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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1859
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1859) 629.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[629]

No. 44. 1859.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.
Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Der rechte Streiter.
Von Theodor Oelkers.[1]

Willst du ein rechter Streiter sein
     In einer guten Sache,
So glaub’ den Sieg gewißlich dein
     Und jedes Zweifels lache.

5
Wenn er im guten Kampfe ficht,

Dann fragt der rechte Streiter nicht,
Ob man ihm Lorbeerkränze flicht,
     Ob unter’n Huf ihn stampfe
Des Feindes Roß – er zweifelt nicht

10
     Am Sieg im guten Kampfe.


Der Stein, tief in den Grund gebracht,
     Des Baues Last zu tragen,
Sieht selbst, versenkt in stete Nacht,
     Ja den Palast nie ragen,

15
Sieht nicht, wie kühn der Pfeiler strebt,

Nicht, wie sich stolz die Kuppel hebt,
Noch wie, aus Blumenschmelz gewebt,
     Zuletzt im Festesglanze
Hoch über’m Dach die Krone schwebt –

20
     Und doch trägt er das Ganze!


Ob dich auch nimmermehr erfreu’
     Der Siegsentscheidung Morgen,
Schaff du dein Tagwerk nur getreu
     Und laß den Höchsten sorgen.

25
Scheint auch der Kampf heut unfruchtbar,

Währt auch der Kampf an tausend Jahr,
Ob deß der Widersacher Schaar
     Als eitlen Spiels auch lache:
Gedenk’, es bleibt doch ewig wahr,

30
     Es siegt die gute Sache!


Und schiene dir das Recht auch schon
     Erdrückt, im Todeskampfe:
O, zweifle nicht, Sieg ist der Lohn
     In jedem guten Kampfe!

35
Wenn du auch nicht zum Ziele kommst,

Vergebens darnach rangst und klommst,
Ja selbst verblutest und verkommst,
     Ereilt von Feindesrache –
Sei überzeugt, daß so du frommst

40
     Dem Sieg der guten Sache.


All die vor Zeiten, lang vor dir,
     Ihr Blut dafür vergossen,
Und die’s vergießen lang nach dir,
     Sind deine Siegsgenossen.

45
Kein guter Streiter unterliegt,

Leb’ oder sterb’ er nun, er siegt!
Sinkt jede Fahn’ auch, stolz doch fliegt
     Das Banner festen Muthes!
Sein Theil zum Sieg des Guten wiegt

50
     Ein jeder Tropfen Blutes.


Siehst du auch nicht das Werk vollbracht,
     Der Erbe wird’s vollbringen;
Und schlägst du nicht die letzte Schlacht,
     Dem Enkel wird’s gelingen.

55
Kennt doch der treue Gott die Zeit!

Sei du vom Ziel auch noch so weit,
Und ob die ganze Höll’ im Streit
     Dir auch entgegendampfe:
Gewiß bleibt auch in Ewigkeit

60
     Der Sieg im guten Kampfe!




Nur eine Putzmacherin.
Eine stille Geschichte.

„Putz- und Modewaarenhandlung von L. Albrecht“ prangte mit großen Buchstaben auf einem Schilde über der Thür eines stattlichen Hauses. Ein riesiges Schaufenster, hinter welchem eine Menge der elegantesten Putzsachen die vorübergehenden Feminina zum Eintritt oder wenigstens zum Stehenbleiben lockte, machte das Schild fast überflüssig; auch gab es in der ganzen Stadt wohl kein weibliches Wesen, vom kleinen Schulmädchen bis zur Matrone, von jenen bejammernswerthen Geschöpfen, die „für Alles“ dienen, bis zur gebietenden Frau Präsidentin, das nicht die Albrecht’sche Putzhandlung, wenn auch nur von außen, kannte. Doch auch weit über das Weichbild der Provinzialstadt hinaus war der Ruf der Madame Albrecht gedrungen, und seit einer Reihe von Jahren konnte keine Dame in Stadt und weiter Umgegend Anspruch auf Eleganz machen, deren Hüte, Hauben, Coiffuren, Morgenhauben etc. nicht bei dieser berühmten Modistin gekauft waren. Das öffentliche Geheimniß ihrer Ueberlegenheit über alle Nebenbuhlerinnen, welche sich etwa bestrebten, ein Geschäft neben dem ihrigen in Flor zu bringen, bestand darin, daß sie die Modelle ihrer Putzsachen nicht aus Berlin oder Leipzig, sondern direct aus Paris bezog. Das konnte ihr Niemand auf die Dauer nachthun, so blieb denn L. Albrecht die erste Firma in R., und was nicht aus ihrer Werkstätte hervorging, war auch nicht modern. Es geschah sogar nicht selten, daß Bestellungen aus der Provinzialhauptstadt gemacht wurden, weil man in derselben nicht Pariser Modelle hatte.

Madame Albrecht, die frühzeitig Wittwe geworden war, hatte sich dabei ein ansehnliches Vermögen erworben; sie stattete ihre Töchter sehr reich aus, ließ ihre Söhne studiren, nahm in den gesellschaflichen Kreisen R.’s eine bedeutende Stelle ein und war wegen [630] der reichlichen Bezahlung ihrer Demoiselles bekannt. Die Töchter anständiger Familien drängten sich dazu, in ihrem Geschäft zu arbeiten, oder das Putzmachen zu erlernen.

Die Arbeitsstube lag nach dem Hofe hinaus, damit die jungen Damen nicht durch Blicke aus dem Fenster oder durch Vorübergehende gestört würden. In dem großen, saalähnlichen Gemach arbeiteten an einem langen Tisch gewöhnlich zwölf bis fünfzehn Mädchen. Die Aufsicht führte eine arme Verwandte der Principalin, die hier schon manches Jahr den Scepter oder vielmehr die Zuschneidescheere führte. Indeß war sie nur dem Namen nach Directrice; in allen schwierigen Fällen zog sie sich in ein kleines Zimmer zurück, das von der Arbeitsstube weit entfernt lag, und erholte sich Raths bei einem alten Inventarium der Handlung, dem Niemand ansah, welche wichtige Stelle es hier bekleidete.

Das Gespräch verstummte selten an dem großen Arbeitstisch, und häufig erklang auch ein herzliches Gelächter. Die jungen Mädchen waren immer zum Scherzen aufgelegt, und Fräulein Therese, die Directrice, stimmte gern selber mit ein. Die Heiterste von Allen, Aline Munk, war seit einigen Wochen ungewöhnlich still und ernst und wurde deshalb oft geneckt.

Eines Vormittags fiel die Rede auf das, was Jede sich wünschte, und da kamen denn sehr verschiedene Dinge zum Vorschein, fast Alles, was Mädchen zu reizen pflegt, von dem Pariser Krepphut an, der eben copirt wurde, bis zur Staatscarosse mit vier Pferden und dem galonnirten Lakaien hintenauf; Eine wünschte sich eine Hütte und ein Herz, die Andere einen englischen Lord zum Gemahl, sei er noch so alt und unausstehlich, die Dritte begehrte gar Königin zu sein, aber nur die Königin der Bälle.

„Und Sie sagen gar nichts?“ fragte die Directrice Aline; sie selber hatte sich eben ein so blühendes und rentables Geschäft gewünscht, als das ihrer Principalin.

Aline schlug ihre großen, braunen Augen auf und versetzte lebhaft: „Ich möchte so reich sein, daß ich Unterricht im Deutschen und Französischen, im Zeichnen und der Musik und überhaupt in allem Wissenswürdigen nehmen könnte.“

Einige lachten, Andere waren verwundert über diese Idee, die ihnen Allen sehr fern lag. Ein kleines schnippisches Mädchen aber rief:

„O, das hat seinen Grund, und ich wette, daß ich diesen Grund kenne!“

Man bestürmte sie mit Fragen, während ein dunkles Roth auf Alinens Antlitz flammte.

„Nun, vis-à-vis von Fräulein Aline wohnt ein hübscher, junger Bauführer, der gewöhnlich im Fenster liegt, wenn ich sie Morgens oder Nachmittags abhole!“ antwortete Jene indiscret. „Er soll sehr musikalisch und gebildet sein; da ist es Wohl kein Wunder, wenn gewisse Leute es auch werden möchten!“

Aline leugnete, und das forderte die Glossen und Neckereien ihrer muntern Gefährtinnen noch mehr heraus. Sie machte daher gute Miene zum Spiel und behauptete, die junge Plaudererin hole sie nur deshalb immer ab, weil der Bauführer aus dem Fenster sehe. Dies brachte die Lacherinnen auf ihre Seite, und die Verrätherin wurde nun tüchtig aufgezogen.

Niemand hatte bemerkt, daß eine Person Zeuge der Scene gewesen, welche die Arbeitsstube selten betrat, wenn sie von ihren fröhlichen Inhaberinnen bevölkert war.

Als man ihre Anwesenheit bemerkte, verstummte das Gespräch zum Theil und viele Augen richteten sich neugierig auf diese mittelgroße Gestalt, die viel kleiner aussah, als sie wirklich war, weil der Oberkörper sich stark vorbeugte. Ein dunkles Kleid, so abgetragen und vielfach ausgebessert, daß es das ärmste der jungen Mädchen nicht angezogen hätte, umschloß die schlanke, hagere Figur. Keine Schleife, kein Kragen oder sonstiger Zierrath hob die dürftige Kleidung und eben so schmucklos war das äußerst spärliche, hellblonde Haar geordnet. Das Gesicht war gelblich bleich und die Abmagerung der früher gewiß vollen Wangen hatte manches Fältchen entstehen lassen. Dies Antlitz mochte einst ziemlich hübsch gewesen sein, das war indeß schon lange her. Die matten, bläulichgrauen Augen schauten trübe und glanzlos aus tiefen Höhlen, doch um den entfärbten Mund mit den schmerzvoll herabgezogenen Winkeln lag ein ruhiges, friedsames Lächeln als Beweis, daß stille Ergebung schon die Oberhand über den bittern Harm gewonnen, der hier, gewiß mehr als die Zeit, Lebenskraft und Wohlgestalt zerstört hatte.

Nachdem die still Eingetretene von der Directrice den verlangten Draht erhalten hatte, entfernte sie sich eben so still wieder. Die jüngern Putzmacherinnen schauten ihr nach und die jüngste Novize dieses Ordens, welche sich erst seit einigen Tagen in der Arbeitsstube befand, fragte neugierig, wer das sei.

„Wie, Sie kennen unsere älteste Arbeiterin nicht?“ versetzte Fräulein Therese. Auf weitere Fragen fuhr sie fort: „Ich kenne sie fast nicht genauer, als die Damen, welche schon einige Zeit bei uns arbeiten, denn ich bin ja erst seit sieben Jahren hier. Sie ist nicht mittheilsam und obgleich sie bei uns wohnt, lebt sie doch wie eine Einsiedlerin. Beim Mittagsessen spricht sie kaum ein Wort, geht niemals aus und trägt Sommer und Winter dieses braune Kleid, von dem ich nicht begreife, daß es so lange zusammenhält. Sie wird von der Familie „Cousine“ genannt, wahrscheinlich, weil ihre Schwester mit dem Stiefsohne der Madame Albrecht, dem Bergwerksdirector, verheirathet ist. Da sie sehr still und ungesellig ist, erlaubt ihr meine Tante, allein zu arbeiten. Dies ist Alles, was ich von ihr weiß, doch wird Allerlei von ihr gesprochen und vermuthet, und darüber können die meisten Damen hier bessere Auskunft geben, als ich. Was davon wahr ist oder falsch, mögen Sie selber herausfinden, ich habe dabei keine Stimme.“

Es kamen nun verschiedene Aeußerungen zu Tage und wurde Alles durchgesprochen, was seit Jahren über Emilie Röder im Schwunge war. Was am meisten Aufsehn erregte, war der Geiz der alten Putzmacherin. Die Principalin zahlte ihr natürlich einen anständigen Gehalt, sie ging immer so dürftig gekleidet, besuchte nie das Theater, hatte überhaupt keine Bedürfnisse, wie andere Menschen. Einige der Anwesenden erinnerten sich, theils aus ihrer Kindheit, theils wußten sie es von Andern, daß Emilie schon seit zwanzig Jahren bei Madame Albrecht war, just so lange, als diese ihre Modellsachen aus Paris bezog. Sie war damals ein blühendes Mädchen gewesen, hatte aber nie an den Vergnügungen der Jugend Theil genommen, sondern vom frühen Morgen bis in die späte Nacht rastlos gearbeitet, wie sie es auch jetzt noch that. Schon damals hatte sie nichts auf ihr Aeußeres verwendet, sondern ihr Geld erspart. Auch hatte sich in der Arbeitsstube von einer Generation der Arbeiterinnen auf die andere das Gerücht fortgepflanzt, daß die Putzmacherin einst einen Bräutigam gehabt. Es war indeß manches Jahr verstrichen, ehe er zu Brod gekommen, und dann war er, wie es hieß, über den Geiz der Braut so entrüstet gewesen, daß er mit ihr gebrochen hatte. Das fanden die frohherzigen Mädchen alle ganz natürlich von dem Mann, denn konnte man sich auch etwas Abscheulicheres denken, als jedem Vergnügen der Jugend und Geselligkeit zu entsagen und mit schnöder Habsucht Geld zusammen zu raffen? Eine der Putzmacherinnen, welche am längsten hier arbeitete, erinnerte sich noch ganz genau, daß kurz vor ihrem Eintritt in’s Geschäft Emilie von ihrer Principalin, die sie merkwürdiger Weise höchst ungern entließ, Abschied genommen hatte, um sich zu verheirathen. Nach kurzer Zeit war sie jedoch zurückgekehrt, bleich und angegriffen, und hatte dann an einem heftigen Fieber lange krank gelegen, wobei die Principalin für sie wie für ein eignes Kind gesorgt.

