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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1865
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1865) 721.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[721]

No. 46.   1865.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. 0Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.




Der Dorfcaplan.
Erzählung aus Oberbaiern nach einer wahren Begebenheit.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Rascher, mit lauter Stimme sprach Isidor den Segenswunsch zu Ende und eben zur rechten Zeit regten sich die Glocken im Kirchthurm zu vielstimmigem, feierlichem Geläut und mahnten aufzubrechen zur Feier des Tages. Es war keine Zeit mehr, ein Gespräch zu beginnen und etwa den Vater nach dem Namen der Brautjungfer zu fragen … Das konnte doch unmöglich die Franzi sein das blasse schmächtige Kind – und dennoch, warum hatte es ihn aus diesen wunderbaren Augen angemuthet, wie noch nie? Der dröhnende Glockenton, der Ernst der Stunde scheuchten das irdische Bild von seiner erhobenen Seele hinweg und festen Schrittes schloß er sich dem Zuge an, der sich fröhlich und bunt um ihn bildete.

Voraus bliesen und trompeteten die Musikanten einen lustigen Marsch, wie bei einer Hochzeit. Damals war es so Sitte und man fand nichts Anstößiges daran, daß der Priester beim Eintritt in seinen neuen Stand noch einmal unter Sang und Klang von den Freuden des Lebens Abschied nehme, und das Bild einer Hochzeit war es auch, was bei der ganzen Feierlichkeit festgehalten wurde. Der Priester wurde ja auch auf ewig mit der Kirche verbunden. Ein kleines Mädchen von sieben bis acht Jahren durfte daher als deren Vertreterin, als sogenannte „geistliche Braut“ nicht fehlen, und am Arme des Geistlichen prangte wie an dem eines Hochzeiters das grüne Kränzlein. Die Verwandten schlossen sich an, die Kranzeljungfern dabei, alle die Citrone in der Hand, mit einem Rosmarin-Zweiglein besteckt, und dem Primizianten gab ein älterer Geistlicher das Geleite, welcher der Pathe hieß und ihm in allen Verrichtungen helfend und rathend zur Seite stand. Isidor’s Pathe war der Pfarrer des Dorfs, ein großer Mann von soldatischer Haltung, mit einem ernsthaften, nicht eben geistreichen Gesichte; er war kein Freund davon, sich bei solchen öffentlichen Anlässen zu zeigen, aber da es ein Pfarrkind war, das sein Fest feierte, hatte er die bescheidene Bitte desselben nicht abzuschlagen vermocht.

So ging der Zug der Kirche zu: Alles drängte nach den geschmückten Stühlen, während der Primiziant in der Sacristei mit den gottesdienstlichen Gewändern geschmückt wurde und dann, zum Altare geleitet, sein erstes Hochamt feierte. Während desselben hielt der Pfarrer die Ehrenpredigt, worin er dem Pathen die Pflichten des neuen Standes auseinandersetzte, seinen Entschluß glücklich pries und besonders hervorhob, daß er um dessen willen die Güter der Erde zurückgewiesen und sich entschlossen habe, ewige Schätze zu sammeln, Reichthümer, die der Rost nicht zernagt, einen Besitz, der den Motten widersteht und den Würmern.

Isidor saß während der Predigt zuhörend auf dem sammetbezogenen Seitenstuhle, aber trotz aller Andacht, trotz alles Aufwandes von Kraft begann die Erregung seines Gemüths nachzulassen, die Spannung seiner Nerven zu ermatten; wider Willen streiften andere Gedanken ihm flüchtig durch den Sinn und er mußte sich einige male sammeln und zwingen, um dem Prediger zu folgen. Es kam ihm vor, als wären es mitunter leere Worte, die dieser sprach, als wäre er nicht derjenige, dem sie vor Allen galten. Die Gedanken, obwohl unwillig abgewehrt und verscheucht, kamen dringender wieder und ließen wunderbare Bilder vor seinem inneren Auge entstehen. Es war, als ob die weihrauchdurchdufteten Hallen der Kirche sich weiteten und öffneten – er sah weite grünende Wiesen und rauschenden Wald vor sich und sah sich selber darin als sorglosen, fröhlich spielenden Knaben ... er sah das Bild der Bauernfamilie mit dem Kinde vor seinen Augen, aber nicht er war es, der den Segen darüber sprechen sollte, und auch das Gesicht der Mutter veränderte sich wunderbar … das war nicht die behäbige Bäuerin, das waren die Züge, die Augen der Kranzjungfer, die gegenüber im Chorstuhl kniete und ihr Antlitz so tief über ihr Gebetbuch niederbeugte, daß nichts zu sehen war, als auf dem reichen Haare das Krönlein…

Mit dem Schlusse der Predigt erbrauste die Orgel … ihre Töne strömten wie überirdische Fluthen um seine Seele und reinigten sie und hoben ihn empor, daß er mit entrüsteter Stärke die letzte schnöde Versuchung der Erde von sich wies...

In dankbarer Andacht vollendete er das Opfer und als er zum Schlusse die feierliche Choral-Weise des Ita missa est so recht mit voller Stimme zu singen begann, da mochte Jeder es hören und aus diesen Tönen, wie aus einem Siegesliede vernehmen, daß er die alte Schlange bezwungen und ihr den Fuß auf das Haupt gesetzt.

In gleicher Ordnung ging der Zug aus der Kirche, diesmal dem Gasthause zu und ohne die Geistlichen, welche gesondert nachkamen. In einem großen Saale stand die Tafel zum reichlichen Mahle bereit, das für so unentbehrlich galt, wie ein Kirchweihschmaus, bei welchem alle Verwandten und Bekannten zu erscheinen wetteiferten. Zwischen den einzelnen Speisen bliesen die Musikanten lustige Stücklein und manchen schmetternden Tusch, wenn der Pfarrer die Gesundheit und das lange Leben des Herrn Primizianten und dieser hinwider das Wohlbefinden und Gedeihen des Herrn Pfarrers ausbrachte; wenn man nach der Reihe das glückliche [722] Elternpaar, die geistliche Braut und die Kranzeljungfern oder auch wohl die gesammte Freundschaft und alle werthen Gäste hoch leben ließ und abermals hoch!

Das Mahl ward immer belebter, denn der alte Moosrainer wollte seinen Reichthum sehen lassen und zeigen, daß es seinem Sohne nicht um die Freundesgaben der Gäste zu thun war; mit dem Weine ward nicht gekargt und das ungewohnte Getränk begann in den Köpfen der Bauern zu rumoren, daß das Lachen und Geplauder immer lauter in die Runde ging. Besonders lebhaft war es am Ende der Tafel; dort saß Vigili, der Schmied, ärgerlich darüber, daß die Rangordnung ihn so weit von Franzi getrennt hielt, und die Nachbarn hatten Mühe zu verhindern, daß seine unwirschen Ausdrücke nicht gar zu vernehmlich wurden, denn er war weder wählig noch zierlich in deren Wahl.

Es war eine willkommene Unterbrechung, als die Wirthin mit der Ehrentorte erschien und sie mit besonderem Glückwunsch vor Isidor hinsetzte, denn die Torte mußte immer ein Meisterstück der Kuchenbäckerei sein und gab zugleich das vielfach ersehnte Zeichen zum Beginn des Tanzes. Auf der Zuckerfläche der Torte stand, aus Tragant und Zeugläppchen zierlich geformt, ein kleines Männchen in schwarzem Talar und mit dem Chorrock darüber, ein plastisches Ebenbild des Gefeierten. Der Tanz war damals auch bei solchen Festen nicht verpönt, vielmehr mußte der neue Priester selbst den Reigen eröffnen: man war der Meinung, daß nur der im Leben recht rathen und helfen könne, der dem Leben selbst in die Augen gesehen, und verlangte, daß der junge Priester bei seiner Primiz „das erste und letzte Tänzlein“ machen solle.

Schon beim ersten Geigenstrich hatte Vigili sich aufgemacht, um zu Franzi zu kommen und den versprochenen Ersten zu erhaschen … so sehr er aber eilte, er kam doch zu spät.

Der Pfarrer hatte sich bereits erhoben, die vorletzte seiner Pathenpflichten zu üben, welche darin bestand, seinem Schützling die Partnerin zum „letzten Tänzlein“ zuzuführen; die letzte war dann, dem Primizianten, der unmittelbar darnach Mahl und Fest verlassen mußte, in seine Wohnung das Geleite zu geben. Er war eben in ein Stück der Festtorte so vertieft gewesen, daß er darüber beinahe seine Verpflichtung vergessen hätte und durch den Hochzeitslader gemahnt werden mußte, wie das junge tanzlustige Volk mit Sehnsucht darauf warte, sich dem Tanzen in die Arme werfen zu können. In Eile erhob er sich und um den Fehler gut zu machen, sann er nicht lange nach über eine etwa unter den Reichern und Vornehmern zu treffende Wahl, sondern faßte die Hand der zunächst Sitzenden.

Es war Franzi.

Als er mit ihr vor Isidor trat, war eben Vigili herangekommen und sah mit zornfunkelnden Blicken, was er doch nicht zu wehren vermochte; Franzi war zu überrascht und verwirrt, ihn gewahr zu werden.

Auch Isidor theilte sich bei ihrem Anblick die Verwirrung mit. Mit noch nie empfundener Beklommenheit faßte er ihre Hand, die Musik spielte einen leisen, nur von Streichinstrumenten ausgesührten Ländler nach einer bekannten melancholischen Volksweise, die wie ein Abschied klang, und das Paar begann seinen Reigen allein in dem weiten Saale, an dessen Wänden Alle sich als Zuschauer drängten, verschiedene Gefühle und Gedanken in Kopf und Herz.

Ueber Isidor kam es wie ein plötzlicher Trunk übermächtigen Weins; als er seine Tänzerin faßte, war es unvermeidlich, daß die Augen sich wieder begegneten und wieder eines Athems Dauer sich in fragender Verwunderung in die Herzen schauten; er schloß das Mädchen fester an sich und wiegte sich in ihrem Arm so sicher und ruhig durch den Saal, als wäre es nicht der Schluß seines bisherigen Lebens, sondern als ginge der Anfang eines neuen vor ihm auf.

Franzi hielt an, der Primiziant durfte nur drei Mal den Saal umkreisen, dann gehörte dieser der fröhlichen Welt, die auch von dem Rechte augenblicklich jubelnden Gebrauch machte und den Platz mit bunt durcheinander wirbelnden Paaren bedeckte.

Isidor führte seine Tänzerin zur leergeworbenen Tafel an seinen Platz, füllte zwei Gläser und band sich das Bräutigams-Kränzlein vom Arm, um es wie einen Rahmen um das eine Glas zu legen, das Kränzlein gebührte der Partnerin des „letzten Tänzleins“.

„Sie sollen leben, Hochwürden!“ sagte sie mit bebender Stimme, als er sein Glas erhob, an das ihre anzuklingen.

Isidor ging ein Stich durch das Herz bei dem Worte.

„Ich danke Dir; es freut mich sehr, daß Du zu meinem Ehrentag gekommen bist.“

„Wie hätt’ ich ausbleiben können? Das war mir ja die größte Freud’ in mein’ ganzen Leben, daß Sie noch an mich gedacht haben …“

„Glaubst Du, ich hätte Dich vergessen? Niemals!“ entgegnete Isidor rasch und begriff zum ersten Male, wie wahr das Wort war, das er gesprochen. „Ich habe Dich nie vergessen,“ setzte er zögernd und wie berichtigend hinzu, „Dich so wenig, wie Vater und Mutter und das ganze Dorf … Aber ich habe Dich erst nicht wieder erkannt!“

„Das ist wohl möglich, Sie sind gar lang’ fortgewesen …“

„Es ist nicht das … Du bist ganz anders geworden … so groß …“ und so schön, wollte er hinzusetzen, aber der Laut starb im Entstehen, Unsägliche, noch nie gefühlte Beklommenheit bemächtigte sich seiner; wie suchend sah er unschlüssig um sich und bemerkte Vigili, der in dem leergewordenen Tafelzimmer unter der Thür stand, die Beiden mit grimmigen Augen und einem Lächeln betrachtend, das ihm wie Hohn in die Seele ging.

Betreten ließ er die Hand des Mädchens fahren und ward jetzt erst gewahr, daß er sie wieder erfaßt gehabt hatte.

„Der Bursche dort betrachtet uns mit so sonderbaren Blicken,“ sagte er, „als sei es ihm nicht recht, daß ich mit Dir spreche … Es ist wohl Dein Schatz?“

Das Wort wollte nicht von der widerstrebenden Zunge.

Franzi erröthete. „Ich hab’ keinen Schatz. Hochwürden,“ sagte sie dann und sah ihn treuherzig an. „Das ist der Schmiedsohn, der Vigili … er will mich heirathen, und ich hab’ ihm den ersten Tanz versprochen …“

„Und Du wirst ihn heirathen?“

„Was will ich machen, Hochwürden Herr Isidor? Es ist eine gute Versorgung, ich bin blutarm, und sein’ Lebtag dienen ist hart …“

„Du hast Recht,“ rief Isidor hastig, „nimm ihn … heirathe ihn und sei glücklich! Warum solltest Du auch nicht? … Der Bursche ist wohl gar eifersüchtig auf mich … er sollte doch wissen, daß er bei mir keinen Grund dazu hat … Lebe wohl, Franzi! Lebe glücklich! Denke manchmal an die Zeit, wo wir Kinder gewesen sind, und an – den heutigen Tag!“

Er ging, vom Pfarrer geleitet; Franzi stand unbeweglich, bis Vigili zu ihr trat.

„So?“ knurrte er grimmig mit gepreßtem Ton. „Heißt das bei Dir Wort halten?“

Franzi sah ihn ruhig und wie von oben herab an.

„Ich hab’ Dir den ersten Tanz versprochen,“ sagte sie, „und bin dabei geblieben, denn der Tanz mit dem hochwürdigen Herrn wird nit gerechnet, das ist was ganz Andres … Aber so laß’ ich mich nit fragen, Vigili! Ein Mensch, der mich so anfahrt, wo ich noch nit einmal sein Schatz bin, der darf sich nit einbilden, daß ich sein Weib werd’ und wenn ich eine Goldschmieden mit ihm bekäm; mit einem solchen tanz ich nit einmal …“

Sie ging und verschwand im Tanzsaal, aus dem Jubel und Musik erscholl. Vigili ballte die Fäuste und drohte ihr nach. –

Jsidor war indessen im elterlichen Hause angekommen, Niemand war noch daheim, Alles befand sich noch beim Feste; mutterseelenallein schritt er in der ihm eingeräumten Prunkstube des obern Stockwerks hin und wider.

Was war mit ihm vorgegangen! Wohin war seine sichere Ruhe, seine Zuversicht gekommen … welchen Eindruck hat dies schlichte Mädchen auf ihn hervorgebracht! Wie wenig hatte er sich selbst gekannt, wenn er geglaubt, es gebe kein irdisches Band mehr, das ihn an die Welt kette – jetzt, auf einmal war es ihm klar, daß er sie immer im Sinn getragen, daß er sich selbst absichtlich oder leichtsinnig über dies Andenken getäuscht; jetzt lag es vor ihm, hell, wie ein vom Blitz entzündetes und in seinen Flammen einsinkendes Gebäude, warum er gerade sie so sehnlich beim Feste gewünscht [723] hatte, und war ihm noch Etwas undeutlich geblieben in dem verworrenen Gewebe seines Fühlens, wollte er es mit irgend einem Vorwande noch bergen und beschönigen, daß er die Jugendgespielin unbewußt, aber so lange er zu denken wußte, geliebt, so hatte die Empfindung ihn enttäuschen müssen, die ihn durchzuckte, als er ihren Freier bemerkte, als er mit nie gefühltem Schmerz, mit nie geahnter Wehmuth sich gestehen mußte, daß sie für ihn verloren war; daß er kein Recht hatte, dem Glücklichen zu wehren, daß der bloße Gedanke an sie eine Sünde war, ein Verbrechen an seinem Gelübde.

In heißströmendem Gebete sank er vor dem Kreuzbild in der Stube auf’s Knie, in stürmischer Selbstanklage flehte er um Kraft und bat den Herrn, die rettende Hand nach ihm auszustrecken, wie einst nach dem furchtsamen, im Meer versinkenden Jünger.

Es war Nacht geworden, als er noch betete und wachte; da erschollen ernste Klänge vor dem Hause: dem Primizianten wurde dem Brauche gemäß und zum Schlusse seines Festes noch ein Ständchen gebracht – eine tief klagende Grabmusik. Noch einmal sollte er gemahnt werden an den Abschied vom Irdischen und der Gedanke daran sollte ihn im Entschlummern geleiten.

Im Pfarrhofstadel dagegen lag Franzi schon lange zu Bett und schlief. Sie hörte die Trauermusik nicht in ihre Träume hinüber; der Schein des Mondes, der durch eine Dachluke hell den Kammerwinkel beleuchtete, erhellte ein sorglos schlummerndes Kindergesicht.

An der Wand über dem Bette, mit einem Bändchen zusammengeknüpft, hingen das Krönlein, das sie getragen, und Isidor’s Kranz.




2.

Es herbstete ungewöhnlich früh und schnell.

Wenige Wochen waren vorüber und doch hatte das Land ringsum schon vielfach andere Färbung und Gestalt. Vor den Fenstern des Moosrainer-Hofs streckten die Bäume des Obstgartens die Zweige schon fast kahl oder nur mit wenigen gelben Blättern geschmückt empor, darüber hinaus weilte der Blick auf rothen Buchenwipfeln und an den Bergen hin jagte und zog weißes Gewölk, die Spitzen bald verhüllend, bald daran vorüberstürmend, als fände es keinen Halt, sich vor dem Winde daran zu klammern, der vom Strome her über die Stoppelfelder sauste.

