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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1864
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1864) 481.jpg
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[481]
Die schwarz-weiße Perle.
Von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)


Kaunitz blieb, nachdem Graf Traun zur Gesellschaft zurückgekehrt war, in der Fensternische stehen, und jetzt verdüsterte sich in eigenthümlicher Weise sein scharf geschnittenes markirtes Gesicht.

„Der in seiner eigenen Schlinge gefangene Fuchs,‘ oder ,Spiele nicht mit dem Feuer,‘ oder ,Diplomatenlist und Weiberlist‘ – lauter vortreffliche Titel zu der kleinen Novelle, in welcher ich hier die Rolle des Intriguants spiele,“ flüsterte er vor sich hin. „Ich hätte nie gedacht, daß es so gefährlich ist, eine hübsche Zimmernachbarin zu haben! Daß man dann den ganzen Tag an sie denken, auf ihre Bewegungen lauschen muß! Und jetzt … o, wenn ich dieser schönen, reizenden Bianca nur einen Augenblick in’s Herz sehen könnte! Läßt sie sich meine Huldigungen gefallen, weil sie eben Gefallen daran findet, weil sie ihren treulosen Gennaro vergessen will? Das schwerlich. Aber vielleicht weil sie ihn ärgern, weil sie ihm zeigen will, daß sie sich nichts aus seiner Treulosigkeit macht; wenn es auch das nur wäre, damit hätt’ ich schon viel, hätt’ ich Alles gewonnen! Vielleicht aber auch nur, weil sie weiß, daß ich ihr Zimmernachbar bin, weil sie mich anlocken will, um endlich, wenn ich zu ihrem willenlosen Sclaven geworden, zu erfahren, was zwischen mir und ihrem Gennaro in jener Nacht vorgefallen ist … blos deshalb – und das, fürcht’ ich, ist das ganze Geheimniß ihrer Gunst – und wahrhaftig, es wäre verzweifelt demüthigend für mich! Was soll ich jetzt thun? Soll ich den Plan verfolgen, um dessen willen ich mich ihr ursprünglich näherte? Soll ich, wenn der Baron Breteuil der Marchesa die Perle, die ich ihm in die Hände spielte, mit französischem Großthun überreicht hat, Bianca zum König schicken, damit sie sich über seine Intriguen beklage und dem König, der dann ohnehin gereizt genug sein wird, erzähle, wie Breteuil ihren Geliebten durch seine Nichte an sich gezogen habe, um durch diesen glänzenden Cavaliere auf die Marchesa wirken zu können, die ihn so auffallend bevorzuge? Gewiß, der König wird wüthend werden über die französische Diplomatie und die bösen Gedanken, welche diese von seiner Marchesa hegt, als ob sie sich bestechen lasse, als ob sie, seine Geliebte, von diesem Gennaro geleitet werden könne und als ob er, der König, Weiber sich in seine politischen Entschlüsse mischen lasse – der Franzose ist verloren, das ist sicher … und die Marchesa wird erschrocken sein, daß man ihre Neigung für Gennaro entdeckt hat, und eine Verbindung Gennaro’s mit Bianca auf’s Aeußerste beeilen!“

Kaunitz lispelte diese Betrachtungen für sich hin, aber es schien der Gedanke des Siegs, bei welchem er inne hielt, ihn keinesweges mit großer Freude zu erfüllen. Er sah im Gegentheil ziemlich niedergeschlagen und starr auf den Boden, bis er nach einer Weile wie, plötzlich aus seinem Träumen auffahrend, leise für sich ausrief: „Thörichte und sündige Gedanken … bleiben wir bei unserem Plan und deshalb handeln wir!“

Er suchte Bianca Pallavicini auf, die er in dem anstoßenden Salon fand, wo ein Kreis von Damen um die Marchesa von San Damiano versammelt war. Sie saß neben einer anderen Dame in einer Causeuse, und auf einem Tabouret neben ihr saß Aimée von Brissac.

Kaunitz trat unbemerkt, wie er glaubte, in ihre Nähe, um etwas von dem höchst lebhaften Gespräch aufzufangen, in welches er die jungen Damen vertieft fand und das, wie es nach dem Tone der Redenden schien, etwas von einer gereizten Debatte hatte.

„Sie waren nie in Paris und behaupten das so sicher?“ sagte eben Aimée.

„Warum sollt’ ich nicht,“ fiel Bianca ein, „wenn ich auch nie in Paris war und nie hinzugehen beabsichtige!“

„So sehr steht es bei Ihnen in Ungnade?“

„Ich wüßte nicht, weshalb man sich die Mühe geben sollte, es aufzusuchen, wenn man Italien hat!“ erwiderte Bianca.

„Italien – Italien ist sehr schön, wer leugnet das,“ versetzte Fräulein von Brissac, „aber was in Italien ersetzt die Pariser Gesellschaft?“

Bianca lächelte – fast spöttisch; dann sagte sie: „Braucht man nach Paris zu gehen, um sie zu haben? Sie ist überall und will überall ihren Ton, ihre Manieren, ihre Moden vorschreiben, überall herrschen …“

„Nun ja, sie ist einmal das Vorbild des guten Tons und der Moden,“ entgegnete Aimée mit selbstbewußtem Aufwerfen des Kopfes; „woher wollen Sie diese sonst holen, Ihre Umgangsformen, Ihre Moden – doch nicht etwa aus Deutschland … aus Wien?“ setzte sie mit anzüglichem Tone hinzu.

„Italien ist groß und gebildet genug, es braucht kein Vorbild und keine Lehrmeister,“ versetzte Bianca sehr scharf und zornig, „aber wenn es sie brauchte, thäte es gewiß klüger, sich an die Deutschen zu halten; ich finde die Deutschen jedenfalls weniger eroberungssüchtig, ehrlicher und liebenswürdiger als die Franzosen … hab’ ich nicht Recht, Graf Kaunitz?“ wandte sie sich plötzlich an diesen, indem sie den Kopf zurückwarf und ihn herbeiwinkte.

„Stehen Sie mir bei gegen die französische Eroberungslust!“ setzte sie mit einem bitteren Blick auf ihre Gegnerin hinzu.

[482] „Das ist meine Lebensaufgabe, Signora Bianca,“ versetzte Kaunitz, eifrig herbeieilend, „und Sie sehen mich bereit, Ihnen mit allen meinen Streitkräften gegen diese abscheuliche Eroberungslust, die schon so viel Kriege angefangen hat, zu Hülfe zu kommen.“

„Wenn Sie einen solchen Bundesgenossen zu Hülfe nehmen, dann ist’s freilich Zeit, daß Frankreich sich zurückzieht und Italien dem Glücke dieses Bündnisses überläßt,“ sagte Aimée spöttisch, indem sie aufstand und die beiden jungen Damen auf der Causeuse verließ.

„Hochmüthiges Geschöpf!“ murmelte Bianca, während Kaunitz das Tabouret einnahm, das Aimee von Brissac verlassen hatte.

„Ich bin gerührt von dem Guten, was Sie eben von den Deutschen gesagt haben,“ flüsterte Kaunitz Bianca zu, so, daß es die Nachbarin des jungen Mädchens nicht verstehen konnte, „es macht mich froher, als ich Ihnen sagen kann … Bianca, wollen Sie mich wirklich zu Ihrem Bundesgenossen annehmen?“

Bianca wechselte einen Augenblick die Farbe, dann sagte sie mit einer koketten Kopfbewegung lächelnd: „Wozu hätt’ ich einen Bundesgenossen nöthig …“

„Wenn Sie ihn aber nöthig hätten, wäre dann nicht ein Deutscher der beste, weil er der treueste ist?“

„Auch der treueste hat seine egoistischen Absichten … das Beste ist, keinen brauchen!“

„Brauchen Sie nicht einen, wenn auch nur um sich zu rächen?“

„Will ich das?“

„Seien wir offen, Bianca … ich schwöre Ihnen, daß Sie mir vertrauen können.“

„Daß ich das glaube, habe ich Ihnen schon gezeigt … Sie sehen, daß ich Sie nicht fürchte!“

„Und daß Sie das nicht thun, trotz jenes Abends, der Sie so in Schrecken setzte, daß Sie auf meine ehrliche Discretion bauen, das eben macht mich Ihnen so dankbar, und noch einmal: ich trage Ihnen die ehrlichste Bundesgenossenschaft an. Aber egoistisch bin ich freilich dabei, ich wünsche, daß die Bundesgenossenschast mit einem kleinen Dienste beginne, den Sie mir leisten!“

„Und worin bestände der?“

„Erinnern Sie sich des neulichen Gesprächs an der Abendtafel des Königs über eine doppeltgefärbte Perle?“

„O ja, sehr wohl!“

„Nun wohl, ich habe Gründe anzunehmen, daß der Baron von Breteuil eine solche Perle, die einzige, welche, wie man sagt, vorhanden ist, morgen Ihrer Tante, der Marchesa von San Damiano zum Geschenk machen wird.“

„In der That?“

„Ich glaube es, und es liegt mir viel daran zu erfahren, ob es geschehen oder nicht. Fragen Sie mich nicht nach den Gründen, weshalb – es ist zu lang, es hier auseinander zu setzen.

Wollen Sie mir verstatten, morgen Abend zu Ihnen zu kommen, um es von Ihnen zu erfahren?“

„Morgen Abend? Ich werde Sie morgen nicht sehen, Herr Graf, es ist keinerlei Hoffestlichkeit angesagt, die mir Gelegenheit gäbe, Sie zu sehen!“

„Freilich – aber sind wir nicht Zimmernachbarn …“

„Mein Gott, Sie wollen doch nicht sagen …!“

„Bianca!“ flüsterte Kaunitz im bestechendsten, flehendsten Tone, „nur ein einziges Mal lassen Sie mich es benutzen, daß wir Zimmernachbarn sind – nur ein Mal, und dann nie wieder!“

„Wenn Sie es wagten!“ sagte sie wie drohend.

„Nur dazu, daß Sie mir die kurze Nachricht geben!“

„Ich würde es Ihnen nie, niemals verzeihen!“

„Und wenn ich nun doch käme?“

„Ich versichere Sie, ich machte Lärm im ganzen Schlosse.“

„Grausame … und Sie wollen mir die Auskunft, um welche ich Sie bitte, nicht geben?“

„Ich will sie Ihnen geben, aber nicht so … ich will Ihnen schreiben – wenn es mir irgend möglich ist, das Billet Ihnen zukommen zu lassen, ohne daß man es entdeckt!“

„So danke ich Ihnen wenigstens dafür,“ sagte Kaunitz und wollte noch etwas hinzufügen, als Bianca plötzlich aufstand und mit den rasch geflüsterten Worten: „Die Marchesa winkt mir!“ ihn verließ.

Er schaute ihr mit Blicken nach, in denen seine ganze Seele lag … es war gut, daß Cavaliere Gennaro sie nicht beobachtete, diese Blicke; er würde schwerlich beruhigt gewesen sein, wenn er auch den Stoßseufzer vernommen hätte, den Kaunitz, sich endlich absendend, vor sich hinflüsterte: „Mein Gott, ich würde ja der schwärzeste Verräther sein, den es auf der Welt gäbe!“


6.

Es war in später Abendstunde des folgenden Tages. Unser junger Diplomat ging gedankenvoll in seinem Zimmer auf und ab. Zuweilen blieb er in der Gegend des Kamins stehen und lauschte. Dann, wenn er wahrgenommen, daß Alles da drüben noch still sei, setzte er seine Wanderung fort. Von Zeit zu Zeit blickte er auf seine Uhr.

Er war offenbar in großer Aufregung – in großer Spannung. Seine Zimmernachbarin hatte, seitdem er sich ihr genähert, ursprünglich nur um sie zu seinem Plane zu benutzen, einen von Tag zu Tag steigenden Eindruck auf ihn gemacht. Wir sehen, wie verhängnißvoll er es gefunden, wenn man eine schöne und anmuthige Wandnachbarin hat – man sieht täglich von früh bis spät die abscheuliche trennende Wand und dann natürlich, mit den Augen des Geistes, auch von früh bis spät das, was hinter dieser Wand sich bewegt. Man lauscht, man hört leise ihre Stimme herüberschwirren, wenn sie spricht, kurz, man hört nicht auf, an sie zu denken – und denken ist gefährlich! Und nun gar, wenn die Nachbarin ist wie Bianca Pallavicini … die schöne Bianca mit dem hinreißenden Lächeln, der glockenhellen Stimme, mit ihrer frischen, lebhaften Natürlichkeit, in die sich doch so viel anmuthige Koketterie mischte, gerade hinreichend, um einen jungen Mann wie Kaunitz zu entzücken, der viel zu wenig Novize war, sich viel zu viel in der „Gesellschaft“ bewegt hatte, um eine Schönheit ohne alle Koketterie pikant und begehrenswerth zu finden.

Kurz, er hatte mit dem Feuer gespielt und sich daran ein wenig verbrannt, und daher seine Aufregung und seine quälenden Zweifel. Was sollte er thun? Sie hatte ihm nicht geschrieben. War das nicht wie eine offenbare Aufforderung, zu dem Kaminrendezvous zu kommen? Und wenn es das war, lag dann nicht auch darin, daß es ihm in der That gelungen, Bianca für ihren Verlust zu trösten, für diesen Nobelgardisten, diesen flatterhaften Damöt, der, so schön er selbst auch, so glänzend sein Aeußeres sein mochte, doch an Geist und Bildung so weit hinter ihm zurückstand – so himmelweit… Kaunitz war nicht der Mann, der Anstand genommen hätte, es sich so bestimmt auszusprechen, wie sehr er diesen bevorzugten Jüngling übertraf – er war eben derselbe Kaunitz, der später, als er der große Fürst Kaunitz geworden, seine Selbstbewunderung noch viel lauter und unumwundener aussprach. Gewiß, Bianca konnte nicht anders als in seiner Neigung mehr als einen Ersatz für ihren Cavaliere Gennaro gefunden zu haben … wer weiß, vielleicht hatte ihre Neigung für diesen auch zum Theil nur in dem echt frauenhaften Vergnügen gewurzelt, ihrer Tante, deren Schwäche für den jungen Mann sie ja kannte und beobachtete, ihn abspenstig zu machen…

Aber auf der anderen Seite die Gewissensscrupel, der Verrath an Gennaro und die Frage, was aus der Intrigue werden solle, die er eingefädelt, in die er bereits seinen Gesandten, den Grafen Traun, eingeweiht hatte, die es nun auch eine Ehrensache war durchzuführen … eine höchst wichtige Sache obendrein noch, auch wenn nicht ein so kostbares Kleinod, wie jene von Wien herübergesandte Perle, eine Rolle dabei gespielt hätte!

Doch, genau betrachtet, sagte sich unser Diplomat, brauchte ihn das nicht zu hindern, bei Bianca sein Glück zu verfolgen – hatte er erst völlig Bianca’s Herz erobert, dann konnte er ja vielleicht mit ihrer Hülfe sein Spiel auch so zu Ende spielen – er konnte ihr sagen: nur wenn Frieden bleibt zwischen meinem Vaterlande und Deinem, ist eine Hoffnung der Verbindung für uns da, sonst nicht … hilf mir, daß sich unsere Herrscher verbinden, damit wir es können…

Und so war er – wie jetzt oft schon – an dem Kamin lauschend stehen geblieben, um zu horchen, ob Bianca nicht drüben in ihrem Zimmer sei … sie mußte da sein, denn es war längst die Stunde vorüber, in welcher sie gewöhnlich aus den Wohnräumen ihrer Tante zurückzukehren und sich zur Ruhe zu begeben pflegte.

Er verlor endlich, die Geduld. Vielleicht war sie schon da, vielleicht hatte er ihr Kommen überhört – er griff nach seinem [483] schwarzen Domino und trat unter den Kamin. Um seinen Bedienten nicht in seine abermalige Expedition einzuweihen, hatte er die Leiter nicht verlangt, sondern einen Lehnsessel mit hohem Rücken unter den Kamin gestellt, und mit Hülfe desselben gelang es ihm leicht, auf die Stangen zu kommen. Auf diesen stehend öffnete er die Eisenthüre und lauschte hindurch; aber erschrocken hielt er sogleich auch den Athem an …, es war ihm, als vernehme er aus dem Zimmer unten ein schweres Athemholen, ein leises Schluchzen dazwischen.

Rasch, geschmeidig wie ein Wiesel, schlüpfte Kaunitz jetzt durch die Maueröffnung und stand nach wenigen Augenblicken auf den Stangen in dem jenseitigen Rauchfang, die ihm verwehrten, bis auf den Boden des Zimmers niederzufahren – aber bevor er nur festen Fuß gefaßt, hörte er einen leisen Aufschrei des Schreckens und den unterdrückten Ruf: „O mein Gott! – wer ist da … Sie sind’s … Sie sind’s wirklich?“

„Beruhigen Sie sich, Bianca,“ versetzte Kaunitz sich tief nach unten beugend…

„Himmel, wie konnten Sie’s wagen …“

„Bianca … verzeihen Sie mir … aber ich muß mit Ihnen reden … ich muß es … und Sie müssen mich anhören – doch zuerst sagen Sie mir, was ist geschehen … täuschte ich mich, oder ist es in der That so … ich hörte Sie schluchzen?“

„Sollt’ ich denn nicht weinen … ich bin ja das elendeste, das unglücklichste Geschöpf unter der Sonne!“

„Sie, Bianca? … mein Gott, so sprechen Sie, was ist Ihnen? was ist vorgefallen?“

Bianca antwortete diesmal nur mit einem erneuten heftigen Schluchzen, dann erstarb dies in völlige Stille, als ob sie den Kopf in den Kissen des Bettes, in dem sie längst Ruhe gesucht, ohne sie finden zu können, berge und vergraben habe.

„Ich bitte Sie um Alles, was Ihnen heilig ist, reden Sie, Bianca,“ rief Kaunitz jetzt in großem Schrecken und großer Bekümmerniß aus; das Mitleid mit ihr, die Noth um ihren Schmerz machte all seinem inneren Schwanken ein Ende. „Was,“ fuhr er fort, „was ein Mann thun kann, um Ihren Kummer zu lindern, um Ihnen beizustehen, das werde ich thun, Bianca; ich fühle Kraft, mit der Welt zu ringen, das Unmögliche möglich zu machen, wenn es um Ihretwegen ist, der Gedanke an Sie wird meine Mittel verzehn-, verhundertfachen … o Bianca, was könnt’ ich um Ihretwillen nicht vollbringen, was für Sie nicht erreichen, und wenn mein Preis auch nur ein freundliches Lächeln von Ihnen wäre, ich würde das Leben daran setzen, weil … weil ich Sie liebe, Bianca – liebe, wie ich nie eine Sterbliche geliebt habe!“

Kaunitz erhielt auf diese in hastigster Weise, in furchtbarster Erregung hervorgestoßenen Worte keine Antwort.

