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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1860
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1860) 513.jpg
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[513]

No. 33. 1860.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Die Geschwister.
Erzählung von Dr. J. D. H. Temme.
(Fortsetzung.)

Im Jahre 1813 war der alte Graf Gotthard von Hochstadt einer der Ersten gewesen, die dem Könige ihre Dienste anboten. Man hatte ihm ein Landwehrregiment anvertraut, das er freilich zum großen Theile selbst gebildet hatte. Noch im Laufe des Feldzugs war er wegen seiner militairischen Talente und Verdienste zum Brigadegeneral befördert worden. Er hatte eine Landwehrbrigade geführt. Nach der Einnahme von Paris hatte er seinen Abschied genommen. Nach der Rückkehr Napoleons von Elba war er wieder einer der Ersten auf dem Platze. Er wurde Divisionsgeneral. Nach dem zweiten Pariser Frieden nahm er wieder seinen Abschied, um sich ganz auf seine Güter zurückzuziehen. Er hatte nie eine andere Uniform, als die der Landwehr getragen.

Der Landwehr habe das Vaterland seine Befreiung zu verdanken. Nur die im Volke wurzelnde Landwehr sei auch künftig die feste Mauer gegen äußere Angriffe auf das Vaterland. Heute sammelte der alte, tapfere, stolze General Gaben für einen alten Leierkastenmann; der Leierkastenmann war freilich ein alter, invalider Landwehrmann, sein Camerad.

spielte der Leierkasten. Der General hatte seinen Hut in die Hand genommen. Er selbst warf zuerst einen Doppellouisd’or hinein. Das Mädchen an seinem Arm erröthete höher. Die arme Henriette hatte nichts hineinzuwerfen. Sie wollte ihr Gesicht verbergen.

„Halt, mein Kind,“ sagte der General. „Sie haben schon die reichste Gabe gegeben. Aber ich muß noch mehr thun.“

Er warf dem ersten Doppellouisd’or einen zweiten nach. Dann trat er, das Mädchen am Arm, zu dem nächsten Tische. Er hielt den offenen Hut hin.

„Für den Leierkastenmann, meine Herrschaften! Ein alter Camerad bittet für ihn.“

Er sprach es freundlich, aber mit der kurzen, derben militairischen Stimme des alten Generals und mit dem vollen Stolze des stolzen Aristokraten. Die „Herrschaften“, alle die eleganten und vornehmen Menschen auf dem weiten Platze, hatten schon längst verwundert aufgeschaut, die reichen Kaufleute der Stadt, ihre hochmüthigen und geputzten Frauen, der sich stolz und vornehm zurückhaltende Adel der Nachbarschaft, die steifen Stabs- und die beweglichen Subaltern-Officiere der Garnison.

Als das Mädchen zu dem Invaliden geeilt war, hatten sie die Nasen gerümpft, gespöttelt, gezischelt. Nur ein paar Lieutenants hatten die Bemerkung gemacht: „ein hübsches Kind.“ Wogegen aber einige derbe Rittmeister gemeint hatten: „zu mager!“

Als dann aber der alte Graf Hochstadt hinzugetreten war, war eine allgemeine Stille entstanden. Nur in höchster Überraschung hatte man sich zugeflüstert:

„Der Graf Hochstadt!“ die Adligen.

„Der reiche Graf Hochstadt!“ die reichen Kaufleute.

„Zum Teufel, der General Hochstadt!“ die Officiere.

„Was mag er wollen?“ fragten sie sich Alle.

Sie sahen es bald. Und sie sahen zugleich ein anmuthiges, ein schönes, ein edles Bild. Der hohe Greis war ein schöner Mann. Er schritt stolz einher, nur im einfachen schwarzen Rock, aber auf diesem Rocke die Ordenszeichen des ältesten Adels und der höchsten militairischen Tapferkeit. Neben ihm das zarte, schöne Mädchen von siebzehn Jahren, gleichfalls einfach, in einem abgelegten Kleide ihrer Schwester, aber an dem Arme des vornehmen und tapferen Greises, der sie mit einer Achtung, selbst mit einer Ehrerbietung führte, als wenn er einer Fürstin hätte seinen Arm bieten dürfen. Sie weinte nicht mehr; aber sie zitterte auch nicht mehr. Das Bewußtsein einer guten That erhebt und stärkt unwillkürlich auch das bescheidenste und schüchternste Herz. Eine leise Röthe verschämter Verwirrung hatte noch immer ihr feines Gesicht bedeckt. Aber ihre Augen glänzten in Freude, in Glück und in Demuth. Kein Mensch rümpfte mehr über sie die Nase.

„Teufel, sie ist schön!“ riefen jetzt eifrig die Lieutenants, ohne daß ein derber Rittmeister widersprach.

„Sie ist reizend,“ sagten selbst die stolzesten Frauen.

Und Jeder, an den der alte General mit ihr herantrat und mit seiner kräftigen Stimme die Bitte richtete: „Für den Leierkastenmann, meine Herrschaften!“ warf gern seinen Beitrag in den Hut hinein, und die reichen Kaufleute wollten auch gegen den reichen Grafen nicht zurückbleiben.

An den Tisch seines Neffen und der schönen reichen Wittwe ging der Graf Hochstadt zuletzt.

„Für den Leierkastenmann! Ein alter Camerad bittet für ihn!“ sagte er auch hier, nicht anders, als an den anderen Tischen.

Sie gaben, wie die Anderen. Die reiche Dame doch wohl nur mit schwerem Herzen. Der Hut des Generals war voll, er war voll und schwer. Er mußte ihn schon unter dem Arme tragen.

„Könnten Sie ihn tragen, mein liebes Kind?“ fragte er das Mädchen.

„O, gewiß.“

„So machen Sie den alten Mann glücklich! Nicht wahr, Sie thun es?“

[514] „Gern, gern.“

Er gab ihr den gefüllten Hut. So kehrte er mit ihr zu dem Invaliden zurück.

„Noch ist Polen nicht verloren“

endete der Leierkasten.

Henriette schüttete den Inhalt des Huts in die Taschen des Leierkastenmanns. Der General half ihr. Der Invalide hatte so viel Geld in seinem Leben nicht beisammen gesehen.

„Mein General!“ stotterte er erschrocken. Er wollte dem Grafen die Hand küssen.

„Dem Fräulein da,“ rief der Graf. „Ihr allein verdankst Du es.“

„Nein, nein,“ wollte das Mädchen rufen. Aber sie konnte es vor Schluchzen nicht. Auch dem Invaliden kamen die Thränen aus den alten Augen, und der alte Graf mußte mit der Hand über die Augen fahren.

„Gehe jetzt, Alter,“ sagte er, „damit ihre rauschende Regimentsmusik wieder ihr Recht bekommt. Aber wenn auch die Landwehr jetzt nur auf den alten, invaliden Leierkasten Musik machen darf, wir gehen doch nicht verloren. Gott befohlen, alter Kamerad.“

Er gab dem Invaliden die Hand, und diesmal ließ er sie sich von ihm küssen. Dann wandte er sich wieder an das Mädchen zu seiner Seite.

„Darf ich Sie um Ihren Namen bitten, mein liebes Kind, ehe ich Sie zu Ihrer Gesellschaft zurückführe?“

„Ich heiße Henriette Grone.“

„Sie sind die Schwester der Frau Rother?“

„Ich bin ihre Schwester.“

„Hm, hm, ich hatte es gedacht.“

Er hatte es mit einiger Verstimmung gesagt. Aber in demselben Augenblicke strafte er sich.

„Sie sind ein braves Kind. Geben Sie mir Ihren Arm.“

Sie hatte seine Verstimmung nicht bemerkt. Sie sah nur seine Güte. Diese machte sie so glücklich. Das Glück machte sie zutraulich.

„Sie sind der Herr Graf von Hochstadt?“ fragte sie ihn.

„Ja, mein Kind.“

„Und waren früher General?“

„Auch das ist so.“

„Mein verstorbener Vater hat oft von Ihnen erzählt.“

„Ihr Vater?“

„Er hat unter Ihnen gedient.“

„In der Landwehr?“

„Ja. Er hat beide Feldzüge mitgemacht und als Lieutenant den Abschied bekommen.“

Sie sagte es mit Stolz, und der General sah sie mit stolzer Freude an.

„Und in Dir steckt echtes Landwehrblut, mein Kind. Schade – Aber komm.“

Er hatte wieder ihren Arm genommen. Er führte sie zu ihrem Tische zurück.

„Meine gnädige Frau,“ sagte er zu der schönen Wittwe, „ich wünsche Ihnen Glück zu einer solchen Schwester. Sie ist eine Perle.“

„Ah, Du hier, Ottomar?“ wandte er sich dann an seinen Neffen. „Sehe ich Dich auch einmal bei mir?“

„Zu Befehl, lieber Onkel.“

Der Onkel hatte die Antwort kaum abgewartet. Er kehrte stolz und langsam zu seinem Platze hinter dem Flieder zurück. Die Militairmusik begann einen stürmenden, siegenden Marsch. Drei Personen hörten aber keinen Ton des Sturmes, des Sieges.

Der Graf Ottomar von Hochstadt hatte plötzlich einen Blick auf das schöne, bescheidene Mädchen geworfen, das sein Oheim mit der ganzen ehrerbietigen Galanterie eines alten Aristokraten an seinen Tisch zurückgeführt hatte. Er hatte sie früher kaum flüchtig angesehen. Er hatte nur Augen für die stolzere Schönheit ihrer Schwester gehabt. Jetzt stand sie in dem vollen Schmucke ihrer durch die holdeste Verwirrung verklärten Schönheit vor ihm, und – seine Augen entdeckten auf einmal eine Kleinigkeit, aber welche zauberhafte Macht üben oft Kleinigkeiten aus! Sie stand vor ihm in einem Kleide, das er kannte, in dem blauen Kleide, das einst die schöne Wittwe getragen hatte, das dann als verbraucht in irgend einen Schrank auf die Seite geworfen war, und das heute gut genug war, die eleganteste Toilette der armen Schwester zu machen. Es war ihm wohl, als wenn er, nicht einen Stich, aber einen Riß in das Herz erhalten habe.

Henriette sah den Blick des jungen Grafen, und wie schon früher sein Anblick ihr das Herz hatte einengen wollen, so schoß ihr jetzt auf einmal ein scharfes Weh hinein, das als plötzlicher Schmerz in ihrem Auge sich widerspiegelte. Die schöne Wittwe hatte Beider Blicke beobachtet, und die „Perle“ tönte noch in ihren Ohren.

„Fahren wir nach Hause!“ sagte sie. „Es ist heute zu laut, zu rauschend hier.“

„Ich darf Sie doch begleiten?“ fragte der Graf.

Er sah die schöne Frau mit dem vollsten Blicke der glühendsten Leidenschaft an. Er war wenigstens ein verliebter junger Mann.

„Sie dürfen,“ drückte sie ihm zärtlich die Hand wieder.

Sie fuhren zur Stadt.


3. Eine Diebin?

Sie waren nach Hause zurückgekehrt. Die schöne Wittwe war mit dem Grafen Ottomar im Salon. Sie hatte wohl Gründe gehabt, mit ihm allein zu sein, und hatte der Schwester einen Wink gegeben; diese hatte den Salon verlassen. Henriette saß in dem Boudoir ihrer Schwester. Sie war allein dort und träumte. Es ist ein eigen Ding um ein junges Mädchenherz. „Es ist garstig von ihm!“ hatte sie für die Schwester gesagt, von dem alten Grafen, der so adelstolz war. „Es ist sehr garstig von ihm!“ sagte sie jetzt, recht ärgerlich und recht verdrießlich, und sie dachte wohl nicht an ihre Schwester, sondern träumte von ganz andern Dingen.

Der junge Graf hatte auf dem Rückwege zu der Stadt nicht immer glühende Blicke auf die schöne Frau geworfen. Er hatte bald auch Zeit zu einem sinnigen Betrachten des schönen, sanften und bescheidenen Wesens an ihrer Seite gehabt. Und dann hatte er sie nach Mancherlei und Allerlei fragen müssen: Wo sie bisher gelebt habe, bei welchen Leuten, in welchen Verhältnissen, womit sie sich besonders beschäftigt habe?

„Wie? Mit Schneidern und Putzmachen?“

Die schöne reiche Wittwe wurde glühend roth; sie wußte ihre Augen nicht zu lassen. Das einfache Mädchen aber fand in der Frage nichts.

„Es war keine schwere Arbeit,“ sagte sie, „und ich verdiente genug damit.“

„Wie? Für Ihren Unterhalt mußten Sie arbeiten?“

„Nun ja.“

Die Wittwe war leichenblaß geworden, und sie mußte so wohl nicht schön und reizend sein. Der Blick des Grafen hatte sie getroffen, aber er schien nicht gern auf ihr verweilen zu wollen. Er kehrte zu dem einfachen Mädchen zurück, das in ihrer freundlichen Bescheidenheit doppelt schön war.

Das Alles, oder viel davon, mochte ihr Träumen ihr wiederholen, mit manchem Anderen dazu. „Sehr garstig war es von ihm!“ hatte sie wiederholt. „Und sie ist so reich,“ sagte sie weiter, „so schön, so sehr schön. Und ich bin ein armes Mädchen, das nichts hat, das schneidern und Putz machen muß, um zu leben, und ihm war der Gedanke daran schon unangenehm; man sah es ihm deutlich an. Ach, es ist doch wohl recht traurig, ein armes Mädchen zu sein!“

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür des Boudoirs, langsam und leise, wie am Nachmittage, als die Madame Rother sich im Spiegel bewundert hatte. Es trat auch wieder ein blasser, abgehärmter Mann in das Zimmer, aber jetzt mit fast entstellten Zügen, mit Blicken, aus denen Verzweiflung und ein Entschluß der Verzweiflung sprach. Er machte die Thür wieder hinter sich zu. Dann erst sah er sich in dem Zimmer um. Er sah das Mädchen; er stutzte.

Henriette hatte ihn mit Schrecken eintreten sehen. Es war schon dunkler Abend. Im Hause war Alles still gewesen. Auf einmal war ein fremder Mensch bei ihr, mit jener Miene eines unheimlichen verzweiflungsvollen Entschlusses. Sie war allein und war aufgesprungen. Sie wollte fliehen. Hülfe rufen. Der Fremde vertrat ihr den Weg. Da erkannte er sie aber auch.

„Henriette, Du hier?“ [515] Und auch sie erkannte jetzt den Bruder. Die Geschwister hatten sich seit Jahren nicht gesehen. Beide hatten sich unterdeß verändert. Sie war erwachsen geworden, er unglücklich. Aber es war keine Zeit, sich davon zu unterhalten.

„Wo ist Charlotte?“ rief leidenschaftlich der Bruder.

Gegen sie mußte er etwas im Sinne haben. Das Mädchen erschrak von Neuem.

„Was willst Du von ihr?“

„Hat sie es Dir nicht gesagt?“

„Sie hat mir nichts von Dir gesagt.“

„Die Geizige! Die Unnatürliche! So will ich es Dir sagen. Höre mir zu; höre aber auch Alles, auch von mir. Ich hatte Schulden und wurde gedrängt. Da ließ ich mich verleiten, die mir anvertraute Gerichtscasse anzugreifen. Uebermorgen wird sie revidirt. Ich bin verloren, wenn ich bis dahin das Geld nicht habe, verloren mit meinem armen Weibe, mit meinen drei kleinen Kindern. Ich eilte hierher, zu der Schwester. Sie gebietet über Hunderttausende, über eine halbe Million. Sie wollte mir das Geld nicht geben und stieß mich zurück. Sie gibt für ein Kleid morgen vielleicht das Doppelte aus, für das Elend ihres Bruders hat sie keinen Groschen. So war sie schon lange, so war sie immer, Verschwenderin für sich, ein herzloser Geizhals für Andere, für Alle, für ihre nächsten Verwandten, für sie am meisten. Ich bat sie, ich flehte sie an und lag vor ihr auf den Knieen, hier, auf dieser Stelle: sie stieß mich von sich. Sie hat Tausende in diesem Secretair liegen für ihr Vergnügen. Sie ließ mich in Verzweiflung gehen. Ich wollte mir das Leben nehmen und konnte nicht. Was soll aus meinem Weibe, was soll aus meinen Kindern werden? Ich bin noch einmal hierher zurückgekehrt. Ich mußte es um der Armen willen. Ich muß sie noch einmal bitten. Wo ist sie? Führe mich zu ihr.“

Henriette war bleicher geworden, als ihr Bruder. Wohl nicht blos über sein Unglück.

„Mein Gott, mein Gott!“ rief sie. „Die Schwester wollte dem Bruder nicht helfen? Charlotte Dir nicht? Ist es denn möglich?“

„Dem Geize ist das Entsetzlichste möglich.“

Sie konnte es noch immer nicht begreifen.

„Sie hatte vielleicht einen Grund?“

„Sie hatte nur Vorwürfe. Und Du sollst Alles wissen. Ja, ich war früher ein Spieler, und sie hat mir schon zwei Mal aus der Noth geholfen. Aber schon seit länger als einem Jahre habe ich keine Karte mehr angerührt, und was sie mir gegeben hat, es waren nicht volle zweihundert Thaler.“

„Und wie viel mußt Du jetzt haben, Bruder?“

„Ich mußte sie um dreihundert Thaler bitten. Es sind alte Schulden, die ich nicht abbezahlen konnte. Meine Frau war krank, meine Kinder, zuletzt ich selbst, vor Gram und Sorgen.“

Dem Mädchen flössen die bittern Thränen aus den Augen. „Ach, die Armuth ist doch schwer!“ Es ist traurig, ein armes Mädchen zu sein, sagte sie nicht. Ihr mitleidiges Herz dachte in diesem Augenblicke an nichts weniger, als an sich selbst und an einen jungen, schönen, reichen Grafen. Aber einen Plan hatte sie für den unglücklichen Bruder gemacht.

