Die Gartenlaube (1870)/Heft 46

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 46. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften 5 Ngr.


Hermann.
Novelle von C. Werner.
(Fortsetzung.)


Eugen wollte bitten, beschwören, um der Absicht seines Freundes, die er nur dunkel ahnte, Einhalt zu thun, aber es war bereits zu spät. Vor der Thür des Pavillons rauschte ein Gewand, und gleich darauf trat eine junge Dame über die Schwelle.

Gräfin Antonie Arnau war nun allerdings eine Erscheinung, deren bloßer Anblick schon die Leidenschaft eines jungen Künstlers rechtfertigen konnte. Eine schlanke feine Gestalt, von wahrhaft poetischer Schönheit. Aus dem etwas bleichen Gesicht blickten ein Paar dunkle Augen, voll schwärmerischen Feuers, die schwarzen Locken flossen, idealisch geordnet, auf das weiße gestickte Morgenkleid nieder. Die Haltung war die vollendete Grazie, aber dennoch lag darin ein Etwas, was errathen ließ, daß die Gräfin sich ihrer Schönheit und überhaupt ihrer Stellung in der Welt vollkommen bewußt war.

Sie reichte ihrem Vetter vertraulich die Hand, während sie den Gruß Eugen’s nur mit einem Lächeln beantwortete, und sagte dann scherzend: „Ich glaubte heut Morgen die Erste im Park zu sein, sehe aber, daß mir die Herren bereits zuvorgekommen sind und hier im Pavillon eine äußerst wichtige Conferenz mit einander haben.“

Hermann zuckte die Achseln. „Wichtig, ja, aber leider resultatlos! Ich bemühe mich seit einer Stunde vergebens, Eugen von der Nothwendigkeit zu überzeugen, mich auf meiner Reise nach Italien zu begleiten.“

„Wie, Herr Reinert“ – der Blick der schönen Frau fiel befremdet und vorwurfsvoll auf den jungen Maler – „Sie zögern noch? Ich hielt Ihre Reise für eine ausgemachte Sache und glaubte bestimmt, Sie im Winter an Hermann’s Seite in Rom wiederzusehen.“

Eugen schwieg, er schickte einen halb bittenden, halb drohenden Blick zu seinem Freunde hinüber, den dieser aber nicht zu bemerken schien, denn er erwiderte ruhig:

„Du bist im Irrthum, Antonie, Eugen hat seinen Plan geändert. Er entsagt der Reise und zieht es vor, nach seiner Vaterstadt zurückzukehren, um sich dort eine bescheidene Häuslichkeit zu gründen und seine Braut –“

„Hermann!“ fuhr Eugen, der bisher vergeblich versucht hatte, ihm in’s Wort zu fallen, jetzt drohend auf.

„Und seine Braut; eine dortige Bürgerstochter, möglichst bald zum Traualtar zu führen,“ vollendete Hermann, ohne im Geringsten aus der Fassung zu kommen.

Die Wirkung dieser Worte auf Antonie war eine furchtbare. Im ersten Moment wurde sie todtenbleich, und ihre Hand faßte wie bewußtlos die Lehne des Armsessels, um sich vor dem Sinken zu bewahren, dann plötzlich schoß eine flammende Röthe in ihr Antlitz, und aus den dunkeln Augen sprühte ein Blitz hervor – ein Blick, der das schöne Gesicht geradezu unschön machte, ein Blick, der Eugen, welcher noch immer fassungslos dastand, vernichten zu wollen schien. Dann, den letzten Rest ihrer Besinnung zusammenraffend, wandte sie sich von den Beiden ab, dem Fenster zu und entzog so wenigstens ihr Antlitz dem scharf beobachtenden Auge Hermann’s.

Dieser fühlte wohl, daß bei der nun folgenden Erklärung die Gegenwart eines Dritten überflüssig sei, Antonie hatte sich bereits genug verrathen. Er nahm seinen Hut vom Tische. „Entschuldigt mich für einige Minuten. Ich habe vergessen, im Schlosse einen nothwendigen Befehl zu geben. Ich komme sogleich wieder zurück.“

Es hätte des Vorwandes kaum bedurft, weder Antonie noch Eugen schienen ihn zu hören, und der junge Graf Arnau, der einen Abscheu vor allen sogenannten Scenen hatte und eine der stürmischsten hier herankommen sah, beeilte sich den Pavillon zu verlassen, dessen Thür er hinter sich schloß.

Die beiden Zurückgebliebenen standen sich anfangs wortlos gegenüber. Antonie rang noch immer vergeblich nach Fassung, Eugen hatte noch kein Wort der Vertheidigung gefunden. Er kämpfte zwischen dem Groll gegen Hermann und der Scham über die peinliche demüthigende Lage, in welche ihn dieser versetzt hatte. Die Gräfin war es, die zuerst sprach.

„Ich bedaure, Herr Reinert, erst in diesem Augenblick durch meinen Vetter von Ihrer Verlobung Kenntniß zu erhalten, ich hätte Ihnen sonst bereits längst meinen Glückwunsch ausgesprochen.“

Der eisige Blick der schneidend kalte Ton weckten Eugen aus seiner halben Betäubung, er wollte auf sie zueilen. „Um Gotteswillen, Antonie, nicht diesen Ton!“

Mit einer stolzen verächtlichen Geberde wies sie ihn zurück. „Mein Herr, Sie scheinen zu vergessen, daß Sie zu der Gräfin Arnau reden.“

Wort und Ausdruck konnten nicht schlimmer und beleidigender gewählt sein. Eugen erblaßte, sein Selbstgefühl erwachte und gab ihm auf einmal den verlorenen Muth wieder; auf’s Tiefste verletzt trat er einen Schritt zurück.

[758] „Verzeihung, gnädigste Gräfin! Es ist das erste Mal, daß Sie es für nöthig findem an die Kluft zwischen uns zu erinnern, und ich gebe Ihnen mein Wort, es wird auch das letzte Mal sein.“

Er verneigte sich und schritt nach der Thür, Antonie sah ihm ungewiß nach. Sie fühlte, daß sie zu weit gegangen war, daß sie mindestens so nicht hätte sprechen dürfen. und rasch in der Reue wie im Zorn, rief sie ihn zurück.

„Reinert!“

Er wandte sich halb um. „Sie befehlen, gnädigste Gräfin?“

Jetzt war es aber vorbei mit dem Stolz und der Selbstbeherrschung der leidenschaftlichen Frau, die von beiden ohnehin nur ein sehr kleines Theil besaß. Gewohnt jedem Gefühlsausbruch nachzugeben, sank sie auf das Sopha nieder und brach in ein heftiges Weinen aus.

Eugen hörte dies Weinen und blieb stehen; er sah zurück, sah das schöne von Thränen überströmte Antlitz nach ihm gewendet, und im nächsten Augenblick war er wieder an ihrer Seite.

„Sie weinen, Gräfin? – Darf ich zu Ihnen sprechen? – Antonie, wollen Sie mich ungehört verdammen?“

Diesmal erfolgte keine so herbe Abweisung des vertraulichen Tons. Sie blickte zu ihm empor, noch kämpfend zwischen Zorn und Liebe, aber Eugen sah es, daß er sich rechtfertigen durfte, und er zögerte nicht es zu thun.

„Ich bin gebunden, ja! Und diese unseligen Bande sind der Fluch meines Lebens geworden. Als ich im vergangenen Jahre meine Vaterstadt besuchte, sah ich dort eine Jugendgespielin wieder. Sie war eine Waise, kaum der Kindheit entwachsen, ich glaubte sie zu lieben, der Vormund drang auf Erklärung – so ward sie meine Braut. Es war eine Uebereilung, aber ich trug die Fessel und hätte sie geduldig weiter getragen. Da kam ich hierher, da sah ich Dich, Antonie, und von dem Augenblicke an begann der lange furchtbare Kampf zwischen Pflicht und Leidenschaft. Ich muß mich losreißen von Dir, von jeder Erinnerung an Dich, wenn ich ihm nicht erliegen will. Mag mein Talent, meine ganze Zukunft zu Grunde gehen in jenem eng begrenzten Kreise, mag ich selbst verzweifeln in einer öden freudlosen Ehe – was gilt mir die Kunst, was das ganze Leben noch, wenn ich Dir entsagen muß!“

Er hatte mit immer steigender Leidenschaft gesprochen, und Antonie hatte zu weinen aufgehört, der Zorn wich dem Mitleiden, und als er endigte, da war jeder Vorwurf untergegangen in der Angst, den Geliebten zu verlieren. Gräfin Arnau war nicht die Frau, fremde Ansprüche anzuerkennen, wo sie allein besitzen wollte.

„Entsagen?“ fragte sie leise mit gesenkten Augen, aber es lag eine unendliche Verheißung in diesem Tone, „und weshalb denn?“

„Du fragst noch? Darf ich es denn wagen, um Dich zu werben? Ich bin arm, Du weißt es, ich habe nichts als meine Kunst, Du stehst so hoch, so glänzend im Leben da –“

Sein Blick, der brennend heiß auf der schönen Frau lag, strafte die entsagenden Worte Lügen. Sie sah zu ihm auf und lächelte.

„Und ich bin frei, Eugen, ganz frei! Das hattest Du wohl vergessen?“

„Antonie!“ Er stürzte in ausbrechender Leidenschaft zu ihren Füßen. „Gieb mir diese Hoffnung, gieb mir die Gewißheit, daß ich Dich einst besitzen werde, und ich breche meine Ketten, koste es, was es wolle. Sage mir, daß Du die Meine werden willst, trotz Deines Namens, Deiner Familie, und ich werfe alle Schranken nieder und erobere mir mein Glück, wenn es sein muß, mit Gewalt!“

Antonie beugte sich zu dem Knieenden nieder, der volle heiße Blick der Liebe brach aus ihren Augen, sie war hinreißend schön in diesem Augenblicke. „Ich fürchte keine Schranken. Ich habe es ja erfahren müssen in einer gezwungenen Ehe, wie leer und öde Glanz und Reichthum das Leben lassen, ab will nur Liebe, mein Eugen. Mache Dich frei, folge Deinem Genius, und dann, wenn Dein erstes Werk Dir einen Künstlernamen errungen hat – dann komm’ und hole Dir den Siegespreis!“




Die Frische des Morgens war vorüber, ein heißer Junimittag brütete über dem Dorfe, das ungefähr eine halbe Stunde von dem Schlosse entfernt lag, auf dem sich Graf Arnau und Eugen Reinert gegenwärtig als Gäste befanden. Die Post, die vor einer Stunde durch’s Dorf gekommen war, hatte hier Reisende abgesetzt, einen alten Herrn und ein junges Mädchen. Beiden schien die enge, dumpfe Gaststube gleich unerträglich zu sein; der alte Mann saß im kleinen Hintergärtchen, während seine Begleiterin vor die Thür des Hauses getreten war und nachdenklich die Umgebung musterte.

Das Dorf lag still, wie ausgestorben, die Leute waren meist auf dem Felde beschäftigt, nur eine Schaar Kinder spielte, unbekümmert um die Sonnengluth, inmitten der breiten Dorfgasse. Da klang von fern her das Rollen eines Wagens, und gleich darauf kam ein elegantes Jagdfuhrwerk hinter der Waldecke zum Vorschein. Der Kutscher saß auf dem hintern Sitz, während der Herr selbst die muthigen Rappen lenkte; er sah jedenfalls die spielenden Kinder, schien aber der Meinung zu sein, daß auch sie ihn sehen und ihm zu rechter Zeit ausweichen würden, denn er fuhr im schärfsten Trabe mitten durch’s Dorf, obwohl ein Ausweichen auf dem breiten Wege nicht schwer gewesen wäre. In der That stob die kleine Schaar beim Herannahen eiligst nach rechts und links auseinander; nur Einer, ein kleiner Bube von vielleicht zwei Jahren, blieb in vollständiger Unkenntniß der Gefahr ruhig sitzen, und als der erschreckte Zuruf der anderen Kinder ihn aufscheuchte, war der Wagen bereits ganz nahe. Jetzt endlich machte er den Versuch aufzustehen, aber bestürzt und des Laufens noch ungewohnt, strauchelte er schon beim ersten Schritt und fiel dicht vor den Pferden nieder. Der Führer des Wagens, der in diesem Augenblicke erst das Kind bemerkte, zog zwar sofort und mit aller Kraft die Zügel an sich, aber die feurigen, im vollsten Laufe begriffenen Thiere standen nicht sogleich, sie drängten noch einige Schritte vorwärts, und der Knabe schien verloren. Da plötzlich flog das junge Mädchen herbei, riß mit einer einzigen blitzschnellen Bewegung das Kind, fast unter den Hufen der Pferde weg, in ihre Arme und sprang mit ihm seitwärts. Es war die höchste Zeit gewesen! Einen Moment später standen die Thiere, aber ihre Hufe stampften den Ort, wo der Kleine gelegen, der während der Gefahr selbst vor Schrecken und Betäubung ganz still geschwiegen hatte, jetzt aber, wo er sich gerettet sah, in ein lautes klägliches Geschrei ausbrach.

Graf Arnau gab die Zügel in die Hand seines Kutschers, sprang vom Wagen und näherte sich den Beiden. „Hat Jemand Schaden genommen?“ fragte er hastig.

„Ich nicht, aber das Kind –“

Ohne ein Wort weiter zu verlieren, nahm Hermann den Kleinen aus ihren Armen, besah und befühlte ihn, nicht sehr sanft, aber sehr gründlich von allen Seiten, und überzeugte sich bald, daß er nicht die geringste Verletzung davongetragen hatte.

„Es ist Nichts,“ sagte er ruhig. „Er war nur erschreckt; gieb Dich zufrieden, Schreihals, Du bist noch glücklich genug davongekommen!“

Achtlos setzte er das Kind, das, eingeschüchtert durch den herben Ton, stillschwieg und ihn ängstlich mit den großen thränenvollen Augen ansah, auf den Boden nieder und wendete sich dann artig, aber gleichgültig zu seiner Retterin.

„Sie haben sehr viel Muth bewiesen, mein Fräulein. Ich war unvermögend, die Pferde so schnell zum Stehen zu bringen, ohne Sie war der kleine Bursche dort verloren.“

Sein Blick überflog während dieser Anrede rasch und scharf das junge Mädchen. Es war ein noch sehr jugendliches Wesen, das da vor ihm stand, sechszehn, höchstens siebenzehn Jahre alt, schlank, zart und sehr einfach gekleidet. Bei der heftigen Bewegung, mit der sie das Kind emporgehoben, war der runde Strohhut von ihrem Kopfe geglitten, er hing jetzt lose im Nacken, und der volle heiße Mittagssonnenschein überfluthete das Antlitz und das goldig schimmernde Haar, das vorn einfach gescheitelt, am Hinterkopf in reichen Flechten übereinander gelegt war. Vielleicht gab die blendende Beleuchtung ihr in diesem Augenblicke einen besonderen Reiz, denn schön war das Gesicht eigentlich nicht, wenigstens noch nicht, obgleich die Linien künftiger Schönheit sich bereits in seinen Zügen verriethen. Jetzt waren sie noch weich, unentwickelt und ganz und gar kindlich; das Einzige, was dem Gesicht einen eigenthümlichen Reiz lieh, waren ein Paar große tiefblaue Augen von ungewöhnlichem, fast räthselhaftem Ausdruck. Es lag ein Ernst darin, der weit über diese sechszehn Jahre hinausging, mehr noch, ein Schatten wie ihn sonst erst ein ganzes Leben voll Sorge, Leiden und schwerem unentfliehbarem Druck auf ein Menschenantlitz zeichnet. Das Antlitz des jungen Wesens freilich war noch unberührt davon geblieben, [759] die kindliche Stirn zeigte keine Falte, der Mund keinen herben Zug, aber im Auge, da lag jener Schatten schwer und tief, als sie es jetzt ernst und vorwurfsvoll zu dem Grafen emporhob.

