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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1865
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1865) 049.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[49]

No. 4.   1865.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. 0Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.




Der Richter.
Nach brieflichen Mittheilungen. 0Von J. D. H. Temme.
(Fortsetzung.)


Der Freiherr war ein äußerst stolzer Mann, stolz auf seinen alten Adel, auf seinen unermesslichen Reichthum und auf sein Ansehen. So war er immer gewesen, durch Erziehung und Leben, durch die Geburt schon, wie man wohl zu sagen pflegt. Mancherlei Ereignisse hatten ihn zu einem ebenso strengen Mann gemacht. In seine Jugend fiel die erste französische Revolution. Die Revolutionsarmee drang über den Rhein; die Sansculotten decretierten die Gleichheit der Stände, Abschaffung des Adels und Aufhören des Verhältnisses von Herren und Knechten und wollten selbst nur Herren sein und unumschränkt despotisiren und tyrannisiren. So kamen sie auch auf das Gut des Vaters des Freiherrn und befahlen und wirthschafteten hier roh und gemein, im deutschen Lande schlimmer, als in ihrer französischen Heimath. Der Knabe mußte Jahre lang Zeuge sein und selbst Mißhandlungen erdulden. So setzte sich ein bitterer Haß in ihm fest gegen Alles, was Freiheit und Gleichheit hieß, und sein Gemüth wurde streng und herb. Als er schon ein Greis war, da kam das sogenannte Revolutionsjahr 1848 und vollendete die Bitterkeit, die Strenge seines Innern. Noch Anderes hatte dazu beigetragen und trug später noch mehr bei. Auf diese Weise war das Leben in der freiherrlichen Familie ein so eigenthümliches geworden.

Der Freiherr war zweimal verheirathet. Mit seiner ersten Frau, einer Gräfin aus einem der ältesten und edelsten Grafenhäuser Deutschlands, lebte er nicht glücklich. Sie ließ ihn fühlen, daß sie eine erlauchte Gräfin und er nur ein hochwohlgeborner Freiherr war, und schenkte ihm keine Kinder, keinen Erben seines ungeheuren Vermögens und seines edlen Namens. Als sie starb, war er nicht mehr jung, aber er konnte nicht aus der Welt gehen, ohne einen Erben für seinen Namen, für seine Güter zu hinterlassen. Diese sollten nicht an entfernte Verwandte fallen, jener sollte nicht aussterben. So schritt er zur zweiten Ehe. Seine zweite Frau war natürlich wieder von gutem Adel; aber auch sie lebte nicht glücklich mit ihm. Sie hatte ein weiches Herz, während sein Herz mit den fortschreitenden Jahren und in der langen Ehe mit einer hochmüthigen, herzlosen Frau immer verbissener und verhärteter geworden war. Die Frau kränkelte, gebar ihm zwei Kinder, dann starb sie.

Das erste Kind war eine Tochter, ein unendlich zartes, weiches, mildes Wesen. Er erzog sie mit jener Strenge, die seinem Charakter immer eigen war; die Bitterkeit, die hinzugetreten war, spielte auch in die Erziehung mit hinein. Das Fräulein wurde verschüchtert und gedieh nicht recht an Geist, nicht recht am Körper. Früh verheirathet, starb sie früh und hinterließ ein Töchterchen. Auch der Vater des Kindes starb bald, und der Großvater nahm die Enkelin zu sich.

Der Sohn des Freiherrn war elf Jahre jünger, als die Tochter. An dem Sohne sollte wieder gut gemacht werden, was die Erziehung an der Tochter verdorben hatte. Keine Strenge wurde gegen ihn geübt; nur der Stolz, der Stolz des Edelmanns wurde in ihm zu wecken und zu nähren gesucht, und schon als Kind hatte er völlige Freiheit, er konnte thun und lassen, was er wollte, wenn er nur seinem Stande, seiner adligen Ehre nichts vergab. So wurde der Knabe hochmüthig und roh. Weil der Vater dies merkte und rügte, wurde der Jüngling ein Heuchler dazu. Reisen sollten den jungen Mann bessern, allein er kehrte roher, hochmüthiger zurück, als er gegangen war. Nur den Heuchler brachte er nicht wieder mit. Seitdem lebten Vater und Sohn wie ein paar fremde Menschen miteinander, oder vielmehr sie lebten nicht miteinander; sie müssen sich vielmehr fern bleiben, wenn kein Unglück geschehen soll. So wurde der starre Mann auch an seinen Kindern nicht gerecht gefunden und auch an ihnen gestraft.

Noch von der Enkelin hatte der Castellan zu berichten. Es war nur Weniges, was er von ihr zu sagen wußte. Sie war ein braves, gutgeartetes Kind von fünfzehn bis sechszehn Jahren und liebte den alten, einsamen Großvater. Der Freiherr liebte sie wieder, konnte nur sie um sich haben und sagte ihr nie ein böses Wort. Sie war bis jetzt von der alten Französin vortrefflich erzogen; später sollte in einer vornehmen englischen Pension ihre Bildung vollendet werden.

Der Justizamtmann war mit dem Castellan vor dem Zimmer des alten Freiherrn angelangt. Was sollte er dem stolzen Greise sagen, den er jetzt nach seinem innern und äußern Leben kennen gelernt hatte? Er stand mit schwerem Herzen vor dem Zimmer, an dessen Thür der Castellan leise klopfte.




5.0 Ein alter Edelmann.

Der alte Freiherr von Bergen war mit seiner Enkelin in seinem Zimmer. Eine hohe, hagere, aber breitschulterige Gestalt, mußte er ein kräftiger Mann und noch ein rüstiger Greis gewesen sein. Jetzt, nahe an seinem achtzigsten Jahre, war er hinfällig; sein Rücken war gekrümmt. Seinem mageren, blassen Gesichte sah man zugleich an, daß er zur Zeit kränkelte; aber seinen Geist, seinen Willen hätte nicht die Krankheit, nicht die Hinfälligkeit des Alters zu beugen vermocht. In dem starkknochigen [50] Gesichte, in den harten Zügen, in den hellgrauen, stechenden Augen, die unter den tief herunterhängenden schneeweißen Augenbrauen noch immer Blitze hervorschießen konnten, las man nach wie vor den stolzen Geist, den harten Sinn, den eisernen Willen, der selbst noch leidenschaftlich werden konnte.

Großvater und Enkelin waren allein in dem großen, eleganten Zimmer. Sie hatten den Thee schon genommen; die Bedienten waren abgetreten.

Der Freiherr lag lang ausgestreckt auf einem Sopha, vor welchem der Theetisch stand. An dem Tische, dem Greise gegenüber, saß in einem Fauteuil die Enkelin, in deren noch fast kindlicher Jugend sich das brave, stille und milde Herz ausprägte. Sie las dem Großvater aus einer Sammlung von Schildsagen vor; mit ihrer reinen, klangvollen Stimme las sie eben die folgenden Worte:

- „Aber damit er nicht wie ein Missethetter gefhürt würde, mußte ihne der Nachrichter“ -

Da wurde an die Thür des Gemaches geklopft.

„Herein!“ rief der Freiherr ruhig.

Er hatte auch mit voller Ruhe der Vorleserin zugehört; die Nachricht des Castellans, daß der Justizamtmann mit einem fremden Polizeibeamten da sei, hatte ihn nur einen Augenblick beunruhigt, dann hatte die plötzliche Anwesenheit der Beamten des Gerichts und der Polizei, die Ungewißheit, was sie im Schlosse wollten, jene eisige, unheimliche Ruhe in ihm hervorbringen können, die ihm zu Zeiten eigenthümlich war.

„Herein!“ hatte er völlig ruhig gerufen, obschon er wußte, wer kam. „Einen Augenblick, Theodora,“ sagte er zu dem Fräulein, freundlich und mild, wie das Kind selber.

Sie hielt mit dem Lesen inne.

Der Justizamtmann und der Castellan traten ein.

„Der Herr Justizamtmann, Euer Gnaden,“ sprach der Castellan und entfernte sich wieder.

Der Freiherr warf unter den dichten, weißen Augenbrauen einen kurzen Blick auf den Gerichtsbeamten.

„Setzen Sie sich,“ sagte er dann eben so kurz und zeigte auf einen Stuhl, der neben dem Tische stand.

Der Justizamtmann setzte sich.

„Fahre fort, Theodora,“ wandte sich der Freiherr wieder freundlich zu dem Kinde.

Und das Fräulein begann von Neuem den Satz, in dem es unterbrochen war und las weiter bis zu dem Ende der Sage:

– „Aber damit er nicht wie ein Missethetter gefhüret würde, mußte ihne der Nachrichter und seine Diener nicht anrühren, sondern er gink selbst gutwillik, und der Rat und die ganze Stat begleitete ihne und betrübeten sich seinethalben. So hatte Adebar eine Schwester im Jungfrauenkloster zu Colberge, die war Eptissin; dieselbe ergriff ein Crucifix und trat für ihne her und sterkete ihne und sagte: er sollte auf Got trawen und in seinem Glauben sterben. Also kam er außer der Stat; da wurde ihme gegunt, daß er auff einen Kirchhoff gink. Daselbst lies er sich abhawen.“

„Sie sind der Herr Justizamtmann?“ fragte der Freiherr jetzt den Gerichtsbeamten.

„Ja, Herr Baron.“

„Sie haben auch auf meinem Gute die Gerichtsbarkeit?“

„Seit Aufhebung der Patrimonialgerichtsbarkeit allerdings.“

„Auch hier im Schlosse?“

„Auch hier.“

Der Ton des alten stolzen Edelmanns war immer stolzer geworden. Der Justizamtmann blieb höflich und gemessen.

„Sie sind,“ fuhr der Freiherr in jenem Tone fort, „in diesem Augenblicke hier, um Ihre Gerichtsbarkeit auszuüben?“

„Ich bin in meiner amtlichen Eigenschaft hier.“

„Als Civil- oder als Criminalrichter?“

Der Justizamtmann besann sich einen Augenblick. „Als Criminalrichter,“ sagte er dann offen.

„Darf ich das Verbrechen erfahren, wegen dessen Sie hier sind?“

„Herr Baron –“

„Ah, das Amtsgeheimniß verbietet Ihnen die Mittheilung an mich!“

„So ist es.“

„Aber den Verbrecher dürfen Sie mir nennen?“

Der Justizamtmann besann sich noch einmal.

„Ich denke,“ sagte der Freiherr, „wenn er zu meinem Hausstande, vielleicht gar zu meiner Familie gehört, so hätte ich ein Recht, von einem Verfahren gegen ihn in Kenntniß gesetzt zu werden.“

Der Justizamtmann war über eine Erwiderung mit sich einig geworden.

„Herr Baron, Sie haben einen Sohn?“

„Ah, meinen Sohn betrifft es!“ sprach der alte Freiherr so ruhig, wie bisher.

„Ihr Herr Sohn heißt Waldemar?“ fragte der Justizamtmann.

„Waldemar Freiherr von Bergen.“

„Er ist erst seit Kurzem von mehrjährigen Reisen zurückgekehrt?“

„Seit zwei Monaten.“

„Hatten Sie Nachrichten von ihm über seinen letzten Aufenthaltsort?“

„Mein Sohn hatte mir keine Rechenschaft über seinen jedesmaligen Aufenthalt zu geben.“

„Hat er Ihnen nicht aus der Schweiz geschrieben?“

„Mein Herr,“ sagte der Freiherr mit seinem ganzen Stolze, „ich glaube, Sie wollen hier mich inquiriren!“

„Nein, Herr Baron. Aber ich hatte eine Pflicht gegen Sie. Es handelt sich um ein schweres Verbrechen, dessen Thäter ich zu verfolgen habe. Noch besteht nur ein Verdacht gegen ihn; es soll sich nun heute entscheiden, ob dies ein falscher Verdacht ist, oder ob er zur Gewißheit erhoben wird. Ich hielt es, da Sie einmal von meinem Hiersein Kenntniß erhalten hatten, für meine Pflicht, Sie vorzubereiten. Ein schwerer Schlag darf einen Ehrenmann, einen ehrwürdigen Greis, wie Sie es sind, nicht unvorbereitet treffen.“

„Ich danke Ihnen,“ sagte der alte Edelmann etwas weniger stolz, nachdem der Justizamtmann, der mit Wärme und Würde gesprochen, seine Rede geendet halte. Darauf fragte er wieder: „Dürfen Sie mir auch das Verbrechen nennen?“

„Es ist ein Mord.“

Der Greis zuckte zusammen, aber er faßte sich im nächsten Augenblick wieder. „Herr Justizamtmann,“ fragte er, „dürfen Sie gegen meinen Sohn in meiner Gegenwart inquiriren?“

„Ich werde es verantworten, Herr Baron.“

Der Freiherr wandte sich zu seiner Enkelin. „Geh’ auf Dein Zimmer, Theodora,“ sagte er gütig.

Sie erhob sich und trat, blaß und zitternd von der entsetzlichen Unterredung, deren Zeugin sie gewesen war, an das Sopha zu dem Greise und reichte ihm die bebende Hand.

„Gute Nacht, Großvater.“

Er küßte sie auf die Stirn.

„Gute Nacht, meine liebe Theodora.“

Ein Strom von Thränen stürzte aus den Augen des Kindes, als es das Zimmer verließ.

Als sie fort war, erhob sich der Freiherr; es gelang ihm nur mühsam. Das Kind sollte nicht sehen, wie sehr ihn die schreckliche Kunde angegriffen hatte, darum erhob er sich erst nach der Entfernung der Enkelin. Der Justizamtmann wollte ihm beim Aufstehen helfen; er wies ihn jedoch zurück.

„Ich danke Ihnen!“ sprach er wieder mit seinem ganzen, vollen Stolze. So stand er auch, als er sich erhoben hatte, fest, gerade; selbst den vom Alter gebeugten Nacken konnte er stolz aufrichten. Nur dem Gesichte, das erdfahl geworden war und dessen Augen sich tiefer hinter die buschigen Brauen zurückgezogen hatten, sah man den hinfälligen Greis an. Er bewegte eine kleine silberne Glocke, die vor ihm auf dem Tische stand. Sein alter Kammerdiener trat ein.

„Zum grauen Salon!“ sagte er zu dem Diener.

Der Diener entfernte sich stumm. Im Zimmer befand sich ein alter eichener Schrank, kunstvoll geschnitzt, dunkelbraun vor Alter. Der Freiherr ging zu ihm, schloß ihn auf, nahm etwas heraus und verbarg es auf seiner Brust, ohne daß der Justizamtmann gesehen hatte, was es war. Darauf kehrte der Greis zu dem Tische zurück, auf welchem das Sagenbuch, in dem seine Enkelin gelesen hatte, noch aufgeschlagen dalag. Er nahm es, faltete das Blatt ein und behielt das Buch so in der Hand.

„Folgen Sie mir,“ sagte er dann zu den Justizamtmann.

Er hatte Alles mit langsamer, eisiger Ruhe gethan. Seine Haltung war sicherer, die Züge des Gesichtes waren von Moment [51] zu Moment fester geworden. Draußen im Corridor stand der alte Kammerdiener mit zwei Wachskerzen, obgleich es in dem Vorsaale hell war, wie bei Tage, und ging dem Freiherrn und dessen Begleiter voran. Sie durchschritten mehrere erleuchtete Gänge. Am Ende eines langen Corridores öffnete der Kammerdiener eine Seitenthür, die in ein hell erleuchtetes Zimmer führte. Hinter einer andern Flügelthür, in einiger Entfernung, war es laut. Man hörte dort eine Menge Stimmen, die durcheinander sprachen, riefen - Gläser klangen dazwischen. Es war ein ähnlicher Lärm, wie die Beamten bei ihrer Ankunft vor dem Schlosse ihn an jenen erleuchteten unregelmäßigen Fensterreihen des burgartigen Hintergebäudes vernommen hatten. Der Freiherr horchte einen Augenblick hin; dann trat er mit dem Justizamtmann in das helle Zimmer.

Das Gemach, in dem eine behagliche Wärme herrschte, war rund, groß, fast ein Saal, und mit grauen Tapeten behangen. Auch die sämmtlichen reichen Möbel darin waren grau. Zu der Mitte hing ein Kronleuchter von mattem Silber, in dem Wachskerzen brannten – Armleuchter mit brennenden Wachskerzen standen umher; Alles zeigte den Reichthum und den vornehmen Luxus des Hauses in diesem vielleicht entlegensten Gemach. Erschöpft setzte sich der Freiherr auf einen Divan, das Sagenbuch, das er mitgenommen hatte, neben sich. Dem Justizamtmann wies er wieder mit der Hand einen Stuhl an.

„Mein Sohn!“ sagte er dann zu dem Kammerdiener.

Der Diener ging. Der alte Freiherr wandte sich zu dem Justizamtmann.

„Sie sind jetzt Herr hier,“ sagte er. „Ich bitte, jene Klingelschnur zu ziehen; der Castellan wird darauf erscheinen. Ertheilen Sie ihm Ihre Befehle, aber draußen, wenn ich bitten darf.“

Der Justizamtmann zog die Klingel. Wenige Minuten nachher näherte sich im Corridor ein Schritt. Der Justizamtmann ging hinaus und sprach mit dem Castellan. Nach einigen Augenblicken kehrte er in das Zimmer zurück und nahm seinen Stuhl wieder ein.

Der Freiherr saß noch auf dem Divan. Beide schwiegen.

Der Gerichtssecretair trat in das Zimmer, denn zu dem, was weiter geschehen sollte, war ein vollständig besetztes Criminalgericht erforderlich, zu welchem der Gerichtsschreiber gehörte. Er ließ sich schweigend neben seinem Vorgesetzten nieder.


6. Der Richter.

In dem großen Rittersaale der restaurirten Burg Freienstein herrschte ein lustiges, lärmendes Leben. Der junge Freiherr Waldemar von Bergen hatte mit seinen Freunden und Genossen der Gegend eine große Jagd in den weitläufigen Forsten des Gutes Freienstein abgehalten, und der Abend vereinigte die ganze Jagdgesellschaft zu einem Banket bei ihm in dem Rittersaale der Burg, welche der junge Freiherr allein bewohnte, darin schaltend und waltend, wie er wollte. Nur sein Vater hätte ihn an seinem Treiben hindern können; allein dieser kümmerte sich darum nicht.

