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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[177] No. 12.
1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 15 Ngr.     Monatshefte à 5 Ngr.


Die Herrin von Dernot.


Von Edmund Hoefer.
(Fortsetzung.)

Ueber einen Scherz ging der seltsame Fall aber immer weiter hinaus, als Mittags der Kutscher mit dem leeren Wagen zurückkam und berichtete, daß er die Damen durch die Residenz bis zu einem jenseits gelegenen ärmlichen Dorfe habe fahren müssen; Fräulein Eugenie habe ihm den Namen genannt und Richtung und Wege angegeben. Dort seien sie abgestiegen, er habe den Koffer absetzen müssen und dann Befehl erhalten, zurückzufahren und in der Residenz zu füttern. Seine bescheidenen Vorstellungen seien kurz abgewiesen worden, und nicht anders sei es der Zofe ergangen, welche sehr unruhig gewesen und verweinte Augen gehabt habe.

Auf diese Nachrichten rang Tante Kunigunde die Hände, verfiel der Kammerherr in ein mißbilligendes Erstaunen und faltete selbst der Baron seine Stirn. „Das geht allerdings über den erlaubten Uebermuth hinaus,“ sagte er. „Es wohnt meines Wissens dort Niemand von unseren Bekannten. Was können sie vorhaben? Und – hm, was mir einfällt! – Beide haben sich neulich ihr Nadelgeld[WS 1] auf ein Vierteljahr vorauszahlen lassen!“

Tante Kunigunde stieß einen hellen Schrei aus. „O Bruder, sie sind verloren! Und wir – wir unglücklich für’s ganze Leben!“ jammerte sie.

„Freund, da muß man wahrhaftig Anstalt machen – die unglücklichen Kinder!“ sagte der Kammerherr.

„Geduld, Geduld!“ sprach der Baron schon wieder mit der gewöhnlichen ruhigen Fassung. „Ich erwarte heut’ noch meinen Neffen Joseph, Eugeniens Bruder, der soll ihnen nach. Es macht weniger Aufsehen, woran uns um ihret- und unsretwillen gelegen sein muß. Käme er nicht – nun, dann würde ich selbst morgen früh fahren und ein Exempel statuiren. Aber es kommt nicht dazu, hoffe ich. Es wäre ja mehr als Tollheit!“

„Ja, die Eugenie!“ stöhnte die Tante beinahe weinend. „Ach, Esperance, mein Kind, daß Du Dich so verführen lassen kannst!“

Der Tag war dem Baron nicht günstig, auch seine letzte Berechnung traf nicht zu. Der Wagen, den man dem Neffen in die Residenz geschickt, kam leer zurück, und der Brief, den die Posttasche von dem Erwarteten brachte, war auch nicht geeignet, des Barons Stimmung zu verbessern. Joseph war auf der Rückkehr aus der Schweiz in Mannheim mit Bekannten zusammengetroffen und hatte sich von ihnen bereden lassen, in ihrer Gesellschaft noch eine Rheinfahrt bis Köln zu machen. Das Vergnügen gönnte der Onkel dem Neffen gern, allein wann kam derselbe nun zurück? Und der Gedanke, nun wirklich selber den Entflohenen nachreisen zu müssen, wodurch die „Dummheit“, wie er es jetzt zürnend hieß, nur immer bekannter wurde, erregte den alten Herrn so sehr, daß selbst Tante Kunigunde von ihrem Jammer schwieg und den Bruder zu beruhigen suchte. Sie wußte am besten, wie sehr man sich mit ihm in Acht nehmen mußte, wenn man die gewöhnliche Ruhe und Fassung nicht auch jetzt noch einmal plötzlich in das gerade Gegentheil umschlagen sehen wollte. Es gab, wenn auch seltene Beispiele, die erschreckend genug bewiesen hatten, daß der alte Dämon noch immer nicht ganz besiegt und ausgetrieben sei. Er schlummerte nur, und es bedurfte zuweilen sehr wenig, ihn erwachen und sich finster aufbäumen zu lassen. Davon sollte man, trotz Kunigundens Vorsicht und des Kammerherrn ihr bereitwillig geleisteter Hülfe, noch heut’ eine Probe erhalten.

Gegen Abend, als die drei alten Leute im kleinen Salon mißmuthig beieinander waren und das Schweigen gar zu drückend wurde, sagte der Kammerherr, der bisher, zuweilen mit verhaltenem Gähnen, in den Zeitungen geblättert hatte, plötzlich lebhafter: „Ei, ei, Baron, wir haben ja noch gar nicht darüber gesprochen! Was sagen Sie denn zu diesen Vorgängen in Berlin, dem vereinigten Landtag mit all’ seinen Rednern und Reden, und –“

„Sie sprechen es aus, Brose: Redner und Reden,“ warf der Baron hin, ohne seine Promenade durch das Gemach zu unterbrechen; aus seinem Tone schon konnte man abnehmen, wie verstimmt er war. „Oder allenfalls, wie jenes Witzwort es bezeichnete: eine Examinationscommission für die Herren Minister, die schlecht genug bestanden.“

„Unser Allergnädigster meinte einmal: diese – diese Zustände erinnerten ihn ganz seltsam an jene Notabeln von Anno siebenundachtzig,“ bemerkte Brose nach einer Weile nachdenklich.

„Notabeln – Anno siebenundachtzig – in Deutschland, Preußen – bah!“ erwiderte Treuenstein wegwerfend. „Sturm in einem Glase Wasser! – Man gießt es aus, da ist’s vorbei.“

Tante Kunigunde winkte dem Kammerherrn mit den Augen zu. Der Ton, in dem der Bruder das sagte, und noch mehr die aus seinen Worten hervorbrechende verächtliche Zurückweisung eines in seinen guten Stunden von ihm selbst für nothwendig und billig erkannten Nachgebens und Fortschreitens erschreckten die würdige Dame nicht wenig, es mußte bös in dem Baron aussehen! und sie athmete ordentlich erleichtert auf, als in diesem Moment die Thür geöffnet wurde und Herr von Heimlingen hereintrat. Der junge Nachbar war, wie verhältnißmäßig kühl Treuenstein [178] sich vorhin auch über ihn geäußert hatte, der Familie neuerdings so nahe getreten und ein so häufiger Abendgast geworden, daß die formelle Meldung durch einen Diener meistens unterblieb.

Man begrüßte sich – von Seiten der Hausgenossen und selbst des Barons mit einem gewissen erleichternden Aufathmen; Tante Kunigunde fand ein schmeichelhaftes, Treuenstein ein neckendes Wort, der Kammerherr entdeckte zu seiner vollsten Genugthuung, daß die Eltern des Ankömmlings ihm bekannt gewesen und daß seine Mutter für eine der ersten Schönheiten ihrer Zeit gegolten. Der junge Mann ging auf Alles heiter und schicklich ein, und die Hausgenossen fingen an, sich wenn auch nicht behaglich, doch beschwichtigt und von dem verdrießlichen Thema des Tages abgezogen zu fühlen. Man lachte sogar herzlich über ein paar vertraulich vorgetragene neue Hofanekdoten.

In einer kleinen Pause ließ Heimlingen sein Auge suchend das Gemach durchfliegen, und indem er den Blick dann über den Baron hin zu Tante Kunigunde zurückgleiten ließ, sagte er leichthin: „Ihre jungen Damen scheinen von ihrem geheimnißvollen Ausfluge noch nicht zurückgekehrt zu sein, mein gnädiges Fräulein?“

Tante Kunigunde erschrak so sehr, daß sie die Tasse des Kammerherrn, die sie eben von Neuem an der Theemaschine füllte, beinah hätte fallen lassen. Wie kam der Nachbar zu dieser Kenntniß, und nun auch so unglücklich damit heraus? Auf des Bruders Stirn zeigte sich wahrhaftig schon die nur zu wohlbekannte, jähe Röthe, und ein paar tiefe Falten erschienen noch bedenklicher – wenn die während des ganzen Tages angesammelte Gereiztheit nun doch und gerade vor Heimlingen zum Ausbruch kam! –

Sie warf einen flehenden Blick auf den Bruder, zu Brose hinüber, als könne und müsse der eine Diversion versuchen. Aber indem fügte das Unglückskind von Nachbar schon harmlos hinzu: „Das Adieu, das die Herrin von Dernot dem Rittmeister Seebach zurief, war also, wie es scheint, recht ernst gemeint! – Diese Reise ist aber sehr rasch gekommen. Vorgestern wenigstens erwähnte die schöne Herrin –“

„Mein werther Herr Nachbar,“ unterbrach ihn der Baron, und seine Stimme vibrirte so eigenthümlich, daß die Schwester noch stärker zusammenzuckte und der Kammerherr ganz bestürzt aufschaute, „vor Allem bitte ich Sie, diesen albernen Sobriquet aufzugeben; es wird hoffentlich niemand meiner Tochter den Namen Treuenstein streitig machen und sie selbst sich dessen nie zu schämen haben –“

„Aber, Excellenz,“ sagte Heimlingen erschrocken.

„Verzeihen Sie,“ unterbrach der Baron ihn jedoch ungeduldig. „Ich mußte das einmal sagen, das Wort ist mir fatal – freilich, hier im Hause weiß man das längst und ärgert mich dennoch damit. Allein genug davon! Sie sprachen von einem Ausfluge und einem Adieu meiner Tochter zu Herrn von Seebach. Wie habe ich das zu verstehen?“

Wir wissen nicht, ob Heimlingen sich mehr nur bestürzt oder wirklich auch verletzt fühlte durch diesen noch nie vernommenen und sicherlich durch nichts gerechtfertigten Ton des Hausherrn. Jedenfalls klang seine Stimme bewegt, da er entgegnete: „Excellenz, ich bedauere unendlich, ein Ihnen nicht angenehmes Thema berührt zu haben. Ich war heut’ Morgen in der Stadt und erfuhr von Seebach, daß er, ganz früh mit der Schwadron ausrückend, dem Wagen der beiden Damen begegnet sei und von einer derselben – er meinte, von Fräulein von Treuenstein – ein munteres Adieu vernommen habe. Ich wollte ihm das nicht glauben – es war ja bisher gar keine Rede von einem solchen Ausfluge.“

Die verhältnißmäßig lange Rede und der artige Ton des Nachbars, Kunigundens bittender Blick und die sichtbare Mißbilligung Brose’s hatten den Baron vielleicht im Verein mit dem Bewußtsein, daß er zu weit gegangen und obendrein die verlangte Geheimhaltung selber fast unmöglich gemacht, sich inzwischen wieder fassen lassen. „Mein werther Nachbar,“ sprach er daher auch um Vieles milder, „halten Sie mir meine Worte zu gut. Sie finden uns Alle verstimmt, und ich bin es am meisten, weil die beiden thörichten Kinder fast ein wenig gar zu stark auf meine Nachsicht gesündigt haben. Dieser Ausflug war besprochen und auch gewissermaßen erlaubt – zum Vetter Gentheim auf Moosen –, aber erst in einigen Wochen. Und nun fahren sie, ohne uns zu avertiren, schon heut’ und bei Nacht und Nebel davon.“

Heimlingen lächelte wieder. „Wenn man die Ehre hat, Fräulein von Treuenstein und besonders Fräulein von Herrenroth zu kennen, so dürfte –“

„Siehst Du, Bruder, auch Herr von Heimlingen nennt unsere Nichte die Anstifterin!“ rief Kunigunde lebhaft dazwischen.

„Bah, bah! Gleiche Brüder, gleiche Kappen!“ sagte der Baron hörbar von Neuem ungeduldig. „Ich werde ein Exempel statuiren. Die dummen Kinder müssen denn doch ihren Herrn – was giebt es, Ernst?“ unterbrach er sich, gegen den alten, eben eintretenden Kammerdiener gewendet.

„Excellenz, es ist eben ein Feldjäger angelangt mit einem eigenhändigen Schreiben Seiner königlichen Hoheit, das er Befehl hat, Euer Excellenz selber zu übergeben,“ meldete der Diener.

Der Hausherr zuckte die Achseln. „So entschuldigt mich, meine Herrschaften,“ sprach er, „da ist freilich nicht zu säumen, obgleich ich mir nicht denken kann, was Serenissimus mir augenblicklich befehlen könnte. – Ich hoffe in der That nichts Besonderes – es träfe sich in diesem Moment wirklich recht ungeschickt. Ich denke gleich wieder da zu sein!“ und der Gesellschaft zunickend, verschwand er durch die Thür seines anstoßenden Cabinets.

Die Zurückbleibenden, oder vielmehr der Kammerherr und Herr von Heimlingen, setzten die Unterhaltung fort, so gut es gehen wollte, wobei die gedachte Bekanntschaft des Ersteren mit den Eltern des jungen Mannes, so wie allerlei Zustände und Verhältnisse der beiden Höfe glücklicherweise einen ziemlich ausreichenden und unverfänglichen Stoff liefern konnten. Fräulein von Treuenstein zum mindesten dankte ihrem Gott dafür innerlich auf das Innigste, denn sie fühlte sich zu jeder ergiebigen Betheiligung an dem Gespräch beinah unfähig. Heimlingen’s Erscheinen gerade am heutigen Tage hatte schon ihre mühsam errungene Fassung gefährdet, und des Bruders Heftigkeit, des Gastes Erklärung, Leopold’s Ausrede, die sich so leicht als unwahr erweisen konnte, – alles dies hatte bunt durcheinander ihr Stoß auf Stoß gegeben und wirkte, je länger sie es durchgrübelte, desto schlimmer nach.

Dazu kam nun noch die Botschaft des Fürsten, die nicht gerade gewöhnlich genannt werden konnte, und das Ausbleiben des Hausherrn. So still, wie es zuweilen in dem kleinen Kreise wurde, hörte man trotz der festen Bauart des Hauses nicht nur den Hufschlag, da der Bote wieder fortritt, sondern auch den Schritt des Barons, der in seinem Gemach unaufhörlich unruhig auf und ab zu gehen schien. Dies machte nach und nach selbst auf die beiden Herren einen unbehaglichen Eindruck, und Heimlingen schied endlich, für die Hausgenossen kaum zum Trost. Denn Beide sagten sich und sprachen es auch gegen einander aus, daß der Nachbar nothwendig gemerkt haben müsse, wie nicht Alles recht sei. Dazu erinnerte sich die Tante, daß der „Liebling“ Neuigkeiten zu erfahren und auch zu verbreiten liebe – mit dem Geheimniß war es sicherlich also schon morgen zu Ende, denn über Heimlingen herrschte man nicht wie über die Leute im Hause. Das hatte gerade noch gefehlt! Die unseligen Kinder!

Der Hausherr erschien erst zum Abendessen wieder, er war finster und still; und da der Kammerherr einen kleinen Scherz versuchte und fragte, ob man vielleicht zu einer besonderen Gnade gratuliren dürfe, – versetzte der Baron mißmuthig: „Seid nicht thöricht, Brose, und macht mir nicht auch noch den Kopf kraus. Gnade oder nicht Gnade – Erfreuliches kommt mir von dort nicht. Gleichviel aber – sprechen darüber kann ich nicht,“ fuhr er nach einer Weile fort und sein großes braunes Auge heftete sich auf den Gast mit einem, man hätte fast sagen mögen, herzlichen Blick. „Aber etwas Anderes muß ich sagen: Ihr könnt mir einen Freundschaftsdienst leisten – wir sind ja uralte Freunde! – Ich kann morgen diese unsinnige Entdeckungsreise nicht mitmachen – ich muß zum Herzog und weiß nicht, ob ich vor einigen Tagen frei sein werde. Ihr müßt allein fort, Brose – die dummen Kinder müssen wieder her! Ich gebe Euch meinen alten Leibjäger Jonas mit – der ist Beider Vertrauter und kennt sie besser als wir und obendrein Weg und Steg im ganzen Lande.“

„Aber, mein bester Treuenstein!“ wandte der Kammerherr schüchtern ein.

„Machen Sie keine Winkelzüge, Brose,“ unterbrach ihn der Baron entschieden – schon das plötzliche „Sie“ zeigte das Ende der Vertraulichkeit. „Ich muß und Sie müssen. Und wenn Sie wirklich noch der alte Freund sind, sitzen Sie morgen früh sechs Uhr auf dem Wagen. Ritterdienst, Brose!“

[179] Der Kammerherr nahm seufzend seine Prise und schüttelte fast schwermüthig das kleine Haupt.

Als der Gast zur Ruhe war, Tante Kunigunde aber noch sehr unruhig und mit nervösem Händeringen in ihrem Zimmer hin und her ging, wurde sie durch den plötzlichen Eintritt des Bruders überrascht.

„Sei still und mache keinen Lärm,“ sagte er, da sie Miene machte, ihren Schreck laut werden zu lassen, in scharfem Tone. „Ich komme nur, um Dir zu zeigen, was ich heut’ Abend erhalten habe, und Dich zu fragen, ob Du das verstehst. Da, lies das einmal,“ fügte er hinzu, ihr den fürstlichen Brief reichend, sichtbar ungeduldiger von Minute zu Minute, da die würdige Dame vor Allem sich schamhaft in ein großes Tuch hüllte – den Kragen, der tagsüber ihren Hals noch über dem Kleide beschirmte, hatte sie schon abgelegt –, dann die Brille suchte, abwischte, aufsetzte und nun erst zu lesen begann.