„Na meinetwegen, Isidor,“ sagte der alte Moosrainer der neben seinem Sohne in der Prunkstube am Fenster saß, „wenn Du durchaus fort mußt, so mag es in Gottes Namen sein, ich will morgen die zwei Bräunel anschirren und Dich nach Rosenheim hinüberfahren, das laß’ ich mir nicht nehmen. Vielleicht fahrt die Mutter auch mit .. Bist aber auch ganz gesund und wieder bei Kräften?“

„Vollständig, Vater,“ erwiderte der jungc Geistliche, indem er sich erhob, gleichsam als wolle er zeigen, daß er nicht zu viel gesagt. „Ich bin so gesund, wie je und sehne mich darnach, endlich zu Thätigkeit und Wirksamkeit zu kommen … das wird mich kräftigen und den letzten Rest des Siechthums verscheuchen, das mich so plötzlich überfallen hat.“

„Ja, ja,“ sagte der Alte mit bedächtigem Kopfschütteln, „es kommt oft geschwind Etwas über den Menschen; bei Dir war’s justament nit zum Verwundern, das viele Studiren und die Erwartung und die Vorbereitung alle, das kann Einen wohl aus dem Gleichgewicht bringen … es hat mich nit einmal recht gewundert, wie Du am Tag nach der Primiz krank gewesen bist und hast ein Fieber gehabt und ein paar Tag’ lang nichts von Dir gewußt! Wenn’s nur auch völlig vorbei ist, denn das ist nit zum Läugnen, Isidor, bleich siehst Du noch aus…“

Der Alte hatte wohl Recht; der junge Mann stand zwar wieder in alter Vollkraft vor ihm, aber das Gesicht, besonders die Stirn leuchtete vor Blässe und in den Augcn glimmte Etwas, wie ein unter Asche und Kohle vergrabener Funken.

„Eben deshalb wird eine Luftveränderung mir gut thun,“ sagte er, und vollends der Wirkungskreis an dem mir angewiesenen neuen Postcn … ich werde vollauf zu thun und keine Zeit haben, krank zu liegen…“

„Die Mutter hat freilich gemeint, Du solltest wenigstens so lang bleiben, bis der Doctor, der Dich curirt hat, noch einmal gekommen wär’...“

„Nein, nein!“ rief Isidor hastig und mit einer Geberde entschiedener und fast erschrockener Abwehr, „ich kann hier nicht länger bleiben … ich darf es nicht… Glaubt mir, mein Vater,“ fuhr er etwas innehaltend fort, „meine Pflicht fordert, den mir angewiesenen Posten so schnell wie möglich anzutreten, und dann … jede Stunde, die ich noch hier bleiben müßte, würde meinen Zustand nur verschlimmern…“

„Gut also, morgen wird gereist!“ sagte der Moosrainer gelassen und erhob sich ebenfalls. „Begreife zwar nit, was bei uns so besonders gefährlich sein soll; hätt’ auch sonst ein paar Anliegen gehabt an Dich … aber es eilt nit damit und auf’s Frühjahr, wann’s Gottes Willen ist, komm’ ich und besuch’ Dich auf Deinem Posten, da wirst Du wohl Zeit haben und wirst mir rathen können…“

„Zeit für Euch, Vater?“ rief Isidor. „Als wenn es je gelten könnte, diese erst abzuwarten! Sagt mir Euer Anliegen gleich, und was in meiner Macht steht, wird gewiß geschehen!“

„Es ist eine eigene Sach’,“ sagte der Alte zögernd, „aber Du bist studirt und mußt es besser wissen… Sag’ mir einmal, was halt’st Du von Heimlichkeiten … so von geheimen Zusammenkünften, bei der Nacht und an einem verborgenen Ort?“

„Nicht viel, Vater, ich denke, was gut ist, hat das Licht nicht zu scheuen…“

„Wenn man aber zu etwas Gutem zusammen kommt … zum Beten oder zur Betrachtung?“

„Gleichviel, die Andacht, die sich mit der Nacht verbündet, ist die rechte nicht. Aber was bedeuten diese Fragen? Solltet Ihr in solchem Falle sein?“

Der Moosrainer besann sich. „Das nit,“ sagte er, „aber … ich hab’ davon reden hören und weiß jetzt schon, was ich hab’ wissen wollen…“

„Und Euer zweites Anliegen?“

„Mein zweites Anliegen ist, daß Du mir helfen sollst, für ein armes, braves Kind eine Mutter suchen… Der arme Narr ist in den Windeln Einem vor die Thür hing’legt worden und ich mein’ alleweil, es müßt’ was, wie eine Spitzbüberei dabei sein. Da möcht’ ich gern dahinter kommen, wer das Kind ausgesetzt hat, und Du sollst überall herumschreiben und sollst mir helfen, es heraus zu bringen…“

„Gern, Vater … wer ist das Kind?“

„Du kennst sie gut. Deine ehmalige Spielcameradin ist’s, die Franzi…“

Der Alte wandte sich gegen das Fenster, weil vor dem Hause Stimmen hörbar wurden; auch ohne das wäre wohl ein schärferer Beobachter nöthig gewesen, um die augenblickliche Erregung zu gewahren, die bei diesem Namen über Isidor’s Züge glitt.

„Da kommt die Mutter heim und in aller Eil,“ begann der Moosrainer, „sie winkt und lacht herauf, wird also bald da sein, lassen wir’s also gut sein für heut, vielleicht kann ich Dir morgen während des Fahrens Alles erzählen… Ich weiß doch, daß Du mir hilfst … Du hast ja die Franzi als kleiner Bub gar gern gehabt und ich hab’ lachen müssen, wie Du so da gelegen bist in der Bewußtlosigkeit, und hast manchmal nach ihr gerufen und hast von der Zeit phantasirt, wo Du als Bub mit ihr gespielt hast, im Obstanger unten und draußen auf dem grünen Fleckel vor dem Hof…“

„Fieberreden, Vater,“ sagte Isidor und faßte ergriffen die Hand des Alten. „Phantasieen des kranken Gehirns … sie sind verschwunden vor dem klaren Lichte der Gesundheit!“

Hastige Schritte kamen die Stiege herauf, der Moosrainer öffnete rasch die Thür.

„Muß schon aufmachen,“ rief er lachend der Bäurin entgegen, „sonst fällst Du sammt Deiner Neuigkeit gleich mit der Thür in’s Haus, denn eine Neuigkeit bringst Du, das seh’ ich Dir am Gesicht an!“

„Die bring’ ich auch!“ erwiderte die Bäurin, indem sie sich erschöpft auf einen Stuhl niederließ. „Ach, Du lieber Herrgott, was bin ich gelaufen!“

[724] „Natürlich, damit Du ja nicht zu spät kommst!“ spottete der Alte.

„Spotte nur!“ rief sie. „Wirst schon anders reden, wenn Du erst Alles weißt! Denk’ Dir nur, Vater! Ach, die Freud’ … ich weiß gar nit, wie ich es sagen soll…“

„Auf das Wie kommt’s nicht an, sag’s nur gerad’ heraus!“

„Ach Gott, das will ich ja! Du weißt doch, Vater, daß unser Caplan krank geworden und in die Stadt gereist ist und daß er in den nächsten Tagen hat wiederkommen sollen ? … Nun also, er kommt nit! Er ist so krank, daß er nit kommen kann und weil der Herr Pfarrer ohne Caplan nit sein kann, hat er beim Bischof gebeten, er soll ihm unsern hochwürdigen geistlichen Herrn Sohn lassen und Seine Gnaden der Herr Bischof hat’s erlaubt und unser Herr Sohn bleibt als Caplan in unserm Dorf und der Herr Pfarrer hat mir die Freud’ gemacht, daß ich ihm die Nachricht selber bringen darf und hat mir das Schreiben da mit’geben, da steht’s drinn’ Schwarz auf Weiß, daß unser geistlicher Herr Sohn bei uns bleibt … Ach Gott, ach Gott, die Freud’ und die Ehr’ … ich weiß gar nit, was ich sagen soll …“

Sie unterbrach den Redestrom, indem sie ihr Tuch an die ebenfalls überströmenden Augen drückte. In ihrer Freude bemerkte sie den Eindruck nicht, den ihre Nachricht auf Vater und Sohn hervorbrachte; Jsidor war bei der ersten Andeutung erblaßt, jetzt stand er mit der einen Hand auf die Stuhllehne gestützt, während die andere mit leichtem Beben das inhaltvolle Schreiben hielt, in das er mit vergehenden Augen starrte.

Der Alte stand seitwärts und verwandte kein Auge von Jsidor.

„Und wem meint Ihr, daß wir das zu verdanken haben?“ rief die Bäurin auf’s Neue. „Niemand Anderm, als der Fräulein Amélie, die halt’t so große Stuck auf unsern Herrn Sohn und hat nit nachgegeben, bis der Herr Pfarrer die Eingab’ gemacht hat! Ach, ist das ein herzensgutes Frauenzimmer! Und der Herr Sohn hat’s nit einmal recht verdient um sie … er hat sie nit einmal zu den Kranzeljungfern genommen … Aber das kann er ja gut machen und muß sich jetzt recht besonders bei ihr bedanken … Aber wie ist denn das?“ fuhr sie aufblickend fort. „Es red’t ja Keiner ein Wort … Freut’s den Herrn Sohn denn nit, daß er in seiner Heimath bleiben darf?“

„Gewiß, Mutter,’ erwiderte Jsidor mit einiger Anstrengung, „aber ich kann nicht verhehlen, daß mir die Nachricht überraschend kommt; ich hatte meine Pläne anders gemacht: es war mein schönster Gedanke, einmal in meiner Heimath wirken zu können; jedoch erst als Pfarrer, als gereifter, wohlerprobter Seelenhirt, dachte ich wiederzukommen … Es scheint vom Himmel anders beschlossen zu sein und ich füge mich … Jetzt aber fühle ich, daß mein Unwohlsein doch noch nicht ganz gehoben ist, ich bedarf der Ruhe und der Einsamkeit …“

„Ja, ja, ganz recht! Komm, Alte,“ rief der Moosrainer und zog die redselige Frau, die noch gar viel auf der Zunge hatte, der Thür zu. „Sag’ mir, was Du noch Alles auf dem Herzen hast, wir wollen den Jsidor allein lassen …“

Widerstrebend folgte sie, indeß nur, um vor der Thür fragend anzuhalten. „Und Du freust Dich auch nit, scheint’s? Denk’ nur … was kann er da Gutes wirken, hat die Fräulein Amelie g’sagt, wo er jedes Kind kennt!“

„Ja – und jedes Kind ihn! Ich will nit sagen, daß es mich nit freut, aber der Jsidor hat doch wohl Recht, und der Pfenning gilt nichts, wo er geschlagen ist!“

Während sie gingen, erklang das Abendläuten vom Thurme.

In seinem Zimmer stand Jsidor und hob die gefalteten Hände in die Dämmerung empor. „Du siehst mein Herz, o Gott,“ betete er, „du weißt, daß ich diese Schwäche bezwungen habe, daß mein Entschluß, mein Wille, mein Leben nur deinem Dienste gehören! Du bist es, der mir diese Prüfung schickt, die Stärke meiner Ergebung zu bewähren … Sei du mit mir! Mit deiner Gnade will ich sie bestehen – zu deiner Ehre … Amen!“

Am andern Morgen fand die Uebersiedeluug in den Pfarrhof statt. Jsidor machte einen weiten Spaziergang durch die Stoppelfelder, über welche vom Strome her sich heute der erste Nebel dehnte, auf dem Rückwege wollte er dann in dem Hause neben der Kirche eintreten; es war Etwas in ihm wie eine Ahnung, daß man ihm von irgend einer Seite Feierlichkeiten bereiten wolle und diesen dachte er zu entgehen. Die Ahnung hatte ihn auch nicht getäuscht, wohl aber seine Berechnung, denn als er um die Ecke vortretend dem Pfarrhofe gegenüberstand, sah er dessen Thür geöffnet und in derselben Fräulein Amélie beschäftigt, welche zu der auf einer Leiter stehenden Kathrin hinaufzankte, daß der von der Primiz her aufbewahrte, etwas welk gewordene Kranz schief überhänge. Im Hausflur, der Treppe zu, standen die sämmtlichen Dienstboten des Pfarrhofs, offenbar bestellt, den neuen Hausgenossen zu begrüßen. Sie waren aber alle in ihrem Werktagsgewand, denn um der Festlichkeit willen durfte kein Augenblick an der Arbeit verloren gehen. Voran unter den Mägden stand Franzi mit niedergeschlagenen Augen, aber brennenden Wangen, denn es war ihr peinlich, daß die Haushälterin sie, wie sie ging und stand, vom Futtermähen weggeholt und ihr kaum Zeit gelassen hatte, eine weiße Schürze umzubinden. Das Fräulein hatte, um ungehindert zu sein, ihr ein rothgesticktes Sophakissen zu tragen gegeben, auf welchem ein ansehnlicher blauseidener Beutel mit Silberschnüren lag; es hatte fast den Anschein, als sei sie absichtlich so gestellt, um in die Augen zu fallen. Amélie dagegen war im höchsten Putz, der sonst nur zu Ostern, oder am Namenstag des Landesherrn getragen zu werden pflegte. Ein schwarzes Kleid nach städtischem Schnitt und mit Spitzenbesatz zeigte den schönen Wuchs des Fräuleins, so wie die um das Gesicht herabfallenden Schmachtlocken die Fülle ihres schönen Haares verriethen – die beiden Reste einstiger Schönheit, auf welche sie sich nicht wenig zu gute that.

Jsidor trat hinzu, lag es auch nicht in seinem Wesen, Jemand eine unschuldige Freude zu verderben, so war doch in diesem ganzen Gebahren Etwas, das ihn unsäglich anwiderte und dem er rasch ein Ende machen wollte. Sein Erscheinen brachte große Verwirrung hervor, aber die Dirnen schmunzelten und die Knechte halten Mühe, das Lachen zu verhalten; sie gönnten es der wenig beliebten Haushälterin, daß ihre Vorbereitungen zu Wasser geworden.

„O, welches Mißgeschick!“ rief sie und rannte unschlüssig hin und wieder. „Hätte ich nur ahnen können, daß Hochwürden Herr Caplan uns schon so bald die Ehre geben würden! O, das ist um den Kopf zu verlieren … aber daran ist mir die Tölpelhaftigkeit dieser Mägde schuld, die mit nichts fertig werden können! Rechnen Sie es nur mir nicht zur Last, Hochwürden Herr Caplan … mein einziger Trost ist nur, daß die Hauptsache noch übrig ist! …“

Mit diesen Worten wandte sie sich zu Franzi und nahm ihr das Kissen mit dem Beutel ab. „Gieb her,“ sagte sie halbleise, aber doch laut genug, daß Jsidor es hören mußte, „gieb her und pack’ Dich! Wie kannst Du Dich so vordrängen! Du starrst von Schmutz …“ Dann wandte sie sich mit süß lächelnder Miene gegen den Ankömmling, machte eine allen Regeln der Tanzkunst entsprechende tiefe Verbeugung und begann ihre Rede.

Die gekränkte, gescholtene Franzi war, Thränen in den Augen, unter dem Gesinde verschwunden.

(Fortsetzung folgt.)




Alpenbilder.

Von Otto Bauck.
1. Holzfäller und Flößer im Isarthal.

Die Reize der Gemsjagd und des Anstandes auf das edle Hochwild waren es, die den Verfasser dieser Zeilen zuerst in das obere Isarthal der bairischen Alpen lockten, die Natur aber war es, die ihn dort festhielt mit ihren immer neuen Gesichtern. Denn es giebt in der Schweiz gar viele Gegenden, die hoch gepriesen und zahlreich besucht sind und sich dennoch in ihrer Bedeutung

[725]
Die Gartenlaube (1865) b 725.jpg

Flößer auf der Isar.
Nach der Natur gezeichnet von O. Rostosky.

[726] nicht entfernt mit dieser deutschen Landschaft messen können, wie die deutschen Gauen überhaupt von den Meeresufern bis zu jenen Linien hinüber, wo sich Italien und Frankreich in der Alpenregion als Nachbarn anschließen, eine kaum zu beschreibende Fülle von ebenso lieblichen wie großartigen Naturscenerien aller Art darbieten.

König Ludwig von Baiern wußte sehr genau, wie unbekannt die Isarufer sind und noch lange bleiben werden, indem er der von ihm erbauten Isarbrücke zu München eine Inschrift hinzufügen ließ, mit einer Nachricht darüber, in welchem Gebirgsstock die Isar entspringt und in welchen Fluß sie sich endlich ergießt. Freilich ahnt man auch bei München die Wunder dieser eigenthümlichen Gebirgsufer nicht und nur die Wildheit und gesunde, jäh aufbäumende Kraft sieht man diesem Flusse an, der in weißgrünen Wellen daherrauscht, über endlose, unfruchtbare Kieselfelder schäumend, die er dem Marmorgeröll der Alpen entführt hat. Fünfzehn Meilen weit schwemmte er in Urzeiten dieses unendliche Kieselmeer von Milliarden Steinen hinweg, denn wo man auch in München und auf dem ganzen Plateau rings umher in die Erde gräbt, immer kommt man auf den Untergrund dieser mächtigen Kiesellager. Sie bestehen an vielen Stellen oft, ja großenteils, aus Stücken vortrefflichen bunten Marmors, welche sich von den Kalkalpen losgelöst und sich Jahrtausende lang im Bette des Flusses weiter und weiter gedrängt und gewetzt haben, bis ihre Ecken nach dem mechanischen Gesetze des Bachgeschiebes zu den eirunden Flächen des Wasserkiesels abgeschliffen worden sind.