Der große Rittersaal der alten Burg war mit neuem Glanz in seiner frühern Form wieder hergestellt. Die hohe, gewölbte Decke war durch breite Goldleisten in Felder getheilt, von denen jedes eine Malerei, Geschichten aus der Bibel, enthielt. Die hohen Bogenfenster hatten Glasmalereien, alte Geschichten aus der Familie, von den Kreuzzügen an. Die Wände bestanden aus den feinsten, schneeweißen, glänzend neu aufpolirten Kacheln. Aber man sah sie nur oben; bis zu ihrer Mitte hinan war Wand an Wand mit alten Ahnenbildern bedeckt. Eine lange, breite Tafel zog sich durch die Länge des weiten Gemachs. An ihr saßen zechend der junge Freiherr von Bergen und seine Gäste. Die Becher kreisten, die Gläser klangen, alte Humpen von schwerem Silber, Pocale von Gold, hohe Gläser von edlem Kristall. Scherze flogen umher, Gelächter erschallten, Abenteuer renommirten, Abenteuer mit Pferden, mit Hunden, mit Frauen.

Abenteuer gehören nur der Jugend.
Die ganze Welt gehört nur ihr.
O, wir Alten sind auch noch da!
Für die alten Weiber!

„Bravo! Die Liebe und die Lust sind nur für uns Junge.“

„Und das Glück! Abgemacht! Die Frage ist nur: wo ist die meiste Liebe, das meiste Glück? In den Städten oder auf dem Lande? In der Heimath oder in der Fremde?“

„In den großen Städten - am Hofe!“

„Bah, ich ziehe das stille, heimliche Land vor.“

„Und ich vor Allem die Heimath.“

„In der Fremde ist man freier, durch nichts gebunden.“

„Entscheide Du, Waldemar!“

Der junge Freiherr Waldemar von Bergen war inmitten seiner Gäste der Lustigste, der Uebermüthigste.

„Glück und Liebe,“ rief er, „sind überall, wo man jung und muthig ist und schöne Weiber findet, in der Stadt, auf dem Lande, in der Fremde, in der Heimath. In der Fremde sollte ich freier sein, als hier? Nur der Feige ist unfrei. Ich fühle mich überall frei, auch –“ Er sah nach den Bildern seiner Ahnen, die überall in dem Saale umherhingen. „Ja, auch hier, unter diesen ehrsamen Herren und tugendreichen Damen. Ei, Ihr alten Gesellen, Ihr blickt wohl verzweifelt streng auf mich nieder, als wenn Ihr meine Worte und mein Thun dabei so recht herzlich verachten und verdammen wolltet? Aber wer waret Ihr denn? Wer seid denn Ihr gewesen? Ja, ja, jetzt, auf der alten Leinwand da, in den goldenen Rahmen, seht Ihr wohl recht streng aus, und ehrbar und tugend- und sittsam! Aber zu Euren Lebzeiten, als Ihr Herren jung waret, wie wir, und Ihr Frauen schön und reizend, wie wir sie lieben – ei, waret Ihr da besser, als wir? Gehet, Ihr habt den Schelm im Nacken.“

Die Andern lachten. Nur Einer hatte eine Bemerkung.

„Wenn unsere Nachkommen nach hundert Jahren von uns so sprächen, Waldemar?“

„Hätten sie Unrecht?“

„Aber von unseren Frauen?“

Après nous le déluge!

Sie lachten wieder.

„Stoßt an! Uns gehört die Welt! Nach uns lebe die Sündfluth!“

Alles stieß an, Alles jubelte.

Die große Thür des Saales öffnete sich. Der Kammerdiener des alten Freiherr trat ein. Alle kannten den alten, stillen, ernsten Mann, der jetzt in das laute, fröhliche Fest trat als eine fremdartige Erscheinung. Es wurde still im Saal, als man den Alten sah, der auf den jungen Freiherrn zuging.

„Gnädiger Herr, Seine Gnaden, Ihr Herr Vater, läßt Sie zu sich bitten.“

Auch der junge Freiherr hatte gestutzt, als er den alten Diener sah. Er hatte lustig mit angestoßen auf die Sündfluth, die nach ihm kommen solle; er hatte den schäumenden Wein hinuntergestürzt: seine Lippen waren noch keck aufgeworfen, seine Wangen glühten noch, seine Augen blitzten. So stand er da, die hohe, schlanke Gestalt, das schöne, stolze Gesicht, als wenn er das Verderben, auf das er angestoßen hatte, herausfordern wollte, schon jetzt über ihn einzubrechen. Da sah er den alten Diener so still und ernst auf sich zuschreiten, still und ernst, wie das Unglück einherschreitet. Die kecken Lippen senkten sich; durch das geröthete Gesicht zog sich etwas, wie eine Ahnung.

„Jetzt gleich?“ fragte er den Diener.

„So befahl der gnädige Herr mir, Ihnen zu sagen.“

Der junge Freiherr sah auf seine Gäste.

„Laßt Euch nicht stören, meine Freunde. In wenigen Minuten bin ich wieder da.“

Er hatte die Lippen wieder aufgeworfen, und stand wieder hoch und stolz. So verließ er, gefolgt von dem alten Bedienten, den Saal. Sein Gäste ließen sich nicht stören, sie zechten und jubelten weiter. Durch mehrere Gänge kam man aus der Burg in das neue Schloß. Vor einer Thür blieb der Diener stehen.

„Hier, gnädiger Herr!“ sagte er, während er sich still entfernte, nachdem er dem jungen Mann die Thür geöffnet hatte.

„Hier? Im grauen Salon?“ rief der junge Freiherr.

Es durchzuckte ihn von Neuem, wie eine finstere Ahnung.

Der junge Freiherr hatte sich wieder zusammengenommen und trat mit seiner ganzen stolzen, vornehmen Haltung in das Zimmer. Nur das keck herausfordernde Selbstbewußtsein legte er in Gegenwart des alten, strengen, stolzen Vaters ab. Er verlor seine Haltung auch nicht, als er die Fremden in dem Zimmer sah. Er nahm keine Notiz von dem unbekannten Justizamtmann, sondern ging an ihm vorüber zu dem Divan, auf dem der alte Freiherr saß.

„Du hast befohlen, Vater!“

[52] Der alte Freiherr blickte einen Augenblick forschend in das Gesicht des Sohnes. In seinem eisernen, strengen Gesichte veränderte sich keine Miene.

„Der Herr hat mit Dir zu sprechen,“ sagte er, „in meiner Gegenwart. Er ist der Justizamtmann, der auch hier im Schlosse die Gerichtsbarkeit hat.“

Er sah noch einmal den Sohn scharf an, der plötzlich erbleichte. Der alte Freiherr – er hatte, während er sprach, wenig das Haupt erhoben – lehnte sich wieder zurück und deckte die eine Hand über das Gesicht. So konnte er sehen, ohne daß man es gewahrte. Der junge Freiherr wandte sich zu dem Justizamtmann; die Blässe seines Gesichtes war schnell verflogen, wie sie plötzlich gekommen war.

„Was wünschen Sie von mir, mein Herr?“ fragte er mit seinem ganzen Hochmuthe.

„Sie sind der Herr Freiherr Waldemar von Bergen?“ fragte der Justizamtmann den jungen Freiherrn mit der ruhigen, ernsten Würde seines Amtes, dem außer dem sittlichen Stolze kein anderer imponiren konnte.

„Ich bin es,“ erwiderte der junge Mann.

„Sie waren im vorigen Frühjahre in der Schweiz?“

„Ich war bis vor Kurzem seit drei Jahren auf Reisen, auch in der Schweiz,“ antwortete er rasch und ausweichend.

„Ich erlaubte mir die Frage an Sie,“ sagte der Gerichtsbeamte, „ob Sie im vorigen Frühjahre in der Schweiz waren?“

„Ja!“

Der junge Mann sprach das Wort fest und bestimmt aus, man glaubte ihm aber anzuhören, daß er sich dazu hatte zusammennehmen müssen.

„In welcher Gegend der Schweiz?“ fragte der Justizamtmann.

„In Genf.“

„Waren Sie nicht auch am Bodensee?“

„Nein!“

„In der Nähe von Friedrichshafen?“

„Nein!“

„Haben Sie nicht ein Dorf, Namens Schönthal, kennen gelernt?“

„Nein!“

Der junge Freiherr antwortete jedesmal rasch, ohne sich nur eine halbe Secunde zu besinnen, ohne alle Verlegenheit, ohne irgend eine Bewegung, und so blieb er ferner.

Der Justizamtmann fragte weiter:

„Waren Sie in Schaffhausen?“

„Mehrere Male – am Rheinfall.“

„Ich sprach von dem Dorfe Schönthal. Daselbst lebt ein Prediger Gerlach; haben Sie ihn gekannt?“

„Weder den Mann, noch den Namen.“

„Der Prediger Gerlach hatte eine Tochter. Sie wurde im Mai dieses Jahres entführt. Ist Ihnen etwas davon bekannt?“

„Nein.“

„Haben Sie einen Herrn Bormann aus Hamburg gekannt?“

„Nein!“

„Haben Sie selbst niemals diesen Namen geführt?“

„Nein, mein Herr –“

Keine einzige Frage hatte den jungen Edelmann auch nur in die geringste Verlegenheit bringen, ihn weniger stolz und zuversichtlich machen können.

„Sie sind,“ fuhr der Justizamtmann fort, „vor zwei Monaten hierher zurückgekehrt? Zu Ende Octobers?“

„So ist es.“

„Von woher?“

„Aus Frankreich.“

„Wie reisten Sie?“

„Auf der Eisenbahn.“

„Sie waren nicht im mittleren Deutschland?“

„Aus Frankreich führt kein Weg durch das mittlere Deutschland zum Rheine.“

Erinnern Sie sich einer Poststation, die Buchhauser Linde genannt?“

„Nein, mein Herr.“

„Dort wurde zu Ende Octobers ein Giftmord verübt.“

„Gebt mich das etwas an?“

„Haben Sie von ihm gehört?“

„Nein.“

„Die Ermordete war eine sehr junge und sehr schöne Dame –“

„Ich bedaure sie.“

„Der Mörder war ein junger Mann, der sich Bormann aus Hamburg nannte.“

„Ich glaube, ich sagte Ihnen schon, daß ich keinen Herrn Bormann aus Hamburg kenne.“

„Herr Bormann war am Abend in einer vierspännigen Extrapost mit der Dame, die er seine Frau nannte, angekommen und hatte sich mit ihr ein Zimmer geben lassen. Man hatte in der Nacht die Dame wimmern und aufschreien hören, wobei sie über furchtbare Schmerzen geklagt und zuletzt gerufen hatte: ‚Ich sterbe!’ Ihr Begleiter hatte kalten Trost für sie gehabt, denn ihre Klagen hatten ihn gelangweilt. Am andern Morgen war der junge Mann allein aus dem Zimmer hinab in die Wohnstube gekommen, hatte kurz und kalt gesagt, seine Frau sei in der Nacht gestorben, hatte hundert Thaler auf den Tisch gezählt, um die Kosten der Beerdigung davon zu bestreiten, und war dann weiter gefahren. Die bestürzten Wirthsleute hatten nicht daran gedacht, ihn zu halten.“

(Schluß folgt.)



Der Gang zum Friedhofe.

Er kam zurück und fand sein Weib nicht mehr;
Gebroch’nen Herzens ist auch er erlegen,
Die Waisen stehen schluchzend um ihn her
Und harren auf des Vaters letzten Segen.
Drei Mal verjüngt schaut er die Mutter dort –
Er segnet sie mit schon verklärten Mienen,
Doch eine Klage blieb sein letztes Wort:
Drei Kinder und kein Rächer unter ihnen!

Nun ruht er aus; der treue Wanderstab
Führt’ in die Heimath ihn zurück zum Sterben,
In deutscher Erde grub man ihm sein Grab,
Um höhern Lohn blieb ihm versagt zu werben;
Dem wilden Flüchtling, der am fernen Strand
Des Hasses Lied sang zu des Weltmeers Schäumen,
Wehrt Keiner mehr, im eig’nen Vaterland
Den süßen Traum der Freiheit still zu träumen.

Zum ersten Male schlingt um seinen Traum
Der nahe Lenz die früh erschloß’nen Blüthen,
Da nahen sie, die jenen engen Raum
Wie ihres Lebens Heiligthum behüten,
Und freundlich durch das finstre Gitter blinkt
Des Vaters Grab, vom Sonnenstrahl beschienen,
Da eilen sie, als ob er selber winkt,
Drei Kinder und kein Rächer unter ihnen.

[53]
Die Gartenlaube (1865) b 053.jpg

Der Gang zu des Vaters Grab.

Der holden Schwestern jüngstes Paar voraus,
Wie sie dem Vater einst zuerst entgegen
Gejubelt, wollen sie den ersten Strauß
Auf seines Hügels frischen Rasen legen;
Ihr ahnungsloses Kinderherz beschwert
Noch nicht des Todes schreckensvolles Bangen,
Der Vater, den so lang schon sie entbehrt,
Sie wähnen, er sei wieder fortgegangen.

Die Jungfrau folgt mit ihrem Schmerz allein.
Wie wird’s ihr schwer, den leichten Kranz zu tragen,
Sie will dem Vater ihn zum Opfer weih’n
In tiefer Trauer, schmerzlichem Entsagen – –
Sie liebt ihn noch und wies ihn dennoch fort,
Der nicht verschmäht, der Freiheit Feind zu dienen,
Es brach ihr Herz des Vaters letztes Wort:
Drei Kinder und kein Rächer unter ihnen!

Albert Traeger.
[54]
Das Clavier und seine Geschichte.

Kein musikalisches Instrument hat den Sinn und die selbstthätige Liebe zur Tonkunst in hervorragenderer Weise angeregt, befördert und verallgemeinert und von einer gewissen Zeit an in Wahrheit auch auf die Entwicklung der Musik wesentlichern Einfluß ausgeübt, als das Clavier. Es ist nicht zu leugnen, daß das Clavier in mancher Beziehung weniger vollkommen ist, als viele andere Instrumente; daß es namentlich rücksichtlich der vornehmsten Zierde jedes Tonwerkzeugs, der Klangschönheit und Modulationsfähigkeit des Tones, trotz der hohen Vervollkommnung, die ihm auch nach dieser Seite hin seit Ende des vorigen Jahrhunderts zu Theil geworden ist, dennoch von fast allen Streich- und Blasinstrumenten übertroffen wird, wir erinnern nur an die so rührend und eindringlich zum Herzen redende Violine, an das romantische Waldhorn, an die majestätisch prächtige Posaune. Diesen Vorzügen gegenüber aber, die alle nur eine einseitige, melodische Ueberlegenheit begründen, hat das Clavier eine glänzende und siegeskräftige Gegenseite aufzuweisen, in der Vereinigung der Melodie mit der Harmonie. In dieser Vereinigung der beiden mächtigsten musikalischen Factoren liegt sein Schwerpunkt; sie ist ihm, und zwar nur ihm, mit alleiniger Ausnahme der Orgel, welche jedoch dem täglichen und gesellschaftlichen musikalischen Verkehr aus mancherlei Gründen wohl für immer entzogen bleiben wird, in höchster Vollendung eigenthümlich, so daß die tiefsinnigsten und complicirtesten harmonischen und melodischen Combinationen ihm ebenso zu Gebote stehen und seinem Wesen entsprechend sind, wie die einfachste Verbindung und Wendung; sie weist ihm einen unerschöpflichen Reichthum zu und verleiht ihm die Befähigung zur Darstellung selbst des Höchsten in der Kunst.

Zunächst als Soloinstrument betrachtet, mußte es die besondere Vorliebe und Auszeichnung der größten Tonmeister gewinnen. Die Literatur keines andern Instrumentes hat auch nur eine annähernd glänzende Reihe der bewundernswerthesten Geistesschätze eines Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Weber, Mendelssohn, Chopin, Schumann u. A. m. aufzuweisen. Aus derselben Quelle entspringt ihm aber noch eine andere Eigenthümlichkeit von größter Bedeutung: die Fähigkeit, alle übrigen Instrumente zu repräsentiren, sei es einzeln oder gleichzeitig, und überhaupt ohne fremde Hülfe Alles, was die Tonkunst nur auf irgend einem Gebiete Großes geschaffen hat, mit mehr oder minder großer Treue und Vollkommenheit zu reproduciren, wie etwa ein vollendeter Kupferstich ein Oelgemälde wiederzugeben vermag, und wir meinen, daß bei der Beurtheilung des Werthes des Claviers diese seine Repräsentationsfähigkeit, sein universeller Charakter wohl nicht minder schwer in die Wagschale fallen dürfte, wie seine Vorzüge als Soloinstrument. Wer wollte denn nicht gern zugestehen, daß z. B. die vortrefflichen vier- und zweihändigen Arrangements Haydn’scher, Mozart’scher und Beethoven’scher Symphonien, Ouverturen, Quartetten u. dergl., die heut zu Tage auf keinem Clavierpulte fehlen und nichts anderes als die schimmernde Farbenpracht der Originale vermissen lassen, mehr als alle immerhin doch nur seltnen Orchesteraufführungen das volle Verständniß dieser erhabenen Schöpfungen vermittelt und verbreitet haben, und daß vornehmlich der Mithülfe des Claviers nach dieser Richtung hin die hohe Stufe der musikalischen Durchbildung zu danken ist, die ein so charakteristisches Zeichen unsrer Zeit ausmacht? Und so ist das Clavier auch überall, wo dem menschlichen Geiste eine Freistätte geboten ist, in jeder Familie, in jedem Kreise, der, nur einigermaßen über die materiellen Bedürfnisse des Lebens sich erhebend, Empfänglichkeit für ein höheres Dasein sich bewahrt hat, der treueste Dolmetscher der reinsten Kunst, der freundlichste Vertraute in Freud’ und Leid, den großen musikalischen Geistern aber der sicherste Bahnbrecher für die Anerkennung ihres Wirkens und ihre dereinstige Unsterblichkeit geworden.