„O, so sprechen Sie doch, Bianca, hören Sie doch, was ein Herz, dem Sie eine Gluth wahnsinniger Leidenschaft eingeflößt haben, zu Ihnen spricht – Bianca, hören Sie mich…“

Diesmal erfolgte eine Antwort. Kaunitz hörte, wie Bianca aus ihrem Kissen emporfuhr, und dann rief sie in leidenschaftlichem Zorn aus: „Verräther – abscheulicher Verräther – ich wollte, was Sie sprechen, erstickte Sie; ich wollte, es flammte ein halber Wald im Kamin und Sie, auf Ihren Stangen da drüben, würden geröstet!“

„Bianca!“ rief Kaunitz aus, mit einem Tone, wie niemals der Ton einer Menschenlippe deutlicher Ueberraschung ausgedrückt hat.

Gewiß, es war wohl nie eine Liebeserklärung in einer seltsameren Situation gemacht. Aber auf eine unerwartetere Antwort war auch wohl nie eine gestoßen … Bianca wünschte ihn ohne weiteres den Flammen übergeben – mehr eiskaltes Wasser konnte auf seine Liebesgluth nicht geschüttet werden!

„Bianca,“ sagte Kaunitz, „um’s Himmels willen, sagen Sie mir, welche Antwort ist dies! was hab’ ich gethan, um Sie so zu empören? reden Sie doch endlich, was geschehen ist!“

„Sie sind ein Verräther, o, ein ganz abscheulicher Verräther, ein Ungeheuer … Sie, nur Sie sind an Allem schuld … es ist ein abscheuliches Complot von Ihnen, Sie entsetzlicher Mensch, Sie Bösewicht Sie!“

Bianca sprudelte diese Worte mit südlicher Zornesgluth hervor und schluchzte dann wieder laut auf, ihren Kopf in den Kissen verbergend.

„Bianca, hören Sie mich,“ sagte Kaunitz nach einer Pause, die er bedurft hatte, sich zu fassen. „Wenn ich wirklich ein Verräther und ein höllischer Bösewicht bin, so verdiene ich doch, meine ich, die Strafe, daß Sie mir zeigen, wie sehr Sie mich durchschaut haben und wie groß meine Schuld ist …“

„Wie sehr ich Sie durchschaut habe?“ fuhr Bianca auf. „Alles hab’ ich durchschaut, Sie haben den armen Gennaro verleitet, um ihn von mir zu entfernen, um mich gegen ihn zu empören, um dann seine Stelle bei mir einzunehmen, um dann mir Ihre abscheulichen Liebeserklärungen zu machen … o, ich habe es geahnt, als Gennaro gleich nach dem Abende, wo Sie in Ihrem Kamin da den tückischen Spion machten, und dann gleich darauf Gennaro begann, der abscheulichen Französin den Hof zu machen und Sie sich so auffallend mir näherten … o, ich habe es geahnt, und deshalb hab’ ich mir alle Ihre schönen Redensarten gefallen lassen und all Ihre verrätherischen Galanterien, ich wollte dahinter kommen, ich wollte endlich aus Ihnen herauslocken, welches Spiel Sie mit Gennaro gespielt…“

„Also deshalb!“ sagte mit einem tiefen Seufzer und sehr zerknirscht Kaunitz.

„Aber jetzt, jetzt weiß ich Alles, jetzt, wo es zu spät, wo das Unglück da ist, und jetzt sag’ ich Ihnen, daß ich Sie hasse, Sie verabscheue, Sie tödten möchte …“

„Sie sind im besten Zuge, mich zu tödten,“ sagte der junge Diplomat nach einer Pause sehr kleinlaut, „durch alles das, was Sie mir sagen, mir, der doch gründlich unschuldig ist! Aber nur um das Eine bitte ich Sie noch, Sie reden von einem Unglück, sagen Sie mir doch nur in zwei Worten, was denn eigentlich geschehen ist …?“

„Was geschehen ist? … daß diese abscheuliche Französin mir heute triumphirend eine unschätzbare Perle gezeigt hat …“

„Ihnen? Die Brissac? Wie? Wo?“ rief Kaunitz überrascht aus.

„Bei einem Besuch, den sie mir machte, ganz geflissentlich nur dazu, um mir zu zeigen, welche Geschenke ihr Gennaro bereits mache und sie, die Unverschämte, von ihm annehme, gerade als ob sie schon seine Braut sei … und daß ich darüber außer mir gerathen bin und in meiner Verzweiflung meiner Tante Alles gestanden habe und daß meine Tante in ihrem Zorn mit dem Könige geredet hat, und daß der König Gennaro, weil er seinen Posten so oft Nachts verlassen, zu verhaften und nach dem Fort Bard zu schicken befohlen, das ist vorgefallen!“

„Teufel,“ murmelte der Diplomat im Rauchfang zwischen den Zähnen, „das ist allerdings Unglück genug! … Und in Ihren Augen, Bianca,“ setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, „bin ich ganz allein an dem Allen schuld?“

„Ja, Sie, Sie, Sie allein!“ rief Bianca im höchsten Zorne aus, „und möge der Himmel Sie dafür strafen, wie Sie’s verdienen!“

„Bianca, wollen Sie noch ein Wort von mir anhören?“

„Nein, nichts, nichts mehr; gehen Sie, gehen Sie und lassen Sie mich endlich, damit ich allein bin, damit ich mich todt weinen kann…“

„Nun wohl, ich gehe; aber Sie werden mir all das Böse, das Sie mir gesagt haben, abbitten, glauben Sie mir das, die Stunde wird kommen!“

Kaunitz begab sich aus den Rückweg. Er bewerkstelligte ihn etwas langsamer, als er gekommen, und langsam auch ließ er, als er wieder in seinem Zimmer stand, den Domino von seinen Schultern gleiten.

„O, mein Herz und meine Perle … wohin seid ihr gerathen!“ sagte er dann nach einer Weile stummen Sinnens … „verirrt, verirrt, kläglich verirrt! Welche Lehre habe ich bekommen!

Armer Diplomat, der sich zutraut, in die Schicksale der Völker eingreifen zu wollen, und sich dabei verliebt! Armer Diplomat und … arme Völker! Aber ist denn Alles verloren … bleibt nun nichts übrig, als Alles gehen zu lassen, wie es gehen mag? Soll ich mein Leben lang mich vor mir selber schämen, soll ich Traun sagen hören: Unglücklicher, gieb mir meine Perle wieder! soll ich diesen Gennaro sagen hören: du bist mein Verderber geworden mit deinen treulosen Weisungen! soll Bianca mich ihr Leben lang als einen Verräther betrachten, diese arme Bianca, die so abscheulich [484] mit mir kokettirt hat? … nein, nein, nimmermehr, ich muß den Dingen eine Wendung geben, die Alles in’s Gleis bringt, ich muß, ich muß, und der Himmel mag mir beistehen, es zu ersinnen, wie’.“


Am Morgen nach einer schlaflosen Nacht, war es das Erste, was Kaunitz vornahm, sich nach dem Cavaliere Gennaro und seinem Schicksale zu erkundigen. Er fand die Nachricht Bianca’s vollauf bestätigt; der Cavaliere war in Verhaft, und es sollte am andern Tage nach dem Willen des Königs ein Kriegsgericht über ihn abgehalten werden, das zu bestimmen hatte, wie lange Zeit der arme Cavaliere in der grausamen Felseneinsamkeit des düstern Forts Bard, das den schaurigsten aller schaurigöden Alpenpässe hütet, zubringen, welchen Theil seines bisher so heiter dahingeflossenen Lebens er darin begraben sollte.

Es war also keine Zeit zu verlieren … wollte der junge Diplomat das Unheil, welches er angestiftet hatte, wieder gut machen, so mußte er rasch handeln.

Und er wollte es wieder gut machen. Die Nacht war ihm nicht umsonst schlaflos verflossen. Sein Plan stand fest.

Er wußte, daß der Baron von Breteuil, der französische Gesandte, um eilf Uhr, nach dem Gabelfrühstück, einen Spaziergang im Parke zu machen pflegte, unter dessen schattigen Wipfeln dann noch die Morgenkühle der stechenden Sonnenhitze nicht gewichen war, welche um diese Zeit bereits auf den schutzlosen Gefilden der Ebene von Turin lag.

Schon eine halbe Stunde vorher schlenderte er wie müßig in den langen Alleen auf und ab. Endlich sah er den Baron, allein, sogar ohne den galonnirten Diener, der ihm gewöhnlich in einiger Entfernung folgte, daherkommen.

Als sich Beide erreicht hatten, grüßte Kaunitz mit der Miene eines Mannes, der vorübergehen will; er war sicher, daß der Baron nicht unterlassen werde, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen und darin einige Angeln auszuwerfen; gegen den bloßen Gesandtschaftsattaché brauchte er nicht die ceremoniöse Zurückhaltung zu beobachten, welche er dem Gesandten einer feindlichen Macht gegenüber auch auf diesem neutralen Gebiet hätte beibehalten müssen.

„Sieh da, lieber Graf Kaunitz,“ sagte der Baron mit der herablassenden Gnade, die er in seinen vollen, sehr wohlwollenden Zügen ausdrücken konnte, und mit einer leichten Verbeugung seiner kräftigen Gestalt, die ein bauschiger heller Sammtrock stattlich umwallte, „ich freue mich, zu sehen, daß auch Sie von diesem prächtigen Schatten angezogen werden … darf ich mir nicht die Ehre Ihrer Begleitung ausbitten? Man wird hoffentlich kein Staatsverbrechen darin sehen, wenn man uns ein wenig harmlos zusammen plaudern sieht … nicht wahr, dies Stupinigi ist ein schönes Schloß … und welcher Park!“

„Sie sind sehr gnädig, Excellenz,“ versetzte Kaunitz, indem er sich ihm anschloß, „in der That, auch ich finde Stupinigi der Bewunderung Eurer Excellenz vollkommen würdig. Der große Juvara hat nie etwas Schöneres und Großartigeres geschaffen!“

„Und ein vortrefflicher Aufenthalt,“ sagte lächelnd die Excellenz, „so lange jenseits der Parkmauern die heiße Sonne Italiens glüht … ein Schauder faßt mich an, wenn ich daran denke, diese Schatten verlassen zu sollen …“

„Wenn man dabei im Schatten von Siegeslorbeeren bleibt, Excellenz, denk’ ich mir doch die Sache nicht so unerträglich … die kurze Reise durch die Sonne, bis man sich dann bald am Ziele daheim wieder im Schatten der erworbenen königlichen Gnade bergen kann…“

„Aber für den, der am Ziele diesen Schatten nicht findet … und Einen von uns muß über Kurz oder Lang dies Schicksal treffen…“

„Freilich,“ sagte Kaunitz mit einem halb unterdrückten Seufzer … „schon über Kurz, denn unsere Monarchin drängt, sie will eine peremptorische Erklärung … sie weiß, welchen gefährlichen Gegner wir am Baron von Breteuil haben, und fürchtet mit Recht bei längerem Verhandeln eine Niederlage, wo ein solcher Feind uns gegenübersteht!“

„Das ist allerdings sehr schmeichelhaft für mich, mein lieber Graf; aber, mon cher, wir müßten sehr naiv sein, wenn wir nicht aus dem Ton der Niedergeschlagenheit, womit Sie das sprechen, den Verdacht schöpfen sollten, daß Ihre Sachen sehr gut stehen, daß Sie eine sehr gute Position beim Könige eingenommen haben!“

(Schluß folgt.)


Ein deutscher Fürst im Stillleben des Exils.

Rhein, Main und Lahn, drei Flüsse reich an Wundern und Schönheit, und die auserwähltesten dieser Wunder, dieser Schönheiten gruppiren sich zusammen in dem Herzogthum Nassau. Man wird uns nicht mißverstehen: wir meinen nicht die jetzige Regierung dieses Herzogthums, welche in ihrer Art freilich auch ein Wunder ist. Rhein und Main, die beiden reichen stolzen Flüsse kennt alle Welt; die Lahn, das Aschenbrödel, wird erst bekannter, nicht seitdem es einen goldenen, sondern seitdem es einen eisernen Schuh geschenkt erhalten hat in Gestalt der Lahnbahn. Jetzt erst dringt das reisende Publicum tiefer in das schöne Lahnthal; früher war Ems der letzte Vorposten der eleganten Welt; Ems, die artige Vorstadt von St. Petersburg, berühmt durch seine Bubenquelle. Von Ems fährt man jetzt weiter nach Nassau, dem Geburtsort des Freiherrn v. Stein; von Nassau am Kloster Arnstein und an den Silbergruben von Holzappel vorüber gen Dietz. Da passirt man denn ein kleines Dörfchen am linken Lahnufer, malerisch überragt von der alten verwitterten Ruine Balduinstein. Das Dörfchen führt den gleichen Namen, und man würde diesen sowie die Art seiner Existenz, die Nothdurft der Gegenwart, eingesponnen von dem Epheu bröckelnder Vergangenheit und knapp berührt von dem gewaltigen Flug neuer Zeiten, wohl bald vergessen haben, wenn nicht in den höheren Gebirgszügen, dicht über Balduinstein, ein stolzes, bewohntes Schloß seine Zinnen zeigte. Hohe, zackige Schieferfelsen steigen hier allseitig empor, und weit über sie hinaus ragt ein grünumwaldeter Basaltkegel, geziert mit den schimmernden Zinnen und Thürmen der Schaumburg.

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Schloß Schaumburg in Nassau.

Wer noch vor zehn Jahren diesen wenig besuchten Strich des schönen Ländchens Nassau durchwanderte, würde heute kaum mehr die frühere Residenz der Fürsten von Schaumburg erkennen, so sehr hat der gegenwärtige Besitzer der Herrschaft, Erzherzog Stephan von Oesterreich, das alte, einförmige Burggemäuer, die [485] Gärten und Parks umzugestalten gewußt. Tausende von Fremden pilgern während der heiteren Jahreszeit dahin, und wohl wenige verlassen unbefriedigt diese freundlich geöffneten Räume mit ihren Natur- und Kunstschätzen, diese Thürme mit der weittragenden Aussicht.

Steigt der Wanderer den steilen Fußweg von Balduinstein nach Schaumburg hinan, so begegnet er vielleicht oben an der weiten Lindenallee einem hochgewachsenen Manne mit schwarzem Haar und Bart und einfachem grauen Anzuge; vielleicht ist dieser Mann eben beschäftigt, eine Pflanzengruppe zu ordnen oder Farne und Moose in die Mauern aus rohen Steinblöcken einzusetzen. Der Angekommene bittet ihn um Auskunft wegen Besichtigung des Schlosses, und weil eben kein Führer zur Hand ist, verläßt der Arbeitende seine Gewächse und geleitet, bereitwillig die neugierigen Fragen beantwortend, den Fremden hinauf durch das Thor. Hier übergiebt er ihn dem Castellan und kehrt zu seiner Arbeit zurück. Mancher beeilt sich dann mit der Rundschau, um noch einmal diesen freundlichen Führer zu sehen; denn es war, wie man ihm oben sagte, der Erzherzog selbst.

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Erzherzog Stephan von Oesterreich.

Erzherzog Stephan ist eine fürstliche Persönlichkeit im besten Sinne des Wortes; ist es Zufall oder ist es eine Einwirkung seiner Umgebung in einer bewegten, ereignißvollen Zeit, in seinem ganzen Wesen spricht sich neben der vollen Ritterlichkeit jene kindliche Herzensgüte aus, welche die Persönlichkeiten des ungarischen hohen Adels und mehr oder weniger des ganzen Magyarenvolkes so sympathisch charakterisirt und welche, wie man meinen sollte, sehr wohl geeignet sein dürfte, die Kunst, dieses Volk zu regieren, wesentlich zu erleichtern. Unverkennbar in der Person des Fürsten ist die Aehnlichkeit mit seiner ausgezeichnet schönen Mutter, der Prinzessin Hermine von Schaumburg.

Als der Erzherzog Joseph, Palatinus von Ungarn, seine erste Frau verloren hatte, führte er die älteste Tochter des Fürsten von Anhalt-Bernburg-Schaumburg heim; aus dieser Ehe entsprossen Zwillinge, der Erzherzog Stephan und seine im schönsten Alter hinübergegangene Schwester Hermine. Der Tag, welcher den beiden Kindern das Leben gab, der 14. Septbr. 1817, brachte der Mutter den Tod; aber die fürstliche Großmutter zu Schaumburg, eine der gebildetsten Frauen ihrer Zeit, nahm sich der Verwaisten an und führte sie auf ihr Schloß, das heute für den Enkel wieder ein bevorzugter Aufenthalt geworden ist.

Erzherzog Stephan erhielt eine äußerst sorgfältige Erziehung, eine Erziehung, die auf eine ganz bestimmte locale Stellung im österreichischen Staate berechnet war. Es ist eine allbekannte Sache, daß man wegen des Conglomerats von so vielen Nationalitäten des Reichs in keinem fürstlichen Hause mehr Sorgfalt auf die sprachliche Ausbildung verwendet, als in der kaiserlichen Familie. Die sechs Sprachen, welche der Erzherzog Stephan mit derselben Geläufigkeit spricht, wie seine Muttersprache, fallen darum vielleicht nicht so sehr in’s Gewicht, wie das wissenschaftliche Element, das man bei seiner Ausbildung besonders im Auge hatte. Für einen Jüngling von so hervorragenden Talenten handelte es sich vor Allem um specielle Berücksichtigung der bedeutungsvollen Stellung, die er voraussichtlich einnehmen mußte; es handelte sich um eine Erziehung, berechnet auf die Regierung eines Staates. Daß das Vaterland Ungarn mit seinem politischen und nationalen Leben besondere Richtschnur für den klugen Palatinus Joseph in der Ausbildung seines Sohnes wurde, ist darum leicht begreiflich. Die hervorleuchtenden Eigenthümlichkeiten des Erzherzogs Stephan sind insofern echt magyarisch; die bemerkenswerteste darunter ist unbedingt sein eminentes Rednertalent, das heute noch die Bewunderung derer erregt, welche Gelegenheit haben, ihn zu hören.

Für die Ungarn, welche mit außerordentlicher Vorliebe an dem Hause ihres Palatins hingen, hatte es einen besonderen Reiz, zu wissen, daß ihr Prinz Stephan auch ein vorzüglicher Reiter sei, daß er auf der Pußta die halbwilden Pferde zu tummeln wußte, wie der beste Csikos und daß er sich jederzeit bemühte, die Zustände und Bewohner des Landes, wie auch dieses selbst persönlich kennen zu lernen.

