauptwache, rechts und an der Dinnerstraße vierzehn Verkaufshallen mit dem Eingange in den Rathskeller. Für die Verwaltung sind hundertdreißig Räumlichkeiten eingerichtet.

Der Mittelbau mit seiner dreitheiligen Erkerlaube, als der hervorragendste Schmuck des ganzen, fesselt den Beschauer am meisten. Die vier Standfiguren von Anton Heß sollen die Grundlagen für ein gedeihliches Bürgerthum, die Arbeit und den Fleiß, die Mutterliebe und die Häuslichkeit, die Milde und die Wohlthätigkeit, den Schutz und den Mannesmuth versinnlichen; aus dem reichgezierten Fenstergesims blicken die vier Temperamente hervor. Das Stadtwappen befindet sich in der Mitte des Giebels, dessen durchbrochener Schluß durch vier Drachen mit Zierstangen und einen stattlich gerüsteten Fahnenträger gekrönt wird. Diese fünf Colossalfiguren wurden von dem leider zu früh verstorbenen Saturnin Kinne meisterhaft in Kupfer getrieben. Rechts an der Straßenecke, unter dem Baldachin, wird eine allegorische Figur, die Stadt München vorstellend, von L. Gedon, ihren Platz finden.

Der äußere Eindruck des Gebäudes dürfte bei Vielen günstig genug wirken, um den Wunsch rege zu machen, auch das Innere kennen zu lernen. Dazu mögen folgende Erklärungen als Führer dienen. Wir betreten die Vorhalle, in welcher die Gedenktafeln in carrarischem Marmor mit bronzenen Siegeszeichen für die gefallenen Krieger nach L. Gedon, gegossen und ciselirt von Halbereiter, zu dauerndem Gedächtnisse angebracht werden sollen. Zu beiden Seiten erfreuen wir uns der Wandmalereien von Rudolph Seitz; in vier Gruppen sind die verschiedenen Stände, Poet und Jungfrau, Künstler und Gelehrter, Rathsherr und Kriegersmann, Bürger und Hausfrau vertreten. Im Erdgeschoße befinden sich die Archive, einige Canzleien, der Thorwart etc. Wir gelangen rechts oder links durch das Stiegenhaus in den ersten Stock und zu den verschiedenen Amtsstuben und Registraturen. Im zweiten Stocke finden wir den Empfangs- oder Vorstellungssaal mit dem Austritte auf die Erkerlaube, links die Amtsräume des ersten Bürgermeisters etc., in der Axe rückwärts gegen den großen Hof den Saaltract mit den Sitzungssälen (welche in ihrer Höhe den dritten Stock aufnehmen) für die beiden Gemeindecollegien, zwischen beiden Räumen die Galerie für Zuhörer bei öffentlichen Sitzungen. Der dritte Stock enthält in der Mitte den Lesesaal, zur Linken die Amtsräume des zweiten Bürgermeisters, weitere Canzleien und Diensträume. Wir schließen unsern Rundgang mit dem Abstecher in den Rathskeller. Dieser mißt vierunddreißig Meter in der Länge und fünfzehn Meter in der größten Breite. Gewölbe und Wandmalereien sind von F. Wagner, Glasmalereien, Oefen und sämmtliche Ausstattung nach Entwürfen von G. Hauberrisser.

Wenn diese Erklärung grundsätzlich möglichst allgemein gehalten, das Lob sehr sparsam ausgetheilt wurde, um der öffentlichen Meinung nicht vorzugreifen, so muß doch das Verständniß und die Liebe zur Sache, welche bei der Ausführung die Gewerksleute, als Schlosser, Tischler etc. zeigten, in ehrendster Weise anerkannt werden.