Doch während hier Alles flaches, ebenes Land ist, das sich endlich weiter nach den Alpen hin zu Hügeln und Vorbergen erhebt, bei deren verborgenen Schönheiten wir heute nicht verweilen dürfen, gipfelt sich der wirkliche Charakter dieser Flußgegenden erst zwischen Scharnitz und Tölz, an Mittenwald, Krün, der vorderen Riß, Fall und Länggries vorüber.

Einsame Großartigkeit, Flussesbrausen und Wälderrauschen umgiebt den Wanderer; abwechselnd begleitet ihn der wundersame Anblick des Wetterstein- und Karwendelgebirges und anderer Alpenstöcke, die im Sonnenlicht ihre gelben Kalkfirnen und die kühnen Zackenlinien ihrer schroffen Abhänge durch die blaue Luft tragen. In langen, immer bewegten Berggruppen, malerisch gefärbt vom Schlagschatten vorspringender Felsenkanten und von hell beschienenen Marmorflächen, bilden sie einen markirten Gegensatz zu den dunklen Tannenwaldungen an ihrem eigenen, zurückgelehnten Fuß und zu denen auf den Zügen des ringsum drastisch aufgestellten, immer noch mächtig hohen Mittelgebirgs. Unten an der Isar liegen die hellgrünen Grashalden des ruhigen Thales, das von Mittenwald bis über Krün hinab räumig und frei ist, mit kleinen Querbächen und Wasserrinnen durchzogen, eine stille Weideflur, auf der kleine Heerden hellfarbigen Hornviehs grasen. Der Anblick dieser imposanten Gegend wird immer ergreifender und träumerischer in der Abendzeit, wenn die Gipfel der Kalkgebirge wie eine orangenfarbige Lichtvision über dem einsamen Thale schweben, sich hier und da spiegelnd in den grünen Fluthen der fortstürmenden Isar.

Und hier an der vorderen Riß, wo der wilde Rißbach sich aus einem riesig felsengethürmten Alpenthal herauswälzt und in das Bett der Isar niedertost, herrschen nicht blos die Zauber der Gebirgsnatur mit all’ ihren dämonischen Reizen – hier ist auch ein auserwählter Tummelplatz für die Freuden des Waidmanns und für den Verehrer der Forstcultur und des Waldes.

Wie der Herzog von Coburg in der hinteren Riß ein Jagdschlößchen erbaut hat, in dessen zur malerischen Pertisau am Achensee hinüberführendem Gebiet er Hochwild und Gemsen hegt, so steht in der vorderen Riß ein von König Maximilian errichtetes, einfach geschmackvolles Jagdschlößchen. Unweit daneben liegt das zugleich als Gasthaus dienende Wohngebände des Revierförsters dicht am Wasser und am wenig betretenen Wege. Auch in diesem Terrain stehen gegen achthundert Stück Rothwild und wer Morgens früh bei Sonnenaufgang zum Fenster hinausschaut, kann ohne Mühe mit einem Stein bis zu der Stelle in der Isar hinüberwerfen, wo die Gemsen von den grünen Jachenauer Bergen arglos zur Tränke herabsteigen, um zum jenseitigen Revier hinüberzuwechseln. Ihre Sicherheit und Schnellkraft, über luftige Felsen hinwegzusetzen, ist oftmals geschildert. Als weniger bekannt aber möchte ich eine ähnliche Geschicklichkeit im Klettern des noch nicht zu alt und groß gewordenen Edelwildes erwähnen. Ich habe starke, jagdgerechte Hirsche auf den gefährlichsten Wegen bergab und bergauf mit einer Bravour dahinklimmen sehen, von welcher sich der Jäger unseres norddeutschen Berg- und Flachlandes schwerlich einen Begriff machen wird.

In diesen Gegenden darf das Wild sich auch wahrhaft heimathsberechtigt fühlen. Nicht allein, daß es eine lange Reihe von Jahren hindurch von der verständigen Mäßigung und Pflege eines weisen Jagdgebietes geschont wurde, gewährt ihm auch die Gegend selbst den nöthigen Schutz. Den Hauptrückhalt findet es im grünen, lebendigen Hause der Natur, unter dem schirmenden Blätterdach des deckenden Waldes, mit seinen moosigen Lagerstätten, seinen nahrhaften Pflanzen und Kräutern, seinen jungen, saftigen Sprossen der Tannen und Laubholzbäume, und endlich in den windgeschützten Sonnenplätzen, die an Felsen und Bergeshalden, dicht und traulich umwachsen, ihm eine warmgeborgene Friedensstätte der Mittagsruhe bieten.

Diese mächtigen Waldungen, soweit sie königlich sind vom ausgezeichneten bairischen Forstwesen so zweckmäßig wie der Wildstand verwaltet, ziehen sich bis nahe zu den Quellen des Flusses nach allen Seiten des Isarthales dahin, weit in Nebenschluchten und Seitenthäler hineinragend und mit ihrem grünen harzduftigen Mantel auf- und absteigend über manches breitkupplige Bergplateau. Ueberall das Weben und Rauschen in den Gipfeln der Föhren und Tannen, dazwischen das dunkelgrüne Maigrün der breitastigen Buche und des strotzigen, sonnengebräunten Ahorns, und oben in den Lüften der Habichtsschrei und Weihenruf, denen im sicher bergenden Kieferwald die laute Stimme des Spechtes wie ein höhnendes Freudelachen zu antworten scheint.

Die windbrüchigen Bäume, welche der Sturm umgestürzt hat, läßt der Forstmann an geeigneten Stellen ruhig im Walde liegen und vermodern, da in diesen Gegenden ihre düngende Kraft für den jungen Nachwuchs größeren Werth hat, als ihr Holz. Morsch und moosdurchwuchert und von blühenden Schlingpflanzen wild umrankt, gewürmdurchkrochen und mit rothen und gelben Pilzen unterwachsen, hauchen diese am Boden liegenden Stämme den brütenden Duft vegetabiler Verwesung aus; der Fuß des Wanderers glaubt bei jedem Schritt auf Schlangen und Salamander zu treten und ohne tausendjährigen Bestand sind ringsumher die Zauber des Urwaldes gewoben.

Der gewöhnliche, genußarme Wanderer empfängt freilich nur selten diese magischen Eindrücke aus der großen Allkirche der Natur. Sein Fuß betritt diese Stätten nicht, er wandert auf dem gangbaren Wege dahin, und sein Auge beleckt gleichsam blos den bestaubten Saum der Wälder. Nur hier und da dringt in das innere Heiligthum der Natur ein wahrer Freund derselben, oder der Verehrer des Waidwerks, wenn er durch die Forsten schreitet, um den Hirsch zu pirschen; wenn er tief drinnen an einer versteckten Waldblöße lauert, um dem kreisenden Raubvogel seine rasche Kugel zuzusenden; oder wenn er noch höher hinauf sich zieht in das Gebiet des Bergfuchses, der von gleicher Race mit dem der Ebene hier zu besonderer Größe gedeiht; ja noch mehr, wenn der Jäger sich endlich gar an den waldbewachsenen Nebenbächen, Wasserrinnen und Bergschlünden viele tausend Fuß hoch hinaufarbeitet, um droben in die freiheitlachende Region der Murmelthiere und Gemsen hinauszutreten, den Windhauch der feinen, schneegekühlten Luft um sich und rief unter seinen Füßen das morgendampfende Thal.

Aber nicht blos ist es möglich, bei solchen Wanderungen das geheime Waldleben mit seinen Reizen der Thier- und Pflanzenwelt zu belauschen; bei diesen Gängen durch die innern Winkel und tief eingesenkten Bergbuchten der Alpen findet man auch Gelegenheit, die Thätigkeit der Waldarbeiter, der Holzfäller, zu beobachten.

Nicht so friedlich und gefahrlos, wie drunten in der Ebene, im breiten Thal und an sanften Berghalden, ist diese Thätigkeit droben an Schrunden und Schlünden, auf kluftigem Terrain, an steilen Waldhängen, die sich zum schwindelnden Felsenabhang hinuntersenken.

Der ruhige Wegreisende bleibt wohl oft stehen auf der kühn gespannten Eisenbahnbrücke von Groß-Hessellohe und sieht thurmhoch unter sich die Holzflöße in langen Reihen durch die Bogen steuern, ein froher Juhschrei oder ein Schnaderhüpferl der lustigen, im Nationalcostüm malerisch auf den aneinander geschnürten Tannenbäumen stehenden Bursche oder auch Mädchen schallt zu ihm hinauf; er sieht die Flöße weiter und weiter gleiten den hochragenden Thürmen des schönen Münchens zu, wo sie am Ufer der Vorstadt Au, ihrem Bestimmungsorte, landen. Nicht immer [727] sind die Flöße blos mit Holz beladen, nebenbei dienen sie auch als Transportmittel für alle Gebirgsproducte, oder arme Wanderburschen und zur Stadt ziehende Arbeiter aus den Bergen benutzen sie als wohlfeiles Verkehrsmittel. Sie bieten eine dem Wind und Regen so ziemlich bloßgegebene und auch von unten nicht immer trockene Fahrt. Aber ihre Sicherheit ist bei den meisten Flüssen nur in den Augen übertreibender Romantiker gefährdet und sie eilen dabei meistens mit einer Geschwindigkeit dahin, die zwischen Schritt und Trab die Mitte hält.

Solchen Flößen begegnet der Tourist an gar vielen der breiteren Alpenflüsse und er sieht sie auch hier immer aufwärts der Isar bis in’s Hochthal hinauf, so weit das Wasser des Flusses für dieses Naturfahrzeug schiffbar ist. Ja der Reisende hört auch wohl, wenn er auf stillen Thalwegen geht, zuweilen von droben her durch das tiefe Schweigen hindurch die Schläge der Holzaxt, die ihm der Windhauch in einzeln verhallenden Klängen zuführt. Doch er schreitet vorüber und erfährt es selten, mit welchen Mühen ein Bergwald niedergelegt, das Material eines Flosses zusammengebracht wird; er hat meist keine Ahnung davon, wie oft nicht blos unsägliche Strapazen, sondern auch der Ruin der Gesundheit, ja des Lebens so vieler Menschen an den Holzscheiten kleben, mit welchen sich der nahe Städter in sorgloser Behaglichkeit sein Zimmer wärmt.

Um diese Handtirung in Augenschein zu nehmen, müssen wir wieder empor, zu den schon früher erwähnten Neben- und Hochthälern. Dort klettert, auf den Humussätteln, die sich an schroffen Lehnen und über kahlen Steinzinken gebildet haben, die Föhre, die Lärche, die Rothtanne, eine über der andern wipfelnd, hinan. Hier ist die gefährlichste Position der Holzfäller. Mit ihren Steigeisen versehen, klimmen sie rasch die Bäume hinauf, oft mit deren schlanker Krone schwankend über dem Abgrunde. Mit raschen Hieben werden die Aeste vom Stamm geschlagen, und nun kommt die Arbeit, den Stamm selbst zu fällen. Nachdem ihn die Axt an seiner Abendseite vom wuchernden Moos entblößt hat, wird er durch mächtige Schläge dieses scharfen, vorn an seiner Schneide sehr schmalen Holzfällerinstrumentes nahe über dem Erdboden tief eingekerbt. Wenn der Spalt für die Axt zu tief und unbequem geworden ist, muß die Säge das Zerstörungswerk fortsetzen. Ein eiserner Keil erweitert den Schnitt, damit sich das Sägeblatt nicht einklemmt im saftig strotzenden Holze, zumal wenn der Wind den Baum zur Schnittseite hinüber biegt. Endlich haben die Werkzeuge gesiegt; mit einem knatternden Ruck zerreißen die letzten Holzfasern und die Fäller geben dem Stamm einen letzten Geleitsstoß, daß er sausend hinabschießt, über Felsengrate hinweg in den Abhang der Schlucht. Selten, aber doch zuweilen geschieht es, daß ein Holzfäller von einem schräg abgleitenden Stamm mit in die jähe Tiefe hinabgerissen wird; viel häufiger jedoch lähmt ein Fehlhieb der Axt in das Knie oder Schienbein den Holzfäller entweder auf Lebenszeit, oder setzt ihn einer schmerzlichen Cur aus, die gewöhnlich durch die Noth, bald wieder arbeiten zu müssen, vernachlässigt wird und ein unheibares Siechthum des verletzten Gliedes nach sich zieht.

Auch an dem steilabhängenden, wenn auch breiten Waldlehnen ist das Tagewerk der Hauer nicht ohne ähnliche Gefahr; zuweilen werden die Leute tödtlich verletzt durch einen von ihren Nebenmännern gefällten Stamm, dessen Sturz nicht richtig berechnet war. Ebenso wie eine unglaubliche Gewandtheit, ist kaltblütigste Wagehalsigkeit eine Eigenschaft dieser Arbeiter und häuft oft durch ihr rasches Handeln die sie bedrohenden Mißgeschicke. Ich sah eine Tanne niederwerfen, die vierzig Klaftern Holz gab; der Boden bebte in Wahrheit und da sie unentastet war, sprangen wohl fünfzig Pfund schwere gesplitterte Knorren des Astwerkes zwanzig bis dreißig Schritt zur Seite. Nachdem die Bäume gefällt sind, folgt das Zerschneiden der Schafte in gleiche Längenstücke.

Man schichtet das Holz nur da in Klaftern, wo es von der Waldblöße auf der Achse hinweggeschafft werden kann. Wie wäre dies aber möglich, inmitten des unzugänglichen, steil aufsteigenden Bergterrains! Blos durch sinnreiche Benutzung dieses Terrains selbst und der Naturkräfte ist es möglich, den gefällten Wald den Verkehrswegen zuzuführen.

Wo die Schluchten von einem Bergbach durchtost oder zu gewissen Jahreszeiten durch Sturzwasser gefüllt werden, da übergiebt man die Stämme diesem Rinnsal. Das Holz gewöhnlich zur Winterzeit hinabgeworfen, bleibt in der Regel bis zum Frühjahr dort liegen, wo die Schneeschmelzen eine Wassermasse häufen, die bald den aufgespeicherten Vorrath treibend, schäumend und stoßend in Bewegung setzt. Hierbei ist es die gefährliche Aufgabe der Holzfäller und Waldarbeiter, von Zeit zu Zeit mit Stangen und Haken denjenigen Stämmen eine Nachhülfe zu geben, die sich an Felsblöcken und Bachengen verhangen und gesperrt haben und oft die ganze Holzmasse zu stauen drohen. Solche Wasserstauungen gefährden nicht selten den aufpassenden, weiter abwärts postirten Nebenmann, indem ihr plötzlicher Durchbruch das knappe Ufer in der tiefen Schlucht mannshoch überschwemmt und jeden menschlichen Widerstand zermalmend mit sich fortreißt. So treibt das kurzgeschnittene Brennholz endlich in die Isar hinein und auch hier noch oftmals von den vorspringenden Ufern durch die Arbeiter abgestoßen, schwimmt es den weiten Weg zu den Holzwehren nach Länggries, nach Tölz, ja bis nach München, wo es gefangen und zu luftigen Klaftern aufgespeichert wird. Es hat den größten Theil seiner Borke und durch die Auslauguug im Wasser etwa achtzehn Procent an Güte verloren, das Buchenholz wegen seiner leichtlöslichen Salze noch mehr, als das harzige Nadelholz. Die Billigkeit des Transportes gleicht jedoch diesen Schaden vollkommen wieder aus.

Wo der gefällte Wald nur von Berglehnen der Gebirgsthäler herunter zu schaffen ist, da bedient man sich der sogenannten Holzschurren, die einem ununterbrochcn steil aufsteigenden Fahrwege gleichen. Ein hartgefrorener, dünnbeschneiter Winterboden macht sie zur Schlittenfahrt für einzelne Scheite, ja für ganze Stämme wohl geeignet. An jenen schlagbaren Waldstrecken aber, wo hoch im Gebirge die Bäche und Wasserrinnen als natürliche Communicationsadern fehlen, stellt man wohl hier und da in den Alpen künstliche Verkehrswege her. Freilich geschieht es zumeist an Punkten, (besonders in den südlichen Gebieten Tirols und der Schweiz) die sich weniger durch gute Forstverwaltung auszeichnen, als sich durch eine räuberische Plünderung, ja Vernichtung des Waldes brandmarken. Hin und wieder ist indeß diese Methode auch durch das Terrain inmitten der besten Waldpflege geboten, wenn es sich um die nothwendige Fortschaffung schlagreifen Holzes handelt, das einer passender gewählten Waldcultur Platz machen soll. Man baut dann hoch von droben herab in den Bergeinsenkungen entlang und oft kleine Querschluchten überbrückend, bis herab in das wirkliche Flußthal oder in ein wasserführendes Nebenthal sogenannte Holzgleiten, die man auch Laaße, Holzrinnen, Thalfahrten nennt. Diese künstlichen Spuren werden durch dicht neben und aneinander gefügte Holzstsmme gebildet, welche sich als eine offene, beinahe halbe Cylinderröhre darstellen. In ihnen gleitet, vorzüglich bei Glatteis, das Holz; mit furchtbarer Schnelligkeit herab. Indeß bedarf es auch hierbei menschlicher Nachhülfe, bei der es an Unglücksfällen nicht fehlt; doch mehr, als die rollenden Blöcke untergraben die strengen Wintertage mit ihren eisigen Stürmen, Schloßen und Regenschauern die Gesundheit der Arbeiter und es ist zu verwundern, wie sich immer wieder frische, todesmuthige Bursche finden, die sich nicht abschrecken lassen durch die verstümmelten oder erfrornen Glieder der Alten.

