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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1862
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 31.   1862.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen.    Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Zwei Welten.

von Otto Ruppius.
(Fortsetzung.)


Hugo stützte die Stirn in die Hand. Die Versendung der Stadtobligationen am Morgen war ihm während der Rede durch den Kopf gegangen, und doch hätte er Winter’s Sorglosigkeit, mit welcher dieser ihm sein Buch anvertraut, nicht begreifen können, wenn der Mann etwas Straffälliges zu verbergen gehabt. Dann war das belauschte Gespräch wieder vor ihn getreten, das wohl vermocht hätte, zu der Darstellung des Wirths eine Bestätigung zu liefern, wenn nur Winter’s Sicherheit dem Comptroller gegenüber nicht gezeigt hätte, daß er wegen seiner Handlungen nichts zu fürchten habe. Dann aber kamen die Aeußerungen des alten Henderson, welche eine ganz bestimmte Kenntnis; und Theilnahme Winter’s an den „Geschäften“, die Graham unternommen, verriethen und sogar einen Einfluß derselben auf die Verheirathung Jessy’s mit dem Comptroller andeuteten, und eine völlige Wirre von Gedanken drohte sich Hugo’s zu bemächtigen.

„Sie nehmen also den besprochenen Mann als den Hehler für das Gestohlene an,“ begann er nach kurzer Pause, sich mit Macht zu einer klaren Anschauung durcharbeitend; „hier ist aber ein so bestimmtes Factum: die Ausstellung zweier Obligationen unter ein und derselben Nummer, daß eine Einsicht in Winter’s Bücher sofort das Wirkliche in Ihrer Annahme zu Tage bringen müßte.“

„Halloh!“ lachte Marquart auf, „Sie sind wirklich noch so grün in unsern Verhältnissen, daß man Ihnen mit dem kleinsten Mißtrauen Unrecht thäte. Halten Sie den Mann wirklich für dumm genug, irgend einen unrechten Posten in seinem Buche zu dulden? Ich glaube sogar, daß er nicht einen einigen Federstrich, der wider ihn zeugen könnte, bei dem Handel gethan hat. Sie haben ihn zum Exempel in Deutschland getroffen – meinen Sie, der Mann reist dorthin, um seine Tochter und seinen Schwiegersohn spazieren zu führen und ohne Noth sein hiesiges Geschäft in der Hand des alten Henderson zu lassen? Er und der Comptroller werden gerade hinreichend gewesen sein, um ohne einen Buchstaben ihre Obligationen an den Mann zu bringen. Ich glaube auch gar nicht, daß gegen Winter eine bestimmte Anklage wird erhoben werden können, wenn ihn nicht seine eigenen Spießgesellen verrathen, und was ich soeben ausgesprochen, darf eben nur als eine Vermuthung gelten, die freilich alle Gründe für sich hat, mit deren Aeußerung man aber dennoch vorsichtig sein muß. Sie werden aber nun wenigstens begreifen, wie ein Deutscher angesehen wird, welcher in der jetzigen Zeit bei John Winter arbeitet, der seit Langem nur Vertrauensleute in seinem Geschäfte duldet!“ Er erhob sich, scharf seine Mütze rückend, als denke er genug gesagt zu haben, und Hugo, seine drängenden Gedanken und halb geborenen Entschlüsse zurückweisend, bis er mit sich allein sein würde, machte sich fertig, das Haus zu verlassen.

Es begann dunkel zu werden, als er den Weg nach seiner Wohnung einschlug; halb mechanisch nur bog er in der Nähe derselben in das ihm zugewiesene Speisehaus ein, um ein kurzes Abendbrod zu nehmen, und eilte dann, sein Zimmer zu erreichen.

An der offenen Seitenthür des Geschäftslocals, welche bei geschlossenem Vordereingang nach dem obern Stock führte, stand ein Mulattenmädchen, in lebendigem Gespräche mit dem alten Henderson neben ihr begriffen. Beide schwiegen aber bei Hugo’s Annäherung, und die Farbige schien mit reger Neugierde das ganze Aeußere des jungen Mannes einer Musterung zu unterwerfen. Kaum achtete dieser indessen darauf. Er schritt mit einem kurzen Gruße nach der Treppe und öffnete oben sein Zimmer, froh, seine Lage jetzt ungestört in’s Auge fassen und nach einem bestimmten Entschlusse suchen zu können. Er hatte indessen kaum seinen Hut bei Seite geworfen und einen unruhigen Gang durch den Raum begonnen, als Henderson ihm nach in das bereits dunkele Zimmer trat. „Es ist hier ein Brief an Sie,“ sagte der Alte, „jedenfalls werden Sie aber Licht brauchen, wenn Sie ihn lesen wollen!“ und ohne Hugo’s Erlaubniß abzuwarten, ließ er ein Streichholz aufleuchten, damit die Gasflamme entzündend.

Der Deutsche war stehen geblieben und nahm verwundert ein geschlossenes Couvert, dessen zierliche Aufschrift seinen Namen völlig correct zeigte, aus der Hand des Andern. „Von wem, Mr. Henderson?“ fragte er.

„Kann’s nicht sagen, Sir,“ war die Antwort, während ein leichter Ausdruck von Laune sich um den Mund des Sprechenden legte, „aber das Kammermädchen der Mrs. Graham hat ihn gebracht!“

Ein schnelles Roth schoß in das Gesicht des jungen Mannes, Henderson schien aber kaum darauf zu achten, nickte leicht und sagte: „Wenn Sie heute Abend wieder eine Viertelstunde zu plaudern wünschten – ich bin zu Hause, Sir!“ und verließ damit das Zimmer. Im nächsten Augenblicke aber hatte auch Hugo das Couvert geöffnet, sein Auge flog zuerst nach der Unterschrift – „Jessy Winter“ hieß sie, und eine Secunde lang durchschossen sein Gehirn zehn abenteuerliche Vorstellungen auf einmal. Mit zitterndem Auge begann er zu lesen:


„Theuerer Freund!

Nicht wahr, Sie erlauben mir, daß ich diese Anrede gebrauche, wenn Sie sich auch im Augenblick kaum mit günstigen Ideen von mir herumtragen mögen? Es ist mir, als dürfe ich Ihnen nur [482] das einfache Wort sagen: Es giebt nirgends eine Ursache, die mir selbst den kleinsten Theil Ihrer Achtung rauben könnte! und Sie würden mir trotz der Widersprüche, welche der Augenschein Ihnen entgegenstellen mag, unbedingt Glauben schenken. Und wie sehr es mich gedrängt hat, dieses Wort zu Ihnen zu sprechen, mag Ihnen der gegenwärtige Schritt beweisen, den ich zugleich, ohne Rücksicht auf gesellschaftliches Herkommen, thue, um mich gegen den Freund, den ich jetzt nicht verlieren mag, so rückhaltlos auszusprechen, wie es die bestehenden Verhältnisse erheischen.

Ich darf vermuthen, daß die Karte, welche ich Ihnen in Berlin sandte, um Ihnen für alle Fälle ein Asyl anzudeuten, Sie hierher gebracht hat, und dennoch mußte ich die Letzte sein, welcher Sie begegneten – nur durch einen Einfall Carry’s und wider Ihren Willen begegneten, und der Sie dann um so eiliger auswichen! Nicht wahr, das geschah nur, weil Sie mich verheirathet fanden, ganz abgesehen von der Person meines Mannes? und wenn ich jetzt in Ihr Inneres blicken könnte, würde ich nur auf den Vorsatz treffen, möglichst bald durch eine genügende Entfernung jeder neuen Berührung mit mir vorzubeugen? Sie haben mich fast ohne Hülle ahnen lassen, was in Ihnen vorgeht, und so spreche ich auch muthig aus, was ich von Ihren Empfindungen erkannt zu haben meine, da sich nur hierdurch ein ruhiges, klares Verhältnis; zwischen uns bilden kann.

Wir sind zweimal unter Umständen miteinander in Berührung gekommen, die uns Beide wohl die alltägliche Welt vergessen lassen konnten, und ich darf es Ihnen unter allen Verhältnissen gestehen, daß ich nie ohne eine warme Anerkennung Ihres Charakters, sowie eine herzliche, freundschaftliche Neigung für Ihre übrige Persönlichkeit an Sie zu denken vermochte. Jetzt, lieber Freund, sind wir aus Ihrem romantischen Deutschland in unser nüchternes Amerika gelangt und haben die Wirklichkeit zu nehmen, wie sie sich bietet. Ich bin einer unabweislichen Nothwendigkeit gefolgt, welche mich in meine jetzige Stellung geführt, und habe, wie ich Ihnen schon sagte, nichts darin zu bereuen; wollen Sie denn nun aber die Wirklichkeit dafür verantwortlich machen, daß sie Ihnen nicht bieten kann, was Ihnen vielleicht irgend ein Traum gezeigt? Und ist es denn so wenig, was wir haben können, wenn wir nur wollen: ein helles, lebendiges Verständniß unserer Seelen und ein freundliches Nebeneinanderleben, das gerade durch seine Leidenschaftslosigkeit kaum getrübt werden kann?

Indessen will ich Ihrer Stimmung, die sich mir ja nur in einem kurzen Moment geboten, jetzt in keiner Weise vorgreifen. Sie dürfen ruhig Ihren bisherigen Geschäften nachgehen, ohne besorgen zu müssen, mir von Neuem zu begegnen; nur Carry’s mysteriöse Einladung brachte mich heute in das elterliche Haus,das ich sonst kaum betrete – bietet sich aber in späterer Zeit einmal ein neues Zusammentreffen, so reichen Sie mir vielleicht selbst ruhig die Hand und betrachten unsere europäischen Abenteuer als das, was sie einzig bleiben werden: Erinnerungen ans einer poesievollen Zeit.

Und nun erlauben Sie mir noch eine Bemerkung, die ich aus vollem Herzen an den Freund richte. Sie sagten mir, Sie haben kein Talent zum Geldmanne, und Sie ließen mich die Gründe ahnen, welche Sie im Augenblicke in Ihrer jetzigen Lage festhalten. Lassen Sie mich Ihre Wünsche oder Pläne sammt deren möglichen Hindernissen mit derselben Offenheit wissen, wie ich selbst jetzt Ihnen gegenüber alle Bedenklichkeiten habe fallen lassen; vielleicht dürfte es mir möglich werden, Ihnen auf eine oder die andere Weise freien Weg für eine neue Zukunft zu schaffen, und können Sie zu der Mrs. Graham kein Herz fassen, so lassen Sie mich immer für Sie sein: Ihre aufrichtige Freundin

Jessy Winter.“


Hugo hatte längst den Brief geendet, aber noch immer blicke er bleich und starr in die Schriftzüge. „Lüge, Lüge!“ murmelte er endlich, „sie möchte, da sie mir das Paradies verschlossen, mir einreden, daß sie nie mehr als ein sonniges Plätzchen auf dürrer Haide für mich gehabt – aber um das zu schreiben, wenn es Wahrheit wäre, hätte es nicht dieser Eile bedurft!“ Er rief das ganze Bild seiner heutigen Begegnung mit ihr wieder vor sich, er prüfte es, als habe er über einen fremden Fall zu richten, von ihrem Erschrecken, als sie ihn erkannt, bis zu dem zitternden letzten Händedrucke und ihrem Abschiedsblicke. „Sie fürchtet!“ fuhr er langsam fort, „fürchtet ebenso die stumme Anklage als das eigene Gefühl und möchte den Glauben an ihr kaltes Herz als eine Schranke zwischen uns ziehen; sie bricht dem Schlimmsten, was ihr begegnen könnte, dem Geständnis; meiner Leidenschaft und meines Elends, die Spitze ab und sagt mit klaren, ruhigen Worten, daß ich ihr nichts mehr zu bekennen habe; sie weicht nicht aus, wo ihr die Vergangenheit entgegen treten könnte, aber läßt sie nur als poetische Erinnerung gelten; sie befestigt ihre Stellung nach allen Seiten – aber möchte mir doch gern eine goldene Brücke bauen, wenn ich nur ginge und ihr den Kampf ersparte. – O, ich gehe ja schon,“ fuhr er fort, sich in den nächsten Stuhl fallen lassend, „du sollst nicht beunruhigt werden, aber ich mag auch nicht deine Freundschaft und nicht deine Hülfe, Jessy – ich habe nicht dein starkes Herz, das sich selbst zu bezwingen und der Wirklichkeit volle Rechnung zu tragen vermag, aber ich habe meinen Stolz, der mich lieber darben, als ein Almosen annehmen läßt!“

Er legte den Kopf, das Gesicht in den untergelegten Arm gedrückt, auf den Tisch. Er war vollkommen klar mit sich, daß er morgen Winter’s Geschäft und die Stadt zu verlassen habe. Auch abgesehen von seiner Herzensangelegenheit, die ihn hier zu einer fortlaufenden Pein verurtheilt hätte, erforderte seine Ehre die Trennung von Winter; dann aber, wenn er wirklich seine amerikanische Carriere als Barkeeper oder dergleichen beginnen sollte, wollte er dies wenigstens an einem Orte thun, wo er kein Auge zu scheuen hatte. Er versuchte, sich den Abschied von seinem bisherigen Principale, dem er offen die Gründe seines Austritts mitzutheilen gedachte, vor die Augen zu stellen; aber durch seine Seele klangen fort und fort Bruchstücke aus Jessy’s Zeilen, seine Gedanken ableitend, und bald grübelte er fast unbewußt nur noch über einzelne ihrer Sätze, suchte er sich eine Erklärung für die „unabweisbare Nothwendigkeit“, welche sie in ihre Ehe geführt, zu schaffen, rief er sich ihre bleiche, veränderte Erscheinung, die in vollem Widerspruche mit der ruhigen, überlegten Ausdrucksweise ihres Briefes zu stehen schien, zurück, und erst die herbe Bitterkeit über diesen zur Schau getragenen Gleichmuth, welche ihn beschlich, führte ihn wieder mit größerer Bestimmtheit zu seinem Entschlusse, am nächsten Tage das Haus zu verlassen, zurück.

Da legte sich eine Hand auf seine Schulter; fast zusammenschreckend fuhr der Sinnende auf und sah in das Gesicht des alten Henderson, das ihn mit einer eigenthümlichen Theilnahme anblickte. „Sie hat bitter geweint, Sir, als sie das geschrieben hat,“ sagte er, auf den offen daliegenden Brief deutend, „aber nur Muth, Sir, was sie auch geschrieben haben mag! Sie weiß selbst nicht, wie es steht, und daß Henderson, der sie auf seinen Armen getragen, und ihr in manchem kleinen Unfälle geholfen hat, schon dabei ist, um sie auch von ihrem großen Unglücke zu erlösen. Nur nicht verzagt, Sir, es wird Alles werden, wie es soll, und wenn es einmal so weit ist, dann sollen Sie auch erfahren, wie tapfer das Kind gestritten!“ Es ging ein wunderlicher Ausdruck, aus Humor und Rührung gemischt, durch seine Züge, für welchen Hugo ebensowenig eine Erklärung hatte, als für seine Worte.

„Ich verstehe Sie nicht, Sir,“ sagte er befremdet; „Sie wissen etwas in Bezug auf diesen Brief?“

„Nur was mir soeben Flora, das ist ihr Kammermädchen, gesagt, durch die ich aber überhaupt Vieles erst habe verstehen lernen!“ erwiderte Jener ruhig und zog sich einen Stuhl im Bereiche seiner Hand herbei. „Ist es nicht richtig, das; Sie mit Miß Jessy in Deutschland bekannt geworden und auf die Karte hin, die sie Ihnen geschickt hat, hierher gekommen sind? Heißen Sie nicht Hugo Zedwitz?“

„Und wenn das auch Alles so ist, was erklärt sich daraus?“ fragte Hugo, welchem dieselbe schon einmal gehörte Frage wieder in’s Gedächtnis; trat, jetzt mit einiger Spannung.