Dem Architekten Georg Hauberrisser aber sei zu seinem Erstlingswerke alles Glück und Gedeihen gewünscht. Ist auch die herrschende Geschmacksrichtung der früheren ruhmreichen Bauweise abgeneigt, sei es durch oberflächliche Modesucht, Unkenntniß oder Vorurtheil, so möge er sich doch nicht beirren lassen, das Begonnene ungeschwächt durchzuführen und zu vollenden; dann wird trotz mancher Unbill hoffentlich der Rathhausbau den fernsten Nachkommen noch ein sichtbarer Zeuge dafür sein, daß, wenn auch alles Menschenwerk nicht tadellos sein kann, doch der Ernst im Streben und Wollen unserer Zeit nicht verloren ging. Das städtische Verwaltungsgebäude aber wird sich als eine weitere Zierde unseren vielen Kunstbauten würdig anschließen.

P. H.



Aufruf zur Betheiligung an der deutschen Kaulbachstiftung. Der nachgehende Aufruf geht uns aus Nürnberg zur Veröffentlichung zu. Wir fügen demselben den Wunsch bei, er möge in den weitesten Kreisen Beachtung finden.

„Auf Lorbeeren gebettet, überhäuft mit Kränzen aus allen deutschen Gauen, ruht Wilhelm von Kaulbach im Schatten der Cypressen des Münchener Friedhofs. Wir haben uns daran gewöhnt, einen der streitbarsten Vorkämpfer deutscher Cultur nicht mehr im Vordertreffen zu sehen, und nachdem auf das jüngst erst gefeierte Jubelfest des ungealterten Künstlers überraschend schnell sein Todtenmahl gefolgt und der allerwärts ertönende Nachruf des großen Meisters verklungen ist, erhebt sich mahnend die Frage:

Wie wird das deutsche Volk, würdig des gottbegnadeten Künstlers, das Andenken seines großen Sohnes ehren?

Es wird sich ein prunkendes Denkmal nach Gebühr erheben, um den kommenden Geschlechtern das Bild des über seine Zeitgenossen emporragenden Heros zu überliefern. Es wird manches Künstlerherz bei seinem Anblicke höher schlagen, angeeifert von dem Ruhme des schwer erreichbaren Vorbildes. Aber genügt das glänzende Erz, genügt der todte Stein, um deutlich auszusprechen, wie sehr die deutsche Nation die Bedeutung des Mannes zu schätzen weiß, der mit einer wunderbaren Gabenfülle unsere künstlerische Anschauung bereichert, uns der Welt, der Vorzeit, dem Geiste der Geschichte, dem Verständnisse der menschlichen Seele und unserer Culturaufgabe näher gebracht hat?

Wir antworten: Nein!

Es genügt nicht für diesen aufstrebenden Geist, der in wunderbarer Beweglichkeit mit der Liebenswürdigkeit eines schalkhaften Humors uns die Falten von der Stirn gescherzt und zugleich mit dem tiefen Sinne des Philosophen und Forschers das Bild der Geschichte im Abglanze der Schönheit uns vorgeführt und die Höhen und Tiefen des Menschengeistes in ergreifenden Bildern uns anschaulich gemacht hat, der mit dem Blitzstrahle des Witzes und der berechtigten Satire so manchen Götzen des Afterglaubens zu zerschmettern, der mit der Schärfe des Schwertes die Frömmler und Sophisten zu treffen wußte, um dann desto höher das reine Bild menschlicher Tugend zu erheben, der uns das Niedrige kennen lehrte, um daneben das Erhabene um so heller im elektrischen Feuer einer wunderbaren Phantasie leuchten und uns über dem Schönen und Guten das Gewöhnliche vergessen zu lassen. Dieser aufstrebende Geist, dieser für deutsches Land und Volk warm empfindende Mensch, dieser bevorzugte Genius soll nicht erstarren in einem stummen Denkmal, und nicht allein seinen Werken soll es trotz der in ihnen schlummernden Zauberkraft überlassen bleiben, die lebendige Fortwirkung seines Schaffens auf die folgenden Geschlechter zu vermitteln.

