Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1860
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1860) 609.jpg
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[609]

No. 39. 1860.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Der Arcier.

Erzählung von Levin Schücking.
(Schluß.)

König Joseph hatte sehr gespannt, aber auch mit einer Miene großen Mißvergnügens der Erzählung Frohn’s zugehört. Dieser schloß mit folgenden Worten:

„Ich sehe nur zu wohl ein, daß es sich für mich nicht schicken würde, im Geheimen und ohne Ew. Majestät Wissen so etwas wie eine stille Vorsehung für dieselben zu spielen. Darum komme ich, Alles zu melden, wenn es auch den falschen Schein auf mich wirft, mir ein Verdienst daraus bei Ew. Majestät machen zu wollen. Dies ist in der That nicht der Fall. Ich habe auch ganz und gar kein Verdienst dabei. Hätte ich das, was ich gethan, unterlassen, so würde es entdeckt sein, daß ich meine Pflicht als Posten nicht erfüllt, und ich würde sehr strenge bestraft worden sein!“

„Das ist wahr,“ sagte König Joseph ernst und doch gnädig. Die freie Sprache Frohn’s erweckte augenscheinlich sein Wohlwollen.

„Ich habe aber noch mehr gethan,“ fuhr der Arcier fort, „und zwar etwas, was derartig kühn und vermessen ist, daß ich mein Gewissen als ehrlicher Mann belastet fühle, so lange ich nicht durch ein offenes Geständniß die Gnade erlangt habe, daß Ew. Majestät mir, so zu sagen, eine Absolution von meiner dreisten Verwegenheit ertheilen!“

„Und was wäre das?“ fragte der König lebhaft.

„Ich wußte, daß Ew. Majestät ein werthvolles Kleinod durch die Frechheit eines leichtsinnigen Burschen abhanden gekommen – ich wußte es durch den Zufall – ich wohne im Hause der Eltern jenes Burschen …“

Hatte König Joseph vorhin, bei Frohn’s erster Erzählung, hoch aufgehorcht, so that er es jetzt mit der Miene doppelten Betroffenseins.

„Das weiß Er?“

„Ja, und auch, daß der fragliche Gegenstand zu Händen der Polizei gekommen, und es Ew. Majestät unangenehm sein würde, in Ihrem Namen ihn dort reclamiren zu lassen. Deshalb habe ich mich unterstanden, eines der Blankete von Ew. Majestät Schreibtisch fortzunehmen, es in zweckdienlicher Weise auszufüllen und damit bewaffnet das Ordenskreuz in meinem eigenen Namen aus den Händen der Behörde zu befreien. Hier ist dasselbe und hier das Blanket zurück.“

Frohn zog beide Gegenstände aus seiner Uniform hervor und legte sie auf den Schreibtisch des römischen Königs nieder. Dieser griff mit einer gewissen Hast nach dem Kreuze.

„Wahrhaftig, es ist mein Kreuz!“ sagte er, es betrachtend und mit dem Tone einer sehr lebhaften Befriedigung. Dann sah er mit großen Augen Frohn an.

„Er ist ja ein merkwürdiger Mensch!“ sagte er halblaut und wie für sich.

„Wollen Ew. Majestät jetzt einen Blick auf das Schriftstück zu werfen geruhen, damit Sie sehen, welches Mittels ich mich bedient habe, und ich dann um die Gnade bitten darf, es zerreißen zu dürfen?“

König Joseph nahm das Papier auf und überlas es.

„Ich habe dem Polizei-Beamten, welcher mir die Ordensdecoration auslieferte, bedeutet, daß sein Schweigen gewünscht werde; ich glaube versichern zu können, daß er es halten wird.“

„Wie heißt der Mann?“

„Der Polizeirath Hinterhuber.“

König Joseph heftete seine Blicke wieder nachdenklich auf das Papier und ließ sie dann über den Rand fort und auf Frohn hinübergleiten, den er mit einem Ausdruck fixirte, in welchem weder Billigung noch Mißbilligung des Geschehenen zu erkennen war. Er schien mit sich selbst im Unklaren zu sein.

„Es ist mir sehr lieb, daß ich die Decoration wieder erhalten habe,“ sagte er nach einer Pause, „es ist mir ein großer Dienst damit erwiesen, ich danke Ihm dafür – aber,“ fuhr er plötzlich mit viel lebhafterer Stimme fort, „weiß Er, daß Er sich ein schweres Verbrechen hat zu Schulden kommen lassen, und daß Er ein gefährlicher Mensch ist?“

„Mehr als ein Verbrechen, Majestät,“ versetzte Frohn; „wenn ich für alles das, was ich in der vergangenen Nacht gethan, nach der Strenge des Gesetzes bestraft würde, so hätte ich für Lebenslang genug. Aber meine Verbrechen gegen die Dienstvorschriften belasten mein Gewissen nicht, ich werde mich darüber trösten. Ein Anderes ist es mit der Schrift dort; ich weiß nicht, ob es sich ganz mit der Ehre eines kaiserlichen Soldaten verträgt, so zu handeln, und darum habe ich mich gedrungen gefühlt, Ew. Majestät Alles zu berichten, um mich von dem Könige, der im Staate die höchste Quelle der Ehre ist, entweder lossprechen oder verdammen zu hören.“.

König Joseph fixirte wieder mit dem früheren Blicke den vor ihm stehenden Arcier, der ihm immer merkwürdiger vorkommen mochte.

„Also an mich wendet Er sich nur als den höchsten Quell der Ehre im Staate?“ sagte er nach einer Weile mit einem Tone, [610] worin etwas wie Ironie lag, „nicht etwa an den Mann, der Sein Schuldner ist?“

„Nein, Majestät!“ versetzte Frohn sehr ernst und entschieden.

„Nun wohl,“ fuhr der König fort, „ich glaube Ihm das. Und indem ich Ihm das versichere, meine ich, hat Er die Absolution, die Er wünscht. Der Charakter Seiner Handlung bestimmt sich danach, ob sie ganz uneigennützig war oder nicht!“

„In der That, und ich danke Ew. Majestät auf’s Ehrerbietigste für die Absolution.“

Der König zerriß jetzt die Schrift in mehrere kleine Stücke.

Dann nickte er Frohn einen herablassenden Gruß zu und sagte kalt und gemessen:

„Er ist entlassen!“

Frohn wandte sich und schritt in militärischer Haltung zur Thüre. Als er diese fast erreicht hatte, rief König Joseph ihm nach:

„Wart’ Er noch!“

Frohn wandte sich wieder der jungen Majestät zu.

Diese schien etwas unschlüssig über das, was sie sagen wollte. Joseph bewegte einen Augenblick die Lippen, ohne zu sprechen, dann sagte er:

„Ich habe einen Auftrag für Ihn. Melde Er seinem Chef, dem Feldmarschall Graf Aspremont, ich wünsche in den nächsten Tagen ihn zu sehen.“

„Zu Befehl, Ew. Majestät.“

Der König winkte mit der Hand, Frohn ging, und gleich darauf schloß sich die Thüre des königlichen Cabinets hinter ihm.

In der besten Stimmung verließ er die Burg. Sein Gewissen war um eine Centnerlast erleichtert und schlug voll Dankbarkeit für König Joseph, der ihn verstanden und dadurch am meisten geehrt hatte, daß er ihm keine Belohnung angeboten. Denn in der That, und der König hatte sehr richtig es bemerkt: wenn für Frohn irgend ein Vortheil, ein bedeutender Gnadenbeweis das Ergebniß seiner Thätigkeit gewesen wäre, so hätte diese letztere dadurch in höchst bedenklicher Weise einen andern moralischen Charakter bekommen.

In der Frühe des andern Morgens machte sich Frohn auf, die im Hotel der Arcieren-Leibgarde für ihn bereiteten Zimmer zu beziehen. Er hatte verschiedene Gründe dazu; das hübsche Thereserl weinte einige Thränen der Rührung und Dankbarkeit beim Abschiede; im Grunde war auch sie ihm dankbar dafür. Es war besser so!


7.

Es waren etwa vierzehn Tage vergangen, die sich für unsern Freund einförmig und ereignißlos abgesponnen hatten, zwischen viel freier Muße und einigen wenigen Dienstleistungen getheilt.

Das Wiener Früchtl, der Franz Fellhamer, war während dieser Zeit abgeurtheilt; man hatte ihn „zum Militär assentirt“ und als ehemaligen Reitscholaren unter ein Husaren-Regiment gesteckt.

Eines Morgens war große Ceremonie am kaiserlichen Hofe. Ein neuer französischer Gesandter hielt seine Auffahrt und hatte die erste feierliche Audienz. In den Gängen und Vorsälen paradirten die verschiedenen Leibgarden. Frohn stand als Flügelmann der Arcieren in der Antecamera zunächst dem großen Stiegenhause, wie seine Cameraden in voller Galla. Nach einer halben Stunde war Alles zu Ende. Eine Weile nachdem der Botschafter durch den Obersthofmeister bis in das letzte Vorzimmer, durch den Ober-Ceremonienmeister und zwei Kammerherren bis an seine Carosse zurückbegleitet war, kamen in einzelnen Gruppen auch die Herren vom Hofstaat aus den inneren Gemächern heraus.

Einer dieser Herren blieb in der Antecamera der Arcieren stehen, überblickte wie suchend die zu beiden Seiten im Spalier aufgestellte Mannschaft und gab Frohn einen Wink.

Dieser trat vor.

Der Hofcavalier jedoch, statt sich an ihn zu wenden, richtete jetzt einige Worte an einen andern Herrn und unterhielt sich mit diesem in gemüthlicher Muße, ohne sich weiter um den Arcier zu bekümmern.

Der ergraute alte Herr, welcher als Capitain-Lieutenant die Arcierengarde heute commandirte, nachdem er es durch lange Dienste in der Armee bis zum Generalmajor gebracht, befehligte jetzt seine Leute zum Abmarsch.

Frohn überhörte den Befehl und blieb, wo er stand.

Der Hofcavalier schien diesen Augenblick abgewartet zu haben. Er trat dicht an ihn heran und sagte:

„Der römische König reitet sogleich zur Jagd nach Laxenburg. Er wünscht Sie in seinem Gefolge zu sehen.“

„Zu Befehl,“ versetzte Frohn, von dieser Nachricht sehr angenehm überrascht, „ich werde sogleich gehen und mir den dazu erforderlichen Urlaub holen.“

„Das wird nicht nöthig sein,“ antwortete der Hofcavalier mit einem eigenthümlich bedeutsamen Lächeln. „Ich würde Ihnen rathen, es zu unterlassen! Was ich Ihnen gesagt habe, reicht hin.“

Der Cavalier ging jetzt und ließ den Arcier in einiger Betroffenheit zurück. Die Dienstvorschrift ließ gar keine Deutungen zu, und was der Herr im goldbordirten Sammtrock eben zu ihm gesprochen, war vielleicht nichts, als eine höchst müßige Privatansicht desselben. Vielleicht war es aber auch mehr. War es nicht möglich, daß der König, eifersüchtig auf sein Ansehen, nicht wollte, daß, wo er eine Bestimmung getroffen, noch andre Leute um ihre Einwilligung gefragt würden, und wenn es auch nur um der bloßen Form willen geschah? Möglich war es allerdings. Frohn erbat sich deshalb keinen Urlaub, sondern ging die Stiegen hinunter, begab sich in den Hof der Burg, an welchen die Gemächer König Josephs stießen, und kam hier gerade in dem Augenblicke an, wo eben ein Dutzend gesattelter Pferde herbeigeführt wurde.

Eine Viertelstunde später traten alle zum Jagdgefolge des Königs gehörende Herren aus einem der Schloßportale auf den Hof hinaus, gleich hinter ihnen kam der römische König selbst, und Alles schwang sich in die Sättel. Unserem Arcier wurde ein großer Rappe vorgeführt. Als er aufgesessen war, überragte er auf dem mächtigen Thiere mit seiner hohen Gestalt und in seiner Scharlachuniform das ganze kleine Geschwader.

Der König schien keinen Blick für ihn zu haben. Desto mehr hatten dies die übrigen Herren, die verwundert diesen Saul unter den geschmeidigen Propheten des Vorzimmers erblickten. An der Burgwache, welche das Spiel rührte, vorüber, durch das Burgthor, verließ die Cavalcade die Stadt und setzte ihre Thiere bald in rasche Bewegung.

In Laxenburg war Alles für das Jagdvergnügen des Königs bereitet. Man brachte den folgenden Tag damit zu; Frohn nahm den unbefangensten Antheil daran, zeigte sich als einen vortrefflichen Schützen und kümmerte sich wenig darum, daß er nicht begriff, weshalb ihm König Joseph die Ehre erwies, ihn mit nach Laxenburg zu nehmen – in einer Gesellschaft, die ihm nur eine kühle Herablassung bezeigte, während der König selbst keine Sylbe mit ihm wechselte.

„Er muß seine Gründe haben,“ dachte unser Arcier, und als man am dritten Tage nach der Stadt zurückgekehrt war, ging er ruhig dem Strafgericht entgegen, das ihn hier erwartete. Seine Abwesenheit aus der Stadt war in der That bereits dienstlich gemeldet, und der altersgraue Lieutenant rief ihn beim nächsten Appel aus der Reihe vor.

„Arcier Frohn, man war drei Tage lang aus dem Garnisonsorte entfernt und ließ sich bei einem kleinen Jagdvergnügen, wie ich höre, verwenden; wer hat Ihm Urlaub dazu gegeben?“

„Ich war von Seiner Majestät dem römischen König dazu befohlen,“ versetzte Frohn.

„Haben Seine Majestät Ihm befohlen, die Dienstvorschriften zu verletzen?“

„Nein.“

„Er hat drei Tage lang Stubenarrest. Herr Vice-Second-Wachtmeister, man vermerke es in’s Journal!“

Frohn ergab sich still in das Unabänderliche und saß seinen Stubenarrest ab. Ein Paar Wochen vergingen. Frohn hatte ein paar Mal wieder Posten stehen müssen vor der cassirten Thüre, ohne alle Abenteuer. Da, an einem schönen Herbsttage, früh Morgens, trat ein Hoflakai in sein Zimmer. Er hatte dem Herrn Arcier zu vermelden, daß der römische König ihm befehlen lasse, an seiner Jagd Theil zu nehmen, zu der er um Schlag zehn Uhr nach dem Kahlenberg hinausreiten werde.

„Werde ich um Urlaub dazu bitten müssen?“ fragte der Arcier.

„Ich glaub’ halt nicht,“ antwortete der Diener; „der Hofcavalier, der mich hersendet, hat etwas davon fallen lassen, es werde nicht gewünscht; aber der Herr Arcier müßten’s selber wissen, was Sie thun.“

Der Arcier war in der That bereits entschlossen. Er bat [611] nicht um Urlaub, und um zehn Uhr ritt er auf seinem Rappen im Gefolge des Königs Joseph zum Burgthor hinaus.

„Es scheint,“ sagte er sich, „es soll so etwas wie eine Prüfung sein; die römische Majestät will sehen, ob ich Ihren Wunsch höher stelle oder die Kriegsartikel und ein paar Tage Arrest!“

Die Herren im Gefolge des Königs waren diesmal weniger kühl und vornehm gegen ihn; sie sahen, daß Frohn durch irgend etwas die entschiedene Gunst des jungen Monarchen gewonnen habe, der ihn so wiederholt in seine Nähe zog, und außerdem war unser Arcier ein viel zu guter Waidmann und viel zu guter Camerad bei der Jagdmahlzeit, um sich nicht bald Freunde zu gewinnen.

Der römische König aber richtete niemals das Wort an ihn; er schien keinen Blick für ihn zu haben; ja, es war, als ob er die Anwesenheit des rothen Arciers gar nicht wahrnehme; und doch war dieser sichtbar genug und fand keinen Grund, sich hinter die Andern zu verstecken, was ihm auch sehr schwer geworden wäre! Frohn war gerade deshalb um so mehr überzeugt, daß König Joseph irgend eine Absicht mit diesen Einladungen verbinde; aber er zerbrach sich nicht den Kopf darüber, welche es sein könne.

Am späten Abend kehrte die Jagdcavalcade vom Kahlenberge zurück.