„Ein Menschenleben scheint in Ihren Augen sehr wenig zu gelten, Sie gehen leicht genug über seine Gefahr hinweg.“

Graf Arnau sah bei dieser unerwarteten Zurechtweisung sehr erstaunt auf und maß die jugendliche Hofmeisterin mit einem langen, verwunderten Blick. „Der Bube ist ja heil und gesund!“ sagte er in wegwerfendem Tone, „er schreit nur zum Vergnügen.“

„Aber einen Moment später, und er wäre von den Pferden zertreten worden.“

Hermann zuckte die Achseln. „Wäre! – Ja wenn wir um Alles sorgen wollten, was hätte geschehen können, so reichte der Tag nicht aus zum Beklagen all’ der möglichen Vorfälle. Zum Glück ist hier Nichts geschehen, Ihre muthige Dazwischenkunft hat mich von einer unangenehmen Verantwortung befreit. Ich bedaure sehr, Sie erschreckt zu haben.“

„Ich bin nicht erschreckt.“ Die Worte klangen kalt und abweisend, die Art, wie er den ganzen Vorfall behandelte, schien das junge Mädchen zu verletzen. Sie kniete neben dem Kinde nieder und bemühte sich, das Gesicht und die Händchen des Kleinen von dem Sande zu reinigen der glücklicherweise die einzige Spur war, die der Unfall zurückgelassen.

Hermann blieb stehen und sah ihr zu. Er hatte bisher die Ansicht festgehalten, daß, mit Ausnahme seiner Großmutter, die er in Folge ihres energischen männlichen Charakters kaum zum weiblichen Geschlecht rechnete, jede Frau beim Anblick einer Gefahr in Ohnmacht fallen oder Weinkrämpfe bekommen müsse, und war sehr überrascht, hier eine zweite Ausnahme zu finden. „Ich bin nicht erschreckt,“ hatte sie erklärt, und sie war es in der That nicht. Das Gesicht hatte seine natürliche Farbe behalten, die Hände zitterten nicht im Geringsten, als sie sanft und geschickt ihre Arbeit verrichtete, das Mädchen zeigte jetzt ebensoviel Ruhe, als es vorhin schnelle Geistesgegenwart bewiesen hatte.

Jetzt öffnete sich die Thür eines der nächsten Häuser, eine Tagelöhnerfrau, ärmlich und ziemlich unsauber gekleidet, mit ungeordneten Haaren und einem stumpfen, ausdruckslosen Gesicht kam eilig herbei, um den Knaben aus den Armen der Fremden zu nehmen, – der Graf faßte in seine Tasche.

„Das Kind wäre beinahe unter meinen Wagen gerathen, gebt in Zukunft besser Acht darauf. Hier ist Etwas für den Schreck.“

Die stumpfen Züge der Frau, die kaum einige Besorgniß ausgedrückt hatten, belebten sich beim Anblick des blanken Thalers, der ihr in vornehm gleichgültiger Weise dargereicht ward. Sie knixte tief und dankte dem „gnädigen Herrn Grafen“ für seine Güte. Das junge Mädchen hatte sich halb von den Knieen erhoben, ihre großen Augen gingen langsam von der Mutter zu dem Kinde und dann wieder zu dem Gelde, das jene in der Hand hielt, sie stand plötzlich auf, kehrte der Gruppe den Rücken und ging, ohne ein Wort zu verlieren, dem Wirthshause zu.

Mit einigen raschen Schritten hatte Hermann sie eingeholt. „Sie sehen, der Schaden war schnell genug vergütet. Die Frau segnet jedenfalls den Unfall, der ihr das Tagelohn einer ganzen Woche eingebracht hat.“

Die Worte klangen halb wie Spott und halb doch wieder wie eine Art Entschuldigung, die Angeredete preßte die Lippen zusammen. „Ich glaubte nicht, daß eine Mutter so wenig Selbstachtung besitzen könne, sich die Angst um ihr Kind in solcher Weise abkaufen zu lassen.“

Hermann lächelte sarkastisch. „Selbstachtung! Bei einer Tagelöhnerfrau? Verzeihung, mein Fräulein, aber Sie kommen jedenfalls aus der Stadt und kennen unser Landvolk nicht.“

„Man kann auch in der Stadt die Armuth kennen lernen, zumal wenn man durch keine so unendlich weite Kluft davon geschieden ist, wie Sie, Herr Graf.“

Hermann biß sich auf die Lippen. „Ich meine,“ entgegnete er nun seinerseits scharf, „die Bildung, welche Sie von jenen Leuten trennt, ist eine ebenso weite Kluft. Haben Sie in der That so große Sympathien für dies stumpfsinnige, verkommene Volk?“

„Ich habe Sympathie für alles Unterdrückte und Elende.“

„Wirklich?“

Sie hatten inzwischen das Wirthshaus erreicht, das junge Mädchen machte eine leichte Verbeugung und legte die Hand an den Drücker, aber Hermann kam ihr zuvor. Er öffnete die Thür, ließ sie vortreten und folgte in das Gastzimmer.

Sie blieb stehen und sah ihn befremdet und abweisend an, es war augenscheinlich, daß sie nicht wünschte, das Gespräch fortzusetzen. Der Graf aber nahm es trotzdem wieder auf.

„Wirklich?“ wiederholte er und fügte dann in etwas gereiztem Tone hinzu: „Es scheint, daß Sie auch mich zu den Unterdrückern rechnen. Hoffentlich beschuldigen Sie mich nicht, das Kind gesehen und absichtlich überfahren zu haben.“

„Nein, aber die ganze Kinderschaar mußten Sie sehen. Warum wichen Sie ihr nicht aus?“

„Den Dorfkindern!“ rief der junge Graf mit einem so unverstellten Erstaunen, daß man wohl sah, der Gedanke daran war auch nicht im Entferntesten in seine Seele gekommen. „Ich soll den Kindern der Unterthanen meines Oheims ausweichen?“

Die Zumuthung kam ihm augenscheinlich ganz unerhört vor, die junge Fremde schien im Begriff zu antworten, aber plötzlich hielt sie inne und beugte sich aufhorchend vor. Ein halbunterdrückter Schrei der Freude entfloh ihren Lippen; sie hob wie unwillkürlich die Arme und war im Begriff fortzueilen, als sie sich auf einmal der Gegenwart Hermann’s erinnerte. Eine dunkle Röthe übergoß ihr Antlitz, langsam ließ sie die Arme wieder sinken und blieb wie angewurzelt stehen. Der Graf war der Richtung ihrer Blicke gefolgt und erkannte jetzt auch die Ursache dieser plötzliche Veränderung, Eugen Reinert, der, nachdem er bereits draußen im Hausflur eine hastige Frage gethan, rasch und ohne die Nähe seines Freundes zu bemerken in’s Zimmer trat.

„Gertrud! Um Gotteswillen, Du hier!“

Sie flog auf ihn zu und reichte ihm mit einem strahlenden Lächeln, das das ganze jugendliche Gesicht verklärte, beide Hände entgegen, aber ein leises Wort aus ihrem Munde schien ihm zugleich zu sagen, daß sie nicht allein seien. Eugen blickte auf und fuhr beinahe zusammen.

„Ah, Hermann, Du bist es?“

Eine minutenlange drückende Pause folgte dem Wiedersehen. Gertrud blickte befremdet und fragend zu Eugen empor, der bleich und sichtbar verstört ihre Hand festhielt, ohne zu sprechen. Graf Hermann lehnte schweigend mit übereinandergeschlagenen Armen am Tische und sah unverwandt die Beiden an; der herbe feindliche Zug in seinem Gesichte trat in diesem Augenblick in wahrhaft erschreckender Weise hervor.

„Verzeih’, Gertrud,“ begann Eugen endlich, sich mühsam fassend, „ich glaubte, Dich allein zu finden. Du kennst –?“

„Nein,“ unterbrach sie ihn rasch. „Ich traf nur durch Zufall mit jenem Herrn zusammen.“

Es schien Eugen eine furchtbare Ueberwindung zu kosten, aber er nahm ihre Hand und führte sie dem Grafen zu.

„Meine – meine Braut, Hermann! – Gertrud, mein nächster, bester Freund, Graf Arnau.“

Gertrud war im Begriff, die kalte, sehr gemessene Verbeugung Hermann’s in gleicher Weise zu erwidern, bei Nennung seines Namens aber zuckte sie jäh zusammen. Eine Todtenblässe überzog plötzlich das eben noch so strahlende Gesicht, und ihre starren, weitgeöffneten Augen hefteten sich mit einem Ausdruck auf den jungen Grafen, der Eugen erschreckte, obwohl er ihm völlig unverständlich blieb.

„Was hast Du, Gertrud? Was ist Dir?“

„Nichts! Nichts!“ Sie strebte sichtbar, sich zu fassen, es gelang auch einigermaßen, aber der seltsame Blick war noch immer in ihrem Auge, während sie wie unwillkürlich weiter und weiter zurückwich und Eugen fast gewaltsam mit sich zog.

Hermann wendete sich rasch um. „Ich will die erste Zusammenkunft mit Deiner Braut nicht stören,“ er legte eine scharfen, hohnvollen Ausdruck auf das Wort. „Ich fahre jetzt nach dem Schlosse. Auf Wiedersehen denn!“ Mit kurzem Gruße verließ er das Zimmer und trat in’s Freie. Das – das also war Gertrud Walter, die Braut Eugen’s, das „kleine Bürgermädchen, das seinem vornehmen Freunde so widerwärtig erschien, weil es sich in die Laufbahn eines Mannes drängte und ihn in seine eigene niedere Sphäre herabziehen wollte.“ Ja freilich, er hatte sie sich anders vorgestellt, aber es war auch ein zu seltsamer Widerspruch zwischen dieser kindlichen Erscheinung und den so ganz unkindlichen Antworten, die sie zu geben wußte. Beides hatte [760] keineswegs den Beifall des Grafen, im Gegentheil, er Ärgerte sich, daß er sich von diesem Mädchen hatte imponiren lassen. Und dann – weshalb haßte sie ihn? Hermann verstand sich besser auf’s Beobachten, als sein leidenschaftlicher Freund, er wußte sehr wohl, daß es nicht Furcht oder Schrecken, daß es ganz entschieden Haß gewesen, der bei Nennung seines Namens aus ihrem Auge flammte, ein glühender energischer Haß, wie er ihn noch nie in dem Antlitz eines Weibes gesehen. Welchen Grund hatte sie, ihn zu hassen?

„Bah, ich kann es mir denken, Eugen wird ihr in seinen Briefen verrathen haben, daß ich es bin, der stets gegen diese Verbindung eifert, und Mademoiselle Walter sieht jetzt in mir das feindliche Element, das ihrem Glücke droht, und beehrt mich demgemäß mit ihrem Hasse. Schade um die energische Empfindung, die an einen so kleinlichen Beweggrund verschwendet wird!“ Die Lippen des Grafen kräuselten sich verächtlich, in der übelsten Laune stieg er auf, nahm seinem Kutscher die Zügel aus der Hand und fuhr im schärfsten Trabe davon. Es lag ein finsterer, trotziger Ausdruck auf seinem Gesicht, während er die Pferde zum vollsten Jagen antrieb; als aber am Ausgange des Dorfes zwei alte Frauen, die auf dem Wege standen, dem herrschaftlichen Wagen heiligst ausweichen wollten, sahen sie zu ihrem großen Erstaunen, daß derselbe seitwärts lenkte und in ziemlicher Entfernung an ihnen vorüberflog.




Es war Abend geworden, aber die Schwüle des Tages hatte noch nicht nachgelassen, im Westen drohte es gewitterschwer und die Landleute eilten vom Felde heimzukommen. Ohne Ahnung des herannahenden Unwetters, das der Wald für jetzt noch ihren Blicken entzog, ging Gertrud Walter den Fußweg entlang, der zum Schlosse führte. Sie sah noch ernster und nachdenklicher aus als heute Mittag, Eugen’s ganzes Wesen war ihr so seltsam verändert und verstört erschienen. Er hatte es nicht vermocht, seine sichtbare Unruhe und Aufregung zu verbergen, hatte auf keine ihrer Fragen Rede stehen wollen und sich nach kaum einer Viertelstunde von ihr losgerissen, unter dem Vorgeben, daß seine Gegenwart auf dem Schlosse dringend nothwendig sei. Betreten war Gertrud allerdings über dies Benehmen, aber von einem Argwohn kam auch nicht die leiseste Spur in ihre Seele, sie glaubte vollkommen der Erklärung ihres Verlobten, daß er eine ernste Unannehmlichkeit gehabt, die ihn so tief verstimmte, und erwartete mit Ungeduld die verabredete Zusammenkunft heute Abend, in der er versprochen hatte, ihr Alles zu entdecken. Sie wollte Theil haben an seinem Unglück, wollte rathen, trösten, helfen so weit es in ihrer Macht stand – freilich ahnte sie nicht im Entferntesten, welche Entdeckung ihrer wartete.

Es war die Stunde seines Kommens; sie war ihm entgegengegangen und stand jetzt wartend auf der Hälfte des Weges. Weiter zu gehen wagte sie nicht, denn man sah von hier aus durch eine Lichtung des Waldes bereits das Schloß, wohin, wie Eugen sagte, ihn ein Auftrag geführt, mit dessen Ausführung er eben beschäftigt war. Das junge Mädchen setzte sich auf einen Baumstamm nieder und ließ die gefalteten Hände in den Schooß sinken. Sie sah in diesem Augenblicke noch ganz und gar kindlich aus und ihr Gesicht trug: trotz der Sorge, die darauf lag, doch den Ausdruck des vollsten innigsten Vertrauens, als sie so in die Ferne blickte. Aber plötzlich änderte sich dieser Ausdruck; ihr Blick hatte das Schloß gestreift, das aus den Tannenwipfeln links herübersah, und damit schien irgend eine andere finstere Erinnerung heraufzusteigen. Es legte sich wie ein Schatten auf die jugendlichen Züge, die Lippen preßten sich heftig aufeinander, die verschlungenen Finger lösten sich, sie strich hastig einige Male mit der Hand über die Stirn, als wolle sie einen quälenden Gedanken verscheuchen, und blickte dann angestrengt nach jener Richtung, von der Eugen kommen mußte.

Jetzt erschallten auch wirklich Tritte von dorther. Gertrud sprang empor, aber es waren die Tritte zweier Personen. Das junge Mädchen stand unentschlossen, ob sie vorwärts eilen oder warten solle; da drang eine scharfe klare Stimme zu ihr herüber und machte sofort jedem Zögern ein Ende. Sie erbleichte; Eugen in dieser Begleitung treffen? Nun und nimmermehr. In der nächsten Minute war sie hinter ein dichtes Gebüsch getreten, das sie den Blicken der Kommenden völlig entzog.

„Ich habe den ganzen Nachmittag vergeblich eine Minute des Alleinseins mit Dir gesucht,“ sagte die Stimme Eugen’s, „aber Du schienst absichtlich auszuweichen und Antonie ließ mich nicht einen Augenblick von ihrer Seite. Du mußt mich jetzt hören, Hermann, ich bedarf Deines Rathes, Deines Beistandes.“

„Wozu?“

Die beiden jungen Männer waren inzwischen aus dem Walde hervorgekommen, und der Graf blieb unmittelbar vor dem Gebüsch stehen.