So allgemein bekannt nun aber auch das Clavier in allen seinen Formen und verschiedenen Theilen ist, so zwar, daß es uns Niemand Dank wissen würde, wollten wir, auf die obigen Bemerkungen mehr allgemeiner Art, hier eine specielle Beschreibung folgen lassen, so höchst spärlich verbreitet ist dagegen eigenthümlicher Weise die Kenntniß seiner Geschichte geblieben. Wir glauben uns keiner Uebertreibung schuldig zu machen, wenn wir behaupten, daß namentlich in den Kreisen der clavierspielenden Dilettanten – und mit diesen haben wir es hier wohl fast ausschließlich zu thun – über dieses für jeden Clavierspieler so vielfach interessante und wissenswürdige Thema noch vollkommene Dunkelheit herrsche. Wie viele von unsern freundlichen Lesern haben auch nur über den Ursprung des Claviers jemals das Geringste erfahren, oder den Namen des Erfinders unseres heutigen Claviers, des Pianoforte, nennen hören? Wer von ihnen weiß es, daß das glanzvolle Prachtinstrument, das heutzutage unter der Hand des Meisters bald wie im Sturm und Ungewitter daherzubrausen und bald wieder lieblich wie mit Elfen im Mondscheine zu flüstern und zu tändeln versteht; dessen mächtige Tonfluth nicht mehr blos ausreicht, das „Boudoir der intimern musikalischen Conversation“ auszufüllen, sondern im glänzend großen Concertsaale Tausende von Zuhörern in Bewunderung und Mitvibration zu versetzen verma; wer von ihnen weiß es, daß das Clavier noch vor einer kurzen Spanne Zeit, vor nicht länger als etwa hundertfünfzig Jahren, nur ein kleines unscheinbares Instrument war, das in ärmlicher Hülle auch nur einen dem entsprechenden dünnen und reizlosen Ton enthielt, und in seiner musikalischen Dürftigkeit sich nicht hinauswagen durfte in die strenge anspruchsvolle Oeffentlichkeit? Und ferner, daß, während es gegenwärtig in allen Welttheilen zu finden ist, so weit die Civilisation gedrungen, in dem bescheidenen Stübchen des einfachen Bürgers sowohl wie in den prunkenden Palästen der Großen dieser Erde; während seine Fabrikation ein eigner Industriezweig von staunenerregender Ausdehnung geworden ist – in London allein werden von etwa zweihundertundfünfzig Fabrikanten alljährlich an 25,000 Instrumente gefertigt – daß es zu jener Zeit meist nur ein seltner Schmuck, ein fast heilig gehaltenes Kleinod in den Studirstübchen weniger hervorragender Gelehrten und Organisten war; daß diese zugleich auch wieder in dem alleinigen Besitze und der langsamen Ausübung der Kunst seiner Verfertigung sich befanden, und daß eigentlich erst von der Mitte des vorigen Jahrhunderts, seit der berühmte Organist und Orgelbauer Johann Andreas Stein in Wien die erste wirkliche Kunstwerkstätte für den Clavierbau einrichtete, die allgemeinere Verbreitung des Claviers datirt?

Der Stammvater des Claviers[1] ist das Monochord (Einsaiter), als dessen Erfinder der im elften Jahrhundert lebende berühmte Benerictinermönch Guido von Arezzo anzusehen ist. Es bestand aus einem zwei bis vier Fuß langen und etwa drei Zoll breiten gerade gehobelten Bretchen, worüber, auf einem beweglichen Stege ruhend, eine Drahtsaite gezogen war, die mit dem Finger angerissen wurde. Das Monochord diente und genügte auch nur dazu, um beim Gesange den Ton anzugeben. In Folge der Unbequemlichkeit des steten Verschiebens des Stegs mit der Hand, zur Erlangung eines andern Tones, kam man darauf, mehrere Saiten von verschiedener Tonhöhe nebeneinander anzubringen; später legte man Holzleistchen (Tasten, Claves) darunter, an deren einem Ende kleine aufrechtstehende Messing- oder Eisenstifte, sogenannte Tangenten, in der Art befestigt waren, daß sie beim Niederdrücken der Taste an die Saiten schlugen und diese erklingen machten; dann erweiterte man nach und nach die Anzahl der Saiten und Tasten, zunächst nur bis auf zwanzig, umgab das Ganze mit einem Kasten, und das Clavier war erfunden! In dieser Gestalt existirte es wohl schon im zwölften oder dreizehnten Jahrhundert. Längere Zeit behielt es noch den Namen Monochord bei, wurde aber in der Folge Clavichord (Clavis, Schlüssel, chorda, Saite, Sehne) genannt. Natürlich war es noch ein in jeder Hinsicht äußerst unvollkommenes Tonwerkzeug. Die zwanzig Saiten waren, mit Ausnahme von zwei, welche das kleine und eingestrichne B angaben, sämmtlich in der diatonischen Tonreihe von C gestimmt; die dazwischen liegenden halben Töne konnten nur durch stärkeres Anschlagen der Tangenten an die Saiten hervorgebracht werden, wodurch aber neben dem Uebelstande, daß sie nie vollkommen rein erklangen, der Nachtheil eintrat, daß die Saiten häufig der angewendeten Kraft nicht widerstanden und zersprengt wurden, zudem wurde aber auch bei dem nöthig werdenden zu ungleichmäßigen Anschlage eine rasche [55] Aufeinanderfolge der ganzen und halben Töne fast unmöglich gemacht. Um dem abzuhelfen, unterlegte man jeder Saite noch eine zweite Taste, deren Tangente die Saite an einer andern Stelle anschlug und so deren klingenden Theil um so viel, als nöthig war, verkürzte. Auch ging man über den bisherigen Tonumfang immer mehr hinaus, so daß derselbe zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts bereits über drei Octaven (E bis zweigestrichen A) umfaßte. Schon Mitte desselben Jahrhunderts hatte das Clavichord so sehr auch an Kraft gewonnen, daß der herzoglich bairische Capellmeister Orlando di Lasso am Hofe zu München nicht allein seine meisten „Spiele“ auf demselben begleiten, sondern auch andere „sanft klingende“ Instrumente ihm beigesellen konnte. Eine große Verbesserung erhielt es ums Jahr 1725 durch den Organisten Daniel Faber zu Crailsheim im Anspachischen, der es „bundfrei“ machte, d. h. den halben Tönen eigne Saiten, resp. Claves gab. Er war auch der Erste, der zur Verstärkung des Tones jeder Saite noch eine zweite (unisono gestimmte) hinzufügte. Den größten Ruf in der Verfertigung des Claviers erlangte, zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts, der königlich polnische und kurfürstlich sächsische Hof- und Landorgelbauer Gottfried Silbermann zu Freiberg, dessen Instrumente europäische Berühmtheit erlangten.

Von französischen oder englischen Instrumenten verlautete bis zu jener Zeit noch nichts. In England aber standen außer den Silbermannschen in hohem Ansehen die Claviere (dort nicht Clavichords, sondern Harpsichords genannt) von Hans Rukers und dessen Sohn Andreas aus Antwerpen. Die Harpsichords des Letztern waren namentlich auch hochbegehrt wegen ihres überaus glänzenden, mit vergoldeten Ornamenten reich verzierten und mit herrlichen Gemälden der berühmtesten vlämischen Maler versehenen äußeren Kastens. Als später die Harpsichords von den Pianofortes verdrängt wurden und außer Gebrauch kamen, verloren dennoch diese Rukers’schen Instrumente keineswegs ihren Werth, da die auseinandergeschlagenen bemalten Holzwände als selbständige Kunstwerke in hohem Ansehen blieben und theuer bezahlt wurden. Die äußere Form des Clavichords glich der unserer heutigen Instrumente in Tafelform; der Kasten, auf Füßen ruhend, bestand meist aus Tannenbolz, hatte eine Länge von etwa sechs Fuß, eine Breite von nicht ganz zwei Fuß und eine Höhe von sieben bis acht Zoll. Sein Ton war nichts weniger als kräftig, aber ungemein zart und weich, fast melancholisch: Koch in seinem Alt. Lexikon nennt es „das Labsal des Dulders und des Frohsinns theilnehmenden Freund“. Namentlich zu Ende des achtzehnten Jahrhhunderts ward seine Verbreitung eine allgemeine. Daniel Schubart behauptet in seiner „Aesthetik der Tonkunst“: „Clavier jetzt spielt, schlägt, trommelt und dudelt Alles; der Edle, Unedle, der Stümper, Kraftmann; Frau, Mann, Bube, Mädchen; es gehört mit zur guten Erziehung“ etc.

Inmittelst hatte sich neben dem Clavichord ein Clavierinstrument in Flügelform ausgebildet, das dem erstern ein gefährlicher und später siegreicher Nebenbuhler werden sollte, nämlich das sogenannte Cembal, Clavicembal, Clavecin, in verkleinerter Form Spinett, mit aufrecht stehendem Flügel (Giraffenform) Clavicytherium genannt. Es war wegen der größern Länge seiner Saiten auch von entsprechend größerer Tonstärke und überflügelte das Clavier namentlich auch als Directons- und Concertinstrument. Von dem uralten Cymbal oder Hackebret abstammend, entstand es wohl schon zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts, Wenigstens erfuhr es bereits im Jahre 1548 von dem Kapellmeister an St. Marcus zu Venedig, Giuseppe Zarlino, eine wesentliche Verbesserung hinsichtlich der Temperatur. Der Ton wurde nicht, wie beim Clavier, durch Anschlagen der Tangenten an die Saiten hervorgebracht, sondern durch Reißen der Saiten vermiitelst spitziger Züngelchen (ebenfalls Tangenten genannt), die in der ersten Zeit aus Kielen von Rabenfedern, später aus Messing und zuletzt aus getrockneter Ochsenhaut oder Leder gemacht wurden. Als Hauptverbesserer und -Veränderer dieses Kielflügels thaten sich außer obigem Guiseppe Zarlino noch in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts hervor: Piechbeck zu London durch Anbringung von Trommeln und Pauken und eines Flötenregisters, was ungemeines Aufsehen hervorrief; Wiclef in Anspach durch Anwendung von Messingenfedern statt der sich sehr bald abnutzenden und einer steten mühseligen Reparatur bedürftigen Rabenkiele; die Gebrüder Wagner in Schmiedefeld durch Hinzufügung eines Pianozuges; in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts: Paseal Taskin in Paris, durch Verfertigung der Tangenten aus getrockneter Ochsenhaut (Clavecin à peau de buffle), wodurch ein weicherer Ton erzielt wurde; Friederici in Gera, durch Erfindung einer Bebung des Tones; Milchmaier zu Mainz, durch Anbringung von drei Claviaturen mit zweihundert und fünfzig Veränderungen, unter welchen ein Crescendo und Decrescendozug; Mercia zu London, durch Nachahmung des Pauken- und Trompetentons; Hopkinson zu London und Oesterlein zu Berlin, durch Bekielung mit Leder.

Trotzz aller dieser Verbesserungen (die jedoch zum Theil weiter nichts, als der Natur des Instrumentes widerstreitende Spielereien waren) und trotz der in vieler Hinsicht vortrefflichen Eigenschaften, die ihm eine Ueberlegenheit über das Clavichord einräumten, genügte doch auch der Flügel nicht den sich immer mehr steigernden Ansprüchen. Sein Ton, zwar durchdringend und rauschend, ja sogar brillant zu nennen, war dennoch ohne wirkliche Schönheit und auch ohne wahre Fülle und Kraft, schon wegen des dünnen Saitenbezuges, der nothwendig war, damit die Saiten von so schwächlichen Mitteln, wie die Kiele und Tangenten, in genügende Vibration versetzt werden konnten. Vor Allem war es eine gewisse nicht zu überwindende Monotonie, die beiden Instrumentenarten anklebte und die ihren Grund darin hatte, daß zwar wohl die zarteren Tonmodificationen auf vorzügliche Weise zur Geltung gebracht werden konnten, schärfere Unterschiede aber, z. B. ein eigentlicher Contrast zwischen forte und piano, nicht möglich waren.

Nach langen Versuchen zur Abstellung dieser Uebelstände kam endlich der Organist Christoph Gottlieb Schröter zu Nordhausen (geb. den 10. August 1699 zu Hohenstein, gest. im Novbr. 1782 zu Nordhausen) zu der Erkenntniß, daß mit dem bisher gebräuchlichen Mechanismus eine Besserung nicht zu erzielen sei, daß vielmehr ein ganz neues Princip zur Erzeugung des Tones zur Anwendung kommen müsse. An Stelle der Tangenten setzte er nun Hämmerchen, die mit getrockneter Thierbaut überzogen und so construirt waren, daß sie nach Willkür stark oder schwach gegen die Saiten geschnellt werden konnten, so daß man also auch die Stärke und Schwäche des Tones vollständig in der Gewalt hatte. Er nannte das Instrument deshalb auch Fortepiano oder Pianoforte.[2] Der Ton war unvergleichlich voller und stärker, da nicht allein die Hammerköpfe den Saiten eine breite Anschlagsfläche boten, sondern die Saiten selbst nun auch stärker genommen werden konnten. Auf diese glückliche Idee war er gebracht worden durch das von dem kurfürstlich polnischen Kammermusikns Pantaleon Hebenstreit zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts erfundene Pantaleon, ein in der vergrößerten Form des Cymbals gebautes Instrument, dessen Saiten durch Klöppel mit den Händen angeschlagen wurden und das durch die Kraft und Modificationsfähigkeit des Tones, nicht weniger freilich auch durch die erstaunliche Virtuosität des Erfinders in Deutschland, Frankreich und Italien große Bewunderung erregte.[3] Schröter verpflanzte nun dieses bei dem Pantaleon angewandte Anschlagsprincip auf das Clavier und ist somit als der eigentliche Schöpfer des heute in so hoher Vollkommenheit glänzenden Instrumentes zu betrachten.

Im Jahre 1721 legte er zwei verschiedene Modelle seines bereits 1717 erfundenen Instrumentes dem Dresdner Hofe zur Ansicht vor. Von diesem aber ohne Aufmunterung und Unterstützung gelassen, sah er sich, bei der Unzulänglichkeit seiner eigenen Vermögensverhältnisse, außer stande, den Bau des neuen Instrumenres selbst auszuführen, und mußte dies dem genannten Silbermann überlassen, der auch bereits im Jahre 1726 das erste Fortepiano, unter Vervollkommnung des Schröter’schen Mechanismus, anfertigte. Die Silbermann’schen Pianofortes waren, wie früher seine Claviere, weit und breit berühmt, namentlich nachdem er sie, in Folge eines Tadels des alten Joh. Seb. Bach, „daß sie doch gar zu schwer zu spielen seien“ – ein charakteristischer Tadel bei der Riesenkraft eines Sebastian Bach! – durch unablässiges Nachdenken und nach jahrelangen opferreichen Versuchen (er gab z. B. [56] während dieser Zeit kein Instrument der allen Bauart mehr aus) „von der Seite des Tractements“ so bedeutend verbessert hatte, daß selbst Bach sie gutheißen und seinen Tadel zurücknehmen mußte. Einen großen Bewunderer fanden sie u. A. an Friedrich dem Großen, der so viele Silbermanns, als man habhaft werden könne, anzukaufen befahl und der denn auch bald des stolzen Glückes sich erfreute, nicht weniger als fünfzehn dieser seltenen Instrumente in seinem Palais zu Potsdam versammelt zu sehen. Diese fünfzehn Instrumente waren es auch, die der alte Joh. Seb. Bach bei seinem Besuche bei dem Könige (1747) allesammt, eines nach dem andern, vor diesem Revue passiren lassen mußte, bei welcher Gelegenheit er das Entzücken des Königs, u. A. auch durch Improvisation einer vierstimmigen Fuge über ein von demselben ihm aufgegebenes Thema, erregte.

Bei den entschiedenen Vortheilen, die das Fortepiano auszeichneten, konnte es nicht fehlen, daß der Erfindungsgeist und die Vervollkommnungsversuche sich von seinen Vorgängern ab- und ihm sich zuwendeten. Von größter Wichtigkeit war die von Lenker in Rudolstadt erfundene Dämpfung, die dem störenden Forthallen und Durcheinanderrauschen der Saiten ein Ende machte. Roller in Paris brachte eine Transpositionsvorrichtung an; Aehnliches war aber schon im sechszehnten Jahrhundert an den Clavichords bekannt. Späth in Regensburg änderte viele Claviere in Pianofortes um und trug dadurch viel zu ihrer Verbreitung bei. In England that ein Gleiches der Deutsche Becker, dort Bakers Amerikus genannt. Graf Brühl, sächsischer Gesandter in London, ließ 1774 ein Pianoforte mit blau angelaufenen Stahlsaiten bauen, welche dem Rost besser widerstanden. Dennoch gelang es erst einem Schüler Silbermann’s, dem Orgelbauer Joh. Andreas Stein, durch Erfindung seines berühmten, Ton und Spielart außerordentlich verbessernden Mechanismus (unter dem Namen „deutsche“ oder „Wiener“ Mechanik bekannt und noch heute angewendet) das alte Clavichord und den Kielflügel, welch letzterer besonders sich in der Gunst des Publicums festgesetzt hatte, vollständig zu verdrängen. Er errichtete zu Wien eine eigne und, wie oben schon gesagt, die erste wirkliche Pianofortefabrik. Seine Instrumente übertrafen Alles, was man bisher kennen gelernt hatte, und fast alle deutschen Fabrikanten ahmten bis zu einer gewissen Epoche ihm fast sclavisch nach. Die von ihm begründete „Wiener Schule“ gelangte durch die glücklichen Vervollkommnungen seiner Nachfolger, seines Sohnes Andreas Stein, noch mehr aber seines Schwiegersohnes Andreas Streicher, dessen Instrumente unter der Firma „Nanette Streicher, geb. Stein“ wohl noch in vortrefflichem Andenken stehen, zur höchsten Blüthe und galt bis tief in dieses Jahrhundert hinein als Muster in der Pianofortebaukunst. Streicher durfte nicht mit Unrecht von sich behaupten, „daß die Grenze der Versendung seiner Instrumente da beginne, wo die Civilisation aufhöre.“

Der „Wiener“ oder „deutschen“ Mechanik gegenüber steht die sogenannte „englische“. Auch sie ist ursprünglich eine deutsche Erfindung, nämlich die von Joh. Zumpe um’s Jahr 1766 oder 1767 nach England und von den beiden Gebrüdern Ehrhardt, zwei andern Deutschen aus Straßburg, gegen 1780 nach Frankreich eingeführte und dort zu weiterer Vervollkommnung gelangte Silbermann’sche Mechanik. Wir müssen uns selbstverständlich in diesen Zeilen ein genaues Eingehen und specielle Beschreibung dieser beiden Mechaniken, ihrer Unterschiede und allmählichen Verbesserungen versagen, es wäre dies Sache einer Fachzeitung. Wir können nur constatiren, daß es in England vor Allen der Schotte John Broadwood, in Frankreich aber der weltberühmte Sebastian Ehrhardt (französirt Erard) waren, welche durch eigenen Erfindungsgeist sowohl, wie auch durch weise Benutzung der von ihren Zeitgenossen erzielten Fortschritte die englische Mechanik (und die für das Clavier daraus entspringenden Conseqnenzen in Betreff der übrigen Bauart) nach und nach zu solcher ausgezeichneten Ausbildung und Vollendung brachten, daß sie unbestritten und verdientermaßen den entschiedenen Sieg über den Wiener Mechanismus davongetragen hat. Thatsache ist, daß schon seit mehr als zwanzig Jahren fast sämmtliche deutsche Fabrikanten sich ebenfalls der englischen Mechanik zugewendet haben; mit welch schließlichem Erfolge, werden wir im zweiten Abschnitte unserer Darstellung sehen.