„Mein lieber Baron von Treuenstein,“ schrieb der Fürst, „es wurde heute eine Schrift in meine eigene Hand gelegt, die ich Ihnen communiciren möchte, weil sie nicht nur Ihre Herrschaft Dernot betrifft, sondern auch Vorgänge und Ereignisse heranzieht, die, wenn sie wahr sein sollten, unter meinen und Ihren Vorgängern stattgefunden haben müssen. Mir ist von diesen Dingen gar nichts bekannt, und Ihnen wird es vermuthlich nicht anders gehen. Kommen Sie morgen zu mir, damit wir der Sache gemeinsam nachforschen und überlegen, wie man ein Aergerniß, aber auch eine Ungerechtigkeit vermeidet.

Excellenz, ich bin wie immer Ihr freundlich gesonnener

Wilhelm, H.“

Kunigunde ließ das Blatt auf den Tisch sinken und sah, unwillkürlich ihr Tuch zusammenziehend, den Bruder wie völlig betäubt an. Er hatte inzwischen seine Ungeduld überwunden und stand vor ihr in seiner gewöhnlichen, ruhigen, festen Haltung. Da ihr Schweigen aber gar zu lange währte, sagte er endlich mit festem, man hätte sagen mögen, eiskaltem Blick: „Verstehst Du das? Du mußt auch davon gehört haben!“

„Aber, gerechter Gott,“ brach sie jetzt aus und zitterte dabei so, daß das Tuch von ihren Schultern sank; „es war ja Alles in der besten Ordnung! Der Großonkel starb ohne Testament, der August hat niemals ernstliche Ansprüche gemacht. Er ging freiwillig fort und soll ja längst gestorben sein. Anders – anders ist es mir –“

„So, so,“ unterbrach er sie, und sein Blick war noch ebenso kalt und sein Ton frostig, beinah geschäftsmäßig, „daran denkst also auch Du. Ich that das anfangs auch, dann kam mir aber noch etwas Anderes in den Sinn, von dem Du vielleicht nicht gehört hast. Serenissimus schreibt hübsch vorsichtig, es ist daher gut, gegen alle Schläge gerüstet zu sein. Selbst Du siehst aber ein, daß hier von Säumen, von Ausweichen keine Rede sein darf. Ich muß zum Fürsten und kann nicht wissen, was weiter nothwendig sein wird; vielleicht muß ich gar nach –“ und seine weißen Brauen zogen sich für einen Moment fest zusammen, „nach dem Nest hinüber. Die Kinder muß ich Brose überlassen, – dies geht über Vaterpflicht und Vaterliebe hinaus. Du aber hier – halte Deine Sinne zusammen und laß nichts unbeachtet, man machinirt gegen uns. Melde mir Alles, schicke mir alle Briefe in unser Haus. Man wird dort stets von mir wissen. Und wenn die Kinder kommen,“ fügte er fast milde hinzu, „sage ihnen die Wahrheit und zwar recht ernstlich. Dann aber laß es auch genug sein. Adieu, Schwester.“

Am folgenden Morgen zur bestimmten Stunde fuhr der Kammerherr seufzend zur Residenz und weiter, und auch der Trost, den er anfangs in der Begleitung des Barons zu finden gemeint, wurde ihm verkümmert, denn Treuenstein sprach unterwegs fast gar nicht.




3. Ausgeflogene Vögel.

Droben auf der Höhe waren sie nun freilich, und unter anderen Umständen hätten sie sich auch des Platzes und der von ihm aus sich öffnenden Aussicht wohl erfreuen dürfen. Zur Rechten wie zur Linken breitete sich neben der Hügelreihe, deren höchsten Kamm sie glücklich genug getroffen, ein Thal aus, von dessen Fruchtbarkeit die Felder zeugten, die nun schon allerdings abgeerntet, hier und da aber auch bereits von Neuem bestellt waren, dessen Matten noch ein tiefes, sattes Grün zeigten, während die freilich schon vielfach gelichteten Waldstrecken in so frischem Laube standen, als sei der Herbst noch lange nicht bis zu diesen Revieren gelangt. Rechts herrschten diese Wälder vor, sie kletterten die Hügel hinan und stiegen auch hin und wieder auf der Gegenseite ein wenig hinab, so daß man nur durch die Lichtungen einen Ausblick erhielt auf einzelne Felder, Wiesen und neue Waldungen; links waren von ihnen aber nur noch vereinzelte Gruppen und Gebüschstrecken übrig geblieben, und der Blick schweifte ungehindert hinaus über die volle Thalweite bis zu ihrem Hintergrund von bewaldeten Hügeln.

Nach vorn hinaus, wo die Hügelreihe zu Ende lief, mochten sich die Thäler vereinigen. Man sah weit, weit hin über stille Gründe. Und immer enger wurde der Raum und immer enger, denn von beiden Seiten traten dort nicht mehr Hügel, sondern schon wirkliche Berge heran, und hier und dort ragte aus dem dunklen Grün ihrer Tannen eine kahle, rauhe Kuppe trotzig hervor. Und dann kamen höhere Gipfel und immer höhere – das Waldgebirge war also wirklich endlich vor ihnen, nach dem sie nun schon lange vergeblich ausgeschaut. Und die Luft war so seltsam klar, daß selbst das Fernste nahe gerückt erschien, daß sie an den Felsenstirnen drüben, die vom Sonnenlicht zum Theil noch scharf beleuchtet wurden, die Sprünge und Abstürze schroff hervortreten sahen, und trotz des Schattens, der dort herrschte, die fernsten Matten erkannten, die in schmalen Streifen sich zwischen dunklen Tannensäumen bergaufwärts drängten.

Allein von Menschen sahen sie nichts, und von ihren Wohnungen ließ sich weder nah’ noch fern etwas entdecken; es zeigte sich nirgends etwas, das einer Straße, einem wirklichen, häufiger benutzten Wege ähnlich gesehen hätte, denn den Waldpfad, auf den sie zuletzt gerathen waren, konnten sie kaum dafür gelten lassen, und wo sie von ihm zur Höhe hinaufgestiegen, war er ja auch anscheinend völlig zu Ende gewesen. Rechts aus dem Thal kam zwar eine Art von Fußsteig herauf und lief über ihre Höhe links wieder hinab; allein auch er schien nur wenig betreten zu werden und es mochte ihn vielleicht nur ein Forstmann benutzen, der das Revier beging, oder wer Beeren sammelte oder Kräuter. Die fragen nicht nach der Nachbarschaft der Menschen, noch nach Entfernung und Bequemlichkeit ihres Pfades. Und wie man auch horchte, nirgends ließ sich ein Laut vernehmen, war es doch selbst im Walde todtenstill.

Der Platz war in Wahrheit wundersam günstig gelegen und wie geschaffen zu einem Ruhepunkt für Jemand, der, müde vom Wandern, Zeit findet, ein wenig zu säumen, und neben den Gliedern auch Augen und Herz sich ruhen und erfrischen lassen will, Müde aber waren sie, die hier ruhten, das merkte man wohl, wenn man sie so lässig hingestreckt sah an der moosigen Wurzel der uralten Eiche, oder auf dem feinen Grase, das einen Theil des Hügels überzog. Und daß sie auch Augen hatten für das, was sich vor ihnen aufthat, und daß ihre Herzen sich des Zaubers bewußt waren, der sie umgab, das durfte man gleichfalls glauben. Da sie die Höhe erreicht hatten, war eine Stimme laut geworden, jung und frisch und mit innigem Klang: „O, wie schön! Wie zauberhaft schön! Lohnt das nicht alle Mühe?“ – Und eine andere, nicht minder reine, hatte hinzugefügt: „Ja – zauberhaft, das ist’s! Laß uns hier ein wenig säumen.“

Und daß sie das wirklich thaten, schon das sprach für ihre Müdigkeit nicht nur, sondern auch für den Zauber des aufgerollten Bildes; mancher Andere dürfte nach kurzer Umschau nur um so rascher weitergeeilt sein. Denn jetzt, da sie weit hinausblicken konnten, erkannten sie, daß der Schatten, welcher über die Gegend gekommen, wirklich den Grund hatte, den die Schwüle des Tages sie bereits hatte fürchten lassen: rechts, hinter den Waldbergen hervor, stieg das Gewitter höher und höher mit gewaltigen, düsteren Massen, die Sonne hatte es schon bedeckt und die Wolkenspitzen drängten sich schreckhaft schnell über den Zenith in den Osthimmel hinüber. Und immer schwärzer noch quoll es von drunten nach, und jetzt zuckte dort der erste Blitz. Den Donner freilich konnte man noch nicht vernehmen.

„Na ja, da ist’s! Dies fehlte uns noch gerade!“ sagte der junge Mann, der bei der Gesellschaft war, und erhob sich von der Eichenwurzel, wo er bisher geruht. „Ich habe von Anfangs an diese Thron- und Krönungsfahrt für eine exquisite Thorheit gehalten und mich laut und leise wegen meiner Schwäche gegen Euch angeklagt. Nun aber – en avant, Mesdames! Oder [180] wollt Ihr Euch und mich hier auf diesem angenehmen Punkt von dem Wolkenbruch ertränken lassen?“

„Wie unlogisch, Joseph!“ klang die lustige Antwort. „Das würde doch drunten im Thal noch viel früher stattfinden! – Aber Dein Schelten ist ganz überflüssig, denn geht’s uns eine Viertelstunde schlecht, so ist kein anderer Mensch schuld daran als Du.“

„Ich? Wie logisch, Cousine!“ rief er lachend aus.

„Freilich ist’s logisch,“ versetzte die Dame munter. „Hättest Du uns die hübschen Männerkleider anlegen lassen, gestrenger –“

„Damit die Thorheit zur Tollheit geworden wäre und die Leute uns erst recht für Vagabunden gehalten hätten! Sie haben uns, mein’ ich, ohnehin schon mit ganz curiosen Augen angesehen!“

„Wie unlogisch, Joseph! So veraltet ist das Fußwandern doch noch nicht, daß drei junge Burschen –“

„Bursche? Der Teufel hätte Euch für Bursche gehalten! Wäret Ihr wenigstens wie Tante Kunigunde, da hättet Ihr doch einen Bart.“

„Wie unartig, Cousin! Schäme Dich!“

Das Gespräch war lebhaft und rasch geführt worden, trotzdem hatten aber die paar Minuten hingereicht, die Wolken immer drohender heraufrücken und sich entwickeln zu lassen, und da eben einem neuen, grelleren Blitz ein wirklich hörbarer Donner folgte, ließ der junge Mann die letzte Bemerkung der Dame unbeantwortet und sagte eifrig und in besorgtem Tone: „Vorwärts, Kinder, vorwärts – rasch! Es wird mehr als ernst, scheint’s! Und kein Obdach in der Nähe!“

Die dritte Person, welche sich auf der Höhe befand, hatte auf das Gespräch der anderen Beiden anscheinend wenig geachtet. Auf dem Rasen gelagert und den Kopf auf den Arm gestützt, hatte sie schweigend und mit stillem Blick in die Ferne hinausgesehen, die sich auch jetzt noch in fast unheimlicher Klarheit vor ihr öffnete. Bei des Begleiters Mahnung erhob sie, ohne sich sonst zu bewegen, den Arm und ein feiner Finger deutete in die Gegend. „Was ist das?“ fragte sie dabei, – „ein Felsen oder ein Gebäude?“

Die beiden Anderen ließen überrascht ihre Augen der angegebenen Richtung folgen und erblickten bald, was die Fragende gemeint. Dort hinten, allerdings ziemlich entfernt, erhob sich aus dem Thal ein vereinzelter Hügel, der bis an den Gipfel mit Wald bedeckt war. Allein droben standen die Stämme lichter, und zwischen ihnen konnte ein gutes Auge allerdings etwas bemerken, das die Frage rechtfertigte.

Der junge Mann langte rasch ein kleines Fernrohr hervor und brachte es an’s Auge. „Ein Haus – ein Schloß!“ rief er dann, „ich sehe Fenster. Das könnte in der That Dernot sein! Aber, bis wir dahin gelangen –“

„Siehst Du nicht ein weißes Tuch wehen, Cousin?“ unterbrach ihn die erste Sprecherin. „Selinde wird ja, so Gott will, dort in Sicherheit sein und schmachtend nach uns ausblicken!“

In diesem Augenblick wandte der große, weiß und schwarz gezeichnete Neufoundländer, welcher sich bisher neben der munteren Sprecherin gehalten und seine Ohren ihren Fingern willig überlassen hatte, plötzlich mit hastigem Ruck den Kopf und richtete seine Augen mit ernstem Blick bergabwärts. Eine Bewegung in den nächsten Büschen rechtfertigte diese Aufmerksamkeit, und gleich darauf wichen sie auseinander und hervor trat, vom raschen Steigen in der drückend schwülen Luft erhitzt, ein Jägersmann, den kleinen Hut mit einer Spielhahnfeder und die Flinte in der Hand. Er stutzte und stand, die Gesellschaft musternd. Sein Hühnerhund sprang mit sich sträubendem Haar dem Eindringling in sein Regime entgegen, der sich indessen mit vollster Gravität erhob und der anstürmenden Hastigkeit die würdigste Ruhe entgegensetzte.

Der Jägersmann stand und sah die Gesellschaft eine Secunde lang überrascht an. „Was denn – guter Leute Kinder auf dem Vorbühl? Und gar Damen?“ rief er dann, „aber meine Herrschaften –“

„Na Gottlob, doch ein Mensch!“ unterbrach ihn der junge, Joseph genannte Mann. „Und nun, Jäger, ein Obdach, daß wir nicht fortgeschwemmt oder geweht werden!“

„Da wird’s freilich Zeit,“ sprach der Andere lebhaft, dessen blitzendes braunes Auge inzwischen die Gesellschaft von Neuem überflogen hatte und dann mit einem weniger neugierigen als ernst forschenden Ausdruck auf der Dame haften geblieben war, die das Gespräch mit dem Cousin geführt. „Sehen Sie hin – da kommt’s schon!“ fuhr er fort und deutete mit raschem Armschwunge gegen die Wälder im Thal, durch deren Kronen der Sturm brausend daherflog, während hier oben sich kaum ein Blatt rührte. „Und dort hinten schüttet’s schon! Vorwärts! Schürzen Sie Ihre Kleider auf, meine Damen, wir müssen laufen! Achten Sie auf das Fräulein neben Ihnen, mein Herr; ich werde das andere bitten, mir zu vertrauen. Rasch! Vorsicht, den Bühl hinab!“

Und damit eilte er mit festem, sicherem Tritt die ziemlich steile Senkung des Hügels auf dem schmalen Fußsteige hinab, nicht eine Secunde zu früh, da der Sturm eben auch hier angelangt war und die Gebüsche bis zum Boden beugte und selbst die alte Eiche stöhnen ließ. Drunten, hinter ein paar Büschen zeigte der Pfad sich breiter, da hielt er ein paar Augenblicke an und bot seiner ihm nahe folgenden Begleiterin mit ungezwungenem Anstand den Arm. „Fürchten Sie sich nicht,“ sagte er dann und sein Auge traf ermuthigend das ihre, „es wird noch Alles gut gehen; wenn uns nur der Bach keinen Spuk macht, sind wir in zehn Minuten unter Dach.“

Das andere Paar folgte so nahe, daß es die Worte vernahm und den Blick sah, und wie rasch sie auch weiter eilten, sagte die Dame, welche an Joseph’s Arm hing – es war diejenige, welche den Bau in der Ferne entdeckt hatte – doch leise zu ihrem Begleiter: „Ein eigenthümlicher Mensch, Joseph! Fällt Dir nichts auf an ihm?“

„Seine Ungezwungenheit, meinst Du, die Raschheit und doch die guten Manieren, Eugenie?“ fragte er. „Allerdings, es muß eben ein –“

„Nicht doch, nicht doch!“ unterbrach sie ihn lebhaft. „Sahest Du nicht, wie seltsam ähnlich er Esperance ist? Achte einmal darauf. Zug für Zug – Haar, Augen, Alles! Und ich wette, er fand das schon selbst. Er schaute sie gar zu überrascht an.“

„Was Du wieder einmal siehst!“ lachte er.

(Fortsetzung folgt.)




Der Schwärzer.
Reiseerinnerung von Herm. Schmid.


Das Hochgewitter hatte vertobt. Am geröllreichen Ufer der von den Regengüssen rasch angeschwellten wild sausenden Loisach ging die Wanderung wieder im schmalen Gebirgsthale dahin; es war noch am Tage und die Möglichkeit vorhanden, die schöne Ebene, die vor dem Wetterstein und der Zugspitze sich bis zum hohen Kramer hinüber dehnt, noch vor Abend zu erreichen und in dem gastlichen Partenkirchen von den Mühen des Weges zu rasten.