In manchen Gegenden der Alpen bedient man sich auch an nicht steilen Stellen der Holzschlitten, mit welchen man auf der Gleite die immerhin jähe Thalfahrt unternimmt.

Das ist der mühselige, gefahrvolle Gewinn des Brennholzes. Drunten im weitbuchtigen Thale aber, wo das Wasser des Alpenflusses hinreichende Tiefe hat, wo die schlanken Hochwaldstämme leichter von dem Rücken der Berge herabgeschafft werden können, da ist der Platz, auf welchem man die Flösse zimmert und schnürt, die hauptsächlich das Nutzholz zu den Betriebsstätten führen. Der Köhler schafft wohl seine Kohlen, der Kienrußbrenner seine Tonnen herbei und noch mancherlei Waaren finden sich ein, wenn der einfache Bau vollendet ist und mit einem lauten Jodelruf, dessen heller Kehlton langgezogen in den Bergen wiederhallt, wird das Fahrzeug vom Ufer gestoßen, hineinsteuernd in die Strömung der grünlichen Fluth.


[728]
Aus den Gängen und Kerkern der Londoner Zwingburg.
Bastille und Tower. – Das Fallgatter und das Wasserthor des Towers. – Die Treppe der Hochverräther. – Elisabeth als Gefangene im Tower. – Die Verschwörung der Catostraße. – Arthur Thistlewood, der letzte Gefangene des Towers. – Kronjuwelen und Rüstkammer. – Die Stelle des Blutgerüstes. – Walter Raleigh’s Hinrichtung. – Sein Opfer der Wahrheit. – Der Beauchampthurm und seine Lauschergänge. – Jane Grey. – Der blutige Thurm. – Anna Boleyn und ihre Damen. – Overbury’s Ermordung. – Die Gehängte mit gelben Manschetten und Halskrausen. – Der Tod im Malvasierfasse. – Die Söhne Eduard’s. – Bloods’ Verschwörung, sein Anschlag auf den Herzog von Ormond und sein Attentat auf die Kronjuwelen. – Die Krone der Königin Victoria.

Vor wenigen Tagen ist in Lord Palmerston einer der letzten Zeugen der größten Ereignisse der Zeit gestorben. 1785 geboren, betrat er die öffentliche Laufbahn 1806 während des Kriegs, den England mit dem Aufgebot seiner ganzen Kräfte führte, um den in Frankreich geborenen Geist zu besiegen, und wurde in seinem spätern Leben selbst ein Förderer der großen Maßregeln der Katholiken-Emancipation, der Reformbill und der Freihandelsgesetze, durch die England jenen neuen Geist in seine Verhältnisse verpflanzte. Während derselben Zeit aber gelangte Frankreich fast wieder am Ausgangspunkte seiner großen Bewegung an. Es befand sich ja in den letzten Lebensjahren Palmerston’s in der Aera der Cäsaren, die mit dem, was die Franzosen ihr altes Regime nennen, eine mehr als oberflächliche Aehnlichkeit hat. An die Stelle der Bastille sind Lambessa und Eayenne getreten, aber drüben in England hat sich der Tower vor fünfundvierzig Jahren geschlossen und wird weder irischen Feniern noch andern Verschworenen und Rebellen seine Thore wieder öffnen.

Die Bastille und der Tower sind Wahrzeichen der geschichtlichen Entwickelung Frankreichs und Englands. In Frankreich hat sich der Despotismus gesteigert und gesteigert, bis das Volk endlich aufgestanden ist und mit den Bourbons wie mit ihrer Zwingburg abgerechnet hat. So ist die Bastille von der Erde verschwunden und blos ein Platz erinnert durch seinen Namen „Bastillen-Platz“ an die schauerlichen Gefängnisse, in denen freie Denker und Freunde des Volks, leichtsinnige Höflinge und witzige Spötter, ungehorsame Söhne und unbequeme Ehemänner gelitten und geseufzt haben. In England hat sich der Despotismus in allmählichen Uebergängen, die freilich bisweilen blutig genug gewesen sind, zu einem verfassungsmäßigen Staatsleben umgestaltet, und ungebrochen erheben sich noch heute die Mauern und Thürme seiner Zwingburg, des Towers. Damit der finstere Bau auch an die Schattenseite eines langsamern Umbildungsprocesses, Veraltetes über seine Zeit hinaus zu conserviren, erinnere, existirt an einem seiner Thore das einzige Fallgatter des britischen Reichs, das in einem noch brauchbaren Zustande alle Wandlungen des Belagerungskrieges überlebt hat.

Der Tower liegt an der Grenze der Altstadt gen Osten und bildet den Kern, an den sich das neue London angesetzt hat. In alten Zeiten trat die Themse dicht an ihn heran, jetzt trennt ihn ein Damm vom Flusse. In jener frühern Zeit muß das Wasserthor des Towers, als seine architektonischen Züge nicht verstümmelt waren, den Charakter finsterer Größe entfaltet haben. Jetzt verdeckt ein Quai diese ganze Seite des Towers und die „Treppe der Hochverräther,“ über der sich ein Bogen von wunderbarer Kühnheit erhebt, ist fast ganz verbaut. Den obern Theil des Thores nehmen jetzt Amtsstuben ein und entstellen ihn auf jede erdenkliche Weise, und die düstere Stille dieses Eingangs hat dem Geräusch einer Dampfmaschine weichen müssen, mit deren Hülfe man Waffen aufwindet und hinunterläßt. Das Schüttern der Maschine hat einen der beiden Thürme des Wasserthores bereits so beschädigt, daß man ihn hat untermauern müssen. Als noch wichtige Gefangene durch das Wasserthor eingebracht wurden, konnte man mit zwei Booten zugleich unter dem Fallgatter hindurch und bis zur Treppe der Hochverräther fahren. In einer stürmischen Regennacht legte hier ein Boot an, in dem ein junges, blühendes Mädchen, die spätere Königin Elisabeth, saß. Immer finster und argwöhnisch, hatte ihre Schwester sie ihrem Asyl zu Ashridge in der Grafschaft Herford entrissen und nach manchem Umherfahren zu Plätzen, die immer noch nicht genug Sicherheit zu bieten schienen, in den Tower führen lassen. Ein Windstoß schleuderte den Regen eben klatschend gegen die Treppe, als die Prinzessin ausstieg. Ein Herr überreichte ihr seinen Mantel, aber sie stieß ihn mit der Hand kräftig zurück. Als sie die gefürchteten Stufen hinauf ging, rief sie laut: „Hier landet eine Gefangene, aber eine so gute Unterthanin, als je eine diese Stufen betreten hat. Das schwöre ich bei Dir, mein Gott, dem einzigen Freunde, den ich habe.“

Nach Elisabeth haben noch manche Gefangene die Treppe der Hochverräther betreten, die letzten im Jahre 1820. Die „Verschwörung der Cato-Straße“ führte die Unglücklichen dorthin. Der Leiter derselben war Arthur Thistlewood, ein ehemaliger Officier, der früher in einen Proceß wegen Aufruhrs verwickelt gewesen und später, weil er den Minister Lord Sidmouth gefordert hatte, zu einjähriger Haft verurtheilt worden war. An Thistlewood schlossen sich mehrere Radicale an, aber auch zwei Spione der Regierung, Oliver und Edwards, wohnten den Versammlungen der Verschworenen bei. Diese wollten die Minister ermorden und ihr Plan war anfänglich der, jeden einzeln in seinem Hause zu überfallen. Als sie aber hörten, daß Lord Harrowby am 23. Februar ein Ministeressen geben werde, machte Thistlewood den Vorschlag, „einen Fischfang seltener Art zu thun und alle zusammen zu ermorden“. Einige der Verschworenen sollten vor dem Hause Wache halten, bis alle versammelt seien. Dann sollte einer an der Thür klopfen, um eine angebliche Depesche zu übergeben. War geöffnet, so drang der ganze Schwarm ein und stürzte nach dem Zimmer, wo die Minister speisten. Nach vollbrachter That wollte man die Casernen anzünden und das Volk aufrufen, die Bank und den Tower zu plündern.

Die Minister erfuhren durch Edwards Alles, nahmen aber scheinbar keine Noliz davon. Die Vorbereitungen für das Essen wurden in Lord Harrowby’s Hause bis acht Uhr fortgesetzt, aber die Gäste kamen nicht. Zufällig gab der Erzbischof von York, der eine Thür weiter wohnte, an demselben Abend eine Gesellschaft, und das Vorfahren der Wagen täuschte die wachehaltenden Verschworenen so lange, bis es zu spät war, ihre Genossen zu warnen. Diese hatten sich über einem Stall auf einem Boden versammelt, zu dem man auf einer Leiter hinaufsteigen mußte. Während sie hier beim Lichte von einigen Kerzen ihre Waffen in Stand setzten, drangen Polizeibeamte in den Stall. Der erste, der die Leiter hinaufstieg, wurde von Thistlewood durchbohrt. Es fielen Schüsse, die Lichter wurden ausgelöscht und in der Dunkelheit und Verwirrung entkamen Thistlewood und mehrere Andere durch ein Bodenfenster. Neun wurden denselben Abend noch mit ihren Waffen fest genommen. Auf die Nachricht davon begaben sich die Minister, von denen jeder einzeln in seinem Hause gespeist hatte, zu Lord Livcrpool und verabredeten weitere Maßregeln. Auf Thistlewood’s Verhaftung wurde ein Preis von tausend Pfund gesetzt, und schon am nächsten Morgen um acht Uhr nahm man ihn bei einem Freunde im Bett gefangen. Er, Ings, Brunt, Tidd und Davidson wurdcn zum Tode vcrurtheilt und in Old Bailey geköpft. „Wo ist Edwards?“ rief das Volk bei der Hinrichtung. Von den Uebrigcn wurde einer begnadigt und die übrigen fünf auf Lebenszeit transportirt.

Als Therry 1830 Bathurst in Neusüdwales besuchte, las er auf einem Ladenschilde: „Wilson, Schneider aus London“. Wilson war einer der fünf transportirten Verschworenen. Wegen Wohlverhaltens war er auf Widerruf entlassen worden, hatte eine Frau genommen und war jetzt der vielbeschäftigte Modeschneider des ganzen Bezirks. In Bathurst lebte noch ein zweiter Verschworener, Strange. Er war viele Jahre Polizeiinspector des Bezirks und der Schrecken aller Strauchdiebe gewesen. Dieselbe tollkühne Verachtung der Gefahr, die ihn dem wilden Thistlewood empfahl, machte ihn zu einem unschätzbaren Sicherheitsbeamten. Bald nach seiner Ankunft war er begnadigt worden, weil er den berüchtigsten Straßenräuber der Gegcnd in einem furchtbaren Einzelkampfe auf offener Haide besiegt und gefangen eingebracht hatte. Wenn es bekannt wurde, daß „der Mann der Catostraße“ die Straßen, die durch Wegelagerer unsicher gemacht werden, bereiten wolle, so ergriff alles Gesindel schleunigst die Flucht. Der bloße Name Strange war für die friedlichen Einwohner ein Schutz. Gegenwärtig lebt er gleich einem Patriarchen am Fischflusse in der Nähe von Bathurst, umgeben von Kindern und Enkeln, die alle tüchtige Menschen sind und dem alten Manne den behaglichsten Wohlstand verschafft haben.

Nach den Verschworenen der Catostraße hat, wie gesagt, kein Gefangener den Tower mehr betreten. Wer ihn jetzt besucht, kommt, wenn er nicht in dem großen Arsenal beschäftigt ist, um die Kronjuwelen [729] zu sehen. Will man außerdem noch die Rüstkammer besuchen, so hat man am Eingang, an den der Tower-Hügel angrenzt, zwei Billets zu lösen und jedes mit sechs Pence (etwa fünf Neugroschen) zu bezahlen. Beim Eintritt fühlt man sich sogleich in die Vergangenheit versetzt, denn alle Aufseher und Diener sind wie die Yeomen der Leibwache Heinrich’s des Achten gekleidet. Der Weg zu den Sehenswürdigkeiten führt an einem Platze vorbei, an dem die furchtbarsten Erinnerungen haften. Man sieht neben der St. Petrus geweihten Capelle ein großes Oval schwarzer Steine und hört, daß es die Stelle bezeichne, wo vordem das Blutgerüst aufgeschlagen wurde.

Wir wollen keine lange Namenliste der „Hochverräther“ aufstellen, die an diesem Platze geendet haben. Die meisten waren unschuldig, Opfer des Argwohns eines tyrannischen Königs, oder der Heimtücke von Feinden. Aber eine Erinnerung wollen wir nicht zurückweisen. Bei dem Anblick dieses Ovals schwarzer Steine steigt die poetische Gestalt Sir Walter Raleigh’s, des Gelehrten, Seefahrers und Entdeckers, des Freundes und Genossen von William Shakespeare, vor uns auf. Dreimal führte man ihn in den Tower, das erste Mal wegen einer heimlichen Liebschaft mit einem Hoffräulein, die freilich am Altar den legitimsten Ausgang fand, von der Königin Elisabeth aber nichts desto weniger für unsittlich und verbrecherisch gehalten wurde. Die dritte Gefangenschaft Raleigh’s entstand durch eine falsche Anklage, welche ihn der Theilnahme an einer Verschwörung gegen Jacob den Ersten verdächtigte. Der Ankläger nahm seine Beschuldigung vollständig zurück, aber Raleigh wurde dennoch verurtheilt und hingerichtet. Fröhlicheren Herzens ist nie ein Mann in den Tod gegangen. Als er das Gerüst bestieg, sah er, daß ein Bekannter von den Wachen zurückgedrängt wurde. „Ich habe es besser, Cheston,“ rief er ihm zu, „mir nimmt Niemand meinen Platz.“ Ein Mann mit einem ganz kahlen Kopf drängte sich herzu. „Hier, Freund,“ sagte Raleigh, nahm seine reichgestickte Mütze ab und setzte sie dem Fremden auf, „nimm sie und trag’ sie mir zum Andenken; Du hast sie nöthiger als ich.“ „Ich gehe zu Gott,“ sagte er, als er zum Block trat, und berührte das Beil. „Das ist eine scharfe Arznei, aber sie befreit von allen Leiden.“ Selbst der Henker schrak davor zurück, einem so wackern und berühmten Manne den Tod zu geben. „Was fürchtest Du Dich,“ sagte Raleigh, „schlage zu, Mann!“

Im Tower schrieb Raleigh seine Weltgeschichte. Auf ihn ist eine Anekdote zurückzuführen, die man mit einigen Abweichungen von mehreren andern Historikern erzählt. Er saß eines Tages am Fenster, tief in Gedanken versunken, wie er seiner Pflicht, die reine geschichtliche Wahrheit zu geben, am besten genügen könne. Plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit durch einen großen Lärm unten im Hofe erregt. Ein Mann schlug einen andern, der ein Officier zu sein schien, sein Schwert zog und seinen Feind durchbohrte. Dieser stürzte zu Boden, hieb aber den Officier vorher noch so über den Kopf, daß auch dieser niedersank. Die Wache kam und führte den Mörder fort, während andere Leute die Leiche forttrugen. Am andern Tage erhielt Raleigh den Besuch eines Freundes und erzählte ihm die Scene.

„An dem Allen ist kaum ein wahres Wort,“ sagte sein Gast. „Der angebliche Officier war kein Officier, sondern der Kammerdiener eines fremden Gesandten. Er war es, der schlug, und der sein Schwert zog und seinen Gegner damit durchbohrte, das war eben der Andere. Niedergeschlagen wurde der Mann, aber nicht von Deinem sogenannten Officier, sondern von einem der Umstehenden.“

„Aber, lieber Freund,“ sagte Raleigh, „ich habe ja Alles mit meinen Augen gesehen, dicht vor mir. Dort ist die Stelle, wo der hohe Stein steht.“

„Mein theurer Raleigh,“ antwortete der Freund, „gerade auf jenem Steine saß ich, als das Ganze vorfiel, und diese kleine Schramme auf der Backe erhielt ich, als ich dem Mörder das Schwert entriß. Auf meine Ehre, Du irrst Dich in allen Punkten.“

Als Raleigh allein war, warf er den zweiten Band seiner Geschichte in’s Feuer. „Wie viele Unrichtigkeiten werden darin stehen!“ seufzte er. „Wenn ich ein Ereigniß nicht feststellen kann, das unter meinen Augen vorgegangen ist, wie darf ich da wagen, Dinge zu beschreiben, die vor tausend Jahren gespielt haben! Wahrheit, Wahrheit, dieses Opfer bin ich Dir schuldig.“

Raleigh saß im Beauchamp-Thurm, der eine interessante Reliquie der Kriegsbaukunst im zwölften und dreizehnten Jahrhundert ist. Dieser Thurm, der nach seinem ersten Gefangenen Beauchamp Grafen von Warwick benannt wird, hat drei große Zimmer übereinander. Das unterste liegt zum Theil unter der Erde und muß ein furchtbarer Aufenthalt gewesen sein. In den Mauern der beiden oberen Zimmer laufen Gänge mit verborgenen Oeffnungen gegen die Gefängnisse hin, in denen Spione die Unterhaltungen und Selbstgespräche der Gefangenen belauschten. Eine ähnliche Einrichtung hat man im „blutigen Thurm“ aufgefunden. Bei der Restauration des Beauchamp-Thurms im Jahre 1853 hat man die Inschriften an den Wänden durch chemische Mittel wiederhergestellt. Die rührendste unter allen ist die Wiederholung eines Vornamens: „Jane, Jane“. Lord Guilford Dudley kritzelte sie in die Wand, ehe er mit seiner schönen siebzehnjährigen Gemahlin Lady Jane Grey, zum Blutgerüst ging, um mit ihr das Verbrechen zu büßen, daß sich die arme Lady Jane gegen ihren eigenen Willen von einem Ehrgeizigen einige kurze Augenblicke auf einen Thron hatte setzen lassen, der allerdings nicht ihr, sondern der „blutigen Marie“, Elisabeth’s Vorgängerin, gebührte. Daß eine Haft im Tower auch gute Folgen haben konnte, deutet die Inschrift an:

Wen dieses Haus nicht bessern kann,
Der ist fürwahr ein schlechter Mann.