(Schluss folgt.)




Friedrich Hecker in Amerika.
Von Gustav Struve.
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Die meinem Herzen am nächsten standen, sind alle nicht mehr, oder sind zerstreut in die vier Winde. Die glücklichsten derselben fielen im Gewimmel der Schlacht, so Gustav Adolph Schlössel aus Preußen und Michel aus Baiern. Andere durchbohrte die begnadigende Kugel: Robert Blum in der Brigittenau zu Wien, Friedrich Raß auf dem Kirchhofe zu München, Tiedemann in den Festungsgräben von Rastatt, Valentin Strauber auf dem Kirchhofe zu Mannheim. Viele starben in der düsteren Verbannung: meine Amalie in Amerika, Kinkel’s Johanna und Johannes Ronge’s Gattin in England, der Freiheitsdichter Carl Heinrich Schnauffer zu Baltimore, Rau von Gaildorf zu New-York. Von den Ueberlebenden düngten Manche den fremden Boden mit ihrem Blute im jenseitigen Freiheitskampfe. Der General Willich aus Preußen wurde durch die Brust geschossen, der General Max Weber aus dem Badischen verlor einen Arm in der Schlacht von Antietam. Doch nicht Wenige behielten ihre volle geistige Frische und körperliche Rüstigkeit durch alle Stürme der Vergangenheit. Wer könnte sie Alle nennen – die wackern Streiter, welche im Kampfe für die Menschheit Leben und Gesundheit, Hab und Gut einsetzten!

Von ihnen haben sich nicht viele so kräftig erhalten, wie Friedrich Hecker, der hochgefeierte Volkserwecker.

Als er im Jahre 1838 Obergerichts-Advocat zu Mannheim wurde, kamen wir, da ich dieselbe Stellung hatte, oft in geschäftliche Berührung, zogen uns aber anfangs gegenseitig sehr wenig an. Es fanden sogar zwischen uns einige unsanfte Berührungen statt. Unsere äußere Schale war sehr verschieden, wenn auch der tiefere Kern unsers Wesens manche Aehnlichkeiten barg. Friedrich Hecker war in dem fröhlichen Weinjahre 1811 geboren. Als er zum Bewußtsein seiner selbst gelangte, fand er das Joch Napoleonischer Gewaltherrschaft schon abgeschüttelt. Meine Geburt fiel in das Kriegsjahr 1805 und die ersten Erinnerungen meiner Kindheit schlossen sich an den Riesenkampf zwischen Deutschlands Freiheit und französischem Despotismus.

Hecker war munter, frisch und lebensfroh, übersprudelnd von Witz und heiterer Laune, aber auch nicht selten von einem Uebermuthe, der mich verletzte. Er war auf dem Lande, zu Eichtersheim im Badischen, geboren, hatte die ersten Jahre seines Lebens daselbst in wilder Ungebundenheit zugebracht, war noch nicht lange von der Universität zurückgekehrt und hatte noch immer einen gewissen burschikosen Ton an sich, der meiner ernsteren Lebensanschauung und gemesseneren Art zu sein nicht zusagte. Zudem war ich älter als Hecker, hatte schon eine zweifache Laufbahn, die diplomatische und die richterliche, hinter mir und empfand daher die kecke, oft herausfordernde Sprache Hecker’s unangenehm. Meine vegetabilische Lebensweise, meine Enthaltung vom Genusse geistiger Getränke, selbst der Umgang, den ich pflog und die phrenologischen Studien, die ich mit Vorliebe hegte, gaben dem sarkastischen Hecker nicht selten Stoff zu Angriffen gegen mich, die ich nicht immer mit Freundlichkeit, vielmehr theils mit kaltem Schweigen, theils mit scharfer Widerrede aufnahm.

Erst nachdem Hecker (1842) in die Kammer gewählt worden war und sich gleich anfangs daselbst sehr ausgezeichnet hatte, näherten wir uns mehr und mehr. Die Vorurtheile, welche wir gegeneinander gehegt hatten, schwanden und wir sahen ein, daß wir, trotz mannigfaltiger Charakterverschiedenheiten, nach demselben Ziele der Freiheit und der Einheit Deutschlands strebten. Von dieser Zeit an gingen wir immer Hand in Hand. Den Antheil, welchen Hecker an den Freiheitsbestrebungen Deutschlands nahm, setze ich hier als bekannt voraus und wende mich sofort zu seinem Wirken in Amerika.

[57] Friedrich Hecker wurde durch den unglücklichen Ausgang der ersten Schilderhebung in Baden und noch mehr durch die schändlichen Verleumdungen, welche die Reaction über ihn ergoß, auf’s Tiefste erschüttert. Er verlor den Glauben an die Sache der Freiheit, und der Gedanke der Auswanderung nach Amerika, welcher ihm schon früher nicht fremd gewesen war, setzte sich in seiner Seele immer fester. Vergebens bekämpften viele Gesinnungsgenossen denselben. Auch mir gelang es nicht, den Freund und Kampfgefährten in Deutschland zurückzuhalten. Er fuhr über den Ocean, doch nur um nach Europa zurückzukehren, nachdem im Mai das badische Volk sich neuerdings erhoben hatte, leider kam er zu spät, um an dem Freiheitskampfe Theil nehmen zu können. Seine Rückkehr bewies aber deutlich, daß die Sache der Freiheit jederzeit auf ihn rechnen könne.

Das Nämliche hat auch Hecker's sechzehnjähriges Leben in den Vereinigten Staaten Amerikas bekundet. Jenseits, wie diesseits des Oceans war er immer einer der Ersten in den unblutigen und in den blutigen Kämpfen der Freiheit. In Amerika, wie früher in Europa, obgleich durch weite Strecken getrennt, standen wir immer auf derselben Seite. Ohne uns verabredet zu haben, wirkten wir im Jahre 1856 für die Wahl Fremont’s und gegen diejenige Buchanan’s, 1860 für die Wahl Lincoln’s. Zu derselben Zeit zog Hecker im Westen und ich im Osten aus, um mit dem Schwerte in der Hand für die Aufrechthaltung der Union und gegen die Herrschaft der Sclaverei zu kämpfen. Gleich nach seiner Ankunft in Amerika wandte sich Hecker dem Westen zu. Er ließ sich nieder soweit als möglich von den Gestaden des atlantischen Meeres, ohne in das Gebiet der Sclaverei eintreten zu müssen. An der Grenze des Sclavenstaates Missouri, doch im freien Staate Illinois, in der Grafschaft Saint Clair, zu Lebanon, erwarb er einen ansehnlichen Grundbesitz, mit dessen Anbau er sich beschäftigte.

Die Arbeiten eines Landmannes konnten indeß Hecker’s Herz nicht ausfüllen. Wohl hatte seine treue Gattin ihn über das Meer begleitet und stand ihm hülfreich zur Seite; eine zahlreiche Kinderschaar belebte das Hauswesen des deutschen Freiheitskämpfers. An Arbeit fehlte es ihm nicht inmitten einer so landreichen, aber menschenarmen Gegend. Alles Dies aber genügte einem Hecker nicht. So oft es galt, verließ er Haus und Hof, Frau und Kinder und kämpfte für die Freiheit.

Nach achtjähriger Trennung trafen wir im Herbste 1856 wieder zusammen. In dem größten Saale der Stadt New-York, in der Musikakademie, hielten die Deutschen eine Versammlung zu Gunsten der Erwählung Fremont’s. Damals galt es, in friedlicher Weise am Stimmkasten den Uebergriffen der südlichen Sclavenhalter entgegenzutreten. Fremont wurde als Bannerträger der Freiheit hochgepriesen, nachdem er zuvor den Pfad über die Felsengebirge nach der Südsee gefunden und sich dadurch den Namen des Pfadfinders erworben hatte. Allein Fremont trug nicht den Sieg davon. Buchanan wurde gewählt. Unter seiner Verwaltung konnten die Südländer den Krieg ungestört vorbereiten, der nun schon im vierten Jahre die Union zerfleischt. Ob, falls Fremont auf den Präsidentenstuhl erhoben, der Kampf mit dem Süden vermieden worden wäre, ist ungewiß. Die Stellung, welche Fremont in neuester Zeit eingenommen hat, begründet mannigfaltige Zweifel über dessen Charakterfestigkeit. Dem sei wie ihm wolle, im Jahre 1856 schaarten sich um ihn alle freiheitlichen Elemente der Vereinigten Staaten Nordamerikas.

Die Versammlung der Deutschen in der Musikakademie zu New-York hatte einen glänzenden Erfolg. Sie trug viel dazu bei, die Deutschen nicht blos in New-York, sondern auch in allen übrigen Staaten der Union über den wirklichen Stand der politischen Streitfragen aufzuklären und festzustellen, daß mit sehr wenigen Ausnahmen alle diejenigen Deutschen, welche in Europa Absolutismus und Junkerthum bekämpft hatten, den Sclavenhaltern Amerikas in geschlossenen Reihen gegenüberstanden.

Während Hecker auf seiner Rundreise durch die Vereinigten Staaten begriffen war, empfing er die Nachricht, daß sein Wohnhaus, in welchem er seine Familie zurückgelassen hatte, ein Raub der Flammen geworden sei. Das hielt ihn aber nicht ab, seine Reise fortzusetzen. Von New-York begab er sich nach Philadelphia, woselbst er wiederum viel dazu beitrug, die Deutschen um das Banner der Freiheit zu schaaren und zum Kampfe gegen die Sclaverei und deren Förderer zu ermuthigen. So schwer der Schlag auch war, welcher alle Männer der Freiheit durch die Wahl Buchanan’s traf, so wurde diese doch unweigerlich anerkannt. Buchanan ergriff zur bestimmten Zeit das Steuerruder der Union, führte dasselbe aber nicht zum Besten der Freiheit, sondern im Interesse der Sclaverei. Der Norden, weit entfernt sich dadurch entmuthigen zu lassen, setzte den südlichen Sclavenhaltern und den mit diesen verbündeten Regierungsbeamten einen um desto kräftigeren Widerstand entgegen. An den Wahlen des Jahres 1860 nahm Friedrich Hecker wiederum zu Gunsten der Freiheit Theil. Dieses Mal trug Abraham Lincoln, der Candidat der Freiheitlichen, der sogenannten republikanischen Partei, den Sieg davon. Der Süden folgte nicht dem Beispiele, das ihm der Norden vier Jahre früher gegeben hatte. Weit entfernt, die verfassungsmäßige Wahl Abraham Lincoln’s anzuerkennen, griff er zu den Waffen. So entzündete sich jener furchtbare Bürgerkrieg, welcher, ungeachtet aller Fortschritte der nördlichen Waffen, doch zur Zeit (Anfangs 1865) noch nicht vollständig beendigt werden konnte.

Wie in Europa, so auch in Amerika, begnügte sich Hecker nicht damit, für die Freiheit zu sprechen. Im entscheidenden Augenblicke zog er im Westen des Oceans, wie zuvor im Osten desselben, das Schwert für die Sache der Freiheit. Gleich beim Beginn des Bürgerkrieges wurde er von einem Regimente des Staates Illinois, dessen Bürger er geworden war, zum Obersten erwählt. Er erlebte jedoch wenig Freude in demselben und sah sich veranlaßt, sein Commando niederzulegen. Kurz darauf wurde er aber von einem anderen Regimente desselben Staates, dem zweiundachtzigsten, zum Obersten erwählt und nahm die Stelle an. Es war am 26. November 1862, als ich ihn zu Fairfax in Virginien, unweit Washington, an der Spitze seines Regimentes wiedersah. Außer uns Beiden befand sich auch Franz Sigel in Fairfax. Wie sehr hatten sich unsere Verhältnisse seit den Tagen verändert, als wir im April im badischen Oberlande die Fahne der Freiheit entfaltet hatten! Franz Sigel war General-Major der Vereinigten Staaten geworden und befehligte ein ganzes Armeecorps. In Europa waren wir im Kampfe mit den bestehenden Gewalten gewesen, in Amerika standen wir auf der Seite der verfassungsmäßigen Behörden. Da und dort war und blieb aber die Freiheit das Ziel, nach welchem wir strebten. Ich hatte damals den Entschluß gefaßt, nach Europa zurückzukehren. Wir trennten uns mit den Worten, die ich dem Freunde Hecker zurief „Auf Wiedersehen im alten Vaterlande!“

Im Frühjahre 1863 nahm Friedrich Hecker Theil an der blutigen Schlacht von Chancellorsville, in welcher er schwer verwundet wurde. Aus dem Brief, den er mir, während er noch darniederlag, von seinem Krankenbette aus schrieb, theile ich folgende Stelle mit:

„Da das zweiundachtzigste Regiment erhöht stand, so konnte ich Alles übersehen. Meine Leute standen wie Felsen und feuerten unablässig, obwohl wir in einem furchtbaren Hagelsturm von Spitzkugeln, Granaten, Vollkugeln, Caseshots und Spitzgeschossen gezogener Kanonen standen. Ich ritt beständig unter den Leuten hin und her, und obgleich mein Rock wie ein Sieb durchlöchert ist, blieb ich unberührt. Nun wollte ich mit dem Bajonnete vorstürmen, um, wenn auch mit furchtbaren Opfern, den Feind aufzuhalten, nahm die Fahne auf’s Pferd und rief: ‚Hurrah, Charge Bajonnet!‘ Die Leute standen, ich rief ihnen zu, ihre Fahne und ihren alten Oberst nicht im Stiche zu lassen. Sie standen und feuerten, aber zum Bajonnet-Angriff waren sie nicht zu bewegen, und eigentlich hatten sie Recht. Was ich an Feinden schätzte, die auf uns anstürmten, so waren es über fünfundzwanzigtausend Mann. Soldaten sind diese Rebellen, sie kamen wie Bienenschwärme rücksichtslos für ihr Leben (in ihren Cantinen fand man Whiskey und Pulver). Ihre Artillerie handhabten sie prächtig. Kaum bemerkten sie den Widerstand, den mein und das einhundertsiebenundfünfzigste New-Yorker Regiment leisteten, so fuhren sie gegenüber zwei Batterieen auf und spieen einen höchst unanständigen Hagel von Projectilen auf uns.

Als ich nun die Fahne dem Fähndrich ausgehändigt und vom linken nach dem rechten Flügel die Leute ermunternd ritt, erhielt ich plötzlich einen Schuß durch den linken Oberschenkel dicht am Leibe, die hörnerne Dose, die ich in der Hosentasche trug, rettete mein Leben, so daß ich jetzt nur ein Loch, drei Finger hineinzulegen, quer durch den Schenkel habe. Der Schenkelhalsknochen ist gestreift, die große Schenkelader bloß gelegt. Hinken [58] werde ich wohl mein Leben lang, allein zu Pferde sieht man das nicht, und in wenig Wochen will ich den Rebellen meine Schmerzen blutig heimzahlen.

Als ich geschossen war, hatte ich natürlich keinen Halt mehr, und das kurz nachher sich bäumende Pferd warf mich ab. Ich reichte dem Major mein Schwert und bat ihn, das Commando zu übernehmen und mich meinem Schicksal zu überlassen. Fünf Minuten nachher war auch er vom Pferde geschossen, einhundertfünfzig Mann von meinem vierhundertfünfzig Streiter zählenden Regimente deckten die Wahlstatt, und nun wankte auch dies tapfere Regiment und zog sich in guter Ordnung zurück und nach ihm die Buschbeck’sche Brigade, die hinter ihm und von ihm gedeckt lag. Schurz und Schimmelpfennig thaten ihr Möglichstes, die Truppen zu ralliiren.[WS 1] Zehn Schritte hinter Schurz wurde Dessauer erschossen, sein Adjutant v. Scille neben ihm verwundet. Kein Corps der Welt von so geringer Zahl und solcher Aufstellung hätte den Feind aufhalten können. Der beste Beweis ist, daß Hooker seine Artillerie, vierzig Stück, auffahren und seine ganze disponible Macht entfalten mußte, um den von mehrstündigem Hetzen und Laufen doch erschöpften Feind zum Stehen zu bringen, und da mußte er schließlich doch noch drei Viertel Meilen auf Chancellorsville zurückfallen. Was er mit dieser Masse nicht vermochte, muthet man einem durch sein und Howard’s Verschulden überrumpelten schwachen Corps zu. Ich bin unparteiisch. Mir hat Niemand nachgesagt, noch nachsagen können, daß ich nicht Stand gehalten.