Mit frühestem Morgengrauen und beim herrlichsten Wetter hatten wir die letzten Häuser des freundlichen Marktes Murnau hinter uns gelassen und waren den Bergen entgegen gewandert, die da schon so nahe grüßen, daß man anfängt, das geheimnißvolle Wehen ihres gewaltigen Athems zu spüren. Aber es gab zu allen Seiten, auf Schritt und Tritt so viel des Neuen oder Beachtenswerthen, daß die Fußwanderung mehr das Gepräge eines ziellosen Lustwandelns erhielt: bald setzte irgend ein anziehendes Gewächs unsere Pflanzenkunde auf die Probe, bald forderte ein Stein oder Block am Wege durch Lage oder Form uns zu Vermuthungen heraus, wie der Fremdling sich wohl dahin verirrt haben mochte, und wenn sich nichts Einzelnes fand, was beschäftigte und unterhielt, so gab es der Lockung nur zu viel, bei der Wanderung durch ein Dörfchen oder beim Begegnen eines rüstigen Flößers sich in allgemeine Culturfragen zu vertiefen, oder der geschichtlichen Ereignisse zu gedenken, die hie und da über eine Stelle dahin gezogen, ohne mehr zurück zu lassen, als eine verblichene Erinnerung; oder endlich es galt, mit dem Auge des

[181]
Die Gartenlaube (1867) b 181.jpg

Ein Schmugglerzug im bairischen Hochlande.
Originalzeichnung von Sundblad.

Künstlers die sich immer reicher ausbreitende Landschaft zu sammeln und mindestens geistig zum flüchtigen Bilde zu gestalten.

Das verzögerte die Wanderung; als die Sonne höher stieg, geschah dies nicht minder durch die Hitze, welche uns die Last von Ränzchen, Reisetasche, Botanisirbüchse und Skizzenbuch, womit wir beladen waren, doppelt fühlbar machte und uns zwang, unter jedem Baume auszurasten, der am Wege seinen Schatten und darunter einen flüchtigen Ruhesitz anbot. So kam es, daß es Mittag wurde, eh’ die verhältnißmäßig nicht lange Strecke zurückgelegt war, und daß ein Gewitter, welches mit aller in den Bergen üblichen [182] Schnelligkeit und Heftigkeit losbrach, uns auf offener Straße erreichte und ziemlich durchnäßt in ein Wirthshaus am Wege scheuchte. Da war es aber schon sehr lebendig geworden und gab keine andere Zuflucht, als unter dem ungewöhnlich großen Vordache, das sich am Hause quer über die ganze Straße breitete, so daß darunter einige schwere Lastwagen sammt Gespann und ein paar Equipagen Platz fanden, deren Besitzer die Räume der Gastzimmer in Beschlag genommen hatten und verdrießlich über die Störung der Vergnügensfahrt mit Umschlagtüchern, Mänteln und Crinolinen behaupteten. Wir konnten von Glück sagen, in einer windgeschützten Ecke noch einen unbesetzten Klapptisch zu finden, an welchem wir einen stark ländlichen Imbiß aufgetischt erhielten und dann, durch Schottlands trefflichste Erfindung, den Plaid, gegen die kühle Regenluft geschützt, nicht ohne Behaglichkeit dem Klatschen der Dachtraufen zuzuhören, welche aus ein paar ungeheuerlichen Drachenmäulern wie Bäche niedergingen, und in den dichten Regen zu starren, der wie eine graue Decke über der ganzen Gegend hing.

Die Fuhrleute waren beschäftigt, an ihren Wagen allerlei zu ordnen und zu bosseln, die Pferde zu füttern und zu tränken; dabei ging ihnen ein alter Bursche zur Hand, der die Wasserkübel trotz des Regens am Brunnen füllte, den Thieren vorhielt und andere Dienste verrichtete. Ein abgeschabtes Tirolerhütlein, eine Joppe, deren brauner Stoff sich fast wie ein grober Filz ansah, ein schmutziges Hemd und fast farblos gewordene lederne Kniehosen bildeten den ganzen ärmlichen Anzug des Mannes, der es nicht zu fühlen schien, wenn ihm der Regen in den Nacken schlug und bei den Aermeln wieder herauslief. Es mochte einmal ein großer stattlicher Mann gewesen sein, jetzt war er vom Alter verkrümmt und verzogen, der Körper sah aus wie ein mit brauner lederhafter Haut überzogenes Knochen- und Sehnengebilde und auch das Gesicht machte davon keine Ausnahme. Aus den scharfen Zügen, die sich ansahen wie verwittertes Gestein, sprang eine mächtige gebogene Nase über einem schneeweißen Schnauzbart vor, und unter starken Augenbrauenbüscheln von derselben Farbe fuhren ein paar lebhafte Augen hin und wieder – der letzte Funken des Feuers, das einst in der ganzen Gestalt gelodert haben mochte. Von der einstigen Kraft zeugten auch die festen Reihen wohl erhaltener Zähne, zwischen denen er den unablässig glimmenden Pfeifenstummel ununterbrochen festhielt. Es war ein sogenannter Nasenwärmer, und was daraus aufrauchte, gemahnte an jenen Rollenknaster, von dem das Volk sagt, man bekomme für sechs Pfennige so viel von der Sorte, daß man ihn dreimal um den Leib wickeln könne.

Es zog mich an, den Alten zu beobachten, der sich, nachdem er seine Arbeit gethan, an einem Tischchen neben uns niederließ, und so schenkte ich den Erörterungen meines gelehrten Freundes nur halbes Ohr, der bei der Unmöglichkeit, irgend einen Naturgenuß von der Gegend zu haben, einen Ersatz darin suchte, uns die geschichtlichen Erinnerungen in’s Gedächtniß zu rufen, die an mancher Stelle derselben hafteten. In seinem Filzkittel saß dabei der Alte nebenan, rauchend – sonst aber unbeweglich; nur manchmal nickte er mit dem Kopfe, als wolle er zeigen, daß er aufmerksam zuhöre. Dabei ging ein eigenthümliches Lächeln durch seine Züge, als wisse er das Alles eben so gut oder gar noch besser, als habe er das Alles selbst erlebt und freue sich, Dinge erzählt zu hören, die er ob der Länge der Zeit schon vergessen.

Endlich ließ der Regen nach; schnell, wie es gekommen, verflog das Gewölk, im Scheine der durchbrechenden Sonne flimmerten alle Bäume und Gräser, als wären sie statt mit Wassertropfen mit Edelgestein behangen, die Fuhrleute spannten ein und zogen ab unter lustigem Peitschenknallen; die Equipagen mit den ebenfalls aufgeheiterten Touristen rollten davon und auch wir schickten uns an, den Wanderstab weiter zu setzen und Ränzel und sonstige Zubehör wieder aufzuladen, als der Alte herzutrat und sich erbot, ob er uns nicht das Gepäck tragen dürfe. „Ich bin ein so alter liederlicher (schwacher) Mann,“ sagte er, „der nimmer viel schaffen mag (arbeiten kann); ich muß ohnedem hinein nach Partenkirch’ – wärt’ mir net zuwider, wenn ich ein’n Tabakkreuzer verdienen könnt’!“

Das Anerbieten kam gar nicht ungelegen, aber wir scheuten uns, dem alten Manne unsern eigenen jungen und rüstigen Schultern gegenüber diese Last aufzuladen, und sprachen unsern Zweifel aus, ob er sich nicht etwas überbürde, dem er nicht gewachsen sei.

Mit einem Blick unsäglicher Geringschätzung musterte er darauf unser Gepäck. „Die paar Bünkeln (Bündel)?“ sagte er dann, „auf dem schnurebenen Weg! Wenn ich auch meinen guten Siebziger hab’, ein solcher Krachezer (Schwächling) bin ich doch noch nicht … ich hab’ wohl eh’ ein paar Zenten auf’m Buckel ’trag’n und das auf ein’ Weg, der ein bissel schiecher (schlechter) gewesen ist … um’s Können!“

Damit hatte er, ohne weitere Erwiderung abzuwarten, unsre Sachen aufgerafft und schritt rüstig voran; es blieb nichts übrig, als ihm den Willen zu lassen und zu folgen.

So ging es wohlgemuth dahin bis hinter das Dörflein Oberau, wo sich rechts die Straße abzweigt, um über den Ettaler Berg nach Ammergau hinauf zu steigen, und mit einmal das bisher verhältnißmäßig enge Thal sich breit und lachend aufthut, ein überwältigender Anblick. Das kurze Grün der Wiesen duftete stärker, der Hauch der erfrischten Wälder strich anmuthig darüber hin; nicht mehr zu fern winkte der Kirchthurm von Partenkirchen und drüber stieg das Wettersteingebirg in erhabener Ruhe grau, starr und gewaltig in den blauen Abendhimmel hinein, links hin, wo die letzten Nachzügler der Regenwolken hingen, flimmerte es wie ein schwacher Regenbogen, vom höchsten Grate der Zugspitze aber flammte das Kreuz.

Wir hielten an, all’ den Reiz vollends in uns aufzunehmen, den erquickenden Lufthauch recht tief einzuathmen und nach alter liebgewordener Gewohnheit in die Gegenwart als Staffage ein Stück Vergangenheit hinein zu zeichnen. „Wir stehen hier,“ sagte der Freund, „auf dem Zuge der alten Rottstraße. Als die Richtung des Seehandels noch nicht um das Vorgebirg der guten Hoffnung ging und die Waaren aus Ostindien noch über das mittelländische Meer, Venedig und durch Tirol verführt wurden, war es hier, wo zum Schutze des Verkehrs sich ein eigener Bund der Frachtmänner und Fuhrleute bildete, um die Verbindung mit Augsburg und den Transport der Güter dahin und nach den übrigen Handelsstädten Deutschlands zu erhalten und zu sichern. Aehnlich jenen der gegenwärtigen Posten bildeten sie an bestimmten Orten eigene Stationen mit Lager- oder Ballhäusern, worin die Güter so lange verwahrt wurden, bis so viele Fuhrleute beisammen waren, um einen Zug oder eine Rotte zu bilden, welche dann mit eigener starker Bedeckung die Waaren sicher weiter beförderte.“

Mehr als diese Erinnerungen zog mich das Gebahren unsres alten Trägers an, mit welchem auf einmal eine völlige Veränderung vorzugehen schien. Unmerklich war er von dem Straßenrande, an dem er sich niedergekauert, aufgestanden und herangetreten, um zuzuhören, ein Zug des innigsten Vergnügens erheiterte sein Gesicht, die unzertrennliche Pfeife fing an, darüber auszugehen.

„Gefällt Dir das, Alter?“ fragte ich ihn. „Hast wohl noch nie etwas davon gehört, wie es damals in der Gegend zuging, wo Du daheim bist?“

Der Alte maß mich mit einem Blicke, fast so geringschätzig wie jener, womit er das Gepäck gemustert hatte. „Wie soll ich nichts davon gehört haben,“ erwiderte er dann mit verschmitztem Lachen. „Was braucht man davon erst zu hören, wenn man selber dabei gewesen ist …“

„Dabei gewesen?“ riefen wir staunend. „Bei was willst Du gewesen sein, Alter?“

„Bei was sonst, als wovon Sie gerad’ geredt haben … bei der Rott’…“

Mein Freund warf mir einen bedeutsamen Blick zu: es war klar, wir hatten mit einem Halbverrückten zu thun. Dennoch war es nicht ohne Reiz, den Gedankengang des Alten kennen zu lernen.

„Du irrst Dich, Freund,“ sagte ich, „wovon wir sprachen, das ist schon vor mehreren hundert Jahren geschehen.“

Er schüttelte fast unwillig den Kopf und rief mit einem Schmunzeln mitleidiger Ueberlegenheit: „Gebt Euch keine Müh’, das muß ich doch besser wissen, als Ihr Herrn: Ihr seid ja noch viel zu jung dazu. Hab’ ich auch schon bald den Achtziger auf dem Rücken, meine fünf Sinne hab’ ich doch beisammen und denk’ es noch wie heut’, wie mein Vater mich zum ersten Mal mitnahm … ich war noch ein Bübel von zwölf Jahren und die ganze Rott’ kam in Ehrwald zusammen, drüben im Kaiserlichen und ist herüber gezogen über den Waxenstein und durch den Höllentobel …“

[183] Das Verständniß begann mir aufzudämmern: es war eine andere Art des Verkehrs, wovon der Alte redete, und eine andere Zeit, aber die Unterschiede verwischten sich in seinem greisen Kopfe und verbanden sich mit der Vorstellung, die wohl das Hauptbild seines Lebens und dessen Mittelpunkt gewesen sein mochte.

„Wenn Du also wirklich bei der Rotte gewesen,“ fragte mein Freund, „warum habt Ihr einen so absonderlichen Weg gewählt, statt der offenen Straße?“

Der Alte sah sich vorsichtig um, ob uns Niemand belausche. „Jetzt kann man schon herausgeh’n mit der Farb’,“ sagte er dann, „jetzt hat’s keine Gefahr mehr … es hat eben heimlich gescheh’n müssen, denn die Mauthner und die Cordonisten haben aufgepaßt auf allen Wegen. Wir haben oft um viele tausend Gulden herübergetragen in unsern Ruckbünkeln, Uhren und Seidenzeug, und ist niemals Einer erwischt worden. Waren unser aber auch ein dreißig Mann in der Rott’, lauter Kerls wie die Bäum’ und Jeder seine Kugelbüchs’ über die Brust …“

„Offen herausgesagt, Du bist also ein Schmuggler gewesen?“

„Ich weiß net, was das ist; aber geschwärzt hab’ ich, daß es nur so eine Freud’ gewesen ist!“

„Ein gefährliches Geschäft und von geringem Gewinn!“

„Ja, viel hat net herausgeschaut dabei, das ist wahr, aber ein lustiges Leben ist’s doch gewesen, fast lustiger als das Wildpretschießen. Freilich, den Schwindel darf Einer net haben und den Zitterer in die Knie’, dafür ist’s aber ein Vergnügen, wenn man die Mauthner gefoppt hat und hat sie auf einen andern Weg hineingenarrt, und während sie gepaßt haben die ganze Nacht, sind wir hoch über ihren Köpfen dahin marschirt; wir haben halt die Weg’ und Steg’ in den Bergen besser gekennt, als die Jäger und Cordonisten und alle die Mauthschnuffler mit einander!“

„Und hast Du das Gewerbe schon lang aufgegeben?“

„Es kann so in die zwanzig Jahr’ geh’n,“ sagte der Alte, „der Verdienst ist alleweil schlechter worden, es hat zuletzt die Nägel an den Schuhen nicht mehr ausgetragen, und nachher … wie ich das letzte Mal dabei gewesen bin, hab’ ich mir völlig einen Grausen davor gefaßt.“

„Warum das?“ fragten wir neugierig, denn in dem harten Gesichte des Alten ward etwas sichtbar wie Trauer und der Widerschein von Dingen, die schlimm genug sein mochten, auch eine solche Eisennatur grauen zu machen.

„Es ist nichts Besonderes gewesen justament,“ erwiderte er, „mein’ besten Cameraden hab’ ich halt ein’büßt dabei!“

„Erzähle doch!“

„Es ist um die Zeit gewesen,“ begann er, „wo der Tag schon kürzer wird – da ist der Stecken herum’gangen bei der ganzen Rott’, das ist das Zeichen gewesen, daß in den Häusern, wo wir unsern Unterschlupf gehabt haben, wieder so viel Waar’ bei einander ist, daß es der Müh’ werth thut, wieder einmal über die Jöcher zu geh’n. Es ist finster gewesen wie in einem Sack, wie wir uns auf den Weg gemacht haben, der Mond ist wohl im Kalender g’standen, aber der Himmel war zu’deckt und der Rottenführer hat nichts hören wollen von Warten. Der Mond kommt heut’ so bald nit durch, hat er gesagt; derweil’ sind wir lang übern Ferner und dort können wir’s brauchen, wenn er uns leucht’t! Aber wie’s halt geht, wenn Einem einmal ein Unglück aufg’setzt ist, – die Mauthner haben Wind gehabt von unserm Zug – wir haben müssen einen Umweg machen an das Gewand’ (Gewände) hin und auf einmal ist der Mond da gewesen, der Broddieb, und der ganze Himmel ist so spiegelheiter worden, daß man Stunden weit hat seh’n können … Hat auch nit lang gedauert, so haben uns die Mauthner erseh’n und haben uns ein Kügerl nachg’schickt nach dem andern … Wir sind gerad’ an der Wand hin – den allerbösesten Weg, wo der Steig oft nit breiter ist als eine Hand; auf der einen Seite geht’s kirchthurmhoch hinauf schier bis in den Himmel hinein, auf der andern geht’s zweimal kirchthurmtief hinunter, … die Stein’ sind mitunter rogel (locker) von die Güss’ und ist nirgends nix zum Anheben als manchmal eine Latschen mit ihren krummen Wurzeln, wann’s hebt (hält) und nicht nachgiebt mitsammt dem Stein … Die Meisten sind schon glücklich hinüber gewest um die Teufels-Schneid’ – ich war der Vorletzte und hinter mir der Anderl ’gangen, mein Camerad, weil wir halt die richtigsten Schützen gewesen sind und die schärfsten Kraxler – weit hinter uns, da sind die Jager nach’kommen … Auf einmal da schallt’s wieder, die Kugel schlagt an der Wand ein, prallt ab und trifft den Anderl mitten in d’Brust … Es hat ihn nieder’geschlagen wie der Blitz, aber er hat sich doch an ein’ Zacken erhalten, daß er net hinunterg’stürzt ist …“

Der Alte hielt an; er mußte Feuer schlagen, die Pfeife wieder anzuzünden; dann begann er wieder und dampfte stärker.