Im März des Jahres 1838 trat eine für Pesth und Ofen verhängnisvolle Katastrophe ein: die Donau überfluthete bei dem Eisgang die Ufer, drang mit außerordentlicher Schnelligkeit und Gewalt in die niedriggelegenen Viertel von Ofen und überschwemmte ganz Pesth. Tausende von Menschen retteten sich in die oberen Stockwerke der Häuser und waren tagelang von allem Verkehr abgeschnitten; denn die immer steigende Fluth führte die Eisblöcke durch die Straßen, so daß auch die Muthigsten sich nicht in dieses den Untergang drohende Chaos wagten. Jetzt war es der einundzwanzigjährige Prinz Stephan, der trotz aller Abmahnung einen Kahn mit Lebensmitteln füllte und getrost hinaussteuerte in die tosenden Gewässer, um den halbverhungerten, von dem fürchterlichen Elemente gefangen gehaltenen Bewohnern Nahrungsmittel zuzuführen und in Sicherheit zu bringen, was sich aufnehmen ließ. Dieses Vorbild wirkte zündend, und die Cavaliere setzten so gut ihr Leben dran, wie der gemeine Mann, um nicht hinter dem Erzherzoge zurückzubleiben. Selbst dann, als sich die Gewässer verlaufen, hatte die Noth noch nicht ihr Ende erreicht. Hunderte von Häusern waren rein weggeschwemmt und verhältnißmäßig viele total unbewohnbar geworden. Der Palatinus lag krank darnieder, und so war es sein Sohn, der zahlreiche Anstalten zur Unterstützung und Verpflegung der Geschädigten in’s Leben rief und leitete. Diese Unglückstage von Pesth und Ofen haben die Ungarn heute noch nicht vergessen und gewiß auch nicht des hochherzigen Fürsten, dem sie damals aus allen Landestheilen begeisterte Adressen zuschickten und von dem ein Augenzeuge schreibt: „Wie ein aus höhern Regionen gesandter Schutzgeist waltet er unter den Unglücklichen, keine Gefahr, keine Widerwärtigkeiten scheuend. Ihn begleiten auf seinem Rettungszuge der Muth und die Liebe, und ihm nach schweben die Genien des Dankes und der Freude.“

Es ist eine feststehende Thatsache, daß Niemand die auf ihre konstitutionellen Rechte mit eifersüchtigen Augen wachenden ungarischen Großen besser behandeln und leiten konnte, als der Palatinus Joseph. Unter seiner speciellen Aufsicht wurde der junge Prinz in die Geschäfte eingeführt und so mit den nationalen, von den politischen Einrichtungen der übrigen Theile der Monarchie vollständig abweichenden Formen des Königreichs gründlich bekannt gemacht. Die Ungarn, deren Augen damals mehr auf das Haus ihres Palatins, als nach Wien gerichtet waren, setzten darum die ganze Zukunft des Landes auf die Person des Erzherzogs Stephan und sprachen von ihm als von einem specifisch ungarischen Prinzen.

Während der Jahre 1841, 42 und 43 bereiste der Erzherzog Deutschland und Italien. Mit dem Jahre 1844 schlug für ihn die Stunde, wo ihn der Kaiser zum ersten Male zur selbstständigen Verwaltung eines bedeutenden Kronlandes berief: er wurde zum General-Statthalter von Böhmen ernannt. Aufgewachsen in den constitutionellen Formen des Königreichs Ungarn, mochte es der damals 27 jährige Erzherzog kein Leichtes finden, sich in die rein absolutistischen Principien zu schicken, nach denen Böhmen regiert [486] wurde. Der ruhige Scharfblick des Statthalters fand jedoch bald den richtigen Weg, um den alten Feudalherren Böhmens ein erhöhtes Interesse auch für das Allgemeine beizubringen; sie schaarten sich um ihn, und durch sein gewandtes, liebenswürdiges Wesen schuf er sie zu bereitwilligen Mitarbeitern seiner volksfreundlichen Bestrebungen um. Die in alle Zweige der Verwaltung gestaltend eingreifende rastlose Thätigkeit des Erzherzogs Stephan rief in dem Königreiche ein verständig liberales System in’s Leben, dessen Früchte der Bürger bald zu fühlen begann.

Während seiner dreijährigen Statthalterschaft war Böhmen zweimal durch bedeutende Unglücksfälle heimgesucht. Im Winter 1845 überschwemmte die Moldau einen Theil des Landes, besonders die Hauptstadt Prag, und im folgenden Jahre entstand durch eine Mißernte Mangel und Noth, vor allem in den armen Bezirken des Erz- und Riesengebirges. Hier zeigte sich so recht die aufopfernde Thätigkeit des Erzherzogs. Er überzeugte sich an Ort und Stelle von der Ausdehnung des Unglücks, und auf seinen Betrieb flossen die reichsten Unterstützungen zusammen; hauptsächlich aber suchte er durch dauernde Arbeit der Noth für die Zukunft die Spitze zu brechen. Auch den Aufruhr der Fabrikarbeiter in Prag, der einen blutigen Ausgang zu nehmen drohte, stillte er durch sein taktvolles Auftreten.

Leider währte diese segensreiche Wirksamkeit, welche ihm in Aller Herzen ein bleibendes Denkmal setzte, nur kurze Zeit. Denn am 13. Januar 1847 starb der Erzherzog Palatin Joseph. Die Ungarn betrauerten in ihm einen Fürsten, der fünfzig Jahre lang zum Wohle des Landes gewirkt hatte. Den 18. Jan. desselben Jahres wurde Erzherzog Stephan zum Statthalter Ungarns ernannt unter allgemeinem Jubel der Nation. Diese Würde kann der König ohne Zuziehung der Stände verleihen; sie schließt übrigens dieselben Machtvollkommenheiten in sich, wie das Palatinat. Als der neue Statthalter im Sommer 1847 eine Rundreise durch das Land machte, glich dieselbe einem ununterbrochenen Triumphzuge; die Magnaten und das Volk überboten sich an Beweisen der Zuneigung und Verehrung, und es steht fest, daß in der damaligen Zeit selbst in der Residenzstadt Wien kein Prinz bei der Bevölkerung so populär war, wie der Erzherzog Stephan.

Mit dem Tode des Palatins Joseph drängten sich aber auch zum ersten Male alle jene unruhigen Elemente in den Vordergrund, die schon längst zu dem Glauben gelangt waren, sie allein seien die Nation. Im Monat September erschien das königliche Rundschreiben, wornach der Reichstag auf den 7. November zur Wahl des Palatins und zur Hebung der Landeswohlfahrt zusammentreten solle; von dieser Zeit begannen die Agitationen auf eine Weise, von der man in unserm Vaterlande kaum einen Begriff hat. Unmittelbar nach der Rückkehr von seiner Rundreise war der Statthalter nach Wien geeilt, hatte dort in rückhaltloser Darlegung die Verhältnisse Ungarns geschildert und die dringende Nothwendigkeit zeitgemäßer Umgestaltung in vielen Zweigen der Verwaltung derart befürwortet, daß die österreichische Regierung auf dem baldfolgenden Reichstage der Nation die weitgehendsten Zugeständnisse machte.

Aller Blicke waren auf den Erzherzog Stephan gerichtet, mit dem man die Geschicke des Landes innigst verknüpft glaubte; daher die freudige Theilnahme, als er am 18. October, so recht mitten in den Tagen des fieberhaft aufgeregten politischen Lebens von dem jetzigen Kaiser Franz Joseph als Obergespan des Pesther Comitats installirt wurde. Zum ersten Mal seit vielen Jahren klangen hier den Ungarn die süßen Laute ihrer Muttersprache amtlich aus dem Munde ihres künftigen Königs und von den Lippen ihres baldigen Palatins entgegen. Wer mochte ihnen die Genugthuung mißgönnen, die sie darin fanden, daß der Erzherzog Stephan ein geborner Ungar sei! Drei Bezirksstuhlrichter hoben ihn dreimal in die Lüfte unter dem donnernden Zuruf der Menge; so hatten es die Magyaren schon vor tausend Jahren gethan, als sie Alom zum obersten Heerführer wählten.

Am 10. November 1847 trat der neue Landtag zusammen. Gleich in der ersten Circularsitzung beantragte Kossuth, der Deputirte Pesth’s, daß die Schwurformel für den neuen Palatin in ungarischer Sprache abgefaßt sein müsse und daß er laut Instruction seiner Wähler vorschlage, den Erzherzog Stephan so zum Reichspalatin zu wählen, daß zwar die Candidation dein Landtage übergeben, jedoch nicht eröffnet werde. Allgemeine jubelnde Zustimmung begleitete den Redner, als er in erhebenden Worten das Vertrauen, die Liebe und Hingebung der Nation zu dem Erzherzog schilderte. Beide Anträge wurden angenommen. Tags daraus traf der Kaiser in Preßburg ein; umgeben von mehreren Prinzen des Hauses, eröffnete er unter großen Feierlichkeiten den Reichstag, und bei der nun folgenden Wahl wurde der Erzherzog Stephan unter dröhnendem Zurufe des überfüllten Saales einstimmig zum Reichspalatin erwählt.

Die Stände und die Magnatentafel hielten von jetzt an ihre regelmäßigen Sitzungen, in denen sich die bestehenden Parteien nur kurze Zeit bekämpften; die streng conservativen Aristokraten erlagen bald, und eben so schnell gewann die radicale Partei die Oberhand. Kossuth verstand es, die Nationalität überall in den Vordergrund zu stellen und damit die Versammlung freiwillig oder gezwungen vorwärts zu treiben. Das Unrecht, welches man durch die bezüglich der Ausdehnung der ungarischen Sprache gefaßten Beschlüsse den angefügten Ländern wie Serbien und Kroatien zufügte, erbitterte diese auf’s Höchste und machte sie zu activen Gegnern der Ungarn, als dieselben nach den französischen Februarereignissen den Weg der Revolution betraten.

So lange die Thätigkeit des Landtags auf dem Boden der Verfassung blieb, fand sie einen bereitwilligen Förderer an dem Erzherzog Palatin; alle die liberalen Gesetze über Preßfreiheit, Vertheilung der Abgaben und einen besseren Volksunterricht wurden von ihm auf’s Eifrigste unterstützt. Kossuth mit seinem Anhange arbeitete übrigens auf eine völlige Lostrennung von dem Reichsverband hinaus und stürzte eine der alten Verfügungen, welche das Land mit der regierenden Dynastie verknüpften, nach der andern um. Der Palatin suchte Alles aufzubieten, um in diesen verhängnißvollen Zeiten das Amt des Vermittlers zwischen Krone und Landtag auf eine für beide Theile ersprießliche Weise auszuüben, und stellte sich selbst an die Spitze einer Deputation, die dem Kaiser die Wünsche und Forderungen der Nation vorlegte: Vertretung der unteren Stände auf dem Reichstag, Gleichheit vor dem Gesetz in bürgerlicher und religiöser Hinsicht, Volksbewaffnung, Beeidigung des Heeres auf die Verfassung, Entfernung fremder Truppen aus dem Lande und ausschließliche Verwendung der ungarischen Regimenter im Lande selbst. – Als die Magnatentafel ihm die Bitte vortrug, diese Petition selbst zu überbringen, erklärte er, daß er allen seinen persönlichen und selbstständigen Einfluß aufbieten wolle, um die Wünsche der Nation zu verwirklichen. Zwar wurden diese einzelnen Punkte nur mit Vorbehalt genehmigt, aber zugleich ernannte der Kaiser den Erzherzog zum Statthalter mit unbeschränkter Vollmacht.

Auch hier hieß es: „Zu spät!“ Wie eine nicht mehr aufzuhaltende Fluth brauste jetzt die Revolution über das Land hin. Schon während des Aufenthaltes der Deputation in Wien war der Sturm losgebrochen. Denn man erwartete von Wien nichts mehr. Auch der Palatin vermochte nicht mehr den Damm aufzurichten, der einmal durchbrochen war, und bemühte sich nur noch, seinen Einfluß dahin geltend zu machen, daß das drohende Unglück des Bürgerkriegs abgewendet blieb.

Schon lange hatten jedoch die mit dem Königreich verbundenen Nationen der Serben und Kroaten voll Grimm die Verhandlungen der beiden Tafeln verfolgt; die offenkundige Geringschätzung der Ungarn gegen sie trieb sie zum letzten Schritt, zur völligen Losreißung. Und so brach denn der Bürgerkrieg wirklich aus. Wir können die nun folgenden Ereignisse aus jüngstvergangener Zeit als unsern Lesern bekannt voraussetzen. In allen seinen Plänen zur Rettung Ungarns gehemmt, mußte der Erzherzog endlich machtlos dieses Feld der Zerfahrenheit überblicken. Im Königreich selbst eine vollendete Anarchie, heraufbeschworen durch die ultramagyarischen Radicalen, vor deren zerstörender Macht das beste Gesetz nicht über Nacht Stand hielt; bei der Regierung in Wien die weitgehendsten öffentlichen Zugeständnisse, im Geheimen aber schleunige Gegenminen, Aufreizen und Vorwärtstreiben der mit den Ungarn verbundenen Nationen: dies Alles mußte die besten Kräfte lahmlegen. So verließ denn der Erzherzog ein Land, das für ihn in seiner Stellung keinen Fuß breit Boden mehr zeigte, um sich den vernichtenden Gewalten entgegenzustemmen. Er legte seine Würde in die Hände des Kaisers nieder und zog nach dem Schlosse Schaumburg an der Lahn.

Bewegte sich die Thätigkeit des Erzherzogs Stephan auch nicht geradezu in den Bahnen eines gekrönten Hauptes, so war sie doch unzweifelhaft von derselben Bedeutung. Seine Persönlichkeit, seine [487] liberalen Grundsätze, seine Stellung in der kaiserlichen Familie machten ihn zu einem der ersten Männer der Monarchie. So lange er öffentlich zu wirken berufen war, bekundete er die ausgezeichneten Eigenschaften seines Herzens und Geistes auf die wohlthätigste Weise. Er war einer der Wenigen, welche vor den Tagen der Revolution den Begriff von Volk in anderer Weise auffaßten, als man es in den obersten Kreisen gewohnt war, der in ihm den Hauptkern des Staates erkannte und darnach seine Thätigkeit einrichtete. Der Frühling des Jahres 1848 zog jedem Gewaltigen der damaligen Zeit den Boden unter den Füßen weg; es ist darum ein sprechendes Zeugniß für ihn, daß in der größten Aufregung der politischen Parteien die Ungarn immer mit Anhänglichkeit und Achtung zu ihm aufblickten und daß diese Sympathien selbst den Schrecken der blutig unterdrückten Revolution überdauerten. Die Ereignisse haben ihn wohl aus dem Vaterlande entfernt, aber demselben nicht entfremdet. Heute sind die Verhältnisse des Königreichs noch nicht so weit geordnet, daß darauf die Hoffnung auf die günstigste Zukunft für das Land gegründet werden könnte. Wer aber die politische Wirksamkeit des Erzherzogs in Böhmen, wer seine Vertrautheit mit dem Charakter und den Bedürfnissen der ungarischen Nation, wer seine freisinnige und ausdauernde Thätigkeit vor dem unglückseligen Kriege im Lande kennt, wird gewiß die Ueberzeugung hegen, daß kein anderer österreichischer Prinz so wie er geeignet ist, die Angelegenheiten der Ungarn zur Ausgleichung zu bringen, wenn sie überhaupt auf diesem Wege ausgeglichen werden sollen. – Mit dem Tage seiner Ankunft in Schaumburg begann für den Erzherzog Stephan ein neuer Lebensabschnitt. Die friedliche Einsamkeit des alten Schlosses inmitten der Berge und Wälder, die ländliche Bevölkerung mit ihren ganz anderen Bedürfnissen und Anschauungen, dies Alles mußte einem von Natur thätigen Charakter eine vollständig neue Richtung anweisen. So treffen wir denn den Erzherzog bald nach seiner häuslichen Niederlassung in Schaumburg umgeben von Hunderten von Arbeitern. Die alten Mauern des einförmigen, geschmacklosen Burgbaues sinken eine nach der andern in den Staub, und aus den Ruinen empor steigt ein neuer Bau, mit hohen Thürmen und Zinnen, der innerhalb fünf Jahren vollendet wurde.

Geben wir aber auch zu, daß dieser Winkel der Erde, welchen sich der Erzherzog ausgesucht, ein schöner und lachender ist, so muß er doch Jemandem, der große Königreiche regiert und so unruhige Zeiten erlebt hat, klein und still vorkommen. Wir wollen nicht untersuchen, warum der Erzherzog Ursache hat, Ungarn, oder Wien, oder Oesterreich überhaupt zu meiden, aber so viel ist gewiß, daß sein Aufenthalt in Schaumburg viele Aehnlichkeit mit einer Verbannung hat.

Sein Stillleben ermangelt zwar nicht der Anerkennung und der Huldigungen, welche ein Fürst in seiner Stellung schwer ganz entbehren kann. Bei dem nassauischen Hof, der im Winter in Wiesbaden, im Sommer in Bieberich residirt, ist er ein oft und gern gesehener Gast. Ebenso besucht er öfters die Höfe in Oldenburg, Weimar u. a. – In Limburg an der Lahn hat der katholische Bischof, Peter Joseph Blum, eine Hauptstütze der episkopal-ultramontanen Partei, seinen Sitz, und man kann sich denken, daß er und seine geistlichen Räthe, Domherren, Domcapitulare, Regens und Subregens, Vicare und Kapläne und wie der zahlreiche geistliche Hofstaat sonst noch heißt, es an Aufmerksamkeiten nicht fehlen lassen gegenüber einem Prinzen, der dem Hause Oesterreich angehört und einem Lande, welches das beste aller Concordate erzeugt und trotz des gegenwärtig dort herrschenden Constitutionalismus noch nicht wieder abgeschafft, ja nicht einmal in einem Jota geändert hat. Und der Erzherzog muß natürlich diese Aufmerksamkeiten erwidern und zuweilen in Limburg erscheinen, namentlich wenn der protestantische Herzog von Nassau, der in dem römischen Klerus die Stütze seines Throns erblickt, dort erscheint, und wenn große Kirchenfeste feierlich begangen werden. Welche dieser verschiedenen Solennitäten dem Erzherzog das größte Vergnügen macht, wissen wir nicht. Bei einigen derselben, versichern uns glaubwürdige Leute, soll er zuweilen ermüdet und gelangweilt aussehen. – Mitunter erhält er Besuch aus Oesterreich, aber nicht oft. Dann mag er begierig der Kunde lauschen aus dem fernen Lande und der alten Zeit und, den langen gewundenen Schnurrbart drehend, seinen Erinnerungen sehnsüchtig nachsinnen. Denn er hat doch Großes erlebt und in der Tiefe seines Herzens liebt er sein altes Ungarn gegenwärtig noch ebenso sehr, wie damals, als ihn unter dem „Eljen“ der Menge die drei Bezirksstuhlrichter dreimal in die Luft hoben.