„Die Schwester hat Dir Deine Bitte entschieden abgeschlagen?“

„Sie schwor, mir keinen Groschen zu geben, und berief sich sogar auf ihr Gewissen. O, dieses Gewissen des Geizes!“

„So werden, wie Du sie beschreibst, auch Deine ferneren Bitten bei ihr vergeblich sein. Laß mich für Dich bitten. Sie soll mir das Geld geben und wird es. Gehe Du unterdeß in mein Zimmer. Folge mir. Ich führe Dich hin.“

Er machte keine Einwendungen und schöpfte neue Hoffnung. Sie führte ihn in ihr Zimmer. Dann kehrte sie in das Boudoir der Schwester zurück und klingelte der Kammerjungfer.

„Bitten Sie meine Schwester, einen Augenblick hierher zu kommen. Ich habe sehr dringend mit ihr zu sprechen.“ – „Sie wird, sie muß!“ mit diesen Worten ging sie, dennoch zweifelnd und zagend, im Zimmer umher. „Er ist ja ihr leiblicher Bruder!

Aber wenn er auch nur ein Fremder wäre – er ist im Unglück. Ich gäbe meinen letzten Pfennig, und sie ist so reich! Gewiß, Theodor hat Recht, gewiß hat sie Tausende in diesem Secretair liegen.“

Sie trat an den Secretair, der in dem Zimmer stand, und blieb sinnend vor ihm stehen. Ihre Schwester trat ein. Das schöne Gesicht war wieder blendend, bezaubernd schön. Süßes Plaudern der Liebe hatte es wohl wieder verschönt. Aber es zeigte Unmuth, es war dem süßen Plaudern entrissen, und gar durch die „Perle“, auf der in so bedenklicher Weise das Auge des Geliebten geruht hatte.

„Was willst Du?“ fragte sie kurz.

„Charlotte, unser Bruder Theodor war hier.“

Nichts entflammt, nächst der Eifersucht, leichter zum Zorn, als der Geiz.

„Schon wieder? Der Elende! Er wagte es?“

„Er ist ein Unglücklicher, Schwester!“

„Ein Elender, ein Spieler, ein frecher Schuldenmacher.“

„Aber jetzt im Unglück, im tiefen Unglück, mit einer kranken Frau und drei kleinen Kindern.“

„Warum hat er sich hineingestürzt? Sprich kein Wort mehr von ihm.“

„Schwester, er ist in Verzweiflung. Er wollte sich das Leben nehmen.“

„Mag er. Es ist das Beste, was er –“ Sie sprach das Wort doch nicht aus. Sie konnte es nicht.

„Charlotte, um Gotteswillen!“ schrie das entsetzte Mädchen auf.

„Genug, ich will nichts mehr von ihm wissen.“

„Dn kannst ihn retten. Er bedarf nur dreihundert Thaler.“

„Nur? Ist es vielleicht für Dich eine solche Kleinigkeit?“

„Aber für Dich, Schwester. Du hast in diesem Secretair vielleicht das Zehnfache liegen.“

„Ach, Du hast wohl schon spionirt?“

Sie ging rasch an den Secretair. Der Schlüssel steckte darin. Sie machte Miene, ihn herauszuziehen, doch sie that es nicht und schien sich der Schwester gegenüber zu schämen.

„Er bekommt keinen Groschen von mir,“ sagte sie. „Ich habe es geschworen. Dabei bleibt es!“

„Aber mir gibst Du es, liebe Schwester –?“

„Dir? Ei, sehe Einer! Niemandem. Und Du, merke es Dir, Du bist aus meiner Gnade bei mir!“

Sie verließ das Zimmer, stolz, hochmüthig, zornig, aber nicht schön. Und doch! Es gibt kein härteres Herz, als das des Geizes und der Eitelkeit. Als sie die Thür hinter sich zumachte, war ihr Gesicht schon wieder glatt, und sie konnte selbst die dunkle Röthe des Zornes daraus verbannen. So kehrte sie zu dem süßen Liebesgeplauder mit dem jungen Grafen zurück. Die arme Henriette stand fast erstarrt in dem Zimmer. Ihr Gesicht war heiß. Ihre Augen hatten keine Thränen mehr.

„Ist das möglich?“ mußte sie ausrufen. „Gibt es solche Menschen? Kann so eine Schwester sein? Und es ist meine Schwester!“

Ein Strom von Thränen stürzte doch wieder aus ihren Augen. Aber sie mußte an den Bruder denken.

„Ist er denn gar nicht zu retten? O, wie hart ist die Armuth! Aber ist der Reichthum nicht noch härter? Sie gibt ihm nichts – ich habe nichts – habe ich wirklich nichts?“

Sie erschrak plötzlich, denn sie stand vor dem Secretair, in dem der Schlüssel steckte und in dem Geld sein mußte, mehr an Tausenden, als ihr Bruder an Hunderten bedurfte. Sie warf einen Blick auf das Behältniß, auf das Schloß, auf den Schlüssel. Sie erschrak vor dem Blick, den sie hinwarf, vor dem Gedanken, der den Blick geleitet hatte.

„Mein Gott, was wollte ich? Nein, nein!“

Sie trat von dem Secretair zurück und warf sich auf ein Sopha, laut weinend, das Gesicht mit den Händen bedeckend.

„Der arme Bruder! Er verliert sein Amt. Er wird sich das Leben nehmen, und seine Frau, seine Kinder werden betteln müssen. Und sie ist so reich! Und hier, wenige Schritte von mir–“

Der Versucher trat wieder an sie heran. Es war der Versucher des Mitleids, der Liebe, des edelsten Mitleids, der reinsten Geschwisterliebe. Es war dennoch der Versucher des Bösen, der Sünde, der Unredlichkeit, des Verbrechens. Sie nahm die Hände von dem Gesichte und warf den Blick wieder zu dem Geldbehälter, zu dem Schlüssel darin. Sie sprang auf, ging hin und blieb stehen.

Sie streckte die Hand aus, den Schlüssel umzudrehen. Ihr Gesicht war wieder glühend heiß, ihre Augen waren nieder trocken geworden. Aber noch einmal rief sie: „Nein, nein! Ich kann es nicht. Ich kann keine Diebin werden.“ Sie zog die Hand zurück und warf sich wieder auf das Sopha. Wieder mußte sie laut weinen. [516] „Ich kann es nicht. Ich war immer ein ehrliches Mädchen. Das ist ja Alles, was ich in der Welt habe. O Gott, o Gott, stehe mir bei – und ihm!“

Sie weinte bitterlich und faltete die Hände. Die Thränen fielen auf dieselben. Es war ein furchtbarer Kampf, den das unglückliche Kind kämpfte. Was sollte in dem Kampfe siegen? Die Ehrlichkeit des armen Mädchens, die nichts hatte, als ihre Ehrlichkeit, oder jener Versucher des Mitleids und der Liebe? Gott behüt’ in Gnaden einen jeden Menschen vor einem ähnlichen Kampfe. Das Bild des Bruders trat wieder vor sie, vor ihre heißen, trockenen Augen, in ihre bitteren Thränen.

„Er ist verloren und geht mit Frau und Kindern zu Grunde.“

Und an der Hand des Unglücklichen stand immer wieder der Versucher. Er kam schon mit seinen Vorwänden, mit seinen Ausreden, seinen Scheingründen.

„Nur ich kann ihn retten. Ich muß es, denn es ist ein gutes Werk. Er darf keinen Selbstmord begehen. Und ich werde ja auch ihre Wohlthäterin. Sein Blut würde über sie kommen, und sie würde keine ruhige Stunde mehr haben. Sie ist nur gerade heute bei übler Laune gewesen. Morgen wird sie mir Dank wissen, daß ich ihn und sie gerettet habe. Sie ist ja so reich und entbehrt ja nichts. Und können denn am Ende Geschwister gegen einander einen Diebstahl begehen? Wenn ich so reich wäre, sie könnte mir Alles abnehmen.“

Sie sprang wieder von dem Sopha auf und erhob wieder den Schritt zu dem Secretair hin. Aber eine ungeheure Angst ergriff sie. Ihr ganzer Körper zitterte, und die Kniee droheten zusammenzubrechen.

„Diebin! Diebin!“ rief es in ihr. Ihr laut und bang klopfendes Herz rief es.

„Du mußt ihn retten!“ rief eine andere Stimme in ihr, auch ihr Herz, das wild, das ängstlich wild klopfende Herz. Nein, nicht in ihr rief diese Stimme. Hinter ihr rief es so. Der Versucher stand hinter ihr, unmittelbar hinter ihr. Sie fühlte seinen Athem in ihrem Nacken; es lief ihr kalt den Nacken hinunter.

„Du mußt, Du mußt! Du kannst nicht anders!“

Ihre Sinne verwirrten sich.

– – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – –

Zehn Minuten später stürzte sie aus der Thür des Boudoirs.

Ihr Gesicht war leichenblaß. Ihr Augen starrten wie verglaset.

Als sie in den hellerleuchteten Corridor trat, stand Jemand vor ihr. Es war der Graf Ottomar von Hochstadt, der in dem Augenblick aus dem Salon der schönen Wittwe gekommen war und das Haus verlassen wollte. Er sah das leichenblasse Gesicht, die erloschenen Augen.

„Um Gotteswillen, was ist Ihnen?“

„Nichts, nichts!“

Sie wollte fortstürzen, entsetzt, von einem wilden Geiste gejagt. Er ergriff ihre Hand. Er hielt sie. Er hatte eine eiskalte Hand gefaßt, an der jeder Nerv, jeder Muskel bebte, flog.

„Was ist hier vorgefallen? Was ist Ihnen begegnet?“

„Lassen Sie mich! Lasten Sie meine Hand los. Ich bin eine–“

Sie konnte das Wort nicht aussprechen. Sie riß die Hand aus der seinigen. Sie stürzte fort. Er sah ihr verwundert, besorgt nach. Aber sie war ja bei ihrer Schwester, und er war in einem fremden Hause. Er durfte ihr nicht folgen. Er ging weiter und verließ das Haus.

Welches Wort hatte die Unglückliche nicht aussprechen können? War sie eine Diebin, die keines ehrlichen Mannes Hand mehr berühren durfte? Und die Hand des Mannes hatte sie gedrückt, dessen erster Anblick ihr schon einen so sonderbaren Stich in das Herz gegeben hatte! An ihn hatte sie während jenes furchtbaren Kampfes nicht gedacht. Sollte seine Hand sie nie wieder berühren dürfen?

4, Die Verurteilte.

Es war sechs Wochen nach den erzählten Begebenheiten.

Aber für das, was ich jetzt weiter zu erzählen habe, muß ich eine Bemerkung, eine ausdrückliche Versicherung vorausschicken. Es wird manchem Leser und besonders mancher Leserin unglaublich, psychologisch unmöglich vorkommen. Allein – es thut mir leid für meine freundlichen Leserinnen – gerade das, was sie als unmöglich für ein menschliches, besonders für ein Frauenherz möchten halten wollen, halten müssen, es ist wörtlich wahr.

Die Thüren des großen Schwurgerichtssaals der reichen Handelsstadt wurden geöffnet. Eine ungeheure Menge von Menschen strömte in den Saal. Sie waren aus allen Classen, und aus der vornehmeren Classe war die Zahl der Damen vorherrschend, – wie gewöhnlich, seitdem wir in Deutschland die Schwurgerichte haben. Bei den öffentlichen Hinrichtungen überwiegt die Zahl der Frauen aus den unteren Classen, in den öffentlichen Schwurgerichtssitzungen die der vornehmeren Damen. Wäre es auch ein Unterschied des Geschmacks? Ein Unterschied der sittlichen Bildung möchte wenigstens nicht zu erkennen sein. Auch die Geschworenen fanden sich ein, und der Staatsanwalt, und der Gerichtshof. Dann die Zeugen. Es waren ihrer nur wenige. Desto mehr Interesse erregten sie. Eine schöne, stolze, reichgekleidete Dame war die erste.

Ihre Schönheit hatte heute den Ausdruck einer großen, fast verletzenden, abstoßenden Strenge. Sie wurde mit vieler Neugierde betrachtet, aber Theilnahme lag in der Neugierde nicht.

„Es ist die reiche Frau Rother,“ flüsterte man im Zuschauerraume. „Die schöne Frau Rother,“ setzten Manche hinzu.

Ihre Kammerjungfer folgte. Es war eine gewöhnliche Zofe. Aber dann kam ein hochgewachsener junger Mann von vornehmer Haltung.

„Der Graf Ottomar von Hochstadt,“ hieß es unter den Zuschauern.

Ein Stuhl neben der ersten Zeugin, der Frau Rother, war leer geblieben. Die Kammerjungfer hatte ihn aus Respect vor ihrer Herrin nicht eingenommen. Der Graf hätte ihn einnehmen müssen. Er ging daran vorbei, an ihm und an der Dame, mit stolzem, kaltem, gemessenem Wesen. Vor der Dame verbeugte er sich leicht, fast ohne sie anzusehen. Das Gesicht der schönen Frau wurde kreideweiß. Was war das? In dem Publicum schienen es Manche zu wissen. Sie warfen sich Blicke zu, die aussprachen: Ja, es ist richtig.

„Gerichtsdiener,“ befahl der Präsident des Schwurgerichts, „führt die Angeklagte ein.“

Der Gerichtsdiener entfernte sich, dem Befehle nachzukommen. In dem Saale gab sich erhöhtes Interesse kund. Alle Blicke waren nach der Thür gewandt, durch welche der Gerichtsdiener zurückkehren und mit ihm die Angeklagte eintreten mußte. Der Gerichtsdiener führte ein junges Mädchen herein. Es war eine feine Gestalt. Ihr Gesicht war leichenblaß, aber es zeigte trotz der Blässe die Sanftmuth, die Bescheidenheit, die Ehrlichkeit, den ganzen edlen Sinn, die volle Unschuld des Herzens, das in diesem feinen, zarten Körper wohnen musste. Sie trat zitternd ein, mit tief niedergeschlagenem Blick. Es sah wohl wie eine lächerliche Farce aus, daß ein Gensd’arm, bis an die Zähne bewaffnet, ihr auf dem Fuße folgen mußte. Sie war einfach gekleidet, mehr dürftig als einfach.

„Es ist die Schwester der reichen Frau Rother,“ flüsterte es durch jede Bank des Zuschauerraumes.

Es war Henriette Grone, die arme Schwester der reichen Madame Rother. Sie trug das ärmliche Reisekleidchen, in dem sie sechs Wochen vorher bei ihrer Schwester angekommen war.

Hatte sie das abgelegte Kleid der reichen Wittwe nicht wieder anlegen mögen? Henriette Grone saß als Diebin auf der Anklagebank. Ihre Schwester, die reiche Frau Rother, war die Bestohlene.

((Schluß folgt.))




Erst beten!

Aufmerksame Besucher der Museen und Gemäldeausstellungen werden sich, sehen sie einen Trupp stilllächelnder Frauen und Mädchen in der Anschauung eines Kunstwerks versunken, fast niemals täuschen, wenn sie vor der Versammlung ein Meyer’sches oder Meyerheim’sches Genrebild vermuthen. Die künstlerischen Gestaltungen einer zufriedenen und glücklichen Häuslichkeit, eines betenden Kindes, einer lehrenden Großmutter, eines durch Garnwickeln gebändigten Buben, und wie die Sujets noch alle heißen mögen,

[517]
Die Gartenlaube (1860) b 517.jpg

Erst beten!.
Originalgemälde von Otto Mengelberg.

welche die beiden obengenannten Künstler auf eine so reizende, namentlich das Mutterherz so sehr ansprechende Weise zur Darstellung brachten, üben auf Alle, welche noch Sinn für das Innige und Anheimelnde des Familienlebens haben, einen ungemein wohlthuenden und erfrischenden Eindruck. Meyer’s und Meyerheim’s Bilder finden sich deshalb auch in schlechten und guten Nachbildungen in vielen tausend deutschen Familienzimmern und sind dort wegen ihrer Treue und Naturwahrheit Lieblinge Aller geworden.

Als Dritter in diesem Bunde ist vor Kurzem der Düsseldorfer Maler Otto Mengelberg mit dem reizenden Bilde „Erst [518] beten!“ aufgetreten. Das Gemälde, von dem wir mit Genehmigung des Herrn Mengelberg eine Nachbildung geben, macht augenblicklich in einer von dem Künstler selbst gefertigten Copie die Rundreise durch die deutschen Ausstellungen und findet überall durch die Innigkeit und Naivetät seiner Auffassung, durch die edle und einfache Composition und durch sein klares Colorit allgemeinen Beifall. Es trägt so durch und durch den Stempel des deutschen Gemüths an sich, daß es schon deshalb in allen Kreisen unseres Vaterlandes sehr ansprechen muß.

Der Künstler versetzt uns in eine einfache ländliche Wohnstube. Eine junge Bauerfrau sitzt mit dem Strickstrumpf in der Hand an dem bereits halb abgedeckten Tische, an dem sie selbst, vielleicht mit ihrem Manne, den die Arbeit wieder in’s Feld gerufen, eben ihre Mahlzeit gehalten hat. Der etwa zweijährige Knabe, jedenfalls kurz vorher aus der Wiege genommen, steht halbangekleidet (sein Kittelchen hängt über der Stuhllehne) auf einem kleinen Stuhle, sein Peitschchen liegt auf dem Tische, und eben ist sein Spielcamerad, das Hündchen mit der Schnur um den Hals, ebenfalls auf den Stuhl gesprungen, den verlangenden Blick auf die Schüssel gerichtet. Das Kind hatte schon zugegriffen; denn an dem Löffel, den es zwischen den nun gefalteten Händchen hält, ist etwas vom Milchbrei hängen geblieben. Aber die Mutter hat dem weiteren Schnabeliren des Söhnleins, mit der Hand das Tellerchen bedeckend und mit der freundlichen Warnung „Erst beten!“ einstweilen ein Ziel gesetzt, und so schaut denn der kleine Blondhaarige mit den hellen glänzenden Augen halb schelmisch, halb fromm verschämt zur Mutter hin, um sein Gebetlein, vielleicht das zur Situation passende „Laß, o Jesu, bei dem Essen uns doch Deiner nicht vergessen“, zu lallen.

