Die Gartenlaube (1870)/Heft 20

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 20. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.


Genovefa.
Geschichte aus dem steirischen Oberlande.
Von P. K. Rosegger.

Am südlichen Abhange des Grübnergehölzes brennt der Wald. Er brennt schon Tage lang und im engen Gebirgskessel liegt so dichter Rauch, daß man von einem Berg kaum auf den andern sehen kann. Stechender Brandgeruch erfüllt das Thal; die Sonne ist eine rothe Scheibe und man vermag sie den ganzen Tag anzusehen. Schon von weitem hört man das Schnalzen und Knistern der brennenden Bäume und das dumpfe Dröhnen der fallenden Stämme; das sprüht dann zeitweise durch die dunkelbläulichen Rauchwolken hochauf, bis die Flammen und Funken in neuem, frischem Geäste wieder Nahrung finden. Dazwischen hört man das Schreien und Fluchen der Männer, welche da sind, um dem Brande Einhalt zu thun. Die Leute aus der ganzen Gegend sind beisammen, denn es droht ein fürchterliches Unglück.

Der Wald ist groß, er gehört theilweise einzelnen Bauern, die aus Holzkohlen ihren einzigen Erwerb ziehen; theilweise ist er Gemeingut des Dorfes, das davon alle Gemeindekosten bestreitet. Weit zieht sich das herrliche, dunkelbraune Gehölz hin über Hänge und Höhen bis gegen das stattliche Dorf hinein, welches auf der Breitebene liegt und seine silberweißen Schindeldächer und sein zinnblechernes Kirchthurmdach weit in die Gegend hinausschimmern läßt. Anfangs hatten die Einwohner vor dem Feuer das Gestrüpp und Gesträuch weggeräumt, aber die Flammen griffen höher, sie griffen zu den dichtbemoosten Stämmen und deren Kronen empor, welche die glühende Sonne schon seit Monaten getrocknet und gedörrt hatte. Da machten sich die Leute wohl an das Fällen und Abstocken, aber das Feuer folgte ihnen auf dem Fuße und Rauch und Hitze zwangen sie zum Einhalten.

„Wenn bis übermorgen kein Regen kommt, so ist der ganze Wald und auch das Dorf verloren!“ jammerten Viele, und man war rathlos.

Der Greßbacher war der Einzige, der nicht den Kopf verlor. „Den Grübnerwald müssen wir aufgeben,“ rief er, „aber das Dorfholz ist noch zu retten. Dort vom Ankogel hinab müssen wir abgrenzen. In zwei Tagen haben wir einen mehrere Klafter breiten Strich entstockt, und vor dieser Zeit kommt das Feuer wohl nicht dort hinüber!“

Und so ließen sie im Grübnerwalde den Gluthen und Flammen freien Lauf und arbeiteten nun am Ankogel. Der Grübner, der unten im Thale jenseits des Baches ein Haus hatte, war ein rasender Mann. Er steht am Zaun und muß zusehen, wie dort oben sein ganzer Wohlstand zu Grunde geht. Und wie der Mann so dasteht, derb, rauh und knorrig von oben bis unten gleich einer der wilden riesigen Hochwaldfichten, die dort drüben brennen, da kann man es in seinen Augen und Zügen sehen, daß auch der Grübner ein brennender Baum ist, der aber inwendig glüht und lodert, wie wenn der Blitz in ihn gefahren ist.

Vor vier Tagen war es gewesen, am Samstag spät Abends. Der Bauer schlief schon und Alles war ruhig im Hause. Da schlägt es plötzlich an’s Fenster, daß die Scheiben klirren, und ein Knecht, der alte Gregor, ruft herein: „Bauer, Bauer, der Wald brennt!“

Der Grübner fährt auf – das ist ja wie am helllichten Morgen, und wie er seine schlaftrunkenen Augen durch das Fenster gegen den Wald wendet, da muß er sie niederschlagen, so grell loht es auf drüben im Gehölze. Sie gingen zu retten, aber da zog ein heißer Luftstrom durch die Bäume, und als am Morgen die Sonne kam, war sie nur eine glanzlose hellrothe Scheibe. Seitdem brennt es und seitdem hat der Grübner keinen Bissen zu sich genommen. Gearbeitet hat er mit den Anderen Tag und Nacht und dem Feuer geboten: „Du mußt auslöschen!“ Aber das Feuer erlosch nicht. Das waren nicht dieselben Flammen, die daheim auf dem Herde knisterten und ihm Wärme und nahrhaftes Brod bereiteten, das waren böse, unheilvolle Feuerfluthen, aus der Hölle hervorgebrochen, um ihn, den Grübner, zum Bettler zu machen. Und als gar die Leute ihre Arme sinken ließen und nur an den Gemeindewald dachten, da fluchte er über die Menschen und raufte sich die grauen struppigen Haare, als wollte er damit das Moos von den Bäumen zausen – und er schlug sich die Faust in’s Gesicht, daß das Blut niederfloß aus Nase und Mund. „Wenn nur Gott helfen kann,“ schrie er auf, „warum thut er es nicht, warum läßt er mich, den fleißigen arbeitsamen Grübner, jetzt zum Bettler werden?! Bub’!“ rief er seinem zwölfjährigen Sohne in’s Ohr. „So ist dieser Gott und so sind diese Leute; jetzt siehst Du’s, so sind sie!“

Der Pfarrer war gekommen und wies ihn ob solchen Frevels derb zurecht.

„Wo ist der Gregor?“ rief der Bauer.

Der Gregor war noch beim Feuer, und als sonst kein Mensch mehr dabei arbeitete, hackte er noch die Aeste von den Stämmen und schleppte sie abseits. Rastlos eilte er durch Gestrüpp und Rauch. Seinen Lodenspenser hatten die Funken bereits durchlöchert und seine langen weißen Haare waren gekraust und roth geworden. Vorgestern war er in seiner Noth beim Caplan zur Beichte und [306] seitdem geht er nicht mehr weg von der Brandstätte, bis das Feuer gelöscht ist.

„Und wenn mein Wald hin sein muß, so soll auch das Gemeindeholz brennen und das Dorf und die ganze Welt!“ schrie der Grübner. Er lachte, als gegen Abend ein starker Luftzug kam und als gar einzelne Windstöße das Feuer doppelt auffachten und die flammenden Reiser hoch über die Wipfel dahintrugen gegen den Gemeindewald und das Dorf. Die Sonne sah man nicht mehr und im Thale war es ganz dunkel geworden. Nur die grellen Flammen leuchteten noch, aber das war heute kein ruhiger Schein, wie in den früheren Nächten, es war ein Flackern und Wogen und über die Felder und Auen flogen die finsteren Schatten des gepeitschten Rauches dahin. Wild toste der Sturm, die Gebäude ächzten und das Prasseln der Flammen war schrecklich zu hören. Jetzt ließen die Arbeiter ihre Aexte sinken und eilten dem Dorfe zu, um dort zu retten, was noch zu retten war. In wenigen Stunden schon konnte sich das Flammenmeer über den ganzen Wald ergossen haben und an die Dächer des Dorfes schlagen.

Da loderte aus dem schwarzen Abendhimmel ein Blitzstrahl nieder und diesem folgte ein erschütternder Donnerschlag und ein heftiger Regenstrom. Das rauschte nieder wie ein Wolkenbruch, und bald schossen Gießbäche den Thalweg entlang und brausten um Haus und Stall und hinab über den Hang. Um Mitternacht war Alles ruhig und heiter und der Vollmond schien in das Thal und aus den Schluchten stiegen schneeweiße Nebel auf. Aller Rauch und Brandgeruch war fort und der Waldbrand war gelöscht. Am Morgen lagen im Grübnerwald zwischen den schwarzen Strünken nur dampfende Brände, und über den ganzen weiten Hang hin lohte keine einzige Flamme mehr. Freilich waren über zwanzig Joch des herrlichsten Stammholzes verloren, aber noch mehr war dem Grübner wider Erwarten davon erhalten geblieben. Und weil das nun einmal so war, so ergab sich der Bauer drein, ließ sich wieder seine Morgensuppe schmecken und machte dabei Pläne, was mit dem ausgebrannten Waldgrund nun weiter zu thun sei.

Genovefa, die Stallmagd, schaffte in der Futterkammer, fütterte die Kalben, molk die Kühe und trieb sie endlich aus und aufwärts gegen das Hochfeld zur Weide. Die Magd war unstät und blickte rechts und links, und als sie zur Höhe kam, stieg sie auf die Kreuzwand, blickte ringsumher und horchte. „Gregor!“ rief sie dann. Aber das gab heute keinen lustigen Wiederhall vom Walde herüber wie sonst, wenn sie ein Lied sang und die Kühe bei ihren Namen rief; jetzt steht ja kein einziger lebendiger Baum mehr drüben – Alles verbrannt, verdorben. „Gregor!“ schrie sie wieder. Nein, es wird ihm doch nichts geschehen sein; jetzt ist er schon seit zwei Tagen nicht mehr im Hause gewesen, ein ordentliches Dienstbot’ muß ja immer da sein, ich werd’ ihm das schon sagen – aber er weiß ja sonst selbst, was ein ordentliches Dienstbot’ zu thun hat. So dachte die Magd bei sich und ging dann wieder in den Hof hinab.

Der Bauer war in der Wagenhütte und stellte die Schlarpfen – ein Fahrzeug, halb Wagen, halb Schlitten, zum Transport des Holzes in den Hängen – zusammen. Er wollte nun die Brände und Strünke seines verbrannten Waldes zu der Kohlstatt hinausführen und sehen, ob daraus noch Kohlen zu gewinnen seien, die an das große Stahlwerk draußen in der Ebene gut zu verwerthen sind. Den Brandgrund wollte er dann reinigen, entstocken, umpflügen und zu einem Acker machen, denn Bäume wachsen auf solch einem ausgebrannten Boden sobald nicht wieder. Der Bauer dachte daran und steckte eben ein Rad an die Schlarpfe, als Genovefa vor ihm stand und fragte:

„Aber, Bauer, wo ist denn der Gregor alleweil?“

„Der Gregor? Nu, wenn er nicht auf dem Eschenbaum ist und für die Schafe Aeste herabhackt, dann weiß ich’s nicht.“

„Ja, er ist aber schon zwei Tage nicht mehr dagewesen, es wird ihm doch nicht wo was geschehen sein, Bauer?“

„Ei nu, und wenn ihm was geschehen wär’, was geht denn das Dich an? Ich bin Bauer und ich hätt’ den Schaden, wenn er sich ein Bein gebrochen oder den Hals; ich hab’ ihm den Lohn zu geben für’s ganze Jahr und nicht Du! – – Wird halt bei den Löschern gewesen sein und heut’ Nacht drüben im Dorf geholfen haben – was weiß ich!“

Der Mann schlug den Nagel an die Radachse, daß es klirrte, und er sprach kein Wort mehr.

Genovefa ging traurig in den Stall an ihre Arbeit. Sie war durchaus nicht mehr jung, doch bei ihrem Geschäft noch ganz rüstig; heute aber – heute ging’s nicht. Sie lehnte die Streugabel an die Wand und ging fort. Sie war an den Werktagen noch nie so fortgegangen von ihrer Arbeit, aber heute mußte sie, und sie wußte doch nicht, wer es ihr gebot. Sie eilte gegen den Bach und jenseits des Thales aufwärts gegen das Gebrände. Da glühte es noch unter den Bränden und Aschen, und die Magd mußte einen weiten Umweg machen, um gegen den Dorfwald zu kommen. Sie wollte in das Dorf hinüber und den Gregor suchen. Aber als sie an die Grenzen des Brandgrundes kam, wo der grüne, frische Wald beginnt, da lag der Gregor auf dem versengten Boden. Er schlummerte und hielt eine Hand tief in das Moos gebohrt. Das Kleid seines linken Fußes war ihm förmlich vom Beine gebrannt, und die Haut war dunkelblau angelaufen und blutete an einzelnen Stellen.

„Jesus – aber Gregor!“ schrie Genovefa.

Der Greis schlug die Augen auf und sagte ruhig: „Das ist die Vefa, gelt?“

„Ja, was machst Du denn da? Du hast ja eine fürchterliche Brandwunde; heiliger Gott, ich geh’ schnell um Leute.“

„Das hilft nichts, Vefa, bleib’ nur da und lege kaltes Moos auf das Bein; schau, ich hab’s nicht können in die Erde bringen, die Erde kühlt so was recht ab. – Sag’ mir, wenn Du da vom Weg heraufgegangen bist, brennt es noch wo?“

Die Magd antwortete nicht, sie weinte, legte Moos und Erde auf die Brandwunden und schlug ihr Kopftuch um dieselben.

„Das ist ein großer Schaden für den Grübner, gelt?“ sagte der Mann.

„Nein, wie ist Dir denn das geschehen, Gregor?“

„Das da? Ich war ungeschickt, Vefa, und so ist beim Arbeiten ein brennender Ast auf mich gefallen. Zuerst hab’ ich gemeint, ich muß schreien vor Schmerz, und es ist mir heiß und kalt durch den Leib gegangen. Hab’ auch schon glaubt, ich muß verbrennen hier, weil ich nicht weitergehen konnte; aber da ist der Regen gekommen und hat das Feuer gedämpft, und meinen Schmerz hat er auch abgekühlt. Vefa, dieser Regen war wohl gut, sonst wär’ der ganze Wald und das Dorf und Alles hin gewesen.“

„Gieb mir doch die Hand, Gregor, ich richte Dich auf und führe Dich heim.“

„Nein, laß die Händ da drin, das ist so kühl – hab’ mir sie ein Bischen stark verbrannt.“

„Aber so mußt Du sterben hier, Gregor!“

„Meinst Du? – Ach nein, wegen so was stirbt man nicht. Schau, sonst bin ich noch stark. Es freut mich auch, daß Du gekommen bist, Vefa. Du bist mir der liebste Mensch auf dieser Welt. Aber jetzt – heute ist es mir erst recht, daß wir nicht geheirathet haben; wenn es geschehen wäre, so wärst Du jetzt eine Bettlerin. – Ei, laß mich, es ist mir so heiß in der Brust – Vefa, wenn ich doch sterben müßte! – Bauer, wenn ich jetzt stürbe, das wäre bös für uns Beide. Schau, ich will Dir jetzt dienen, zehn, zwanzig Jahre, so lang’ ich lebe, und Du sollst mir keinen Kreuzer lohnen, bin schon so auch fleißig. Tag und Nacht werd’ ich arbeiten und Sonntags geh’ ich betteln vor die Kirchthür, daß Du mir auch keine Nahrung zu geben brauchst. Meine Hand darauf, Bauer!“

„Hilf uns die liebe Frau! Gregor, der Bauer ist ja gar nicht da!“

„Nicht? Aber brennen wird’s schon wieder. O lieber Gott, es ist mir nur so heiß. Das macht das dumme Liegen da, hilf mir auf, Vefa, ich weiß nicht, daß ich heute gar so schwach bin.“

Genovefa richtete den Kranken ein wenig auf und betete in Gedanken zu der Jungfrau Maria in Zell, auf daß doch Jemand komme und ihr helfe in dieser Noth.

„Hab’ ich Dir das Andere schon erzählt, Vefa? Nicht? So muß ich es aber doch gleich thun. Aber Du mußt mir versprechen, daß Du es Niemandem sagst, so lang’ ich lebe. Wenn ich heut’ oder morgen schon sterben muß, und es kann wohl sein, weil mir der Brand zum Herzen kommt, so kannst Du es heut’ oder morgen schon sagen; und wenn ich noch fortlebe, so mußt Du all die Tage das Geheimniß in Dir tragen, sonst sperren sie mich ein, und dann kann ich gar nichts mehr gut machen. – Leg’ mir jetzt Moos auf die Stirn und auf die Wunden da, daß [307] ich ruhig denken und sprechen kann. So. Und jetzt mußt Du auch nicht erschrecken, Genovefa; und zuerst mußt Du mir auch noch versprechen, daß Du mir’s glaubst, daß ich nicht schlecht bin, wirst mir’s aber nicht glauben wollen, Vefa, daß ich den Wald angezündet hab’!“

„Jesus Maria! – Gregor!“ schrie die Magd auf, deckte ihr Gesicht mit der Schürze zu und zitterte.