„Wie für ihr eignes Kind?“ fragte mit großer Ueberraschung Fräulein Malwina, die junge Dame, welche den Grund für Alinens Wißbegier angegeben hatte. „Ist sie denn noch so jung? Oder vielmehr, wie lange ist es denn schon her, seitdem die Hochzeit zu Wasser wurde?“

Die Erzählerin versicherte, sich dessen nicht mehr genau zu erinnern; die Meisten lachten darüber, weil sie wußten, daß Jene es stets vermied, Jahreszahlen zu nennen, nach denen man ihr eignes Alter berechnen konnte. Sie hatte niemals Lust, die Neugierigen über die ziemlich bedeutende Anzahl der Jahre aufzuklären, welche schon über ihren sorgfältig gewellten Scheitel dahingezogen waren. Uebrigens mochte seit ihrem Eintritt in’s Geschäft schon mancher Schnee gefallen und zerronnen sein, denn die verschmähte Braut war dem Anschein nach tief in den Vierzigen.

Die große Zurückgezogenheit und der Fleiß derselben hatten zu einem seltsamen Gerücht Anlaß gegeben, das durch plauderhafte Ladenmamsells oder Stubenmädchen unter’s Publicum gekommen und von neidischen Rivalinnen der Modistin bekräftigt sein mochte. Es hieß nämlich, die stille alte Putzmacherin fertige die Sachen selber, welche angeblich aus der Welthauptstadt der Moden verschrieben waren. Madame Albrecht und Fräulein Therese lächelten nur, wenn die Rede zufällig darauf kam. Und in der That war es ja auch lächerlich, und Jeder, der die stille, verkümmerte Emilie sah, [631] fand die Idee absurd, daß diese bezaubernd schönen Hütchen oder diese reizenden Coiffuren, welche die Herzen aller jungen Frauen entzückten, unter ihren hagern Händen hervorgegangen sein sollten. Daß sie gut copirte, war gewiß – allein dergleichen Meisterwerke erfinden –? Wie abgeschmackt, es ihr zuzumuthen! Da hätte jede der jungen Arbeiterinnen lieber sich selber ein solches Putzmachergenie zugetraut.

Noch sprachen alle lebhaft über Emilie, wobei sie fast darüber einig waren, daß Jene nicht recht gescheidt und die Principalin ein wahres Muster von Großmuth und Menschenfreundlichkeit sei, weil sie die närrische alte Jungfer im Hause behalte und obenein so freundlich behandelte. Da wurde Aline in’s Zimmer der Madame Albrecht gerufen und diese sagte ihr verbindlich:

„Fräulein Röder braucht eine junge Dame, die ihr ein wenig in die Hände arbeitet, Schleifen, Rüschen und dergleichen macht. Sie sind geschickt, Fräulein Munk, es wäre mir lieb, wenn Sie ihr alle Nachmittag von zwei bis drei Uhr in ihrem Stübchen helfen wollten. Es genirt sie, wegen jeder Kleinigkeit in die Arbeitsstube zu kommen, und sie wählte ausdrücklich Sie zur Gehülfin. Ich hoffe, es ist Ihnen nicht zu langweilig, täglich eine Stunde die gewohnte frohe Gesellschaft zu missen.“

Das junge Mädchen äußerte seine Bereitwilligkeit, und die Dame setzte hinzu: „Fräulein Emilie ist sehr eigen, daher können Sie dafür, daß Sie unter ihrer Anleitung arbeiten, Abends eine Stunde früher nach Hause gehen.“

Aline war darüber theils verwundert, theils erfreut. Jedenfalls war es ein Zeichen von Vertrauen, daß sie Zutritt in die kleine Arbeitsstube erhielt, worin nur die alte Demoiselle saß, wo Fräulein Therese zuschnitt und die Principalin oft vertraulich mit dieser sprach und sich auch zuweilen ein oder das andere Glied der Familie befand. Ihre Mitarbeiterinnen kamen nicht in dies Gemach, sie selber hatte darin schon einige Mal gearbeitet und schöne Augenblicke verlebt. Es enthielt übrigens nichts Merkwürdiges – einen großen Arbeitstisch, Haubenköpfe und Schachteln und was sonst zum Geschäft gehört. In einem Glasschrank befanden sich gewöhnlich einige wunderschöne Sachen, Pariser Modelle, und auch auf dem Tisch stand zuweilen etwas davon, weil Fräulein Emilie es copirte, wie es hieß.

Diese war heute nicht so theilnahmlos und gleichgültig, so ganz mit ihrer Arbeit beschäftigt, wie sonst. Sie richtete ihre Blicke prüfend auf das junge Mädchen und bemerkte wahrscheinlich jetzt zum ersten Male, daß es hübsch und einnehmend war. Dann gab sie ihm Arbeit, und Aline sah wieder, was sie schon längst entdeckt, daß Emilie einen außerordentlich guten Geschmack besaß und eine bewunderungswerthe Geschicklichkeit in der Verfertigung zierlicher Gegenstände. Sogar die einfachste Schleife ging unter ihren schmalen Händen hervor, als sei sie gar nicht gemacht, sondern habe von selber ihre leichte, gefällige Form angenommen.

Gegen ihre sonstige Gewohnheit, stumm zu arbeiten, fragte Emilie nach den Verhältnissen ihrer Gefährtin. Diese hatte bald ihre ganze Geschichte mitgetheilt. Ihr Vater war Beamter gewesen, doch schon längst todt, wie auch die Mutter. Sie lebte bei einer verheiratheten Schwester und mußte selber für ihren Unterhalt sorgen, da Jene, die Frau eines Eisenbahnbeamten, mit sich zu thun hatte.

„Und warum wünschten Sie reich genug zu sein, um Unterricht zu nehmen?“ fragte das alte Mädchen.

„Ich habe in meinem Leben so wenig gelernt!“ antwortete Aline mit gesenkter Stimme. „Schon von früher Jugend an mußte ich stricken, häkeln und flicken – da konnte ich an nichts Anderes denken, als an Gelderwerb. Aber nun ich älter werde, quält es mich, daß ich so gar wenig weiß und mein ganzes Leben nur mit Handarbeiten hinbringen soll. Die Meinigen sind auch schlichte Leute – in ihrer Mitte wird der Mangel an geistiger Bildung bei mir nicht vermißt; aber ich hörte Andere sprechen und da empfand ich mit bitterm Schmerz, daß ich nur von Hüten und Hauben, Stickereien oder dergleichen reden kann. Es gibt doch noch so unsäglich Vieles, was darüber hinausliegt, und ich – verstehe von Alldem nichts! Heißt das nicht sein Leben verfehlt haben?“

Sie war erstaunt über ihre Offenheit, allein sie erschrak heftig, als sie sah, welchen tiefen Eindruck sie hervorgebracht. Emilie war noch bleicher, als gewöhnlich; ihre Lippen bebten und nur mit Mühe vermochte sie eine Thräne zurückzudrängen.

„Mein Gott, Fräulein, ich habe Sie doch nicht beleidigt?“ sagte das junge Mädchen betroffen.

„Nein, nein, ich glaubte nur, Sie schilderten meine eigene Jugend!“ antwortete die Putzmacherin fast unhörbar.

So tief ihre Bewegung auch war, sie hatte sich bald gefaßt und arbeitete emsig weiter. Ihre Gesellschafterin war viel nachhaltiger ergriffen. Sie schaute auf das verblühte Gesicht, auf die verkümmerte Gestalt vor ihr und dachte daran, wie viel heiße Thränen über diese blassen Wangen geflossen sein mußten, um ihnen so tiefe Falten auszuhöhlen; wie drückend die Last gewesen, welche diese einst gewiß elastische und lebenskräftige Gestalt gebeugt. Ihr Blick schweifte zum Spiegel hinüber, welcher ihr eigenes, blühendes Bild wiedergab, und zu dem Mitgefühl um dies arme Wesen, welches in der That sein Dasein verfehlt, kam ein leises Grauen vor der eigenen Zukunft und Mitleid mit sich selber. Jene war einst ja auch siebzehn Jahr gewesen, wie sie jetzt; – Träume, Ahnungen, Wunsche und Hoffnungen, wie sie ihre eigne Brust hoben, hatten gewiß auch dieses Herz höher schlagen lassen, und jetzt?

„Was machen Sie denn, Fräulein? Sie verderben ja die Gardine!“ sagte in diesem Augenblicke das alte Mädchen, zwar nicht unfreundlich, doch ziemlich gleichgültig. Aline hatte es nicht beachtet, daß ein paar schwere Tropfen auf ihre Arbeit geträufelt waren. Sie wurde glühend roth und senkte beschämt den Kopf, gefaßt auf eine Strafrede. Doch diese blieb aus, vielleicht weil in demselben Augenblicke im anstoßenden Zimmer die Töne eines Flügels erklangen. Der älteste Sohn der Principalin, der Baumeister titulirt wurde, obgleich er das Baumeisterexamen noch nicht gemacht hatte, spielte hier gewöhnlich Nachmittags ein Stündchen, und Aline hatte ihn schon öfter vernommen. Heute hörte er indeß bald wieder auf, sein jüngster Bruder, der Student, welcher sich in den Sommerferien hier aufhielt, trat zu dem Spieler, und sie plauderten mit einander. Die dünne Wand ließ jedes Wort durchdringen, und das junge Mädchen lauschte still auf die sonore Stimme des Baumeisters.

Vor einigen Wochen hatte sie einst zufällig auf derselben Stelle gesessen und gehört, wie dieselbe Stimme zu dem stets widerspruchslustigen Bruder sagte: „Nein, auch für Mädchen der Mittelstände scheint mir vielseitige Bildung unerläßlich. Geistige Entwickelung heißt ja erst Leben, und sollen denn so viele arme Geschöpfe ihr Dasein hindurch bei Handarbeiten vegetiren, wie etwa unsere Cousine Emilie? Freilich machen Kenntnisse nicht glücklich, aber wahre Bildung läßt nie ganz unglücklich werden; sie gibt auch dem Einsamen und Verlassenen mannichfache Anknüpfungspunkte an das Leben; – daher ist sie vor Allem den alten Mädchen nöthig.“

Aline hatte damals erschrocken auf die alte Putzmacherin geschaut, die eben erwähnt worden. Doch diese hatte von dem Gespräch im Nebenzimmer nichts gehört, wie sie überhaupt, in ihre Arbeit vertieft, wenig von dem wahrzunehmen pflegte, was um sie her vorging.

Auf das junge Mädchen hatten jene Worte einen unauslöschlichen Eindruck hervorgebracht, und es beklagte seitdem lebhaft, daß es nicht Zeit und Gelegenheit hatte, sich zu bilden.

Jetzt entfernten sich die Sprechenden aus dem Nebenzimmer, und Aline spann ihre vorhin unterbrochenen Gedanken weiter aus. Ihre Gesellschafterin war auch einmal siebzehn Jahre gewesen, ihre Jugend hatte der ihrigen geglichen – würde sie selbst auch einst ein so verkümmertes, altes Mädchen werden, das in dem Putzmachen mit Leib und Seele aufgegangen war? Wie unsäglich öde und trostlos erschien ihr ein solches Leben! Und doch stand ihr keine andere Zukunft bevor, doch war es auch ihr Loos, einsam zu verblühen, lebenslänglich Putz zu machen, kein höheres Interesse als Blonden und Sammetblumen zu haben. Verheirathen würde sie sich nie, das war sicher – es schien ihr entsetzlich, einem Manne um der Versorgung willen die Hand zu reichen, wie das ihre Schwester gethan hatte, und wie es arme Mädchen oft thun müssen, wenn sie nicht verlassen altern wollen. Selbst ein Dasein, wie es die arme Emilie führte, schien ihr nicht so bedauernswerth, als eine Ehe, wie sie Mädchen ihres Standes gewöhnlich wird – konnte man in dem öden, einsamen Alter doch wenigstens ungestört den Erinnerungen der Jugend nachhängen. Ob Emilie deren auch wohl hatte? – Gewiß, sie hatte ja sogar einen Bräutigam gehabt!