Ob und wie weit die Gedanken des Kindes bei dem Gebet sind, und ob die Süßigkeiten des zu erwartenden Milchbreis für diesen Augenblick nicht alle gottesfürchtigen Gefühle in den Hintergrund drängen – das mögen die Leser der Gartenlaube aus dem Gesichte des Kleinen entziffern, dessen Bausbacken einen sehr gesunden Appetit und einen durch Nichts gestörten Stoffwechsel andeuten. Je länger man das Bild anschaut, je mehr tritt die Innigkeit des Gefühls und die Wahrheit, mit der es gemalt, glänzend hervor.

Mengelberg’s (geb. 1817 in Düsseldorf) Kunstrichtung war bisher eine streng biblisch-religiöse. Seine Gemälde aus dem neuen Testament sind gläubig erdacht und tief empfunden, die Darstellung ist edel und würdig, und selbst die strengste Kritik ist darüber einig, daß seine Bilder erhebend auf die Seele des Beschauers wirken. Die bedeutendsten darunter sind: „Der Tod Mosis“ für den rhein.-westph. Kunstverein; „Judith“ für denselben; eine Wiederholung desselben für den König von Hannover; nach derselben ist eine Lithographie als Vereinsblatt des hannöv. Kunstvereins erschienen; „der Erzengel Michael den Satan stürzend“, großes Bild für die Apostelkirche in Köln; „Kaiser Heinrich IV.“, ganze Figur in Lebensgröße für den Römer in Frankfurt a. M.; „Lorelei“, im Besitze Sr. Majestät des Königs von Preußen; „Ecce homo“ für den kölnischen Kunstverein; „der verlorne Sohn“, großes Bild für den rhein.-westphäl. Kunstverein; „die Buße Petri“ für den kölnischen Kunstverein; „Ecce homo“ für den König von Preußen, befindet sich in der H. Geistkirche zu Frankfurt a. d. O. Die Skizze dazu war an den „Verein der Kunstfreunde im preußischen Staate“ (Berliner Kunstverein) verkauft. Der König gewann dieselbe bei der Verloosung und bestellte darauf das lebensgroße Bild. Ferner „Melanchthon“, gemalt als Geschenk für den alten Pfarr-Jubilar Heilmann in Crefeld auf Bestellung der Gemeinde. Lessing sollte es malen, da er jedoch keine Zeit hatte, so empfahl er Mengelberg dazu. Dann „Christus in Gethsemane“, kleines Bild für den Kunstverein in Christiania, später als Folge gewonnener Concurrenz in anderer Weise lebensgroß ausgeführt für die Kirche zu Hirschberg in Schlesien. Sein neuestes Bild ist unser heutiges: „Erst beten!“

Mit einem schönen Talente als Künstler verbindet Mengelberg eine tüchtige wissenschaftliche Bildung und ein ganz besonderes Talent zur Heranbildung von Schülern. Sein richtiges schnelles Urtheil, die Gabe, dasselbe wohl und überzeugend zu begründen und die feinsten Nüancirungeu der Gedanken und Empfindungen in Worten wiederzugeben, sowie das Talent, sich in alle möglichen Charaktere und ihre Bildungsstufen hineinzufinden, um daran anknüpfend seine Wirksamkeit als Lehrer zu fördern, machen ihn dazu vorzüglich geeignet. Mengelberg übt durch alle diese Eigenschaften einen bedeutenden anregenden Einfluß auf einen großen Theil der Düsseldorfer Künstlerschaft.

Für Freunde eines guten Zimmerschmuckes haben wir schließlich noch zu bemerken, daß unser heutiges Genrebild „Erst beten!“ auch in einer vortrefflichen Lithographie (à 1½ Thaler) existirt, die durch die Gestewitz’sche Kunsthandlung in Düsseldorf zu beziehen ist.




Die deutschen Demagogen-Untersuchungen.[1]
II.

Mitten unter allen Verfolgungen der zwanziger Jahre hatten sich die Burschenschaften auf vielen Hochschulen erhalten, oder es waren neue entstanden. Man konnte sie jetzt insofern geheime Verbindungen nennen, als sie sich aus sehr begreiflichen Gründen vor den Behörden versteckten. In der Studentenwelt waren ihre Mitglieder übrigens alle bekannt, und jeder Pedell, jeder Professor wußte, wer die Leute waren, die mit deutschen Röcken und mit schwarzen Mützen, an deren unterem Rande eine rothe Litze schüchtern hervorblickte, in den Straßen umhergingen. Jedes Kind konnte ihre Versammlungsorte nachweisen, der Burgkeller in Jena hatte als Burschenschaftskneipe sogar einen Ruf in ganz Deutschland. In den Verfassungen der Burschenschaften war eine Aenderung eingetreten, die man bei den spätern Untersuchungen sehr hoch angeschlagen hat. Es gab jetzt eine engere und eine weitere Verbindung. Daraus folgerte man nach dem Inquisitionsprincip, daß die engere Verbindung die fertigen, die weitere Verbindung die angehenden Demagogen enthalten habe. Dieser Schluß war indessen ein grundfalscher. Mit der engeren und weiteren Verbindung ahmte man den Unterschied nach, den die Landsmannschaften aller Hochschulen zwischen „Corpsburschen“ und „Renoncen“ machten.

Eine Spaltung, die nach der Mitte der zwanziger Jahre in der Burschenschaft entstanden war, müssen wir ebenfalls erwähnen, da sie bei der zweiten großen Demagogenhetze eine gewaltige Rolle gespielt hat. Die Burschenschafter theilten sich jetzt in Germanen und Arminen, und beide Parteien haßten sich mit einer Bitterkeit, die so weit ging, daß die Germanen, der Zahl nach der schwächste, aber der geistig regsamste und zugleich schlagfertigste Theil, regelmäßig mit den Landsmannschaften gegen die Arminen zusammenhielten. Jene Spaltung war in Erlangen auf eine seltsame Weise entstanden. Die Erlanger Studenten sind von jeher in der Theologie und im Biertrinken stark gewesen. Nun hatte einer von ihnen gefunden, daß einer der großen oder der kleinen Propheten (Jesaias, wenn mein Gedächtniß mich nicht täuscht) die Burschenschaft vorher verkündigt habe. Er eilte mit der frohen Kunde auf die Verbindungskneipe, aber dort gab es Gegner der Auslegung, aus deren Mitte ein sehr starkes Wort fiel. Die Gläubigen erklärten die Ungläubigen in Verruf, und es erfolgte eine Trennung in zwei Verbindungen, die sich nicht aus religiösen, wohl aber aus studentischen Gründen auf verschiedene Hochschulen übertrug. Die Arminen repräsentirten die alte Burschenschaft namentlich in dem Punkte, daß sie außer sich, da die Burschenschaft die Allgemeinheit der Studentenschaft sei, keine Verbindung anerkannten. Die Germanen ließen diese Anmaßung fallen, um mit den Landsmannschaften auf einem geregelten und anständigen Fuße verkehren zu können. Jeder Theil wußte noch andere Unterschiede hervorzuheben. Der Germane gab seinem feindlichen Bruder anzuhören, daß der Armine ein Mucker und Kopfhänger sei, der Armine antwortete mit dem Vorwurfe, daß der Germane drei Götter neben einander habe: Mars, Bacchus und Venus.

Als die Julirevolution im deutschen Volke und mithin auch auf den Hochschulen eine große Gährung hervorrief, bildete sich in den Burschenschaften eine Art von politischem Leben aus. Man [519] nahm lebhaft an allen Vorgängen Theil, man sammelte für die Polen und belheiligte sich an öffentlichen Versammlungen und Vereinen. Der Gedanke der deutschen Einheit wurde lebhaft aufgegriffen, ohne daß er übrigens eine bestimmte Form annahm. Man dachte wohl an Preußen, aber nicht an Preußen, wie es war, sondern an Preußen, wie es sein konnte und sein sollte. Bei den Unruhen jener Zeit war kein Burschenschafter thätig. Ein äußerst komischer Aufstandsversuch in Jena ging von einigen Bürgern und einem Landsmannschafter aus. Die Burschenschafter griffen zu den Schlägern, um sie für die Regierung zu gebrauchen. Als dann der Göttinger Aufstand kam, waren es wieder Landsmannschafter, welche im Verein mit Bürgern das Signal gaben. Obgleich Jedermann dies wußte, warf die Polizei die Schuld dennoch auf die Burschenschaften, die weiter nichts gethan hatten, als mit allen übrigen Studenten zusammen eine Sicherheitswache zu bilden. Das Verstecken hörte jetzt völlig auf. Wenn Baiern auch der einzige Staat war, wo Arminen und Germanen mit obrigkeitlicher Genehmigung bestanden, so traten die Burschenschaften doch überall so offen auf, daß nur der Unverstand oder die Böswilligkeit sie als geheime Verbindungen bezeichnen konnte.

Das Jahr 1830 hatte die Zahl der konstitutionellen Staaten in Deutschland um Sachsen, Hannover, Kurhessen und Braunschweig vermehrt. Das politische Leben war ein lebhafteres geworden, die Liberalen benutzten die Rednerbühnen der Kammern und die Zeitungen. Es fanden Versammlungen statt, bei denen die schwarzrothgoldene Fahne zum ersten Male sich zeigte, und der Einheitsgedanke begann tief in’s Volk einzudringen. Dieses Alles beunruhigte die Reaction nicht wenig, und namentlich kam Preußen angesichts so vieler konstitutioneller Staaten mit seiner Nichterfüllung des dreizehnten Artikels der Bundesacte stark in’s Gedränge. Da man in Berlin keine Verfassung geben wollte, so hatte Metternich mit seinen gegen das westliche Deutschland gerichteten Einflüsterungen leichtes Spiel. Der Beschluß, das konstitutionelle Leben zu erschlagen, wurde gefaßt und ausgeführt. Die Bundesbeschlüsse vom 28. Juni, 3. Juli und 5. Juli 1832 erschienen. Sie richteten sich wie gewöhnlich gegen die Hochschulen, insbesondere gegen die Burschenschaft, aber auch gegen das gesammte öffentliche Leben der Nation, gegen die Presse, gegen das Vereinsrecht, gegen die Ständekammern und die Öffentlichkeit ihrer Verhandlungen. Es ist ein sehr mildes Urtheil, wenn Ilse in seiner Geschichte der politischen Untersuchungen über diese Beschlüsse sagt: „Nicht nur das Tadelnswerthe wurde beseitigt, sondern die Mittel zur politischen Entwickelung Deutschlands selbst sollten dem Volke genommen werden.“

Der Gegenschlag war der Frankfurter Aprilaufstand von 1833. Daß die verhaltnißmäßig wenigen Burschenschafter, die daran Theil genommen hatten, Hochverräther waren, unterliegt so wenig einem Zweifel, als daß diejenigen von ihnen, welche einige Monate vorher auf dem Burschentage zu Stuttgart den Anschluß an die Revolution verabredet hatten, dem Gesetz verfielen. Sich auf die Bestrafung dieser Schuldigen zu beschränken, lag nicht im Sinne der Reaction. Sie wollte einen großen Schlag führen, der die ganze liberale Partei treffe und die Burschenschaft bis auf die letzte Wurzel vertilge. Je mehr Leute man in den Riesenproceß, der beabsichtigt wurde, verwickelte, um so mehr hatte man den Schein für sich, wenn man den guten Deutschen vorstellte, wie unzertrennlich der Mißbrauch von der Freiheit und welche üppige Saat von Verbrechen in den beiden Jahren aufgeschossen sei, in denen das Volk der Wohlthat einer durchgreifenden polizeilichen Leitung entbehrt habe.

Da nach einem System gehandelt werden sollte, so empfahl sich die abermalige Einsetzung einer Bundesbehörde, welche alle Fäden in der Hand halte und die Triebfeder der Untersuchungen sei. Am 30. Juni 1833 wurde dieser Beschluß gefaßt und die Regierungen von Oesterreich, Preußen, Baiern, Würtemberg und Hessen-Darmstadt beauftragt, die Mitglieder der Bundescentralbehörde zu wählen. Man gab der letztern nicht blos dieselben Befugnisse, wie der Mainzer Commission, sondern viel weiter gehende. Faßt man alle diesen Gegenstand betreffenden Bundesbeschlüsse zusammen, so erhält man folgendes Resultat: Die Landesregierungen wurden aufgefordert, bestimmte Landesbehörden mit der Untersuchung und Urtheilsfällung zu beauftragen, also Specialgerichte mit völligem Ausschluß der Geschworenen, wo es solche gab, einzusetzen. Diese Gerichte wurden angewiesen, der Centralbehörde des Bundes schleunigst und sorgfältigst Alles, was sich auf die Untersuchungen beziehe und zu ihrer Kenntniß gelange, mitzutheilen und den Requisitionen derselben, welche die Ausmittelung des Thatbestandes, des Ursprungs und der Verzweigungen des Complots betrafen, unverzüglich und vollständig zu genügen. Der Centralbehörde des Bundes wurde die Befuguiß beigelegt, an alle Orte, wo solche Untersuchungen im Gange seien, eines ihrer Mitglieder abzuordnen, um die Acten einzusehen und den Verhören der Angeschuldigten beizuwohnen. Die Centralbehörde sollte endlich Anträge über die Leitung und Beförderung der Untersuchungen stellen, die Thatsachen aufklären, die Urheber und Theilnehmer ermitteln und hiermit Anträge wegen gründlicher Hebung des Uebels verbinden dürfen.

Es ist merkwürdig, daß die empfindliche Eifersucht, mit der die meisten deutschen Regierungen jedes Stückchen ihrer Sonverainetät bewachen, bei dieser Gelegenheit in tiefem Schlafe lag. Man gestattete einer Bundesbehörde Eingriffe in den Gang der eigenen Justiz, die sich bis zur persönlichen Ueberwachung der Gerichte steigern durften, ja, man wies die eigenen Behörden an, ehe sie ein Urtheil fällten, die Acten der Centralbehörde einzusenden. Somit verletzten die konstitutionellen Regierungen der genannten Länder ihre Verfassungen in demselben Augenblicke, in dem sie gegen Verfassungsverletzungen, die von Staatsbürgern begangen worden waren, mit äußerster Strenge einzuschreiten sich anschickten.

Die Centralbehörde hat bis zum Jahr 1842 bestanden. In diese neun Jahre fällt eine Demagogenhetze, wie sie in Deutschland noch nicht dagewesen war. Die Zahl der angeklagten Burschenschafter wird auf 1300 angegeben, und die Verfolgung erstreckte sich auf Germanen, wie auf Arminen, auf Studenten, wie auf solche, die, seit Jahren im Amt, dem Staat ihre Kräfte widmeten und oft den Träumen ihrer Jugend längst entsagt hatten. Welches Elend dadurch über Hunderte von Familien gebracht wurde, ist kaum zu schildern. Und welcher Behandlung wurden die Gefangenen unterworfen, deren Verbrechen in den meisten Fällen darin bestand, für eine Ordnung des Rechtszustandes in Deutschland durch Einheit und innere Freiheit geschwärmt zu haben! Kurz vor seinem Ende entfaltete das geheime Gerichtsverfahren noch einmal alle seine Schrecken. Die Verhaftungen wurden der Regel nach in der Nacht vollzogen und der Gefangene im verschlossenen Wagen nach dem Orte gebracht, in dessen Kerker er auf Jahre verschwinden sollte. Dort fand er eine kleine Zelle, deren vergittertes, mit einem Kasten versetztes Fenster ihm die Aussicht auf einen schmalen Streifen Himmel ließ. Bücher, Papier, Feder und Tinte, irgend welche Beschäftigung erhielt er nicht, und die lange Zeit der Dunkelheit mußte er ohne Licht hinbringen – im Winter bis zu siebzehn Stunden! Ob man ihm Licht und Bücher gab, ob man ihm Briefe seiner Eltern und Geschwister, seiner Braut und seiner Freunde zukommen ließ, hing von seinem „guten Betragen“ ab, oder mit andern Worten davon, daß er genau so aussagte, wie der Richter es wollte. Leugnete er ein Verbrechen, das er nicht begangen hatte, so steigerte sich die Härte gegen ihn. Man beschränkte ihn dann Tage lang auf Wasser und Brod, man führte ihn in Dunkelarrest, man belastete ihn mit Ketten, und bei den Verhören mußte er stundenlang stehen. So verfuhr man besonders in Preußen. Laube hat in seinen „Bürgern“ diese Kerkerqualen, die er selbst erleiden mußte, in ergreifender Weise geschildert. Mancher wurde durch sie wahnsinnig, mancher stumpf gemacht. In Hessen-Darmstadt bat ein Gefangener, dem seine Begnadigung angekündigt wurde, daß man ihn in seine Zelle zurückführen möge, denn für die Welt da draußen tauge er ja doch nicht mehr.

Mit den Burschenschaftern warf man viele reifere Männer zusammen, die mit ihnen gleiche Gesinnungen hegten. Behr, Eisenmann, Jordan und Weidig sind die namhaftesten derselben. In Eisenmann verfolgte man den politischen Schriftsteller. Wegen Aufsätzen, wie sie heut zu Tage jede unabhängige Zeitung bringt, zur öffentlichen Abbitte vor dem Bilde des Königs und zu lebenslänglichem Gefängniß verurtheilt, mußte er fünfzehn Jahre im Kerker verbringen. Kurz vor der Bewegung von 1848 entlassen, war er der thätigste Agitator Baierns – für die Monarchie. Welch’ ein Verbrecher! Was Behr eigentlich verbrochen hatte, wurde nicht öffentlich bekannt gemacht. Vermuthungsweise finden wir in Schriften aus jener Zeit ausgesprochen, daß er durch Eingaben an die Stände Anstoß erregt habe. Dafür mußte er mit fast zehn Jahren seiner Freiheit büßen. Neben Eisenmann und Behr waren einem dritten Würzburger, Schönlein, dem spätern Leibarzt des [520] Königs von Preußen, Haft und Untersuchung zugedacht. Er entfernte sich noch rechtzeitig in die Schweiz.

