Die Gartenlaube (1870)/Heft 38

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[609]

No. 38. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.


Aus eigener Kraft.[1]
Von W. v. Hillern geb. Birch.
(Fortsetzung.)
23. Annäherungen.

Frau Hösli saß still und sinnend in ihrem Rollstuhl, an den sie für immer gefesselt blieb, denn wenn sie auch geistig ihre volle Kraft und Rüstigkeit wiedergewonnen hatte, körperlich blieb sie gelähmt. Sie glich einer jener alt-ägyptischen Gottheiten die nur ruhend, ohne Arme und Beine, halb Mensch, halb Säule gedacht wurden und dennoch mächtig und segensreich über ihrem Volke walteten. So wirkte Frau Hösli in ihrem gefesselten Zustande wohlthätig fördernd und leitend auf ihre ganze Umgebung, und Alle flüchteten zu ihr wie zur Gottheit des Hauses, um ihre Befehle, ihren Rath und Trost einzuholen.

Da kam Anna von dem Spaziergange mit Alfred zurück und kaum war sie in’s Zimmer getreten, so rief sie auch schon: „Mutter denk’ einmal, der Fredy hat gesagt, er wolle mich heirathen!“

Frau Hösli sah erstaunt aus. „Nun, da würde mir Niemand leid thun als der arme Alfred! Wie kommt er auf den Einfall?“

„Ja, das weiß ich nicht. Der langweilige Junge, gerade mich zu wollen!“

„Erzähle, wie kam’s?“ sagte Frau Hösli, und Anna erzählte getreulich, denn sie hatte kein Geheimniß vor ihrer Mutter.

Frau Hösli lächelte. „Nun, Ihr seid ja Beide noch so jung, daß von einer unheilbaren Liebe da wohl nicht die Rede ist. Glaube nur, Anna, ich wäre glücklich, wenn ich eine Tochter hätte, die für Alfred paßte, denn ich liebe den Jungen wie einen Sohn. Wenn er aber sein Herz an Dich hinge, würde ich ihn bedauern, denn Du würdest ihn nur unglücklich machen. Du brauchst einen Mann, den Du fürchtest; der arme Alfred wäre Dir nicht gewachsen. Das hast Du auch wohl damit sagen wollen, als Du äußertest, Du seist zu groß für ihn.“

„Du hast Recht, Mutter. Ich muß einem Mann haben, der größer ist als ich, in jeder Hinsicht, den ich bewundern kann, sonst mag ich ihm nicht gehorchen. Aber darum nehm’ ich auch Keinen von Allen hier, denn sag’ selbst, Mutter, ist Einer darunter, an dem etwas zu bewundern wäre? Nicht ein Einziger! Und wenn ich keinen solchen finde, dann heirathe ich lieber gar nicht.“

„Du sprichst sehr stolz,“ meinte Frau Hösli. „Ich kann Dich nicht darum tadeln; es ist amerikanisches Blut in Dir wie in Deinem seligen Bruder. Gott gebe, daß es nicht zwischen Dir und Deinem Vater zu so harten Conflicten führe wie zwischen ihm und unserem unglücklichen Heiri!“

„O Mutter, Du sagst ja oft, der Vater sei gegen mich in demselben Maße schwach, als er gegen Heiri streng war. Ich weiß schon, den Vater wickle ich um den Finger!“

Frau Hösli seufzte: „Ja, und es ist nicht gut für Dich, denn Du wirst es mit Deinem Manne einst ebenso machen wollen. Mit Einem, der sich’s nicht gefallen läßt, wirst Du beständig in Unfrieden leben, und Einer, der es sich gefallen läßt, wird Dir sehr bald zuwider sein. Du bist ein verzogenes Kind und wirst nie lernen, Dich unterzuordnen. Wehe dem armen Alfred, wenn er Dich bekäme! Du hättest es gut bei ihm, – er aber hätte es schlecht bei Dir! So lange ich lebte, ginge es noch, ich würde ihm schon beistehen; wenn ich aber stürbe, wäre er Dir gegenüber ganz hülflos!“

„Eine hübsche Geschichte,“ lachte Anna, „wenn die Schwiegermama dem Schwiegersohne gegen die Tochter beistehen müßte! Das wäre wohl etwas ganz Neues. Nein, Gott bewahre mich vor solch einem Manne, der immer, wenn die Frau unartig wäre, drohen müßte: ‚ich sag’s Deiner Mutter,‘ und wenn das nichts hülfe, zur guten Mama liefe – go hüle: ‚Muetti, ’s Anna isch wieder nit brav gsi, chumm au mit der Ruethe und gieb’m Schläg’!‘ O, ich könnte mich todtlachen, – o sweet mother, sei nicht böse, aber wenn Du mir den Fredy noch gründlicher hättest verleiden wollen, Du hättest es nicht besser machen können!“ Und sie lachte und küßte und küßte und lachte.

Die Mutter mußte diesen Ausbruch von wildem Humor und Zärtlichkeit über sich ergehen lassen; sie konnte dem unbändigen Geschöpf nicht zürnen, denn sie wußte ja, sein Herz war gut. Der herbe Tropfen amerikanischen Uebermuthes darin brachte gerade die richtige Mischung hervor und schützte das heißblütige Naturell vor jeder Sentimentalität, die Frau Hösli so haßte.

„Das sage ich Dir, Anna,“ sprach sie jedoch streng, „kränke mir nur den Alfred nicht, denn er verdient es nicht um uns, daß der erste Schmerz dieser Art durch uns über ihn käme. Behandle die ganze Sache als einen Scherz, wenn er wieder davon anfängt, was ich jedoch nach seinem Versprechen nicht glaube; denn Alfred ist ein Mensch, der Wort hält. Sei unbefangen und freundlich [610] wie immer; vielleicht ist es bei ihm selbst ein Kindertraum, der sich mit der Zeit verliert. Ist es aber eine tiefere Neigung, dann muß er auf eine schonende Weise von hier entfernt werden.“ Sie schwieg und sann einen Augenblick nach. Dann sprach sie entschlossen: „Ich will mich endlich überwinden und seine Mutter besuchen. Es war ja schon lange sein Kummer, daß ich mich nicht bewegen ließ, sie zu sehen. Am Ende hat er Recht; die Frau hat so furchtbar gebüßt und lebt seit den sechs Jahren so tadellos, daß man wohl milder über sie urtheilen darf. Ich will zu ihr gehen und mit ihr reden. Sie hat nichts mehr als diesen Sohn; sie soll ihn nicht auch noch durch Herzenskummer unglücklich sehen.“

„Du willst ihr sagen, daß sie mit ihm fortzieht?“ fragte Anna plötzlich etwas kleinlaut. „Das sollte mir leid thun; ich bin doch nun einmal an den Fredy gewöhnt; ich glaube, er ginge mir ab, wenn ich ihn nicht mehr hätte!“

„Mag schon sein,“ sagte Frau Hösli trocken; „Du wärst nicht das erste Kind, das eine Freude daran hat, Schmetterlinge zu spießen.“

Anna ließ die allerliebste Unterlippe hängen wie eine reife Erdbeere. „Wenn Du gleich so gewaltthätig in meine Angelegenheiten eingreifst, werde ich Dir nie mehr etwas anvertrauen; die ganze Geschichte war nur ein Spaß und gar nicht der Mühe werth, daß man sie so ernst nimmt.“

„Das wird sich zeigen,“ erwiderte Frau Hösli. „Nun geh’ und laß das Abendessen richten!“

„Hätt’ ich das gewußt, hätt’ ich gar nichts gesagt!“ murmelte Anna vor sich hin, während sie das Zimmer verließ.

Frau Hösli sah ihr sinnend nach. „Nun, Gott wird’s lenken, wie’s gut ist. Hier liegt kein Unrecht, und wo das nicht ist, da waltet Gottes Liebe frei, denn nur das Unrecht setzt ihr Schranken.“ –

Am andern Morgen führte Alfred seine Mutter nach ihrem jetzigen Lieblingsplätzchen in dem Kastanienwäldchen, dem Schauplatze der großen Katastrophe ihres Lebens, wo ihr Gatte gefallen. Sie hatte eine schlechte Nacht gehabt und war so erschöpft, daß sie kaum gehen konnte.

„Ich danke Dir, mein Sohn!“ hauchte sie hin, während er Decken und Kissen auf die Bank legte und ihr einen weichen Schemel unter die Füße schob.

„Du guter Sohn!“ sagte sie noch hüstelnd und athemlos vom Gehen. „Ich verdiene Dich nicht; aber ich liebe Dich desto mehr!“

„Liebe Mutter,“ sprach er, „willst Du mir nicht endlich meine Bitte erfüllen?“

„Welche?“

„Dich auscultiren zu lassen! Du weißt, wie es die Aerzte wünschen, welche Beruhigung es für mich wäre; Du schlägst mir doch sonst keine Bitte ab, warum nur diese eine?“

Adelheid schwieg.

„Mutter, ich flehe Dich an! Es darf mit dem Husten so nicht fortgehen, wir müssen etwas Ermsthaftes thun.“

Adelheid schüttelte lächelnd den Kopf „Nein, nein, Kind, das sind lauter übertriebene Besorgnisse. Ich versichere Dich, mir fehlt nichts auf der Brust, und kein Mensch wird mich bewegen, dieses stille verborgene Asyl mit irgend einem vielbesuchten Curort zu vertauschen. Quäle mich nicht mehr, mein Kind; ich werde Dir Deinen Willen immer thun, wo es sich um Dich handelt; aber hierin handelt es sich nur um mich, denn meine Lunge ist doch mein unbestreitbares Eigenthum, die geht Niemanden etwas an als mich, und ich werde Niemandem gestatten, sich um sie zu bekümmern. Wenn Ihr mich also nicht bindet, um mich meuchlings zu auscultiren, so werdet Ihr nie dahin gelangen.“

„Du täuschest mich nicht mit diesem Humor, Mutter; ich weiß doch, daß er gemacht ist. Ich kann mich aus meiner Kindheit, wo Du noch glücklich, nicht erinnern, Dich je scherzen gehört zu haben; wie solltest Du es jetzt können in Deinem Unglück?“

„O mein Sohn, glaube mir, ich bin jetzt glücklicher als damals,“ sagte Adelheid, und ihre Augen schweiften geisterhaft über den See hin. „Keiner ahnt es, welch stille Freuden mir in der Seele aufgingen, seit ich lernte, in mich selbst einzukehren. Sieh, da fand ich Alles wieder, was ich besessen, ohne es zu wissen oder zu würdigen: meinen Sohn und meinen Gott! und noch Eins – ja, das darf ich Dir sagen, Du bist alt und edel genug, um es zu verstehen: eine große Liebe, werth daran zu sterben!“

„Mutter!“ rief Alfred. „Eine Liebe zu dem Schurken, der –“

Adelheid lächelte. „Nein, was könnte mir dieser Armselige sein, der nur vom Staube dieser Erde ist? Der, den ich liebe, ist für mich kein Mensch von dieser Welt, und ich darf ihm erst gehören, wenn ich das Zeitliche von mir abgethan, denn ein irdisches Weib, und noch dazu ein schuldbeladenes, ist nicht für ihn.“

Alfred blickte sie staunend an, eine Ahnung dämmerte in ihm. „Mutter – versteh’ ich Dich?“ fragte er leise.

„Gewiß!“ flüsterte Adelheid, „denn es giebt nur Einen, auf den meine Schilderung paßt, nur Einen. Und Du liebst ihn gleich mir als den größten, besten aller Menschen, und Du wirst ihm nicht zürnen, daß Deine Mutter um ihn sich verzehrt, und Du wirst es nun begreifen, daß ich mich sehne, der entweihten verhaßten Hülle ledig zu werden, die mich von ihm trennt, dem reinen Manne. Was ist das Sterben für mich? Verklärung – Verklärung in seinem Lichte!“

„Arme Mutter!“ rief Alfred auf’s Tiefste erschüttert und sank ihr zu Füßen. „Arme Mutter!“

„Nein, Alfred, wer solch eine Liebe im Herzen trägt, der ist nicht arm! Ach, es war meine Bestimmung, zu lieben und in der Liebe aufzugehen! All’ mein Irren und Fühlen, es war nur ein Suchen und Sehnen nach dieser Bestimmung. Und ich habe sie doch noch erreicht – habe den Mann gefunden, für den ich leben und sterben möchte, und da ich nicht mehr für ihn leben darf – so ist es doch Seligkeit, für ihn zu sterben. O nein – ich bin nicht arm!“

„O, jetzt begreif’ ich Alles!“ sprach Alfred und drückte seine Lippen auf ihre weiße durchsichtige Hand. „O Mutter, wie beklage ich Dich!“

„Ja, Alfred, Du hast Recht und es mag wohl schade sein um so viel Liebe! Wie glücklich hätte ich machen können, wie glücklich sein!“ Eine Thräne perlte ihr in den großen Augen, aber sie lächelte dabei und lehnte das Haupt auf den schönen Kopf des Sohnes.

Es säuselte geheimnißvoll in den Kronen der alten Bäume, und leise wallte ein Regen weißer und rother Kastanienblüthen nieder. Ein Hauch der Versöhnung zog durch die ganze Natur und umwogte mit seliger Verheißung die büßende Frau. Die Millionen strahlender Augen, mit denen der See sie anschaute, sprachen es, und die süß zwitschernden Vogelstimmen sangen es, und das Herz ihres Sohnes jubelte es ihr zu: „Du bist entsühnt!“ Entsühnt! O großes Wort, das der geängstigten Seele die Pforten des Himmels öffnet, Wort der Erlösung – wo du gesprochen wirst, ist eine große That geschehen, eine jener stillen Thaten, die kein Griffel verzeichnet und in denen doch das Wesen seiner göttlichen Bestimmung näher gerückt wird.

Wie viel Zeit über die Beiden hingezogen sein mochte, sie wußten es selbst nicht, da gemahnte ein Hustenanfall die arme Frau daran, daß sie noch der Erde angehöre, daß sie noch eine lange schwere Leidenszeit vor sich habe, bevor sie an dem ersehnten Ziele war!

„Mein Sohn,“ sagte sie, „daß ich so mit Dir reden darf! Weißt Du, welch ein Glück das für mich ist? Ich habe Dir mein Herz geöffnet wie einem Freunde, und Du – Du hast mich verstanden und mir vergeben. Wohl mir!“

„Mutter, ich habe Dir längst vergeben und mich erfaßt ein unsäglicher Schmerz um Dich. Ich glaube nicht mehr das Andenken meines Vaters zu beleidigen, wenn ich Dich zu entschuldigen versuche. Er selbst lehrte mich ja in seinem Abschiedsbriefe – zu verzeihen, und ich habe einsehen gelernt, daß mein armer Vater nur eine dringende Pflicht zu erfüllen glaubte, da er sich noch einmal vermählte; denn der Name ist in unserem Stande wie die heilige Flamme auf dem Altare der Vesta, die von Generation zu Generation unentweiht forterhalten werden muß, und jeder Sproß einer edeln Familie betrachtet sich nur als den Priester, dessen Amt es ist, die heilige Flamme zu hüten und vor dem Erlöschen zu bewahren. Ein schöner, ein erhabener Gedanke. Wer wird den tadeln, der gefehlt, weil ihm ‚Heiliges heilig gegolten‘? Wer wird nicht mit stiller Ehrfurcht vor dem Altar stehen, den ein Volk in grauer Vergangenheit im Schweiß seines Angesichts irgend einem Irrthum erbaut und mit seinem Blute vertheidigt? Und dennoch, Mutter, ich fühle den unerbittlichen Ruf an mich ergehen, zu zerstören, woran ich selbst mit kindlicher Pietät hänge. Ich will [611] zertrümmern, was sich mir in dem Umkreise meines Wirkens hindernd entgegenstellt, nicht weil es mich, sondern weil es die gesunde Entwickelung hemmt, die ich fördern will. Ich opfere die Todten den Lebenden. Ein Vorurtheil, das so tief in das warme Leben einschneidet, wie das, welches unsere Standesgesetze und Familienstatuten schuf, das so viele Opfer fordert und dem Wohle des Ganzen doch so wenig fruchtet, muß fallen, und sei es noch so berechtigt, noch so ehrwürdig.“

„Mein Sohn, vermiß Dich nicht,“ sprach Adelheid. „Du nimmst den Kampf mit einer Welt auf, für die Du geboren und erzogen bist! Steige nicht herab von einer Höhe, auf die Dein Name Dich gestellt, Alles drängt empor nach der Höhe – und Dich drängt es herab in die Niedrigkeit!“

„Das ist nicht wahr, meine Mutter, ich will nicht die Rechte meiner Geburt verkaufen um ein Gericht Linsen, nimmermehr. Nicht herabsteigen will ich zu den Niedrigen, sondern sie zu uns heraufziehen. Beweisen will ich meinen Standesgenossen, daß wir echte Edelleute bleiben können, auch wenn wir uns den Bedingungen des zeitgemäßen Fortschrittes fügen, daß wir keine Majorate mehr bedürfen, wenn wir uns nicht scheuen, die Pfunde, die uns Gott gegeben, wuchern zu lassen, und daß der Glanz eines Namens, der sich an der heiligen Flamme des Genie’s entzündet, ebenso hell leuchtet, als der eines altererbten Familienruhmes! Das, Mutter, das ist die Idee meines Lebens.“

Adelheid legte die Hand auf das lockige Haupt des Jünglings: „Mein edler Sohn, Du schaffst Dir ein Leben voll schwerer Pflichten und sicherst Dir keinen Lohn, denn Die, für deren Wohl und Rechte Du wirken willst, werden Dir’s nicht danken, weil sie die Opfer, die Du ihnen bringst, nicht schätzen können. Deine Standesgenossen aber werden Dich als ihren Feind, als einen Abtrünnigen betrachten, und Du wirst zu Niemandem gehören und Niemand wird zu Dir gehören! Du wirst stets allein bleiben.“

„Ich werde das Schicksal aller Derer theilen, welche die Dinge in ihrem Verhältniß zu dem Ganzen und nicht an und für sich betrachten, welche mit einem Worte keiner Partei angehören und daher von allen angefeindet werden. Sei’s, Mutter, ich sehe diesem Geschicke ruhig entgegen. Ich weiß, was ich will und was ich muß, und stelle alles Gelingen Gott anheim.“

„Wer kommt da?“ fragte Adelheid und wandte erschrocken den Kopf. Alfred ging nach der Richtung, von wo ein Geräusch wie von Rädern ertönte. Es dauerte einige Minuten, bis er zurückkam, Adelheid benützte sie, um sich einmal wieder recht auszuhusten, was sie nie that, wenn Alfred bei ihr war. Endlich eilte er herbei und fragte froh bewegt: „Mutter, fühlst Du Dich wohl genug, um einen unverhofften Besuch zu empfangen?“

„Wer ist es?“ fragte Adelheid.

„Eine Frau, deren Nichtachtung Dir so lange und so vielen Kummer bereitet –“

„Frau Hösli?“ rief Adelheid, und das Blut stieg ihr in das Gesicht. „Sie kommt zu mir?“

„Ja, Mutter!“ sagte Alfred bittend. „Und ich bin sicher, sie kommt nicht, um Dich zu beschämen!“

„Ich will sie sprechen,“ flüsterte Adelheid und erhob sich, um ihr entgegen zu gehen.

Frau Hösli wartete in ihrem Rollwagen am Rande des Wäldchens: Als sie Adelheid kommen sah, verabschiedete sie den Diener, der sie fuhr. „Sie schieben mich wohl bis zu der Bank, wo Ihre Mutter saß, lieber Alfred?“ bat sie, und Alfred that, wie ihm geheißen. So auf halbem Wege begegneten sich die Frauen. Alfred hielt an, Frau Hösli streckte Adelheid die Hand entgegen. Adelheid war unfähig zu sprechen, sie sah die strenge, makellose Frau seit der furchtbaren Katastrophe zum ersten Male, und Stolz und Scham rangen schwer in ihrem Herzen.

„Wir haben viel durchgemacht, seit wir uns zum letzten Male sahen!“ sagte Frau Hösli.

Adelheid schwieg noch immer und große Thränen flossen ihr über die Wangen herab.

„Wir müssen alles Unglück, das uns trifft, als einen Läuterungsproceß ansehen. Und ich denke, so haben Sie es auch gethan.“

Adelheid schlug die Augen auf und sah Frau Hösli mit einem vollen Blick an. „Ich glaube ‚Ja‘ sagen zu dürfen!“

„Aber kommen Sie bis zur Bank, Liebe! Sie sollen nicht so lange stehen, Sie scheinen mir wirklich sehr angegriffen. Unser guter Alfred schiebt mich wohl bis dahin?“

Die Bank war erreicht und Adelheid setzte sich neben Frau Hösli’s Rollwagen.

„So,“ sagte diese, „mein lieber Alfred, nun will ich Sie nicht mehr aufhalten. Sie sind gewiß so freundlich, mir in einer halben Stunde den Diener wieder zu schicken!“

Alfred fühlte, daß Frau Hösli mit seiner Mutter allein sein wollte, und ging.