Der Alte nickte mit einem eigenthümlichen Lächeln. „Ich habe gar nichts dawider, daß Sie mich nicht verstehen, ich gehe damit auch immer am sichersten!“ erwiderte er. „Sie werden aber doch einsehen, daß ich einen Grund haben mußte, daß ich Sie, der heute erst in’s Geschäft getreten, ruhig gehen ließ, als Sie die ganze Unterredung zwischen Mr. Winter und dem Stadt-Comptroller angehört, daß ich Ihnen sogar noch meine eigene Herzensergießung dazu gab? Nun, Sie sollen wissen, wie das so gekommen!“ Er strich mit der Hand über sein Gesicht und fuhr dann mit ruhigem Ernste fort: „Es ist wohl über ein Jahr her, daß Miß Jessy von der Tante, wo sie gelebt und der sie die Augen zugedrückt, wieder nach Oakhill kam und daß mit hundert andern jungen Leuten Mr. Graham seine Augen auf sie warf. Sie war aber noch immer das sonderbare Ding, das sie als Kind gewesen, wo sie sich oft allein [483] zu einem arm gekleideten Mädchen hatte setzen und ihr Zuckerzeug mit ihm theilen können, nur weil die geputzten Kinder nicht mit ihm hatten spielen wollen – sie kümmerte sich um die feinen Herren nichts und um Mr. Graham am wenigsten. Aber der Comptroller machte sich bei Zeiten an den Vater, nicht mit seinen Werbungen, sondern mit verschiedenen profitablen Geschäften – und Mr. Winter hat eine Leidenschaft für Geschäfte, die nicht offen für Jeden liegen. Ich sah schon damals, wo es hinausgehen sollte, sah, wie Graham jeden Tag mit nach Oakhill fuhr, aber der Mann gefiel mir nicht mit seinem Schleichwege nach dem Mädchen, und seine Geschäfte, in die er die Office verwickelte, noch viel weniger. Da kam zuletzt eine Speculation mit Stadt-Obligationen – es war ein Geschäft, um einen Engel zu verführen, wenn er für den Gewinn nur eine halbe schwache Seite hatte! Hier auf dem Platze, wo wir sitzen, wurde der Handel.abgeschlossen; es brauchte für Beide nur halbe Worte zum Verstehen, aber auch für den alten Henderson nicht mehr. Es galt für uns nur ein einziges Auge zuzudrücken, und übernahmen wir die Sache nicht, so gab es sicherlich zehn andere Hände dafür. Aber, Sir, es war die erste offene Unredlichkeit, die mir, so viel geheime und sonderbare Geschäfte auch durch unsere Office gegangen sein mögen, hier vor das Gesicht trat; ich wußte zudem auch, welchen Preis sich Graham für den Gewinn, der daraus entsprang, ausbedungen, und Mr. Winter fiel so leicht in die goldenen Schlingen, die ihm der Comptroller gestellt, daß, wenn ich nicht an dem eigenen Principale zweifeln sollte, ich den Andern wie den höllischen Versucher, der uns noch Alle in’s Verderben bringen würde, hassen mußte. -– Well, Sir, nachher folgte die europäische Reise, und die Leute hier meinten, Miß Jessy und der Comptroller würden als ein Ehepaar zurückkommen. Darin hatten sie sich freilich betrogen, eine Veränderung indessen war doch mit dem Mädchen vorgegangen, und wenn nicht ihr liebes glattes Gesicht dasselbe gewesen wäre, hätte ich gemeint, sie müsse um zehn Jahr älter geworden sein – Mr. Graham aber schien nach ihrem Wesen gegen ihn mit seiner Werbung unrettbar auf den Sand gerathen. Und im Monate darauf hieß es doch plötzlich, es solle Hochzeit gemacht werden; aber Miß Jessy ging herum, bleich wie eine verwelkte Lilie, und als der alte Henderson zu ihr kam, den sie zur Unterstützung bei ihrer neuen Einrichtung hatte rufen lassen, und sie kopfschüttelnd ansah, da fiel sie mit dem Gesichte auf seine Schulter, wie sie es oft als Kind gethan, wenn ihr das Herz schwer war, und weinte sich aus, als wolle ihr der innerliche Jammer die Brust zersprengen, und Henderson wußte, daß irgend ein teuflischer Streich gespielt worden war, der das Mädchen gefangen. Und in der Stunde schwor ich mir zu, daß das Unglück des armen Kindes auf den zurückfallen solle, der es verschuldet. Ich hätte sie noch damals gern rebellisch gemacht, denn sie kann ein Herz haben wie ein Mann und durchsetzen, was sie sich vornimmt; aber als der erste Ausbruch bei ihr vorüber war, stand sie wieder als ganze Lady vor mir, sagte mir, was sie thue, geschehe freiwillig, und ich solle nur ohne Fragen ihren Anordnungen nachkommen. Aus diesen Anordnungen aber, die Sie auch noch einmal erfahren werden, wenn es die rechte Zeit dafür ist, konnte ich schon abnehmen, wie es mit ihrem freien Willen beschaffen war, und ich hätte gerade so wenig davon verstanden, wie von den Umständen, die sie zu der Heirath vermochten, wenn Flora, die mit ihr aufgewachsen und ein ganz gescheidtes Mädchen ist, mir nicht bald ein Licht aufgesteckt hätte. – Well, Sir, ich kannte den Namen, der für die junge Mistreß der rechte gewesen wäre, noch ehe Sie hierher kamen; ich wußte, daß sie hätte glücklich werden können, wenn Mr. Winter nicht dem Versucher erlegen wäre, und wußte auch, was ich zu thun hatte, um die Office, in der ich bis jetzt ehrlich mein Leben verbracht, wieder rein zu machen, um das arme Kind von ihren Ketten zu erlösen und den Mann, der sich ihr aufgezwungen, sich in seiner eigenen Schlinge fangen zu lassen. Sie haben ja selbst gehört, wie er schon den Strick um seinen Hals fühlt und nicht weiß, wer ihm dazu verholfen hat; Sie konnten aber freilich den alten Henderson nicht verstehen, der mit dem ersten Schritte, den Sie in die Office thaten, wußte, wie jetzt für Miß Jessy die Sachen standen, der Ihr Freund wurde, Sir, eben so treu, als er an dem geopferten Kinde seinen Schwur gegen den Comptroller erfüllt. – Und nun sage ich also noch einmal: Muth, Sir! es wird Alles kommen, wie es soll, was sie auch jetzt in ihrem Unglücke geschrieben haben mag. Nur abwarten und dem alten Henderson vertrauen!“

Hugo hatte mit immer weiter geöffneten Augen der abgerissenen Rede gehorcht, deren Bedeutung er in manchen Theilen kaum ganz hätte fassen können, wenn die Mittheilungen des deutschen Wirths ihm nicht im Voraus ein volles Verständniß eröffnet gehabt. In einzelnen Augenblicken war es ihm gewesen, als ob es in ihm wie eine neue Hoffnung aufjauchzen sollte, und in andern war ihm wieder der Alte wie von einer fixen Idee eingenommen erschienen, bis zuletzt der Gedanke, daß Henderson es gewesen sein könne, der in seinem Hasse gegen Graham dem Untersuchungscommittee die Beweise der Betrügerei geliefert, in ihm durchbrach. Aber wurde Jessy dadurch frei, oder wurde seine Stellung in Winter’s Geschäft dadurch ehrenhafter? Er streckte langsam dem Alten die Hand entgegen, welche dieser derb und fest ergriff. „Sie meinen es gut, Mr. Henderson,“ sagte er, „aber Sie werden weder Jessy noch mir dadurch etwas helfen können. Sie hat mir hier zum zweiten Male gesagt, daß sie nichts in ihrer eingegangenen Verbindung zu bereuen habe, daß es eine unabweisbare Nothwendigkeit gewesen sei, der sie gefolgt, und sie will nicht einmal mehr von mir, als daß ich ihr Freund bleibe. Was wollen Sie nun daran ändern, da Ihnen selbst die Ursachen für ihre Einwilligung unbekannt sind? Ich aber habe keinen Anspruch, als den sie mir selbst einräumt, und wenn ich meine, unter so kalten Verhältnissen nicht neben ihr leben zu können, so bleibt mir eben die Freiheit, zu gehen. Und das werde ich auch außerdem aus denselben Gründen müssen, die Sie, Mr. Henderson, zuerst zu Graham’s Feinde gemacht haben. Vertrauen gegen Vertrauen, Sir! die Stadt ahnt mehr von den Geschäften, die hier gemacht worden sind, als Mr. Winter wissen mag, und wenn ich auch heute Morgen wohl selbst unbewußt eine Hand dazu geliehen habe, so werde ich mich doch sicher nicht wieder einer gleichen Gefahr bloßstellen. Ich denke morgen früh offen und ehrlich von Mr. Winter Abschied zu nehmen – und damit auch meine stillen Hoffnungen zu begraben, ohne die ich wohl nicht hierher gekommen wäre. – Es muß sein, Mr. Henderson,“ setzte er auf eine Bewegung des Alten hinzu, „ich selbst ginge hier auf doppelte Weise zu Grunde, und Mrs. Graham’s äußere Freiheit und Ruhe hat ebenso meine Entfernung zu fordern, denn ich bin nicht stark genug für eine Selbstbeherrschung, welche die Verhältnisse und ihre eigene Gefühlsweise verlangen.“

„Aber ich sage Ihnen, die Office wird rein werden, Sir, und was auch sonst an Geschäften gethan worden ist, für die nicht Jeder die Hand und die Schlauheit von Mr. Winter hat, so sind sie ehrlich gewesen, Henderson muß das wissen!“ rief der Alte eifrig. „Im Uebrigen aber weiß ich, was ich weiß, und Miß Jessy wird ihr Recht bekommen, mag auch der Teufel selber ihre Heirath zuwege gebracht haben. Muth, Sir, und Abwarten! Henderson sagt Ihnen, es wird Alles kommen, wie es soll, und das muß für einen Mann, den sie sich ausgewählt hat, genug sein!“

Hugo drückte mit einem matten Lächeln des Sprechers Hand. „Es gehört in manchem Falle mehr Muth dazu, zu gehen, Sir, als sich den kommenden Dingen zu überlassen!“ erwiderte er. „Ich werde mit mir selbst klar werden und sehe Sie morgen früh noch einmal, ehe ich einen meiner Entschlüsse ausführe!“

Henderson sah ihm mit einem langen besorgten Blicke in’s Auge und schüttelte dann den Kopf. „Sie hat bitter geweint, Sir, als sie den Brief da geschrieben,“ sagte er, sich langsam erhebend, „thun Sie, was Sie verantworten können!“ Er ging ohne weiteres Wort nach der Thür, und als diese sich hinter ihm schloß, ließ Hugo das Gesicht auf’s Neue in seinen Arm fallen. Was konnten alle wunderlichen Hoffnungen und aller guter Wille des Alten gegen unumstößliche Thatsachen helfen? War Jessy nicht verheirathet, war nicht jeder seiner Tage in Winter’s fernerem Dienste eine neue Gefährdung seiner Ehre? Fort, so lange er noch selbst die Kraft dazu fühlte und seine wenigen Mittel ihm einen Anfang in völlig fremden Umgebungen ermöglichten!




8. In Deutschland.

Der Geheimerath Zedwitz ging nachdenklich, die Hände auf den Rücken gelegt, in dem kleinen Empfangzimmer seiner Schwiegermutter auf und ab, während die alte Dame den Strickstrumpf in den Schooß hatte sinken lassen und durch das Fenster in den beginnenden Abend hinausblickte. Draußen fielen langsam die ersten diesjährigen Schneeflocken von dem grauen Novemberhimmel.

[484] „Mangold hat aus New-York einen Brief von seinem Sohne erhalten!“ begann die Letztere, wie einen neuen Gesprächsgegenstand eröffnend, und Jener hielt plötzlich seinen Schritt an.

„Er hat mir nichts davon gesagt!“ erwiderte er kurz.

„Glaub’ es wohl, Sie haben ihn scheu gemacht, Herr Sohn!“

„Ich wüßte kaum, daß sein Heinrich je zwischen uns erwähnt worden wäre,“ versetzte Zedwitz, den Kopf hebend, als wolle er dadurch die Erwähnung jeder Nebenbeziehung abschneiden. „Ich dachte soeben an ein Arrangement, das ich zu machen gedenke, wofür mir ein Vertrauensmann in New-York sehr angenehm wäre, und so würde mir die Adresse des jungen Mangold ganz gelegen kommen!“ Er nahm, als wolle er dem eindringlichen Blicke der alten Dame, welchen diese jetzt gegen sein Gesicht erhob, ausweichen, seinen Gang wieder auf und fuhr dann fort: „In den nächsten Wochen wird unser Meßner das Prädicat als Regierungs- und Schulrath erhalten, und ich habe mir vorgenommen, bis zu diesem Tage seine Angelegenheit mit Helene in Ordnung zu bringen – ich weiß, daß in seiner Hand die Zukunft des Mädchens gesichert ist und daß er für uns ein ausgezeichneter Sohn sein wird. Damit wird nun aber in meinem Etat der Nießbrauch von Helenens mütterlichem Vermögen wegbleiben, und ich werde suchen müssen, diesen Ausfall in anderer Weise zu decken. Ich habe der Kinder halber Schulden machen müssen, und diese sollen wenigstens bezahlt werden, ehe ich einmal in den Ruhestand übertrete. Da hat mich Meßner selbst auf einzelne amerikanische Papiere, die jetzt allgemein gesucht werden und, statt unserer gebräuchlichen vier Procent, zehn Procent Interessen bringen, aufmerksam gemacht er gedenkt sein eigenes kleines Vermögen darin anzulegen, und da die Sicherheit dafür einer Staatsgarantie gleichkommt, so glaube ich es verantworten zu können, den Rest, der noch von dem Vermögen der Kinder in meinen Händen bleibt, in dieser Weise profitabeler unterzubringen. Trotz aller Sicherheit ist man indessen mit den amerikanischen Verhältnissen und den nöthigenfalls zu ergreifenden Rechtsmitteln doch nicht vertraut genug, um sich einer völligen Ruhe hinzugeben, und so würde der junge Mangold mir von dort aus die nöthigen sichern Erklärungen leicht verschaffen können.“

„Sie sprechen von einer Verbindung zwischen Helene und unserem Meßner als so nahe,“ erwiderte die Großmutter nach einer Pause, „sind Sie auch Ihrer Sache völlig sicher? Ich habe den Schuldirector fast so lieb, wie einen eigenen Sohn, und doch ist mir auch Helene zu sehr an’s Herz gewachsen, als daß ich sie einem Zwange unterworfen sehen möchte.“

Der Geheimrath hielt seinen Schritt an und ließ einen Blick voll ernster Bestimmtheit auf der alten Dame ruhen. „Das Mädchen ist noch ein halbes Kind, das geleitet werden muß, wenn es seine ganze Zukunft nicht auf’s Ungefähr setzen soll, und sie kennt meinen Willen; über diese Angelegenheit glaubte ich mich völlig mit Ihnen im Einverständniß, Frau Mutter!“ erwiderte er. „Ich kenne die halbe Liaison zwischen ihr und dem jungen Römer; sie weiß aber, daß ich Gründe habe, mich dieser Neigung auf das Entschiedenste zu widersetzen, und ich fürchte nicht, daß die Großmutter ihr helfen wird, Opposition gegen den Vater zu machen!“

„Sie dürfen völlig ruhig sein!“ nickte die alte Frau langsam. „Auf der andern Seite aber, Herr Sohn, werde ich auch nie wieder eine ernste Neigung zu bekämpfen suchen, und ginge sie gegen meine liebsten Wünsche; – ich bin einmal im Leben dafür gestraft worden,“ setzte sie in sinkendem Tone hinzu, „und mag diese Verantwortlichkeit nicht noch einmal auf mein Gewissen nehmen. – Aber abgesehen von Allem,“ fuhr sie rasch fort, als befürchte sie, ein unbedachtes Wort gesprochen zu haben, „worin wurzelt denn Ihre Abneigung gegen den jungen Römer, den ich allerdings gern unserm Schuldirector nachgesetzt sähe, gegen den sich aber doch kaum eine begründete Einwendung machen ließe?“

In des Geheimraths Gesicht hatte es während des ersten Theils der gehörten Worte wie ein ferner Blitz aufgezuckt, und selbst als die Sprecherin geendet, lag es noch wie ein drohendes Wetter auf seiner Stirn. „Wo Ehre und Gewissen in einer vernünftig geschlossenen Ehe regieren, Frau Mutter, da mag Jeder ruhig die Verantwortlichkeit dafür übernehmen,“ sagte er mit finsterm Nachdruck, „und wenn Sie meiner Tochter vielleicht eine alte trübe Geschichte erzählt haben, so kann sie ihr nur zum Segen in ihrem künftigen Leben werden! – Ich gebe meine Tochter keinem Speculanten, der oft nicht weiß, ob er morgen reich ist oder den größten Theil seines Vermögens verloren hat,“ fuhr er dann ruhiger, seinen Gang wieder aufnehmend fort, „und Römer’s Geschäft schlägt mehr oder weniger in diese Branche. Ich will auch nicht meine Tochter nach dem, was sie eingebracht hat, betrachtet sehen, und vielleicht habe ich auch noch weitere Gründe, mir diese Bewerbung zu verbitten!“

Das Gesicht der Großmutter klärte sich zu einem launigen Lächeln voll stiller Befriedigung auf. Sie erhob sich unhörbar, als Zedwitz ihr den Rücken kehrte, trat ihm bei seinem Zurückkommen langsam entgegen und legte die Hand auf seine Schulter. „Wir sind allein, Herr Sohn, und so lassen Sie uns doch aufrichtig sein!“ sagte sie mit einem Anklang von Schalkhaftigkeit, welcher diesen alten, feinen Zügen einen ganz eigenthümlichen Reiz verlieh. „Ich will Ihnen einmal sagen, was in Ihrer Seele vorgegangen ist, wenn Sie mir es auch wahrscheinlich nicht gestehen werden. Sie glaubten durch das Ereigniß, welches Hugo aus Berlin hierher trieb, sich und den Namen der Familie bloßgestellt, Sie fanden darin nur eine natürliche Folge der modernen Ansichten, welchen er sich zu Ihrem Mißbehagen hingab, und glaubten durch Ihre Strenge gegen ihn nur einen nothwendigen Act der Gerechtigkeit in Bezug auf die Ehre der Familie, wie auf den Uebellhäter auszuführen – im Allerinnersten des Herzens freilich war dennoch die Liebe für den schuldigen Sohn geblieben, wenn auch die Welt keine Ahnung davon erhalten sollte. Nun stellt sich aber auf geeigneten Orts gethane Anfragen heraus, daß nicht allein keine gerichtlichen Schritte gegen Hugo gethan worden sind, sondern daß der verwundete Russe auch jede Bezeichnung des Thäters verweigert und die ganze Schuld der unglücklichen Angelegenheit auf sich selbst genommen hat – daß Hugo’s Vorgesetzte diesem das beste Zeugniß geben und den unbesonnenen Schritt seiner Flucht aufrichtig beklagen – erlauben Sie mir, lieber Sohn, daß ich mein Recht auszureden auch einmal in Anspruch nehme!“ unterbrach sie eine ungeduldige Bewegung des Geheimraths. „Und so wäre die Sache ohne alle ernsten Folgen vorübergegangen, wenn nicht – der junge Römer dem Flüchtling die Mittel zur Reise nach Amerika gewährt hätte. Eine andere und wohl correctere Lesart aber heißt: wenn nicht der Flüchtling aus dem elterlichen Hause, wohin er sich im kindlichen Vertrauen gewandt, gewaltsam gestoßen worden wäre – diese Lesart ist aber etwas unbequem, also hält man sich an die erstere und überträgt auf den jungen Römer die Vorwürfe, die man im Allergeheimsten sich wohl selbst macht. Ich bin noch nicht ganz fertig!“ beantwortete sie eine neue Bewegung ihres Gesellschafters, ohne Rücksicht auf dessen dicht zusammengezogene Brauen. „So muß also der junge Römer auch ein Speculant sein, obgleich er sich mit denselben amerikanischen Papieren nicht einlassen mag, durch welche der Herr Sohn sich höhere Zinsen verschaffen will. Sie haben schon einmal gegen mich von dieser Idee gesprochen, und ich nahm die Gelegenheit wahr, ein kaufmännisches Urtheil darüber zu hören. Verstehen Sie mich recht – ich nehme in keiner Weise die bestimmte Partie des jungen Mannes; ich möchte aber nur, daß Sie jetzt, wo vielleicht noch Manches für den Frieden der Familie zum Guten gelenkt werden kann, aufrichtig gegen sich selbst und gegen mich sind, die einiges Recht auf die Kinder zu haben und einige Rücksicht zu verdienen glaubt!“

Sie sah ihm groß und freundlich in das finstere Auge und wandte sich dann zurück, indem sie sich wieder in den Lehnstuhl am Fenster niederließ und den Kopf erwartend zurücklegte.

(Fortsetzung folgt.)






Victor Hugo im Exil.