Wohlthuender scheint ihm jedoch die treuherzige Huldigung des Volks zu sein. Die nassauischen Bauern sind ihm wegen seiner Leutseligkeit und seiner Mildthätigkeit aufrichtig zugethan. Sie lassen sich sogar gefallen, daß er sie à la grand-seigneur „Du“ nennt, während sonst unsere Bauern doch zu selbstbewußt und zu eifersüchtig auf Gleichberechtigung sind, um sich einen solchen einseitigen „Schmollis“ gefallen zu lassen. Allein der Herr ist ja eigentlich fremd hier, und sein gemüthliches österreichisches Plaudern klingt so schön, daß man ihm am Ende diesen Verstoß gegen die demokratischen Sitten des alten „Einrich-Gau“ verzeihen kann; und er meint es auch ohne Zweifel gut, denn er kennt jeden Burschen und jedes Mädel bei seinem Vornamen und kümmert sich angelegentlich um ihre kleinen Leiden und Freuden. Ja, er verherrlicht sogar zuweilen eine Dorfkirchweih mit seiner Gegenwart und sieht dann viel aufgelegter aus, als wenn er bei einer großen bischöflichen Ceremonie in Limburg paradirt. Ein großes Verdienst hat er sich um den Volksunterricht auf dem flachen Lande erworben. Er ist ein aufrichtiger Freund und Gönner des von weltlicher und geistlicher Seite gleich sehr geplagten Standes der Volkslehrer. Den Dorfschulen widmet er seine volle Aufmerksamkeit. Zur Zeit der Frühjahrsprüfungen sieht man ihn von Dorf zu Dorf reiten, um denselben beizuwohnen. Dabei ist er überhaupt ein großer Freund der Kinder und bereitet denselben zuweilen auf seinem Schlosse Festlichkeiten und Freuden. Regelmäßig veranstaltet er eine große Weihnachtsbescheerung. Tage lang vor derselben sind die Säle des Schlosses der Welt unzugänglich. Denn drinnen haust ein stark beschnurrbartetes „Christkindchen“, das Kisten und Kasten Kinderspielzeug und dergl. von den heranziehenden Kaufleuten in Empfang nimmt und deren Inhalt mit weiser und gerechter Hand abtheilt für die Kleinen, die den bunten Kram demnächst jubelnd in Empfang nehmen, fast in ihrer Freude nicht achtend des in ihrer Mitte stehenden schlanken, blassen, männlich ernsten Wohlthäters, der doch in diesem Augenblick vielleicht noch glücklicher ist, als die von ihm Beglückten.

Die Zeit, welche nicht in Anspruch genommen wird von solchen wohlthätigen und gemeinnützigen Bestrebungen, widmet der Erzherzog wissenschaftlichen Studien und der Verwaltung seiner Kammergüter. Seine Beamten und Diener rühmen seine Kenntnisse und seinen Fleiß. Kein irgend erheblicher Gegenstand in seiner Verwaltung wird erledigt ohne seine persönlichste Mitwirkung. In den Verwaltungsacten findet man vieles von seiner eigenen Hand geschrieben. Seine Schrift ist fest, groß, fließend und klar, hat aber jenen kanzleimäßigen Charakter, dem wir so oft bei österreichischen Handschriften begegnen.

Im Schloß befindet sich eine Bibliothek von 30,000 Bänden und eine große Mineraliensammlung. Die letztere wird, abgesehen von den Sammlungen öffentlicher Anstalten, in Deutschland schwerlich ihres Gleichen haben. Mancher Gelehrte pilgert nach Schaumburg und findet dort gastfreundliche Aufnahme. Auch der naturwissenschaftliche Verein wurde, als er in Bad Ems tagte, von dem Schloßherrn auf Schaumburg eingeladen und fand in demselben nicht nur einen freundlichen Wirth, sondern auch einen tüchtigen Mineralogen.

Als Besitzer der Herrschaft Schaumburg ist der Erzherzog Stephan auch „gebornes und erbliches standesherrliches Mitglied“ der ersten Kammer von Nassau. Nach der nassauischen Verfassung haben aber die Standesherren das Recht, statt selbst zu kommen, Stellvertreter in die Kammer zu senden. Die meisten fragen zuvor bei dem Herzog, wer ihm genehm sei, und ertheilen dann diesem Manne, welchen sich die Regierung selbst zum Controleur gewählt hat, ihr Mandat. So kommen denn Kammerherren, Hofdiener, Jagd-Bedienstete etc. in das nassauische Herrenhaus. Der Vertreter des Erzherzogs ist ein Herr von Breidbach, der früher Hofstallmeister und jetzt Adjutant des Herzogs ist. Jedenfalls würde der Erzherzog, wenn er sich um die öffentlichen Zustände in Nassau selbst kümmern wollte, manchen Mißstand abstellen können. Denn von ihm würden wohl selbst die officiellen und klerikalen Stimmen nicht behaupten, er sei ein Feind des nassauischen Throns, wie sie es von jedem Andern thun, der den Muth der Wahrheit hat.

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Die todte Eva.
Historische Mittheilung aus dem Hofleben früherer Tage. Von George Hiltl.

Es war im Jahre des Heiles 1532.

Hinter dem Fenster des Erdgeschosses eines entlegenen Hauses auf dem Altenwiek zu Braunschweig war am Abende des heiligen Cyprianstages noch spät heller Lichtschein zu erblicken. In dem Zimmer, von dessen Fenster aus jener Schein strahlte, ging ein Mann unruhig auf und nieder. Er hatte die Hände auf den Rücken gelegt und schien nachzudenken. Seine ganze Erscheinung, sowie seine Kleidung ließen in ihm den Künstler erkennen. Es war Andreas Siemon, der Bildschnitzer von Braunschweig, ein sehr geachteter und in seiner Kunst hochberühmter Mann, durch dessen Hände gar manche Kanzel und Kirche, manches Schloß und viele Privathäuser ihre Zierrathen erhalten hatten.

Als die Glocken Mitternacht anschlugen, trat der Meister zum Fenster und drückte die Stirn gegen die Scheiben. Seine Augen suchten draußen Etwas zu erspähen. Umsonst! Die Dunkelheit war allzu groß. Dagegen vernahm sein Ohr den Hufschlag von Rossen, welche die Gasse heraufzukommen schienen. Es währte auch nicht lange, so hielten Reiter vor dem Thore des Hofes, der des Meisters Haus von der Gasse trennte. Siemon ging eilig aus dem Zimmer, überschritt den Hof und öffnete das Thor. Der eine der beiden Reiter war schon abgestiegen, der noch Aufsitzende hielt das ledige Pferd. Siemon reichte dem Abgestiegenen die Hand und führte ihn, leise die Treppe voransteigend, in das Zimmer, dessen Fenstervorhänge er schloß. Der Ankömmling warf Mantel und Kappe ab. Er zeigte sich als schönen, stattlichen Mann, den das spanische Wammes und die hohen Reitstiefel trefflich kleideten. Ein herrlich gearbeitetes Waidmesser hing in goldener Fangschnur an seiner Linken, und dicke silberne Sporen klirrten an seinen Füßen.

„Willkommen, Herr Herzog!“ redete Siemon den Fremden an, „wollet Euch ein wenig niedersetzen in meiner schlechten Behausung und dann mir Eueren Wunsch oder Befehl mittheilen, den zu vernehmen ich Euch heute erwartete.“

Der Gast des Meisters war Niemand anderes als Herzog Heinrich der Jüngere von Wolfenbüttel, ein unruhiger, lebendiger und verwegener Herr, des Herzogs Heinrich von Würtemberg, dessen Tochter Maria er geheirathet hatte, nicht geliebter Schwiegersohn; ein Feind der neuen Glaubenslehre, zu welcher sich die Häupter des schmalkaldischen Bundes, die Verwandten seines Hauses und seiner Gattin bekannten.

„Mein Besuch soll bald beendet sein, Meister,“ entgegnete der Herzog, „sehet zu, daß wir ungestört sind.“

„Wir sind es, gnädiger Herr, mein Hausgesinde liegt in tiefem Schlafe. So habe ich es eingerichtet.“

„So höret. Ich komme Euere Kunst in Anspruch zu nehmen. Ich habe ein Spiel vor, das Niemand wissen soll. Haltet reinen Mund, und meine Gunst wird Euch bleiben. Ihr wißt, daß ich Euch stets hervorgezogen und Eueren Meißel viel beschäftigt habe.“

„Ihr könnt auf mich zählen, gnädiger Herr.“

„Ihr sollet mir also ein Bild fertigen. Das Bild soll aussehen, als schlafe es. Es muß eine Holzfigur sein, aber malet das Gesicht fein an, gleich als wäre es das Antlitz eines schlafenden oder verstorbenen Menschen. Auch sorgt dafür, daß Ihr das Gebild auf den St. Michaelstag fertig habt.“

Siemon stutzte.

Darauf aber sank das Gespräch der Beiden zu einem leisen Geflüster herab, also daß man davon nichts mehr verstehen konnte.

Nach einer Weile drückte der Herzog dem Meister die Hand und verließ dessen Haus. Bald waren die Hufschläge der davontrabenden Rosse verhallt; Siemon löschte seine Lampe und warf sich, nachdenklicher geworden, auf sein Lager. –

Am St. Michaelstage wandelte ein Mann durch die Laubgänge des herzoglichen Schloßgartens zu Wolfenbüttel. Ueber seinen Kleidern trug er eine weite Sammetschaube, unter welcher ein ziemlich großer Gegenstand versteckt schien. Nachdem er sorgfältig hin und her gespäht hatte, erblickte er endlich den Herzog Heinrich. Schnell eilte er auf ihn zu. Heinrich befahl ihm einen Augenblick zu verziehen und ging zwischen den Gebüschen hindurch zu einem Seitenthurme des Schlosses. Siemon folgte, erstieg hinter dem Herzoge eine Schneckentreppe und trat fast mit ihm zugleich in das kleine Gemach, welches Heinrich „sein Stüblein“ nannte. „Gebt schnell her! laßt mich sehen!“ sagte der Herzog.

Siemon schlug die Falten der Schaube zurück und enthüllte dann einen noch mit Tüchern bedeckten Gegenstand. Es war eine trefflich geschnitzte und bemalte Büste. Sie zeigte ein ruhendes Haupt, dessen Augen geschlossen, dessen schwarze Haare aufgelöst waren. Ohne zu wissen warum, hatte der Meister dem Gebilde einen schmerzlichen, wehmüthigen Charakter gegeben.

Herzog Heinrich erschöpfte sich in Lobeserhebungen. Er zahlte dem Meister zwölf schwere Goldgulden auf den Tisch, öffnete dann einen unter seinem Sitzbette angebrachten Kasten, legte das Holzbild behutsam hinein und schloß die Lade.

Erst als es dunkelte, erlaubte er dem Meister den Thurm zu verlassen. Siemon kehrte nach Braunschweig zurück. Alle Ueberbleibsel der geheimnißvollen Bildhauerarbeit hatte er sorgfältig vernichtet.


Am St. Michaelstage herrschte in dem Hoflager zu Wolfenbüttel große Freude. Mit strahlendem Antlitze sah man die Herzogin Maria durch die Gemächer schreiten. Sie war heute herablassend und zutraulich gegen das Gesinde, während sie doch schon geraume Zeit mit Niemand gütig gesprochen oder ihrer Umgebung anders als mit finstern Blicken, argwöhnischem Lächeln und kurzen Worten entgegengetreten war.

Und der Grund dieser plötzlichen glücklichen Veränderung? Tags zuvor hatte das Kammerfräulein Eva von Trott ihre Entlassung vom herzoglichen Hofe begehrt; daher die Freude Maria’s und die Umwandlung ihres ganzen Wesens. In der That hatte die Herzogin alle Ursache sich zu der Entfernung des Kammerfräuleins Glück zu wünschen.

Eva von Trott, die Tochter eines hessischen Edelmannes von Verdienst und alter Familie, die Schwester des kurbrandenburgischen Marschalls von Trott, war mit kurzen Worten die Geliebte des treulosen Gatten der unglücklichen Marie, Herzog Heinrich’s des Jüngeren von Wolfenbüttel. Freilich war die Störerin des ehelichen Friedens eine mit allen Reizen der Jugend und Schönheit ausgestattete Dame. Die Urkunden und Belege für diese seltsame Geschichte sind nicht allzu zahlreich, und da kann man denn auch Manches nur muthmaßen. So scheint es fast, als habe der Herzog bereits vor seiner Heirath das innige Verhältniß mit Eva gehabt, denn er hat sie sich von ihrem Vater als Hofdame seiner Gattin erbeten.

Da Herzog Heinrich nicht gewöhnt war seinem Willen Zügel anzulegen, so entstand sehr bald ernster und gefährlicher Unfrieden in der fürstlichen Ehe, den ein unkluges Benehmen der Herzogin, die sich zur Schlichtung des Streites an ihren Vater wendete, noch steigerte.

Eva von Trott hatte dem Herzoge vom Jahre 1524 bis 1531 drei Kinder geboren.[1] Die Folgen ihrer Fehltritte wußte das Paar schlau genug zu verbergen. Unter dem Vorwande eine Reise thun zu müssen, verließ Eva jedesmal den Hof.

Tief unten am Westende des Harzgebirges liegt auf hohem Kalkfelsen die Burg Staufenberg. Versteckt zwischen Wald und Buschwerk, von einsamen Forsten umgeben, durch hohe Mauern abgeschlossen, in jener Zeit namentlich schwer zu erreichen, bot das alte Schloß einen sichern Versteck für Liebe oder Verbrechen dar. Das Verhältniß des Herzogs konnte hier ungestört fortdauern, und so nahmen denn die Hallen der Staufenburg die schöne Sünderin in ihren Schutz, so oft Gefahr drohte, daß der Zustand der herzoglichen Geliebten den Späheraugen der Hofleute nicht entgehen könne. Nach einigen Monden erschien sie dann wieder bei Hofe. Mit diesen Geheimnissen waren eine Menge größtentheils niedriger Persönlichkeiten vertraut, welchen sich der Herzog hatte in die Arme werfen müssen; muthmaßlich war ihr Schweigen durch große Opfer erkauft worden.

[489] Die überhandnehmenden Zwistigkeiten Heinrich’s und Maria’s brachten es endlich dahin, daß der Kaiser einschritt und den Herzog ernstlich zur Sitte anhielt. Indessen scheint dieser oberherrliche Gewaltschritt doch nicht allzu ernstlich gemeint gewesen zu sein, denn das Fräulein von Trott blieb am Hofe zu Wolfenbüttel und die Vertraulichkeiten wurden nicht eingestellt. Was das Einschreiten der kleineren Fürsten anbetraf, so konnte Heinrich entweder ihrer Drohungen lachen, oder des Heilands Worte, gesprochen zur Ehebrecherin, auf sich anwenden: „Wer frei von Sünden ist, der werfe den ersten Stein auf mich!“ Namentlich konnte das auf den Landgrafen von Hessen gehen, der ganz öffentlich in einer Doppelehe lebte.

Sonach schien jede Möglichkeit, die verhaßte Nebenbuhlerin entfernt zu sehen, für die Herzogin verschwunden. Wie groß war daher ihre Freude, als Eva selbst um ihre Entlassung bat und der Herzogin die Mittheilung machte, daß sie zu ihren Eltern gehen und für ewig die schlüpfrigen Wege eines verführerischen Hoflebens meiden wolle! Begreiflicher Weise ward ihr die erbetene Entlassung – besonders da auch der Herzog erklärte, so sehr er ihren Abzug bedauere, könne er sie doch nicht zurückhalten – unverzüglich bewilligt.

Von dem Hofe, aus den Hallen des Wolfenbüttler Schlosses schied die reizende Eva, aus einer Umgebung, die sie beherrscht hatte, deren ganzes Bestreben, wenn auch im Geheimen, darauf gerichtet war, die herzogliche Geliebte in guter Stimmung zu erhalten. Sie reiste nach Kassel zu ihren Eltern und schlug den Weg dahin über Gandersheim ein.

Die Morgensonne stieg am Horizonte herauf. Noch deckte der Nebel des anbrechenden Septembertages die Gegend. Lautlose Stille herrschte in den Gassen der Stadt Eimbeck. Da verließen die Herberge zum Schwan, auf einem Wäglein sitzend, drei Frauen. Sie trugen kurze Reisemäntel mit Kapuzen. Der Wagen bog seitwärts ab von der Stadt; wo die Kapelle des heiligen Blutes einsam und verlassen stand, hielt er an. Als er sich dem kleinen Gotteshause näherte, traten aus dem Gehölze zwei Männer. Die Frauen stiegen von dem Wagen herab, während dessen öffnete der eine der Männer die Thüren der Kapelle. Die Frauen gingen hinein. Wohl ein halbes Stündlein blieben die Pforten geschlossen, dann traten alle fünf Personen wieder in das Freie. Die Weiber bestiegen ihren Wagen, die beiden Männer ihre Pferde, welche im Gehölze, an einen Baum gebunden, gestanden hatten. Der Wagen nahm die Richtung nach Gandersheim, die Reiter suchten die Straße nach Braunschweig auf.

Die drei Frauen waren: Anna Dankwert, des Schreibers zu Gandersheim Ehefrau, Pine Kippenberg, eine Schneidersfrau aus Gittelde, und Else Mettel aus Peine.

Zu dieser eigenthümlichen Gesellschaft hatte sich der Herzog Heinrich gefunden. Er war einer der beiden Reiter. In der kleinen Kapelle hatten die Frauen ihm einen schweren, hohen Eid geleistet, - - - der Herzog dagegen ihnen die Hand gereicht und glänzenden Lohn verheißen.

Gegen sechs Uhr desselben Tages hielt das Wäglein vor dem St. Georgenthore zu Gandersheim. Hier verließen die Frauen das Gefährt und vertheilten sich in der Stadt. Die Dankwert begab sich in das Amtshaus, die Kippenberg eilte in die Herberge des Schneidergewerkes, Else Mettel suchte die Wohnung des Baders auf, dessen Frau ihr verwandt war.