Als er aus dem Wäldchen trat, sah er Anna, die sich am Ufer herumtrieb. „Ei, Aenny, was machst denn Du hier? Du durftest ja unsern Boden nie betreten!“

„Seit die Mutter sich mit Deiner Mutter versöhnen will, darf ich auch wieder herüber. Ich habe sie bis hierher begleitet und da pflückte ich gleich ein paar Binsen zu Körbchen für Frank’s Kinder, sie wachsen hier viel schöner als drüben bei uns. Komm’, hilf mir pflücken.“

„Ich kann eigentlich nicht,“ sagte Alfred unschlüssig, „ich wollte zum Doctor Zimmermann. Er hat schon seit drei Tagen meine Dissertation im Hause, und ich kann es nicht mehr erwarten, sein Urtheil zu hören.“

„Nun gut, so geh’, wenn Dir das lieber ist,“ sagte Anna trotzig, „pflück’ Dir Lorbeeren statt Binsen!“

Alfred sah sie lächelnd an „Schau’, schau’! Gleich beleidigt? Nun, sei nur gut. Du sollst mich nicht umsonst einen Philister nennen. Ich will als solcher sagen: eine Taube in der Hand ist mir lieber, als sieben auf dem Dache, oder auf den vorliegenden Fall angewendet: Eine sichere Binse mit Aenny ist mir lieber, als unsichere Lorbeeren ohne Aenny!“

„Wenn ich aber aus den Binsen einen Korb flechte?“ neckte Anna.

„Da werde ich wohl gescheidt genug sein, ihn mir nicht zu holen!“

Anna war etwas verblüfft über diese Antwort. „Fredy, Du bist heute recht übermüthig,“ bemerkte sie.

„Das kommt mitunter so, wenn ich Dich sehe – Du steckst mich an.“

Aenny war halb ärgerlich. Es stand dem kleinen Alfred so schlecht, wenn er muthwillig sein wollte. Zwar – wenn er sentimental war, gefiel er ihr ebensowenig. Er konnte sein, wie er wollte, recht war er ihr nie. Und dennoch mochte sie ihn nicht missen, „weil sie nun eben einmal so an ihn gewöhnt war.“ Und wenn er ihr nicht nachlief, so lief sie ihm nach, so sicher wie die Luft in einen leer gewordenen Raum nachströmt. Hätte Alfred die Klugheit gehabt, sie, was man so sagt, an sich kommen zu lassen, die kleine „Donna Diana“ wäre ihm sicher gewesen. Aber er hatte keinen Perin zur Seite, und eine erste frische echte Liebe experimentirt nicht. Alles, was er über sich gewann, war, sein Wort zu halten und nicht mehr geradezu von Liebe zu reden, und die Mühe, die ihn das kostete, war es, was ihn von nun an ferner von Anna hielt, als früher.

Anna hatte sich wieder an die Arbeit begeben und raufte tüchtig in den Binsen herum.

Alfred folgte ihrem Beispiel.

„Au,“ schrie Anna, „mein Nagel!“

„Was hast Du? Zeig’ her!“

Anna hatte sich beim Pflücken den Nagel tief eingerissen. „Au, thut das weh!“ jammerte sie.

„Wart’, da wollen wir gleich helfen,“ sagte Fredy, zog sein Operationsetui aus der Tasche und nahm eine Scheere heraus.

„Führt er wahrhaftig eine Scheere bei sich wie ein Schneider!“ lachte Anna.

„Ich bin auch ein Schneider,“ erwiderte Alfred, wie immer von solchen Späßen verletzt. „Und noch dazu ein Flickschneider, denn ich bessere nur Mängel und Schäden aus.“ Er hatte Aenny während dessen das perlmutterblanke verunglückte Nägelchen abgeschnitten.

„Danke,“ sagte Anna und schielte mit einer geheimen gruseligen Neugier in das Etui. „Was sind denn das alles für närrische Instrumentchen?“

„Das ist mein Nähzeug!“ sagte Alfred ironisch. „Oder auch, da Du die Ritter mehr liebst als die Schneider, mein Rüstzeug. Da drinn stecken meine Schwerter und meine Lanzen!“ Er wickelte das Etui wieder zusammen.

„Das sind mir schöne Schwerter; wenn Du mit denen Einem zu Leibe gehst, mag’s ein lustiges Turnier geben. Brr!“ [612] – Anna schüttelte sich – „Da ist mir ein blanker Säbel doch noch lieber, der kann tapfer geschwungen werden und tapfer parirt!“

„Du mußt eben einen Officier zum Mann nehmen, wenn Dir die, welche die Wunden schlagen, lieber sind, als die, welche sie heilen!“

„Fredy!“ sagte Anna und legte begeistert ihre Hand auf die seine. „Schilt mir die Soldaten nicht. Es ist etwas Großes, unbekümmert um jede Gefahr täglich bereit zu sein, für sein Vaterland mit Leib und Leben einzustehen. Ihr Alle, die Ihr arbeitet und Euch plagt in sicherem Frieden, Ihr wißt doch wohl nicht, was es heißen mag, hinauszutreten vor tausend eiserne Schlünde, die auf die wehrlose Brust gerichtet sind, und sich selbst zu einem der Steine in dem lebendigen Wall zu machen, der das Vaterland, seinen Stolz, seinen Fleiß und seine Schwachen und Kranken schützt.“

Alfred sah bewundernd auf Anna, wie sie so begeistert vor ihm stand, die langen Binsen wie ein Büschel Speere in der Hand. Sie sah aus wie eine gewappnete Seejungfrau, aus der Tiefe emporgestiegen, um eine feindliche Fregatte zu vernichten. Er vergaß ganz das Weh, das er empfand bei ihren Worten, in dem Entzücken über ihren herrlichen Anblick.

„O Alfred, wenn ich so von einem großen Feldherrn lese, der Millionen von Armen mit seinem gewaltigen Willen anspannt, als wären sie ihm alle an den eigenen Leib gewachsen, dessen Geist solch einen riesigen Heereskörper zusammenschmiedet und lenkt, als wäre es sein eigener Körper, und damit ganze Länder zertrümmert und neu aufbaut, da meine ich doch, Größeres kann’s nicht auf Erden geben als solch einen Mann, und die Frau solch eines Mannes zu sein, sei das höchste Loos, das einem Mädchen werden könnte!“

Alfred machte eine schmerzliche Bewegung.

„Ach,“ fuhr sie fort, „es ist mir einfachem Mädchen sicher nicht beschieden. Ich weiß auch gar nicht, wie ich zu solchen Phantasien komme – ich meine, es ist der Anblick der großen Natur, des weiten Sees, der himmelhohen Berge, der mir das Herz so geweitet hat, daß ich mir auch unter den Menschen nur das Höchste, das Größte denken mag!“

„Anna,“ sagte Alfred, „ich verstehe Dich! Glaub’ mir, ich bewundere nicht weniger als Du die Vereinigung von Muth und Kraft. Aber es kann Kraft geben ohne Muth, wie Muth ohne Kraft; der letztere wird natürlich so lange verkannt, bis es ihm gelingt, sich auf einem Gebiete zu bethätigen, auf dem er die elenden Handlangerdienste der Muskelkräfte nicht bedarf; solch ein Gebiet ist wohl auch der ärztliche Beruf. Aber die Wenigsten denken daran, welch stilles Heldenthum es erfordert, sich täglich, stündlich den Gefahren der Ansteckung, dem Anblick der gräuelvollen Erscheinungen auszusetzen unter denen der menschliche Körper der Vernichtung anheimfällt – und sich dabei sagen zu müssen, daß man aus demselben gebrechlichen Stoffe ist und daß kein Eisenharnisch und kein Schwert die wehrlose Brust vor dem Einathmen tödtlicher Miasmen schützt. Doch ich bin ein Thor! Ich renommire mit Dingen, die Dich anekeln müssen, wie Heine’s poetische Krankenstubenseufzer. Du stehst noch im Stadium des Buches der Lieder und willst keinen Helden sehen, der mit Blutegeln und Kataplasmen kämpft!“

Er schwieg. Der Schmerz übermannte ihn, alle seine Hoffnungen lagen in Trümmern.

(Fortsetzung folgt.)




Im Hauptquartier des Prinzen Friedrich Karl.
Von unserem Berichterstatter Georg Horn.
Dritter Brief: Bei Tod und Wunden.
Am Tage der Schlacht von Mars la Tour. – „Son Bismarck“. – In Thiaucourt. – Die ersten Verwundeten. – Barmherzige Schwestern und „die Soldaten des guten Gottes“. – Brunnenvergiftung. – Der Maire in Todesangst. – Im Frieden der Nacht. – Ein Gang auf das Schlachtfeld von Vionville. – Die letzten Augenblicke der Sterbenden. – Die Hyänen des Schlachtfeldes. – Der treue Hund als Leichenwächter.

Als am 16. August, dem Tage von Mars la Tour, der Prinz Friedrich Karl plötzlich Nachmittags halb drei Uhr aus dem Hauptquartier Pont à Mousson aufbrach, um sein Hauptquartier mehr in das Centrum der Armee zu verlegen, ward für die Zurückbleibenden als Bestimmungsort Thiaucourt angegeben. An der Stelle des Prinzen aber schlug König Wilhelm in der reizend gelegenen Moselstadt sein Hauptquartier auf. Als wir zum Thore hinausfuhren, standen die Leute in dichten Massen an den Kreuzungspunkten der Straßen; sie hatten gehört, daß mit dem Könige auch Bismarck komme, und Alle wollten nächst „Roi Guillaume“ „Son Bismarck“ sehen. Vor dem Könige war bereits General von Moltke in Pont à Mousson angekommen; er war mit einem Generalstabsofficier hinaus vor die Stadt gegangen, man hörte Kanonen donnern, und wo Kanonen donnern muß man sich auch den General von Moltke denken; die Leute sahen den langen, hagern Mann wohl, der, die Hände auf den Rücken gelegt, etwas vorgebeugt, mit dem Officier im ruhigen Gespräche dahinging, sie sahen jedenfalls nur die Uniform an, und erkannten an dieser, daß der Mann preußischer General sei, aber er hatte keinen martialischen Henriquatre, überhaupt keinen Bart, nur Gedanken im Gesicht; aber diese Gedanken konnten sie nicht lesen, um durch sie eine Idee davon zu bekommen, daß derselbe Mann für den Augenblick für diesen Tag viel bedeutungsvoller war als Bismarck – ihr Sinn stand darum nur nach dem großen Minister.

Thiaucourt erscheint, mitten in Weinbergen gelegen, wie eine Traube zwischen grünen Blättern. Kein Wald, kein Busch auf dem ganzen Wege von drittehalb Meilen, den wir von Pont à Mousson bis Thiaucourt machen mußten, nur abgeerntete Ackerflächen und weit und breit die Rasenhügel mit ihrem eintönigen Grün. Die Eigenthümlichkeit der Formation des Moselplateaus besteht in dem wellenförmig sich fortsetzenden Terrain, in den weichen, runden Linien der Höhenzüge und in den oft jähen Schluchten, nach denen sie abfallen. So ist die kleine Stadt, welche das Ziel unserer Fahrt vom 16. August war, halb in einer Schlucht, halb an einem steil aufsteigenden Höhenrücken gelegen, der unseren Pferden mit den schweren Gepäckwagen recht schwer wurde. Der Ort besteht in einer einzigen, engen Hauptstraße, ist hübsch gebaut, und der Ruf seines Wohlstandes, der in Pont à Mousson in unsere Ohren drang, wurde durch das Aeußere nicht Lügen gestraft. Das Städtchen ist wegen seines Weines berühmt, aber wir sollten uns seines Genusses nicht erfreuen. Als wir abgestiegen, war das Erste, was wir erfuhren, daß etwa drei Stunden von dem Orte die Schlacht im Gange und daß der erste Verwundete bereits in Thiaucourt angekommen sei. Die Brandenburger hätten, so sagte das Gerücht, auf dem rechten Flügel bereits gesiegt, da sei ein neues französisches Armeecorps angekommen, und gegen diese neue Verstärkung seien dieselben, die bereits seit fünf Stunden im Gefecht standen, zu schwach an Zahl gewesen. Nun aber ist mitten in den Ereignissen, in dem Schlachtendonner stehen lange nicht so aufregend, als sich solchen unbestimmten dumpfen, unheilverkündenden Gerüchten gegenüber zu befinden; sie haben keine greifbare Gestalt, man weiß nicht, woher sie kommen, aber sie sind da und umschwirren Einen wie eine schauerliche Melodie, die man nicht mehr aus dem Sinn bringt, die ferner Einen mit Ungeduld, mit Unruhe und Angst erfüllt.

Zur Vorsorge ließen Graf Theodor zu Stolberg und Graf Solms-Baruth die Johannitercolonnen mit den sechs Wagen, die sich zum Verwundetentransport bei der Colonne des Hauptquartiers befinden, zum Abfahren nach dem Schlachtfelde bereit machen. Da erschien der erste Wagen mit mehreren Verwundeten von dem vierundzwanzigsten brandenburgischen Regiment, das sich in dem Walde bei St. Arnould nächst Vionville so wacker gehalten hatte. Man dachte in dem ersten Moment der Aufregung gar nicht daran, für die Verwundeten Sorge zu tragen, man wollte nur Nachrichten haben. Glücklicher Weise waren die Wunden der zuerst Angekommenen nicht so schwer, daß durch diese Verzögerung eine Versäumniß entstanden wäre; aber leider bestätigten die Aussagen der Soldaten auch die Wahrheit des Gerüchtes. Die Johannitercolonne wurde wieder zurückgehalten es gab jetzt in dem Orte genug zu thun, denn schon langten die Proviant-, die Marketenderwagen

[613]
Die Gartenlaube (1870) b 613.jpg

Acht Correspondenzkarten und nur Ein Schriftkundiger.
Nach der Natur auf dem Berliner Bahnhof aufgenommen von Prof. Döpler.

[614] mit Verwundeten in förmlichen Colonnen an, und diese waren alle, alle vom dritten Armeecorps! Die Soldaten waren durch Wunden, Blutverlust und Hunger so ermattet, daß sie nur in ganz unzusammenhängenden Sätzen die Wirkung des mörderischen Feuers der Franzosen schildern konnten. Sie hätten immer nur in einem Feuer und Kugelregen gestanden. „Königsgrätz,“ äußerte sich einer der Soldaten, „war dagegen das reine Exerciren mit Platzpatronen.“

Durch die nächste Fürsorge um die armen Leute wurde für den Augenblick die Sorge um den Gang der Ereignisse, um das Loos der Entscheidung erstickt, obwohl diese Sorge wie ein drückender Alp auf Einem lag. Das Spital St. Anna in Thiaucourt wurden geöffnet; binnen einer halben Stunde waren die bereits zur Aufnahme der Verwundeten hergerichteten Säle belegt; aber schon nach einer Stunde reichten dieselben nicht mehr aus. In den Corridors, in den Vorplätzen mußten Matratzen ausgebreitet werden; die barmherzigen Schwestern, „les soldates de bon dieu“ wie sich eine mir gegenüber bezeichnete, entledigten die Soldaten ihrer von Staub und geronnenem Blute bedeckten, von Kugeln zerrissenen Kleider, sie reinigten die vom Pulverdampfe geschwärzten Gesichter, sie nahmen die von geronnenem Blute erstarrten Verbandlappen ab, wuschen die Wunden und sprachen den Armen Trostesworte zu. Diese verstanden zwar den Sinn derselben nicht, aber die Musik des Lautes hatte ihr Herz doch empfangen. Wie die guten Geister des Lebens glitten die Nonnen in der Mühe und Sorge von einem der Soldaten zum anderen. Umringt von den Stöhnenden, Wimmernden, Klagenden, die im Halbdunkel an den Wänden umherlagen, trat inmitten des Saales in greller Beleuchtung eine Gruppe voll Blut und Schmerzensschreien hervor. Der dem Obercommando der zweiten Armee beigegebene Generalarzt Dr. Löffler und der Arzt der Johannitercolonne Dr. Ritterfeld aus Berlin machten mitten in dem Andrängen von immer neuen Verwundetentransporten, von Meldungen, Fragen ihre Operationen, die über Zukunft, Leben oder Tod entschieden. Während der wackere Generalarzt seine blutige Kunst verrichtete, die so Manchem das Leben erhalten hat, gab er zugleich Dispositionen über die Art und Weise, wie die Nachkommenden untergebracht werden sollten. „Die öffentlichen Gebäude müssen geöffnet werden, die Rathäuser, die Mairie, die Kirche!“ rief eine Stimme hinzufügend.

„Nein, nicht die Kirche,“ befahl der Generalarzt, „die ist zu kalt, zu feucht; eher eine Scheune, wenn die Noth gebietet. Aus den Häusern sollen Matratzen geholt werden. Der Maire soll Sorge tragen. Wo ist der Maire?“

Die Diaconen der Johanniter brachten immer neue Opfer der blutigen Schlacht; sie legten sie in Ermangelung anderer Plätze auf die Stufen des Spitals, auf die Bänke des Gartens, der dasselbe umgiebt, auf Strohlager, die eiligst in dem Garten ausgebreitet waren. So war es unterdeß Nacht geworden, finstere Nacht; man sah nichts als dunkle Menschenknäuel, man hörte nur Rufen, Schreien, Stöhnen, Wimmern. Licht, Licht! Es war in allen Städten angeordnet worden, daß alle Fenster derselben Nachts erleuchtet sein sollten. Wo bleibt die Ausführung dieses Befehls? Wo ist der Maire? Auf der Mairie! Nach der Mairie! Ein altes großes finsteres Gebäude mit Arcaden. Davor ein großer Brunnen und um diesen ein dichter dunkler Menschenhaufe. Beim Nähertreten sah man schwarze Uniformen, hörte man braunschweigische Laute, es war ein Braunschweiger Infanterieregiment. „Der Brunnen ist vergiftet; werft ihn hinein!“ Zwischen diesen in wildem Chaos gesprochenen Worten vernahm man klägliche französische Laute. Ein Officier in der Uniform der Gardehusaren, der Commandant der Stabswache, Graf Alexander von W., trat hinzu. „Platz da! Was geht hier vor? Wer soll hineingeworfen werden?“

„Der Kerl da, Herr Rittmeister, er hat den Brunnen vergiftet; wir haben es selbst gesehen, wie er das Pulver hineingestreut hat.“

„Wer ist der Mann?“

„Ein Franzose, Herr Rittmeister.“

„Wo ist er?“

Der Schein der einzigen Laterne, welche das Stadthaus erhellte, fiel auf das bis zum Tode geängstigte Gesicht eines noch ziemlich jungen Mannes, der bei dem Erscheinen des Officiers die Hände flehend zu diesem emporhob mit den natürlich französisch gesprochenen Worten:

„Bei der Barmherzigkeit Gottes, helfen Sie mir! Retten Sie mich! Ich weiß nicht, was sie wollen. Seien Sie mein Beschützer!“

„Wer sind Sie, mein Herr?“

„Ich bin der Maire dieser Stadt.“

„Sie sind beschuldigt, den Brunnen vergiftet zu haben.“

„O nein, nein, mein Herr. Welcher abscheuliche Verdacht! Ich bin kein Giftmischer. Glauben Sie mir bei der ewigen Barmherzigkeit Gottes.“

„Aber die Soldaten wollen es gesehen haben.“

„O, welcher Irrthum! Welche Ungerechtigkeit!“

„Der Mann bestreitet es,“ wandte sich der Officier zu den Soldaten. „Habt Ihr es auch wirklich gesehen? Ist es auch kein Irrthum von Euch?“

„Nein, nein; wir haben es gesehen, wie er sich über den Brunnen gebeugt und etwas Weißes hineingeworfen hat.“

„Gut denn,“ versetzte der Officier, unter diesen Umständen den einzigen Ausweg findend, der einesteils der allgemeinen Erregung, anderntheils dem sich als unschuldig bekennenden Maire gegenüber zu nehmen war. „Windet den Eimer auf!“ befahl er den Soldaten. Es geschah. Dann nahm er seinen Trinkbecher heraus, schöpfte denselben aus dem mit Wasser gefüllten Eimer voll und reichte das mit dem angeblichen Gifttranke gefüllte Gefäß dem Maire mit den Worten hin: „Trinken Sie, mein Herr, nur um die Soldaten zu besänftigen.“

Der Mann trank, der Officier schöpfte noch einmal und credenzte den Becher nochmals dem Haupte der Stadt, das ihn zum zweiten Male leerte. Erschöpft von Schrecken und Aufregung wankte der nach der festen Ueberzeugung der Soldaten vergiftete Bürgermeister von dannen, nachdem er noch den Befehl gegeben hatte, die verlangten Locale zu öffnen; nachdem er durch Trommelschlag hatte verkünden lassen, daß die Fenster des Ortes erleuchtet werden sollten. Und es wurde licht, aber die Colonnen mit Verwundeten wollten noch immer nicht enden. Die Nacht war frisch und mild und kühlte die brennenden Wunden. Da zugleich von den verschiedenen Sanitätsdetachements mehrere Aerzte eintrafen, so daß in jedem Locale gegen drei bis fünf in Thätigkeit sein konnten und da zuletzt auch die Lazarethgegenstände anlangten, so wurde Thiaucourt zum großen Verbandplatz nach der Schlacht von Mars la Tour. Generalarzt Dr. Löffler war bald in dem einen, bald in dem anderen Local, wo eine gefährliche Operation sich als nothwendig zeigte, immer persönlich bei der Hand und bei der That. Die Wunden waren zumeist Kopfwunden, theils Wunden am Oberarm, an letzterem war gerade die Linie getroffen, die Einer beim Anschlag nimmt. Viele Amputationen wurden nötig und welcher Heroismus im Schmerz der Wunden zeigte sich bei den Einzelnen!