„Ei ja, das hab’ ich mir gedacht, Ihr Weiber seid Alle so, daß Ihr Alles gleich in die Welt hinausschreit. Hätt’ ich’s wohl auch thun mögen, als es brannte, aber was hätt’s genützt? Sollst Dir doch denken, daß es nicht blos Bosheit giebt, sondern auch Unglück, und so eins ist uns jetzt halt auch begegnet. – Am Samstag zum Feierabend bin ich in das Dorf hinüber zum Segen gegangen, um zu beten, daß es regne – das weißt Du. Ist rechtschaffen weit hinüber für Unsereinen, und auf dem Rückweg da bin ich auf einmal so müde geworden mitten im Wald – nu, Du weißt, Vefa, wenn man alt wird – das Korntragen war auch so schwer den ganzen Tag. Da hab’ ich mich halt ein wenig hingesetzt auf einen Stein und hab’ mir gedacht: Ein Stücklein Brod wäre jetzt wohl gut. Aber weil Du kein Brod hast, Gregor, so zünd’ Dir ein Pfeifchen an, das stärkt auch. Hab’ mir darauf das Zündholzkästlein aus der Tasch’ genommen, aber die Hölzlein werden bei dem vielen Schweiß einmal zu feucht, sie zünden wohl, löschen aber wieder aus, und keines hat mir brennen wollen. Nehme mir da ein wenig Moos und dürres Reiser, wie es genug um mich herum lag, und damit ging’s. Ja, ich glaub’, es ging, und so, beiläufig, mußte es gewesen sein, ich weiß das nicht mehr recht; bin dann noch sitzen geblieben und hab’ ein wenig geschlafen. Als ich wach geworden, hat Alles gebrannt, das Moos, die Reiser, Alles, und an den nahen Baumstämmen ist das Feuer hinaufgestiegen und ist oben auf den Aesten herumgeflogen wie ein Vogel mit goldenen Flügeln. Jesus Maria! denk’ ich, jetzt brennt der Wald! Auf die Reiser bin ich getreten, hab’ meinen Hut und Rock auf die Flamm’ geworfen; auf die Bäume hab’ ich wollen und das Feuer tödten; ersticken mit den Händen; mit meiner Brust; bin zurückgefallen auf den Boden und wäre zuletzt selbst bald mit verbrannt. Das kann ein großes Unglück werden, denk’ ich noch, und lauf’ heim, was ich laufen kann, und weck’ die Leut’ ... weißt es ja so, Vefa. – Wenn doch nur wieder ein Regen käm’, da – da drinnen brennt’s so wild fort und das kann kein Mensch dämpfen.“

„Aber jetzt geh’ ich, Gregor, und werde den Bauer bitten, daß er sogleich um den Arzt fährt.“

„Nein, aber wenn Du mir den Caplan holst, so ist’s mir schon recht. Ich schlaf’ da derweil, mußt aber bald kommen, Vefa!“

Da lief die Magd fort und lief, was sie konnte, gegen das Haus und dachte unterwegs: Heiliger Gott, jetzt hat Der den Wald angezündet!

Als sie zum Grübner kam, rief sie ihm beinahe athemlos zu: „Bauer, ich bitt’ Euch um Gotteswillen, fahrt geschwind zum Bader und zum Pfarrer, der Gregor liegt drüben im Wald; er hat sich völlig verbrannt!“

Der Mann horchte auf. „Verbrannt hat er sich? Was geht denn der Narr zum Feuer! Nu; wegen mir magst in’s Dorf gehen, hab’ nichts dagegen wegen ein, zwei Stunden, aber fahren kann ich nicht, das Roß ist auf der Weid.“

Hierauf nahm der Bauer Stein und Schwamm heraus und schlug sich Feuer. Die Pfeife zwischen den Vorderzähnen fragte er dann die rathlose Magd: „Wo liegt er denn?“

Diese schluchzte in die Schürze und entgegnete: „Dort; wo das Feuer ausgeloschen ist.“ Dann trocknete sie sich die Augen und eilte fort gegen das Dorf.

Im Dorfe war noch große Verwirrung. Da standen im Freien Kästen, Schränke und anderes Geräthe; und die Leute gingen zwischen den Dingen hin und her und sprachen laut und schnell miteinander und lachten. Sie schafften nun die Sachen wieder in die Häuser; die Feuersgefahr war ja vorüber.

Als der Arzt und der Caplan im Chorrocke durch den Wald hinabstiegen und Genovefa mit dem Licht in der Laterne vorausging, kam ihnen Gertraud, die Dienstgefährtin der Genovefa, entgegen. Sie hatte den Verunglückten gesucht, aber nicht gefunden und schloß sich nun den drei Menschen an. Als sie schon eine Weile durch den hohen, finsteren Wald hinabgegangen waren und nun gegen die Lichtung kamen, wo das Gebrände anfing, blieb Genovefa stehen und war im Begriffe, ihrer Gefährtin die Laterne zu geben, aber sie schloß den Henkel fester in die Hand und ging noch einige Schritte weiter.

Plötzlich standen sie vor dem alten Knecht. Aber er war todt. Er lag auf dem Angesichte und um ihn herum war das Moos aufgewühlt.

Der Arzt untersuchte die Leiche und sagte dann halblaut zum Priester: „Der Mann hat viel gelitten!“ Dann gingen die zwei Männer wieder durch den Wald hinauf gegen das Dorf.

Genovefa und Gertraud hatten lange vor dem Todten gekniet und gebetet. Die Mittagssonne blitzte durch die hohen Baumkronen nieder und von Zeit zu Zeit hörte man einen Vogel zwitschern. Endlich flochten die Mägde zwei Aeste ineinander, legten den Gregor hinauf und trugen ihn gegen den Grübnerhof.

Der Bauer stand an der Thür, hatte die Arme über die Brust geschlagen und rauchte seine Pfeife. Als sie mit dem Todten herankamen, trat er einen Schritt bei Seite, nahm die Pfeife ein wenig aus dem Munde und winkte gegen die Wand, wo die Bodenstiege war.

Man stellte sofort unter der Stiege ein paar lange Stühle zusammen und legte die Leiche darauf. Dann kam die Bäuerin, bedeckte den Todten mit einem Leintuch und zündete daneben ein Oellichtlein an. Dann gingen sie zum Essen und nach dem Essen Jeder an seine Arbeit wie jeden Tag.

Den andern Morgen zogen sie Alle in das Gebrände hinüber und schafften die halbverbrannten Baumstrünke gegen die Kohlstatt hinaus. Die zwei Knechte hieben die noch stehenden Stämme um und schlugen die schwarzen Aeste von denselben. Die Mägde trugen und zogen die halbverkohlten Stücke an bestimmte Plätze, wo dieselben durch die Schlarpfe weitergeschafft wurden. Da Gregor nicht mehr war, so führte der Bauer das Pferd. Dabei hatte er allerlei Gedanken. Der schöne reiche Wald ist nun todt und verbrannt zu Kohlen; aber nicht zu solchen, die man draußen verkaufen kann um schweres Geld. – Der Mann biß sich derb in die Lippen; das Pferd hätte er aus Zorn schlagen mögen mit dem Peitschenstock – aber dann wäre es ihm mitsammt der Schlarpfe hinabgerannt über den Hang und hätte sich gar alle Beine gebrochen.

Gustl, der einzige Sohn des Grübner, kam mit dem Mittagsmahle. „Komm her, Bub!“ schnaubte ihm der Bauer entgegen, und als der Junge bei ihm war, stieß er ihn, daß die Suppe aus dem Topfe floß, und dann schlug er ihn erst, weil er das Essen halb verschütte.

Im Gebrände selbst gab es sonderbare Erscheinungen. Da lagen gebratene Vögel herum und auch ein verkohltes Reh hatten sie gefunden. Das Merkwürdigste war ein Eichhörnchen – oder war’s ein Wiesel, man kannte es nicht mehr recht – es hing an einem Baume und hatte sich fest um einen dicken, halbverkohlten Ast geklammert, war aber ganz schwarz und durchgebrannt bis auf die bleichen Beinchen. Unter all dem waren jedoch gar viele lebendige Würmer und Mücken; die sind klein und zart und leben fort hinaus über das Verderben und Unheil.

Aber wie es denn geschehen sein mochte und wie es begonnen hatte? Das fragte der Grübner zehnmal. Es hat doch kein Blitz eingeschlagen in der sternenhellen Nacht! Am Ende haben Vagabunden im Walde gelagert und ein großes Feuer angemacht, wie dergleichen Gesindel gern thut, oder – es ist gar von einem Nachbar geschehen aus Bosheit und Schlechtigkeit. Ja, schlecht sind sie genug, diese Menschen, und darum haben sie meinen Wald auch brennen lassen und nur das Gemeindeholz retten wollen. Der Greßbacher kann’s auch gethan haben, der ist so Einer, der! – So war das Denken des erbitterten Mannes.

Gegen Abend, als er am Wege noch einige Brände auflud, fand er im halbversengten Moose eine Tabakspfeife und ein Zündholzkästlein aus Bein. „Aha!“ rief er aus, „das ist dem Gregor sein Zeug und da liegen die Hölzlein noch herum – hat Der mir den Wald –?“

Da trat Genovefa zum Bauer und sagte, daß sie Alles wisse, und erzählte auch Alles, was sie wußte, setzte aber hundertmal hinzu: „Seid nicht bös auf ihn, Bauer, zu Fleiß hat er’s nicht than und er hat deswegen sterben müssen!“

Der Grübner schwieg anfangs dazu; aber später sagte er: „Ist mir immer so vorgekommen, daß dieser Mensch mein Unglück [308] sein wird. Warum hab’ ich ihn auch nicht fortgeschickt, hat so kaum das Brod verdient, das er mir gegessen!“

Als Genovefa mit Gertraud allein war, schluchzte sie: „Hast Du gehört, was der Bauer gesagt hat? Nein, Gertraud, wenn er mir all’ meine Finger abhacken that, so thät’s mir nicht so weh, als wenn er über den Gregor so redet.“

„Und noch dazu jetzt, wo er auf der Bahr’ liegt!“ entgegnete Gertraud; „ich mein’ aber immer, unser Bauer hat gar kein Gewissen; hast Du’s schon gesehen, was er macht, wenn er betet? Nein, man soll so was gar nicht sagen, aber – da hat er in einer Hand den Rosenkranz und die andere hat er im Sack und klimpert mit dem Silbergeld. Gelt, das thut kein Christ?“

Am Abend, als Genovefa in’s Haus kam, besprengte sie die Leiche mit Weihwasser und füllte frisches Oel in die Lampe. Dann hatte sie einen schweren Stein auf dem Herzen; morgen soll schon der Begräbnißtag sein, und der Bauer hatte noch gar keine Anstalten dazu getroffen.

Indeß beim Abendessen sagte der Grübner zu den zwei Knechten: „Morgen um das Sonnenaufgehen müssen wir wieder im Brand sein, und früher tragt mir den da draußen in’s Dorf hinüber, daß er doch einmal aus dem Hause kommt!“

Genovefa legte den Löffel weg und aß nichts mehr. Alle waren still, und die Knechte zitterten um den Mundwinkel und waren roth im Gesicht. Der Bauer aß und zuckte mit seinen buschigen Augenbrauen und sah nicht nach rechts und nicht nach links. Da hielt Genovefa plötzlich die Hände ineinander und rief laut: „Bauer, gelt, ich darf Euch bitten – Ihr laßt den Gregor ordentlich begraben!“

„Was geht Dich der Gregor an, Du graue Vettel!“ brach der Bauer los; „ich mein’, mit den dummen Liebsg’schichten habt Ihr’s lang’ g’nug trieben; ist Euch nicht gut angestanden, Ihr alten Stöck’; ich hab’ nur nichts sagen wollen, weil es gar nicht der Mühe werth ist wegen solcher Kinderei; aber jetzt, weil Eins auf dem Brett liegt, mein’ ich, soll’s Andere an dem sündhaften Hallodriren g’nug haben! Nicht? – Nu, und hast noch nicht g’nug, Du alte Krautschreck’, so leg Dich halt hin zu ihm – laß Euch gern forttragen, all’zwei, gern!“

Die Knechte machten Bewegungen, aber Genovefa sagte dem Bauer die Worte: „Schmäht mich, wie Ihr wollt, Bauer, aber ihm werft keine Steine nach in die Ewigkeit und begraben laßt ihn christlich. Es ist ja noch ein Kasten von ihm da, es sind Kleider von ihm da; das reicht aus für den großen Conduct; drei Glocken können auch noch geläutet werden. Oft und oft hat der Gregor gesagt: ‚Mag mir sonst nichts mehr ersparen, weil ich schon schwach bin und allsonntäglich mein Gläslein Wein haben muß, und ohne Tabak thut es sich halt auch nicht – aber für ein ehrlich Begräbniß wird schon noch was übrig bleiben.‘ – Ich bitt’ Euch, Bauer, der Gregor hat Euch fünfundzwanzig Jahr’ treu und fleißig gedient, hat’s immer gut mit Euch und den Eurigen gehalten – laßt ihn christlich begraben!“

„Ja, ja, Kasten und Kleider! wir wissen’s schon, wie das aussieht. Und glaubt Ihr, das Zeug ist für das Eingraben da? – Kasten und Kleider! ich mein’, so viel wär’ mein Wald doch werth gewesen, nicht? Keinen Kreuzer geb’ ich, und wenn ein Jud’ käm’ und gäb’ mir drei Groschen für den starren Gregor da draußen – ist recht, ich verkauf’ ihn. Wer zahlt mir den Wald? Wer? – Treu und fleißig gedient, ja – als ob ich ihn dafür nicht auch bezahlt und überzahlt hätt’!“

„Bauer, ich dien’ Euch ein ganzes Jahr umsonst; keinen Groschen verlang’ ich, aber den Gregor laßt christlich begraben!“ bat die Magd wieder.

Der Grübner wischte den Löffel und spielte damit. „Ein Jahr, meinst Du? – Nu, können ja noch reden davon, sollst auch nicht sagen, der Grübner ist ein Stein!“

Nach dem Abendmahle sprach er im Vorhause noch lange mit der Magd, und Genovefa stand darauf die halbe Nacht bei der Leiche und weinte bitterlich.

Am übernächsten Morgen wurde Gregor im großen Conduct unter dem Geläute dreier Glocken christlich begraben. Viele Leute sind mit der Leiche gegangen, und Genovefa hat über all’ das vor Schmerz und Freude geweint. Zuletzt hat sie noch dem alten Einleger Gottfried eine Weihkerze und zwei Groschen gegeben, daß er für Gregor’s Seele bete.

Als der Großknecht an einem der folgenden Tage einmal mit Genovefa allein auf dem Felde war, da das Korn schon reif geworden, sagte er zu ihr: „Das war wohl einfältig von Dir, Vefa, daß Du dem Bauer ein ganzes Dienstjahr geschenkt hast; er hätte den Gregor auch so ordentlich begraben müssen; oder glaubst Du, wir hätten unsern Gespann in einen Sack genäht und auf den Friedhof getragen wie einen Bündel Haber in die Mühle? O, da hättest Du eher ganz was Anderes gesehen. Ich hab’ damals beim Tisch den Georg schon mit dem Fuß gestoßen – und wie der Bauer nur noch ein Wort sagt von einem solchen Eingraben wie einen Hund, nur ein solches Wort, und wir brechen ein paar Stuhlfüße ab und lehren den Bauer Gott erkennen! Wir hätten es than, und wenn er’s noch eine Weil’ so fort treibt mit Dir, so geschieht was. Glaubst, ich trau’ mich nicht, daß ich jetzt hingeh’ und zu ihm sage: ‚Grübner, Du bist ein Schuft!‘ Glaubst, ich trau’ mich nicht?“

„Laß es nur gut sein jetzt, Großknecht, und reden wir kein Wort mehr davon. Ich dien’ gern ein Jahr umsonst, wenn der Bauer nur dem Gregor nicht nachflucht – der Todte könnt’ ja kein’ Ruh’ haben im Grab.“ …

Und sie redeten nicht mehr davon.

Gegen den Herbst kam eine schwere Arbeit. Im Gebrände mußte das Gestöcke entfernt und der Boden umgegraben werden. Mit dem Pflug kann man in solchem Waldgrund nichts anfangen, und so nimmt denn Jedes seinen Spaten oder die Haue und gräbt vom frühen Morgen bis zum späten Abend. In den Frühestunden da geht’s freilich noch gut, da geben die Bäume, die auf der Anhöhe stehen, ihren Schatten, aber bald guckt die Sonne über dieselben herüber, als ob sie sehen wollte, ob die Arbeiter wohl auch fleißig. Und dann werfen die Leute ihre Röcke weg und graben wieder. Die Sonne bleibt nun da und blickt immer auf die Arbeiter und wendet ihr Gesicht gar nicht weg. Und die Leute wischen sich den Schweiß und graben.

Für Einen, der mit der Haue sein trocken Brod herausgraben muß aus steinigem Grund, schleicht die Sonne gar langsam über den Himmel hin; aber auch für ihn kommt der Abend. Die Schatten des westlichen Bergwaldes werden länger und länger; die Leute richten sich auf, athmen in einigen langen Zügen die frischere Luft ein, fassen den Spatenstiel fester an und graben. Und erst wenn es dunkel geworden ist und die Haue in den Steinen schon helle Funken giebt, sagt der Großknecht: „Lassen’s gut sein für heut’!“ und die Leute suchen ihre Röcke, nehmen die Haue über die Achsel und gehen heim.