Auch Anna Boleyn, die zweite Gemahlin des grausamen Heinrich’s des Achten, ging im Tower ihren letzten Gang (1536). Der König war ihrer überdrüssig, beschuldigte sie der Untreue und ließ sie im Tower hinrichten. „Ihre Damen,“ schrieb Crispin vierzehn Tage nach der Hinrichtung, „hoben sofort den Kopf und die Leiche auf. Die armen Frauen schienen ohne Seelen zu sein, so schwach und hinfällig waren sie, aber da sie fürchteten, daß ihre Herrin von Männerhänden roh angefaßt werden würde, so zwangen sie sich, ihre Pflicht zu thun, und obgleich sie halb todt waren, schafften sie die Leiche doch in weiße Tücher gehüllt fort.“ Wohin? Man weiß es nicht. Nach einer Ueberlieferung ist der Kopf in Salle, nach einer anderen in Thornden on the Hill begraben worden. In beiden Kirchen zeigt man einen schwarzen Stein, der die Stelle bezeichnen soll. Was den übrigen Körper betrifft, so hat man vor einiger Zeit bei Arbeiten in einem Keller des Towers ein weibliches Gerippe ohne Kopf gefunden und sogleich der Erde zurückgegeben. Anna Boleyn war klein und zu einem Körper dieser Art hatte die Reliquie gehört.

Im Beauchampthurm hat die teuflische Ermordung Sir Thomas Overbury’s gespielt. Overbury, ein Staatsmann aus Jacob’s des Ersten Zeit, hatte nach Kräften gegen die Verheirathung der Lady Essex mit dem Grafen Somerset gewirkt und die Dame dadurch zu seiner Todfeindin gemacht. Tag und Nacht sann sie auf seine Vernichtung. Zuerst bot sie Sir John Wood tausend Pfund, wenn er den Gegenstand ihres Hasses im Duell tödte. Darauf denuncirte sie Overbury wegen Verachtung der königlichen Autorität. Sie wollte ihn blos in ihre Gewalt bekommen und erreichte ihren Zweck durch seine Abführung in den Tower, dessen neuer Lieutenant völlig in ihrem Interesse war. Am 15. December 1613 wurde Overbury in seinem Gefängnisse todt gefunden und schleunigst begraben, weil er an einer ansteckenden Krankheit gestorben sei. Erst zwei Jahre später wurde die Sache untersucht und das an Overbury begangene Verbrechen entdeckt. Die Schuldigen waren Lady Essex und ihr Mann, Graf Somerset, Elwas, der Lieutenant des Towers, der Gefangenwärter Weston, der Apotheker Franklin und Mistreß Turner, Gesellschafterin der Gräfin Somerset. Die Turner war nächst der Gräfin die Strafbarste, denn sie hatte die Ausführung des Planes geleitet und für die Mittel gesorgt. Man mischte in Overbury’s Speisen und Getränke Alles, was schädlich war, oder dem Vorurtheil der Zeit dafür galt, Scheidewasser, weißen Arsenik, Quecksilber, Diamantenstaub, Lapiscortilus, große Spinnen und Kanthariden. In sein Salz mischte man Arsenik, statt Pfeffers gab man ihm Kanthariden, kurz, Alles war vergiftet, was er genoß. Gegen alle Betheiligten erging ein Todesurtheil, aber Graf Somerset und seine Frau erlangten eine Strafmilderung. Man zog ihr Vermögen ein und hielt sie einige Jahre im Tower in Haft. Mistreß Turner war eine sehr schöne Frau und hatte auf die Mode großen Einfluß gehabt. Ihr Todesurtheil hatte den Zusatz, daß sie „mit ihren gelbgestärkten Manschetten und Halskrausen von Gaze gehängt werden solle, da sie die erste Erfinderin und Trägerin dieser scheußlichen Tracht sei“. Genau in diesem Anzuge bestieg die Turner, die sich außerdem auf eigne Hand geschminkt hatte, die Leiter und wurde [730] von einem Henker mit gelben Handschuhen und Manschetten gehängt. Die ernsteren Leute entsagten von diesem Augenblicke an der gelben Stärke und auch bei der leichtsinnigen jungen Welt kam die Mode mit der Zeit außer Gebrauch.

Den blutigen Thurm bezeichnet sein Name als den Schauplatz der Thaten, die von allen im Tower vorgekommenen den tiefsten Eindruck auf das Volk gemacht haben. Hier soll der Herzog von Clarence in einem Faß Malvasier ertränkt und hier sollen die beiden Söhne Eduard’s des Vierten auf Richard’s des Dritten Befehl mit Kissen erstickt sein. Die Zimmer, die man als die Stätten beider Verbrechen bezeichnet, liegen nebeneinander. Das Sterbezimmer des Herzogs von Clarence ist ein dunkler Raum ohne Fenster, in dem eines der Fallgatter des Towers aufgezogen und niedergelassen wurde. Der letzte Bewohner des blutigen Thurmes war ein berühmter Politiker unserer Tage, Sir Francis Burdett. Wegen eines Preßvergehens, das er in Cobbett’s „Wochenregister“ begangen hatte, wurde er ein Bewohner des Thurmes, der den Plantagenets, Yorks, Lancasters und Tudors zur Sättigung ihrer Rache an Feinden und zur Beseitigung von Thronprätendenten gedient hatte.

Dem Publicum sind alle diese Räume nicht zugänglich. Man setzt bei ihm blos ein Interesse an der Rüstkammer und an dem Zimmer mit den Kronjuwelen voraus. Auch in diesem letztern ist übrigens ein Verbrechen begangen worden. Unter Karl dem Zweiten lebte in Irland ein Oberst Thomas Blood, der in seinen Interessen durch Maßregeln der Regierung schwer benachtheiligt worden zu sein glaubte. Aus Rache verband er sich mit andern Unzufriedenen, einen Aufstand zu erregen, das Schloß von Dublin zu erstürmen und den Herzog von Ormond, Statthalter von Irland, zu ermorden. Der Anschlag wurde zwölf Stunden vor dem Zeitpunkte, an dem die Verschworenen losbrechen wollten, entdeckt. Die meisten Theilnehmer wurden verhaftet und hingerichtet, Blood entkam nach London, wohin auch der Herzog von Ormond sich bald darauf begab. Sich an diesem Feinde zu rächen, wurde Blood’s einziger Gedanke, und es fehlte nicht viel, so hätte er seinen Zweck durch einen Anschlag von wahrhaft unerhörter Frechheit erreicht. Im Jahre 1670 kam der Prinz von Oranien, der spätere Wilhelm der Dritte, nach London und die Altstadt gab ihm zu Ehren ein Fest. Der Herzog von Ormond war unter den Gästen gewesen und hatte auf der Rückkehr am späten Abend sein Haus am Ende der St. Jamesstreet fast erreicht, als er plötzlich einen Haufen Menschen am Kutschenschlage erscheinen sah und im nächsten Augenblicke aus dem Wagen gerissen, geknebelt, gebunden und auf ein Pferd geworfen wurde. Es entstand Lärm und man setzte den Verbrechern nach, aber Blood hätte seine Rache kühlen können, da sein Feind, den einer seiner Gefährten hinter sich auf dem Pferde hatte, völlig in seiner Gewalt war, wenn er sich nicht in den Kopf gesetzt hätte, daß der Herzog von Ormond am Galgen von Tyburn sterben müsse. Dahin war er vorausgeeilt, hatte einen Nagel eingeschlagen, einen Strick daran befestigt und ritt nun zurück, um nach seinem Gefangenen zu sehen. Sein Gefährte sprengte ihm allein entgegen und mahnte ihn zur Flucht. Der Herzog hatte plötzlich einen Fuß unter einen der Steigbügel geschoben und seinen Hüter mit einem Ruck vom Pferde geworfen. Er war mitgefallen, aber während der Andere ihn wieder aufs Pferd heben wollte, hörte dieser die Huffchläge von Verfolgenden und rettete sich.

Die Aufregung über diesen Anfall mitten in London war kaum vorüber, als Blood den Plan entwarf, die Kronjuwelen zu stehlen. Ihr Hüter war ein bejahrter Mann, Talbot Edwards. Als Blood sich die Sachen zeigen ließ, war er als Pfarrer verkleidet und hatte „seine Frau“ bei sich. Der Dame wurde unwohl, und Edwards nahm sich ihrer so herzlich an, daß Blood keinen Verdacht erregte, als er ihn nach ein paar Tagen besuchte und ihm im Namen seiner dankbaren Frau, die seine Frau nicht war und sich blos unwohl gestellt hatte, für Mistreß Edwards ein Paar Handschuhe überreichte. So entspann sich eine nähere Bekanntschaft, welche für die Frau Edwards den höchsten Werth bekam, als Blood zwischen ihrer Tochter und seinem Neffen, der ein reicher Gutsbesitzer sei, eine Heirath vorschlug. Am 9. Mai 1671 wollte er den jungen Mann um sieben Uhr vorstellen und noch zwei Freunde mitbringen, welche die Kronjuwelen zu sehen wünschten und früh abreisen müßten.

Zur bestimmten Stunde war die Gesellschaft da, außer Blood noch drei Männer, jeder mit einem Dolch und einem Paar Pistolen unter dem Rock. Seine Frau habe noch eine Abhaltung, sagte Blood, inzwischen könne man ja die Schatzkammer besuchen. Blood und zwei seiner Mitschuldigen traten in das Zimmer, der vierte blieb als Wache draußen. Plötzlich wurde Edwards ein Mantel über den Kopf geworfen und ein Knebel in seinen Mund gesteckt. Einer der Diebe nahm die Krone, ein zweiter den Reichsapfel zu sich, der dritte suchte das Scepter in der Mitte zu durchfeilen, damit es sich verstecken lasse. Zum Glück kam ein neuer Besuch und verscheuchte die Verbrecher. „Es war eine verunglückte, aber eine große That, es galt ja einer Krone!“ rief Blood, als er festgenommen wurde. Der König wohnte seinem Verhör bei und dies rettete ihn. Er gestand, daß er Karl dem Zweiten einmal aufgelauert habe, aber die Ehrfurcht vor der Majestät habe ihn überwältigt, und auch seine Freunde, die er zu Hunderten zähle, seien von ihm stets abgehalten worden, die Hand gegen die geheiligte Person des Monarchen zu erheben. Ob sie seinen Tod nicht würden rächen wollen, könne er freilich nicht wissen. Halb durch jene Schmeichelei gewonnen, halb durch diese Drohung eingeschüchtert, begnadigte der König Blood nicht blos, sondern wies ihm auch ein Jahrgeld von fünfhundert Pfund an.

Gegen eine Wiederholung solcher Versuche sind die Kronjuwelen jetzt geschützt. Der Beschauer verliert durch die getroffenen Maßregeln nichts; auf einer Drehscheibe liegend, bewegen sich die Kleinodien langsam an seinem Auge vorüber. Was man sieht, stammt aus verschiedenen Zeiten, doch ist das Werthvollste nicht älter als Karl der Zweite. Das Neueste ist die Krone der Königin Victoria, eine Kappe von purpurrothem Sammt, von silbernen Reifen eingeschlossen und über und über mit Diamanten besäet. Sie wiegt nicht zwei Pfund, ist aber 112,000 Pfund Sterling werth und bildet einen ebenso schlagenden Gegensatz zu den alten schweren Kronen des Mittelalters, wie der heutige freundliche, von einem Garten umgebene Tower zu der finsteren Zwingburg der Tudors.




Der Tabak ein Schädiger des Rückenmarks.

Die vielen Freunde, welche sich der Tabak in kurzer Zeit erworben hat, haben es denn endlich dahin gebracht, daß man von diesem Kraute nur noch Gutes denkt und seine schlechten Eigenschaften fast ganz der Vergessenheit übergeben hat. Und doch sind diese letzteren, wenigstens bei manchen Tabakssorten, so schlimme und heimtückisch wirkende, daß man als Menschenfreund zum Tabaksfeinde werden muß. Sehen wir vorläufig von den Sünden des Tabaks gegen den Verdauungs- und Athmungsapparat, die auch keine geringen sind, ganz ab und zeigen wir, wie er das Rückenmark schädigt.

Die Tabakpflanze (Nicotiana Tabacum) wurde im Jahre 1496 von einem spanischen Missionär, Romano Pane, welchen Columbus auf seiner zweiten Reise nach Amerika dort zurückließ, auf St. Domingo auf folgende Weise entdeckt. Die Eingeborenen hielten zu Ehren des Gottes Kiwasa eine große Feierlichkeit, bei welcher ein Priester durch die Einathmung des Rauches von Tabakblättern in einen Zustand von Exaltation versetzt wurde und weissagte. Der in der Nähe befindliche Missionär roch das eigenthümliche Aroma des brennenden Krautes und verschaffte sich Kenntniß von der Pflanze. Später wurde eine geringe Quantität des Tabaksameus an Kaiser Karl den Fünften gesendet; allein wegen ungenügender Kenntniß der Behandlungsweise der Pflanze gedieh dieselbe in Europa nicht. Erst als man im Jahre 1618 die Insel Cuba zum Pflanzorte des geheimnißvollen Krautes ausersah, da gedieh dasselbe in ausgezeichneter Weise. Jedoch war auch schon früher der Tabak als Rauchartikel allgemein verbreitet. Im Jahre 1559 brachte Hernandez de Toledo den Tabak in der Verarbeitung als Schnupfmittel nach Spanien und Portugal, und aus letzterem Lande schickte (etwa 1559-60) Jean Nicot, französischer Gesandter in Lissabon, eine Probe des gepulverten Tabaks als Mttel gegen Migräne an die Königin Katharina von Medicis und deren Sohn Franz den Zweiten. Mit der Rückkehr des Francis Drake aus [731] Virginien (im Jahre 1586) wurde das Tabakrauchen in England eingeführt und hier trug besonders Sir Walther Raleigh, der ein leidenschaftlicher Raucher war und noch kurz vor seiner Hinrichtung (1618) in seltener Gemüthsruhe seine Pfeife rauchte, viel zur Verbreitung des Rauchens bei. In unglaublich kurzer Zeit wußte sich die Mode zu rauchen und zu schnupfen, obgleich derselben in Europa von vielen Seiten Hindernisse in den Weg gelegt wurden, in allen Kreisen der Gesellschaft zur Geltung zu bringen, so daß sie, wie bekannt, unter der Regierung Ludwig des Vierzehnten zur Etiquette gehörte. Es sollen mehr als einhundert Schriften gegen das Tabakrauchen geschrieben worden sein; selbst König Jacob der Erste, welcher die schädlichen Folgen des Rauchens bei dem ersten Versuche an sich selbst empfunden hatte, war über das überhandnehmende Tabakrauchen dermaßen entrüstet, daß er im Jahre 1603 ein lateinisches Buch gegen den Tabak unter dem Titel „Misocapnus“ schrieb und veröffentlichte. Ja, Papst Urban der Achte bedrohte alle Tabakraucher und -Schnupfer mit dem Bannfluche, während Benedict der Dreizehnte, der selbst in aller Stille ein leidenschaftlicher Raucher war, im Jahre 1724 diesen Fluch wieder aufhob und sogar die Anpflanzung des Tabaks in Italien veranlaßte.

Der Name Nicotiana ist von Jean Nicot abgeleitet, die Quelle des ursprünglichen Namens Tabak jedoch ist nicht genügend bekannt. Nach Alexander von Humboldt gehört das Wort Tabak der alten Sprache von St. Domingo an und bedeutet nicht das Kraut, sondern die Röhre, durch welchen man den Rauch einzog. Einige leiten das Wort auch von Tabago, Andere von der Stadt Tabasco ab. Humboldt berichtet ferner, daß der Tabak, welcher den Europäern vor der Entdeckung von Amerika nicht bekannt gewesen zu sein scheint, von den Anwohnern des Orinoco seit undenklichen Zeiten cultivirt wurde. Sie bedienen sich zum Rauchen eines langen Vogelknochens (Fußknochens eines großen Strandläufers).

Man muß sich nun wundern, wie eine Pflanze, die in ihren Eigenschaften so viele Ähnlichkeit mit dem giftigen Schierling und Sturmhut hat, zu so allgemeinem Gebrauche und Mißbrauche, ja zum Namen eines Genußmittels, hat gelangen können, und daß noch jedes Jahr, wie die Tabaksteuer beweist, der Verbrauch des Tabaks sich steigert. Sicherlich ist nur die Macht des Beispiels und der Gewohnheit schuld daran. – Das Giftige im Tabak ist ein Stoff, welcher „Nicotin“ benannt und von Vauquelin entdeckt worden ist. Den neuesten chemischen Analysen zufolge enthalten nun aber die verschiedenen Tabakssorten dieses Gift in verschiedener Menge, ja mancher Tabak, wie der aus der Levante, aus Griechenland und aus Ungarn ist völlig nicotinfrei, und daher kommt es denn auch, daß die Bewohner jener Gegenden ungestraft so stark rauchen können. – Der Tabak aus Arabien, Brasilien, Havanna und Paraguay enthält blos zwei Procent Nicotin; der Tabak aus Nord-Frankreich, der Pfalz und dem Elsaß schon drei bis vier Procent, dagegen der Tabak aus Kentucky, Virginien, Süd-Frankreich und vielen Gegenden von Deutschland sogar fünf bis sieben Procent Nicotin.