Einem Gemeinen vom fünfunddreißigsten Regiment wurde der linke Oberarm amputirt. Als die Operation vorüber und der blutige Stumpf verbunden war, als die barmherzigen Schwestern ihn auf das weiche Lager niedergleiten ließen, öffneten sich noch seine Lippen, die bisher zu dem blutigen Werke stumm geblieben waren, aber nicht zu einer Klage darüber, daß er zeitlebens zum Krüppel geworden war, nein – seine mit matter Stimme gesprochenen Worte waren: „Ach, ich gäbe auch noch den andern Arm darum, wenn nur mein Hauptmann nicht gefallen wäre, mein guter, braver Hauptmann!“

Schließlich waren etwa vier- bis fünfhundert untergebracht – es wurde still, die meisten waren verbunden und gesättigt und der wohltätige Schlaf kam über sie. Aber immer noch keine Nachricht über den endgültigen Erfolg des Tages. Die Verwundeten waren vom Kampfplatze getragen worden, da die Schlacht noch im Gange war. Es war bereits Mitternacht, und der Prinz war immer noch nicht zurück. In der Wohnung, die für den hohen Herrn hergerichtet war, brannten die Lichter, waren die Tische für das Abendessen bereitet.

Die Dienerschaft stand harrend und sorgend unter dem offenen Eingange des Hauses, aufmerksam in die Nacht hinauslauschend, ob sich nicht der Hufschlag von Rossen hören lasse; aber selbst dem schärfsten Ohre war Nichts vernehmbar, Alles blieb still draußen und doch war es, als ob durch die Nacht ein schwerer Athemzug ginge. Sollte vielleicht das Entsetzliche geschehen sein, sollte die [615] schwierigste Aufgabe dieses Krieges, die mit allem Aufgebot geistiger und materieller Kräfte vorbereitet war, sollte der erste Schlag, den die zweite Armee zu führen hatte, sollte der mißglückt sein? Von welchen Zufälligkeiten, die aller Vorbereitung, aller Berechnung spotten, hängt nicht das Glück der Schlachten ab!

Ich war von den Anstrengungen des Tages todtmüde, aber konnte man mit solchen Gedanken, mit dieser Seelenbangniß überhaupt an Schlaf denken? Horch! Das sind Hufschläge – aber nicht von mehreren Pferden – nur von einem. Roß und Reiter kommen in Sicht der Mairielaterne, der Reiter ist eine Stabsordonnanz.

„Woher kommen Sie? Was bringen Sie für Nachrichten mit?“

„Gute. Die ersten Hiebe haben sie richtig empfangen, und die Quittung darüber durch ihren Rückzug ausgestellt. Wo ist die Wohnung für Seine königliche Hoheit?“

„Dort hinein, wo die Fenster erleuchtet sind. Wird der hohe Herr bald kommen?“

„Nein, ich soll melden, daß der Prinz diese Nacht in der Nähe des Schlachtfeldes bivouakirt.“

Schlaf sollte trotz der trostreichen Botschaft des Sieges aber doch nicht kommen. Ich hatte bei meiner Ankunft in Thiaucourt in meinem Quartier nur schnell mein Handgepäck abgelegt, ohne mich um die Quartiergeber, denen man sonst doch seinen Besuch zu machen pflegt, weiter zu bekümmern; nur das Haus hatte ich mir gemerkt. Als ich abgeklopft hatte und die Thür mir aufgethan worden war, kam mir eine weibliche Person, nicht mehr jung, und dem Aeußern nach zu schließen eine Wirthschafterin weinend entgegen. Auf meine Frage nach der Ursache ihrer Thränen, erzählte sie mir, daß ihr Herr, der Maire, schwer krank darniederliege; er sei vor einer Stunde todtenbleich nach Hause gekommen, habe sich sogleich zu Bette gelegt und befinde sich in einem Zustande, der sie Alles befürchten lasse. Nirgends sei ein Arzt aufzutreiben, selbst für den Maire von Thiaucourt nicht!

Sollten die Soldaten Recht gehabt, sollte sich der Maire selbst den Tod getrunken haben? Ich muß ganz aufrichtig gestehen, daß bei der mich überwältigenden Müdigkeit mir nicht der Gedanke kam, mich nach dem Manne umzusehen. Ich versank in einen Schlaf, der so gesund war, daß keine Träume kamen - leider nicht lange. Da dröhnte auch schon das Pflaster der Straße von den Batterieen, die über dasselbe hinwegrasselten, und dieses angenehme Wiegenlied, gesungen von der Artillerie des durchziehenden zwölften (sächsischen) Armeecorps, währte so zwei Stunden lang. Durch die Jalousieen meines Zimmers kam der erste Schimmer des Tages; draußen wurde stark an die Hausthür geklopft. Niemand öffnete. Das Pochen wurde stärker. Schnell warf ich meine Kleider über und ging hinaus, zu erfahren, was denn geschehen sei. Im Frühroth stand draußen ein sächsischer Officier, faßte mich kräftig am Arme und sagte in geläufigem, wenn auch vom Accent seines Landes angehauchtem Französisch: „En avant! Venez avec nous pour nous montrer le chemin pour aller à Metz!"

„Es thut mir unendlich leid, Herr Rittmeister, Ihnen in diesem Falle nicht dienen zu können, indem ich den Weg selbst nicht weiß.“

„Ah! pardon! ich sehe, daß ich mich geirrt habe, verzeihen Sie!“ – Der Officier ging ein Haus weiter, dort schien er mehr Glück zu haben, denn er kam aus demselben sehr bald mit einem Manne in der Blouse, einem Franzosen hervor.

Oh mes enfants – ma pauvre femme. Ayez pitié avec nous!" jammerte dieser.

Vous reviendrez à vos enfants – à vos – à votre femme." verbesserte sich der Officier in der Erinnerung, daß er in einem christlichen Staate sich befand, wo die Vielweiberei noch nicht gesetzlich ist.

Als wir an demselben Morgen Thiaucourt verließen, und ich nach dem Eßzimmer ging, um mein Frühstück zu nehmen, wer trat mir, um die Honneurs zu machen, entgegen? Der Herr Maire, frisch und gesund, nur noch ein wenig bleich und angegriffen von dem Schrecken durch die gestrigen Ereignisse.

Den Weg nach Metz! das sagt so ein junger Krieger so kurz weg, als ob dieser Weg so leicht wäre, als ob er nicht über Blutströme und über Leichenwälle führe.

Des andern Tages Nachmittags ging ich über das Schlachtfeld von Vionville. Die Sonne brannte heiß. In der Ferne sah man die Lazareth- und Johanniterwagen mit dem rothen Kreuz im weißen Fahnentuche und die Krankenträger-Compagnieen nach Verwundeten suchen. Sonst war es still auf dem Plane, auf welchem gestern um dieselbe Stunde unter Donnergebrüll der Geschütze und dem Kampfgeschrei erbitterter Feinde um die Siegesbraut gefreit wurde, – jetzt lag der Friede des Todes über der blutigen Wahlstatt.

Man brauchte keinen Wegweiser, man fand den Weg von selbst, wenn man den zerschossenen Helmen, den verstreuten Gewehren, den todten Pferden, den durch geplatzte Granaten aufgewühlten Erdschollen nachging. Da lagen die ersten Gefallenen – zuerst vereinzelt, gleichsam die Vorposten des Todes; dann weiter dichter und dichter. Die Nummern der Achselklappen an den zerschossenen Uniformen zeigten an, daß hier das Kampf- und Siegesfeld der brandenburgischen Regimenter war, und die dicht gesäeten Leichname, mit welch’ großen Verlusten dem Feinde jeder Vortheil abgerungen werden mußte, wie theuer jeder dem Feinde abgewonnene Fuß Erde dem Vaterlande geworden war. Da waren Officiere und Mannschaften treu vereint im Tode; wie sie es im Leben und im Kampfe waren. Einer von den Leuten des vierundsechszigsten Regimentes hielt sein Gewehr noch mit fast krampfhafter Energie an das Herz gedrückt; ein Anderer hat im Augenblick des Todes mit der einer Hand an die Stelle gefaßt, wo der Trauring angesteckt war – sein letzter Gedanke war Weib und Familie; wieder ein Anderer lag da, die Hände zum Gebet über der Brust gefaltet; er war betend im treuen Glauben eingegangen.

Die meisten Wunden sind Kopfwunden, geronnene Blutmassen bezeichnen die Stelle, wo der Lebensnerv getroffen und vernichtet wurde. Vielen ist die Kugel auch mitten durch die Brust gegangen, und der natürliche Instinct hat sie im Momente des Getroffenseins noch die Uniform aufreißen lassen, so daß man die kleine Wunde sieht, welche die Chassepot oder Mitrailleusenkugel getroffen hat. Die meisten Gefallenen liegen mit einer Armbewegung nach oben; sie rührt von dem Todeskampfe her. Unheimlich sind die weit offenstehenden, mit der Iris nach oben gerichteten Augen, gerade als hätten sie noch im Momente des Todes nach oben geschaut mit dem Gedanken: Sonne, willst du denn noch nicht sinken und diesem Tage ein Ende machen? O wie gerne möchte manche Liebeshand in der Heimath diese Augen zudrücken, manche Mutter, manche Braut, manche Gattin noch einen Kuß auf diese erkalteten Lippen drücken!

Im Ganzen machen unsere Truppen nicht den Entsetzen erregenden Eindruck, den man von den französischen Gefallenen bekommt. Die meisten sind von den preußischen Granaten zerrissen. Die französische Artillerie hat unseren Truppen verhältnismäßig wenig Schaden zugefügt; ihre Shrapnels sind schlecht; sie haben zwar eine hohe Flugbahn, einen hohen Aufsatz, aber sie crepiren meistentheils in der Luft, anstatt auf dem Boden. Von der Zielsicherheit und Treffkraft unserer Geschosse hingegen bekommt man durch die Reihen der französischen Gefallenen eine schreckenerregende Ueberzeugung. Schrecklich war der Anblick des französischen Lagers, das bei Flavigny von den Unseren genommen wurde, und der Schlucht, in welcher die französischen Garden wie niedergemäht lagen. In dem Lagerfelde war noch eine chaotische Wirrniß von den mannigfaltigsten Gegenständen militärischen Bedürfnisses anzutreffen; bunte grelle Uniformstücke, Sattelzeug, Zeltstücke, Tische, Stühle, Ueberbleibsel von Matratzen, Kochgeschirre, französische Soldbücher, Regiments-, Bataillonsbefehle und Briefe. Einen derselben hob ich auf, er war aus Toulouse datirt; von einer Dame geschrieben und die Anrede an den Adressaten lautete: „Pieux soldat!" Jedenfalls war es eine dame protectrice; denn die anderen Briefe, ganz sicher von jüngeren Damen geschrieben ergingen sich in einem weniger pathetischen, aber desto mehr vertraulichen Tone. Wie viel Herzen in der französischen Heimath mögen auf dem Felde von Flavigny und in den Schluchten von Rézonville ihr Glück, ihre Hoffnung, ihre Zukunft zu beweinen haben! Und doch war es ein Glück, daß ihnen der Anblick der verstümmelten Leiber erspart blieb! Den meisten Franzosen waren die Gliedmaßen durch unsere Schußwaffen zerschmettert, abgetrennt, die Häupter zerschossen, so daß die Gehirnmasse herausquoll, und die Leichname schwammen in einer Blutlache. Die Garden in ihren malerischen Uniformen lagen wie die alten römischen Fechter noch im Tode wie zu einer schönen Attitüde hingestreckt, während die Turcos und Zuaven ein wildes Durcheinander des Todes [616] bildeten, und im Gegensatz zu dem ruhigen befriedigten Todesausdruck unserer Gefallenen auf ihren verzerrten Mienen noch den wilden Haß, die brennende Leidenschaft und die blinde Wuth trugen, mit der sie im Leben gegen die Unseren ankämpften.

Ich ging weiter in der Richtung von Mars la Tour hin, wo das zehnte Armeecorps am Abend zur Unterstützung des gegen eine dreifache Uebermacht acht Stunden lang im Kampfe gestandenen dritten Corps in das Schicksal der Schlacht eingegriffen hatte in dem Momente, als ein neues intactes französisches Corps auf dem Kampfplatze zu erscheinen im Begriffe war. Eine Stellung auf der Höhe, welche die Franzosen inne hatten, und welche von den Unseren im Sturm genommen worden war, hatte viele, viele Opfer gekostet. Daß es an dieser Stelle Mann gegen Mann gegangen war, davon zeugte die reiche, schreckliche Todessaat, in der Franzosen und Preußen in letzter Gemeinschaft bunt durch einander lagen.

Mitten aus den dunkeln Infanterie-Uniformen schimmern grellrothe französische Uniformstücke hervor – und über den todten Körpern erheben sich noch Lebende, die suchenden Krankenträger anrufend. Aber diese nähern sich den Franzosen nur mit großer Vorsicht. „Warum?“ frug ich. Mehrere der Verwundeten hatten gestern noch auf sie geschossen. Nachdem sie sich versichert, daß jene keine Waffen mehr trugen, hoben sie dieselben in die Lazarethwagen. Sie fuhren weiter. „Dort drüben,“ deutete einer der Krankenträger auf eine etwa dreihundert Schritt entfernte Stelle, „dort liegen unsere Gardedragoner!“ Die beiden Regimenter hatten am gestrigen Tage und in einem entscheidenden Zeitpunkte eine glänzende Attaque in die rechte Flanke des Feindes gemacht, und diese glorreiche That mit der Hälfte ihrer Officiere und einem großen Theile der Mannschaften bezahlt. Der erste, den ich von Staub und Blut bedeckt am Boden liegen sah, war der Rittmeister v. Kleist, früher Adjutant des Prinzen Georg von Preußen, nicht weit davon lagen Prinz Reuß, Graf Wesdehlen, Graf Westarp und mehrere junge Officiere, von den Hyänen des Schlachtfeldes ihrer Werthsachen, ihrer Baarschaft bereits beraubt.

Es war mir aufgefallen, daß die Uniformen der gefallenen Officiere aufgerissen, in Unordnung waren; ich erkundigte mich bei den Krankenträgern nach der Ursache dieser auffallenden Erscheinung und erhielt auch von ihnen die bekannte, jedes Herz tief empörende Auskunft. Nicht nur Werthgegenstände reizen die Habsucht dieser Schakale, die beim Anbruch der Nacht aus den Dörfern, den Wäldern herangeschlichen kommen. Einem gefallenen Officier vom sechszehnten Infanterieregiment hatten sie sogar die Stiefel abgezogen. Nicht nur mit den Todten begnügt sich ihre scheußliche Raubsucht – nein, sogar die hülflosen Verwundeten werden von ihnen ausgeraubt. Und diese Cannibalen wollen Menschen genannt werden, sollen zu den Ebenbildern Gottes zählen? Blutgierige Bestien sind es, die von einem Thiere, einem Hunde tief, tief beschämt werden. Dort liegt ein gefallener Hauptmann vom sechszehnten Infanterieregiment – neben dem todten Herrn hält der treue Hund die Todtenwacht. Das Thier ist seinem Herrn in die Schlacht gefolgt, es will auch im Tode nicht von ihm weichen. Niemand, wie die Krankenträger versichern, darf dem Leichname sich nahen. Der Hund leckt dem Todten das Blut von der Wunde – er giebt sein Klagen um den todten Herrn durch Winseln den ganzen Tag laut. Niemand von allen denen, die dem Herzen des Todten einst lieb und theuer waren, nicht Vater und Mutter, nicht Weib und Kind können an seiner Leiche beten, sie sind fern, sie ahnen vielleicht noch nicht einmal die tiefe Herzenswunde, die ihnen geschlagen worden – und doch sollte der Tapfere in seinem letzten Augenblicke nicht allein sein, die Treue wird ihm bis in das Grab gehalten von einem Thiere, dem unser Menschenhochmuth keinen Gedanken, kaum eine Seele, nur einen Instinct zuerkennen will. Und mit diesem Sinnbilde der Treue will ich von einem Schlachtfelde scheiden, wo so Viele den letzten Schlaf schlafen und ihres Herzens Treue und Mannheit durch den Tod besiegelt haben.




Die Kunst vor Straßburg.
Vom Maler R. Heck in Stuttgart.

Wenn ich Ihnen hier ein Bild aus der Belagerung von Straßburg sende, dem rasch andere folgen werden, so geschieht es, weil es mich in tiefster Seele drängt, auch in meiner Weise „zu singen und zu sagen“, was so helllodernd in den vielen Millionen Herzen der deutschen Brüder glüht; und was für die Tage, in welchen wir gerade leben, jeden andern nicht unmittelbar eingreifenden Gedanken völlig ausschließt; läuft man ja doch gegenwärtig Gefahr, den Waldvögeln, die man malt, und den Gloriaengelein nach alter deutscher Weise Zettelchen in Schnabel und Mäulchen zu stecken und darauf zu schreiben: „Die Wacht am Rhein“, „Das Arndtlied“ und „Nun danket Alle Gott“. –

Als auf dem Bilde, welches ich gegenwärtig male (einer ländlichen Idylle), die Braut eines schönen Morgens, trotz aller gemalten Innigkeit und Rührung, mich anzugähnen schien; warf ich Pinsel und Palette weg, ging zur Bahn und stieg sechs Stunden später in Kork bei Kehl aus. Eine ganze Reihe anderer Schwaben und Badenser waren mitgekommen, angezogen durch das dämonisch schöne Schauspiel des Bombardements; als ich, auf der Bahn rasch ausschreitend, bei Kehl ankam, war aber von allen Begleitern nur noch ein Schwabe und ein Rheinpreuße übrig, und als wir quer durch das brennende Kehl strichen und als über uns und die von Menschen völlig verlassenen Häuser die ersten Granaten wegsausten, hielten auch diese beiden Genossen es für räthlicher, sich die Sache etwas mehr aus der Ferne zu beschauen, und so steuerte ich von da ab allein über das von Granaten durchfurchte Feld zwischen Stadt und Dorf Kehl auf die Südbatterie zu. Schon von Weitem rief mir eine Infanteriefeldwache drohend zu, daß ich mich rasch entfernen solle, wenn ich nicht arretirt werden wolle; ich ließ mich aber nicht irre machen, ging rasch vollends auf die durch eine Bierkellermauer geschützte Stellung der Wache los und sandte meine Paßkarte dem in der Südschanze das Obercommando führenden badischen Officier mit der Bitte, seine Batterie besuchen zu dürfen. Auf das Freundlichste wurde mein Wunsch gewährt, und ich fand in dem badischen Artilleriehauptmann M. einen Officier, dessen Liebenswürdigkeit für immer mit seiner stattlichen soldatischen Erscheinung in meiner Erinnerung verbunden sein wird. Auf einem Schanzkorbe bei Seite sitzend, um die Leute bei ihrer gefahr- und verantwortungsvollen Arbeit nicht zu stören, starrte ich zuerst mit gebührender civilistischer Achtung die Ungethüme an, die ihre vierundzwanzigpfündigen Hohlgeschosse mit einer solchen Sicherheit über die jenseits des Rheins befindlichen Pappelbäume und die stehengelassenen Park- und Waldpartieen schleuderten, daß man nach dem den Austritt der Kugel begleitenden[WS 1] Knall und dem eigenthümlichen Zischen und Sausen des die Luft durchschneidenden Geschosses regelmäßig den Aufprall und die Berstung in der an der Kehler Schanze uns unsichtbaren Straßburger Citadelle hörte; wohl kam regelmäßig französischer Gegengruß herüber, aber entweder schlugen die Kugeln in den vor der Batterie liegenden Rheinsumpf oder sie übersausten dieselbe und crepirten auf hundert bis tausend Schritte hinter der Batterie, tiefe Trichter in den lockeren Ackerboden wühlend und einen wahren Sprühregen von Erde und Eisen auf der menschenleeren Feldfläche verursachend. Wohl zwei Stunden lang saß ich so und horchte dem betäubenden Donner, sog das Bild in jeder einzelnen Form in’s geistige Bewußtsein und zeichnete die technischen kleineren Theile in mein Skizzenbuch, um Ihnen und dem großen Leserkreise der Gartenlaube ein getreues Bild dieses kraftvollen, hochgesteigerten Männerlebens Derer zu geben, die mit ihrem ganzen Sein für unsere höchsten nationalen Güter einzustehen berufen sind.