Solche Tagewerke hat auch die alte Genovefa mitmachen müssen, weil im Kuhstall der Gustl, der Grübnersohn, angestellt wurde. „Sonst thut’s mir nichts,“ hat sie gesagt, „aber das Kreuz will mir völlig abbrechen.“

Und wie nun der ganze Hang bearbeitet war, kam der Bauer mit dem Säetuch und streute Korn in den aufgelockerten Boden. Da ist – wie er gerade um einen kleinen Felsen säete – ein Vöglein vor ihn hingehüpft und hat einige Körnlein aufgelesen. Darüber gerieth der Grübner so in Zorn, daß er einen weiten Sprung machte, um das Thierlein in den Boden zu treten; aber das war lustig auf den nächsten Baum geflattert und der Bauer hatte im Schwingen sein ganzes Korn auf das Erdreich geschüttet. Nach dem Säen wurde die Erde noch einmal gelockert und der Same eingewühlt – dann war es für dieses Jahr fertig.

Die Witterung war lang hinaus schön und die Saat ging auf und grünte noch – endlich aber kam der Winter. Die Leute zogen sich allmählich unter das Dach zurück, in der Stube begann das Spinnen, in den Ställen das Füttern und auf der Tenne das Dreschen.

Genovefa, die sonst beim Spinnen die feinsten Fäden zu drehen wußte, die im Stalle zu schaffen verstand wie nicht bald Eine, mußte heuer auf der Tenne den schweren Dreschflegel handhaben. Sie dachte oft dabei, wie Gregor bei der Arbeit so flink und heiter war und für die Winterabende allerhand Geschichten wußte. Sie, die Vefa, hatte damals auch gesungen, jetzt aber hat sie gar keine Stimme mehr und es fallen ihr auch die Lieder nicht ein. Die Lieder kämen nur so beim Kuhmelken, aber jetzt darf sie ja nicht mehr in den Stall, dort hantirt der Gustl und will Alles selbst verstehen. Die arme Magd ist ganz verwaist und einsam.

Es kam die Weihnachtszeit und der Bauer ließ jedes Dienstbot

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Die Gartenlaube (1870) b 309.jpg

Schlaumeier am gedeckten Tische.
Originalzeichnung von Guido Hammer.

vor sein Tischlein rufen und zahlte den Jahrlohn aus. Nur Genovefa ließ er nicht rufen.

Aber der Großknecht fragte den Grübner: „Was ist’s, Bauer kriegt die Vefa nichts?“

„Das macht Dir gar nicht heiß, Bub’, Du hast Dein Sach’!“

„Aber ich will’s just wissen, kriegt sie was oder nicht?“

„Nein, sie kriegt nichts.“

„So! – Ist recht, Bauer, ist schon recht. Weißt Du, Grübner, die Leute denken sich schon lang’ was von Dir und ich denk’ mir auch dasselbe, und ich sag’ Dir’s auch, Du bist überhaupt so Einer –“

„So Einer! Was für Einer?“

„Was Du an der Vefa thust – man kann Dir bei Gericht nicht an, das weiß ich, denn Du hast sie eben überredet – aber schlecht ist es von Dir! – Bauer, Du bist ein elender Schuft!“ Mit diesen Worten spie ihm der Knecht in’s Gesicht.

„Anspeist Du mich?“ krächzte der Grübner und stürzte gegen den Tisch, wo ein Messer lag; „Teufel, ich stech’ Dich nieder!“

Aber in diesem Moment hatte ihn der Knecht am Halse gefaßt und schleuderte ihn gegen den Kachelofen, daß dieser borst und einbrach.

„Jetzt komm mit mir, Vefa!“ rief der Großknecht diese im Vorhause an, „komm, wir gehen zum Greßbacher – bin so zornig gewesen und hab’ dem Bauer den Kopf eingeschlagen. Hab’ mir nicht mehr zu helfen gewußt!“

Indeß stand der Bauer mitten in der Stube mit blutender Stirn, und die Leute, die über den Lärm zusammengeeilt waren, standen um ihn herum, und sein Weib wusch ihm das Blut mit kaltem Wasser weg und schlug dann ein Tuch um seinen Kopf. [310] Der Mann sagte nicht ein Wort, er frug auch nicht nach dem Großknecht. Der Großknecht hatte seine Kleider genommen und war fort; es war ihm ganz leicht um die Brust über das, was er dem verhaßten Bauer gethan hatte.

Genovefa aber blieb wie vor im Hause und arbeitete und arbeitete. Auch Gertraud blieb ihrer Gefährtin zu Liebe und von einer fremden Pfarre waren zwei neue Knechte gekommen. So ging es seinen gewöhnlichen Lauf wieder fort. Der Bauer trug lange die Binde um die Stirne und sprach wenig; nur mit seinem Weibe fluchte er und seinen Sohn schlug er, wenn ihn irgend etwas wurmte.

Da geschah im Laufe des Winters einmal ein großes Unglück. Klopfte es um Mitternacht plötzlich an der Schlafkammer des Bauers und Genovefa rief: „Steht doch geschwind’ auf, draußen im Stall giebt’s was, die Vieher röhren fürchterlich.“

Und als sie mit Lichtern in den Stall kamen, lagen zwei Kalben und eine Kuh mit ausgelassenen Eingeweiden da und verendeten. Die wilde Mastkuh war von der Kette los geworden und hatte ihre scharfen Hörner den wehrlosen Nachbarn in die Leiber gerannt. Als der Grübner dies sah, war er über alles Erwarten ruhig, nur befahl er, daß man sogleich den Gustl, der die Aufsicht über den Stall hatte, herbeibringe. Gustl hatte in der Futterkammer sein Bett, aber das war heute leer, der Stallbub’ war nicht daheim. Unter der Decke war’s noch warm, er konnte nicht weit sein. Man schrie und rief ihn beim Namen, aber er gab keine Antwort und kam nicht. Man suchte ihn in der Scheune, auf dem Dachboden im Heu, in der Wagenhütte – er war nirgends.

Jetzt erst wurde der Bauer rasend und blieb es tagelang, denn der Junge kam nicht und Niemand hatte ihn seit der Zeit gesehen. Sofort kam wieder Genoveva in den Stall, aber sie hatte nicht mehr die Freude bei den Thieren wie einst.

„Den Buben schlag’ ich todt, wenn er kommt!“ schrie der Grübner oft und oft, aber es verging der Winter, es kam der Frühling und im Grübnerhofe wurde kein Todtschlag begangen. Der Sohn des Hauses blieb verschollen. Die Bäuerin hatte seit der Zeit viel geweint; der Bauer hatte nur manchmal, wenn er so in seiner Mühle auf dem breiten Steine saß, den Kopf geschüttelt und darauf recht fest in das Pfeifenrohr gebissen. – Anfangs war zu glauben der Gustl sei aus Furcht vor der Strafe nur zum Nachbar geeilt, habe sich dann in eine angrenzende Pfarre geflüchtet und er werde sich schon wieder einstellen im Elternhause. Aber es verging der Frühling und es kam der Sommer und der Junge kam nicht zurück.

„Du, Alte,“ sagte der Grübner einmal zu seinem Weibe, „der Bub’ macht mich noch närrisch!“

Das Weib fühlte selbst dergleichen, aber es war überrascht über dieses Wort ihres Mannes; mit einem solchen Ton hatte er schon seit Jahren keines mehr gesprochen. Sie fiel an seine Brust und weinte, aber der Bauer schob sie unsanft weg. „Die Welt ist eine Teufelei, die eigenen Kinder thun Einem die größte Pein an.“

Als der Hochsommer und die Mähzeit vorüber war, wurde es von den Kanzeln aller Pfarrkirchen in der Gegend verkündet, daß August Grübner, er möge sein wo immer, in’s Vaterhaus zurückkehren wolle, es wäre Alles gut und es geschähe ihm nichts zu Leide.

Aber da kam einmal der Dorfbote in den Hof und sagte zum Grübner: „All’ Euer Ausschreien ist für nichts, Euer Junge ist fort nach Amerika.“

„Muß ich Dich niederschlagen, Lügner!“ fuhr der Bauer den Boten an, aber später setzte er sich auf den Brunnentrog, stützte sein Kinn auf die Hand und brummte: „Mag sein, mag wohl sein!“

Es war ein schöner, warmer Sommer gewesen und die Erntezeit kam früher, als es sonst in jenen Gegenden zu geschehen pflegt. Das Korn am Hange des Waldgebrändes war bereits reif und die Leute, die des Holzweges kamen, wunderten sich über die langen vollen Aehren, die sie da sahen. In der ganzen Gemeinde gab es kein so herrliches Getreidefeld, als auf dem Waldgrunde des Grübners. Ganz, wie wenn es der letzte Sommer hätte gut machen wollen, was sein Vorgänger an diesem Boden verbrochen hatte. So ein Waldbrand richtet aber auch ein gutes Kornfeld; alle Gras- und Unkrautwurzeln werden vertilgt und die Erde mit Kohlen reichlich gedüngt.

Das gab vielleicht hundert Metzen, bis Alles in den Säcken – so viel erntete sonst kein Bauer in der Gegend. Das richtete den Grübner auch wieder auf, er wurde wieder herrischer und fluchte wieder mehr mit seinem Gesinde, schlug auch das Pferd kräftiger mit dem Peitschenstiele, kurz, es war wieder neues Leben in ihm.

So begann das Kornschneiden. Da wurde das Haus zugesperrt und Alle mußten auf das Gebrände. Der Bauer hatte die Leute selbst angestellt nach der Reihe über den Hang hinauf, stets Mann und Weib zusammen, wie es im Oberlande Brauch und Sitte ist. Da dreht die Magd, die voran schneidet, das Band aus Stroh, schneidet eine „Welle“ heraus und legt sie auf das Band. Hierauf kommt der Knecht, schneidet die zweite „Welle“, legt sie zur ersten auf das Band, bindet die beiden Büschel zusammen und die Garbe ist fertig.

So auch auf dem Hang. Voran schnitt Gertraud, die Weidmagd, dann kam ein Knecht. Diesem folgte die Genovefa mit dem zweiten Knecht, dann die Bäuerin und zuletzt der Bauer. Der Bauer fluchte, daß es so langsam gehe, er habe ja nichts zu thun und könne zehnmal schneller schneiden – was man denn vorne treibe? Aber vorne trieben sie gar nichts Sonderliches, nur daß sie sich zeitweilig das Angesicht abtrockneten. Genovefa hatte doppelt zu trocknen, den Schweiß und ein wenig Naß von den Augen. Sie dachte an Gregor und an die ganze Geschichte, die sich an das steile Kornfeld knüpft. Kein Mensch als sie dachte daran, daß heute der Jahrestag – Gregor’s Sterbetag sei! Als sich am späten Nachmittag die Leute um einen Stein zusammen setzten und Brod und kalte Milch verzehrten, schlich die alte Magd davon, pflückte am Raine einen Strauß von Kornblumen und wilden Mohnblüthen und eilte damit zwischen den Halmen gegen den Wald und zum Platz, wo vor einem Jahre Gregor gelegen und gestorben. Dort war noch das Moos, in welches der Arme seine wunden Glieder zu vergraben gesucht, aber es war nicht mehr versengt, es grünte wieder.

Genovefa kniete nieder, legte den Strauß auf den Rasen hin und betete. Thränen flossen ihr aus den Augen, aber das war zarter, kühlender Thau auf diese Stelle – nach den heißen Kämpfen, den glühenden Schmerzen, nach dem Herzbrechen und Vergehen! Und als sie so betete für den einzigen Menschen, den sie geliebt wie einen Bruder, da traf Genovefa ein Schlag in’s Gesicht, daß sie rückwärts taumelte.

„Ein schön Gesindel das, heut’ zu Tag; ist das ganze Kornfeld reif, daß schon die Körner ausfallen, geht so eine Creatur in den Schatten und faulenzt! Vefa, Dir muß man’s in den Kopf schlagen, was man will, sonst merkst es nicht. Aber ich werd’ Dir noch g’nugsam sein, das magst glauben!“

Der Bauer war’s und jetzt trieb er die Magd förmlich vor sich her und selbst, als Genovefa längst schon wieder schnitt, fluchte er noch fort. Der Großknecht kümmerte sich nicht um den Geifernden und redete während der Arbeit mit seiner Vorschnitterin von Diesem und Jenem, vom Waldbrand auch, und es komme ihm vor, als rieche es noch davon, es habe einen so sonderbaren Geruch auf diesem Gebrände.

Ueber solche Reden ärgerte sich der Bauer noch mehr; er wollte, daß unter seinen Leuten den ganzen Tag kein Wort gesprochen werde, damit nur die Arbeit noch besser vor sich ginge. Er würde von rückwärts jetzt noch mehr gedrängt haben; aber er war an eine Stelle gekommen, wo die Halme besonders dicht standen, so, daß einer den andern fast erstickt hatte. Das war dort am Felsen, wo der Bauer beim Säen im Verfolgen eines Vögleins das Korn ausgeschüttet hatte. Wie der Grübner hier so schnitt und hächelte, schrillte die Sichel plötzlich an ein Hartes und in demselben Augenblick stieß der Bauer einen wilden Schrei aus und taumelte zurück.

Was war’s denn? Ja, was war’s, eine halb verweste Menschenhand langte ihm aus den Halmen entgegen. Und als die Leute herbeikamen und das Getreide auseinander schlugen, da fanden sie am Gestein einen Leichnam kauern.

„Jesus, das ist der Gustl!“ rief die Bäuerin aus, und der Bauer sah die Leiche und das Gesicht mit den ausgehöhlten Augen, mit dem zerfressenen Unterkiefer – es war sein Sohn.

Der Mann rang nach Athem und brach zusammen. Als er stürzte, fiel er mit dem Arm in die scharfe Sichel – aber er gab keinen Laut von sich. Stärker war das Mutterherz; es hat [311] wohl geweint, daß es Allen durch Mark und Bein gegangen ist, aber zusammengebrochen ist es nicht. Für diesen Tag war es Feierabend auf dem Hang. Die Leute zogen heim. Die Männer trugen den Bauer auf zwei Stangen; Genovefa führte die Bäuerin am Arm und Gertraud trug die Röcke und die Sicheln nach.




Jetzt war es wohl recht still und traurig auf dem Grübnerhof. Den Sohn des Hauses hatten sie begraben, ohne Geleite und Glockenklang, denn dem halb vermoderten Körper klingt nichts mehr nach in die Grube. Die Leute sprachen unter sich noch hin und her, wie es sich doch mit dem armen Jungen zugetragen haben mochte. Er ist vielleicht durch jenen Lärm im Stalle erwacht, hat das Unglück geahnt, hat dann aus Furcht vor seinem Vater die Flucht ergriffen, ist herumgeirrt im Walde und auf den Hang und dort am Felsen erfroren. Das war die Muthmaßung. Der Bauer lag in seinem Stüblein und hielt die bleichen Hände ineinander. Er bewegte die Lippen, aber er fluchte nicht mehr.

Der Arzt sagte: „Es hat ihn der Schlag getroffen auf dem Felde und es ist gut, daß er in die Sichel gefallen ist und viel geblutet hat, denn sonst wär’ er sogleich todt gewesen.“

Da faßte der Kranke einmal die Hand des Arztes und lispelte ihm, wie geheimnißvoll, die Frage zu: „Bader, werd’ ich noch einmal gesund?“

Was der Arzt darauf geantwortet hat, muß nicht gut gelautet haben; denn der Bauer hat sein Weib und die Vefa zu sich rufen lassen und hat das Testament gemacht. –

In wenigen Tagen darauf lag der Grübner im Vorhause unter der Bodenstiege, wo vor einem Jahre Gregor gelegen war. Und der Großknecht hobelte in der Zeughütte ein Stück Holz und zimmerte ein Kreuzlein daraus. Und als er fertig war, malte er mit rother Zimmerfarbe auf den Querbalken die Worte: „Hier liegt Gallus Grübner“, und auf die Rückseite des Balkens: „Gott, gieb ihm die ewige Ruh’!“

Am übernächsten Morgen wurde die Leiche im großen Conduct unter dem Geläute dreier Glocken bestattet. Und als der Mann begraben war, gingen die Leute wieder hinüber in’s Gebrände und sichelten noch Tage lang, bis alles Korn ab war. Dann ging es in den Herbst und Winter hinein, und Genovefa arbeitete im Stall und im Haus und wo es was zu thun gab. Aber als die Weihnachten kamen und die Dienstleute von der Bäuerin ausbezahlt wurden, bekam Genovefa wieder nichts. Nun, seit dem Tode des Bauers ist sie eben keine Dienstmagd mehr, sie hat ihr Ableben auf dem Grübnerhof und wird gut gepflegt und braucht nichts zu arbeiten – so steht’s im Testament.