Je stärker nun der Nicotin-Gehalt der gerauchten Tabaksorte ist, desto intensiver treten die Einwirkungen auf das Gehirn, vorzugsweise aber auf das Rückenmark (nach Jolly) hervor. Man hat nämlich die Beobachtung gemacht, daß in den Gegenden, wo die stärksten Tabakssorten geraucht werden, die vom Rückenmarke ausgehenden Lähmungen der Beine am häufigsten, dagegen da, wo man nicotinfreien Tabak raucht, nie vorkommen, es müßte denn diesem Tabak Opium zugesetzt werden, wie dies viele Türken und Griechen zu thun pflegen. Wir verdanken diese Kenntniß den glaubhaften Berichten des französischen Arztes Moreau, der jene Gegenden bereist hat, um die Entstehungsursachen der Geisteskrankheiten aufzuklären.

Auch die Art, wie man raucht, hat Einfluß auf das Hervortreten der schädlichen Wirkungen des Tabaks auf Gehirn und Rückenmark. Das Rauchen durch lange Pfeifen ist am wenigsten nachtheilig, während das Cigarrenrauchen die Schädlichkeit bedeutend steigert, zumal wenn die Cigarre am Mundende gekaut wird. Am allernachtheiligsten wirkt aber das Tabakkauen; der Kautabak enthält nämlich selten weniger als sechs Procent Nicotin. Daher mag es denn auch kommen, daß in dem großen Seemannshospital zu Greenwich eine so große Anzahl der an Lähmung der Beine Leidenden zu finden sind, und Verfasser hat daselbst viele noch immer von früh bis Abends Tabak kauende gelähmte Matrosen gesehen, die in dem großen Hofe dieser Anstalt auf dreirädrigen Wägelchen umhergefahren wurden. – Natürlich können Lähmungen der Beine in Folge eines Rückenmarksleidens auch aus anderen Ursachen entstehen, aber stets muß dabei an eine chronische Nicotinvergiftung gedacht werden.

Um die Wirkungen des Nicotins genau zu erforschen, haben Orfila, Posselt, Reimann, Fr. Tiedemann und viele Andere Versuche damit an Thieren gemacht und seit dein im Jahre 1850 in Belgien verhandelten Processe Bocarmé’s sind die Wirkungen des Nicotins auch im großen Publicum bekannt. Ein Tropfen Nicotin tödtet Vögel augenblicklich, bei uns vorkommende Lurche nach wenigen Secunden und kleine Säugethiere, wie Hunde, Katzen und Kaninchen, nach wenigen Minuten. Bei den letzteren trat als constantes Symptom Lähmung der Beine und, wie Tiedemann sagt, Aufhören der Thätigkeit des Rückenmarks ein. Ganz ähnlich wirkt (nach Marshall Hall, Marigues, Orfila, Westrumb, Traube u. A.) das Nicotin auf den Menschen.

Aus alledem ergiebt sich, daß das Rauchen unverfälschter türkischer, griechischer und ungarischer Tabake unschädlich ist, daß ferner mäßiges Rauchen (das tägliche Rauchen von zwei bis drei schwach nicotinhaltigen Cigarren) bei den meisten Rauchern ohne besondere Nachtheile vorübergehen kann, daß jedoch das anhaltende Rauchen starker Cigarren und Tabake durchaus nicht als ein so unschuldiger und indifferenter Genuß zu betrachten ist, wie man gewöhnlich glaubt, sondern daß dadurch nach und nach sehr bedenkliche Erscheinungen chronischer Nicotin-Vergiftung bedingt werden können, welche gewöhnlich nicht erkannt und auf andere Ursachen geschoben werden. Daß das neuerdings immer läufigere Vorkommen von Geisteszerrüttung eine Folge des überhandnehmenden Rauchens starker Tabake sei, wie Jolly und Andere behaupten, läßt sich zur Zeit noch nicht mit Bestimmtheit nachweisen, aber unwahrscheinlich ist es nicht. – Die Schädlichkeit des Nicotins scheint durch Kaffee und Bier gemildert zu werden, Coffein und Lupulin scheinen sonach die Wirkungen des Nicotins zum Theil zu neutralisiren.

Um die schädlichen, mit Opium vergifteten und die nicotinhaltigen Tabake unschädlich zu machen, empfiehlt Verfasser das folgende Verfahren. Die nicotinfreien, aber mit Opium versetzten türkischen, griechischen und ungarischen Tabake, die um so dunkler sind, je stärker die Verfälschnng, lassen sich sehr leicht durch ein mehrstündiges Maceriren in kaltem Wasser unschädlich machen. Man legt den verdächtigen, beim Rauchen leicht Eingenommenheit des Kopfes und Brennen auf der Zunge verursachenden Tabak in ein Gefäß, übergießt denselben mit kaltem Wasser und rührt den dadurch erhaltenen Brei fleißig um. Schon nach Verlauf von einer Viertelstunde ist das Wasser braunroth gefärbt und enthält Opium. Diese Flüssigkeit wird abgegossen und das Verfahren so lange wiederholt, bis das Wasser ganz farblos bleibt. Hierauf wird der Tabak ausgedrückt, auseinandergezupft und möglichst schnell getrocknet. Alles Berauschende ist auf diese Weise aus dem türkischen Tabak verschwunden, aber das feine Aroma desselben unverändert zurückgeblieben und man kann stundenlang davon rauchen, ohne Eingenommenheit des Kopfes befürchten zu müssen, denn der Tabak ist leicht und ganz unschädlich. Dies ist das Verfahren zur Entfernung des Opiums und scharfer Saucen, die diesen Tabaksorten meistens beigemischt sind, auch wenn die Händler natürlich Nichts davon wissen wollen.

Eines ganz ähnlichen Verfahrens bedient sich Verf. zur Entfernung des übermäßigen Nicotin-Gehalts aus den übrigen Tabaksorten. Allein die Procedur nimmt um so längere Zeit in Anspruch, je nicotinreicher der Tabak ist. Außerdem bedarf man hierzu nicht nur des Wassers, sondern noch eines Zusatzes von Alkohol und Aether, wodurch der Nicotingehalt zum größten Theile ausgezogen wird und zwar um so durchgreifender, je länger man diese Reagentien wirken läßt. Jeder schwere, beim Rauchen leicht Brennen auf der Zunge, Uebelkeit, Eingenommenheit des Kopfes etc. bedingende Tabak bedarf, um unschädlich zu werden, einer derartigen Maceration. Bei den nur zwei Procent Nicotin enthaltenden Tabaken aus Brasilien, Arabien, Paraguay, Havanna und Maryland reicht eine drei- bis vierstündige Maceration in Wasser, dem man auf jedes Pfund eine halbe Unze Weingeist und zwei Drachmen Schwefeläther zusetzt, hin, dagegen bedürfen die stark nicotinhaltigen Tabake aus der Pfalz und dem Elsaß, insbesondere aber aus Kentucky [732] und Virginien einer weit längeren Einwirkung dieser Stoffe, um ohne Nachtheil rauchbar zu werden, ja eine Probe aus Kentucky mußte mehrere Tage lang diesem Macerationsprocesse ausgesetzt werden, bis sie den größten Theil des Nicotingehalts verloren hatte und ohne Beschwerde geraucht werden konnte, während sie vorher einen so bissigen und giftigen Geschmack gehabt hatte, daß schon wenige Züge aus einer damit gestopften Pfeife hinreichten, um Uebelkeit und Ekel zu erregen. – Auf dieselbe Weise ist der Tabak vor der Verarbeitung zu Cigarren zu behandeln, welche, je nach der längern oder kürzeren Maceration des dazu gebrauchten Tabaks, einen um so mildern Geschmack, dabei aber ein sonst ungeschmälertes Aroma haben und ohne allen Nachtheil auch in größeren Mengen geraucht werden können.

Dr. E. R. Pfaff.


Der Morgen einer Sängerin.
Aus den Erinnerungen eines Theaterfreundes.
Von Max Ring.

Wir haben sie noch gekannt, die reizende Sängerin, das Bild der Jugend, den verkörperten Frühling mit Wangen gleich Rosen und Augen, blau wie der lachende Himmel. Aus ihrer Silberkehle stiegen die Töne wie eine jubelnde, schmetternde Lerchenschaar über den jungen Saaten empor und schwangen sich bis in den höchsten Aether hinauf.

Kein Wunder, daß sie der Liebling des sonst so launenhaften Publicums war, daß sie angebetet, vergöttert wurde, noch dazu in einer Zeit, wo die ganze Oeffentlichkeit der Nation sich auf das Theater beschränkte und jedes Interesse sich der Bühne zuwendete. Die höchste Aristokratie, die reichsten Banquiers lagen zu ihren Füßen, die ernstesten gelehrten Schriftsteller und Künstler brachten ihr ihre Huldigungen dar, selbst das Volk jauchzte ihr Beifall zu, wenn sie erschien. Kein Stand, kein Alter entzog sich dem Zauber der lieblichen Erscheinung; leicht entzündbare Jünglinge und besonnene Männer, sogar die strengen Frauen erkannten willig ihre Herrschaft an und vereinten sich zu ihrem Lobe.

Sie stand damals im Zenith ihres Ruhmes, auf dem Höhenpunkte ihrer Triumphe und war so glücklich, wie nur eine junge, schöne, allgeliebte Primadonna sein kann. Aber auch das herrlichste Leben hat seine Schattenseiten und selbst die viel beneidete Sängerin war nicht frei von den kleinen, neckenden Leiden des menschlichen Daseins. So eben war sie aus der Probe einer neuen Oper, die beiläufig mehrere Stunden gedauert hatte, in ihre Wohnung zurückgekehrt. Erschöpft von der übermäßigen Anstrengung hatte sie ihre Toilette gewechselt und die beengende Seidenrobe mit dem bequemen, eleganten Schlafrock von weißem Cachemir vertauscht. Zierliche Pantöffelchen bedeckten den kleinen Fuß und fessellos durften die von den Banden der Frisur befreiten Locken um die schöne Stirn und den weißen Nacken flattern. In bequemer Stellung sank sie auf den schwellenden Divan nieder, um von den Mühen des Tages auszuruhen. Mechanisch griff sie nach einem Buch, weniger um es zu lesen, als um sich zu zerstreuen.

Sie wollte allein sein mit ihren Gedanken, ihren Träumen, sie sehnte sich nach Ruhe, nach einem stillen Augenblick der Sammlung, die ihr in dem Wirbel und Strudel ihres bewegten Daseins heute doppelt Noth that. Sie hatte in der Loge des Directors während der Probe den fremden Freiherrn bemerkt, für den sie sich unwillkürlich interessirte. Instinctmäßig ahnte sie, daß er nicht zu der gewöhnlichen Schaar ihrer zahlreichen Anbeter zählte, daß er sie wirklich liebte, aber eine unübersteigliche Kluft trennte sie von dem einzigen Mann, zu dem sie sich hingezogen fand. Außerdem war sie vor Allem Künstlerin, ihr Leben, ihr Herz hing an der Kunst wie die Pflanze an dem Boden, in dem sie wurzelt, aus dem sie ihre Nahrung zieht. Dennoch umschwebte sie das Bild des Freiherrn, und indem sie an ihn mit geschlossenen Augen dachte, entfiel das Buch ihren schönen Händen.

Um dem Zauber zu entfliehen, nahm sie die Zeitungen und warf einen flüchtigen Blick hinein. Ihr Auge fiel zuerst wie natürlich auf die Theaterkritik, auf ihren eigenen Namen. Obgleich an die Oeffentlichkeit gewöhnt, empfand sie doch jedes Mal einen leisen Schauer, wenn sie ihren Namen gedruckt, ihre Leistungen besprochen sah. Diesmal hatte der ihr wohlbekannte Referent, dessen zudringliche Besuche sie mit Höflichkeit abgelehnt, die Gelegenheit benützt, um sich zu rächen, indem er mit perfider Geschicklichkeit dem Lobe den giftigsten Tadel beimischte und die allerdings von ihr selbst nicht gebilligte Uebertreibuug ihrer schwärmerischen Verehrer auf ihre eigene Rechnung stellte, sie der Lächerlichkeit zugleich mit jenen preisgebend. Empört warf sie das Blatt fort, als hätte sie eine schlimme Natter gestochen. Wäre sie ein Mann gewesen, so hätte sie für die ihr zugefügten persönlichen Beleidigungen Rechenschaft gefordert. Sie war aber nur ein Weib und schutzlos. Thränen füllten ihre schönen Augen, die viel beneidete Sängerin weinte.

Doch sie hatte keine Zeit ihrem Schmerze nachzuhängen, die eintretende Kammerfrau meldete einen vielgenannten Theater-Agenten. Wie gern hätte sie den Zudringlichen zurückgewiesen, aber sie durfte nicht, da der einflußreiche Geschäftsmann und Seelenverkäufer, wie sie wußte, ihr den Abschluß eines höchst vortheilhaften Gastspiels überbrachte, von dem er nicht unbedeutende Procente bezog. Sie war die Stütze einer alten Mutter, einer jüngeren Schwester und trotz ihrer Jugend die Ernährerin ihrer ganzen Familie. Konnte sie ein so glänzendes Anerbieten zurückweisen, sich den gefährlichen, habgierigen Mann zum Feinde machen? Die angebetete Primadonna hatte keinen eigenen Willen, sie mußte den schmuzigen Wucherer empfangen, seine widrigen Schmeicheleien und noch widerlicheren Späße dulden. Das verlangte ihr Stand, ihre ganze Stellung, ihr eignes Interesse, diese Rücksicht war sie sich und ihrer Familie schuldig.

Endlich verabschiedete sich der Theater-Agent, indem er den Contract ihr mit einer Miene überreichte, als hätte er ihr ein Königreich geboten. Sie athmete wieder auf und freute sich, allein sein zu können. Allein im nächsten Augenblick ließ sich Seine Herrlichkeit, der englische Gesandte, bei ihr melden. Vergebens schützte sie den Zustand ihrer Toilette, den Mangel an Zeit vor, der halsstarrige Engländer ließ sich nicht abweisen. „Ich habe Zeit und kann warten,“ sagte der phlegmatische Lord, indem er sich in einen bequemen Lehnstuhl des Empfangzimmers warf. Sich in die unabänderliche Nothwendigkeit fügend, wechselte die Sängerin so schnell wie möglich ihren Anzug und begrüßte Seine Herrlichkeit mit ihrem freundlichsten Lächeln, während sie innerlich ihren lästigen Gast, trotz ihres guten Herzens, dahin wünschte, wo der Pfeffer wächst. Aber der Lord war am Hofe angesehen, gab die glänzendsten Gesellschaften, hatte ihr durch seine Empfehlungen in London die höchsten Kreise der dortigen exclusiven Aristokratie eröffnet, sie stets protegirt und zu großem Dank verpflichtet. Er war zwar überaus langweilig und litt am Spleen, allein dabei höchst gutmüthig und außerordentlich gefällig. Schon aus Dankbarkeit, wenn nicht aus Klugheit, war sie verpflichtet, seine Gesellschaft zu dulden und die Kosten einer Unterhaltung zu tragen, welche sich von seiner Seite auf ein grinsendes Lächeln und einige nichtssagende Worte beschränkten; was ihn jedoch nicht hinderte, zwei volle Stunden zu bleiben, worauf er in Begleitung seines prächtigen Neufundländer Hundes, der unterdeß im Vorzimmer den Teppich und die Stühle beschmuzt hatte, seinen steifen Abschied nahm.

Aber jetzt bin ich für keinen Menschen zu sprechen! Mit diesem Vorsatze kehrte die erschöpfte Sängerin in ihr trauliches Ruhezimmer zurück, um sich von Neuem ungestört ihren Gedanken zu überlassen. Auf der Schwelle wurde sie jedoch durch einen lauten Wortwechsel zwischen ihrer Kammerfrau und einem sehr dicken Herrn zurückgerufen. Dieser hatte sich, wenn auch nur mit der kleineren Hälfte seines unförmlichen Körpers, in die halbgeöffnete Thür geschoben und dieselbe in Belagerungsstand erklärt, während die Kammerfrau vergebliche Anstrengungen machte, diesen neuen Koloß von Rhodus zum Rückzug zu bewegen. Der Anblick war so komisch und wirkte so erheiternd, daß die Sängerin ihren Entschluß, ungestört zu bleiben, aufgab und den dicken Herrn, der kein Anderer als der geistreiche Schriftsteller und Theaterkritiker Karl Schall und einer ihrer wärmsten Verehrer war, zu sich hineinzog, während er, wie ein Betender, flehend die Arme zu seiner Göttin empor hob.

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Die Gartenlaube (1865) b 733.jpg

Im Boudoir der Sängerin.