Der ungewohnte Geschützdonner als Begleitung der geistigen Anstrengung des bildlichen Erfassens betäubte aber allmählich mein Gehirn mehr und mehr; ich nahm daher Abschied von dem liebenswürdigen Officier, ließ, bei der Feldwache angekommen, dieselbe durch meine Fernröhre sehen, wobei der brave Infanterist aus dem Schwarzwalde meinte; es sei eben doch etwas recht Geschicktes um so einen – „Permendickel“, und ging dann über das lustig von den französischen Granaten durchwühlte Ackerfeld durch Dorf Kehl, Sundheim und Neumühl nach Kork.

Aber kaum ein wenig ausgeruht und erfrischt, zog es mich mit unwiderstehlicher Gewalt wieder zurück zu der das ganze

[617]
Die Gartenlaube (1870) b 617.jpg

In der Südschanze vor Straßburg.
Nach der Natur aufgenommen von R. Heck aus Stuttgart.

[618] Empfinden aufregenden und berauschenden Musik der Bomben und Granaten, welche laufend, grollend, zischend, je nach Größe und Inhalt, durch den Abendhimmel flogen, nur hin und wieder unterbrochen durch den brutalen Generalbaß einer Bombe und den pendelartig regelmäßigen Klängen der schweren Geschütze aus den Batterien. Aber ein anderes Bild verdrängte durch immer mächtigeres Wirken diese wilde Luftmusik. Schon ein paar Stunden früher, während ich noch in der Schanze zeichnete, sah ich eine Brandgranate auf den Giebel eines stattlichen Kaufhauses in Kehl sich senken, hörte sie in widerlich dumpfem Ton bersten und sah gleich darauf einen gelblichweißen Qualm aus der größten Lücke des zerrissenen Daches sich wälzen; dieser Granate folgten bald darauf andere, und gegen Abend standen mehrere Häuserquadrate des sonst so freundlichen Städtchens in Flammen. Dies war die Antwort des französischen Festungscommandanten auf den von deutscher Seite erhobenen Protest der ersten Inbrandschießung Kehls vier Tage früher.

Wo Brandkugeln wehrlose offene Städte einäschern, da hören selbstredend sonst wohl geltende sentimentale Bedenken auf, und als die Flammen von Dach zu Dach züngelten, da flog die deutsche Rückantwort durch die Luft, von einem durch Schnellfeuer erzeugten Granatenregen begleitet. Erst stieg ein leiser Rauch über die Wipfel der Elsässer Bäume auf, dann qualmte es schwärzer und schwärzer, bis zuletzt die ganze Luftfläche, welche jenseits die Stadt überdeckt, verfinstert war. Am Abend hatte sich der Himmel grau überzogen; nur hinter dem über all’ dem Kampf und Haß, über all’ den Mord und Brand in stiller, hehrer Schönheit hinaufragenden Münster hatten die Wolken sich gespalten und ein breiter, mehrfach getheilter Strahl goß von der untergehenden Sonne her sein rothgoldenes Licht über das unten qualmende Verwüstungsbild. Allmählich erlosch aber der Strahl, und an seine Stelle stieg höher und breiter, und mit zunehmender Dunkelheit auch greller und immer sichtbarer werdend, das Flammenmeer in den beiden Schwesterstädten, jede derselben der ganzen Breite nach durchlodernd, und jede derselben noch dazu überhagelt von den feindlichen Sprenggeschossen, so daß an kein Löschen zu denken war. Stunden lang starrte ich auf einem am Kinzigufer bei Neumühl aufgeschichteten Flosse in das Flammenmeer; neben mir saßen, kauerten am Boden oder standen mit gefalteten Händen die Bewohner Kehls, lautlos dem Untergang ihrer so freundlichen und eine so schöne Zukunft versprechenden Heimath zusehend.

Erschöpft suchte ich um Mitternacht mein Lager, konnte aber zu keiner Ruhe kommen, denn der in der Nacht verstärkte Geschützdonner und das die ganze Gegend erhellende Feuermeer rissen die versagen wollenden Sinne zu immer neuem Staunen, Schauen und Hören auf. In der Frühe des andern Tages wandte ich mich wieder der stillen, nur in rastloser Sanitätssorge den Krieg mitmachenden Heimath zu, zeichnete mit strenger Gewissenhaftigkeit das Kehler Schanzenbild und will jetzt wieder vor die Veste, hinüber in’s einst geraubte und nun für immer wiedergewonnene Stück deutschen Vaterlandes: in’s Elsaß.




Bei Gravelotte und Rézonville.
Von unserem Specialberichterstatter J. Z-r.

Wir saßen am 17. August, am Tage nach der Schlacht bei Mars la Tour, vor dem Hôtel de France unter den Lauben, welche den Marktplatz von Pont à Mousson umgeben. Den ganzen Tag hindurch waren die Truppen in Bewegung auf den verschiedenen Straßen, die von hier nach Mars la Tour und den westlich von Metz gelegenen Orten sich hinziehen. Die Franzosen sollten in Metz eingeschlossen, die Straßen nach Paris ihnen verlegt werden; wie weit dies durch die am Sechszehnten geschlagene Schlacht schon geschehen sei, darüber waren die einzelnen Meinungen noch sehr getheilt. Jedenfalls war noch ein großes Stück Arbeit zu thun, darauf deuteten alle Vorbereitungen hin.

Der König von Preußen war noch nicht zurückgekehrt – er sei in Gorze, hieß es, einem Orte in fast unmittelbarer Nähe des Schlachtfeldes vom 16. August. Gorze liegt nördlich von Pont à Mousson, während die Truppenzüge des letzten Tages sich sämmtlich in westlicher Richtung bewegt hatten. Ich war in Zweifel, wohin ich mich wenden sollte.

„Morgen früh kann ich Ihnen vielleicht eine Möglichkeit geben, sich mir anzuschließen“ sagte mir des Abends noch ein höherer Officier „Warten Sie es bis dahin ab.“

Diese Möglichkeit fand sich zwar am andern Morgen nicht; ich erfuhr aber wenigstens so viel, daß Gorze wahrscheinlich der interessanteste Ort sei, wohin ich gehen könne, und diese Andeutung beschloß ich zu benutzen.

Es war bereits gegen acht Uhr früh; von Pont à Mousson nach Gorze hatte ich einen Weg von fast drei Meilen. Da ich nicht im Plan hatte, zurückzukehren, so mußte ich bedacht sein, mein Gepäck mitzunehmen, und ich war froh, als ich einen Wagen ausfindig gemacht hatte, der Tages vorher mit Verwundeten von Mars la Tour nach der Stadt gekommen war und dessen Führer, zwei preußische Soldaten, auf demselben Wege wieder zu ihrer Truppe stoßen wollten. Der Bauer, dem das Fuhrwerk gehörte, hatte sich aus dem Staube gemacht. Wir trafen ihn zwar, als wir über den Markt zur Stadt hinausfuhren, und luden ihn auch ein, als er versuchte, sein Geschirr zu reclamiren, mit nach seinem Orte zu fahren; da er dazu aber keine Lust hatte, lenkten unsere Soldaten, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Zügel in der Hand gehabt hatten, auf eigene Faust die dicken normannischen Pferde nach der Mosel, an deren linkem Ufer wir, so rasch es gehen wollte, hinkutschirten. Sehr rasch war dies eben nicht; denn kaum hatten wir die Stadt verlassen, als wir uns auch schon in eine Reihe von Wagen eingekeilt sahen, die sich zwar mit ziemlicher Geschwindigkeit bewegte, wenn nichts ihre Ordnung störte, die aber jeden Augenblick ins Stocken gebracht wurde durch entgegenkommende Züge von Wagen mit Verwundeten, Fourage- und Munitionswagen, durch Colonnen mit Pontons, die seitwärts auf unsern Weg einbrachen, und durch die tausend Zufälligkeiten, welche die Ungeschicklichkeit der Wagenführer herbeiführte. Die ganze Straße war bedeckt mit Fuhrwerk der mannigfachsten Art, das alles die größte Eile hatte. Um die einzelnen Wagen, die immer hart hintereinander fuhren, wieder in Gang zu bringen, wenn sie sich ineinander verwirrt hatten, machte sich ein unendlicher Aufwand von Hin- und Herjagen, Schreien, Schlagen, Zerren und Fluchen nöthig. Zahlreiche Truppenabtheilungen, welche gleiches Ziel mit uns hatten, gingen zu beiden Seiten der Straße, in den Weinbergen.

In Arnaville verließen wir die Ufer der Mosel, an der lieblichen Mad hinauffahrend. Wie wir bald fanden, hatten wir uns in Bezug auf unser Fortkommen nicht viel gebessert; denn das ganze Thal lag voll von Soldaten, Regiment an Regiment, die hier weitere Ordres erwarteten. Wo sich die Thalsohle erweitert, hatten sie sich ausgebreitet und waren beschäftigt eilig „abzukochen“, das heißt ihr Mittagsessen sich zu bereiten, zu welchem Zwecke die Mad das Wasser, die Kartoffelfelder das Gemüse und Zäune, Pfosten, Bäume das Holz liefern mußten für die Tausende der kleinen Feldfeuer, über denen die Ration gar gekocht wurde. Leider wanderte auch mancher der Stäbe, an denen die Weinstöcke angebunden wurden, mit in die Flamme, trotz der Wachsamkeit der Officiere, welche diese empfindliche Schädigung zu verhindern bestrebt waren. Dörfer und Gehöfte waren fast alle von ihren Bewohnern verlassen oder nur die Frauen waren zurückgeblieben, die sich scheu hinter den Mauern hielten.

In Onville sauste eine reitende Batterie an uns vorbei und zeigte uns den Weg, der einen langen steilen Berg hinauf durch den Wald führte. Je weiter wir kamen, um so hastiger wurde alles Vorwärtsdrängen; Ordonnanzen, die seitwärts geritten waren, um aus dem Gelärme herauszukommen, bringen die Nachricht zurück, daß man nach Norden und Osten zu deutlich den Geschützdonner vernehme. Vorwärts, vorwärts! – das Gespann reißt, die Pferde werden abgeschnitten, der Wagen wird aus dem Zuge gestoßen und liegen gelassen, bis ihn ein Anderer mitnehmen will; kaum daß seine Ladung rasch auf die Vorbeifahrenden vertheilt wird. Mit welcher Rastlosigkeit dies Leben hier schon vorbeigegangen, das erzählen die Liegengebliebenen – stumpf und unbekümmert um das, was um sie herum geschieht, [619] kauern sie am Wege in der glühenden Hitze, bis sie von einem Cameraden emporgerafft und mit weiter geschleppt werden.

Auf der Höhe von Onville hörten wir in der Richtung nach Nordost den Kanonendonner. Wir hatten das Plateau erreicht, das sich am westlichen Ufer der Mosel in einer durchschnittlichen Erhebung von tausend bis elfhundert Fuß über dem Meere hinzieht und langsam nach Westen zu abfällt. Einen weiteren Ueberblick vermochten wir auf dem durch langgezogene sanfte Einsattelungen unterbrochenen Terrain noch nicht zu gewinnen. Vor uns, als wir den Wald verließen, lag in der Entfernung von einer halben Meile etwa ein Meierhof, höher als seine Umgebung und von uns durch eine flache Thalmulde getrennt, die Meierei La Bruxière. Bis dahin ging das Schlachtfeld vom vorgestrigen Tage; heute war sie von unseren Regimentern besetzt, die sich über die ganze Höhe ausbreiteten. Wir hatten die Reserven unserer Aufstellung vor uns. Auf der Höhe des eben genannten Meierhofes, der von Gorze eine kleine Meile entfernt liegt, vermochten wir die Straßen zu übersehen. Welche Bewegung!

Unaufhörlich entströmten dem Walde, den wir eben verlassen hatten, Regiment auf Regiment; eine vieltausendfüßige gewaltige Schlange war der ganze Weg, die ihre in der heißen Sonne blitzenden Glieder eines nach dem andern aus dem dunkeln Gebüsch hervorzog und durch das flache Thal auf die Höhe heranschob. Und von hier in eben solcher Stetigkeit marschirte Colonne auf Colonne weiter, Alles nach Mars la Tour zu, wo die Franzosen abgeschnitten werden sollten. Wir verließen den Weg nach Gorze und fuhren mit dem großen Troß weiter über das Schlachtfeld, wo achtundvierzig Stunden vorher einer der blutigsten Kämpfe stattgefunden hatte, von dem die Geschichte erzählen wird und von welchem die uns zur Seite tobende Schlacht die Fortsetzung war.

Wir mochten etwa eine halbe Stunde von La Bruxière entfernt sein, als wir zu unserer Rechten Massen Rauches aufsteigen sahen, wie sie nur aus einem brennenden Orte kommen können; der Geschützdonner wird nach derselben Richtung hin immer lebhafter; einzelne Regimenter verlassen die Straße, über die Felder mehr nordöstlich hin sich wendend. Dies und die Mittheilung eines höheren Officiers, daß unsere Armee den Feind bei Rezonville angegriffen und jetzt schon ihre Front von der ursprünglich west-östlichen Richtung anfange in eine süd-nördliche zu verlegen, bestimmte uns rasch. Wir warfen unser Gepäck von dem Wagen, behängten uns mit dem, was wir zu unseres Leibes Nahrung und Nothdurft bei uns führten, und schlugen uns querfeldein zunächst wieder Gorze zu erreichen, von dem wir uns inzwischen entfernt hatten.

Auf dem Wege dahin trafen wir die ersten Verwundeten vom heutigen Tage; sie waren nach einem an der Straße liegenden größeren Gehöfte gebracht worden, das, in ein Lazareth umgewandelt, in allen Räumen mit Blessirten aus der Schlacht von Mars la Tour schon überfüllt war. Was man von Wagen auftreiben konnte, wurde benutzt, um diejenigen, welche den Transport aushalten konnten, weiter zu befördern; denn unausgesetzt trafen neue Züge ein, von denen viele so schwer darniederlagen, daß an ein Weiterschaffen nicht zu denken war. Andere, deren Verwundung ihnen das Gehen erlaubte, kamen den Weg daher gezogen – wie elend viele und wie gebrochen, aber auch wieder wie kampfbegierig andere!

„Mein Hauptmann hat mich fortgeschickt wegen des Bettels da,“ brummte Einer, dessen Gesicht unkenntlich von Blut war; eine Kugel hatte ihm den Backen und das halbe Ohr mit weggerissen, gerade als er auf einen Franzosen hatte anlegen wollen. Er ging mannhaft bis zum nächsten Lazareth, das ihn aufnehmen würde. „Zu fahren brauche ich nicht, das haben Andere nöthiger – ich hätte auch so noch können die Sackermentskerle mit zusammenputzen, wenn ich’s hätte machen wollen wie sie selber – das ist keine Kunst; die nehmen das Gewehr unter den Arm und drücken los wie die Schuljungen.“ Freilich – aber mit dieser ihrer Manier hatten sie doch fürchterlich unter unseren Leuten aufgeräumt.

Gorze selbst war ein einziges großes Lazareth. Die Verwundeten von vorgestern lagen zum Theil noch hier, es hatte an Transportmitteln gefehlt, die Menge zu befördern. Vielen stand gewiß nur noch ein kurzer Weg bevor. Fast kein Haus, das sich nicht von Weitem schon durch die weiße Fahne mit dem rothen Kreuze ausgewiesen hätte als eine Stätte des Schmerzes, aber auch als einen Ort unermüdeter, werkthätiger Hülfe. Welche Anstrengung, welche Ueberwindung, welche Geduld, welche Entbehrung! Und man findet es erklärlich, wenn man Solche, die sich in den Hauptquartieren und den noch gut versehenen Depôtsorten darin gefallen, das rothe Kreuz nur zu tragen, um unter seinem Schutze eine Rolle zu spielen, hier mit nicht immer sehr schmeichelhaften Ausdrücken bezeichnen hört.

In Gorze war das Hauptquartier des Königs Wilhelm gewesen – soweit man an dem Tage und in einem Lazareth von einem Hauptquartiere sprechen kann. Vor dem Orte standen die Wagen, welche die „Eroberer“, wie die Franzosen meinen, hergeführt hatten. Ueber den Ort hinaus, der in einer engen Schlucht sich hinzieht, lagerte ein zahlreicher Munitionspark. Die letzten Regimenter zogen eben ab, als wir den Fleck verließen – Alles der Schlacht nach.

Die Straße führte durch einen Wald, der so ruhig da lag, als ob Alles darin schlafen gegangen wäre. Kein Lüftchen rührte sich, kein Blatt bewegte sich in der heißen Sonne, nur einzelne neugierige Soldaten von den Wagen hatten sich eine Strecke hinein gewagt, um womöglich etwas von dem Stande der Dinge zu erfahren. Der ganze Schlachtapparat war auf dieser Richtung uns bereits vorangezogen, und was zurückkam, schlug eine andere Straße ein – kein Laut, als das gewitterähnliche Rollen, das aus allen Entfernungen herankam. Wir gingen ziemlich lange auf dem zerstampften Wege; Patronentaschen, Czako’s, Gewehre lagen vereinzelt an den Rändern des Gebüsches. Je weiter wir hineinkamen, um so zahlreicher. Alles Zeichen einer unheilvollen Vergangenheit, die in der jetzigen Stille um so lauter redeten. Welch entsetzlicher Anblick aber, als wir aus dem Walde heraustraten! Vor uns lag derjenige Theil des Schlachtfeldes vom Sechszehnten, auf welchem der Kampf am heftigsten gewüthet hatte, ein Fläche, vielleicht zweihundert Morgen groß, besäet mit Leichen, die zu begraben man noch keine Zeit gefunden, nicht zu Hunderten zu zählen; Deutsche und Franzosen, die letzteren in beiweitem größerer Zahl, die Gesichter, welche die Pietät kaum Zeit gefunden hatte, mit einem Tuche oder einem Zipfel der Kleidung zu bedecken, bereits ganz schwarz von der eintretenden Verwesung; indessen hatte die Trockenheit der Luft und der Zug, der über diese hochgelegenen Felder wehte, eine eigentliche Fäulniß und miasmatische Gasentwickelung noch verhindert. Die meisten der Gebliebenen schienen einen augenblicklichen Tod gefunden zu haben; viele, wie im raschen Lauf gestürzt, das Gewehr noch in der Hand, andere freilich auch, deren auf die Wunde gepreßte Hand von langsamerem Sterben erzählte, und wieder andere, die sich, zum Tode getroffen, noch fortgeschleppt hatten, das Seitengewehr als Stütze auf den Boden stemmend, bis sie erliegend an ihrer Waffe verendeten. Solcher einzelner in dem Boden steckender Säbel sah man über das ganze Feld vertheilt, ihre früheren Eigenthümer waren als schwer Verwundete fortgebracht, die Zeugen ihres Looses hatte man noch nicht Zeit gefunden zu beseitigen.

Auf unserem Wege hatte man uns schon von den vielen Säbeln erzählt, die man auf den Schlachtfeldern in dem Boden steckend fände, und zur Erklärung bald einen alten Aberglauben bald einen vermeintlichen Gebrauch damit in Verbindung gebracht, nach welchem man, um späterhin constatiren zu können, wo Der und Jener gefunden worden sei, erkennbare Stücke seiner Ausrüstung auf leicht ersichtliche Weise liegen lasse und namentlich sein Seitengewehr in den Boden stoße. Beides ist nicht richtig, die einfache Erklärung dieser dem ersten Blicke allerdings auffallenden kleinen Kreuze ist die, daß sie ihren einstigen Trägern zur Unterstützung gedient haben, an deren möglichen Gebrauch keiner gedacht, als er den Säbel um die Hüften schnallte, und daß es die letzte Kraft war, die hier erlag, und die nicht mehr hinreichte, die Klinge aus der Erde wieder herauszuziehen. So wenig romantisch die Sache ist, so unendlich rührend ist der Anblick eines im Kampfe Gefallenen, dessen Rechte noch den im Acker steckenden Säbelgriff umklammert. Als ob die Erde mehr Erbarmen hätte, als die Menschen, hält sie die mörderische Waffe fest. – Macht Pflüge aus dem Material, daran hat das Schicksal noch keinen verbluten lassen!

Es war schon in den späteren Nachmittagsstunden, als wir endlich einen Ueberblick über das Schlachtfeld und einen Standpunkt gewannen, von dem aus wir die inzwischen immer vor uns her geschobene Kampflinie übersehen konnte. Wir befanden [620] uns auf dem äußersten rechten Flügel südlich von dem Dorfe Gravelotte. Das Plateau, auf dem wir standen, war nach Süden zu von dem schon erwähnten gen Gorze sich hinziehenden Walde begrenzt und nördlich in der Richtung von Westen nach Osten von der pappelbepflanzten Allee, die von Metz über Mars la Tour nach Paris führt, durchschnitten. An dieser Straße liegt das Dorf Rézonville, in dessen Nähe es heute schon heiß zugegangen sein mußte, wie die Feuer- und Rauchsäulen bewiesen, die aus seinen Gehöften aufstiegen. In der That hatte die Schlacht vom Sechszehnten sich bis zu diesem Orte erstreckt, die heutige von hier aus begonnen. In nordöstlicher Richtung von Gravelotte aus zieht sich die Straße nach Conflans, die mit der Wegnahme des Knotenpunktes für die Franzosen zur Passage nach Paris ebenfalls unmöglich wurde. Mit ihr parallel aber geht von Metz aus eine Straße über Briey, die dem Feinde ebenso wie der Weg über Conflans nach dem Kampfe bei Mars la Tour noch offen war, wenn ihm damals die erforderliche Kraft und Sammlung zu dessen Benutzung geblieben wäre und an welcher die beiden Dörfer St. Privat la Montagne und weiter nach Metz zu St. Marie aux Chênes liegen.