Nun zu meiner Rettung. Als ich schwer blutend am Boden lag und sah, daß das Regiment wankte, rief ich den Leuten zu, sich nichts um mich zu kümmern, und als später Lieutenant Bechstein und sechs Mann mich forttragen wollten und ich sah, daß dies nur den Rückzug beeinträchtige, befahl ich ihnen, mich meinem Schicksal zu überlassen. Da lag ich nun zwischen dem anstürmenden Feinde und der retirirenden Division. Der Gedanke, gefangen zu werden, war mir peinlich, und so schleppte ich mich auf Händen und Füßen zu den Feldverschanzungen der Buschbeck’schen Brigade. Schon hatte man auf mich angeschlagen, als die Burschen mich erkannten, ich wurde über die Brustwehr gezogen und lag droben, bis auch diese wichen; so kroch ich zwischen zwei Feuern weiter bis zum Waldrande, wo das letzte Regiment der Busckbeck’schen Brigade und zwar Oberstlieutenant Cantador mich gewahrte und mitleidig ausrief: ‚O, Oberst Hecker!‘ Seine Leute schleppten mich eine Strecke, bis ich sah, daß dadurch das Regiment in Unordnung käme, und ihnen befahl, mich meinem Geschicke zu überlassen. Das geschah und ich schleppte mich zehn bis zwölf Schritte weiter. Da stand ein Pferd gesattelt mit zerschossenem Zaum, blutend aus drei Wunden, am Wege, das Auge ausgeschossen, ein Streifschuß am Knie, eine Fleischwunde im Backen. Darauf hoben mich einige Nachzügler, und das arme Thier, auf dem ich nicht saß, sondern hing, trollte, so gut es konnte, vorwärts. Ein Adjutant des Generals Slocum, der mich in der Jammersituation fand, nahm mich mit sich und brachte mich in der Nacht in’s Feldlazareth, wo ich verbunden wurde. Kaum lag ich da, so kam unser Brigadewagon mit Ambulancen der dritten Division an, in welche ich gelegt wurde, um in der Ambulance die ganze furchtbare Sonntagsschlacht mit zu machen. Zuerst nach Falmouth, dann Acquia-Creek, dann Washington verbracht, befinde ich mich nun unter der treuen Pflege meines Schwagers und meiner Schwester.

Die Schlacht war furchtbar. Du kannst Dir von dem Geschoßhagel und dem Getöse der Feuerwaffen keinen Begriff machen. Auf zehn Schritte verstand Einer den Andern nicht. Bei Chancellorsville mähten Hooker’s Batterien die Rebellen zu Hunderten. Ich schätze den beiderseitigen Verlust an Verwundeten, Todten und Vermißten auf mehr als vierzigtausend Mann. Es war offenbar die blutigste Schlacht dieses Krieges. Ich freue mich, daß ich nicht verkrüppelt werde und wieder mit kann und für die Schmerzen von den Canaillen so viel wie möglich zur Hölle zu senden vermag.

Nun bist Du so ziemlich au fait. Da Du noch nicht fortgehst, so können wir, wenn ich Dich nicht persönlich sehen sollte, uns noch schreiben.

Lebe wohl, mein lieber alter Freund. Es grüßt Dich herzlich

               Dein

Hecker.“

Kaum war Friedrich Hecker von seiner Wunde nothdürftig geheilt, so kehrte er wiederum zu seinem Regimente zurück, nahm mit demselben Theil an der siegreichen Schlacht von Gettysburg und wurde dann nach dem Westen geschickt, woselbst er unter General Grant die Schlachten in der Nähe der blutgetränkten Gegenden von Chattanooga und Chicamauga mitschlug. Auch über diese Kämpfe schrieb mir Hecker einen höchst interessanten Brief, welchen ich hier wörtlich mittheile:

„Lookout-Valley, Tennessee, 21. December 1863.

               Mein lieber Freund!

Nach fünfundzwanzigtägigem Fechten und Marschiren sitze ich wieder in meinem Zelte auf einer Waldhöhe des Raccoon-Gebirges, mir gegenüber die alte Felsenburg der Cherokee’s, der weit hinaus in’s Land schauende Lookout-Berg, an dessen Fuß der Tennessee-Fluß mit vielfachen Krümmungen sich hinwindet und dem der Lookout und Chattanooga-Bach in rascher Strömung zumünden. In der Ferne Berg an Berg bis weit hinein nach Nordcarolina, und dort in der Ebene liegt Chattanooga mit seinen Zeltlagern und Forts. Sonderbare Gebirgsformationen, senkrechte Felswände erheben sich aller Orten, nahe am Gipfel, der in einem Hochplateau endet, mit fruchtbarer Erde bedeckt, von Quellen berieselt und mit Farmen bedeckt. Ich hätte nie geglaubt, daß Amerika so wundervolle Scenerien aufzuweisen habe, wie ich sie in Maryland, Virginien, Kentucky, Tennessee, Alabama und Georgia sah. Zwischen dem vierunddreißigsten und fünfundddreißigsten Breitengrade ist es aber recht winterlich, und ich habe mehr gefroren im sonnigen Süden, als in Illinois. Wenn man sich sagt, was aus diesem schönen Lande hätte werden können, falls die freie weiße Arbeit es befruchtet hätte, erkennt man erst den ganzen Fluch der Sclaverei, die nun, Gott Lob! in den letzten Zügen liegt. Ich weiß nicht, ob Du meinen Brief erhalten[4] worin ich Dir meldete, wie ich mit noch offener Wunde dorthin eilte, wo ich durch tägliches Aneifern meiner Leute und Verfolgung der Bewegungen der Armeen einen neuen Schlachttag eroberte, indem ich noch am letzten Schlachttag richtig bei Gettysburg eintraf, wo wir die Rebellen furchtbar schlugen, den Feind durch Südpennsylvanien und Maryland nach Virginien hinein verfolgten und am 25. September Marschordre hierher erhielten, in der hellen Mondnacht, 28. bis 29. Oktober, bei Wahatchie kämpften, die feindlichen Positionen auf den Hügeln mit dem Bajonnet erstürmten; wie meine Brigade von zwölf bis fünf Uhr von den Höhen des Lookout mit den weittragenden Parrots beschossen wurde und nach Anlegung einiger Feldbefestigungen kurze Rast in den Berglagern hatte, um die glorreiche Schlacht bei Chattanooga zu schlagen.

Meine Brigade besteht aus Dir theilweise bekannten Regimentern, dem fünfundsiebzigsten pennsylvanischen, dessen Oberst Mahler, früher Officier in Baden, bei Gettysburg fiel; dem achtundsechszigsten New-Yorker, seit der Entlassung Bourry’s von Steinhausen commandirt; meinem Regimente, dem zweiundachtzigsten Illinois, und dem achtzigsten Illinois. Es ist mir zugesagt, daß ich acht Regimenter zugetheilt erhalten soll. Die Schlacht bei Chattanooga war, was Plan und Manövriren anbelangt, ein Meisterstück Grant’s. Eine süperbe Aktion!“ Um nicht zu sehr in Einzelheiten der im Allgemeinen schon bekannten Schlacht einzugehen, überspringe ich hier eine Stelle in Hecker’s Brief, der dann fortfährt: „Hier fiel mancher unserer Braven. Darunter auch Fritz Keßler, Sohn meines alten Weinheimer Wahlmannes, und im Hospital zu Chicamauga fand ich in einem Zimmer Oberst Mongelin mit einem Arm, Capitain Kiefner mit einem Arm und einem Bein, Capitain Malter mit einem Bein und Friz Ledergerber mit zerschossenem Fuße, lauter liebe Freunde aus Belleville und Lebanon. Mit noch einer Brigade beordert, Longstreet’s Vereinigung mit Bragg unmöglich zu machen, wurde ich befehligt, nach der Cleveland-Dalton-Eisenbahn zu rücken und sie zu zerstören, was complet gelang, und die helle Lohe der brennenden, aufgehäuften Schwellen, Brücken und Gebäude leuchtete zum Rückmarsche und nun ging’s in Eilmärschen über Cleveland, Athen, Laudon gegen Knoxville, dem hartbedrängten Burnside zu Hülfe. Ein wahres Hasentreiben! Kaum hatten unsere Kanonen angefangen zu brummen, so riß auch der Feind aus. Wir ließen ihm nicht Zeit, die Brücke über den Hiwasee vollständig zu zerstören, warfen rasch Mannschaften in Kähne und in ein gebrechliches Flachboot und nahmen Eisenbahnwagen mit dem von uns lange entbehrten Mehle, während die Locomotive mit dem anderen Theile des Zuges entsauste.

Schnell hatten wir die theilweise zerstörte Brücke hergestellt;

  1. In der Benennung werden wir den Namen „Clavier“ als allgemeinen Classennamen beibehalten; wo von den verschiedenen Gattungen als Clavichord (auch kurzweg Clavier genannt), Clavicembal, Pianoforte etc. die Rede ist, werden deren Namen gebraucht werden.
  2. Wie so oft auf anderm Gebiete, so geschah es auch hier, daß dieselbe Erfindung fast gleichzeitig in andern Ländern auftauchte und der Ruhm derselben dem Deutshcen streitig gemacht wurde. So soll nach italienischen Quellen nicht Schröter, sondern der Italiener Bartolomeo Christosali, cembalista stipendiato del Serenissimo Principe di Toscana, nach Fetis’ Behauptung aber keine von ihnen, sondern vielmehr der Franzose Marius der Erfinder des Poanoforte sein.
  3. Den Namen Pantaleon erhielt es von dem entzückten Ludwig dem Vierzehnten, vor dem sich Hebenstreit im Jahre 1705 in Paris hören ließ.
  4. Nein! Leider ist mir dieser Brief nicht zugekommen.
  1. wieder sammeln oder vereinigen

[59] vorwärts in Eilmarsch, und so rasch war unser Anrücken, daß die Rebellen in Landon dreiundsechszig Eisenbahnwagen und zwei Locomotiven, erstere mit Munition, Waffen, Kleidern, Vorräthen aller Art beladen, in den Tennesseefluß jagten, und doch fiel Mehl, Reis, Zwieback, Waffen etc. in Massen in unsere Hände. Ich wurde beordert, über den Fluß zu setzen, wie ich könne, und nahm auf zwei schnell zurecht gemachten Flachbooten mein Regiment hinüber. Hierauf ging’s nach den Forts, nur zwei Reiter konnten wir von den Pferden schießen und vier im Stich gelassene Kanonen, eine prächtige gezogene, ein Sechspfünder und zwei Zwölfpfünder, nebst einer schönen Schlachtfahne fielen in unsere Hände. Dann ging es nach Knoxville über den kleinen Tennessee auf einer Brücke, welche vermittelst eines in's Wasser gestellten Wagens gebaut wurde. Neun Meilen von Knoxville erfuhren wir, daß der brave Burnside mit seiner auf schmale Rationen gesetzten Mannschaft den ihn belagernden Feind geschlagen, sechstausend Gefangene gemacht, den bei unserer Annäherung ausreißenden Rebellen gefolgt sei, sie nochmals geschlagen habe und daß der Rebellengeneral Longstreet verwundet worden sei. Knoxville war entsetzt, die hartgeprüften Unionsleute von Tennessee, gegen welche die Rebellen barbarisch, blutig und grausam gehaust hatten, frei, unsere Aufgabe gelöst.

Gegen Chattanooga war die Losung. Mittlerweile hatte der Feind die Brücke über den Hiwasee verbrannt und ich wurde beordert, mit meiner Brigade rasch vorzurücken und Charleston (Tennessee) zu besetzen. Ich stellte die theilweise verbrannte Brücke in zwei Tagen, die Nacht durch arbeitend, wieder her, auf schnell zurecht gemachten Booten, nachdem ich die Brigade vorher über den Fluß gesetzt hatte. Es ist wirklich erhebend, zu denken, wie meine durch den Feldzug abgerissenen, theilweise buchstäblich barfußen Leute, durch Frost, Schlamm, Bäche, über Felsgrund und Morast marschirend, nothdürftig mit während des Marsches zusammenfouragirtem Proviant versehen, durch Regen und Wind, ohne Zelt und Obdach, nur erquickt durch die Feuer der Bivouaks, heiter und guten Muthes, voll Kampfmuth und Eifer, ihre Waffen und Munition in Ehren haltend, alle die Strapazen ertrugen! Damit der Schluß das Werk kröne, marschirten wir die letzte Nacht bis ein Uhr im strömenden Regen, durchwateten zweiundzwanzig Gewässer und erwarteten bei den Gewehren den Tag, da der Regensturm so heftig war, daß es kaum möglich wurde, hier und dort im Schutze eines Baumes ein Feuer anzuzünden. Das war eine bittere Nacht, ehe wir den letzten Marsch antraten, um dem Fuße des Lookoutberges gegenüber unser jetziges Lager zu beziehen, wo wir auf Schuhe, Kleider, Zelte etc. warteten, um nach einer Winterrast die letzten Schlachten zu schlagen. Wäre ich nicht ein zähes Holz, ich wäre längst dahin, lag ich doch im heftigen Fieber, irre im Kopf, im strömenden Regen und bin nun frisch und munter und stark wie ein Dreißiger. Auch war Herr Reb(ell) diesmal so artig, mein Fell ungeschoren zu lassen und säuberlich daneben zu schießen.“

So weit Freund Hecker. Während des ganzen von ihm beschriebenen Feldzugs hatte er eine Brigade befehligt. Eine Division wurde ihm zugesagt. Diese Versprechung, welche dem tapfern Obersten gemacht worden war, wurde ihm aber nicht gehalten. Bei seinem regen Ehrgefühle empfand er dieses lebhaft und nahm seine Entlassung, welche ihm in den schmeichelhaftesten Ausdrücken unter Anerkennung der von ihm geleisteten trefflichen Dienste ertheilt wurde.

Seither lebte Friedrich Hecker wieder auf seinem Landgute zu Lebanon. Seine Liebe zu dem alten Vaterlande ist in Amerika nicht erkaltet. Deutschland kann auf ihn rechnen, wenn es seiner bedarf. Hecker hat jenseits des Oceans nichts von seinem Feuer und seiner Geistesfrische verloren. Auch äußerlich hat er sich nicht wesentlich verändert. Noch immer ist seine Gestalt hoch und schlank, seine Haltung gerade, sein Gang rasch und jugendlich. Sein Auge leuchtet, wie in den Tagen, da er es verstand, jede Gesellschaft zu beleben und auch die trockensten Menschen zu erheitern. Sein Haar ist reich, wie in früheren Jahren, obschon sich einiges Weiß in das Blond desselben gemischt hat. Seine Stimme klingt noch immer voll und kräftig. Sein Commando drang oft durch den Donner der Kanonen und das Geknatter der Flinten, und seine Worte der Ermunterung hauchten weithin neue Kraft in die Seelen seiner Kampfgenossen.

Wie lange wirst Du warten, Deutschland, einen Deiner besten Söhne aus dem fernen Amerika zurückzuberufen?




Ein Streifzug nordischer Wasserschützen.
Mitgetheilt von Otto Lübbert.[1]

Zu Anfang des Maimonats war es, als mir das hier eben nicht ganz alltägliche Ereigniß gemeldet wurde, ein Walfisch, und zwar einer von der Sorte, die man hier den Buchten-Walfisch (norwegisch: Vaagehval, schwedisch: Vikhval, Balaenoptera rostrata Fabr.) nennt, sei in der „Hatlevigen“ geheißenen etwa ein und ein halb norwegische Meile südlich von Bergen belegenen Bucht eingesperrt. Die Gelegenheit, Eingeweide und vollständiges Skelet, vielleicht auch einen Fötus zu ergattern, war lockend; ich zog meine großen Seestiefel an, ließ Mundvorrath für acht Tage und extra einige Flaschen Franzbranntwein und mehrere Pfunde Puderzucker einpacken, nahm Schleppnetz und Spiritusgefäße mit, setzte mich in ein von drei kräftigen Leuten gerudertes Fischerboot, und vorwärts ging’s, daß das Wasser am Bug schäumte. Die Ruderer priesen mir einmal über das andere, wie gut ich’s haben würde bei der Wittwe Martha Hatlevigen, die Anrecht hätte auf den größten Theil des Walfisches. In etwa drei Stunden war die Reise beendigt. Zwei kleine Inseln versperren den Eingang zu einer umfangreichen Bucht. „Siehst Du,“ sagten die Leute zu mir, „da wohnt Martha, nun sind wir gleich da. Da sind die Wachen aufgestellt; hörst Du nicht, wie der Ole mit dem Fischhaken auf den Bootsrand loshämmert, um den Walfisch zurückzuscheuchen, wenn dieser versuchen will, das Garn zu durchbrechen?“ Wir glitten dann über das dreidoppelte Garn, das die Bucht absperrte, hinweg. Der Eingang zu der Bucht, der hatte abgeschlossen werden müssen, war kaum zehn Faden breit, das Wasser aber zur Ebbezeit so flach, daß ein Walfisch eben mit genauer Noth über die Untiefe hinweggleiten konnte. Drinnen in der Bucht dagegen hatte er einen weiten Spielraum. Am Landungsplatze lag ein großes Boot mit mehreren älteren Männern, es waren Walfischschützen von Profession, aus Skogsraag, die man eingeladen hatte, damit sie dem eingeschlossenen Ungeheuer den Garaus machten. Einige von ihnen kannten mich.