Aber Genovefa arbeitet doch – sie würde sonst krank, meint sie. Nur in der Erntezeit geht sie jedes Jahr an einem bestimmten Tag hinüber auf den Hang, wo immer schönes Getreide steht, und sucht am Waldrande das grüne Sterbebett ihres Gregor auf.



Unter den Schleichhändlern an der russischen Grenze.
(Schluß.)

Mein Gewährsmann war diesmal der alte litthauische Schmuggler Jurgis, der, wie unsere Leser schon erfahren haben, den Beinamen des „Sibiriers“ besaß. Der Wirth jener Schmugglerschenke hatte nämlich versprochen, mir denselben als Berichterstatter zuzuschicken, und so trat denn eines Tages der alte Bursche, eine stämmige, breitschulterige Gestalt, der man trotz des ergrauenden Haares große Kraft und Ausdauer ansah, bei mir ein, indem er mich schelmisch fragte, ob ich der Herr sei, der über ihn ein Buch schreiben wolle. Ich hätte vielleicht annehmen können, er wolle eine Anspielung auf jenen früher in unserer Provinz viel gelesenen Criminalroman „Raudonis Krotinnos“ machen, in welchem Temme’s treffliche Feder die Thaten und Abenteuer eines berüchtigten Schmugglerhauptmanns schildert, wenn ich nicht gewußt, daß er mit der Literatur überhaupt und speciell mit der seines Faches gänzlich unbekannt gewesen wäre. Ich legte ihm als Antwort die Gartenlaube von 1867 vor und zeigte ihm das Bild (Seite 181), auf welchem Meister Sundblad’s geschickter Stift einen Schmugglerzug in den bairischen Alpen dargestellt hat, mit der Frage, wen er wohl in jenen Gestalten vermuthe. Er erkannte sie sofort als Collegen seines gefährlichen Metiers und meinte jenen Leuten müsse „ihr Bischen Verdienst“ doch noch saurer werden, als den Schwärzern an der russischen Grenze. – Bei unserer nun folgenden Unterhaltung zeigte er sich in sämmtliche auf den Schleichhandel bezügliche Verhältnisse und Fragen vollständigst eingeweiht, und er wäre in der That ganz der Mann gewesen, nicht nur sehr interessante „Memoiren eines Schmugglers“, sondern auch ein „Lehrbuch für Schleichhändler und Solche, die es werden wollen“ zu schreiben, womit er vielleicht einem „lange gefühlten Bedürfniß“ abgeholfen hätte. Ich muß es mir indeß versagen, all’ seine interessanten Mittheilungen hier zu reproduciren, und beschränke mich auf eine kurze Schilderung jenes unglücklichen Unternehmens, das ihm seinen schwer bezahlten Beinamen eintrug.

„Vor etwa zwanzig Jahren,“ so erzählte der alte Schmuggler, „kam eines Tages mein alter Bekannter Abraham Rosenstiel, ein großer Macher im Schmuggel, zu mir, um mit mir ein besonders bedeutendes Unternehmen zu verabreden. Wir kannten uns seit langen Jahren, und ich hatte durch ihn manch’ schönes Stück Geld verdient. Er erhielt öfters große Aufträge selbst aus Moskau und Petersburg, denn er stand nicht allein in dem Rufe eines höchst geschickten und glücklichen, sondern auch ehrlichen und zuverlässigen Unternehmers. Es galt diesmal einen großen Transport kostbarer Seidenstoffe, Spitzen, Tücher und ähnlicher theurer Waaren über die Grenze zu schaffen, die später von den geheimen Lagerplätzen weiter landein nach den großen russischen Städten gebracht werden sollten. Ich wählte also meine Leute, etwa zwanzig erprobte, zuverlässige Bursche aus, und wir empfingen die Waaren, für die ich dem Macher eine bedeutende Caution gezahlt hatte, von den Szamaiten, unsern Grenznachbaren, welche dieselben von Memel nach meinem Gehöft brachten. Wir beschlossen diesmal die ziemlich leichten Päcke und Ballen mit der Contrebande über die Grenze zu tragen; die Szamaiten sollten mit Ausnahme von etwa acht Mann mit ihren Schlitten bis zu einem jenseit des zweiten Zollcordons liegenden Orte vorausfahren und uns dort erwarten, um das Schmuggelgut bis zu seinem nächsten Bestimmungsort zu schaffen. Um noch sicherer zu gehen, hatten wir den Nasaratl (Officier) des nächsten Grenzpostens bestochen und so glaubten wir uns denn so sicher, daß wir nicht einmal das Dunkel der Nacht abwarteten, sondern schon Abends die Grenze überschritten.

Ich befand mich unter den Kundschaftern, und da ich in meiner Nähe eine jener Strohhütten bemerkte, die sich die Wachtposten zum Schutz gegen Wind und Wetter herrichten, beschloß ich, mich davon zu überzeugen, ob sie auch leer sei, was der Fall hätte sein müssen, wenn der bestochene Officier die Posten von dieser für unsern Uebergang in Aussicht genommenen Strecke der Grenze wirklich eingezogen oder anderswohin geschickt hätte. Ich schlich also vorsichtig an die Hütte heran, vernahm aber zu meinem Erstaunen und Schreck lautes Gespräch in derselben. Jetzt wurde mir die Sache klar: der Nasaratl hatte nämlich außer einem feinen Seidenkleide für seine Geliebte und den blanken Rubeln, die wir ihm für seine Gefälligkeit zahlten, ein Fäßchen Rum gewünscht, das ihm die Langeweile seines einsamen Postens vertreiben sollte; jedenfalls hatte er sich sofort über dasselbe hergemacht und seine Befehle verkehrt oder gar nicht ertheilt. Was war da zu thun? Umkehren mochte ich nicht, da die Einhaltung des Lieferungstermins für den Macher diesmal von großer Wichtigkeit war; den Posten zu umgehen war auch bedenklich, da wir später vielleicht von ihm bemerkt worden wären. Schnell war mein Entschluß gefaßt. Ich winkte einen unserer Leute, den ich als höchst entschlossenen Burschen kannte, herbei, durch Winke verständigten wir uns und sprangen dann plötzlich wie die Tiger vor, ergriffen die Gewehre der beiden Straszniks (Grenzsoldaten), welche am Eingange der Hütte lehnten, und drohten den vor Schreck sprachlos Daliegenden, sofort zu schießen, wenn sie etwa Miene machen sollten, zu entfliehen oder nach Hülfe zu rufen.

[312] Dann ließen wir Einen nach dem Andern hervorkommen, banden ihnen die Hände, stärkten sie mit einem tüchtigen Schluck Rum und schickten sie unter der Begleitung einiger unserer Leute nach einem dichten, auf preußischer Seite liegenden Gehölz. So war also hier die Grenze frei; wir marschirten eilig auf einem viel befahrenen Holzwege nach Rußland hinein und erreichten bald einen dichten Wald. Hier warteten wir auf das Dunkel der Nacht und auf die von der zweiten Zolllinie zurückkehrenden Spione. Nachdem die letzteren mit der Botschaft, es sei dort Alles sicher, zurückgekehrt waren, brachen wir wieder auf, zogen etwa eine halbe Stunde lang vorwärts und gelangten in einen Hohlweg, der zu einem Flüßchen hinabführte. Hier sollte uns unser Unglück ereilen. Kaum war unser Zug (wir schritten, wie das bei solchen Zügen immer der Fall zu sein pflegt, Einer hinter dem Andern im Gänsemarsch her) etwa in der Mitte des Hohlwegs, als plötzlich mehrere Schüsse fielen und aus dem Walde zu unserer Linken ein Reiterpiket von zehn oder zwölf Mann hervorsprengte, dessen Führer uns ein lautes ‚Halt!‘ entgegendonnerte.

Das war allerdings uns, der gut bewaffneten Uebermacht, gegenüber eine sehr sonderbare Zumuthung, die wir mit lautem Gelächter und einigen Schüssen beantworteten, deren einer den Lieutenant tödtlich verwundet vom Pferde warf, während drei andere ebenso viele Reiter kampfunfähig machten. Schon glaubten wir, uns durchschlagen zu können, als plötzlich ein zweites Reiterpiket von dem vor uns liegenden Cordon heranjagte und uns von vorn angriff. Ein wüthendes Gefecht entspann sich und bald gab es Todte und Verwundete auf beiden Seiten. Jetzt kam auch noch eine starke Abtheilung Fußsoldaten an, und wir waren überzeugt, daß einer von den schurkischen Szamaiten, der sich vielleicht für die Zukunft bei den Russen einen Stein in’s Brett setzen wollte, unser Unternehmen an der Zolllinie verrathen habe. Es blieb nichts Anderes übrig, als den Rückzug anzutreten, und ich gab daher das verabredete Signal. Heftig feuernd schlugen wir uns seitwärts in den Wald hinein, um so wenigstes vor den Reitern mehr gesichert zu sein. Da sah ich in der Nähe meinen Bruderssohn, einen braven, tüchtigen Jungen, in großer Gefahr, von den Russen gefangen genommen zu werden; ich wollte ihm mit dem Kolben Luft machen, denn laden konnte ich in der Eile nicht, erhielt aber in demselben Augenblick einen schweren Säbelhieb über den Kopf, der mich bewußtlos zu Boden streckte. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf einem Schlitten zwischen sechs anderen verwundeten Gefangenen, von denen die meisten zu meiner Freude Szamaiten waren. Noch in derselben Nacht wurden wir weiter landeinwärts geschafft und nach einigen Tagen vor ein ‚Gericht‘ gestellt; die Szamaiten hatten, wie sie meinten, zu ihrem Vortheil, mich als Denjenigen bezeichnet, der den Officier erschossen, und all’ mein Leugnen (Gott weiß, daß ich es nicht gethan habe!) half mir nichts.

Umsonst forderte ich, nach Preußen ausgeliefert zu werden; man that, als verstehe man mich nicht, und so befand ich mich denn schon nach einigen Wochen ‚aus Versehen‘, wie es vor mir schon manchem ehrlichen Litthauer gegangen war, in der Gesellschaft jener mit mir gefangenen Szamaiten, von Dieben, Falschmünzern und Spitzbuben auf dem Wege nach Sibirien. – Wollte ich aber die schrecklichen Leiden der monatelangen Reise, meiner vierjährigen Gefangenschaft in jenem entsetzlichen Lande oder gar die Erlebnisse auf meiner Flucht aus demselben erzählen, so würde ich in einem Tage kaum fertig werden.“

So lautete die schlichte Erzählung des alten Jurgis; als ich aber meine Verwunderung darüber aussprach, daß er nach so furchtbaren Erfahrungen dem Schmuggel nicht entsagt habe, sprach er lächelnd: „Es geht den Schmugglern wie den Wildschützen: sie können von ihrem gefährlichen Handwerk nicht lassen. – Was sollte ich übrigens, nachdem ich glücklich nach Hause gekommen, beginnen? Mein kleines Besitzthum war verkauft, meine Frau gestorben; als daher mein Bruderssohn, welcher an jenem Unglückstage glücklich entkommen war, mir sagte, daß er noch in der nächsten Nacht über die Grenze ginge, war ich natürlich sofort bereit, mit ihm zu gehen, und habe seitdem noch an so manchem glücklichen und unglücklichen Zuge Theil genommen.“ –

Dergleichen Fälle sind übrigens früher mehrfach vorgekommen, ja noch vor etwa zwei Jahren erschien vor dem Gericht in Memel ein Litthauer, welcher zu Protokoll gab, daß er mit russischen Schmugglern den Grenzsoldaten in die Hände gefallen und fünf Jahre in Sibirien gefangen gehalten worden sei.

Zuweilen endigen solche Kämpfe auch in höchst komischer Weise. Seit einigen Jahren werden ungeheure Quantitäten Spiritus durch den Schleichhandel über die Grenze geschafft, ein Geschäft, das den Unternehmern einen bedeutenden Gewinn abwirft, weil dieser Artikel drüben sehr theuer und mit einem enormen Zoll belegt ist. Gelingt es nun den Straszniks (Grenzwächtern), den Spiritusschmugglern ihre Waare abzujagen, so lassen sie meistens die Leute unangefochten entschlüpfen, um sich sofort mit wahrer Gier über die Beute zu werfen und so lange zu zechen, bis sie sinnlos betrunken sind. Diesen Zustand benutzen dann die Schmuggler, um oft vor den Augen der armen Zollwächter lachend und spottend die Grenze zu passiren.

Der Schmuggel ist übriges stark in der Abnahme begriffen, seit Rußland seine Zölle für viele Importartikel so bedeutend ermäßigt und durch eine allgemeine Purification des Standes der Grenzbeamten, sowie durch eine bedeutende Gehaltserhöhung diese der Bestechung schwerer zugänglich gemacht hat.

Früher wurde die Bestechung in der großartigsten und offenkundigsten Weise getrieben, und so mancher große „Macher“ zahlte alljährlich Tausende an die Zöllner und Sünder der Grenze als Aequivalent für gewisse Gefälligkeiten. Die Beamten waren theilweise zu entschuldigen durch ihr äußerst geringes Gehalt, das zu dem theuern Leben an der Grenze in keinem Verhältnisse stand. Die Regierung mußte ferner wissen, daß der Aufwand, den viele trieben, ihre Einnahme um das Doppelte oder Dreifache überstieg, daß sie also gezwungen seien, durch Zudrücken eines oder gar beider Augen das Fehlende zu ergänzen. Es lag demnach eine gewisse stillschweigende Billigung von officieller Seite in der Duldung und dem Fortbestehen dieser corrupten Verhältnisse, und das ganze ungeheure Heer der Grenzwächter und Zollbeamten vom gemeinen Strasznik bis zum Zolldirector und Inspector wußte dieselbe in umfassendster Weise zu benutzen. Trieb es endlich Dieser oder Jener zu arg, so wurde zuweilen ein Beispiel statuirt, indem man solch einem armen Schelm Zeit und Gelegenheit gab, in dem unwirthbaren Sibirien „fern von Madrid“ über den Unbestand aller Menschengunst nachzudenken.

Jetzt ist in dieser Beziehung, wie schon erwähnt, Manches besser geworden, indeß gilt auch heute noch das Wort eines alten schlauen Juden, mit dem ich lange über diese Verhältnisse sprach, daß nämlich ein goldener Schlüssel auch das festeste Schloß erschließt. Es werden daher, wie jeder in der Nähe der Grenze Wohnende oft aus eigenster Erfahrung weiß, immer noch enorme Massen von Waare aller Art nach unserm Nachbarreich durch Schmuggeln eingeführt, und die hermetische Grenzsperre erreicht ihren Hauptzweck, die Hebung der inländischen Industrie, nur unvollkommen, weil die ausländische Waare als Contrebande den oft sehr hohen Zoll umgehend mit jener auf dem allgemeinen Markt sehr wohl concurriren kann. Außer Spiritus, welcher in enormen Quantitäten, zum Theil sogar seewärts durch kurische und finnische Fischer aus den Ostseehäfen eingeführt wird, obgleich die Regierung in Riga eigens einen Dampfer zur Verhinderung dieser Art des Schleichhandels stationirt hat, sind seidene, wollene und baumwollene Zeuge, besonders feine Tuche, Spitzen, Tücher, ferner allerlei feine Eisen- und Stahl-, Holz-, Leder- und Perlmutterwaaren, Cigarren, Zucker etc. die wichtigsten Artikel des Schmuggels.

Schließlich mögen hier noch einige Bemerkungen über das Grenzwächtercorps Platz finden, eine Institution, die unter der Zahl der Culturstaaten als ein Unicum dasteht. Dasselbe ist vollständig militärisch organisirt, ressortirt aber nicht vom Kriegsministerium, sondern von dem der Finanzen. Aus Cavalleristen (Obiersziks) und Infanteristen (Straszniks) bestehend, bildet es neben seinem Hauptzweck eine Art von Versorgungsanstalt für altgediente Mannschaften aus allen Theilen dieses Riesenreiches. Man trifft darunter Veteranen aus dem Tscherkessen- und Krimkriege, die es hier übrigens mit durchaus nicht zu verachtenden Gegnern zu thun haben, weil die Litthauer, durchweg gut geschulte preußische Soldaten, sich in ihren Rencontres mit vorzüglicher Bravour schlagen und durch ihre Gewandtheit und Verwegenheit den Russen so sehr überlegen sind, daß dieselben in unserer Gegend es nie wagen, das national-preußische Hausrecht zu verletzen, während das zum Beispiel an der westpreußisch-russischen [313] Grenze leider noch immer sehr häufig geschieht. Unter den Officieren, meistens Stockrussen, zeichnen sich die deutschen Herren aus den russischen Ostsee-Provinzen vortheilhaft durch Bildung und feinen Ton aus, und man begreift nicht, wie sie die Misere des Grenzdienstes, in dem sie vom Verkehr mit der übrigen Welt durch ihre strenge Instruction fast ganz ausgeschlossen sind, ertragen können.