Jordan wurde im Frühling von 1839 verhaftet, als die Demagogenuntersuchungen bereits geschlossen waren. Man hatte lange in der Stille Beweise gegen ihn gesammelt, die sich benutzen ließen, ihn für seine Thätigkeit als Marburger Professor und hessischer Abgeordneter zu bestrafen. Zum tiefsten Bedauern Hassenpflugs hatte sich nichts Rechtes zusammentragen lassen, bis endlich ein wegen Todtschlags verhafteter Verbrecher sich zu der Aussage bestimmte, daß Jordan um das Frankfurter Attentat gewußt habe. Mit dieser Handhabe operirte man weiter und erlangte zwei fernere Angaben. Die eine rührte von einem Studenten her, der in dem Ruf eines Spiones stand, die andere von einem unglücklichen Fabrikanten, dessen Geist in der langen Haft, die wegen Hochverraths über ihn verhängt worden war, gelitten hatte. Jordan wurde also verhaftet. Um die kläglichsten Verdachtsgründe zu entkräften, brauchte man bei dem alten Verfahren, und zumal in politischen Fällen, nicht Wochen, sondern Jahre. Am November stellte das Urtheil des höchsten Gerichts denn auch fest, daß Jordan unschuldig sei.

In welche Tiefe menschlichen Elends läßt uns der Selbstmord des Pfarrers Weidig blicken! Er war ein Mann, frei von jeder Selbstsucht, gegen Nothleidende ebenso freigebig, wie gegen sich selbst karg, ein treuer und redlicher Freund, ein musterhafter Gatte und Vater, zugleich aber in seiner politischen Ueberzeugung überspannt, fast fanatisch. Was ihm zur Last fiel, war Mitwisserschaft um den Frankfurter Aufstand und eine Propaganda für revolutionaire Ideen in seinem kleinen Kreise. Im Frühling von 1835 wurde er verhaftet, zwei Jahre später durchschnitt er sich im Gefängnisse die Adern. In der ganzen Zwischenzeit hatte man ihn durch jedes Mittel zum Geständniß zu bringen gesucht, durch Entziehung des Lichts, durch Ketten, durch Prügel. Er wurde nicht gebeugt, aber er verlor den Verstand. Diesem wehrlosen Verrückten stand, mit allen Mitteln der Gewalt ausgerüstet, ein anderer im Geiste Gestörter gegenüber, sein Untersuchungsrichter Georgi. Einzelne in die Oeffentlichkeit gedrungene Andeutungen lassen errathen, wie viel Entsetzliches Weidig von diesem Manne zu erdulden hatte. Als er nach zwei gräßlichen Jahren unterlag und sich die Adern öffnete, da erschien Georgi noch einmal und schloß sich bei dem Verblutenden ein. Erst drittehalb Stunden später führte man die Aerzte zu ihm, deren früheres Erscheinen ihn gerettet haben würde.

Dieser Fall ist der fürchterlichste, der in den Demagogenuntersuchungen vorgekommen ist. Ein Unrecht wurde fast gegen Jeden begangen, der der Behörde verdächtig geworden war. Hunderte, gegen die außer ihrer Theilnahme an der Burschenschaft nicht das Mindeste vorlag, wurden aus ihrer Thätigkeit herausgerissen und Jahre lang in der peinigenden Schwebe einer Untersuchung gehalten. Konnte man sie nicht mit einer Criminalstrafe belegen, so erklärte man sie doch, wie der Bundesbeschluß es vorschrieb, für jedes Amt unfähig, und sie waren um ihr Lebensglück gebracht. Daß die meisten Burschenschaften vom Frankfurter Attentat nichts erfahren, ja daß einige, z. B. die Jenenser Germania, sich aufgelöst hatten, weil sie von einer Revolution nichts wissen wollten, hinderte nicht, daß man ihre Mitglieder als Hochverräther betrachtete. Sie hatten zu einer Burschenschaft gehört – war das nicht genug? Sagen wir es offen heraus, was man in ihren Personen so ingrimmig verfolgte, war der deutsche Einheitsgedanke, und nirgends wüthete man gegen diesen Gedanken heftiger, als in demselben Preußen, das jeder Burschenschafter auch dann mit Liebe und Hoffnung betrachtete, wenn er das System seiner Wittgenstein und Kamptz verdammte.

Der juristische (?) Grundsatz, den man bei den Untersuchungen an die Spitze stellte, war folgender: Burschenschafter haben in Stuttgart eine Revolution beschlossen und an dem Frankfurter Attentat Theil genommen, mithin hatte die Burschenhaft von vorn herein einen revolutionairen Charakter. Eine so schlechte Logik das war, ebenso unwahr und falsch war die Behauptung. Erst nach den Bundesbeschlüssen von 1832, die jede gesetzliche Einwirkung abschnitten, war in Deutschland eine revolutionaire Partei entstanden und hatte einen Theil der Burschenschaft für sich gewonnen. Jene Auffassung war nicht blos bequem, da sie gestattete, eine ganze Reihe von Todesurtheilen wegen Hochverraths zu fällen, sondern auch für eine Partei, welche liberal und revolutionair für identisch hielt, ganz natürlich. In dem Bericht der Centralbehörde von 1839 begegnen wir ganz derselben Beurtheilung der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts, wie in den Vorträgen der Mainzer Commission. Wieder wird der Jugendbund als der Anfang der geheimen politischen Verbindungen dargestellt und ihm ein bedrohlicher Charakler beigelegt. Wieder werden diejenigen, welche die Ertheilung von landständischen Verfassungen forderten, statt ruhig den Zeitpunkt abzuwarten, den die Regierungen als den geeigneten betrachten würden, als Verschwörer bezeichnet. Sand’s That wird abermals benutzt, die Liberalen als Schreckensmänner zu schildern, ja der Bericht entblödet sich nicht, zu sagen, daß die leidenschaftlicheren unter ihnen „durch das geflossene Blut um so mehr erhitzt und gereizt worden seien.“ Auch die alten Märchen vom Männerbunde und von seinen Verbindungen mit dem Auslande werden wieder aufgewärmt. Jede Aeußerung von Unwillen über das herrschende Reactionssystem, jeder noch so schüchterne und unbedeutende Versuch, die Regierungen an ihre in der Bundesacte selbst übernommenen Verpflichtungen zu mahnen, wird im Bericht als Anzeichen einer Verschwörung gedeutet, und die Hochschulen sind die Stätten, wo das umherschleichende Gift sich ansammelt und die Burschenschaft zu seinem Gefäß macht.

Die Einwirkungen der Centralbehörde auf die Gerichte der Einzelstaaten hörten nicht auf. Nicht genug, daß von Frankfurt aus die Personen benannt wurden, die zu verhaften seien, schrieb man den Gerichten bestimmte Maßregeln vor, z. B. Confrontationen im Auslande und Verschärfungen der Haft, wenn ein Angeschuldigter leugnete. Das alte geheime Gerichtsverfahren strebte nach dem Ruhme der Unparteilichkeit und forderte von dem Richter, daß er zugleich Ankläger, Richter und Vertheidiger sei. Die Frankfurter Centralbehörde war ausschließlich Ankläger. Sie ignorirte die vielen hundert Geständnisse von Angeklagten, in denen die Burschenschaft in ihrem wahren Licht dargestellt wurde, aber sowie eine besonders gravirende Aussage gemacht wurde, lief sie, von der Centralbehörde rasch befördert, an alle Gerichte. Wie solche Aussagen, deren es sehr wenige gab, zu Stande kamen, davon könnten die Berliner Gefängnisse Geschichten erzählen. Ebenso machten von den gefällten Urtheilen nur die besonders strengen und harten von Frankfurt aus die Runde. Daß das Dresdener Oberappellationsgericht – unseres Wissens das einzige in einem größern Staat – die sächsischen Burschenschafter von Strafe freisprach, meldete die Centralbehörde den Gerichten nicht.

Auf die Verbindung der Studenten mit älteren Männern und mit dem Auslande wurde scharf inquirirt. So groß war der Eifer in dieser Beziehung, daß die Centralbehörde an Märchen, die ihr aufgebunden wurden, glaubte und sie durch Deutschland beförderte. Ein Doctor Br., der in Homburg in Haft war, hatte die Hälfte der dortigen Soldaten verführt und machte sich vor seiner Flucht den Spaß, dem Untersuchungsrichter von einem Zusammenhange der Burschenschaft mit Verschwörungen in Italien, Frankreich, Belgien, Polen und Rußland vorzufabeln. Daß die Gewährsmänner, die er nannte, lauter Flüchtlinge waren, hätte die Centralbehörde aufmerksam machen sollen. Dies war jedoch so wenig der Fall, daß man sich von seinen Aussagen die größten Aufschlüsse versprach und die Verhafteten mit langen Verhören über Verschwörungen im Auslande plagte, bei deren Entdeckung sie noch bloße Kinder gewesen waren.

Die Thätigkeit, welche die Centralbehörde entfaltete, mußte den vorliegenden Stoff rasch aufzehren. Mit den Burschenschaften und dem Frankfurter Attentat war sie eigentlich schon 1830 fertig, aber nun richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das Ausland. Den deutschen Flüchtlingen in der Schweiz und in Frankreich wurde eine Wichtigkeit beigelegt, die wie geflissentliche Uebertreibung aussieht. Sie hatten sich durch ihre Theilnahme am Savoyer Zuge vor den Augen der Welt lächerlich gemacht, und ihre Umtriebe waren Stürme in einem Glase Wasser. Mit diesen Unglücklichen beschäftigte sich die Centralbehörde unausgesetzt. Welchen Zweck sie dabei verfolgte, zeigte sich, als der badische Minister v. Blittersdorf den Gesandten v. Friedrich am 14. März 1836 instruirte, die Verwandlung der Centralbehörde in eine Bundescentralpolizei-Behörde zu beantragen. Der Gedanke kam von Metternich, und Baden wurde deshalb vorgeschoben, weil es zu den constitutionellen Staaten gehörte. Zum Glück stimmte Preußen trotz seiner sonstigen Gefügsamkeit nicht bei, so daß der Plan zu Wasser wurde. Von 1837 an erhoben sich im Bundestage gegen die Centralbehörde selbst Stimmen, und es kam zu mehreren mit [521] Bitterkeit geführten Erörterungen. Drei Jahre später bestieg Friedrich Wilhelm IV. den preußischen Thron, erließ eine Amnestie und forderte die Beseitigung des Bundesgerichts. So viel erreichte Metternich noch, daß die Centralbehörde bis 1842 erhalten und dann nicht aufgelöst, sondern vertagt wurde.

Was die beiden Demagogen-Untersuchungen erreichten, war genau das Gegentheil von dem, was bezweckt wurde. Man hatte bei jenen Hetzen die Burschenschaft genannt, aber die Gedanken der Freiheit und Einheit des Vaterlandes gemeint. Diese hatte man nicht geschwächt, sondern gekräftigt und weiter verbreitet. Ein Verfahren, wie das der Mainzer Commission und der Frankfurter Centralbehörde, legte die schlimmsten Gebrechen des Bundes Jahre lang bloß. Man kann mit Wahrheit sagen, daß jene beiden Behörden an der Bildung des öffentlichen Urtheils, das über den Bund ganz allgemein besteht und sich so lange erhalten wird, bis er einer bessern Form weicht, einen wesentlichen Antheil haben. Wie hätte gar durch ein System der Willkür, wie wir es geschildert haben, Abscheu vor der Freiheit entstehen können?

Noch eine andere wichtige Folge der Demagogen-Untersuchungen ist hervorzuheben. Wir verdanken ihnen den endlichen Sieg des öffentlichen Gerichtsverfahrens. Waren die Mängel des Inquisitionsprocesses schon früher beleuchtet worden, so hatten doch die gebildeten Stände bis auf die Processe gegen Arndt, Jahn und die beiden Welcker, gegen Behr, Eisenmann und mehr als tausend Burschenschafter kein eigenes Interesse an der Frage. Jetzt erhielten sie Beweise, daß auch der unbescholtenste Mann, wenn er den Muth einer eigenen Meinung habe, zum Verbrecher gestempelt werden könne. Was über das Verfahren gegen Weidig, gegen Jordan verlautete, mußte den Ruhigsten empören. Es erhob sich ein Sturm gegen das geheime Verfahren, und dieses erlag.

Zur Wahrheit ist geworden, was die Jenenser Burschen bei der ersten Auflösung ihrer Verbindung unter den Eichen der Wölmse sangen:

Das Haus ist zerfallen,
Was hat’s denn für Noth?
Der Geist lebt in uns Allen,
Und uns’re Burg ist Gott!

Die Burschenschaft ist nicht mehr, höchstens bestehen hier und dort einige Trümmer, aber der Einheitsgedanke, den sie mit unwandelbarer Treue hegte und für den sie litt, lebt kräftig und unbesieglich fort. Die heutige Burschenschaft ist das deutsche Volk, und gegen dieses mögen sich Mainzer Commissionen und Frankfurter Centralbehörden nur versuchen. Sie werden sehen, wer der schwächste und wer der stärkste Theil ist.




Aus Garibaldi’s Leben.
Nr. 3.

Garibaldi begab sich nach erlangter Freiheit nach Montevideo, das damals vielen italienischen Patrioten ein willkommenes Asyl gewährte; hier traf er auch wieder mit seinem Freunde Rossetti zusammen; allein die Proscription gegen Garibaldi währte noch dort, und so entschloß er sich, nachdem er einen Monat hindurch im Hause seines Freundes Pazante eine edelmüthige Gastfreundschaft genossen, nach Rio-Grande zu gehen, dessen stolze Republikaner Rossetti und seine Gefährten mit bewunderungswürdiger Hospitalität aufgenommen hatten. Auf edlen Rossen gelangten sie in freudiger Stimmung nach Piratinin, dem Sitz der Regierung von Rio-Grande; zwar war die eigentliche Hauptstadt Porto-Allegre, allein da sich dieses noch in der Gewalt der Kaiserlichen befand, so hatte man den Sitz der Regierung nach Piratinin verlegt.

Garibaldi wurde von dem Gouvernement der Republik auf das Zuvorkommendste aufgenommen. Bento Gonzales, der Präsident der Republik, war abwesend und befand sich an der Spitze einer Reiterbrigade, um den kaiserlichen Chef, Sylva Tanaris, zurückzuwerfen, welcher den Canal von San-Gonzales überschritten hatte und diesen Theil der Provinz Rio-Grande verheerte. Diesen Bento Gonzales schildert Garibaldi als einen echten irrenden Ritter aus dem Jahrhundert Karls des Großen, dem Herzen nach einen Bruder der Olivier und Roland, tapfer, gewandt, ehrenhaft, wie sie; ein wahrer Centaur, der ein Pferd tummelte, wie Garibaldi es nur vom General Netto, dem vollendetsten Musterbilde eines Reiters, wiedergesehen. Ein solcher Mann fehlte unserem Helden; der Unthätigkeit in Piratinin müde, eilte er nach San-Gonzales, um sich unter die Befehle des Präsidenten zu stellen. Hier sah er diesen Tapfern zum ersten Male und verbrachte einige Tage mit ihm in inniger Vertrautheit.

Garibaldi wurde jetzt mit der Ausrüstung von zwei Lancionen – mit diesem Namen wird eine Art von Barken bezeichnet – beauftragt, die er mit ungefähr dreißig Leuten aus allerlei Nationen bemannte. Bald stießen zwei Sloops (Einmaster) zu ihm, und mit dieser Flottille, die er als „capitano tenente“ auf dem „Rio-Pardo“ befehligte, während ein gewisser John Griggs das Commando des „Republikaners“ übernahm, begannen sie einen ungleichen Kampf gegen die Kaiserlichen, die ihnen ungefähr dreißig Kriegsschiffe und ein Dampfschiff entgegenstellen konnten. Und trotzdem nahmen sie ein reichbeladenes Schiff, von dessen Beute Garibaldi seinen Leuten Uniformen verfertigen ließ, während die Kaiserlichen einen gewissen Respect vor einem Kampf mit ihren schweren Schiffen gegen die leichten Lancionen in den Lagunen erhielten. Das Leben, welches Garibaldi hier führte, war thatenreich und gefahrvoll wegen der numerischen Uebermacht der Feinde, paßte aber ganz zu seinem Charakter, da es gleichzeitig fesselnd und pittoresk war. Sie waren nicht allein Matrosen, sondern nach Bedürfniß auch Reiter, fanden im Augenblicke der Gefahr genug und mehr Pferde, als sie brauchten, und konnten innerhalb zwei Stunden eine weniger glänzende, als furchtbare Escadron bilden. Die ganze Lagune entlang fanden sich Estancias, die wegen der Nachbarschaft des Kriegs von ihren Eigenthümern verlassen waren und ihnen Schlachtvieh, Pferde und Fourrage lieferten. Auch die Ernte der Meiereien kam ihnen zugute.

Der Garibaldi’sche Haufen war eine echt kosmopolitische Truppe, aus Menschen aller Nationen und Farben zusammengewürfelt; er behandelte sie aber mit einer solchen Güte und Mildfreundlichkeit, und beide wurden so anerkannt, daß er sich nie in die Nothwendigkeit versetzt fand, die Geduld zu verlieren oder zu strafen.

„Wir befanden uns,“ erzählt er, „eines Tages in der Estancia de la Barra, welche der Doñna Antonia, Schwester des Präsidenten, zugehörte, hatten unsere Lanciones an’s Land gezogen und fürchteten keinen Ueberfall, als man uns benachrichtigte, daß der Oberst Juan Pedro de Abrecu, genannt Moringue (zu deutsch Steinmarder, wegen seiner Schlauheit), zwei bis drei Stunden von uns mit siebenzig Mann Cavallerie und achtzig Mann Infanterie gelandet sei.

„Diese Nachricht“ – wir erzählen den Verlauf der Scene mit Garibaldi’s Worten im Auszug – „erfüllte mich mit Freude; die Leute, welche Moringue befehligte, waren deutsche und österreichische Söldlinge, denen gegenüber ich gar nicht böse war, sie die Schuld zahlen zu lassen, die jeder gute Italiener gegen ihre Brüder in Europa übernommen hat. Wir waren im Ganzen ungefähr sechzig Mann; aber ich kannte meine sechzig Mann, und mit ihnen hielt ich mich für fähig, nicht allein 150, sondern 300 Oesterreichern die Spitze zu bieten.