[734] Keuchend sank der schlesische Falstaff, der sich damals in Berlin aufhielt, um einen ihm zugefallenen Lotteriegewinn zu erheben und in wenigen Wochen todt zu schlagen, auf den ihm zugeschobenen Sessel nieder, welcher jedoch für seine ungeheure Körperfülle sich viel zu schwach erwies, so daß der trotz seiner lächerlichen Erscheinung höchst geistvolle Mann in steter Gefahr schwebte, durchzubrechen. Nachdem er zu Athem gekommen war und sich einigermaßen erholt hatte, zog er aus den riesigen Taschen seines weitläufigen Leibrocks, der hinreichte, um daraus für eine Compagnie Cadetten die nöthige Bekleidung anzufertigen, eine kostbare Bonbonniere hervor, die er mit seinem süßesten Lächeln der Sängerin darreichte. Zugleich forderte er sie auf, den süßen Inhalt zu versuchen, was sie auf seine wiederholten Bitten endlich that. Zu ihrer Ueberraschung war jedes Bonbon in ein aus Rosapapier zierlich geschriebenes Gedicht zu ihrem Preise eingehüllt. Es regnete förmlich Akrosticha und Disticha zu ihrem Lobe, Ottave Rime und Sonette, die ihren Namen in den künstlichsten und bewunderungswürdigsten verschlungensten Formen feierten. In der That mußte sie über diese Verschwendung von Geist, Witz und Feinheit staunen, die hier in Spielereien vergeudet wurden, während die Hälfte davon, zu ernsteren Zwecken verwendet, genügt hätte, dem Dichter eine bedeutende Stellung in der Literatur zu sichern.

Indeß mußte sie ihm dankbar sein und deshalb sprach sie in freundlichen Worten ihm ihre Anerkennung aus, worüber ihr dicker Anbeter in ein solches Entzücken gerieth, daß sie einen ernstlichen Schlaganfall für ihn befürchtete. Bald aber schwand das glückselige Lächeln wieder von den schmunzelnden Lippen und ein Seufzer, würdig eines verliebten Elephanten, entrang sich seiner breiten Brust. Sein Gesicht verdüsterte sich und die im Fett versunkenen Augen wurden feucht. Als ihn aber die Sängerin um den Grund seines Kummers fragte, gestand er ihr, daß er heute nur gekommen sei, um von ihr einen ewigen Abschied zu nehmen, indem er im Begriffe stehe, sich morgen zu duelliren. Auf ihr Drängen bekannte er ihr, daß jene schändliche Kritik des abgewiesenen Recensenten ihn im Café Royal zu einem überaus heftigen Ausbruch gegen ihren Beleidiger veranlaßt habe, in Folge dessen diesem nichts Anderes übrig geblieben sei, als ihn durch den bekannten Philosophen Hegel fordern zu lassen.


Statt die erwartete Anerkennung seines ritterlichen Benehmens ihm zu zollen, beklagte sich jedoch die bestürzte Sängerin über seinen allzugroßen Eifer und den schlechten Dienst, den er ihr, wenn auch in bester Absicht, geleistet, indem er durch sein voreiliges Betragen ihren Ruf auf’s Spiel gesetzt und sie in die unangenehmsten Verwickelungen gebracht habe. Zugleich bat und beschwor sie ihn, sich mit seinem Gegner zu versöhnen, indem sie ihn für den Fall seines Ungehorsams nie wieder zu sehen drohte. Das war genügend, um den armen Schall, der jedoch mehr Muth als sein Ebenbild Falstaff besaß, schnell von seinem blutdürstigen Vorhaben abzubringen. Er versprach, noch an demselben Tage den Secundanten seines Gegners aufzusuchen und diesem die gewünschte Erklärung abzugeben. Natürlich war der kindlich einfache, gutmüthige Hegel mit dieser Lösung der ihm ohnehin fatalen Angelegenheit äußerst zufrieden, während der friedfertige Schall ruhig die Spöttereien seiner Freunde über das vereitelte Duell ertrug und selbst seine Witze über diesen Ausgang machte, wobei er jedoch auf die Bemerkung: „Man werde an seinem Muthe zweifeln,“ erwiderte: „Wer das thut, daß ich es höre, den schlage ich hinter die Ohren,“ eine Drohung, die er mit einer Respect einflößenden Bewegung seiner kolossalen Faust begleitete.

Nachdem der dicke Seladon gegangen, glaubte die schöne Sängerin erliegen zu müssen. In das Gefühl der Erschöpfung mischte sich zugleich die Empfindung ihrer Hülf- und Rathlosigkeit. Sie wußte, daß sie Feinde und Neider besaß, wie jedes große Talent, daß die Kabale und Intrigue geschäftig war, ihr zu schaden und ihren Ruf zu untergraben. Und nun gesellte sich noch dazu die Ungeschicklichkeit, der gutgemeinte, aber übel angebrachte Diensteifer ihrer Freunde. Wohin sie blickte, sah sie sich von Gefahren und Unannehmlichkeiten umgeben, fürchtete sie neue Verdrießlichkeiten und vor Allem die wechselnden Launen des großen Ungeheuers, Publicum genannt, das heute seine Idole vergöttert und morgen in den Staub zieht. Während alle Welt die reizende Primadonna glücklich pries, überließ sie sich den schwärzesten Gedanken für ihre Zukunft und Seufzer auf Seufzer drängte sich aus dem schwer bedrückten Busen.

Aber die schwerste Probe nach der Probe war ihr noch aufgespart. Mit feinem Lächeln überreichte ihr die verschlagene Kammerfrau einen Brief, wie sie deren täglich zu Dutzenden empfing, süß und duftend, bald geistvoll, bald einfältig, bald zuversichtlich, bald demuthsvoll, bald schwärmerisch und romantisch, bald nüchtern und prosaisch. Schon wollte sie ihn wie die übrigen ungelesen in den Kamin werfen, als ihre Augen auf das Wappen fielen, welches das Couvert versiegelte. Mit zitternden Händen erbrach sie es, mit irrenden Augen durchflog sie die Zeilen der bekannten Hand, ihr Herz pochte im wilden Aufruhr, ihre Pulse flogen und tief erschüttert ließ sie sich von Neuem auf den Divan niedersinken.

Sie glaubte zu träumen und doch war Alles wahr und wirklich. Der Freiherr, der Besitzer mehrerer der größten Herrschaften seines Heimathlandes, bot ihr sein Herz und seine Hand, nachdem er mit unendlichen Opfern die ihr unüberwindlich dünkenden Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt, den Stolz seiner hochadligen Familie zur Nachgiebigkeit gezwungen, die Einwilligung seines Königs erlangt. Sie konnte nicht mehr an seiner Liebe zweifeln und doch – zögerte sie sein glänzendes Anerbieten anzunehmen. Ein schwerer Kampf erhob sich in der reinen Seele der Sängerin, der Kampf der Liebe mit der Kunst. Ernsthaft prüfte sie sich, durchforschte sie die Falten ihres Herzens. Vor ihrem Geiste schwebte der Genius der Kunst, der sie bisher geleitet, dem sie Alles zu danken hatte. Mit warnender Stimme zeigte er ihr das herrliche Ziel, das ihr stets vorgeschwebt, eine wahre Priesterin des Schönen und Erhabenen zu sein, die Dienerin des Göttlichen auf Erden. Sie war geweiht dem Höchsten, sie gehörte nicht mehr sich selbst an. Durfte sie dem inneren Berufe untreu werden, treulos ihre Mission aufgeben und den Gott in ihrer Brust verrathen?

Ihr Stolz regte sich und sie sah sich auf der bereits erreichten Höhe, der Gegenstand allgemeiner Bewunderung und Anbetung. Eine Königin von Gottes Gnaden trug sie die Krone des Gesanges auf ihrem strahlenden Haupte, war sie die unumschränkte Herrscherin im Reiche der Kunst, und nun sollte sie ihrem Throne entsagen, herabsteigen von ihrer Höhe, wo sie sich Fürsten gleich gefühlt?

Welches Opfer war das größere, das des geliebten Mannes oder das ihrige?

Sie sollte fortan in die Stille des Privatlebens zurückkehren, den berauschenden Beifall der Menge, die schwärmerische Bewunderung der Jugend, die Anerkennung des Alters entbehren, um einem Manne anzugehören und ihn als ihren Herrn anzuerkennen, sie, die gewöhnt war, über Alle zu herrschen und jede ihrer Launen erfüllt zu sehen! Und dann, mußte sie nicht den hochmüthigen Stolz dieser aristokratischen Familie und Welt, welcher der Freiherr einmal angehörte, befürchten? Erwarteten sie nicht in den neuen Verhältnissen tausend Kränkungen, die Stecknadelstiche einer exclusiven Gesellschaft, in der sie doch stets nur als eine aufgedrungene Fremde betrachtet werden konnte? Jetzt war sie frei und sie liebte die Freiheit, wie jeder Künstler sie liebt, mit ganzer Seele und mit vollem Herzen. Auch der goldene Käfig bleibt ein Gefängniß für den an Freiheit gewöhnten Vogel.

In einer Stunde wollte der Baron selbst kommen und sich die Entscheidung aus ihrem Munde holen. Minute auf Minute verging und noch immer rang sie mit sich selbst, wogten ihre Gedanken gleich dem aufgeregten Meer. Pfeilgeschwind schien der Zeiger der Uhr zu fliehen, sie hätte ihm Halt gebieten mögen und doch – liebte sie den Freiherrn. Er war der erste und der einzige Mann, der ihr reines, unschuldiges Herz zu rühren und zu fesseln gewußt. Sie hatte seine schüchternen Bewerbungen nicht zurückgewiesen, seinen stets ehrerbietigen und doch so zärtlichen Worten mit Entzücken gelauscht. Dort auf dem vergoldeten Tische lag noch der verrätherische Blumenstrauß, den sie aus seinen Händen empfangen und an ihr Herz gedrückt. Sie war zu ehrlich, um mit ihm ein kokettes Spiel zu spielen, und er hatte bewiesen, daß er für sie kein Opfer scheute.

Plötzlich hörte sie das Rollen seines Wagens, sie vernahm seine Schritte, seine Stimme im Vorgemach. Ihr Stolz war dahin, alle ihre Zweifel geschwunden. Mit erröthenden Wangen, voll bräutlicher Scham und Demuth trat sie ihm entgegen. In ihren Augen konnte er sein Glück lesen und sanft zog er die Weinende an seine Brust. Ihre Thränen galten der Kunst, der sie jedoch nicht untreu wurde und die ihr später in schwerem Trübsal und Mißgeschick als Retterin erschien.



[735]
Blätter und Blüthen.

Verlorene Brüder. Sie haben in Ihrem vielgelesenen Blatte die Rechte Deutschlands auf Schleswig-Holstein so tapfer verfochten, daß ich wohl hoffen darf, Sie werden den Mittheilungen, welche ich über eine deutsche Frage bei meiner letzten Anwesenheit in Trient und Roveredo in Tirol sammelte, ein paar Spalten nicht versagen, obgleich einiges trockene statistische und geographische Material nicht umgangen werden kann. Galt es im Norden gegen die Unterdrückung deutscher Brüder durch die Dänen aufzutreten, so müssen wir in Südtirol leider die Verwelschung von vielen tausend Deutschen beklagen. Der Türke hat nicht Unrecht, daß man mit einer neuen Sprache eine neue Seele erhalte, und so müssen wir jene vielen tausend Deutschen als verloren betrachten.

Wir wollen nicht auf die Zeit zurückgehen, wo das Concilium nach Trient als einer deutschen Stadt verlegt wurde, damit die Reformatoren um so eher erscheinen möchten; auch nicht vom herrlichen Thal des Avisio, dem Fleims reden, wo noch im fünfzehnten Jahrhundert deutsche Passionsspiele aufgeführt wurden. Jetzt redet hier Alles welsch und dennoch zogen 1848 die Fleimser als Schützen gegen die Italiener aus und antworteten, als man sie fragte, warum sie wider das eigene Volk stritten, der deutschen Abstammung bewußt: „Anche noi siamo tedeschi!“ Ob sie jetzt noch für Oesterreich in’s Feuer gingen? Als im Jahre 1703 die Franzosen einbrachen, gehörten die Einwohner des Trentino zu ihren erbittertsten Gegnern und thaten es den Deutschen gleich, jetzt sind sie großentheils Italianissimi. Doch das wollen wir nicht weiter ausführen. Gewiß hat mancher Leser schon von den sette und tredeci communi (den sieben und dreizehn Gemeinden) läuten gehört, die, ehemals ganz deutsch, nach früherer Ansicht von den Resten der zersprengten Cimbern bevölkert sein sollten.

Ein Blick auf die Karte zeigt uns am linken Ufer der Etsch ein großes, zusammenhängendes Gebiet zwischen Trient, Bassano und Verona, dessen Gebirge ohne Unterbrechung von Leuten deutschen Stammes bewohnt sind, allein auch im Thale der Brenta begegnet man noch mancherlei Spuren deutscher Bevölkerung. Am See von Caldonazzo wurde noch im sechszehnten Jahrhundert deutsch gepredigt und in der Nähe von Pergine deuten zahlreiche deutsche Namen von Höfen und Familien auf deutschen Ursprung. Vielleicht verschmäht der Leser nicht, eine kleine Probe der Sprache zu hören, wir theilen sie aus einem Schulbuche mit. „Main kint! Baz dain oghe sighet, daz ist von Gott. Gott macht, daz de sunna so liichte und barm schaint. Gott macht, daz der mand so schön glanzeghet. Ist net koan stearn, deme er ghit koane liichte. Gott macht anckes u balt an so schön grün. Perk und tal saint von Gott.“

Don Tecini, der lange Zeit in diesen Gegenden die Seelsorge versah, schildert diese Aelpler durchschnittlich als Leute von hohem Wuchs, kräftigem Körperbau, abgehärtet, wohlgefärbt, von blondem oder braunem Haar. Mit der Sprache schwand auch die alte Tracht, welche der im Sarnthal glich; nach der Erzählung des Gemeindevorstehers von Vallarsa, Joseph Noriller, bestand sie in einer scharlachrothen, kurzen Jacke mit gleicher Weste, aufstehendem, weißem Halskragen und Krause an der Brust, niedrigem, schwarzem Hut mit breiten Felgen und kurzen, ledernen Hosen, dann einer ausgenähten Leibbinde von Leder, in welcher Messer und Pistolen steckten, oder auch einer Seidenbinde. Es ist echt deutsche Bauerntracht. Don Tecini bringt auch ein Verzeichniß der Ortschaften bei, wo 1821 noch deutsch gesprochen wurde; sie waren damals von zweiundfünfzigtausend Seelen bewohnt, jetzt darf man sie wohl gegen sechszigtausend veranschlagen. Und diese wurden allmählich verwelscht und die Veiwelschung schreitet ohne Hinderniß immer weiter nach Norden vor! Wir sind wahrlich kein Feind Italiens, möchten aber das Recht Deutschlands besser gewahrt wissen, als bisher; nennt sich ja Oesterreich doch so gern eine deutsche Vormacht! Preußen hätte sicherlich sein Interesse besser verstanden, als die Regierung unter Metternich, für den es freilich keine Völker, sondern nur geographische Begriffe, keine Nationalität, sondern nur Unterthanen gab; Preußen hätte einem so mächtigen Stock deutscher Bevölkerung an einer so wichtigen Stelle einen festen Halt gewährt.

„Während die zerstreuten Sprachinseln in der Nähe des Monte Rosa unter der welschen Regierung von Piemont,“ so schreibt ein österreichischer Beamter, Friedrich von Altmayr, der freilich in der Kanzlei die Sympathie für Deutschland nicht verloren hat, „mit deutschen Schulen und Priestern fortwährend ihre deutsche Nationalität bewahren, bleibt es sonderbar und bedauerlich, daß diese in den ausgedehnten und zusammenhängenden Colonien an der Ostseite der Etsch unter dem Scepter Oesterreichs zum Theil auf dem Gebiet des deutschen Bundes so unbeachtet verkümmern mußte – und eben so sonderbar, aber am Ende nicht unverdiente Vergeltung ist es, wenn trotzdem die deutsche Regierung von manchen dieser nur welsch redenden Deutschen – der Unterdrückung ihrer (der italienischen!) Nationalität beschuldigt wird, wobei sie dem Wortsinn nach freilich nicht Unrecht haben, nur daß die verkürzte Nationalität die deutsche und nicht die italienische ist.“

So spricht der österreichische Beamte!

Der Leser fragt voll patriotischen Zornes: „Wie konnte das geschehen?“

Um die Unparteilichkeit zu wahren, lassen wir einem Ultramontanen, von dem gewiß Niemand behaupten darf, er sei Oesterreich feindlich, das Wort: „Als im Jahre 1813 Südtirol von den österreichischen Heeren besetzt wurde und später auf dem Wiener Congresse wieder zu Oesterreich kam, war das Land durch die dreijährige fränkisch-italienische Herrschaft nur unbedeutend verwelscht, trotz der bekannten energischen Vorkehrungen der napoleonischen Regierung in dieser Richtung. Die Südtiroler betrachteten von Alters her ihr Gebiet als deutsches Reichsland, die Theorie der Sprachgrenzen war damals dem Gehirn der Menschen noch nicht entstiegen, daher begrüßte allgemeine Freude die Rückkehr der kaiserlichen Adler in diese Thäler. Nun wäre eine Zurückführung deutscher Bildungsanstalten, wie sie früher unter Oesterreich, dann während einer vierjährigen Periode von 1806 bis 1810 unter Baiern bestanden, nach den allergewöhnlichsten Regeln der Politik angezeigt und eine allmähliche Germanisirung Südtirols leicht auszuführen gewesen. Jeder größere Staat sucht die Regierungssprache auszubreiten und zur herrschenden zu machen, so Frankreich im Elsaß, Preußen in Posen, Rußland in seinem weiten Reiche, England in der ganzen Welt. Es ist bezeichnend für die in Südtirol vordem herrschende Strömung, daß viele Adelsfamilien deutsche selbstgewählte Prädicate von hiesigen Besitzungen führen, die sie jetzt in aller Stille rückübersetzen; daß beiläufig bis zu den dreißiger Jahren das Deutsche die Sprache der höhern Gesellschaft war und daß Oesterreich 1814 Vertrauensstellen, welche zuverlässige Beamte erforderten, im lombardo-venetianischen Königreich mit Südtirolern besetzte.