Um das Dorf Gravelotte, das in einer Einsenkung vor uns lag, hatte sich der Kampf zuletzt gedreht. Ob es in den Händen der Unserigen sei, war nicht zu erkennen. Die dahinter liegenden Höhen, an denen sich die Franzosen auf das Festeste mit mehrfach übereinander angelegten Schützengräben verschanzt hatten, hatten dem Angriffe widerstanden und der Kampf ruhte an dieser Stelle, nur von der Artillerie einstweilen unterhalten. Dagegen wurde nach dem linken Flügel hin von Minute zu Minute das Feuern lebhafter. Man hörte wohl die Schüsse der Kanonen einzeln, obwohl sie sich ununterbrochen folgten, und auch das eigenthümliche Rasseln der Mitrailleusen unterschied sich deutlich, das Kleingewehrfeuer aber, Zündnadel und Chassepot, verschmolz in ein einziges Geräusch, wie man aus einem Platzregen keinen einzelnen Tropfen mehr heraushören kann; bald stärker werdend, bald plötzlich mit aller Wuth wieder nachlassend, um dann loszubrechen. Jeder Tropfen dieses Regens kann ein Menschenleben vernichten.


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Max Schneckenburger, der Dichter der „Wacht am Rhein.“
Nach einer Originalzeichnung.

Wir eilten weiter, den Kämpfenden zu, keinen anderen Gedanken als den, der Entscheidung nahe zu kommen. Was unter anderen Umständen unser höchstes Interesse in Anspruch genommen haben würde, jetzt trat Alles in den Hintergrund. Gravelotte, das sahen wir jetzt, war unser. Von den nach Metz zu liegenden Höhen aber spieen die Kanonen. Gegen die an den Abhängen noch vom Feinde besetzten Schützengräben, aus denen ein mörderisches Feuern hervorbricht, gehen die Unseren zum Sturme vor.

Da, eben als wir uns der Straße nähern, welche nach Rézonville führt, entsteht von Gravelotte her eine Bewegung, die von Secunde zu Secunde zunimmt. Einzelne Wagen jagen heraus, Pferde, Mannschaften, Geschrei und Getöse nach rückwärts, nach Rézonville zu. Was ist das? Immer mehr – ganze Züge Reiterei sprengen heraus – der Feind muß plötzlich und unaufhaltsam die Höhe herabgekommen sein; das ist Flucht! Und zweifellos, denn es jagt immer weiter und immer neue Massen ergreift es. Wir stehen wortlos. Vor uns hatte in diesem Augenblick das Feuern nachgelassen, von weitem hatten wir hinter uns eine Batterie auf dem rechten Flügel sich langsam zurückziehen gesehen; waren das alles Anzeichen, daß die Unsrigen gezwungen worden waren, das Errungene wieder aufzugeben? Es fing bereits an zu dunkeln, dem Feinde konnte eine Ueberrumpelung gelungen sein – so wenig glaubhaft dies sein mochte – wie anders sollte sich sonst das sinnlose Ueberstürzen erklären lassen? Da erschollen von den gegenüber liegenden Höhen plötzlich donnernde Hurrahs – wenn unsere Bataillone damit vorgehen, wird der Feind vertrieben, und wenn er bis an den Wirbel sich in den Boden eingewühlt hätte. Das brachte Besinnung, der Strom verlangsamte sich, kam zum Stehen, über das Feld hin wurden die Regimentsnummern geschrieen, die Leute fanden sich wieder zusammen, und die ganze Affaire, die durch ein paar losgerissene Munitionsgespanne, deren Pferde durchgegangen waren, hervorgerufen worden war, verlief ohne weitere Folgen. Die Höhen von Gravelotte waren errungen.

Mittlerweile war auf dem rechten Flügel fast vollständige Ruhe eingetreten. Auf dem linken wurde um das Dorf St. Privat mit allen Kräften gerungen. Schon war der Abend so weit hereingebrochen, daß wir von den in der Luft platzenden Granaten, mit denen der Feind die preußische Garde und das zwölfte Armeecorps überschüttete, nicht blos die grauen Wölkchen, sondern auch den Feuerschein der Explosion sahen; die aus den brennenden Dörfern aufsteigenden Rauchsäulen färbten sich immer glühender und wie das Dunkel tiefer wurde, flammten diese schrecklichen Fanale immer heller auf. St. Privat, St. Marie und das unfern davon liegende Amanvillers waren in Brand geschossen, an anderen vereinzelten Punkten brannte es ebenfalls, der ganze Horizont wurde ein mattes Leuchten, und bald konnte man jeden Kanonenschuß deutlich aufblitzen sehen. Noch aber war die schreckliche Arbeit nicht vollendet, immer wieder auf’s Neue rüsteten sich die Bataillone zum Vorgehen gegen den Feind, von dem man nichts sah, dessen Geschosse aber die Höhen von St. Privat, die letzten, die er noch inne hatte, mit einer leuchtenden Linie umgürteten.

Um uns herum Todte, Sterbende, Trümmer, klaglos wankende Verwundete, zurückgeworfen von den noch besetzten Höhen, die gerade noch Kraft hatten, sich einen Ort zum Niederlegen zu suchen, Blut und Entsetzen! Der unbeschreibliche Ton der fliegende Geschosse, ein Surren und Heulen zugleich, schien einen Bestandtheil der Luft auszumachen, das kleine Geknatter hatte sich etwas beruhigt. Wir glaubten schon an ein Aufgeben des Kampfes, da die Dunkelheit immer tiefer hereingebrochen war. Auf einmal, als ob die Hölle alle ihre Pforten geöffnet habe, erhebt sich auf dem äußeren linken Flügel der Lärm auf’s Neue und mit hundertfach verstärkter Wuth und Eile. Wir sehen nichts mehr, aber mißzuverstehen ist diese Sprache nicht. Die letzten Kräfte werden daran gesetzt, den

[621]
Die Gartenlaube (1870) b 621.jpg

Ankunft der Verwundeten in München.
Nach der Natur aufgenommen von K. A. Ekwall.

[622] Feind zu vertreiben; dort stehen die Garden, sie sind es und die wackeren Sachsen, die ihm zu Leibe gehen.

„Diesmal haben sie ihn. Drauf, drauf, fester drauf!“ schreit es um uns herum, eine unsägliche Aufregung bemächtigt sich Aller, Jeder fühlt, daß es um das Aeußerste geht.

„Jetzt wird er alle!“ läßt sich eine Stimme vom Boden hören, ein Verwundeter, der triumphirend mit dem Kopfe rückwärts winkt, wo der Feind steht. Und in der That schien es, als ob er „alle“ geworden sei, denn wie mit einem Schlage fielen die Schüsse weniger dicht, bald schwiegen sie ganz.

Es war finster geworden – das Schlachten zu Ende. „Wir haben gesiegt!“ hieß es. Aber es war kein Jubel über diesen Sieg, still gingen wir über die Felder, ein Plätzchen suchend, wo wir die Nacht verbringen könnten. Neben uns zogen die Massen die sich zum Bivouac vertheilten. Bis in das Dorf Rézonville führte uns der Strom. Ein Unterkommen hier zu finden – daran war nicht zu denken; wenn wir nur einen Schluck Wasser bekämen, um unser von der Hitze ausgedörrtes Brod hinunterspülen zu können. Aber die Brunnen waren entweder ohne Schwengel oder eingestürzt oder erschöpft, und wo sie noch etwas hergaben, umlagert von Hunderten, die nach der schmutzigen Flüssigkeit lechzten. In der Finsterniß tappten wir in dem Dorfe umher, dessen Höfe und Winkel angefüllt von Franzosenleichen waren, und waren froh, als wir an einer Mauer eine trockne Stelle fanden, die, von Gefallenen frei, uns eine Zuflucht bot, wo wir auf etwas zusammengerafftem Stroh uns ein Lager zurecht machen konnten.

Uns gegenüber, nicht fünfzig Schritte entfernt, verglimmten die zusammengeschossenen Häuser noch im Innern – die aus den Fensteröffnungen schlagende Gluth war unser Nachtlicht; unsere nächsten Zimmernachbarn, nur durch die drei Fuß hohe Mauer von uns getrennt, eine französische Corporalschaft, welche die ewige Ruhe hier gefunden hatte.

Wir wohnten nicht schlechter als der König Wilhelm, der mit seiner Umgebung dicht an derselben Brandstelle, auf der andern Seite der Straße, bivouakirte. Wir aßen auch ebenso gut zu Abend, und hatten dazu die Aussicht, noch eher einschlafen zu können, denn die unablässig ab- und zureitenden Ordonnanzen störten uns nicht. Die Nacht wurde kalt – wir rückten näher zusammen. Draußen war es still geworden; Jeder zog sich in sich zurück.

Auf einmal kommt aus der Ferne der Ton von Gewehrfeuer wieder herüber. Wir fahren empor; keine Täuschung, das Geknatter wird heftiger, immer hitziger, es kommt von einer einzigen Stelle, aber es muß ein verzweifelter Angriff sein. Alles horcht – da läßt es nach, allmählich wird es schwächer, endlich ist es ruhig. Es war wohl der Rest, den wir dem Feinde gegeben hatten; was von ihm noch übrig war, das war nach Metz hineingeworfen, von wo ihm kein Ausweg mehr offen blieb.

Jetzt konnten wir ruhig schlafen.




Ankunft der Verwundeten in München.[2]

So feiern sie das Siegesfest,
Die jäh gefällt von Schuß und Hieb,
Und glücklich, wem nur noch ein Rest,
Ein kleiner, von dem Leben blieb!
Die Wunde in dem heil’gen Krieg,
Wohl ist’s der Adelsbriefe bester,
Ein Freudebringer ist der Sieg,
Doch ach, das Siechthum seine Schwester!

Sie kommt mit bleichem Angesicht
Ihm nachgehinkt und bringt die Qual! –
Die Zeit gebot’s! Wir klagen nicht,
Doch Ehre jedem Wundenmal!
Den Kranz für sie, die in dem Streit
Dem Feind die Brust entgegenstellten,
Die sich für uns dem Tod geweiht,
Und unsre Liebe soll’s vergelten!

Sie standen kühn im Pulverdampf,
Sie trotzten männlich stolz dem Tod!
Wohlan, nun kämpfen wir den Kampf
Für Jene mit des Lebens Noth!
Nun sorgen wir, daß nimmer kann
Zu ihnen Gram und Sorge schleichen!
Es soll dem kranken, wunden Mann
Die Lieb’ den Labebecher reichen!

So lindern wir das herbe Weh’,
Das über sie die Zeit verhing! –
Schmach, wenn ein Invalide je
In Deutschland mit der Orgel ging’!
Die Schaar, die fechtend niedersank,
Die Opfer von den Schlachtentagen,
Die soll das Vaterland zum Dank
Zeitlebens auf den Händen tragen! – –


  1. Nach langer, weder durch die geehrte Verfasserin, noch durch die Redaction verschuldeter Unterbrechung nehmen wir heute den Abdruck des Romans „Aus eigener Kraft“ wieder auf und freuen uns, damit endlich den so vielfach ausgesprochenen Wunsch um Fortsetzung der geistvollen Erzählung erfüllen zu können.
    Die Redaction.
  2. Wir glauben, der Illustration „Ankunft der Verwundeten in München“ kein besseres Wort mitgeben zu können, als einige Strophen aus dem Rittershaus’schen Gedichte „Den Verwundeten“, welches zu Gunsten dieser Unglücklichen à 2½ Sgr. von Staats in Barmen verkauft wird.
    Die Redaction.


Die Thurmschwalbe.
Von Levin Schücking.
(Schluß.)


Annette stand auf und ging anscheinend entrüstet fort. Die beiden zurückbleibenden Männer sahen sich ein wenig betroffen an.

„Sollte es ihr Ernst sein?“ fragte Graf Ulrich.

„Daran zweifle ich keinen Augenblick,“ versetzte Heinrich; „sie hat mir längst damit gedroht!“

„Und was denken Sie darüber?“

„Daß es meine Pflicht ist, sie mit allen erdenklichen Mitteln davon abzuhalten.“

„Und unter diesen Mitteln würde das beste sein,“ antwortete Ulrich mit einem Seufzer, „ihr ihren Willen zu thun.“

„Sie mögen das,“ versetzte Heinrich, „ich kann es nicht! – Ihr Plan einer Reise mit mir, um meine Lösung von meinen Gelübden zu erwirken, ist eine thörichte Idee; es ist kindisch, zu glauben, daß sich ihre Hoffnung erfüllen könnte, es ist nach den Gesetzen der Kirche unmöglich.“

„Darin werden Sie Recht haben. Die Kirche schmiedet mit unlöslichen Banden, Gatten, die sich verabscheuen, Priester, die sich im tiefsten Innern wider ihre Lehre empören, sie fesselt sie Alle auf gleiche Weise, und wenn die Noth, die Eisen bricht, zur gewaltsamen That der Selbstbefreiung zwingt, so stempelt sie es zum Verbrechen. Sie läßt dabei nur die gehässigsten Motive gelten. Für die edlere Seite der Menschennatur blind, sieht sie nur die Sünde und in der Seelentiefe reinster Gemüther, die sich von ihr wenden, nur den empörten Satan.“

„So ist es, leider!“ entgegnete der Geistliche. „Es ist da keine Hoffnung für mich, auch wenn ich die ganze Entwicklung meines innern Seelenlebens, welche sich in mir vollzogen hat, den innern Kampf mit den immer stürmischer und gewaltiger über mich Herr werdenden Zweifeln das jahrelange Dürsten und Ringen nach Wahrheit ihnen schilderte; sie würden mich verurtheilen, weil ich am Ende des Kampfes zu ihnen sagen muß: ich finde die Wahrheit nicht bei Euch. Ich bin ja bereits auch verdammt. Ich habe [623] Annetten in ihrem Unglück und Schmerz nicht verlassen; sie selbst litt es nicht, und ich, hätte ich es gekonnt? Mein Pfarrer hat mir darauf hin erklärt, er habe über meinen Fall an unsere gemeinsamen Vorgesetzten berichtet; ich werde in den nächsten Tagen eine Vorladung vor das geistliche Gericht erhalten, und eine schimpfliche Ausstoßung, die mir aber alle Pflichten meines Gebundenseins läßt, wird im gelindesten Falle meine Strafe sein!“

Graf Ulrich wußte nicht, was antworten auf diesen Ausbruch einer Klage, die nur zu begründet schien. Er sann lange fruchtlos, ob es denn gar kein Heil und keinen Ausweg in dieser erschütternden Lage des jungen Mannes gebe, bis seine Aufmerksamkeit durch das Erscheinen Joseph’s abgezogen ward. Joseph kam über die Terrasse daher, um ihm ein großes Schreiben mit einem Dienstsiegel darauf zu überbringen.

Graf Ulrich riß es hastig auf; als er es gelesen, flog ein Ausdruck der Befriedigung und Freude über seine Züge. Er stand auf und schüttelte stumm Heinrich die Hand – er war offenbar plötzlich von ganz anderen Gedanken eingenommen, als von der Angelegenheit des armen jungen Mannes. Er ging in’s Schloß und begab sich in die Wohnung Melusinens. Der Vicomte war nicht da; nachdem die ersten Erschütterungen an der Seele des alten Herrn vorübergezogen, hatte sich dieser wieder mit Eifer auf seine Studien in der Bibliothek geworfen, um so emsiger, als die Stunden, worin er diese Schätze ausbeuten konnte, nun für ihn gezählt waren.

Statt des Vicomte aber war Annette bei Melusine.

Ulrich reichte dieser das Schreiben, welches er erhalten hatte.

„Ich komme, Ihnen eine gute Nachricht mitzutheilen,“ sagte er bewegt und Melusine anblickend, als ob er gespannt durchschauen wolle, welcher Art das Gefühl sei, womit das junge Mädchen seine Versicherung, daß er eine gute Nachricht bringe, aufnehme … „ich habe mich,“ fuhr er fort, „an meine Verwandten in Oesterreich gewendet, um mir den Wiedereintritt in’s Heer zu ermöglichen – das ist nicht geglückt; ich muß die Jahre, die ich diente, und meine Rittmeistercharge vergessen, aber es steht mir frei, von Neuem wieder zu beginnen; man sendet mir ein vom Inhaber des Regiments De Lacy-Infanterie ausgestelltes Fahnenjunker-Patent; falls mir das genügt, habe ich nur meinen Namen hineinzuschreiben und meinen eigenen Anstrengungen ist es dann überlassen, recht bald in dem nächsten Kriege, der nicht lange auf sich warten lassen wird, den ja der corsische Brigant schon jetzt droht, das und mehr zu werden, als ich war …“

„Und Sie werden Ihren Namen in dies Papier einzeichnen, Graf Ulrich?“ fragte Melusine tonlos.

„Gewiß werde ich es. Hab’ ich doch nun eine Stellung, wenn auch nur eine sehr bescheidene, wieder – eine Heimath, das Regiment – eine Zukunft, das Schlachtfeld – eine Stelle, wo ich mein Haupt niederlegen kann, das Strohbündel am Beiwachtfeuer – Alles, was ein Soldat bedarf!“

Graf Ulrich rief das aus, ganz in seiner alten übermüthigen Weise, aber durch diesen Uebermuth zitterte etwas im Tone seiner Stimme, das Melusine jetzt heraushörte – hatte es früher, wenn seine übermüthigen Reden sie aufbrachten, nicht darin gelegen, oder hatte sie es nicht herauszuhören verstanden?

„Wenn Sie es so auffassen,“ erwiderte sie zu Boden blickend, „als eine freudige Wendung Ihres Schicksals, dann, dann wünsche ich Ihnen theilnehmend Glück.“

„Sie sagen das, als ob Sie es anders auffaßten,“ entgegnete Ulrich zögernd. „Was könnte ich vom Augenblick Besseres erwarten, welche freudigere Wendung meines Schicksals verlangen? Sagen Sie es mir, Melusine, wenn Sie es wissen. Gäb’ es eine andre Hoffnung für mich, als dies zu erreichen?“

„Sie mögen Recht haben!“ versetzte sie kurz, kalt und fast hart.

„Und so muß ich scheiden,“ fuhr Ulrich nach einer Pause mit verdüsterter Miene fort, „scheiden mit der Sorge um Ihr Loos und um das unserer Freundin Annette. Ich muß Ihnen überlassen, ihr mit treuem Rathe beizustehen, sie abzuhalten von einem sehr, sehr unbesonnenen Anschlag, den ihr eigensinniger kleiner Kopf ausgegrübelt hat, und ...“

„Mein eigensinniger kleiner Kopf!“ fiel hier Annette, die verwundert von dem Einen zum Andern geblickt hatte, ein, „es ist zum Erstaunen, Ihr Beide steht wie die starren Bildsäulen des Eigensinns und des Hochmuths da, und redet von meinem eigensinnigen Kopf! Dankt Gott, daß er da ist mit seinem thörichten Eigensinn, Euch und Eure harten Herzen, die sich nun einmal durchaus nicht überwunden geben wollen, zu bekehren! Wahrhaftig, es ist gut! Was den unbesonnenen Anschlag angeht, den ich mir ausgegrübelt haben soll, Graf Ulrich, so ist es nicht nöthig, daß Sie sich irgend noch eine Sorge darum machen. Ich habe längst einen bessern –“

„Und welchen haben Sie, Annette?“ fragte Graf Ulrich, „und was wollen Sie mit dem Papier da machen?“ setzte er hastig hinzu, den Arm nach dem Patente ausstreckend, als er wahrnahm, daß Annette dieses mit einem raschen Griff vom Tische, wohin er es gelegt, an sich nahm. „Sie werden es nicht etwa zerreißen wollen ...“

„Nein, gewiß nicht!“ sagte sie, breitete es vor sich aus und mit dem linken erhobenen Arme sich wider Ulrich schützend, mit der Rechten eine Feder von Melusinens Schreibgeräth ergreifend, schrieb sie mit fester großer Schrift langsam den Namen Heinrich’s hinein. „So!“ sagte sie dann. „Nun ist Alles gut! Maurach braucht nun kein Spital zu werden. Es wäre schade drum gewesen. Heinrich braucht nur ein rechtschaffener wackerer Soldat zu werden, und das ist gewiß kein Schade. Es ist Alles gut sodann. Niemand wird ihm, wenn er in sein Regiment tritt, ansehen, daß der Rock, den er einige Jahre lang trug, schwarz und überflüssig lang war. Und wenn er heimkehrt mit einer hübschen Narbe über der Stirn, einem hübschen Kreuz auf der Brust, und hübschen Epauletten auf der Schulter, dann wird Niemand was dawider haben, daß ein tapferer Mann ein treues deutsches Mädchen zu dem Bürgermeister führt, damit der ein christlich rechtschaffenes Ehepaar daraus mache. Hab’ ich Recht oder hab’ ich’s nicht? Wozu sollen die Freiheit und das neue Gesetz den Menschen dienen, wenn Niemand den Muth hat, sie zu gebrauchen? Ich sage das neue Gesetz – mir hat es Maurach gegeben, und nun will ich ihm dankbar sein, und ihm Proselyten machen – zuerst Heinrich!“

Melusine hatte ihr mit stummem Staunen zugehört.