Mit lebhaftem Interesse schaute das junge Mädchen auf das alte; es bemühte sich, auf dem bleichen Antlitz und in feinen Fältchen die Geschichte der Vergangenheit wie die Empfindungen der Gegenwart zu lesen, doch ließ sich davon nichts wahrnehmen. Mit [632] einer Sorgfalt und Zärtlichkeit, wie eine Mutter ihr Kind, hielt Emilie auf ihrem Schooße den Haubenkopf und war ganz vertieft in die Aufgabe, einen Aufputz zu beginnen, der schon in seinen ersten Anfängen reizend zu werden versprach.

Aline unterdrückte einen Seufzer. Wie war es möglich, so stumpf, so prosaisch zu sein und nicht einmal eine Thräne für das vernichtete Glück, für das verlorene Leben zu haben! Aber es war gut, daß die Verlassene in ihrer Beschäftigung Genüge fand, und den Geiz, welchen Andere in ihr tadelten, entschuldigte Aline in ihrem Herzen. Mußte sie doch für ihr Alter sparen, für die Zeit, in welcher sie nicht mehr arbeiten konnte.

„Es schlägt drei Uhr!“ sagte jetzt Emilie. Das war für die junge Arbeiterin ein Wink, nach der Arbeitsstube zurückzukehren. Doch ehe sie die Schwelle erreicht, fragte Jene:

„Und hatte die kleine Schwätzerin Recht? War es ein Baumeister, der Sie wißbegierig machte?“

Aline erröthete stammend und stammelte: „Ein Baumeister – welcher Baumeister?“

„Ihr vis-à-vis!“

„Ach, der Bauführer – nein, der gewiß nicht!“ rief das Mädchen schnell und erleichtert.

„Der gewiß nicht!“ wiederholte die alte Putzmacherin leise, als Aline sich entfernt hatte. „Also ein Anderer.“

Aline war von Allem, was sie in dem kleinen Zimmer gedacht hatte, tief niedergedrückt, Ihre Gefährtinnen zogen sie mit ihrem Ernst, ihrer Schweigsamkeit ans und meinten, sie habe sich drinnen von der alten Jungfer, diesem Gespenst einer Putzmacherin, angesteckt. Die Neckereien wie das Gelächter der jungen Mädchen waren ihr in hohem Grade zuwider, und sie begriff die Abneigung der armen Emilie gegen die Geselligkeit; auch ihr würde jetzt Einsamkeit lieber gewesen sein.

Emilie war indeß nicht so ruhig, wie Aline geglaubt hatte. Als sie allein war, ruhete die sonst so fleißige Nadel, und lange starrte sie wie abwesend auf den schönen Rosenzweig in ihrer Hand, der den Aufsatz zieren sollte, welcher zum Geschenk für eine Braut bestimmt war. Dann stand sie auf und wühlte, um sich zu zerstreuen, in Tüll, Blonden und Spitzen, in Bändern, Blumen und Federn. Welche Masse von all diesen Gegenständen hatte sie schon verarbeitet zu hübschen, geschmackvollen Sachen und darin ihre Vergangenheit zu begraben gedacht! allein das war ihr nicht gelungen, wie sie jetzt wieder einsah. Die Erinnerung malte mit so lebendigen Farben, die vergessen geglaubte Jugend trat wieder vor ihren Geist, und mit all den freundlichen, lockenden Bildern war auch der tiefe Schmerz aufgefrischt, welcher einst ihre Seele zerrissen hatte.

Aber sie hatte nicht Zeit, ihren Erinnerungen und ihrem Weh nachzuhängen. Der Aufsatz war zum Abend bestellt, denn morgen fand die Hochzeit statt, er mußte also fertig werden. Und er wurde es auch und wurde so hübsch und zierlich, daß er allgemeine Bewunderung erregte, als man ihn am andern Tage statt des Myrthenkranzes auf das lockige Haar der glücklichen Neuvermählten setzte.

„Wie reizend – wie geschmackvoll – das mache einmal eine Deutsche nach – es geht doch nichts über die Pariser Eleganz! Die Hauptsache aber ist, wie duftig das Alles aussieht, wie hingehaucht, wie von Elfenhänden zusammengefügt!“ So hieß es hier und da, und Niemand ahnte, daß eine einfache, unscheinbare Deutsche die Verfertigerin dieses als Kunstwerk gepriesenen Häubchens war.

Gegen Abend setzte die Schöpferin manches Kopfschmuckes, der als Wunder von Schönheit gerühmt worden, einen vergilbten Strohhut auf, dessen altmodische Façon in Wahrheit haarsträubend war für jede Putzmacherin und was einer solchen verwandt ist. Der Sommermantel, vor einer Reihe von Jahren aus einem alten Camelotkleide fabricirt, war auch nichts weniger als elegant. Die Principalin hatte ihr oft hübsche Kleidungsstücke schenken wollen, allein sie hatte versichert, die ihrigen seien gut für sie, und sich lieber das Geld ausgebeten. Dieser Geiz hatte sie bei den Wenigen in Mißcredit gebracht, die sich durch ihre Einsylbigkeit und Ungeselligkeit nicht abhalten ließen, sie zu bedauern.

Sie ging zu dem Rector der Töchterschule, einem vielseitig gebildeten Mann, und sagte ihm, sie habe von einer Dame, die nicht genannt sein wolle, Auftrag, einem jungen Mädchen Privatunterricht geben zu lassen. Er erklärte sich dazu bereit und fragte, in welchen Gegenständen.

Die Putzmacherin war ein wenig verlegen, sagte dann aber einfach: „Ich kann Ihnen nicht nennen, was dem Mädchen zu wissen nöthig ist, denn ich verstehe selbst zu wenig von solchen Sachen. Prüfen Sie die Kenntnisse Ihrer Schülerin und bringen Sie ihr dann Alles bei, was Sie für angemessen hallen uns wozu ihre Fähigkeiten ausreichen!“

Am andern Mittag war Aline nicht wenig überrascht, als ihre Schwester ihr einen Brief einhändigte, der für sie abgegeben war. Ihr Staunen erreichte den höchsten Grad, denn fünf Zehnthalerscheine fielen aus dem Couvert, und auf einem Blättchen stand mit feiner, etwas kritzliger Handschrift: „Vorläufig zu Büchern und zur Entschädigung für die nöthige Zeitversäumniß. Der Rector Molkow ist bereit, Ihnen so viel Unterricht zu ertheilen, als Sie wollen.“

Das Mädchen eilte zum Rector, in der Hoffnung, Auskunft über die Senderin des Geldes zu erhalten. Allein dieser kannte den Namen der Dame nicht, war auch ersucht worden, über die Sache zu schweigen, und beschrieb daher nicht einmal das Aeußere der Person, welche mit ihm unterhandelt hatte. Er kannte die Putzmacherin nicht, und hielt sie für eine Kammerjungfer oder dergleichen.

Alinens Wunsch, etwas zu lernen, konnte nun in Erfüllung gehen, allein sie brannte vor Verlangen, zu wissen, wer sich so großmüthig erwiesen. Sie erinnerte sich genau, daß sie sich fast nur in der Arbeitsstube und gegen Emilie ausgesprochen hatte – sollte am Ende gar diese –? Aber das war unmöglich, man kannte sie ja allgemein als sehr genau und habsüchtig, wie sollte sie also für eine Unbekannte so viel Geld ausgeben?’ Ein anderer Gedanke zuckte durch des Mädchens Hirn, allein der war noch thörichter.

Nachmittags theilte sie der alten Putzmacherin sogleich mit, was ihr widerfahren war, und behielt sie dabei fest im Auge. Doch Emilie blieb unbefangen.

„Das ist ja recht schön,“ sagte sie dann mit einer Theilnahme, wie sie an dem stillen, bleichen Wesen selten wahrzunehmen war. „Was wollen Sie sich aber den Kopf zerbrechen? Denken Sie, ein Erdmännchen oder dergleichen habe Ihren Wunsch erfüllt. Ich will für Sie auch thun, was ich vermag, und unsere Principalin ersuchen, daß sie Ihnen noch eine Stunde nachläßt, damit Sie mehr Zeit haben.“

Aline war ganz niedergeschlagen, daß ihre Wohlthäterin so unbekannt bleiben sollte; gedankenlos ergriff sie ein Hutband, an welchem der Zettel steckte, worauf die Auslagen zu dem eben fertig gewordenen Hute verzeichnet waren. Es war dieselbe feine, etwas kritzlige Handschrift, wie auf dem Blättchen, womit das Geld begleitet gewesen.

„Fräulein – liebes Fräulein – da, ist das nicht von Ihnen geschrieben?“ rief Aline und wies ihr den Zettel, indem sie zugleich das anonyme Schreiben hervorzog.

Daran hatte die bescheidene Geberin nicht gedacht. Sie war unzufrieden, daß sie nun Dankergießungen aushalten sollte, die sie beschämten, allein Leugnen war jetzt unmöglich.

Aline weigerte sich lebhaft, das Geld anzunehmen; sie sei jünger, als Emilie, die das Ihrige selber brauche, und könne arbeiten, behauptete sie.

„Heute geht es hier ja ungewöhnlich laut zu!“ sagte scherzend der jüngste Sohn des Hauses, indem er die Thür öffnete und den Kopf neugierig hineinsteckte. Das hübsche Mädchen zog ihn näher. Er redete die alte Putzmacherin an und nannte sie Cousinchen, wie er und alle seine Geschwister das von Jugend auf gewöhnt waren.

Der Studiosus entfernte sich indeß bald, denn Cousine Emilie war so wortkarg und theilnahmlos, wie immer, und das junge Mädchen schien eben so einfältig als hübsch, denn es antwortete ihm fast gar nicht.

„Machen Sie sich kein unnützes Bedenken über die Annahme des Geldes,“ sagte Emilie nach dieser Unterbrechung. „Ich habe so viel und mehr, als ich verbrauchen werde in meinem Leben; die Meinigen sind so gestellt, daß mein Nachlaß ihnen nicht nöthig ist – sie sollen ihn also auch nicht haben. Ueberdies macht es mir die größte Freude, die ich noch erleben kann. Um Sie ganz zu beruhigen, will ich Ihnen etwas sagen, was ich noch keinem Menschen anvertraute. Ich selber habe schmerzlich erfahren, wie weh Mangel an geistiger Ausbildung thun kann; daher ist es das Hauptstreben meines Lebens, so viel zu erwerben, daß einige andere Mädchen vor meiner Erfahrung bewahrt bleiben können. Ich brauche für mich sehr wenig, habe also schon eine kleine Summe erspart.“


(Fortsetzung folgt.)
[633]
Eine verlassene Stätte.
Das alte Schloß Wittekind’s. – Des Sachsenherzogs letzte Tage. – Raub seiner Leiche. – Wittekind’s Freunde, die Sattelmeier. – Des Herzogs Grab. – Ein Sattelmeier in Schleswig-Holstein. – Die verlassene Stätte.


Zu den Orten, denen die Eisenbahn den vollständigen Todesstoß gegeben, gehört auch das in nordwestlicher Richtung von Herford liegende westphälische Landstädtchen Enger, das einst als große, stolze Stadt des mächtigen Sachsenherzogs Wittekind Burg umschloß und den ganzen weiten Gau der Angrivarier beherrschte.

Als noch die Posten und nicht die Dampfwagen jene Strecken Westphalens durchfuhren, hielt sich doch wenigstens mitunter ein durch Enger reisender Fremder an dem einstmals so berühmten Orte auf und besuchte die Kirche, die Wittekind’s Grabstätte ist; jetzt, wo die gerade Linie der Cöln-Mindener Eisenbahn die Gegend durchschneidet, fällt es nie mehr einem Reisenden ein, an der Zwischenstation Herford einen Haltpunkt zu machen, um sich nach dem etwas vom Wege ab befindlichen, einsam liegenden Städtchen zu begeben.

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Wittekind’s Grabmal in der Kirche zu Enger.

Vor Zeiten fanden vielfach Wallfahrten zu Wittekind’s Grabe statt. Namentlich am Feste der heiligen drei Könige wurde die Stätte nicht leer von frommen Betern und inbrünstig Flehenden, denn man schrieb einem an seinem Grabe verrichteten Gebete wunderthätige Kraft zu und entfernte sich von der Stätte mit festem Vertrauen auf sichere Erhörung seiner Bitte.