„‚Ich hab’ mein’ Theil, Brüderl,‘ hat er mir zug’rufen, ‚mach, daß Du den Andern nachkommst – und b’hüt’ Dich Gott! …‘ Man kann auf dem Weg net zurück wie man will – also hab’ ich mich erst vorsichtig und langsam wenden müssen … es ist mir so schwer gewesen um’s Herz, als wenn ich die Kugel selber drinn’ hätt’ … mitten drinn’. ‚Wird ja net so weit gefehlt sein, Anderl,‘ hab’ ich ihm voll Schrecken zug’rufen, ‚halt Dich nur wacker an, ich leg’ mein’ Bünkel ab und nimm’ Dich auf den Rucken und trag’ Dich hinunter …‘

‚Gib Dir kein’ Müh,‘ hat er wieder gesagt, ‚mach’ daß Dich die Mauthner net erwischen und Alles verrathen wird …‘ ‚Aber Du?‘ hab’ ich gefragt, ‚wie ist’s, wenn sie Dich kriegen? …‘ ‚Sorg’ Dich net, Brüderl,‘ hat er g’antwort’t, ‚mit mir ist’s aus – bet’ ein Vaterunser für mein’ arme Seel – das soll kein Mauth-Scherg sagen können, daß er den Anderl g’fangen hat …‘ Drauf hat er sich loslassen und im nächsten Augenblick drunten g’legen in der Klamm, wo nichts hinkommt als das wilde Wasser – und da liegt er noch und wird wohl liegen bleiben bis zum jüngsten Gericht …“

Der Alte bekreuzte sich, nahm das Gepäck wieder auf und schritt schweigend die Straße hin.

Es war Abend geworden; an den Schrofen des Wettersteins leuchtete es wie blutige Gluth. Wir freuten uns, daß die Zeit Menschen und Völker einander näher gerückt und solchem Gewerbe ein Ende gemacht. Jetzt wird auf jenen Straßen und Grenzen nichts mehr geschmuggelt, als hie und da von einem Bauern eine magere Kuh oder von einem Handlungsreisenden im Doppelboden seines Köfferchens eine Partie welscher Seide; früher war vielleicht jeder dritte Mann der Bevölkerung ein Schwärzer, jetzt hat es aufgehört, denn „es trägt das Schuhnageln nicht mehr ein.“ Wir dachten der Zukunft, in welcher manche Schranke gefallen sein wird, die jetzt noch zwischen Menschen aufgerichtet steht und mitunter an die Schäferhürden gemahnt, in welchen jeder Herr seine Schafe einpfercht, um sie besser unter Zucht und Scheere zu haben. Ein großer Zug in der Zeit drängt nach solchem Ziele: sein gedenkend folgten wir dem alten Schwärzer. –




Um ’s Kirchle ’rum.


Wie ’s Dörfle still do drunte liegt
     Im helle Morgensonnenstral,
So feierlich in Friede g’wiegt
     Als gieng a-n Engel über’s Thal!

5
Was moinst, wenn jetzt der Pfarrer wüßt,

     Daß wir um’s Kirchle gange sind,
Und heut, statt z’ bete, g’herzt und küßt,
     Er hielt uns g’wis für gottlos G’sind.

Wär doch für unser heimlich Glück

10
     Just Sonndig net die einzig Zeit;

Denn guck, ’s wurd jeder Augenblick
     Mir ohne di zur Ewigkeit.

Doch isch net Sonndig überal
     So weit’s im Frühling grünt und blüht,

15
Und klingt do drin der Waldchoral

     Ei’m net wie Morgepsalm in’s G’müt?

Wir sind uns gut, was ist derbei?
     Liegt mir und Dir kei Arg im Sinn,
Und guck, daß d’ Lieb a Dodsünd sei,

20
     Stoht au net in der Bibel drin.


I dank mei’m Schöpfer, wo’s au wär,
     Daß er’s so gnädig will mit mir,
Und aber giengs durchs wilde Heer,
     Herzliebster Schatz, i müßt zu Dir.

25
Wär doch schon „Ueber’s Johr“ im Land

     Und unser Lieb kei G’heimniß meh,
Wie wollt i, selig Hand in Hand,
     Mit dir so gern in’s Kirchle geh!

Adolf Grimminger.



[184]
Die deutsche Genossenschaftsbewegung.
Von Schulze-Delitzsch.


Während die politische Einigung unseres deutschen Vaterlandes sich in einer Weise zu gestalten beginnt, welche die volle Verwirklichung unserer nationalen Forderungen wiederum in ungewisse Ferne rückt, ist auf anderem Felde ein Stück deutsche Einheit gefördert und zwar auf demjenigen, auf welchem allein für wahrhaft gedeihliche politische Reformen die Grundlage gewonnen werden muß, auf socialem. Die deutschen Erwerbs- und Wirthschafts-Genossenschaften sind es, von denen schon mehrfach in diesen Blättern die Rede gewesen ist, welche sich von Neuem in den Prüfungen der verflossenen Jahre bewährt haben und an Zahl wie an Umfang und solider Begründung Fortschritte aufweisen, welche die Augen der civilisirten Welt auf sie lenken. Bei den genauen und gewissenhaften statistischen Erhebungen über Zahl und Geschäftsverkehr derselben, wie sie ihre Organisation möglich macht, lassen sich diese Resultate aus den „Jahresberichten“[1] leicht und sicher entnehmen, welche die von ihnen gegründete „Anwaltschaft der deutschen Genossenschaften“ regelmäßig veröffentlicht.

Von kleinen, vereinzelten Anfängen in der Stadt Delitzsch gegen Ende des Jahres 1849 unter Leitung des Verfassers dieser Darstellung in den Rohstoff-Vereinen der Tischler und Schuhmacher, hat sich die deutsche Genossenschaftsbewegung in eigenthümlicher, den Verhältnissen in unserem Vaterlande entsprechender Weise zu ihrem jetzigen Stande emporgeschwungen. Mit den Vorstufen der Vergesellschaftung, gleich der englischen, und nicht sofort mit der höchsten Form der Vereinigung, der Productivgenossenschaft, beginnend, blieb sie von den vielen Unfällen der französischen bewahrt, welche unvermittelt diese letztere Richtung eingeschlagen hatte. Indessen waren diese ersten Schritte selbst, die bei uns geschahen, von denen in England, in Gemäßheit der Verschiedenheit der Zustände, verschieden.

Da in England bei vollster Gewerbefreiheit das Kleinhandwerk mit seinen alten Institutionen fast ganz bei Seite geschoben, der fabrikmäßige Großbetrieb zur Regel geworden war, begannen die Massen der Lohnarbeiter damit, durch ihre Vereinigung bessere Arbeitsbedingungen und Schutz gegen ungerechtfertigten Druck Seitens der Arbeitgeber zu suchen. Dem gesellte sich sodann das Streben nach wirthschaftlicher Erleichterung und Abhülfe in Bezug auf die hohen Preise und schlechte Beschaffenheit der Lebensmittel in den dichtbevölkerten großen Städten und Industriebezirken, da insbesondere die Fälschung hierbei einen gesundheitsgefährlichen Grad erreicht hatte. Die trade-unions und stores waren es daher, die sich in England vorzugsweise einbürgerten, die Vereine in einzelnen Gewerken zur Wahrnehmung der gemeinsamen Arbeiterinteressen und die Consumvereine zur gemeinsamen Beschaffung, später zur gemeinsamen Fabrikation nothwendiger Lebensbedürfnisse. Erst nachdem hier eine Capitalansammlung durch regelmäßiges Einsteuern, ein Einleben in die genossenschaftlichen Formen, Geschäftsübung und Unternehmungsgeist aus kleinen Anfängen heraus sich in den betheiligten Arbeiterkreisen entwickelt hatten, schritt man zu den eigentlichen Productiv-Associationen, zur Gründung größerer industrieller Unternehmungen auf gemeinsame Kosten und Gefahr. Die Bedeutung mehrerer dieser industriellen Unternehmungen – wir sprechen nur den Namen Rochdale aus – ist bekannt, und die meisten derjenigen, welche nachweislich im gedeihlichen Bestande sich befinden, lassen sich auf stores oder trade-unions zurückführen, welche letztere namentlich nach mehrfachen Versuchen der Besserung der Lohnhöhe mittels organisirter Strikes dazu gelangten, ihre Capitalien durch Gründung von eignen Geschäften in fruchtbarerer Weise zu nutzen.

Dagegen war in Deutschland ein anderer Weg angezeigt, weil die für England erwähnten wirthschaftlichen Uebelstände sich bei weitem nicht in demselben Grade zeigten und die Zersetzung der älteren Formen des Gewerbsleben keineswegs so weit vorgeschritten war, sondern allmählich in einer Weise vor sich ging, daß, wenn man die vortheilhaften Vorbedingungen des Gewerbebetriebes im Großen den kleinern Gewerbtreibenden so weit thunlich zuführte, immer noch eine Möglichkeit der Existenz, ja die des Uebergangs in den Großbetrieb für den Einzelnen geboten war. Daher gewannen zunächst die Vereinigungen zur gemeinschaftlichen Beziehung der Rohstoffe und Magazinirung fertiger Waaren zum Verkauf Seitens der Handwerker eines Faches hier Boden, so wie die Vorschuß- und Credit-Vereine zur Beschaffung der nöthigen Geldmittel für kleine Gewerbtreibende und Arbeiter aller Art, denen sich der eigentliche Bankverkehr entzieht und Baarvorschüsse überhaupt nur schwer und zu sehr drückenden Bedingungen zu Theil werden. Und diese beiden, unseren Nachbarländern bis dahin fremden Genossenschaftsformen sind es hauptsächlich, welche dem deutschen Genossenschaftswesen seinen Charakter verleihen und sich so sehr als unentbehrliche Grundlage alles weiteren soliden Fortschritts zu höhern Bildungen bewährt haben, daß sie gegenwärtig auch in jenen Ländern, besonders in Frankreich, Eingang finden, die uns der Zeit nach in der Bewegung voraus waren.

Was die Details der Organisation bei den einzelnen Arten der Genossenschaft anlangt, so ergeben sich Wesen und Zweck der Rohstoff-Magazine und Consum-Vereine von selbst. Dagegen wird über die Einrichtung der Creditgenossenschaften, unserer Vorschußvereine und Volksbanken, als einer deutschen Schöpfung, Näheres beizubringen sein, was zum Verständniß der Resultate nöthig ist, umsomehr als dadurch zugleich gewisse Hauptprincipien der Genossenschaft überhaupt näher in das Licht gestellt werden, welchen auch die übrigen Arten derselben im Wesentlichen den Credit danken, dessen sie beim Publicum genießen.

Es wird nämlich die Selbsthülfe bei Beschaffung der nöthigen Geldmittel in Wirthschaft und Gewerbe in diesen Vorschuß- und Creditvereinen dadurch in das Werk gesetzt, daß:

1. die Vorschußsucher selbst Träger und Leiter des auf Befriedigung ihres Creditbedürfnisses gerichteten Instituts, d. h. Mitglieder des Vorschußvereins, und daher Risico und Gewinn des Geschäfts ihnen gemeinsam sind;

2. daß der durch den Verein vermittelte Geldverkehr überall auf geschäftlichem Fuße (Leistung und Gegenleistung) geordnet ist, so daß den Vereinsgläubigern durch die Vereinscasse, ebenso wie der letzteren durch die Vorschußnehmer bankmäßige Zinsen und Provisionen nach den Verhältnissen des Geldmarktes, endlich den Geschäftsführern angemessene Vergütungen für ihre Arbeit gewährt werden;

3. daß entweder durch sofortige Vollzahlung oder meist allmählich durch fortlaufende kleine Beisteuern der Mitglieder Geschäftsantheile (Guthaben) derselben in der Vereinscasse gebildet werden, nach deren Höhe der Geschäftsgewinn vertheilt und ihnen bis zur Erreichung der festgesetzten Normalsumme zugeschrieben wird, wodurch man, wie durch Actien, ein stets wachsendes eignes Capital für das Vereinsgeschäft erhält;

4. daß außerdem durch Eintrittsgelder der Mitglieder und Gewinnantheile ein Gesammtvermögen des Vereins als Reserve angesammelt wird, welches vorzugsweise zur Deckung von Verlusten dient;

5. daß die außerdem zum vollen Geschäftsbetriebe erforderlichen fremden Gelder anlehensweise auf gemeinschaftlichen Credit und unter solidarischer Haft aller Mitglieder ausgenommen werden;

6. daß endlich die Zahl der Mitglieder unbeschränkt und der Eintritt Allen, welche den allgemeinen Bedingungen des Statutes genügen, offen steht, ebenso der Austritt, letzterer unter Innehaltung gewisser Kündigungsfristen.

Daß bei der weitaus wichtigsten Frage, der Beschaffung eines ausreichenden Betriebsfonds für unsere Volksbanken, die bei Nr. 3–5 vorstehend angegebenen Maßregeln Hand in Hand gehen müssen, versteht sich von selbst. Ohne Bildung eines eignen unkündbaren Fonds in Geschäftsantheilen der Mitglieder (Guthaben), welche zwar Eigenthum der Einzelnen bleiben, aber während ihrer Mitgliedschaft weder ganz noch theilweis aus dem Vereinsgeschäfte zurückgezogen werden dürfen, und einer Reserve, welche [185] Gesammteigenthum der Mitglieder ist und bei eintretenden Verlusten soviel möglich verhüten soll, daß auf die Geschäftsantheile zurückgegriffen werden muß: würden die Geschäfte der Vereine jeder soliden Grundlage entbehren und das Publicum, welches mit ihnen in Verbindung träte, ebenso wie ihre Mitglieder selbst in hohem Grade gefährdet sein. Deshalb mußte in einer auch den Unbemittelten möglichen Weise durch kleine Monatsbeisteuern von wenigen Groschen für die allmähliche Ansammlung eines solchen Capitals gesorgt werden, das noch außerdem durch die Zuschreibung der Dividende anwächst, in welcher zugleich ein höchst wirksamer Sporn zur Erhöhung des Eifers in Verstärkung dieser Beiträge gegeben ist, weil eben die Theilnahme an der Dividende sich nach der Höhe des von den einzelnen Mitgliedern auf ihre Geschäftsantheile Eingezahlten richtet. Indessen hieße es einen Hauptzweck der Genossenschaften verfehlen, sich auf diese immer erst im Laufe der Zeit und nach und nach in Fluß kommende Geldquelle zu beschränken. Zur vollständigen Befriedigung des Capitalbedürfnisses der Mitglieder genügt dieselbe nur etwa bei Vereinen, wie es deren einzelne giebt, die ausschließlich aus unselbstständigen Lohnarbeitern bestehen und daher wenig Capital bedürfen. Im Allgemeinen beweist der durchaus ungenügende Verkehr der nur mit eignem Capital wirthschaftenden Sparvereine, daß es für unsere Vereine immer eine Aufgabe von hervorragender Wichtigkeit bleibt, fremdes Capital an sich heranzuziehen und so dem Kleinverkehr dieselben Geldquellen zu eröffnen, welche bisher ausschließlich dem Großverkehr offen standen und diesem zum Theil seine Ueberlegenheit sicherten, da er, blos auf das eigne Capital der Unternehmer verwiesen, nicht halb die Macht entwickeln würde, mit der wir ihn auftreten sehen.

Zu diesem Behufe gilt es, eine Creditbasis zu organisiren, welche das Publicum bewegt, zur Anlage seiner Baarschaft unsere Vereinscassen als sicher und bequem zu betrachten, und dies ist in den Vorschußvereinen durch die solidarische oder persönliche Gesammthaft aller Vereinsmitglieder für die vom Vereine angeliehenen Gelder und eingegangenen Verbindlichkeiten in überraschender Weise gelungen. Dem unbemittelten Arbeiter und Gewerbtreibenden versagt sich, wenn er vereinzelt auftritt, regelmäßig der Credit oder wird ihm nur höchst ungenügend und unter den ungünstigsten Bedingungen zu Theil. Denn die Verwerthung seiner Arbeitskraft, welche so zu sagen seinen ökonomischen Werth ausmacht und das einzige Mittel ist, seinem Gläubiger gerecht zu werden, hängt von zu vielen Zufälligkeiten ab, welche der Arbeiter nicht in der Gewalt hat und die sich jeder Controle des Gläubigers entziehen, weshalb sie keine Sicherheit für die Capitalanlage bietet. Dies ändert sich jedoch, sobald größere Gruppen von Arbeitern und Gewerbetreibenden sich verbinden und den Ausfall, den die Gläubiger etwa bei Einzelnen erleiden könnten, durch Einstehen Aller für Einen und Eines für Alle übertragen, indem die Vertheilung desselben auf Viele die Vertretung weniger lästig macht. Und in solchem Maße hat sich die auf diese einfachen Principien gegründete Organisation bei unsern Vereinen bewährt, daß dieselben fast ohne Ausnahme sich im Vertrauen des Publicums in der kurzen Zeit ihres Bestehens so zu befestigen vermochten, daß sie ihren Geldbedarf in Anlehen und ihnen freiwillig zugebrachten Spareinlagen reichlich zu decken vermochten.