Der Dienst der Grenzwache besteht für die Infanterie darin, bei Tage die Grenze, einen wenige Schritte breiten, von zwei parallelen Gräben eingefaßten Streifen neutralen Landes zu beobachten, die Schmuggler zurückzuweisen, respective ihnen die Contrebande abzujagen und als Begleiter (Convoys)) den Reisenden und Waaren von der Grenzstation (Regatka) bis zu der weiter landeinwärts liegenden Zollkammer (Tomoszna) zu dienen. Die einzelnen Posten sind so gestellt, daß sie sich gegenseitig unterstützen können. Nachts patrouilliren Cavalleriepiquets die Grenze auf und ab, während die Infanterie mehr landein postirt wird. Die Mannschaften wohnen casernenartig in den sogenannten Cordonhäusern, in deren Nähe sich meistens besondere Dienstwohnungen für die Officiere befinden.

Das sind die Wächter, deren Schaaren das Weichbild des riesigen Zarenreiches bewachen, welche an der chinesischen Mauer dieses Riesenbaues die officiellen Pforten und Thore für die polizeimäßig legitimirten, sogenannten „ehrlichen Leute“, sowie die tausend Hinterpförtchen und Schlupflöcher hüten, durch welche die schlauen Schmuggler, Ueberläufer, Falschmünzer, Mordbrenner und ähnliches Gelichter aus- und einwechseln. Sie gehorchen einem despotischen Willen, der nicht allein die fremde Waare vom inländischen Markt ausschließen, sondern sich noch lieber auch gegen die ihm viel gefährlichere Contrebande des Gedankens der Freiheit durch die Legion seiner Schergen verwahren möchte. Doch auch diese Schranke wird weichen müssen, wie noch Alles dem Untergange verfiel, was sein Entstehen dem Despotismus, der Willkür und dem Irrthum verdankte. Die Civilisation und die Freiheit werden über die Trümmer der gesunkenen Mauer ihren Einzug halten und der Segen dieser Stunde wird auch unserer armen Provinz zu Gute kommen, die durch das russische Absperrungssystem bisher so sehr geschädigt war.

C. Schiemann.




Erinnerungen aus meinem Leben.
Von Friedrich Hecker.
2. Der Hexenmeister der Prairie.

Die herrliche wellenförmige Prairie mit ihrer wechselnden Blumenpracht, ihren rothschimmernden, von der Natur angelegten Erdbeerplätzen, dem im Winde gleich Wellen des Oceans wogenden Grase, ihrem Wildgeflügel und zahlreichen Heerden wohlgenährten Viehes, – sie lebt nur noch in der Erinnerung. Wo als Landmarke „der einsame wilde Kirschbaum“ stand, prangt ein Obstgarten voll saftiger Pfirsiche und prächtiger Aepfel; reiche Getreidefelder wogen, wo ehedem Abzuggräben gezogen waren, Wasservögel brüteten, und Reben bedecken den Hügel, welchen eine knorrige, dornige Gleditschie besetzt hielt. Welche Wandlung in zwanzig Jahren! Farm an Farm. Lauter Deutsche! Man kann weit herumziehen, ohne genöthigt zu sein sich des Englischen zu bedienen. Die jüngere Generation spricht beide Sprachen mit gleicher Leichtigkeit, und an ihr sind die Dialecte des deutschen Heimathlandes kaum mehr erkennbar. Englische Worte sind germanisirt eingemischt, obwohl nicht in dem Maße wie in den alten pennsylvanischen Niederlassungen, wo Einer im Stande ist, seiner Frau zu sagen: „Harriet, Du muscht Dei Gaun mende lo“ (Henriette, Du mußt Dein Kleid flicken lassen). Immerhin aber berührt es den Neuangekommenen, auch im Westen, ganz eigenthümlich, wenn er z. B. hört: „Ihr nehmt die Road (Weg) links, stoppt (haltet) an dem Store (Kaufladen), wartet bis Euer Bridle (Zügel) im Sattlershop (Werkstätte) gefixt (ausgebessert) ist, und dann trävelt (reist) Ihr gemächlich und könnt unterwegs in der Grocerie (Schenke) einen Drink (Trunk) nehmen, ehe Ihr an den River (Fluß) kommt und auf der Ferry (Fähre) übersetzt.“ Es wiederholt sich hier ein Sprachbildungsproceß, welcher eine tiefe Einsicht in die Geschichte der Ausbildung der modernen Sprachen besonders des Englischen und Französischen, gewährt.

Das in der Erinnerung schwebende Bild der wilden Prairie ruft mir eines der drolligsten Erlebnisse zurück. Es war jener furchtbar heiße und dürre Sommer des Jahres 1854; die kleineren Flüsse und die Bäche waren nur noch elende Rinnsale, die meisten Brunnen versiecht, viele Meilen weit mußte das Vieh getrieben werden, um es vor dem Verschmachten zu bewahren, zahlreich lag es dennoch verschmachtet auf der Prairie. Einzelne Farmer zogen mit ihren Haustieren an den Fluß und campirten in Nothhütten. Vom 16. Mai bis 26. October fielen nur unbedeutende Schauer; seit Menschengedenken hatte man sich keiner solchen Hitze und Dürre erinnert; die Arbeit war hart erschöpfend. Da band eines Sonntags ein mir bekannter Farmer W. sein Pferd an den Eichbaum im Hofe und nach der Begrüßung sah er neugierig auf die Bücher, in welchen ich eben gelesen hatte. Es waren Horst’s „Zauberbibliothek“ und die „Dämonologie“. Der Mann sah mit Verwunderung die entfalteten Zeichnungen der Zauberkreise, der kabbalistischen Figuren an und fragte, was ich da für sonderbare Bücher habe. „Das sind Zauberbücher,“ entgegnete ich, und mich an seiner ängstlichen Neugier weidend, fuhr ich fort: „Hier ist Dr. Faust’s großer und hier ‚der kleine spanische Höllenzwang‘, mit Letzterem kann man den Teufel aber nur zwingen, blos 333333 Ducaten zu liefern, aber wenn man nicht Alles recht macht, so bringt er Nichts“ – „oder,“ fiel er ein, „dreht einem das Genick herum.“ Hierauf las ich ihm einige der Zauberformeln vor, wobei ihm offenbar nicht wohl zu Muthe ward.

Ich ließ mich nun eines Weiteren über die Verirrungen des menschlichen Verstandes, über den im Volke herrschenden Aberglauben, das Unsinnige, Absurde, Verderbliche desselben aus und demonstrirte ihm vor, wie Aufklärung und Wissenschaften den düstern Kram großentheils weggefegt hätten und hoffentlich bald den letzten Rest vertilgt haben würden. Da erzählte er mir einige wunderbare Geschichten, die er von „andern Leuten“ gehört habe, welche solche ebenfalls von Anderen gehört hatten, und schloß auf gut Pfälzisch: „Lieber Herr, es is halt so, nix Gewisses weeß mer nit. Sehen Sie,“ fuhr er nach einer Pause fort, „draußen beim Gottlieb F. geht’s um, jede Nacht klopft’s, rumort’s, kratzt’s am Hause, auf dem Dache, zieht’s den Leuten das Bett weg, wirft mit Hafer und kleinen unreifen Pfirsichen, kitzelt sie im Gesicht, kurz es geht ein Geist im Hause um, und die Leute sind gar zu elend und krank von dem Geisterspuk.“

Da riß mir denn doch die Geduld. „Wenn Ihr nichts Gescheidteres habt mit in dieses Land bringen können, als die kolossalen Eseleien und Dummheiten, den unsinnigen Hexen- und Geisterkram, so wäre es besser gewesen, das Meer hätte Euch verschlungen. Ich weiß, wann das F.’sche Haus gebaut wurde, wer es gebaut hat, der Erbauer lebt noch, es ist ein neues Haus, als eine neue Ansiedelung hat es F. erkauft; zum Henker! wo wollt Ihr denn da irgendwie einen Geist hernehmen, der darin sein Wesen treiben soll?“ Alle Vernunftgründe und Auseinandersetzungen schienen wenig zu verschlagen und Alles bei ihm in dem „nix Gewisses weeß mer nit“ zu gipfeln. Ich beschränkte mich endlich darauf, ihn auszufragen, ob außer der F.’schen Familie noch irgend Jemand in dem Hause verweile, und erfuhr, daß eine Familie von „Grünen“, so pflegt man die neuen Einwanderer zu tituliren, Bekannte F.’s aus der alten Welt, ein Unterkommen daselbst gefunden, bis sie für sich eine Heimath gewählt haben würden, die Söhne aber sich an Nachbarfarmer verdingt hätten. Nun hatte ich den Faden, fragte genau Alles, was die Einwanderer betraf, aus, ermittelte, daß sie selbst gern den F.’schen Platz erwerben möchten, und setzte dem W., wie später dem F. auseinander, daß der ganze Spuk darauf angelegt war, dem Letztern die Farm zu verleiden und ihn zum Losschlag zu bestimmen. Zur Vergrößerung und Erweiterung der Geistergeschichte trug noch besonders bei, daß ein dem Whiskey sehr ergebener Amerikaner und ein gleichdurstiger

[314] Schmied, als sie in halb- oder dreiviertelseligem Dusel das Geisterhaus besuchten, um sich von der grausen Mär zu überzeugen, vor dem Klopfen und dem Scharren und dergleichen Dingen so erschraken, daß sie eiligst die Stiege hinabstolperten und mit Steinwürfen regalirt wurden, geschleudert, wie sie versicherten, von Geisterhand, da meilenweit auf der Prairie keine Steine zu finden sind.

Fast hatte ich die ganze Geschichte vergessen, als gegen Abend ein Knabe, Sohn des F., eintrat und mir sagte, Vater, Mutter und er selbst seien krank und ganz herunter. Bei Tage die schwere Erntearbeit und dann keine Nachtruhe, da regelmäßig zur Geisterstunde der Spuk losgehe und, obgleich sie todtmüde, an Schlaf nicht zu denken sei. Die Eltern ließen mich um Gotteswillen bitten, ihnen zu helfen, den Geist zu bannen. Der W. habe ihnen gesagt, ich könne Alles und sei der einzige Mann in Amerika, der ihnen helfen könne. Anfangs wurde ich fuchsteufelswild über die Stupidität; allein die ganze Zumuthung war so komisch, der Junge sah so elend aus und bat so dringend und flehend, daß ich ihn, nachdem ich ihn über Verschiedenes noch ausgefragt hatte, mit dem Bescheide abfertigte, ich würde kurz vor elf Uhr Nachts dort eintreffen, das solle er seinen Eltern im Geheimen, aber ja sonst Niemandem mittheilen, sonst gehe es ihm schlecht. Der Junge athmete tief auf und ging.

Nun rief ich meinen Arbeiter (Knecht) Landolin S., meinen Neffen Otto und setzte ihnen, sowie meinem Freunde H. v. V., welcher die Expedition mitmachen wollte, auseinander, daß der Geist solle erlöst werden, zu welchem Behufe sie drei saftige Hickory-Bengel schneiden und sich bereit halten sollten. Ich selbst schnitt eine Haselruthe mit einer Gabel, decorirte sie durch theilweise Entfernung der Rinde mit Figuren gar absonderlich anzuschauen, hing mein Jagdhorn unter den Rock, steckte den Revolver in die Tasche, nahm ein 1646 gedrucktes Corpus juris canonici von ehrwürdigem schweinsledernem Aussehen, groß Quart, zur Hand, und der Marsch in die Prairie nach der über zwei Meilen entfernten F.’schen Farm wurde angetreten. Meine Begleiter waren voll Jubel und Muthwillen. Sie erhielten die Instruction, sich in einiger Entfernung vom Hause, im Prairiegrase versteckt zu lagern, sobald sie aber drei Stöße meines Jagdhornes vernähmen, im Geschwindschritte herbeizukommen und mit ihrer Handvoll ungebrannter Hickory-Asche die Geister, welche ich ihnen bezeichnen würde, windelweich auszutreiben. Luftsprünge vor Vergnügen!

Mit Würde und Salbung betrat ich das Haus; verblüfft sehen mich die „grünen“ Gäste an; die Hausfrau wollte in Redefluß gerathen – „Still!“ sie schwieg.

„Herr F.,“ begann ich, „Sie haben mich bitten lassen, Sie von dem bösen Geiste, der im Hause spukt, zu befreien!“

„Ja, Herr.“

„Wenn ich Ihnen Ruhe verschaffen soll, so muß ich in Ihrem Hause volle, unbeschränkte und unbedingte Gewalt über Alles, was lebt und nicht lebt, haben; wenn ich mit Stricken knebeln und mit Ketten fesseln will, muß mir dieses ohne Widerrede und Widerstand zustehen. Wollen Sie mir diese volle Gewalt einräumen?“

„Ja, Herr.“

Hier wollte das alte Weib des „Grünen“ etwas drein sprechen, da es ihr offenbar ein wenig unheimlich ward.

„Still,“ herrschte ich, „hier rührt sich Niemand, hier spricht Niemand, mein ist alle Gewalt. Stellen Sie den Tisch in die Mitte des Zimmers und mehrere Lichter darauf,“ befahl ich, während ich die Thür abschloß. Es geschah. Nun ordnete ich die Lichter auf dem Tische, legte das alte Corpus juris in die Mitte, den Revolver rechts, die Ruthe links. Die sämmtlichen Anwesenden mußten sich in einer Reihe auf eine Bank an der Wand gegenüber setzen. Jeder Versuch zu reden wurde mit ‚Still!‘ niedergeworfen. Aengstlichkeit auf den meisten Gesichtern. F. und seine Frau schienen allein erleichtert, und die Hoffnung, die bisherige Qual loszuwerden, stand deutlich auf ihrer Stirn. Nun schlug ich auf’s Gerathewohl das Buch auf. Decr. Greg. Liber II. Tit. XVI. ut lite pendente nihil innoveatur lag vor mir. Es kostete mich heillose Mühe, nicht laut aufzulachen und meine Salbung zu bewahren, als mir die alte Proceßvorschrift entgegenstarrte. Jede Maus hätte man laufen hören. Nun schaute ich ernst nach der Decke des Zimmers und bewunderte, was da oben für Allerlei hing. Dann nahm ich den Stab (die Ruthe) in die Hand und las Capitel I., blickte dann feierlich nach einer Ecke, wo ein alter Kittel hing. Dann nahm ich eines der Lichter, ging um den Tisch, trat zu der Reihe der Sitzenden, leuchtetete Jedem einzeln in das Gesicht, fixirte ihn starr und scharf, besonders den ‚alten Grünen‘ M. und Frau Gemahlin. Sie konnten den Blick nicht aushalten. Dann untersuchte ich die Schädel der Anwesenden, wie Phrenologen thun. Als ich den Schädel des ‚alten Grünen‘ M. untersucht hatte, trat ich rasch einen Schritt zurück, noch einmal vor, fixirte ihn scharf und rief aus: „Der ist’s, der ist’s. Herr F., der Mann und seine ganze Sippe müssen, sobald der Tag graut, aus Ihrem Hause, weg von Ihrer Farm, weg aus der Nähe, so weit wie möglich, ohne Widerrede, ohne Verzug, sonst bürge ich für Nichts. Daß sie aber abziehen werden, dafür verlassen Sie sich auf mich; beim geringsten Widerstreben sollen sie mich kennen lernen und es mit Schrecken bereuen.“

Sofort schritt ich zur Thür, indem ich mein Jagdhorn unter dem Rocke hervorholte, öffnete und dreimal in’s Horn stieß. Da stürzten auch schon meine Begleiter herein, bereit eine grün-gelb und blaue Suppe einzubrocken. Es war nicht nöthig.

„Alle Lichter aus! Still! Alle zu Bett!“ lautete das Commando. Es geschah. Ich blieb am Tische, zündete ein Licht an, setzte mich und las in der alten Scharteke.

Um ein Uhr rief ich F’s. „Es ist Eins vorbei; der Hahn hat gekräht, Sie sehen, mit dem Geiste ist’s auch vorbei.“ Nun theilte ich den F.’schen Eheleuten nochmals meine Ansicht über die Ursache des Spuks mit, bestand auf der sofortigen Entfernung der M.’schen Sippschaft, erklärte ihnen, welches Späßchen ich mir erlaubt und warum; sie dankten mir herzlich und sagten: „Wir wußten wohl, daß Sie uns Ruhe verschaffen würden.“

Der Geist war erlöst. Das Klopfen, Kratzen, das Scharren am Hause und auf dem Dache hatten offenbar die bösen Buben des M., die im Complote und in der Nachbarschaft waren, mit Haken und anderen Werkzeugen, an Stangen befestigt, bewerkstelligt; das Wegziehen der Bettdecke geschah mittelst einer krummgebogenen Nadel und feiner Schnur, das Werfen in der Dunkelheit von den alten M.s mit verstecktgehaltenem Material. Die Betheiligten dieses Vorganges sind größtentheils noch am Leben. Zu jeder Ernte wurde bei F.s die Geschichte in erneuerter, vermehrter und verbesserter Auflage erzählt.