„Arcier Frohn,“ sagte am andern Morgen beim Appel der Premier-Wachtmeister-Oberst, der heute die kleine Schaar commandirte. „Arcier Frohn,“ sagte der gestrenge alte Herr, „die drei Tage Stubenarrest haben bei Ihm nicht gewirkt, wie lange muß man Ihn auf die Wache schicken, damit Er daran denkt? Geb’ Er einmal selber die Dosis an, die bei Ihm verfängt? Werden’s acht Tage thun? Nun, wir wollen sehen! Melde Er sich dazu. Aber das sage ich Ihm: zeigt Er mir zum dritten Male seinen Ungehorsam, so behandle ich’s als einen Fall schwerer Insubordination und laß Ihn sofort krumm schließen und in Eisen legen! Darauf hat Er mein Wort, Arcier Frohn! Verstanden?“

„Zu Befehl, Herr Oberst.“

Der Herr Oberst wandte sich grämlich ab, und Frohn ging sich zum Arrest zu melden. Acht Tage in der Officierstube des Militärgefängnisses zugebracht – es war eine lange, langweilige Zeit. Doch brauchte sie wenigstens nicht einsam zugebracht zu werden. An einem Ort mit so großer Garnison gab es immer einige Leidensgefährten, und Würfel, Karten, Jagd- und Kriegsgeschichten[WS 1] zeigten sich immer von befriedigender Wirkung als Vertilgungsmittel der überflüssigen Stunden.

Als die acht Tage glücklich hingebracht waren und Frohn sich bei seinem Vorgesetzten meldete, um eine für das Soldatenthum der Vergangenheit charakteristische und wahrhaft dämonisch ausgesonnene Formalität zu erfüllen, die nämlich, für die gnädige Strafe zu danken, hielt ihm der Wachtmeister-Oberst eine ernste väterliche Ermahnungsrede:

„Arcier Frohn,“ sagte er, „Er ist sonst ein tüchtiger Soldat, genau und accurat im Dienst und, obwohl Er ein junger Mensch ist, von solidem Betragen und löblichster Conduite. Ich habe auch nicht unterlassen, Seiner Excellenz unserm Chef, der großen Antheil an Ihm nimmt, das Beste über Seine Führung zu berichten. Desto mehr ärgert’s mich, daß wir Ihn jetzt schon zum zweiten Mal haben strafen müssen. Er weiß selber, daß Strafen bei der Arcieren-Leibgarde nicht vorkommen dürfen; das Strafjournal ist so sauber und rein geblieben, wie’s vom Buchbinder gekommen ist, bis auf Ihn, um den nun auf einmal schon zwei Blätter haben verkleckst werden müssen. Will Er denn das Corps um seinen guten Ruf bringen? Sollen die von der Trabanten- und Nobelgarde sagen, wir wären nicht besser als ein Haufen Rekruten? Strafen, Herr? Nichts da! Ich will keine Strafen im Corps, und Er soll erfahren, was das Krummschließen bedeutet, falls Er mich zwingt, wieder mit Strafen drein zu fahren – merk’ er sich das und sehe Er nun sich vor!“

Nach dieser Rede, die der kleine alte Herr mit steigendem Aerger dem straff und wie eine Säule vor ihm stehenden Untergebenen gehalten hatte, wurde Frohn entlassen.

Zwei Tage nachher, als Frohn eben auf Wache gewesen war und sich nach geschehener Ablösung nach Hause begeben wollte, begegnete ihm unter dem Portale des Ausgangs aus der Burg der Hofcavalier des römischen Königs, welcher der Vermittler der früheren Jagdeinladungen gewesen war. Er trat auf Frohn zu, und dieser erschrak nicht wenig, als der Cavalier lächelnd und mit großer Artigkeit sagte:

„Der Herr Arcier kann sich Glück wünschen, daß Seine römisch königliche Majestät ihn so oftmalen in ihrem Gefolge zu sehen verlangen. Es ist ihr expresser Befehl, daß Sie morgen früh um neun Uhr mit nach Hetzendorf zur Jagd hinausreiten.“

„Ich bin Seiner Majestät für diese Gunst aufs Tiefste verpflichtet,“ versetzte Frohn, „aber ich hoffe zu Gott, daß ich dies Mal …“

„Urlaub zu nehmen wird nicht erforderlich sein,“ fiel der Hofmann mit einem verzweiflungsvoll ruhigen und gleichgültigen Lächeln ein. „Seine Majestät haben ausdrücklich zu bemerken geruht, sie wünschten es nicht.“

„Aber –“ begann der Arcier.

Der Hofcavalier hörte jedoch nicht auf ihn.

„Halten Sie sich an den Wunsch des Königs,“ sagte er mit einem bedeutsamen Tone. „Also morgen Schlag neun Uhr!“

„Den Teufel hab’ ich von diesen sich drängenden königlichen Gunstbeweisen,“ flüsterte Frohn zwischen den Zähnen, während der Cavalier mit einer vertraulichen Handbewegung sich beurlaubte und rasch weiter schritt. „Er hat nicht einmal ein freundliches Wort, nicht einmal einen Blick für mich, und dafür soll ich mich jetzt gar noch in die Eisen legen lassen! Eine ausgezeichnete Gnade! Als ob Krummschließen ein Kinderspiel wäre! Wenn’s nicht König Joseph wäre, müßt’ ich denken, er wollte mich zum Danke für das, was ich gethan habe, so lange zu Insubordinationen verführen, bis man mich aus dem Arcieren-Corps ausstößt, um einen Menschen beseitigt zu wissen, dem er sich verpflichtet fühlt. Für ein menschlich fühlendes Gemüth sind solche Individuen ja gewöhnlich unangenehme Persönlichkeiten, die man gern möglichst weit weiß! Der Henker werde klug daraus! Nun, einmal wollen wir’s noch wagen, dann aber nicht mehr!“

Am andern Morgen um neun Uhr war der Arcier auf dem Burgplatz, wo die Pferde des römischen Königs und seines Gefolges eben vorgeführt wurden. Einige Stunden später, beim Appel, wurde der Name Joseph von Frohn vergeblich ausgerufen und vom Vice-Second-Wacht- und Rittmeister mit einer sehr ernsten Dienstmiene in sein Taschenbuch verzeichnet.

Die römisch königliche Majestät jagte auf den Feldern um Hetzendorf bis gegen drei Uhr Nachmittags. Das Jagdmahl wurde in den schmucken hübschen Räumen des kleinen Lustschlosses eingenommen. Die Gesellschaft war heiter und laut und lustig genug dabei. Nur am untern Ende der Tafel saß einer der Gäste, dem die guten Bissen heute sehr wenig zu schmecken schienen, und um dessen Lippen bei den auftauchenden Scherzen ein eigenthümlich gezwungenes Lächeln irrte. Beunruhigten ihn vielleicht die flüchtigen und spöttischen Seitenblicke so, welche er von Zeit zu Zeit aus den Augen des römischen Königs auf sich gerichtet zu sehen glaubte?

Der König hob endlich die Tafel auf. Der Kaffee wurde servirt; Frohn hatte eben den Inhalt seiner Tasse hintergeschlürft, als er plötzlich seinen Namen rufen hörte. Es war König Joseph selber, der rasch auf ihn zutrat und, indem er seine großen blauen Augen mit einem eigenthümlichen Ausdruck schelmischer Freundlichkeit auf ihn richtete, sagte:

„Er hat ja wohl Hetzendorf noch nicht gesehen?“

„Nein, Ew. Majestät.“

„So komm’ Er, ich will Ihm die andern Gemächer zeigen.“

König Joseph schritt nun voraus in eine Ensilade von nicht großen, nicht üppig und luxuriös, aber sehr geschmackvoll eingerichteten freundlichen Räumen. Er machte mit ungezwungener Freundlichkeit den Cicerone darin.

„Dies ist das Schreibcabinet der Kaiserin, meiner Mutter,“ sagte er; „den Ofenschirm mit den Chinoiserien hat meine Schwester, die Erzherzogin Marie Antoinette, gemacht. Dies Zimmer hier bewohnt der Kaiser, wenn der Hof hier ist. Sehe Er sich den runden Tisch an, es ist sehr schöne Florentiner Mosaik, mein Vater liebt sie, obwohl ich gestehen muß, daß ich die römische Mosaik um Vieles schöner finde. Die zwei Gemälde dort sind von Teniers dem jüngern, ein Paar Prachtstücke und wahrhaft bewundernswürdig, d. h. wenn man nicht vorzieht, diese Pöbelkneipen abscheulich zu finden … hier dies kleine Cabinet dient als Schlafzimmer des Kaisers – aber wie ist das … wie kommt diese Uniform hierhin?“

Damit deutete König Joseph auf eine vollständige und sehr glänzende blaue Husaren-Uniform, welche auf dem Bette lag, das den Hintergrund des zuletzt betretenen Cabinets ausfüllte. Der [612] König betrachte sie wie verwundert, nahm dann den daneben liegenden Säbel auf, besah die Klinge und sagte nun, wie einem plötzlichen Einfall folgend:

„Das scheint mir Alles wie für einen Mann Seiner Statur gemacht, Frohn – zieh Er’s einmal an, ob’s Ihm paßt!“

Frohn wußte’im ersten Augenblick nicht, ob dies ein Scherz oder ein ernsthaft gemeinter Befehl sei. Aber König Joseph wiederholte in bestimmtem Tone:

„Zieh Er die Uniform an. Ich will sehen, wie sie Ihm steht.“

Dabei wendete er sich ab und schritt in das nächstvorhergehende Zimmer zurück, um den Arcier bei seinem Costüm-Wechsel allein zu lassen.

Frohn säumte nun nicht länger. Er warf den rothen Arcieren von sich, um den blauen Husaren anzuziehen, und nach wenig Minuten war die Umwandlung geschehen. Dann schnallte er den Säbel und die Schlapptasche um, und trat nun in den feinen, knirschenden Tschismen von rothem Saffian vor den seiner harrenden König.

„Das sitzt ja wie angegossen,“ sagte der Letztere, indem sein Blick mit Wohlgefallen über die schöne Mannesgestalt glitt, welche sich in dem reichen Costüm, mit dem goldglänzenden Dolman und dem hohen Kolpak von Bärenfell, vortrefflich ausnahm. „In der That,“ fuhr der König fort, „das Alles steht Ihnen so gut, daß ich will, Sie bleiben in der Uniform …“

„Majestät,“ fiel Frohn freudig erschrocken ein, „es ist die Uniform eines Rittmeisters im Husaren-Regiment König Joseph.“

„Gerade deshalb,“ antwortete der römische König, „habe ich darüber zu bestimmen, oder,“ fuhr er lächelnd fort, „glauben Sie hierbei erst die gütige Erlaubniß Ihres Arcieren-Lieutenants nöthig zu haben, Herr Rittmeister von Frohn?“

„Majestät,“ stammelte Frohn tiefbewegt, „ich weiß nicht, wie …“

„Sie mir danken sollen? Dadurch, daß Sie fortfahren, meine Zufriedenheit allem Andern vorzuziehen, wie Sie es bisher thaten. Ich wünsche einen Mann in meinem Regimente zu haben, auf den ich fest und sicher bauen kann. Uebrigens waren Sie früher bereits zum Rittmeister ernannt, und es ist eine Ungerechtigkeit gegen Sie begangen worden. Ich werde es also auch vor den Avancementslisten und vor den gestrengen Herrn, die über diesen sibyllinischen Büchern wachen, zu rechtfertigen wissen, was ich thue! Zu Ihrer weitern Equipirung behalten Sie den Rappen, den Sie heute ritten, auch für das Uebrige werde ich sorgen.“

Damit hatte der König den Rückweg zu der Gesellschaft im Speisesaale eingeschlagen. Diese schaute betroffen und verwundert auf, als sie statt des rothen Arciers mit Lieutenantsrang den zu einer höheren militärischen Daseinsphase übergegangenen blauen Rittmeister erblickte.

König Joseph wandte sich mit seiner wohllautenden hellen Stimme an die kleine Versammlung:

„Meine Herren,“ sagte er, „ich stelle Ihnen Herrn von Frohn als von mir ernannten Rittmeister in meinem Husaren-Regiment vor. Das Officiercorps desselben wird sich, erwarte ich, zu einem Cameraden Glück wünschen, der diese seine Beförderung ganz allein seiner in den letzten Feldzügen bewiesenen Diensttüchtigkeit verdankt! – Und nun zurück nach Wien, meine Herren.“

Der König ging, Hut und Degen zu nehmen. Der Hofcavalier, der Frohn gestern mit seiner neuen Jagdeinladung so erschreckt hatte, kam vor allen Andern rasch auf diesen zu und reichte ihm die Hand, um ihn zu beglückwünschen.

„Sie sehen, ich habe Ihnen gestern gut gerathen,“ sagte er lächelnd. „Ich bitte mir das nicht zu vergessen, mein Herr Rittmeister von Frohn, falls ich Sie später ’mal daran erinnern sollte, wenn Sie nach diesem ersten Schritte in einer neuen Laufbahn die weiteren gemacht haben werden!“

„Daß ich die machen werde, scheint in der That vorauszusetzen[WS 2],“ dachte Frohn, die dargebotene Rechte schüttelnd, „sonst würde dieser schlaue Herr mich nicht jetzt schon um meine Protection bitten.“

Nach einer guten Stunde ritt der römische König mit seinem Gefolge wieder in die Hofburg ein. Da es Abend geworden, brannten vor dem Portal große Pechflammen. Ihr flackernder Schein ergoß sich über die Wache, die unter das Gewehr getreten war und das Spiel rührte.

Hinter dem arbeitenden Tambour erblickte Frohn eine höchst ominöse Figur drohend aufgepflanzt; es war der Profoß, zwei Stockenknechte mit den blanken Instrumenten des Krummschließens hinter sich.

Der Mann spähte mit finsteren Blicken nach einem schwarzen Arcieren-Flügelrock, auf den seine Ordre lautete. Er sah aber unter den Hofjagd-Uniformen nur einen blauen Husaren-Dolman. Von dem stand nichts in seinem Befehl.



Künstlers Erdenwallen.

Ein Bruchstück aus Mozart’s Leben in Wien.


„Deutsch war sein Lied und deutsch sein Leid,
Sein Leben Kampf mit Noth und Neid;
Der Kampf ist aus! Er flieht den Ort,
Indeß sein Lied tönt ewig fort.“
     Lortzing’s Grabschrift.


Unter all den vielerlei Erscheinungen der Menschenwelt ist die des Künstlers wohl eine der wunderbarsten, Künstler zu sein ist oft ein Segen, oft ein Fluch. Des Künstlers Brust schwellt oft die höchste Seligkeit, die Sterblichen zu fassen vergönnt ist, aber sein Herz zuckt wohl auch krampfhaft unter den Wunden, die ihm die Menschen und das Schicksal schlagen. Seine Lebensaufgabe ist unbedingt die schönste unter allen Lebensaufgaben; sein Streben trägt ihn von allen Erdensöhnen der Sonne des ewigen Lichtes und der ewigen Wahrheit am nächsten. Was erst, „nachdem Jahrtausende verflossen, die alternde Vernunft erfand“, was Andere mühselig sich erringen müssen, liegt von Natur in seinem kindlichen Gemüthe, ist, ein Symbol des Schönen und des Großen, seinem Verstände im voraus offenbart. Was andere Menschenkinder nur von ferne als Schönheit ahnen, enthüllt sich seinem Geistesblick, strahlt ihm in seiner ganzen Fülle entgegen und wird bei ihm zur vollen göttlichen Wahrheit. So ist er „in edler, stolzer Männlichkeit, mit aufgeschloss’nem Sinn, mit Geistesfülle, voll mildem Ernst, in thatenreicher Stille“, wirklich … „der reichste Sohn der Zeit“.

Freilich ruht dieser Reichthum zumeist nur in seiner inneren Welt; freilich verkennt ihn ebendeshalb die äußere so oft und so viel, und schmerzliche Berührungen bleiben deshalb nicht aus. Aber, getragen von den gewaltigen Schwingen einer heiligen Begeisterung, entfleucht er dem Erdenstaube immer wieder, und selbst noch „auf seine Kerkerwand malt Phantasie mit lieblichem Betrug des Paradieses holdes Bild.“

Echtes wahres Künstlerthum, Begeisterung, volle nachhaltige Begeisterung wird freilich nur die Kraft erwecken, die zugleich bewußt den rechten Weg erfaßt! Was ist am Ende die größte Kraft und der blendendste Geist, wenn sie nur selbstgefällig sich zeigen, nur um ihre Achse sich drehen, statt frisch hinaus in das Leben zu treten und segenvoll für die Menschheit zu schaffen; oder wenn sie aus alten ausgetretenen Gleisen dahingehen, statt ihre Zeit und deren Nothschrei recht zu verstehen und der Göttin Wahrheit ewig am Munde zu hangen? Was sind sie? Prächtige Feuerwerke, die in der Luft verprasseln, für den Augenblick weithin leuchten, aber schnell dahingehen; während Sterne, wie Homer, Shakespeare, Schiller, Goethe, Raphael, Michel Angelo, Mozart und Beethoven in ewiger Schönheit am Himmel der Kunst leuchten und strahlen.