„Wozu?“ wiederholte er noch einmal.

Eugen sah ihn an, etwas betreten über den eisigen Ton „Du fragst mich noch? Du weißt es ja, daß Gertrud hier ist, und kannst Dich in meine peinvolle, entsetzliche Lage hineindenken.“

„Willst Du mir nicht vor allen Dingen sagen, wie Deine ehemalige Braut hierher gekommen ist?“

„Durch den unseligsten Zufall von der Welt! Ihr Vormund will Verwandte in A. besuchen und hat sie dorthin mitgenommen. Sie müssen unser Dorf passiren, und Gertrud, die natürlich meinen jetzigen Aufenthalt kennt, bestimmt den Oheim, einen Tag anzuhalten, um mir eine, wie sie meint, frohe Ueberraschung zu bereiten. Ich dachte in die Erde zu sinken, als ich heute Mittag die Nachricht ihres Hierseins erhielt!“

„So?“ Die eigenthümliche Kälte in dem Tone des Grafen bildete einen scharfen Contrast gegen die leidenschaftliche Heftigkeit Eugen’s. „Das ist allerdings ein sehr peinlicher Zufall! Und was gedenkst Du nun zu thun?“

Der junge Mann fuhr mit der Hand über die Stirn. „Ich weiß es nicht!“ sagte er gepreßt. „Ich gab einen wahrscheinlichen Vorwand meiner Verstimmung an und riß mich so schnell wie möglich los, um ihr nicht Rede stehen zu müssen; aber sie erwartet mich heute Abend, sie wird mit Fragen, mit Bitten in mich dringen. – Rathe mir, Hermann, was soll ich thun?“

Der Graf setzte sich auf den Baumstamm nieder, den Rücken gegen das Gebüsch gekehrt; er gab seine kühle abweisende Haltung nicht eine Minute auf. „Etwas, was Dir nicht leicht werden wird, aber nichtsdestoweniger geschehen muß – ihr die Wahrheit sagen.“

„Unmöglich! Das kann ich nicht!“

„Eugen!“

„Ich kann nicht!“ wiederholte Eugen leidenschaftlich: „Alles Andere, nur ihr nicht unter die Augen treten mit einem solchen Geständniß. Das vermag ich nicht!“

„Du scheinst diese Augen sehr zu fürchten. Doch gleichviel, wenn Du das Geständniß nicht wagst, was dann?“

Eugen schlug die Augen nieder. „Ich wollte,“ sagte er nach einer Pause stockend, „ich wollte ihr für jetzt noch gar nichts entdecken. Sie reist heute Abend wieder ab und ich gehe bereits in der nächsten Woche mit Dir nach Italien. Von dort aus wollte ich allmählich ein Verhältniß lösen –“

„Allmählich ein Verhältniß lösen – nun weiter, ich warte auf den Schluß.“

(Fortsetzung folgt.)




Webervögel im Berliner Aquarium.
Von Brehm.

Bei meiner ersten Ankunft in Ost-Sudahn waren der kurze Frühling und Sommer, welchen die afrikanische Regenzeit zaubermächtig über das Land bringt, bereits vorüber, die Waldungen größtentheils entlaubt, die Graswälder der Steppe dürr geworden, die Zug- und Wandervögel verschwunden, nach Norden, nach Süden geflogen. Ihre Merkmale aber hatten diejenigen, welche während der Regenzeit brüten, zurückgelassen. Auf den meisten Bäumen sah man Nester, hier mächtige, aus Dornen zusammengeschichtete Haufen, dort kleine, wie zusammengewehete Grasbüschel, an der einen Stelle festgegründete Horste, an der anderen korbähnliche,

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Die Gartenlaube (1870) b 761.jpg

Die Webervögel im Berliner Aquarium. Nach der Natur gezeichnet von E. Schmid in Leipzig.

[762] ungemein sauber gearbeitete, an dürren, biegsamen Zweigen aufgehangene, im Winde schaukelnde Geflechte. Sie, die letzteren, fesselten mich ganz besonders; sie mußten die Nester der Webervögel sein, von denen ich bereits so viel gehört und gelesen. Schade nur, daß deren Erbauer und ihre Kinder sie schon längst verlassen hatten!

Der heiße, trockene Herbst und der noch heißere, trockenere Winter vergingen, das Land allmählich in eine Wüstenei verwandelnd, unter Qualen und Sorgen. Endlich, endlich brachte der erste Regen unter Donner und Blitz, herangetrieben von einer rasenden Windsbraut, neuen Frühling über das verdorrte, schier vernichtete Land. Und am anderen Morgen waren sie da, die goldgelben Vögel, auf den altgewohnten Nistbäumen, flogen sie auf und nieder, hingen sie sich flatternd kopfabwärts an die vorjährigen Schößlinge, als wollten sie deren Tragkraft prüfen, und zerfaserten sie Nester, welche bisher allen Stürmen getrotzt, scheinbar um in der alten Kunst neu sich zu üben. Noch vierzehn Tage lang trieben sie es in der alten Weise; denn so lange mußten sie sich gedulden, weil noch keine neue Halme gewachsen waren. Doch die Regenzeit setzte tüchtig ein; kaum ein Tag verging diesmal ohne Gewitter und Niederschläge, und in den vierzehn Tagen hatte die Treibhaushitze schon brauchbares Gras in Hülle und Fülle erzeugt.

Und nunmehr begann ein Leben und Treiben, ein Arbeiten und Schaffen am Wipfel meines Beobachtungsbaumes, daß es eine Lust und Freude war zuzuschauen. Zu den wenigen Pärchen, welche ich anfänglich gesehen, hatten sich andere gefunden; aus dem Trupp war ein Schwarm, aus den Einsiedlern waren Ansiedler geworden. Alle die goldgelben Männchen baueten, als gälte es, in einem Tage fertig zu werden, und alle die grünen Weibchen sahen aufmerksam zu, steckten ihre klugen Köpfchen mit den hellleuchtenden rothen Augen in die Nester und untersuchten und prüften, ob nicht auch bald ihre Zeit gekommen, das heißt ob die von den Männchen erbaueten Nester, so weit vollendet seien, daß sie, wie es bei ihnen üblich, die letzte Hand, ich wollte sagen den letzten Schnabel, anlegen könnten. Auch diese Zeit kam heran; sie vollendeten den Bau, legten die grünlichen, braun und roth getüpfelten Eier in’s Nest und begannen zu brüten, während die Männchen noch immer am Neste zu thun hatten oder aus übergroßem Eifer bereits an einem zweiten arbeiteten. Es ging zu wie in einem Bienenstocke. Diese kamen, jene gingen; alle waren eilig, alle eifrig. Selbst das Singen geschah mit einer gewissen Hast; kein einziges Männchen schien Zeit zu haben, sein Lied zu beenden, aber jedes sang; und so klang es doch noch einigermaßen erträglich, wennschon mehr wie in einer dichtgefüllten Spinnstube. Denn geschnarrt wurde mehr als gesungen in solcher Siedelung und gezwitschert mehr als gepfiffen. Bald darauf gab’s noch mehr zu thun. Die ausgeschlüpften Jungen schrieen nach Nahrung, und die armen Mütter quälten sich ab, die Schreihälse zu befriedigen, während die Väter verzweiflungsvoll sangen, an der Ernährung der Jungen aber sich, so viel ich wahrnehmen konnte, nicht betheiligten. Und dann war auch dieses mühevolle Geschäft zu Ende gebracht worden; die Jungen der ersten, die der zweiten Brut schwärmten, mit den Alten zu unzählbaren Flügen geschaart, im Lande umher, fielen plündernd in die Felder ein, wurden ihrerseits von den Falken, welche ihre Masten herbeigelockt hatten, verfolgt und verspeist, von den gutmüthigen Menschen wenigstens nach Kräften verscheucht, bis der Winter wieder herankam und sie vor ihm in bessere Gefilde flüchten mußten.

Solche Erinnerungen waren es, welche mich veranlaßten, bei Auswahl der für das große Fluggebauer des Berliner Aquariums bestimmten Vögel meine alten Bekannten oder doch deren westafrikanische Verwandte ganz besonders zu berücksichtigen. Ich hatte sie hier und da in den Thiergärten gefunden, einzeln, wenig angesehen, den farbenschimmernden Prachtfinken gegenüber zurückgesetzt, kurz vollständig unterschätzt, und ich beschloß, ihnen gerecht zu werden in meinen Augen und ihnen zu dem gebührenden Ansehen zu verhelfen in den Augen der Menge. Zu diesem Zwecke kaufte ich sie einzeln auf, wo ich sie fand, bei deutschen, holländischen, französischen, englischen Händlern, verkommen, wie sie waren, beschmutzt von der Reise, wie sie ankamen, zahlte auch gern die mäßigen, für so unscheinbare Stücke jedoch immerhin hohen Preise. Die meisten, welche ich erhielt, waren junge Vögel, deren Geschlecht man noch nicht bestimmen konnte; einige alte gab es freilich auch darunter, jedoch fast nur Männchen. Sie wurden nach Gebühr empfangen, gebadet, ihre zu lang gewachsenen Nägel und Schnäbel so weit wie nöthig gestutzt und, nachdem sie sich genügend erholt durch die auf gewaltsamem Wege eingeleitete Mauser neu gekleidet. Nunmehr konnte ich Heerschau halten. Es war eine stattliche Gesellschaft, welche ich erworben; leider aber befand sich das schwächere Geschlecht dem stärkeren und hier auch schöneren gegenüber in beklagenswerther Minderheit, und es ergingen deshalb nochmals Briefe an die verschiedenen Händler, um diesem Mangel wo möglich abzuhelfen.

Inzwischen wurden die vorhandenen Webervögel, Angehörige von vier verschiedenen Arten (Gold-, Fuchs-, Cap- und Kapuzenweber), etwa dreißig an der Zahl, in einen eigens für sie hergerichteten Raum gebracht, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft Blutschnabelweber, andere, kleinere und minder anziehende Arten der Familie, hausen sollten. In dem Käfig waren lange biegsame Ranken einer abgestorbenen Schlingpflanze, dünne Schößlinge von Weiden und ähnliche schwankende Zweige zur Befestigung der Hängenester angebracht und so einladend als möglich angeordnet worden; ein kleiner Drahtkäfig enthielt auch die erforderliches Baustoffe, namentlich Cocosbast und ausgesuchte, schmeidige Heuhalme.

Die Männchen gingen bald an das Werk, obschon nicht mit ihrer gewöhnlichen Eilfertigkeit; sie hatten hierzu freilich auch keine Veranlassung. Die wenigen Weibchen störten mehr, als sie förderten; denn sie waren die Ursache zu unablässigen Kämpfen. Doch wurde allmählich ein und das andere Nest fertig.

Endlich traf der langersehnte Versandbauer mit so vielen weiblichen Webervögeln ein, als man für mich hatte zusammenkaufen können. Die Thierchen wurden untersucht und die tauglichen einstweilen in einem Käfig untergebracht, von welchem an sie in das Fluggebauer übergeführt werden sollten.

Zunächst damit beschäftigt, verschiedene Abtheilungen des Fluggebauers mit einigen anderen, frischangekommenen Vögeln zu besetzen, stellte der Futtermeister diesen Käfig, um ihn einstweilen los zu werden, vor dem Flugraume der Webervögel auf den Boden nieder. Dies gab Veranlassung zu einem ebenso anziehenden als erheiternden Auftritte. Kaum nämlich hatten die Männchen, die eingebauerten Weibchen erblickt, als sie auch sofort begriffen, daß nunmehr für ihre Ansiedlung die erhabene Stunde geschlagen. Eiligst verließen sie die beliebte Höhe, hernieder flogen sie, an das Gitter, in unmittelbare Nähe des außen stehenden Gebauers hingen sie sich, und alle verfügbaren Mittel boten sie auf, um sich den außen weilenden bemerkbar zu machen. Sie lockten, sangen ihr einfaches Lied mit allen Abänderungen, bewegten zitternd die Flügel, flogen auf einige Augenblicke zu den von ihnen gebauten Nestern auf, hingen sich, mit den Rücken nach unten gewendet, an denselben an, sangen, den Blick unverwandt nach den Weibchen gekehrt, auch dort oben verließen die Höhe, hingen sich wieder unten an das Gitter, sangen, lockten, kehrten abermals zum Neste zurück, kurz, bekundeten auf alle erdenkliche Weise ihre außerordentliche Aufregung. Es war unverkennbar: sie wollten den betreffenden Weibchen nicht nur sich und alle ihre Vorzüge in das hellste Licht stellen, sondern auch jenen bekunden, daß das Nest schon zum Empfange bereit sei. Wir beeilten uns, ihr Verlangen zu stillen, und ernteten im reichsten Maße den Lohn, eine gute That ausgeübt zu haben. Am Abend des ereignißvollen Tages gab es acht glückliche Pärchen mehr im Fluggebauer, – und ich hatte auch einmal unter den Vögeln kalifornische oder australische Zustände kennen gelernt.

Von jetzt ab gestaltete sich im Fluggebauer genau dasselbe Getriebe, welches ich in den afrikanischen Wäldern kennen gelernt hatte, und bot sich vollste Gelegenheit, die Webervögel bei ihren Arbeiten mit der behaglichsten Muße zu beobachten.

Bei sämmtlichen Arten, deren Leben und Treiben ich kennen gelernt habe, bauen nur die Männchen, nicht, wie bei fast allen übrigen Vögeln, die Weibchen. Diese übernehmen auch nicht, die jenen sonst zustehende Rolle der Handlanger und Helfer, sondern bekümmern sich anfänglich nur insofern um den Bau, als sie ihn manchmal von allen Seiten betrachten. Sie fliegen mit den Männchen zuweilen auf und nieder, sitzen auch während des Schlafes dicht neben diesen, lassen sich jedoch anscheinend nur wenig von diesen beeinflussen. Erst wenn der Bau beinah vollendet ist, kriechen sie im Neste aus und ein, verweilen oft längere Zeit in ihm, helfen nach, was fehlt, und ordnen die Unterlage für Eier und Junge. Um so eifriger sind die Männchen, so lange die Brutzeit währt. Sie scheinen ebenso unermüdlich als von der [763] Wichtigkeit ihrer Thätigkeit durchdrungen zu sein; daher denn auch ihr unruhiges Gebühren, ihr lebhaftes Hin- und Herfliegen, ihr schwirrendes Flattern mit den Schwingen, ihr fast ununterbrochenes Singen, ihre kaum erklärliche Baulust, welche nicht blos errichtet, sondern, wie ich noch mittheilen werde, auch zerstört.