Als ich später auf einer Jagdexcursion in einer Schenke auf der Prairie einkehrte, um zu ruhen und mich etwas zu erfrischen, fiel mir die Heiterkeit, das Schmunzeln und Lächeln, das halbunterdrückte Kichern der anwesenden Leute auf, deren Blicke nach mir gerichtet waren. Ich fragte den Wirth um die Ursache. Nach einigem Zögern sagte er. „Als Sie in Sicht kamen, sagte Einer: ‚Eben kommt der Hexenmeister unserer Prairie.‘“




Beethoven und „das Kind“.

Ein Verwandter des im Jahre 1857 verstorbenen königlich bairischen Appellraths Dr. A… B… theilt uns aus dessen handschriftlich hinterlassenen Jugenderinnerungen folgende Einzelheiten über Bettina Brentano, die später berühmt gewordene Herausgeberin des „Briefwechsels Goethe’s mit einem Kinde“, mit:

„Ich war während meiner Universitätszeit zu Landshut im Familienkreis des mir unvergeßlichen Professors von Savigny eingeführt. Dort lernte ich dessen damals noch unverheirathete Schwägerin Bettina kennen. Gleich lebhafter Enthusiasmus für Musik bildete schnell den Angelpunkt unserer Gespräche, und bald wurde an mich die schmeichelhafte Bitte gerichtet, die junge Dame in die Lehre der Harmonien einzuführen. Der brennende Eifer meiner interessanten Schülerin machte mir diese Aufgabe zum eigenen größten Vergnügen, und wir studirten und componirten nach Herzenslust und mit übereinstimmendem Geschmack. Einmal jedoch liefen unsere Ansichten weit auseinander. Bettina [315] hatte nämlich die kühne Idee, eine Ouverture zu Faust componiren zu wollen, und bestand darauf, hierbei der Trommel eine überwiegende Rolle anzuweisen, was ich begreiflicherweise nicht zugeben konnte, und so scheiterte das gewagte Project schon im Beginnen. Unwiderstehlich dagegen herrschte Bettina auf dem Gebiete des Gesanges. Hier entfaltete sie völlig ihre wunderbare Eigenthümlichkeit. Selten wählte sie geschriebene Lieder – singend dichtete sie und dichtend sang sie mit prachtvoller Stimme eine Art Improvisation. So zum Beispiel wußte sie in die einfach getragene Scala ebensowohl als in die ihr momentan entquellenden Solfeggien eine Fülle der Empfindung und des Geistes zu legen, daß ich hingerissen ihrem schöpferischen Genius lauschte.

Da ich das Glück hatte, fast immer ihre musikalischen Gedanken zu verstehen und zu errathen, somit ihr auf dem Instrumente mit den richtigen Accorden entgegenkam und sie nach ihrem Sinne weiter begleitete, erwarb ich mir bald ihre Zufriedenheit, endlich ihr freundschaftliches Wohlwollen, und sie erfreute mich später noch mit einigen Briefen, deren Thema, ähnlich wie im mündlichen Verkehr, fast ausschließend die Tonkunst bildete. Gewöhnlich saß Bettina während des Musicirens auf einem Schreibtische und sang von oben herab wie ein Cherub aus den Wolken.

Ihre ganze Erscheinung hatte etwas Besonderes. Von kleiner, zarter und höchst symmetrischer Gestalt, mit blassem klarem Teint, weniger blendend schönen als interessanten Zügen, mit unergründlich dunkeln Augen und einem Reichthum langer schwarzer Locken, schien sie wirklich die in’s Leben getretene „Mignon“ oder das Original dazu gewesen zu sein. Abgeneigt modischem Wechsel und Flitter trug sie fast immer ein schwarzseidenes, malerisch in offenen Falten herabfließendes Gewand, wobei Nichts die Schlankheit ihrer feinen Taille bezeichnete, als eine dicke weiße oder schwarze Cordel, deren Ende, ähnlich wie an Pilgerkleidern, lang herabhing.

Eines Abends, im Begriff zu einer Gesellschaft zu gehen, bemerkte sie erst, daß ihre Kleidung zu diesem Zwecke allzu abgetragen war. Augenblicklich entschlossen, ließ sie schwarzen Taffet holen, schnitt denselben in mehrere einfache, gerade Theile von verschiedener Länge, heftete diese Theile mit unzähligen Stecknadeln zusammen, gürtete sich mit der bekannten Cordel, und besuchte auf solche Weise die Soirée, wobei die Wenigsten ahnten, auf welche leichte Art das äußerst malerische Gewand zu Stande gekommen war. Fast immer traf sie der Eintretende auf niedrigen Fenstertritten oder Fußbänken sitzend, bequem zusammen gekauert, einen Band von Goethe’s Werken auf dem Schooße haltend. Mit weiblichen Arbeiten scheint sie sich wenig befaßt zu haben. Wer diesem eigenthümlichen Wesen jemals nahe getreten war, konnte es im Leben nicht mehr vergessen. Ihr reicher Geist, ihre sprudelnde Regsamkeit, voll poetischer Gluth und Phantasie, verbunden mit ungesuchter Anmuth und grenzenloser Herzensgüte, machten sie im Umgange unwiderstehlich. Großmuth, diese gemeinsame Eigenschaft genialer Naturen, trat auch bei ihr in glänzender Weise hervor; so brach sie einmal, da sie veranlaßt war, eine unbemittelte Person zu unterstützen, rasch eine Rolle Geldes mitten auseinander und reichte, ohne zu überlegen oder nachzuzählen, der Betreffenden die eine Hälfte dar.“

So viel von den Notizen des Erzählers über Bettina selbst. Hier möge noch ein Auszug eines Briefes folgen, den sie von Wien aus an ihn richtete und der uns im Original vorliegt. Eine Zusammenkunft mit Beethoven schildernd, hinterließ sie darin eine Skizze dieses großen Tondichters, welche unseren Lesern nicht unwillkommen sein dürfte. Daß an der Spitze des Briefes die Jahreszahl fehlt (es steht dort lediglich, selbst mit Uebergehung der Ortsangabe: „am 9. Juli“), wird bei der bekannten Flüchtigkeit der Schreiberin Niemanden wundern. Wir heben nun aus dem sehr umfangreichen Briefe Bettina’s, dessen erster Theil von dem Auftreten eines Wiener Sängers eingehend erzählt, nachfolgende Stelle wörtlich heraus:

Beethoven habe ich erst in den letzten Tagen meines dortigen Aufenthalts kennen gelernt; beinahe hätte ich ihn gar nicht gesehen, denn Niemand wollte mich zu ihm bringen, selbst, die sich seine besten Freunde nannten, nicht, und zwar aus Furcht vor seiner Melancholie, die ihn so befängt, daß er sich um nichts interessirt und den Fremden eher Grobheiten als Höflichkeiten erzeigt. Eine Phantasie von ihm, die ich ganz vortrefflich vortragen hörte, bewegte mir das Herz, und hatte ich von demselben Augenblicke eine Sehnsucht nach ihm, daß ich Alles aufbot. Kein Mensch wußte, wo er wohnte, er hält sich oft ganz versteckt. – Seine Wohnung ist ganz merkwürdig, im ersten Zimmer zwei bis drei Flügel, alle ohne Beine auf der Erde liegend, Koffer, worin seine Sachen, ein Stuhl mit drei Beinen, im zweiten Zimmer sein Bett, welches Winters wie Sommers aus einem Strohsack und dünner Decke besteht, ein Waschbecken auf einem Tannentisch, die Nachtkleider liegen auf dem Boden; hier warteten wir eine gute halbe Stunde, denn er rasirte sich gerade. Endlich kam er. Seine Person ist klein (so groß sein Geist und Herz ist), braun, voll Blatternarben, was man nennt: garstig, hat aber eine himmlische Stirn, die von der Harmonie so edel gewölbt ist, daß man sie wie ein herrliches Kunstwerk anstaunen möchte, schwarze Haare, sehr lang, die er zurückschlägt, scheint kaum dreißig Jahre alt, er weiß seine Jahre selbst nicht, glaubt aber doch fünfunddreißig.

Ich hatte nun viel gehört, wie behutsam man mit ihm sein müsse, um ihn nicht scheel zu machen; ich hatte aber sein edles Wesen auf eine ganz andere Art berechnet und nicht geirrt. In einer Viertelstunde war er mir so gut geworden, daß er nicht von mir lassen konnte, sondern immer neben mir herging, auch mit uns nach Hause ging und zur größten Verwunderung seiner Bekannten den ganzen Tag da blieb. Dieser Mensch hat einen sogenannten Stolz, daß er weder den Kaiser noch den Herzögen, die ihm eine Pension umsonst geben, zu Gefallen spielt, und in ganz Wien ist es das Seltenste, ihn zu hören. Auf meine Bitte, daß er spielen möchte, antwortete er: ‚Nun, warum soll ich denn spielen?‘

‚Weil ich mein Leben gern mit dem Herrlichsten erfüllen will und weil Ihr Spiel eine Epoche für dieses Leben sein wird,‘ sagte ich.

Er versicherte mich, daß er dieses Lob zu verdienen suchen wolle, setzte sich neben das Clavier auf die Ecke eines Stuhls und spielte leise mit einer Hand, als wollte er suchen, den Widerwillen zu überwinden, sich hören zu lassen. Plötzlich hatte er alle Umgebung vergessen, und seine Seele war ausgedehnt in einem Weltmeere von Harmonie. Ich habe diesen Mann unendlich lieb gewonnen. In Allem, was seine Kunst anbelangt, ist er so herrschend und wahrhaft, daß kein Künstler sich ihm zu nähern getraut, in seinem übrigen Leben aber so naiv, daß man aus ihm machen kann, was man will. Er ist durch seine Zerstreuung darüber ordentlich zum Gespött geworden; man benutzt dies auch so, daß er selten so viel Geld hat, um nur das Nothdürftige anzuschaffen. Freunde und Brüder zehren ihn auf; seine Kleider sind zerrissen, sein Ansehen ganz zerlumpt (das soll Nußbaumer sich merken), und doch ist seine Erscheinung bedeutend und herrlich. Dazu kommt noch, daß er sehr harthörig ist und beinahe gar nichts sieht. Wenn er aber gerade componirt hat, so ist er ganz taub und seine Augen sind verwirrt im Blicke auf das Aeußere; das kommt daher, weil die ganze Harmonie sich in seinem Hirne fortbewegt und er nur auf diese seine Sinne richten kann; das also, was ihn mit der Welt in Verbindung hält (das Gesicht und Gehör), ist ganz abgeschnitten, so daß er in der tiefsten Einsamkeit lebt. Wenn man zuweilen lange mit ihm spricht und auf eine Antwort wartet, so bricht er plötzlich in Töne aus, zieht sein Notenpapier hervor und schreibt. Er macht’s nicht wie der Capellmeister Winter, der hinschreibt, was ihm zuerst einfiel; er macht erst großen Plan und richtet seine Musik in eine gewisse Form, nach welcher er nachher arbeitet.

Er kam diese letzten Tage, die ich noch in Wien zubrachte, alle Abend zu mir, gab mir Lieder von Goethe, die er componirt hatte, und bat mich, ihm zum wenigsten alle Monate einmal zu schreiben, weil er außer mir keinen Freund habe.

Warum ich Ihnen nun dies Alles so umständlich schreibe? – weil ich erstens glaube, daß Sie wie ich Sinn und Verehrung für ein solches Gemüth haben, zweitens weil ich weiß, wie Unrecht man ihm thut, gerade weil man zu klein ist, ihn zu begreifen – so kann ich’s nicht lassen, ihn ganz, wie er mir ist, darzustellen. Noch obendrein sorgt er mit der größten Güte für Alle, die sich ihm in Bezug auf Musik vertrauen; der geringste Anfänger darf sich ihm vertrauensvoll überlassen; er wird nicht müde, Rath und Beistand zu leisten, dieser Mann, der es nicht einmal über sich gewinnen kann, eine Stunde seiner Freiheit abzuzwacken.“



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Ein deutsches Zeitungs-Etablissement.
Von Michael Klapp.

Die Presse hat in den letzten Jahrzehnten eine früher wohl nie geahnte Bedeutung erlangt, ihre Wirkung ist eine geradezu unberechenbare geworden und es dürfte darum unseren Lesern interessant genug sein, uns in die großartigen, neugebauten Räume zu begleiten, in denen eines der größten Journale Europa’s hergestellt wird.

Wir befinden uns an einem jener fünf Ringe Wiens, die zusammen eine der großartigsten und schönsten Straßen der Welt, die „Ringstraße“ bilden – auf dem „Kolowratring“. Rechts und links in weitem Umkreise zieht sich das Quartier der Paläste hin. Plutos spricht hier aus jedem Steine, und was die Steine erzählen, das sagen die Menschen nach. Eine stattliche Anzahl moderner Millionäre haben sich vom Burgring bis zum Parkring hinaus angebaut, und zwischen ihnen und neben ihnen erheben sich die Herrenhäuser der Prinzen der kaiserlichen Familie, die Paläste der Sprößlinge unserer Hochtories in vollständig confessionsloser Mischung. Der alten Grafen von Hoyos Wappen prangt neben dem der Ritter „von Welten“, die der gothaische Kalender nicht nur noch nie verzeichnet, sondern auch noch nicht einmal geträumt hat; dicht angrenzend an das Palais des „Siegers von Custozza“, des Erzherzogs Albrecht, steht das Palais des Siegers an der Börse, des Freiherrn von Schey-Coromka, neben dem Herzog von Würtemberg hat sich der Ritter von Todesko prächtig angesiedelt, und gegenüber dem Palast des jüngsten Bruders des Kaisers erheben sich die Palais der Ritter von Pont-Euxin – der Leser bemerkt, wie abenteuerlich unser neuer Adel klingt! – und Wertheim – und so fort, man möchte fast sagen, bis in’s Unendliche. Und das Auge, das nicht nach Namen und Stammbäumen fragt, hat sein Vergnügen an all’ den schönen Ring-Palästen, die den Stolz der weltstädtischen Kaiserstadt ausmachen, und selbst die Contrast-Arabesken, die längs der langen Zeilen hinziehen und alte und neueste Geschlechter architektonisch verwirren, sind lange kein Gräuel für das geistige Auge. Die Contraste liegen auf der Ringstraße frei umher. Wenn wir vom Kolowratring, da wo der neue Schwarzenberg-Platz in stiller Schönheit seine jungen Tage verbringt, rechts die Häuserzeile, die sich zum Cursalon hinabzieht, entlang gehen, so stehen wir an der Mündung der „Fichtegasse“ vor einem glänzenden Herrenhause, durch dessen Fenster unser Blick auf weite, prunkende, in Farben und Stoffen Glanz liebende Räume fällt, denen man gleichsam im ersten Augenblicke ansieht, daß sie der Kunst süßen Nichtsthuns geweiht sind – es ist das neue „adelige Casino“.

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Der Arbeitspalast der Neuen freien Presse in Wien.


Und gerade dieser geadelten Stätte großherrlichen Vergnügens gegenüber erhebt sich das Haus der Arbeit, in das ich die Leser heute zum Besuche führe, erhebt sich der stolze Bau der „Neuen freien Presse“, der Arbeitspalast des bedeutendsten Journals des Kaiserstaates und eines der größten und ersten Journale Europa’s. Ist das nicht auch einer der interessanten Wiener Ring-Contraste? Wenn nächtlich im Casino drüben die Champagnergläser klirren und die Karten von Hand zu Hand gehen, arbeitet gegenüber Klein und Groß am „Spinnrocken der Zeit“ (welcher Spinnrocken eigentlich eine riesige Dampfmaschine ist), entziffert der Beamte des im Parterre angelegten Telegraphenbureaus die chiffrirten Nachrichten, die ihm der Draht eigens für die „Neue freie Presse“ von allen Seiten des Erdballs bringt, schreiben oben an ihren Pulten die Redacteure über den Ernst der Zeit und die nothwendigen Anstrengungen zur Consolidirung des Reiches, schreiben gerade vielleicht auch über die Ueberflüssigkeit eines Oberhauses! Hüben und drüben in der Fichtegasse arbeitet die Maschine, aber welche Verschiedenartigkeit in ihren Triebrädern!

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Die Gartenlaube (1870) b 317.jpg

Im Maschinensaale der Neuen freien Presse in Wien.

[318] Die eine tödtet Zeit und Geld, die andere producirt und vervielfältigt Geist, Zeitergebnisse und auch – Geld. Die einzige Aehnlichkeit vielleicht, die in der nächtlichen Thätigkeit dieser zwei so stark contrastirenden Häuser der Fichtegasse besteht, ist die: daß öfter zur selben Stunde in beiden, wenn auch nach verschiedener Richtung hin, von – Kartenkönigen die Rede ist.