Darum eben ist „Künstlers Erdenwallen“ für den denkenden Menschen ein höchst interessanter Gegenstand der Beobachtung; darum wendet man sich immer dem Leben solcher Männer gerne zu, und zwar namentlich wenn der große Künstler auch ein edler, liebenswürdiger Mensch war, wie dies z. B. bei Mozart der Fall war.

Zahlreiche Auszüge aus seinem Leben, Lebensbeschreibungen, Erzählungen, Novellen und Romane bestätigen das Ebengesagte,

[613] wie z. B. auch das bekannte Hamman’sche Oelbild, das eine Scene aus Mozart’s Leben in Wien darstellt, und das wir hier unseren Lesern in einem gelungenen Abbilde wiedergeben. Um das Bild zu erklären, möge es uns erlaubt sein, etwas näher auf jenen Zeitabschnitt in dem Leben des großen Maestro eingehen zu dürfen.

Mozart war bereits fünf Jahre mit Constanze Weber verheirathet, und diese fünf Jahre waren – wenigstens in ehelicher Beziehung – recht glücklich gewesen. Er hatte sie mit Constanze vergnügt verlebt, und ihre gegenseitige Liebe stand in der schönsten, vollsten Blüthe. Warum sollte dies aber auch nicht sein? Fand denn nicht Mozart in seiner Constanze, was er gesucht: ein gutes, liebevolles Weib, das sich an seine Gemüthsart, an seine kleinen Eigenheiten vortrefflich anzuschmiegen, in sein ganzes Wesen vollkommen einzugehen wußte? Dadurch aber gewann Constanze auch wieder sein ganzes Zutrauen und jenen wohlthätigen Einfluß, der oft mit liebevoller Besorgniß die gewaltigen Flügelschläge des – hier und da auch abirrenden – Genies zu bewältigen wußte. Freilich gelang dies nicht immer; aber da er sie wahrhaft liebte, ihr Alles, selbst seine kleinen Sünden, anvertraute, so war Constanze meist so klug, ihren Mann für das zu nehmen, was er war, für einen außergewöhnlichen, bedeutenden Menschen, dessen Wesen, dessen Denken, Fühlen und Handeln nicht mit dem kleinlichen, nur für Alltagsmenschen passenden Maßstabe gemessen werden konnte.

Die Gartenlaube (1860) b 613.jpg

  Mozart, zum ersten Male seinen „Don Juan“ vortragend.   Aarland’s V.A.
Nach dem Originalgemälde von E. Hamman.

Und mußte sie ihm denn nicht vergeben, mußte sie nicht immer wieder gut sein, wenn er sich auch einmal von seiner durch ungeheures Arbeiten nervös gesteigerten Lebhaftigkeit und Sinnlichkeit hatte hinreißen lassen? Er war ja auf der anderen Seite wieder so unendlich gut, so aufmerksam, so liebevoll! Für gewöhnlich hatte denn auch Frau Constanze so viel richtigen Takt, so viel Geist und Lebenserfahrung, sich zu der Höhe zu erheben, auf welcher ihr Gatte sich in geistiger und künstlerischer Beziehung bewegte, sich in ihn hinein zu denken. Ihre herzliche, innige und treue Liebe lieh ihr dazu die Schwingen; aber eben diese aufrichtige Liebe sah auch, gerade weil sie innig und aufrichtig war, dem allzukecken Fluge ihres genialen Mannes oft mit großer Besorgniß nach. Nicht, als ob sie auch nur im Entferntesten gefürchtet hätte, ihr geliebter Amadeus könnte jemals wirklich ausarten, wohl aber aus Sorge für seine Gesundheit und sein Leben.

Seit er verheirathet war, arbeitete Mozart ja – womöglich – noch mehr als zuvor. Die unselige Gewohnheit, Nachts zu componiren, von welcher einst schon Cannabich in Mannheim gesagt, daß sie ihn, wenn er sie nicht aufgebe, keine vierzig Jahre alt werden lasse, hatte sich noch gesteigert. Morgens ward dann in dem Bette ausgearbeitet. War das geschehen, so ging von zehn Uhr die Jagd mit dem Stundengeben an; denn – vor allen Dingen mußte ja der Schornstein rauchen, da man Frau und bereits auch Kinder hatte. Die Runde seiner Lectionen zu machen, war aber in Wien keine Kleinigkeit und nahm oft auch noch einige Nachmittagsstunden sammt der so nöthigen Geduld und frohen Laune weg. Ach! Mozart fühlte nur zu gut und zu schmerzlich, was sein großes Genie in dieser Zeit für Mit- und Nachwelt hätte schaffen können, wenn ihn eine seiner würdige Anstellung über die Sorgen des Lebens erhoben hätte. Aber auch Kaiser Joseph, der ihn doch so sehr liebte und schätzte, ließ ihn – Dank den Intriguen seiner Feinde – unangestellt.

Und wenn er nun, durch Stundengeben, sonstige Berufsarbeiten, Akademien, Proben und dergleichen abgemüdet, bis zum Umsinken erschöpft, geärgert, gelangweilt und nervös abgespannt, nach frischem Athem, nach Erholung und Aufheiterung schmachtete, ward den erschlafften Nerven häufig nur in neuer Aufregung eine scheinbare [614] Stärkung vergönnt. Ueberreiz folgte auf allzu große Abspannung. Wein, Punsch, tolle Lustigkeit bis an den Morgen sollte das Uebel gut machen – ach! und die arme Constanze, die mit dem ruhigen, klaren Blick einer verständigen Frau dies Treiben sah, bemerkte nur zu gut, wie des geliebten Mannes Gesundheit dadurch immer angegriffener wurde, wie er dies selbst oftmals fühlte und ihn dann eine tiefe Schwermuth überwältigte, die sich bis zu den finsteren Ahnungen eines frühzeitigen Todes steigerte. Im Ganzen blieb aber der kleinen jungen Frau doch stets ein guter Muth und ein heller Blick, und mit der Zeit war sie schon froh, wenn sie es mit Scherz und Laune, oder mit Bitten und Schmeicheln dahin brachte, daß Mozart den Thee an ihrer Seite trank, sich seinen Abendbraten daheim schmecken ließ und dann nicht mehr ausging.

Wären nur zwei Dinge nicht gewesen: Mozart’s Feinde und Neider und dann die elenden Nahrungssorgen! Um letzteren bei seinen bedeutenden Bedürfnissen und Ausgaben zu entgehen – die ihm oft bei seiner Freigebigkeit und unbegrenzten, namenlosen mißbrauchten Gutherzigkeit über den Kopf wuchsen – mußte eben, wie schon erwähnt, riesenhaft gearbeitet werden. Wie viel arbeitete er außerdem, ohne einen Kreuzer dafür zu nehmen, aus bloßer Gefälligkeit für Bekannte! Wie viel mehr für seine Freunde! Wie oft verwendete er sich mit der größten Aufopferung für arme reisende Virtuosen! Wie oft componirte er für sie Concerte, von welchen er nicht einmal die Abschrift behielt, damit sie unter guten Auspicien auftreten und Unterstützung finden könnten! Wie oft theilte er mit ihnen Wohnung, Tisch und Geld! Wie zahllos ward er benutzt, ausgezogen und betrogen! Und doch verlor Mozart nie den Glauben an die Menschen. Wie ein gutes, aber unerfahrenes Kind nahm er alle Welt für so gut, als er war. Und selbst wenn er sich hintergangen und mit dem schnödesten Undanke belohnt sah, dauerte sein Unwille doch nur Minuten, dann war schon wieder Alles vergessen. Da sah es denn freilich oft unendlich traurig, ja zum Verzweifeln in seiner Casse aus, sodaß ihn z. B. einst, als er mit seiner jungen Frau eine kleine Reise machen wollte, einer seiner Schuldner am Wagen zurückhielt und nicht fortließ, bis er mit der größten Noth die dreißig Gulden aufgebracht, die er jenem schuldete. Und Andere? Andere schuldeten ihm Hunderte von Gulden und bezahlten ihn nie! Und seine Feinde?

Seit dem Jahre 1782 hatte er des Herrlichen wieder viel geschaffen. Vor allen Dingen glänzten unter den Schöpfungen dieser Zeit sechs wundervolle Quartette, die er seinem hochverehrten und lieben Freunde, seinem Muster und Vorbilde, Joseph Haydn, gewidmet. Sie waren vortrefflich, und Haydn selbst sagte zu Mozart’s Vater, der damals gerade zum Besuche in Wien war: „Ich sage Ihnen vor Gott und als ein ehrlicher Mann, daß ich Ihren Sohn für den größten Componisten anerkenne, von dem ich je gehört habe.“ Aber Mozart hatte nachgerade auch noch Anderes geschaffen, so z. B. ein Oratorium: „Davidde penitente“; ferner, auf Kaiser Joseph’s Befehl, den „Schauspiel-Director“, eine Komödie mit Gesang, die bei einem Feste in Schönbrunn zur Aufführung kommen sollte. Den ganzen Inhalt des kleinen Stückes bildet ein Streit zwischen zwei Sängerinnen, von welchen jede behauptet: sie sei die erste, die beste, die vorzüglichste. Ein ziemlich pikantes Interesse erhielt aber diese dramatische Kleinigkeit dadurch, daß Mlle. Cavaglieri und Madame Lange, Mozart’s ehemalige geliebte Aloyse – jetzt seine Schwägerin, – sich selbst unter den fingirten Namen von Herz und Silberklang darstellten. Waren sie doch damals die beiden ersten Sängerinnen Wiens, das heißt, jede war die erste in ihrem Genre und die zweite in dem ihrer Rivalin. Kaiser Joseph hatte an diesem Künstlerstreit seinen Gefallen, und so sollte denn „der Schauspiel-Director“ als Urtheilsspruch in letzter Instanz dienen. Mozart erfüllte dabei seine Pflicht als Componist mit großer Gewissenhaftigkeit, indem er keine der Parteien bevorzugte; dennoch hatte er die Freude, seine Schwägerin als Siegerin aus dem musikalischen Wettkampfe hervorgehen zu sehen.

Aber diese Kleinigkeiten traten bald gegen eine seiner Hauptschöpfungen zurück. Es war dies die herrliche Oper „Le nozze de Figaro“ – „Figaro’s Hochzeit“. – Mozart hat kaum etwas Schöneres und nichts, was schwieriger zu componiren war, geschrieben. Und doch! – „Le nozze de Figaro“ war in Wien nicht durchgedrungen, während eine andere, weit, weit schwächere Oper von Martin: „La Cosa rara“ in die Wolken erhoben wurde. Und wie war dies möglich? Nun – die Schlange hatte sich ja lange genug durch den Staub gewunden und an den Stufen des Thrones, in den Boudoirs der Sängerinnen, zu Füßen der Sänger und im Gewühle des öffentlichen Lebens gezischt und ihr Gift ausgestoßen, warum sollte sie nicht endlich den neuen Messias der Musik in die Ferse stechen?

Salieri – Mozart’s Freund – der kleine zierliche Hof-Capellmeister Salieri, den Mozart scherzweise nur Monsieur Bonbonniere nannte, da er, wo er ging und stand, Zuckerwerk aus einer Bonbonniere naschte, – dieser schön gestaltete, in musikalischer Beziehung recht tüchtige und anerkannte Mann, hatte seit langer Zeit aus Neid und aus Furcht, von Mozart – dem Schöpfer der neuen deutschen Oper – brachgelegt zu werden, im Geheimen alle Minen springen lassen, um diesen, seinen gefürchteten Rivalen, zu vernichten. Als nun Salieri erfuhr, daß Mozart durch Kaiser Joseph II. beauftragt sei, jetzt wieder eine italienische Oper über Beaumarchais’ Figaro zu schreiben, wollte er vor Neid, Angst und Mißgunst vergehen. Da kam ihm ein Zufall herrlich entgegen. Gerade um dieselbe Zeit schrieb ja auch sein Günstling, Vincenzo Martin, – einer der damals beliebtesten Componisten in der älteren italienischen Manier, – eine neue Oper unter dem Titel „La Cosa rara.“ Das war vortrefflich! „La Cosa rara“ mußte triumphiren, – denn von Martin fürchtete der schlaue Italiener nichts, – der „Figaro“ dagegen fallen. So konnte Salieri seinem lieben Freunde, Maestro Mozart, einen furchtbaren Stoß versetzen, ohne sich selbst auch nur im Entferntesten bloßzustellen. Waren doch die italienischen Sänger – durch ihr eigenes Interesse gestachelt – längst für eine solche Schlacht gewonnen; denn auch sie haßten ja Mozart, den Untergraber der italienischen Oper; während sie nicht anstanden, Vincenzo Martin zu protegiren, da er ihr gehorsamer Sclave war.

Hierzu kam aber auch noch, dem Publicum gegenüber, etwas sehr Gewichtiges: daß nämlich die Musik zur „Cosa rara“, in welcher sich das Talent eines ganz gefälligen Componisten kundgab, Jedermann sehr leicht in die Ohren fiel, indeß die Musik des „Figaro“ durch ihre Gediegenheit immer bedeutend schwerer zu verstehen war. Während daher Salieri seinem lieben Freunde Mozart ein um das andere Mal vor Entzücken über das neue Meisterwerk die Hand drückte und in Lobeserhebungen und Glückwünschen überfloß, lachte er sich an der Spitze seiner Mitverschworenen mit satanischer Schadenfreude in das Fäustchen. Mozart war ja geradezu auf die Schlachtbank geliefert, da er sein Werk einer Gesellschaft anvertrauen mußte, die ihm, vom Capellmeister und Oberdirector an bis zum letzten Sänger und Choristen, den Untergang geschworen hatte. Ohne es zu wissen, gab er sich in die Hände seiner Henker.

Sämmtliche italienische Sänger und Sängerinnen befleißigten sich denn auch in der That, bei „Figaro’s“ Aufführung so schlecht als möglich zu singen, ja selbst das Orchester hudelte seinen Theil auf solch’ abscheuliche Weise, daß Mozart – Thränen des Zornes und der Entrüstnng in den Äugen – schon nach den beiden ersten Acten in die kaiserliche Loge eilte, den Schutz seiner Majestät anzuflehen.

In der That war denn auch der Kaiser über das Vorgefallene indignirt. Es erging auf der Stelle eine scharfe Zurechtweisung an sämmtliche Mitwirkende. Aber was half es, daß nun der übrige Theil der Oper ein wenig besser ging? Der Schurkenstreich war geglückt. Das Publicum blieb kalt, – „Figaro’s Hochzeit“ – dies wundervolle Meisterwerk, das jetzt – nach mehr denn 70 Jahren – noch eine Lieblingsoper der ganzen civilisirten Welt ist, fiel und konnte sich in Wien lange Zeit von seinem Falle nicht erholen. Mozart, außer sich vor Schmerz und Unwillen, schwur, nie wieder eine Oper für Wien zu schreiben! Aber Wien ist ja nicht die Welt! Bald fand die neue Oper den Weg nach dem Musik liebenden und musikalisch gebildeten Böhmen, in dessen Hauptstadt Prag, sich damals der Impressario – der Theaterunternehmer – Bondini befand. Bondini stand an der Spitze einer ganz ausgezeichneten italienischen Operngesellschaft, deren hervorragendste Mitglieder Luigi Bassi, Capellmeister Strobach, die schöne und feurige Saporitti, der Tenor Antonio Baglioni und der famose Giuseppe Lolli waren. Auch das Orchester war unbedingt das beste, das damals bestand.

Von dieser Gesellschaft aufgeführt, und zwar vor einem so empfänglichen und musikalischen Publicum, wie das Prager, gefiel „Figaro’s Hochzeit“ ganz ungemein. Prag war außer sich vor [615] Jubel, und die Oper mußte den ganzen Winter fast ohne Unterbrechung gegeben werden. Mozart wurde nach Prag eingeladen, mit Jubel empfangen und mit ungemeiner Liebenswürdigkeit behandelt. Was ihn aber namentlich entzückte, war, daß er in den Massen ein so lebhaftes Verständniß des Schönen in der Kunst fand. Begeistert hiervon, beschloß er, durch ein glänzendes Zeugniß den Böhmen seine Erkenntlichkeit und hohe Achtung zu beweisen. „Weil die Präger mich so gut verstehen, will ich eine Oper ganz für sie schreiben!“ rief er aus. Da nahm ihn Director Bondini beim Wort und schloß einen Vertrag mit ihm, in Folge dessen Mozart versprach, zu Anfang des künftigen Winters eine neue Oper zu liefern.