Während ihrer Arbeit haben diese fleißigsten aller Baumeister nur das eine Bestreben, so rasch als möglich fertig zu werden, ohne jedoch die Festigkeit und Sicherheit ihres Baues aus den Augen zu verlieren. Sie beginnen in durchaus sachgemäßer Weise mit der Grundlegung im weitesten Sinne, indem sie zunächst die Festigkeit der Zweige allseitig erproben. Unsere Webervögel fanden, daß die ihnen gebotenen, mannigfach sich durchkreuzenden Zweige des Fluggebauers für eine genügende Befestigung der Nester nicht die erforderliche Bürgschaft gaben, und hatten deshalb nichts Wichtigeres zu thun, als diese Zweige da, wo sie sich kreuzten, zunächst durch ein sorgfältig ausgeführtes Gewebe unter sich zu verbinden. Von einem „Instinct“ oder von einer helfenden „höheren Kraft“, und wie die schönen Ausdrücke traumseliger Wundergläubiger sonst noch heißen mögen, konnte wenigstens ich hierbei nichts bemerken: ich sah in dieser zweckmäßigen Handlung der Vögel nur einen Beweis ihres Verstandes, und zwar einen glänzenden, überzeugenden. Nachdem so die Grundlage hergestellt worden war, begann der Bau des Nestes selbst. Das arbeitende Männchen zupfte sich einen Bastfaden aus dem Bauer heraus oder erhob, und zwar weit lieber einen von den ihm gereichten biegsamen Grashalmen, begutachtete ihn, biß ihn nah der Aehre und ebenso am dicken Ende ab, damit er die passend erscheinende Länge erhalte, und flog mit ihm zu dem auserwählten Zweige empor. Hier, am liebsten in einer Gabel oder an einem der verbundenen Kreuzungspunkte, legte es das eine Ende über den Ast, flog, das andere Ende mit dem Schnabel festhaltend, ein- oder zweimal um den Ast herum und steckte nunmehr eines der Enden zwischen Ast und dem umgewickelten Halm durch, damit eine Art von Schlinge bildend. Eine Gabel oder zwei sich kreuzende Zweige erleichterten diesen schweren Anfang begreiflicher Weise sehr, während ein glatter Ast oft wiederholte Anstrengungen erforderte.

Im ersteren Falle begannen sie regelmäßig an der Theilungsstelle der Zweige mit der Befestigung des Baustoffes, webten dann aber in einem gewissen Abstande nach außen hin eine Brücke von Ast zu Ast und füllten hierauf das so gebildete Dreieck aus; in letzterem Falle gelang es ihnen zuweilen erst nach wiederholten Versuchen, den Grundhalm um den Ast zu wickeln,

Der Pfarrer Baldamus, dieser treffliche, nicht allein scharf beobachtende, sondern auch vernünftig beurtheilende Naturforscher, schilderte in einem hier in Berlin gehaltenen Vortrage den Nestbau unseres Pirols, welcher in ähnlicher Weise verfährt, und hob besonders hervor, daß dem bauenden Weibchen bei der Umwicklung der Aeste das Männchen behülflich ist, indem es den erstes übergelegten Faden mit dem Schnabel auf den Ast drückt und so festhält; – bei meinen Webervögeln fand etwas Aehnliches nicht statt; sie mußten sich allein behelfen, wurden auch sehr gut fertig. Ihr langgestreckter Finkenschnabel ist freilich ein vorzügliches Werkzeug. Sie benutzen denselben wie ein geübter Schneider seine Nadel; denn das Zusammenfügen der Halme ist thatsächlich mehr ein Nähen als ein Weben. Wenn sie erst einige Halme oder Bastfasern befestigt haben, sticken sie das übrige Nest mit Leichtigkeit zu einem festen Ganzen zusammen. Zuerst wird stets der oberste Theil desselben bis zu einer gewissen Vollendung gebracht, sodann der unterste in groben Umrissen angehängt, um die richtige Größe zu bestimmen, hierauf das unten sich öffnende Flugloch angesetzt und nun endlich die Wandung allseitig verdichtet.

Bei allen diesen Verrichtungen konnte man ihre Geschicklichkeit nicht genug bewundern. Schon die verschiedenen Stellungen, welche sie beim Bauen einnahmen und einnehmen mußten, waren in hohem Grade überraschend. Kein einziger unserer kletternden Finken, weder der Kreuzschnabel noch der Zeisig, ja kaum eine unserer Meisen thut es ihnen hierin im Entferntesten gleich. Man glaubt zuweilen, daß sie sich Hals und Beine verrenken müßten, so ungewohnt verdrehen sie den ersteren, so weit auseinander setzen, so unnatürlich verbiegen sie die letzteren. Anfänglich finden sie nur an den Zweigen selbst Halt- und Stützpunkte, weil das Nest in seinen ersten Grundlagen noch viel zu schwach ist, als daß es sie tragen könnte; später hängen sie sich mit ersichtlichem Vergnügen an dessen Wandungen an, und dann arbeiten sie selten, ohne durch beständiges Schlagen oder richtiger Schwirren mit den Flügeln ihrer Freude und verzehrenden Hast den ihnen passend erscheinenden Ausdruck zu geben.

Die Zeit, welche der Bau eines und desselben Nestes beansprucht, ist verschieden, je nach der Beschaffenheit des Baustoffes, der vorhandenen Menge desselben und der mehr oder weniger treibenden Nothwendigkeit, fertig zu werden. Am schnellsten, aber auch am liederlichsten bauen sie, wenn man ihnen blos geeignete Grashalme (Schmeelen, wie wir Thüringer sagen) reicht, am langsamsten und sichersten, wenn sie nur Cocosbast zur Verfügung haben. Daß die Grashalme der ihnen, d. h. den in Rede stehenden Arten, natürliche und gewohnte Baustoff sind, merkt man sofort. Sie stürzen sich mit förmlicher Gier auf dieselben und lassen alles Uebrige liegen, bauen vom frühen Morgen bis zum späten Abend, lassen sich kaum zum Fressen Zeit und sind im Stande, ein Nest binnen drei Tagen zu vollenden. Während der Brutzeit darf man sie nicht eine Stunde lang ohne Baustoffe lassen; denn auch bei ihnen kennt Noth kein Gebot. Fehlt es ihnen an Baustoff, so gehen sie ohne Bedenken zu verwerflichen Ausschreitungen über, fallen über andere fertige oder halb fertige Nester her, zerstören sie am Zweige oder beißen deren Hängewerk ab, daß sie zu Boden fallen, und zerfasern sie hier bis auf den letzten Rest, um die räuberisch gewonnenen Stoffe zu verwenden. Sie stören sich dadurch auf das Empfindlichste und gefährden gegenseitig Eier und Brut. Ihrer Zerstörungssucht thut man nur durch Darreichung von Grashalmen Eintrag; denn ihnen gebotene Bastfasern pflegen unter solchen Umständen nicht berücksichtigt zu werden.

So lange die Brutzeit währt, bauen die Männchen ununterbrochen, gleichviel, ob das Weibchen bereits auf den bläulichen Eiern brütet oder nicht. Ihrer Bauwuth scheint ein einziges Nest durchaus ungenügend zu sein. Zunächst giebt es allerdings noch am ersten hinlänglich zu thun, wenn nicht der Thatsächlichkeit, so doch ihrer Einbildung entsprechend. Hier muß eine Stelle besser gedichtet werden, dort überragen die Enden verschiedener Halme die glatte Wand, was kaum geduldet werden darf, jetzt erscheint das Hängewerk, jetzt das Flugloch nicht in gehöriger Ordnung. Ist endlich glücklich Alles wohl besorgt, so wird mit dem Baue eines zweiten Nestes begonnen. Daneben muß das brütende Weibchen gefüttert, ihm ein Weihegesang dargebracht werden, ohne daß der Halm im Schnabel die dessen Oeffnung verlangenden schnarrenden Laute beeinträchtigt; kurz, freie Zeit für die geschäftigen Vögel giebt es nicht, unbedingt nicht, vielmehr Arbeit, nothwendige wie eingebildete, vom ersten Sonnenstrahl bis zum letzten.

Man sollte meinen, daß die eifrigen Vögel, welche dem Weibchen willig dienstbar sind, sich auch an der Fütterung ihrer Jungen betheiligen würden, bemerkt aber bald, daß dies nicht der Fall ist. Was ich bei Beobachtung der freilebenden Webervögel nur folgern durfte, konnte ich bei stundenlangem Verweilen vor dem Käfige der gefangenen mit genügender Bestimmtheit feststellen. Die Männchen überlassen den Weibchen alle Elternsorgen. Diese bebrüten die Eier, erwärmen, füttern die Jungen, reinigen deren Nest, ohne vom Männchen irgendwie unterstützt zu werden. Auch nachdem die kleinen Stummelschwänze ausgeflogen sind, bekümmert sich der Vater nicht um sie, während die Mutter nach wie vor ihrer Pflege sich widmet, fleißig sie ätzt und sie noch einige Tage allabendlich auf einem ihr sicher dünkenden Schlafplatze vereinigt oder sie in das Nest zurückbringt. Währenddem scheint das Männchen auch die treue Gattin gänzlich aus dem Auge verloren zu haben; man sieht es nicht in deren Nähe, vielmehr einzig und allein mit dem Bau des zweiten, dritten Nestes beschäftigt. Von ehelichen Zärtlichkeiten ist bei diesen merkwürdigen Vögeln überhaupt wenig zu bemerken; es scheint, als ob Bausorgen die Männchen, Muttersorgen die Weibchen vollständig in Anspruch nehmen.

Die Jungen machen sich sehr bald selbstständig. Noch ehe die Schwänzchen ihre volle Länge erreicht haben, nehmen sie bereit ihre Nahrung auf, fliegen und klettern im Käfige hin und her, auf und nieder, trennen sich von einander und gehen jedes seinen eigenen Weg. Bald treiben sie es ganz wie die Alten. Der eine nimmt ein Hälmchen vom Boden auf, wie er vom Vater es abgelauscht, knabbert spielend an demselben und schleppt es hin und her; der andere geht noch weiter und versucht schon die in seiner Familie erbliche Kunst zu üben, so ungeschickt er sich auch anstellt, so unbeholfen er ist. Mit der Zeit wachsen die Kräfte, vermehrt sich die Kenntniß. Bei keinem andern Vogel habe ich das „Wie [764] die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen“ sich so allmählich bewahrheiten sehend wie bei den Webern. Es ist ganz unverkennbar, daß sie lernen, sich üben, durch eigene Anstrengung zu dem sich bilden, was sie später sein werden. „Von oben herab“ fliegt auch ihnen nichts zu; was sie können, haben sie sich durch eigene Kraft errungen. Wo bleibt da der „Instinct“, die vielgerühmte, gläubig angestaunte, nie verstandene und doch gepredigte „höhere Kraft“, welche das Thier lenkt und leitet? Ich habe den einen wie die andere niemals wahrnehmen können und denke deshalb genau so wie ein alter, würdiger Volkslehrer meiner heimathlichen Gegend, welcher seinen Schulkindern gegenüber das Vorhandensein aller namhaften und namenlosen Engel und Dämonen aus dem Grunde in Abrede stellte, weil weder er, noch die gewissenhaft deshalb befragten Kinder derartige Wesen gesehen.

Die Webervögel sind höchst empfehlenswerthe Zimmergenossen. Ihre Anspruchslosigkeit und Hartleibigkeit erleichtert ihre Pflege, ihre unermüdliche Geschäftigkeit erfreut, ihr ernstes Bestreben, zu singen, obgleich sie doch nur zwitschern und schnarren können, erheitert und belustigt. Sie verlangen einen möglichst großen Bauer mit schwankenden Sitzzweigen, die nöthige Menge von Baustoffen, etwas Canariensamen und Hirse zu ihrer eigenen, Nachtigallenfutter zu ihrer Jungen Nahrung, füglich einige Mehlwürmer; Stubenwärme und Gesellschaft – nichts weiter, um alsbald ihre Kunstfertigkeit zu üben und alle Regsamkeit ihres Wesens zu bethätigen. Wer ihnen buntfarbige Wolle zum Arbeiten reicht, dem weben sie die schönsten Muster in das Drahtwerk des Käfigs; wer sie gut behandelt, dem bekunden sie bald das größte Vertrauen; wer es ihnen an nichts fehlen läßt, den erfreuen sie früher oder später durch ihre Nachkommenschaft. Ihr Preis ist keineswegs unerschwinglich (sechs bis sieben Thaler für das Pärchen), erscheint sogar sehr niedrig, wenn man ihre Dauerhaftigkeit in Anschlag bringt und bedenkt, daß ihr Werth mit den Jahren sich eher erhöht als vermindert. Ich will sie nicht als Ersatz für unsere Sänger anpreisen, sondern nur als Käfigvögel bezeichnen, welche sehr viele gute Eigenschaften in sich vereinigen und Jedermann Freude bereiten. Letzteres beweisen wenigstens die Webervögel des Berliner Aquarium; denn sie bilden in den Augen der Mehrzahl der Besucher unbedingt einen Glanzpunkt der Anstalt.




Kampf und Kampfpreis.
1.

Einst waren wir Spielball der Diplomatie und standen im Rathe der Völker beiseit! –
Wir gruben die Brunnen der Philosphie, wir woben der Dichtung hellschimmerndes Kleid,
Den Samen des Geistes, wir säten ihn aus, im Kampf um die Freiheit, da standen wir vorn,
Doch Andre, die wanden die Blumen zum Strauß, die brachen die Trauben und schnitten das Korn!

Die Ritter des Wollsacks jenseits des Canals, die Söhne des Cancans jenseit von dem Rhein,
Sie hielten uns nicht für die „Helden des Stahls“ und nur für die „Helden der Feder“ allein!
Da kamen die Wetter des Krieges gebraust, da klang’s: „Zu den Waffen“ mit donnerndem Laut,
Und ehern erwies sich Germaniens Faust in Schlachten, wie selten die Welt sie geschaut!

Der Nord und der Süden, sie kamen herbei. Wer ist’s, der zum Höchsten, die Bahn uns versperrt?
Es hilft nichts, ihr Neider! Wir sind an der Reih’! Wir führen den Tactstock im Völkerconcert!
Nun wollen wir bau’n unser stattliches Haus; wir heimsen die Garben, die goldenen, ein;
Wir winden die Blumen des Glückes zum Strauß, wir keltern der Freiheit hochherrlichen Wein!

„Die Helden der Feder!“ so höhnten sie dreist. Ihr Klugen, es sei euch dies Spotten verzieh’n!
Die Feder, sie hat dem germanischen Geist zum Flug der Begeistrung den Fittich gelieh’n,
Dem Aar, der, beschäftigt den Horst sich zu bau’n, durch Hohn und die Hoffahrt zum Kampfe gehetzt,
Die Feinde verjagt, der die mächtigen Klau’n am Felsen von Zollern geschärft und gewetzt!

Ihr Fänge des Adlers, du Schnabel, so stark, du Heerbann von Deutschland, du stolze Armee,
Ihr Tapfern vom Süd und von nordischer Mark, hell klingt euer Lob über Länder und See!
Ihr Kriegsherr’n von Preußen, wie lenkt ihr im Feld die Heere so sicher in blutiger Schlacht,
Daß Thaten gescheh’n vor der staunenden Welt, wie nimmer sie Griechen und Römer vollbracht!

Noch funkeln die Säbel, noch kracht das Gewehr, noch tummelt sein Roß vor Paris der Ulan,
Noch streut die Kanone Kartätschen umher – wir folgen von ferne der glorreichen Bahn!
Beschirme, o Ew’ger, die Brüder im Streit und führ’ sie zurück mit dem Lorbeer zum Rhein!
Wir jauchzen: „O große, o herrliche Zeit! Glückselig, glückselig, ein Deutscher zu sein!“

2.

Wir sind zum Kampfe ausgezogen
Mit frischem Muthe Mann für Mann,
Ein Volk zu strafen, das, betrogen
Vom Hochmuth, auf Erobern sann,
Ein Volk, das, trunken von Genüssen,
Die Freiheit giebt, die heil’ge, Preis
Und lernt des Herrschers Fuß zu küssen,
Wenn man ihm nur zu schmeicheln weiß.