Jetzt ist es schon lange her, daß jene Wallfahrten nicht mehr Gebrauch sind, und vergessen, wie so Vieles auf Erden, über das Jahrhunderte dahin gezogen, ist auch jene alte Sitte. Noch bis auf heutigen Tag wird aber am Dreikönigsfeste Mittags von zwölf bis ein Uhr zu Ehren Wittekind’s in der Kirche zu Enger geläutet; doch der Ton und Schall des Glöckchens, der am sechsten Januar durch das einst so berühmte Angerthal erklingt, er ruft in jener einsamen, verödeten Gegend Westphalens nur hier und da bei Einzelnen eine flüchtige Erinnerung an die fernen Zeiten wach, wo des alten Sachsen-Herzogs starke, feste Burg sich stolz und kühn im Angergau erhoben und dieser tapfere Kriegsheld, nachdem endlich Frieden im Lande herrschte, dort in Enger, im Kreise treuer Freunde und wackerer Waffengefährten, von den Mühen und Drangsalen seines reichen und vielbewegten Lebens ausruhte.

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Kirche und Thurm zu Enger.

Daß gerade das Angerthal den Vorzug erhalten, Wittekind’s Burg auf seinem Boden erstehen zu sehen, und es ihm gelang, den mächtigen König (die Volkssage bezeichnet Wittekind stets als König) an dieser Stelle des westphälischen Landes zu fesseln, hatte seinen Grund einzig in einer List des Baumeisters, der die Kirche zu Enger aufgeführt.

Nachdem nämlich Wittekind, nach seiner Bekehrung zum Christenthume, von Karl dem Großen mit dem Herzogthume von Westphalen und Enger belehnt worden und der Friede im Lande hergestellt war, beschloß er, sich in dem ihm verliehenen erblichen [634] Herzogthume eine Burg erbauen zu lassen und seine Freunde und Kampfgenossen um sich zu versammeln. Ihm waren drei Punkte seines Landes gleich lieb zur Ansiedelung, der Werder vor Rehme, die Höhe bei Bünde und das fruchtbare, von Bergketten anmuthig umschlossene Angerthal. Da ihm die Wahl schwer wurde, wollte er die Entscheidung dem Zufall überlassen. Er erklärte daher, er werde an der Stelle der drei bezeichneten Punkte seine Burg erbauen lassen, wo zuerst ein Gotteshaus fertig sei. Man begann an den drei Orten zu. gleicher Zeit den Kirchenbau. Der Baumeister im Angerthal, ein Mohr, hielt sich einfach an des Königs Wort, ein Gotteshaus haben zu wollen. Er baute seine Kirche ohne Thurm, und sie wurde zuerst fertig.

Ueber die Eile, mit welcher die Kirche im Angerthale erbaut worden, ist die Schönheit und Solidität des Baues nicht vernachlässigt worden, wie das die Kirche noch heut zu Tage trotz ihrer etwas verworrenen Structuren verräth. An ihrer östlichen Seite zeigt sich in beträchtlicher Höhe ein in Stein ausgehauener Mohrenkopf. Er soll der des Baumeisters sein, welcher ihn als Erinnerung an sich dort hat anbringen lassen. Die Augen dieses Kopfes blicken nach der Gegend, wo die beiden andern Kirchen liegen, und es will den Beschauer bedünken, als trage das Gesicht einen überaus triumphirenden Ausdruck, als wolle der Mund ausrufen: „der Sieg ist mein!“

Bei der Kirche des Angerthales ließ nun Wittekind seine Burg errichten, und ringsumher im Angergau siedelten sich seine Freunde und Kampfgenossen an. Ein kleiner Mauerüberrest am südlichen Abhange des erhöht liegenden Kirchhofs ist jetzt das Einzige, was von der einst so großen stattlichen Burg noch vorhanden. Dem nach Wittekind’s Residenzschlosse forschenden Fremden wird dies Stückchen Ruine mit einem gewissen Stelze gezeigt und ihm außerdem noch an einem Hause in Enger ein achteckiger ausgekehlter Stein bemerklich gemacht, der früher die Königskrone getragen und über dem Portale der Burg seinen Platz gehabt hat. Benennungen einzelner Orte haben sich noch aus jener fernen Zeit im Munde des Volkes erhalten, wie z. B. „der Burggraben“, „Wittekindsgarten“, „die Küche“, „das Backhaus“, „die Pferdeschwemme“, „das Vogelhaus“ etc. Im Jahre 1818 hat man beim Graben in einem Garten, wo früher die Küche der Burg gewesen sein soll, einen gemauerten Heerd und verschiedenes, noch gut erkennbares Küchengeräth gefunden. Es wird als Erinnerung an die „Wittekindszeit“ sorgfältig aufbewahrt.

Von der einst so stolzen Stadt Enger ist jetzt keine Spur mehr zu entdecken. Es ist ein kleines, unbedeutendes Landstädtchen, vielleicht darf man Enger ein armseliges Dorf nennen. Jedenfalls ist es aber Westphalens interessantestes Dorf, und die Bewohner desselben sind stolz auf seine einstige Größe. Selbst die Kirche, Wittekind’s Begräbnißstätte, macht einen unscheinbaren Eindruck. Eigenthümlich ist sie dadurch, daß der Thurm einige Schritte weit von ihr entfernt steht. Wittekind hat ihn später dazu erbauen lassen. In seiner sowie des Baumeisters Absicht hat es zwar gelegen, ihn dicht an die Kirche zu setzen; doch unüberwindliche Hindernisse haben sich der Ausführung dieses Planes entgegengestellt. Stets ist in der Nacht eingestürzt, was am Tage erbaut worden, und man hat zuletzt eingesehen, daß es unmöglich gewesen, den Thurm an der beabsichtigten Stelle zu errichten, da der Boden nicht die Last getragen. Auch an dem Platze, wo er jetzt steht, hat man ihn nicht breiter und höher aufzuführen vermocht. Er hat daher, um nur endlich vollendet zu werden, die unansehnliche Gestalt behalten müssen, die er noch jetzt zeigt.

Glücklich und zufrieden, geachtet und geliebt, lebte Wittekind lange Jahre im Angergau. Als er bereits ein hohes Alter erreicht hatte, wünschte er zu wissen, wie seine Freunde und Unterthanen sich bei seinem Tode benehmen würden. Zweien seiner Vertrauten theilte er seinen Plan mit, den er sich ausgedacht, die Treue und Anhänglichkeit der Engerer und Westphalen zu prüfen. Sie mußten die Nachricht seines Todes verkünden, die Stunde seines Leichenbegängnisses bekannt machen. – Ganze Züge Leidtragender erschienen in der Burg. Wittekind bemerkte mit Rührung, wie sehr man ihn liebte. Als die Schaaren seiner treuen Anhänger wehklagend den geschlossenen Sarg umstanden, trat er gesund und fröhlich unter die Trauernden. Man jubelte über dieses Ende des Leichenbegängnisses, und Niemand war König Wittekind böse wegen dieser Prüfung. Er machte Alle, die gekommen waren und selbst später kamen, zehntfrei. Letztere, die sich verspätet hatten, nannte man von dem Tage ab die Naloper (Nachläufer), und noch existirt in der Nähe von Bünde ein Hof, der den Namen „Nalop“ trägt.

Als Wittekind wirklich todt war, wurde er in der Kirche zu Enger beigesetzt. Die Thüre an der Westseite der Kirche, durch die der Sarg hineingetragen, ist sogleich vermauert und nachdem niemals wieder geöffnet worden: Der Platz, wo die Leiche ausgestellt gewesen und ihr Tage lang die größten Ehrenbezeigungen erwiesen sind, heißt noch bis heutigen Tages die „Leichendeele“. Feierlich ist ein Act darüber aufgenommen, daß in der Kirche zu Enger nur Westphalens tapferer Kriegesheld ruhen solle; und obgleich in spätern Jahren, zu wiederholten Malen, von edlen altadeligen Familien oder der Geistlichkeit Versuche gemacht worden sind, in dem kleinen, aber berühmten Gotteshause eine Gruft zu erhalten, Niemandem ist die Beisetzung gestattet worden, und der greise König ruht dort allein, Keinen hielt man würdig, Platz neben ihm zu erhalten!

Durch List sind einmal der Kirche zu Enger Wittekind’s irdische Ueberreste entzogen und nach der Kirche zu Herford gebracht worden, welche Stadt in frühern Zeiten wegen ihrer vielen Klöster und Heiligengräber den Namen Sancta Herfordia trug.

Wittekind hatte nämlich bei der Kirche zu Enger ein Capitel gestiftet. Die Herren dieses Capitels mußten den Gottesdienst halten und den Unterricht der heranwachsenden Jugend leiten. Es war von dem Könige reichlich mit Grundstücken, Gebäuden und Zehnten ausgestattet. Noch viele Jahrhunderte nach Wittekind’s Tode hielten die Capitelherrn Gottesdienst an des Sachsenherzogs Grabe; doch als Kriege das Land verwüsteten, Raubgesindel die Gegend unsicher machte, die stolze Stadt immer mehr sank, da hielten sie es für unnöthig, in Enger zu bleiben und ihre Pflichten zu erfüllen. Sie verpachteten ihre Ländereien und Besitzungen, bestellten für den Gottesdienst in Enger einen Pfarrer und entflohen nach Herford. Sie verlangten, daß die dem Capitel Zehntpflichtigen ihre Abgaben nach Herford bringen sollten; doch diese, ärgerlich und empört, daß die Capitelherrn Enger und das Grab ihres Wohlthäters verlassen, erklärten auf das Bestimmteste, daß sie nicht das Geld nach Herford bringen würden. Sie stützten sich auf den Ausspruch: „ihre Abgaben an das Capitel, nach des Königs Tode, an dessen Grabe entrichten zu sollen.“

Da nahmen die geistlichen Herren, als sie weder durch Bitten, noch durch Gewalt die ihnen gebührenden Abgaben erhielten, ihre Zuflucht zu einer List. Sie kamen im Geheimen nach Enger, schlichen sich bei Nacht in die Kirche, öffneten die Königsgruft, entnahmen ihr die Leiche Wittekind’s und brachten sie nach Herford.

Sie nahmen auch Wittekind’s Trinkbecher mit sich, welcher sich ebenfalls in der Kirche befand. Er war ein Geschenk Karl's des Großen an Wittekind gewesen. Er soll aus grünem Stein, der kein Gift vertragen, geschnitten gewesen sein und eine Einfassung von vergoldetem Kupfer gehabt haben. Eine Kapsel von unbekanntem Holze hat den Mundbecher umschlossen gehalten. Sie hat eine gelbliche Farbe gezeigt und die Inschrift getragen:

Visdai de Affrica rex.

An dem Rande des Bechers haben die Worte gestanden:

Munere tam claro – ditat nos Affrica raro.

zu Deutsch:

„Also herrliche Gaben – Wir selten von Afrika haben.“

Sehr bald ist in Enger der Raub der Gebeine Wittekind’s entdeckt worden. Die Stadt hat sie sofort als ihr rechtmäßiges Eigenthum reclamirt und eine Klage gegen das Capitel anhängig gemacht. Dieses triumphirte, und das heilige Herford verweigerte die Herausgabe. Beide Städte lebten über 400 Jahre in stetem Kampfe um des Sachsenherzogs irdische Ueberreste. Vorzüglich waren es die Nachkommen der Freunde und Waffengefährten Wittekind’s, seine sogenannten Sattelmeier, die nicht nachließen, die Gebeine ihres hochverehrten und geliebten Königs „Weking“ unablässig zu fordern und darauf zu bestehen, daß Sancta Herfordia seinen Raub herausgäbe. Ihnen ist es wohl allein zu danken, daß der Kirche zu Enger endlich ihr altes Recht wieder zuerkannt worden, und sie Wittekind’s Gebeine zurückerhalten hat.