Im Canal, dort wo die Dünenspitze des Cap de la Hague und Cherbourgs tief in’s Meer hinüber nach den weißen Kalksteingestaden Englands sich erstreckt, liegen vier Eilande: Alderney, Guernsey, Sark und Jersey. Sie sind kaum einige Lieues von Frankreichs Küsten entfernt, welche letzteren man von ihnen als düstere Nebelstreifen sehen kann; aber sie gehören zu England,

[485]

Victor Hugo.
Nach einer Photographie.

sind starke Bollwerke desselben gegen den alten Erbfeind jenseits des Canals. …

„Am weißen Hügel hier im Thale,
Da schlug der Normann sein Gezelt;
– – – – – – – – –
Und über jenen Hügel wallte
Sein Banner Morgens zu der Schlacht.“

Seitdem die kühnen Normannen sich England erobert, sind auch diese Inseln, ursprünglich von Celten bewohnt, Theile des großen britischen Reichs. Sie haben ihre alte eigene Verfassung, ihr eigen Parlament; die Königin von England herrscht über sie, aber sie sind dennoch Republiken für sich. Viele alte normannische Geschlechter haben hier ihre Wohnstätten gegründet; einige sind die vornehmen Besitzer von Seigneurien geblieben, und über den Portalen ihrer burgartigen Schlösser ist noch das bemooste Wappen des Ahnen, der mit Wilhelm dem Eroberer über’s Meer nach Hastings zog; andere dagegen sind Kaufleute geworden. Die überwiegende Zahl der Bevölkerung ist französisch; die eingeborenen Celten haben sich mit ihr vermischt; die eingewanderten englischen Familien leben isolirt auf den Eilanden. Englisch und Französisch in friedlichem Gegensatz zeigt sich hier in Sitten, Sprache, Leben und Gesetz. Aber daneben hat sich in alter Unabhängigkeit der Charakter der Insulaner erhalten, der etwas für sich sein will und weder mit Frankreich, noch auch mit England sympathisirt.

Wie die alten Normannen, sind auch die Einwohner dieser Inseln kühne Schiffer. Aus vielen Familien gingen die Männer von Geschlecht zu Geschlecht zur See, und Unzählige fanden ihr Grab in den Fluthen des Meeres. Oft, wenn der Sohn dieser Eilande nach langen Fahrten die Felsenküsten seiner Heimath sieht, reißt der Sturm das Fahrzeug in den Strudel oder auf eine Klippe, und er stirbt im Angesicht seines langentbehrten Vaterlandes. Denn die alten celtischen Gottheiten wohnen noch um die Gestade dieser Eilande und bringen tückisch dem Segler in den zahllosen Riffen und Brandungen den Untergang. Fast immer braust hohl und gierig nach Opfern die dunkle Fluth um diese Inseln, getrennt von einander durch stundenbreite Meeresarme. Aber so wild das Meer, und so unheimlich das Geklipp der Ufer, so paradiesisch lieblich ist die Natur auf den Inseln selbst. Da blüht eine italienische Vegetation in nordischer Frische; saftige Wiesen ziehen sich hinter blumenreichen Gärten hin; dichtlaubige Wälder rauschen um die zierlichen Häuser der Dörfer, um die Besitzungen dieser meist wohlhabenden Bevölkerung. Epheu in reichen Guirlanden windet sich von Ast zu Ast, von Fels zu Fels; Weingelände umspinnen jedes Haus bis zum Dach – Alles wuchert, Alles blüht, Alles duftet, der Athem der See, der herüberkommt, der Athem der Blumen, der fort über die Wellen des Meeres zieht.

Guernsey ist nächst Jersey die größte dieser normännischen Inseln. Dicht am Meere erhebt sich die Hauptstadt St. Peter’s Port amphitheatralisch empor mit ihren alterthümlichen Bauten, vielfach noch aus der Normannenzeit. St. Peter’s Port hat etwa 18,000 Einwohner; die Straßen sind eng, die Häuser mit Giebeldächern, Erkerfenstern und seltsamen Schnitzereien daran, zwischen ihnen stehen vorväterliche Thurmreste mit runden Fenstern und Spitzbogenpförtlein. Winkel und Treppen in allen Straßen, die alle bergauf, bergab gehen. Kein Haus dabei ohne Garten, kein Fenster ohne Blumen, kein Tisch im Zimmer ohne Bouquet. Und die Leute so derb und kräftig, die Frauen und Mädchen so anmuthig, als stammten sie in Wahrheit von den Feen ab, welche nach [486] den alten Sagen der Insel diese selbst geschaffen, bewohnt und bevölkert haben.

Wir klimmen die steinernen Zickzackleitern in den Winkeln der Sackgassen hinauf und gelangen in den neueren und schöneren Stadttheil auf dem schmalen Plateau des Berges. Dort steht ein dunkles, ehrwürdiges Gebäude mit einem Garten davor, in welchem Pinien und Lorbeer wachsen, mit einem Rundbogen-Wetterdach über der röthlichen Eingangsthür, mit breiten hohen Fenstern, die alt und in düsterem Ernste hinunter auf’s Meer, hinüber nach den Nebelstreifen der französischen Küste sehen. Ein Schimmer von Schwermuth liegt über der dunklen Facade. Auf der Messingplatte über dem „knock and ring“ jedes englischen Hauses stehen die Worte: „Hauteville-House“. Dies Gebäude – vor sechszig Jahren, als England und Frankreich im Kriege auf Tod und Leben waren, erbaute es ein englischer Korsar, und seit sieben Jahren wohnt hier einer der Edelsten der französischen Nation, einer der geächteten Soldaten der französischen Republik, der sich treu blieb, treu der Rache, dem Zorn, dem Gram, der Dichter Victor Hugo!

O, ihr solltet ihn nur sehen, wie er gealtert hat! Denn elf Jahre im Exil, elf Jahre mit dem Zorn im Herzen über das Unglück seines Vaterlandes, seitdem in ihm Napoleon im December 1851 die Gesellschaft gerettet hat; elf Jahre der Sehnsucht nach der Heimath – die zählen wie Kriegsjahre doppelt! Victor Hugo, der gefeiertste Dichter Frankreichs, der Mann, welcher durch zahllose Gesänge die Franzosen weinen lehrte – er schaut jetzt von der Höhe einer englischen Insel tagtäglich hinüber über das Meer nach seinem Vaterlande und mag um keinen Preis wieder dessen Bürger sein, so lange es im Besitz des Cäsar ist. Das Haar ist weiß geworden; die Züge des Grams und der Leiden haben sich in sein edles Antlitz gegraben – aber dies sanfte, verklärte Auge ist noch immer dasselbe, und in den Augen liegt das Herz.

Einsam lebt Victor Hugo auf Hauteville-House inmitten des Familienglücks, welches ihm das Geschick wie einen Alles überwindenden Trost gelassen. Noch lebt seine edle Gattin, die er einst mit seinen ersten Gesängen sich gewissermaßen erobert; seine Tochter, die ihm noch geblieben, pflegt sein Alter; seine beiden Söhne, Charles und Francois, von denen der Eine als Uebersetzer Shakespeare's sich bereits einen Ruf erworben, sind sein Stolz. Er liebt die Kinder noch, wie sonst. Alle Mittwoch giebt er fünfzehn kleinen Kindern, ausgewählt unter den ärmsten der Insel, ein Diner, und er mit seiner Familie servirt dabei. So trachtet er danach, wie er sich in einem Briefe äußert, „die Gleichheit und Brüderlichkeit in jenem Lande zum Verständniß zu bringen.“ Einige andere Verbannte auf der Insel besuchen ihn, und sie gehören zu seiner Familie. Hin und wieder kommt wohl auch ein alter Freund über’s Meer, um ihm die Hand zu drücken, und der ist sein Bruder.

Der Staatsstreich hatte Victor Hugo’s Vermögen ruinirt; kaum daß er einige Trümmer desselben retten und es durch seine Arbeit einigermaßen wieder ordnen konnte. Erst durch das Honorar für den Roman „les Misérables“, welches, so viel wir uns entsinnen, 400,000 Francs beträgt, wurde er wieder ein wohlhabender Mann, wenn auch – und zu seinem Bedauern – nicht dermaßen, um seiner Leidenschaft für Wohlthun nach Wunsch Genüge thun zu können. Durch den Ankauf von Hauteville-House ist er zu dem unverletzlichen Rechte eines englischen Bürgers gekommen. Sein Haus ist seine Burg, und vergeblich wären jetzt selbst des Kaisers Napoleon Anstrengungen, ihn aus Guernsey zu entfernen, wie er ihn erst aus Belgien, dann von Jersey zu vertreiben wußte. Gegen ein viertes Exil hat sich sonach der große Verbannte „Napoleon’s des Kleinen“ zu sichern gewußt, und er kann nun wenigstens inmitten eines halbfranzösischen Völkchens im Angesichte seines heißgeliebten Vaterlandes wohnen.

Victor Hugo hat Hunde, Vogel, Blumen – er liebte dies Alles von jeher; in der Einsamkeit seiner Verbannung liebt er es doppelt. Bald wird auch ein Pferd hinzukommen und ein Wagen, um über die Wiesen der Insel, durch die Gartengänge der üppigen Felder fahren zu können. Denn das Alter fordert auch schon sein Recht, und die Spaziergänge, die der Dichter am Ufer des Meeres tagtäglich zu machen pflegt, können nicht immer so ausgedehnt werden, als er es wünscht. Und doch ist er noch rüstig und voll Lebenslust. „Ich stehe früh auf,“ schreibt er uns, „arbeite den ganzen Tag und lege mich frühzeitig in’s Bett. Ich rauche nicht, aber ich esse Roastbeef wie ein Engländer und trinke Bier wie ein Deutscher, was,“ fügt er schalkhaft hinzu, „die „España“, ein Pfaffenjournal in Madrid, durchaus nicht abhält, zu behaupten, Victor Hugo existire gar nicht und der wahre Verfasser der „Miserables“ nenne sich Satan.“ Ist die Jahreszeit schön, so arbeitet er in seinem duftreichen Garten, und da hat er eine Art natürlichen Fauteuils zum Sitz, eine Felsplatte mit einer reizenden Aussicht, Firmain-Bay genannt. Fügen wir noch hinzu, daß Victor Hugo das treffliche und arbeitsame Völkchen liebt, in dessen Mitte er lebt, und daß er selbst von diesem verehrt wird, so glauben wir in Umrissen das interessante Lebensbild des Verbannten gegeben zu haben.

Noch lebt es in Jedermanns Gedächtniß, weshalb Victor Hugo sein Vaterland verlassen mußte: er war, nachdem er als Jüngling all seine Hoffnung auf das Königthum gesetzt, nach den Felonien und Verbrechen der Restauration ein Republikaner geworden und wollte ein solcher gegen Louis Napoleon bleiben. Als Mitglied der Nationalversammlung nahm auch er den Präsidenten Bonaparte 1848 in Eid und Pflicht, und als dieser 1851 sein gegebenes Wort vergaß, da organisirte Victor Hugo mit am entschlossensten den gesetzlichen Widerstand gegen den Staatsstreich. Er wußte wohl, was er that, und er selbst sagt es, daß mit der Annahme des Kampfes und seiner Wechselfälle er auch die Pflicht übernommen, „der Verbannung mit all ihren Leiden sich zu unterziehen, dem Decembermann unermüdlich entgegen zu treten!“ Deshalb schrieb Victor Hugo, nachdem ihn der Staatsstreich um sein Vaterland gebracht, dessen Gesetze er vertheidigte, das große Pamphlet „Napoleon der Kleine“.

Es war seine erste That im Exil; es flog von Brüssel aus mit seinem Feuer durch die Welt und überall zündete es damals Erbitterung und Haß gegen den Mann des December an. Es ist ganz in denselben glänzenden Antithesen geschrieben, die eines Effects sicher sind und die Victor Hugo als Poet in seinen Dramen und Romanen, als Publicist in den geistreichen Arbeiten „der Rhein“ (1842) und das „Tagebuch eines Revolutionairs von 1830“ gebraucht hatte. „Napoleon der Kleine“ war der Schrei der Rache, des Grimms, der Entrüstung eines Mannes, der von dem Beherrscher seines Vaterlandes in’s Exil gejagt worden war. Dieser Schmerz, der nur begriffen werden kann, wenn man an die Leidenschaft eines Franzosen für sein Frankreich – la patrie – denkt, lebte fortan mächtig in der Brust einer der feinfühlendsten Dichternaturen, und alle ihre innersten Aeußerungen zeugen von diesem Schmerz und dessen Wirkungen.

Belgien ist ein Vorland von Frankreich, Brüssel ein Faubourg von Paris; Louis Napoleon duldete es daher nicht, daß die französische Emigration hier wohne, so nahe dem Lande, zu dessen Gebieter er sich gemacht hatte und welches nur zu leicht durch die hineingeworfenen Feuerbrände in eine ihm verderbliche Flamme gesetzt werden konnte. Belgien wie die Schweiz waren nahe daran, die Waffen für ihr Recht zu ergreifen und das Asylrecht gegen den zweiten December zu vertheidigen; aber ihre Regierungen fügten sich doch schließlich, und die Flüchtlinge mußten wieder flüchten. Victor Hugo mit einem großen Theil der französischen Emigration ging nun nach Jersey; auch hier war er ja angesichts Frankreichs, noch in seiner Luft, in seiner Nähe. Damals lebte noch stark in den Gemüthern der Glaube, Napoleon’s Herrschaft werde durch einen allgemeinen Aufstand ein jähes Ende finden. Die Emigration stand deshalb auf Posten; sie war eine Armee, vollständig gerüstet, um beim ersten Signal aus Frankreich über dessen Grenzen zu rücken, hin auf Paris im Sieges- und Jubelmarsch, eine Armee der Rache für den Mann des December … das Signal blieb aus, die Armee stellte die Waffen mit düsterer Miene bei Seite, dann löste sie sich auf und verzweifelte an der Gerechtigkeit des Schicksals.

Alle diese Hoffnungen, diese Leidenschaften, all diesen Zorn und Grimm und Gram, die man Tag um Tag von hundert, ja tausend Gesichtern solcher Geächteter ablesen konnte – Victor Hugo empfand sie mit, war ihre Beute. Und als nun alles Hoffen und Bangen zu Ende war, da zog sich diese schwer erregte Natur in ihr heiligstes Innere zurück, und der Schmerz um den – vielleicht ewigen - Verlust seines Vaterlandes tönte sich in Klagelaute aus. Diese Klagelaute einer erdrückten, weinenden Dichterseele sind die 1856 erschienenen Gedichte „Contemplations“, die schönsten Perlen der Hugo’schen Poesie, tiefe, feierliche Betrachtungen der Natur, „Memoiren einer Seele“, wie er selbst sie nennt. Sie erschienen gerade in dem Moment, als ganz Europa nach einem mörderischen Kriege wieder aufathmete und die Glocken von allen Thürmen der Christenheit und den Minarets von Stambul [487] die große Friedenshymne läuteten – am meisten dem Kaiser des zweiten December zu Ehren, der seine Adler über’s Meer gesandt! Sie erschienen fünfundzwanzig Jahre nachdem Victor Hugo zum ersten Male seine Leier geschlagen! Wohl waren sie die Memoiren seiner Seele. … Er erzählt von dem Tod des Erstgebornen, von dem verzweiflungsvollen Schmerz der Mutter, die sich nicht trösten kann, als ihr der Himmel ein zweites Kind schenkt …

Nein, nein! Ich will es nicht! Du blicktest neidend her,
Mein süßes, todtes Kind dort in der starren Erde!
Du sagtest: „Ach, vergessen bin um ein andres ich!
Die Mutter liebt’s und lacht, es ist so lieb und schön!
Sie hält’s im Arm und ich – ich lieg’ in meinem Grabe!“

Plötzlich flüstert eine leise Stimme in den Vorhängen ihres Kindbettes: „Mutter, weine nicht mehr, ich bin’s ja!“ Wie schön ist dieser Mutterschmerz, dieser Glaube an die Unsterblichkeit der Seele ausgedrückt!

Ja, diese Gedichte sind Memoiren einer Seele! Victor Hugo beschreibt den Tod seiner Tochter in den Fluthen der Seine, den Tod ihres Gatten Charles Vaguerie, der sie retten wollte und verzweiflungsvoll sich ihr nachstürzte, als sie zuletzt in den Wellen versank … Die Priester wollten ihm dafür kein Todtengebet halten – was wissen sie von dem Selbstmord aus heroischer Liebe! Aber Victor Hugo widmete Beiden einen halben Band. Und darin steht die einfache, ergreifende Betrachtung „à celle qui est restée en France“ (an Die, welche in Frankreich geblieben):

Nicht wahr, sie weiß, es ist nicht meine Schuld,
Daß seit vier Jahren, armes Herz im Dunkel,
Ich nicht an ihrem Grabe konnte beten.

Liegt in diesen Strophen nicht der tiefste Schmerz des Dichters ausgedrückt, daß er sein Vaterland nicht mehr betreten durfte? - Auch auf Jersey durften die französischen Flüchtlinge nicht bleiben. Victor Hugo übersiedelte nun nach der anderen normannischen Insel, nach Guernsey, wo 1809 auch der tapfere Herzog von Braunschweig mit einem Theil seiner schwarzen Jäger eine Zufluchtsstätte vor Napoleon gefunden. Wohl war, nachdem alles Hoffen auf ein Zusammenbrechen der napoleonischen Despotie sich als vergeblich herausgestellt, die Ruhe allmählich in dies Herz, so reich an Empfindungen, zurückgekehrt – es hatte ja in den „Contemplations“ sich auch ausgeweint! Aber in dieser Ruhe der Seele lag der alte Schmerz gebettet, und dieser Schmerz hatte weiter genagt. Die Resignation war aus der Verachtung der Welt und vieler ihrer Einrichtungen, ihres Hokuspokus und ihrer Heuchelei hervorgegangen; aus der sittlichen Entrüstung über eine Gesellschaft, welche die Elenden, die sie selbst erzeugt, wie Gebrandmarkte von sich stößt, aber vor anderen, die sich eine Macht verschafft haben, im Staube kriecht. Diese Empfindungen haben in dem neuesten Werke Victor Hugo’s, in dem Roman „les Misérables“, ihren verschiedenartigen Ausdruck gefunden. Hier deckt er als Grundübel alles Elends, speciell des Proletariats, der Prostitution und der Unwissenheit, den Organismus der modernen Gesellschaft auf und macht die Gesetze für die moralische Verkommenheit verantwortlich. Das Buch ist zugleich eine Predigt des wahren Christenthums, der natürlichen Religion der Liebe – in Folge dessen sind auch alle pfäffischen Journale in Frankreich, Belgien, Spanien etc. mit Berserkerwuth darüber hergefallen. –

Zehn Jahre sind es nun, daß Victor Hugo aus dem Exil hinüber über’s Meer nach dem geliebten Frankreich blickt. Zu seinen Füßen stirbt die Welle, die an der Küste der Heimath geleckt; ihr Tod ist ein Gruß von drüben – eine andere trägt seine Grüße über den Meeresarm. Und spritzt auch der Gischt an den Klippen empor, braust die Brandung auch wild um das Eiland, seine neue Heimath – immer, doch immer schweift sein sanfter Blick sehnsüchtig hinüber nach Frankreich! Und wie Viele sind ihrer noch, die mit ihm über’s Meer in’s Exil getrieben wurden? Verdorben und gestorben sind ihrer Unzählige; zurückgekehrt als Begnadigte, gebrochenen Sinnes und kranken Herzens, sind ihrer nicht minder! Und sie Alle, Alle – ach, als das Schiff sie von den Gestaden trug, hinaus auf die See, nach einer neuen Heimath, da standen Thränen in Jegliches Augen. Noch immer, nach mehr als zehn Jahren, erscheinen vor meinem Gedächtniß die kräftigen, braunen, bärtigen Gestalten, die damals der Sieger der Decembertage aus den Kerkern in die Verbannung, aus Belgien nach England getrieben; noch immer seh’ ich ihre feuchten Augen, glänzend im Abendsonnenschein und hinstarrend nach den entschwindenden Nebelstreifen der französischen Küste; noch immer tönt mir das schöne Klagelied der Verbannten in den Ohren, gesungen von Hunderten, wenn das Herz ihnen zu voll war; von Einzelnen, wenn sie die Thränen wegbannen wollten; von Männern und Frauen, andächtig wie ein Gebet …

Les oiseaux. ils volent toujours
Vers ma patrie et vers mes amours!