Ist dies das Volk, das die Standarte
Des Lichts voran den Kämpfern trug?
Ach nein, die Saat der Bonaparte
Ist’s, die so tiefe Wurzeln schlug!
Das sind die Ritter von der Phrase,
Das sind des Dirnenthums Lakai’n,
Und ihr „Elan“, des Schaumes Blase
ist’s nur auf dem Champagnerwein! –

O deutsches Volk im Kranz der Ehren,
Noch heut’ in Zucht und Sitte groß,
Es predigt gar gewalt’ge Lehren
Des Frankenlandes traurig’ Loos!
Laß warnen, Volk, dich und erinnern:
Dein schönster Sieg, er gält’ gering,
Wenn dir dein Heiligthum im Innern,
Des Herzens Kern verloren ging.

Sieh das Geschlecht der Corsenbuben!
Dich lehrt’s der Neffe und der Ohm! –
O Volk, die deutschen Schwerter gruben
Das Fundament zum deutschen Dom!
Zum Bau herbei, ihr Stämme alle!
Zum Bogen füget Stein an Stein!
Es soll der Freiheit Tempelhalle
Und nicht die Reichscaserne sein!

Nur Hand in Hand, nur fest zusammen!
O Volk, der Stunde Stimme spricht:
„Laß hell ob dem Altäre flammen
Dein heilig’ Recht als ew’ges Licht!
Berausch’ dich nicht im Weihrauchqualme
Und steh’ nicht vor der Macht gebückt!
Dir bring’ die Frucht des Friedens Palme,
Wenn dir die Stirn der Lorbeer schmückt. –

Unsäglich ist des Krieges Wehe;
Daß nicht umsonst dein Ringen sei,
O, kämpfe, schaffe, daß erstehe
Das ein’ge Deutschland, groß und frei!
Das sei der Preis vom Waffenspiele!
Erring’ ihn, Volk, mit Muth und Kraft,
Und dann gestrebt zum höchsten Ziele:
Der freien Völker Brüderschaft!


St. Marie aus Chênes bei Metz, 18. September 1870.
Emil Rittershaus.
[765]
In der Villa Mac Mahon’s.


C’est la guerre!“ – „So geht’s im Kriege zu!“ Das wird Ihr Ausspruch sein, Verehrtester“ – schreibt uns Herr Fr. Wilh. Heine, unser Feldmaler vor Paris – „wenn Sie das beigegebene Bildchen ansehen. Es ist volle Wahrheit, was ich Ihnen hier dargestellt habe, Landschaft und Staffage, und das, was Sie hier herumliegen und von unseren Soldaten in Nutznießung genommen sehen, ist so ziemlich Alles, was von der Villa, die man von verschiedenen Seiten als Eigenthum Mac Mahon’s bezeichnet, im Parke von Montfermeil bei Paris noch übrig geblieben ist.

Die Gartenlaube (1870) b 765.jpg

Artilleristen-Frühstück vor Paris.
Nach der Natur aufgenommen von unserem Feldmaler F. W. Heine.

Alle Beschreibung und Zeichnung ist nicht im Stande, Ihnen einen Begriff von der Zerstörung zu geben, auf die wir fast mit jedem Schritte rings um Paris stoßen. Im Courtry zum Beispiel, von wo mein letzter Brief an Sie abging und wo wir – d. h. unser sächsisches Jägerbataillon – gerade eine Woche lagen, hat das Bataillon sich an die schöne Arbeit gemacht, das ganze Dorf zu säubern und in etwas wohnlichen Stand zu setzen. Von Hof und Hausflur gar nicht zu reden, fanden wir das Innere der Häuser durchweg in dem schauderhaftesten Zustande. Da waren alle Schränke, Commoden, Koffer aufgerissen, der Inhalt lag zerstampft umher, alles nicht Niet- und Nagelfeste von Wand, Fenster und Decke losgebrochen, die kostbarsten Spiegel, Bilder, Sculpturen und oft sogar alle Fensterscheiben entzwei geschlagen – ja, an einigen Orten traf ich sogar die Polster und Betten aufgeschnitten, prachtvolle Uhren zertrümmert, die werthvollsten Bücher zerrissen, zertreten oder halb verbrannt – und dies Alles, weil die ergrimmten Soldaten die Eßwaaren, den Wein, die Zigarren nicht finden konnten, die sie in solchen stattlichen Räumen erwartet hatten. Denn leider ist es Thatsache, daß hier und da auch deutsche Truppen sich zu solchem wilden Treiben verleiten ließen, wenn ihrem Hunger, Durst und Ruhebedürfniß durch die Flucht der Bewohner dieser Ortschaften jede Befriedigung entzogen war. Mit Gewehrkolben, Handbeil und Spaten begann dann ihre Eröffnung und Durchforschung aller Räume der Häuser, Sommerpaläste, [766] Gärten und Parks, und der Ingrimm über all die vorgefundene Ausstattung des Luxus, die ihr brennendstes Verlangen nicht stillte, verführte dann die Getäuschten zu solchen beklagenswerten Kraftäußerungen der Vernichtungswuth.
Dagegen ist es ebenso verbürgte Thatsache, daß die meisten Vernichtungen von der französischen Besatzung selbst ausgingen. Wie aber die Pariser Art jetzt einmal ist, werden nach dem Kriege, wenn die Eigenthümer ihre Grundstücke im Zerstörungskreise der Forts wieder aufsuchen, all die Gräuel, die sie dann vorfinden, den Deutschen allein zugeschoben werden, und es wird sich ein großes Geheul der unterdrückten Civilisation über die Schandthaten der Barbaren erheben. Für diesen Fall wäre es gut, wenn überall, wo sie hingehört, die Inschrift zu lesen wäre, die ich in einer der oben genannten benachbarten Villa, in welcher man sogar das Tuch eines Billards zerschnitten hatte, mit Kohle an eine Wand geschrieben fand. Sie lautete: ‚Nicht wir, sondern die Franc-Tireurs haben hier Alles zerstört. Ein Deutscher, welcher darnach hierher gekommen ist.‘ Ich gestehe Ihnen, daß mir diese Worte eine große Beruhigung waren, denn die Ehre der Unsrigen muß uns ja doch über Alles gehen.
Ehe ich Sie zur Gruppe unserer Illustration führe, begleiten Sie mich einmal auf die Vorposten vor Paris. Am 28. September Nachmittags kamen wir, zugleich mit dem hundertsechsten Regiment, nach Montfermeil in Quartiere. Den folgenden Morgen, gleich nach sechs Uhr, wurden unsere Jäger zum Schanzenbau verwendet. Ich schloß mich einer solchen Abtheilung an und während die Jäger ihre Verhaue vollendeten, durchstreifte ich ein wenig die Gegend.
Bei diesen äußersten Vorposten ist die Vorsicht üblich geworden, die Helme verkehrt aufzusetzen und außerdem noch die Spitze derselben mit einem dunkeln Stoff zu umwickeln; noch häufiger hängen sie den Helm an das Seitengewehr und bedecken den Kopf mit der Mütze. Bei Nacht wird der Mantel ‚ungeröllt‘ benutzt und der Tornister abgelegt. Allezeit hält sich der Mann so versteckt wie nur möglich.
Ich besuchte nördlich von Gagny die hinter einem Kalkbruch stehende äußerste Feldwache, sowie den letzten Posten auf der nahen Anhöhe. Von da aus konnte ich durch ein gutes Glas ganz deutlich die Befestigungen von Paris sehen: links vor mir das Fort Rosny, unweit davon Zeltlager und fortwährende Truppenbewegung auf den Straßen; rechts in Nebel gehüllt Paris, wahrscheinlich Vorstädte, St. Denis etc. Während ich alle Sehkraft anstrengte, um von dem so lange ersehnten Babel des Abendlandes soviel als möglichen zu erspähen, erhob sich ein Luftballon von bedeutendem Umfang aus dem Nebel der Weltstadt empor, schwebte eine Zeitlang auf einer Stelle und fiel dann wieder; er hatte wahrscheinlich eine Recognoscirungsfahrt gethan. Das geschah um zehn Uhr.
Mein Standort war so schön, daß ich ihn nicht verlassen mochte. Kurz nach Mittag sah ich plötzlich in etwa anderthalbstündiger Entfernung alle Anzeichen einer starken Feuersbrunst; der qualmige Rauch deutete auf einen Waldbrand. Kurz vorher waren einige Patrouillen unserer Vorposten mit den feindlichen Vorposten in einen ziemlich lebhaften Kugelwechsel gerathen. Währenddessen hatten unsere Jäger mit einem Zuge Infanterie unter Leitung des Premierlieutenants Overbeck vom 106. Regiment, des Hauptmanns Schubert vom ersten Bataillon desselben Regiments und des Pionnierhauptmanns v. Naundorf ihre Schanzarbeit tüchtig gefördert und wurden um drei Uhr durch andere Mannschaft abgelöst. Unsere Jäger konnten sich jedoch von der Stätte nicht trennen, ohne noch einen kecken Streich auszuführen: mit äußerster Schlauheit hatten sie sich bis in’s Dorf Villemomble hineingeschlichen und kehrten glücklich mit der süßen Beute vom Wein, Liqueur u. dergl. beladen zurück. Begleitet von dem fernen dumpfen Donnern der Geschütze der Forts vollführten wir den Rückmarsch und trafen hundemüde und dickbestaubt gegen fünf Uhr in unserem Montfermeil wieder ein.
Nach einem gründlichen und ruhigen Nachtschlaf, wie man ihn nach solch einem Vorpostentag redlich verdient hat, benutzte ich den schönen Morgen zu einem Gang durch das Dorf, wenn eine stattliche Sammlung von Palästen den bescheidenen Namen eines Dorfs beanspruchen darf. Auf diesem Gange war es, daß ich zu unserem Bilde kam. Ich schlenderte eben durch den Park der Villa, die man mir als die Mac Mahon’s bezeichnet hatte, ward durch fröhliche Stimmen zu einem Schuppen oder Stall in der Nähe der Ruinen des Landschlosses hingelockt, und hier fand ich die originellste Bescheerung, die mir in diesem Kriege vorgekommen ist.
In einem Theil des ehemaligen Blumengartens saß die Einquartierung von Artilleristen, welche die noch bewohnbaren Räume der Villa besetzt und den Holzschuppen zu ihrem Pferdestall veredelt hatte, soeben beim Frühstück - und mit welchem Behagen und in welcher Umgebung! Die aus der Villa herausgeworfenen und noch unzertrümmerten Hausgeräthe, ein prächtiger Tisch mit Damastdecke, Lehnsessel mit schwellenden Polstern und feines Sèvres-Porcellan diente hier den robusten Jungen irgendwelcher deutschen Erde, den derben Fäusten und Manieren, wie die Behandlung von Roß und Geschütz sie verlangen, zum alltäglichsten Gebrauch. Ihre Achtung vor den Erzeugnissen des höheren Luxus ist nicht weit her, denn auf die feine Tischdecke stellen sie ungerührt ihren rußigen Kaffeekessel, während die offenbar mit Vergoldung und Porcellanmalerei geschmückte Terrine bei der vornehmen Portraitgesellschaft aus dem Ahnensaal unberücksichtigt steht. Ebenso wenig scheint von dem großen Spiegel und von dem Pianino Gebrauch gemacht zu werden, das hinten neben dem Stall seinen Platz gefunden hat. Aber Ritterlichkeit steckt doch in den Tapferen, denn einigen Frauenbildern wiesen sie, in Ermangelung einer Wand, eine Ehrenstelle an den nächsten Bäumen an. Und welches köstliche Kraut rauchen denn wohl der Herr Oberfeuerwerker so behaglich? Auch das gehört zu den blühenden Contrasten dieses Bildchens: ,geroocht muß sind!‘ Und weil von Tabak weit und breit keine Spur mehr zu finden, so trocknete der Brave sich eine Partie Lindenblüthen und schmaucht nun diese zu seinem Mokka. Ein Genuß, um den ich nicht beneidete!“ --




Drei Mächtige zwischen ihren vier Wänden.
Skizze aus dem großen Hauptquartier.

Die drei hervorragendsten Männer, welche in dem deutsch-französischen Kriege die Hauptrollen spielen, - Wilhelm der Erste, König von Preußen, sein erster Minister, Graf Bismarck, und endlich Graf Moltke, der Chef des Generalstabes – haben seit einigen Wochen ihren Wohnsitz in Versailles aufgeschlagen, um von hier aus die ferneren kriegerischen Operationen wie die diplomatischen Verhandlungen zu leiten. Berlin hat momentan aufgehört, Sitz der preußischen Regierung zu sein - die preußische Regierung befindet sich in Versailles, mit ihr die Großen des Reichs, sowie die Fürsten vieler deutschen Staaten, und von hier aus wird das zukünftige Schicksal Frankreichs und wohl auch Deutschlands entschieden werden. Es dürfte deshalb für alle Leser Ihres Blattes, welcher Richtung sie auch angehören, wohl von Interesse sein, in das Leben dieser drei mächtigen Herren zwischen ihren vier Wänden einen Einblick zu erhalten.
Der König, welcher im Präfecturgebäude in der Avenue de Paris wohnt, hat auch hier nichts in der einfachen Lebensweise geändert, welche er in Berlin zu führen pflegt, und wahrhaft erstaunenswerth ist die Thätigkeit, der er sich trotz seiner dreiundsiebenzig Jahre mit seltener Rüstigkeit hingiebt. Er steht früh sieben Uhr auf, sein Nachtlager besteht aus einem niedrigen Feldbett mit nur einer Matratze, das er stets mit sich führt; er rasirt sich selbst und wird bedient von je nur einem seiner beiden Kammerdiener Engel und Krause, Beides gediente Soldaten mit militärischen Ehrenzeichen. Während des Anziehens, wobei außer dem Kammerdiener der Garderobier beschäftigt ist, spricht der König mit Niemandem; er trägt im Hause den gewöhnlichen Militärdienstrock und bleibt, da er keine Bequemlichkeit kennt, von Kopf bis zu Fuß während des ganzen Tages angezogen bis zum späten Abend. Von Orden trägt er nur das eiserne Kreuz, sowie den russischen Georgenorden vierter Klasse, welche beide Orden er sich Anno Vierzehn bei Bar sur Aube verdiente, und um den Hals den pour le mérite, jedoch [767] nicht das Großkreuz. Dieses legt er nur dann an, wenn er eine größere Anzahl von Officieren empfängt und ihnen eine besondere Aufmerksamkeit erweisen will.

Tritt der König früh in sein Arbeitszimmer, so servirt der gerade dienstthuende Leibjäger oder Leiblakai den Kaffee, während auf dem Schreibtische bereits die zu erledigenden Papiere, Depeschen etc. liegen. In Berlin ist der Monarch beim Kaffeetrinken stets allein, hier im Hauptquartier hat nur der Geheimrath Schneider Zutritt, jene bekannte Persönlichkeit, welche sich als Militärschriftsteller wie als Geschichtsschreiber einer so bedeutenden Popularität erfreut. Schneider, welcher jeden Morgen pünktlich sieben Uhr im Schlosse erscheint, stattet in seiner Stellung als Vorleser und Bibliothekar dem Könige während des Frühstücks über die eingegangenen Telegramme, sowie über die Stimmung der europäischen Presse Bericht ab, er legt die neuesten literarischen Erscheinungen vor, aus denen sich der König die entscheidenden Stellen, sowie besonders wichtige Artikel aus den Zeitungen vorlesen läßt.