Die Belege hierfür liefert der letzte im vorigen Jahre publicirte Jahresbericht des Verfassers für 1865 zur Genüge.

Bereits konnten in demselben als nach seinem System operirende Genossenschaften in Deutschland[WS 2]

961 Vorschuß- und Creditvereine,
199 Rohstoff-, Magazin- und Productiv-Genossenschaften in einzelnen Gewerken,
157 Consumvereine, also
1317 Vereine speciell nachgewiesen werden.

Zu ihnen treten täglich neue, so daß die Gesammtzahl gegenwärtig 15–1600, die Mitgliederzahl gegen 400,000 zu veranschlagen ist. Die von den Vereinen gemachten Geschäfte beliefen sich im letzten Jahre auf 80–90 Millionen Thaler, der Cassenumsatz auf mehr als das Doppelte. Als Anhalt für diese Zahlen dienen die speciell im Jahresberichte aufgenommenen und tabellarisch geordneten Rechnungs-Abschlüsse von 498 Vorschuß- und Credit-Vereinen, mithin etwa der Hälfte derselben, bereits für das Jahr 1865, welche, mit einem Mitgliederbestande von 169,595, im besagten Jahre über siebenundsechszig und eine halbe Million Thaler an Vorschüssen ausgegeben haben. Die Steigerung, welche stetig sowohl in den Geschäften, wie in der soliden Begründung der Vereine statt gefunden hat, ergiebt eine kurze tabellarische Zusammenstellung, welche bis zum Jahre 1859 zurückgeht und dem Jahresberichte S. 8 eingefügt ist. Darnach hat sich die Zahl der dem Verfasser bekannten Vereine seit dem Jahre 1859 bis Ende 1865 von 183 auf 961 vermehrt. Während 80 Vereine, die im Jahre 1859 ihre speciellen Rechnungsabschlüsse eingesendet haben, ein eigenes Vermögen in Geschäftsantheilen und Reserven von 276,846 Thaler angesammelt, 1,014,145 Thaler fremde Gelder in Anlehen und Spareinlagen aufgenommen und damit 4,141,436 Thaler Vorschuß-Geschäfte gemacht hatten, belaufen sich diese Zahlen bei 498 Vereinen, von denen die Rechnungsabschlüsse von 1865 vorliegen, für dieses Jahr auf: 4,852,558 Thaler an eigenem Fond, 17,656,776 Thaler an eingelegten fremden Capitalien und 67,569,903 Thaler an gemachten Vorschuß-Geschäften.

Demnächst erscheinen einige Bemerkungen über die Productivgenossenschaften am Platze, um manche höchst verkehrte Vorstellungen hierüber zu berichtigen.

Sicher liegt in der Productivgenossenschaft, d. h. in der Vereinigung einer Anzahl von Kleinmeistern oder Lohnarbeitern zur Gründung und zum Betriebe eines Geschäfts im Großen für gemeinsame Rechnung, die höchste Form der Genossenschaft vor, welche am nächsten und unmittelbarsten an die Lösung der socialen Frage herantritt. Zugleich ist sie aber auch die schwierigste, welche die größten Anforderungen an ihre Mitglieder stellt, sowohl an ihre Einsicht wie an ihre sittliche Kraft. Es ist daher ein großer Fehlgriff, zur Bildung solcher Genossenschaften unvermittelt und ohne ausreichende Vorbereitung zu schreiten, welche für die unerläßliche Capitalansammlung so wie für Ausbildung in geschäftlichen Kenntnissen und praktischer Routine zu sorgen hat. Wie viele Opfer und Mühen die Durchführung solcher Unternehmungen erfordert, beweist ihre Geschichte in England und Frankreich zur Genüge, und die Erfahrungen bei uns bestätigen dies durchaus. Ist es in den meisten Fällen doch den Mitgliedern unmöglich, sich die Fähigkeit zur Einrichtung und Leitung eines größeren Geschäfts anzueignen, ohne daß sie sich vorher allmählich in kleineren Verhältnissen vorbilden und einarbeiten. Auch der technisch tüchtigste Arbeiter bringt die Uebersicht über das Ganze eines industriellen Unternehmens in großem Maßstabe aus der Werkstätte nicht ohne Weiteres mit. Ja, selbst an dem rechten genossenschaftlichen Geiste fehlt es nur gar zu sehr unter der Mehrzahl der Arbeiter, denen das Aufgehen in der Gesammtheit, die Unterordnung unter eine feste, aus ihrer eigenen Mitte hervorgegangene Leitung, ohne welche die Sache doch gar keinen Bestand hat, noch äußerst schwer wird. Und was sollen wir erst von der Beschaffung des unentbehrlichen Gründungs- und Betriebsfonds sagen, die doch eine längere Zeit zur Ansammlung aus allmählichen Ersparnissen erfordert? Denn wenn man auch beim Geschäftsbetriebe auf Credit angewiesen ist und diesen sich in der Eingangs gedachten Art, mittels der Solidarhaft, verschafft, so muß doch das Geschäft selbst bestehen und sich äußerlich vor dem Publicum als lebensfähig darstellen, wenn dieses zu Creditgewährung sich entschließen soll. Deswegen müssen die Mitglieder mindestens so viel unter sich zusammenbringen, daß sie die erste Geschäftseinrichtung davon bestreiten, die ersten Anzahlungen auf Baulichkeiten, Maschinen, Werkzeuge machen können. Und so viel an Capital kann eine größere Anzahl von Arbeitern in einigen Jahren recht wohl zusammen sparen und muß es, ehe sie mit irgend einiger Aussicht auf Erfolg das Geschäft eröffnen kann. Denn nur so gewinnt man die nöthigen materiellen Garantieen und beweist zugleich den erforderlichen Grad von Einsicht und sittlichem Halt, um das Vertrauen des Publicums und somit Credit für den weiteren Geschäftsbetrieb zu erlangen.

Am füglichsten wird sich dies Alles erreichen lassen, wenn man, wie in England, mit den niedern Stufen der Vergesellschaftung beginnt, wie wir dies schon andeuteten. So werden die Rohstoff- und Magazin-Vereine als treffliche Vorschulen zu Productivassociationen solcher Kleinmeister dienen, welche aus dem handwerksmäßigen in den Fabrikbetrieb übergehen wollen, indem sie die Capitalansammlung regeln, die Kenntniß der Bezugs- und Absatzquellen sowie Geschäftsroutine und Erfahrungen für größere Unternehmungen vermitteln. Andererseits erscheinen die Consumvereine in denselben Beziehungen besonders geeignet, die Production [186] der nöthigsten Bedürfnisse ihrer Mitglieder für gemeinsame Rechnung vorzubereiten, indem sie obenein, sobald sie die angemessene Ausbreitung gewonnen haben, solchen Geschäften in ihren Mitgliedern einen sichern Kundenkreis mitbringen. In denjenigen Geschäftszweigen aber, wo eine solche Vorbereitung nicht thunlich erscheint, wird ein Sparverein am Platze sein, der außer der Capitalansammlung seinen Mitgliedern zugleich in Buchführung und Cassenwesen, überhaupt in gemeinsamer Geschäftsbehandlung praktische Anleitung giebt.

Und so ist es unter Leitung des Verfassers in Deutschland gehalten worden, und wenn die Zahl der Productivassociationen deshalb noch keine große bei uns ist, so sind wir auch, wo nach diesen Anleitungen verfahren wurde, mit wenigen Ausnahmen vor dem Mißlingen bewahrt geblieben, welches unter den in Frankreich in Menge auftauchenden derartigen Unternehmungen in den Jahren 1849, 1850 u. f. epidemisch war. Von den im Jahresbericht pro 1865 aufgezählten sechsundzwanzig Productivassociationen (sie sind unter den hundertneunundneunzig Genossenschaften in einzelnen Gewerken inbegriffen) ist nur eine nach hoffnungsvollen Anfängen in Folge unsoliden Geschäftsbetriebs, namentlich zu großer Ausbeutung des ihr gewordenen Credits, zu Grunde gegangen, worüber das Nähere im Bericht beigebracht ist. Die übrigen dagegen arbeiten sich langsam aus kleinen und schweren Anfängen empor und haben die Verkehrsstörungen des letzten Krieges glücklich überwunden. Besonders bemerkenswerth sind die Productivgenossenschaften der Lampenmacher, Wagenbauer und Buchdrucker in Berlin, der Uhrmacher (Regulatorenfabrik) in Freiburg in Schlesien, der Maschinenbauer in Chemnitz, Danzig und in Berlin, der Nähmaschinenmacher in Bielefeld u. a., sämmtlich von Arbeitern begründet, von denen im nächsten Jahresbericht für 1866 voraussichtlich recht befriedigende Abschlüsse mitgetheilt werden können. Die genannte Uhrmachergenossenschaft – Firma Endler u. Comp. – hatte bereits im ersten Betriebsjahre vom 1. April 1865 bis dahin 1866 bei vierzehn Mitgliedern 1182 Thaler Capital als deren Geschäftsantheile angesammelt und 1030 Thlr. baar in Anleihen aufgenommen, außer 523 Thlr. Credit bei Bezug von Rohstoffen, und war dadurch in den Stand gesetzt, im Laufe des Jahres für 3972 Thlr. Rohstoffe zu beziehen, davon für 3346 Thlr. zu verarbeiten und 4270 Thlr. Arbeitslöhne nebst 1766 Thlr. Geschäftsspesen und 54 Thlr. Zinsen an die Gläubiger zu zahlen.

Verkauft wurden für 9164 Thlr. gefertigte Waaren – Regulator-Uhren – und für 2771 Thlr. (Kostenpreis) waren am Jahresschlusse auf Lager. Der Reingewinn betrug 726 Thlr., welcher jedoch nicht an die Mitglieder ausgezahlt, sondern deren Geschäftsantheilen zugeschlagen wurde, die sich dadurch auf 1894 Thlr. erhöhten.

Den bereits bestehenden Productivgenossenschaften treten nun in nächster Zeit manche hinzu, die noch mit den Vorbereitungen zu thun haben, und so darf man auch bei dieser Genossenschaftsform um so mehr eine gedeihliche Entwickelung in unserm Vaterlande erwarten, als es bisher meist gelungen ist, dieselbe auf wirthschaftlich richtigen Bahnen zu erhalten. Der Verfasser aber, dem es vergönnt war, bei Gründung derselben mit wenigen Ausnahmen rathend und helfend einzugreifen, meint der Sache den besten Dienst zu thun, wenn er nach wie vor ernstlich vor allem übereilten Vorgehen dabei warnt, unbeirrt von dem Geschrei solcher klugen Leute, welche in allen Dingen am liebsten mit dem Ende anfangen und da ernten möchten, wo sie nicht gesäet haben. Nicht gegen Productivassociationen an sich, wohl aber gegen alle haltlosen und leichtsinnigen Unternehmungen dieser Art kämpft der Verfasser, weil sie unermeßliches Elend über die Betheiligten bringen und die Sache der Genossenschaft überhaupt in ganzen Bevölkerungskreisen auf lange hinaus discreditiren.

Zuletzt wenden wir uns der Organisation des Genossenschaftswesens zu, welche zu den günstigen Resultaten desselben ganz besonders beigetragen und sich bei uns ganz naturwüchsig von unten herauf entwickelt hat, wie dies in keinem andern Lande geschehen. Nachdem der Verfasser durch die seit Ende 1849 zunächst in seinem Heimathkreise von ihm in das Leben gerufenen Associationen und seine Schriften die Anregung zu gleichen Unternehmungen nach allen Seiten hin gegeben, gestaltete es sich von selbst, daß ihm thatsächlich die Leitung der Bewegung blieb und er bei Errichtung neuer Vereine, wie bei sonstigen wichtigen oder bedenklichen Vorfällen regelmäßig um Rath und Beihülfe angegangen wurde, namentlich den vielfachen Eingriffen der Behörden gegenüber, womit man die neuen Schöpfungen verfolgte. Dieses lediglich auf freies Vertrauen gegründete Verhältniß bestand fast ein Jahrzehnt hindurch, bis auf das Dringen einer Anzahl von Vorschußvereinen in der Pfingstwoche 1859 zu Weimar die erste Versammlung von Deputirten der Vereine abgehalten wurde, welche zunächst ein Correspondenzbureau als Centralstelle einsetzte, woraus sich in den nächsten Jahren der allgemeine Verband der deutschen Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften herausbildete, der durch das auf dem Vereinstage zu Mainz im August 1864 angenommene „Organische Statut“ seine jetzige Gestalt erhielt. Der Verband beschickt einen jährlich stattfindenden allgemeinen Vereinstag durch Deputirte der dazu gehörigen Vereine, welcher als oberste Instanz, ohne irgend in die Selbstständigkeit der einzelnen Vereine in deren speciellen Angelegenheiten einzugreifen, die gemeinsamen Angelegenheiten ordnet. Die Geschäfte des Verbandes führt ein besoldeter Anwalt mit förmlich eingerichtetem Bureau, welche Stelle bisher der Verfasser eingenommen hat. Als Zwischenglieder zwischen diesen Centralorganen und den einzelnen über ganz Deutschland verbreiteten Vereinen sind sogenannte Unter-, d. h. Provincial- oder engere Landesverbände, gebildet aus den Genossenschaften einzelner deutscher Länder, Provinzen oder auch gemeinsamer Gewerbsbranchen, welche die Wahrnehmung der Sonderinteressen und den engeren Verkehr der einbezirkten Vereine, sowie die Vermittelung mit den Centralstellen zum Zwecke haben. Indem sie dem allgemeinen Vereinstage durch besondere Versammlungen, die Unterverbandstage, vorarbeiten und ihre Erfahrungen austauschen, geben sie zugleich dem Anwalt Gelegenheit, sich durch den Besuch derselben von den Bedürfnissen dieser engeren Genossenschaftskreise zu unterrichten und in gegenseitiger persönlicher Verständigung den Zusammenhang mit der Gesammtbewegung aufrecht zu erhalten. Bereits sind einundzwanzig solcher Unterverbände durch ganz Deutschland (mit Ausnahme Oesterreichs) gebildet und greifen lebendig in den Organismus ein. Die von ihnen gewählten Vorstände bilden als engerer Ausschuß eine Körperschaft, welche dem Anwalt zur Seite steht, um bei wichtigeren Vorkommnissen zugezogen zu werden und besonders die Finanzen des Verbandes zu überwachen.

Die Functionen des Anwaltes bestehen in:

a) Vertretung des Genossenschaftswesens im Allgemeinen vor dem Publicum, namentlich der Gesetzgebung und den Behörden gegenüber;

b) Förderung der einzelnen Genossenschaften mit Rath und That, durch Belehrung, Auskunftsertheilung, Entwerfung und Revision ihrer Statuten, so wie Vermittelung des Geschäftsverkehrs und der Capitalsaushülfe zwischen ihnen;

c) Vorbereitung und Ausführung der Beschlüsse des allgemeinen Vereinstages;

d) Aufstellung einer möglichst genauen Statistik über die Resultate der Genossenschaften zum Behufe des Vergleichs der gemachten Erfahrungen und Einrichtungen;

e) Redaction und Herausgabe eines besonderen Organs für das Genossenschaftswesen in der Tagespresse.

Auf diese Weise ist, ohne die freie Bewegung der einzelnen Vereine im Mindesten zu hemmen, ein Ganzes, ein Mittelpunkt geschaffen zum Austausch der gemachten Erfahrungen, zur Kritik der getroffenen Einrichtungen, zu Rath und Hülfe gegen jeden Angriff, jede Verlegenheit der einzelnen Glieder, zu machtvollem Zusammenfassen der Einzelkräfte endlich, behufs Wahrnehmung gemeinsamer Interessen, wie zu geschlossenem Zusammenstehen drohenden Lagen und Gefahren gegenüber. Und hat sich auch im Augenblicke nur erst die kleinere Hälfte der deutschen Genossenschaften – sechshundert und zwölf – dem Verbande angeschlossen, seine Wirksamkeit kommt doch, bei ihrer vollen Oeffentlichkeit, allen zu statten und ist der hauptsächlichste Hebel gewesen, mittels dessen das Genossenschaftswesen bei uns die Entwickelung und Bedeutung erlangt hat, deren es sich gegenwärtig erfreut.