„Ich schickte daher Kundschafter nach allen Seiten und behielt höchstens 50 Mann bei mir. Alle kamen mit der Nachricht zurück, sie hätten nichts gesehen. Ein dicker Nebel umhüllte Alles, und so konnte der Feind leicht ihren Nachforschungen entgangen sein. Deshalb beschloß ich, mich weniger auf die Intelligenz der Menschen, als auf den Instinct der Thiere zu verlassen. Gewöhnlich, wenn nämlich eine derartige Expedition unternommen wird, und Leute aus einem andern Lande kommen, um sich in einen Hinterhalt zu legen, geben die Thiere, welche die Fremdlinge riechen, Zeichen von Unruhe zu erkennen, die fast niemals täuschen. Die von meiner Mannschaft herumgejagten Thiere zerstreuten sich in der Nähe der Estancia, ohne anzuzeigen, daß irgend etwas Ungewöhnliches in der Umgegend vor sich gehe. Nun glaubte ich keinen Ueberfall mehr befürchten zu müssen, befahl daher meinen Leuten, ihre vollständig geladenen Flinten wie ihre Munition in den Gewehrhaltern aufzustellen, die ich im Schuppen hatte einrichten lassen, und gab ihnen das Beispiel der Sicherheit, indem ich mich zum Frühstück niedersetzte und sie aufforderte, ein Gleiches zu thun.

„Nach beendigtem Frühstück ging Jeder nach seinem Geschäft. Einige eilten nach den aus dem Wasser gezogenen Lancionen, Andere [522] in die Schmiede, noch Andere Holz zu sammeln oder zu fischen. Ich blieb allein mit dem Meister Koch, welcher seine Küche in freier Luft vor dem Schuppenthor aufgeschlagen hatte und den Feldkessel bewachte oder unsern Fleischtopf abschäumte. Nicht im Entferntesten dachte ich daran, daß der Oberst Steinmarder, der aus dieser Gegend stammte, durch irgend eine List die Wachsamkeit meiner Mannschaft getäuscht, den Thieren Vertrauen eingeflößt und sich 50 bis 60 Schritte von uns mit dem Bauch auf der Erde mit seinen 150 Oesterreichern im Holze niedergelegt habe.

„Plötzlich vernahm ich zu meinem großen Erstaunen hinter mir Schüsse fallen. Ich zog mich zurück: Infanterie und Cavallerie chargirten im Galopp; jeder Reiter hatte einen Mann hinter sich und die Nichtberittenen liefen zu Fuß, an den Roßschweifen sich anklammernd. Mit einem Sprunge war ich in meinem Schuppen. Der Koch folgte mir; aber der Feind war mir so nahe auf den Fersen, daß im Augenblick, wo er die Thorschwelle berührte, sein Poncho von einem Lanzenstich durchbohrt war. Die Flinten, ungefähr sechzig, standen wie erwähnt, im Gewehrhalter. Ich ergriff eine, schoß sie ab, dann eine zweite, eine dritte, und dies mit einer so hastigen Geschwindigkeit, daß man nicht glauben konnte, ich wäre allein, aber auch mit einem Glück, daß gleich drei Mann zu Boden stürzten.

„Wäre die Masse auf den Gedanken gekommen, einen Angriff auf den Schuppen zu unternehmen, so wäre Alles mit einem Schlage verloren und beendigt gewesen; da jedoch der Koch mir zur Seite stand und seinerseits ebenfalls Feuer gab, so ließ sich der Oberst Steinmarder, wie kühn er auch war, doch überlisten und glaubte uns sämmtlich in diesem Versteck verborgen. Er zog sich daher ungefähr hundert Schritte weit vom Schuppen zurück und begann uns mit Kugeln zu überschütten. Dies rettete mich.

„Da der Koch kein sicherer Schütze war, und jeder verlorene Schuß in unserer Lage uns Schaden brachte, so befahl ich ihm, nur das Laden der Gewehre zu besorgen, während ich das Abdrücken übernahm. Sicher war ich, daß meine Leute beim Knall der Musketen Alles begreifen und zu meiner Hülfe herbeieilen würden. Ich täuschte mich nicht; bald hatten sich ihrer dreizehn, deren Namen ich in Erz möchte verewigen lassen, durch eine Wolke von Rauch, die sich zwischen dem Schuppen und dem Höllenfeuer der feindlichen Truppe lagerte, mit mir vereinigt. Diese Hülfe kam willkommen, denn alsbald deckte der Feind das Dach des Schuppens ab und beschoß oder bewarf uns von dort herab mit brennenden Faschinen. Wir vertheidigten uns auf das Heldenmüthigste.

„Endlich, gegen drei Uhr, erhielt der Oberst Moringue einen Schuß durch den Arm und ließ sofort zum Rückzug blasen; seine Verwundeten nahm er mit sich, aber fünfzehn Todte ließ er zurück, während unsererseits in diesem Kampfe von Morgens neun bis Nachmittags drei Uhr von dreizehn Mann fünf getödtet und fünf verwundet waren, von welchen Letzteren noch drei an ihren Wunden starben, da wir in diesen mörderischen Kämpfen weder Arzt noch Wundarzt besaßen. Leichte Wunden suchten wir mit frischem, so oft als möglich erneutem Wasser zu heilen; bei den schwereren war es ein anderes Ding; im Allgemeinen fühlte der Verwundete seinen Zustand selbst; hoffte er nicht wieder zu genesen, so rief er seinen besten Freund, übertrug ihm mit kurzen Worten seine letzten Anordnungen und bat ihn um die Gnade eines Flintenschusses. Der Freund untersuchte den Verwundeten, war er dann seiner Meinung, so faßte er ihn in seine Arme, drückte ihm noch einmal die Hand, und ein Flinten- oder Pistolenschuß führte die Lösung des Drama’s herbei. Es war dies traurig, vielleicht barbarisch! Was wollt ihr aber? hier gab es kein anderes Mittel.“

Ueber die Expedition nach Santa Catharina, welcher Garibaldi unter den Befehlen des Generals Canavaro beiwohnte, eilen wir, da sie großentheils durch Zeitungsberichte bekannt und für die Charakterisirung unseres Helden von geringerem Interesse ist, flüchtig hinweg. Die Ausgänge der Lagunen von Los Patos befanden sich in den Händen der Kaiserlichen, und es schien für die Republikaner eine Sache der Unmöglichkeit, sich hindurchzuschlagen. Trotzdem glaubte Garibaldi mit Männern, wie die, welche er befehligte, auch das Unmögliche ausführen zu können. Während General Canavaro zu Lande befehligte, operirte er mit der abenteuerlichsten Schaar seiner Freibeuter zur See und befahl zunächst, die Fahrzeuge der Flottille auf starke Räder zu setzen und durch Zugthiere über Land nach dem Meere zu befördern. Der Plan wurde glücklich in’s Werk gesetzt. Zweihundert Ochsen zogen die Lancionen gegen 54 Miglien weit über ein zum Theil schwieriges Terrain nach der Küste, wo sie in die See gelassen wurden. Im See Tramandai scheiterte jedoch bald darauf Garibaldi’s Fahrzeug an den dortigen Küsten, und sechzehn Mann, unter ihnen sämmtliche Italiener, welche Garibaldi begleitet hatten, fanden dabei ihren Tod. Vergebens suchte er mit Aufopferung des eigenen Lebens einige der Schiffbrüchigen, die ihm die Theuersten waren, zu retten. Sie versanken, trotz aller seiner Anstrengungen, in den trügerischen Wogen. Zum Glück war der Theil der Provinz von Santa Catharina, wo sie Schiffbruch litten, im Aufstand gegen das Kaiserreich, und so trafen die Geretteten Verbündete, welche ihnen bereitwilligst alle Mittel zum Fortkommen verschafften. Der Zweimaster „Itaparica“ nahm die Ueberlebenden auf, und bald fanden sie Gelegenheit, zu dem Siege beizutragen, der in der Nähe von Juliana, dem Hauptquartiere des Generals Canavaro, von den Republikanern über die Kaiserlichen erfochten wurde.

Wir nahen jetzt einer Epoche in Garibaldi’s Leben, die er absichtlich mit einem Schleier umhüllt, dessen Lüftung er nachmals, obwohl auch nur zum Theil, versucht hat; wir lassen ihn deshalb selbst sprechen. „Ich hatte,“ erzählt er, „niemals an’s Heirathen gedacht und betrachtetete mich für gänzlich unfähig zu einem Ehemann, zumal wenn ich die Unabhängigkeit meines Charakters und meinen unwiderstehlichen Hang zum Abenteurer-Leben in’s Auge faßte. Eine Frau und Kinder haben, erschien mir als eine rein unmögliche Sache für einen Mann, der sein Leben einem Principe geweiht hat, dessen Erfolg, wie vollständig er auch sei, ihm niemals die zu einem Familienvater nöthige Ruhe lassen darf. Das Schicksal hatte jedoch anders entschieden; durch den Verlust meiner italienischen Kampfgenossen blieb ich in einer gänzlichen Vereinsamung zurück, und es schien mir, als stände ich jetzt allein auf der Welt. Es war mir nicht ein einziger dieser Freunde geblieben, den das Herz so nöthig hat, wie der Körper die Nahrung; die, welche den Schiffbruch überlebt hatten, waren mir fremd. Zwar waren es tapfere Seelen, kräftige Herzen; ich kannte sie jedoch erst zu kurze Zeit, um mit einem von ihnen in ein inniges Verhältniß zu treten. In dieser unermeßlichen Leere, welche die schreckliche Katastrophe um mich herum hervorgerufen, empfand ich jetzt das Bedürfniß nach einer Seele, die mich liebte; ohne eine solche Seele schien mir das Dasein unerträglich, fast unmöglich. Ich hatte zwar Rossetti, meinen Freund und Bruder, wiedergefunden, aber dieser war durch die Pflichten seines Amtes zurückgehalten, er konnte nicht mit mir zusammenleben, und wir sahen uns kaum ein Mal die Woche hindurch. Ich fühlte also, wie gesagt, das Bedürfniß nach Jemand, der mich liebte, der mich ohne Verzug liebte; denn die Freundschaft ist eine Frucht der Zeit; sie bedarf der Jahre, um zu reifen, während die Liebe ein Blitz ist, oftmals ein Kind des Gewitters; aber was thut’s? ich bin einer von denen, welche die Gewitter, wie heftig sie auch sein mögen, der Ruhe des Lebens, dem Schlummer des Herzens vorziehen.“

Wie und wo er sein Weib errungen, hat Garibaldi niemals erzählt, einzelne Andeutungen aber lassen vermuthen, daß sie die Braut eines Andern war, der mit dem Verlust seiner Geliebten sein ganzes Lebensglück verlor. Garibaldi sagt selbst über diese Heirath: „Wurde dabei ein Fehler begangen, so gehört mir dieser Fehler allein zu. Das war mein Fehler, daß durch unsere Vereinigung zwei Herzen das Herz eines Unschuldigen zerrissen! … Aber sie ist todt, und er, er ist gerächt! Kannte ich aber die Größe des Fehlers? Dort, an der Mündung des Eridan, an jenem Tage, wo ich noch hoffte, sie dem Tode streitig zu machen, umschloß ich convulsivisch ihren Puls, um seine letzten Schläge zu zählen; ich fing ihren fliehenden Athem auf, meine Lippen empfingen ihren letzten Seufzer! Ich küßte diese sterbenden Lippen. Ach, ich umschlang eine Leiche … und ich weinte Thränen der Verzweiflung!“

Garibaldi nahm sein Weib mit auf sein Schiff, wo sie in mehr als einem Kampfe treu an seiner Seite focht und, eine feurige Tochter ihres Vaterlandes, entweder ihr Gewehr abfeuerte, oder mit dem Säbel in der Hand ihren Kampfgenossen muthig voranleuchtete. In den mörderischsten Seegefechten wich sie nicht von seiner Seite, sondern stand am Hintertheil des Schiffes ruhig und stolz, eine Pallas Athene. Sie lud und richtete mit eigener Hand das Geschütz, und ihr dankte man die Rettung der Munition vor Verbrennung der Flottille. Auch zu Lande, als Garibaldi nach Verlust seiner Schiffe als Guerrillaführer weiterkämpfte, hielt sie treu unter Gefahren und Entbehrungen aller Art bei ihm [523] aus und leistete ihm als Soldat, Adjutant und Späher die trefflichsten Dienste.

Auf der schönen und geräumigen Farm eines Grafen Saint-Simon gebar ihm seine theure Anita einen Sohn, den er nicht nach einem Heiligen, sondern nach einem Märtyrer seines Heimathlandes, Menotti, benannte. Am 14. September 1840 erblickte er das Licht der Welt, und es war in der That ein wahres Wunder, daß nach den vielen Entbehrungen und Gefahren, welche die Mutter erduldet hatte, diese Geburt glücklich ausfiel. Wir ergänzen hier aus einem spätern Capitel in Garibaldi’s Denkwürdigkeiten das obige flüchtige Bild Anita’s, und lassen den Gatten wieder selbst von ihr erzählen.

„In dem Gefecht von Coritibani wurde trotz des Heldenmuthes von Texeira unsere Cavallerie zersprengt, und ich selbst mit meinen dreiundsechzig Fußsoldaten von mehr als 500 Mann der feindlichen Reiterei umzingelt. Anita erlebte an diesem Tage die schrecklichsten Wechselfälle des Krieges. Da sie sich nur ungern der Rolle einer einfachen Zuschauerin des Kampfes unterwarf, so betrieb sie jetzt die Ankunft der Munition, denn sie fürchtete, es möchten den Streitenden die Patronen ausgehen. Das Feuer, das wir zu unterhalten hatten, ließ in der That voraussetzen, daß die Munition, wenn sie nicht erneuert würde, sich bald erschöpfen möchte. Anita näherte sich daher in dieser Absicht dem Kriegsschauplatze, als ein Haufen von etlichen zwanzig feindlichen Reitern, welche einige Flüchtige von uns verfolgten, über unsere Trainsoldaten herfielen. Als eine vortreffliche Reiterin, ein herrliches Thier reitend, konnte Anita ihnen leicht entfliehen; allein in der Brust dieses Weibes schlug das Herz eines Helden. Statt zu entweichen, feuerte sie unsere Soldaten an, sich zu vertheidigen, und fand sich plötzlich von den Kaiserlichen umringt. Ein Mann hätte sich ergeben, sie aber setzte dem Pferde die Sporen in die Seite und mit einem kräftigen Sprunge eilte sie mitten durch die Feinde hindurch. Eine Kugel schlug durch ihren Hut; sie versengte ihre Haare, ohne jedoch die Hirnschale zu berühren. Vielleicht wäre sie entkommen, wenn nicht ihr Pferd von einer zweiten Kugel tödtlich getroffen zusammengestürzt wäre; jetzt mußte sie sich ergeben und wurde vor den feindlichen Oberst gebracht.

„Unvergleichlich an Muth in der Gefahr, wurde Anita, wenn es möglich ist, noch größer im Unglück; vor diesem Generalstab, der zwar über ihren Muth erstaunt war, aber nicht Takt genug besaß, vor einem Weibe den Stolz des Sieges zu verbergen, wies sie mit strengem und geringschätzigem Trotz einige Worte zurück, in denen sie eine Verachtung der besiegten Republikaner herauszufühlen glaubte, und kämpfte eben so kräftig mit dem Munde, wie sie es mit den Waffen gethan. Anita hielt mich für todt. In diesem Glauben erbat und erhielt sie die Erlaubniß, unter den Leichen, welche das Schlachtfeld bedeckten, nach meinem Leichnam zu suchen. Lange irrte sie allein und einem Schatten gleich über die blutgetränkte Ebene und suchte nach dem, den sie aufzufinden fürchtete; sie wendete die Todten um, die mit dem Gesicht auf die Erde gefallen waren und ihr nach Kleidung oder Figur einige Aehnlichkeit mit mir zu besitzen schienen. Ihr Nachforschen war vergeblich; ich war’s vielmehr, dem später das Schicksal den Schmerz aufbewahrt hatte, mit meinen Thränen ihre starren Wangen zu netzen, und als die Todesangst mich zusammenpreßte, war mir nicht gestattet, eine Hand voll Erde auf sie zu streuen oder eine Blume auf das Grab der Mutter meiner Kinder zu werfen.

„Als Anita einigermaßen sich versichert hatte, daß ich noch lebte, dachte sie nur noch an Eins, an ihre Flucht. Bald bot sich ihr eine Gelegenheit dazu dar. Die Trunkenheit des siegreichen Feindes nutzend, ging sie in ein Haus, das in der Nähe desjenigen lag, in dem sie als Gefangene bewacht wurde, und wo eine Frau, ohne sie zu kennen, sie aufnahm und beschützte. Mein Mantel, den ich weggeworfen hatte, um freier in meinen Bewegungen zu sein, war in die Gewalt des Feindes gekommen; sie vertauschte ihn mit dem ihrigen, der schöner und von größerem Werthe war. Die Nacht brach an; Anita stürzte in den Wald und verschwand darin.

„Es gehörte gleichzeitig das Herz eines Löwen und die Schnelligkeit einer Gazelle dazu, um solches zu wagen. Nur der, welcher die unermeßlichen, die Sierra de Esquinasso bedeckenden Wälder gesehen hat mit ihren hundertjährigen Fichten, die den Himmel zu stützen bestimmt scheinen und die Säulen dieses prachtvollen Tempels der Natur sind, mit dem gigantischen Schilfrohr, welches die Zwischenräume ausfüllt und von wilden Thieren und todbringendem Gewürm wimmelt, kann sich einen Gedanken von den Gefahren machen, die sie zu bestehen, von den Schwierigkeiten, die sie zu überwinden hatte. Glücklicherweise kannte die Tochter der amerikanischen Prairien nicht, was Furcht ist. Von Coritibani bis Lages hatte sie zwanzig Miglien in unwegsamem Gehölz zurückzulegen. Allein, ohne Lebensmittel, wie sollte sie dahin gelangen? Gott weiß es.