Nach dem Kaffee eröffnet der König die Briefe, liest sämmtliche Depeschen, versieht sie mit Randbemerkungen und Zeichen, und legt sie in die verschiedenen Mappen oder Fächer: Civilcabinet, Militärcabinet, Staatsministerium, Kriegsministerium, Justizministerium, Unterstützungs- und Gnadensachen. Mit den letzteren ist der Geheimrath und Landwehrmajor Bork, ein langjähriger treuer Diener des Königs, betraut. Wie in Berlin, so hat er auch hier jeden Morgen Vortrag, und der Wohlthätigkeitssinn des Königs findet trotz der Ueberhäufung mit Geschäften immer noch Viertelstündchen Zeit, welche der Erledigung der Unterstützungs- und Gnadengesuche gewidmet ist. Nach dem Geheimrath Bork hat einer der beiden Hofmarschälle Graf Pückler oder Perponcher Zutritt, um die Befehle für den Tag in Empfang zu nehmen, bezüglich des Ausfahrens, Reitens, der Einladungen, Besuche, Audienzen, des Empfanges von Deputationen etc.; dann befiehlt der König gewöhnlich den Vortrag der Generale, das sind Moltke, Roon, Boyen, Podbielski und Treskow.

Schlag neun Uhr meldet sich der dienstthuende Flügeladjutant des Tages, durch den alle Befehle gegeben werden, der den König überall hin zu begleiten und der das Journal der königlichen Thätigkeit zu führen hat. Es folgen dann die Vorträge des Civil- oder Militärcabinets, oder des Grafen Bismarck, welche gewöhnlich zwei bis drei Stunden in Anspruch nehmen. Dazwischen findet Annahme von Meldungen, Audienzen, Empfang von Depeschen und Ueberweisung derselben an die zuständige Behörde statt, ebenso erleiden diese Vorträge Unterbrechung bei Vorbeimärschen von Truppen, behufs deren Besichtigung der König dann stets auf dem Platze außerhalb des Gitters vor dem Präfecturgebäude erscheint. Nach den verschiedenen Vorträgen empfängt oder macht der Monarch fürstliche Besuche, geht in Lazarethe, oder besichtigt die Merkwürdigkeiten der Stadt; bei diesen Ausfahrten begleitet ihn stets nur ein Adjutant, und nur bei Ausflügen nach der Umgegend die Stabswache. Betrachtet man die Gruppen der französischen Blousenmänner vor dem Schlosse und auf den Straßen, die täglich dort herumlungern, so kann man sich eines Gefühls der Besorgniß nicht erwehren, und es will Einen bedünken, als ob der König in dieser feindlichen Stadt zu viel wage, obgleich es sich nicht leugnen läßt, daß dieser persönliche Muth, verbunden mit seiner ritterlichen Erscheinung, den Versaillern sichtlich imponirt und einen guten Eindruck auf sie macht.

Der König lebt sehr mäßig, nimmt Vormittag zwischen den Vorträgen manchmal etwas kalte Küche und geht um vier Uhr zu Tafel, die sehr einfach, fast bürgerlich ist. Es wird bei derselben nur eine Sorte Wein geführt, und Champagner, außer bei Geburtstagen eines Mitgliedes der königlichen Familie oder fürstlicher Personen, nie. Nur einmal gab es auf der königlichen Tafel während dieses ganzen Feldzuges Champagner, das war am Abend nach der Schlacht bei Sedan am 1. September. Nach einer ungefähr halbstündigen Unterhaltung nach Tische zieht sich der Monarch in sein Zimmer zurück, erbricht und liest sofort die eingegangenen Briefe, Depeschen und selbst die unscheinbarsten Gnadengesuche; hier sei gleichzeitig erwähnt, daß der König noch nie Nachmittags geschlafen hat. Diese Zeit ist nach Erledigung der eingegangenen Briefschaften der Lectüre der Spener’schen Zeitung oder sonst eingegangener wichtiger Zeitungsartikel, sowie der Correspondenz mit der Familie und dem Absenden von Telegrammen gewidmet.

Beim Thee, welcher Abends neun Uhr in Gesellschaft eingeladener Personen eingenommen wird, findet stets eine lebhafte Unterhaltung statt; diese Stunde wird ausgefüllt mit Besichtigung illustrirter Werke und Vorlesen wichtiger Zeitungsnachrichten; alle Tagesereignisse und Persönlichkeiten werden besprochen. Der König raucht für gewöhnlich nicht, fordert aber in großer Männergesellschaft dazu auf und raucht dann auch wohl mit; gegen eilf Uhr zieht er sich in sein Zimmer zurück und arbeitet bis ein Uhr. Die für den Mittag oder Abend zu ladenden Gäste bestimmt der König alle selbst.

An Schlachttagen fährt der König schon früh fort und besteigt dann an einem Orte, der vorher bestimmt wird, eines seiner Pferde, von denen mehrere ihm stets vorausgehen.

Graf Bismarck ist erheblich jünger als der König und als Moltke, er zählt erst fünfundfünfzig Jahre; sein Leben ist gewiß viel einfacher und anspruchsloser als das vieler Leser dieses Blattes. Aeußere leibliche Genüsse existiren für ihn fast gar nicht. Denken und Arbeiten füllen fast seinen ganzen Lebenslauf aus. Hier im Felde lebt er fast noch zurückgezogener als in Berlin, der Einsiedler von Varzin hat sich in einen Einsiedler von Versailles verwandelt. Graf Bismarck wohnt hier in einem isolirten Landhause, ziemlich entfernt von den anderen Mitgliedern des großen Hauptquartiers; in der Rue de Provence. Er steht gewöhnlich erst Morgens neun Uhr auf, da er von seiner früheren Stellung als Gesandter gewöhnt ist, in französischer Manier zu leben; er genießt Morgens Thee und zwei Eier, dann arbeitet er ununterbrochen bis drei Uhr. Wenn Veranlassung dazu vorliegt, fährt er um zwölf Uhr auf eine halbe Stunde zum Könige. Etwa um vier Uhr unternimmt er in Begleitung seines Vetters, des Legationsraths Graf Bismarck-Bohlen, der auch gleichzeitig Chef seines Cabinets ist, einen Spazierritt in der Umgegend von Versailles. Bismarck trägt im Hause bei der Arbeit gewöhnlich einen einfachen braunen Schlafrock, beim Empfange von Besuchen und außerhalb des Hauses die bekannte gelbe Kürassieruniform seines Regiments. Um halb sechs Uhr speist der Minister mit seinen sämmtlichen Beamten, selbst mit seinen Secretairen, gemeinschaftlich zu Mittag; das Diner ist gewöhnlich ziemlich einfach von dem Koch zubereitet, welchen der Minister bei sich führt. Nach Tische plaudert er traulich mit seinen Beamten am Kaminfeuer, dessen Anblick ihm viel Vergnügen zu machen scheint, dann arbeitet er wieder ununterbrochen bis Nachts ein Uhr.

Natürlich finden den ganzen Tag über ohne Rücksicht auf eine bestimmte Zeit Vorträge seiner Beamten, Conferenzen mit Diplomaten und Besuche von hohen Militär- und Civilpersonen statt. Der Depeschen- und Briefverkehr spielt sich fast ununterbrochen bei Tag und Nacht ab. Stündlich kommen und gehen Feldjäger, Post- und Telegraphenboten. Der Minister raucht wenig und liebt, da er von rheumatischen Leiden häufig heimgesucht wird, gern ein warmes Zimmer; sein Bett und seine Zimmereinrichtung ist überaus einfach. Er arbeitet hier in Versailles in einem kleinen einfachen Hinterzimmer, mit welchem mancher Landpfarrer kaum tauschen würde. Mit Mühe hat man in dem einfachen Landhause, welches er hier bewohnt, neben seinem Schlafzimmer einen kleinen Salon eingerichtet, damit er nicht genöthigt ist, die fremden Diplomaten in seinem Schlafzimmer zu empfangen. Ein Vorzimmer ist auch nicht vorhanden, daher muß der Canzleidiener, welcher den Dienst hat, auf dem Corridor sitzen - so klein und einfach ist der Apparat, in welchem hier in Versailles gegenwärtig die Weltgeschichte verarbeitet wird.

Das Beamtenpersonal, welches den Minister hier umgiebt und welches meist mit demselben dasselbe Haus bewohnt und mit ihm förmlich einen gemeinschaftlichen Haushalt führt, lebt eben so einfach und geschäftig wie er selbst. Dasselbe besteht namentlich aus dem Wirklichen Geheimen Legationsrath Abeken, dem Geheimen Legationsrath Baron von Keudell, den Wirklichen Legationsräthen Graf Hatzfeld und Bucher, dem Legationsrath Bismarck-Bohlen, den Chiffreuren St. Blancard und Wiehr, den Secretären Bölsing, Willisch und Dr. Busch. Auch der Depeschen-Chiffreur des Königs Hofrath Taglioni, der Feldpolizei-Director Geheime Regierungsrath Dr. Stieber und der Polizei-Lieutenant von Zernicki gehören durch ihre hiesige amtliche Thätigkeit theilweise zum Beamtenpersonal des Ministers und befinden sich häufig in der Umgebung desselben.

Graf Helmuth von Moltke, General der Infanterie und Chef des Generalstabes der Armee, bewohnt in Versailles [768] das Haus Neununddreißig der Rue neuve, woselbst sich auch die Bureaux des Generalstabes befinden. Der alte siebenzigjährige Herr führt ebenfalls eine sehr einfache Lebensweise und ist von früh ab thätig bis spät in die Nacht. Er steht morgens zwischen fünf und sechs Uhr auf und arbeitet nach dem Kaffee von sechs bis acht, dann kommt der General-Quartiermeister der Armee, General-Lieutenant von Podbielski, mit dem er conferirt, beide fahren dann um zehn Uhr zum König. Um zwölf Uhr kehrt Moltke zurück, frühstückt und fährt dann mit seinen beiden Adjutanten Major de Claer und Premier-Lieutenant von Burt aus; letzterer ist sein Neffe (Sohn seiner Schwester). Diese Spazierfahrten, welche zwei bis drei Stunden in Anspruch nehmen, werden zu Inspicirungen in der Umgegend benutzt. Nach Hause zurückgekehrt, erledigt der General die inzwischen eingelaufenen Depeschen und ißt dann um fünf Uhr mit seinem ganzen, aus zwanzig Officieren bestehenden Stabe, zu welchem unter anderen der Oberstlieutenant Bronsart von Schellendorf, sowie die Obersten von Verdy du Vernois und von Brandenstein gehören. Nach Tisch arbeitet Moltke, wenn er nicht zum Thee beim König befohlen wird, und geht um elf, spätestens zwölf Uhr zu Bette.

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Wache im Dorfe Marly vor Metz.
Nach der Natur aufgenommen von Chr. Sell.

Der General ist sehr einfach und anspruchslos und erträgt bereitwillig die durch den Krieg gebotenen Entbehrungen. Er hat nur Einen Diener, Namens August Friebe. Stets bei den Vorposten zu finden, die er inspicirt, und gleichzeitig die Punkte besichtigend, welche für Aufstellung der Geschütze ausersehen sind, war er während dieses Feldzuges den feindlichen Geschossen schon mehrfach ausgesetzt. Im Schlosse St. Cloud war er kurz vor dem Brande anwesend, als es förmlich von Granaten überschüttet wurde; er besichtigte die kaiserlichen Zimmer, und die Geschosse nicht beachtend, welche wiederholt einschlugen und Alles verwüsteten, stand er sinnend vor dem Bett Napoleon’s des Dritten, das halb zerschmettert war, und sagte dann ruhig: „Hier wird er wohl nicht mehr drin schlafen!“

Sucht man Moltke während des Gefechts, so ist er stets vorn an der Spitze zu finden. Der General ist wortkarg, er hört nur und spricht wenig, dagegen ist er gegen die Soldaten und jüngeren Officiere, die ihn lieben und verehren, sehr freundlich und redet sie stets an, wenn er ihnen im Bivouac oder auf dem Marsche begegnet. „Wie habt Ihr geschlafen?“ „Seid Ihr naß geworden?“ „Wie ist es Euch ergangen?“ Dergleichen theilnehmende Fragen hat er stets für sie, auch liebt er es, sich mit ihnen in kleine Unterhaltungen einzulassen. Am 2. September früh, nach Gefangennahme Napoleon’s, fuhr Moltke in Donchery bei einem Trupp Grenadiere vom sechsten Regiment vorbei und rief dem Einen derselben zu: „Den Kaiser haben wir gefangen, nun wird es wohl bald nach Hause gehen.“

Der Westpreuße erwiderte: „Ja, wenn wir nur die Kaiserin auch bald hätten!“

Der General fuhr lächelnd weiter.

Viele kleine allerliebste Anekdoten coursiren hier im Hauptquartier über diese drei hohen Häupter; freilich werden sie, um dereinst für die Geschichte benutzt werden zu können, sich einer starken Prüfung unterwerfen müssen. Das eine Zeugniß gehen sie aber doch schon der Gegenwart, daß diese Männer im Volke leben, wie Friedrich der Große, wie Blücher und Stein. Möge darum diese Zeit bis zum letzten Schluß ein reines Ehrenblatt der Geschichte unseres Vaterlandes werden!



[769]
Bei den Cernirungstruppen.
Erinnerungen an die Tage vor Metz.


„Gott sei Lob und Dank, das freut uns für unsere armen Soldaten!“ So riefen Tausende in Deutschland, als die Nachricht der Uebergabe von Metz kam. Nicht die Großartigkeit des Triumphs und das Ungeheuerliche dieser feindlichen Niederlage bestimmte den ersten Eindruck, sondern die Theilnahme für die braven Kämpfer, welche dort nur allzulange den gesundheitsfeindlichsten Unbilden der Witterung preisgegeben waren. Die Krankenzüge, die von Metz her nach Deutschland kamen, stellten dem dortigen Lagerleben gar betrübende Zeugnisse aus.

Die Gartenlaube (1870) b 769.jpg

Beim Baierischen in Fleury vor Metz.
Nach der Natur aufgenommen von Chr. Sell.

Erst nachdem die böse Regenzeit vorüber war, kam auch in unsere Berichterstatter wieder Leben, und einer dieser Wandervögel erzählte uns Eingehendes von dort Erlebtem und Erschautem, wovon wir auch jetzt, nachdem der Siegesjubel den Soldaten alle ausgestandene Drangsal vergessen läßt, wenigstens das Wesentlichste mittheilen, denn unseren Lesern würde ein ebenso leichtes Gedächtniß weniger gut anstehen und für ihre Dankbarkeit gegen unsere Truppen ein gar zu gefährliches Fundament bilden.

„Der heiterste Himmel,“ so schreibt uns H. v. B., „begünstigte am 11. September den Marsch eines kleinen Commandos einer von Wunden und Krankheiten wiedergenesenen Mannschaft, die von Pont à Mousson gegen Metz aufbrach. Ihr schloß ich mich sofort an, warf mein Gepäck auf den Bagagewagen und marschirte wohlgemuth mit vorwärts. Die Landschaft am linken Moselufer hin gemahnte mich an die von Gebirgsausläufern durchzogenen Gegenden Thüringens und Frankens.