Abgesehen davon, daß es dem Verfasser ohne den Verband nicht möglich geworden wäre, seine ganze Zeit und Kraft der Genossenschaftssache zu widmen, würde z. B. die Gründung und Erhaltung eines besonderen Fachblattes, wie wir es in den von dem Verfasser gegründeten „Blättern für Genossenschaftswesen“ [187] (früher unter dem Titel „Innung der Zukunft“)[2] besitzen, nicht haben stattfinden können. Während in England und Frankreich eine ganze Anzahl solcher Unternehmungen aufgetaucht sind, um nach kurzem Dasein wieder zu verschwinden, wächst unser Blatt von Jahr zu Jahr und hat sich in einem gesicherten Leserkreise wie in einem Stamm tüchtiger Mitarbeiter aus den Leitern der verbundenen Vereine zu festem Bestand emporgeschwungen.

Von nicht geringerer Bedeutung ist die Gründung eines größeren Bankinstitutes, der deutschen Genossenschaftsbank in Berlin, welche die verbundenen Vereine seit 1865 in das Werk gesetzt haben, einer Commanditgesellschaft auf Actien, vorläufig mit 270,000 Thlr. Capital dotirt, wovon drei Viertheile von den Genossenschaften und deren Mitgliedern aufgebracht worden sind. Dieselbe hat die Bestimmung, einmal den Genossenschaften für den Fall des Bedürfnisses bankmäßigen Credit zu gewähren und ihnen, soweit thunlich, den Großbankverkehr zu eröffnen, sodann aber auch Ab- und Zufluß der den Genossenschaften selbst zu Gebote stehenden Capitalien im gegenseitigen Interesse regeln zu helfen. Bereits hat eine große Zahl unserer Vereine mit diesem Institute gedeihliche Verbindungen angeknüpft, welche sich fort und fort vermehren, und schon ist die Verstärkung des Fonds desselben in das Auge gefaßt, um dasselbe in den Stand zu setzen, auch bei kritischen Lagen den Genossenschaften eine feste Stütze zu bieten.

Endlich, und damit ist eine neue Aera für die Entwickelung der deutschen Genossenschaften eröffnet, ist es in der neuesten Zeit den Bemühungen des Anwaltes unter energischer Mitwirkung des Verbandes gelungen, die Sicherung der privatrechtlichen Stellung der Genossenschaften mittels der Gesetzgebung durchzusetzen. Zwar ist dies zunächst nur für Preußen der Fall. Da indessen das hier durchgebrachte Gesetz sich wesentlich an das allgemeine deutsche Handelsgesetzbuch anlehnt und die Principien desselben über das Gesellschaftsrecht auf eine darin übergangene Form der Vergesellschaftung, die genossenschaftliche, anwendet, so wird seine Einführung in den übrigen deutschen Staaten, wo das Handelsgesetzbuch gilt, keine Schwierigkeit haben. Vielmehr wird es nur Sache der in den einzelnen Ländern befindlichen Genossenschaften sein, ihre Bedürfnisse der Gesetzgebung gegenüber gehörig geltend zu machen, um zu dem erwünschten Ziele zu gelangen. Denn – wie dies der Verfasser den preußischen Ministern bei ihrem mehrjährigen, erst jetzt überwundenen Widerstande gegen den von ihm eingebrachten Gesetzentwurf im Abgeordnetenhause wiederholt gesagt hat – die Genossenschaften sind bereits eine Macht, ein Factor im Wirthschaftsleben unseres Volkes, mit dem man rechnen muß, soll die Bilanz stimmen, und willig oder widerwillig, ihre gesetzliche Anerkennung kann man höchstens auf kurze Zeit vertagen, aber nimmermehr versagen.




Die Bürgermeisterin von Schorndorf.


Im Südwesten unseres Vaterlandes, dem Theile desselben, der heute vereinsamt zwischen dem Norddeutschen Bunde und Oesterreich steht, hat das deutsche „Reich“ seine glänzendsten wie seine traurigsten Zeiten gesehen. Aber weder diese noch jene sind den Nachkommen als „Erfahrungen“ zum Heil gediehen, weder Völkern noch Fürsten ist die Geschichte eine Lehrerin für ihre Zukunft gewesen; am wenigsten vermochte die Ohnmacht der Kleinstaaterei im Kampfe gegen das einheitsmächtige Frankreich dem Drange nach Reichseinheit die nachhaltige Kraft zu geben, welche nur aus klarer Einsicht des Uebels und dem festen Willen, es zu beseitigen, entspringt. Bis zum letzten deutschen Kriege des vorigen Jahres standen Baiern und Schwaben, Franken und Pfälzer, einst neben den Sachsen die alten Kernvölker Deutschlands, auf Seiten desjenigen Großstaats, der nur auf ein zersplittertes Deutschland seine eigene Machtstellung stützte, und sie verdanken ihr ungeschmälertes Fortbestehen nur dem Einfluß jenes Nachbars, der keine größere Gefahr für seine eigene anspruchsvolle Macht fürchten kann, als ein einiges Deutschland. Es ist niederdrückend genug, daß wir aus dem französischen sogenannten „Gelbbuch“ so gar deutlich herauslesen müssen, daß die süddeutschen Regierungen sich um Frankreichs Hülfe gegen Preußen bemüht haben, daß also jenes angebliche Ministerwort nicht erfunden war, das da lautete: „Lieber französisch, als preußisch!“

Diese Erscheinung veranlaßt uns, gerade aus jenem Reichstheile ein Geschichtsbild hervorzuziehen, das wie wenige geeignet ist, uns das ganze Elend zu enthüllen, in welches die Selbstsucht der vielen kleinen Fürstlichkeiten und die Ohnmacht des Reichsoberhauptes die süddeutschen Länder versinken ließen, während es uns zugleich ein erhebendes Beispiel zeigt, wie dort das Gefühl für Nationalehre im Volke allein noch seine treuen Träger und tapferen Vertheidiger fand.

Altärchen zu bauen und Heiligenbilder anzuputzen, das war die Knabenlust des Fürsten gewesen, welcher das Deutschland des Westphälischen Friedens gegen einen Ludwig den Vierzehnten vertheidigen sollte. Jener unselige Friede hatte bekanntlich den Reichsfürsten „die volle Landeshoheit“ und damit zugleich die Befugniß ertheilt, „zu ihrer Erhaltung und Sicherheit Bündnisse mit auswärtigen Mächten einzugehen.“ Die Reichsfürsten in Süd- und West-Deutschland sanken zu bestechlichen Creaturen Frankreichs herab, mit großen Geldsummen suchte Ludwig der Vierzehnte sogar die deutsche Kaiserkrone auf sein Haupt zu bringen, und dies würde ihm gelungen sein, wenn nicht die Bewahrung der Nationalehre nach außen zu allen Zeiten unserer Geschichte den nördlichen Deutschen mehr am Herzen gelegen hätte, als allen übrigen: nur Brandenburg und Sachsen retteten Deutschland vor der Schmach, das Haupt eines fremden Despoten und des bösartigsten Reichsfeindes mit der deutschen Krone zu schmücken. Sie wurde, sagt ein deutscher Geschichtsschreiber, auf Leopold’s (des Ersten) Perrücke gesetzt, die freilich keinen Ersatz bot für die goldenen Locken der Hohenstaufen. – Der Franzosenkönig stiftete aber aus Rache den ersten Rheinbund (1658), und er fand deutsche Reichsfürsten genug dazu: den Kurfürsten von Mainz (den Reichs-Erzkanzler!) und den von Köln, den Bischof von Münster, die Fürsten von Braunschweig-Lüneburg und Hessen-Kassel, von Würtemberg und vor Allen die Welfen, die sich damals gegen das Reich am schlechtesten benahmen. Solcher Schmach vom Rhein bis zur Weser stand damals nur „der große Kurfürst“ gegenüber, der allein die deutsche Ehre im Norden gegen den andern Reichsfeind, die Schweden, rettete.

Gestützt auf so viele untreue deutsche Fürsten konnte Ludwig der Vierzehnte ohne alle Gefahr mit Verträgen und Eiden spielen, um von dem zerstückelten Reiche immer mehr an sich zu reißen, und schließlich war kein Plan, der dazu verhalf, ihm zu gemein oder zu lächerlich.

Da saß in Metz ein überkluger Mann am Actentisch. Der Parlamentsrath Ravaux hatte den Auftrag erhalten, die Ortschaften auszumitteln, welche zum Bezirk des Gerichtshofs von Metz gehörten. Zu diesem Behufe studirte er die Urkunden, welche über die Bestandtheile der durch den Westphälischen Frieden Frankreich rechtlich zugesprochenen deutschen Bisthümer Metz, Tul und Werden (Verdün) Auskunft gaben, und bei dieser Gelegenheit fand nun der Mann heraus, daß viele ehemalige Gebiete dieser Fürstenthümer noch in deutschem Besitze seien. Sofort stellte er ein seltsames Verzeichniß von Ortschaften zusammen, welche angeblich zu irgend einer Zeit einmal zu Metz, Tul oder Verdün gehört haben sollten, und überreichte dies dem Minister Louvois. So abenteuerlich erschien selbst diesem gewissenlosen Staatsmann das Machwerk des Parlamentsraths, daß er lautauf darüber lachte. Und dennoch empfahl er es seinem König, und diesem diente es als Grundlage zu seinen berüchtigten Reunions-Kammern, deren Wirksamkeit endlich den Weg bahnte zu jener entsetzlichen Verwüstung der Pfalz im Jahre 1688 und 1689, jener Mordbrennerei Montclas’ und besonders Melac’s, dessen Name seitdem in jenen Landen ein Hundename ist.

Frankreich und Deutschland den Rhein entlang durch eine Wüste zu trennen, das war der höllische Gedanke, den ein Louvois seinem König eingab und den dieser mit haarsträubender Großartigkeit ausführen lassen konnte. Als von Ort zu Ort das ganze linke pfälzische Rheinufer mit Schutthaufen [188] und Blutlachen erfüllt war, brachen die Banden, von keiner deutschen Macht gehindert, herüber in die Fluten des rechten Rheinufers, um in gleicher Weise auch hier die königliche Wüste zu vollenden. Schon lagen Mannheim, Oppenheim und Ladenburg, Weinheim, Heppenheim und Durlach, Bruchsal, Rastadt und Germersheim, Baden, Bretten, Pforzheim und Heidelberg in Asche, und noch zeigten die Franzosen ein Verzeichniß von mehr als zwölfhundert Städten und Ortschaften auf, die, zu gleichem Schicksal bestimmt waren. Ja, so hatte die Feuerwuth diese Menschen ergriffen, daß sich Banden, mit oder ohne königlichen Auftrag, bis nach Franken und selbst nach Böhmen wagten, nur um die schönsten Städte des Reichs in Flammen aufgehen zu lassen. Selbst in Prag ergriff man Mordbrenner, die von französischen Emissären dorthin gesandt waren und dort vierhundert Häuser in Asche gelegt hatten.

Aus der Pfalz brachen die französischen Brand- und Raub-Colonnen in Schwaben ein. Der schwäbische Kreis, die schwäbischen Bestandtheile des jetzigen Baden, Würtemberg, Hohenzollern und Baiern umfassend, bestand damals aus etwa neunundneunzig souveränen Herrschaften, darunter das geistliche Fürstenthum Constanz als südliche, das Herzogthum Würtemberg als nördliche Großmacht und dazwischen Fürstenthümer, Markgraf- und Grafschaften, Prälaturen, Ritterschaften und Republiken von der mächtigen freien Reichsstadt Augsburg bis zum Freireichsstädtchen Bopfingen, und alle diese, selbst in äußerster Gefahr, unter einen Hut zu bringen, gelang weder den kreisausschreibenden beiden Großmächten, noch dem Kaiser. Jeder Einzelne dieser Kleinmächtigen unterhandelte lieber mit dem Feinde, während er den Nachbar verderben ließ, als daß alle sich zu gemeinsamem Widerstand aufgerafft hätten.

Leider allen voran ging darin die Würtembergische Regierung, die damals, weil der Landesfürst noch unmündig war, unter einem Administrator stand, dem Herzog Friedrich Karl, den der Kaiser selbst erst noch vor der Zeit mündig sprechen mußte. So regierten denn die Räthe und die Weiber, und diese gaben, um das geliebte Stuttgart zu retten, nicht nur den Hohenasperg mit seinen reichen Waffen, sondern Stadt um Stadt den Franzosen preis, überall erschienen die herzoglichen Commissäre als Unterhändler mit den Franzosen, und zwar trotz des Willens der Bürger und Bauern, Hab und Gut, Freiheit und Ehre mit dem Schwert zu vertheidigen, bis endlich Stuttgart selbst dem allgemeinen französischen Lug und Verrath zum Opfer fiel. Und dieser Zeit gehört die That an, zu deren Erzählung wir theilweise die vortrefflichen „Bilder aus der Geschichte Schwabens“ von Hermann Kurz zu Grunde legen.

Ganz Nordschwaben war in französischer Gewalt, nur die freundliche Stadt und gute Festung Schorndorf im Remsthale hielt sich noch. Sie galt als ein Kleinod Würtembergs, und die Bürger von Schorndorf wußten das und fühlten ihren Werth. In diesem Augenblick, im December 1688, mußte auf sie das völlig unterjochte Würtemberg seine letzte Hoffnung setzen, denn Schorndorf beherrschte nicht nur das Ulmer Thal, sondern auch den ersten Paß an der Donau, woher das endlich rüstende Reich dem Lande allein Hülfe bringen konnte.

Die französischen Heerführer saßen im goldnen Adler zu Eßlingen und schrieben bereits die Winterquartiere in ganz Würtemberg aus, denn sie waren versichert, daß die herzoglichen Commissäre vom Stuttgarter Geheimrath ihnen die Thore von Schorndorf auf dieselbe höfliche Weise öffnen würden, wie sie dies, Alles um Stuttgart zu retten, im übrigen Lande gethan.

Da trat ihnen Zweierlei entgegen: ein ganzer Mann und eine ganze Frau.

Der ganze Mann war der Festungscommandant Oberst Peter Krummhaar. Obwohl vom Herzog-Administrator, der zu Regensburg verweilte, ihm der Befehl zugegangen war: „zwar den Posten nicht gleich zu übergeben, doch auf die Extrema es auch nicht ankommen zu lassen, sondern auf den Nothfall sich mit der Auswahl aus der Stadt in das Schloß zu ziehen, wo er endlich capituliren könnte,“ – so hielt er doch seine Ehre höher, als des schwachen Herrn Befehl. Um so weniger konnten die zwei herzoglichen Commissäre, welche die von den Franzosen hart bedrängten Geheimenräthe von Stuttgart nach Schorndorf zur Betreibung der Uebergabe entsendeten, seinen festen Sinn ändern.

Freitag, den 14. December, so erzählt Kurz, erschienen nämlich der würtembergische Hofjunker von Hoff und der Kriegs- und Kirchenrath Tobias Heller bei dem Commandanten und dem Magistrat, um über einen Gegenstand zu verhandeln, der vor der Bürgerschaft geheim gehalten werden sollte. Sie stellten Beiden vor, daß die Franzosen gedroht hätten, Stuttgart „aus dem Sarge heraus“ zu verbrennen, wenn Schorndorf nicht übergeben würde. Ihnen antwortete Krummhaar: „Laßt sie immerhin brennen und plündern, wenn sie es mit gutem Gewissen thun können. Ich kann um dieser Drohung willen noch lang nicht diese Festung so liederlich übergeben.“ – Wie er bei Melac’s erstem Herannahen entschlossen die Thore gesperrt, so hatte er klugerweise sich bei Zeiten mit ausreichender Mannschaft versehen, indem er aus der Stadt und aus den umliegenden Ortschriften, die „ihr Armüthlein hinein geflehnet“, die tüchtigen Leute an sich zog. Es wird berichtet, daß er und seine Schaar einander feierlich zugeschworen, bis auf den letzten Blutstropfen beisammen auszuhalten.

Dennoch sah es mißlich für das tapfere Häuflein aus. Wie erbittert auch im Allgemeinen das schwäbische Volk gegen die Feinde und gegen die eigenen Regierungen war, die ihm Höflichkeit gegen die Franzosen vorschrieben, obwohl man längst aus der Erfahrung der Nachbarn wußte, „daß alle erwiesene Höflichkeit an ihnen vergeblich gewesen“, – so äußerte doch in jeder Stadt auch eine Unterwerfungspartei ihren Einfluß und sammelte die schwachen Gemüther oft zum großen Haufen um sich. Der eigenen Regierung in diesem Fall unterthänigst zu Willen, suchten namentlich die Hochmögenden und Reichen den Sturm von außen ohne Widerstand über sich hinüber gehen zu lassen, und dieses Unheil drohte auch in Schorndorf die Kraft des Commandanten zu lähmen. Hatten doch „Untervogt, Burgermeister und Gericht allda“ hinter Krummhaar’s Rücken auf Melac’sche Brandordres geheime Lieferungen nach Eßlingen abgehen lassen.