Die neue Oper war „Don Juan“. Wer kennt dieses herrliche Werk nicht? Dieses Werk voll Größe und Erhabenheit! Aber Mozart schwebte auch bei seiner Schöpfung Großes und Erhabenes vor. Seine ganze Seele, sein Denken, sein Fühlen, sein Handeln waren in Musik aufgelöst. Zahlreiche große und prächtige musikalische Gedanken erfüllten seinen Geist, aber das wogte noch Alles chaotisch durcheinander, – es erdrückte ihn fast, und er fühlte, nur die Gestaltung des Werkes könne ihn erlösen. Und sein von schöpferischer Seligkeit berauschter Geist schmachtete nach dieser Erlösung, die im Werden und in der Vollendung Entzücken sein mußte. So kannte er um jene Zeit keine höhere Freude, als in dem engeren Kreise seiner Freunde und Gönner die einzelnen Piecen aus Don Juan, wie sie gerade entstanden, vorzutragen. Zu diesen Freunden zählte Mozart aber vor allen Dingen den alten würdigen Baron van Swieten, den Fürsten Lichnowsky, den Abbate da Ponte, den Grafen und die Gräfin Thun, die Fürsten und die Fürstinnen Galiizin und Esterhazy.

Einen solchen Moment nun, wo Mozart in solcher Begeisterung seine neuen Compositionen aus „Don Juan“ diesem engeren Kreise von Freunden und Gönnern vorträgt, hat der Künstler in dem beifolgenden Bilde aufgefaßt.

In dem Zimmer des Baron van Swieten, dessen Lieblingsgeige an der Wand neben dem Portrait seines Vaters hängt, sitzt Mozart an einem für jene Zeit prächtigen Instrumente. Begeisterung leuchtet aus seinen Blicken; – verloren in musikalische Gedanken, wiegt sich seine Seele auf den Schwingen des Entzückens, und, das Neugeschaffene den Ohren der gespannt Lauschenden kund gebend, strömen ihm neue schöpferische Ideen zu. Still beglückt lehnt Constanze, sein theures Weib, hinter seinem Stuhle stehend, an der Wand, während seine Schwägerin, die berühmte Sängerin Lange, ihm zur Seite sitzt und mit dem Verständniß einer Künstlerin der herrlichen Aufgabe lauscht, die ihr durch dieses neue Meisterwerk des genialen Maestro werden wird. Staunend, tief versunken, ganz Ohr, lauschen die Anderen; nur Salieri raunt – seiner Gewohnheit nach ein Stückchen Zuckerwerk aus seiner Bonbonniere nehmend – dem vor ihm sitzenden vornehmen Gönner eine boshafte Bemerkung zu. Der Italiener erbebt in seinem Inneren vor dem ungeheuren Erfolge, den diese Oper voraussichtlich haben muß.

Die Auffassung des Momentes ist schön und hochpoetisch: in den lichtesten Sphären der Kunst, seines ewigen Sieges gewiß, schwelgt wonnetrunken der Meister. Hohes Staunen, Bewunderung und Liebe zollen ihm die Besseren und Sachverständigen unter den Menschen; aber auch die Schlange des Neides ringelt sich schon und macht sich bereit, – ihrem Opfer den tödtlichen Biß zu versetzen.

Das Schicksal der Oper „Don Juan“ ist bekannt. Mozart ging nach Prag, um sie dort zu vollenden. Ihre Aufnahme war eine enthusiastische. Die Böhmen erkannten sie mit Jubel als die Oper der Opern an, und die Nachwelt hat ihr freudig diesen Rang bewahrt. Aber in Wien – wer sollte es glauben? – siegte abermals der Neid! Salieri untergrub den Boden: schlecht in Scene gesetzt, schlecht einstudirt, schlecht gespielt, schlecht gesungen und noch schlechter verstanden, wurde „Don Juan“ von Salieri’s „Axur“, auf den unendlich viel verwendet worden war, überflügelt! ……. Freilich nur für den Moment, denn wer spricht jetzt noch von „Axur“, während „Don Juan“ für alle Zeiten ein Stern erster Größe unter allen Opern-Compositionen bleiben wird. Aber dies herrliche Werk war und blieb auch der Schlüssel, mit welchem sich Mozart den Tempel des Ruhmes für ewige Zeiten erschlossen hat. Leider mußten Noth, Kampf und Neid noch gar oft in das Leben des edlen Maestro ihre dunkeln Schlagschatten werfen, so daß auch auf seinem Grabe die Worte stehen könnten: <poem>„Deutsch war sein Lied und deutsch sein Leid, Sein Leben Kampf mit Noth und Neid; Der Kampf ist aus! Er flieht den Ort, Indeß sein Lied tönt ewig fort!

H. R.


Aerztliche Strafpredigten.
Wenn die Badegäste heimwärts ziehen.

Die „Nachwirkung“! wie sehnsüchtig mögen Viele auf diese, beim Abschiede vom Herrn Badedoctor meist für den November verheißene, warten, wenn sie trotz vier- bis achtwöchentlicher Abquälerei bei so und so viel Bechern und Bädern von Mineralwasser doch vom Brunnengeiste (der in den meisten Quellen fixe Luft mit abführendem Salze ist) nicht sichtlich restaurirt worden sind! Uebrigens hätte die Nachwirkung des Bades sicherlich auch das verstockte und der Quellmacht trotzende Leiden noch verjagt, wenn der unglückselige Curgast nur nicht einen halben Tag zu zeitig eine Pflaume zu essen oder einen Schnitt Bairisches zu trinken gewagt hätte. So ist denn nun durch solch ein leichtsinniges Versehen gegen die Nachwirkung die schöne Sommerzeit und das schöne Geld vergeudet worden, und die ganze Badewirthschaft muß im nächsten Jahre wieder von vorne losgehen.

Ja! wenn alle die Badegäste, welche vom Bade keine oder gar eine schlimme Wirkung gehabt und auch auf die Nachwirkung vergeblich gehofft haben, dies ebenso ausposaunten, wie die durch’s Bad wirklich Gebesserten oder Geheilten: auf die Badecuren würden sicherlich die Aerzte, wie die kranken Laien, nicht mehr so erschrecklich viel Hoffnung setzen, als jetzt. Ich sage wohlweislich „auf die Badecuren“ und nicht auf das Bad, weil allerdings das Reisen in’s Bad den allermeisten Menschen, Kranken wie Gesunden, gute Dienste für ihr späteres Wohlbefinden thut, aber weniger in Folge des Mineralwasser-Trinkens und Badens, als vielmehr durch die veränderte Lebensweise, durch die Luft-, Nahrungs- und Beschäftigungs-Veränderung, durch passendere Bewegung und Ruhe, durch eine erquicklichere Umgebung und Unterhaltung. Darum sollte von Seiten der Herren Badeärzte mehr auf diese wichtigen diätetischen Hülfsheilmittel geachtet und die in der Regel ganz einseitige Badecur vielseitiger eingerichtet werden. Ebenso sollten aber auch die Herren Hausärzte bei der Wahl eines Bades für ihre Kranken mehr auf die Gemüthsstimmung und Neigung derselben eingehen und deshalb weit mehr auf die Gegend, die Beschaffenheit der Kost und Gesellschaft des Bades Rücksicht nehmen, als dies zur Zeit geschieht. Denn daran ist wohl nicht zu zweifeln, daß der Gemüthszustand des Kranken den größten Einfluß auf den Verlauf der Krankheit ausübt. Bei Heim- und Liebesweh, bei fortwährender Sorge um die Angehörigen und das Geschäft, bei Aerger und Mißmuth, bei Eifer- und anderer Sucht curirt sich’s schlecht, und es ist geradezu ein Verbrechen, einen schweren Kranken (zumal Brustkranken) in einem Bade fern von der Heimath und den Seinigen voll Sehnsucht im Herzen hinsiechen zu lassen. Auch halte ich’s von Seiten der Aerzte nicht für human, einen Kranken in ein Bad zu schicken, wo er in seinen Mitcurgästen fortwährend zu seinem Schrecken sein erbärmliches Ebenbild sieht und immerfort an seine Leiden erinnert wird, wie dies vorzugsweise Schwindsüchtigen passirt. Denn damit können sich die Aerzte nicht ausreden, daß nur ein ganz bestimmtes Bad für ein gewisses Leiden angezeigt sei. Man braucht nur über einen Kranken mehrere Aerzte Rath halten zu lassen, und man wird sicherlich sehr verschiedene Bäder (zumal eben erst aufgetauchte) empfehlen hören. Auch haben viele der Herren Badeärzte in ihren Schriften schon dafür gesorgt, daß man als Arzt bei der Empfehlung eines Bades keinen Fehlgriff thun kann, da ihr Brunnen in der Regel gegen alle nur erdenklichen, selbst organischen (unheilbaren) Uebel empfehlenswerth ist.

[616] Ich kann übrigens nicht umhin, einen Tadel über diejenigen Aerzte auszusprechen, die Kranke, ohne sie genau untersucht zu haben, blos auf einige auffallende Krankheitserscheinungen hin in ein Bad schicken. Ebenso trifft der Tadel aber auch die Kranken, welche sich, ohne gehörig untersucht worden zu sein, sogleich auf die Badereise machen, und noch weit mehr sind die Badeärzte tadelnswerth, wenn sie ihrer Cur nicht eine recht ordentliche Exploration ihrer Patienten vorhergehen und dieser Cur nach den Umständen nicht die passenden Modificationen zukommen lassen. Ich nehme natürlich die Fälle aus, wo ein Mann zu jubeln Ursache hat: „Hurrah! meine Frau ist im Bade!“ oder wo ein Mann zur Erheiterung und Erholung seiner Frau vom Hausarzte in’s Bad spedirt wird. – Wie oberflächlich nicht selten von Heilkünstlern untersucht wird und auf welch unrechte, weil unnütze Weise dieselben oft ihren Patienten ein Bad octroyiren, das mögen Fälle aus der heurigen Saison bezeugen, deren aber nur im Allgemeinen Erwähnung geschehen soll, ob schon jeder einzelne Fall „gegartenlaubt“ zu werden verdiente.

Am wenigsten gebessert kehrte das bleich- und nörgelsüchtige, hysterische weibliche Geschlecht aus den Bädern heimwärts (NB. ich meine nicht etwa „moralisch gebessert“), denn die örtlichen Frauenleiden, welche nur durch eine vernünftige örtliche Behandlung, und zwar gewöhnlich ziemlich schnell, gehoben werden können, wie auch die durch Ruhe, Waldluft und Milch leicht heilbaren Nerven- und sonstigen Schwächen aller Art, trotzten trotz der interessanten männlichen Bekanntschaften doch den Stahlwässern und Seebädern. Es sollen schon viele Ehemänner deshalb das Badereisen ihrer Frauen Liebsten satt bekommen haben, obschon manche heimgekehrte Frau noch lange in der Hoffnung lebte, daß die Nachwirkung der Emser Quelle den Herrn Gemahl doch noch überraschen werde.

Ganz erbärmlich ging’s auch dieses Jahr wieder den sogenannten Hämorrhoidal-Blutern, die gar keine Hämorrhoiden, wohl aber vom Arzte über- und ungesehene blutende Mastdarm-Entartungen (die stets nur einer örtlichen Behandlung weichen) besaßen. Sie verloren in Laxirbädern durch die erzwungenen, durchfälligen Stühle bei fortdauernden Blutungen dergestalt Saft und Kraft, daß sie sich zu Hause lange Zeit tüchtig werden nähren müssen, um nächstes Jahr wieder, und zwar ebenso vergeblich, ein Bad besuchen zu können.

Die mit Geschwülsten irgendwo, die schimpften am meisten auf die Bäder, mochten diese nun purgirende oder jodhaltige sein. Und warum? Weil sie, zuvörderst schon im Ganzen heruntergekommen, auch noch ihre Geschwulst, nicht aber ihren guten Appetit und ihre Groschens wieder mit nach Hause brachten. – Was für Geschwülste aber auch die Bäder wegschaffen sollen! Durch Unterrocksbänder abgeschnürte, sonst aber ganz gesunde Leberstücken (in der rechten Bauchseite), bewegliche und verschiebbare gesunde Nieren und Milz (die zeitweilig drückend an Stellen im Bauche lagerten, wo sie nicht hin gehören), Hülsenwurm- und Eierstocksblasen, alte Krebse und verknöcherte Fasergeschwülste, alle sind den Brunnengeistern verfallen, aber alle weichen und wanken vor denselben nicht.

Hustende Brustkranke sah man weit blässer und magerer, manche auch noch mit neuhinzugetretenem Bluthusten und erschöpfendem Durchfalle heimkehren, sobald sie in Bädern Heilung suchten, wo die Brustkranken, denen nur Ruhe in jeder Beziehung, Wärme und Milch gut thut, früh aus dem Bette heraus, in der kühlen Morgenluft kaltes Salzwasser oder Molken trinken und anstrengende Promenaden machen mußten.

Doch genug von den mißrathenen Badecuren, es gibt auch sehr viele geglückte, wie ich z. B. an meinem dicken, gern gut und viel essenden Freunde sehe, dessen Unaussprechliche für ihn um wenigstens 1 Elle zu weit geworden sind, und der in seinem Leibrocke wie im Schlafrocke herumschlottert. Und das hat Karlsbad gethan. – Auch finde ich die Gesichter und das Benehmen mancher Angestellten viel freundlicher und liebenswürdiger, nachdem sie Sessel und Acten auf einige Wochen verlassen und sich recht ordentlich ausrakoczyt haben. – Ebenso sehe ich verschiedene alte Ausschläge und Rheuma’s, die zur Freude ihrer Inhaber nicht mehr da sind. – Kurz, die Bäder sind in vielen Fällen recht gut und wären noch viel besser, wenn Aerzte und Laien bei weniger fanatischem Enthusiasmus für das Mineralwasser derselben dem richtigen diätetischen Verhalten in und nach dem Bade mehr huldigten.

Was nun schließlich die Nachcur oder „Nachwirkung“ des Bades betrifft, so muß man nicht etwa glauben, daß der genossene Brunnen noch eine bestimmte Zahl von Tagen oder Wochen im Körper des heimgekehrten Badegastes herumwirthschaftet, wenn dieser nämlich die vorgeschriebene Brunnendiät noch forthält, sondern es handelt sich hierbei darum, daß die Schädlichkeiten, welche die Veranlassung zur Entstehung oder Verschlimmerung der Krankheit gaben, fort und fort, soweit es nur immer die Verhältnisse gestatten, vermieden werden. Leider sind die meisten Badereisenden der irrigen Meinung, daß ihr Körper durch das Bad von allen alten Sünden, die sie gegen die Natur begangen, so vollständig gereinigt werde, daß nun das Sündigen von Neuem angehen könne. Nicht selten ist übrigens die Nachwirkung insofern scheinbar eine recht gute, als die Badecur den Patienten so erbärmlich zurichtete (was wohl auch für eine heilsame Verschlimmerung erklärt wird), daß er nach Aufgeben derselben sich natürlich wohler als im Bade fühlt, wenn er zu Hause in seine alte Verfassung zurückkehrt.

Kommt z. B. der Hustekranke mit weniger Brustschmerz, Athembeschwerde und Husten, kräftiger und besser aussehend, aus Salzbrunn, Soden oder Ems nach Hause, so setzt er sich wieder stundenlang zu politisirenden Freunden in den Tabaksrauch und erhitzt sich bei Bairischem über Oesterreichisches. Oder er besucht wieder in brustbeengender Toilette Gesellschaften, Bälle, Concerte etc., ohne die erhitzte Haut und Lunge gehörig vor (zumal plötzlichem) Kaltwerden zu schützen. – Haben sich nervöse Dämchen bei Stahlwässern und Milch etwas gekräftigt, so fangen sie nach ihrer Heimkehr auch schleunigst ihre früheren Gefühls-, Männer- und Dienstbotenquälereien bei erregender und erschlaffender Kost wieder an, und leiden nächstens an frischen Vapeurs. – Wer sich in Laxirbädern die Unterleibsstockungen, die Hämorrhoidalbeschwerden und das überflüssige Fett glücklich wegpurgirte, der verfolgt zu Hause inner- und außerhalb seines Hauses nach allen Richtungen hin seine früheren obstructiven Tendenzen und ist in Bälde wiederum ein verfetteter Unterleibsverstockter. – Der durch trockene warme Luft und heiße Bäder Entrheumatisirte kehrt in sein altes feucht-kaltes Local zurück und wundert sich, wenn das Rheuma wiederkehrt. – Kurz, die badesüchtige Mensch- und Arztheit aberglaubt, daß ein Bad auf die Länge und bei den ärgsten Verstößen gegen die Gesundheitsgesetze schlagfluß-, Wasser- und schwindsucht-, überhaupt krankheitfeste machen könne, während doch nur das richtige diätetische Verhalten nach der Badecur, – die, wenn sie eine zweckmäßige war, allerdings in vielen Fällen einen bessern Ernährungsproceß (Stoffwechsel) im kranken Körper eingeleitet hatte, – eine dauerndere Gesundheit schaffen kann. Und vor Allem:

Denkt man sein Alter hoch zu bringen,
So halt’ man Maß in allen Dingen.