Eine Anzahl Nachkommen jener berühmten Wittekind’schen Sattelmeier, auch Gesaljas, Saalgenossen, genannt. leben noch in Westphalen. Ihre Besitzungen liegen meistentheils bei Enger und Schildesche, einem Dorfe in der Nähe von Bielefeld. Diese Sattelmeier sind lauter reiche, angesehene Leute, die nicht wenig stolz darauf sind, daß ihre Vorfahren Wittekind’s Freunde und stete Gefährten gewesen. [635] Keiner von diesen Meiern vertauscht wohl seinen alten, ihnen so wohlklingenden Namen mit einem der vornehmsten westphälischen Adelsfamilien. Stolz sagen sie: „Ihr Name ist alt; aber der unsrige ist noch älter, sie sind Grafen und Barone; aber wir sind die Sattelmeier, König Wittekind’s Sattelmeier!“ – Nehmen die westphälischen Sattelmeier es an Rang mit dem westphälischen alten Adel auf, so noch mehr mit dessen Reichthum. Sie waren bereits früher reich und sind es immer mehr geworden, da im Allgemeinen wohl kein Stand in den letzten Jahren mehr emporgekommen ist, als der Bauernstand. Er hat von den theuern Jahren, ja selbst von der Revolutionszeit unendliche Vortheile genossen. – Ihr größter Segen ist ihr consequentes Festhalten an alten, einfachen Sitten und Gebräuchen; – ihr Stolz ist, Bauer zu sein,– nichts Anderes sein und werden zu wollen! – Dieser Stolz ist die sichere Grundlage ihres sich immer mehr anhäufenden Reichthums. Ihre Erinnerungen sind ihnen ein gutes Schild gegen Luxus und Verfeinerung, diese Harpyien des Reichthums. Da sie nun stolz darauf sind, noch den Titel zu tragen, den ihre Ahnen zu des mächtigen Sachsenherzogs Zeiten besessen, wollen sie auch der Beschäftigung ihrer Vorfahren treu bleiben, die einst ebenfalls mit eigener Hand den Boden bebauten, den ihr Herr und König ihnen in seinem verliehenen Herzogthume zur Bebauung angewiesen. Schwere, harte Arbeit kommt ihnen nicht als Schande vor, denn sie gedenken, daß ihre Ahnen, die einst in starker Hand an Wittekind’s Seite das Schwert gegen Karl den Großen geführt, auch später, als Frieden im Lande herrschte, mit dieser Hand das Feld und den Garten bestellt haben.

Viele der den Sattelmeiern von Wittekind eingeräumten Vorrechte sind ihnen bis auf unsere Zeit erhalten, namentlich den sieben, die in der Gegend von Enger noch ansässig sind. Wittekind hatte die Sattelmeier nicht allein von Abgaben frei gemacht, sondern auch Ehrenbezeigungen für sie angeordnet. Zu seinen Lebzeiten bildeten sie sein Gefolge, und bei ihrem Tode wurden ihnen große Ehren erwiesen. Die Gebräuche bei ihrer Bestattung sind es unter andern Vorrechten, welche bis aus die Jetztzeit übergegangen sind. Drei Tage wird ihre Leiche zu ungewöhnlicher Stunde in der Kirche beläutet. Geistliche müssen schon vom Meierhofe aus den Sarg begleiten, hinter dem ein gesatteltes Pferd hergeführt wird. Ehe man den Sarg in die Gruft senkt, wird er in die Kirche zu Enger getragen, vor Wittekind’s Grabmahl auf dem Kirchenchore niedergesetzt, als solle der tobte Sattelmeier von seinem geliebten König Weking den letzten Abschied nehmen. Dieser Feierlichkeit folgt Gottesdienst, und erst nach Beendigung desselben erfolgt die Bestattung auf dem Kirchhofe. Den Frauen der Sattelmeier wird beim Leichenbegängnis der größte Theil dieser Ehrenbezeigungen auch erwiesen.

Die Sattelmeier, die Wittekind’s Gebeine für die Kirche in Enger zurückgefordert, und durch Gesetzesausspruch auch endlich ihr Recht erhielten, holten ihres Königs Ueberreste mit vielem Gepränge und Pomp von Herford ab. Sie geleiteten Alle zu Pferde den Sarg, der nun zum zweiten Male in der Kirche beigesetzt wurde, die die Veranlassung von Wittekind’s Ansiedelung im Angergau gewesen.

Das Grabmal Wittekind’s befindet sich auf dem Chore der Kirche zu Enger hinter dem Altare. Es ist eine von Kaiser Karl IV. 1377 im Renaissanccstyl errichtete Tumba. Auf derselben liegt die in Lebensgröße in Stein ausgehauene Gestalt des Sachsenherzogs. Sein Haupt bedeckt eine Art gesteifter Mütze, das Haar ist kurz geschnitten und das Gesicht ohne Bart. Er ist mit einem Talar bekleidet, der weite Aermel hat und welcher, wie auch die Mütze, mit Edelsteinen besetzt zu sein scheint. Seine rechte Hand ruht auf der Brust, die linke, welche den Scepter hält, ist durch das Gewand verhüllt. Die Füße sind mit Schuhen bedeckt, die sehr spitz zulaufen, fast bis zu den Zehen offen geschlitzt sind, und weder Absätze haben, noch mit Bändern befestigt sind. – Das Grabmal trägt an der rechten Seite des Würfels die Inschrift:

Hoc collegium Dionisianum in Dei Opt. Max. honorem privilegiis reditibusque donatum fundavit et confirmavit. Oviit anno Christi DCCCVII. relicto filio et regni herede Wigeberto.

An der linken Seite stehen die Worte:

Monumento Wittekindi, Warnechini filii, Angrivariorum regis. XII. Saxoniae procerum ducis fortissimi.

An dem breiten Rande der vorspringenden Steinplatte, die Wittekind’s Gestalt trägt, ziehen sich die Worte:

Ossa viri fortis – cujus sors nescia mortis – iste locus munit – cuge bonus spiritus audit – Omnis mundatur – hune regem qui veneratur – aegros hic morbis – rex salvat et orbis.

Letztere Worte beziehen sich wohl auf den Ruf der Wunderthätigkeit, in dem Wittekind’s Grab während vieler Jahrhunderte stand.

Der Glaube an Wunder ist jetzt mehr und mehr in der Seele der Menschen erloschen. An Wittekind’s Grabe knieen wenigstens keine frommen Beter mehr im gläubigen Vertrauen auf Erhörung ihres Gebets, und vergeblich ertönt am Dreikönigsfeste das Glöckchen durch das Angerthal, denn kein Wallfahrer erscheint, die geweihte Stätte aufzusuchen. Auch ein das Grab besuchender Fremder ist in Enger eine Seltenheit.

Die Bewohner der Gegend sehen den Grund des Verlassenseins jener berühmten Grabstätte in der Länge der Zeit, die darüber hinweggezogen ist, seit Wittekind im Angergau residirte. Ich erhielt wenigstens zu verschiedenen Malen, wenn ich in Enger war, von den verschiedensten Leuten auf Anfragen nach Wittekind die Antwort: „Dat is all unbännig lange her, dat dä Minske hätt livet!“ (Das ist schon sehr lange her, daß der Mensch lebte!) Sagte ich wohl, daß, wenn es auch lange her sei, man ihn dennoch nicht vergessen dürfe, so entgegnete man mir treuherzig: „Nä, dat wirr woll so lange nich sin, we he nau bebimmelt wird, und bebimmeln thun se use olle Weking nau alle Jahr!“ (Nein, das wird wohl so lange nicht der Fall sein, als er noch beläutet wird, und beläutet wird unser alter Wittekind noch jedes Jahr.)

Ich glaube indessen, auch ohne das sogenannte Grabläuten am Dreikönigsfeste wird Wittekind nicht vergessen werden. Die Erinnerung an ihn gehört zu den alten historischen Erinnerungen Westphalens, auf die jeder Bewohner des Landes mit ganz besonderem Stolz zurückblickt. König Weking ist ein Liebling des Volkes und unzählige Sagen knüpfen sich an ihn. Auf vielen Bergeshöhen, wo noch alte, epheuumrankte Wartthürme oder kleine unbedeutende Mauerüberreste stehen, spricht man, es wären die Ruinen ehemaliger Burgen Wittekind’s, und wo man im Angerthal alte verwitterte Bäume an Orten mit hübscher Aussicht trifft, heißt es gewiß: „Das war ein Lieblingsplatz König Weking’s!“

Am tiefsten und festesten wurzelt aber die Liebe zu Wittekind und die Anhänglichkeit an ihn in den Herzen der Nachkommen seiner ehemaligen Genossen. Es ist, als ob er unter den Sattelmeiern noch fortlebte, er noch immer ihr König und Herr, ihr Freund und Gefährte sei. Einen hübschen Zug jener rührenden Anhänglichkeit an ihn erhielt ich, als ich das erste Mal in Enger war. Ich traf dort an Wittekind’s Tumba mit dem Sohne eines Sattelmeiers zusammen. Er wollte sich am Kampfe in Schleswig-Holstein betheiligen und bereits am nächsten Tage sein Heimathland Westphalen verlassen. Sein letzter Abschiedsbesuch galt König Wittekind, dem er Lebewohl sagte. Lange und ernst betrachtete er das Steinantlitz. Er hat es nicht wiedergesehen, – denn schon wenige Wochen später war er in dem Kampfe für deutsche Freiheit und deutsches Recht gefallen.

Oft habe ich an jenen jungen, für die Sache Schleswig-Holsteins begeisterten Bauer denken müssen und mich gefragt, ob er wohl an jenem Tage an Wittekind’s Tumba eine Ahnung seines Todes gehabt und ob ihn das Gefühl in die Kirche zu Enger getrieben hat, Wittekind vor seinem Scheiden aus der Welt noch einmal zu sehen.

Dieses erste Mal, wo ich Jemand an der berühmten Grabesstätte fand, war auch das einzige Mal. Niemals ferner, so oft ich auch Enger besuchte, traf ich dort einen Menschen. Leer, einsam und verödet war die Stätte, die eine so glorreiche, interessante Vergangenheit gehabt hat. Sucht indessen einmal wieder ein Fremder diesen verlassenen Ort, dieses kleine armselige Dorf in Westphalen auf, – er bereut gewiß nicht den kurzen Aufenthalt auf seiner Reise, wenn er nur einigermaßen Interesse für die Ereignisse vergangener Jahrhunderte hat.

Aus der alten Tumba, wo der greise Sachsenherzog in Stein ausgehauen liegt, steigen gar wundersame Bilder aus fernen Zeiten auf, die man mit einer gewissen heiligen Scheu betrachtet, wenn sie vor dem Auge des Geistes vorübergleiten. Unter gleichem wunderbarem Zauber steht man beim Anblick des kleinen Mauerüberrestes am Kirchhofe, – der einzigen, letzten, unbedeutenden Spur jener stolzen Königsburg, deren Zinnen einst weithin durch’s große, mächtige und blühende Angerthal leuchteten. Es ist eine verlassene Stätte; doch eine vergessene wird sie hoffentlich nie werden.

Luise E.



[636]
Eine Knaben-Armee unter Waffen.
Von K. N.

Die Olivenpflanzungen Elihu Burritt’s haben nicht gedeihen wollen. Die Welt kann sich nicht überzeugen, daß die Friedfertigen sich von den Händelsuchern müssen mit Füßen treten lassen. Sehr einsam stehen noch immer die Manchestermänner, welche verwundert fragen: „ob man nicht auch unter französischer Herrschaft Baumwolle spinnen und Geld machen würde?“ Jedes Volk, das sich nicht selbst aufgibt, hält es mit dem guten alten: „Ehrhaft, wehrhaft!“ Und wenn denn Europa wirklich ein Karpfenteich ist, wie Professor Leo meint, so wollen auch wir Deutsche lieber Hechte als Karpfen sein und uns in die gehörige Verfassung setzen, um jeder auswärtigen Macht etwaige freche Gelüste vertreiben zu können.

Sicheres und mustergültiges Mittel zu solchem Zwecke ist das Milizsystem, wie es in der Schweiz ausgebildet ist. Es verbürgt zugleich die innere Freiheit und äußere Unabhängigkeit. Neigung und Pflicht ist da Eins. Das friedlichste und arbeitsamste Volk der Erde ist zugleich das gerüstetste und kriegerischste. In der schweizerischen Anschauung ist Bürger und Soldat untrennbar, weil sonst der Bürger zum Unterthan eines einheimischen oder fremden Herrn herabsinken würde. Folge dieser Anschauung ist, daß die Schweiz kein stehendes Heer hat und doch in jeden, Augenblick an Bundesauszug, Reserve und Landwehr (ohne die unorganisirte Landwehr und den Landsturm zu rechnen) gegen 200,000 waffengeübte Männer, mit einiger Anstrengung noch weit mehr, in’s Feld stellen kann. Auf diesem Fuße, der mit 4 bis 5 Millionen Francs eidgenössischer und kantonaler Ausgaben, also mit dem siebenten Theil der Militairkosten anderer Länder erzielt wird, könnte Deutschland gleichfalls acht Procent der Bevölkerung, also 3½ Millionen Streiter aufbringen und brauchte keine Welt in Waffen zu fürchten.