Ehrenpflicht der ganzen Nation ist es, ihrer Culturaufgabe für die Kunst durch werkthätige Theilnahme an einem auch dem großen Todten zu errichtenden geistigen Denkmale gerecht zu werden.

Sowie dereinst in Griechenlands classischer Zeit jedem Bürger sein Obolos zu Theil ward, der ihm den Zutritt zum Tempel der Kunst sicherte, so soll auch heute jedem Jünger der Kunst sein Schärflein sicher sein, daß er auf ihrem langen Wege nicht aus Mangel an Mitteln ermatte und seinem hohen Ziele ferne bleibe. „Für das Schöne und Gute“ lautet also die Losung, wenn wir das deutsche Volk, von der Mosel bis zur Leitha, aufrufen bei der in Nürnberg in’s Leben getretenen W. Kaulbach-Stiftung durch frische, fröhliche Gaben sich zu betheiligen. Im Sinne Kaulbach’s, der über den Parteien stand, wird die Stiftung handeln, wenn sie, wie ihre Satzungen bestimmen, ihre Mittel zur Förderung deutscher Künstler ohne Rücksicht auf politische Grenzen, Wohnort, Alter und Geschlecht in Aussicht stellt, wenn sie zugleich der Ansicht beipflichtet, daß nicht das specielle Kunstfach, sondern nur die persönliche Tüchtigkeit der Bewerber bei der Zuwendung der verfügbaren Stiftungsrenten entscheiden soll. Gewiß wird eine ergiebige Ausstattung der Stiftung die Garantie dafür bieten, daß würdig unterstützte Talente nicht einer falschen Kunstrichtung fröhnen, sondern, geleitet von Kaulbach’s und seiner großen Kunstgenossen Beispiel, die Durchgeistigung des Stoffes sich zur Aufgabe machen und in der Erfassung des Wesentlichen, in der Verkörperung des Gedankens, in der Veredlung ihres Volkes ihr Ziel erkennen werden. Die als Sitz der Stiftung gewählte ehemalige Reichsstadt Nürnberg, die noch heute von Allen verehrte Heimstätte altdeutscher Kunst, ist gewißlich werth, einen vom deutschen Volke für einen edlen Zweck zusammengesteuerten Schatz fruchtbringend zu verwalten. Deshalb leben wir der Hoffnung, daß unsere Bitte nicht ungehört in deutschen Landen verhallen werde.

Der Ausschuß der deutschen Kaulbach-Stiftung in Nürnberg:
Erster Vorstand: F. C. Mayer,        Zweiter Vorstand: S. Soldan,
Hofrath und Professor an der        Hofbuch- und Kunsthändler.
königl. Kunstschule.         
Secretär: R. Geisler, Maler.
H. Beckh. Rechtsanwalt. Dammer, königl. Bezirks-Gerichtsrath. Egloff, Kupferstecher. W. Heinrichsen, Fabrikant. Hösch, Maler. C. Jäger, Maler und Professor. Klingenstein, Bildhauer und Professor. Freiherr von Kreß, Rechtsconcipient. S. Pickert, Kunsthändler. Richter, Kaufmann. L. Ritter, Maler. Rorich, Maler. Schüßler, Officiant. Schweigel. Lieutenant a. d. E. Seitz. Kaufmann. Tümmel, Buchdruckereibesitzer. Wanderer, Maler und Professor.“


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Mashya und mesha ist unser „Mensch“ und bedeutet sterblich, amesha, sanskrit amartya, griechisch άμβροτος, lateinisch immortalis, unsterblich, und çpentas ist das lateinische sanctus, littauisch swentas, heilig.
  2. Brätlein nennt man im Schwabenlande Sauerkraut mit Spätzlein („Knöpfle“), vom Mittagstische übrig geblieben und im Ofenrohre bis gegen Abend zugebrätelt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: die