Bock.


Erinnerungen eines schleswig-holsteinischen Freiwilligen.
1. Die Schlacht bei Idstedt.

Das große Gewitter von 1848 ging zu Ende, nachdem es zwei Jahre lang getobt. In Frankreich sann der Präsident der Republik, Louis Napoleon, bereits auf den „gesellschaftsrettenden“ Staatsstreich, in Italien war Friedhofsfrieden – Sardinien geschlagen, Neapel niedergeworfen, Sicilien bourbonisirt, Rom von Franzosen besetzt. Ungarn fühlte seine Besieger: Haynau, ohne Ahnung seines nahen Sturzes, hielt seine Blutgerichte. Auch in Deutschland ging’s zu Ende – die preußische Union war das letzte Nebelbild, das bald zerrinnen sollte; denn schon sprach Oesterreich wieder sein Wort, der Bundestag spukte wieder herum – und ein Manteuffel regierte in Preußen, in Kurhessen der Hassenpflug. Ueberall Gräber einst so stolzer Hoffnungen! Ueberall statt des Jubelgesangs der Freiheit dumpfes Hinbrüten, Thränen trauernder Familien, Seufzer in den vollgepfropften Kerkern!

[617] Es war noch nicht Alles! Das Einzige, woran die ganze deutsche Nation, im Norden, wie im Süden, wie an einer letzten Hoffnung hing, wie an dem letzten Anker der Ehre, wurde auch noch preisgegeben. Am 2. Juli 1850 schloß Preußen mit Dänemark Frieden, Schleswig-Holstein wurde sich selbst überlassen. Das war das Ende des großen Reichskrieges Deutschlands gegen dänischen Uebermuth, daß es nach Schlachten und nach Siegen, nach Opfern aller Art, elendiglich seine Soldaten zurückrief, ohne dem Recht zu Recht verholfen zu haben – mit den Siegesfahnen von Schleswig und Düppel floh es vor russischem Schnauzbartdrohen und englischem Geknurr, und eine Million deutscher Soldaten, Gewehr beim Fuß, sah dem Henkerspiel in Schleswig-Holstein zu, damit die Schande Deutschlands voll werde.

Ein Schrei des Unwillens und der Klage ging durch ganz Deutschland, als man von diesem Verrath der deutschen Ehre hörte. Das Volk fühlte, daß die Sache Schleswig-Holsteins seine eigene war. Deshalb auch diese Freude, als die provisorische Regierung von Schleswig-Holstein erklärte, sie werde den Freiheitskampf gegen Dänemark allein und mit eigenen Kräften fortführen; stand sie doch, die Regierung eines kleinen Landes, jetzt allein da als Wächter deutscher Ehre, für welche die gottesgnädiglichen „Paladine“ keine Hand mehr rühren wollten.[1] Deshalb diese Begeisterung weit und breit, der Sache da oben am nordischen Meer zu helfen, so viel man konnte, durch Wirken, durch Geld- und Effectensendungen, endlich mit der schwachen Kraft des eigenen Armes. Die ganze deutsche Nation stand mit ihren Wünschen und Sympathien hinter dem kleinen schleswig-holsteinischen Heer, hoffend daß das Glück es zum Siege führe.

Mitte Juli reiste ich nach den Herzogthümern. Auf der Eisenbahn hörte man nur über Schleswig-Holstein reden, und verschiedene Gerüchte über bereits errungene Siege der schleswig-holsteinischen Armee sprachen für die Empfindungen und die Erregung des Volks. Altona, die Schwester des nordischen Venedig, war wie ausgestorben; nur am Bahnhofe herrschte ein reges Leben. Jung und Alt drängte sich dort zusammen, um den von Rendsburg kommenden Zug zu erwarten, der Nachrichten von der Armee bringen mußte – hatte doch wohl Jeder einen lieben Verwandten, einen Freund, wenn nicht den Gatten oder den Sohn im Felde! Tags zuvor war von der Tann aus Baiern gekommen, um in die Armee einzutreten. Er war mit Jubel empfangen worden, und Alle versicherten, die Zuversicht der Armee und des ganzen Landes sei auf’s Höchste gestiegen, nun sie Tann bei sich wüßten. Ueber Willisen, der den Oberbefehl führte, brach kein rechtes Urtheil durch; über Bonin, welcher der eigentliche Schöpfer der schleswig-holsteinischen Armee war und ihr das vortreffliche Instructionsbuch verfaßt hatte, sprach man mit großer Anerkennung und bedauerte, daß der preußisch-dänische Friedensvertrag ihn nöthigte, jeder activen Mitwirkung während des bevorstehenden Krieges zu entsagen. In der Armee selbst fand ich später noch eine viel innigere Anhänglichkeit an den braven General.

In Kiel wimmelte es von Rekruten. Die Erbitterung gegen die Dänen, die ein paar Tage zuvor und im Angesicht einer russischen Flotte von acht Schiffen, die noch in Sicht war, die vor dem Hafen liegende Insel Fehmarn besetzt hatten, war außerordentlich, eine stille Wuth hatte sich aller Gemüther bemächtigt. Es that Einem wohl, dies und dann der Anblick der deutschen Fahnen und Farben, denen man überall begegnete. Stand doch diese Fahne, auf welche der reactionaire Wahnsinn bereits den Fluch geschleudert, jetzt nirgends an einem würdigeren Platze, als hier am Meeresstrand von Holstein.

Meine Absicht war, hier in Kiel meinen Eintritt in die Armee zu bewerkstelligen, und ich besaß dazu wirksame Empfehlungen. Man war damals gegen Freiwillige noch viel strenger, als nach der Idstedter Schlacht; ohne ordnungsmäßige Legitimation wurde Niemand, und dann nur Officiere und Unterofficiere angenommen.

Nichtgediente Leute von außerhalb fanden keine oder nur ausnahmsweise Berücksichtigung. Dank meinen Empfehlungen und der Vermittlung des Generallieutenants Baudissin, der eine der vier Brigaden commandirte, gestattete man mir den Eintritt in’s Heer und ließ mich auch, meinem Wunsche gemäß, in’s Cantonnement des achten Bataillons abreisen. Bei diesem stand ein Freund unserer Familie, der Premier-Lieutenant St. Paul; das achte Bataillon lag in der Gegend von Wedenspang bei Schleswig auf dem rechten Flügel der Armee im Felde. Denn bereits erwartete man in allernächster Zeit eine entscheidende Schlacht, und die Positionen waren bezogen. Das Hauptquartier war in Gottorf, unsere Vorposten streiften bereits bis Süderbrarup und Kleinboren, nur noch drei Viertelstunden von der langsam seit vierzehn Tagen sich nach Schleswig vorschiebenden dänischen Kette entfernt.

Der Weg von Kiel nach Schleswig über Eckernförde, den ich nehmen mußte, da Rendsburg vollständig gesperrt war, ist einer der schönsten im ganzen Lande, dessen wundervolle Reize und nordische Romantik ich noch näher kennen lernte, als unser Bataillon später hier vornehmlich cantonnirte. In Eckernförde lag die Gefion ganz aufgetakelt und bemannt. Am Horizonte sah man die blockirenden Fregatten. In der Stadt selbst lag noch preußisches Militär, das letzte wohl ziemlich, da die bisher in Schleswig gestandene preußische Armee nach dem Frieden das Land räumte. Einige Bataillone blieben in der Gegend von Friedrichstadt längere Zeit liegen – sie hörten noch den Kanonendonner von Idstedt!

In Schleswig war die äußerste Aufregung, denn man erwartete täglich die Schlacht. Noch war eigentlich kein Schuß auf der Linie gefallen, aber da Nachrichten gekommen waren, daß die Dänen bis Sieverstedt und dem Poppholz vorgerückt, so sah man auf jeden Fall binnen wenigen Stunden ihrem Angriff entgegen. In der That begannen auch vom andern Morgen an die mehr oder minder bedeutenden Vorpostengefechte, welche die Schlacht bei Idstedt einleiten sollten. Auch kam am nächsten Tage schon eine Proclamation Willisen’s aus dem Hauptquartier Falkenberg, welche zu dem erwarteten Kampfe „für deutsche Ehre und Schleswig-Holsteins altes gutes Recht“ anfeuerte.

In all dem Wirrwar, Tumult und allgemeinen Zustand höchster Aufregung und Spannung ward es mir schwer, über die momentane Stellung des achten Bataillons, dem ich zugewiesen war, Auskunft zu erhalten. Glücklicher Weise fand sich in Schleswig zufällig der Marketenderwagen des Bataillons ein, und mit diesem gelangte ich demnächst in’s Lager in der Gegend von Fährenstedt. Noch am selben Abend suchte und fand ich St. Paul, der mich auf’s Herzlichste empfing und alles Nöthige veranlaßte, daß ich seiner Compagnie zugetheilt wurde. Bereits am andern Morgen um fünf Uhr gab mir ein liebenswürdiger Unterofficier Unterricht im Gebrauch der Waffe, in den Griffen, Commandos, Märschen und sonstigen absoluten Erfordernissen. St. Paul und der Hauptmann wohnten am nächsten Tage diesen Exercitien bei und sie zeigten sich ganz befriedigt, sodaß der Eintritt in Reih’ und Glied bei den zu erwartenden Actionen mir gestattet wurde. Ich muß auch gestehen, daß ich niemals in bedeutendere Verlegenheiten gekommen [618] bin und jeder halbwegs einsichtige Mensch für den Felddienst ausnahmsweise wohl in ein paar Tagen fleißigen Beobachtens und Uebens verwendbar sein kann. Schon vier Wochen später habe ich selbst in den Büdelsdorfer Schanzen beim Ersatzbataillon die Freiwilligen und Rekruten unterrichtet und verstand auch, ihnen Alles klar und vorschriftsmäßig vorzumachen. Es ist dabei allerdings zu beachten, daß die schleswig-holsteinische Armee eine der bestgeschulten und innerlich ausgebildeten, tüchtigsten war, sodaß man schnell von selbst in ihre disciplinirte Ordnung sich einfügte.

Mährend Baudissin und von der Tann, letzterer als Generalquartiermeister, auf dem linken Flügel commandirten, der längs der Treene und deren zahlreichen Seeen stand, und Willisen selbst das bei Idstedt aufgestellte Centrum, war auf dem rechten Flügel, der sich vom Langensee bis auf die Flensburgcr Chaussee zog, der Generallieutnant von der Horst, einer der vorzüglichsten Officiere und ein paar Monate später an Willisen’s Stelle Oberbefehlshaber der schleswig-holsteinischen Armee. Das Terrain dieser ganzen Gegend ist außerordentlich coupirt, theils durch Seeen, theils durch Wassergräben, welche, ebenso wie die „Knicks“, die Dornbüsche oder Schlehdornhecken, gemeinhin die Wiesen und Weiden in Schleswig wie in Holstein umgrenzen. Bei der ungeheuren Hitze jener Tage waren die Moore, welche auch hier existirten, ziemlich ausgetrocknet, und um sie doch in etwas günstig für uns zu machen, waren sie an manchen Stellen durch Abstauung bewässert und schwer zugänglich gemacht worden.

Am 24. Juli früh Morgens vernahmen wir vom linken Flügel anhaltendes Gewehrfeuer. Es ward abgekocht und alsdann zum Marsch fertig gemacht. Unser Gepäck war gescheidter Weise auf Bagagewagen; die Mannschaften hatten nur ihren Mantel gerollt über die Schultern, die Patrontasche mit dreißig Patronen vor dem Leib, den Brodbeutel mit anderen dreißig Patronen und etwas Imbiß an der Seite neben dem Säbel. In brennender Sonnenhitze standen wir so auf der Wiese vor dem Dorfe bis gegen elf Uhr. Seit drei Stunden vernahm man bald weiter, bald näher Kleingewehrfeuer, fernab auch zuweilen Kanonendonner. Plötzlich näherte sich das Feuern, ein starker Kanonendonner tönte nun auch auf unserer Seite – wir warteten nur auf den Befehl, um uns in Marsch zu setzen. Athemlos und gespannt waren Alle, ein Jeder hing mehr oder minder den Gedanken über die nächste Stunde nach, nur St. Paul riß hin und wieder einen seiner grotesken Witze, der aber mehr gezwungen als natürlich belacht wurde. Es war jene feierliche Andacht, welche stets sich über die Truppen lagert, wenn sie den Moment des Kampfes erwarten. Was mich selbst betrifft, der ich zum ersten Mal in solcher Lage war, so fühlte ich mein Herz mächtig gegen die Brust schlagen, den ganzen Organismus und das Nervensystem auf’s Höchste erregt. Unverwandt blickten die Augen nach der Gegend, wo sich, etwa eine halbe Stunde entfernt, unsere Brüder schlugen, und nach dem sich mehrenden Feuer zu urtheilen, erbittert und in voller Entfaltung. Unser Major und die Hauptleute hielten zu Pferde auf der Chaussee, um schon von weitem zu sehen, wer von den Vorposten komme.

Endlich sprengten sie heran – die bereits geladene Waffe ward über die Schulter gelegt, das Herz schlug verdoppelt, der Athem ging kurz – dann vorwärts marsch! Und nun war’s aus, nun wallte das Blut wieder ruhiger, denn die Spannung war der Gewißheit gewichen.

Bald sahen wir einen Theil des Schlachtfeldes. Mit dem blendenden Sonnenglanz vermischt, wallte der weiße Pulverrauch vor uns in langer Linie, bald aufsteigend zum wolkenlosen Himmel, bald sich lang hinstreckend bis an ein Gehölz oder einen Hügel. Zwischendurch blitzten die Waffen, die spitzen preußischen Pickelhauben, deren Beschlag schwarz lackirt war, um dem Gegner nicht zum Ziele seiner Schüsse zu dienen, zeichneten sich deutlich über der dunklen Masse der Truppen ab, welche in regelloser Tirailleurkette vorrückten. Es tönten die Signale herüber – Adjutanten sprengten hinter der Kette und vor uns vorbei zu anderen Bataillonen, die wir als dunkle Massen seitwärts aufgestellt und bereits „schwärmen“ sahen. Wohl ein Dutzend Wagen fuhren unweit von uns vorüber; sie trugen Verwundete, die man oft deutlich hinter der Linie von den Bahrenträgern aufheben und nach einem tiefer gelegenen Grunde transportiren sah, wo der Verbandplatz war und die Wagen hielten, bis sie ihre schmerzliche Ladung in die Lazarethe abführten.

Als Soutien folgten wir in bestimmter Entfernung, ebenso wie die seitwärts von uns postirten Bataillone der Tirailleurlinie, die fortwährend in langsamem Vorrücken begriffen war. Der Feind hatte es unstreitig auf keine ernsthafte Unternehmung abgesehen und zog sich sichtlich auf der ganzen Linie mehr und mehr zurück. Die Hoffnung, daß wir bald in die Kette vorrücken und vielleicht an der energischen Verfolgung mit Theil nehmen würden, zeigte sich bald genug als vorschnell. Die Signale der ganzen Linie bliesen zum Rückzug, und wie sehr man es auch anfangs bezweifelte und mißmuthig begrüßte, es dauerte nicht lange, so machten wir Kehrt und marschirten stracks zurück, hinter uns die Tirailleurlinie, welche im Rückzüge noch feuerte, mehr und mehr jedoch darin nachließ. Das Gefecht war zu Ende. Der Kanonendonner hatte schon lange aufgehört, die Schüsse vereinzelten immer mehr, und zuletzt war die ganze Linie still – kaum, daß man in weiter Ferne noch den „Hannemann“, wie der Däne genannt wurde, sah. Die einzelnen Bataillone sammelten sich wieder und rückten nach den Replies ab, um nach der sauren Arbeit des Tages ihre Mahlzeit zu halten und auszuruhen bis zum andern Morgen. Denn daß am andern Tage die entscheidende Schlacht geschlagen werde, daran zweifelte wohl Keiner mehr in unserer Armee.