Nachdem wir in Novéant, des eigenen Proviants bereits bar, Wein, Brod und Speck aus einem Johanniterdepôt erlangt und auf Gartenmauern und Holzstößen sitzend Alles rein aufgezehrt hatten, theilte sich unsere Schaar und ich folgte der Hauptmacht auf das rechte Moselufer, um das achte und siebente Armeecorps aufzusuchen. Von ersterem fanden wir, nachdem wir Corny mit dem dermaligen Residenzschlößchen des Prinzen Friedrich Karl passirt, in Jouy das Hauptquartier des Generals von Goeben. Da zugleich General von Steinmetz damals noch sein Hauptquartier hier hatte, so war der Ort bis auf den obersten Boden und bis auf die letzte Kammer jedes Hauses mit Soldaten angefüllt. Die Bivouacs standen meist verlassen, aber auch die Pappelreihen waren verschwunden, welche die Chaussee geschmückt hatten. Der Anblick eines Parkwaldes erfreute uns erst wieder bei dem Landschloß Frescaty, in welchem noch im August Napoleon sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Unsere Patrouillen waren ganz entzückt über die Anmuth der innern Einrichtung und die Schonung, die bis dahin auch der prachtvollen Bibliothek zu Theil geworden war. Sogar ein Kinderschlafzimmer enthielt noch all’ die zierlichen Schmucksachen und Spielgeräthe in dem liebenswürdigen Durcheinander, als ob die Kleinen sie eben erst verlassen hätten. Ob und wie sie’s wohl wiederfinden mögen?

Wir waren längst mitten im Cernirungsbereich marschirt, als wir gegen Abend in Marly sur Seille Halt machten. Kaum achthundert Schritte von den äußersten feindlichen Vorposten entfernt, [770] war der Ort, so zu sagen, bis an die Zähne bewaffnet. Sämmtliche, sehr starke Mannschaft war in Alarmhäusern concentrirt, um jeden Augenblick kampfbereit bei der Hand zu sein. Der treffliche Sell hat hier eine Zeichnung vollendet, welche eine solche Wache im Schloßhofe am Eingange des Dorfes darstellt (s. S. 768). Das ganze Dorf war in Vertheidigungszustand versetzt; überall sah man Schießscharten in Häuser und Mauern gebrochen, Verhaue gebaut und durch Barrikaden alle Zugänge gesperrt, an denen für Ablösungen und Patrouillen nur kleine Oeffnungen gelassen waren. In gleicher Weise hatte man alle Dörfer, Wälder, Straßen, Hügel und Berge befestigt, sehr oft mehrere Vertheidigungslinien übereinander angelegt und an allen geeigneten Punkten Einschnitte und Aufwürfe für die Artillerie angebracht. Man muß dieses Meisterstück der Feldbefestigungskunst gesehen haben, um die Thatsache zu begreifen, daß eine Armee von mehr als hundertsiebenzigtausend Mann von zweihunderttausend Deutschen so umschlossen werden konnte, daß nach keiner Seite hin und durch keine Anstrengung und Tapferkeit ihr der Durchbruch möglich wurde.

Unser Commandoführer hatte hier sein Regiment – die Neununddreißiger Füsiliere – wiedergefunden; die Officiere desselben gönnten auch mir ein Strohlager in dem Bauernhäuschen, in welches sie zusammengedrängt waren. Nach einer Abendmahlzeit von Chocolade, Brod und Speck schliefen wir wie die Götter und der Himmel schenkte uns dazu eine alarmfreie Nacht. Mit dem Tagesgrauen kochte das Regiment auf den Straßen und in den Gärten seinen Kaffee und rückte um sechs Uhr weiter östlich, nach Fleury vor, wo es theils Bivouacs, theils Cantonnements bezog.

Hier fand ich auch das Infanterieregiment Nr. 74 und bei demselben mehrere Freunde, die mich zu einem trefflichen Frühstück in einem Chausseegraben einluden. Meine Mittagsruhe hielt ich im Stroh einer großen Ziegelei, welche etwa fünfhundert Soldaten beherbergte. Die Stimmung der Truppen war überall mit dem Sonnenschein hell und heiter geworden; auch die Ruhranfälle hatten wenigstens ihren bösartigen Charakter verloren. Darum fehlte es auch nicht an Vergnüglichkeit aller Art, zu denen vor Allem die öffentlichen Bälle auf dem Dorfplatz im Mondenschein gehörten, zu welchen die Regimentsmusik aufspielte. Eine sehr gemüthliche Frühstücksscene hat ebenfalls durch Sell’s unermüdlichen Griffel ihre Verherrlichung gefunden (s. S. 769). Ich hatte die Freude, sie mit zu erleben. Als nämlich unsere Neununddreißiger hier in die Alarmquartiere eingerückt waren und wir nach abgelegtem Gepäck einen Gang durch’s Dorf machten, verbreitete sich rasch wie ein Lauffeuer das Gerücht, ein Marketender sei mit bairischem Bier angekommen. Ich schloß mich einigen Officieren an, welche die ersehnte Spur verfolgten, und wir entdeckten die Labequelle unweit des Dorfbrunnens. Hier faßten wir Posto und machten uns über den braunen Gerstensaft her, der natürlich sehr bald eine zahlreiche Anbeterschaft um sich versammelt hatte. Lang dauerte das Vergnügen nicht, denn nach einem kurzen Stündchen war kein Tropfen mehr vorhanden, aber reizend schön war der genossene Augenblick und für alle Theilnehmer der illustrirten Erinnerung werth.

Was ich später über die Zustände von Land und Leuten um Metz her beobachtete, ist wohl um so mehr zur Mittheilung geeignet, als jetzt, nach der Eröffnung von Metz, das Bild der Umgebung während der Belagerung bald unter der Hand des Fleißes aus bitterster Noth eine heilsame Umwandlung erfahren wird.

Die Lage der Landbevölkerung um Metz war und ist natürlich in diesem Augenblick noch eine wahrhaft trostlose. Jüngere Leute sah ich fast gar nicht. Die Männer waren theils zu den Nationalgardisten geeilt, theils hatten sie in Metz mit gehungert, Dank ihren Pfaffen und Geistlichen, die ihnen von den „preußischen Barbaren“ nicht Schauderhaftes genug beizubringen wußten. Nur alte Leute und kleine Kinder zeigten sich hier und da; fast genau so, wie es uns aus den schlimmsten Zeiten des dreißigjährigen Kriegs erzählt wird, waren die meisten Häuser „wüst und leer“. – Ich muß ausdrücklich bemerken, daß unsere Soldaten gegen solche zurückgebliebene Bewohner sich, mit wenigen Ausnahmen, äußerst rücksichtsvoll benahmen. Selbst in den am stärksten mit Truppen belegten Dörfern überließ man den bejahrten Eigenthümern die besten Zimmer und ihre Betten; ja viele derselben wären vielleicht elend verkommen und verhungert, wenn nicht der Soldat seine Mahlzeit mit ihnen getheilt hätte. Den besten Beweis für die große Thorheit derer, welche, oft mit allen nur transportabeln Habseligkeiten, ihre Wohnungen verlassen hatten, lieferte der friedliche Verkehr, welcher sich sehr bald zwischen ihnen und unseren Soldaten entspann. Unsere Truppen nahmen nur, wo sie nichts kaufen konnten; wo aber ein Eigentümer sich zeigte, da kauften sie, bezahlten stets baar und gönnten den Leuten für gute Waare gern den Vortheil guter Geschäfte. Ich sah in Verny und anderen Orten ganze Heerden von Schafen, Schweinen, Gänsen von ihren alten Hirten zur Weide führen wie im tiefsten Frieden; Niemand vergriff sich an dem also gehüteten Eigenthum. Ebenso sah ich nicht selten unsere Musketiere den alten Männern und Frauen bei schweren Arbeiten kräftige Hülfe leisten, für Ruhe im Hause sorgen, wenn jemand krank war, und selbst kleine Kinder auf den Armen herumtragen, um den Müttern die Arbeit im Hause zu ermöglichen. Noch spricht man hier mit inniger Theilnahme von der Alten von St. Remy, über die sicherlich die Zeitungen voll waren. St. Remy liegt bekanntlich nördlich von Metz; unsere Granaten haben es ebenfalls in einen Schutthaufen verwandelt und alle Bewohner daraus vertrieben. Nur ein Paar Katzen sind der Heimath treu geblieben und eine alte Frau. Letztere gehört nunmehr zum Inventarium der dort einquartierten Feldwache, von welcher sie stets der ablösenden Mannschaft mit übergeben wird. Da sie auf alle Bitten, sich von dem Orte zu entfernen, der von den nur dreihundert Schritt davon in Labonchamp hausenden Franzosen noch jetzt nicht selten mit Granaten beworfen wird, nur die Versicherung giebt, daß sie hier ausharren werde bis zu ihrem Tode, so suchten die deutschen Soldaten der Alten wenigstens ihre Umgebung so freundlich als möglich einzurichten; sie bauten ihr eine Strohhütte, teilten Kaffee und Mittagskost mit ihr und gaben ihr einen Soldatenrock zur Decke in den kalten Nächten. Das gute deutsche Herz verleugnete sich auch hier nicht, wenn ihm guter Wille manierlich entgegen kam.

Wie vielen Schaden hätten die Landleute sich ersparen können, wären sie daheim geblieben! Des unvermeidlichen Unglücks war immer noch genug, um das Land in ungeheuren Strecken und viele Familien auf Jahre, wenn nicht auf immer zu ruiniren. So ging die letzte Ernte größtentheils verloren. Das Getreide war zwar meistens eingeheimst, ehe der Krieg sich hierher zog, durch die Flucht der Bauern fehlten aber die Hände zum Dreschen, und so sah ich in den Bivouacs und in den Pferdeställen Massen der herrlichsten Weizengarben als Streu und als Material zum Hüttenbau verwendet. Noch schlimmer steht es mit der zukünftigen Feldbestellung. Meilenweit um Metz herum sind die Aecker zertreten, zerfahren, in Lagerplätze und Feldbefestigungen verwandelt. Mit der Wintersaat ist’s für dieses Jahr schon ganz vorbei –; und kehren nun auch die Flüchtigen zurück, wie viele Dörfer sind in den Schlachten vor Metz und in den Ausfallsgefechten niedergebrannt, wie viele Heimkehrende finden selbst in den noch stehenden ihre Häuser nicht wieder oder in kaum bewohnlichem Zustande! Und wenn auch dies, wie viele werden das ganz verschwundene Zugvieh, die zerstörten Ackergeräte, die fehlende Aussaat sich erschwingen können, um nicht auch der künftigen Sommersaat verlustig zu gehen? Wahrlich, die ganze weite Gegend um Metz geht einer sehr harten Zeit entgegen!

Nicht viel bessere Aussicht bieten der einst so einträgliche Weinbau und die gesegnete Obstzucht. In der Nähe der Lager ist die vogelfreie Ernte den Soldaten zu Gute gekommen, auf großen Strecken fehlten die arbeitenden Hände und der Erntesegen ist dem Verderben überlassen. Was noch zu retten ist, das verdankt die Bevölkerung dem deutschen Waffensieg, welcher der lothringischen Jungfrau Metz so bald den Kranz vom stolzen Haupte gerissen hat.


An die patriotischen Geber der Gartenlaube!

Quittung über die seit vierzehn Tagen eingegangenen reichen Gaben kann aus Mangel an Raum erst in nächster Woche veröffentlicht werden. Die nahende Winterszeit mahnt zu weiteren Einsendungen.Die Redaction. 



[771]
Aus eigener Kraft.
Von W. v. Hillern geb. Birch.
(Fortsetzung.)

Der Tag der Abreise kam. Es war ein schöner Octobertag. Zum letzten Mal saß die Familie Hösli und Salten auf der Terrasse versammelt, wo Aenny als liebliches Kind so oft mit Lebensgefahr auf der Balustrade zu ihrem Spielgefährten herübergelaufen war. Jetzt saß sie in sich gekehrt, einen harten trotzigen Zug um den schönen Mund, auf einer Bank und wandte Alfred halb den Rücken. Alfred aber sah träumend hinaus auf das sonnenvergoldete Wasser und die rosig angehauchten Berge. Und während sein Auge den gelben Blättern folgte, die der Wind von den Bäumen in den See hinabschüttelte, daß sie dahintrieben wie welke Hoffnungen auf dem Strom des Lebens, zogen vor seinem geistigen Blick alle die holden Stunden vorüber, die er als Knabe mit Aenny zugebracht. Er blätterte noch einmal in dem Bilderbuche seiner Kindheit, bevor er es hinabsenkte in den See mit allen seinen Wünschen und Träumen.

Es herrschte ein banges Schweigen ringsum. Neben Alfred stand Adelheid reisefertig. Nicht weit von ihm saß Frau Hösli. Herr Hösli war zum Ausgehen gerüstet, denn er wollte Alfred bis zur Bahn begleiten. An der Landungsstelle lag der Kahn bereit, die Reisetaschen waren schon darin und der Schiffer wartete, der die Scheidenden nach Zürich hinüberführen sollte. Frank stand bei Anna und redete ihr leise irgend etwas zu. Frau Hösli beschwichtigte die weinende Lilly. – Herr Hösli sah nach der Uhr; „Es ist Zeit,“ sagte er leise. Alle mit Ausnahme Anna’s schraken zusammen, als sei ein Todesurtheil ausgesprochen worden. „Mutter!“ rief Alfred und fing Adelheid in seinen Armen auf. „Mutter, fasse Dich!“ sagte er mit halberstickter Stimme. Die abgezehrte Gestalt lag willenlos in seinen Armen und er fühlte mit Schrecken, wie die kranke Lunge in kurzen Athemzügen rang. Sie war kränker, als er bisher selbst geglaubt.

„Ich wäre so gerne hier gestorben,“ flüsterte sie. „Und ich weiß, auch Du gehst blutenden Herzens von hier fort, mein armer Sohn!“

„Mutter, laß das!“ sagte Alfred mit verhaltenem Schmerz.

„Machen Sie es ihm nicht schwer!“ bat Frau Hösli, und dies eine ruhige Wort verfehlte seine Wirkung nicht. Adelheid raffte sich auf und ließ Alfred aus ihren Armen. Er trat auf Frau Hösli zu, ihre klaren Augen flutheten über. Sie nahm den Kopf des Jünglings in ihre beiden Hände und drückte einen Kuß auf seine Stirn. Er sank vor ihr auf die Kniee und barg das Gesicht in ihrem Schooß. Der Schmerz machte eine Secunde lang sein Recht geltend, er weinte. –

„Kein Abschied, Alfred,“ sagte Frau Hösli, „wer weiß, wie bald wir uns wiedersehen! Gott sei mit Ihnen! Wäre Alles gegangen, wie ich es wünschte, ich hätte Ihnen gern das Beste mitgegeben, was ich zu geben vermag – so aber habe ich nichts für Sie als einen mütterlichen Segen!“

Sie schwieg und zog Alfred vom Boden auf. „Und nun – ein Mann! Und fort!“

Er stand auf und näherte sich Anna; sie erhob sich von der Bank, auf der sie gesessen. Sie sah ihn nicht an, keine Thräne netzte ihr die Wimper, nur eine tiefe Blässe überflog ihr Antlitz.

„Leben Sie wohl, Anna!“

„Reisen Sie glücklich!“ Das war Alles, was sie sich sagten, sie, die sich einst so viel gesagt, die sich jeden Gedanken der Seele vertraut. Es war ein kurzer Abschied nach dem langen Beisammensein und für die lange Trennung!

Er reichte ihr die Hand, sie legte die ihre hinein, kalt, steif, schwer; sie fror im hellen Sonnenschein. Er wartete, ob sie wohl noch etwas sagen werde. Sie zog die Hand ruhig wieder zurück und schwieg. Sie waren zu Ende miteinander. Auch Alfred konnte nicht mehr sprechen. Stumm sank er dem Neger an die Brust und dieser verstand ihn ohne Worte.

„Es ist die höchste Zeit!“ mahnte Herr Hösli nochmals.

„Seien Sie glücklich!“ sagte Adelheid zu Anna, und es lag ein schwerer Vorwurf in ihren Augen, als sie dem Mädchen die Hand reichte.