„Annette,“ rief sie jetzt aus, „und Sie glauben, zu dem Allen werde Heinrich bereit sein? Thörichtes Kind –“

„Ich bin kein Kind,“ fiel Annette ihr in die Rede, „und die Thorheit ist auf Eurer Seite; ob Heinrich bereit sei, meinen Willen zu thun, macht mir weit weniger Sorge, als Euch zu zwingen, ihn zu thun – und doch werde ich nicht eher Euch Frieden geben!“

„Aber das ist ja entsetzlich ruchlos, verbrecherisch, so etwas auch nur zu denken,“ rief Melusine noch immer im äußersten Erstaunen aus, „das ist ja ebenso unerhört als unmöglich!“

„Weshalb verbrecherisch?“ fiel Graf Ulrich ein, „es läuft nur schnurstracks wider gewisse Vorstellungen an, von denen Sie ausgehen, Melusine; aber es folgt mit logischer Folgerichtigkeit aus den Vorstellungen, welche Fräulein Annette sich macht, und dazu scheint zu gehören, daß ihre und Heinrich’s Liebe etwas Höheres und Heiligeres sind, als alte verrottete Gesetze, die eine Theologie geschrieben hat, welche für die Menschen von heute nicht mehr paßt. Ich bewundere diese muthige Thurmschwalbe mit ihrem frischen Muthe. Millionen Menschen denken wie sie. Von allen Dächern hört man seit einem halben Jahrhundert dieselbe Theorie predigen; die Revolution hat sie über die Welt verbreitet, die große Lehre der Befreiung für den Einzelnen, daß das rein menschliche Gefühl starker und wahrhafter Naturen höher gelte, als das inhumane Gesetz einer veralteten Weltordnung. Und doch, wie Wenige wagen es, diesem Gesetz zu trotzen! Wie Wenige wagen, ihr inneres Recht wider das äußere geltend zu machen! Es ist unerhört, sagen Sie. Freilich – leider! Und darum bewundere ich unserer Freundin frischen Muth – sie hat nicht darüber nachgegrübelt, sie hat sich um die Theorie der Sache gewiß sehr wenig gekümmert, sie hat nur die beneidenswerthe gedankenlose Entschlossenheit, einem starken Gefühl sofort auch die starke That folgen zu lassen!“

„Aber,“ rief Melusine aus, „wenn auch Alles richtig wäre, was Sie sagen, und was ich weit entfernt bin, Ihnen einzuräumen – denken Sie an die Folgen eines solche Schrittes! Die Welt wird …“

„Die Welt wird weder Heinrich noch Annetten etwas anhaben können,“ unterbrach sie Graf Ulrich. „Die Besitzerin von Maurach, wenn sie einen tapfern Officier, der aus dem Felde heimkehrt, heirathet, wird just so viele Gesichter, die ihr unterwürfig lächeln, so viele Rücken, die sich vor ihr bücken, finden, als wenn sie einen beliebigen benachbarten Junker heirathete. Die Welt! Sie muß [624] freilich lästern, wie sie essen und trinken muß; wenn sie aber alle die, welche sie verlästert, meiden wollte, müßte sich Jeder wie ein Einsiedler in eine Zelle sperren. So wird man auch unsere Thurmschwalbe und Heinrich lästern; sie hat, um darüber sich hinwegzusetzen, ihre Flügel, und Heinrich das Bewußtsein, daß größere Männer als er, von den Reformatoren, von Luther, Calvin und Zwingli bis auf Schneider, Feßler, Chabot und wie sie alle heißen, diese Hunderte freier Denker, Gelübde brachen, die sie in Unfreiheit und Ignoranz geleistet hatten!“

Annette hatte ihm sehr aufmerksam zugehört.

„Das ist eine sehr schöne Schutzrede, die Sie da für mich halten,“ sagte sie jetzt leise und still die Hände faltend. „Aber seltsam, nun ich sie angehört, bin ich plötzlich ängstlich geworden, und mir ist, als müßt’ ich’s erst zehn Mal überlegen und erwägen … ach, ich bin gar nicht so muthig, wie Sie glauben – Muth war’s nicht, nein, nein, vielmehr Angst und Noth, was mich so blind treibt, nun, da ich alles Andere in der Welt verloren, Heinrich festzuhalten, damit ich nicht, wenn auch er von mir gerissen würde, sterben müßte!“

In den Augen der Thurmschwalbe lag, während sie diese letzten Worte aussprach, eine volle Bestätigung der Angst und Noth – sie blickten ihr, wie plötzlich wieder erwacht, unverkennbar aus allen Zügen.

„Seien Sie nicht thöricht, Annette,“ rief Graf Ulrich aus, „und weichen Sie nicht zurück vor dem, was Sie gethan. Ich fühle, daß es das Beste ist, das einzig Mögliche, wie Ihnen und Heinrich zu helfen, und deshalb gebe ich Ihnen ja mit Freuden auch mein Eigenthum hin …“

„Zurückweichen?!“ sagte Annette. „Nein, nein, nein, ich will, ich kann es nicht,“ fügte sie tief aufathmend hinzu, „auch wenn ich wüßte, daß wir untergehen würden dadurch für immer – ich könnte es nicht!“

„Rufen wir Heinrich herbei,“ sagte Graf Ulrich sich erhebend.

„Ja, holen Sie ihn,“ fiel Annette ein, und dann ihre ganze Sicherheit wiedergewinnend, rief sie aus: „Aber vorher will ich noch einmal Ihr Lob gewinnen, daß ich ein starkes Gefühl und eine starke That zusammenzubringen weiß. Geben Sie mir Ihre Hand, Graf Ulrich – Sie sind die starke That, und kämen ohne mich doch nicht zum Handeln; und Sie, Melusine, auch Ihre Hand will ich – Sie sind das starke Gefühl, und ohne mich käm’ es doch nie über Ihre Lippen, Ihr Gefühl; ich seh’ es ja! Also muß ich schon für Sie handeln, Graf Ulrich, und für Sie reden, Melusine!“ Sie hatte dabei Beider Hände in einander gelegt, und heiter, fast schelmisch lächelnd wieder zu ihnen aufschauend, sagte sie plötzlich rasch: „Doch nein, zu reden brauch’ ich nicht; ich seh’, daß Eure Blicke das übernommen haben, und was sie sagen, bedarf keines Dolmetsch! Ihr bleibt bei mir, nicht wahr?“

„Wir bleiben, kleine herrische Gräfin von Maurach,“ antwortete Graf Ulrich, „Melusine ist nicht weniger gehorsam als ich – sagen Sie ein Wort, Melusine, daß Sie ’s sind! O, sagen Sie es!“

„Ist es nicht zu thöricht,“ versetzte Melusine tief erröthend, „bei Leuten die – Gelübde so leicht nehmen?“

„Und könnten Sie mich zwingen wollen, unserer Freundin ganzen Plan, ihr einziges Heilmittel zu nichte zu machen, indem ich das Papier dort wieder an mich nehme und selbst als Soldat in die Welt ziehe, ein enterbter, verzweiflungsvoller Mensch?“

„Nein, nein,“ sagte Melusine rasch, „wie dürft’ ich das! Es wäre ja auch eine Gewissenssache – Sie haben als Soldat in der Welt schon Unheil genug angerichtet, Sie sollen von nun an Niemand mehr tödten, als höchstens eine arme Frau, wenn sie sähe, daß Sie sie nicht mehr liebten!“

Annette sah, froh und triumphirend, daß sie durchgesetzt hatte, was ihr „eigensinniger kleiner Kopf“ gewollt, und sie war im nächsten Augenblick verschwunden, um Heinrich aufzusuchen. Daß sie mit ihrem Willen auch bei ihm durchgedrungen, bewies am besten, daß einige Tage nachher die Einwohner des Dorfes von einem abermaligen Verschwinden des jungen Geistlichen zu erzählen hatten, bis diese merkwürdige Thatsache, welche nie eine genügende Aufklärung für sie erhielt, nach Jahren in ihrem Gedächtnisse aufgefrischt wurde – als sich in Folge von Reden des Pastor Lohoff ein Gerücht verbreitete, ein im Schlosse Maurach aufgetauchter österreichischer Hauptmann, der bei Hohenlinden verwundet worden und der einen Arm in einer schwarzen Binde trug, sei Niemand anders als der Verschwundene. Dies Gerücht gewann, obwohl die Dienerschaft von Haus Maurach es leugnete und der Hauptmann einen andern Namen trug, doch täglich an Stärke, bis eines Tages der Name des Hauptmanns und der Annettens an dem schwarzen Brett vor der Mairie, an welches die Heirathsankündigungen angeschlagen wurden, zu lesen stand, worauf es, statt frisch aufzuleben, in bewunderungswürdiger Schnelligkeit gänzlich erstarb. Es war eben Niemand in der Gemeinde, der der von Allen geliebten, gegen Alle freundlichen und immer hülfbereiten „Gräfin Thurmschwalbe“ hätte etwas Uebles nachsagen mögen, wenn dafür kein besserer Gewährsmann da war, als der Pastor Demeritus Lohoff.




Blätter und Blüthen.

Brief eines preußischen Hauptmanns. Wir erhalten von befreundeter Hand den nachfolgenden, aus Gunstett bei Wörth vom 10. August datirten Brief eines preußischen Hauptmanns mitgetheilt, welcher der Schlacht bei Wörth beigewohnt hatte und in dieser verwundet worden ist. Derselbe, an den Vater des Briefschreibers gerichtet, erzählt, mit Hinweglassung der einleitenden Worte, Folgendes:

Unsere Division ging circa um ein Uhr zum Angriff vor. Unter dem Schutze von circa sechszig unserer Geschütze stiegen wir, von französischen Granaten empfangen, in das Sauerthal hinab. Meine Compagnie gerieth unglücklicherweise an den von Regengüssen stark angeschwollenen Sauerbach, welcher hier über vier Fuß tief war und sehr steile Uferwände hatte. Mir ging das Wasser bis zur halben Brust. Im heftigsten Gewehrfeuer passirte ich das Hinderniß. Meine Compagnie kam dabei natürlich ziemlich durch- und auseinander. Am jenseitigen Ufer kamen mir viele Tirailleurs entgegengestürzt, welche von den Franzosen geworfen waren. Um das kolossale Schnellfeuer der Chassepots zu erwidern, ließ ich alle Leute, welche den Bach passirt hatten, ausschwärmen und feuern. Meine ganze Compagnie wurde derart bis auf einen halben Zug absorbirt. Wir avancirten unter starken Verlusten und erreichten gleichzeitig mit allen anderen Truppen den Fuß der jenseitigen Höhen. Die Franzosen wichen nur Schritt für Schritt. Ich kann keinen Versuch machen, um Dir eine Vorstellung von dem wüsten Lärm, dem Knattern von mehr als hunderttausend schnellfeuernden Gewehren, mehreren Hundert Geschützen und den famosen Kugelspritzen zu machen. Letztere haben für die Schlachtmusik eine ganz neue Instrumentirung geschaffen. Denke Dir eine gewaltige Knarre, bei welcher die einzelnen Töne aus etwas heftigeren Detonationen als Gewehrschüsse bestehen. Dazu das Pfeifen der Kugeln! Man glaubte verrückt zu sein; 1866 war nichts dagegen. Wunderbarer Weise war ich bis jetzt verschont geblieben. Kaum hatte ich aber den Fuß der jenseitigen Höhen erreicht, als ein Granatstück mir die Schuppenkette vom Helm riß und das Ohr wund ritzte. Auf der halben Höhe, die Schritt für Schritt erkämpft wurde, bekam ich den zweiten Streifschuß am Gesäß, der mich zwei Tage lang beim Liegen auf dem Rücken sehr incommodirte. Nicht lange darauf wurde mir meine Kartentasche, welche ich unter dem Rock am Säbelkoppel trug, durchschossen und das Beinkleid zerrissen.

Nun wurde mir die Sache etwas toll. Ich tiraillirte mit den Leuten so geschickt, als es ging, die Deckungen waren aber zu unbedeutend und der Kugeln zu viele. Zum Glück schossen wir jetzt die Franzosen barbarisch zusammen. Die Abhänge sahen rot aus von den Leichen und Verwundeten. Glücklich waren wir oben auf der Höhe angekommen. Ich war in der ersten Linie bei den Tirailleuren, als jene berühmte Kürassier-Attaque losging. Um sie besser zu sehen, richtete ich mich aus der Deckung in die Höhe und erhielt die vierte Kugel durch den Schenkel. Ich duckte mich wieder nieder; die Schützen kriechen vor; mein Schenkel schwillt, ich kann nicht folgen und lasse mich zurückführen. Hierbei erhielt ich die fünfte Kugel, zwei Zoll unter der linken Achselhöhle in die Brust; einen halben Zoll vom Wirbel (d. h. des Rückgrats) ging sie wieder hinaus. Einer meiner Begleiter stürzte zugleich mit mir zusammen. Ich verlor die Besinnung nicht, sondern wälzte mich circa fünfzig Fuß bergab in einen steinernen Hohlweg, um aus dem tollen Gewehrfeuer zu kommen. Mit aller Kraft kämpfte ich eine Ohnmacht nieder. Ein Soldat gab mir Wasser. Meinen letzten Tropfen Wein hatte ich kurz vorher einem sterbenden Hauptmann gegeben. Nach einiger Zeit, während ich mit entsetzlichen Brustbeklemmungen zu kämpfen hatte, schoben mir zwei Soldaten meiner Compagnie ein Gewehr unter das Gesäß und zwei andere eins unter die Kniee. Mit großer Aufopferung wurde ich so (unter gewaltigen Schmerzen natürlich) eine Viertelstunde bergab getragen und im Thale im Chausseegraben niedergelegt. Nach einer halben Stunde verstopfte ein Arzt die Kugellöcher mit Charpie und ging weiter. Der Blutverlust war mittelstark; die Schwäche nahm zu. Der Abend senkte sich bereits herab, eine eisige Kälte verbreitete sich über den Körper, welcher noch in den halbnassen Sachen steckte. Ich glaubte zu sterben und hatte die Qualen satt. Neben mir lagen noch zwei Officiere, bereits sprachlos.

Batterien rasselten vorbei, Ordonnanzen jagten; Niemand half uns. Da kam ein Feldgeistlicher zu mir (Heinrich Köstlin). Ich nannte Deine Adresse und bat zu schreiben. Er ging weiter. Es wurde dämmrig. Da [625] ritt ein Cavallerie-Officier vorbei. Mit Aufbietung der letzten Kräfte rief ich ihm zu. Er hielt. Ich bat um Krankenträger für mich und die Cameraden. Nach einer langen Viertelstunde kamen welche an und trugen uns auf Bahren davon: Ich war Badensern in die Hände gerathen und kam im Finstern auf ihren Verbandplatz. Die Sachen wurden mir vom Leibe geschnitten, ein guter Verband angelegt. Nackend wickelte man mich in wollene Decken, gab mir heißen Kaffee und Wein zu trinken, und eine behagliche Wärme durchströmte mich. Es war ein seliges Gefühl. Eine schlaflose Nacht, beengter Athem, wenig Schmerz, aber außer Stande, mich zu bewegen. Nur der rechte Arm und das linke Bein brauchbar. Ich lag auf der Trage in einem Zelte mit drei Sterbenden zusammen. Die ganze Nacht nichts als Stöhnen und Fieberphantasien in meiner Umgebung. Am Morgen stand zehn Schritte vom Zelte der Amputationstisch, und ich sah diese Fleischerarbeit ziemlich gleichgültig mit an. Meine Zeltgesellschaft (Officiere) war todt. Der Arzt schien erstaunt zu sein, daß ich lebte und nicht einmal fieberte. Gegen Mittag band man mir das Diagnosetäfelchen um mit Nummer Eins, das heißt: nichttransportabel bei Lebensgefahr. Eine ermuthigende Nachricht! Ich wurde gegen Abend nach dem eine halbe Stunde entfernten Gunstett gebracht, wo ich mich noch befinde. Wie entsetzlich sah es aber damals aus! Ich lag einen Tag und zwei Nächte auf einem Bund Stroh auf der Erde. Niemand fragte nach mir und meinen Stubengenossen. Ein Stück Brod und etwas Wasser mit Wein gemischt stand neben uns. Ich merkte bald, daß die Aerzte sich um uns, als sichere „Todescandidaten“, nicht mehr kümmerten. Da trat plötzlich der Kronprinz von Baden, Ludwig Wilhelm August, preußischer General und Inhaber des vierten Infanterieregiments, in unser Zimmer. Er war wüthend gegen solche Rücksichtslosigkeit. Er soll gegen die Aerzte ziemlich deutlich geworden sein. Alsbald erschienen vier Mann, hoben mich auf und trugen mich in eine kleine Kammer, wo ich auf ein Bett und Strohsack niedergelegt wurde. Ich dankte Gott! Durch jenes erste Zimmer liefen Tag und Nacht Lazarethgehülfen und Diener; es pfiff der Wind durch die offenen Fenster und Thüren, der Regen peitschte herein, die Dielen zitterten unter den schweren Tritten; bisweilen wurde ich gestoßen und getreten. Die entsetzlichsten Stunden meines Lebens habe ich dort zugebracht. Morphium betäubte mich nur in der ersten Nacht. Später nahm ich die stärkeren Dosen freiwillig nicht mehr an.

Am vierten Tage nach der Schlacht wurde zum ersten Male der Verband gewechselt. Die Lappen verbreiteten bereits einen höchst unangenehmen Geruch. Ich war aber jetzt allein und hatte Ruhe. Nichts geht über das Erstaunen der Aerzte, als sie wiederholt meinen Puls fühlten, die Wunden besahen, den Blutauswurf betrachteten. Mein Puls war so ruhig, wie nur je im gesunden Zustande. Ich verlangte zu essen und verschlang mit Gier rohen Schinken und Brod. Am sechsten Tage erhielt ich mein jetziges, sehr hübsch möblirtes freundliches Zimmer, die Studirstube des Pfarrers. Ich war der älteste unter den sieben Officieren hier. Wir waren alle bis auf einen in die Brust geschossen; es leben aber nur noch drei. Jetzt geht es mir täglich besser; der Appetit ist ausgezeichnet. Wie komm’ ich zu solcher Bärennatur? Mehrere Johanniter aus Baden haben mich wie ein Wunderthier betrachtet, wenn ich mein Essen bekam. Man behandelt mich nun sehr aufmerksam. Die Aerzte scheinen sich für mich als ein Problem zu interessiren. Doctor Pagenstecher, der Assistent des berühmten Chirurgen Simon in Heidelberg, behandelt mich. Eigentlich thun sie gar nichts. Jeden Morgen erhalte ich einen frischen Verband und dann überlassen sie mich meiner Natur und meinem Bette. In der Brusthöhle befindet sich immer noch etwas Exsudat. Ich bin in einer Beziehung ganz hülflos. Ich besitze nur meinen Degen, Helm und mein Lorgnon: sonst bin ich nackend. Ich werde mir Civil erbetteln, um transportirt werden zu können.

Noch kein Mensch hat hier binnen vierzehn Tagen einen Brief erhalten.

Ich will hiermit schließen. Das Schreiben im Bette strengt doch an. Ich bin bereits seit vorigem Montage im Stande, mich allein aufzurichten; liegen kann ich aber nur auf dem Rücken. Heute stehe ich wieder anderthalbe Stunde auf und sitze im Sessel. Es ist eine große Wohlthat für meinen armen Rücken. Ich wanke schon allein die vier Schritte vom Bett bis zum Stuhl und wieder zurück. Nun lebt wohl! Herzliche Grüße an Alle.
Dein aufrichtiger Sohn
Philipp. 

Die Gartenlaube (1870) b 625.jpg

Ruhestätte des Dichters der ‚Wacht um Rhein‘ in Burgdorf.
Nach der Natur aufgenommen von J. Nieriber.

Der dritte September in Berlin. Es ist etwas Großes und Erhabenes, wenn ein Hauch der Begeisterung durch ein ganzes Volk hinzieht und Millionen und Millionen Herzen zu gleicher Zeit rascher schlagen läßt, wenn die Freude und Begeisterung aus jedem Auge leuchtet, wenn auch nicht ein Einziger ist, der nicht daran Theil nimmt.