Wir bezogen die Feldwache, und ich kam zum ersten Mal auf Vorposten, die doppelt gestellt wurden, meist längs der Knicks entlang, die sich durch die Ebene zogen. Es war etwa acht Uhr Abends und die Sonne im Niedergehen, das Feld war leer und öde, die sanften Hügel störten den freien Blick. Was war natürlicher, als den ersten Eindruck, den ich vom eisernen Würfelspiel erhalten hatte, mir klar zu machen? Es mochte wohl Mancher todt noch auf dem Felde vor mir liegen, wenn nicht, so doch sein Herzblut, das er für die deutsche Sache vergossen. Die Sonne trocknete es auf, und morgen wird es verschwunden sein – das Gras wird wieder schwellen, wo ein braver Soldat zusammengebrochen! Und wie glücklich, gleich todt zu kein, statt ein Krüppel zu bleiben! Ich hatte gehört, daß viele der Verwundungen im Gesicht waren, da die Dänen oft ihren Mann auf’s Korn nehmen. Manchem war die Kinnlade zerschmettert – ich schauderte, wenn ich daran dachte, daß ein so gräßliches Geschick auch mich treffen könnte. O wie viel schöner der Tod! Was liegt überhaupt am Leben, wenn man jung ist und auf der ganzen weiten Welt Niemanden hat, dem der Tod Schaden brächte? Ist’s nicht ein beneidenswerthes Loos, das volle, frische Leben für eine gute Sache verloren zu haben? – welch eine schöne Sühne liegt darin! Heute roth, morgen todt – wer weiß, ob der nicht glücklicher war, den heute schon das tödtliche Blei getroffen? Er starb voller Hoffnung für seine Sache, und das war am Ende morgen nicht mehr der Fall.


[619] So ging die Schwermuth durch die Seele, und der Camerad auf Vorposten, ein hoher prächtiger Dithmarsche mit wundervollem Goldbart und blauen Augen, theilte sie. Wir blickten Beide auf den Abendhimmel, und Einer machte gleichzeitig den Andern auf dessen seltsame Erscheinung aufmerksam. Im Westen bis hoch hinauf zum Zenirh zogen sich blutrothe Wolkenstreifen, wie ich sie nie wieder gesehen, vielleicht, weil ich nie wieder von so mächtigen Empfindungen solcher Art durchrauscht wurde. Aber bei alledem war es eine eigenthümlich rothe Färbung der Gewölke, deren Blut immer dunkler wurde, jemehr die Abendsonne in ihrem goldenen Wagen den Horizont verließ. Endlich war die Sonne verschwunden, das lichte Gold im Westen verschwand hinter weißem, gesäumten Gewölk – die blutrothen Dünste waren wie durch Zauber mit einem Male in graue Massen verwandelt.

Es kam die Nacht. Ich saß auf der Feldwache und mit an dem Tische, neben dem ein mächtiger Kessel mit warmer Milch stand, welche uns vom nahegelegenen Herrenhause, zu dessen Gebäuden die Feldwache gehörte, geschickt worden war. Wir rauchten und plauderten. Ein Schleswiger hatte vom Ausfall bei Friedericia erzählt, wobei das achte Bataillon ungemein viel Leute verloren; St. Paul, der die Wache hatte, suchte durch Schnurren zu erheitern. Es war drei Uhr, und an mich kam wieder die Wacht. Bereits traten wir an, um die Vorposten abzulösen.

Plötzlich tönten durch die stille Nacht Schüsse, immer mehr und mehr, bis in Zeit von einigen Minuten ein vollständiges Feuern herrschte. Die ganze Kette war mit den attakirenden „Hannemännern“ in Gefecht gerathen. Sogleich ließ St. Paul das Feuerzeichen geben, die ganze Feldwache trat in’s Gewehr und rückte nach der Linie. Schon graute der Tag etwas, aber es regnete fein und Nebel lag auf den Wiesen. Die Schüsse hatten sich wieder vereinzelt, nur seitwärts, vielleicht eine halbe Stunde entfernt, war ein starkes Feuern zu vernehmen. Gleichwohl rückten wir in die Vorpostenkette, die als Tirailleurlinie vorsichtig vorwärts ging bis zum nächsten Knick. Bald rückten auch die Soutieus heran, und die Linie war in Ordnung. Von der Horst selbst mit seinem Stabe sprengte an der Kette hinunter, die augenblicklich unthätig war. Sobald es jedoch Tag war, gegen vier Uhr, setzte sich Alles in Bewegung; die vor uns stehenden Dänen eröffneten, als wir ihnen nahe genug waren, ein lebhaftes Tirailleurfeuer, welches von unserer Seite nicht minder nachdrücklich erwidert wurde. So war ich mit einem Male mitten im Kampf und ich empfand gar nichts dabei, lud mein Gewehr und feuerte, barg mich, wenn es ging, hinter einem Busch, einem Hügel oder was sich sonst vorfand. Ich sah unweit neben mir Cameraden verwundet oder todt zusammenbrechen, oft so schnell, als wenn sie der Schlag gerührt – nachdem ich es einige Male gesehen, sah ich es nicht mehr, und so geht es wohl fast jedem Soldaten – er denkt mitten im Feuer nur an sein Gewehr, nicht einmal an sich selbst, solange der Kampf keine Wandelung erfährt.

Das Gefecht hatte keine Viertelstunde gedauert, als es wieder erlahmte. Das Signal rief uns zurück, der Feind gegenüber, der im Nebel überdies kaum zu sehen gewesen, verschwand und stellte sein Feuern ein. Wir sammelten uns in Colonnen und warteten auf neuen Befehl. Links von uns, im Centrum, vernahm man eine mächtige Kanonade, auch am rechten Ende unsers Flügels währte ein sich steigernder Kampf fort. Als die Sonne auf einige Minuten auf das Feld strich, sahen wir uns zu unserem Erstaunen hinter einer Tirailleurlinie, welche von anderen Bataillonen gebildet worden war, und die langsam nach dem Centrum hinabstieg, ohne zu schießen. Auch wir folgten ihr endlich nach, mit uns wohl noch fünf bis sechs Bataillone, die sämmtlich in Colonne marschirten.

Die ursprünglich gebildete Linie war, das konnte man deutlich sehen, bereits eine schräge Phalanx geworden, deren rechter Flügel weit voraus bis zu einem von Buchenwald umgebenen Edelhof reichte. Dort schien auch ein ungemein heftiger Kampf zu sein, und heftiger Kanonendonner grollte herüber. Plötzlich bliesen die Signale zum Sammeln. Die Tirailleure vor uns stellten sich in Bataillonscolonnen auf – wir selbst hatten Halt gemacht. So standen mit einem Male auf dem zu übersehenden Felde an acht Bataillone echelonartig postirt; die kleinen, weißen, nur mit der römischen Zahl des betreffenden Bataillons gezierten Fähnlein flatterten im Morgenwinde. Die ganze Masse setzte sich alsdann in Bewegung, in zwei Abtheilungen nach einem vor uns liegenden Dorfe zu, welches, denke ich, Becklund hieß. Artilleriefeuer begrüßte uns; die vorderen Bataillone stürmten das Dorf – man hörte ganz deutlich den Schlag der Trommeln herüber. Artillerie jagte seitwärts an uns vorüber, dem Gefechte zu – und bald hörten wir auch ihr Feuern, erwidert von dem der Dänen. Auf der schmalen Fläche, die wir übersehen konnten, begann es sich mehr und mehr zu beleben – Ordonnanzen flogen dahin, der Stab sprengte gen Becklund, Wagen mit Verwundeten rollten vorüber. Endlich hörte das Artilleriefeuer auf, das Kleingewehrfeuer tönte schwächer herüber – die Dänen mußten geschlagen sein. Und so war es in der That; ein herbeisprengender Adjutant rief es uns mit freudestrahlendem Angesicht zu, indem er seinen Säbel lustig schwang. Ein wundervoll seliges Gefühl zog in eines Jeden Brust; blickte man in die Augen des Andern, so spiegelte sich der Blick im thränenfeuchten Freudenausdruck – es wogte ein Murmeln durch die Reihen, anschwellend bis zum Hurrah. „Vorwärts marsch!“ tönte das Commando. Wie lustig ging’s jetzt! Wie ganz anders marschirte sich’s, um vielleicht noch Theil zu nehmen an dem Siege, den unsere Brüder errungen! Den Verwundeten auf den uns begegnenden Wagen riefen wir Worte des Trostes und der Ermunterung zu – sie antworteten uns oft mit Hurrah und die Mütze über dem Kopfe schwenkend.

Abermals tönte jetzt das Signal zum Rückzug. Mißmuthig, betroffen, erstaunt sahen wir uns an, unsere Officiere stutzten. Was sollte das bedeuten? – retiriren mitten im Verfolgen des geschlagenen Feindes? Aber es war in Wirklichkeit so; wir sahen vor uns die im Kampf gewesenen Bataillone als Tirailleurkette langsam zurückgehen. Dieser Befehl mußte vom Oberfeldherru selbst ausgegangen und durch Vorfälle im Centrum hervorgerufen worden sein. Und so war es in der That. Während wir auf dem rechten Flügel den Feind vollständig geschlagen hatten, war der Kampf im Centrum minder glücklich gewesen, und dadurch wurde unser Sieg paralysirt. Bald zeigte sich auch, daß die Schlacht in ein anderes Stadium getreten war. Die am weitesten rechts postirten Bataillone gingen in schräger Linie nach uns hin zurück; wir selbst nebst dem siebenten Bataillon erhielten Ordre, nach Idstedt aufzubrechen.

Es mochte gegen zehn Uhr sein; die Sonne brannte glühend herab, der Staub hatte die Augen entzündet. Vertrauensvoll rückten wir ab, die Musik ließ den frischen Bataillonsmarsch ertönen, die kleine Fahne flatterte lustig voran. Wir vernahmen immer deutlicher ein furchtbares Artilleriefeuer. Nach einer Stunde etwa standen wir hinter den Schanzen bei Idstedt neben mehreren Bataillonen, welche kurz zuvor durch einen Machtangriff der Dänen aus Idstedt bis hierher zurückgedrängt worden waren. Sie begrüßten


[620]
Die Gartenlaube (1860) b 620.jpg

Castello dell’ Uovo.   Königliches Residenzschloß.       Castello nuovo.   Fort St. Elmo.
Neapel von der Seeseite.

[621] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [622] uns mit lauter Freude, als wären sie überzeugt, nun stark genug gegen die Danske zu sein.

Wir hatten uns kaum etwas von dem anstrengenden Marsch erholt, als zum Angriff formirt wurde. Unter Trommelmarsch rückten wir aus zum Sturm, neben uns noch acht bis zehn andere Bataillone. Hier spielte sich augenscheinlich das Stück im Großen, die Dimensionen des Angriffs ließen auf die des Kampfes schließen. Idstedt, seitwärts von uns, brannte bereits, die rothen, fluthenden Flammen, umhüllt von grauem Rauch, sah man deutlich durch den Sonnenglanz hindurchleuchten. Der Feind stand vor uns vollständig gerüstet; seine Artillerie schmetterte bereits in die Glieder der Bataillone – rechts und links, hüben und drüben sah man die Brüder stürzen. Aber es brauste ein Hurrah durch die Bataillone; die Trommeln schlugen den Sturmschritt, das Bajonnet wurde gefällt, die zweiten Glieder schickten furchtbare Salven in die dänischen Reihen – marsch, marsch! und nun drauf und ein mächtig brausendes, siegeskräftiges Hurrah! die Dänen zogen sich in Hast und fast aufgelöst zurück bis in ein Gehölz hinter Idstedt. Idstedt war unser, es hatte einen blutigen, aber kurzen Kampf gekostet. Seitwärts von uns hatte der treffliche Christiansen mit einer Shrapnellbatterie gestanden und mit den wohlgezielten Schüssen furchtbare Verheerungen in den dänischen Colonnen angerichtet.

Eine unbeschreiblich selige Viertelstunde folgte. Wir waren durch den Massenangriff von einzelnen Bataillonen durcheinander geworfen worden – Alles jubelte, Alles küßte sich die schwarzen, schweißigen Gesichter. Die Christiansen’sche Artillerie donnerte noch immer ihr Jubellied dazu; durch die Straßen des brennenden Dorfes Idstedt tönten die Signale zum Sammeln. Aber wo sammeln? Es wäre Unmöglichkeit gewesen, die einzelnen durcheinander geworfenen Bataillone hier wieder zu formiren. So gut es ging, rotteten die Officiere zusammen, was sich vom gleichen Bataillon vorfand, auch that ein Jeder das Seinige dazu, ohne daß jedoch irgend ein Resultat sich ergeben hätte. Nicht eine Compagnie der vielen in einander gelaufenen Bataillone kam zusammen. Nun hieß es: „Vorwärts! die Dänen attakiren!“ Schnell formirten sich willkürlich Colonnen vor dem Dorfe, wo man die Dänen bereits in dichter Tirailleurlinie anrücken sah. Zhre mitgeführte Artillerie warf wohlgezielte Granaten in unsere Massen, ihre Jäger überschütteten uns mit einem Hagel von Kugeln. Angesichts dieser furchtbaren Attake war Alles bei uns in mögliche Ordnung gekommen. Rotten- und Gliederfeuer riß die dänische Kette entzwei, die Shrapnellbatterie warf ihre vernichtenden Geschosse mit ungewöhnlicher Präcision in die dänischen Soutiens. Bei alledem rückten wir vor, unmerklich bis weit weg von Idstedt nach Langsee. Alle Erschöpfung durch die Märsche, durch die Strapazen Tags vorher und einen nun schon acht Stunden währenden Kampf war vorüber – ein Jeder fühlte, daß es sich jetzt um die Entscheidung des Tages handelte. Wir hatten neue Munition schon vorher gefaßt – wir konnten noch manchen Schuß aus dem heißen Rohre thun.

Die gewaltigen Angriffe der Dänen nöthigten uns indessen, zurückzugehen und in den Schanzen Posto zu fassen. Vor uns entwickelten sich immer neue Massen, die trotz des Artilleriefeuers von Christiansen, der im Idstedter Walde postirt war, zum Sturm auf die Schanzen in Colonne vorrückten. Eine namenlose Erbitterung herrschte in unsern Gliedern und es ward mit einer Wuth gefeuert, die unmöglich dem verständlich sein kann, der nie in einer ähnlichen Lage gewesen. St. Paul, der schon beim Sturm mit dem Säbel hineingehauen, ließ sich nicht abhalten, er sprang auf die Schanzenbrüstung und commandirte von dort aus mit hundert Millionen Kreuzdonnerwettern. Eine Spitzkugel riß ihm die Rose am Stiefel fort, er schimpfte sie in seiner burlesken Weise; aber in demselben Augenblick stieß er auch einen fulminanten Fluch aus und rutschte hinter die Erdbrüstung. Eine Kugel hatte ihn am Schenkel verwundet und er mußte nach dem Verbandplatz transportirt werden. Es war der vorletzte der bei uns noch anwesenden Officiere. Ein junger Secondelieutenant mußte jetzt der Führer einer Masse von tausend Leuten sein.

Dreimal hatten die Dänen bei uns schon vergeblich gestürmt und abermals rückten sie zum neuen Angriff auf die Schanzen vor. Wir waren fast ermattet von der blutigen Arbeit, aber das Vertrauen war noch lange nicht erschüttert. Was wir auf den anderen Punkten wahrnehmen konnten, feuerte uns mit an. Dort sahen wir ein paar Compagnien Dänen abgeschnitten und gefangen werden; weiter hinüber führten unsere Truppen ein paar Kanonen fort, die sie dem Feinde abgenommen. Ueberall noch standen die Bataillone, nirgends wichen sie vor dem gewaltigen Angriff der Dänen, die, in weit überlegener Zahl, immer mit frischen Truppen attakiren konnten, während bei uns jeder Mann seit zwei Stunden in diesem mörderischen Kampfe war. Jetzt rückten die dänischen Garden mit klingendem Spiel auf die Verschanzungen; es war ersichtlich, daß es die letzten Reserven der Dänen waren. Noch einmal standhaft, und die Kraft des Feindes mußte gebrochen sein.

In diesem Augenblick kam auch Oberst von Harrels mit zwei Bataillonen, um uns zu unterstützen. Die dänischen Garden nahten sich bereits auf Schußweite. Während sonst an dieser Stelle die Shrapnells unserer Batterie hineinzuschlagen pflegten und die Colonnen zerrissen, schwieg diesmal unsere Artillerie gänzlich – wir hörten mehrere Minuten lang keinen einzigen Kanonenschuß. So verließen wir uns denn auf das furchtbare Gliederfeuer, welches jetzt von beinahe drei Bataillonen auf die Sturmcolonne eröffnet wurde. Aber es hielt die Dänen keinen Augenblick auf – ehe wir es für möglich halten konnten, hatten sie die Schanze erstürmt, und im Innern derselben begann ein letzter, wüthender Kampf. Indessen nur wenige Minuten. Das Commando rief uns zurück, und in festen Gliedern rückwärts schreitend, mit einem knatternden Pelotonfeuer verließen wir die Schanze, ohne verfolgt zu werden. Draußen marschirten wir, indem ein Theil sich als Tirailleurkette auflöste, mit der Ordnung zurück, als kämen wir vom Exercirplatz.