Nur ein einmüthiges Beitreten der Bürgerschaft konnte den braven Commandanten aus dieser Lage befreien, – hierzu mußte die Bürgerschaft den Sammelpunkt in ihrer eigenen Mitte finden, – und sie fand ihn in der ganzen Frau, die plötzlich zu dem ganzen Manne trat: in der Frau des Bürgermeisters selbst, der die geheimen Lieferungen mit besorgt und den Stuttgarter Commissären ein nur allzu williges Ohr geliehen hatte.

Frau Künkele oder Künkelin wird von den Zeitgenossen als eine nicht allzugroße, dabei äußerst thätige, muthvolle, gescheide und zugleich reiche und angesehene Person geschildert. Sie stand damals in ihrem fünfzigsten Jahr. In jenen Zeiten besaß eine Bürgermeisterin einen ganz anderen Einfluß, als jetzt, und wo eine Frau von solchem Gewicht, dazu noch reich und brav, sich an die Spitze stellte, ging eine Sache durch. Frau Künkelin aber sprach: „Ich nicht bin der Meinung, daß man dem liederlichen Trüpplein Franzosen nur so ohne Weiteres das gute Heu, den schönen Hafer liefere oder gar die stolzen Festungswerke, die so viel Geld gekostet, zur Demolirung übergebe und die raubhahnischen Umschweifer in’s Quartier aufnehme. Die Stuttgarter Herren sollen nicht glauben, daß es ihnen mit Schorndorf durchgehen werde, wie mit dem Asperg und mit Tübingen!“

Die Commandanten dieser beiden festen Schlösser hatten die Commissäre durch Gewaltbefehle zur Uebergabe derselben gezwungen; an Peter Krummhaar soll Melac sogar das Anerbieten gewagt haben, gegen zweitausend Dublonen Raison anzunehmen. Gewiß war, daß der Commandant von den Commissären in großem Zorn geschieden und allein auf den Wall gegangen war.

Nun sah man die Stuttgarter Herren nach dem Rathhaus schreiten, und alsbald flogen die Stadtknechte umher, um den Bürgermeister und die Richter dorthin zu berufen. Der Bürgermeister erhob sich zum Gehen, und seine Frau sah ihm kopfschüttelnd nach, denn aus allerlei Aeußerungen und halben Beichtworten „ihres Künkele“ hatte sie gemerkt, daß es auf dem Rathhaus „wackele“. Darum benutzte sie die Zeit seiner Abwesenheit zu einem raschen Entschluß. Sie schickte zu ihrer besten und gleichgesinnten Freundin, der Frau des Hirschwirthes und Gerichtsältesten Katzenstein, der ebenfalls zur Sitzung gegangen war; diese kam sogleich, und – so erzählt nun Kurz weiter – jetzt saßen die Frau Künkelin und die Frau Katzensteinin beieinander und hielten einen Staatsrath, der bald ein Kriegsrath wurde, denn sie kamen ohne viel Federlesen zu dem Schluß, es müsse auf der Stelle losgeschlagen werden, anders gehe es nicht. Und zwar, wenn die „Mannen“ nicht dran wollen, so müßten’s die Weiber thun.

[189]
Die Gartenlaube (1867) b 189.jpg

Frau Künkelin vor der Schorndorfer Rathsversammlung.
Nach einem Oelgemälde von C. Häberlin in Stuttgart.

[190] Die Bürgermeisterin und die Hirschwirthin beriefen hierauf ihren alten Weingärtner, Friedrich Kurz, und schickten ihn in der Stadt herum, die andern Weiber zu bearbeiten. Die Bemerkung, „die Bürgermeisterin ist auch dabei“, – erfüllte selbst die Zaghafteren mit Muth.

In einer halben Stunde stand das ganze Weibervolk vor dem Hause der Bürgermeisterin, wohin „Jede, die Herz im Leibe hat,“ beschieden worden war, ausgerüstet mit Ofen-, Heu- und Mistgabeln, Bratspießen, Hackmessern, Besenstielen, Kunkeln, kurz mit allerlei Kuchel- und Stallgewehr, ingleichen mit Sicheln, Schneiddegen, „so im Lande bräuchlich, Holzstängel damit zu verhauen“, Stuhlfüßen, alten Partisanen und Hellebarden, – wie gleichzeitige Berichterstatter halb im Spott, halb im Ernst die Bewaffnung verzeichnen. Den Ernst zeigten aber die Frauen sofort in ihren energischen Anordnungen.

Die Frau Bürgermeisterin errichtete ordentliche Compagnien und erwählte die anstelligsten Weiber zu Officierinnen, und nachdem diese durch Degen und „kurz Gewöhr“ ausgezeichnet waren, marschirten die seltsamen Truppen vor das Rathhaus. Dort saßen die Väter der Stadt mit den Regierungs-Commissaren in geheimer Berathung und ahnten schwerlich, welche neue Macht unter den Fenstern erschien und an die Thüren zu pochen sich anschickte. Die Oberfeldherrin übernahm – nach Kurz – vorerst das Recognosciren. Sie drang heimlich, von einigen Wenigen ihres Stabes gedeckt, in das Haus und schlüpfte, durch ihre Leibesbeschaffenheit mehr als nöthig begünstigt, in den mächtigen Kachelofen des Sitzungszimmers. Diese Oefen wurden stets nur in nächtlicher Morgenfrühe geheizt und strömten, wenn die Gluth längst erloschen war, noch liebliche Wärme aus. Hier horchte Frau Künkelin, und was sie erlauschte, mochte ihr heißer machen, als die Ofenwärme. Es war die Rede von einer Capitulation mit den oft gethanen und nie gehaltenen französischen Versprechungen. Wie der Blitz wischte die Bürgermeisterin wieder aus dem Ofen heraus und ließ ihren Bürgermeister aus der Rathsstube rufen.

Die Anrede, die sie an den beim Anblick seiner bewaffneten Frau halbversteinerten Vater der Stadt hielt, ist uns leider nicht aufbewahrt, sie schloß aber mit den fürchterlichen Worten: „Ich erschlage Dich mit dieser meiner eigenen Hand, wenn Du zum Verräther wirst. Und richte das den Rathsherren von allen ihren Weibern aus, denn wahrlich, alle Verräther werden von ihren eigenen Weibern todtgeschlagen.“ Leichenblaß wankte der erschütterte Mann in den Sitzungssaal zurück, Rathsherren und Commissären das Ungeheure zu verkünden. Nach anderer Annahme soll sich die Bürgermeisterin nicht erst damit aufgehalten haben, ihren Eheherrn allein zur Rede zu stellen, sondern, nachdem sie sich im Ofen von der Untreue der Stadträthe überzeugt, an der Spitze der bewaffneten Frauen gleich in die Regimentsstube eingedrungen sein und, mit dem Degen in der Faust, der hohen Versammlung die Schwere ihres Verbrechens vorgehalten, den herzoglichen Commissären Gefangenschaft angekündigt und allen Verräthern mit dem Tode gedroht haben. Letztere Erzählungsweise hat offenbar auch dem Künstler unseres Bildes vorgeschwebt.

Ehe Rathsherren wie Commissäre Bestürzung und Erstaunen zu einem Beschluß kommen ließ, schritt die Bürgermeisterin zur Besetzung des Rathhauses und der Stadtthore, wozu sie die Herzhaftesten ihrer Schaar verwendete. Vor jede Thür des Rathhauses wurden Wachen gestellt. Wer von den Herren heraus wollte, wurde befragt, ob er für die Uebergabe gestimmt habe; zum Glück hatte noch keine Abstimmung stattgefunden, was die Hände der Frauen vor Gattenmord bewahrte. Aber ohne das eidliche Angelöbniß, mit Nein stimmen zu wollen, wurde keiner der Rathsherren freigelassen. Nur die Stuttgarter Herren blieben Gefangene. Das Rathhaus wurde das Hauptquartier der Weiber, die Hauptwache bezogen vier „Mann“, regelmäßige Ablösung erfolgte und die weniger schlagfertigen Weiber unterhielten, „weil es im December war“, auf dem Markte ein beständiges Wachfeuer.

Zwei Tage und drei Nächte blieben auf diese Weise die Stadt und das Rathhaus besetzt. Die Commissäre saßen diese ganze Zeit in der Rathsstube, in steter Gefahr, entweder von den Weibern, erschlagen zu werden, oder Hungers zu sterben. Nur mit Mühe vermochten einige „Rathsverwandte“ die Herzen der Wachen so weit zu erweichen, daß sie den Gefangenen verstohlen in den Taschen etwas Mundvorrath zutragen konnten. Tobias Heller, der Bürgerliche, der für den Minderschuldigen gelten mochte, wurde (man sagt, von dem Commandanten) heimlich aus der Stadt geschafft; der Hofjunker aber mußte, um sein Leben zu retten, nicht nur der Ausführung des mitgebrachten Auftrages entsagen, sondern auch selbst Anstalten zur Gegenwehr machen helfen.

Eine merkwürdige gleichzeitige Schrift von einem Präceptor Daniel Speer in Göppingen: „Der durch das Schorndorfische und Göppingische Weiber-Volk[3] geschüchterte Hahn etc.“ erzählt den Schluß dieser Weiber-Revolution also: „Endlichen hat ihn (den Hofjunker von Hoff) der Herr Commandant ohn einige sonderbahrere Achtung wieder aus der Festung gelassen.“ Auch „mußte“ der Commandant „denen geharnischten Weibrichen“ versprechen, „keinen Commissarium von der jetzmaligen Regierung deßfahls, besonders aber diesen Gesellen“ mehr einzulassen. „Haben also die Weiber, weilen den Männern verboten gewesen, wider Frankreich sich zu wehren, den ersten Anfang und Aufstand gemacht, und sind also die stolze französische Kriegswellen durch Weibercourrage, zu ihrem ewigen Ruhmgedächtniß, der hochmüthigen Reuter aber ewigem Spott, niedergeleget worden.“

Der Commandant Peter Krummhaar hatte ohne Zweifel stillfreudig die Weiber gewähren lassen. Der Aufenthalt, der dadurch dem französischen Vordringen verursacht worden, hatte ihm Luft gemacht, der Succurs vom schwäbischen Kreisheer war nur noch zwölf Stunden entfernt und der Kaiser hatte dem General des Schwäbischen Kreises, dem Markgrafen von Baden-Durlach, die Weisung gegeben: sich an die Anordnungen der vormundschaftlichen Räthe der Würtembergischen Regierung, „weilen sie gleichsam in französischen Händten stehen“, nicht zu kehren.

Groß war die moralische Wirkung, welche dieser Heldenmuth der Frauen augenblicklich ausübte. Kurz sagt: Die That der Schorndorfer Weiber war es, und nichts anderes, was dem ganzen Bilde plötzlich ein verändertes Aussehen gab. Bis dahin, wenn man von den officiellen Kniebeugungen und Gnadenseufzern sich abwendet und nach dem Volksleben umsieht, findet man einen Tag wie den anderen dumpfe Festungsstille, nur unterbrochen durch den Wirbel der Trommel, den Ruf der Wachen und das Aufstoßen der Gewehre, oder durch unheimliche Schüsse von Zeit zu Zeit. Nach dem 14. December jedoch ist Leben überall. Wohin man blicken kann, sieht man das Volk in Bewegung.

Die Hauptheldin dieser Tage aber, die Bürgermeisterin von Schorndorf, Frau Künkelin, überlebte diese Begebenheiten, die ihren Namen geschichtlich gemacht haben, um mehr als vierzig Jahre in guter Gesundheit und beständiger Thätigkeit, sah Enkel und Urenkel, überstand noch zwei wirkliche Belagerungen ihrer Stadt, 1693, wo der Commandant Oberst Carolin von Sommaripa die Franzosen vor der Festung verjagte, und 1707, wo der Commandant von Tastung sie schmählich den Franzosen übergab, und starb, nachdem sie noch eine zwanzigjährige Blindheit ungebeugten Geistes ertragen hatte, neunzig Jahre alt.

Ihr Andenken bleibe bei allen deutschen Frauen und Männern in Ehren!
Friedrich Hofmann.




Ein Märtyrerthum der geistigen Arbeit.


Arbeit soll stets ihren Mann ernähren und redlicher Fleiß der einzig wahre Sorgenbrecher sein. Leider ist dies nicht immer der Fall, denn daß trotz allen Fleißes selbst ein begabter und wegen seiner Leistungen geachteter Mann durch sein ganzes Leben die Sorgenlast mit sich fortschleppen, ja daß diese nach langen Jahren der Arbeit immer drückender werden könne, – dafür haben wir heute unseren Lesern ein Beispiel aufzustellen.

Allerdings gehört dieses Beispiel einem Kreise der Thätigkeit [191] an, den man in Deutschland öffentlich sogar als die Quelle eines neuen Proletariats bezeichnen durfte, das ist der Kreis derjenigen schriftstellerischen Thätigkeit, die selbst und allein ihren Mann ernähren soll, deren Mitglieder den besonderen Stand der Schriftsteller bilden, der Männer, die ausschließlich vom Ertrag ihrer Feder leben, zum Unterschied von denjenigen Verfassern von Schriftwerken, welche ihren festen Unterhalt vom Staat oder aus einem Geschäft beziehen und nur ihre Mußestunden zu schriftstellerischem Verdienst ausnutzen.

Das Autoren-Proletariat ist übrigens keine neue Erscheinung, nur beschränkte es früher sich auf „die armen Poeten“, deren Dachstuben-Elend so manche rührende Schilderung veranlaßt hat. Diese Art von Jammerbildern ist seltener geworden, seitdem das Mitglied mit ihnen durch nüchterne Lebensanschauung beseitigt ward. Niemand ist gezwungen, „brodlose Künste“ zu treiben, und zu diesen gehört gegenwärtig die Lyrik. Die Zeit des Massenbedarfs von Versen ist vorüber, ein Erwerbszweig daraus nicht mehr zu machen, und wer weiter nichts beginnen wollte, als Verse schreiben, hätte die Schuld der Folgen davon sich selbst zuzuschieben – Anders verhält es sich mit dem Mann von Wissen und praktischem Blick, der mit seiner Feder in das volle Leben eingreift, der für das Bedürfniß der Zeit arbeitet und mit dem öffentlichen Streben Hand in Hand vorwärts geht. Ein solcher Schriftsteller sollte wohl hinsichtlich seiner bürgerlichen Stellung mit einem Geschäftsmann oder höheren Beamten in Parallele gebracht werden dürfen. Ziehen wir aber diese Parallele, was finden wir? Daß der Geschäftsmann und Beamte, bei fünf bis sechs Stunden täglicher Arbeitszeit, mindestens ebenso viele Tausende von Thalern, als der Schriftsteller in acht bis zehn Stunden Hunderte erwirbt; daß der Schriftsteller im kümmerlichen Emporringen bis zum „Bekanntwerden“ nur zu oft den besten Theil seiner Kraft und Gesundheit opfern muß, während der Andere in geregelten, gleichsam behaglichen Verhältnissen sich ausbildet; daß der Geschäftsmann im Alter die reichen Früchte seines Strebens erntet, der Beamte der sichern Versorgung durch die Pension entgegensieht – der Schriftsteller dagegen bis zur allerletzten Möglichkeit auf seine eigene Kraft angewiesen bleibt und, nachdem diese dann vollständig erschöpft und zerrüttet ist, wohl kaum eine andere Aussicht erblickt, als die der Wohlthat – das sind freilich allbekannte Wahrheiten. Wenn gleichwohl ein deutscher Schriftsteller wenigstens das Recht hat, selbst in der traurigsten Lage für das Mitleid anderer Leute zu stolz zu sein, so kann er das Mitgefühl seiner Nebenmenschen doch nimmer entbehren.

Unter den zeitgenössischen deutschen Schriftstellern ist Beta einer der bekanntesten. Seine Beiträge in der Gartenlaube und vielen anderen namhaften Zeitschriften haben seinen Namen in jeden Kreis der deutschen Leserwelt getragen. Jetzt liegt er bereits seit fast zwei Jahren krank, elend und arbeitsunfähig auf dem Schmerzenslager. Vor den Tausenden unserer Leser sei es uns nun vergönnt, im Sinne des oben Gesagten eine Lebensskizze dieses Mannes aufzurollen. Und wohl mit Zuversicht dürfen wir darauf rechnen, daß unter den zahllosen Lesenden, die durch Beta’s Feder im Laufe der Zeit belehrt, angeregt, mindestens hin und wieder einmal erheitert worden, recht Viele sich befinden, die ihm ihre Theilnahme nicht versagen werden, jetzt, da er einsam, unglücklich und von aller Welt verlassen sich fühlt. Wenn wir in diesem Lebensabriß aber auch recht viel Trübes zu berichten haben, so verwahren wir uns doch von vornherein dagegen, daß wir an das Mitleid zu appelliren gedenken.