Ein solcher großer Tag war der dritte September, als die Kunde von der Uebergabe der Festung Sedan mit mehr als achtzigtausend Truppen und die Gefangennahme des Kaisers Napoleon durch ganz Deutschland, ja durch ganz Europa zuckte, und der Telegraph sie nach allen Welttheilen trug. Man wußte, daß es kein Land dieser Erde gab, in welchem diese Kunde nicht bei allen dort lebenden Deutschen die größte Freude hervorrief. Ganz Deutschland jubelte, Hunderttausende deutscher Fahnen flatterten an diesem Tage lustig im Winde und „Napoleon gefangen, ein Heer von achtzigtausend Mann ergeben!“ tönte es überall.

Den gewaltigsten Eindruck rief diese freudige Botschaft, welche von Niemand erwartet war, in Berlin hervor. Morgens um fünf Uhr hatte die Königin das Telegramm des Königs erhalten, und der Polizeipräsident hatte die Depesche sofort drucken und an die öffentlichen Säulen heften lassen, allein Berlin war kaum aus dem Schlafe erwacht, die Straßen waren noch wenig belebt, die große Nachricht verbreitete sich deshalb anfangs langsam, bis sie mit einem Male gegen neun Uhr Morgens durch Depeschen welche auf der Straße verkauft wurden, wie ein lauter, mächtiger Wiederhall die ganze Stadt durchdrang. Der Eine rief es dem Anderen zu, bis es auf jeder Straße, in jedem Hause tönte: „Er ist gefangen! Wir haben Ihn!“

Ganz Berlin war mit einem Male in der freudigsten, begeistertsten Stimmung. Die Fahnen und Flaggen wehten aus den Fenstern, von den Balconen und den Dächern herab. Unbekannte drückten einander die Hand und sprachen kein Wort weiter, als: „Wir haben ihn.“ Ich habe ernste, bejahrte Männer gesehen, denen die Thränen der Freude über die Wangen liefen, und sie hatten sich dieser Thränen nicht zu schämen; manches Mannesauge ist an diesem Tage feucht geworden.

Alle eilten unter die Linden, Tausende wogten dort auf und ab und Tausende schaarten sich vor dem königlichen Palais, wo die Königin wiederholt auf dem Balcon erschien und die Versammelten freudig und bewegt begrüßte. Das Denkmal Friedrich des Großen, welches gerade vor dem [626] königlichen Palais steht, war wie mit einem Schlage lebendig geworden. Wie Katzen kletterte die Berliner Jugend an ihm empor und erreichte kühn die Spitze des Denkmals. Schutzleute wollten ihnen wehren, allein ein Wink aus dem Palais genügte, um die begeisterte Jugend in ihrem Vorhaben nicht zu stören, und es giebt auch Augenblicke, in denen die Berliner Jugend sich durch keinen Schutzmann stören läßt. „Wir müssen den alten Fritzen bekränzen,“ kaum war dies Wort gefallen, so wurden Kränze und Fahnen durch die Jugend hinaufgeschafft, ein großer Lorbeerkranz zierte nach wenigen Minuten das Haupt des alten Helden, Kränze zierten den Kopf und selbst den Schwanz seines Pferdes. Mit Fahnen wurde der Lieblingskönig des preußischen Volkes umgeben, sie flatterten um sein ernst dareinschauendes Haupt, und wir fassen es als ein gutes Zeichen auf, daß er in seiner Linken eine mächtige schwarzrotgoldene Fahne hielt – eine deutsche Fahne! Es war sicherlich das erste Mal, daß diese Farben an diesem Orte wehten.

In der malerischesten Gruppirung stand, saß und hing die Berliner Jugend auf dem Denkmale, an ihm und auf jedem vorspringenden Punkte, ein herrliches Bild, wie es nur der Augenblick schaffen kann.

Unter dem mächtigen Pferde des alten Helden stand ein Lehrling in blauer Blouse, baarfüßig und baarhaupt, das lederne Schurzfell noch vor, wie er soeben seinem Meister entlaufen war, und machte die lustigsten Sprünge. „Wir haben ihn!“ rief er laut, und Tausende wiederholten: „Wir haben ihn!“ Eine Ziehharmonika wurde hinaufgereicht, ein Junge auf dem Pferde des großen Friedrich ergriff sie, spielte „die Wacht am Rhein“, und die ganze Jugend ringsum sang dies Lied und stimmte dann an: „Was ist des Deutschen Vaterland?“

Aus dem Volke, aus der Jugend heraus war die Idee, das Denkmal des Heldenfürsten zu bekränzen und ihm die deutsche Fahne in den Arm zu drücken, entstanden, in wenigen Minuten war sie ausgeführt und ohne leitende Hand waren die Fahnen gruppirt. Von dem Portale des königlichen Palais aus nahm sofort ein Photograph dies lebendig gewordene Denkmal auf. Der alte Fritz von der Berliner Jugend umgeben – ein schönes Bild!

Selbst die Königin war erfreut darüber, sie winkte den ersten kühnen Besteiger des Denkmals, den siebenzehnjährigen Emil Skanitzky herab und zu sich in das Palais. Ohne Zögern kletterte der Gerufene hinab, unten angekommen besann er sich: „Nee, ick will ihr wat mitbringen,“ rief er und ließ sich einen Kranz von dem Denkmal herabwerfen. Mit ihm trat er den Weg zur Königin an, die ihn mit einer Tasse mit dem Bildnisse des Königs und mit zwei Friedrichsd’or beschenkte. Als sie ihn fragte, ob er nicht befürchtet habe, von dem Denkmale, welches, beiläufig bemerkt, zweiundvierzig Fuß hoch ist, herabzustürzen, erwiderte er keck: „Nanu? Und wenn der olle Fritz noch drei Mal so hoch wäre, seinen Kranz hätte er doch gekriegt.“ Huldvoll reichte ihm die Königin die Hand, allein er zögerte dieselbe anzunehmen. „Dat geht nicht, königliche Majestät,“ sprach er halb verlegen, „der olle Fritz war zu staubicht,“ und dabei zeigte er seine beschmutzten Hände.

Bis spät am Abende blieb das Denkmal von der Jugend belagert, und die Hochs, welche sie anbrachten, nahmen kein Ende. Nicht verschweigen darf ich hier freilich, daß die schwarzrotgoldene Fahne noch an demselben Tage von officieller Seite aus dem Arme Friedrich’s des Großen entfernt wurde. Ich hatte sie für seinen höchsten Schmuck gehalten, daß die Farben des ganzen Deutschlands sein Haupt umwehten – in bureaukratischen Kreisen scheint man anderer Ansicht zu sein. Hätte der alte Held indeß seinen Krückstock zur Hand gehabt, – – so würde er es nicht geduldet haben.

Ziemlich zeitig am Morgen eilte der alte Wrangel zum Palais, um der Königin seinen Glückwunsch zu überbringen; kaum ließ er sich jedoch sehen, da umringte ihn auch die Jugend und begrüßte ihn begeistert. Immer mehr wuchs die Schaar um ihn an; sie drückten ihm die Hände, und der alte Freund der Berliner Jugend erlag fast der jugendlichen Begeisterung.

„Laßt, Kinder, laßt,“ sprach er endlich, „ich habe ja nichts dabei gethan.“

„Doch, Excellenz,“ rief ein Junge, „Sie sind dat Karnickel, welches angefangen hat; denken Se an Schleswig-Holstein! Der Vater Wrangel soll leben – hurrah hoch!“ und Hunderte stimmten in den Ruf ein.

Mit diesem jugendlichen Ehrengeleite langte er vor dem königlichen Palais an und brachte vor dem Portale desselben ein Hoch auf den König und die Armee aus, das er später noch mehrere Male unter den Linden wiederholte.

Fast sämmtliche Schulen – nur wenige Directoren hatten die Bedeutung dieses Tages nicht zu begreifen vermocht – waren geschlossen und der erste Aufzug, der vor dem königlichen Palais unter dem Singen der „Wacht am Rhein“ erschien und dort ein Hoch ausbrachte, war von Jungen von acht bis zwölf Jahren gebildet, von denen einer eine deutsche Fahne irgend wo aufgetrieben, um den sich nun die anderen freiwillig schaarten. Es war wieder ein bedeutungsvoller Zug, daß die Jugend den Anfang machte. Ihnen folgten dann Arbeiterzüge aus verschiedenen größeren Fabriken von Schwarze, Schwarzkopf, Borsig, Sigl und Anderen. Diese Züge waren nicht vorbereitet, sondern unmittelbar aus der freudig begeisterten Stimmung waren sie hervorgegangen. In der Werkstatt hatten die Arbeiter die Nachricht empfangen, ohne Säumen hatten sie den Hammer aus der Hand gelegt, sie hatten sich nicht Zeit genommen, den Ruß der Arbeit von der Stirn und den Wangen zu waschen, in ihrem Arbeitsanzuge mit ihrer Fahne voran erschienen sie und brachten der Königin ihren Glückwunsch und ihr Hoch.

Das waren Züge, welche die Begeisterung und das Herz gebildet. In keinem schöneren Schmucke konnten die Arbeiter kommen als in dem Kleide der Werkstatt, die Zeichen der Arbeit noch deutlich im Gesicht und an den Händen. Die Züge sahen nicht festlich aus; aber feierlich. Die Männer, welche sich so freudig ihrer Begeisterung hingeben und in solchem Augenblicke die Eitelkeit einer leeren Form begreifen, die würden auch entschlossen zu den Waffen greifen, wenn das Vaterland ihrer bedürfte.

Aufzug reihte sich an Aufzug, und noch gegen Abend erschienen mit Musik an der Spitze die sämmtlichen Arbeiter, unter denen sich sehr viele Landwehrfrauen befanden, der neu errichteten Erbsenwurstfabrik, welche den Soldaten eine so kräftige und wohlschmeckende Speise liefert, vor dem königlichen Palais.

Während dieses bewegten und ergreifenden Lebens unter den Linden und vor dem königlichen Palais war es an anderen Orten nicht minder lebhaft. Der Victoria auf dem Brandenburger Thore war eine mächtige Fahne in die Rechte gesteckt; die sämmtlichen Denkmäler der alten preußischen Generäle neben dem Opernhause und der Hauptwache waren mit Kränzen geschmückt und mit Fahnen verziert. Von der Spitze des Rathhausthurmes flatterte eine mächtige Fahne, vom Thurme herab tönten die Musikklänge des Liedes „Nun danket Alle Gott“, vor dem Rathhause hatten sich die Schüler verschiedener Schulen mit den Fahnen voran gesammelt und sangen die „Wacht am Rhein“; Tausende stimmten mit ein und Tausenden liefen die Thränen über die Wangen. Ja selbst in dem Schwurgerichtssaale brach die Begeisterung des Tages sich Bahn. Ein Geschworener erhob sich und sagte, daß die Geschworenen an diesem Tage nicht im Stande seien, der Verhandlung mit gewissenhafter Aufmerksamkeit zu folgen. Er stellte den Antrag, die Verhandlung auszusetzen, dem der Staatsanwalt und Gerichtshof auch beistimmten. Der Vertheidiger des Angeklagten, der Rechtsanwalt Holthoff, brachte auf den König und die siegreiche Armee in dem Schwurgerichtssaale ein lautes Hoch aus, dem Alle beistimmten.

Es wehte ein großer feierlicher Zug durch die ganze Bevölkerung hin. Die Werkstätten waren geschlossen, die Läden leer, die eine große Freude über den Sieg und unerwartet großen Erfolg einte alle, Hoch und Niedrig, Jung und Alt, Reich und Arm. Auf der Börse, die sonst nur Interesse für die Course und das Geschäft hat, wurde von allen dort Versammelten „Die Wacht am Rhein“ gesungen, und Hunderte Flaschen Sect, die am Büffet an diesem Morgen getrunken wurden, erhöhten noch die begeisterte Stimmung der Börsenköpfe. Bejahrte Börsenmänner versicherten, daß die Börse einen solchen Tag nie erlebt habe.

Und es war ein großer Tag mit der ganzen vollen, aus dem tiefsten Herzen kommenden Begeisterung. Ich bin Stunden lang durch die Straßen gewandert, habe viele, viele Tausende Menschen an diesem Tage gesehen aber nicht ein einziges Auge, aus dem nicht die Begeisterung und Freude leuchtete, nicht ein Gesicht, auf dem nicht ein Zug der Verklärung sichtbar war. „Nun haben wir die Opfer gern gebracht und wollen nicht mehr klagen!“ sprachen Männer, die einen und selbst zwei Söhne auf Frankreichs Boden verloren. Ja, eine Thräne des Schmerzes den Todten, aber die andre Thräne gebührt den Lebenden, und sie muß eine Thräne der Freude und Begeisterung sein!

Gegen Abend rüstete sich die ganze Stadt freiwillig zur Erleuchtung der Häuser. Millionen Lichter flammten in den Fenstern, Gassterne und -Adler leuchteten vor den Häusern, Transparente, soweit sie sich in der kurzen Frist hatten anfertigen lassen, feierten den großen Sieg und feierten die Germania. Berlins ganze Bevölkerung durchwogte die Straßen. Kanonenschläge und Schüsse dröhnten, Raketen sprühten, bengalische Feuer glühten, und dazwischen warf die Jugend ihre lustigen Schwärmer. An diesem Tage gab es keine Schutzleute, das ganze Volk durfte sich freuen und seiner Freude den lautesten Ausdruck geben.

Eine Stadt läßt sich auf Befehl schöner schmücken und herrlicher erleuchten, als die kurze Zeit gestattete, aber diese Freude und Begeisterung kann keine Macht schaffen. Sie ist das Werk eines großen Augenblicks, und wer solchen Tag erlebt hat, der begreift die Größe eines Volks, das stolz sein darf auf seine Kraft und seinen sittlichen Werth, der begreift, daß die Geschichte uns Augenblicke liefert, die sich für immer einprägen und die Ueberzeugung festigen: es giebt noch eine Macht und ein Recht über uns, die sich durch Menschenlist und -Trug nicht beirren lassen. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!

Und noch ein Zug erhöhte die Größe dieses Tages: Berlin feierte nicht den Sieg der preußischen Waffen, sondern den Sieg des deutschen Heeres. Deutschland ist an diesem Tage neu erstanden. Jeder fühlte, wenn er es auch nicht auszusprechen vermochte, daß im ganzen großen deutschen Vaterlande alle Herzen in gleicher Weise schlugen, und diese gemeinsame Freude, dieser Stolz auf unsere Truppen und unsere Todten ist ein Band, welches keine Macht wieder zerreißen kann. Das deutsche Volk ist eins – wer will es trennen?
Fr. Fr.


Der deutsche Tyrtäus. Ein Volk ehrt nur sich selbst dadurch, daß es das Andenken seiner großen Todten heilig hält; und darum geziemt es sich wohl, daß wir jetzt, wo die Nachkommen der Helden von 1813, 1814 und 1815 mit einer der Ahnen würdigen Tapferkeit den Erbfeind der deutschen Nation bekämpfen und den frechen Uebermuth des dritten Napoleon ebenso bestrafen, wie die Vorfahren in den glorreichen Freiheitskriegen die Welteroberungspläne des Gründers der Napoleonischen Dynastie zu Schanden machten, jenes Heldenjünglings gedenken, dessen Leben und Dichten, Kämpfen und Sterben ihm die Sympathieen des deutschen Volkes für alle Ewigkeit gewonnen haben, – Theodor Körner’s.

Am 23. September dieses Jahres sind es achtzig Jahre, daß Theodor Körner zu Dresden das Licht der Welt erblickte. Die großen und glänzenden Dichtergestirne von Schiller und Goethe standen über der Wiege des Knaben, der schon in seinem zweiundzwanzigsten Lebensjahre Lieder singen sollte, wie weder Schiller noch Goethe sie in diesem Alter zu dichten vermochten. Die feurige Begeisterung und der kühne Todesmuth, welche durch „Leier und Schwert“ wehen, haben der Muse Körner’s jene Zauberkraft verliehen, die zum Herzen geht, weil sie aus dem Herzen kommt. Und da er sein Streben und sein Dichten mit seinem Herzblut besiegelte, da ein früher Tod ihn von seiner Heldenlaufbahn abrief, so ist sein Name mit dem Reize ewiger Jugend verklärt, und nimmt sein Bild, was auch

[627] jene vornehme, sein Dichtertalent geringschätzende Kritik dagegen sagen mag, einen der ersten Plätze in der Ruhmes- und Dichter-Walhalla der deutschen Nation ein. Allgewaltig tönte sein Weckruf, als es galt, die Zwingherrschaft des corsischen Tyrannen zu brechen:

„Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen,
      Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht;
Du sollst den Stahl in Feindesherzen tauchen.
      Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen,
      Die Saat ist reif; ihr Schnitter, zaudert nicht!“

Am 26. August 1813 war es, daß Theodor Körner in dem Gefecht bei Gadebusch in Mecklenburg-Schwerin den Heldentod starb. Wenige Stunden, bevor ihn die tödtliche Kugel traf, dichtete er bekanntlich das „Schwertlied“, das gerade jetzt tausendfach gesungen wird, und dessen letzte beide Strophen lauten:

„Nun drückt den liebeheißen
Bräutlichen Mund von Eisen
     An eure Lippen fest.
Fluch, wer die Braut verläßt!
  Hurrah!

Frisch! laßt das Liebchen singen,
Daß helle Funken springen! –
     Der Hochzeitmorgen graut.
Hurrah, du Eisenbraut!
  Hurrah!“

Der Tyrtäus der deutschen Nation wurde zu Grabe bestattet von seinem Kampfgenossen, dem edeln Friesen, der mit Recht „der Achilleus der Lützower“ genannt ist, und der ihm ein halbes Jahr später im Ardenner-Walde in den Tod nachfolgen sollte.

Ein wunderbarer Zufall will es, daß zwar siebenundfünfzig Jahre später, aber gerade in demselben Monate, wo Körner fiel, wo die Schlachten bei Großheeren, an der Katzbach und bei Kulm geschlagen wurden, deutsche Heere auf französischem Boden die blutigsten und glorreichsten Schlachten schlugen, um die Welt für immer von dem Fluche des Bonapartismus zu befreien. Und darum sei es uns vergönnt, hiermit wenigstens im Geiste ein Lorbeerreis auf das Grab des unsterblichen Sängers von „Leier und Schwert“ zu legen. –

Vor kurzer Zeit ist eine etwa neun Fuß hohe Körner-Statue aus der Meisterhand des berühmten Bildhauers Hähnel hervorgegangen und bereits zum Gusse nach Nürnberg gesandt. Sobald der Guß vollendet, wird, wie wir aus guter Quelle vernehmen, die Statue auf dem Dohnaplatze zu Dresden, der Kreuzschule gegenüber, aufgestellt werden; bekanntlich war Körner ein Zögling dieser Schule.
Rudolph Doehn.


Auf dem Friedhof zu Burgdorf in der Schweiz befindet sich das Grab des Mannes, der in sturmdrohender Zeit, die bewegten Gefühle des deutschen Volkes in wenige Strophen zusammenfassend, aus begeistertem Herzen „die Wacht am Rhein“ gedichtet und seinem Volke damit ein Geschenk gemacht hat, dessen köstlicher Werth erst dreißig Jahre später empfunden werden sollte, soweit die deutsche Zunge klingt. „Ihrem Max Schneckenburger (geboren 17. Februar 1819, gestorben 3. Mai 1849) Seine Freunde“ lautet die in gothischen Lettern gravirte Grabschrift, und der liebenden, behütenden Sorgfalt der überlebenden Freunde danken wir es, daß wir heute, neben dem wohlgetroffenen Portrait des Dichters, auch dessen wohlgepflegte, von einem eisernen Kreuze überragte Grabstätte im Bilde bringen können.

Vor mehr als zwanzig Jahren ward hier der erst Dreißigjährige zur ewigen Ruhe hinabgesenkt, gerade in jenen Tagen, da der Kampf um die Freiheit am heißesten entbrannt war, die Schneckenburger immer so sehr geliebt hatte. Der Sänger der „Wacht am Rhein“ war ein aufrichtiger, warmer Patriot, der sein deutsches Vaterland über Alles liebte mit kräftiger Hand schwang er die leuchtende Fahne des Fortschritts, und war stets bereit, mit ganzer Person, mit Wort und Schrift, für dieselbe einzutreten. Dabei war er ein treuer Freund und ein angenehmer Gesellschafter, der, wie uns einer seiner Freunde aus Interlaken schreibt, besondere Anlässe gerne mit Gedichten feierte und begleitete, wie er denn beispielsweise einer Geldsendung, die nach dem großen Brande Hamburgs aus Burgdorf dorthin ging, ein Gedicht beilegte, das sich vielleicht in Hamburg noch vorfindet, und dessen Schlußstrophe, mit leicht verständlicher Anspielung auf den Namen Hamburg, also lautete:

Drum, Brüder, laßt das Trauern
Und laßt das tiefe Weh’ –
Wir Alle helfen mauern
An uns’rer Burg der See.