„Die wenigen Einwohner dieses Theils der Provinz, die sie antreffen konnte, waren den Republikanern feindlich gesinnt, und sobald sie nur unsere Niederlage erfuhren, so griffen sie zu den Waffen und legten sich auf verschiedenen Punkten, namentlich in den Pecadas, in Hinterhalt. In den Cabecas, d. h. in den fast unwegsamen Theilen dieser Fußsteige, wurde ein fürchterliches Blutbad unter unseren unglücklichen Kampfgenossen angerichtet; aber sei es nun ihr guter Stern, sei es die bewunderungswürdige Entschlossenheit, mit welcher sie diese gefährlichen Wege durcheilte, ihr bloßer Anblick machte die Mörder fliehen, welche, wie sie sagten, von einem überirdischen Wesen verfolgt zu werden glaubten.

„Es war in der That etwas Wunderbares, dieses tapfere Weib auf einem feurigen Renner reiten zu sehen, das sie in einem Hause, wo man sie gastfreundlich aufgenommen, erbeten und erhalten hatte, und dies während einer Sturmnacht, im Galopp fortstürmend über Felsen unter dem Leuchten der Blitze und dem Rollen des Donners. Denn so war es in jener Nacht des Unglücks. Vier Reiter, die an der Fuhrt des Flusses Cauvas aufgestellt waren, entflohen bei dem Anblick dieser Erscheinung und verbargen sich hinter dem Buschwerk des Ufers. Inzwischen kam Anita an das Ufer des Flusses. Dieser, vom Regen angeschwollen und durch die Bergwasser um das Doppelte verstärkt, war zu einem Strom geworden, und trotzdem setzte sie über denselben, nicht, wie vor einigen Tagen, in einer schönen Barke, sondern hindurchschwimmend, angeklammert an die Mähne ihres Rosses, das sie mit ihrer Stimme anfeuerte. Die Wellen stürzten sich brausend, nicht etwa eine kurze Strecke, sondern in einer Ausdehnung von fünfhundert Schritten dahin. Und doch erreichte sie gesund und glücklich das andere Ufer. Eine Tasse Kaffee, die sie eiligst in Lages genoß, war Alles, was die unerschrockene Reisende innerhalb eines Zeitraumes von vier Tagen zu sich nahm, bis sie endlich zu Vaccaria wieder zum Corps des Obersten Aranha stieß.

„Hier trafen wir, Anita und ich, nach einer achttägigen Trennung wieder zusammen, nachdem wir uns gegenseitig für todt gehalten hatten. Man kann denken, welche Freude wir empfanden! Aber eine noch größere Freude erwartete mich an dem Tage, wo Anita auf der Halbinsel, welche die Lagune de los Patos schließt, in einem Rancho, wo sie die edelmüthigste Gastfreundschaft genossen, unsern zärtlich geliebten Menotti zur Welt brachte. Das Kind wurde mit einem Wundmal geboren, das von einem Sturz herrührte, welchen seine Mutter vom Pferde gethan hatte. Und hier wiederhole ich noch einmal meinen innigsten Dank gegen die trefflichen Leute, die uns so gastlich aufnahmen; eine ewige Dankbarkeit, sie mögen es glauben, bewahrt mein Herz für sie. In dem Lager, wo uns die nöthigsten Dinge fehlten und ich sicher nicht ein Taschentuch gefunden hätte, das ich der armen Wöchnerin zu geben vermochte, hätte sie die äußerste Probe nicht ausgehalten, in welcher das Weib so viel Kraft und so viel Aufmerksamkeiten bedarf.“




Das Mirakel des heiligen Januarius in Neapel.
Von Carl Binz.

Neapel ist dermalen der einzige Fleck auf der ganzen Erde, wo die unmittelbare Offenbarung des Herrn, wie sie uns die kirchlichen Bücher erzählen, noch fortdauert, der einzige Ort, wo das Christenthum noch besiegelt wird durch ein Zeichen von oben, die einzige Gelegenheit, wo der Unglaube und die Ketzerei durch ein argumentum ad oculos zurückgeworfen werden in die Tiefe ihres Nichts, und wo das römische Bekenntniß durch das wallende Blut eines seiner muthigsten Bekenner einen ewigen Triumph feiert [524] über alle entgegenstehenden Ansichten. In der That ein Platz und eine Gelegenheit, würdig sie aufzusuchen und neben den vielen Wundern, die Natur, Kunst und Vergangenheit uns hier bieten, dieses eine nicht zu vergessen, es zu schauen und sich in den Staub niederzuwerfen und sein Haupt in Demuth zu beugen vor dem Krummstab und seiner Unfehlbarkeit, oder aber – es zu belächeln und es einzureihen in die Kategorie jener Gebräuche, wie sie zum Gedeihen der geistlichen und weltlichen Herrscher zu allen Zeiten und unter allen Zonen gepflegt und geübt wurden.

In der Nähe der reizenden Stadt Neapel, an dem blauen Wasser der classischen Bucht von Bajä, liegt die malerische Stadt Puzzuoli. Hier war Sanct Januarius – der San Gennaro der Neapolitaner – in der Mitte des dritten Jahrhunderts geboren, hier wirkte er als Bischof der neuentstandenen christlichen Gemeinde, und hier war es, wo er unter Dracontius, dem römischen Proconsul für Campanien, im Jahre 305 den Martertod in der noch heute vortrefflich erhaltenen Arena erdulden sollte. Allein zahm wie die Lämmer, so erzählt uns die Legende, legten sich die Bestien, denen er zum Fraße bestimmt war, zu seinen Füßen nieder und küßten die gesalbten, heiligen Hände. Aber seine Richter waren wilder als die wilden Thiere. Ihnen genügten nicht die Zeichen des Himmels, womit er seinen Priester verherrlichte, und in der Verstocktheit ihres Herzens gaben sie den Befehl, mit dem Schwerte zu tödten, was der Blutgier der Bestien siegreich widerstanden hatte.

Die Gartenlaube (1860) b 524.jpg

Das Blut des heiligen Januarius.
Nach der Natur gezeichnet von C. Grob.
(Hälfte der natürlichen Größe.)

Januarius wurde zu Puzzuoli beerdigt. Bei seiner Hinrichtung hatte sich eine fromme Anhängerin seines Glaubens von dem auf die Erde niederrinnenden kostbaren Blute zu verschaffen gewußt. Sie füllte es in zwei kleine Phiolen, und als wenige Jahre darauf, nach dem Siege des Christenthums durch Constantin, der Leichnam des Märtyrers durch den damaligen Bischof von Neapel im Triumphe nach der Hauptstadt gebracht und dort beigesetzt wurde, präsentirte sich auch jene fromme Christin vor dem Bischof St. Severus und überreichte ihm die kostbare Reliquie, die sie bisher als theures Kleinod verborgen gehalten hatte. Aber siehe da! in der Hand des Bischofs wurde das bisher starre, geronnene Blut wieder flüssig. Es schäumte und gährte, als ob es eben erst dem heiligen Körper entquollen sei, und ein zweites Wunder war geschehen zu Ehren der Kirche und ihres muthigen Bekenners.

Von dieser Zeit an war der Leichnam des heiligen Januarius noch verschiedenen Wechselfällen unterworfen. Einige Fürsten hatten ihn, wie das sehr häufig zu geschehen pflegte, verschiedener Zwecke halber dahin uns dorthin bringen lassen, bis er denn schließlich im Jahre 1497 für immer nach Neapel gebracht und dort unter dem Hochaltar des zu seiner Ehre erbauten Domes zum letzten Male beigesetzt wurde. Die beiden Fläschchen mit dem Blute waren dem Körper gefolgt. Es scheint, als ob sich im Verlauf vieler Jahrhunderte das Wunder nicht wiederholt, da Niemand seiner erwähnt bis zum elften Jahrhundert. Auch von dort an bis 300 Jahre später sind die Nachrichten darüber sehr unbestimmt. Erst mit der Zurückbringung der Reliquien nach Neapel beginnt die regelmäßige Ausstellung des Blutes und die daran sich knüpfende Flüssigwerdung und hat ununterbrochen bis auf unsere Tage fortgedauert.

Zweimal nur des Jahres ist es den Gläubigen vergönnt, das Mirakel zu sehen, einmal am ersten Sonnabend im Mai und dann am 19. September. Es wiederholt sich von da an jedesmal während acht Tagen. Besonders feierlich ist der erste Tag. Unter dem Geläute der Glocken, den Tönen der Musik und dem Jubeln der frohen Menge bewegt sich eine stattliche Procession von dem Dome aus mit dem Blute des Heiligen nach der Kirche der heiligen Clara. Das heilige Gefäß ruht auf einer kostbaren von vier Priestern getragenen Bahre, welcher unmittelbar der hohe Clerus folgt, der Erzbischof an der Spitze. Voraus schreiten, brennende Kerzen in der Hand, sämmtliche Ordensgeistliche Neapels und der Umgegend, Tausende an der Zahl, und zwischen ihnen, getragen von rüstigen Männern, 45 massiv-silberne Brustbilder der verschiedenen Kirchenpatrone der an Kirchen und Klöstern so reichen Stadt. In Santa Chiara angelangt, wartet ihrer Alles zum würdigen Empfange. Die weiten Hallen sind bunt mit Blumen, Teppichen und Lichtern geschmückt. Auf einer Estrade zur Seite des Hochaltars steht ein starkes Musik- und Sängerchor, der Altar selbst blitzt und funkelt in Hunderten von Kerzen, die ihre Strahlen in Gold und Silber wiederspielen, und vor seinen Stufen steht die Pfarrgeistlichkeit mit Wasser und Weihrauch und bringt jedem der herangetragenen Heiligen unter einem kurzen Gebete ihre Verehrung dar. Diese wenden sich nun nach einem Seitenschiffe und machen so einer dem andern Raum, bis am Ende die Madonna und gleich nach ihr das Blut des Märtyrers folgt. Alles das trüge eine gewisse Würde in sich, wenn unser Auge und Ohr nicht beleidigt würde durch den Anblick, der sich uns auf der linken Seite des Hochaltars darbietet. Dort nämlich sehen wir auf einer niedrigen Estrade eine Zahl von ungefähr 30 Weibern versammelt. Es sind alle ohne Ausnahme Weiber aus dem Volke, in den Jahren stehend, wo die bei der weiblichen Jugend Neapels ohnehin so seltene Schönheit und Grazie sich in ihr directes Gegentheil verwandelt hat, und durch die man lebhaft wieder an jene eklen Kampfscenen erinnert wird, die man unter ihres Gleichen tagtäglich an der Santa Lucia oder der Mirgillina erleben kann. Auch hierhin an den Altar haben sie die wohl nur dem eingeborenen Neapolitaner erträglichen Manieren, ihren Gefühlen Luft zu machen, mitgebracht, und so erhebt sich denn jedesmal, so oft eins der Heiligenbilder herannaht, ein Zetergeschrei von jener Estrade aus, das die Fenster klirren und die Ohren erbeben macht. Anfangs mag es unmöglich sein, den Sinn und Inhalt der im kreischendsten Discant ausgestoßenen Töne aufzufassen oder auch nur zu vermuthen. Nach und nach gewöhnt das Gehörorgan sich daran und entziffert aus dem widrigen Chaos die bekannten Schlußworte der katholischen Psalmen: Sancte N. N., ora pro nobis. Gloria patri et filio etc. etc. Bei jedem Heiligen scheint das Geschrei sich zu vermehren, die religiöse Gluth stärker und das Bedürfniß nach der Reliquie sehnsüchtiger zu werden, denn sie haben ein Recht darauf, diese Frauen: es sind die Nachkommen der Familie des heiligen Januarius.

Es erscheint das Bildniß der Madonna, ihre Wuth verdoppelt sich; es kommt die Bahre mit dem silbernen Schrein, und sie übersteigt alle Grenzen. Bald jedoch tritt eine wohlthätige Pause ein, während deren der Erzbischof mit der Geistlichkeit am Fuße des Altars mehrere Gebete absingt. Mittlerweile ist das in der Kirche massenhaft versammelte und durch die Soldaten zurückgehaltene Volk mit Energie bis in das Chor vorgedrungen. Die Honoratioren der Stadt und die Fremden, welche letztere besonders man mit großer Liberaliiät bis zur Communionbank hat passiren lassen, werden durch die sich anwälzende Menge bis über die Ballustrade dicht zum Altar hingedrängt und stehen Fuß an Fuß hinter den ministrirenden Geistlichen und dem betenden Erzbischofe. Dieser endlich ergreift das heilige Gefäß, steigt die Stufen hinauf [525] in die Mitte des Altars und erwartet dort den Augenblick des Mirakels. Während dessen ist die ganze Menschenmenge bis oben hin nachgefolgt. Hundert Köpfe beugen sich über die Phiolen und recken sich in die Höhe, um keinen Augenblick des Schauens zu verlieren. Die Weiber beginnen toller zu kreischen als je. Immer vielstimmiger, immer lauter, immer heftiger werden ihre Bitten an den Heiligen, das Wunder zu wirken. Heftige Drohungen und Schmähreden, die sie gegen sein an der linken Seite des Altars aufgestelltes von Gold und Edelsteinen gefertigtes Bild schleudern, wechseln ab mit allen möglichen Ausbrüchen ihres wunderbedürftigen Herzens. Stumm und schweigend erwartet die übrige Volksmenge den heiligen Augenblick, die Einen auf den Knieen liegend in inbrünstigem Gebete, die Andern sich weiterdrängend nach dem Innern des Chors. Die Priester murmeln Gebete. Immer schwüler wird die Atmosphäre, immer mächtiger die innere Aufregung, immer wilder das Geschrei der Weiber – da endlich ertönt das Zeichen mit der Glocke. Das Mirakel ist geschehen. Alles stürzt nieder in den Staub. Ein unwillkürlicher Seufzer entringt sich jeder Brust. Das Musikchor setzt mit den kräftigsten Tönen ein, die Sänger singen im gewaltigsten Fortissimo eine rauschende Gloria, die Glocken der Kathedrale hallen feierlich in die Runde, ihnen antworten die metallnen Zungen der ganzen Stadt in tausendstimmigem Chor, und von St. Elmo herab verkünden die dröhnenden Geschütze weit über Land und Meer, daß Neapel wieder Gnade gefunden hat vor Gott und vor seinem Schutzheiligen. Da drinnen aber in der Kirche drängt sich Alles mit erneutem Eifer um den Altar. Das heilige Blut macht die Runde, um den Kuß eines jeden Anwesenden zu empfangen und, auf Stirn und Herz gedrückt, Dir Glück und Segen wiederzugeben.

So sah und erlebte auch ich das große Wunder, und so sah und erlebte ich es zum zweiten, dritten und vierten Male. Auch meine Lippen berührten das heilige Gefäß, worin das Blut, das ich vorher ganz deutlich starr gesehen, unter den Bewegungen der Hand des tragenden Priesters sich ebenso deutlich hin und herbewegte, und auch meiner Stirn wurde die Gnade zu Theil, den unmittelbaren Segen des Heiligthums zu empfangen. Aber ich weiß nicht, wie mir geschah. Diesem Segen folgte der Zweifel und die Kritik.

Es war mir natürlich nicht unbekannt geblieben, daß man den ganzen Vorgang von der einen Seite ebenso erhob, wie von der andern verwarf. In ersterer Beziehung hatte mich die Vertheidigung, welche der gegenwärtige k. k. Reichshistoriograph Hurter (Geburt und Wiedergeburt, Schaffhausen bei Hurter) dem Mirakel angedeihen läßt, besonders interessirt. Obschon ich seine Beschreibung nicht zur Hand hatte, waren mir doch alle wichtigern Daten genau im Gedächtnisse zurückgeblieben. In Neapel selbst kam mir eine lange Abhandlung „Teorica dei miracoli ed discorso apologetico sul miracolo di S. Gennaro“ des gelehrten Nicola Fergola († 1824) zu Gesicht. Ich verglich das Erinnerliche Hurter’s und das vor mir Liegende Fergola’s mit dem, was ich selbst gesehen und selbst geprüft, und kam zu einem ganz andern Resultate als sie Beide.

Worin besteht das Wunderbare und Uebernatürliche in unserem Falle? Es besteht darin, daß Etwas geschieht, was für den ersten Augenblick überrascht, daß dies geschieht ohne unmittelbares Zuthun einer menschlichen Hand, und daß es geschieht unter dem beglaubigenden Einfluß einer mystischen, ehrwürdigen Tradition. Aber keines dieser drei Kriterien ist im Stande, Stich zu halten. Was uns da überraschen soll, ist nicht gewaltiger und außergewöhnlicher in seiner Erscheinung, als das erste beste Kunststück, das uns ein „Professor der natürlichen Magie“ auf irgend einem Jahrmarkte producirt, – was die menschliche Hand und ihre Fingerfertigkeit nicht leistet dabei, das thun hier nach unserer Ansicht die menschliche Körperwärme und deren langsames Durchdringen in das Innere des Gefäßes, und was die Tradition angeht, so wissen wir recht wohl, daß unser Wunder sich gerade aus jener Zeit datirt, wo der „fromme Betrug“ seine Blütheperiode erlebte. Sehen wir genauer zu, wieweit ich Recht habe, so zu blasphemiren.