Gemächlich saß im Amtshause der alten Burg zu Gandersheim in seinem Lehnsessel der Amtmann Claus Scharffenstein. Vom Podagra heimgesucht, nahm er die Geschäftseinläufe in seinem Zimmer entgegen. Hagestolz, sehr bequem geworden, hatte er der Frau des Amtsschreibers, Anna Dankwert, seine Verpflegung übertragen, wofür dem Schreiber eine gute Stelle gesichert war. Eben wollte sich Meister Claus mühsam an seinem Stocke aufrichten, um nach dem mit Eimbecker Bier gefüllten Kruge zu greifen, als die Thür schnell geöffnet ward und die Dankwert in’s Zimmer stürzte: „Herr Amtmann, um Jesu willen, rathet, helft!“

„Anne, Anne,“ rief erschrocken der Amtmann; „was soll’s denn? Ich falle fast in Ohnmacht ob Eures Rufens!“

„Ach, da ist der Christoph Schmidt draußen, des Herrn Herzogs Küchenschreiber. Er bittet um Einlaß.“

„Nun, nun, was ist denn da Sonderliches?“

„Gestrenger Herr Amtmann, Schmidt hat eine todtkranke Frau bei sich, eine hohe, schöne Frau. Er wollte die Nacht noch bis Münchehof der Dame das Geleit geben, aber sie ist so heftig erkrankt, daß er sie hier lassen muß.“

„Laßt Schmidt heraufkommen,“ rief Scharffenstein, „ich muß von ihm hören, um was es sich handelt.“

Nach wenigen Augenblicken erschien der Küchenschreiber im Zimmer.

„Herr Amtmann, ich komme im Namen der Menschlichkeit, Euch um Aufnahme für eine todtkranke Frau zu bitten,“ sprach er hastig. „Des Herzogs Gnaden haben mir den Auftrag gegeben, dies hochgeehrte Kammerfräulein Ihro Gnaden der Herzogin Maria, Eva von Trott, gen Kassel zu geleiten. Die Edle ist aber so bös erkrankt, daß mich fast dünken will, sie werde die Nacht nicht mehr erleben.“

„Gott wolle so etwas in Gnaden verhüten!“ rief der Amtmann außer sich. Er sah im Geiste schon ein ansehnliches Präsent des Herzogs für die gute Aufnahme der Geliebten vor seinen Augen funkeln. „He da, Dankwertin, schnell ein Zimmer auf in dem Seitenflügel! Eilt, Christoph, bringt die Edle herein. Tummelt Euch Alle!“

Er zog den Glockenstrang. Diener stürzten herbei, Mägde schnatterten und liefen durcheinander, während die Dankwertin eiligst ein Zimmer herrichtete. Es war das letzte in der langen Reihe von Gemächern. Das einzige Fenster desselben befand sich wohl sechszehn Fuß über dem Erdboden und war in Form eines Söllers hinausgebaut. Gegenüber von diesem Fenster war kein Gebäude -, das Zimmer ward von den Räumen des Seitenflügels durch einen Gang getrennt, eine besondere Treppe führte hinauf. Die innere Einrichtung schien einen Gast erwartet zu haben, denn ein Bett mit weißen Vorhängen, sauber und behaglich hergerichtet, auch aller sonstige Hausrath, der eine Wohnung angenehm machen kann, war bereits vorhanden.

Während dieses im Innern der „alten Burg“ vorging, näherte sich eine schwerfällige Karosse dem Gebäude. Sie war von vier starken Handpferden gezogen und lenkte durch den Thorweg in den Hof. Christoph Schmidt und zwei Diener hoben die einer Sterbenden gleichende Eva aus dem Wagen, trugen sie in das bereit gehaltene Zimmer und entfernten sich dann, die Kranke der Obhut Anne Dankwert’s überlassend. Einige Stunden vergingen. Als es zehn Uhr sein mochte, erschien die Amtsschreiberin wieder in der Stube des Amtmanns, woselbst Schmidt noch im Gespräche mit dem Alten sich befand. „Ich brauche Hülfe zur Nacht,“ sagte sie in dringendem Tone, „die Kranke leidet gewaltig. Ihre Schläfe pochen und ihre Gesichtsfarbe ist bald bleich, bald hochroth. Schmidt, schafft Rath!“

„Wen holen wir? Soll ich die Schwestern aus dem Marienkloster holen lassen?“ fragte ängstlich der Amtmann.

„Nein,“ sagte Anna, „sie mag die schwarzen Gestalten nicht leiden. Es bringt sie auf. Ich weiß Rath. Eilet in die Herberge der Schneiderzunft, Christoph, dort wohnt die Kippenberg; dann gehet zu Martin, dem Bader, wo die Mettel heut nächtigt.

Beide sind mit mir heut zu Wagen gekommen. Saget den Frauen, ich lasse sie bitten, sich einzustellen und mir um des Heilands willen eine Kranke pflegen zu helfen.“

Nachdem Beide einen Blick des Einverständnisses gewechselt, entfernte Schmidt sich schnell. In nicht gar langer Zeit befanden die beiden bezeichneten Weiber sich mit Anne Dankwert am Bette des Kammerfräuleins Eva von Trott.

Die schöne Eva horchte angestrengt. Ebenso die Frauen. Vor wenigen Minuten hatten sich die Mägde entfernt, welche verschiedene Handreichungen im Krankenzimmer geleistet. Man hörte ihre Tritte noch auf der Steintreppe klappern. Es ward endlich still.

„Vorwärts!“ sagte Eva mit halblauter Stimme. „Jetzt schnell an’s Werk, wir dürfen keine Zeit verlieren! Schiebt die Reisebündel herbei.“

Nach diesen Worten verließ die Kranke schnell ihr Bett und warf sich das Nachtgewand über. Anne Dankwert schob ihr ein Bündel zu, dessen zwei Ketten verbindendes Vorlegeschloß das Fräulein öffnete. Als dies geschehen, öffnete sie das andere Bündel und begann nun den Inhalt zu leeren.

Draußen herrschte eine feierliche Stille, nur die Rufe der Wächter, von den Mauern der alten Stadt herüberschallend, unterbrachen [490] brachen die unheimliche Ruhe. Die drei Weiber umstanden die schöne Eva. Die lange, dürre Gestalt der Mettel, die fast kugelrunde der Amtsschreiberin und die zitternde der Kippenberg contrastirten gegeneinander wie Figuren eines Nachtgemäldes von Meister Callot.

Zwischen ihnen, am Boden kauernd, weiß, einem Gespenste der alten Sage gleichend, das lange prachtvolle schwarze Haar aufgelöst über ihre schönen Schultern fließend, mit hochgerötheten Wangen, ängstlichen aber doch geschäftigen Blicken, lag die schöne Eva. Ihre runden, weißen Arme entfernten die Ketten, welche die Lederbündel zusammenhielten; zuweilen schnaubte sie zornig, wenn sich ein Knoten oder eine Schnalle nicht rasch genug öffnete. Diese ganze Gruppe beleuchtete eine ungeheure Lampe, hoch einporgehalten von dem trocknen, bronzefarbigen Arme der Mettel.

Die Augen der Weiber hefteten sich fest auf die Bündel. Das erste ward auseinandergeschlagen. Es enthielt Stroh, eine große Anzahl breiter Tuchenden, einige cylinderförmige Hölzer von Armeslänge, ein langes, weißes Gewand, einen seidenen Mantel gleicher Farbe, Handschuhe, seidene Strümpfe, Sammetschleifen und einen weiten, ziemlich dichten Schleier.

„Legt Alles sorgfältig bei Seite,“ flüsterte Eva, „doch so, daß wir es bei der Hand haben.“

Anne Dankwert that, wie ihr geheißen. Unterdessen schlug Eva das zweite Bündel auseinander. Sie hob von dem darin befindlichen Gegenstände ein Tuch hinweg. Ein lauter, aus drei Kehlen zu gleicher Zeit kommender Schrei tönte durch das Gemach – entsetzt fuhren die Weiber zurück. In dem Bündel lag, von der flackernden Flamme grausig beleuchtet, ein menschliches Haupt.

Schmerzverzogen schienen die Linien des bleichen Antlitzes, welches schwarzes Haar gleich einem Rahmen umgab. Die Augen waren geschlossen, aber bei dem Flackern der Lampe schien es, als zuckten die Wimpern.

Die schöne Eva faßte den unheimlichen Gegenstand mit beiden Händen und hob ihn empor. Der Kopf saß auf einem Stücke Rumpf. Jetzt traten die Frauen näher und bemerkten zu ihrer Beruhigung, daß es ein Holzbild war, welches Eva ihnen entgegenhielt, aber es war trefflich, täuschend gefertigt.

(Schluß folgt.)




Rechtskunde für Jedermann.
5. Die rechtliche Stellung der Frauen.

Die Stellung der Frauen, bei den verschiedenen Völkern charakteristisch für deren Culturzustände, ist in Deutschland nach und nach eine freiere geworden, ohne doch bis jetzt eine vollkommen freie zu sein. Noch ist das Weib in rechtlicher und staatlicher Beziehung gegen den Mann zurückgesetzt, und diese auf eine gewisse vorausgesetzte Schwäche des weiblichen Geschlechtes gegründete Zurücksetzung zeigt sich auf zweierlei Art, indem ihm die Gesetze theils gewisse Rechte versagen, theils manche der rechtlichen Handlungen des Weibes mit Formen umgeben, die es vor Nachtheilen schützen sollen. So namentlich die Bürgschaften der Ehefrauen für ihre Ehemänner, über deren Bedeutung und Folgen die Bürginnen vom Richter in Abwesenheit der Ehemänner belehrt werden müssen.

In staatlicher Beziehung ist das weibliche Geschlecht von öffentlichen Aemtern und Functionen ausgeschlossen, und erst der neuesten Zeit war es vorbehalten, seine Befähigung für gewisse Stellen nachzuweisen, von denen man früher glaubte, daß sie nur Männer verwalten könnten. So finden sich jetzt hier und da Frauen im Eisenbahn- und Telegraphenfache mit Erfolg verwendet, während ihre Befähigung zum kaufmännischen und gewerblichen Geschäftsleben in außerdeutschen Ländern längst anerkannt ist und auch in Deutschland mehr und mehr anerkannt wird.[2] Auch die Vertreter der neuesten Wissenschaft haben es nicht verschmäht, Frauen sogar den Doctorgrad zu ertheilen.

Heutzutage ist eine unvermählte, volljährige Frauensperson hinsichtlich ihrer eigenen rechtlichen Angelegenheiten unbeschränkt, nachdem die früher bestandene Geschlechtsvormundschaft im Ganzen beseitigt ist. Es können unter Umständen Frauen selbst Vormündinnen werden, jedoch bis jetzt nur über ihre eigenen Kinder oder Enkel. Mit Eingehung der Ehe aber tritt das Weib selbst wieder unter eine Art der Vormundschaft, die eheliche Vormundschaft des Mannes, welche namentlich die Vermögensrechte berührt. Was nun die Abschließung der Ehe anbetrifft, so wird zunächst ein gewisses Alter erfordert, welches die einzelnen deutschen Rechte verschieden normiren. Als Regel kann gelten, daß beim männlichen Geschlecht die Volljährigkeit, beim weiblichen das zurückgelegte 14. (in Sachsen nach dem bürgerl. Gesetzbuche das 16.) Lebensjahr zu Eingehung der Ehe befähigt. Zu frühe Ehen sind nie begünstigt worden.[3] Ein zweites Erforderniß zu Eingehung einer Ehe ist die Einwilligung der beiderseitigen Eltern, bei verwaisten Unmündigen auch, nach einzelnen Landesrechten, der Vormünder und der obervormundschaftlichen Behörde. Die ohne Einwilligung des Vormundes geschlossene Ehe wird jedoch nicht nichtig, während dies bei der ohne Einwilligung der Eltern, wenigstens des Vaters, vollzogenen Ehe der Fall ist.

Die elterliche, respective väterliche Einwilligung wird nach mehreren Gesetzen auch bei Eingehung einer zweiten Ehe erfordert. Versagen Eltern ihre Einwilligung, so hat der Eherichter die Weigerungsgründe zu untersuchen und, wenn er sie ungenügend findet, seine Einwilligung, anstatt der elterlichen, zu erklären. Rechtmäßige Weigerungsgründe sind: Mangel an dem nöthigen Einkommen, schlechte Sitten, begangene Verbrechen, ansteckende Krankheiten und gewisse Gebrechen.

Ein der Ehe vorhergehendes feierliches Verlöbniß ist kein wesentliches Erforderniß und berechtigt zu keiner Klage auf Erfüllung des Eheversprechens. Die hier und da vorgekommene Zwangstrauung ist abgeschafft.

Verboten sind Ehen zwischen Verwandten und Verschwägerten in auf- und absteigender Linie und zwischen Geschwistern, zwischen Vormündern oder deren Kindern mit Mündeln während der Dauer der Vormundschaft, sowie, nach kirchlichem Eherecht, Ehen zwischen Christen und Nichtchristen. In den Ländern, wo die Civilehe, d. h. eine durch einfachen, vor dem Richter abgeschlossenen Vertrag, nicht eingeführt ist, wird die kirchliche Trauung, der in der Regel ein dreimaliges Aufgebot von den Pfarrern des Wohnortes beider Verlobten vorherzugehen hat, das bindende Moment. Eine Wiederauflösung der Ehe ist schwer, bei Katholiken eine vollkommene Scheidung gar nicht möglich. „Drum prüfe, wer sich ewig bindet.“

Mit Abschluß der Ehe wird der Mann Herr im Hausstande, seine Stimme giebt den Ausschlag bei häuslichen Angelegenheiten, er verwaltet das Vermögen seiner Frau und genießt die Zinsen davon, sofern nicht durch Gesetz, Vertrag oder den Willen eines Dritten, von dem das Vermögen herrührt, etwas Anderes bestimmt worden ist. Ohne des Mannes Zustimmung kann die Frau kein gültiges Rechtsgeschäft abschließen, wenn sie nicht etwa ein Handelsgeschäft gewerbsmäßig betreibt. Ohne Zustimmung der Frau ist der Mann dagegen nur an gewissen Veräußerungen oder Verpfändungen ihrer Güter behindert. Die Frau theilt Namen, Rang und Stand des Mannes; jedoch leidet dies eine Ausnahme bei der Ehe zur linken Hand. Eine solche wird, wo sie vorkommt, nur ausnahmsweise und mit Genehmigung des Regenten eingegangen und schließt die Ehegattin sammt den mit ihr erzeugten Kindern von des Mannes und Vaters Stand und Verlassenschaft, den Ehegatten aber von dem Nutznießungs- und Verwaltungsrechte aus. Im Uebrigen ist auch diese Ehe eine vollgültige und duldet namentlich kein anderes Eheband neben sich. Nur Mannspersonen können sich mit Frauenspersonen zur linken Hand verehelichen, nicht umgekehrt; denn die Frau verliert durch die Ehe mit einem niedriger geborenen Manne ihren Rang und Stand und nimmt [491] den des Mannes an. Die einzige Ausnahme hiervon findet beim hohen[4] Adel statt, indem die hochadelige Frau ihren Rang und Stand auch während der Ehe mit einem niedriger Geborenen behält.

Das Vermögen der Eheleute wird durch die Ehe an sich nicht gemeinschaftlich, insofern nicht die eheliche Gütergemeinschaft, welche von jeher nicht allgemein üblich gewesen ist und sich heutzutage blos auf besondere Ortsgesetze und Gewohnheiten oder auf Verträge gründet, eine Ausnahme macht.

Wie oben gesagt, kann des Mannes Verwaltungs- und Nutznießungsrecht am Vermögen der Frau ausgeschlossen werden durch Gesetz, Vertrag und den Willen Dritter. Zu dem gesetzlich der Frau vorbehaltenen Vermögen gehören die lediglich zum weiblichen Gebrauch bestimmten Gegenstände, also Kleider, Wäsche, Schmuckgegenstände, sowie die hier und da vorkommende Morgengabe, d. i. ein der Frau vom Manne am ersten Morgen der Ehe gewidmetes oder versprochenes Geschenk.[5] Die Hochzeitsgeschenke gehören gesetzlich beiden Ehegatten gemeinschaftlich, also jedem zur Hälfte, wenn nicht von dem Schenkgeber etwas Anderes festgesetzt worden ist, oder aus der Natur des Geschenkes eine andere Absicht desselben hervorgeht. So z. B. würde, wenn Nichts ausdrücklich bestimmt wäre, ein Nähtisch oder ein Schnürleib der Frau, eine Tabakspfeife oder Schnupftabaksdose aber dem Manne gehören. Nach dem römischen Recht, welches in Deutschland entweder noch directe Geltung und Anwendung hat, oder doch wenigstens die Grundlage der neueren Gesetzgebungen ist und deshalb das gemeine, d. h. allgemeine Recht heißt, erwirbt zwar jeder Ehegatte dasjenige, was er während der Ehe erwirbt, für sich selbst, jedoch dasjenige, was die Frau durch ihre Beihülfe im Geschäft des Mannes, oder durch häusliche Verrichtungen verdient, erwirbt sie dem Manne, während das, was sie durch eine besondere Kunstfertigkeit verdient oder durch ein selbstständiges Handelsgeschäft erwirbt, ihr Eigenthum wird. Wenn also eine Ehefrau ihrem Manne, der ein Schneider, Fleischer, Bäcker oder Kaufmann ist, im Geschäft Beistand leistet, etwa durch Nähen, Fertigung einzelner Stücke oder durch Verkauf, so erwirbt sie dem Manne. Besorgt sie dagegen feine Stickereien, Putzmacherarbeiten und dergl., so wird der Erwerb ihr Eigenthum, jedoch in der Regel immer mit Vorbehalt der ehemännlichen Verwaltung und Nutznießung.

Schenkungen zwischen Eheleuten sind nach dem gemeinen Recht verboten, oder vielmehr anfechtbar und ungültig, weil man vermuthet, daß das eheliche Verhältniß dazu gemißbraucht werden könnte, einen Ehegatten durch Ablocken oder Erzwingen von Geschenken an seinem Vermögen zu benachtheiligen. Jedenfalls liegt dieser Bestimmung auch eine Rücksicht auf die Gläubiger der Ehegatten zu Grunde. Die von dem römischen Juristen Mucius aufgestellte Vermuthung, daß Alles, was eine Ehefrau besitzt und wofür sie keine andere Erwerbungsart nachweisen kann, als ein ungültiges, mithin widerrufliches Geschenk des Ehemannes zu betrachten sei, ist auch in die neueren Landesgesetzgebungen übergegangen und wird in denen, wo Schenkungen unter Eheleuten an sich gültig sind, so aufgefaßt daß im Zweifel jeder Erwerb und jedes Besitzthum im Hause vom Manne herrührt.