„Willkommen!“ riefen sie, als ich zu ihnen in’s Boot sprang. „Was ist Dein Begehr?“

„Den Walfisch zu kaufen.“

„Ja, die Knochen kannst Du schon kriegen für Geld und gute Worte, aber vom Fleische und Speck bekommst Du Nichts ab; darauf verstehst Du Dich nicht.“

Nun, an eine Thranspeculation hatte ich eben nicht gedacht. Die guten Leute halfen mir meine Sachen zur Martha Hatlevigen hinaufschleppen, auf einem mäandrisch gewundenen Steig, der uns zu einem Grasplane führte, auf welchem das Häuschen der glücklichen [60] Walfischbesitzerin lag. Diese empfing mich, in der Thür stehend, mit ausgestreckter Hand und nöthigte uns durch die Küche in die Stube. Aermlich genug war diese und schien gerade groß genug für Martha und ihre beiden Kinder, einen Burschen von sechszehn und ein Mädchen von achtzehn Jahren, die Beide damit beschäftigt waren, Fischereigeräthschaften, welche über den Tisch und beide Bänke ausgebreitet lagen, auszubessern. „Nun weg mit der Arbeit, hier ist ein Fremder aus der Stadt!“ hieß es. Ohne weitere Umstände war ich denn installirt, und mittelst ausgetheilten Branntweins gewann ich rasch die Gunst meiner neuen Bekannten.

„Komm nun mit,“ sagte der breitschultrige Knud, der Aelteste und Erfahrenste unter den Walfischjägern, „jetzt wollen wir sehen, ob wir nicht einen oder ein paar Pfeile dem Walfisch in den Leib schießen können.“

Vier Mann ruderten uns dann in die Mitte des Bassins. Da lagen wir still; Knud nahm den Bogen, spannte ihn mittelst des gabelförmigen Spannholzes, legte den Pfeil auf, lehnte das Vorderende der Armbrust auf den Bootsrand und wartete, bis der Walfisch, ein für einen Angehörigen dieser Species recht ansehnliches Thier (die Species B. rostrata Fabr. ist die kleinste aller Balänopteren), an die Oberfläche kam, um Luft zu holen. Erst zeigte sich ein Strahl durch das heftige Ausathmen einporgeschleuderten Wassers, dann der schnabelförmige Kopf mit den weißlichen Barten, darauf der glänzendschwarze Rücken, ein bequemes Ziel für unsern Knud, dessen Pfeil tief eindrang in den Rumpf des Thieres, dicht hinter der Rückenfinne. Auch ich versuchte das Experiment mit demselben Erfolge. „Nun mag er ein paar Tage gehen mit den Dingern im Leibe,“ sagte Knud, und wir ruderten somit nach Hause. Unterwegs besah ich mir die hier beim Walfischfange gebräuchlichen merkwürdigen Geräthschaften.

Die Gartenlaube (1865) b 060.jpg

a. Walfischbogen. b. Pfeil.

Der Walfischbogen hat die Form einer mittelalterlichen Armbrust, von colossalen Dimensionen, ziemlich roh, aber solid gearbeitet, der Schaft aus Eschenholz, der Bügel aus dem Holze der Taxus baccata, armsdick; die starke Schnur ist von Hanf. Gespannt wird der Bogen mittelst eines etwas gekrümmten gabelförmigen Holzes, und es dürfte das Spannen, nach der Solidität der Vorrichtung zu urtheilen, eben keine leichte Arbeit sein. Die sechs bis acht Zoll lange Pfeilspitze hat die Dicke einer Gänsefeder und erweitert sich oben zu einem lanzettförmigen Blatte von höchstens drei Viertel Zoll Breite. Diese im Verhältnisse zum Bogen selbst sehr unbedeutend aussehende Spitze steckt mit ihrem unteren Ende lose in einem statt der Federn am Hinterende mit zwei Holzflügeln ausgestatteten hölzernen Schafte von leichtem Holze, in welches der Name des Eigenthümers des Geschosses eingebrannt ist. Aber so wenig gefährlich der Pfeil aussieht, so verderblich wird er dem Wale. Es ist nämlich die Spitze aus altem rostigen Schiffseisen geschmiedet, und solch Eisen hat, wie man hier bestimmt behauptet, die Eigenschaft, die durch dasselbe verursachten Wunden sehr bald brandig zu machen. Trifft nun der Pfeil, im Bogen abgeschossen, den Rücken des Wales, so löst sich die Spitze vom Schafte, und gleitet nach und nach immer tiefer zwischen die Muskelschichten des verwundeten Thieres hinein, während der abgefallene Holzschaft auf dem Wasser schwimmt und hinterdrein aufgelesen wird, und verursacht in einigen Tagen innere Blutung und Brand, in Folge dessen das geängstigte Ungeheuer in blindem Schmerze oft auf den Strand rennt oder doch so ermattet, daß es dem Harpuniere eine leichte Beute wird. Die Harpune besteht im Wesentlichen aus einer nach oben zu einer massiven Stange zusammengeschmiedeten Eisenröhre. Das solide obere Ende läuft in ein Oehr aus, in welchem beweglich die blattförmige zweispitzige Spitze balancirt. Beim Gebrauch richtet man diese längs des Eisenschaftes und versieht den unteren Theil derselben, den Widerhaken, mit einem leicht verschiebbaren Eisen- oder Hanfringe. Um das untere röhrenförmige Ende des Eisenschaftes wird ein mindestens hundert Faden langes starkes Tau geschlungen. In ber Röhre steckt ein acht bis neun Fuß langer Holzschaft. Wird nun die Harpune mit Kraft in den Rumpf des Wales gestoßen, so muß sich der oben beschriebene Ring nothwendiger Weise nach hinten schieben, das als Widerhaken beschriebene untere Ende des Blattes wird frei, und das Blatt selbst bohrt sich mehr oder weniger in rechtem Winkel zu dem Schafte in das Fleisch und macht es so dem Fisch zur Unmöglichkeit, sich von der Harpune zu befreien. Die Lanze, eine gerade gebogene Sense auf langem Schafte, gebraucht man, um dem Walfisch das Garaus zu machen.

Einstweilen ruhten noch die beiden zuletzt genannten Instrumente, denn Knud hatte ja für gut befunden, den Walfisch einige Zeit mit den beiden Pfeilen im Leibe „gehen“ zu lassen. Wieder angelangt in Martha’s Hütte, fand ich die Stube vollgepfropft von Menschen, Alt und Jung, bie Alle den „Stadtmann“ sehen wollten.

Auf meine Requisition brachte unsere Wirthin eine Milchschüssel mit kochendem Wasser herein, und dahinein that ich allen noch übrigen Branntwein und sämmtlichen Zucker. Zu Tassen und Näpfen wurde das Gebräu umhergereicht; die Erwachsenen tranken und die Kinder nippten, Jeder bekam seinen Antheil. Nun ging das Schwatzen los, welches bald in betäubenden Lärm ausartete. Endlich, es war schon ziemlich spät, bedeutete Martha die Gäste, der „Stadtmann“ wünsche sich zur Ruhe zu begeben. Alle, bis auf die Walfischschützen, begaben sich denn auch zu ihren Hausgöttern, und mir wurde das Bett der Wittwe als Nachtlager angewiesen. Ein ärmliches Lager, obwohl bei weitem das beste im Hause: zwei Haferstrohsäcke als Pfühl und Kopfkissen und eine Wolldecke, das war Alles. Vollständig angekleidet legte ich mich, müde wie ich war, zu Bette, aber ehe ich einschlief, musterte ich erst noch meine Umgebung. „Mutter selbst“ sollte bei der Tochter liegen; deren Bett war außerordentlich schmal, aber man verstand es, sich zu arrangiren. Die Walfischschützen schliefen theils sitzend auf den Bänken, theils auf dem Boden liegend, bereit, der Wache zu Hülfe zu eilen, sobald diese Lärm machen würde. Herzlich müde, streckte ich mich auf meinem Lager aus, allein ich fand den Schlaf nicht eher, als bis ich die Ursache entdeckt und entfernt, welche in meinem Rücken ein Gefühl veranlaßt hatte, ähnlich wie wenn ein paar tüchtige Pflastersteine oben in den Strohsack hineinprakticirt worden wären. Es waren eben nur ein Paar nasse Seestiefeln, die man, um sie zu trocknen, in’s Bett gesteckt hatte.

Am andern Morgen beschwichtigten die Walfischjäger meine Ungeduld mit der Versicherung, es sei für heute an kein Harpuniren zu denken, da der Walfisch mit seinen zwei Pfeilen im Leibe so ruhig „gehe“, als fehle ihm nicht das Geringste. Ich nahm [61] also mein Schleppnetz und drei Mann in’s Boot und fischte nach Mollusken und Krebsthieren. Spät Abends noch, nach dem Nachtessen, setzte ich mich in Gesellschaft der Jäger auf eine vorspringende Klippe und sah dem Sonnenuntergange zu; dann und wann schielte ich auch wohl nach dem interessanten Gefangenen in der Bucht. Auch die Jäger schienen ihre Aufmerksamkeit so ziemlich gleichmäßig zwischen diesem, ihren Pfeifen und dem Sonnenuntergange zu theilen. Siehe da, einmal über das andere hebt der Fisch seinen halben Leib lothrecht über das Wasser: er beabsichtigt offenbar, das dreifache Garn, das er nie mehr als zu zwei Dritteln zu durchbrechen wagt (das dritte äußerste Garn, obwohl von derselben Beschaffenbeit, wie das innere und das mittlere, scheucht ihn stets zurück, und die Klappwache hat nur die Bestimmung, ihn an dem Zerreißen dieses letzteren und eventuell an dem Ueberspringen des Ganzen zu verhindern), zu überspringen! Der alte Änführer thut noch einen kräftigen Zug aus seiner Pfeife, vertauscht dann diese mit einem tüchtigen „Prüntje“: „Jetzt ist’s Zeit, jetzt kann der Spaß losgehen. Da kommt mein Sohn mit seiner Mannschaft, der soll heut sein Probestück ablegen als Harpunirer.“

Wir eilten hinab zu den Booten. Während die Mannschaft des Alten sich in dessen großem Boote ordnete, ertheilte er dem Sohne die nöthigen Befehle, sich an der Nordseite der Bucht zu halten, stets mit der Harpune in Bereitschaft; vor Allem aber habe er sich klar zu halten von der Leine. Ich selber aber nahm, um in Ruhe und mit einem Blick das ganze Schauspiel übersehen zu können, Platz auf einer vorspringenden Felszunge. Vor der Bucht, den Eingang bewachend, lagen die Fischer aus der Umgegend in ihren Kähnen, um den Walfisch zurückzutreiben, wenn dieser sollte den Ausgang forciren wollen. Der Fisch kam jetzt sehr häufig an die Oberfläche, um zu athmen: die Pfeile hatten ihm bereits Wundfieber verursacht, Getrieben von zwölf kräftigen Armen schießt das Boot des Sohnes auf den eben wieder Auftauchenden zu, ein mit aller Kraft geführter Stoß – und der Harpunirer liegt kopfüber im Wasser, der Stoß war vorbeigegangen. Die Mannschaft ist geschäftig mit dem Auffischen ihres Principals. Der Alte auf der andern Seite der Bucht beachtet den Zwischenfall scheinbar durchaus nicht; wie ein Pfeil schießt der Fisch nach jener Seite hinüber, wie um zwischen dem Boote Knud’s und dem Ufer sich einen Ausweg zu suchen. Hier aber liegt ein Riff dicht unter der Oberfläche des Wassers, und fest sitzt der Fisch. Im Nu bohrt Knud ihm die Lanze tief zwischen die Rippen, ein gewaltiger Ruck und der halbe Leib des Fisches liegt auf dem Trocknen: ein tiefes, stöhnendes Ausathmen, und der Beherrscher der Tiefe ist nicht mehr. Weit umher färbt sich die See mit seinem Blute.

Nun strömt Alles herbei; eine Harpunleine wird um den mächtigen Schwanz geschlungen, und mit vereinten Kräften gelingt es bald, den Erlegten vom Grunde loszubugsiren. Bald kehrte sich der gefurchte, schön porzellanweiß glänzende Unterleib der scheidenden Sonne zu; ich sprang von meiner Klippe, an deren Fuße das ganze Drama in unmittelbarster Nähe sich abgespielt hatte, auf den schwimmenden Rumpf, setzte mich nieder und ließ mich sammt meinem ungewöhnlichen Vehikel tief in den Hintergrund der Bucht schleppen, wo der Strand flach war und wo die Zerlegung des Fisches vor sich gehen sollte. Das zuerst abgetrennte Stück Speck wurde sofort der alten Martha zugestellt, die es in Salz und Wasser zu kochen hatte. Dann ging’s ohne Aufenthalt an das Entspecken; sämmtliche Messer wurden eifrigst gehandhabt. Man macht einen Längenschnitt und dann parallele Querschnitte durch den Speck bis auf das Muskelfleisch; drei bis vier Zoll vom Längenschnitt schneidet man ein Loch, in welches die eine Hand greift und den Speck herabreißt, während die andere Hand mit dem Messer nachhilft. Ist eine Tafel von ungefähr zwölf Zoll Breite und vierundzwanzig Zoll Länge abgelöst, so wird sie auf eine schräge Klippe geworfen, damit das Blut ablausen könne. Das Fleisch wird in ähnlicher Weise in etwa fußdicken Klötzen abgetrennt, am Lande jedoch wird es in vier Zoll dicke Scheiben zerschnitten und zum Trocknen ausgebreitet.

„Halt, Kinder, da kommt Martha!“ Sie schleppt den mittlerweile fertig gewordenen ersten Bissen in einem Holztroge herbei. Alle stellen die Arbeit ein und langen zu. Die Walfischjäger holen ihre Proviantschachteln hervor. Fladbröd und Walfischspeck mit einem Finkelschnaps ist ein Göttermahl. „Du hast der Jagd mit beigewohnt, Du mußt auch den Braten kosten.“ Es half nicht, ich mußte dran, und er schmeckte besser, als ich’s geglaubt hatte. Nach geendeter Mahlzeit begann das Zerlegungsgeschäft von Neuem. Endlich kam mein Antheil an die Reihe, die Bauchhöhle wurde geöffnet und die Eingeweide mir zur Disposition gestellt. Der interessanteste Fund war mir ein zehn Zoll langer Fötus; er steht jetzt in Spiritus in Kopenhagen. Im Magen des Fisches fand ich eine ungeheure Menge Skelete von Brislingen (eine kleine Sorte Heringe)[2] und eine fast gleiche Quantität Ascariden. Die Gallengänge der Leber waren erfüllt mit einem großen flachen braungrauen Wurm, der Distoma Golilath. Auf der Außenseite des Thieres war nicht ein einziges Schmarotzerthier anzutreffen.

Endlich war die Zertheilung sowohl des Speckes und Fleisches, wie auch des von mir begehrten Skeletes vollbracht; wir waren Handels einig geworden und ich erwartete nun, die Mannschaften würden mir beistehen beim Einschiffen meiner Beute. „Ja, Du mußt warten, bis ich fertig bin,“ sagte der alte Knud. „ich muß erst austheilen, auf daß Jeder das Seinige erhalte.“ Theilhaber sind alle Die, welche den Wal entdecken und ihn in die Bucht jagen, sodann Die, denen die Ufer der Bucht gehören, und endlich die Schützen; bei dieser Gelegenheit waren es elf im Ganzen. Die Theilung des Fleisches und des Specks geht folgendermaßen vor sich. Ein Mann stellt sich hin, nimmt einen Tragkorb auf den Rücken und in diesen wirft man nun erst so viel Speck, wie er zu tragen vermag; dann geht er hier nach irgend einem flachen Platze, beugt sich vornüber und der Inhalt des Korbes stürzt über seinen Kopf hinweg auf den Rasen. Dies Experiment vollführt er auf elf verschiedenen Stellen, bis kein Speck mehr vorhanden ist. Dann macht er dieselbe Tour mit dem Fleische – und fast ausnahmslos sind sämmtliche Theilhaber mit dieser primitiven Weise der Vertheilung wohl zufrieden. Die Unterkiefer und eine von den Brustfinnen fällt den Schützen zu. Im frischen Zustande ist das Skelet weich und läßt sich leicht mit dem Messer zerschneiden, weshalb es schwierig ist, es unbeschädigt in seine Gewalt zu bekommen. In der Regel werden die Knochen kleingehackt und den Kühen als Futter gegeben. –

Die Theilung war zu Ende, ich nahm herzlichen Abschied von der über ihren vierfachen Antheil hocherfreuten Martha. In Bergen angekommen war das Erste, was ich zu thun hatte, ein Bad zu nehmen.

Bald darauf fing sich ein anderer Wal in derselben Bucht. Diesmal tödteten die Fischer ihn selbst ohne Beistand der Walfischjäger von Profession, indem sie ihn mit den Garnen immer näher auf den Leib rückten und das einfältige Riesengeschöps mittelst langer Stangen auf schlammigen Grund jagten. Der Wal bekam, wie man berechnet hatte, Schlamm in die Spritzlöcher und mußte elendiglich ersticken.




Eine religiöse Auction.

Die Sonne war dem Untergegange nahe, als wir, d. h. meine Frau, mein Freund und ich, von unserm Hotel Majolica aus eine Kahnfahrt auf dem Comer See machten. Auf den Höhen wie auf dem Wasser lagerte eine unbeschreibliche Ruhe, die ganze Natur, auf deren Augen nach des langen Tages Hitze schon während der letzten halben Stunde die Müdigkeit schwer gelastet hatte, war schlafen gegangen. Die Sonne sank tiefer, schon war es ziemlich finster geworden, als plötzlich unser Gefährte ausrief: „Eine Illumination!“ Ich sehe mich um, und richtig war das jenseitige Ufer weiter nach Süden zu von unzähligen kleinen Lampen erleuchtet, die wohl eine Viertelmeile lang unmittelbar am Wasser aufgestellt waren. „Das müssen wir sehen!“

Wenige Minuten angestrengten Ruderns brachten uns der Illumination gerade gegenüber. Wir hielten vor der Villa Carlotta. [62] Da sahen wir, daß außer der Reihe dichter am Ufer entlang etwas weiter zurückstehend ein großes Portal, wie etwa das einer Kirche, glänzend erleuchtet war mit hellen, farbigen Lampen, die sich alle im Wasser widerspiegelten. Die Wirkung war zauberisch schön und wurde noch erhöht durch den Contrast der Sycomoren- oder Platanenallee, die sich an unserem Ufer zu beiden Seiten der genannten Villa hinzieht und deren majestätische Bäume in der dunkeln Nacht wie rabenschwarze, gespenstische Gestalten drohend emporragten. Die Lichtchen am jenseitigen Ufer schienen bei jeder Bewegung des Bootes im Wasser zu tanzen und in graziösem Spiele die schwarzen Kobolde auf unserer Seite zu necken und lachend zu verspotten. Es wurde uns schwer, uns von dem reizenden Anblick loszureißen; aber es wurde kalt und die Klugheit mahnte zur Heimkehr, auf der wir uns in verschiedenen Muthmaßungen über die Bedentung und Veranlassung der Illumination ergingen. Darüber waren wir einig, daß sie Theil einer kirchlichen Feier sein müsse, doch konnten wir uns nicht recht erklären, warum sie sich muf auf den einen Ort beschränke und warum nicht auch Bellaggio, oder Tremezzo, oder Cadenabbia und andere am See gelegene Dörfer ebenso illuminirt seien.