[1]
Schmidt-Weißenfels





Erinnerungen an Heinrich Heine aus dem Jahre 1851.

Von Heinrich Rohlfs in Bremen.
(Schluß.)

Der oben erwähnte Kosmopolitismus Heine’s findet sich in vielen Stellen seiner Schriften; derselbe giebt die Erklärung dafür, wenn Heine Manches bei den Franzosen zu überschätzen scheint. Das deutsche Volk ist von allen Völkern der Erde das einzige, bei dem der Kosmopolitismus sich nicht allein heimisch, sondern auch auswärts zerstreut findet. Vermöge unseres Kosmopolitismus erblicken wir in allen fremden Zuständen ein Eldorado und bewundern z. B. den Roman, das Lustspiel eines Franzosen, die, wenn sie der Feder eines deutschen Autors entflossen wären, sicherlich bei uns Fiasco gemacht haben würden. Diesen Kosmopolitismus betrachte ich als eine Hauptursache unserer politischen Machtlosigkeit, denn nicht blos unsere Dichter und Gelehrten leiden daran, sondern auch unsere Diplomaten und Feldherrn. Wenn wir dieses Nationalfehlers uns nicht entschlagen und unsere kosmopolitischen Sympathien eine Zeitlang unter Schloß und Riegel legen, werden wir niemals zu einer politischen Macht und Einigung gelangen. Um ohne Nachtheil vielseitig sein zu können, muß man zuvor einseitig gewesen sein.

Für die damaligen Zustände in Frankreich offenbarte Heine eine nur sehr geringe Theilnahme, während er die Entwicklung der deutschen Verhältnisse mit dem größten Interesse verfolgte. „Die französischen Zustände,“ sagte er eines Tages zu mir, „amüsiren mich nur, Interesse empfinde ich allein für die deutschen. Ich darf mich aber nicht zu sehr mit ihnen beschäftigen, weil die trüben Nachrichten, die von drüben einlaufen, mich stets so aufregen, daß sie jedes Mal eine Verschlimmerung meines Befindens herbeiführen.“

Ja! Heine’s Herz schlug nur für Deutschland, und wenn es ihm auch nicht vergönnt gewesen ist, seiner Asche in vaterländischer Erde eine Ruhestätte zu verschaffen, so werden seine Manen doch über den Gauen des Landes schweben, das ihn geboren hat.

Viel Interesse zeigte der Dichter für Schleswig-Holstein. Wie hätte das auch anders sein können, zumal er ja so lange in Hamburg gelebt hatte, in einer Stadt, die durch so mannigfaltige Bande mit diesen beiden Ländern verknüpft ist und als die natürliche Hauptstadt der beiden durch deutsche Diplomatie jetzt getrennten Schwesterlande betrachtet werden kann. Ueber diese Angelegenheit äußerte Heine sich folgendermaßen: „Der Kampf zwischen Dänemark und Deutschland ist deshalb sehr zu bedauern, weil er zwischen zwei verwandten Stämmen stattgefunden hat, die in ihrem ganzen Volkscharakter so viel Ähnlichkeit miteinander haben. Der Däne und der Holste sind in Hinsicht ihres Nationalcharakters bei weitem nicht so verschieden, wie der Holste und der Schwabe. Schleswig-Holstein ist übrigens in diesem Augenblicke noch nicht so sehr zu beklagen, als wenn es unter ein slavisches Regiment gekommen wäre. Ueberdies steht zu hoffen, daß die Dänen zur Besinnung gelangen werden; denn im Allgemeinen hat dieses Volk in seiner ganzen Geschichte viel Rechtssinn gezeigt. Zu bedauern ist nur, daß in den Gegenden der Herzogthümer, die jetzt danisirt werden, das moralische Gefühl der Einwohner augenblicklich mit Füßen getreten wird. In sprachlicher Beziehung ist es einerlei, ob jetzt so und so viel Schleswiger weniger Deutsch lernen. Es ist

[488] dies doch nur vorübergehend, denn Dänemark kann auf die Länge der Zeit trotz seiner herrlichen Literatur und Geschichte, und hierzu rechne ich auch die isländische und norwegische, nicht dem Schicksale entgehen, daß die deutsche Sprache sich über das ganze Land ausbreitet. Nicht nur die ältere Literatur Dänemarks ist so schön und reich, sondern auch in der neueren Zeit hat es große Dichter gehabt, die, da sie zum Theil in deutscher Sprache gedichtet haben, auch insofern schon Dänemark mit Deutschland verknüpfen. Baggesen ist tief und lieblich, Heiberg witzig und geistreich, Oehlenschläger hat nicht die Tiefe des Gefühls, wie Baggesen, ist aber doch sehr anziehend. Merkwürdiger Weise haben diese Dichter in Deutschland nicht einen solchen Anklang gefunden, wie Andersen, obgleich sie letzteren weit überragen. Andersen hat mich hier vor einigen Jahren besucht. Er kam mir vor, wie ein Schneider; er sieht auch wirklich ganz so aus. Er ist ein hagerer Mann mit einem hohlen, eingefallenen Gesichte und verräth in seinem äußeren Anstande ein ängstliches, devotes Benehmen, so wie die Fürsten es gern lieben. Daher hat Andersen auch bei allen Fürsten eine so glänzende Aufnahme gefunden. Er repräsentirt vollkommen die Dichter, wie die Fürsten sie gern haben wollen. Als er mich besuchte, hatte er seine Brust mit einer großen Tuchnadel geschmückt; als ich ihn fragte, was er da denn eigentlich vor seiner Brust sitzen habe, antwortete er mit einer ungemein salbungsreichen Miene: das ist ein Geschenk, welches die Kurfürstin von Hessen mir zu verleihen die Gnade hatte. Uebrigens ist Andersen’s Charakter sehr ehrenwerth.“

Die schönen Gegenden Schleswig-Holsteins kannte Heine nur theilweise. Er sprach sein Bedauern darüber aus, daß er nicht die Ostküste desselben, sowie die dänischen Inseln, deren schöne Buchenwälder ihn stets so angezogen hätten, besucht habe. Sehr interessirte er sich auch für die Dithmarsen und Friesen, und ich mußte Manches von der geographischen Beschaffenheit, von der Eigenthümlichkeit der Sitten und Gebräuche ihres Landes erzählen. In ihre Geschichte war er auf’s Genaueste eingeweiht, er entwickelte hier in’s Einzelne gehende Kenntnisse. Als ich ihm sagte, daß Dithmarsen und Eiderstadt in vielen Beziehungen mit dem Jeverlande und Ostfriesland Ähnlichkeit haben, kam er auf seine Jugendzeit zu sprechen. In einer Sprache, wie sie sich nicht lieblicher in seinen Reisebildern findet, erzählte er mir jetzt von seinen einsamen, romantischen Wanderungen auf den Inseln Langerog, Spikerog und Wangerog. „Einmal,“ schloß er seine Erzählung, „wären mir diese Streifereien beinahe schlecht bekommen. Ich hatte nämlich zur Zeit der Ebbe eine der Inseln verlassen, um an’s Festland zu gehen, ohne mich vorher nach der Eintrittszeit der Fluth erkundigt zu haben. Plötzlich, als ich noch weit vom Lande entfernt war, brach die Fluth herein, und die Wasser schwollen mit solcher Geschwindigkeit an, daß ich nur mit genauer Noth noch die Küste erreichen konnte.“ Als er von diesen Wanderungen seiner Jugend redete, gab der Zauber der Erinnerung der Sprache des Dichters etwas so Anmuthiges, daß man die durch Windeshauch den Saiten einer Aeolsharfe entlockten Töne zu hören glaubte.

Welche Sehnsucht Heine hatte, in sein Vaterland zurückzukehren, das geht schon daraus hervor, daß er sich ernstlich mit dem Gedanken beschäftigte, nach Hamburg überzusiedeln. Eines Tages fragte er mich, was ich davon hielte, ob er die Reise besser zu Lande oder zur See bestehen würde? Wenn des Dichters Vermögensverhältnisse in besserem Zustande sich befunden hätten, so würde er seinen Plan auch wahrscheinlich ausgeführt haben. Die Seeluft hatte, wie er mir versicherte, stets wohlthätig auf seinen Körper eingewirkt, und auch das rauhere, neblige Klima der norddeutschen Tieflande war ihm stets gut bekommen. Was dem Dichter überdies den Aufenthalt in Paris verleidete, war, daß es mit so großer Mühe verbunden ist, die meisten Erzeugnisse des literarischen Marktes in Deutschland sich zu verschaffen. Es wohnen zwar in Paris eine Menge Deutsche, dieselben sind aber theilweise französisirt. Wirft doch auch keine Nation so leicht ihre Nationalität als unnützen Ballast über Bord, wie die deutsche! Die meisten im Auslande ansässigen Deutschen erinnern unwillkürlich nur zu sehr an Petrus und den Hahn. Wenn aber die Deutschen in Paris sich doch noch mit Deutschland beschäftigen, so zeigen sie wenigstens nur selten Interesse für die Leistungen der neuen Literatur. Natürlich führen die dortigen deutschen Buchhändler daher nur solche Bücher, auf deren Absatz sie sicher rechnen können, und Heine erzählte mir, daß er noch nicht einmal Gelegenheit gehabt habe, den ja in Deutschland so sehr gefeierten Emanuel Geibel zu lesen. Nun, an der Lectüre dieses specifischen Damendichters würde Heine wohl schwerlich viel Vergnügen gefunden haben. Mir kommen die Gedichte der norddeutschen Hansa-Biene stets vor wie Honig aus den Blüthen Byron’s und Heine’s, versetzt mit etwas Lübecker Marcipan, Mondschein- und Theegefühlen.

Ueber Wienbarg machte Heine nicht mittheilbare Bemerkungen; den früheren Reichsminister Heckscher beurtheilte er sehr streng, aber gerecht. – Ich hatte ihm Stahr’s „zwei Monate in Paris“ gebracht; als ich ihn später fragte, wie ihm das Buch gefallen habe, antwortete er mir: „Das Buch ist im Ganzen recht schön geschrieben, nur begreife ich nicht, wie ein Mann wie Adolf Stahr in den über mich handelnden Artikeln mich sehr häufig das Gegentheil von dem sagen lassen kann, was ich wirklich gesagt habe. Uebrigens macht es nichts, denn seine Absicht war gut.“ Als ich ihm von der allgemeinen Theilnahme erzählte, die seine Krankheit in Deutschland hervorgerufen, rief er aus: „Die Deutschen sind ein eigenthümliches Volk; wenn es einem gut geht, so ärgern sie einen zu Tode; wenn man am Rande des Grabes steht, dann zeigen sie Theilnahme und Mitleid.“

In der That, es ist eine Nationaleigenthümlichkeit der Deutschen, ihre Todten mehr als ihre Lebenden zu ehren, und der Mann des Geldes trägt die Schuld, daß der Dichter nicht in sein geliebtes Vaterland zurückkehren konnte. Nachdem er gestorben, wurden in kurzer Zeit Tausende gezeichnet, um ihm in Düsseldorf ein Monument zu errichten. Die Aschenliebe der Deutschen ist so stark, daß sie sich nichts daraus machen, ihre großen Geister Hungers sterben zu lassen. So ging es Kepler. „Er wußte nur die Geister zu vergnügen, d’rum ließen ihn die Körper ohne Brod.“ Hätte er nur während seines Lebens die Summe gehabt, wofür man jetzt in Weil der Stadt ihm ein Denkmal zu setzen gedenkt!

Es ist bekannt, daß Heine’s Charakter in Deutschland vielen Anfechtungen von jeher ausgesetzt gewesen ist, daß sein Streit mit Börne und Platen als ein pathognomonisches Symptom betrachtet wurde, durch das man auf den ganzen Charakter zu schließen sich für berechtigt hielt. Wenn man auf synthetischem Wege eine Definition des Charakters aufstellt, wird man bei der Beurtheilung großer Männer sehr häufig in Verlegenheit kommen, zu bestimmen, ob sie überhaupt einen Charakter haben. Auf jeden Fall urtheilen Diejenigen zu hart, welche Heine eines schlechten Charakters beschuldigt haben. Mir scheint des Dichters Charakter darin zu bestehen, daß er keinen Charakter hat, und als er dichtete „ein Talent, doch kein Charakter“, scheint er eine Selbstschau gehalten zu haben. Große Männer dürfen nicht mit dem Maßstabe gemessen werden, mit dem man gewöhnliche mißt. Es ist überhaupt lächerlich, noch Untersuchungen über den Charakter eines Genies anstellen zu wollen. Der Charakter berührt allein die sittliche Sphäre des Menschen. Wenn nun ein Genie die Anlagen von Hunderten von Menschen in sich concentrirt, so ist es ungereimt, demselben es zum Verbrechen machen zu wollen, das nicht zu besitzen, nach dem zwar der gewöhnliche Mensch ringen und streben soll, das aber für ihn als Genie ganz gleichgültig ist. Große Männer vom christlichen Standpunkte und nach dem erhaltenen Facit ihre Größe beurtheilen wollen, ist eben so eitel als die Quadratur des Cirkels suchen. Ein Genie ist keine mit gewöhnlichem Maß meßbare Größe. Nicht indem man es nach einzelnen Thaten und Handlungen beurtheilt, sondern nur indem man es in seiner Totalität auffaßt, läßt es sich annähernd richtig beurtheilen.

Heine hatte keinen Charakter, wenn man denselben im Sinne unserer Dogmatiker nimmt, dafür aber hat sein Genie einen Charakter, und sein Genie ist sich stets treu geblieben und brachte noch auf dem Sterbebette Diamanten aus seinen dunklen geheimnißvollen Schachten an’s Tageslicht, deren Glanz selbst den unmuthigen Augen seiner Feinde Bewunderung entlockte.

Wir wissen, daß Heine zum Glauben an einen persönlichen Gott zurückgekehrt ist. Ich kann darin keine Inconsequenz erblicken. Der Geist hat eben sowohl seine Phasen durchzumachen, wie der menschliche Körper. Wundert man sich darüber, daß der Frühling dem Sommer weicht, dieser in den Herbst übergeht, welcher endlich dem Winter Platz macht? Oder wundert man sich darüber, daß ein Jüngling nicht immer Jüngling bleibt, daß er Mann, daß er Greis wird? Der Geist hat ebenso seine Ver- und Entwickelungszeiträume wie der menschliche Körper, und es ist die Aufgabe unserer Naturphilosophen, statt eine Identität der Gesetze des Körpers [489] und des Geistes anzunehmen, die Verschiedenheit derselben zu ergrübeln. Durch die Annahme, der menschliche Geist solle sich stets so zeigen, wie er sich einmal gezeigt hat, sind viele große Männer in den Verdacht der Inconsequenz gefallen. Und doch ist diese Inconsequenz, bei Licht betrachtet, weiter nichts als die Blüthe der vollendeten geistigen Entwicklung. Skepticismus und Freidenkerei sind die Pfade, die zum Lichte der Wahrheit führen. Einige bringen längere, Andere kürzere Zeit auf diesen Wegen zu. Weshalb sich darüber wundern, daß es Menschen giebt, die, nachdem sie lange Zeit auf den Pfaden dieses Irrgartens gewandelt sind, endlich doch noch das Ziel erreichen?

Wenn man Heine von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, wird man ihn dann noch inconsequent nennen?

Heine ist als Dichter der Repräsentant einer Richtung des deutschen Geistes, die sich in ähnlicher Weise in der Philosophie und Politik offenbart. Nur das sind wahre Volksdichter, deren Poesie der Spiegel des Volksgemüthes ist, deren Gedichte dem Herzen des Volks entsprossen sind. Diese Dichter sind Erzeugnisse ihrer Zeit. Was Alles die Menschen bewegt, zu welchen Anschauungen sie sich hinneigen, Alles findet sich niedergelegt in der Brust des Dichters. Deshalb findet auch im Volke jeder wahre Dichter Anklang. Heine’s Popularität ist darum so groß, weil seine Gedichte, mit denen er zuerst vor das Forum der Öffentlichkeit trat, uns ein Bild geben von dem innersten Gemüthsleben des Volkes.

Heine ist in der Poesie der Vertreter der Hegel’schen Philosophie, doch nur als Lyriker, der entsprechende Dramatiker soll noch erst geboren werden. Betrachten wir Heine von diesem Standpunkte aus, so fallen uns die Gegensätze nicht mehr auf, die überall in seinen Poesien hervorblitzen. Der Verstand des Dichters ist angefüllt mit Hegel’schen Ideen; sein Gefühl aber will nichts davon wissen, es ist menschlich und wahr. Daher in seinen Gedichten das Hingezogenwerden zum Irdischen und das Sichzuwenden zum Himmlischen; diese Gemeinheit der fleischlichen Triebe und zugleich diese Reinheit, dieser Adel der Empfindung; diese Verletzung des Herkömmlichen und Gesetzlichen und diese Erhebung des Natürlichen; diese göttliche Tiefe der Gedanken und dieser teuflische Hohn der Lüste. Dies Alles giebt den Heine’schen Gedichten etwas Dämonisches. Ich kenne nur einen Dichter, mit dem Heine hierin die größte Aehnlichkeit hat. Es ist Byron. Man könnte Heine daher auch den deutschen Byron nennen. Nur ist Byron vielseitiger als Heine, der es nur in der lyrischen Poesie zur Meisterschaft gebracht hat.

Es ist, als wenn Heine am Herzen des deutschen Volkes gelegen und die geheimsten Gefühle, die es bewegten, ihm abgelauscht hätte. Bürger wurde Volksdichter, weil er es verstand, den im Munde des Volkes lebenden Sagen poetische Form zu geben; Schiller zog dasselbe Loos, weil die ganze damalige Richtung des deutschen Volkes sich dem Idealismus zuneigte; Heine gewann seine Popularität unter dem Volke daher, daß in seinen Gedichten sich das Schwanken zwischen Idealismus und Realismus ausprägt, welches mehrere Jahrzehnde hindurch der Stempel des durch die politischen Ereignisse zum Aufschwünge gekommenen Volksgeistes war.