Als Voraussetzung oder doch wesentliche Erleichterung des Milizsystems muß allerdings gelten, daß fast die Säuglinge schon schießen lernen und die Jugend nicht blos im Turnen, sondern auch im Waffenwerk geübt werde. So ist es in der Schweiz. Dem zarten Knaben schon wird der Gedanke geläufig, daß er vor allen Dingen sich zum Vaterlandsvertheidiger ausbilden muß. Und fürwahr, zu dem Schönsten, was ein Menschenauge schauen kann, gehört die heranwachsende, frische Jugend in Wehr und Waffen. Dem denkenden Angehörigen dieser oder jener großen und breiten Nation von 30, 40 und mehr Millionen zuckt es krampfhaft durch die Brust und sein Auge verdüstert sich, wenn er im freien Alpenlande die wohlgeordneten Schaaren junger Soldaten mit blitzenden Bajonneten und wallenden Fahnen, mit rauschender Musik oder rasselnden Trommeln vorüberschreiten sieht und dann – der Heimath gedenkt! – –

Das schweizerische Cadettenwesen darf nicht nach deutschem Sprachgebrauch aufgefaßt werden; es ist nicht etwa ausschließlich dem Adel und den Officierssöhnen vorbehalten, sondern eine wirklich demokratische Einrichtung. Das erste bewaffnete Knabencorps finden wir schon gegen Ende des sechszehnten Jahrhunderts in der Stadt Bern. Doch erlangte die Waffenübung der Jugend erst allgemeinere Verbreitung, seit die helvetische Militairgesellschaft vor 80 Jahren anfing, auf Bildung von Cadettencorps hinzuwirken; die ausgezeichnetsten und berühmtesten Officiere widmeten sich der Sache mit Liebe und Sorgfalt. Ihre ersten Schöpfungen waren die Corps in Aarau, Surfen und Olten. Aarau hatte lange Zeit hindurch das schönste, größte und geübteste Corps; überhaupt ist das Cadettenwesen im Kanton Aargau am tiefsten eingewurzelt, und man trifft dort in allen größeren Ortschaften (Zofingen, Lenzburg, Brugg, Baden und noch einem Dutzend anderer) gut eingerichtete Corps. In den drei Vororten Zürich, Bern, Luzern war es Sitte, daß die Cadetten zu Ehren der Tagsatzung aufmarschirten, wie man denn auch sonst gern bei feierlichen Gelegenheiten diese Hoffnung des Vaterlandes bewaffnet vorführt. In Zürich bestand schon 1770 ein Knabencorps von Infanteristen und Artilleristen; seit Ausgang des vorigen Jahrhunderts schlief die Einrichtung zeitweise etwas ein, ist aber nach der Gesammtverjüngung des Kantons vom Jahre 1830 eifrig gepflegt worden. Außer der Hauptstadt gibt es Corps in Winterthur, Uster, Wald, Stäfa, Meilen, Horgen, Wädenswyl und andern Ortschaften am See. Bern, Biel, Thun, Burgdorf und viele andere Berner Städte üben seit 30 bis 40 Jahren ihre Schuljugend in den Waffen; von Staatswegen wird auch auf der Universität Bern und den beiden Lehrerseminaren für militärische Ausbildung gesorgt. Die Kantone Luzern, Solothurn, Baselstadt und Baselland, Schaffhausen, Thurgau, St. Gallen, Appenzell-Außerrhoden, Glarus, Graubünden, Tessin, Waadt, Freiburg, Neuenburg erfreuen sich sämmtlich eines oder mehrerer Cadettencorps.

Fast in allen diesen Kantonen wird an den höhern und Mittelschulen (die Ausdehnung auf sämmtliche Schulen wird nicht lange ausbleiben) die Waffenübung gleich dem Turnen als Unterrichtsbestandtheil betrachtet und für jeden Schüler, den nicht körperliche Gründe verhindern, verbindlich gemacht. Die Cadettenzeit fängt mit vollendetem eilften Jahre an und dauert bis zum Alter von achtzehn und neunzehn Jahren. Der Exercirunterricht wird von kantonalen oder eidgenössischen Officieren und Instructoren ertheilt, gewöhnlich an zwei Nachmittagen wöchentlich, für die Reiferen einmal in der Woche, So lernt schon die Jugend Mannszucht; doch nicht blos im Gehorchen, auch im Befehlen wird sie geübt. Jedes Corps ist nämlich mit Officieren und Unteroffizieren aus seiner eigenen Mitte versehen; sie machen eine vortreffliche Schule durch, um spätere als Officiere in das eidgenössische Heer einzutreten. Alle gewesenen Cadetten, sowie sie zur Miliz übergehen, sind gesetzlich vom Recrutenunterricht befreit. Die Waffen werden vom Staat oder der Gemeinde geliefert; für die Uniform, die auch außer dem Dienst getragen werden darf, muß jeder Schüler selbst sorgen.

Die meisten Cadettencorps bestehen aus Infanterie (Jägern und Füsilieren); viele haben auch Artillerie, in Zürich z. B. 2 Zwei- und 2 Vierpfünder. In Aargau und einigen andern Kantonen sieht man sogar Grenadiere und Sappeure, nicht immer ohne Bart. Die Cavallerie wird überall hinzugedacht. Die Geschütze sind gewöhnlich Zwei- und Vierpfünder. Gewehr mit Bajonnet und Patrontasche, auch wohl noch Säbel und Tornister bilden die Bewaffnung und Ausrüstung der Infanteristen. In Erfindung verschiedener Uniformen hat die Phantasie das Mögliche geleistet. Durch einfache geschmackvolle Erscheinung zeichnen sich unter andern die Züricher Cadetten aus; sie tragen dunkelblauen Waffenrock mit weißen Metallknöpfen, helle blaugraue Beinkleider und dunkelblaue Mütze mit Cocarde. Jedes Corps hat eine oder mehrere Fahnen und Fähnlein. In vielen Kantonen gibt es tüchtige Musikcorps; andere, wie Zürich, nehmen billige Rücksicht auf die jugendlichen Lungen und begnügen sich mit soliden Trommeln nebst unentbehrlichem Tambourmajor.

Allenthalben ist es Sitte, das Schuljahr im Herbst mit einem Schulfest zu schließen, dessen Glanzpunkt der Ausmarsch und das Feldmanöver bildet. Die schweizerischen Jugendfeste, die auch bei den Volksschulen beliebt sind, haben sich einen wohlverdienten Namen erworben. In den Aargauischen Gemeinden ist am Cadettenfest die ganze Schuljugend, auch die weibliche in festlichem Schmucke, betheiligt. Zu den Feldübungen werden öfter Corps aus einem oder mehreren Kantonen zusammengezogen; bei solchen Gelegenheiten wogt Fröhlichkeit und Wetteifer der Jugend noch höher. So hielten die Berner Cadettencorps schon 1824 eine gemeinsame Uebung in der Nähe der Hauptstadt ab und haben seitdem fleißig damit fortgefahren. Im Jahre 1846 bezogen etwa 1000 Mann Aargauer ein Uebungslager bei Lenzburg; sie alle haben gewiß dies Cadettenfest, bei dem es überaus munter herging, in dankbarem Andenken behalten. Noch größerer Ruf ist dem heißen Kampf bei Wettingen zu Theil geworden, wo im Jahre 1821 die Aargauischen Cadetten mit den Zürichern und Winterthurern zusammen operirten. Zwei Brigaden mit 7 Geschützen, in einer Gesammtstärke von 1560 Mann, stritten dort um die Stellungen zwischen Wettingen und Baden; die ruhmvollste Affaire des Tages war die hartnäckige Vertheidigung und endliche Erstürmung der Wettinger Brücke. Alle ältern Waffenspiele dieser Art sind indeß durch das große ostschweizerische Cadettenfest vom September 1856 in Schatten gestellt worden. Dasselbe wird den vielen Tausenden activer und passiver Theilnehmer unvergeßlich bleiben, selbst wenn einmal ein vollständiger Zusammenzug sämmtlicher Cadettencorps der Schweiz zu Stande kommt. Zehn Kantone waren damals betheiligt: Aargau stellte 974 Mann, Zürich 805, St. Gallen 472, Schaffhausen 186, [637] Graubünden 166, Außerrhoden 155, Luzern 148, Thurgau 111, Glarus 60, und selbst Tessin sandte eine Abordnung von 84 über den Gotthard. So zogen denn nicht weniger als 3161 junge Helden in den mannichfaltigsten, meist kleidsamen Uniformen, mit Musikcorps, 124 Trommeln, zahlreichen Bannern und 18 Kanonen von allen Seiten her in das festlich geschmückte Zürich ein. Bei Oerlikon und Schwamendingen in zwei Divisionen gegen einander aufgestellt, wiederholten sie mit Lust und Liebe das Treffen vom 4. Juni 1799, in welchem die Franzosen unter Massena von den Oesterreichern unter Erzherzog Karl geworfen wurden.

Die Jugend in Zürich, wie in andern Kantonen, kann sich nicht beklagen, daß ihr Körper über dem Geist vernachlässigt werde; zeitweise möchte sogar Uebertreibung der körperlichen Anstrengung zu besorgen sein. Die Kantonsschüler (Gymnasiasten und Industrieschüler, darunter eine Anzahl Ausländer, besonders Deutsche) turnen das ganze Jahr hindurch; ihr Soldatenleben ist jedoch auf das Sommerhalbjahr beschränkt und treibt seine schönsten Blüthen in den Monaten August, September und October. Im August findet seit alter Zeit das Knabenschießen für alle städtischen und sonstigen in der Stadt wohnenden Schüler statt. Dabei schießen die Kleineren mit aufgelegtem Gewehr, die Größeren aus freier Hand nach der Scheibe; eine große Anzahl von der Stadt und Privaten ausgesetzter Preise belohnt die Schwarztreffer und die ihnen zunächst stehenden glücklichen Schützen. Im September halten die Cadetten, sowohl Artilleristen als Infanteristen, ihr Zielschießen ab. Im October kommt das „Vorkämpfli“ und darauf das Jahresschulfest mit Turnspielen und großem Cadettenmanöver.

Beim diesjährigen Vorkämpfli, am 1. October, war der Feind, wie gewöhnlich, nur in der Einbildung vorhanden; dennoch wurde mit einem Eifer auf ihn geschossen, als wäre er von Fleisch und Blut. Es galt, einen Feind von Windikon bis zum Höckler zu verfolgen. (Für die Leser, welche in Zürich waren, führen wir die Ortsnamen an.) Man zog über die bedeckte Brücke von Außersihl aus und entsandte eine Umgehungscolonne durch die oberen Waldhöhen, während das Gros an der Sihl entlang das Gehölz und die Lichtungen säuberte. Beide Abteilungen vereinigten sich wieder bei der Höcklerbrücke und zogen dann auf die große Wollishofer Allmend, wo tüchtig im Feuer exercirt ward. Ein herrlicherer Platz für Truppenentfaltungen, als dies auf allen Seiten von Höhen umgebene tellerflache Sihlbecken, kann nicht gedacht werden; jedem Schusse antworten zahlreiche Echos. Die Züricher und eidgenössischen Truppen exerciren, schießen und lagern gleichfalls auf jener Allmend.

Das Jahresfest der Kantonsschule ging als Turntag und als Cadettentag vor sich. Das an die Schüler vertheilte Programm enthält die Reihenfolge der Begebenheiten, die Supposition des Manövers und einige nützliche Randbemerkungen in fetter Schrift: „Bahn frei! – Rauchen ist den Schülern am Feste untersagt! – Nicht hitzig! – Ladstock nicht vergessen! – Stets 120 Schritte Distanz!“ Morgens 6 Uhr wird Tagwache geschlagen von der Hauptwache aus in drei Richtungen, Das weit und breit verrufene Züricher Festwetter ist, wie schon seit ein Paar Jahren, nirgends zu blicken und vollkommen überflüssig wird die schreckliche Clausel des Programms: „Wenn bei üblem Wetter das Schlagen der Tagwache unterbleibt, so wird das Fest verschoben und ist von 8 Uhr an Schule.“ Durch die morgentlichen Herbstnebel bricht bald eine strahlende Sonne, zur Freude der Menschen und ihrer geliebten Reben; der Schlachttag ist so heiß, wie man sich ihn nur wünschen mag. Unter Leitung des trefflichen Turnlehrers Niggeler wurden am b. October Vormittags Riegen- und Wettturnen abgehalten, Nachmittags Frei- und Ordnungsübungen ausgeführt. Gegen Abend Eröffnung des Urtheils der Kampfrichter und Vertheilung der Turnpreise.