Jedem nur einigermaßen mit der Chemie Vertrauten ist es wohl bekannt, daß verschiedene Stoffe sich zu einem bestimmten Wärmegrade ganz verschieden verhalten. Die einen erhärten sich zu einer starren Masse bei einer Temperatur von + 10 oder 20 Grad R., während die andern an – 30 nöthig haben, die einen sieden bei + 35 bis 40, während die andern an + 150 gebrauchen. Es wäre unnöthig, all die Stoffe, welche hier zur Erklärung unseres Falles dienen könnten, aufzuzählen und an jedem einzelnen nachzuweisen, daß er die Bedingungen zur Erfüllung jenes Mirakels in sich trägt. Es genügt, das an einem einzigen zu thun: Nehmen wir 10 Theile gewöhnlichen Hammelstalg, zerkleinern sie, bringen sie in ein wohlschließendes Gefäß, gießen 12 Theile Schwefeläther darüber und färben das Ganze mit irgend einem Stoffe blutroth, so erhalten wir dadurch eine Mischung, die in kurzer Zeit bei der mittleren Lufttemperatur Italiens (+ 12° R.) hart und starr wird, aber bei der Temperatur des menschlichen Körpers (+ 28° R.) und sogar noch darunter, sich vollständig verflüssigt. Diese Verflüssigung geht um so rascher vor sich, je mehr die Mischung hin und her bewegt wird, sie hört um so rascher auf, je mehr man das Gefäß in eine ruhige Lage bringt. Beinahe genau dieselben Bedingungen fand ich in der Kirche der heiligen Clara in Neapel. Die Temperatur der Straßen am Abend des 5. Mai betrug 13°, die des Schiffs der Kirche 16° und die der Stelle, wo das Gefäß mit dem Blute in der Hand des Erzbischofs sich befand, konnte in Folge des Zusammendrängens der vielen Menschen auf einen kleinsten Raum und der Hunderte der umher brennenden Lichter nicht weniger als 28° betragen. Natürlich konnte ich die Wärme dieses Raumes nicht mit meinem Taschenthermometer messen, da ich einestheils nicht nahe genug dabei stand, und ich es anderntheils auch nicht gewagt hätte, dort als Zweifler aufzutreten, – aber daß es so sein mußte, war mir nach Vergleich mit analogen Zuständen außer allem Zweifel, und dann fand ich in Fergola’s Buche selbst eine Tabelle, wonach am 19. September 1794 die Temperatur drei Fuß entfernt von dem heiligen Gefäße auf 80° Fahrenheit (ungefähr 22° R.) angegeben ist.

Bedenken wir nun, daß das sogen. Blut bis zum Beginn des Festes in dem Wandschranke einer Marmorkirche eingeschlossen war, daß es von dort in ruhigster Bewegung durch die kühle Frühlings- und Herbstluft der schattigen Straßen Neapels getragen wird, daß es nach und nach unter beständigem Schütteln und Umdrehen einer erhöhten Temperatur ausgesetzt wird, so verschwindet der ganze Nimbus des Außerordentlichen und Wunderbaren vor den Thatsachen der Chemie und Physik, die uns schon lange wissen ließen, daß, um solche Wunder zu verrichten, keine übernatürlichen Einflüsse mehr nöthig sind.

Man hat sich nun verschiedentlich auf die Fergolesischen Tabellen aus dem Jahre 1794 berufen, die uns mit Zahlen darthun sollen, daß der ganze Proceß der Verflüssigung mit dem Einfluß der Wärme durchaus nichts zu thun habe, sondern ganz unabhängig davon vor sich gehe. Diese Tabellen geben freilich an, daß bei ein und derselben Temperatur der Proceß sich bald rascher, bald langsamer entwickelt habe, ja daß sogar zuweilen trotz der geringeren Temperatur die Verflüssigung doch eher vor sich ging. Wir haben dagegen zu bemerken, daß 1) diese Beobachtungen sich aus dem Jahre 1794 datiren, wo bekanntlich die Methode sowohl, wie Instrumente für solche Zwecke unendlich viel zu wünschen übrig ließen, daß 2) Fergola uns durchaus nicht die wissenschaftliche Autorität anführt, welche jene Messungen gemacht und der wir darin unbedingt zu vertrauen hätten, und 3) daß alle anderen Umstände zu sehr übereinstimmen, um nicht gerade in diesem Punkte eine wissentliche oder unwissentliche Täuschung Seitens jenes Beobachters annehmen zu müssen. Wo soviel Menschen und soviel Lichter in solcher Weise zusammen kommen, wie um die heilige Phiole, dort entsteht eine Wärme von mindestens + 25°, und das genügt, um auch unsere Wundermasse zu verflüssigen. Schwankungen in der Zeit – angenommen, daß sie wirklich existiren – können dabei nicht in Betracht kommen. Auch sie würden wir wohl erklären können, wäre es uns einmal vergönnt, nach Herzenslust mit dem Object selbst zu experimentiren. Ein englischer Naturforscher, so erzählt Hurter, bat sich einen Tropfen des Blutes aus, um sich chemisch und mikroskopisch davon zu überzeugen, daß es wirklich Blut sei. Natürlich, meint Hurter, wies man ihn entrüstet zurück. Das ist freilich die einfachste Manier, um sich die wissenschaftliche Untersuchung vom Leibe zu halten.

Ich habe nur noch Weniges hinzuzufügen über die religiöse und politische Bedeutung des Mirakels. Die ganze Welt weiß, was sie von der bisherigen neapolitanischen Staats- und Kirchenwirthschaft zu halten hat. Das Wunder des heiligen Januarius ist mit ihr auf’s Engste verwachsen. Mir selbst kam es sehr bald etwas paradox vor, daß der liebe Gott gerade in diesem Lande, [526] in diesem Staat, unter dieser Regierung so freigebig mit seinen Gnaden sei. Ich begriff recht wohl, daß man von Wundern erzählt in einer Zeit, wo es galt, die Ungläubigen zu bekehren oder die Frommen im Glauben zu stärken. Aber beide Zwecke haben ja in Neapel keine Bedeutung. Für die Bekehrung braucht man nicht mehr zu sorgen, denn das ganze Land ist ja streng katholisch, und den andern ebengenannten Zweck zu erfüllen, das wären „Perlen vor die Säue“, denn selbst der echte und gebildete Katholik ist scandalisirt vor dem, was man hier als Christenthum und Frömmigkeit ausgibt. Ich habe hier viele gläubige Katholiken gesprochen, die sich mit Trauer im Herzen von diesem Kunststückchen abwandten. Ein todter Formenkram, dessen Beschützer und Bekenner ebenso roh sind, wie seine Expectorationen, – das ist es, was man in Neapel Katholicismus nennt. Aber nein, uns däucht der Zweck des Wunders, der alte, traditionelle Zweck dieses frommen Betrugs, ein anderer. Wenn irgend ein Volk es nöthig hat, im Zaume gehalten zu werden, so ist es das der reizenden Stadt Neapel. Das geht nicht mit der Gewalt der Waffen, drum muß es mit der Gewalt des Wunders gehen. An eine Regierung, die jedes Jahr zweimal dem Mirakel persönlich ihre Huldigung darzubringen geht, in deren Gegenwart das Blut nur stärker und mächtiger zu wallen scheint, der also der Finger Gottes jedes Jahr seine unmittelbare Approbation ertheilt, – an eine solche Regierung muß das Volk glauben, an ihr muß es halten, und was sie thut, das ist wohlgethan. Ich weiß nicht, ob es wahr ist, was man sich aus dem Jahre 1799 erzählt. Der General der Republik, Championnet, hatte Neapel am 23. Januar nach dreitägigen Kampfe genommen und seine Dynastie verjagt. Es kam der Tag des Mirakels, aber siehe da, in diesem Jahre leuchtete die Gnade des Heiligen nicht über der von den gottlosen Sansculotten besetzt gehaltenen Stadt. Allenthalben gewaltige Aufregung und Gährung. Das Volk nahm eine den Franzosen feindliche Haltung an. Da schickte Championnet in die Kirche St. Chiara und ließ den dort anwesenden Priestern bedeuten, daß Kerker und Kanonen in Bereitschaft wären, wenn man so fortfahre. Da jedoch der neapolitanische Clerus solche Dinge immer besser zu verhängen, als zu erdulden verstand, so ging das Wunder noch selbigen Tages ruhig vor sich. So erzählt man sich in Neapel in gebildeten Kreisen. Ich habe keinen historischen Beleg dafür.

Es versteht sich nach dem oben Gesagten von selbst, daß die Bourbonen in Neapel außerordentlich viel auf Anerkennung der Richtigkeit des Wunders hielten. Noch im Jahre 1859 wurde ein junger Mann in die geheimen Gefängnisse der neapolitanischen Polizei geworfen, weil er denuucirt worden war, darüber Ungeziemendes geredet zu haben. Es würde uns das in Erstaunen setzen, wüßten wir nicht durch die Geschichte, daß die Despoten aller Zeiten sich solcher religiösen Mittel bedienten, um die Völker zu bändigen und an die süße Gewohnheit des blinden Gehorsams anzuketten. Wie weit der Clerus Neapels dabei seine Hand im Spiele hat, wissen wir nicht. Es scheint, als ob ein großer Theil an die volle Echtheit des Mirakels ebenso felsenfest glaube, wie unser gelehrter Landsmann Hurter in Wien, ja wir können sogar, wenn wir gutmüthig sein wollen, annehmen, daß sie Alle miteinander in einer unwissentlichen Täuschung befangen sind und daß nur der Eine und Erste, welcher in seiner alchemistischen Weisheit das Wunder construirte, von dem „frommen Betruge“ überzeugt war. Das lassen wir nun dahingestellt sein. Für uns genügt die Ueberzeugung von dem, was wir gesehen und beurtheilt haben, und auch der fromme Katholik mag sich trösten und über unsere Gottlosigkeit sich nicht entsetzen. Nach den Satzungen des Concils von Trient brauchen Wunder, die nicht ausdrücklich von der Kirche als solche declarirt worden sind, nur insoweit geglaubt zu werden, als es dem frommen Herzen jedes Einzelnen und seinen gesunden fünf Sinnen entsprechen sollte. Das Mirakel von Neapel gehört aber nicht zu den officiell und feierlich von Rom anerkannten.




Der Phosphor, seine Eigenschaft und seine Benutzung.
Von A. Dammer.

Phosphorzündhölzchen benutzen wir Alle, sauren, phosphorsauren Kalk bringt der Landmann auf seinen Acker und erzielt bedeutend größere Ernten. Wir haben erkannt, daß Phosphor ein Hauptbestandtheil der Knochen ist, daß also ohne Phosphor Knochenbildung nicht stattfinden kann, daß aber ebenso ohne Phosphor die Bildung eiweißähnlicher Stoffe unmöglich ist. Deshalb gab neuerdings ein Forscher Kälbern neben Heu, Kleie und Molken noch phosphorsauren Kalk und gelangte in Bezug auf Ernährung zu viel versprechenden Resultaten; deshalb läßt ein Arzt verdünnter Kuhmilch phosphorsaure Salze zusetzen, um sie dadurch der Muttermilch ähnlicher zu machen, die reicher an Phosphor ist, als verdünnte Kuhmilch. „Ohne Phosphor kein Gedanke,“ hat Jacob Moleschott gesagt, um damit die Abhängigkeit des Gedankens nicht vom Phosphor allein, sondern vom Phosphor überhaupt auszusprechen.

Und der Phosphor? Staunend fragen so Viele, wenn man ihnen das mit Wasser gefüllte Glas zeigt, in welchem Wachslichtern ähnliche weiße Stengelchen liegen: Das ist Phosphor? – In wenigen Zügen will ich hier versuchen, diejenigen Eigenschaften aufzuzeichnen, die uns, wenn wir sie an einem Körper wiederfinden, sagen, daß der vor uns liegende Stoff Phosphor ist. Das Metall der Pottasche und der Soda, das Kalium und das Natrium, muß man in einer sanerstofffreien Flüssigkeit, z. B. in Steinöl, aufbewahren, weil diese Metalle die größte Neigung haben, mit Sauerstoff sich zu verbinden, und deshalb sauerstoffhaltige Körper leicht zersetzen. An der Luft ziehen sie Sauerstoff an und zerfließen zu Kali und Natron. Auch der Phosphor zeichnet sich aus durch seine große Verwandtschaft zum Sauerstoff. Aber sie ist nicht so groß, daß er, wenigstens nicht bei gewöhnlicher Temperatur, Wasser zersetzt, deshalb bewahrt man ihn in Wasser auf. Ein Stückchen Phosphor, an feuchter Luft liegend, stößt reichlich Dämpfe aus und verschwindet allmählich, indem es mit dem Sauerstoff der Luft einen neuen Körper, phosphorige Säure, bilder, und auch diese zeigt noch so große Neigung, mit Sauerstoff sich zu verbinden, „höher sich zu oxydiren“, daß sehr bald alle phosphorige Säure in Phocphorsäure verwandelt ist. Den beschriebenen Vorgang nennt man eine langsame Verbrennung. Schnell verbrennt Phosphor, wenn man ihn mit einem heißen Glasstab etwa berührt. Er entzündet sich, und stülpt man anders eine trockne Glasglocke schnell über, so findet man das Verbrennungsproduct als weißes stockiges Pulver reichlich an den Wandungen der Glocke. Dies ist Phosphorsäure, die sich in Wasser unter Zischen leicht löst. Phosphorige Säure bildet sich nicht, weil der Verbrennungsproceß zu energisch verläuft. Hier ist das Verbrennungsproduct sichtbar, ein fester Körper. Verbrennt Schwefel oder Holz, so entweichen die entstehenden Gase, schweflige Säure, Kohlensäure und Wassergas, unsichtbar in die Luft.

Holz verbrennen wir meist, um die auftretende Wärme zu benutzen; bei andern Oxydationsprocessen könnten wir leicht die Wärme übersehen, ob sie stets gleich auftritt. So beim Phosphor. Zündet man ihn an, nun ja, da bemerkt man die die Oxydation begleitende Wärmeerscheinung wohl; liegt aber Phosphor an der Luft, oxydirt er sich langsam, so wird dieselbe Menge Wärme entwickelt, wie vorher, aber sie ist auf eine so lange Zeitdauer vertheilt, daß sie nicht fühlbar wird. Dennoch können wir sie gerade beim Phosphor recht schön beobachten. Man lege nur in eine Porzellanschale mehrere Phosphorstengelchen je vier übereinander, so wird anfangs reichlich Dampf ausgestoßen, die Oxydation ist eingeleitet, aber die sich entwickelnde Wärme der vielen Phosphorstückchen wird zusammengehalten und reicht hin, eine Temperatur von 40° zu erzeugen. In dieser Temperatur schmilzt aber der Phosphor, und oft wird die Wärme bis 60° gesteigert, wo dann Entzündung eintritt, die langsame Verbrennung schlägt um in die schnelle.

Die Verbrennungsproducte des Phosphors sind löslich in Wasser, Phosphor selbst nicht, man bewahrt ihn ja unter Wasser auf. Aber fette Oele lösen ihn, obwohl nur in geringer Menge, ebenso Aether; die Lösungen werden in der Apotheke verwendet. Reichlich löst Schwefelkohlenstoff den Phosphor auf, beim Verdunsten [527] der Lösung krystallisirt der Phosphor, ähnlich wie Salpeter aus wässeriger Lösung krystallisirt, wenn langsam das Wasser verdunstet.

Eine Eigenschaft des Phosphors, die seit seiner Entdeckung ihm die allgemeine Aufmerksamkeit sicherte, ist sein Leuchten im Dunkeln, früher nannte man alle Stoffe, die im Dunkeln leuchten, wie z. B. den salpetersauren Kalk, Phosphor (vom griechischen phos, Licht, und phero, tragen). Da aber der jetzt so genannte Stoff diese Eigenschaft in so ausgezeichnetem Grade besitzt, wurde auch bald dieser Name auf ihn allein beschränkt. Das Leuchten beobachtet man, wenn man nur eine abgetrocknete Phosphorstange im Dunkeln liegen läßt. Es währt so lange, als noch Phosphor vorhanden ist, dagegen findet es bald eine Grenze in einer verschlossenen Flasche. Langsam verdampft der Phosphor bei gewöhnlicher Temperatur an der Luft; dieser Vorgang ist von Lichtentwickelung begleitet, ebenso auch die langsame Verbrennung. Wenn nun aber in der verschlossenen Flasche der ganze Sauerstoff vom Phosphor aufgenommen ist, dann kann keine Oxydation mehr stattfinden. Ebenso ist die Luft der Flasche bald mit Phosphordampf gesättigt, die Verdampfung erreicht ihre Grenze, ganz so, wie in einer Flasche einige Tropfen Wasser nie ganz verdampfen. Aus diesem Grunde hört nun das Leuchten ganz auf. Leitet man über Phosphor in einer Glasröhre Wasserstoffgas, so leuchtet der Phosphor, indem er verdunstet, aber der Dampf oxydirt sich noch nicht, weil kein Sauerstoff zugegen ist. Tritt aber der mit Phosphordampf beladene Wasserstoff an die Luft, so leuchtet er zum zweiten Mal; nun oxydirt sich der Phosphor.

Bringt man eine Flasche, die Phosphor enthält, an die Nase, so bemerkt man einen eigenthümlichen an Knoblauch erinnernden Geruch. So sollte man schließen, dieser Geruch sei dem Phosphor eigen. Das ist ein Irrthum. In sauerstofffreien Töpfen riecht Phosphor nicht, der Geruch rührt her von Oxydationsproducten und von einer am Phosphor zuerst erkannten höchst beachtenswerthen Eigenthümlichkeit des Sauerstoffs. Dieser wird nämlich, wo er mit Phosphor und Wasser zusammenkommt, eigenthümlich verändert. Noch ist der Vorgang nicht ganz vollständig erkannt, jedenfalls aber zeigt sich als Resultat desselben ein Gas, welches stark riecht und alle Eigenschaften des Sauerstoffs besitzt, nur in ausgezeichnet höherem Grade, sodaß es in vieler Beziehung dem Chlor sehr ähnlich ist. Man hat diesen Körper seines Geruches halber Ozon (vom griechischen ozo, riechen) genannt, ehe man wußte, daß er Sauerstoff sei. Es befindet sich allverbreitet in der Atmosphäre, aber wegen seiner großen Verwandtschaft zu fast allen Stoffen stets nur in geringer Menge. Im Winter enthält die Atmosphäre mehr davon, als im Sommer; das Bleichen stark gebläuter nasser Wäsche im Winter ist eine Wirkung des Ozons. Nicht der Kälte allein, sondern dem größeren Ozongehalt der Luft dürfen wir die erquickende, belebende Frische eines Spazierganges im Winter, namentlich auf Bergen, zuschreiben. Ueber die Bedeutung des Ozons spreche ich wohl ein ander Mal ausführlicher, wenn die verehrliche Redaction mir wieder ihre Spalten öffnet.