Allgemein glaubten wir nun, daß wir wieder sammeln und von Neuem zu einem Massenangriff übergehen würden. Die ganze Linie wurde zurückcommandirt und führte den Rückzug aus, ohne daß die Dänen sie daran hinderten, ein Beweis, wie schwach sie sein mußten. Indessen schon nach einer halben Stunde erhielten wir die Gewißheit, daß die Schlacht abgebrochen worden sei, weil auch auf dem linken Flügel ein dänischer Angriff vorbereitet war, dem unsere erschöpften Truppen nicht gut mehr entgegenzustellen gewesen wären. Nun, es drückte uns Alle wohl nieder, dem Feinde den Rücken kehren zu müssen, aber das Bewußtsein hielt uns aufrecht, daß wir unsere Pflicht bis auf’s Höchste erfüllt und die Schlacht nicht verloren hatten. Sie war in der That immer siegreich gewesen, bis die Armee auf Befehl die Stellungen verlassen mußte. Schon am Abend hatten wir bei Schleswig eine Stellung genommen, die bewies, daß wir einen Angriff nicht scheuten aber die Dänen rückten uns so langsam nach, daß man sah, sie hatten genug an diesem neunstündigen Kampfe.

Es schlief sich fest und tief nach diesem Tage auf der Streu – waren wir doch noch vier Stunden vom Schlachtfelde zurück marschirt, freilich langsam und oft rastend, um in den Dörfern, die wir passirten, unseren Hunger zu stillen, denn wir hatten seit dem Tage zuvor nur etwas Brod essen können. Ach, die Bauern gaben uns in Hülle und Fülle, mit Thränen in den Augen, bangend um das Geschick, am nächsten Tage schon wieder dänisch sein zu müssen! Wir trösteten sie damit, daß diese Herrschaft nicht lange dauern werde – wir dachten Alle nicht, daß es anders werden könnte und daß wir, Dank der deutschen Diplomatie und der deutschen Erniedrigung, nie wieder diese deutsche Erde sehen sollten.

Schmidt-Weißenfels.


Botschafter Garibaldi’s in Neapel. [2]
Zweiter Brief eines deutschen Malers in der Garibaldi’schen Armee.
(Mit Abbildung von Neapel.)
Neapel, den 27. August.

Mitten in der neapolitanischen Hauptstadt und ganz offen in der Uniform eines Garibaldi’schen Offieiers! So bin ich hier – mir selbst ein Traum, ein Räthsel. Welch furchtbares Kriegsheer, welch mächtige Flotte, welch entsetzliche, allgegenwärtige, allmächtige Polizei-, Kerker- und Tortur-Gewalt stand diesem Bourbonen-Throne [623] zu Gebote! Und ich einzelner Mensch bin jetzt mächtiger, als dieser furchtbarste aller Tyrannen-Apparate, blos weil mich der Heiligenschein Garibaldi’s umgibt. Oder träume ich? Schreite ich unter einem Volke von Illusionen? Nein, da bin ich wirklich in der Glorie Neapels, der Toledo-Straße. Sie führt direct herunter nach dem „realen Palast“ des Königs, einem ovalen Festungswerke. Gegenüber erhebt sich hinter dem furchtbaren Arsenale das ungeheuere längliche Viereck des eigentlichen „Königs-Palastes“, geschützt durch eigene Mauern, mit dem neuen Castell (Castello nuovo) rechts dicht daneben und dem Arsenale auf der Wasserseite, dem Halbmonde des eigentlichen Regierungs-Hafens mit dem Castello dell’ uovo auf dem linken Flügel, und der befestigten Gemaro-Spitze auf dem rechten. Vom Norden her wird die Stadt durch das Castello St. Elmo auf hohem Berge beherrscht. Doch ich will Dir keine Festungen und Befestigungsinstrumente des Bourbonen-Thrones aufzählen. Sie sind zerfallen, ohnmächtig, todt, obgleich von keiner einzigen feindlichen Kugel nur berührt. Wir leben in dem merkwürdigsten Acte, wo die Weltgeschichte auf ganz eigene und wohl beispiellose Weise zum Weltgerichte ward. Noch sind alle die raffinirten, kannibalischen Marterwerkzeuge vorhanden, durch welche diese Bourbonen ihre Feinde vernichteten und in lähmendem Schrecken hielten. Noch umgeben Armeen, Kriegsschiffe, Kerker, Torturinstrumente, Polizei, Pfaffen, Lazzaroni – Alle Stützen des Thrones – in Wirklichkeit und Masse ihre ehemalige nährende, wärmende, sie willenlos um sich herumtreibende Sonne; aber diese Sonne ist erloschen in eigener Schmach und zieht nicht mehr und treibt nicht mehr. Die Planeten und Trabanten sind aus ihren Bahnen gewichen und schwanken ohne Centrum umher, laut schreiend, daß Garibaldi sie als neuer Brennpunkt anziehen, bewegen, erwärmen solle. Dieses Erlöschen in eigener Schande, dieses moralische und dann wirkliche Zerfallen aller Umgebung ist – in dieser raschen und dramatischen Weise wenigstens – beispiellos in der Geschichte. Welche Scenen der Auflösung! In der furchtbarsten Hitze der brennenden Toledo ereifern sich Alt und Jung, Vornehm und Gering, Männer und Frauen athemlos und triefend und halb nackt, ihre Wohnungen und glänzenden Läden auszuräumen und irgendwie in Sicherheit auf fremde Schiffe zu bringen.

Die bezaubernden Juwelier- und Seiden-Bazars, die ich vor Jahren inmitten lustiger Menschenströme bewunderte, sind geschlossen und werden durch Seitenthüren vorsichtig ausgeräumt. Vor einem der ersten Hotels stehen prächtige Möbels, Spiegel, Uhren etc. und werden auf einen Lastwagen gepackt. Die Straße steht voller Reisekoffer und Möbelwagen. Die Leute fliehen auf die Inseln, nach Sorrento, Capri, Castellamare etc. Selbst die Lazzaroni, sonst in allen Gossen und schattigen Stellen umherliegend, haben ihre alten Schlafstellen verlassen und logiren in den Felsenhöhlen des Berges Posilippo draußen auf der Westseite der Stadt oder nördlicher auf dem Chiaga, trotz naher Nachbarschaft des furchtbaren Elmo-Castells.

Vorige Nacht wollte ich die schmutzige Tunnelstraße „la Grotta“ besuchen, um mir die interessante schlafende Bevölkerung derselben anzusehen. Ein deutscher Freund begleitete mich und versprach mir, daß ich gestehen würde, niemals etwas Malerischeres gesehen zu haben. Ja, wer das malen könnte! Möglich wär’s, Bilder nach dem grellen Scheine unserer Stocklaternen abzugrenzen und den Raum mit dürren, braunen Gliedern und Verkrüppelungen und spärlich deckenden Lumpen auszufüllen – aber dieser Geruch! Still davon, sonst werde ich trotz meiner guten Nerven hinterher ohnmächtig. Sie schliefen sonst auf den Straßen, wie und wo sie eben hinfielen. Jetzt trauen sie nicht mehr, auch wird der Platz für allerlei kleine Tumulte, Emeuten und Reibungen gebraucht. Soldaten und National-Gardisten, echte neapolitanische Soldaten und deutsche Miethlinge, treue und „untreue“ Truppen in derselben Compagnie, alle diese Kriegerarten und die „Popolani“, Polizei und Soldaten, Polizei und Volk, Parteien im Volke – Alles reibt sich gelegentlich gegen einander, schreit, schlägt, schießt, läuft, verfolgt und wird verfolgt. – Solche Scenen wechseln Tag und Nacht in den abenteuerlichsten Combinationen mit einander und enden größtenteils irgendwie lächerlich, obgleich auch schon ernste Verwundungen und (wie vorigen Dienstag) einige Todte dabei vorkamen. Welch eine Tollhauswirthschaft!

Doch ich habe Dir noch gar nicht gesagt, wie ich eigentlich hierher gekommen bin. Es ist etwas Diplomatie dabei, die ich selbst nicht recht verstehe, da ich blos eine äußerliche, untergeordnete Rolle dabei spiele und nicht eingeweiht ward. Was mich betrifft, so hatte ich nach der Schlacht bei Milazzo bis jetzt folgendes Schicksal. Nachdem ich im Lazareth allerlei Dolmetscherdienste geleistet und mich im Allgemeinen nützlich zu machen gesucht hatte, ward ich nach Messina gesandt, wo ich aber nichts von Belang zu thun bekam, so daß ich Zeit gewann, mich nach unsern deutschen Landsleuten hier umzusehen, Kaufleuten, fast lauter Kaufleuten, darunter manchen krösusartigen Handelsfürsten, die aber zum Theil noch geschlossen und eingepackt hielten. Manche hatten für Tausende von Scudi Waaren auf fremde Schiffe in Sicherheit gebracht, und enorme Summen für diese rasche, extemporirte Verladung zahlen müssen. Ich lernte einige von den Jüngeren, größtentheils Dienern und Buchhaltern, kennen und lieb gewinnen. Die Herren selber erschienen mir, so weit sie in das Bereich meiner Beobachtung kamen, sehr vornehm und verdrießlich, und gaben mir ganz verächtlich zu verstehen, daß dieser „Garibaldi’sche Schwindel“ alle Geschäfte ruinirt habe – doch nein, ich will diese Schmach der Deutschen, dieser Sclaven des Mercur, dieser elenden Leibeigenen ihrer feuerfesten Mammons, nicht als ein Charakteristikum aller der zahlreichen deutschen Kaufleute Messina’s hinstellen; aber Thatsache ist, daß sich diese Ansicht in einem Privatkreise mehrerer ganz entschieden gegen mich geltend machte, so entschieden und persönlich beleidigend für mich, daß ich das Haus verließ, ohne die Bemühungen einzelner Damen, die Sache zu schlichten, weiter abzuwarten.

Diese Leute sahen in der Befreiung Siciliens, in dem Kampfe für die Einheit Italiens nur Geschäftsstörung und Geldverlust, weiter nichts. Auch waren sie besonders wüthend auf die vielen Deutschländer, die ihnen kein einziges Schiff zum Schutze senden konnten, so daß sie mit ihren Waarenballen auf französischen, englischen, amerikanischen, spanischen Schiffen für schwere Miethe Unterkommen gesucht hatten. Sie waren sehr für die Einheit und Flotte Deutschlands, aber nicht für die Italiens, weil diese ihnen eben Geld gekostet hatte. Nichts Ungewöhnliches!

Nach etwa achttägigem Aufenthalte in Messina bekomme ich ein Schreiben aus dem Hauptquartiere, worin ich ersucht werde, als Deutscher an einer maritimen Expedition Theil zu nehmen, damit ich im Falle, daß Dolmetschung aus dem Deutschen nöthig werde, zur Hand sei. Zweck und Richtung der Expedition wird nicht angegeben, auch nicht auf besonderes Anfragen. Es bleibt mir freigestellt, unter den mysteriösen Bedingungen entweder abzulehnen oder anzunehmen. Just des Mysteriösen wegen thue ich sofort das Letztere.

Wir dampfen zwei Tage später auf dem himmlischen, blauen Meere umher, größtentheils Angesichts der malerischen, in herrlichen Farben spielenden Küsten des Festlandes. Ein Garibaldi’scher General ist Chef unserer Mission, die aus 60 Personen besteht, deren mir keine etwas Genaues über unsern Zweck sagen konnte oder wollte. Endlich – ich übergehe mancherlei kleine Erlebnisse und Abenteuer – bekommen wir ein großes Kriegsschiff mit grün-weißrother, also sardinischer Flagge in Sicht. Die beiden Fahrzeuge nähern sich einander, und die Commandeurs derselben dialogisiren in der Flaggensprache. Endlich kommen Boote von dem Sardinier und holen uns ab. Wir werden auf dem Deck, das von martialischen, herrlichen, großen, schönen Casciatori, den berühmten sardinischen Rifle-Schützen glorreichen Krim-Andenkens, wimmelt, sehr militärisch feierlich empfangen, bewirthet und anständig quartiert. Am folgenden Morgen wächst die goldene Bai von Neapel aus dem Morgenlichte des Meeres vor uns auf. Nach drei Stunden sind wir im Hafen und ankern dicht am Bollwerk, wo Uniformen, Helme und Gewehre, ja selbst die Augen der Soldaten blitzen, so nahe sind wir. Wir salutiren und hurrahen, die Truppen am Lande jubeln uns entgegen und drängen sich dicht am Bollwerke entlang. Ich sehe fast lauter deutsche Gesichter. „Guten Morgen, Cameraden!“ schrie ich ihnen deutsch zu. Lauter Jubel in deutscher Sprache mit vielen Zischlauten. „Wie kommscht Du daher, Landschmann?“ u. dergl. Es schreit deutsch und italienisch herüber und hinüber. Nach einer halben Stunde bekommen 50 Mann Erlaubniß zu landen. Die neapolitanischen Söldlinge schreien nach den Deutschen. Es steht mir frei, mit hinüberzugehen, ich werde sogar darum ersucht, mit meinen Landsleuten ein vernünftig Wort zu reden. Im Nu sind wir drüben, umgeben, umjauchzt von bunten Volksmassen und Soldaten des „absoluten“ Königs beider [624] Sicilien. Sie schleppen uns triumphirend durch die Stadt und zeigen uns allerhand Merkwürdigkeiten, führen uns in Kaffee- und Limonadenkneipen – lauter Jubel und Demonstration für Garibaldi und Victor Emanuel. In der Toledostraße werden wir allerdings mehrmals von „Getreuen“ insultirt, aber von den Volksmassen immer sehr entschieden in Schutz genommen, ehe wir selbst uns zu wehren brauchen. Wir wiederholten unsere Besuche, bis eine Abtheilung unserer Leute eines Abends von neapolitanischen Jägern ernstlich attakirt wurde. Souveraine „Popolani“ zischen und schimpfen für unser Interesse. Die Jäger hauen auf uns und sie ein. Wir wehren uns. Ein lächerliches Gebalge und Geschiebe, bis Blut fließt und die Sache ernstlich wird. Plötzlich kommt ein starkes Detachement Nationalgarde und arretirt uns und die Jäger. Wir wurden einzeln wieder auf unser Schiff befördert. Cameraden der Jäger verlangen Auslieferung ihrer gefangenen Collegen. Aber die Nationalgarde ladet scharf, und das Volk auf ihrer Seite droht. Dies erscheint den Jägern zu bedenklich, sodaß sie Fersengeld geben. Seitdem sind wir ganz populär geworden und streifen unbelästigt, vielfach gefeiert am Lande umher. – Das sardinische Kriegsschiff soll „faules Spiel“ beabsichtigt haben, die Dictator-Würde Garibaldi’s zu verhindern, zu umgehen, durch einen sardinischen Bevollmächtigten zu ersetzen (wie in Palermo). Unsere Mission scheint, so viel ich errathe, glücklich zuvorgekommen zu sein, wenigstens mit Erfolg protestirt zu haben. Wie ich merke, hoffte man von mir guten Einfluß auf die deutschen Söldner. Ich denke auch, etwas geleistet zu haben. In zwei bis drei Tagen erwarten wir Garibaldi als neuen Herrscher in Neapel. Er hofft ohne Schwert zu kommen und zu siegen!




Blätter und Blüthen.


Ein Zahnarzt in Florenz. Es war auf der piazza granduca, welche jetzt piazza della Signoria heißt – die Kaffeehäuser hatten sich in „Café del popolo“ und „Café d’ Italia“ verwandelt; an alle Hausthüren waren Bilder Garibaldi’s und des Königs von Sardinien angeheftet, mit der Unterschrift: „Evviva Garibaldi, evviva Vittorio Emanuele, nostro Re!“ und die fliegenden Buchhändler verkauften mit echt italienischem Geschrei: „ultime notizie di Garibaldi“, welche neuerdings über Aufstände in Apulien und Calabrien eingetroffen waren und mit der größten Begierde gelesen wurden. Äuf dem Thurme des Castello vecchio wehte eine riesengroße italienische Tricolore, und alle Fenster begannen, sich in Folge der neuen Nachrichten aus Sicilien mit italienischen und französischen Fahnen zu schmücken, wie das hier bei jeder neuen Nachricht, welche aus Sicilieun und Neapel über das mittelländische Meer herüber kommt, der Fall ist. Männer in Blousen liefen über den Platz und verkauften kleine gelbe Zettel, welche massenhaft abgesetzt wurden. Einer von ihnen kam auch zu mir, und ich sah, daß es Billets zu einem am heutigen Tage abzuhaltenden Balle waren. Der Ball interessirte mich nicht im Mindesten, und ich wollte das Billet, welches einen Franc kosten sollte, zurückgeben. Da sah der Mann mich mit einem ernsten und bittenden Blicke an und sagte: „per il beneficio di Sicilia.“ („Zu Gunsten Siciliens“.) Ich nahm nun natürlich den Zettel wieder, bezahlte einen Franc und sah, daß am Abend ein großes National-Ball- und Musikfest vor der Porta San Nicolo stattfinden solle, dessen Einnahme der Garibaldi’schen Armee gehöre.