Wenn wir Heine so auffassen, dann erklärt es sich von selbst, daß er so viele Nachahmer fand. Was man gewöhnlich Nachahmer nennt, sind sehr häufig auch Producte des Zeitgeistes; sie unterscheiden sich von ihrem Vorbilde zunächst dadurch, daß sie die Form von dem entlehnten, der es zuerst verstanden hatte, den Volksgeist in seiner Tiefe aufzufassen und in geeigneter Weise zu reproduciren. Ist einmal der Grundton der Octave angeschlagen, dann ergeben sich die übrigen Töne von selbst; dem aber bleibt das Verdienst, der den Grundton angab. Heine war der Erste, welcher die Gefühle, welche damals das deutsche Volk bewegten, in sich concentrirte und abspiegelte. Unter seinen zahlreichen Nachfolgern sind einzelne bedeutende Talente, welche, aus dem Geiste der Zeit entsprossen, Heine blos die Anregung verdanken. „Denn zur Zeit der Reife fallen die Früchte in verschiedenen Gärten zu der nämlichen Zeit auf die Erde.“ – Die Nachahmer Heine’s lassen sich in zwei Classen eintheilen. Den Meister zu erreichen ist keinem Einzigen geglückt. Der eine Theil ist von der in den Heine’schen Gedichten athmenden Sentimentalität angezogen worden. Sie haben geglaubt, ihn zu übertreffen, indem sie die Sentimentalität zum höchsten Grad steigerten. Wenn diese Classe sich gleichsam nur das Ideale der Heine’schen Poesie zum Gegenstand ihrer Nachahmung erwählte, so hat die andere Classe die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Sie haben blos das Frivole, Irdische in Heine aufgefaßt. Keiner von ihnen hat begriffen, daß der ganze Zauber der Heine’schen Poesie gerade darin besteht, daß in ihr Himmel und Erde fortwährend Küsse tauschen.

Durch eine Eigenthümlichkeit unterscheidet sich Heine leicht von allen übrigen lyrischen Dichtern. Er ist als Lyriker zugleich Kritiker. Des Dichters theologische, philosophische und politische Schriften haben nur in kritischer Beziehung einen Werth. Dieses sein Talent für die Kritik hat ihn auch besonders zu Lessing hingezogen, dem er die unbedingteste Hochachtung zollt. Lessing steht in der Literatur einzig und allein als solcher da, der durch Hülfe seiner Kritik poetische Werke schuf, die dem Borne eines poetischen Genies entflossen zu sein scheinen, während er selbst eingesteht, daß er kein Dichter ist. Heine zeigt umgekehrt bei seiner lyrischen Begabung einen so kritischen Geist, daß man ihn den besten Kritikern der Neuzeit beizählen darf. Die Kritik Heine’s unterscheidet sich aber wesentlich von der Lessing’schen. Darin kommen sie überein, daß sie beide gewürzt sind durch das verzehrende Gift der Satire – sie ist für die Kritik das, was das Salz für die Speisen ist – Heine aber schießt seine vergifteten Pfeile meistens auf die Personen ab und glaubt dadurch auch ihr geistiges Wirken zu treffen, während Lessing sich um die Personen nicht bekümmert, sondern nur ihre Werke zur Zielscheibe seiner Kritik wählt. Heine’s Kritik ist ein anfressendes äußerliches Aetzmittel, die Kritik Lessing’s ein verzehrendes inneres Gift, welches freilich den ganzen Organismus zerstört, aber zugleich einen neuen an die Stelle des zerstörten setzt. Wenn Heine bitter ist, so kommt man in Versuchung zu denken, ein Gallenfieber habe sich seines Geistes bemächtigt und lasse alle Gegenstände ihm in ähnlichem Zustande erscheinen; wenn aber Lessing tadelt, so zeigt er uns das Falsche und Verzerrte eines Gemäldes und hilft durch geeignete Pinselstriche dem Falschen ab oder stellt ganz neue Cartons an dessen Platz.

Ob Heine vielleicht durch, seinen eigenen Zustand zum Glauben an einen persönlichen Gott zurückgeführt und ein Apostat wurde der Hegel’schen Philosophie, der er so lange Weihrauch gestreut hatte? Ich weiß nicht, doch scheint es mir ziemlich wahrscheinlich. Die Macht des Geistes über den Körper und dadurch auch die Superiorität desselben war bei ihm zum vollen Bewußtsein gekommen. Eines Tages, als er in den heftigsten Krämpfen lag, sagte er zu mir: „Mein einziger Trost ist der, daß ich nie den Gedankengang verliere, daß mein Verstand stets klar ist. Ich halte dies für so wesentlich, daß ich mich während meiner ganzen Krankheit beständig geistig beschäftigt habe, obgleich meine Aerzte es mir als schädlich abrathen. Ich aber glaube im Gegentheil, daß es bedeutend dazu beigetragen hat, meinen Zustand nicht zu verschlimmern. Denn niemals verspürte ich durch angestrengtes Denken eine nachtheilige Wirkung auf meinen Körper; es wirkte vielmehr ebenso wohlthätig wie Freude und Aufheiterung.“

Stets wird mir der Tag in Erinnerung bleiben, an welchem ich Abschied von Heine nahm. Jedes Mal, wenn ich ihn bisher besuchte, hatte ich ihn im Bette getroffen, entweder in Gesellschaft seiner Frau oder seines Vorlesers. Dieses Mal traf ich ihn allein, mit einem langen, schwarzen Talar angethan, in einem Fauteuil am Fenster sitzend. Die Krämpfe hatten sich mit solcher Heftigkeit eingestellt, daß er es im Bette nicht mehr hatte aushalten können. Die Gardinen waren von den Fenstern weggezogen, und die herbstliche Sonne umstrahlte das Haupt des Dichters und vergoldete die Silberlocken seines Haares. Als ich eintrat, zog er mit matter Hand seine Augenlider empor. Er konnte kaum sprechen. Der Anblick war für mich höchst erschütternd. Ich habe manchen Kranken mit dem Tode ringen, auf Schlachtfeldern die Opfer der Kriegsfurie das Schrecklichste erleiden sehen, – mein Herz wurde tief ergriffen – niemals aber hatte ich eine Empfindung wie die, als ich den Dichter in diesem Zustande sah. Er erinnerte mich an den sterbenden König von Thule. Die Sonne selbst schien Mitleid mit dem Kranken zuhaben; sie lächelte so mild und verklärte das gramgefurchte Gesicht des Dichters wie mit einem Heiligenschein. Als er mir die Hand zum Abschiede reichte, die durch das lange Krankenlager sich so weich wie Sammet anfühlte, rief er aus: „Grüßen Sie meine Freunde in Deutschland von mir!“

Vier lange Jahre mußte Heine noch diese entsetzlichen Leiden ertragen, bis der Tod ihm die Ruhe brachte, die er im Leben vergeblich gesucht hatte.



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Erinnerungen.

Von Franz Wallner.
Nr. 4. Aus der Czarenstadt.

„Gott ist hoch und der Czar ist weit,“ sagt ein altes russisches Sprüchwort, aber wenn der Czar auch noch so nahe ist, Eines kann selbst er nicht ändern: die Bestechlichkeit der Beamten, die in Rußland so zur Regel gehört, wie bei uns in Deutschland zu den Ausnahmen. Der Glaube an diese feststehende Norm fällt dem Ausländer schon an der Grenze in die Hand und begleitet ihn bis in die fernsten Provinzen des ungeheueren russischen Reiches. Als in Kronstadt das Tauwerk eines großen Schiffes gestohlen wurde, sagte der Kaiser: „Sie würden auch die Schiffe stehlen, wenn sie wüßten, wo sie selbe verbergen könnten.“ Einige Jahre später wurde wirklich ein ganzes der Krone gehöriges Schiff gestohlen – natürlich stückweise – es war während des Winters nach und nach verschwunden, und es mußte also doch noch ein verborgener Ort aufgefunden worden sein, um das kaiserliche Wort zur Wahrheit zu machen.

Ich hatte mir in Königsberg einen hübschen Reisewagen gekauft und fuhr mit Extrapost nach Riga. Ein kaiserlicher Extrapostpaß, wenn ich nicht irre, heißt dies Document Podroschne, giebt gegen Erlegung einer bestimmten Summe dem Reisenden das Recht, auf jeder Station gegen eine feste Taxe Extrapostpferde zu verlangen. Aber auch nur zu verlangen; denn ob er sie geben will, hängt ganz von dem Belieben des Postmeisters ab, dessen Pferde angeblich fast nie zu Hause sind, bis ein tüchtiges „na Wódku" (auf Schnaps) diese wie auf Windesflügeln heim bringt.

Na Wódku" ist der Zauberspruch, der in Rußland das Unmöglichste ermöglicht, „na Wódku" fordert Alles, was da lebt und athmet, von dem besternten Beamten bis zum bärtigen Muschik; und nach einer alten Legende soll Adam den lieben Gott für die Gefälligkeit, daß er sich erschaffen ließ, sofort ein „na Wódku" ersucht haben.

Obgleich meine Podroschne ausdrücklich auf zwei Pferde für meinen leichten Wagen lautete, so wurden mir ganz nach Willkür drei oder vier vorgespannt. Auf meine Weigerung, die Gebühren für eine so totale Prellerei zu bezahlen, ließ mir der Postmeister in Schaulen den Wagen ausspannen und gab mir ganz ruhig den Rath, „ihn selbst zu ziehen.“ Zwischen Schaulen und Mitau war der Weg gar nicht chauffirt – wenigstens vor acht Jahren noch nicht – und wie die Bewohner gewisser Küstenstriche um einen gesegneten Strand bitten, so beteten die Bauern dieser Strecke um recht viel Regen und Schmutz. Jeder Wagen blieb dann in dem achsenhohen Kothmeer stecken, und der Besitzer mußte mit den darauf Lauernden unterhandeln, wie hoch der Preis sei, um wieder flott zu werden. Dieser wurde voraus entrichtet, bereit gehaltene Hebebäume in Kraft gesetzt, schmutzige Hände griffen über den Rand des Wagens, er wurde heraus gehoben, um eine Viertelstunde später wieder stecken zu bleiben. Bis zur nächsten Stadt war auch die dauerhafteste Equipage so gründlich ruinirt, daß eine vollständige Reparatur nöthig war. Durch die weise Maßregel, den Weg grundlos zu erhalten, gewann Alles, die Kothstrandbauern, die Postmeister, die Schmiede etc. Das war die Hauptstraße nach St. Petersburg.

In Mitau angekommen, kam ein junger, hübscher Mann an meinen Wagen, stellte sich mir als den Sohn des Postmeisters vor und drückte mir seine außerordentliche Freude aus, meinen Namen in dem Paß gelesen und die Hoffnung zu haben, mich morgen, wie die Zeitung bereits annoncirt hatte, in Riga auftreten zu sehen. Froh, endlich einen gebildeten, civilisirten Menschen zu finden, bat ich ihn, die Pferde recht schnell vorlegen zu lassen, damit ich noch vor Einbruch der Nacht nach Riga käme.

„Ja, werther Herr, das wird wohl heute nicht mehr gehen. Ihr Paß muß hier vom Herrn Gouverneur visirt werden, die Kanzlei ist Nachmittags geschlossen, kein Beamter aufzutreiben. Sie werden wohl heute Nacht hier bleiben müssen.“

Als ich ihn versicherte, daß dies unmöglich sei, da ich am anderen Morgen um neun Uhr in Riga zur Probe erwartet würde, und daß ich im Nothfall den Herrn Gouverneur persönlich um sein Visa ersuchen würde, meinte er, das könnte mir nur eine Menge Weitläufigkeiten verursachen und doch nichts nützen. Er wolle das in Gottes Namen auf sich nehmen und mich mit seinen eigenen Pferden fahren lassen, dann brauchte ich keine Podroschne. Herzlich dankend nahm ich den freundlichen Antrag an; wer beschreibt aber mein Erstaunen, als mir der junge Kunstfreund für die Fahrt mit „seinen eigenen Pferden“ einen ganz enormen Preis abnahm, „da in einem solchen Falle die Taxe natürlich nicht in Anwendung käme“! Das war des Pudels Kern. Der Theaterenthusiast wollte aus mir wenigstens so viel herauspressen, um meine Gastrollen unentgeltlich sehen zu können.

Am Tage nach meiner Ankunft gab ich meine Empfehlungsschreiben ab, unter andern eines von dem braven Oberpostmeister Nerest in Tilsit an den Generalpostdirector von Kurland und Liefland. Bei Tafel frug mich Se. Excellenz, wie ich mit der Reise zufrieden gewesen, und ich gab nun, mit allerdings nicht schmeichelhaften Farben, aber mit deutscher Ehrlichkeit ein Bild meiner Fahrt zum Besten; vergaß auch nicht als Curiosum zu erzählen, daß ich auch zwei Pferde, die man mir auf einer Station hinten an den Wagen angehängt hatte, weil sie dem nächstfolgenden Postmeister gehörten und zurück mußten, hätte extrapostmäßig bezahlen müssen.

Ich schloß mein Genrebild mit den Worten: „von der Grenze bis hierher sind alle Postmeister eine wohlorganisierte Diebsbande.“ Eine Todtenstille folgte dieser leichtsinnigen Aeußerung, nach einer langen Pause sagten Se. Excellenz sehr gedehnt: „Ja, sie sind alle Spitzbuben.“

Ich hatte ganz das „na Wódku" vergessen, das die Spitzbuben wahrscheinlich an den Chef abgeben mußten, um ihre kleinen Scherze mit den Reisenden ungefährdet ausführen zu dürfen. Zur Tafel wurde ich aber von Sr. Excellenz nie mehr eingeladen.

In Petersburg muß sich jeder Fremde von einiger Distinction einige Tage nach seiner Ankunft persönlich in der „eigenen Kanzlei Sr. Majestät“ vorstellen. Je nach seinem Range wurde er dann entweder von dem Chef dieser eigenthümlichen Anstalt, dem Grafen Orloff selbst, oder von einem Adjutanten desselben, der aber auch Generalsrang hatte, in leutseligster Weise empfangen und nach allen Seiten hin – ausgeforscht. Nicht etwa plump und rücksichtslos, nein, die Krallen waren mit den elegantesten Glacêhandschuhen bedeckt. Wie es dem Fremden in Rußland gefiele? Ob er Ursache zu irgend einer Klage habe? die Regierung wünsche alle Mängel des Landes kennen zu lernen, um ihnen abzuhelfen etc. Kurz, in artigster Weise suchte man den Fremden zutraulich und zahm zu machen. Mit mir zugleich wurde ein junger Franzose dort empfangen, den man zur Erbauung der Moskauer Eisenbahn als Techniker verschrieben hatte. Nachdem ihm der Adjutant, ich glaube es war General Polosoff, ungemein viele Schmeicheleien über den ihm vorangehenden Ruf seiner großen Geschicklichkeit in den Bart geworfen hatte - im strengsten Sinn des Wortes in den Bart, denn der Künstler trug einen mächtigen und prachtvollen schwarzen Vollbart – warf er die Frage hin: „Werden Sie Ihren Bart behalten?“ „Freilich,“ antwortete der Franzose ganz erstaunt, „warum sollte ich ihn nicht behalten?“

„Der Kaiser liebt solche Bärte nicht,“ entgegnete mit starker Betonung der General.

„Nun,“ erwiderte mit komischem Phlegma der Fremde, „wenn der Kaiser solche Bärte nicht liebt, so braucht er sich ja keinen wachsen zu lassen, dazu kann ich ihn eben so wenig zwingen, als er mich, mir den meinen abzunehmen. Ich liebe solche Bärte.“

Ich habe den jungen Mann nicht wieder gesehen, zweifle aber daran, daß er in Rußland Carrière gemacht. – Der Kaiser Nikolaus, so streng er sonst im Allgemeinen auch war, nahm ein zu rechter Zeit gesprochenes freies Wort, einen guten Scherz, doch selten übel auf. So brachte er in Erfahrung, daß der Komiker Karaligin der Jüngere des Kaisers Sprechweise und sein Stimmorgan täuschend nachahme. Er ließ ihn im Zwischenacte einer Vorstellung zu sich in die Loge rufen und befahl ihm, seine Kunst zu zeigen.

„Ich höre, Du copirst mich so täuschend, ich will Das hören!“

„O Majestät, wie könnte ich das wagen?“

„Ohne Umstände, ich ersuche Dich, nöthigen Falls befehle ich es.“

„Was befehlen Ew. Majestät, daß ich sprechen soll?“

„Was Du willst, das Nächstbeste, was Du glaubst, daß ich sagen würde.“

Im Augenblick wendet sich Karaligin zu dem in der Loge befindlichen Hausminister, Fürst Wolkonsky, und spricht in genauer Nachahmung der kaiserlichen Manier: „Iwan Iwanovitsch, der Karaligin hat mir gestern sehr wohl gefallen, laß ihm morgen tausend Silberrubel auszahlen.“

[491] „Genug, genug,“ rief herzlich lachend das Original, „die 1000 Rubel sollst Du haben, Spitzbube, aber weiter brauche ich nichts zu hören.“

Höchst originell war die Art und Weise, wie die bekannte Tänzerin Lola Montez aus der Czarenstadt hinaus gemaßregelt wurde. Dieselbe kam nach Petersburg, miethete sich in dem Hotel des Franzosen Deneveux auf der Newsky-Perspektive ein und machte kein Hehl daraus, daß sie nur in der Absicht nach Rußland gekommen sei, die Geliebte des Kaiser Nikolaus zu werden. Durch ihre Tanzkunst konnte sie den Monarchen wohl nicht bezaubern, denn ich erinnere mich noch mit Vergnügen des unauslöschlichen Gelächters, welches eine Probe ihres künstlerischen Talentes hervorrief. Auf ihre Einladung versammelten sich die jungen Schauspieler des französischen Theaters im Speisesaal bei Deneveux, wo sie einen Solotanz zum Besten gab, der sich allerdings durch jeglichen Mangel an Schule auszeichnete und damit endete, daß die Vorläuferin Pepita’s der Länge lang und nicht sonderlich graciös auf den Boden hinschlug.