Im Hotel angelangt, erfuhren wir bald, daß am folgenden Tage ein Marienfest stattfinden würde, das jedes Jahr in dem erleuchteten Oertchen mit großen Feierlichkeiten begangen, dieses Jahr aber mit besonderen Kundgebungen der Freude gefeiert werde, weil der Graf Melzi, dessen schöne Villa, wie sich Jeder, der am Comer See gewesen, erinnern wird, südlich von Bellaggio gelegen ist, gerade in der Mitte zwischen Bellaggio und dem Dörfchen San Giovanni, in dem das Fest stattfindet, die Kirche dieses Oertchens mit einem neuen Marienbilde schmücken werde. Die Illumination am Vorabend sei der Anfang des Festes. Unsere gefällige Wirthin erzählte uns, daß gewisse, ganz eigenthümliche Gebräuche dabei beobachtet würden, die zu gleicher Zeit unterhaltend und interessant seien. Natürlich beschlossen wir sofort, am folgenden Tage der Feierlichkeit beizuwohnen.

Schon am Morgen gewährte der sonst so ruhige See einen ungewöhnlichen Anblick, und das rege Leben auf seinem Spiegel verkündete, daß etwas ganz Besonderes an seinen Ufern vorgehen würde. Die Dampfboote brachten vom Norden wie vom Süden Hunderte von Personen zu den benachbarten Stationen, und zahlreiche Barken fuhren in allen Richtungen hin, Gäste bringend und holend. Gegen zwei Uhr des Nachmittags stiegen wir in die Gondel des alten getreuen Andrea, dessen schüchterne Frage: „’na barca ’sta mattina, Signore?“ (Keine Barke diesen Morgen, mein Herr?) gewissenhaft jeden Morgen wiederholt, gewiß kein Besucher der Majolica vergessen hat. Das Boot war festlich bekränzt und das Tuch, welches zur Abhaltung der Sonnenstrahlen darübergespannt war, glänzend weiß. Von allen Seiten kamen die Nachen der Dorfbewohner im schönsten Schmuck, meist mit einer großen, roth, grün und weißen Fahne, die blendend weißen Barken der Edelleute mit ihren goldenen Verzierungen und bunten Fahnen mit dem Familienwappen, alle fuhren sie, große und kleine, reiche und arme, schnelle und langsame, nach dem festlichen Dörfchen hin, eine ansehnliche Flotte bunter Schiffchen. Das Wetter begünstigte die Feier. Die Sonne schien glänzend hell und der Tag war nicht zu heiß.

Der kleine Hafen, in dem man landete, ist unmittelbar an dem Platze vor der Kirche, dessen Portal wir den Abend vorher so schön erleuchtet gesehen hatten; zwei herrliche Kastanienbäume von großem Umfange, die dicht am Ufer standen, begrenzten ihn nach Nord und Süd; unter ihrem Schatten lagerten sich die Wenigen, die dem Schauspiel nur von ferne zusehen wollten. Alles drängte sich nach der Kirche, um die neue „goldene“ Madonna zu sehen. Die Menschenmasse war aber so groß und so dicht, daß wir es wenigstens vor der Hand aufgaben, dieses Meisterwerk in Augenschein zu nehmen. Zur Seite der Kirche steht ein anderes Gebäude, das wie eine kleine Kapelle oder wie ein Schulhaus aussieht. Vor diesem schien es lustig herzugehen. Eine Musikbande spielte heitre Melodieen, und eine große Anzahl Menschen stand um die Thüre herum versammelt. Dahin lenkten wir unsere Schritte. Ueber der Menge ragte ein Mann hervor, der eben einen großen Kuchen in die Höhe hielt und laut ausrief: „Dreißig! Vierzig! Fünfzig!“ u. s. f., gerade wie in einer Versteigerung. Als wir näher kamen, hörten wir auch Leute aus der Menge bieten und endlich, wie der Kuchen zu dem enormen Preise von einem Franken und fünfzig Centimen zugeschlagen und von dem glücklichen Ersteher in Empfang genommen wurde. Also eine wirkliche Auction! Der nächste Gegenstand, der von dem Manne, welcher, wie wir jetzt sehen konnten, auf einem Tische stand und einen langen Mantel, einem alten Schlafrock nicht unähnlich, an hatte, zum Verkauf ausgeboten wurde, war ein lebendiges Huhn, das er an den Beinen in die Höhe hielt und dessen fruchtlose, laute Demonstrationen gegen diese unziemliche Behandlung allgemeine Heiterkeit erregten; und auch dieses Huhn ward unverhältnißmäßig theuer bezahlt. Wir konnten uns diesen Theil des Festes gar nicht erklären. Wir hatten nur bemerkt, daß das Huhn aus dem Schulhaus herausgebracht wurde.

Um Aufschluß über die Bedeutung dieser Versteigerung zu erlangen, in der eine nicht wohlhabende Bevölkerung vergleichsweise hohe Summen für Artikel bezahlte, die sie doch selbst producirte, suchten wir in das Haus zu gelangen, in welchem die Scene vorging. Die Leute waren sehr gefällig und wichen sofort auseinander, um uns Platz zu machen; der Eintritt in dieses Heiligthum, der den Landleuten untersagt zu sein schien, ward uns als Fremden ohne Weiteres gestattet. In diesem Schul- oder Betsaale waren auf den an den Wänden ringsherum angebrachten Tischen allerhand Gegenstände aufgestellt, welche, einen nach dem andern, ein Kirchendiener, gleichfalls in verblichenem Kattunmantel, zur Versteigerung hinaustrug. Große Kuchen und Torten, Teller mit colossalen Pfirsichen, Körbchen mit prächtigen Trauben, Feigen und anderen Früchten, Flaschen Wein und Most, Lorbeerzweige mit kleinen todten Krammets- und andern Vögeln behangen, deren buntes Gefieder gar wunderbar gegen die grünen Blätter und rothen oder blauen Bänder, mit denen sie angebunden waren, abstachen, todte und lebendige Hühner, Gänse und Enten und allerlei andere Gegenstände der Art, aber Alles Naturproducte, zubereitet oder unzubereitet, Alles war nebeneinander aufgestellt, offenbar ohne bestimmte Ordnung, und wurde Stück um Stück von dem beschlafrockten Pedell zur Versteigerung hinausgetragen. An einem kleinen Tischchen in der Mitte des Saales saß ein Mann und notirte die Gegenstände sowie die Preise, die dafür gezahlt wurden. Ein junger Geistlicher, der sich auch die Sachen besah, erzählte mir auf mein Befragen, was es für eine Bewandtniß mit dieser Auction habe, Folgendes:

Nach einer allen Sitte bringen die Bewohner des Kirchsprengels alljährlich an einem bestimmten Marientage den Geistlichen der Kirche Früchte und andere Naturproducte zum Geschenk. Die Geistlichen können natürlich die Sachen nicht alle selbst verzehren und lassen sie daher, das Ding vom praktischen Gesichtspunkte auffassend, am Nachmittage des Festes versteigern. Diese Versteigerung ist der Mittelpunkt des Festes, und um ihr beizuwohnen, versammeln sich an dem Tage fast die Umwohner des ganzen Sees in dem Dörfchen. Die jungen Burschen sind die hauptsächlichsten Bieter und machen ihren Geliebten mit der erstandenen Waare, die sie ihnen im Triumph bringen, ein Geschenk. Je höher der Preis ist, den der Freier für die Liebesgabe zahlt, für desto größer wird seine Zuneigung gehalten. Auf diese Weise setzen die Geistlichen ihre Geschenke in klingende Münze um, und die Sitte, die sie auf alle Fälle keine Veranlassung haben zu unterdrücken, hat zur Erhöhung der Preise die mächtigste aller menschlichen Leidenschaften, die Liebe, in Bewegung gesetzt.

Der junge Geistliche führte uns sodann durch ein Hinterpförtchen in die Kirche, um uns das neue Madonnenbild zu zeigen, eine große, mit Flitter und Seide behangene Puppe: wir aber zogen es vor, sobald als möglich wieder zum Feste zurückzukehren. Hinter der Menschenmasse, die den Versteigerer umgab, war, was wir vorher gar nicht bemerkt hatten, ein großer Platz reservirt, auf welchem der Adel und die sonstigen reichen Besitzer der Umgegend mit ihren Familien und Gästen saßen. Unser Gondolier brachte uns Stühle, und ermüdet, wie wir vom langen Herumstehen und Gehen waren, nahmen wir Platz, um dem Volksfeste noch etwas zuzusehen und die Menschen zu betrachten. Und wirklich ein Volksfest war es, zu dem die Leute von nah und fern in ihrem besten Schmuck gekommen waren. Das Landvolk in dieser Gegend hat keine absonderliche Tracht; die Männer, meist sehr schöne, kräftige Gestalten, sind ungefähr so gekleidet, wie wohlhabende Bauern bei uns, und das Einzige, was die Frauen wesentlich von unseren Bäuerinnen unterscheidet, ist der große Kamm in Form einer Strahlensonne, den sie hinten in’s Haar stecken. Je nach [63] dem Reichthum der Besitzerin ist er von Horn, von Silber, ja von Gold, oder wenigstens vergoldet. Einige junge besser gekleidete Mädchen, wahrscheinlich Gäste von Como oder andern Städtchen des Sees, hatten einen schwarzen Schleier über ihrem Kopf hängen, der in Mailand und weiter südlich einen gewöhnlichen Ersatz des Frauenhutes bildet. Man kann die Frauen am Comer See im Allgemeinen nicht hübsch nennen, die Backenknochen stehen zu sehr hervor, nichts destoweniger geben ihre dunkeln Augen dem Gesicht einen großen Reiz, und man kann es wohl verstehen, daß ein junger Bursch mit Freuden einen ganzen Wochenlohn für ein Geschenk hingiebt, das ihm einen dankenden Liebesblick von den dunkeln Augen seiner Angebeteten einbringt.

Ungezwungen gaben sich Alle dem Vergüngen des Tages hin. Und wirklich, wenn man die zufriedene Heiterkeit dieser Menschen sieht, wie sie bereit sind, auf jeden Scherz einzugehen, wie geneigt, aus den geringfügigsten Veranlassungen Freude zu schöpfen: wenn man ihr herzliches, aber weder unmäßiges, noch tolles Lachen hört, wie z. B. die Gans, als sie versteigert wurde, gegen die gewaltsame Herrschaftsveränderung durch energisches Schnattern protestirte; wenn man die Ordnung sieht, die dabei herrscht, die Abwesenheit aller Rohheit, alles Trinkens, ohne dessen Excesse bei uns im Norden kein Volksfest gedacht werden kann – dann wird man unwillkürlich von dem Geiste dieser harmlosen Heiterkeit angesteckt und vergißt sogar, über die schlaue Erfindungskraft der Geistlichkeit zu speculiren, die gewiß einen großen Gewinn von diesem Feste zieht, einen Gewinn, zu dem Jeder der Beisteuernden mit Freude und Stolz beiträgt.

Sehr unterhaltend war es auch, die sogenannten Honoratioren zu beobachten. Die Frauen, die sehr elegant, reich und mit vielem Geschmack gekleidet waren, hatten in ihrer Toilette wie in ihrem ganzen Wesen etwas Ungekünsteltes und Selbstbewußtes, wodurch sie sehr vortheilhaft von den Herren abstachen, die in ihrem Aeußern wie in ihren Bewegungen etwas entschieden Unfreies hatten. Die älteren, geschniegelt und gebügelt, abgelebte Roués, wie man sie in der ältern Komödie zu finden gewöhnt ist, zum Theil mit sehr unangenehmem, niedrigem Ausdruck, waren ganz das Bild einer seit Jahrhunderten abgeschlossenen Aristokratie. Die Jüngeren, als ob sie das theilweise Lächerliche der alten Herren sähen, suchten sich freier zu kleiden, offenbar in Nachahmung des englischen Gentleman. Aber man bemerkte auf den ersten Blick, daß das ein ihnen fremdes Element war; daher gelang es Keinem so recht. Man sah die Absicht im Schnitt des Bartes, wie der Kleider, sich zu englisiren, während doch die Natürlichkeit und Absichtslosigkeit gerade das Hauptkennzeichen eines Gentleman ausmacht, im Benehmen, wie im Anzuge. Indessen störte die „Aristokratie des Sees“ das Vergnügen des Volkes in keiner Weise; im Gegentheile nahm sie wirklich Theil am Feste, sie lachte so herzlich, wie die Andern, wo es etwas zum Lachen gab, und wie sie zu den dargebrachten Früchten mit beigesteuert hatte, so half sie auch bei der Versteigerung. Das Volk bewegte sich so ungebunden, als ob sie gar nicht zugegen gewesen wäre.

Die Auction übte ihre Anziehungskraft ungeschwächt, bis alle Geschenke versteigen waren. Diejenigen, die sich nicht an ihr betheiligten oder die bereits ihre Einkäufe für ihre Geliebten gemacht hatten, schlenderten umher und begrüßten Freunde oder Bekannte von andern Gegenden des Sees, tauschten ein paar Worte aus mit Diesem und Jenem, scherzten und lachten, während die Kinder unter den mächtigen Kastanienbäumen zur rauschenden Musik tanzten und sprangen, oder sich an den schönen Weintrauben labten, die ein paar Hökernnien zum Verkauf ausboten.

Auf diese Weise verging der Nachmittag in Heiterkeit und Frohsinn, und als die Sonne anfing, sich hinter den Bergen zu versenken, fuhren Alle in ihren Gondeln und Barken von dem kleinen Hafen nach Hause. Bald war der See wieder bedeckt von mehr als hundert Schiffen, die sich nach allen Richtungen hin zerstreuten und aus denen allen fröhliche Gesichter herausschauten.

So endete das Fest zur Zufriedenheit aller Besucher und, ich zweifle nicht, zur noch größern Zufriedenheit der Geistlichen des Kirchsprengels von San Giovanni.

B. B.


Blätter und Blüthen.


Pariser Salonplaudereien. Die Pariser Salons, welche früher einen so brillanten Ruf besaßen und einen förmlichen Turnierplatz für den feinen Witz, den geistreichen Scherz bildeten, haben in dieser Hinsicht undendlich viel verloren und sind zu wahren Klatschgesllschaften herabgesunken, wo das müßige Geschwätz und die Médisance sich ungbührlich breit machen – indessen bleibt es immerhin noch ergötzlich genug, diesen kleinen Klatschereien zuzuhören, besonders wenn das gute Paris so vollauf Stoff zum Plaudern hat, wie dies jetzt der Fall ist. Da ist zuerst die Hochzeit des Alexander Dumas junior mir Frau Narischlin oder der Fürstin Narischlin, wie sie von vielen Seiten genannt wird. Der Verfasser der „Camelienndame“ macht eine ganz glänzende Partie an der schönen Wittwe, die ihm, wie man sagt, in ihrem Corbeille de nôces eine Rente von einhunderttausend Franken mitbringt, so daß der glückliche Bräutigam, als er sseinen Freunden die Anzeige von seiner bevorstehenden Verheirathung machte, den Vorsatz aussprach: „Ich werde jetzt nur noch ein einziges Lustspiel und einen einzigen Roman schreiben.“

Was die Neuvermählte außer dem Glück, einen berühmten Mann bekommen zu haben, sowie viele andere wünschenswerthe Güter zu besitzen, zu einem Gegenstande großen Neides für die gesammte Damenwelt von Paris macht, ist der außerortentliche Vorzug, daß sie von der Mutter Natur mit dem schönsten rothen Haar begabt wurde. Sie ist so durch die Natur schon eine Modeschönheit des Tages, während andere Damen sich ihr Haar erst mit vieler Mühe und großen Unkosten roth färben müssen. Viele stellen ohne Weiteres die Behauptung auf, daß die schöne Russin oder vielmehr Schwedin, denn dies ist sie von Geburt, diesem Umstande das Herz ihres jetzigen Gatten verdankt. Wie hätte er sich auch in eine Brünette oder Blondine verlieben können, während „Roth“ die Parole des Tages ist! Indessen dürften alle diese Heldinnen aux cheveux rouges bald genug aus der Mode kommen; in Paris vergeht Älles noch schneller, als anderswo, und man hat bereits wieder eine ganz neue, noch viel seltsamere Haarfarbe entdeckt, welche haute nouveauté des Tages ist.