Es war an demselben Tage gerade Wochenmarkt, und die ganze Loggia, in der der Perseus Benvenuto’s, die gefangenen Gallierinnen und die Sabinerinnen stehen, mit Menschen gefüllt, welche ihre Gartenproducte verkauften und Geld wechselten. Der Verkauf der „ultime notizie di Garibaldi“ machte allen andern Handel auf Momente stocken. Da fuhr eine offene Kalesche mitten auf den Platz. Im Fond des Wagens saß ein ältlich aussehender Mann mit grau werdendem Bart und Haar in gewöhnlicher bürgerlicher Kleidung, in der eine gewisse Sauberkeit nicht zu verkennen war. In der Mitte des Platzes, gerade dem Herzog Cosmo auf seinem Bronzepferde gegenüber, hielt er still. Dann stand er auf, nahm eine blank geputzte Trompete von dem Rücksitz des Wagens, setzte sie an den Mund und blies mehrere schmetternde Fanfaren, so rein und so schön, als wenn er Jahre lang Trompeter bei einem piemontesischen Cavallerieregimente gewesen wäre. Nach der zweiten Fanfare erregte er die allgemeine Aufmerksamkeit, und nach der dritten umstanden Hunderte von Personen seinen Wagen, von denen Manche irgend eine officielle Kundmachung oder die Verkündigung neuer Nachrichten aus Neapel erwarten mochten. Dann erhob sich der Mann von Neuem, würdevoll und majestätisch um sich schauend. Er verkündigte dem harrenden Volke, daß er der „dottore in medicina“ Diomede Farini aus Volterra sei, daß er vierzig Jahre seines Lebens über eine Universalmedicin nachgedacht habe, welches alle Schmerzen des Lebens heile und jede Krankheit unmöglich mache. Man horchte allgemein auf. Er pries sodann noch in einer weitern Rede, ausgeschmückt mit allen Floskeln der Rhetorik, seine Universalmixtur an und hielt schließlich eine Medicinflasche, welche mit einer gelben Flüssigkeit versehen, wohlgepfropft und mit Stanniol versiegelt war, in die Höhe. Er entkorkte sie, sprach noch einige flammende Worte zum Lob seiner Flasche und hielt sie sich unter die Nase. Da zuckten alle Muskeln seines Gesichts zusammen, als wenn er galvanisirt würde. „Nur einen Francescone kostet die Flasche dieser Universalmedicin, welche alle Krankheiten und alle Schmerzen heilt!“ rief er im reinsten Toscaner Dialekt und schüttete den Umstehenden einige Tropfen in die Hände, welche dieselben unter die Nase hielten und sämmtlich dieselbe niesende Bewegung machten, wie der große Meister auf seinem Wagen. Auch ich hielt meine Hand hin, erhielt einige Tropfen und hielt sie unter die Nase. Die Medicin hatte einen starken Zusatz von Salmiakgeist, was auch ihre Grundsubstanz sein mochte. Dann rief er von Neuem den Preis aus und pries alle Wunder seiner Universaltinctur an; Niemand streckte indeß seine Hand aus, um diese Wunder für einen Francescone zu kaufen.

Da rief der Mann: „Signori, ich verkaufe heute diese Universaltinctur „per il beneficio di Sicilia e Napoli“, ich werde den Ertrag bis auf den letzten Centesimo dem Comité für die Unterstützung der Garibaldi’schen Truppen überreichen.“

Jetzt streckten sich hundert Hände aus. In wenigen Minuten war der Wagenkasten des patriotischen Wunderdoctors vollständig geleert.

Nun begann eine neue Scene. Der Wunderdoctor hielt eine Rede über Zahnarzneikunde, welche seine eigentliche Wissenschaft sei, da er sich mit der Erfindung der Universaltincturen nur nebenbei beschäftige. Die Rede hielt sich sehr in allgemeinen Redensarten und war den Begriffen der Menge angepaßt. Er forderte Jeden, der an Zahnschmerzen und Zahnkrankheiten leide, auf, in seinen Wagen zu steigen. In einigen Minuten werde er ihn heilen. Auch die Zahnoperationen, rief er, mache er heute „per il beneficio di Sicilia e Napoli“.

Trotzdem fand sich nicht sofort Jemand, der sich zu Ehren Siciliens und Neapels die Zähne ausziehen lassen wollte. Endlich stieg ein junger Mann auf den Wagen. Der Zahnarzt nahm seinen Kopf in die Hände, besah sich die Zähne und stocherte darin mit einem Haken herum, daß ich beim Zusehen Schmerzen empfand. Dann begann er eine neue Rede, worin er sagte, daß Einer den Platz verlassen und im Exil sterben müsse – er sprach nur von dem kranken Zahn – oder alle Andern müßten zu Grunde gehen, wie vor kurzem noch hier in jenem Palaste – er zeigte mit pathetischer Gebehrde auf den palazzo vecchio des granduca – es sei aber besser, wenn Einer sterbe, als Alle. Dann faßte er ein Instrument, wickelte sich ein Taschentuch um die Hand, und mit einem Ruck war der Zahn ausgerissen und wurde triumphirend in die Höhe gehalten. Der beste Zahnarzt in Berlin oder Leipzig hätte seine Sache nicht besser gemacht. Der Kranke, der seiner Schmerzen jedenfalls ledig war, da ich nicht glaube, daß er sich „per beneficio di Sicilia“, um dem Zahnarzt einige Paoli zu geben, einen Zahn hatte ausziehen lassen, bezahlte, und der Zahnarzt forderte ihn auf, mit ihm zu fahren, um bei der Ablieferung des heute auf der piazza della Signoria im Angesichte des Herzogs Cosmo und der Statue Michel Angelo’s und Benvenuto’s eingenommenen Geldes gegenwärtig zu sein. Dann blies er noch eine schmetternde Trompetenfanfare, welche an den alten Mauern der Loggia und des Palastes wiederhallte, und der Wagen fuhr im Trabe davon.
G. R.




Nicht zu übersehen!

Mit dieser Nummer schließt das dritte Quartal, und ersuchen wir die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das vierte Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.




In diesem vierten Quartale kommen außer den trefflichen Beiträgen von Bock, Schulze-Delitzsch, Beta, Max Ring, Sternberg, Kossak, W. Hamm, Temme, Mor. Hartmann, G. Hammer, Lev. Schücking, Frauenstedt etc., folgende bereits vorliegende und noch eingehende Beiträge vor: Hebel und der Hebel-Schoppen von Berthold Auerbach – Mary Kreuzer, Bild aus dem amerikanischen Leben von Otto Ruppius – Onkel Gottlieb’s Jugendliebe von Ottilie Wildermuth – Eine Rennthierjagd auf dem Dovrefjeld von Dr. Alfred Brehm – Reisebriefe von Fr. Gerstäcker – Originalberichte aus Italien von Gust. Rasch – Erinnerungen an die Schröder-Devrient (Fortsetzung) – Aus Garibaldi’s Leben (Fortsetzung) – Die Preßnitzer Harfnerin, eine Culturstudie – Fürst und Bauer von Ludwig Storch – Schiller’s Asyl – Ein deutscher Patriot – Gang durch eine Zuckerfabrik – Husaren- und Pandurenbilder von Lev. Schücking (Fortsetzung der Frohn-Trenck’schen Geschichte) – Strand- und Dünenleben von Friedr. Oetker.

Auch die
Deutschen Geschichten – und – Bilder aus dem Leben deutscher Dichter, mit Illustrationen,
werden fortgesetzt.
Leipzig, im September 1860.
Ernst Keil.

Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Gegenüber der allgemeinen Entrüstung, welche die an einem Bruderstamme verübte Missethat in ganz Deutschland hervorgerufen, wagt es ein deutscher Schriftsteller, die schleswig-holsteinische Erhebung mit dem Schmutz elender Verdächtigung zu besudeln. Ungewitter, in seiner in Dresden erschienenen „Erdbeschreibung und Staatenkunde“, 3. Aufl., hat sich nicht geschämt, folgende Worte zu schreiben:
    „Die Thatsache, daß Holstein, ebenso wie Schleswig, zu den wohlhabendsten Ländern Europa’s gehört, spricht offenbar zu Gunsten der dänischen Regierung und deren Fürsorge für das Land. Denn unter einer tyrannischen Regierung möchte das holsteinische Volk vielleicht zu Bettlern geworden, würde aber jedenfalls nie zu gediegenem Wohlstand gelangt sein. Dem Volke selbst wäre es daher auch ebenso wenig, wie dem schleswigschen Volke, je in den Sinn gekommen, sich von Dänemark losreißen zu wollen, mit dem es ohnehin schon, vermöge der geographischen Lage, der Gleichheit der Nahrungszweige, der Schifffahrt etc. in einer natürlichen Verbindung steht. Allein seit der französischen Julirevolution von 1830 ward von der Umsturzpartei in Deutschland der Plan entworfen, Holstein und Schleswig, unter dem Vorwande des bevorstehenden Heimfalles an die dänische Seitenlinie (?), von Dänemark loszureißen, um jene Länder dann zu einem norddeutschen Centralpunkte der Revolution zu machen (!). Nachdem schleswig-holsteinische Advocaten und deren politische Freunde in diesem Sinne ihre Instructionen bekommen hatten, erhielten die in das Geheimniß eingeweihten deutschen Zeitungsschreiber die Weisung, die Losreißung der Herzogthümer von Dänemark und die Selbstständigkeit derselben als deutsche Bundesstaaten in das gehörige Licht und als lebhaften Wunsch der Schleswig-Holsteiner darzustellen. Es geschah; und dem deutschen Publicum, welches sich Schleswig und Holstein als seit Jahrhunderten mit Dänemark identificirt oder doch in genauer politischer Verbindung mit diesem Königreiche stehend gedacht hatte, ward das Verhältniß von der ganz entgegengesetzten Seite aus dargestellt und auf diese Weise nach und nach die Idee von der Nothwendigkeit einer Lostrennung beigebracht. Später wurden dem süddeutschen Publicum, welchen über die holsteinische Butter und die schleswigschen Mastochsen hinaus im Ganzen wenig von Holstein und Schleswig wußte, unter der Maske von Liedertafeln Eingeweihte (?) zugesendet, um bei Gesang und Becherklang gleichzeitig im Interesse der projectirten schleswig-holsteinischen Revolution bei dem dortigen Publicum zu wirken und es für dieselbe zu begeistern zu suchen. Die revolutionairen (!) Wortführer in den deutschen sogenannten constitutionellen Kammern übernahmen die förmlichen Motionen zu Gunsten der Angelegenheit, andere Tonangeber aus der Kategorie eines Robert Blum und dergleichen betrieben die Sammlungen von Petitionen in diesem Sinne; Straß in Berlin dichtete oder verpoetisirte das später von allen herumziehenden Musikbanden und Leiermännern gespielte „Schleswig-Holstein meerumschlungen“, Dahlmann (!) in Bonn wirkte als Historiker thätig durch akademische und gelegentliche Vorlesungen und Schriften; bald ward es auch in höheren Regionen Mode (!), in diesen Ton mit einzustimmen und von Rechten des deutschen Bundes auf die Herzogthümer, von Rechten Holsteins und von deutscher Nationalität in Schleswig zu reden; in den Herzogthümern selbst ward das Volk durch tägliches Reden und Schreiben, durch Gerüchte, Verdächtigungen und Intriguen aller Art unablässig bearbeitet, um es gegen Dänemark einzunehmen und an den Gedanken zu gewöhnen, daß es durch eine Losreißung von diesem Königreiche ungemein gewinnen werde. Man darf sich also nicht wundern, wenn nach solchen, fast achtzehn Jahre hindurch fortgesetzten Bemühungen die Behauptung, Schleswig-Holstein müsse von Dänemark getrennt werden, in Deutschland zuletzt dermaßen an der Tagesordnung war, daß jeder, der ihr freimüthig widersprach, als ein in dänischem Solde stehender oder mit einem dänischen Orden geschmückter Dänenfreund verschrieen wurde und in den Herzegthümern selbst das Volk nach und nach an das Lostrennungsproject in dem Grade sich gewöhnt hatte, daß es sogar zur Ausführuug desselben mit Hand anlegte, wenngleich keineswegs durchgängig aus innerem Antriebe, sondern vielmehr meist den äußerem Umständen nachgebend (!). Nachdem Preußen schon vor den Märzereignissen 1848 Partei gegen Dänemark genommen hatte, war es dem deutschen Reichsparlament ein Leichtes, die Absendung deutscher Truppen zur Unterstützung der schleswig-holsteinischen Revolution (!) zu erwirken. Auch bildete sich ein besonderes Insurgentencorps (übrigens aus den buntscheckigsten Elementen zusammengesetzt), und den Preußen folgten der Reihe nach verschiedene andere deutsche Truppen. Nachdem am 22. April Schleswig besetzt, am 26. August 1848 aber ein längerer Waffenstillstand geschlossen worden war, fanden Gefechte statt am 5. April 1849 bei Eckernförde, am 13. April bei den Düppler Schanzen, am 7. Mai bei Veile und am 6. Juli bei Friedericia, worauf am 10. Juli zwischen Preußen und Dänemark ein Waffenstillstand abgeschlossen wurde, dem am 2. Juli 1850 ein definitiver Friede zwischen diesen beiden Mächten folgte. Denn England und Rußland traten wider diesen ungerechten (!) Krieg gegen Dänemark entschieden auf und bewirkten, daß Preußen die Hand aus dem Spiele zog und die schleswig-holsteinische Revolution (!) sich selbst überließ. Die Dänen siegten (?) in einer entscheidenden Schlacht bei Idstedt über die schleswig-holsteinischen (d. h. großentheils aus Angeworbenen von den verschiedensten deutschen Ländern bestehenden) Truppen und schlugen am 4. October auch einen Angriff der letzteren auf Friedrichstadt mit starkem Verlust auf feindlicher Seite zurück. Mittlerweile hatten die seit dem 10. Mai 1850 in Frankfurt vertretenen deutschen Bundesstaaten beharrlich darauf gedrungen, daß Bundes-Executionstruppen abgeschickt würden, um dem heillosen (?!) Zustande der Dinge in Holstein und Lauenburg (denn Schleswig war bereits wieder im vollständigen Besitz Dänemarks) definitiv ein Ende zu machen. Preußen widersetzte sich zwar der Ausführung dieser Maßregel, und es wäre darüber beinahe zu einem Kriege zwischen ihm und Oesterreich gekommen, gab jedoch in Folge der in Olmütz eröffneten Conferenzen und der daselbst am 28. November 1850 abgeschlossenen Punktationen nach, und so rückte im Januar 1851 eine aus österreichischen Truppen bestehende Bundes-Executionsarmee in die genannten Herzogthümer ein, stellte die Autorität der rechtmäßigen Landesregierung wieder her und machte so dem tollen Treiben mit der Schleswig-Holstein-Manie (!) überhaupt ein Ende. Mittlerweile sind dieser Manie und dem ihr zum Grunde gelegenen Revolutionsplane (!) zu Gefallen Tausende von Menschenleben geopfert worden, und die pecuniairen Verluste, welche dadurch nicht nur den Herzogthümern, sondern auch den benachbarten deutschen Nord- und Ostseestädten direct und indirect verursacht worden sind, lassen sich jedenfalls auf mehr als hundert Millionen Thaler anschlagen. Das Volk, nunmehr wieder zur Besinnung gekommen und mit der Heilung der von seinen angeblichen Beglückern ihm geschlagenen tiefen Wunden beschäftigt, wird sich nach den gemachten Erfahrungen schwerlich je wieder bereit finden lassen, zur Ausführung eines Losreißungsprojects die Hand zu bieten.“
    Wir überlassen es unsern Lesern, mit welchem Ehrentitel sie den Verfasser belegen wollen.
    D. Red.
  2. Drei Tage vor dem Einzuge Garibaldi’s geschrieben.   D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Kriegsgegeschichten
  2. Vorlage: vorauszuzusetzen