Der Glaube an die Macht ihrer Reize war bei Lola unerschütterlich, und auf das Allerbestimmteste versicherte sie ihrer Umgebung, daß sie, sobald sie den Czar nur einmal gesprochen haben würde, auch dessen Geliebte sein werde, in welchem Falle sie Madame Deneveux ihrer wärmsten Protection versicherte. Den Kaiser zu sprechen, war während der Wintersaison in Petersburg das leichteste Ding von der Welt, denn derselbe besuchte jeden der glänzenden Maskenbälle im kaiserlichen Opernhaus, für welche Art Vergnügen er eine besondere Vorliebe hatte. Es war dort Jedermann erlaubt, den Kaiser anzusprechen, und jede Art von Etikette verbannt. Beim nächsten derartigen Feste sollte die Eroberung des hohen Herrn vor sich gehen. Den Tag vorher erschien ein Officier im Hotel der gluthäugigen Spanierin, verlangte sie zu sprechen und stellte sich als Herr von N…ch, Flügeladjutant des allmächtigen Graf Kleinmichel, vor, Ein kurzes Gespräch begann, von beiden Seiten mit einem Kreuzfeuer von Koketterie und Galanterie in Angriff genommen; plötzlich sprach der Officier: „Mein Fräulein, ich werde die Ehre haben, Sie im allerhöchsten Auftrag bis an die Grenze zu begleiten. Meine Equipage wartet unten am Hause, und ich bitte Sie, mir augenblicklich zu folgen.“

Zur Bildsäule erstarrt glaubte die Tänzerin kaum ihren Ohren zu trauen. Als sie aber einsah, daß trotz der feinsten und ritterlichsten Formen hier die eisernste und unumstößlichste Nothwendigkeit vorliege, meinte sie, ihre Geldmittel reichten zu einer so unvorhergesehenen Reise nicht aus, da sie auf ein Engagement am hiesigen Hoftheater gerechnet etc. In artigster Weise stellte ihr der Adjutant eine baare Summe von tausend Rubel zur Disposition; ihrer Bitte, ihr einige Stunden zum Einpacken ihrer Effecten zu gönnen, wurde mit dem Ehrenworte des Officiers begegnet, daß sie an der Grenze all’ ihr Eigenthum wohlverwahrt und unversehrt vorfinden werde.

In artigster Weise wurde Lola Montez in den Wagen genöthigt und unter Assistenz ihres aufgedrungenen Begleiters bis Tilsit gebracht, wo sich der Letztere unter den aufrichtigsten Versicherungen seiner Freude, die Bekanntschaft der schönen Künstlerin gemacht zu haben, verabschiedete. Ihr Gepäck hatte sie schon in Tauroggen unversehrt und vollständig vorgefunden. Wie die Abenteurerin nach diesem gescheiterten Versuche, einen Monarchen zu erobern, anderwärts doch ihren Plan durchsetzte, ist bekannt genug geworden, ebenso daß die Gräfin Landsberg als fromme Schwester in Amerika ihre bewegte Laufbahn endete.

Als einst der Generaldirektor der sämmtlichen deutschen Theater in Petersburg große Summen verspielt hatte, die das Eigenthum der Theatercaffe gewesen, erhielten die Schauspieler monatelang keinen Gehalt und mußten schweigen, weil auf eine Beschwerde an das Ministerium nur die Entlassung des Betreffenden zu erwarten war. Der französische Komiker Vernet, der Liebling des Kaisers, lief einst bei sehr nassem Wetter auf dem Fahrwege durch Dick und Dünn im Straßenschmutz eine Weile neben dem Wagen des Czar her, bis dieser es bemerkte.

„Sind Sie toll, Vernet, was soll denn das bedeuten?“

„Lassen Sie mich in Gnaden laufen, Majestät,“ rief athemlos der Komiker, „ich habe die höchste Eile, seit drei Monaten laufe ich meiner Gage nach und kann sie nicht einholen.“ Mit diesen Worten verschwand er um die Ecke, wohl wissend, daß dieselben an den rechten Mann gebracht seien. Ein Befehl zur Untersuchung, was die Sache zu bedeuten habe, brachte den Künstlern ihre Bezahlung und dem leichtsinnigen Intendanten seine Versetzung zu einem andern Posten.

Vernet war seiner geistreichen Wortspiele wegen der Liebling des ganzen Hofes und wurde oft in die höchsten Kreise gezogen. So unter anderem einmal in einen glänzenden Cirkel des Großfürst Michael, wo unter den Eingeladenen auch der berühmte Astronom Schubert gegenwärtig war. Der große, aber schüchterne Gelehrte benahm sich etwas linkisch und befriedigte keineswegs die Ansprüche auf Unterhaltung, die höchsten Ortes an ihn gestellt wurden.

„Wie kommt es, Vernet,“ frug der Großfürst, „daß ein so gelehrter Mann wie Schubert sich so überaus ungeschickt in Gesellschaft bewegt?“

„Entschuldigen Ew. kaiserl. Hoheit die Verwirrung des armen Menschen, der Mann ist Astronom, er ist heute allerdings etwas confus, da er nicht gewohnt ist, so viel Sterne am unrechten Platz zu sehen.“

Von der Allmacht des Kaisers, von der Windeseile, mit welcher seine leisesten Wünsche als Befehle hingenommen und vollführt wurden, mögen nachfolgende kleine charakteristische Züge Beweise liefern.

Während der Abwesenheit des Kaisers in Warschau glaubte Graf Kleinmichel demselben eine angenehme Ueberraschung zu bereiten, indem er auf den freien Platz vor dem Alexandertheater ein paar zierliche Häuschen hinstellen ließ, in welchen Eis und andere Erfrischungen gereicht werden sollten. Als der Kaiser bei seiner ersten Ausfahrt die Neuerung bemerkte, rief er aus: „Welche Geschmacklosigkeit, den hübschen Platz so zu entstellen!“ Am folgenden Morgen war keine Spur der beiden Häuser zu bemerken, und frischer Rasen deckte die Stelle, wo sie gestanden.

Der Adjutant des Grafen Kleinmichel, Herr v. Nowasilsoff, besuchte mich einst, und indem er mir – es war dies natürlich vor der Vollendung der Eisenbahn – mittheilte, daß er den folgenden Tag dienstlich nach Moskau verreisen müsse, warf er eine dickleibige Brieftasche auf den Tisch, die nach seiner Angabe 30,000 Rubel Silber enthielt. Dieses Geld wurde verwendet, um die Schneewege, die in ganz Rußland im Winter aus Thälern und Hügeln bestehen, auf der ganzen Straße von Petersburg bis Moskau tischgleich ebenen zu lassen, damit der Kaiser, der einen Tag nach ihm führe, für seine pfeilschnelle Reise kein Hinderniß finde. Natürlich war der Kaiser der Meinung, daß in seinem ganzen Reiche alle Wege in diesem vortrefflichen Zustand sich befänden.

Eine Reise im strengen russischen Winter ist allerdings keine Kleinigkeit. Nichts widersteht der furchtbaren Kälte; Pelze, Betten, hermetisch verschlossene Schlitten halten dieselbe nicht ab. Ich hatte auf einer Reise nach Reval, bei 28 Grad Kälte, gerade die Empfindung, als ob ich nackt auf der Straße läge, obgleich ich zwei Pelze, hohe Fellstiefeln anhatte, bis über den Kopf in Federbetten eingehüllt war und in einem langen Schlitten lag. Wein und Fleisch, das ich mitgenommen, ward unbrauchbar und fror so fest, daß letzteres einem Steine glich, ersterer ohne Flasche auf dem Tische stehen blieb. Bei der Ankunft im Posthaus bleibt die Haut an dem metallnen Drücker kleben, den die Hand des Reisenden erfaßt. Die Vögel der Luft, weniger geschützt als der Mensch, und merkwürdiger Weise die Raben zuerst, fallen erstarrt und steif gefroren aus der Luft nieder, zahllose Spuren von Wild durchstreifen den Schnee, so daß die Wege am Rande der Wälder aussehen, als ob sie mit einem Rechen in Linien gekehrt worden wären.

Wehe aber dem Wanderer, wehe den Pferden und dem Kutscher, wenn ein Schneesturm die Eilenden fern von der Station überfällt und es ihnen unmöglich macht, dieselbe zu erreichen! Von der Wucht eines solchen Schneefalles, von der Menge und Gewalt desselben kann sich nur ein Augenzeuge einen Begriff machen. Der Mensch hat die Empfindung, als ob er den Kopf in einen nassen Federsack stecken müßte; es dunkelt um die Augen, nicht drei Schritte vorwärts kann man sehen, und in einer Stunde ist alles Lebende vergraben. Kaum tausend Schritt von einer Poststation ereilte mich und meine Gefährten im Eilwagen ein solches Wüthen der Elemente und brachte unser Leben in die ernstlichste Gefahr. Die Thiere schienen dieselbe schon früher zu wittern, denn sie griffen nach Möglichkeit aus, der Postillon hatte schon lange vor Einbruch der Dunkelheit die Laternen angezündet; plötzlich fielen die Flocken mit so rasender Schnelle und Dichtheit nieder, daß der Conducteur uns den Rath gab, auszusteigen und rasch zum Posthause zu eilen, welches vor uns läge, er selbst wolle uns begleiten. Dabei nahm er seine Pistolen unter den Arm, und Hand an Hand eilten wir vorwärts. Obwohl die Dämmerung noch nicht [492] hereingebrochen, taumelten wir doch wie Betrunkene auf gut Glück weiter. Von Zeit zu Zeit gab unser Führer Signale mit Pistolenschüssen. Eine alte Frau, die sich mit uns im Wagen befand, wäre trotz der kurzen Strecke rettungslos verloren gewesen, wenn wir sie nicht mit uns fortgeschleppt hätten. Trotzdem, daß ich meinen Pelz weggeworfen hatte, der mir das Waten in dem knietiefen, weichen Schnee unmöglich machte, und ich nur einen Rock anhatte, lief mir der Schweiß in Strömen über das Gesicht. Endlos schien der Weg, als zu unserer Freude ein allerdings heiseres Hundegebell die Nähe einer Menschenwohnung hoffen ließ. „Das sind nicht Hunde,“ meinte ganz ruhig der Conducteur, „das sind Wölfe.“ Auch eine schöne Aussicht! Vorwärts, tappend, stürzend, sich aufraffend, blindlings vorwärts! Mit welchem Gefühle wir eine Stunde später am überheizten Ofen, bei einem Glase elenden Punsches saßen, wie nektargleich uns das miserable Getränk mundete, kann nur der fühlen, der in ähnlicher Situation sich befand. Zwei Tage mußten wir warten, bis der Sturm sich gelegt hatte, die Wege nur etwas fahrbar geworden waren. Zum Glück hatte einer der Reisenden Whistkarten bei sich. Die präsentirte Rechnung unsers braven Posthalters ließ uns zweifelhaft, ob wir nicht ein paar Tage, statt in einem russischen Walde, in den berühmten böhmischen Wäldern gehaust hätten.




Das erste deutsche Bundesschießen in Frankfurt a. M.

Von Dr. Karl Wagner.
2. Der Einzug der Gäste.

Unser Schützenfest hat eine ganze Geschichte, eine Leidensgeschichte, deren Abschluß freilich jetzt, nachdem ein Theil desselben verlaufen ist, ein recht glücklicher und segenverheißender geworden ist. Zuerst hatten wir mit den Menschen zu kämpfen und dann mit den Elementen. Es schien sich Alles wider das Fest verschworen zu haben, und daß es dennoch so herrlich zu Stande gekommen, beweist nur, wie sehr es dem deutschen Volke, wie sehr unserer Vaterstadt an’s Herz gewachsen war und welch eine große Rolle es in der Culturgeschichte Deutschlands zu spielen berufen ist.

Das deutsche Bundesbanner.
Vordere Seite.

Der erste Unfall, welcher das Fest betroffen, war der bekannte und auch in der „Gartenlaube“ schon kurz berichtete Zwist, welcher wegen der angeblichen Einladung der Italiener zum Nationalschießen auszubrechen gedrohte hatte. Als diese Schwierigkeit beigelegt war, traf ein viel schwererer Schlag das Fest.

Schon war in der Woche vor dem Feste Alles auf’s Beste gerüstet und zum Empfange der Gäste vorbereitet. Am 5. Juli ward die von den Schweizer Gastwirthen Guggenbühl und Hafner übernommene Festwirthschaft mit einem für die Comitémitglieder und deren Familien arrangirten Probebanket eröffnet. Dieser Abend erregte die schönsten Hoffnungen für das Gelingen des Festes. Obgleich die Einrichtung noch nicht ganz vollendet war, machte die Festhalle doch einen überaus freundlichen und angenehmen Eindruck. Dazu war das bisher regnerische und unbeständige Wetter gewichen, und eine herrliche, laue Sommernacht, wie sie schöner in diesem Jahre kaum da war, hielt eine heitere Gesellschaft bis nach Mitternacht vereinigt. Da kam der verhängnißvolle Sonntag, der 6. Juli. Den ganzen Vormittag über war noch das herrlichste Wetter von der Welt. Glühend heiß brannte die Sonne vom Himmel und lockte Tausende hinaus auf den Festplatz. Um halb zwei Uhr fand ein großes öffentliches Probebanket statt, zu dem Jedermann aus der Stadt Zutritt hatte. Ueber 2000 Personen wohnten demselben bei. Es war eben beendet, als gegen 4 Uhr ein kleiner Regenschauer einen Theil der auf dem Festplatze Versammelten in die Halle trieb. Nicht lange dauerte es, so verwandelte sich der Regen in einen förmlichen Wolkenbruch, der ganze Himmel überzog sich tiefschwarz und ein furchtbarer orkanartiger Sturm brauste über die Fläche hin, rüttelte an den Säulen der Halle, verfing sich in den Segeltüchern, welche zum Schutze wider die Sonne angebracht waren, zerriß die ängstlich hin und her flatternden Fahnen und jagte Hüte, Schirme und Kleidungsstücke [493] über den Köpfen der dichtgedrängten Menge in tollem Wirbel umher. Zugleich strömte der Regen mit solcher Gewalt und in solcher Masse zu den offenen Seiten der Halle herein, daß diese alsbald in einen wogenden See verwandelt war und die hülferufenden Frauen und Kinder und die erschrockenen Männer auf Tischen und Bänken Schutz suchen mußten. Auf allen Gesichtern malte sich tödliche Angst und Verzweiflung, welche ihren höchsten schreckenerregenden Ausdruck in einem aus tausend Kehlen gleichzeitig ertönenden Schrei des Entsetzens fand, als plötzlich die Halle sichtbar zu schwanken und zu wanken anfing, als Breter, Balken und Kronleuchter niederstürzten und mit furchtbarem Krachen ein Theil des Daches des südlichen Flügels der Halle verschwand und den mit dickem Hagel untermischten Wasserfluthen nun auch von oben freien Zugang verschaffte. Nun stürzte und drängte Alles dem Ausgang zu, aber der vom Winde wüthend hin- und hergepeitschte Regen, das Heulen des Sturmes und das Wimmern der Verzweifelten verwirrte den ineinander fest verschlungenen Menschenknäuel nur noch mehr.


Das deutsche Bundesbanner.
Hintere Seite.


Alles fiel über den Haufen, und erst nach unendlichem Ringen und durch den Trieb der Selbsterhaltung vorwärts getrieben, erreichte die zerstörte Menge das Freie. Hier löste sich das Bild des Jammers in einzelne Schreckensscenen auf. Viele wurden von dem entfesselten Sturme zu Boden geworfen und lagen nun halb bewußtlos in dem Schlamme des kothigen Morastes, in den der Festplatz im Nu verwandelt war, während noch immer die Regenmassen herniederstürzten und sie zu ertränken drohten. Andern wurden die Kleider vom Leibe gerissen, und Zusammengehörige, die in dem entsetzlichen Durcheinander getrennt worden waren, suchten sich händeringend.

Nach wenigen Minuten lachte die Sonne wieder so hell von dem theilweise gelichteten Himmel, als wenn nichts geschehen wäre. Jetzt erst ließen sich die Verwüstungen übersehen. Das vom südlichen Flügel der Halle herabgestürzte Dachwerk war vom Winde auf die Spülküche geschleudert worden, hatte diese zertrümmert und dabei zwei Küchenmädchen erschlagen. Der südliche Flügel der Halle war theilweise abgedeckt, stand ganz schief und war überall arg beschädigt und zerrissen. Alle anderen Gebäude auf dem Festplatze trugen Spuren der Verheerung des furchtbaren Orkans an sich, der auch in der Stadt und deren näherem Umkreise wüthend gehaust, die ältesten Bäume entwurzelt und viele Dächer abgedeckt, ja eine kolossale, noch gut erhaltene Scheune in der Stadt in tausend Trümmer geschlagen hatte. Bei allem Unglück ist es ein Wunder der Vorsehung zu nennen, daß außer den genannten zwei Personen, welche augenblicklich getödtet wurden, und einer dritten, welche in Folge erhaltener Verwundungen später starb, fast nur unerhebliche Verletzungen vorgekommen sind.

Nur den vereinten Anstrengungen des Festcomités, des Handwerkerstandes, der Bürgerschaft und der Behörden gelang es, das Fest dennoch zur bestimmten Zeit zu ermöglichen. Mit Aufgebot aller Arbeitskräfte der Stadt schritt man sofort zur Reparirung des Schadens, dessen ganzen Betrag (ungefähr 20,000 Gulden) der Senat auf das Aerar übernahm. Am Freitag derselben Woche war jede Spur der Verwüstung getilgt, und die Festgebäulichkeiten waren wieder zur Aufnahme der erwarteten Gäste bereit.

Durch diesen traurigen Zwischenfall war nur ein erneuerter Schwung in die Festesvorbereitungen gekommen. Galt es doch jetzt die Ehre der Stadt zu wahren durch Einlösung des von dem Festcomité vor ganz Deutschland gegebenen Versprechens: „daß das Fest unverändert am bestimmten Tage beginne.“ Ein edler Wetteifer entstand. Jeder wollte es dem Andern zuvorthun, um dem Festcomité durch Opfermüthigkeit seine schwere Aufgabe zu erleichtern. Freiquartiere wurden dem Comité noch in den letzten Tagen in großer Anzahl zur Verfügung gestellt, so daß es in den Stand gesetzt war, die größte Anzahl der Schützengäste bei den Bürgern einzulogiren. Die große Theilnahme der Stadt an dem Nationalfeste sprach sich aber vorzüglich auch in dem wahrhaft glänzenden und blendenden Festschmucke aus, den sie schon einige Tage vor dem Feste anlegte.

So nahte der Empfangstag, der Samstag. Welch ein Gewühl herrschte schon am frühen Morgen in der Stadt! Alles bewegte sich in erwartungsvoller Stimmung auf den Straßen. Die Bahnhöfe waren von Menschen dicht belagert, so daß die Fiaker nur mit Mühe sich eine Gasse brechen konnten. Die Hotels waren bereits von Fremden, die Privathäuser von Verwandten und Freunden, die zum Feste auf Besuch gekommen waren, überfüllt. Ueberall standen Gruppen auf der Straße, mit jener sichtbaren Spannung und Aufregung in den Mienen, welche jedem festlichen Ereigniß vorauszugehen pflegen. Die Meisten tauschten ihre Besorgnisse über das Wetter aus, denn es hing ein bleigrauer Himmel über der von frischem Grün duftenden und von zahllosen Fahnen, die aus Fenstern und von Dächern und Thürmen wehten, überschatteten Stadt.