Soviel ich nun schon über die Eigenschaften des Phosphors gesprochen habe, so darf doch eine höchst beachtenswerthe Eigenthümlichkeit desselben nicht übergangen werden. Es ist das Verhalten des Phosphors gegen Licht und Wärme. Unter allen Umständen färbt Licht den Phosphor roth, ganz ebenso wie Chlorsilber vom Licht geschwärzt wird. Setzt man Phosphor lange Zeit dem Licht aus, so verwandelt er sich endlich in einen hochrothen Körper. Denselben Körper erhält man, wenn man Phosphor über 200° erhitzt und längere Zeit auf dieser Temperatur erhält. Was ist nun dieser rothe Stoff? Erhitzen wir ihn stärker, so schmilzt er nicht, sondern es entweichen endlich Dämpfe und diese verdichten sich beim Erkalten wieder zu weißem Phosphor! Der schön krystallisirende Diamant ist Kohlenstoff; Graphit, welches wir im Bleistift benutzen, ist ebenfalls Kohlenstoff. Hier haben wir parallele Erscheinungen. Schmilzt man ganz reinen Phosphor und gießt ihn plötzlich in sehr kaltes Wasser, so wird er schwarz. Es gibt also rothen, weißen, schwarzen Phosphor, derselbe Körper in drei verschiedenen Zuständen!

Der rothe Phosphor besitzt aber Eigenschaften, die ihm hohe Bedeutung in der Technik sichern. Nicht mehr entzündlich wie der weiße Phosphor, kann man ihn in Kisten verpacken und ohne Gefahr versenden. Dabei ist er bei weitem nicht so giftig, wie der weiße Phosphor: während die Dämpfe des letzteren bei den Arbeitern in Zündhölzchenfabriken nur zu oft nekrotische Zerstörung der Kieferknochen hervorbringen, hat man, ohne Vergiftungserscheinungen zu beobachten, einem Hunde 16 Gran rothen Phosphor eingegeben. Die große Giftigkeit des weißen Phosphor benutzt man in der Phosphorlatwerge zur Vertilgung der Ratten und Mäuse, die merkwürdiger Weise gegen allen Instinct den Phosphor in Mehlteig mit großer Begierde fressen. – Diese Eigenschaften des rothen Phosphors haben ihn bald den weißen Phosphor in der Fabrikation der Zündhölzchen verdrängen lassen. Unvermischt entzündet er sich nicht durch Reibung oder Stoß, er erhält aber diese Eigenschaft, wenn man ihn mit chlorsaurem Kali mischt. So bereitete Zündhölzchen sind lange nicht so gefährlich, wie die mit weißem Phosphor bereiteten.

In neuerer Zeit hat man ein Verhalten des Phosphors gegen Goldlösungen kennen gelernt, das von großer Bedeutung zu werden verspricht. Legt man nämlich ein Phosphorstückchen in eine starke Lösung von Gold in Königswasser, so überzieht es sich bald mit einer liniendicken Lage metallischen Goldes. Ohne Zweifel wird man dies in der Galvanoplastik benutzen können zur Darstellung goldener Schmucksachen. So sehen wir eine reiche Anwendung des Phosphors in der Technik, und nicht minder bietet der Phosphor Gelegenheit, die wichtigsten Lehren der Chemie an ihm zu erörtern. In der That hat Lavoisier im Jahr 1774 seine noch heute gültige Verbrennungstheorie am Phosphor entwickelt. Um eine Idee von dem Verbrauch des Phosphors zu geben, will ich bemerken, daß nach Payen in Frankreich jährlich 40 Tons à 20 Centner verarbeitet werden und davon etwa 95 % zur Fabrikation der Zündhölzchen. In einer Fabrik in Manchester werden täglich 6–9 Millionen Zündhölzer verfertigt, zu denen etwa 5 Pfund Phosphor verbraucht werden, ja in Deutschland werden diese Zahlen noch übertroffen.

Von den Verbindungen des Phosphors mit andern Körpern wäre namentlich der Phosphorwasserstoff zu erwähnen, jenes übelriechende Gas, welches als Fäulnißproduct phosphorhaltiger Stoffe zum Theil deren üblen Geruch bedingt. Reiner Phosphorwasserstoff verbrennt an der Luft von selbst zu Wasser und Phosphorsäure, welche letztere dabei als weißer Nebel auftritt.

Höchst lehrreich für den Begriff einer chemischen Verbindung ist aber das Verhalten des Phosphors zum Chlor. In diesem Gas verbrennt ersterer mit hellgelblich grüner Flamme – eine Flamme ohne Sauerstoff! – es bildet sich bei Ueberschuß von Phosphor eine wasserhelle Flüssigkeit, das Phosphorchlorur, welches, der phosphorigen Säure analog zusammengesetzt, ebensoviel Chlor enthält, wie jene Sauerstoff – bei Ueberschuß von Chlor ein weißer fester Körper, der in gleichem Verhältniß zur Phosphorsäure steht. Dieser, Phosphorchlorit, und das Phosphorchlorur zersetzen sich beide in Berührung mit Wasser außerordentlich heftig, indem sich Chlorwasserstoff und Phosphorsäure, resp. phosphorige Säure, bildet. Alles, was ich bis jetzt über den Phosphor gesagt, würde ihm wohl eine wissenschaftliche und technische Bedeutsamkeit sichern, aber ihn nicht zu der so großen Wichtigkeit erheben, die er wirklich besitzt, wenn nicht besondere Verhältnisse zum Thier- und Pflanzenleben an ihn die Bildung und Existenz vieler der wichtigsten Körper knüpften.

Wir haben gelernt, daß die Bildung eiweißähnlicher Stoffe in der Pflanze nicht stattfinden kann ohne die Gegenwart der Phosphorsäure. Ohne Phosphor kein Getreide. Ebenso ist die Ernährung des thierischen Körpers durchaus abhängig von der geregelten Zufuhr des Phosphors in der Speise. Das Knochengerüste besteht zur Hälfte etwa aus phosphorsaurem Kalk. Der Phosphor findet sich aus leicht begreiflichen Ursachen nicht als solcher oder als freie Phosphorsäure, wohl aber als phosphorsaurer Kalk in der Natur weit verbreitet. Es möchte schwerlich eine Ackererde vorkommen, die nicht wenigstens Spuren von Phosphor enthielte. Das häufigst verbreitete Mineral wird Apatit, in dichten Massen Phosphorit genannt. Dies ist in kleinen Bruchstücken Bestandtheil der Ackererde. Aus dem, was ich oben gesagt, geht aber hervor, daß es für eine reichliche Ernte nicht gleichgültig ist, wieviel Phosphor im Boden enthalten ist. Zur Erzeugung einer bestimmten Menge Eiweiß, also Getreide, ist eine bestimmte Menge Phosphor erforderlich. Hieraus erklärt sich die stark düngende Wirkung phosphorhaltiger Stoffe, wie Knochenmehl, Guano etc. in allen den Fällen, wo der Boden arm ist an Phosphor.

Pflanzenasche enthält stets viel mehr Phosphorsäure, als eine gleiche Menge Ackererde. Aber die Thiere fressen Pflanzen, und so lange der Organismus wächst, sammelt er die Phosphorsäure und [528] verwendet sie mit Kalk zum Aufbau des Skeletts. Nur bei reichlicher Phosphorzufuhr kann reichliche Knochenbildung erfolgen. Dies ist die große Bedeutsamkeit des Phosphors für vegetabiles und animales Leben. Aller Phosphor wird aus Knochen gewonnen. Hier sehen wir, wie die Natur uns die leichte Gewinnung dieses Stoffes ermöglicht. Freilich könnten wir auch aus der Ackererde Phosphor gewinnen, aber bei dem geringen Inhalt derselben müßten wir außerordentlich große Mengen in Arbeit nehmen, um nur namhafte Mengen Phosphor zu gewinnen; dabei würde der Preis des Phosphors ein so hoher sein, daß von Verwendung in der Technik nicht viel die Rede sein könnte. Die Knochen aber enthalten reichlich 50% phosphorsauren Kalk, diesen erhält man fast rein, wenn man die Knochen brennt. Durch Schwefelsäure wird dann die Phosphorsäure abgeschieden, indem sich der Kalk mit der Schwefelsäure zu Gyps vereinigt. Die gewonnene Phosphorsäure trocknet man mit Kohle ein und erhitzt sie stark. Oxydationsproducte der Kohle und Phosphor sind Producte der in Destillationsgefäßen vorgenommenen Erhitzung. Der Sauerstoff der Phosphorsäure ist an die Kohle gegangen, die Phosphorsäure ist reducirt, der Phosphor destillirt über. Den so gewonnenen reinigt man, indem man ihn geschmolzen durch Ziegenleder preßt. In Stangen gegossen wird er in den Handel gebracht.




Blätter und Blüthen.


Englische Versicherungs-Gesellschaft gegen Unglücksfälle. In England gibt’s für alles mögliche Gute und gegen alle denkbaren Uebel Compagnien. Nichts ist so ausgebildet, als das Versicherungs-Wesen und Unwesen. Man kann eben alles Mögliche, was den Zufällen des Lebens unterworfen ist, versichern, sein eigenes und Anderer Leben, seine und Anderer körperliche Gliedmaßen gegen Bruch und sonstige Verletzung, Güter und Waaren zu Lande und zu Wasser. Das ist im Allgemeinen bekannt, aber es wird Manchem lehrreich und unterhaltend erscheinen, einer solchen Compagnie einmal näher ins Geschäft zu blicken. Da liegt ein Jahresbericht von der „Accidental-Tod-Versicherungs-Compagnie“ vor uns, welche nicht nur Versicherungen gegen Tod durch Zu- und Unglücksfall annimmt, sondern auch gegen alle sonstigen Unglücksfälle, die von der leichtesten Verletzung des kleinen Fingers anfangen. Die Compagnie bezahlt den Versicherten, wenn er sich den Fuß verrenkt oder zufällig auf die Nase fällt, wenn ihn irgend jemand oder ein Etwas schlägt, stößt, quetscht oder sonst realinjurirt. Reisende zu Wasser und zu Lande, zu Pferde oder zu Fuße, in allen Theilen der Welt haben für einen jährlichen Beitrag die Gewißheit, daß ihnen durchaus nichts passiren kann, ohne daß sie dafür von der Compagnie entschädigt werden. Die Summe hängt natürlich von der Einlage und dem speciellen Uebereinkommen mit der Compagnie ab. Je nach diesem Uebereinkommen bekommt der Versicherte nach einem Unglücksfalle so lange, bis dessen Folgen beseitigt sind, von 10 Schillinge bis 12 Pfund wöchentlich. Auch stellt sie Gesundheits-Policen überhaupt aus und zahlt entsprechend, so bald und so lange der Gesundheitszustand des Versicherten irgendwie gestört ist. Die Versicherten sind je nach den Gefahren, welchen sie durch ihre Berufsarbeiten ausgesetzt sind, in Classen eingetheilt. Dach- und Schieferdecker müssen also natürlich bedeutend mehr für den Fall eines Unglücks oder Todesfalls zahlen, als der Held der Feder am Schreibtische. Alle die Glücklichen, die nicht mit schweren, schneidenden oder stechenden Werkzeugen und in sicheren Räumen arbeiten oder Muße pflegen, sind die Herrschaften „erster Classe“ für die Compagnie. Gefahr des Ortes oder bei der Arbeit bedingt zweite Classe, und besonders gefährliche Situationen bei täglicher Arbeit, Kutscher und Fuhrleute, Personen auf Schiffen und bei Dampfmaschinen angestellt, dritte Classe. Beispielsweise führen wir an, daß 1000 Pfund für die Ueberlebenden nach dem Todesfalle des Versicherten oder 6 Pfund wöchentlich für ihn nach einem Unglücksfalle, der ihn arbeitsunfähig macht, mit 2, 3, 4 und 5 Pfund (also in Classen) gesichert werden. Im Jahre 1859 versicherten sich gegen 5000 Personen, die mit den schon Versicherten im Ganzen über 41,000 Pfund zahlten. Ueber 1500 Personen erhielten für Unglücksfälle der verschiedensten Art 130,000 Pfund Prämie. Das Verzeichniß dieser Unglücksfälle und der dafür bezahlten Prämien enthält manchen interessanten Posten. Wir führen einige an. Ein Mann in Hull erhielt 4 Pfund für eine verstauchte Hand, ein Anderer in Towcester 28 Pfund für eine umgeworfene Chaise. In Bedford stürzte Jemand für eine Prämie von 36 Pfund vom Pferde, und ein Student in Oxfort ließ sich für 20 Pfund von einem Pferde schlagen. Ein verletztes Bein erhielt 9 Pfund 10 Schillinge Schmerzensgelder, und in Sandbeech tröstete man einen Versicherten mit 6 Pfund für den Biß eines Schweines. Schnitte in einen Finger floriren mit Prämien von 10 Schillingen bis 10 Pfund. Die Treppe heruntergefallen: 12 Pfund 3 Schillinge. Viele hundert Unglücksfälle mit Pferden, noch mehr mit Wagen und Pferden, so daß auch bier die Thatsache bestätigt wird, die Manchem neu und schwer glaublich erscheinen wird, nämlich daß viel mehr Menschen mit Pferden und Fuhrwerken verunglücken, als auf Eisenbahnen und auf dem Meere.

Nächstdem fallen die meisten Prämien auf Verwundungen und Verletzungen durch Dampfmaschinen und glühende Eisenstücke. In Abington fiel Jemand in einen Brunnen für 17 und in Tewksbury ein Anderer von der Korn-Börse für 80 Pfund. Die meisten Menschen, welche in England fallen, verdanken dies schlüpfrigen Apfelsinenschalen, mit denen sich vom Herbst bis zum Sommer jedes Jahres alle Tage die Straßen füllen, da eben Jeder gelegentlich jeden Tag Apfelsinen auf der Straße verzehrt. Die mächtige freie Presse hat schon oft ihre Klagen gegen dieses öffentliche Uebel laut werden lassen, aber vergebens; die Freiheit, Apfelsinen zu essen und die Schalen nach Belieben Anderen vor die Füße, gelegentlich ins Gesicht zu werfen, ist mächtiger. Kein Wunder, daß „Fälle über Apfelsinenschalen“ bedeutend in dem Verzeichnisse floriren, mit 3 bis 10 Pfund Prämie. Stoß einer Kuh 1, eines Bullochsen 7 Pfund. Fall von einer Fußbank 4 Pfund. Fall von einem Wagen 150 Pfund. Viele durchgegangene Pferde, wofür die allerverschiedensten Summen gezahlt wurden. Eine geplatzte Bierflasche verschaffte dem Versicherten beinahe 2 Pfund. Für ein unwillkürliches Bad im Meere bekam der Seemann, „über Bord gewaschen“, 1 Pfund 10 Schillinge. Ein Mann, der sich unglücklicherweise in den Finger schnitt, ward dafür mit 8 Pfund belohnt.

Man sieht aus diesen wenigen Fällen, was dem Menschen Alles passiren kann, ohne sich die Schuld zuzuschreiben. Da nun gleichwohl Gesellschaft und Staat für solche feindliche Eingriffe böser Kräfte von außen nicht aufkommen, ist es gut, daß die Menschen selbst durch eigenes Zusammenwirken in Form von Compagnien sich einander dafür entschädigen. Allerdings sind viele der Versicherten so unglücklich, nie von Unglücksfällen betroffen zu werden, sodaß sie, wie es scheint, für ihr Geld nie etwas bekcmmen. Aber das scheint auch blos der Kurzsichtigkeit und dem groben Egoismus so. Der Versicherte trägt für sein Geld stets das Bewußtsein mit sich, daß das Unglück ihn nicht so leicht ganz hülf- und brodlos machen, ihn und die Seinigen nicht in noch viel größeres Unglück stürzen kann. Und dann hat es wenigstens für den nobleren Menschen immer etwas Erfreuliches, zu wissen, daß er freiwillig mit Tausenden unbekannter Collegen gemeinschaftlich dazu beiträgt, seinen Nebenmenschen die Furcht vor den Unglücksfällen des Lebens zu lindern und die wirklich Betroffenen mit zu unterstützen und zu trösten. Staat und Gesellschaft werden nicht eher frei und wirklich menschlich werden, als bis sie sich in freie Associationen und Versicherungs-Institute verwandelt und erhoben haben.



Schach.
Aufgabe Nr. 4.

Von einem italienischen Meister.
Schwarz.

Die Gartenlaube (1860) b 528.jpg

Weiß.
Matt in vier Zügen.


Lösung von Aufgabe Nr. 2.

In der Stellung von Weiß: K b 4. D g 5. S c 1, g 6. Schwarz: K d 4. T d 1. S a 4. B e 4 wird das verlangte Matt in vier Zügen durch 1. D e 5 † K e 3. 2. D f 4 † K d 4. 3. D g 5 eingeleitet; Schwarz ist nun am Zuge, und was er auch ziehen mag, Weiß kann im nächsten Zuge Matt geben.



Bei Ernst Keil in Leipzig ist erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben:

Ausgewählte Romane und Novellen
von Ludwig Storch.
19 Bände mit L. Storch’s Bildniß. Preis à Band 71/2 Ngr.

Inhalt der Bände: 1. Börwens Haus. – 2. Der Glockengießer. – 3–5. Kunz von Kauffungen. – 6. Der Waldmeister. – 7–9. Die Heideschenke. – 10. Der Stockfischfang. – 11-13. Der Freibeuter. – 14. Madeira. – 15–16. Die Königsbraut. – 17. Für stille Abende. (Prinz von Viana. – Zwei Verzweifelte. – Selbstaufopferung.) – 18. Für stille Abende. (Geistererscheinung. – Stelldichein.) – 19. Orestes der Galeerensklave.



Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Siehe Nr. 20.