Beta, wie Dr. Heinrich Bettzich sich als Schriftsteller nennt, ward am 23. März 1813 zu Warben bei Delitzsch geboren. Seine wissenschaftliche Bildung erhielt er in Halle, erst in der Frankischen Stiftung, dann auf der Universität daselbst, wo er 1834 bis 1838 Philologie, Philosophie und Naturwissenschaften studirte, besonders beeinflußt durch Ruge’s philosophischen Radicalismus. Im Jahre 1838 ging Beta nach Berlin, wo er die Redaction des literarisch-kritischen Theils von Gubitz’ „Gesellschafter“ übernahm und zehn Jahre hindurch führte. Seine erste größere Schrift war „Das Jubeljahr 1840 und seine Ahnen,“ in welcher er den ganzen mehr als tausendjährigen Culturgehalt des Christen- und Germanenthums entwickelte, und dessen Ergebnisse und weitere Entwickelungsformen dem Könige Friedrich Wilhelm dem Vierten an’s Herz zu legen suchte; das Buch ward, obgleich unter der Censur erschienen, confiscirt.

Später beschäftigte Beta sich besonders mit socialen Fragen und wurde eifriges Mitglied des Freihandels-Vereins, der sich um 1846 in Berlin bildete. Die Lehren, welche im Vereine von Director Noak, John Prince-Smith, Stein und Anderen dort vorgetragen und erörtert wurden, die kostspieligen Verirrungen der Schutzzöllner, welche die Nation jährlich mit Millionen Thalern bezahlen muß, veranlaßten ihn, dies ganze Gebiet der praktischen Freiheit in einem besondern „Freihandels-Katechismus“ zusammenzustellen und außerdem der Handelsfreiheit manch begeistertes Wort zu reden. Dies Letztere hat er seitdem in den verschiedensten Formen und nach allen Seiten hin immer wiederholt und damit wohl wesentlich dazu beigetragen, daß jetzt nur noch in wenigen interessirten oder schwachen Köpfen diese praktische Freiheit Gegner findet.

In den vierziger Jahren redigirte Beta längere Zeit die „Staffette“ und gab in mehreren Heften „Physiologie Berlins“ heraus, in denen er schon damals auf die gesundheitlichen und ästhetischen Bedingungen der Städtevergrößerung energisch aufmerksam machte. Ferner übersetzte er die „Nibelungen“ als Volksbuch im Versmaße und Reim des Urtextes (mit Holzschnitten von Gubitz), den „Reinecke Fuchs“ und mehrere andere alte Volksbücher, die in einer zusammenhängenden Reihenfolge erscheinen sollten; aber der Verleger nahm sich in einem Anfalle von Wahnsinn das Leben, so daß das Unternehmen abgebrochen ward und Beta das ganze Honorar verloren ging.

An der Revolution von 1848 betheiligte er sich nicht; er bemühte sich vielmehr durch zahlreiche Placate, wie sie damals Mode waren, und Flugblätter das Seinige dazu beizutragen, daß man aus den politischen Zerwürfnissen herausgelange und den praktischen Boden der Freiheit, der Cultur, des Handels und Wandels wieder auf- und auszubauen vermöge.

In einer politischen Broschüre, in welcher die Prophezeiung der Kreuzzeitung: „Die rothe Fahne wird über ganz Europa wehen,“ dahin beleuchtet ward, daß es allerdings so weit kommen könnte, wenn man das Volk weder zufrieden stelle noch zufrieden lasse, fand der Staatsanwalt Anreizung zum Hochverrath und andere Verbrechen – welche zwei bis neun Jahre Zuchthaus bringen konnten. Dies veranlaßte den Verfasser, nach manchen Zweifeln und Schwankungen sich der angedrohten Strafe durch die Flucht nach London zu entziehen. Dort las er einige Wochen später in den Zeitungen, daß er in Abwesenheit und ohne Vertheidigung von dieser fabelhaften Beschuldigung freigesprochen und nur eines untergeordneten Preßvergehens wegen zu sechs Monaten Gefängniß verurtheilt worden sei.

In London fand er – es war 1851 – durch die erste große Weltausstellung volle Freiheit und gar reges Leben, die erste großartige Verwirklichung seiner Ideale, kosmopolitisches Streben, friedlichen Verkehr und Wettstreit aller Völker mit einander, olympische Spiele der ganzen productiven Weltcultur im ersten Eisen- und Krystalltempel des praktischen Kosmopolitismus. Auch Beschäftigung fand er, an der deutschen Ausgabe der „Illustrated London News“, die aber durch das Ungeschick des Redacteurs bald wieder zu Grunde ging. Einige Arbeiten für deutsche Verleger gewährten ihm die Mittel, sich durch Etablirung eines kleinen kaufmännischen Geschäfts den nöthigsten Lebensunterhalt zu verschaffen. Doch kostete es ihm und seiner Frau manch harten Kampf und manche Entbehrung. Durch die Flucht des Hausmiethers, von welchem er seinen Laden übernommen hatte, kam er schon nach einem halben Jahre in die Lage, das ganze Geschäft wieder aufgeben zu müssen und die Früchte harter Arbeit zu verlieren. Er kehrte jetzt wieder völlig zur Literatur zurück, in welcher er sich besonders durch Beiträge für die „Gartenlaube“ und das „Magazin für die Literatur des Auslandes“ während seines ganzen zehnjährigen Aufenthaltes in London, mit besonderem Eifer und Erfolge aus dem Reichthum und der Fülle von ausländischen und englischen Culturstoffen schöpfend, hervorthat. Er ward dadurch für Deutschland ein allgemein anerkannter, fleißiger Importeur von fremden Gütern, zum Nutzen, zur Belehrung und zum praktischen Gewinn seiner Leser.

Wir können, des beschränkten Raumes halber, hier auf seine Thätigkeit in den vielen Organen, deren fleißigster Mitarbeiter er war und geblieben ist, so lange seine Kräfte reichten, nicht weiter eingehen, dürfen aber wohl hoffen, daß die aufmerksamen Leser und Leserinnen der „Gartenlaube“ sich seiner [192] frischen und anregenden Beiträge aus London noch gern erinnern werden.

Der neue Krystallpalast, der aus dem alten schöner und prachtvoller hervorging, gab ihm Gelegenheit, bei Entstehung und Füllung desselben als Vermittler für deutsche Künstler sich zu betheiligen. Zugleich schöpfte er auch reichlichen Stoff und die Begeisterung, das ganze kolossale kosmopolitische Weltwunder, mit seinem fast unermeßlich reichen Inhalt von Kunst- und Schönheitsblüthen, in einem besondern umfangreichen Buche: „Der Krystallpalast von Sydenham, seine Kunsthallen und seine geologische Insel“ (Leipzig, bei J. Weber, reichlich illustrirt) ausführlich und sehr interessant zu schildern.

Der Erfolg seiner literarischen Thätigkeit für Deutschland und namentlich das von dem Herausgeber der „Gartenlaube“ mit dem immer größeren Aufschwunge dieses Blattes freiwillig nach und nach erhöhte Honorar setzte ihn mit der Zeit in den Stand, sich nach englischer Sitte in einem eigenen Häuschen mit Garten einzurichten und dann auch gar manche Wohlthaten ärmeren Landsleuten zu erweisen.

Im Jahre 1861 rief ihn die Amnestie nach Deutschland, nach Berlin zurück. Hier setzte er seine literarische Thätigkeit mit neuerwachender Kraft fort. Es kamen englische Correspondenzen aus Berlin für Londoner Zeitungen hinzu; in Deutschland ward er zur Betheiligung an verschiedenen neuen und älteren Zeitschriften und Zeitungen herangezogen. Arbeit war reichlich vorhanden; um aber die schweren Verluste, die mit dem Abbruch einer Häuslichkeit in London verbunden waren, und die Kosten zur Gründung einer neuen, die Erhaltung einer Familie, die Erziehung von zwei Kindern u. s. w. zu bestreiten – mußte er sich wohl oft genug übermäßig anstrengen. Er arbeitete rüstig fort, bis ihm die Kräfte immer mehr versagten und zunehmende Leiden ihm die alte rege Productionskraft immer mehr lähmten.

Während der letzten zwei Jahre konnte er nur noch mühsam an der Krücke, zuletzt gar nicht mehr gehen und liegt jetzt längst vollständig an das Schmerzenslager gefesselt da, während eine sorgsame, in Pflege und Liebe sich aufopfernde Frau und zwei, noch der Erziehung bedürftige Kinder von seiner leider vollständig gelähmten und im rastlosen Dienste für das deutsche Volk zusammengebrochenen Erwerbsthätigkeit abhängig sind.

Vor etwa zwei Jahren bewilligte ihm die deutsche Schillerstiftung eine einmalige Gabe von zweihundert Thalern zu einer Badecur. Sein Gesuch wurde damals unterstützt durch das ehemalige Schiller-Comité in Petersburg (er hatte für russische Zeitungen von London aus ebenfalls fleißig gearbeitet), welches zu der Schillerstiftung 6000 Rubel mit der Clausel beigesteuert hatte, daß es sich das Vorschlagsrecht für Verwendung der Zinsen vorbehalte. Davon machte es für Beta erst zum zweiten Male Gebrauch und zwar mit der ausdrücklichen Bitte, ihm eine regelmäßige jährliche Ehrengabe zuzuerkennen.

Beta’s literarische Wirksamkeit begann gerade vor dreißig Jahren, in den „Halleschen Jahrbüchern“ von Ruge und Echtermeyer, dem damals Epoche machenden Organe gründlicher philosophischer Kritik und Auffassung aller Cultur- und Lebenserscheinungen. Er gehört unbedingt zu den verhältnißmäßig wenigen Schriftstellern, die individuell schreiben und ihr ganzes Ich, ihr bestes Herzblut gleichsam in ihre literarischen Schöpfungen ergießen, so daß er auch aus seinen zahlreichen anonym erschienenen Artikeln deutlich zu erkennen ist. Dabei arbeitete er alle die vielen Jahre hindurch, Tag für Tag, fleißig, anhaltend, mit seiner besten Kraft, nicht für eine bestimmte Classe, nicht für ein bestimmtes Land, sondern immer mit festem Blick auf sein Ideal: die menschliche Cultur, die praktische Freiheit und den Frieden, durch möglichst freien Austausch der materiellen und ideellen Güter und Vorzüge der verschiedenen Völker, im praktischen Kosmopolitismus sich verwirklichen zu sehen, als dessen Träger er die über die ganze Erde verbreiteten Deutschen stets nachzuweisen und zu erkennen suchte.

Mit Bezugnahme auf die Eingangs ausgesprochenen trüben Wahrheiten, die doch einmal thatsächlich und in den deutschen Verhältnissen begründet sind, und in Anbetracht derer das deutsche Volk in edler Hochherzigkeit seine Schillerstiftung gegründet hat, sei es uns gestattet, Folgendes unverhohlen auszusprechen: Der deutsche Schriftsteller soll und darf nicht mehr auf das bloße zufällige Mitleid angewiesen sein, nachdem er seine Kraft dem deutschen Volke gleichsam zum Opfer dargebracht hat. Unsers Wissens hat Beta nun aber seit der völligen Erlahmung seiner Arbeitskraft, erst eine einmalige, noch weit geringere Ehrengabe von der Schillerstiftung erhalten. Unwillkürlich drängen sich uns da die Fragen auf: sollte man wirklich seiner ganzen langen kosmopolitischen Wirksamkeit ein solches Unrecht anthun wollen, sollte man, da er sich in seiner dreißig Jahre hindurch tapfer fortgesetzten literarischen Thätigkeit vollständig aufgeopfert hat und erwerbsunfähig geworden ist, ihm eine entsprechende ehrende Versorgung vorenthalten dürfen?!

Oder sollte wirklich die Ehrenwohlthat der Schillerstiftung ausschließlich für dichterische Verdienste bestimmt sein? Wenn ein solcher Paragraph der Statuten eine solche Tyrannei gegen alle übrigen Volksschriftsteller ausüben sollte, dann würde es Pflicht jedes gerechten deutschen Mannes sein, in der nächsten Generalversammlung der Stiftung mit aller Entschiedenheit gegen solch empörendes Unrecht aufzutreten, Kein Vernünftiger wird sich mit der Behauptung versöhnen, daß ein wenn noch so gewandter Lyriker an Thatwerth für die Erhebung und Bildung des Volks den Mann der Tagespresse, den rastlos und nie gefahrlos im Dienste des Volks wirkenden Journalisten überrage, um so weniger aber einen Schriftsteller, der, wie Beta, durch Zeitschriften und selbstständige Werke seine Stelle in der deutschen Literatur sich errungen hat.

In Betreff dieser Verdienste, dieses Werthes und dieser Berechtigung als Schriftsteller, falls dieselben wirklich noch irgendwie in Zweifel gezogen werden könnten, bedarf es wohl nur eines Hinweises auf die einstimmig günstige Kritik über seine Leistungen in sämmtlichen bedeutenderen Organen. Durch seine neueren Werke „Deutsche Früchte aus England“ (Leipzig, Grunow; zwei Bände) und „Aus dem Herzen der Welt“ (zwei Bände, ebendaselbst) hat er unstreitig auf deutsche Verhältnisse in bedeutsamer wohlthätigerer Weise eingewirkt, als viele Federn von größerem Lohnglück. Man hat diese Thätigkeit eine „stadtreformatorische“ genannt, die namentlich in sanitätlicher Beziehung den Uebeln der großen Städte entgegenzutreten suchte. Bedenken wir ein solches, nach allen den beregten Seiten hin dreißig Jahre hindurch rastlos und unermüdlich fortgesetztes Schaffen, so werden wir die Bedeutung des Schriftstellers Beta, namentlich in socialer und culturgeschichtlicher Hinsicht, gewiß nicht unterschätzen dürfen, ganz abgesehen davon, daß seine poetischen Productionen und Reproductionen einer Beachtung neben manchem mit Entgegenkommen Beachteten allerdings werth sind. Nebenbei wollen wir bemerken, daß Beta in London die ersten Schritte zur Feier des Schillerfestes im Krystallpalaste that und den ersten Aufruf dazu selbstständig erließ. Das Schillerfest in London war bekanntlich ein glänzendes und zugleich der eigentliche Geburtstag eines selbstbewußten Lebens unter den Deutschen in England.

Beta liegt jetzt der großen gleichgültigen Welt gegenüber hülflos da, nachdem er sich für Humanität, Freiheit und Allgemeinwohlfahrt in viele Jahre währender harter Arbeit aufgerieben. Manche mitleidige Seele ist an sein Schmerzenslager getreten, hat ihm Trost zugesprochen und ihm auch wohl zu helfen gesucht; allein einem solchen Leiden gegenüber ist die Hülfe Einzelner doch nimmer ausreichend.

Die rechte Hülfe kann ihm am allzu früh hereingebrochenen Lebensabend nur aus der Stiftung kommen, die durch Nationalbeiträge in den Stand gesetzt worden ist, ihre allbekannte Bestimmung als eine im Namen der Nation übernommene Ehrenpflicht gegen unverschuldet in Bedrängniß gefallene Schriftsteller und Dichter von anerkanntem Verdienst auch gerecht zu erfüllen. Daß dies hier als Wunsch in möglichster Oeffentlichkeit ausgesprochen wird, soll nicht etwa Mißtrauen in die Pflichttreue des dermaligen Schillerstiftungs-Vorstandes andeuten, sondern, wenn es ja wie eine Mahnung erscheint, nur die sein: rasch da zu helfen, wo jahrelange Noth den Verfall eines Familienglücks zu so raschem Laufe drängt.




Inhalt: Die Herrin von Dernot. Novelle von Edmund Hoefer. (Fortsetzung.) – Der Schwärzer. Reiseerinnerung von Herman Schmid. Mit Illustration. – Um ‘s Kirchle ‘rum. Gedicht von Adolf Grimminger. – Die deutsche Genossenschaftsbewegung. Von Schulze-Delitzsch. – Die Bürgermeisterin von Schorndorf. Von Fr. Hofmann. Mit Illustration. – Ein Märtyrerthum der geistigen Arbeit.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Jahresberichte über die auf Selbsthülfe gegründeten deutschen Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften für 1859 bis 1865 von Schulze-Delitzsch, derzeitigem Genossenschaftsanwalt. Leipzig, Verlag von Gustav Mayer.
  2. Blätter für Genossenschaftswesen. Organ des allgemeinen Verbandes deutscher Erwerbs- und Wirthschaftsgenossenschaften. Jahresabonnement ein Thaler zehn Neugroschen.
  3. Auch in Göppingen brachte, gleich nach dem Schorndorfer Vorfall, ein durchreisender „fürnehmer“ Commissarius das Weibervolk in den Harnisch. Man wußte, daß der Succurs des Reichs gegen die Franzosen im Anzug war, und befürchtete, daß er von Stuttgart aus hintertrieben werde. Die Weiber bewaffneten sich, besetzten das Gasthaus, wo der Commissarius verweilte, und die Stadtthore, und sie entließen ihn erst, als sie die Versicherung erhalten hatten, daß er, nachdem auch Stuttgart, gegen alle Zusagen der Franzosen, feindlich besetzt worden sei, den Succurs selbst herbeiholen solle.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. siehe dazu Nadelgeld
  2. Vorlage: Deuschland