Frankfurt hatte sich in der That bis in seine kleinsten Straßen glänzend herausgeputzt. Auch die Vorstadt Sachsenhausen war nicht zurückgeblieben. Die Brücke, die sie verbindet, war zur Fichtenallee geworden. Es war dasselbe Gewand, das die Stadt in den Tagen des Vorparlaments trug, nur daß damals das geschriebene Wort zur Auslegung der Bedeutung der Fahnen und Kränze mehr zu Hülfe genommen war, als heute. Inschriften bemerkten wir nur wenige und unter diesen wenigen wieder mehrere, welche schon zu Zeiten des Vorparlaments verwandt worden waren, wie z. B.:

„Des Vaterlands Größe, des Vaterlands Glück,
O schafft sie, o bringt sie dem Volke zurück!“

Der Schmuck der Stadt zeichnete sich im Ganzen mehr durch Reichthum und Pracht, als durch besonders geschmackvolle und künstlerische Verwendung gegebener Anhaltspunkte in der Decoration [494] aus. In dieser Beziehung hatte Nürnberg im vorigen Jahre das Herrlichste geleistet. Was jedoch als für den Geist, in dem die Bewohner Frankfurts das Nationalfest feierten, besonders charakteristisch hervorzuheben wäre, ist der Umstand, daß die schwarz-roth-goldene Farbe in den Fahnen und Dekorationen fast die ausschließliche, die roth und weiße Landesfarbe dagegen nur in entschiedener Minorität vertreten war. Die Straßen selbst waren in einen Wald verwandelt, da vor jedem Hause eine Reihe von Fichten und Tannen ausgepflanzt war, welche von dem Forstamte zur Ausschmückung der Stadt unentgeltlich zur Verfügung gestellt worden waren. Mehrere Straßen hatten kolossale Triumphbögen erbaut und Festons von einem Hause quer über die Straße zu dem gegenüberliegenden geschlungen. Die meisten Fahnen waren von riesiger Länge und Breite, was sich jedoch der auf dem Portal des Bundespalais zwischen zwei schwarz-gelben abgestellten schwarz-roth-goldenen nicht nachsagen läßt. Auch das preußische Gesandtschaftshotel trug das deutsche Zeichen zwischen zwei schwarz-weißen Landesfahnen. Ueber allen erhaben aber wehte die deutsche Fahne von dem höchsten Punkte der Stadt, von dem Pfarrthurme.

An dem Ostbahnhofe und an den Westbahnhöfen waren Kanonen aufgestellt, welche von Mitgliedern der früheren freiwilligen Bürgerwehr in hellgrauer Schützentracht bedient wurden. Auch Musikcorps harrten der sehnsüchtig erwarten Gäste. Da brauste ein unabsehbarer Bahnzug zur Halle herein. Es waren nicht blos Schützen, sondern auch eine Unmasse sonstiger Gäste, die zum Feste gekommen waren und des feierlichen Empfanges mit theilhaftig wurden. Kanonensalven erdröhnten, und die Musik spielte das „deutsche Vaterland“. Jubelnder Zuruf in die Wagen und aus den Wagen. Die Herren vom Empfangscomité in weißen Schärpen traten an die Waggons und begrüßten herzlich die aussteigenden Gäste. Die versammelte Menge rief ihnen ein Hoch entgegen. Nachdem sich der erste Sturm gelegt hatte, sammelten sich die Gäste um die schwarz-roth-goldene Fahne und ließen sich von einem Mitgliede des Empfangscomites mit einer kurzen Ansprache officiell begrüßen. Dann ging’s mit klingendem Spiel durch die Straßen der Stadt nach dem Wohnungsbüreau. Während des ganzen Weges hatten sich rechts und links dichte Spaliere aufgestellt, welche mit den vorbeiziehenden Gästen ein beständiges Kreuzfeuer von donnernden Hochs unterhielten. Die Fenster waren geöffnet, und zu den bunten Fahnen gesellten sich noch zahllose weiße Fähnlein, deren jede Dame wenigstens eines unaufhörlich schwenkte.

So ging’s den ganzen Tag. Schon in aller Frühe waren die Nürnberger und die Bewohner der benachbarten Städte eingetroffen. Sie kamen noch trockenen Fußes auf das Wohnungsbüreau und wurden von da mit Hülfe der jugendlichen Turnermannschaft, welche die freiwilligen Fremdenführer abgab, in ihre Quartiere geleitet.

Als aber um 11 Uhr die thüringischen Schützen und mit ihnen der Herzog Ernst von Coburg aus dem Waggon traten, strömte der erste Platzregen vom Himmel, um von da an mit kurzen Unterbrechungen bis in die sinkende Nacht nicht mehr aufzuhören. Das veranlaßte aber die auf den Straßen wandelnde Menge keineswegs, nach Hause zu gehen, sondern mitten in dem dicksten Regen und trotz der durchnäßten Kleider harrte sie geduldig aus, bis die letzten Gäste spät Abends in Empfang genommen und herzlich begrüßt waren.

Da wir uns nicht zertheilen konnten, um alle Einzelnheiten des Empfangs mitzumachen, so müssen wir uns auf die Hauptscenen desselben beschränken. Die erste derselben ist die Ankunft des Herzogs Ernst. Schon als er unter die Eisenbahnhalle trat, ward er mit lebhaften Zurufen begrüßt. Dr. S. Stern, Oberlehrer an der hiesigen israelitischen Realschule, hielt darauf an die Thüringer Schützen und an den ersten derselben eine kurze und gehaltvolle Anrede. Als der Herzog daraus in offenem Wagen nach der Stadt in das Siefferheld’sche Haus fuhr, wo er seine Wohnung aufgeschlagen hatte, da war des Jubels in der versammelten Menge kein Ende, und zu Hause angekommen, mußte er mehrmals auf den Balcon treten, um für die herzliche Aufnahme zu danken.

Der zweite Haupteinzug, welcher am Samstag stattfand, waren um 6 Uhr Abends der der Schweizer. In einer imposanten Masse, über 1000 Mann stark, waren sie erschienen, und ihr Erscheinen rief begeisterten Enthusiasmus hervor. Sie trugen alle die Alpenrose und das Schweizer Kreuz auf dem Hute. Militärisch organisirt, ordnete sich die Heeresschaar unter der Anführung der jugendlichen Trommler und Pfeifer des Baseler Cadettencorps sehr rasch in dem weiten Bahnhofe der Main-Neckar-Bahn.

Von dem Perron der Eisenbahn aus redete sie Dr. Sauerländer folgendermaßen an:

„Der Festort Frankfurt ruft den Schützenbrüdern aus der Schweiz ein herzliches Willkommen zu. Dank Euch, daß Ihr dem Ruf gefolgt seid und heute zum ersten Mal an den Ufern des Mains jenes glorreiche Banner aufpflanzt, welches die Helden von Morgarten, Sempach und der Melzerheide, von Murten und St. Jakob geführt haben. Wenn unsere Jugend das flammende Kreuz noch nicht kennt, so kennt sie doch die Tage des Ruhms, verherrlicht in den unsterblichen Gesängen unserer Dichter; sie kennt das Land der Alpenrosen, die Felsenburg der Freiheit, das Brudergeschlecht der Eidgenossen, und diese begeisterte Jugend ruft Euch heute zu: Seid willkommen auf deutscher Erde, Ihr treue Boten aus dem Schweizerland, Gruß und Handschlag zum ewigen Bündnis;, liebwerthe Eidgenossen. Unsere Schweizer Brüder leben hoch, hoch, hoch!“

Darauf erwiderte Oberst Kurz aus Bern einige herzliche Worte und forderte schließlich seine Landsleute auf, mit ihm ein donnerndes Hoch auszubringen auf „Deutschland, das Gesammtvaterland unserer Freunde, es lebe, es gedeihe, es erstarke, ruft mit ganzer Schweizer Kehle aus, ruft: Deutschland hoch!“

Und aus voller Seele und aus voller Kehle fielen die Schweizer ein. In ähnlicher Weise fand der Empfang der Baiern, Oesterreichs und Tyroler statt. Unter nicht enden wollendem Jubel zog diese Truppe, in deren Mitte selbst die freudigste Stimmung herrschte, mit ihrer Musik und ihren Fahnen durch die Stadt.


Blätter und Blüthen


Die Asyle für Geisteskranke. In allen cultivirten Ländern hat die Humanität, vorzugsweise im Laufe der letzten Jahrzehnde, zahlreiche Heil- und Bewahranstalten für Kranke und Unglückliche in das Leben gerufen, die durch ihr segensreiches Wirken unserm Zeitalter zur Zierde gereichen und beweisen, daß auf gleiche Weise mit dem geistigen Fortschritte auch der humane gefördert ist. Neben den stolzen der Wissenschaft und Kunst gewidmeten Gebäuden hat sich auch die Humanität ihre Tempel gebaut, und der Schutz und die Pflege von Waisen, Blinden, Taubstummen etc. ist in der Gegenwart ein wichtiger Gegenstand der Fürsorge von Behörden und Vereinen geworden.

Vorzugsweise jedoch haben die humanen Bestrebungen der Neuzeit sich einer Classe von Leidenden angenommen, die noch vor Kurzem meist unter den allertraurigsten Verhältnissen ihr unglückliches Loos zu tragen gezwungen waren, der Geisteskranken. – Gerade diese, die Hülfsbedürftigsten aller Kranken, sind am längsten vernachlässigt und waren, anstatt zur Hülfe und zum Mitgefühl bei Andern anzuregen, Gegenstand des Spottes und des Abscheues. Man hätte doch denken sollen, daß die Mutter, welche der Verlust eines geliebten Kindes schwermüthig gemacht, daß der Mann, welchen übermäßige geistige Anstrengung des klaren Denkens beraubt halte, kurz, daß alle diese Kranken von jeher Gegenstand allseitiger Theilnahme hätten sein müssen. Es ist nicht so gewesen; man hat in dem Geisteskranken nicht den Kranken, sondern eher einen Verbrecher gesehen, man hat, befangen von abenteuerlichen Vorurtheilen, sie in abscheulichen Räumen verkommen lassen und, anstatt sie durch ärztliche Hülfe zu heilen und zu pflegen, durch strafende Strenge und schlechte Behandlung zum Aeußersten getrieben.

Erst in der Neuzeit ist es in dieser Beziehung besser geworden; gewissermaßen, als ob man das Versäumte wieder hätte gut machen wollen, sind in fast allen deutschen Landen zahlreiche Asyle für diese Kranken entstanden, die, zum Theil mit wahrhaft fürstlicher Pracht ausgestattet, ihnen ein Unterkommen bieten, wo sie, entfernt von dem Leben und Treiben der Welt, entzogen dem Spotte des Unverstandes, ihrer Gesundheit leben können, die viele von ihnen wieder erlangen und an ihren Beruf in den Kreis ihrer Familie zurückkehren, oder wo sie, wenn eine Heilung nicht mehr möglich ist, in Ruhe und im Genusse der möglichsten Freiheit ihre Tage beschließen.

Zwar entsprechen noch bei Weitem nicht alle Anstalten den Anforderungen, welche man an sie stellen kann, doch mehr und mehr bemühen sich die guten Anstalten, das zu werden, was sie sein sollen, wirkliche Asyle für diese Kranken, in welchen sie neben Pflege und freundlicher [495] Theilnahme eine für ihre Krankheit zweckmäßige ärztliche Behandlung finden, in welchen sie die möglichste Freiheit genießen, in welchen sie es fühlen, daß freundliche Menschenliebe es gut mit ihnen meint, in welchen sie, soweit es geht, gern sein können und an welche sie nach ihrem Austritte dankbare Anhänglichkeit fesselt. Damit ein solches Ziel erreicht werden kann, ist es Pflicht, weitere Kreise darüber zu belehren, was eine gut eingerichtete Irrenanstalt ist, damit allgemeines Vertrauen die Bemühungen der Aerzte unterstützt und man nicht mehr wähnt, daß Zwang und Strafen den Kranken in der Anstalt erwarten.

Es verlangt die Behandlung der Geistes- und Gemüthsstörungen, da sie sich meist sehr allmählich im Laufe von Monaten und Jahren entwickeln, ganz besonders günstige Bedingungen, wenn es der ärztlichen Kunst gelingen soll, ihrer Herr zu werden. Der Kranke muß aus seinen häuslichen Verhältnissen, in denen er immer wieder neue Nahrung für seine krankhaften Empfindungen und Vorstellungen sucht und findet, längere Zeit entfernt bleiben, die Kräfte seines Nervensystems müssen mit allen Mitteln der ärztlichen Kunst und Diätetik gehoben werden, wenn auch das geistige Leben sich wieder ordnen und regeln soll.

Die zur wirksamen Durchführung aller nothwendigen Anforderungen eingerichteten Anstalten enthalten deshalb Alles, was zur Cur und Pflege der in ihnen befindlichen Kranken erforderlich ist; es ist aus diesem Grunde die oberste Leitung in den Händen des Arztes. Freundliche, helle, gut gelüftete Krankenzimmer treten in ihnen an die Stelle der feuchten und abschreckenden Räume der alten Aufbewahrungshäuser; man erlaubt den Kranken möglichst den Genuß der freien Natur, man verschafft ihnen jegliche ihrem Stande und ihrer früheren Lebensweise entsprechende Annehmlichkeiten. Aufmerksame, ihres Dienstes kundige Wärter beaufsichtigen die Kranken, die, sobald ihr Zustand es erlaubt, zum Theil mit leichten ländlichen Arbeiten, zum Theil in den Werkstätten beschäftigt werden, während die Kranken der höheren Stände durch Gymnastik, Promenaden, Musik, Lectüre, Billard sich Bewegung oder Ableitung von ihrer krankhaften Geistesrichtung verschaffen müssen.

An die Stelle des Zwanges und der Strenge, mit der man früher die Kranken beherrschen zu müssen glaubte, trat mehr und mehr möglichste Schonung und freundliche Theilnahme. Aus den guten Anstalten sind fast alle Zwangsmittel verbannt, die ärztliche Kunst sucht durch innerliche Mittel, durch stundenlang fortgesetzte warme Bäder in Fällen großer Aufregung zu beruhigen, in einem verdunkelten Zimmer den Lichtreiz und jede von außen kommende Erregung abzuhalten, und die dann noch nöthigen Zwangsmittel beschränken sich darauf, den Kranken vor sich selbst oder seine nächste Umgebung vor ihm zu schützen. Im Allgemeinen nimmt unter einer solchen Behandlung die ganze Krankheit einen bei Weitem milderen Verlauf an, die Anstalten der Neuzeit kennen kaum noch die Schreckensgestalten früherer Zeit, und selbst unter Hunderten von solchen Kranken giebt es immer nur einzelne, die andauernd lärmen oder toben.

Der Leser wird ans dem eben Gesagten sich eine ohngefähre Vorstellung von der gegenwärtigen ärztlichen Behandlung solcher Krankheiten gebildet haben; sie ist im Wesentlichen eine körperlich stärkende, und mit der beginnenden Genesung eine geistig ableitende und anregende. Durch die erstere wird der Kranke für die letztere empfänglich gemacht, und mit der wiedergewonnenen Selbstbeherrschung tritt auch eine weitere Zugänglichkeit für die Rathschläge des Arztes und die Trostgründe der Angehörigen ein. Der Kranke kehrt allmählich zu sich zurück oder erwacht wie aus einem Traume, mit dem sein ganzer Zustand die größte Aehnlichkeit bat, um allmählich dann völlig zu genesen. Zur Befestigung der Gesundheit ist dann meist noch ein einige Monate dauernder Aufenthalt in der Anstalt nöthig, während dessen dem Kranken Gelegenheit geboten werden muß, sich wieder an den Verkehr mit Gesunden zu gewöhnen, um allmählich wieder in das Leben eingeführt werden zu können.

Trotz zahlreicher Heilungen von Kranken trifft man noch recht häufig die Meinung ausgesprochen, daß Geistesstörungen im Allgemeinen der ärztlichen Hülfe unzugänglich und unheilbar seien. Es ist dieses durchaus nicht der Fall, da zeitige, zweckmäßige ärztliche Hülfe in Asylen für solche Kranke in mehr als der Hälfte aller frischen Erkrankungen Genesung herbeiführt. Mit der längeren Dauer der Krankheit nimmt hingegen die Aussicht auf Heilung sehr schnell ab, so daß, wenn die Krankheit bereits Jahre gedauert hat, es nur selten noch gelingt, dieselbe zu heilen. – Es wurden, um ein Beispiel in Betreff der Resultate der Behandlung anzuführen, von 1039 während der vier Jahre von 1856 - 60 in die Heilanstalt zu Illenau aufgenommenen Kranken 437 geheilt; es konnten 252 als gebessert zu den Angehörigen zurückkehren, 121 Kranke starben, und 191 mußten als ungeheilt in die Pflegeanstalt übergeben werden.

Derartige Resultate dürften lohnend genug erscheinen, um die Bemühungen der Humanität für die Geistesgestörten zu rechtfertigen und die kostspielige Einrichtung besonderer der Behandlung und Pflege dieser Kranken gewidmeter Anstalten zu motiviren. Für ihr segensreiches Gedeihen besonders wichtig ist es aber, daß über den Zweck und die Einrichtung der Asyle für Geisteskranke sich weitere Kreise ein richtigen Urtheil bilden, daß man in ihnen nicht mehr mittelalterliche Tollhäuser, sondern gut eingerichtete Krankenanstalten erblicke, aus denen alljährlich in Deutschland allein viele Tausende unglücklicher kranker Menschen genesen zu den Ihrigen zurückkehren.

Geistesstörungen sind nicht etwa ganz besondere oder gar unheilbare Krankheiten; sie sind Nerven-Hirnkrankheiten, die allerdings mehr, als manche andere, Schonung und aufmerksame Behandlung erheischen. Wie der körperliche Gesundheitszustand, so zeigt auch das geistige Leben seine täglichen Schwankungen zwischen Kraft und Ermüdung und kann durch ungünstige geistige Einflüsse dauernd gehemmt und gestört werden. Ein solcher Kranker ist deshalb kein anderer, als jeder Nervenkranke; er trägt ebenso wenig Schuld an seinem Leiden, wie dieser, und selbst der gesündeste Mensch kann ebenso wie körperlich so auch geistig erkranken, wenn die Bedingungen zur Entwickelung einer geistigen Störung vorhanden sind. – Zur Heilung der Geisteskrankheiten ist aber, nochmals sei es gesagt, die sofortige Entfernung des Kranken aus seiner Umgebung und der Aufenthalt desselben in einer guten Irrenanstalt durchaus unentbehrlich.

Dr. med. O. M.



Spatz und Stahr. Die Fenster meiner Stube lagen nach einem Gemüse- und Grasgarten zu. Dort war an einem Giebel der höheren Obstbäume ein Stahrenkasten angebracht, der auch alljährlich von einem Stahrenpaar als Sommerwohnung bezogen wurde. Der Frühling war diesmal zeitiger als sonst in’s Land gezogen. Musje Spatz, der immer auf dem Zeuge ist, hatte daher auch mit Frau Spätzin eher, als gewöhnlich, zum Neste getragen, und da er sich bekanntlich über Mein und Dein keine allzu großen Scrupel macht, so hatte er hierzu eine Wohnung ausgewählt, auf die er nichts weniger als einen Anspruch zu machen hatte: den Stahrenkasten.