Diese s. g. Rechtsvermuthung gewinnt besonders ihre praktische Bedeutung, wenn Schulden des einen Ehegatten gerichtlich verfolgt werden, also z. B. bei Auspfändungen. Wird nämlich der Mann ausgepfändet, so wird das Eigenthum der Frau, dafern es sich nicht sofort als solches kennzeichnet, mit hinweggenommen, und die Frau muß nun, wenn sie ihre Sachen zurück erstattet haben will, den Beweis führen, daß diese wirklich ihr Eigenthum sind. Trifft aber das Schicksal der Auspfändung die Frau, so können nur die Sachen weggenommen werden, die augenscheinlich ihr gehören. Denn wenn der Mann andere Sachen als ihm gehörig bezeichnet, so muß ihm das auf Grund obiger Vermuthung bis zum Beweise des Gegentheils geglaubt werden. – Diese Rechtsvermuthung entspricht nicht allenthalben unseren heutigen Verhältnissen. In der Regel gehören der Frau die Möbel, Betten, Vorhänge und dergl. im Hause. Sie hat diese Sachen gewöhnlich von ihren Eltern als Ausstattung geschenkt erhalten, aus ihrem Vermögen angeschafft, oder auch sich sauer verdient. Bei Leuten aus dem s. g. Arbeiterstande besitzt der Mann öfters gar Nichts, als seine Arbeitskraft. Die Frau dagegen ist wirthlich gewesen – fast immer sind ja die Frauen sparsamer als die Männer – sie hat von ihrem etwa in langjährigem Gesindedienste nach und nach in die Sparcasse getragenen Gelde Betten, Schrank, Stühle, ein Sopha und eine Uhr angeschafft, nicht selten gar den Mann für den Traualtar gekleidet und muß doch ihr Recht an ihrem Eigenthum erst beweisen.

Das gemeinrechtliche Verbot der Schenkungen unter Ehegatten ist nun aber nicht so zu verstehen, als ob die Polizei oder das Gericht sich ohne Weiteres hineinmischte, wenn man seiner Frau oder seinem Manne Etwas schenken will, sondern nur auf Antrag des durch die Schenkung in seinen Rechten Verletzten wird diese ungültig und widerruflich. Auch erstreckt sich die Ungültigkeit nur auf größere Vermögensbestandtheile, so daß Niemand etwas dawider haben kann, wenn Eheleute einander zum Geburtstage oder sonst eine Liebesgabe machen. Bei dem zum Unterhalt der Frau Erforderlichen ist das Verbot der Schenkung für den Ehemann sogar in ein Gebot verwandelt, indem er die Verpflichtung hat, seine Frau standesgemäß zu ernähren und zu unterhalten. Entzieht sich der Mann dieser Verpflichtung, will er für seine Frau Nichts mehr bezahlen, so hat sie, oder derjenige, welcher inzwischen ihren Unterhalt bestritten hat, einen Anspruch auf Ersatz an ihn. Eine öffentliche Bekanntmachung, wie sie häufig in den Tagesblättern vorkommt, wonach ein Mann für seine Frau Nichts bezahlen will, überhebt ihn dieser Verpflichtung durchaus nicht, so lange die von der Frau zur Bestreitung ihres Unterhaltes contrahirten Schulden nicht unnöthig und seinem Stande nicht unangemessen sind. Will z. B. ein Gatte seiner Gattin keine Kleider und Schuhe mehr machen lassen und erläßt eine öffentliche Warnung vor dem Creditgeben an sie, so muß er den Kaufmann, die Schneiderin und den Schuhmacher für die ohne seinen Willen gelieferten und gefertigten Sachen auch dann bezahlen, wenn diese die Warnung gelesen haben. Schulden für unangemessenen Aufwand braucht der Mann dagegen, wenn sie ohne seinen Beitritt von der Frau gemacht worden sind, nicht zu bezahlen. Würde sich z. B. die Frau eines armen Tagelöhners bei der Putzmacherin einen Hut für zehn Thaler auf Borg entnehmen, so kann diese den Ehemann dafür nicht in Anspruch nehmen, sondern hat ihren etwaigen Verlust als eine gerechte Strafe des leichtsinnigen Creditgebens zu betrachten. Zweifelhaft dürfte es sein, ob der Ehemann, eine Crinoline, die seine Frau ohne seinen Beitritt auf Credit entnommen hat, bezahlen muß, oder nicht.

Gültig und bindend für den Mann sind diejenigen Schulden, welche die Hausfrau, auch ohne seinen Beitritt, für das Hauswesen macht. Der Fleischer, Bäcker u. s. w. können ruhig einer Ehefrau auch ohne ausdrückliche ehemännliche Genehmigung borgen. Desgleichen für die, d. h. immer nur die standesgemäße, Haushaltung gemachte Schulden muß der Hausherr bezahlen, denn es wird vorausgesetzt, daß die Frau einen Auftrag von ihm zur Besorgung und Unterhaltung des Hauswesens habe, also insoweit seine Bevollmächtigte sei. In anderen Beziehungen kann sie aber nicht Bevollmächtigte ihres Mannes sein, weil sie eben selbst eines Beitrittes zu ihren eigenen, namentlich gerichtlichen, Handlungen bedarf, mithin für einen Anderen dasjenige nicht sein kann, was sie für sich selbstständig nicht thun darf. Ausnahmsweise kommt hier und da nach Landesgesetzen bei länger andauernder Abwesenheit eines Ehemannes die Rechtsvermuthung vor, daß seine Frau seine Bevollmächtigte sei. Auch der unverheirateten, mündigen Frauensperson wird auf Grund des römischen Rechtes die Befugniß bestritten, für einen Dritten in Vollmacht desselben zu verhandeln. Das allgemeine deutsche Handelsgesetzbuch räumt der Handelsfrau das Recht ein, in ihren das Handelsgeschäft betreffenden Angelegenheiten selbstständig vor Gericht zu verhandeln. Jedoch bedarf die verehelichte Frau zur Begründung eines Handelsgeschäftes der ehemännlichen Bewilligung. Daß Frauen, nach dem [492] Handelsgesetzbuch, auch als Procuristinnen (Bevollmächtigte) für Andere Handelsgeschäfte betreiben können, scheint nicht bezweifelt werden zu können, und es geht von dieser Ansicht auch namentlich das Leipziger Handelsgericht aus.

Die Ausnahmebestimmungen beweisen, daß man nach und nach zu der Ansicht gelangt, Frauen seien einer größeren Selbstständigkeit wohl gewachsen, als man ihnen im Ganzen bis jetzt zugestanden hat. Die Geschichte lehrt, wieviele, namentlich deutsche Frauen der selbstständigen Größe herrlich Rechnung trugen. Nach und nach wird wohl allenthalben in Deutschland die Ansicht zur Geltung kommen, daß die Ehe kein Vormundschaftsverhältniß des Mannes über Person und Vermögen der Frau, sondern nur ein Band der innigsten Freundschaft und Lebensgemeinschaft sei, worin beider Theile Güter durch die Liebe und den rechten Geist so gemeinschaftlich sind, wie beider Gesinnungen.

Ein Recht aber und eine Pflicht habe das männliche Geschlecht immer vor dem zarteren weiblichen voraus: das Recht, es zu schützen gegen die rauhen Stürme von außen, die Pflicht der Zuvorkommenheit und Aufmerksamkeit, die jeder Mann dem Geschlechte schuldet, das ihm eine treue Mutter, eine edle Schwester und eine liebende Gattin gab.

L. Erdmann. 




Bilder aus dem Leben deutscher Schauspieler.
Nr. 6. Das Pflegekind eines Vielgenannten.

Bei dem bekannten Theaterdirector Ringelhardt in Leipzig erschien eines Tages ein dortiger mit Glücksgütern gerade nicht besonders gesegneter Bürger, mit der Bitte, sein achtjähriges Töchterchen, das er an der Hand führte, in Kinderrollen zu beschäftigen. Das liebliche Gesicht und die zierliche Figur der Kleinen fanden trotz ihrer Schüchternheit Wohlgefallen in den Augen des erfahrenen Directors, der sie ihrem Alter angemessen zu verwenden suchte und vorzugsweise in kleinen Ballets auftreten ließ, da sie ein entschiedenes Talent für den Tanz zeigte. Damit war aber der angehenden Künstlerin keineswegs gedient, indem sie sich schon damals merkwürdiger Weise mehr zu der ernsten Muse des recitirenden Dramas, als zu der blendenden Göttin des Tanzes hingezogen fühlte. Auf ihre wiederholten Bitten wurde ihr endlich gestattet, als Landmädchen in dem jener Zeit beliebten Schauspiel „Ritter Bayard“ aufzutreten und zwar mit so gutem Erfolge, daß sie trotz ihrer Jugend schon mit vierzehn Jahren als zweite oder dritte Liebhaberin Beschäftigung fand. Leider war ihre Gage so gering, daß sie sich genöthigt sah, nebenbei ihr Brod durch Nähen, Sticken und ähnliche weibliche Handarbeiten zu verdienen. Während sie fleißig die Nadel führte, machte sie eben so fleißig ihre theatralischen Studien und lernte ihre Rollen mit musterhaftem Eifer, so daß sie in dieser Beziehung als nachahmungswürdiges Beispiel und Muster ihren übrigen Collegen aufgestellt zu werden verdiente. Ihre Bescheidenheit, Tüchtigkeit und Sittlichkeit erwarben ihr viele Freunde, darunter den damaligen Cassirer

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Agnes Wallner als Frau v. Schönberg
in dem Moeser’schen Lustspiel: „Eine Frau, die in Paris war“.

des Leipziger Stadttheaters, den allbekannten und vielgeliebten Abgeordneten des deutschen Parlaments Robert Blum, der sich der armen Schauspielerin väterlich annahm, sie in sein Haus führte und förmlich als seine Pflegetochter behandelte. Der edle Menschenfreund sorgte vor Allem für den vernachlässigten Unterricht seines Schützlings, indem er sich bemühte die Lücken ihrer Bildung durch eigene Belehrung auszufüllen und ihren geistigen Horizont nach allen Seiten zu erweitern. Ein Gedicht, welches Blum zur Einsegnung seiner Pflegetochter in ein ihr geschenktes und von ihr treu bewahrtes Buch geschrieben, giebt ein schönes Zeugniß für das gegenseitige Verhältniß Beider. Dasselbe lautet:

Wie Dich auch mit Reiz und Jugend
Freundlich die Natur geschmückt,
Ohne Weisheit, Sitte, Tugend
Wirst Du nimmermehr beglückt.

Selbst Talent, das Dir gegeben,
Gnügt zur Kunst, zur wahren, nicht.
Lernen mußt Du, soll Dein Streben
Aufwärts führen Dich zum Licht.

Welken einst der Jugend Kränze,
Flieht der Schönheit Rosenschein,
Blühen Dir im ew’gen Lenze
Blumen, die im Geist gedeih’n.

Achte drum des Freundes Lehren
In der Jugend heitrem Spiel!
Mögen sie sich oft bewähren
Aus der Bahn zum schönen Ziel!

Diese väterlichen Mahnungen hatte sich die junge Künstlerin tief in das Herz geschrieben und für ihr ganzes ferneres Leben zur Richtschnur genommen. Da sie in Leipzig nicht den ihrem Talent und ihren Wünschen angemessenen Wirkungskreis fand, verließ sie [493] ihre Vaterstadt und das Haus des edlen Blum, das ihr so theuer geworden war. Zunächst wandte sie sich nach dem nahen Altenburg und von dort nach Chemnitz, wo sie bei einer reisenden Gesellschaft ein gerade nicht glänzendes Engagement fand, aber dafür Alles spielen durfte oder vielmehr mußte, was ihr gerade sehr willkommen war. In ihrem Eifer lernte sie in drei Tagen die starke Rolle der Jungfrau von Orleans, wobei sie allerdings die Nacht zu Hülfe nahm. Trotz des Beifalls, welcher ihr in Chemnitz zu Theil wurde, war ihre pecuniäre Lage keineswegs beneidenswerth. Im „Turnier zu Kronstein“ erschien sie zwar in einer prachtvollen Schleppe von Purpursammt, die ihr zwölf baare Thaler gekostet hatte, aber um sich dieses Prachtstück anzuschaffen, sah sie sich genöthigt, längere Zeit auf ihr Abendbrod zu verzichten, um die dafür gemachten Schulden in monatlichen Abschlagszahlungen von je einem Thaler ehrlich abzutragen. Aus solcher Noth befreite sie ein Engagement an dem alten Königsstädter Theater in Berlin, wo sie die für ihre damaligen bescheidenen Ansprüche ungeheure Summe von 600 Thalern erhielt. Bald darauf nahm sie einen Ruf als erste Liebhaberin bei ihrem früheren Director Ringelhardt in Riga an; dort lernte sie den bekannten österreichischen Komiker Franz Wallner, ihren jetzigen Gatten, auf seiner Durchreise kennen und verlobte sich mit ihm. Nach ihrer Verheiratung folgte sie ihm nach Petersburg, wo das talentvolle Ehepaar bald zu den Lieblingen des Publikums zählte und sich vielfacher Auszeichnungen von Seiten der Gesellschaft und des Hofes zu erfreuen hatte.

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Agnes Wallner als Frau v. Schönberg (Husarenofficier)
in dem Moeser’schen Lustspiel: „Eine Frau, die in Paris war“.

Bei Gelegenheit eines Maskenballes wurde der beliebten Künstlerin die Ehre zu Theil, die Aufmerksamkeit des Kaisers Nikolaus auf sich zu ziehen. Den glücklichen Umstand der Maskenfreiheit benutzend, wollte Frau Wallner den sich in der Gesellschaft meist zwanglos bewegenden Autokraten ansprechen, um ihn zu ihrem Benefiz einzuladen, wie dies in Petersburg allgemein Sitte ist. Aber als sie dem gewaltigen Herrscher mit dem kalten, gebieterischen Marmorgesicht gegenüberstand, verließ sie der Muth, und ohne ein Wort hervorzubringen, wandte sie sich eiligst zur Flucht, noch ehe der lächelnde Kaiser sie zurückhalten konnte. Sie hörte nur noch sein Lachen und die Worte: „très jolie, mais sans courage!

Trotzdem ihre Einladung des Kaisers durch ihre Schüchternheit unterblieben war, erschien derselbe dennoch mit dem ganzen Hof an ihrem Benefizabende im Theater; eine Auszeichnung, die den deutschen Künstlern nur selten zu Theil wurde, da von Seiten des Hofes meist nur die französischen Vorstellungen und die italienische Oper besucht und beachtet wurden. Noch mehr wurde die Künstlerin durch das Geschenk prachtvoller Ohrgehänge von Brillanten überrascht und erfreut, welche ihr die Kaiserin als Zeichen ihrer Anerkennung und Zufriedenheit überreichen ließ.

Ungeachtet dieser Auszeichnung, des steigenden Beifalls und eines wahrhaft glänzenden Engagements mit hoher Pension, wodurch auch ihre Zukunft für immer gesichert worden wäre, fühlte sich Frau Wallner in Petersburg nicht glücklich, da ihre zarte Constitution das rauhe Klima nicht ertragen konnte und sie außerdem von einem krankhaften Heimweh verzehrt wurde. Freudig gab sie ihre brillante Stellung auf und schied von den vielen und treuen Freunden, die sie und ihr nicht minder beliebter und nicht nur als Schauspieler, sondern auch als feiner und geistreicher Gesellschafter und Schriftsteller gesuchter Gatte in kurzer Zeit erworben hatten. So groß war ihre Sehnsucht nach dem Vaterlande, daß sie bei der Rückkehr niederkniete und den theuren Boden desselben mit ihren Küssen bedeckte.

In Deutschland angekommen, gastirte das künstlerische Ehepaar längere Zeit in verschiedenen Städten mit Beifall und Erfolg, bis Wallner selbst die Direktion des Stadttheaters in Freiburg und später in Posen übernahm, wo seine Gattin bald eine Hauptstütze seines Unternehmens wurde. Unterdeß hatte Wallner’s Ruf als ausgezeichneter Theaterdirector seine Uebersiedlung nach Berlin veranlaßt, wo er vorläufig das kleine Theater in der Blumenstraße als Pächter und später nach Erlangung einer eigenen Concession, die er in Anerkennung seiner Verdienste, erhielt, als Eigenthümer übernahm. Auch hier war Agnes Wallner besonders im Anfange mit der Magnet, welcher das Publicum nach dem fernen Stadttheil und der früher nur mit spöttischem Lächeln genannten „Rue de fleurs“ zog. Equipagen, Droschken, das feinste und eleganteste Publicum drängten sich in der verlorenen Gegend, um die „Pariser Sitten“ und Frau Wallner als „Neue Magalena“ in der deutschen Bearbeitung der „Dame aux camélias“ von dem jüngeren Dumas zu sehen, womit die Direktion einen überaus glücklichen Griff gethan. In der That entwickelte die Künstlerin in den genannten Stücken eine Leidenschaft und Grazie, wie sie sonst nur bei französischen Schauspielern gefunden werden. Die Neuheit dieser Erscheinung, die Gewalt ihres Spiels und der Reiz der pikanten Sittengemälde, welche in Frau Wallner eine treffliche Darstellerin fanden, füllten Abend für Abend das Theater bis auf den letzten Sitz, so daß Viele, die keinen Platz mehr finden konnten, umkehren mußten. Bald wurde das Theater in der Blumenstraße Mode und die Künstlerin ein Liebling des kritischen Berliner Publikums. Auch in anderen Rollen, namentlich im feineren Conversations-Lustspiel errang sich Frau Wallner einen hohen Grad von Anerkennung durch ihr ansprechendes Talent, die ihr eigenthümliche Wahrheit und Feinheit, durch die Eleganz und Liebenswürdigkeit ihrer ganzen Erscheinung, die sie vorzugsweise in dem Fache der Salondamen zu entwickeln weiß.

Im Leben und in der Gesellschaft erscheint die Künstlerin einfach, bescheiden und anspruchslos. Wenn sie nicht mit dem Studium ihrer Rollen beschäftigt ist, so sitzt und arbeitet sie für ihr Haus und ihre Familie mit demselben Fleiße, wie damals, als sie noch als arme Nähterin ihr Brod sich mit der Nadel verdienen mußte. Voll Dankbarkeit erinnert sie sich ihrer dürftigen Vergangenheit, und da sie selbst das Loos der Armuth kennen gelernt, so hilft sie den Nothleidenden, wo und wie sie kann. Kein Hülfefuchender geht so leicht ungetröstet von ihrer Thür. Den Ihrigen ist sie die liebevollste und zärtlichste Gattin und Mutter, ihren Freunden eine aufrichtige Freundin, da ein Grundzug ihres Charakters eine seltene Wahrheitsliebe und Ehrlichkeit unter allen Verhältnissen ist, Eigenschaften, die bei jeder Frau und doppelt bei einer Schauspielerin unsere Anerkennung verdienen.