Aber jetzt Contrast und Aehnlichkeit bei Seite gelassen – die Nacht beider Häuser liegt noch fern von uns; es ist halb zwei Uhr Nachmittags, und wir wollen dem Arbeitspalast der „Neuen freien Presse“ einen längeren Besuch machen, ihn besehen von unten bis oben, seine Vorrathskammern, seine Maschinenkatakomben, seine Arbeitsstile, seine Studirzimmer, seine Redacteursalons, seine Remisen, seine Comptoirs, Alles, Alles. Das Haus journalistischer Arbeit öffnet seine Thore Allen, die es sehen und studiren wollen, und an einem bestimmten Tage der Woche wallfahrten Fremde und Einheimische nach dieser neuesten Sehenswürdigkeit des neuen Wien, wie sie nach dem Cursalon, dem neuen Musikvereinsbau, dem Künstlerhause wallen.

Unser erster Gang gilt den Ateliers der ersten Etage. Die elegante teppichbelegte Treppe hinan gelangen wir an zwei Thüren, deren eine uns mit der Ueberschrift „Verbotener Eingang“ abschreckt. Also da hätten wir nichts zu thun! Wenden wir uns an die andere, die ist freundlicher; sie sagt nicht „Herein“, sagt aber auch nicht „Hinaus“. So sagen wir selbst „Herein“ und öffnen. Ein Corridor, der viele Thüren zeigt, nimmt uns auf und durch die uns zunächst liegende Thür gelangen wir in eine weite hohe Halle, welche durch mächtige Bogenfenster vom prächtigsten Tageslicht erfüllt ist. Den Charakter dieses Saales erkennt man schon an der großen Gemeinde der in ihm beschäftigten Arbeiter – wir sind im Setzersaal. Lange Reihen großer Tische und Kästen ziehen sich die ganze Breite des Saales hinab. An den für die Nachtarbeit mit Gaslampen versehenen Kästen arbeiten circa hundert Setzer, meist junge Männer mit intelligenten Zügen. In den Kästen ruhen jene Legionen todter Buchstaben, die hier aneinander gereiht werden, um in einer Stunde schon ein Heer lebendiger und wiederbelebender Geister, die Armeecolonnen der öffentlichen Meinung vorzustellen.

Zwischen den Setzern tummeln sich junge Burschen, die Zuträger von dem und jenem herum, läuft der Factor auf und ab, hier und dort stehen bleibend an diesem oder jenem Kasten, zur Eile gemahnend, anspornend, hier wird eine Schriftform gewaschen und dort eine Partie des Satzes von Fehlern gesäubert. In dem großen am Ende des oberen Saales befindlichen Verschlage sitzt der erste Factor der Druckerei, mit den Blicken Alles beherrschend. An der Wand neben dieser Factorresidenz klebt der – Tarif, dieser Dämon des letzten Strike, der nun in seinem aufgebesserten Zustande sich, für die Setzer wenigstens, viel besser ausnimmt. Das große Eckstück des Setzersaales von diesem Punkte aus gehört der Annoncensetzerei. Hier liegen in den Setzerkasten all’ die Originalzeichen der industriellen, finanziellen und socialen Reclame, die „große Schrift“ ist hier die Regel, das „Petit“ die Ausnahme; „fett, fett, fett!“ schreit hier jeder Kasten uns entgegen. So viel Ausrufungszeichen brauchen nicht zehn Setzer zusammen in der politischen Setzerabtheilung des Saales, wie hier deren einer nur aufbraucht.

„Raum ist König!“ sollte die Aufschrift dieser Inseratenabtheilung des Setzersaales der „Neuen freien Presse“ lauten. Hier ist auch der Ursprung, die Fundgrube des Geschäftes dieser bedeutendsten Zeitung Oesterreichs, hier bringt jeder Buchstabe, jedes Zeichen Geld; die Annoncenseite dieses Tageblattes wird bis zu sechshundert Gulden bezahlt und solcher Seiten sind in der Regel fünf, oft acht täglich, an Sonn- und Feiertagen auch zwölf, ja bis zwanzig Seiten. Diese Einnahmen allein ermöglichen aber auch nur die außergewöhnlichen Anstrengungen, die die „Neue freie Presse“ für ihren Inhalt, für ihr Ansehen, für ihr journalistisches Gewicht zu machen hat. Es bedurfte aber auch des raschen Emporkommens, bedurfte einer geistig und geschäftlich weit ausgreifenden Thätigkeit der Unternehmer, bedurfte eines Guttheils bereits erworbenen Ansehens, um die „Neue freie Presse“ auf die Höhe ihrer heutigen geschäftlichen Bedeutung zu bringen.

Verlassen wir diese Goldgrube der „Neuen freien Presse“, der Arbeit und dem Verdienste seine Ernte gönnend, und gehen wir nun in die andern Ateliers. Unweit der Thür, durch die wir in den Saal gekommen, ist der hydraulische Aufzug angebracht, der den fertigen Satz, mittels eines von Wasserdämpfen getriebenen Räderwerkes, schleunigst in die Tiefen des Maschinensaales und der Stereotypie hinabbefördert. Mit Erlaubniß des Gewalthabers aller dieser Räume, des obersten Leiters der Druckerei, setzen wir uns selbst, statt irgend eines gesetzten Feuilletons, auf das hydraulische Fuhrwerk und fahren stracks hinab in die „Hölle“ der Druckerei der „Neuen freien Presse“. Unten in kaum einer Secunde angelangt, empfängt uns Rasseln, Prasseln, Brodeln, Feuerzischeln, Schnurren, Sumsen und was sonst für Lärm nothwendig ist an Orten, wo so gewaltige Teufel los sind, wie diese grandiosen Druckmaschinen sind. Da stehen sie vor uns in dem großen weiten Souterrain-Saale, die ganze gewaltige Mitte einnehmend. Noch sind die Kolosse selbst ruhig, sie schlafen, träumen vielleicht in heller Vorahnung von Napoleon III., Pierre Bonaparte, Rochefort, Bismarck, Beust, Bischof Dupanloup, Pius IX., Bright, die ihnen in nicht ganz einer halben Stunde unter den eisernen Arm kommen werden; die kleinen Räder harren sehnsüchtig der Fortsetzung des gestern abgebrochenen Romans, während sich die großen eisernen Stäbe der Rechen auf die drastischere Kost des Abendblattes, nach Mord- und Raubnotizen zu sehnen scheinen.

Noch feiert Alles im Maschinensaale, einige Burschen und Mägde thürmen die Papierballen auf, die sich in den letzten Momenten ihrer schwindenden Unschuld noch kalte Douchen gefallen lassen müssen; feucht müssen ja alle diese Tausende von Bogen der Zeit- und Tagesgeschichte entgegentreten, so will es die Druckerkunst. In dieser Zeit der Ruhe ist die Dampfmaschine, die in den nebenliegenden Katakomben mit all’ ihrem Zubehör aufgestellt steht, die einzige riesige Arbeitskraft, in ihrem Bauche tobt das Element, dehnt und reckt sich, stöhnt und schreit auf – wir können ihr nicht helfen, gehen wir in die Stereotypie, in der die letzte Hand eben angelegt wird zur Bannung des gegebenen Satzes in eine ruhige feste Form, die letzte Hand zu seiner Vervielfältigung. Ein kleiner niedriger Raum, so recht dämonisch contrastirend von der bläulichen Gasflamme und der grellrothen Esse gemeinschaftlich erhellt, nimmt uns auf.

Was brauen die erhitzten Mannesgestalten wohl da? Da rührt einer von ihnen in einem heißen Brei herum, von dem wir kein Kaffeelöffelchen voll haben möchten; der Andere nimmt von der glühenden Metallspeise aber gleich einen Riesenlöffel voll, freilich nicht zu eigenem Gebrauch, zu eigener Speisung; wir sehen ihn die heiße Speise in eine Gußflasche thun. Eine andere dunkle Mannesgestalt, deren Antlitz wie bronzirt anzusehen, arbeitet entblößten Armes mit Säge und Hobel an einer Platte, deren Abrundung ihm manchen Schweißtropfen kostet; wieder Andere kochen den Metallbrei gar, nähren die Flammen. Das ist eine Werkthätigkeit, so geheimnißvoll, so still vollbracht, so ohne ein von irgend einer Seite fallendes Wort unterbrochen, daß man an das Ungeheuerlichste zu glauben versucht sein könnte, und es wird doch nur – stereotypirt. Der aus der Setzerei hierher gelangte, nur schwach zusammengefügte Schriftsatz erhält hier seine feste Formung, seine Festigung, sowie Consistenz. Er wird hier zu jenen halbkreisförmigen massiven Platten zusammengearbeitet, die man in der Kunstsprache „Clichés“ nennt, welche in der Maschine die angestrengtesten Dienste verrichten, ohne renitent werden zu müssen, und unter Anderem auch den Vortheil haben, daß die Typen vor schneller Abnutzung bewahrt werden.

Das Dasein dieser Clichés ist zwar kurz, denn in zwei Stunden, nach beendetem Drucke, kehren sie unwiderruflich wieder in ihr bleiernes Nichts zurück, d. h. sie werden zu fernerem ähnlichen Gebrauch wieder eingeschmolzen; dennoch erfordert ihre Herstellung große Sorgfalt und zwar wird der Schriftsatz zu diesem Behufe in eiserne Rahmen genau festgeschlossen, mit durch Stärkekleister oder dergleichen vielfach zusammengeklebten Papierblättern belegt und dann einem Drucke ausgesetzt, durch welchen die Schrift in dem aufgelegten Papier sich tief und genau markirt; die so nun gewonnene Papierplatte mit Schriftprägung, Matrize genannt, wird in den Gießapparat, in die „Gußflasche“, gebracht, welch letztere alsdann mit flüssigem, aus Blei und Antimon bestehendem Schriftmetall gefüllt wird, das überall hin und somit auch in die in dem Papier befindlichen (Schrift-)Vertiefungen fließt. Auf diese Art erhält man eine getreue Wiedergabe des aus einzelnen Typen gebildeten Schriftsatzes in einer festen Platte, welche, nachdem sie in die gehörige Halbrundung gebracht und die Seitenflächen abgesägt und abgehobelt worden sind, dem Maschinenmeister [319] zum Druck übergeben werden kann. Fast wie im Handumdrehen ist so eine Platte erzeugt, noch ein paar Minuten und es folgt die zweite, dann rasch die dritte, vierte Platte. Diese vier Platten repräsentiren den Inhalt des ganzen Abendblattes, das nun seinem Drucke entgegengeht. Es ist ein Viertel auf drei Uhr, und wir begeben uns zugleich mit dem neugeformten, vervielfältigten Satze in den Maschinenraum zurück. Vor uns werden die halbrund gegossenen Zeit- und Tagesereignisse, die Depeschen, welche die Welt der Börse, und die Nachrichten von Glücks- und Unglücksfällen, parlamentarischen sowohl, wie socialen und literarischen und artistischen, welche die Welt des Herzens bewegen sollen, in ihrem letzten Unschuldsstadium einhergetragen. Nun werden die Platten in die Maschine – nur eine der zwei ist für die Fabrication des Abendblattes bestimmt – um die beiden großen Cylinder gelegt, welche bereits sehnsüchtigst dieser wichtigen Umarmung harren. In diesen zwei Cylindern der Riesenmaschine ruht die ganze gewaltige Macht ihrer Wirksamkeit. Ihr Erfinder, Howe, hat das Verdienst, die Zeitersparniß, den Zweck jeder Maschine, und besonders einer Zeitungsmaschine, zu eigentlichem Triumphe gebracht zu haben.

Marinoni führte dann die Howe’sche Erfindung des unausgesetzten Druckens der Maschine ihrem Zwecke noch um Einiges näher. Die Leser, die den Proceß des Druckens einer Dampfpresse mitangesehen haben, wissen, daß vor Howe und Marinoni die Presse es nicht dahin zu bringen vermochte, ihren Heimweg zu dem Ausgangspunkt ihrer Thätigkeit ebenso fruchtbar zu gestalten, wie ihren Hinweg zu den Druckwalzen. Die Maschine druckte immer nur auf dem Hinwege zur Walze, die Zeit des Rückweges blieb unausgefüllt, verloren für die Arbeit. Dem hat die Maschine, wie sie vor uns steht, vollends abgeholfen, sie druckt von dem ersten Moment an, da ihr vielfältiges Räderwerk in Gang gesetzt ist, bis zu dem letzten, wo ihr der Dampf entzogen wird, unaufhörlich, ob sie nun hinauf oder hinab läuft. Die beiden um ihre eigene Achse sich bewegenden Cylinder, die wir, von Druckwalzen umgeben, in der Maschine angebracht sehen, sind oben und unten mit den Satzplatten umlegt; die oberen Cylinderscheiben repräsentiren den vervierfachten Inhalt zweier Seiten des Abendblattes, die unteren Cylindertheile repräsentiren wieder die zwei anderen Seiten des Abendblattes, ebenfalls vervierfacht; die Cylinder, einmal in Bewegung um ihre eigene Achse, drucken so immer und immer, oben wie unten, der Proceß ist ein unausgesetzter und ermöglicht den Druck einer Auflage von siebenundzwanzigtausend Exemplaren Abendblättern in fünfzig Minuten, während die Auflage der gleichen Anzahl von Morgenblättern (zwei Doppelbogen) in zwei Stunden und vierzig Minuten zu Stande kommt.

Es ist nach halb drei Uhr, der Maschinenmeister bekommt das Zeichen des Factors, oben kauern die Papiereinleger vor den aufgethürmten Haufen, die Clichés sind sämmtlich (sechszehn Stück) auf den Cylindern angebracht, an den vier Oeffnungen, wo die bedruckten Bogen in reißender Schnelle herausschlüpfen aus der Maschine, hocken Mädchen, die die einzelnen vierfachen Bogen zu empfangen und in eine geordnete Lage zu bringen haben. Noch ein Zeichen und die Maschine reckt sich zu ihrer kolossalen Thätigkeit auf; einige Momente und man hört nur noch die ruhigen, gleichmäßigen Athemzüge, die ihre eisernen Lungen ausstoßen; das Räderwerk hat in seiner ganzen kolossalen Ausdehnung die Arbeit aufgenommen, und zu den vier Oeffnungen, von denen zwei auf der Vorderseite, zwei auf der Rückseite der Maschine sich befinden, kommen bereits die ersten Bogen angeflossen. Man kann es nur einen Fluß nennen, dieses ruhige, glatte Ankommen der Bogen an den gitterartigen Rechen, der sie dann aus der Maschine auszuwerfen hat. Das gleitet so sanft, nachdem es den Cylinder unten wie oben passirt, über die schlanken Stäbe herauf und hinab, daß es eine Freude anzusehen ist. Ruhe kennzeichnet den ganzen kurzen Proceß, und man könnte fast von der Maschine sagen, sie bewege sich und erzeuge mit einer für ihre Dimensionen geradezu erstaunliche Noblesse und Grazie. Wenn die ersten Bogen ausgenommen, tritt in der Papiereinlage ein kurzer Stillstand ein, man besieht den Druck, ob er fehlerlos, ob nicht an den Walzen mit Schwärze etwas nachzuholen sei. Dann beginnt der Cylinder sein großes Werk wieder von Neuem und setzt es ungestört fort. Vorn und hinten, oben und unten fallen die Bogen, vier Exemplare eines Abendblattes darstellend, mit jedem Rucke sechszehn an Zahl, hinaus, und nach Ablauf von fünfzig Minuten ist der ganze große Bedarf der „Neuen freien Presse“ vollständig gedeckt.

Während die zweite Hälfte der Auflage noch unterm Cylinder ihrer Geburt harrt, ist die erste schon in kleinen und großen Ballen in den Expeditionssaal gebracht worden. Hunderte von Händen machen sich eiligst an die Zusammenfaltung, an die Falzung, an die Cartonirung der einzelnen Blätter, andere Hunderte wieder pappen die Adressen auf, wieder andere legen die für den städtischen Bedarf nöthigen Massen zusammen und befördern sie hinaus aus dem Expeditionssaale zu den kleinen Wägelchen, die sie in die Ausgabelocale und auf die verschiedenen Bahnhöfe rasch überführen. Die geräuschvolle Geschäftigkeit und unförmliche Hast der Händearbeit in dem Expeditionssaale ist wiederum ein bildlicher Gegensatz zu der Gleichmäßigkeit und Formruhe der Arbeit im Maschinensaale.

Steigen wir dann eine Treppe höher, als der Setzersaal liegt, so sind wir im Bereiche der Redaction der „Neuen freien Presse“, unter den geistigen Gewalthabern des Blattes, an der Stätte der Materiallieferung für die untere Etage und für das Souterain. Auf einem weit umlaufenden Corridore liegen die Bureaux der Redacteure der einzelnen Abtheilungen und Rubriken des Blattes, das in der Ausdehnung seines Morgenblattes (sechszehn Folioseiten, sechstausend Zeilen Inhalt) einem kleinen Buche fast gleichkommt. Der Redactions-Corridor beginnt mit den Bureaux des „Verantwortlichen“, der Redacteure der Militär- und Gerichtszeitung, der „kleinen Chronik“, der „verschiedenen Nachrichten“, dann kommen die Bureaux der „innere Politik“ treibenden Herren, die Redacteure der Reichsrathberichte, der Communalangelegenheiten, das Bureau des Redacteurs des „Ekonomisten“.