Behaglich und aufgeblasen wie ein Rentier, der über Nacht reich geworden, saß er beim warmen Sonnenschein auf dem Stängelchen unterhalb des runden Eingangslochs, sein eintöniges Lied zirpend. Das Nestchen war fertig und wartete nur noch der Eier, die Frau Spätzin hinein legen sollte; da kam unerwartet ein Störenfried an, in der Person eines glanzbefiederten Herrn Stahrmatz, der die bequeme Wohnung zu einer zeitweiligen Niederlassung ebenfalls sehr passend finden mochte. Trotz der Ueberlegenheit des Gegners in Größe und langer spitzer Waffe suchte doch der Spatz diesem den Eingang zu wehren. Mit aufgestrupptem Gefieder setzte er sich dicht vor dem Loche in Positur, und während er zugleich seinen Schlachtgesang ertönen ließ, erwartete er den Angriff des Feindes. Dieser ließ nicht lange auf sich warten, ein heftiger Kampf entspann sich. Mit Schnäbeln und Flügeln wurde wacker gekämpft, während die Spätzin auf den nächsten Zweigen kreischend umher hüpfte, dem Gatten wahrscheinlich Muth und Ausdauer zurufend. Dieser schlug auch, wider alles Erwarten, jeden Angriff mit einer wahren Todesverachtung und einer solchen Gewandtheit ab, daß endlich der Stahr, ermüdet und etwas zerzaust, mit ziemlicher Eile seinen Rückzug nahm und vorerst nichts wieder von sich sehen ließ. Ein Siegesgeschrei der beiden Gatten begleitete den Abziehenden. Beide setzten sich nun auf das Stängelchen, wo sie sich bei allerlei lebendigen Bewegungen gewaltig viel zu erzählen hatten; dann suchte Herr Spatz seine etwas derangirte Toilette wieder in Ordnung zu bringen, wobei auch die dienstfertige Gattin sich behülflich zeigte.

Einige Tage später stand ich wieder am Fenster und wurde hier Zeuge einer andern Scene. Wieder saß das Spatzenpaar recht gemüthlich auf seinem Stängelchen, als sich Stahrmatz abermals zeigte. Nochmals entspann sich ein Kampf auf Leben und Tod, der aber jetzt von Seiten des Stahrs energischer geführt wurde, so daß der Spatz, nach der verzweifeltsten Gegenwehr, endlich genöthigt wurde, den Platz zu räumen. Zu den Klagetönen der Spatzin gesellte sich das Zorngeschrei des Gatten; aber den Sieger kümmerte das nicht, er nahm Besitz vom Innern und fing auch gleich an auszuräumen. Stroh, Haare, Hadern und anderes mühsam zusammengeschleppte, Alles wurde, und zwar etwas hastig, zum Loche heraus geschleudert. Der Spatz suchte, als guter Wirth, zu retten, was aus dem Schiffbruch zu retten war. Er schoß von seinem Zweige Herunter, und ehe ein Haar- oder Federbündel zur Erde kam, erhaschte er es mit außerordentlicher Geschicklichkeit und brachte es sofort unter den Dachsparren eines Hinterhauses in Sicherheit. Schließlich holte er auch noch das, was bereits zu Boden gefallen war. Jetzt spielte der Sieger den Behaglichen. Er setzte sich, nachdem er das Zerstörungswerk vollbracht, außen auf das Stängelchen, hielt Rundschau und ließ sich von der warmen Sonne bescheinen. An der ganzen Sicherheit seines Benehmens mußte man gewahren, daß er sich in seinem vollkommenen Rechte wußte. Er war jedenfalls der eigentliche mehrjährige Besitzer dieser Wohnung, während der vorher Abgeschlagene vermuthlich einer der Söhne war, die hier das Licht der Welt erblickt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte ich jetzt die Ehre, Herrn Stahrmatz senior vor mir zu sehen.

Das Spatzenpaar war währenddem verschwunden, längere Zeit ließ es nichts von sich hören und sehen; aber Plötzlich rückte ein ganzes Corps seines Gelichters, wohl an die dreißig, vor. Der Unterlegene hatte jedenfalls von anderwärts Succurs herbeigeholt. Mit solch einer respectabeln Macht hinter sich, war er jetzt wieder der Tollkühne, adlermuthig warf er sich auf den verhaßten Feind, der bisher die lärmenden Ankömmlinge gar nicht beachtet zu haben schien. Aber der Spatz kam abermals schief an, der Stahr parirte den Stoß so gewaltig, daß der Angreifer taumelnd flatternd fast bis zur Erde sank. Eine wiederholte Attake hatte keinen besseren Erfolg. Der Succurs hielt sich dabei in respectvoller Entfernung, machte aber dafür ein um so gewaltigeres Geschrei. Als der Kämpe sah, daß er so schmählich im Stiche gelassen wurde, gab er weitere Versuche auf und begnügte sich nun damit, auf einem der untersten Aeste des Baumes, auf dem er vor Kurzem noch Herr gewesen, bescheiden Platz zu nehmen, da seinen Unmuth zu verschnauben und den Gegner zu beobachten. Der Stahr ließ ihn großmüthig gewähren. Nachdem das Spatzencorps noch eine Weile geschwatzt und raisonnirt hatte, zerstreute es sich allmählich wieder.

Der Stahr begann nun seine häuslichen Einrichtungen zu treffen. Geschäftig und dabei höchst spaßig maß er mit aufgesperrtem Schnabel von außen die Dimensionen, und als er diese richtig oder vielmehr noch die alten fand, flog er ab, kehrte aber bald darauf mit seiner Frau Liebsten wieder zurück. Er schien ihr sehr wohlbefriedigt die wiedergefundene Wohnung zu zeigen, und nachdem Beide, von Ast zu Ast hüpfend, auch die Umgebung gemustert, strichen sie wieder ab. Der Stahr kehrte bald wieder zurück, in seinem spitzen Schnabel ein Bündel Utensilien zum Neste tragend. Eine Weile arbeitete er im Kasten und entfernte sich dann wieder. Der Spatz hatte bisher ruhig und anscheinend indolent unten auf seinem Aste gesessen, aber er hatte unter dieser Maske auf Rache gesonnen und erwartete hierzu den geeigneten Moment. Kaum war der Stahr weg, so schoß er wie ein Pfeil in den Kasten, holte das eben Eingetragene heraus, [496] schleppte es zu seinem Neste und nahm dann aus seinem früheren Standpunkte wieder Posto, so gelassen, als wenn er kein Wässerchen getrübt hätte. Der rückkehrende Stahr mochte nicht wenig über das Verschwinden seines eben Eingebrachten erstaunt sein, denn kaum war er mit der zweiten Tracht in’s Loch geschlüpft, so erschien er auch wieder auf der Stange, das eben Mitgebrachte noch im Schnabel haltend. Er drehte den Kopf mit langem Halse höchst verwundert nach allen Seiten, recognoscirte dann von außen den Kasten und die nächste Umgebung, und als er hier noch Alles in der alten Ordnung gefunden, brachte er endlich die zweite Tracht ein, hielt dann auf dem Stängelchen noch eine Weile Umschau und strich endlich wieder ab. Der Spatz wollte sofort sein früheres Manöver wiederholen, aber jetzt kam er übel an. Der Stahr, der sich wahrscheinlich auf die Lauer gestellt, kehrte eilends zurück. Er ertappte den Dieb auf der That und nahm nun furchtbare Revanche. Der Spatz, der unter den Dachsparren retirirt war, wurde, trotz alles Schreiens und Lamentirens, bald aus seinem Schlupfwinkel getrieben, und unbarmherzig zerzauste nun der Stahr Alles, was er an Hausrath vorfand, während das in anständiger Ferne umherhüpfende Spatzenpaar ein wahres Zetergeschrei aufschlug; allein das störte weder den Stahr, noch kam eine Hülfe.

Von da an durfte sich kein Spatz mehr in der Umgebung des Stahrkastens sehen lassen, und erst im Herbst, nachdem die Stahre wärmeren Gefilden zugezogen, vernahm man wieder in Hof und Garten das monotone Gezirp.




Afrikaner über Eis und Schnee. Im Jahre 1846 wurde zum ersten Male durch einen speculativen Amerikaner eine Schiffsladung Eis nach Batavia gebracht. Da die amerikanischen Schiffe sonst großentheils in Ballast nach Ostindien gingen und auch die Zurichtung des Eises zur Verpackung nicht mit großen Kosten verbunden ist, so konnte es zu ziemlich billigen Preisen in den Handel gebracht werden und ist in Folge dessen auf Java rasch von einem Luxusartikel zu einem Bedürfniß geworden. In den Krankenhäusern bewirkte die Anwendung des Eises zum Theil glänzende Erfolge, und es wurde in Folge dessen sehr bald regelmäßig eingeführt. In größeren Hotels, sowie in jedem bedeutenderen Haushalte spielt Eis eine wichtige Rolle: die sonst halbflüssige Butter steht auf Eis, zu jedem Glase Wasser gehört ein Stückchen Eis, mit einem Worte: Eis ist ein unentbehrlicher Artikel geworden. Man kann begreifen, daß die Ankunft des erstes Eises zu manchem Spaße und zu mancher komischen Scene Anlaß gab. Denn in diesem heißen Tropenlande kennt man selbst auf den Gipfeln der höchsten Berge nie Schnee oder auch nur Reif. Am überraschendsten erschien der erste Eindruck der Eiskälte auf die dort zu Lande Geborenen, sowohl Javanen und Malaien als Halbblütige und Kinder von Europäern, indem Alle diese ohne Ausnahme bei der ersten Berührung des Eises ausriefen: „es brennt!“

Einen der gelungensten Scherze führte aber Herr K–r nebst einigen Freunden aus, indem diese ein paar eingeborene Diener gegen Mittag nach dem Magazine in Batavia schickten, um eine Quantität Eis nach Weltevreden zu holen. Mit dem Unternehmer des Magazines war es vorher verabredet, daß er den Leuten einen Block Eis gab, der bloß fest umschnürt an die Mitte eines Bambus gehängt wurde. Die Enden des Bambus nahmen zwei Träger nach inländischer Sitte auf die Schultern, ein inländischer Aufseher ging nebenher, und so ging es in der brennenden Mittagssonne fort nach dem etwa eine Stunde entfernten Weltevreden. Natürlich brachten sie nichts mit, als den Bambus und die leeren Stricke. Eine der possirlichsten Scenen wurde nun durch ein ernsthaftes Verhör über den Verbleib der seltsamen Waare hervorgerufen, die trotz mehrmaligen festen Schnürens verschwunden war. Sie war nicht gestohlen, auch nicht verloren, und die verdutzten Javanen konnten nicht erklären, was vorgegangen war, und auf alles Befragen mir immer wiederholen, das Eis habe sich heimlich, ganz heimlich entfernt, mit unbegreiflicher Heimlichkeit sei es fortgeschlichen.

Als ich nach etwa siebenjährigem Aufenthalte in Indien nach Europa zurückkehrte und in der strengen Winterkälte des Februars 1853 im Depot zu Harderwyk in Holland ankam, hatte ich Gelegenheit, die Eindrücke zu beobachten, die Schnee und Eis auf einen Schwarzen machten, der sie in seinen alten Tagen zum ersten Male kennen lernte. Die Holländer haben nämlich in früherer Zeit eine Anzahl von Negern als Soldaten von ihren afrikanischen Besitzungen in Delmina nach Java ausgeführt. Da aber keine directe Fahrt von Java nach Delmina besteht, so werden die ausgedienten Afrikaner zunächst nach Holland gebracht, von wo sie dann gelegentlich nach der Westküste von Afrika befördert werden. Mein Afrikaner, Kütjo Kobena, war nun ebenso wie ich im strengen Winter angekommen, hatte es aber noch übler als ich getroffen, indem das Schiff, auf dem er sich befand, bei der Insel Urk in der Zuider-See einfror; hierdurch wurde er genöthigt, dreißig Tage auf dieser armen Fischerinsel in der Winterkälte zu verleben. Höchst interessant waren die Beschreibungen, die er von der Kälte daselbst machte, besonders durch die Weise, wie er sich bemühte, Begriffe auszudrücken, die ihm neu und bis dahin gänzlich fremd gewesen, deren Natur er jedoch nun genügend erkannt hatte. So erzählte er mir unter Andern, daß es hier so kalt sei, daß alles Wasser von Kälte todt sei. „See ist todt,“ sagte er, „Fluß ist todt; Wasser ausgießen, ist auch gleich todt.“ Als ich, auf seine Ideen ganz nach Möglichkeit eingehend, ihm erwiderte: „Nein, Kütjo Kobena, todt ist es nicht –“ ließ er mich in seinem Feuereifer zunächst gar nicht ausreden, sondern unterbrach mich: „sungoh mati! (Wahrhaftig, bei meinem Leben!) es ist Alles todt; ich habe es selbst gesehen.“ Endlich zu Worte kommend erklärte ich ihm, daß es nicht todt sei, sondern nur schlafe. Ebenso rasch begriff er dieses und setzte mit gleichem Eifer hinzu: „sungoh! (wahrhaftig!) Sie haben Recht; auch ich, habe gesehen, Wasser warm werden, Wasser wieder laufen.“ – Dann erzählte er mir, wie eines Tages, als er aus der Hütte auf Urk trat, sein Mantel weiß geworden sei, ganz weiß; aber Farbe war es nicht, es konnte abgewischt werden; doch wenn er es abwischte, kam es wieder. Schließlich habe er dann begriffen, daß es hier so kalt sei, daß, wenn tuan allah, der Herrgott, es regnen lasse, sei der Regen, ehe er zur Erde komme „von der Kälte verdorben und ganz weiß geworden“. Er hatte demnach den Vorgang ganz wohl begriffen und drückte sich auch recht bezeichnend aus. Gefrieren ist ja für diese Tropenbewohner ein ganz fremder Begriff.

M.




Das deutsche Bundesbanner, von dem wir in der heutigen Nummer eine getreue Abbildung geben, ist bekanntlich durch Gaben deutscher Frauen und Jungfrauen gestiftet, nach einer Zeichnung von Professor Schneider in Hanau gefertigt und von dem Herzog Ernst in Frankfurt dem Schützenbunde übergeben worden. Der Herzog sprach bei der Uebergabe mit klangvoller Stimme noch folgende kräftige Worte:

Geehrte Versammlung!

Vor noch kaum einem Jahre ward mir die Ehre und Freude, unter Jubelruf den deutschen Schützenbund zu verkündigen. Heute gilt es, dem nun mehr vollendeten Bau die äußere Weihe, dem Bund sein Symbol zu geben.

Der Krieger schwört bei seiner Fahne. Ihm gleich lassen Sie mich in Ihrer Aller Namen, im Namen so vieler Tausende, die von der Düne der Nordsee bis zu den schneeigen Alpen hierhergezogen, bei dieser Fahne geloben: Treu zu stehen zum Vaterland und, seines Rufs gewärtig, zu wehrhaft ein Bund waffengeübt zu werden!

Und so mag es wehen, dies herrliche Banner! Von Frauenhand gewoben, sei’s Eurer Ehre anvertraut, – ein deutsches Banner, das deutsche Männer vereinigt!

Ein donnerndes „Hoch!“ folgte diesen mit kräftiger, weithin tönender Stimme gesprochenen Worten, und der Herzog überreichte sodann die Bundesfahne mit folgenden Worten:

„Ich übergebe hiermit diese Fahne der Stadt Frankfurt als dermaligem Festort. Möge das Gut, das uns Allen gehört, in ihren Händen treu behütet sein!

Begeisterter Zuruf begleitete den Schluß.

Das Banner macht sowohl durch seine Größe wie durch seine Pracht einen dominirenden Eindruck. In Betracht, daß die Bundesfahne sowohl im Festzug, als auf dem Festplatz vor allen übrigen Fahnen in die Augen springend sein müsse, verließ man die gewöhnliche Form und Größe und wählte eine dreizüngige Oriflamme. In einer Breite von 6 und einer Höhe von 8 Fuß hängt sie an einem Querstab, der mit goldenen Schnüren an der Fahnenstange befestigt ist, flach hernieder, und dadurch wird verhindert, daß die reiche Stickerei, wie es bei gewöhnlichen Fahnen der Fall ist, durch Faltenwurf verdeckt werde. Durchaus von rothem gemustertem Seidendamaste, sind beide Seiten des Fahnenblattes durch schwarze Lesinen und gothisch reich ornamentirte Goldstickerei in mehrere Felder getheilt, deren mittleres auf der Vorderseite den gestickten Doppeladler in einem Durchmesser von drei Fuß im goldenen Grunde trägt.

Im gleichen Feld auf der Rückseite ist ein Eichenkranz mit der Inschrift gestickt:

Deutscher Schützenbund
gegründet
zu Gotha. 13. Juli 1861.

Die übrigen schmalen Felder dieser Seite sind so eingetheilt, daß in ihnen die Wappen der Städte, in welchen Schützenfeste abgehalten wurden, angebracht werden können, wie denn mit den Wappen der Städte Gotha und Frankfurt bereits der Anfang gemacht ist.

Die Spitze der Fahnenstange endigt in einer Console, welche die Statuette eines Schützen in der Ordonnanzkleidung trägt, beide in vergoldeter Bronze. Große goldene Quasten hängen zu beiden Seiten an den Fahnenschnüren.

Das Ganze macht mit dem Schwarz und Gold aus dem prachtvollen Roth einen wahrhaft imposanten Eindruck. Getragen wird diese Fahne wahrscheinlich nicht wieder, denn sie ist so schwer, daß drei kräftige Männer kaum im Stande sind sie an den Tragstangen fortzubewegen.




Kleiner Briefkasten.


Kl. in Marburg. Wir kennen überhaupt nur ein gutes Panorama des Rheins, das Delkeskamp’sche. Es hat bis heute trotz der massenhaften Nachahmungen seinen alten guten Ruf zu wahren gewußt, zumal es in seinen vielen neuen Auflagen durch Nachträge oder Verbesserungen stets den Forderungen der Neuzeit nachzukommen wußte. Das Delkeskamp’sche Panorama ist in Treue der Darstellung, Eleganz der Ausführung und Brauchbarkeit noch von keiner der Nachahmungen erreicht worden. An der Hand dieses zuverlässigen Führers sind Sie sicher, keins der merkwürdigen Denkmale alter und neuer Zeit zu übersehen, noch durch vieles Fragen sich und Andere zu ermüden.

L. in F. Wir haben bereits früher darauf hingewiesen und müssen auch Sie daraus aufmerksam machen, daß die Herstellung einer Nummer drei Wochen Zeit erfordert, die Abbildungen des Schützenfestes, die bei ihrer Größe auch wieder einige Wochen in Anspruch nehmen, also erst in 4 bis 6 Wochen erscheinen können. Abbildungen konnten vor dem Feste doch unmöglich gefertigt werden.



  1. Die Vögel, sie fliegen immerdar
    Der Heimath zu und meinen Lieben