Am zweiten Tage eilt die gesammte Mannschaft, gegen 500 Köpfe stark, in Uniform und Waffen um 7 Uhr zur Kaserne und marschirt auf den Platz beim Bahnhof, wo von 8 bis 10 Uhr der Director der Waffenübungen, Oberst Ziegler (Regierungsrath und Vorsteher des Militairdepartements, also nhttps://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/7/74/Button_comment.pngach monarchischer Sprachweise Kriegsminister), in Begleitung einer Abordnung der Aufsichtscommission, die große Inspektion über seine „jungen Cameraden“ vornimmt. Um 12½ Uhr sammelt sich das Cadettencorps wieder bei der Kaserne, um die Munition zu fassen, und marschirt um 1 Uhr zum Manöver aus. Es ist in zwei kleine Heere getheilt, deren jedes aus Centrum, rechtem und linkem Flügel und Reserve besteht. Der Feind rückt unter dem Befehl des Oberstlieutenants v. Escher über Riesbach und Zollikon in seine Stellung. Das eidgenössische Corps, von Commandant Nadler geführt, nimmt seinen Weg über Hirslanden und den Balgrist. Es ist nämlich auf den Höhen oberhalb Zollikon in der Gegend von Wytellikon der rechte Flügel eines auf dem rechten Seeufer gegen Zürich anrückenden feindlichen Corps angekommen und hat dort Halt gemacht, nachdem er durch die vorgesandten Recognoscirungspatrouillen und Kundschafter erfahren, daß das Burghölzli und die Höhen des Balgrist von den in und um Zürich stehenden eidgenössischen Truppen in der Absicht besetzt seien, das weitere Vordringen des Feindes über Hirslanden zu verhindern. Die Eidgenossen greifen um 3 Uhr den Feind in seiner Bergstellung an, werden aber trotz wiederholter Versuche nachdrücklich abgeschlagen und sind genöthigt, sich vor dem nunmehr über Unter- und Oberried offensiv vorgehenden Feinde zurückzuziehen, was indes; in guter Ordnung und unter mehrmaliger Bestreitung des Terrains geschieht. Zwar wird eine Seitencolonne abgeschnitten, aber der Feind muß große Opfer bringen, bis er das mörderische Feuer der auf der Oberrieder Höhe sehr günstig aufgestellten eidgenössischen Artillerie zum Schweigen bringt und sodann in der Niederung weiter vordringt.

Der Kampf bietet manche malerische Momente dar. Nirgends wird man ein so mannichfaltiges, zerschnittenes Gefechtsterrain finden, wie im schweizerischen Vorlande. Namentlich in der Gegend von Zürich hat man nur die Verlegenheit der Auswahl. Für die Jäger gibt es überall Deckungen und Verstecke, die Linie kann sich nach Bedürfniß ihre Stellungen aussuchen und der Artillerie stehen die bequemsten Höhen zu Gebote, um Thal und Ebene zu beherrschen. Beim diesjährigen Manöver haben die Führer Mühe, den ausgebrochenen Jägerketten die Schüsse im Lauf zu bannen, bis sie in gehöriger Nähe angelangt sind. Endlich fällt der erste Schuß und gibt das Zeichen für unzählige Nachfolger. Eine wahre Freude ist’s, zu beobachten, wie die Plänkler sich beim freien Vorlauf so klein wie möglich machen, wie sie geschickt jeden Vortheil des Bodens benutzen, wie sie jedem Schusse den Erfolg zu sichern trachten. Dieser oder jener dünkt uns ein hübscher kleiner Zuave. Sogar Anlagen zu Turcos entwickeln sich: Einer ladet sein Gewehr, platt auf dem Rücken liegend, ein Anderer schnellt sich im Tigersprung vorwärts. In die Jägerkette beordert zu werden, gilt für ein besonderes Glück; da gilt der Mann noch etwas, hat freie Bewegung und Patronen vollauf. Doch auch dem Gros, das festgeschlosser und in strenger Ordnung operiren muß, wird vergönnt, seinen Grimm in reichlichem Rottenfeuer und donnernden Bataillonssalven zu entladen. Mit innigem Vergnügen hören wir hundert Gewehre auf Commando einen einzigen Schuß abfeuern und schauen der wohlriechenden Pulverwolke nach. Zur Abwechslung schließen wir uns der wackern Artillerie an. Zwar hat sie noch keine gezogener Kanonen, aber darum ist sie nicht minder beflissen, kaltblütig zu zielen und den Feind von ihrem Dasein gründlich zu überzeugen. Ab- und aufgeprotzt wird so flink, wie in erwachsenen Armeen auf schwierigem Gelände schleppen die stämmigen jungen Kannoniere selbst ihre Stücke.

Der „Cadettenvater,“ Oberst Ziegler, begleitet als Unparteiischer die Schlacht und geht auf der Wahlstatt hin und her, schmunzelnd, wenn einer Abtheilung ein rechter Schlag gelungen. Sobald die „sich rückwärts concentrirenden“ Eidgenossen bei ihren günstiger Aufnahmepositionen angelangt sind, halten sie gebührend Stand und bieten jedem fernem Angriff Trotz. Der Feind überzeugt sich, das die eidgenössischen Streitkräfte den seinigen vollkommen gewachsen sind und ein weiteres Vordringen nicht möglich ist. Er macht Halt und bricht das Gefecht ab. Selbstverständlich muß zu guter Letzt immer das weiße Kreuz im rothen Felde Meister bleiben.

Schon manches Manöver ist ohne allen Unfall abgelaufen, heute aber ist wieder einmal ein tückischer Ladstock stecken geblieben und einem Cadetten durch den linken Oberarm gefahren, glückliche, Weise so, daß schlimme Folgen nicht zu befürchten sind. Die jungen Hitzköpfe finden gar leicht, daß bei den 150 Schritt Entfernung eine Null zu viel stehe. Auch ein Zuschauer hat durch einen zweiten desertirten Ladestock eine leichte Verletzung davongetragen; das bei dem beliebten Volksfeste zahlreich versammelte Publicum mischt sich eben sorglos in’s Schlachtgetümmel. Sogar die europäischen Diplomaten, die seit acht Wochen in Zürich mit vereinigten Kräften dem Nichtsthun obliegen, sind ziemlich vollzählig zugegen und werden ohne allen Zweifel ihren Regierungen mit glühender [638] Vewunderung vom Cadettenthum berichten und dessen Einführung dringend empfehlen.

Nachdem die Parteien sich Angesichts der Alpen und des Sees anderthalb Stunden herumgeschlagen und eine Weile ausgeruht, marschiren sie, brüderlich vereint, jeder Mann einige Zoll höher, theils unter Trommelschlag, theils patriotische Lieder singend, von den Höhen abwärts zur Seestraße und ziehen in Tiefenbrunnen ein. Auf der grünen Matte dieses gastlichen Vergnügungsortes werden die Gewehre in Pyramide gestellt. Dann geht es nach des Tages Last und Hitze mit beflügeltem Schritt und scharfem Appetit in den reizend am See gelegenen Garten des Wirthshauses, um einem zweiten Feinde, der auf langen Tischen in Gestalt von Broden, Würsten und weingefüllten Gefäßen harrt, eine entscheidende Niederlage beizubringen. Der Staat trägt ja großmüthig die Kosten. Die Taschenmesser, welche nicht zu vergessen das Programm ermahnt hat, sind in der That nicht vergessen worden. Jubelnde Hoch’s würzen den Labebecher. Es ist Nacht geworden, und bei Fackelschein, nachdem die jungen Soldaten wieder unter’s Gewehr getreten, verliest und vertheilt Oberst Ziegler die Schießprämien. Der Name jedes Siegers wird mit Trommelwirbel und Hochrufen begleitet. Die Ergebnisse des Zielschießens sind nicht so befriedigend wie voriges Jahr: die Artillerie hat 65 Procent Treffer, die Infanterie mit ihren Musketen 28, gegen die vorjährigen 86 und 33 Procent im Durchschnitt aller Entfernungen. Die beiden ersten Preise der Infanterie fallen wieder Glarnern zu; dies Völklein, durch seine Scharfschützen berühmt, hat seit sieben Jahren auf den ersten Preis Beschlag gelegt.

Endlich wird der Rückmarsch angetreten. Unter heiteren Gesängen durchzieht das Cadettencorps die Seefeldstraße und wird auf dem Münsterhof entlassen, um zu Hause auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Die Officiere, Instructoren und Lehrer, obwohl sie bereits in Tiefenbrunnen der Jugend beim Abendimbiß Gesellschaft geleistet, zechen und toastiren dann noch gemüthlich zusammen bis Mitternacht oder etwas darüber.

Wir sind keine Freunde des Soldatenspielens, wie es in Deutschland beliebt wird, aber ähnliche Feste wünschen wir recht bald der geliebten Jugend unseres großen, schönen Vaterlandes!






Populäre Briefe über Musik.
Von A. v. Dommer.
II.
Ton. – Intervall. – Melodie.

Wenn man einen Gegenstand von cohärenter Masse, eine Glocke, Glastafel, Holzplatte, Stahlfeder, Darmsaite u. dgl. durch Stoß, Schlag oder Reibung in vibrirende Bewegung setzt, so entsteht, indem diese Bewegung auch zugleich die den Gegenstand umgebende Luft in Schwingungen bringt, der Schall. Die Luft bewegt sich bei der Schallerzeugung in zahlreichen, immer größer werdenden concentrischen Kreisen, welche in Wellenform, nicht nur der Länge und Breite nach, wie die Wasserkreise bei einem hineingeworfenen Stein, sondern auch in allen Richtungen der Höhe und Tiefe von dem Schallwerkzeug ausgehen. Das Medium, durch dessen Vermittlung der Schall zu uns getragen wird, kann die Luft selbst sein, aber auch, mit mehr oder weniger gutem Resultat, ein fester oder flüssiger Gegenstand, Holz, Eisen, Blei, Glas, das Wasser u. s. w.

Ist dieser Schall von bestimmt vernehmlicher und unterscheidbarer, sich gleichbleibender Höhe oder Tiefe, so nennen wir ihn Ton.

Der Raum, das Entfernungsverhältniß zwischen einem höheren und tieferen Ton heißt Intervall.

Den Klang, der einen Ton vom andern, nicht der Höhe oder Tiefe, sondern dem Charakter nach unterscheidet (auf der Geige, Flöte, dem Horn oder Klavier), nennen wir die Klangfarbe.

Die Höhe und Tiefe des Tones wird bedingt durch die Anzahl der in einer Zeiteinheit von dem Tonwerkzeug ausgehenden Schallwellen. Verkürzen Sie eine Saite, so wird die Anzahl ihrer Schwingungen in derselben Zeit vermehrt, der Ton wird höher; verlängert man die Saite, so vermindert sich die Schwingungszahl, der Ton sinkt zur Tiefe herab.

Die Stärke des Tones ist durch die Größe der in der Tonwelle erzitternden Luftmasse und durch den Grad der Heftigkeit, mit der sie erregt wird, bestimmt. Tonhöhe und Tonstärke gehen also von ganz gesonderten Bedingungen aus – ein Glück für die Musik, indem sonst jede Veränderung der Stärke des Tones auch eine Umstimmung seiner Höhe und Tiefe nach sich ziehen würde. Das ist aber, wie Sie wissen, nicht der Fall – man kann einen Ton anschlagen, so stark oder schwach man will, die Tonhöhe bleibt nichtsdestoweniger dieselbe.

Die Klangfarbe des Tones geht aus der Form der Luftwellen hervor; allerdings hängt sie ab von dem Bau des Tonwerkzeuges und der Masse, woraus es besteht, jedoch nur sofern Bau und Masse Einfluß haben auf die Form der Luftwelle.

Damit wir uns in der Folge besser verständigen können, wollen wir wenigstens einige der einfachsten Tonverhältnisse betrachten. Natürlich können hier nur Andeutungen der äußersten Umrisse gegeben werden – denken Sie deshalb nicht, Sie hatten die Sache selbst sich schon zu eigen gemacht, wenn Sie diese Andeutungen in sich aufgenommen haben. Wirkliche Kenntniß von einer Sache, und besonders von einer Kunst und den ihr eigenthümlichen Ausdrucksmitteln werden Sie nicht aus populären Aufsätzen darüber, sondern nur aus der Sache unmittelbar und ihrer positiven Lehre schöpfen können. Hier soll Ihnen nur Anregung zum eigenen Denken und Lernen gegeben werden. Wollten Sie sich etwas eingehendere Kenntniß von der Harmonielehre verschaffen, so müßten Sie sich wirklich hineinarbeiten; zur Anleitung empfehle ich E. F. Richter’s ebenso gründliche, wie klare und kurzgefaßte Harmonielehre.

Wenn Sie zwei Saiten von genau gleicher Länge, Dicke und Schwere mit derselben Kraft ausspannen, so lassen beide ganz genau denselben Ton hören. Dieses Tonverhältniß von z. B. c mit sich selbst heißt die reine Prime.