Zwischen allen diesen mit dem größten Comfort und auf’s Eleganteste eingerichteten Abtheilungen und den auf der anderen Corridorseite liegenden Bureaux der Redacteure der Rubrik „auswärtige Politik“, der Rubriken „Paris, London, Berlin“, liegen, nur durch ein für alle Redactionsangehörigen gemeinschaftliches, mit schönen Wandkarten, Globen und einer großen Bibliothek versehenes Lesezimmer getrennt, die Arbeitszimmer der geistigen Oberleiter der „Neuen freien Presse“, der Herren Max Friedländer und Michael Etienne, der beiden Eigenthümer, die zugleich die eigentliche Redaction en chef des Blattes führen, während die administrative Leitung Herrn Werther, dem dritten Eigenthümer, überlassen ist. Wenn wir jetzt in diese eleganten, mit Sprachrohren und elektrischen Telegraphen versehenen Salons der Chef-Redaction einträten, fänden wir keinen von den beiden geistreichen, so überaus gewandten und thätigen Männern. Es ist die kurze Zeit der Ruhe für sie gekommen, und das nächste Morgenblatt ruft und verlangt seinen Mann erst in zwei, drei Stunden wieder. Vielleicht sehen wir uns die beiden interessanten politischen und socialen Großmächte der „Neuen freien Presse“ ein andermal näher an. Es verlohnt sich schon der Mühe, die drei Männer kennen zu lernen, die ein Tagesblatt, das sie am 1. September 1864, also vor noch nicht ganz sechs Jahren, begonnen, in so beispiellos kurzer Zeit zu einer solchen staunenswerthen Bedeutung zu erheben vermochten. Mögen noch so viele gute Sterne bei dem Auffluge der „Neuen freien Presse“ mitgewirkt haben, ihre eigene Kraft, ihr eigener Geist können einen großen Theil des riesigen Erfolges auf ihre gemeinschaftliche Rechnung schreiben. Die Mitarbeiter der „Neue freien Presse“ umspannen fast den ganzen angesehenen Theil des deutschen Schriftstellerstandes.

Es ist vier Uhr und wir verlassen, nachdem wir noch auf die ausgedehnten Ansiedelungen der Administration, Cassa, Buchhaltung im Parterre einen raschen Blick geworfen, das Haus der „Neuen freien Presse“. Unten angelangt, sehen wir die Wägelchen schon alle auf ihrer Heimkehr. Das Abendblatt der „Neuen freien Presse“ ist bereits in vielen Händen und oben wird man bald wieder an das Morgenblatt zu denken haben. Das Dampfrad der Zeit und der öffentlichen Meinung in der „Fichtegasse“ – es steht nicht still!




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Blätter und Blüthen.
Erziehungscharlatanerie. Die Art, wie sogenannte Gesundheitshäuser, Schweizerpensionen am Genfersee, Bade-Administrationen etc. ihre Leistungen auszuposaunen pflegen, ist allbekannt. Wenn aber die heilige Sache der Erziehung, des Jugendunterrichts den Charakter der marktschreierischen Reclame annimmt, so dürfte doch eine ernste Rüge am Platze sein. So lasen wir z. B. kürzlich, daß eine Erziehungsanstalt in einer berühmten Stadt an der Elbe ankündigt: „Beste Lage, großer Garten, Bäder und Arzt im Hause; Conversation englisch, französisch, russisch (!) und deutsch.“ Wahrlich, da glaubt man sich ganz in die Nesselborn’sche Anstalt versetzt, die Karl Gutzkow in seinem neuesten Roman „Die Söhne Pestalozzi’s“ mit köstlichem Humor und lebenswahren Farben geschildert hat, so daß man oft ein photographisches Abbild unserer Zeit vor sich zu haben glaubt. Das von Anfang bis zu Ende spannende Buch verbindet die Erzählung von dem Findling Theodor Waldner, der, einer vornehmen Familie angehörend, vielfach an Caspar Hauser erinnert, in interessantester Weise mit der Geschichte Lienhard Nesselborn’s, eines talentvollen Erziehers, dem, um ein echter „Sohn Pestalozzi’s“ zu sein, eben nur Charakterstärke fehlte. Gutzkow führt so ziemlich Alles, was seit Rousseau bis in die neueste Zeit auf dem Gebiete der Pädagogik erstrebt und leider – gesündigt worden ist, am Auge des Lesers in Bildern vorüber. Werden wir anfangs widerstandslos fortgerissen von Nesselborn’s glühender Begeisterung für die philanthropischen Ideale, so sehen wir später mit Entrüstung, wie ihre so vielversprechende Verwirklichung mit den verschiedenartigsten und theilweise aus den unlautersten Quellen fließenden Hindernissen, namentlich allerdings auch mit dem lichtscheuen Einfluß der Regierungen, zu kämpfen hat. Wenn auch begründet in der rein humanitären Absicht, „die Kindesseele auf Stufen, die immer höher und höher steigen, dem Ideal der Erziehung entgegenzuführen, dem reinen, unverkünstelten, gottähnlichen Menschenthum“, geräth doch die Anstalt allmählich in jenen Zustand, den einer ihrer Lehrer, der mit einer gediegenen wissenschaftlichen Bildung versehene, talentvolle und energische Doctor Hellwig, ein echter „Sohn Pestalozzi’s“, in bitterer Ironie mit den Worten charakterisirt: „Wir sind Handelsanstalt und Polytechnicum! Wir erziehen für’s Gymnasium, die Kriegsschule, für’s Forstfach! Ihr Herr Sohn will Diplomat werden –? Ha, wir lehren die Geschichte à la Ranke! Oder Theolog? Nein, dann lehren wir sie à la – Leo! Bitte, mein Sohn wird Jesuit! Hurrah! Wir bringen Luther in die Walhalla, aber nur – wegen seiner Verdienste um die deutsche Sprache!“ Die fortgeführte Erzählung schildert die marktschreierische Art, wie das Institut die Aufmerksamkeit des Publicums auf sich zu ziehen sucht. Die Schulprogramme, anfänglich von der glühendsten Begeisterung für Pestalozzi’s Lehre eingegeben, sinken allmählich zur Reclame hinunter. Die Zöglinge ziehen in Turnerkleidung, militärisch, mit Trommeln und Trompeten, durch die Straßen der Stadt; sie unternehmen während der Ferien unter Führung ihrer Lehrer Reisen bis in die Schweiz mit ostentationssüchtigen Zwecken; das Institut veranstaltet sogenannte Schülerbälle, ladet junge Damen und die Eltern der Zöglinge ein, worüber sämmtliche Schulzwecke in Verwirrung gerathen. Alle Schattenseiten der Privaterziehungsanstalten, die so oft nur Speculationen für die Existenz ihrer Begründer sind, werden dem Leser so anschaulich vorgeführt, daß man, unabhängig von dem sonstigen unterhaltenden Reiz des Sujets, besonders Eltern, Vormünder und Erzieher auf diesen zu den hervorragenden Erscheinungen im Gebiete der schönwissenschaftlichen Literatur zählenden Roman aufmerksam machen darf.
W. 


Froschhandel. Unter dem Titel „Ausfuhr von Fröschen“ machte jüngst eine Notiz durch alle Zeitungen die Runde, welche die Ausfuhr der Frösche von Luxemburg nach Frankreich als eine ganz außerordentliche schilderte. Danach sollte ein einziger Froschfänger von Vauce in drei Wochen zweihunderttausend dieser Reptilien exportirt haben, welche hauptsächlich nach Reims, Nancy und Paris gegangen wären. Die Frösche, hieß es weiter, würden übrigens ganz versendet und zwar einfach darum, weil ihr Oberkörper und Haut in den feinsten Restaurationsküchen Frankreichs zur Herstellung von – Schildkrötensuppe zu dienen hätten. Auf Erkundigungen hin, die wir bei befreundeter Seite anstellten, erfahren wir nun, daß jene so großes Aufsehen erregende Notiz mindestens auf ungeheurer Uebertreibung beruhe.

„Der Froschfang,“ schreibt ein Freund der Gartenlaube aus Luxemburg, „wird bei uns keineswegs so großartig betrieben als jene Zeitungsnotiz Sie annehmen ließ. Was an Fröschen in’s Ausland geht, ist kaum nennenswerth, kann auch nur in Einzelfällen vorkommen und verdient am allerwenigsten den Namen Froschausfuhr im eigentlichen Sinne des Wortes. Ein heimathlicher Naturforscher sprach sich ungefähr in demselben Sinne gegen mich aus. Er fügte hinzu, daß die ganze Art in drei Jahren hierlands vertilgt wäre, wenn jährlich zehntausend Stück getödtet würden.

Im Großherzogthum Luxemburg kommen Frösche nur an wenigen Orten vor, und zwar in Sümpfen, wo man sie weder pflegt, noch sich die Mühe giebt, sie auszurotten. Einzelne Besitzer großer Weiher, worin Fische gar nicht oder schlecht gedeihen, dulden auch wohl Frösche darin, doch werden dieselben von Jedem nach Belieben weggefangen. Dies geschieht vorzüglich in der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern, während welcher den gläubigen Katholiken der Fleischgenuß untersagt ist; diese verzehren dann Frösche in Abwechslung mit Fischen. Dagegen verzichtet man fast gänzlich auf jene Amphibien im Sommer und gegen den Herbst, obschon ihr Fleisch um diese Zeit am schmackhaftesten ist. Dies gilt besonders von den wenig zahlreichen Grasfröschen, welche sich im Sommer auf feuchten Wiesen und fetten Aeckern aufhalten, aber nur selten feil geboten werden.

Der Fang wird mit den Händen oder durch Fischgarne bewirkt. Ist er gelungen, so werden die Gefangenen auf ein Brett gelegt, und man schneidet ihnen mit dem Messer den Oberleib ab; denn nur die Hinterbeine werden gesammelt und benutzt, nachdem man auch noch die Zehen entfernt hat. In diesem Zustande werden sie dann gereinigt und zu Markte gebracht. Man bezahlt hier zwölf bis fünfzehn Neugroschen für hundert Stück während der Fastenzeit; im Sommer bis zu zwanzig Groschen. Die Zubereitung geschieht auf zwei Arten. Entweder werden sie in heißem Wasser gar gekocht und mit einer Sauce von Mehl und Sahne servirt, oder sie werden trocken geröstet. Ihr Fleisch ist äußerst zart und weich, und sogar schmackhafter als Stockfisch und Laberdan; aber die vielen kleinen Knochen ermüden den Esser, und man braucht geraume Zeit, um satt zu werden.

Ob es eine besondere Art der Verpackung giebt, um den genießbaren Theil des Frosches weiter zu transportiren und längere Zeit aufzubewahren, ist mir nicht bekannt. Soviel ich in Erfahrung bringen konnte, übt man den Froschfang nur im Verhältniß zum inländischen Verbrauch.

Ein lohnenderes Geschäft als mit Fröschen betreibt jedoch mancher Jagdliebhaber mit Krammetsvögeln, deren besonders im Herbst und Frühjahr viele in den Ardenner Wäldern gefangen, verkauft und in’s Ausland verschickt werden.“




Für Badereisende nach Wildungen. Einer meiner Jugendfreunde kehrte nach langjähriger Abwesenheit im vorigen Sommer nach Deutschland zurück, um Heilung oder Linderung eines höchst schmerzhaften Leidens in ebengenanntem Bade zu suchen, dessen Mineralquellen Eigenthum der fürstlich waldeckischen Domäne und von dieser an eine Actiengesellschaft verpachtet sind. Der Kranke litt schwer, war fast aufgegeben, als er hinkam, und starb auch daselbst. Sein und der Seinigen einziger Trost war ein Arzt, der sich des Kranken mit aufopferndster Menschenfreundlichkeit annahm; aber die Erleichterung, welche er dem Leidenden gewährte, war oft, namentlich des Nachts, unerreichbar, weil der Verwaltungsrath der Actiengesellschaft verboten hatte, an auswärtige Aerzte, sobald sie dort Kranke behandeln wollten, Wohnungen in den zum Bade gehörigen Gebäude, in denen der Leidende seinen Aufenthalt genommen hatte, zu vermiethen. Jener Arzt war, obwohl er selbst als Curgast in dem Badehause sich befand, aus dem Badehause, in welches er sich zuerst eingemiethet hatte, ausgewiesen worden, wobei ihm jene Bestimmung des Verwaltungsrathes als Grund der Wohnungskündigung angegeben wurde.

So wurde in einem öffentlichen weltberühmten Bade, trotz der Freigebung der ärztlichen Praxis, einem Kranken der Trost und die Linderung seiner letzten Tage verkümmert, weil er die Hülfe verlangte, der er vertraute, statt sich von dem Verwaltungsrathe den Arzt octroyiren zu lassen, den dieser unter den einheimischen ausgewählt und dem er Wohnung im Badehause gegeben hatte! So stempelt der Verwaltungsrath einer Actiengesellschaft die gesetzlich erlaubte Ausübung der Wissenschaft bei Auswärtigen zu einer Uebelthat, die ihn berechtigen soll, Wohnung im Badehause zu versagen, die er jedem Andern bereitwilligst gewährt!

Es ist sicher unerhört, daß in einem öffentlichen Bade den Curgästen die unermeßlichen Vortheile entzogen werden sollen, welche ihnen die Freigebung der ärztlichen Praxis gewährt; daß man ihnen die Chance der Heilung vermindert, indem man auswärtige Aerzte systematisch zurückzuhalten sucht! Es ist grausam, Anordnungen zu treffen, welche den ausgesprochenen Zweck haben, Leidenden die ärztliche Hülfe, der sie vertrauen, zu erschweren oder unerreichbar zu machen; ihnen indirect einen Arzt aufzuzwingen, den sie unter solchen Umständen nur mit Mißtrauen ansehen können!

Möge der Verwaltungsrath bald die hier nöthigen Aenderungen treffen! Möge er für die Zukunft lediglich das große Princip der Menschlichkeit und die Freiheit der Wissenschaft im Auge haben!




Eine Volkswaffe gegen Rom. Als eine solche bezeichnen wir die bei Otto Wigand soeben erschienene Flugschrift: „Papstthum und Concil. Antwort auf die einundzwanzig Canones als Mahnruf an das deutsche Volk zur Abschüttelung des Jochs römischer Herrsch- und Habsucht“, welche die unleugbaren Krebsschäden der katholischen Kirche rücksichtslos aufdeckt, ohne jedoch eine vernünftige religiöse Ueberzeugung anzugreifen oder zu verletzen. In der Einleitung giebt sich Verfasser als Katholik zu erkennen: daß er von einem ebenso gebildeten als wohlwollenden Geiste beseelt ist, zeigt jede Seite des trefflichen Schriftchens, namentlich aber sein Ausspruch: „Wer für Verbreitung der Humanität arbeitet, der darf sich am wenigsten der Inhumanität schuldig machen, dem Lahmen seine Krücke zu entreißen, ohne ihm eine bessere Stütze geben zu können.“ Sein bester Zeuge gegen die Ansprüche von Papst und Concil ist die Geschichte. Wenn er erzählt, wie viele Päpste sich in Glaubenssachen gegenseitig und nacheinander verdammt, wie viele Päpste in ihrem Leben wahrhafte Scheusale von Unsittlichkeit, ja Verbrecher der furchtbarsten Art gewesen, so hört doch wohl „die Unfehlbarkeit“ solcher Menschen auf, der Gegenstand einer ernsten Unterhaltung zu sein. Wir lesen die kleine handliche Flugschrift vom Anfange bis zum Ende mit steigendem Interesse und werden Schritt vor Schritt geführt durch eine Reihe von Fragen dieser aufgeregten Zeit, deren wichtigste sind: Ziele der gegenwärtigen Kirchenversammlung, Päpstliche Unfehlbarkeit, Wichtigkeit der wissenschaftlichen Forschung, Sittliche Zustände zur Zeit der größten Gläubigkeit, Geistliche Art der Gütererwerbung, Schamlosigkeit in der Erfindung von Reliquien, Käuflichkeit gottesdienstlicher Handlungen, Päpstliche Erfindung und Einträglichkeit der Jubeljahre, Päpstlicher Pallium-, Annaten- und Aemterhandel, Erträglichkeit der päpstlichen Bannflüche.

Diese Volkswaffe ist auch billig und darum geeignet, in recht viele Hände zu kommen, was im Interesse der Erhaltung der geistigen Gesundheit der Nation nur zu wünschen ist.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.