Wie man wohl schon aus den Zeitungen erfahren haben wird, langten vor Kurzem der Graf und die Gräfin Zichy in Paris an, wo sie sich einige Zeit aufhielten, um dann weiter nach Wien zu reisen. Das gräfliche Paar kehrte aus Mexico zurück, wohin sie dem Kaiser Max und der Kaiserin Charlotte das Geleit gegeben; wie man hört, werden sie auch wieder dahin zurückkehren. Die Gräfin Zichy soll eine Schwester der Fürstin Metternich sein, ist jedenfalls aber durch ihren Gemahl dem Metternich’schen Hause nahe verwandt und hat in den vornehmen Kreisen von Paris durch ihre Haarfarbe ungeheures Aufsehen erregt, denn die bildbübsche, böchstens dreißigjährige Frau, hat schneeweißes Haar, welches in üppigster Fülle ihr jugendfrisches Antlizu umrahmt und einen höchst eigenthümlichen Contrast dazu bildet. Alle Welt war außer sich darüber; man fand es pikant, höchst pikant, und viele Damen behaupteten, die Gräfin habe diese Haarfarbe ganz eigens für sich erfunden, um sich ein interessantes Relief zu geben. Da man nun in Paris dem Ungewöhnlichen mir einer wahren Leidenschaft nachjagt, so wollen jetzt alle jungen Damen weißes Haar haben und die Haarkünstler und Chemiker plagen sich damit, ein geeignetes Mittel zu erfinden, um die Haare schneeweiß zu bleichen. Wenn die geehrten Damen noch eine Zeit lang warten wollten, könnten sie ganz von selbst die gewünschte Haarfarbe erlangen, aber sie wollen dieses Ziel ja schon während der Jugendzeit erreichen; vielleicht erreichen sie es, und dann werden für einige Zeit die „Blanchetten“ den Sieg davontragen über Brünetten, Blondinen und Roussetten. –

Unter den Proceßgeschichten, welche das Tagesgespräch bilden, stehen die Ehescheidungsprocesse, deren es in Frankreich mehr als sonst wo giebt, jedenfalls obenan. Sowie das heißeste Sehnen der jungen Mädchen in Frankreich danach geht, Frau zu heißen, nur um Cachemirshawls und Brillanten tragen zu dürfen, so scheint es für die einmal verheiratheten Frauen keinen innigern Wunsch zu geben, als den, wieder von ihrem Manne getrennt zu sein. So hörten wir neulich folgendes Geschichtchen erzählen:

Ein junger Mann aus vornehmer Familie verliebte sich in ein sehr hübsches, junges Mädchen und heirathete es. Eine Zeitlang war Alles Freude und Herrlichkeit, da führte die Schlange Eva in Versuchung; die junge Frau verliebte sich in einen Freund ihres Mannes, welcher ihr eifrig den Hof machte, und zeigte dies auch unverhohlen ihrem unglücklichen Gemahl. Dieser liebte die Ungetreue trotzdem immer noch, wollte aber ihrem Glücke nicht im Wege stehen und willigte deshalb in eine Scheidung, damit sie den angebeteten Freund heirathen könnte. Er selbst ging unmittelbar nach der Scheidung auf Reisen in den Orient, und die Dame vermählte sich mit dem Freunde. Aber was geschah? Derselbe wurde aus einem aufmerksamen, galanten Liebhaber ein ziemlich gleichgültiger Ehemann, und Madame fühlte sich sehr bald grausam enttäuscht. Da kam ihr früherer Gatte von seinen Reisen zurück: er begegnete seiner ehemaligen Frau in Gesellschaft, und sie machte die Bemerkung, wie sehr die gebräunte Gesichtsfarbe, der dunkle Bart ihn zu seinem Vortheil verändert, wie interessant er zu erzählen wisse, kurz, wie bedeutend er sich neben ihrem Manne ausnebme. Er hingegen fand sie ebenfalls noch hübscher als ehedem, und die erloschen geglaubte Liebe loderte von Neuem in seinem Herzen auf. Diese Liebe wurde von der Dame bald in vollem Maße erwidert, ihr Mann hatte nichts gegen eine Trennung einzuwenden; sie wurde abermals geschieden und heirathete nun wieder ihren ersten Gatten.

Eines Tages, als sie schwärmerisch über ihr Glück phantasirte, sagte ihr Gemahl lächelnd: „Aber, liebes Kind, wenn Du Dich jetzt so glücklick fühlst, warum wußtest Du dies Glück nicht zu schätzen, als Du es schon einmal besaßest?“

[64] „Nein, welche sonderbare Frage!“ entgegnete die Frau, „damals gefielst Du mir natürlich nicht, weil Du mir gehörtest, und ich verliebte mich in Deinen Freund, weil ich dachte, er könne nie der Meinige werden – jetzt hast Du aber vollständig den Sieg über ihn davon getragen; Du wußtest Dich von so viel neuen Seiten zu zeigen und erschienst mir um so viel unerreichbarer!“

Der Mann war zufrieden damit; hoffentlich wird seine Zufriedenheit nicht wieder getrübt, und Madame bleibt ihrer neuen Liebe treu.




Ein Besuch in Pompeji. Die vor achtzehnhundert Jahren begrabene und in ganzen Straßen und Stattheilen mehr oder weniger gut und ganz erhalten wieder aufgedeckte und offene altrömische Stadt Pompeji ist schon hundertfach geschildert worden, aber wohl kaum so, wie ich sie im vorigen Herbste sah. Es hat sich auch in dieser Todtenstadt ein besseres Leben eingefunden, mehr Freiheit, seitdem das bourbonische Regiment aus Neapel vertrieben ward.

Wenn man das Entrée (allerdings über einen Thaler) am Eingange zu der hinabführenden Treppe bezahlt hat, ist man sein eigener Herr und kann sich ungehindert dem Geiste des Alterthums hingeben, der uns hier aus wohlerhaltenen Straßen und Häusern und ihren Geräthen dicht umgiebt. Ist man recht mit Leib und Seele mitten darin, so meint man, es würde uns gar nicht wundern, behelmte, sandalenfüßige, malerisch in Togas und Tunicas gehüllte Menschen um die Ecke herum kommen zu sehen. Kein Polizeispion von Führer entzaubert uns mit seiner Beredsamkeit, wie früher, und zieht uns nicht mehr unbarmherzig von einer Sehenswürdigkeit zur andern. Man kann ganz nach Lust und Laune umherwandern, bleiben und sich so in das Leben vertiefen, wie es hier plötzlich in aller seiner Freude und Herrlichkeit erstickt und bis heute aufbewahrt ward, daß der ganze Zeitraum gleichsam verschwindet und wir mitten in der altrömischen Welt zu leben meinen. Blos die Arbeiter, die hier und da emsig weiter graben und aufdecken, stören zuweilen den Wahn, drängen sich aber nicht auf, sondern geben nur auf Fragen die nöthige Auskunft.

Unter der neuen Regierung werden die Ausgrabungen systematisch und so gut geleitet, daß es gelungen ist, mehrere Häuser ganz unversehrt aus ihrem Aschengrabe zu lösen. Da hat sich unter Anderem ergeben, daß wohlhabendere Bewohner in Häusern mit mehreren Etagen und Balkons oben wohnten, während man früher annahm, daß die Häuser blos aus einem Stockwerk bestanden. Das Haus des Proculus liefert den besten Beleg für das neue Ergebniß.

Proculus war damals ein reicher, mindestens sehr einflußreicher Bürger von Pompeji. Er war gerade beschäftigt, eine Ausbesserung an seiner Wohnung vornehmen zu lassen, als der furchtbare Aschenregen aus dem Vesuv niederfiel. Malertöpfe und Maurer- und Tischlerwerkzeuge liegen umher und ein Theil des Mosaikpflasters im Hofe ist aufgerissen. In einem Winkel stehen eine Menge Küchenapparate aufgehäuft, weil die Arbeiter die Küche in Beschlag genommen hatten, um Verbesserungen auszuführen. Blos einige kleinere Oefen waren in Gebrauch. Einige Töpfe und Pfannen mit verschiedenen Artikeln zum Kochen und Braten standen darauf. In einer Bronzepfanne lag ein Spanferkel eben fertig, es in den Backofen zu schieben. Aus dem großen Backofen zog man siebzig Brode hervor je zu zwei Pfund. Nachdem sie über' eintausend achthundert Jahre darin gestanden, kamen sie in ihrer ursprünglichen Gestalt, wenn auch mit veränderter Farbe, heraus. Die Poren im Innern waren noch deutlich zu erkennen, aber selbst die Krumenbestandtheile so ausgetrocknet, daß sie zwischen den Fingern gerieben zu Asche zerstoben. Man war im Hause des Proculus früh aufgestanden an jenem Tage. Die Köchin hatte ihre Arbeit bei Lampenlicht begonnen, um bei anbrechendem Tage mit dem Frühstück aufzuwarten. Aber der Tag, der bis dahin immer regelmäßig mit seinem holden italienischen Lichte gekommen war, blieb diesmal aus, aus beinahe zwei Jahrtausende lang. Furchtbare Feuer- und Rauchsäulen stiegen aus dem Rachen des Vulcans empor und dichte Wolken von glühender Asche senkten sich dichter und dichter auf die Stadt und verbreiteten eine so furchtbare Finsterniß, daß Väter und Mütter und Kinder dicht neben einander sich mit den Händen suchten und schrieen und Hand in Hand, Arm in Arm zu entkommen strebten und erstickten. Einige entkamen bis auf die Straße vor der Schildwache vorbei, die standhaft ihren Posten zu behaupten und sich gegen das Ersticken durch Zuhalten des Mundes mit der Hand zu retten suchte. Vergebens. Die Aschenwolken fielen dichter und dichter nieder, bis sie den Mann lebendig begruben im Schilderhause. Dort stand er noch eintausend achthundert Jahre später mit seiner Waffe in der einen Hand, mit der andern Mund und Nase bedeckend.

Aus dem Hause des Proculus entkamen Alle bis auf zwei Personen. Die eine war eine weibliche Person, die sich zurückhalten ließ, um ihre Schürze mit Schmucksachen zu füllen, und welche auf späterer Flucht im Hofe hinstürzte, um sich niemals wieder zu erheben. Die Juwelen und Putzsachen lagen um sie her verstreut. Die andere Person war ein verwundeter Gladiator, der wahrscheinlich eine Treppe hoch wohnte, wo er mit seiner Waffe im Arme gefunden ward. Ein Weib setzt sich fast jeder Gefahr aus, um zu retten, was sie am meisten liebt, mag es aus Kleinodien, Kindern oder – Kötern bestehen! Bei einer viel späteren Eruption des Vesuvs brauchten die Nonnen eines benachbarten Klosters so viel Zeit, um ihre Gelées und Zuckersachen zu retten, daß sie schon dicht von fließender Lava umgeben waren, als sie endlich mit ihren Schätzen flohen. Nicht weit von der weiblichen Mumie im Hofe des Proculus ward eine andere entdeckt, vielleicht Mutter und Tochter. Die ältere scheint ohne viel Kampf erstickt zu sein, während die jüngere und kräftigere convulsivisch gekämpft und gezuckt haben mag, ehe sie ihr junges Leben hingab. Dies ersieht man aus den Gypsabdrücken der Formen, die ihre Leichname in dem Aschengrabe zurückgelassen. Nicht weit davon, vor dem Hause, wurden die Skelete zweier junger Personen entdeckt, die Arm in Arm gestorben waren. Anderswo grub man eine Gruppe von Mutter und drei Kindern aus, die ineinander gewunden, lebendig das Grab über sich aufschütten ließen. In einem Keller fand man die Reste von siebzehn Personen.

Obgleich die Ausgrabungen höchstens zwei Dritttheile der Stadt enthüllt haben, zählt man doch bereits über sechshundert wohlerhaltene Skelete und respective Abdrücke von Menschen in der festgewordenen Asche. Ausgegrabene und noch haltbare bewegliche Gegenstände giebt es bereits zu Tausenden. Die meisten oder wenigstens die kostbarsten werden dem schon reich ausgestatteten Museum zu Neapel hinzugefügt; ein großer Theil bleibt in der Sammlung zu Pompeji selbst. Es vergeht fast kein Tag, wo nicht eine Ladung nach Neapel abginge und das Museum an Ort und Stelle selbst mit diesem und jenem neuen Schatze bereichert würde. Viele haben natürlich weiter keinen Werth, insofern sie nur Wiederholungen bekannter Artikel, Geräthe und Mobilien sind. Es fehlt aber auch nicht an Kostbarkeiten. So entdeckte man diesen Sommer eine massive, drei Pfund schwere goldene Lampe. Was die goldenen Ringe, Broschen und sonstigen Juwelen betrifft, die am Eingange und sonst in der Nähe als echte ausgegrabene Pompejanen verlauft werden (noch glaubwürdiger heimlich von ausgrabenden Arbeitern selbst), so stammen sie meist aus einer modernen Fabrik, wo man in Nachahmung dieser antiken Kleinodien eine große Fertigkeit erreicht hat, so daß man am Ende die halbe Welt damit beglücken kann. Am Gründlichsten werden oft die Pfiffigsten betrogen, welche von dem ausgedehnten Handel mit nachgemachten Artikeln gehört haben und sich vornehmen, die Vorsicht selbst zu sein. Sie werden auch in ihrer Pfiffigkeit unterstützt, indem ein aus heimlichem Winkel hervorwinkender Arbeiter vor dem schmählichen Betruge warnt und den Gast in Pompeji einladet, sich in einer versteckten Stelle, der Grenze aller Ausgrabungen, selbst umzusehen und womöglich etwas selbst als Original herauszupuddeln. Ein solcher Glücklicher fand einmal unter der Leitung des Arbeiters ein – Platina-Feuerzeug, das er dem Letzteren (für Mundhalten) ungemein theuer bezahlte. Als er mit seinem unerhörten Schatze in die moderne Welt kam, wurde er ausgelacht, wie noch nie ein weiser Antiquitätensammler.

Die Ausgrabungen werden jetzt so umfangreich und systematisch fortgesetzt, daß die Stadt bald im ganzen Umfange dem Tageslichte geöffnet sein wird. Die merkwürdigste Entdeckung bleibt aber die Springquelle, die nach einem letzten Hieb der Hacke plötzlich mit einem Strahle des klarsten und frischesten Wassers über die todte Straße hervorsprang. Alle Arbeiter und Besucher strömten herbei und Einige tranken so viel, daß sie davon krank wurden. Mehrere Flaschen wurden mit dem „antiken“ Quellwasser gefüllt, versiegelt und an den König Victor Emanuel, den Papst, Napoleon und andere „hohe Personen“ gesandt. Das dauernde Leben aber, welches aus der einst plötzlich in aller Lebensfülle begrabenen Stadt hervorquillt, ist werthvoller, als die kostbarsten Flüssigkeiten. Es ist das massive, monumentale Bild einer Cultur und eines Volkes, das einst die Welt beherrschte und aus dem Schweiße militärisch ausgepreßter Völker die höchsten Luxusformen des Lebens bildete; das, auf seine Waffengewalt pochend, Freiheit und Sittlichkeit und ehrliche Arbeit mit Füßen trat, wofür es mit einer Jahrhunderte lang dauernden Qual des Sterbens bestraft ward. Zur Zeit des Unterganges von Pompeji fing das Römerreich schon zu sterben an. Es starb immer gräßlicher von innen und außen Jahrhunderte lang weiter, so daß Pompeji mit seinem schnellen, wenn auch gräßlichen Tode ein verhältnißmäßig glückliches Ende nahm.




Unser langjähriger Mitarbeiter, Herr Friedrich Gerstäcker, ersucht uns die nachstehende – bereits in der National- und Kölnischen Zeitung abgedruckte – Erklärung auch in die Gartenlaube aufzunehmen.

Die Redaction.

Erklärung. Da ich noch immer als Mitarbeiter am „Daheim“ aufgeführt werde, indem die Redaction noch ein Manuscript von mir besitzt, so sehe ich mich veranlaßt zu erklären, daß diese – drei Mal vergebens zurückgeforderte Erzählung allerdings noch in jener Zeitung erscheinen wird, damit aber auch meine Betheiligung am „Daheim“ aufgehört hat.

Gotha, den 3. Januar 1865.

Fr. Gerstäcker.


Schach.

Um in möglichst mannigfaltiger Weise den Wünschen zu entsprechen, die an ein für den Familienkreis bestimmtes Blatt gerichtet werden können, wird die Gartenlaube hinfort auch Schachartikel und zwar abwechselnd, so weit es der Raum gestattet, eine Aufgabe und eine Partie bringen. Einlaufende Lösungen sollen beurtheilt und eingesandte, den Anforderungen unserer Zeit angemessene Probleme und Partien aufgenommen werden.

Aufgabe Nr. 1.
Von J. Berger in Graz.

(Diese Aufgabe gewann im Problem-Turnier zu Düsseldorf v. J. den ersten Preis.)

Weiß zieht an und giebt mit dem fünften Zuge Matt.

Die Gartenlaube (1865) b 064.jpg



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.


  1. Der Verfasser dieser interessanten Mittheilungen, denen wir später noch einige andere aus seiner Feder folgen lassen werden, ist leider nicht mehr unter den Lebenden; mit ihm sank nicht nur ein reiches vielseiliges Talent, sondern auch ein echter deutscher Mannescharakter, ein treffliches Herz in das frühe Grab in fremdem Lande. Otto Lübbert war ein geborener Mecklenburger und hatte eben auf verschiedenen deutschen Universitäten seine juristischen Studien beendet, als das Jahr 1848 auch ihn in seine Bewegung riß. Ein begeisterter und begeisternder Volksredner in den mecklenburgischen Städten, war er einer der tapfersten Kämpen wider die sogenannte patriarchalische Junkerwirthschaft seines Heimathlandes; die Reaction fasste daher ihn vor Allem in’s Auge, so daß er sich genöthigt sah, vor ihrer Rache zu flüchten. Er stieg in Rostock in das erste beste Schiff, in der Hoffnung, nach England zu entkommen, allein erst an Bord erfuhr er, daß das Fahrzeug nach Norwegen bestimmt war, und so schiffte er nach dem fernen Nordlande. Ein guter Clavierspieler und Musiker, erwarb er sich zunächst in Drontheim, dann in Bergen einen leidlichen Lebensunterhalt und manche Freunde und hatte sich eben in dem seinen wissenschaftlichen Bestrebungen und literarischen Arbeiten, die meist die norwegische Thierwelt betrafen, günstigern Christiania niedergelassen, als ihn im September des letzten Jahres ein hitziges Nervenfieber rasch dahin raffte.       Die Redaction.
  2. Clupea sprattus Nilss.

Anmerkungen (Wikisource)