Es wäre also nicht schwer gewesen, die Spuren einer kurzen Gewaltherrschaft zu verwischen und das altgewohnte deutsche Wesen wieder einzuführen. Unsere Regierung that von alledem das Gegentheil. Die deutsche Sprache wurde nicht nur nirgends als obligat eingeführt, es bestand in den Gymnasien kein Lehrstuhl dafür; wer neben den andern Studien Deutsch lernen wollte, fand hierzu in den kaiserlichen Anstalten keine Gelegenheit. Noch mehr: in einigen Seitenthälern hatte sich die deutsche Sprache durch mehrere Jahrhunderte, nachdem das welsche Element im Hauptthale vorgedrungen, in ihren älteren Formen erhalten. Die Ausrottung derselben wurde österreichischerseits durch italienische Beamte und Seelsorger begonnen und glücklich vollführt. Die Regierung Victor Emanuel’s hätte es heute nicht besser zu machen verstanden. Diese Dinge klingen unglaublich, und doch hat sie hier jeder ältere Mann mit angesehen und mit erlebt. Es darf nicht vergessen werden, daß nach 1830, als eine siegreiche Revolution das Werk des Wiener Congresses in Frankreich und Belgien über den Haufen geworfen und Jungitalien seine ersten Sprünge machte, auf den hiesigen Gymnasien der liberale Luftzug als Teutophobie unvermerkt und unbeachtet durch die Hörsäle zu wehen begann. Daß die südtirolische Jugend, welche in den öffentlichen Schulen nicht deutsch, im Gegentheil alles Tedeske gründlich verlachen und hassen gelernt hatte, die Universitäten in Padua und Pavia den deutschen vorzog, war natürlich, nicht minder, daß diese Jugend ganz welsch gebildet und verbildet nach Hause kam.

Die Folgen dieses Systems, oder besser dieser Systemlosigkeit, kamen erst 1848 zu Tage, obschon sie für offene Augen fünfzehn bis zwanzig Jahre früher sichtbar waren.

Zur großen Verwunderung des Innsbrucker Guberniums hatte die italienische Revolution in Südtirol, besondern in den Städten, ein lautes Echo gefunden. Der Magistrat von Trient sagte in einem Manifeste am 20. März 1848, ,daß das Land seit langer Zeit den Augenblick ersehnt, sich mit seiner Nation, der italienischen, zu verbinden’. Die österreichische Armee stand damals in Verona und hatte durch ein paar Monate keine andere Verbindung mit der Monarchie, als über Tirol. Ein k. k. Gymnasialprofessor forderte öffentlich dazu auf, die Straße zu sperren, um den Feldmarschall Radetzky zur Uebergabe zu zwingen. Diese seit dem Jahre 1816 in den Kreisen der Halbbildung großgezogenen Gesinnungen hatten im Jahre 1848 keine Handlanger gefunden, die Sache war neu, in engen Grenzen bekannt und besprochen. Die seither verflossenen sechszehn Jahre wurden von der Partei der Italianissimi besser ausgenützt, als von der Staatsverwaltung.“

So spricht ein ultramontaner Freund Oesterreichs. Die Bevölkerung Welschtirols ist für Deutschland verloren, wenn wir auch dem Anspruch der Italianissimi gegenüber unser Recht auf jenen Boden nicht aufgeben dürfen, wie A. Flix in der Paulskirche ganz richtig hervorhob. Bliebe es jedoch nur bei Welschtirol! Immer weiter schreitet die Verwelschung gegen Norden vor, die Schule hat zu wenig Einfluß und beschäftigt sich mit andern Dingen, als der Weckung deutschen Gefühles; der Klerus betrachtet alles Deutsche ohnehin mit Argwohn, denn die deutsche Literatur ist ja protestantisch; die große Masse der Bevölkerung verharrt in dumpfer Abgeschlossenheit und träger Indolenz und wird so bleiben, bis man fremdem Capitale, fremder Intelligenz, und wäre sie auch lutherisch, freimaurerisch oder jüdisch, den Zugang öffnet.

Auf der Rückreise besuchte ich einen Freund zu Innsbruck. Wir gingen den Inn entlang spazieren; ich war von der Schönheit der Alpen an diesem Sommerabend so entzückt, daß ich einen Soldaten, der mit gepflanztem Bajonnet auf- und abging, ganz übersah. Da faßte mich mein Freund beim Arm und deutete mit einem Wink auf einen Thurm. Durch die Eisenstäbe der Gitter lugten blasse Gesichter – Welschtiroler, die wegen der Absicht eines Putsches, der zur Annexion an Italien führen sollte, in Untersuchung lagen. Die meisten hatten deutsche Namen, z. B Kandelberger und ähnliche. Es waren also verwelschte Deutsche. Hätte man ihre Väter bei der Stammsprache erhalten, so ständen sie aln treue Grenzwache Deutschlands auf der Hochburg der Alpen gegen jeden Feind aus Süden, dem sie jetzt weit, weit die Thore öffnen und an das Herz fallen möchten. So büßt Oesterreich bitter, was es versäumt; den schwersten Schaden trägt jedoch Deutschland, das viel tausend Söhne verlor und, wenn Venetien verloren geht, das vorgeschobene Südtirol schwerlich zu behaupten im Stande sein dürfte.

H. Z.


Noch einmal der Pariser Geisterhumbug. Von zuverlässiger Hand gehen uns aus Frankreich die nachfolgenden interessanten Mittheilungen zu: Auf eine in Nummer 42 der Gartenlaube beschriebene Vorstellung der bekannten Gespensterschwindler Gebrüder Davenport erschien in den meisten Pariser Journalen eine interessante Polemik. Der Abendmoniteur publicirte einen Brief des ausgezeichneten Taschenspielers Robin, welcher über die letzte der Davenport’schen Sitzungen, der er beigewohnt, berichtet und die stattgehabten Geistermanifestationen auf die natürlichsten Ursachen zurückführt. Der Brief den Herrn Robin schließt mit einer Herausforderung [736] an die amerikanischen Medien; er droht ihnen im Falle der Weigerung damit, ihre Experimente in einer öffentlichen Sitzung, welche zum Besten des Hospitales von Charenton gegeben würde, zu wiederholen, und erklärt zu gleicher Zeit, die Kosten der vorgeschlagenen Sitzung aus seinen eigenen Mitteln bestreiten zu wollen. Er stellt ihnen drei Bedingungen – Erstens: Er wird sie in eigner Person anbinden und zwar mit einem von ihm zu diesem Zweck mitgebrachten Strick. Zweitens: Er wird sich mit ihnen in demselben Kasten anbinden lassen. Drittens: Die fünf Personen, welche die Gebrüder gewöhnlich bedienen, sollen während der gemeinschaftlichen Vorstellung gar nicht zugelassen werden.

Da die Gebrüder Davenport die von Robin an sie gestellte Herausforderung nicht annahmen, erschien ein mit ungeheuern Lettern bedruckter Anschlagzettel, welcher das gesammte neugierige Pariser Publicum in nicht geringe Aufregung versetzte. Der Zettel besagte Folgendes:

„Heute allein wird Herr Robin die Experimente mit dem mysteriösen Schranke vornehmen. Die Thüren desselben werden offen bleiben.“

Abends um acht Uhr drängte sich auf dem Boulevard du Temple eine ungeheure Menschenmasse. Tausende von Neugierigen hatten in dem Saale, welcher Robin gewöhnlich zum Schauplatz seiner feenhaften Abendunterhaltungen dient, nicht zugelassen werden können. Wir werden also nun den Grund des Spiritismus mit unsern Fingerspitzen berühren und der mysteriöse Schrank mit seinen obligaten übernatürlichen Erscheinungen und Kräften wird uns das Geheimniß des phantastischen Spukes der Gebrüder Davenport enthüllen!

Herr Robin, welcher die weiße und die schwarze Magie kennt und sich in der Kunst der Metamorphose zum größten Meister emporgeschwungen hat, macht sich eine Pflicht daraus, das Publicum in vorliegendem Falle bei schärfster Beleuchtung in die Karten sehen zu lassen. „Ah! Ihr besteht darauf,“ sagt er, „Ihr wollt übel oder wohl, daß man Euch für außerordentliche Wesen hält, die einen Fuß in dieser und einen in der andern Welt haben. Wohlan! Auch ich werde es bis zum Aeußersten treiben, ich werde eine Vorstellung geben, in welcher der Blick des Zuschauers nicht gehemmt sein wird, die in dem geschlossenen Kasten durch ihre Medien sich manifestirenden Kundgebungen der Geister zu beobachten – bei offenen Thüren des Schrankes sollt Ihr die Wunder schauen, welche Euch für ein und allemal beweisen werden, wie sehr man in gewissen Ländern die Unwissenheit, Schwäche oder Leichtgläubigkeit des Volkes auszubeuten versteht!“

Der Saal ist zum Erdrücken angefüllt, das tiefste Stillschweigen herrscht in der Zuschauermenge, die Aufmerksamkeit ist auf das Höchste gespannt. Da rollt der Vorhang auf und Herr Robin erscheint mit lächelnder Miene auf der Vorderseite des Podiums. „Meine Damen und Herren,“ sagt er, „sogleich werde ich Ihnen das Phänomen des Geisterwesens vor Augen zu führen die Ehre haben, doch wenn das Experiment gelingen soll, müssen natürlicherweise auch Geister zu meiner Disposition stehen. Sind vielleicht welche in Ihrer Nähe?“ Und alsbald antworten verschiedene aus dem Hintergrunde des Saales, aus dem Fußboden, dem Plafond, den Rücklehnen der Fauteuils, dem Piano, dem Innern der Logen kommende Toc, Toc, Toc dem Aufrufe des Meisters.

„Sehr gut,“ spricht Robin, „ich sehe schon, daß ich vorzüglich bedient sein werde, das verbürgt uns eine sehr schöne Vorstellung.“

Dieses humoristische Debüt versetzte die Anwesenden in die heiterste Laune. Man schafft nun unverzüglich den Schrank, die Musikinstrumente, die Violine, die Guitarre, die Schellentrommel, die große Trommel, die Glocke, den Strick und eine den berühmten Pappbecher vorstellende hohle Puppe herbei, gegen welche die Geister nach den Aussagen der Gebrüder Davenport eine unüberwindliche Abneigung empfinden.

Herr Robin stellt der Versammlung sein Medium vor und läßt dasselbe hierauf mit den Füßen, den Beinen, den Schultern und endlich mit auf den Rücken gebundenen Händen mit dem vorhandenen soliden Stricke an die im Innern des Schrankes befindliche Bank befestigen. Dieser Strick ist nicht aus sieben bis acht baumwollenen Schnüren verfertigt wie jener der Gebrüder Davenport, sondern aus starkem Hanf gedreht, er besitzt eine Länge von zweiundvierzig Schuh. „Meine Herren,“ beginnt nun Herr Robin, „wir werden die Sitzung in zwei Abtheilungen theilen, die erste bei geschlossenen Thüren des Schrankes, die zweite bei offenen.“

Die Thüren werden geschlossen und alsbald fällt die verwünschte Puppe auf den Kopf eines Zuschauers.

„Sie sehen, meine Herren, sie können sie wirklich nicht ausstehen.“ Im nämlichen Augenblick fängt der Geisterrumor an; die Guitarre seufzt, die Schellentrommel wirbelt, die Violine kreischt, die große Trommel poltert dazwischen, die Glocke klingelt, die Wände krachen, durch die in den Thüren des Schrankes angebrachten Oeffnungen erscheinen deutlich mehrere Finger, dann eine Hand, hierauf zwei und schließlich eine behandschuhte Hand.

„O,“ ruft Herr Robin ironisch, „eine Damenhand!“ Man öffnet Plötzlich die zwei Thüren des Schrankes und siehe, das Medium scheint ruhig und gelassen, natürlich immer noch an die Bank garottirt, die Knoten des Strickes sind unversehrt geblieben. Man schließt es von Neuem ein, doch diesmal steigt die Musik zur Höhe eines tobenden Orkanes. Gewichte von zwanzig Kilogrammen werden durch die Oeffnungen geschleudert.

„O, das ist doch gewiß ein starker Geist!“ ruft Herr Robin inmitten allgemeinen Gelächters. Die Hände machen convulsivische, drohende Bewegungen: Ein Rock fliegt zu einer Oeffnung heraus, eine Weste zur andern und Allen dieses unter einem Höllenlärm, der einem Tauben Angst gemacht hätte. Man öffnet von Neuem den Schrank, doch das Medium ist immer noch angebunden, gelassener als je, aber diesmal ohne Rock und Weste. Man schließt abermals, da kracht ein Pistolenschuß. Die Thür fliegt auf und diesmal steht das Medium aufrecht, frei und des Strickes entledigt da. Es nähert sich dem Publicum, den zweiundvierzig Schuh langen Strick emporhaltend.

„Wir werden nun,“ sagt Herr Robin, „die nämlichen Experimente bei offenen Thüren vornehmen.“ Die Aufmerksamkeit verdoppelt sich. Alles wird an seinen alten Platz zurückgebracht; das Medium präsentirt sich und man überreicht ihm den Strick.

„Ich wäre glücklich,“ sagt Herr Robin, „wenn ich einen der Zuschauer einladen könnte, das Medium selbst anzubinden; doch könnte sich sehr wohl unter Ihnen ein Officier finden, der den Feldzug in Indien mitgemacht und von einem der dortigen Gaukler gelernt hätte, unauflösliche Knoten zu schlingen, ich würde deshalb befürchten, das Experiment mißlingen zu sehen.“

Ein homerisches Gelächter erschallt auf diesen geistreichen Ausfall. Das Medium bindet sich also selbst fest, ganz auf dieselbe Art wie zuvor und zwar in drei Minuten; man trägt es mit der Bank auf den alten Platz, doch kaum befindet es sich in dem Kasten, so schleudert es vermöge eines raschen Ruckes des Handgelenkes die verhängnißvolle Puppe auf die Köpfe der Zuschauer. Blitzschnell ist ein Arm frei und während es die eine Hand vollends aus dem Knoten zu ziehen sucht, stößt und schüttelt es mit der andern ohne Unterlaß die in seinem Bereich sich befindlichen Instrumente. Man vernimmt von Neuem das ohrenzerreißende barbarische Concert. Der Orchestermensch gebahrt sich im Innern des Kastens wie ein wahrer rasender Dämon. Die Instrumente ertönen, die Hände erscheinen, das Kleid wird mit der Schnelligkeit des Blitzes an- und wieder abgezogen. Da haben wir nun das ganze Geheimniß.

Herr Robin, der schon wesentliche Dienste geleistet hat, indem er gewisse wissenschaftliche Errungenschaften unserer Zeit populär zu machen verstand. hat auch hier ein verdienstliches Werk gestiftet, indem er offen den Schleier gelüftet, unter welchem die finstern Operationen der Geisterseherei sich verborgen hielten.




Unzerstörbar. Die Kaiserin Josephine war eine große Freundin von Parfüms, ganz besonders von Moschus. Ihr Ankleidezimmer in Malmaison war davon förmlich erfüllt, trotzdem daß Napoleon seine Abneigung gegen diesen Geruch oft und entschieden erklärte. Vierzig Jahre sind nun seit ihrem Tode verstrichen und der gegenwärtige Besitzer von Malmaison hat die Wände jenes Ankleidezimmers wiederholt tünchen und malen lassen. Aber weder Abkratzungcn noch Anwendung von Kalk und Tünche sind im Stande gewesen, den Geruch von dem Moschus der guten Kaiserin zu entfernen, welcher jetzt sich noch eben so stark bemerkbar macht, als ob die Flasche, die ihn enthalten, erst gestern entfernt worden wäre.

A. K.

Kleiner Briefkasten.

B - s in M – an. Ihre Alltagsgeschichte ist doch gar zu alltäglich. Das Manuscript liegt mit den anderen zu Ihrer Verfügung.

H. S. B. in Stuttgart. Ohne Nennung von Namen ist die Notiz unverwendbar.

S. in N...g. Die interessanten Enthüllungen in nächster Nummer.




Bock’s Buch in Heften. 6. Auflage.

Die fünfte, 12.000 Exemplare starke Auflage des schon bei seinem ersten Erscheinen mit allgemeinem Willkommen begrüßten, und ungeachtet der vielen Nachahmungen nun schon in 56,000 Exemplaren verbreiteten Werkes:

Das Buch vom gesunden und kranken Menschen
von Dr. Carl Ernst Bock,
Professor der pathologlschen Anatomie in Leipzig.
Mit 73 feinen Abbildungen.
Preis eleg. brosch. 1 Thlr. 22½ Ngr., in engl. Einband 2 Thlr.
ist vergriffen, und die sechste, wiederum verbesserte Auflage ist soeben vollständig erschienen.
Hierin dürfte wohl der Beweis liegen, daß das für jede Familie unentbehrliche Buch noch von keiner Concurrenz erreicht worden ist und seine Aufgabe erfüllt hat: die Wissenschaft lebendig und der Volksbildung dienstbar zu machen.
Die 6. Auflage des Buches vom gesunden und kranken Menschen ist wieder in sieben Lieferungen ausgegeben worden, welche nach wie vor in monatlichen Zwischenräumen bezogen werden können. Der Subscriptionspreis jeder Lieferung von 5–6 Bogen ist nur 7½ Ngr., wofür auch der weniger Bemittelte im Stande ist, sich diesen Helfer in der Noth nach und nach anzuschaffen.
Leipzig, im November 1865.
Die Verlagshandlung von Ernst Keil.

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.