Max Ring. 
[494]
Aus den Landen des befreiten Bruderstammes
Nr. 2. Ein Besuch bei der dänischen Feldwache. – Das Auswerfen der dritten Parallele.
Von einem preußischen Soldaten.

In den letzten Wochen der Belagerung der Düppeler Schanzen war das Verhältniß der dänischen und preußischen Vorposten ein recht freundschaftliches geworden, so zwar, daß man am Tage leicht vergessen konnte, es sei Krieg, wenn nicht die gezogenen Vierundzwanzigpfünder unsererseits und die aus glatten Röhren geschleuderten Vierundachtzigpfünder dänischerseits in sehr verständlicher Sprache das Wort „Krieg“ gedonnert hätten.

So in der frühen Morgenstunde, wenn die Sonne eben aufgegangen, war im Allgemeinen die Zeit, in welcher, freilich gegen die Vorschriften der Vorgesetzten, ein heimlicher Verkehr unter den beiderseitigen Vorposten stattfand.

Lassen Sie mich Ihnen von einem Besuche, den ich einer dänischen Feldwache machte, erzählen.

Es war das letzte Mal, als mein Truppentheil vor der Erstürmung auf Vorposten lag. Ich hatte gegen Morgen Dienstgeschäfte in einer Nebenfeldwache und mußte an unseren Postenlinien entlang meinen Weg nehmen. „Herr …,“ sagte mir, als ich auf demselben Wege zurückkam, ein vorgeschobener Posten, „da drüben steht ein Kerl, der mir schon seit längerer Zeit zuwinkt, zu ihm zu kommen. Sehen Sie, da kommt er wieder hinter dem Knick hervor.“

So war’s. Der Danske sieht anfänglich ein Weilchen zu uns herüber, dann kommt er näher und das bereits avertirte Winken beginnt. „O,“ denke ich, „die Nacht war wieder recht hübsch frostig, und sie haben da drüben am Ende Warmbier bereitet, wovon ich schon so viel gehört; da wäre ein Trunk zu dieser frühen Morgenstunde für den preußischen Soldatenmagen, der während der Nacht eben nichts empfangen hatte, als schlechten Rum und ein wenig Commißbrod, so übel nicht; ich gehe hinüber.“

„Und kommen Sie in einer halben Stunde nicht zurück, holen wir Sie.“

„Gut, mein Junge.“

Ich mag wohl, als ich wenige Schritte von dem Dänen entfernt war, etwas langsamer gegangen sein; es war doch ein ganz eigenes Gefühl, das mich in dem Augenblick ergriff, als ich einsah, ich war in der Gewalt des Feindes, und zwar mit meinem Willen. Der dänische Posten mochte mein Zögern bemerkt haben; er kam mir freundlich lächelnd entgegen, und mir die Hand reichend, sprach er in gutem Deutsch mit schleswig-holsteinischem Accent: „Kommen Sie nur ohne Zagen; sehen Sie, dort hinter der Hecke ist unser Officier und die Feldwache, ich werde bald abgelöst und komme dann auch hinein.“

Ich ging nach dem bezeichneten Platze; da sah’s denn recht bunt und geschäftig aus. Etwa dreißig Mann und ein Officier saßen und lagen in bunter Gruppe in einem großen Loch um ein Feuer, an welchem in zwei Kesseln eine gelbliche Flüssigkeit schäumte und brodelte.

„Guten Morgen, Cameraden.“

Jeder erwiderte meinen Gruß, jeder streckte mir seine Hand entgegen, nirgends Überraschung über mein Kommen, ich fühlte mich von den Feinden bewillkommnet, wie von den herzigsten Freunden.

Das Regiment, welchem jene angehörten, hatte längere Zeit in Holstein gelegen und aus diesem Grunde war es fast Allen möglich, sich mit mir zu verständigen.

Ich stellte mich dem Officier vor, er sprach im besten Hochdeutsch, wenn auch äußerst artig, doch immerhin etwas zurückhaltend mit mir. Allein das gab sich gar bald, er wurde herzlich und zutraulich, als einer seiner Leute zwei Becher mit jenem vorhin erwähnten dampfenden Stoff gebracht und ich auf die Bitte, sein Gast zu sein, auf seinem Plaid Platz genommen hatte und mit ihm Schiffszwiebacke aß, die ungefähr um so viel die unsern übertreffen, als Biscuit das schwarze Brod, und das erquickende Warmbier trank. Da gab’s so vieles zu erzählen, was von gegenseitigem Interesse war, nur des Krieges wurde mit keinem Worte gedacht, weder von meiner noch von seiner Seite – weshalb, ist wohl klar.

Fast ganz zuletzt, als ich mich bereits anschickte, wieder zu den Meinen zurückzukehren, verleitete mich der Anblick eines schwarzen Flors um den linken Arm des Officiers zu der Frage, ob er wohl Verluste ihm nahestehender Personen erlitten habe. „Ja,“ sagte er mit einem tiefen Aufathmen, „mein junges Weib wurde kürzlich, als Ihre Batterien Sonderburg bombardirten, wohin sie mir aus Kopenhagen gefolgt und welches sie meinethalb nicht verlassen wollte, von einer Kugel in ihrer Wohnung getödtet.“ Ein längeres Schweigen beiderseits; großer Schmerz wie große Freude haben keine Worte. – Da plötzlich hebt er das große blaue Auge, in welchem, wenn ich nicht sehr irre, etwas wie eine Thräne glänzte, zu mir auf. Durch das Naß der Thräne aber blitzte und loderte ein wildes Feuer.

„Sehen Sie, mein Camerad, daß ich Sie, selbst in dieser kurzen Zeit und obschon Sie mein Gegner sind, lieb, recht lieb gewonnen habe, werden Sie wohl erkannt haben, Ihre Nation aber, das ganze deutsche Volk, hasse ich mit aller Leidenschaft meiner Seele, wie man nur zu hassen vermag; diese ganze deutsche Nation, die mit frecher Hand uns unser Eigenthum zu entreißen gekommen ist, ihr werde ich bis zum letzten Athemzug entgegenkämpfen, und wie ich denkt jeder brave Däne. Aber schauen Sie da hinauf nach unseren Werken, die, wenn auch zerwühlt und zerrissen von der Unzahl Ihrer Geschosse, doch noch Hunderten und Tausenden den Tod bringen werden. Das glaube und darauf vertraue ich fest, daß sie niemals in Ihre Hände kommen, auch wenn Sie noch so lange davorlägen. Sollte es aber den kolossalen Massen gelingen, bis in die Ruinen zu gelangen, dann glauben Sie mir, werden auch alle diese Massen neben den todten Vertheidigern durch die letzten Lebenden derselben ihren Untergang, ihr Ende finden. Dänemarks Kampf ist ein verzweifeltes Streiten für sein gutes Recht, gegen die Uebermacht, und Verzweiflung vermag viel.“ Er reichte mir die Hand: „Leben Sie wohl, mein lieber Camerad!“

„Auf Wiedersehen,“ sagte ich.

Noch hier und da ein freundlich Wort, ein kleines Angedenken dem und jenem, noch einen Schluck aus dem „Büttel“ jenes Mannes, der mich zuerst hinübergewinkt, und die geflüsterten Worte: „Ich bin Schleswiger, aus Apenrade, heut’ Abend komme ich hinüber!“ und ich hatte die dänische Vorpostenkette hinter mir. Die preußischen Cameraden aber waren eben im lebhaftesten Gespräch über die Mittel, mich am bequemsten wieder von den Dänen abzuholen, sie meinten mich mit Gewalt zurückgehalten.

Einige dreißig Stunden später war kein Däne bewaffnet mehr auf dem Festlande Schleswig-Holsteins! Die für uneinnehmbar gehaltenen Werke waren in unserm Besitze.

Was aus jenem Schleswiger geworden, weiß ich nicht; möge er entkommen sein!

Ueber den dänischen Officier erhielt ich zufällig Kunde, er ist, von mehreren Kugeln getroffen, unter den Händen preußischer Aerzte auf dem Verbandplatze gestorben.


Eine der schönsten Erinnerungen für mich und wohl für Viele bleibt die Nacht, in welcher unser Regiment in Verbindung mit dem 24. commandirt worden war, die dritte Parallele, 500 Schritt von den Schanzen, auszuwerfen. Alles war mir dabei neu, alt und bekannt einzig die Gefahr. Daß die Dänen diese Arbeit mit aller Macht würden zu verhindern suchen, hatte man unsererseits entschieden geglaubt und demzufolge die üblichen Vorbereitungen getroffen; denn das ganze schwere Feldlazareth stand in Wester-Düppel bereit.

Es war eine prachtvolle laue Nacht, der Mond hing, ein mildes Licht verbreitend, am wolkenfreien Himmel, als wir, nur mit Gewehr und Munition versehen, längs des Wenningbundes, dessen Wasser, ein großer, blaugrüner Spiegel, leise und wie zärtlich kosend an die Ufer schlug, zur Arbeit vorrückten.

Kurz vor der ersten Parallele machten wir Halt, um die nöthigen Instructionen zu erhalten. Jeder Mann warf die Flinte über die Schulter, und einen Schanzkorb auf dem Kopfe, gingen Tausende, Mann hinter Mann, in langer Reihe vor. Nichts, kein Wort war zu hören, als das leise, taktförmige Auftreten und hier und da ein tiefes Aufseufzen; denn die Schanzkörbe, besonders die aus grünen Ruthen gefertigten, waren schwer und wurden zur [495] furchtbaren Last durch die Länge des Weges, auf welchem Keiner in der langen Reihe anhalten konnte und durfte, ohne die ganze Colonne in’s Stocken zu bringen. Aber der menschliche Körper vermag eben fast Unglaubliches zu leisten, wenn ein zäher fester Wille in ihm wohnt, und das ist bei uns Brandenburgern der Fall. So ging’s denn ohne Stocken vorwärts, durch die erste und zweite Parallele, bei der preußischen Feldwache vorbei.

Die zweite Parallele ist zu Ende, zu Ende aber auch der deckende, schützende Wall. Die lange Reihe tritt in’s Freie, das Herz klopft lauter in der schnell athmenden Brust; denn dicht vor sich erblickt man die Dänenwerke, von wo aus auf diese Entfernung ein Kartätschenschuß ganz furchtbare Wirkung gehabt haben würde. Die Sehkraft des Auges wird fast bis zum Schmerz angestrengt in der Erwartung, es auf der Stelle blitzen zu sehen und dann die einzige Möglichkeit der Rettung zu versuchen, sich flach auf die Erde zu werfen, und dabei geht es immer vorwärts, immer näher heran an die Schanzen. – „Hierher!“ ruft ein Officier von den Pionieren. Da giebt ein weißer, auf der Erde ausgespannter Bandstreifen die Lage der neuen Parallele an, dort wird Korb an Korb gestellt, dahinter aber liegt sein Träger, bewegungslos auf den Boten gekauert. Tiefste Ruhe herrscht einige Minuten auf dem ganzen Plane, die Dänen haben nichts gesehen, denn kein Schuß wird in den Schanzen gelöst, dagegen fallen die preußischen Bomben im prachtvollsten Bogenwurf ohne Zwischenpausen in dieselben ein.

Die Zickzackmauer der Schanzkörbe ist aufgestellt, somit aber der erste Theil des Werkes vollbracht. In derselben Art, wie sie gekommen, geht die wandelnde Menschenschlange zurück. Der Letzte ist wieder in die zweite Parallele eingetreten, da entwickelt sich aus derselben eine zweite ebensolange Reihe, jeder Mann einen Spaten oder eine Hacke in der Hand. Wie jene zurück, gehen diese vor, Mann hinter Mann, so daß jeder hinter einem Schanzkorb zu stehen kommt, die geladenen Gewehre werden von der Schulter genommen und auf den Boden gelegt, und die Arbeit, das Graben, beginnt. In die Erde hinein strebt Jeder, denn er weiß, je tiefer das Loch ist, welches er gräbt, je voller der Korb wird, desto mehr Deckung hat er gegen die Geschosse der Feinde. Das ist denn ein Arbeiten auf Leben und Tod, ein Keuchen und Stöhnen, soweit in die Länge das Auge schaut, der Schweiß rieselt vom ganzen Körper. Was thut’s? einen Schluck aus der Flasche, einen kurzen Augenblick der Ruhe, und der Spaten wird von Fuß und Hand mit erneuter Kraft in den Lehmboden gestoßen. „Bombe, Bombe!“ flüstert’s hier und dort. Da sieht man zwei mit feurigen Schweifen im hohen Bogen über die Schanzen steigen, ihre Richtung ist auf uns zu. Bombe vorbei; wenigstens hundert Schritt hinter uns crepiren sie in der Luft; da schon wieder zwei, die fast an derselben Stelle platzen, wie die ersten. Jeder weiß jetzt, man schießt nicht auf uns, sondern die Kugeln gelten den hinter uns liegenden Batterien.

Es ist des Morgens gegen vier Uhr, die Parallele ist flüchtig ausgeworfen, das heißt, der Graben ist vier Fuß breit und tief, der Wall aber fünf Fuß hoch. Pioniere messen allerorts Tiefe und Breite. Es ist Alles richtig, unsere Aufgabe somit erfüllt.

Bis an die Kniee in Schlamm und Wasser (wegen der Nähe des Meeres) gehen die Regimenter in dem in wenigen Stunden geschaffenen Wege zurück, den Pionieren überlassend, am Tage im Schutz des Walles die erforderliche Breite der Parallele herzustellen und sie für größere Truppenmassen gangbar zu machen.

Kein Mann der ganzen Colonne war in dieser Nacht verwundet worden. Das war ein gar schönes Gefühl, als wir, schmutzig wie die Erdwürmer, in Wester-Düppel an den vielen blauen verdeckten Wagen, alle mit der Aufschrift „für Schwerverwundete“ versehen, vorbeikamen!

„Sie sind heute angeführt worden,“ rief ich einem mir bekannten Arzte zu.

„Ja, Gott sei Dank, auf diese Weise mag ich mich gern in den April schicken lassen.“

„Schlafen Sie wohl.“

„Guten Morgen.“

Selten hat mir der Schlaf auf ein wenig zermalmtem Stroh so wohl gethan, wie damals, und nie das gegen Abend bereitete Mittagbrod, Erbsen und Rindfleisch, so gut gemundet, als an diesem Tage.




Blätter und Blüthen.

Jackson’s Fingergymnastik. Nächst der stärkeren Entwickelung des menschlichen Vorderhirnes ist es fast ausschließlich der Bau der Hand und ihre Kunstfertigkeit, was den Menschen über das Thier erhebt und zum Herrn der Erde gemacht hat. Wie jene Entwickelung von Jahrhundert zu Jahrhundert gestiegen ist, so daß die Schädelsform des berühmten vorsündfluthlichen Neanderthal-Schädels der Affenform näher steht, als der des heutigen kaukasischen, besonders germanischen Schädels, so hat auch die Geschicklichkeit der menschlichen Hand und ihre Leistungsfähigkeit von Jahrhundert zu Jahrhundert zugenommen, wie unsere heutigen Kunstprodukte lehren. Eine solche Zunahme kann aber nur durch gesteigerte und vielseitigere Uebung in’s Leben treten. Und so kann man mit Recht sagen: „Der Fortschritt des Menschengeschlechts in der Civilisation beruhe hauptsächlich auf Uebungen des Denkorgans und aus Uebungen der Hand und ihrer Einzeltheile.“

„Um die Leistungsfähigkeit der menschlichen Hand zu erhöhen, muß man die Hand- und Fingergelenke von Jugend auf möglichst vielseitig gymnastisch üben, theils in Freiübungen, theils mittels eigener Geräthe.“ Dies ist der Satz, welchen der Rentier und Friedensrichter Jackson aus England, zunächst in Bezug auf musikalisches Virtuosenthum (Piano und Geige) aufgestellt hat und theils durch ein paar Seiten Gedrucktes, theils durch öffentliche unentgeltliche Verträge in den größeren Städten Deutschlands zu verbreiten sucht. Er hat sich dabei natürlich vor Allem des Beifalls der Musiklehrer und Componisten zu erfreuen gehabt, weil diese am meisten alltäglich empfinden, wie ungeschickt und schwach bei vielen Lernenden die Hände sind und oft zeitlebens bleiben, wie sehr es noch allenthalben daran fehlt, daß die Finger und Hände für dauernde Ausführung feinerer Bewegungsweisen schon von Jugend an systematisch geübt und gekräftigt werden. Eine Menge der berühmtesten Musikmeister haben Herrn Jackson schriftliche beifällige Zeugnisse ausgestellt. Aber es giebt noch außer der Musik eine Menge von Künsten, für welche die Hand ebenfalls schon von Jugend an vorbereitet werden sollte, um in späteren Jahren Ausgezeichnetes mit Ausdauer leisten zu können, z. B. viele Handwerke, viele Maschinenhülfsarbeiten, die weiblichen Arbeiten, die Medicin und Chirurgie, das Schreiben und Zeichnen, sogar die neuere Kriegskunst (Zündnadelgewehre, Weittreffen) etc. Eine schlechtgeübte Hand wird in diesen Fächern entweder ungeschickt bleiben, oder sie wird durch Ueberanstregnng bald erlahmen, wodurch eine besondere Art von Lähmung, mit Krampf verbunden, entsteht, welche besonders bei Schreibern bekannt ist, aber auch bei Musikern, Künstlern, Schuhmachern, Schneidern, Ciseleuren, Nähterinnen und andern Gewerben vorkommt – der sogenannte Schreibekrampf.

Die Turnlehrer haben diese Classe von Uebungen keineswegs ganz vergessen. In dem classischen Turnbuch von H. Spieß finden sich die Bewegungsmöglichkeiten der Hand und ihrer Finger, und die darauf zu gründenden activen (Frei-) Uebungen derselben vollständiger, als bei Hrn. Jackson. Allein auf den Turnplätzen hat man, trotzdem daß das Spieß’sche System in Deutschland allenthalben gilt, sehr wenig daran gedacht, diese feinern Gelenkübungen zu betreiben. Auch ein englischer Erziehungs-Gymnastiker, Henry de Laspée, führt in seinem hauptsächlich für Schulen bestimmten Buche „Callisthenics“ die Finger-, Daumen- und Handgelenks-Bewegungen einzeln aus und bildet sie auf mehrern Tafeln ab. Aber er muß doch in Großbritannien nicht durchgedrungen sein, sonst würde sein Landsmann nicht heutzutage mit der Ueberzeugung, eine neue Sache einzuführen, auftreten. Das Charakteristische und zugleich das Nützliche dieses Auftretens besteht eben in der einseitigen Energie, mit welcher Herr Jackson die bisherige Vernachlässigung solcher Uebungen den Musiklehrern wie den Lernenden begreiflich zu machen weiß, und in der Ermuthigung, die er auch den älteren Musiktreibenden gewährt, indem er durch sein eigenes Beispiel darthut, daß es noch in späteren Lebensjahren möglich ist, die Gelenke für derartige Zwecke, wie Piano- oder Violinspielen biegsamer, ihre Muskelbewegungen ausgiebiger zu machen und die bei angestrengter Kunstübung so leicht eintretenden Ermüdungen auf gymnastischem Wege theils zu heilen, theils zu verhüten.