Leider war es Schneckenburg nicht mehr vergönnt, den Triumphzug mitanzusehen, welchen sein einfaches, aber markiges Lied durch die deutschen Gauen und hinüber über den Rhein nehmen sollte; er durfte es nicht mehr erleben, wie lang verlorene, nie verschmerzte Länder unter den mannhaften Klängen seines Liedes von den deutschen Heeren dem deutschen Volke wiedererobert wurden; aber in ruhiger Sommernacht weht wohl ein Hauch jener Begeisterung, die heute rings durch die deutschen Lande von Haus zu Haus und von Herz zu Herzen einmüthig zieht, auch um das stille, einsame Grab auf dem Burgdorfer Friedhof, goldene Sterne grüßen leuchtend hinab zu dem stummen Schläfer, und aus der Ferne über das Feld herüber hallen verklingend die Worte:

„Lieb Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht am Rhein …“




Schlachtenbummler. Aus dem Schluß des in unserer letzten Nummer abgebrochenen Corvin’schen Briefes, dessen Inhalt inzwischen durch die beiden anderen neueren, heute zum Abdruck gekommenen Schlachtenberichte überholt und darum von uns im Interesse unserer Leser zurückgelegt worden ist, theilen wir folgende bemerkenswerthe Stelle mit:

„Als ich am Tage nach der Schlacht von Rezonville und Gravelotte das Schlachtfeld und die umliegenden Dörfer betrat, wimmelte es in den letzteren noch von Soldaten und Wagen, und fast in jedem Hause sah man die Johanniterfahne; allein Johanniter und Malteser sah man nicht. Diese Herren sitzen lieber in Pont à Mousson im Gasthof de la croix blanche – so lange nämlich das Hauptquartier dort ist – und machen lieber den Raum enge, denn viele unter ihnen haben sich ein Bäuchlein angemästet wie der Doctor Luther. Ich sah dort einen Grafen in Landwehruniform, der sich zu den Johannitern hielt, wie drei gewöhnliche Menschen aß und trank und für vier sich breit machte. Diese exclusiven Herren schienen eins der öffentlichen Gastzimmer als ihr eigenes zu betrachten. Trat ein Fremder ein, so machten sie vornehin ablehnende Gesichter, so daß sich wirklich die meisten abschrecken ließen. Ich nicht; im Gegentheil, mir gewährt es stets großes Gaudium, das Gebahren solcher adeliger Herren zu beobachten. Drei Viertel dieser Johanniter und Malteser hätten ruhig zu Hause bleiben können. Die Herren sind nur im Wege. Einzelne geben sich unendliche Mühe zu nützen, und es gelingt auch manchem, Menschen in knotenmäßig aussehender Ausstaffirung mit Höflichkeit zu behandeln. Aber diese Herren gehören an die Front mit ihrer Hülfe und ihren verschiedenen Corps von Krankenpflegern und Doctoren, dic alle guten Willen haben, aber der Anführung bedürfen. Glauben Sie mir, Sie haben gar keine Ahnung davon, wie schlecht die Verwundeten daran sind, und eine große Menge sterben nur, weil sie in den ersten Stunden keine Erfrischung haben. Sie liegen in den elendesten, dumpfesten Bauernbaracken, und die Aerzte haben oft kaum Wasser genug, ihre lechzenden Lippen zu erfrischen. Dahin gehören auch die ungeheuren Vorräthe aller Art, welche man aus Deutschland sendet, nicht zehn Meilen vom Schlachtfelde in die Lazarethe, denn dort in der Front sind die schwer Verwundeten, die man eben nicht transportiren kann.

Französische Gesellschaften dieser Art – eine sah ich von Rezonville nach Amanvillers – hatten große und bequeme Zelte. In solchen liegen schwer Verwundete weit besser als in den stinkenden Bauernstuben. Ich habe bei all den verschiedenen Krankenpflegergesellschaften unsererseits auch nicht ein einziges solches Zelt gesehen, und die sehr ökonomische preußische Regierung vermeidet solchen Aufwand. Ueberhaupt muß ich gestehen, daß das ganze Sanitäts- und Verpflegungswesen der Armee noch auf seinen Messias harrt. Wenn man diese Einrichtungen in Nordamerika gesehen hat, so ärgert man sich über die Vernachlässigung der gesunden wie kranken Soldaten. Freilich hatte man in Amerika keine Johanniter und keine Krankenpflegercorps, und auf dem Schlachtfelde selbst litten die Verwundeten viel mehr Vernachlässigung als hier; allein sobald man sie einmal hatte, wurden sie reichlich und trefflich verpflegt, und die Sanitary Commission sandte überall hin reichliche Quantitäten von nothwendigen und angenehmen Dingen. Ich denke, für Soldaten, welche sich mit solchem Heldenmuthe schlagen und welche so Uebermenschliches leisten, könnte der Staat immer ein paar Millionen übrig haben.“




Nachricht an eine deutsche Frau. Es war in Remilly am 17. August. Nach langweiliger Fahrt kamen wir, die Mitglieder einer Sanitätsexpedition aus Heidelberg, auf unserer Bestimmungsreise „gegen Metz“ dort an und mußten, da die Bahn nicht frei war, einen ganzen Morgen dort liegen bleiben. Wir waren hungrig und sahen uns lange vergeblich um, ob für Geld und gute Worte in dem verlassenen Dorfe ein Imbiß aufzutreiben sei. Da entdeckte einer der Unsrigen in dem früheren Bahnwärterhäuschen unfern der Station ein Lebensmittel-Depôt der Johanniter, das zwar nach Aussage nur für Verwundete und „Officiere“ bestimmt war, aus welchem an jenem Morgen jedoch auch so mancher Soldat erquickt wurde. Gleiches können wir auch von uns sagen. Eine dort Hülfe leistende Krankenpflegerin, ein munteres wackeres Mädchen aus dem Hessischen, sorgte für Brod und schnitt uns einige delicate Stücke Schinken dazu ab.

„Ist das nicht ein prachtvoller Schinken?“ sagte sie. „Und sehen Sie doch, welch rührenden Begleitbrief er hatte!“

Es war ein Zettel daran gebunden, auf dem die Worte standen:

„Ich habe mich so sehr auf diesen Schinken gefreut; nun gebe ich ihn gerne und wünsche, daß mancher deutsche Mann sich daran erlaben möge!“

Dieser deutschen Frau, die den Schinken mit so herzlichen Worten gespendet, und die sich ganz gewiß im Bereiche der Leser der Gartenlaube befindet, sendet Schreiber diesen freundlichen Gruß mit der Versicherung, daß ihr Wunsch in Erfüllung gegangen, und daß an jenem Morgen viele, sehr viele verwundete und unverwundete deutsche Männer (denn der Schinken war riesig groß!) an diesem Leckerbissen nach so vielen Entbehrungen und Strapazen sich wahrhaft gelabt und erquickt haben!
F. W.


Künstliche Augen. Wir erhalten aus Hamburg, dd. 4. Sept. folgende Zuschrift: „Löbliche Redaction! In diesem Kriege kommt es bestimmt auch vor, daß deutsche Soldaten ein Auge verlieren. Unterzeichneter, Fabrikant von künstlichen Glasaugen, erklärt sich bereit, fünfzig Stück derartige Augen an unbemittelte Vaterlandsvertheidiger gratis verabfolgen zu lassen, wenn ihm durch die Herren Lazareth- oder Privatärzte eine nähere Beschreibung der einzelnen Fälle zugeht. Löbliche Redaction wird freundlichst ersucht, dies durch Aufnahme in Ihr vielgelesenes Blatt zur allgemeinen Kenntniß der verwundeten und leidenden deutschen Krieger zu bringen; dem Unterzeichneten wird es die größte Genugthuung sein, wenn er sich in seinem Berufe dem Vaterlande und den tapferen Kriegern nützlich und dankbar zeigen kann. Mit Hochachtung Paul Greiner, Fabrikant künstlicher Augen. Katharinenstraße 25.“



[628] Vermißte Landsleute jenseits des Oceans. Die Angehörigen der vielen Vermißten, nach welchen die Nachfragen sich bedeutend angehäuft haben, ohne daß wir, so lange „unser Krieg“ dauert und jedes andere Interesse von Gott und Rechtswegen überragt, an deren Veröffentlichung gehen könnten – sie Alle – und es sind nahe an zweihundert! – werden uns dies verzeihen und sich gedulden, bis die Friedensglocken allenthalben für solche Sorgen Augen und Herzen wieder frei gemacht haben.

Eine Ausnahme aber müssen wir mit der folgenden Bitte einer Mutter und eines Kindes uns gestatten.

Der ehemalige k. k. Kreisgerichtsrath und Rechtsconsulent der Creditanstalt, Anton Höllwart in Wien, ist vor zwei Jahren ausgewandert, wahrscheinlich nach Amerika, und hat seine Frau und seine nun sechszehnjährige Tochter in Tirol in großer Noth zurückgelassen. Das Versprechen, bald Nachricht von sich zu geben, war das Einzige, was der Scheidende den Seinen zurücklassen konnte, und selbst dies blieb bis jetzt unerfüllt. Dies droht jedoch verhängnißvoll für die Tochter zu werden, die mit solcher Liebe an ihrem Vater hängt, daß die Sehnsucht nach ihm sie krank gemacht hat und sichtlich an ihrem Leben zehrt. Zur Rettung ihres Kindes fleht die arme Mutter Alle an, die irgend eine Nachricht über den Vermißten ertheilen können, dieselbe zur sofortigen Besorgung an die Verlassenen der Redaction der Gartenlaube zuzusenden.


Kleiner Briefkasten.

D. H. in R. Ihr Wunsch wird wohl im Namen vieler Leser ausgesprochen sein. Wir haben jedoch eine ausführliche Beschreibung und eine über zwei Seiten laufende Ansicht von Wilhelmshöhe, dem gegenwärtigen Aufenthalt des französischen Exkaisers, bereits in Nr. 21 der Gartenlaube vom Jahrgang 1860 gebracht.

K. G. Z. in Jassy. Ihr „Nachtrag“ kam zu spät in unsere Hände, um noch verwendet werden zu können, und ward darum einfach auf die Seite gelegt. Die angesagte statistische Abhandlung möchte sich doch kaum für die Gartenlaube eignen. Herzlichen Dank!


Für die Verwundeten und die Frauen und Kinder unserer unbemittelten Wehrleute.

Soll hell des Sieges Sonne scheinen,
Muß sie durch blut’ge Wolken geh’n;
Bald werdet Ihr die Waisen weinen,
Verlass’ne Wittwen trauern sehn;
Und mögt Ihr sie voll Rührung schauen,
Thatkräftig eilt zum raschen Lohn,
Sie sind des ganzen Volkes Frauen,
Die Kinder sind es der Nation,
Die sie mit starkem Arm umflicht –
Verlaßt, die Euch vertrauen, nicht!

Im fremden Land liegt er zerschossen,
Vorüber rauscht der Schlachtlärm wild,
Doch eh’ sein Auge sich geschlossen,
Erscheint ihm noch der Heimath Bild:
„Gott sei mit Euch, Ihr Lieben, Allen,
Ich sehe Weib und Kind nicht mehr,
Für’s Vaterland bin ich gefallen,
Kein Ruhmeskranz ist mein Begehr,
Doch Ihr – wie das mein Herz zersticht – –“
Verlaßt, die Euch vertrauen, nicht!

Aus dem Traeger’schen Gedicht in der Volkszeitung „Verlaßt, die Euch vertrauen, nicht!“


Es gingen wieder ein: Ertrag der Aufführung des Schauspiels „Ein deutscher Krieger“ vom Theaterclub in Frohburg 10 Thlr. mit dem Motto:

Von Mein und Dein
Ein Scherfelein
Dem deutschen Krieger
Und muthigen Sieger.

J. H. in Ohrd. 1 Thlr.; F. L. A. in Görlitz 1 Thlr.; Emilie Nathan in Hamburg 6 Thlr. 24 Ngr. (1 £); Ertrag einer Sammlung unter den Beamten der Bundes-Telegraphenstation Leipzig 11 Thlr. 20 Ngr.; Scherflein einer im Ausland (Gent) dienenden deutschen Jungfrau 1 Thlr.; Denen, die für mein theures Vaterland kämpfen, eine Preußin in der Schweiz 5 Thlr.; M. G. 10 Thlr.; sechste Wochensammlung des Personals von Schelter und Giesecke 27 Thlr. 18 Ngr.; zweiter Beitrag von E. Grützmacher 10 Thlr.; aus einer gemüthlichen Gesellschaft in der Ulrichsgasse 9 Ngr.; Sammlung der 3. und 4. Classe der Bürgerschule in Stadtoldendorf (Braunschweig) durch Lehrer Sagebiel 3 Thlr. 7½ Ngr.; Berth. Siegesmund 2 Thlr.; das Personal der Eilgut- und Gepäckexpedition des Bairischen Bahnhofs in Leipzig 5 Thlr. 16 Ngr.; Christ. Hartung aus Antwerpen 5 Thlr.; die Bewohner des Hôtel „Stadt Dresden“ in Leipzig 13 Thlr.; vierte Sammlung der Klinckhardt’schen Buchdruckerei in Leipzig 5 Thlr. 6 Ngr.; fünfte Wochensammlung der Drugulin’schen Druckerei 2 Thlr. 15 Ngr.; gesammelt im „Gambrinus“ zu Morgenröthe im sächs. Voigtlande 25 Thlr.; Otto Riehmer in London 5 Thlr.; Magdalene Brahms 3 Thlr.; gesammelt in der Zeichenschule der 2. Bezirksschule 20 Ngr.; Metzner in Lzg. 5 Thlr.; F. L. A. in Görlitz 1 Thlr.; Th. Arends in Hamburg 25 Thlr. mit den freundlichen Schlußworten seines Briefes: „Heute darf ich Ihnen freudig zurufen: die Gartenlaube wird nicht allein wie bisher zum Herzen des ganzen deutschen Volkes reden, sondern sie wird auch fortan im Herzen eines einigen Deutschlands erscheinen“; aus Berlin: Aus dem Gewinne einer Rumänier-Speculation 100 Thlr.


Oesterreich hat unsere Voraussetzungen wahr gemacht. Mehr und mehr öffnen sich dort für unsere kämpfenden Brüder die Herzen und die Börsen, und namentlich sind es wieder die Oberösterreicher und die wackeren Sachsen in Siebenbürgen und die Studenten in Wien, die uns mit Gaben erfreuen. Tausend Dank dafür!

Die Lehrer des Gymnasiums Augsb. Conf. in Schäßburg (Siebenbürgen) 30 fl.; fünfte Einsendung des Doctor Dürrenberg in Linz: Sammlung des österreichischen Reichsrathsabgeordneten Dr. W. Schaup im Orte Zipf 191 Thlr. 15 Ngr.; von Deutschgesinnten in Görz und zwar: F. Wokulat 5 fl., Johann Rullett 10 fl., Wilhelm v. Ritter 50 fl., Vulliemin 4 fl., v. Escher 5 fl., Carl Schobert 5 fl., W. Schmitz 10 fl., ein ungenannter 5 fl., J. B. H. 2 fl., J. Ottenthaler 2 fl., Sperling 2 fl., Magdalene Sperling 1 fl., Oresec 1 fl., F. König 2 fl., Otto Schmidt 3 fl., C. Kanotay 10 fl., Ohlsen 2 fl., Julius Amoß 10 fl., M. D’Este 1 fl., P. Gialussisz 2 fl., F. Perich 50 Kr., zusammen 132 fl. 50 Kr.; aus Mediasch (Siebenbürgen) von Louise Schuster 10 fl.; Josef Draser, Pfarrer 10 fl.; Karl Wachsmann 10 fl.; die Hohenelber Lesehalle 97 fl. 80 Kr. und 20 Kr. Silber; bei R. Zinkeisen in Arad gingen in zwanzig Posten ein: 40 fl.; gesammelt an einem Tisch im „Englischen Hof“ in Außig am 3. Sept.: 10 fl.; von zwei Wiener Germanen 20 fl.; Herm. Ahrens in Liebenau, im Namen eines Frauen-Kränzchens, 10 fl.; von fünfzehn ehemaligen Bürgern deutscher Universitäten aus dem Sachsenland in Siebenbürgen 48 fl. und 1 Ducaten; Aspang, ein kleiner Marktflecken an der äußersten Grenze der deutschen Landesmark Oesterreichs, sendet durch den dortigen Bürgermeister und den Apotheker, als Ergebniß einer Sammlung im Casino und durch den biedern Gemeindevorsteher 100 fl.; B. in Hermannstadt 5 fl.; zweite Sendung von W. Förster in Wien 10 fl.; Sammlung durch E. Heinicke in Wien: Hector Grünler 10 fl., Carl Koppi 5 fl., Moritz Oeser 5 fl., Robert Münzberg 5 fl., Eduard Heinicke 5 fl., C. F. Meyer 5 fl., A. F. Brietze 5 fl., Eugen Brietze 3 fl., Leo Reichelt (in Vöslau) 5 fl., St. Hinz (in Vöslau) 2 fl., zusammen 50 fl.; ein Ehepaar in Roßbach bei Asch 50 fl.; Hedwig Held in Außig: „Aus meiner Sparbüchse, eine Goldkrone für eine arme Hedwig, deren Vater im Kampfe für Deutschland geblieben!“ Herzlichen Gruß an den Vater; F. O. in Mariaschein 10 Thaler; die deutschen Beamten der Senftenberger Tuchfabrik 2 Ducaten; Auguste, eine Oesterreicherin 10 Thlr. und Pauline aus Kalmenswiese 2 fl.; Kettler, Faber und Großhennig in Böös (Ungarn) 6 Thlr.; erste Sammlung der Stadt Mediasch (Siebenbürgen) 100 fl.; gesammelt im Kreise von Freunden und Gesinnungsgenossen in Mährisch-Schönberg 50 Thlr. und 24 fl.; der Turnverein zu Mährisch-Schönberg durch E. Zehl 149 fl.; J. Rr. in Kronstadt l Ducaten; das Studenten-Comité in Wien zur Unterstützung für die Verwundeten 450 fl. mit nachfolgender Zuschrift:

Wien, 31. August 1870.
„An die geehrte Redaction der ‚Gartenlaube‘.

Als der Genius des deutschen Volkes sich erhob und den Feinden verderblich das altbewährte Schwert Germania’s gen Westen blitzte, daß Europa verstummte ob der Kraft, der furchtbaren Wehre unserer Nation, da rüttelte auch an den Pforten der Wiener Alma mater der Sturmeshauch patriotischer Begeisterung! Unser Innerstes erbebte für den Sieg der deutschen Fahnen, die Schläge unserer Herzen pochten unseren Brüdern entgegen, die da kämpfen und sterben für’s heilige Vaterland! Die Wünsche und Segnungen, die wir laut und offen und, als es nicht ermöglicht ward, still unter uns, doch darum nicht weniger innig, für die nationale Sache gehegt, mögen sie nicht verhallen in dem Siegesjubel, der jetzt unser Vaterland ergreift, mögen sie sein ein bedeutsamer Bote der Zukunft aus der alten treuen Ostmark!

Wir traten zusammen, deutsche Studenten aller Parteien und Fractionen, Burschenschaft, Club, Verbindung, Verein trugen einig bei zum ersten Scherflein, das aus unserer Mitte Hülfe senden soll den Verwundeten der deutschen Armeen. Es erfüllt uns mit Genugthuung, daß die akademische Jugend Wiens es war, welche der Bevölkerung voran zuerst in öffentlichem Aufrufe wahrhaft deutsche Gesinnung bekundete. Die ungünstige Ferienzeit, sowie die Rücksicht auf die staatlichen Verhältnisse traten uns hemmend entgegen, und dennoch gelang es unseren Bestrebungen, ein Weniges als erste Rate unserer Beiträge zu realisiren, welches wir hiermit der geehrten Redaction übersenden. Wir sprechen die zuversichtliche Erwartung aus, daß mit Beginn des Semesters, wo die Mehrzahl unserer Collegen, welche jetzt fern der Stadt weilen, sich wieder versammeln, uns gelingen wird, die größten Kreise für unser patriotisches Wirken zu gewinnen und diesen ersten Ausweis unserer bescheidenen Thätigkeit in einer unserem Willen kommenden Weise fortzusetzen. Folgende Corporationen waren es, welche als die Ersten unserem Aufrufe mit der That gefolgt: Burschenschaft Silesia 150 fl.; Burschenschaft Arminia 100 fl.; Wiener Studentenclub 60 fl.; Burschenschaft Germania 60 fl.; Burschenschaft Olympia 50 fl.; Akademischer Leseverein 30 fl.

Das Studenten-Comité zur Unterstützung der verwundeten deutschen Krieger.

Stud. med. A. v. Moisisovics. Stud. jur. Hugo Bürger. Stud. med. Franz Cybulack. Stud. techn. Karl v. Warady.

Stud. med. Joachim Weiß. Stud. techn. J. G. Rosenstingl.“
Die Redaktion.

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: begeitenden