Anna neigte in einer Art von Demuth vor diesem Blick das Haupt, aber kein Laut drang durch die festverschlossenen Lippen. Man ging zum Kahn. Selbst Frau Hösli ließ sich von Frank in ihrem Rollstuhl nebenher schieben. Anna blieb zurück. Mit verschlungenen Armen lehnte sie auf der Balustrade und schaute dem Einsteigen zu. Es war, als beobachte sie Schatten in einer Camera obscura, so unbeweglich war ihr Gesicht. Sie sah, wie sich die beiden Frauen, ihre und seine Mutter, noch umarmten, wie Tante Lilly sich ein frisches Taschentuch borgte, wie Frank Alfred nochmals die Hand schüttelte, sich bückte und mit einer Anwandlung seiner alten Kraft das Boot vom Lande abstieß. Sie nickte nicht und wehte nicht mit dem Tuche dem vorbeiziehenden Kindertraum nach. Auch Alfred winkte nicht; die Ufer drehten sich im Kreise, lange, lange noch hing sein Blick an der Stätte, die ihre Heimath geworden, wo seines Vaters Geist ihn freundlich geleitet, an Allem, was ihm so lieb gewesen, was er nun verlassen sollte, und je weiter er fortfuhr, je schmerzlicher fühlte er, wie eine Wurzel um die andere riß, mit der er festgewachsen war an diese Ufer, an den heiligen Boden der Kindheit – die sinkende Sonne streute rothe Lichter rings um den Kahn; es war Alfred, als müsse es das Blut seiner eigenen Wunden sein.

„Lebe wohl, lebe wohl!“ erschallte jetzt ein Männerchor von drüben her. Die Züricher Studenten und Professoren, Doctor Zimmermann an der Spitze, kamen den Scheidenden mit zwölf Kähnen von Zürich aus entgegen und umringten Alfred’s Boot. Majestätisch zog das Geschwader dahin unter den wehmüthigen Klängen des Mendelssohn’schen Chors „Lebe wohl, du schöner Wald!“ Endlich waren sie verschwunden und der letzte Ton verhallt. Frau Hösli war von Frank zurückgebracht. Sie trocknete sich die Augen. „Gehst Du mit?“ fragte sie das Mädchen, das noch immer regungslos auf demselben Flecke stand.

„Ich will das Haus abschließen,“ sagte Anna kurz und ihre Stimme hatte jetzt, wie öfter, eine eigenthümliche Härte.

„Wie Du willst!“ sagte Frau Hösli und fuhr vorüber. Frank sah sich bekümmert nach Anna um. Sie blieb unverrückt stehen, bis das Rädergeräusch des Rollwagens verklungen war. Jetzt sah sie sich allein auf der verödeten Terrasse, allein und unbeachtet. Sie that einen tiefen Athemzug. Die Glieder waren ihr so eigenthümlich steif, als hätte sie eine Nacht getanzt. Schweren Schrittes ging sie nach dem Hause, „um abzuschließen“, denn es weilte Niemand mehr dort, die Dienstboten waren schon vor Mittag fortgezogen.

Es war auf einmal so still und öde. Anna fürchtete sich beinahe, als sie in das ausgestorbene Haus trat. Sie meinte bei jedem Schritt, es müsse ihr ein bekanntes Gesicht begegnen. Sie blieb stehen und horchte, es war ihr, als habe Jemand „Anna!“ gerufen. Es war nichts als das Gesumme der Fliegen, die sich mit den Sonnenstäubchen um die Wette tummelten. Dort that sich leise knarrend eine Thür auf. Wer konnte es sein? Es war der Zugwind. – Und wieder blieb es still und todt in dem leeren Hause. Dort, wo die Thür aufgegangen, war Fredy’s ehemaliges Kinderzimmer mit den schweren Gardinen, hinter denen sie immer Versteckens gespielt. Da stand das Bett noch, neben dem sie so oft gesessen und dem armen kranken Knaben Gesellschaft geleistet hatte. Was war’s doch für ein zartes geplagtes Kind, der Alfred – und wie hatte er sich aufgerafft aus freien Stücken, und was hatte er aus sich selbst gemacht! Das hätte sie ihm doch noch sagen sollen beim Scheiden – er hätte es wohl verdient! – Aber wie konnte sie? Er war so kalt und fremd gegen sie. Sollte sie sich ihm aufdrängen? Nein, niemals! Und doch, wäre die dumme Geschichte mit dem Victor nicht gekommen, so wäre er noch da – wäre noch der alte Fredy! –

Sie trat in die anstoßenden Gemächer des Freiherrn, jetzt Alfred’s Schlaf- und Studirzimmer. Sie zögerte fast auf der Schwelle, schickte sich’s denn, daß sie dahinein ging? Warum nicht? Alfred war ja nicht mehr da. Aber es lagen so viele Spuren seines Daseins umher. Beschriebene Papierschnitzel, Zeitungen, Federn, kurz was so beim Einpacken übrig oder vergessen blieb.

Vor seinem Schreibtisch stand noch halb zurückgeschoben sein Stuhl, ein vergessenes Taschentuch lag dabei auf der Erde. Er hatte vielleicht geweint, als er hier die letzten Worte schrieb, und [772] es war ihm beim Aufstehen entglitten. War er denn wirklich fort? Sie hatte es gesehen, sie wußte es, und doch – hier, in diesen altvertrauten Räumen, wo er gelebt, meinte sie, es könne nicht sein! Rascher, immer rascher ging sie von Stube zu Stube Trepp’ auf, Trepp’ ab, als müsse er irgendwo versteckt sein. „Alfred!“ rief sie in die Stille hinaus, als könne er sie hören, „Fredy!“ Nichts regte sich. „Alfred ist fort!“ raunten ihr die leeren Wände zu. „Fredy ist fort, auf immer!“ widerhallte es in ihr, als habe sie es jetzt erst glauben gelernt, und plötzlich ließ die seltsame Spannung nach, die Starrheit löste sich und mit einem lauten Schrei sank sie in der Hausflur nieder.

Da tappte langsam etwas heran, ohne daß sie’s bemerkte, und fuhr ihr leise über das gebeugte Köpfchen. Erschrocken sah sie auf. Es war der alte halbblinde Phylax, den Alfred zurückgelassen, und der nun bei Hösli’s bleiben sollte. Der Anblick des treuen Thieres war für Anna eine unbeschreibliche Wohlthat, es war doch etwas Lebendes in dem todten Hause, etwas, das mit ihr fühlte und litt, und vor dem sie sich nicht zu schämen brauchte. Sie schlang ihre Arme um den Hals des Thieres, und die Thräne fand den Weg zu ihrem Auge. „Du alter verlassener Hund, hast so oft mit uns gespielt – und jetzt ist er fort!“ schluchzte sie, und immer reicher flossen die Thränen. Phylax leckte ihr über das heiße Gesicht und kauerte sich still trauernd neben ihr hin. So saßen sie lange, die beiden Einsamen, bis die Schatten der Dämmerung den öden Raum mit ihren verschwommenen Gestalten bevölkerten. Da ward es dem aufgeregten Mädchen unheimlich und sie erhob sich. „Komm, Phylax,“ sagte sie, ihre Thränen trocknend, „komm nur mit mir – er kehrt ja doch nicht wieder!“ Und das blinde Thier schlich mit gesenktem Kopf und hängendem Schweif nehen ihr her zum Hause hinaus, immer wieder stehen bleibend und sich umschauend, als hoffe er, sein Herr werde ihn zurückrufen.

Anna warf die Hausthür zu und drehte den Schlüssel herum. Das Haus war abgeschlossen; die Kindheit vorüber und das Mädchen war zum Weibe gereift.




30. Im Feuer gehärtet.

Der Krieg mit Dänemark war begonnen. In den wenigen Wochen vor seinem Ausbruche hatte Alfred im Anschluß an die Johanniter, welche damals allein die freiwillige Krankenpflege in Händen hatten, aus eigenen Mitteln eine kleine Hülfstruppe ausgerüstet und, so gut es in der kurzen Zeit ging, geschult. Sie bestand aus fünfzig Trägern, drei Aerzten und den nöthigen Verband- und Transport-Utensilien, die Alfred nach eigener Construction hatte anfertigen lassen. Die kleine Truppe that Wunder an Aufopferung, und wo ihre Leute sichtbar wurden, da streckte sich jeder noch bewegliche Arm nach ihnen aus und verschmachtende Lippen öffneten sich zu einem Jubelruf. Es war, als hätten sich die Wünsche und Gebete der Mutter, Schwester oder Gattin im Augenblicke der höchsten Noth verkörpert, wo solch ein Retter erschien, um den verlassenen Verblutenden aufzuraffen und aus dem sengenden Sonnen- und Schlachtenbrande an den kühlen schattigen Verbandplatz zu bringen.

Und Alfred selbst, er leistete das Unglaubliche in seinem Berufe. Tag und Nacht stand er am Operationstisch oder an den Krankenbetten. Kein Schlaf kam mehr in seine Augen, es war als habe er zwanzig Hände, und wenn auch der gebrechliche Leib unter dem starken Willen erzitterte und erbebte, wie eine zu schwache Maschine unter der Vollkraft gespannten Dampfes, die Kraft seines Geistes riß ihn immer wieder mit sich fort.

Und trotzdem war er selbst nicht mit sich zufrieden. Ihn quälte der Gedanke unaufhörlich, wie Mancher auf dem Wege zum Lazareth verbluten könnte, weil keine ärztliche Hülfe an Ort und Stelle war, und daß er es nicht vermochte, diese in der Gefechtslinie zu leisten. Das aber konnte er nicht über sich gewinnen, nur das nicht! Mit glühender Scham stand er von ferne und sah die Johanniter sich zwischen die Sensen des mähenden Todes stürzen und ihm seine Opfer entreißen. Doch wie oft er ihnen auch zu folgen versuchte – es ging nicht! Seine Muskeln versagten ihm geradezu den Dienst, wenn er mit seinen Leuten in die Schlacht vordringen wollte; er zuckte zusammen und die Kraft verließ ihn, wenn eine Kugel in den Verbandplatz einschlug. Hier war die Grenze seiner Herrschaft über sich selbst; er konnte nur außer Schußweite operiren und mußte immer wieder zum sicheren Lazareth zurückkehren.

Eines Tages traf Feldheim im Lager ein. Er hatte sein Amt als Geistlicher und Verwalter einem zuverlässigen jungen Manne übergeben und eine Stelle als Feldprediger angenommen. „Ich will es zehnfach einbringen,“ sagte er bei seiner Ankunft zu Alfred, „wenn durch meine Abwesenheit in Saltenau etwas versäumt wird; aber sieh, es litt mich nicht mehr in der trägen Ruhe, dasselbe Bedürfniß, das Dich trieb, in Deiner Weise für das Wohl unserer kämpfenden Brüder thätig zu sein, trieb auch mich unwiderstehlich fort. Du linderst die physischen Schmerzen mit Deiner Kunst, ich will die geistigen lindern; so thut Jeder von uns, was er vermag, und so nur sind wir Beide glücklich.“

Alfred hielt ihn lange schweigend umschlungen, ein stiller Schmerz kämpfte in ihm, dann sagte er mit einem durchdringenden Blicke auf des Freundes abgezehrtes Gesicht: „Feldheim, Du siehst aus wie Einer, der den Tod sucht!“

„Nein,“ sagte Feldheim ruhig, „ich suche ihn nicht, aber wenn ich ihn in meiner Pflichterfüllung finde, so ist er mir willkommen, denn ich wurde müde vor der Zeit!“

„O, hättest Du glücklich sein und glücklich machen dürfen,“ sagte Alfred, der wohl verstand, was den starken Mann so „müde“ gemacht, „die Erde wäre zum Himmel um Dich her geworden. Doch die Menschen waren Dein nicht werth, Du hast Dich ihnen gezeigt und sie erkannten Dich nicht! Unverstanden und still gingst Du an ihnen vorüber, wie ein Abgesandter des heiligen Gral mit dem bittern Schmerz im gottgeweihten Busen, daß keine Gemeinschaft zwischen Dir und ihnen ist. O, schüttle nicht das Haupt, mich täuschest Du nicht, mich hast Du erzogen zu Deinem Verständniß, ich allein durfte Deine Herrlichkeit schauen, aber auch Deinen Schmerz! Die Thräne, die in Deinen Augen zitterte, als Du Dich abwandtest von Denen, die Du zu beglücken, zu erheben gekommen warst, sie ist in mein Herz gefallen, und das hält sie fest, ewig, ewig! Wehe einer Welt, die Dir Thränen erpreßte, und doch flehe ich Dich an, vergieb ihr und weile noch! Weile um des Einzigen willen, der doppelt arm zurückbleiben würde, nachdem er Dich erkannt und verloren!“

Und die leuchtenden Blicke des Jünglings senkten sich tief in die schwermüthigen unergründlichen Augen Feldheim’s. Dieser druckte einen Kuß auf Alfred’s Stirn. „Alfred, ich liebe Dich, und so lange ich lebe, lebe ich nur für Dich! Aber Du bedarfst meiner nicht mehr. Du wirst kämpfen und siegen und Deinen Frieden machen mit der Welt; meine Aufgabe ist vollbracht an Dir! Und nun laß mich, Alfred, daß ich mich sammle; Dein Anblick reißt alle Wunden wieder auf!“ – – –

Alfred’s Sorge war nicht umsonst. Feldheim beschränkte seine Thätigkeit nicht auf das Lazareth. Das ritterliche Wesen, welches ihm schon in seiner Jugend das Ansehen gab, als trüge er Epaulettes unter dem Priesterrocke, brach bei dieser Gelegenheit mit aller Macht hervor; das militärische Blut seiner Ahnen machte sein Recht geltend, und er war von Stunde an der Typus eines kriegerischen Priesters aus der Reformationszeit, der, in der einen Hand die Bibel, in der andern das Schwert, den Kämpfern voranschritt. Aus dem dichtesten Schlachtgewühl ragte die starre eckige Gestalt empor, er theilte Gefahr und Noth mit seinen Soldaten, und sein Muth entflammte den ihren, seine Ruhe war ihnen wie eine Bürgschaft für den Sieg – sie fühlten alle das gewaltige Element echter Mannheit in ihm, und in seiner Nähe waren sie gefeit gegen die Schrecken des Todes. – Selbst die Officiere staunten seine Kaltblütigkeit an. „Dem muß nicht viel am Leben liegen,“ sagten die beherztesten Männer, wenn sie ihn die wehrlose Brust stundenlang den Kugeln aussetzen sahen, wie ein guter Hirt im prasselnden Hagelwetter bei seiner Heerde aushält.

„Wären Sie nicht ein so ausgezeichneter Prediger – ich müßte es beklagen, daß Sie kein Soldat geworden sind!“ sagte eines Tages der General zu ihm und schüttelte ihm die Hand. „Sie wären ein großer Feldherr geworden, wie Sie jetzt ein großer Kanzelredner sind! Wir haben Ihnen, was die Stimmung unserer Leute betrifft, viel, sehr viel zu danken, und ist der Krieg vorüber, so müssen Sie bei uns Garnisonsprediger werden – wir lassen Sie nicht mehr los!“

„Excellenz,“ sagte Feldheim, „ich bin durch dies Wort belohnt genug. Die Stelle, von der Sie sprechen, müßte ich ablehnen, denn ich bin Geistlicher auf den Gütern meines Freundes Salten und werde nach dem Kriege wieder dorthin zurückkehren“

(Fortsetzung folgt.)





Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.