Die Finger, und Handgymnastik Jackson’s besteht hauptsächlich aus drei Classen von Uebungen. 1. Zur Ausdehnung des Spielraums der Gelenke steckt er zwischen die Finger mehr ober weniger tief einen Cylinder (von Kautschuk oder gewöhnliche Korkstöpsel) und läßt damit die Fingergelenke auf- und abwärts biegen. – 2. Um die Fingermuskeln besonders zu Seitenbewegungen (Spreizen) fähiger zu machen, läßt er auf einem runden Stabe, in welchen abwechselnd Erhöhungen und Vertiefungen (letztere zum Hineinstellen der Fingerspitzen) gedrechselt sind, allerlei Greif- und Klopfbewegungen mit den Fingern ausführen. – 3. Um die das Handgelenk regierenden Vorderarm-Muskeln zu stärken, läßt er damit die auf unseren Turnböden wohlbekannten verschiedenen Handbewegungen vornehmen, auch wohl zu Beseitigung des Ermüdungsgefühles die locker gehaltene Hand hin und her schlenkern.

Einiges daran ist unleugbar neu, während andererseits wieder Einiges fehlt. Immer ist der uneigennützige Eifer zu loben, mit welchem Jackson seine Gymnastik zu verbreiten strebt. Vielleicht geht der von ihm gegebene Anstoß doch mit der Zeit aus den Musikschulen auf die Volksschulen, Kleinkinderschulen und Kindergärten über und bewirkt dort die Einführung oder regere Betreibung eines Zweigs der körperlichen Erziehung, welcher mehr als andere auch der geistigen Erziehung zu Gute kommt. Denn die Hand ist das vornehmste Werkzeug des menschlichen Geistes. Alles was uns in [496] der Beherrschung und Anwendung unserer Finger geschickter und kräftiger macht, kommt früher oder später auch den intellectuellen Fortschritten zu Gute, bei uns selbst oder bei Anderen. Man denke z. B. an Zeichnen, Malen, Bildhauen und jede andere Art von Darstellen. Daher sei die Angelegenheit der Fingergymnastik allen Erziehern hiermit an’s Herz gelegt.

Dr. Richter in Dresden. 




Verkümmert und Vergessen. Die äußeren Verhältnisse Oesterreichs unter Metternich hat die Geschichte nach den Quellen in Archiven, die Herr Graf Sedlnitzki nicht confisciren konnte, an das helle Licht des Tages gerückt; daß diesem keineswegs erfreulichen Bilde die inneren Zustände vollständig entsprachen, wußte man längst, jedoch ist der Rahmen noch nicht vollständig ausgefüllt. Die Wirkungen jener Zeit liegen uns noch in allen Gliedern; sie ist die Ursache des ausfallenden Mangels tüchtiger politischer Charaktere und reifer Staatsmänner, sie erwürgte mit List und Brutalität jede Geisteskraft, sie erzog jenes Geschlecht serviler Heuchler, die, um ein Anstellungsdecret oder auch nur die Ruhe zu erkaufen, stets etwas anderes auf der Zunge, etwas anderes im Herzen trugen. Und fast möchte man die Mehrzahl derselben entschuldigen, denn wo aus der allgemeinen Entsittlichung ein edles Haupt emporragte, darf man es bewundern, allein von der Schwäche der übrigen kaum fordern, daß sie sich mit gleicher Geduld und ohne Ruhm den tückischen Schlägen der herrschenden Macht aussetzen sollten. Jeder Beitrag zur Kenntniß jener Zeit muß willkommen sein, und zwar nicht bloß der frivolen Neugier, sondern als eine Warnung, weil jene Zustände uns noch ziemlich nahe sind; als ein Schlüssel, der manches Geheimniß der Gegenwart öffnet und auf die Absichten von Leuten ein Streiflicht wirft, die ihre Nichtswürdigkeit mit Phrasen verkleistern.

Wer zählt die Opfer, deren Geist und Kraft in jener österreichischen Wirthschaft zu Grunde gingen und schmählich verfaulten! Wenn wir diese beklagen, müssen wir uns nur darüber wundern, daß es auch jetzt noch Sykophanten giebt, welche das berüchtigte „System“ zu vertheidigen wagen und es in jeder Richtung zurückführen möchten. Von Tyrol wußte man bisher wenig mehr, als daß es das Eldorado der Ultramontanen war und sei, daß, wie die Sonnenstrahlen am Gletscher, hier der warme Hauch deutschen Lebens spurlos abpralle. Dem ist aber nicht so. Auch hier war das Naturgesetz geistiger Entwicklung nicht zu unterdrücken, und die Geschichte wird Männer zu nennen haben, deren Kampf um so löblicher war, je weniger ihnen eine Hoffnung auf den Preis des Sieges lächelte. In politischer Beziehung gehörten sie großentheils, wie Johannes Schuler, zu den sehr zahmen Altliberalen; ihr Hauptverdienst besteht darin, daß sie entweder wissenschaftliches Leben anregten, wie Aloys Flix, oder das Banner gegen den Druck des Klerus erhoben. Letzterer verfolgte unbewußt und freilich nicht bis in die letzten Consequenzen das Programm, welches Strauß in seinem Leben Jesu ausspricht: „Der politische Fortschritt ist, wenigstens in Deutschland, nicht eher für gesichert zu halten, als bis für die Befreiung der Geister von dem religiösen Wahn, für rein humane Bildung des Volkes gesorgt ist.“

Zu den Vorkämpfern gegen den Ultramontanismus darf man Hermann von Gilm zählen. Der Sohn eines Justizbeamten, wurde er am 1. November 1812 zu Innsbruck geboren. Nach der Versetzung seines Vaters trat er in das Gymnasium zu Feldkirch ein und studirte endlich die Rechte an der Innsbrucker Universität. Die Hochschulen Oesterreichs hatten in jener Zeit keinen andern Zweck, als servile Beamte und beschränkte Priester zu erziehen. Gilm lernte auch nicht viel Besseres, es war jedoch ein Glück für ihn, daß er mit Johann Schuler und Johann Senn bekannt wurde. Jener besaß eine Bibliothek, die er mit den Erscheinungen der neuesten Literatur vervollständigte, und lieh auch von der österreichischen Censur verbotene Werke an junge Männer, deren strebsamen Geist er beobachtet hatte. Noch seufzen die Ultramontanen, wenn sie an ihn und seine Giftbude denken. Ueber den unglücklichen Senn hat die Gartenlaube im Jahrg. 1860, Nr. 48 bereits einen Aufsatz gebracht. Tief verbittert durch die Verhältnisse in Oesterreich, denen er zum Opfer gefallen, übertrug er seinen Groll auf jeden, der mit ihm umging, die Pfeile seines Spottes gegen ultramontane und servile Zöpfe schleudernd. Er machte Gilm auf Verschiedenes aufmerksam; diesen der Philosophie zu gewinnen mißlang, weil er zu einem ernsten Studium auch nicht die mindeste Anlage besaß und sich lieber auf der Oberfläche des Lebens leicht beweglich tummelte, als in die Tiefe drang. Dieser Umstand hatte auch auf die Festigkeit seines Charakters keinen günstigen Einfluß; gleich so manchem Künstler war er ein Kind des Augenblickes und völlig unberechenbar in seinen Entschlüssen. Dabei mag ihn freilich die vergiftete Atmosphäre, in der er zu athmen gezwungen war, entschuldigen.

Er versaß einen guten Theil seiner Zeit als Praktikant, trieb dabei den damals üblichen Weltschmerz und machte kleine Gedichte, Lieder und Sonette, von denen sich manche durch den Ausdruck der Stimmung, das Feuer der Sprache und den Schwung der Phantasie auszeichnen. Damals machte Ludwig Steub auf ihn aufmerksam und ließ das treffliche Gedicht: „Warum so spät erst, Georgine?“ in seinem „Drei Sommer in Tyrol“ abdrucken. Da jedoch Gilm nicht den Muth hatte, eine Sammlung seiner Gedichte zu veröffentlichen, weil das nur jenseits der österreichischen Grenzen möglich gewesen wäre und er sich dadurch für immer compromittirt hätte, so nützte ihm Steub’s Verwendung wenig, und er durfte sich bald wieder zu den Verschollenen rechnen. Seine Gedichte hätten in der Heimath selbst kaum Beachtung gefunden, obwohl manche Perle darunter schimmerte, denn was gelten Verse in Tyrol? – Allein er wandte sich der Tendenzpoesie zu und verlieh in herrlichen Liedern dem Grolle Ausdruck, welchen damals Graf Brandis und der Landtag durch die Berufung der Jesuiten in den Herzen freisinniger Männer und der akademischen Jugend entzündeten. Hier hat Gilm im Kleinen Großes geleistet und Anspruch auf dauernden Dank erworben. Von seinen Gedichten ist nur wenig in Zeitschriften und Almanachen veröffentlicht; es steht zu erwarten, daß sie jetzt, wo er vor den Nachstellungen der Pfaffen und Servilen im Grabe geborgen ruht, herausgegeben werden; wir theilen sein Jesuitenlied am Schlusse mit. Es charakterisirt ihn vortrefflich und ist, obgleich bereits vor zwanzig Jahren gedichtet und von ihm vielleicht längst vergessen, auch jetzt noch in Oesterreich sehr zeitgemäß. Oder zweifelt Jemand, daß die Jesuiten noch immer großen Einfluß behaupten? Tausend Thatsachen bestätigen es leider nur zu sehr!

Im Jahre 1848 war Gilm in Wien. Er hatte nicht den Muth sich der Bewegung anzuschließen, und wurde durch die Folgen derselben, wie so viele Altliberale, nach rechts geschleudert. Zugleich wollte er sich nicht ewig auf den schmutzigen Stufen des unteren Kanzleidienstes herumtreiben, sondern avanciren. So finden wir ihn endlich, ohne daß man ihm bei der Unentschlossenheit und Leichtbeweglichkeit seines Wesens eine Apostasie vorwerfen dürfte, als Statthaltereisecretair zu Linz, wo er 1861 heirathete und am 31. Mai 1864 im 52. Jahre starb.

Wenn er seit 1848 auch noch Verse machte, so hat er doch bereits damals seinen Gipfel überschritten. Was er später, meist für officielle Zwecke, dichtete, ist großentheils schwülstig, barock und ohne innere Wahrheit, so daß man es nicht mehr beklagen darf, wenn ihm die Feder aus der Hand fiel. Wir wollen das Bild Gilm’s vor der Seele behalten, wie er jugendlich begeistert und feurig gegen die Finsterlinge kämpfte, und werden seine Gedichte als eines der schönsten Denkmäler jener Zeit mit Freude begrüßen. Den Schluß möge jenes Jesuitenlied bilden:

 Der Jesuit.
Es geht ein finstres Wesen um,
Das nennt sich Jesuit;
Es lächelt nicht, ist still und stumm,
Und schleichend ist sein Schritt.

Es hat nicht Rast und hat nicht Ruh
Und hat ein bleich Gesicht,
Und drückt am Tag die Augen zu,
Als beiße es das Licht.

Es trägt ein langes Trau’rgewand
Und kurzgeschornes Haar,
Und bringt die Nacht in jedes Land,
Wo schon die Dämm’rung war.

Es wohnt in einem öden Haus
Und sinnt auf neuen Zwang,
Und blickt es in die Welt hinaus,
So wird der Menschheit bang.

Und Jesus trug ein farbig Kleid
Und seine Brnst war bloß,
Und was er sprach, war Seligkeit,
Und was er that, war groß.

Und Jesus’ offnes Auge war
So frei, wie sein Gebot,
Und Jesus trug ein lockig Haar,
Und seine Wang’ war roth.

Am dattelreichen Palmenbaum,
Da lehrt’ er sein Gebet
Und träumte seiner Liebe Traum
Am See Genesareth.

Drum seh’ ich solch ’nen Finsterling,
So fällt mir immer ein:
Wie kann man solchen, wüsten Ding
So schönen Namen leih’n?
So schönen Namen leih’n? X. Z.




Der deutsche Wohlthätigkeits-Verein in St. Petersburg. Der Leser weiß, daß in der russischen Hauptstadt Tausende von Deutschen leben und alljährlich in großer Zahl neu dort einwandern. Unter diesen letzteren namentlich besitzen gar manche nicht die nöthigen Existenzmittel und gerathen darum, trotz der vielen vorhandenen Wohlthätigkeitsanstalten und der Mildthätigkeit des russischen Volkes, bald in die bedrängteste Lage. In Erwägung dieser Umstände wurde nun hier vor zwanzig Jahren auf die besondere Anregung des damaligen sächsischen Gesandten am hiesigen Hofe, Baron Seebach, und unter Mitwirkung mehrerer hier ansässiger Ausländer ein Verein gegründet zu dem Zwecke, der Unterstützung bedürftigen und würdigen hiesigen Deutschen zu Hülfe zu kommen, sei es nun durch Nachweis von Beschäftigung, durch Geldunterstützung, Sicherung des Aufenthalts oder der Rückkehr, durch Aufnahme der Kranken und Altersschwachen in’s Armenhaus, oder durch Erziehung von Waisen und Sorge für ihre Zukunft. Der Verein hat im Laufe dieser zwanzig Jahre jährlich über tausend solcher hülfsbedürftiger Deutscher unterstützt, unendlich viel des Guten gewirkt, manche Thräne getrocknet und manchem tiefen Elende abgeholfen. Indessen in Folge der allgemein beengten finanziellen und kommerziellen Lage der letzten Jahre standen die dem Vereine zufließenden freien Beiträge in keinem Verhältnisse zu den jährlich wachsenden Anforderungen, die Ausgaben überstiegen so weit die Einnahmen, daß alle aus früheren Zeiten stammenden Reservesummen verbraucht wurden und Gefahr droht, der Verein werde, wenn diese Uebelstände fortdauern, seine Thätigkeit bedeutend beschränken, ja vielleicht zur Veräußerung seines Armenhauses schreiten müssen. – Der Vorstand des Vereins ist nun auf’s Eifrigste bestrebt, das Eintreten dieser Nothwendigkeit zu verhüten, er thut Alles, um das Interesse für den Verein bei den hier ansässigen wohlhabenden Deutschen rege zu machen und sie zu regelmäßigen Beiträgen zu bestimmen, aber er rechnet auch vertrauensvoll auf das große deutsche Vaterland und hofft, dieses werde zur Unterstützung seiner hier lebenden außerordentlich zahlreichen armen Glieder mitwirken. Es ergeht daher durch diese Zeilen an alle edlen Deutschen die Aufforderung, durch Baarbeiträge – und wären sie auch noch so klein – dem Verein zu Hülfe kommen zu wollen.

Gegenwärtig bietet sich noch eine besondere Gelegenheit dazu dar. Der Verein hat die Absicht hier eine Ausstellung deutscher Industrie- und Kunstgegenstände in’s Leben zu rufen, einmal im Interesse der Ausstellenden, dann aber auch zu dem Zwecke, die besten ausgestellten Gegenstände für eine Lotterie anzukaufen, deren Ertrag seinen Armen zu Gute kommen soll. Der Verein hat bereits durch die Zeitungen und specielle Circulare alle deutschen Industriellen und Künstler zur Betheiligung an dieser Ausstellung eingeladen und hofft bei ihnen rege Theilnahme für dieselbe nicht blos des eignen Interesses wegen, sondern auch um des damit verbundenen wohlthätigen Zweckes willen zu finden. Es gilt ja, armen deutschen Brüdern in der Fremde Unterhalt, Obdach, Schutz und Sicherheit gegen Mangel und Elend zu gewähren, Waisen zu erziehen, mit einem Worte, das deutsche Element auch in der Ferne nicht zu Schanden werden zu lassen.

St. Petersburg, 24. Juni 1864.
Dr. Zunck. 

  1. Das erste, ein Sohn, ward auf den Namen Theuerdank getauft. Die beiden andern Kinder, Töchter, führten den Namen Zifra. Die älteste starb bereits elf Wochen nach der Geburt. Theuerdank endete später in Dürftigkeit und ist verschollen. Laut Aktenstückes d. d. 15. Januar 1542, Wolfenbüttel, zeigen die Räthe daselbst an, daß er mit einem Heizer entlaufen sei und im Kloster zu Hardenberg gebettelt habe.
  2. Diese Erfahrung führte Herrn Dr. Otto Fiebig in Leipzig zur Begründung eines Institutes für Ausbildung erwachsener Töchter zum kaufmännischen und gewerblichen Geschäftsbetriebe, dessen bereits verhältnißmäßig sehr starker Besuch Zeugniß für das vorhandene Bedürfniß und für die Gesundheit der zu Grunde liegenden Idee giebt.
  3. Daher auch das deutsche Sprüchwort: „Wenn man einem Buben eine Frau und dem Kinde einen Vegel giebt, so ist Beider Untergang vor der Thür.“
  4. Den hohen Adel bilden heutzutage die Souveraine und die Nachkommen derjenigen, welche zur Zeit der Reichsverfassung Landeshoheit und Reichsstandschaft, oder auch nur eines von beidem, hatten. Der übrige Adel heißt niederer Adel, und Titulaturen wie Graf, Baron und dergleichen bilden also kein Kriterium. Doch können Personen des niederen Adels vermöge ihrer Titel und sonstigen Vorrechte denen des hohen Adels gleichstehen, ja ihnen sogar vorangehen. Der hohe Adel kann von keinem deutschen Souverain durch Standeserhöhung ertheilt werden.
  5. „Nun merket und verneinet, was ein jeglicher Mann, der von ritterlicher Art ist, seinem Weibe zur Morgengab geben mag, ohne seiner Erben Urlaub; des Morgens an ihrem Bett oder so er zu Tische gehet, oder ob dem Tische, so mag er geben seinem Weibe ohne seiner Erben Urlaub einen Knecht, oder eine Magd, die zu ihren Jahren gekommen sind, und Zewe und Gezimmer ob der Erd.“ (Schwäbisches Landrecht.)