Verkürzen Sie eine der beiden Saiten, die wir c nennen wollen, genau um die Hälfte, so erhalten wir wiederum den Ton c, aber als Potenz der doppelten Tonhöhe der andern Saite. Dieser Ton (auf dem Klavier die achte Untertaste vom Grundton) ist die reine Octave (2:1).

Verkürzt man die Saite um ein Drittel, so entsteht der fünfte Ton der Tonleiter, die reine Quinte, c–g (3:2); nehmen Sie ein Viertel von der Saite hinweg, so daß nur drei Viertel tönen, so entsteht c–f, die reine Quarte (4:3.)

Diese 4 genannten Intervalle stehen zu ihrem Grundton (der unverkürzten Saite) in den reinsten consonirenden Verhältnissen, deren Einfachheit schon aus den Zahlen einleuchtet, deshalb werden sie reine Intervalle genannt.

Je weiter die Zahlenverhätnisse der Intervalle sich von dieser Einfachheit entfernen, desto mehr verlieren die Intervalle an reiner Consonanz mit dem Grundton; so sind die großen und kleinen Terzen, die dritte, und die Sexten, die sechste Stufe der Tonleiter, schon unvollkommene Consonanzen; die zweite und siebente Stufe, die Secunden und Septimen, sind endlich Dissonanzen.

Mit den Benennungen Consonanz und Dissonanz dürfen Sie nicht eine Unterscheidung in Wohlklang und Mißklang verbinden – auch die Dissonanz trägt den Wohlklang in sich, wenngleich noch nicht in der Erfüllung, sondern erst in der Erwartung.

Die Consonanz ist ein abgeschlossenes Klangverhältniß, welches einen weiteren Fortgang, eine weitere Folge nicht unabweislich fordert; ihr Charakter ist Ruhe, Selbstständigkeit, Befriedigung in sich selbst. Ueberzeugen Sie sich am Klavier, indem Sie eines jener reinen oder consonirenden Intervalle c–c, c–g oder c–e, c–a anschlagen; Gehör und Gefühl werden von diesem Zusammenklingen völlig befriedigt sein, kein Bedürfniß einer Aenderung, keine Unruhe unbedingt empfinden – deshalb auch keine Ausgleichung, keine Wiederherstellung der Ruhe durch eine weitere Tonfolge beanspruchen.

Die Dissonanz dagegen liegt mit sich selbst gewissermaßen in Streit, und sehnt sich aus dieser Unbefriedigung heraus nach [639] der Ruhe und Erfüllung der Consonanz, Sie erreicht diesen erwünschten Zustand in der Auflösung – sie wird zur Consonanz, wenn ihr unteres oder oberes Intervall einen Schritt abwärts (mitunter auch aufwärts) geht. Geben Sie auf dem Instrument z. B. die Secunde d–e an, so haben Sie den herben Klang der Dissonanz; er wird noch herber und schärfer, wenn das Intervall noch enger zusammentritt, d–es; führen Sie das d nach c abwärts, so ist der Streit oder die Sehnsucht der Secunden-Dissonanz in die Ruhe und Befriedigung der Terzen-Consonanz (c–e oder c–es) übergegangen, die Dissonanz hat sich aufgelöst.

Consonanzen waren also nur die 4 reinen Intervalle und die großen und kleinen Terzen und Sexten; Dissonanzen die Secunden und Septimen, außerdem aber noch alle aus den reinen großen und kleinen Intervallen durch chromatische Erweiterung und Zusammenziehung entstandenen verminderten und übermäßigen Intervalle. Die Dissonanzen sind also der Zahl nach viel reicher und mannichfaltiger in der Musik, als die Consonanzen. –

Wir wollen noch ganz kurz die allernächsten Verwandtschaftsverhältnisse der Töne und Tonarten betrachten.

Sie wissen, daß einem jeden Musikstück eine Haupttonart zu Grunde liegt, deren Toninhalt in der Tonleiter zusammengefaßt ist. Um diese Haupttonart herum bewegt sich in unmittelbarer oder entfernterer Nähe der Kreis der in verschiedenen Verwandtschaftsgraden zur Haupttonart stehenden Nebentonarten.

Betrachten Sie die Cdur Tonleiter:

c d e⁀f | g a h⁀c

und Sie werden vom 3. zum 4. und vom 7. zum 8. Ton eine kleine Secunde, einen halben Ton, finden. Durch diese Halbtöne theilt sich die Tonleiter in zwei ganz gleiche Hälften (Viertöne, Tetrachorde), deren erste vom Grundton zur Quarte, die zweite von der Quinte zur Octave geht.

Sehen Sie nun den zweiten Vierton g–c als Anfangsstufen, und den ersten Vierton c–g als Schlußstufen zwei neuer Tonleitern an, und führen Sie dieselben auf- und abwärts bis zu ihren Octaven hin:

Die Gartenlaube (1859) b 639 2.jpg

wobei Sie, um auch hier wiederum die richtige Lage der Halbtöne zu gewinnen, den 7. Ton von g, die Septime f in fis, und den 4. Ton von f unten, die Quarte h in b verwandeln müssen: so erhalten Sie die mit der Haupttonart cdur nächstverwandten Nebentonarten, gdur, die Dominanten-, und fdur, die Unterdominanten-Tonart genannt.

So können Sie auf jedem 5. Ton einer Tonleiter eine neue errichten, wobei Sie jedoch stets den 7. Ton erhöhen müssen. Dieser siebente Ton spielt eine sehr wichtige Rolle in der Musik, er heißt der Leiteton, weil er die aufwärtssteigende Tonleiter in ihre Octave zum Abschluß führt. Es darf nur ein halber Ton von der Octave aus sein, weil er nur als große Septime (c–h) entschieden zur Octave hindrängt, als kleine (c–b) dagegen sich abwärts neigt. Alle (durch oder ) erhöheten Töne haben überhaupt die Neigung, ihren Gang aufwärts weiter fortzusetzen, während die erniedrigten Intervalle (durch oder ), ebenso ihrem Wesen entsprechend, sich abwärts neigen.

Wenn wir uns nun zur Besprechung der Melodie wenden, so ist vorauszusenden, daß die 3 Factoren der Musik, Melodie, Harmonie und Rhythmus, getrennt eigentlich gar nicht darstellbar sind – sie treten, strenge genommen, eigentlich niemals vereinzelt wirkend auf, sondern stets mit einander verbunden, wenn auch der eine oder andere von ihnen zeitweilig eine überwiegende Geltung über die andere erlangt, so daß man wohl sagen kann, diese oder jene Stelle sei überwiegend melodisch, oder ihre Wirkung beruhe hauptsächlich auf der Harmonie oder auf der rhythmischen Bewegung, während Harmonie und Melodie weniger ausgeprägt erscheinen.

Sie fehlen darum jedoch keineswegs. So ist, wie wir später sehen werden, eine Melodie ohne gleichzeitige Harmonie gar nicht denkbar, und die Harmonie ist, so lange unsere Musik Kunst ist und über den primitivsten Standpunkt eines bloßen Naturgesanges sich erhoben hat, unbedingt nothwendiges, weil eben in der Natur der Musik begründetes, Kunstmittel geworden. Die Harmonielehre hat sich zu einer selbstständigen Wissenschaft von bedeutendem Inhalt und Umfang und tiefsinnig entwickeltem System entfaltet, trotzdem daß Sulzer die Harmonie für eine überflüssige, Rousseau sogar für eine verwerfliche Beigabe der Musik erklärt, für „eine gothische, barbarische Erfindung, an die wir nie gedacht haben sollten, wenn wir mehr Gefühl für die wahren Schönheiten und für eine wahrhaft natürliche und rührende Musik gehabt hätten.“ Aus solchen Worten spricht genug Unklarheit, um einen schwachen Sinnlichkeitsstandpunkt deutlich erkennen zu lassen.

Eine Melodie ist also ohne eine ihr zu Grunde liegende Harmonie eigentlich gar nicht denkbar, ebensowenig das umgekehrte Verhältniß – richtige und wohlklingende Harmoniefolgen ohne irgend welche Melodie in den einzelnen Stimmen. Beide aber können wiederum niemals ohne eine Bewegung und Gliederung, ohne einen Rhythmus oder ein Metrum gedacht werden. Doch hat auch jeder dieser drei Factoren seine ihm allein eigenen unterscheidbaren Merkmale für sich, so daß man sie erst einzeln betrachten kann.

Melodie im eigentlichen Sinne des Wortes ist eine Reihe nacheinanderfolgender Töne. Betrachten Sie ein mehrstimmiges Musikstück, am besten ein Quartett für Singstimmen, so werden Sie es abwechselnd aus einer, zwei, drei oder vier solcher übereinanderliegender Tonreihen – Melodieen in der allgemeinen Bedeutung des Wortes – bestehend sehen.

Wir können auch gleich einen Schritt weiter gehen und sagen: Melodie ist eine einstimmige Folge von Tönen, deren Hebung und Senkung, beziehentlich zur Höhe und Tiefe ihres Tonumfanges, die Hebung und Senkung einer Gemüthsbewegung zum idealen Inhalt hat.

Also schon die einfache Tonfolge, nur das Steigen und Fallen, die ruhig stufen- oder hastig sprungweise Bewegung ihrer Tonschritte, erscheint als der Reflex einer Gemüthsbewegung. Das stufenweise Aufwärtssteigen einer Tonreihe von der Tiefe zur Höhe ihres Tonumfanges erweckt in uns schon das Bild einer allmählichen Gefühlssteigerung; ebenso umgekehrt das stufenweise Abwärts von der Höhe zur Tiefe die Vorstellung einer nach und nach vor sich gehenden Abspannung und Rückkehr zur Ruhe.

Ein Beispiel dafür dürfen wir nicht gerade weit suchen: Sie alle kennen die Tonleiter, woran sich das eben Gesagte schon nachweisen läßt, soweit es überhaupt nachweisbar ist.

Wenn Sie unsere Tonleiter c d e f g a h c aufwärtssteigen, so werden Sie fühlen, daß die Spannung wächst, je höher Sie kommen. Auf dem 7. Ton (dem Ihnen schon bekannten Leiteton) erreicht diese Spannung den höchsten Grad; würden Sie auf diesem Ton abbrechen oder umkehren wollen, so würde das Resultat davon offenbar Unbefriedigung Ihres Gehöres und Gefühles sein, die sich jedoch löst, sowie Sie die Octave betreten, indem alsdann die Steigerung vom Grundton aus ihr Ziel und einen Ruhemoment in dessen Octave erreicht hat.

Beim aufmerksamen Durchspielen oder Singen der Tonleiter werden auch die beiden Punkte fühlbar werden, welche wir vorhin als die End- und Anfangstöne der beiden mit der Haupttonart nächstverwandten Nebentonarten gefunden hatten. Diese beiden Stationspunkte, die Quarte f und die Quinte g, sind uns schon als Unterdominante und Dominante bekannt. Der Gang und die Steigerung zur Octave wird beim Betreten dieser beiden Stellen in der Tonleiter, besonders auf dem f (als dem Schlußton einer um eine Quarte tiefer liegenden Tonart), etwas gehemmt erscheinen, und nimmt auf dem g, so zu sagen, einen neuen Anlauf, und die Tonleiter zerfällt ganz natürlich, wie melodisch (und später harmonisch), so auch schon rhythmisch in zwei Theile, in denen der Wechsel von Bewegung und Ruhe sich schon deutlich erkennbar zeigt. Wir haben hierdurch schon im Voraus einen Beweis, daß keine Melodie, möge sie noch so einfach sein, ohne irgendwelche rhythmische Gliederung sein kann, und daß ebenso wie der Wechsel von Höhe und Tiefe als Melodie, der Wechsel des Zusammenklanges in der Harmonie, so auch die Mannichfaltigkeit der Bewegung und Ruhe als Rhythmus eine nothwendige Eigenschaft der Musik ist.

[640]
Die Folter in den amerikanischen Staatsgefängnissen.

Wenn man, von Mißhandlungen Gefangener und haarsträubenden Grausamkeiten gegen solche Unglückliche hört, denkt man gewöhnlich an China, an Japan, an Neapel etc., und Keiner wird es für möglich halten, daß im freiesten Lande auf Erden, in den Vereinigten Staaten Amerika’s, Scheußlichkeiten gleicher Art vorkommen könnten. Und doch kommen Dinge dort vor, wie man sie gräßlicher schwerlich anderswo findet.

Untersuchungen haben dargethan, daß in den Vereinigten Staaten die Insassen von Armenhäusern und andern milden Anstalten hungern müssen, daß man Männer und Frauen, Kinder und Greise rücksichtslos zusammensperrt und zwar eine große Anzahl in beschränkten Räumen; ja daß häufig schon arme Blödsinnige in den Häusern, in welchen man sie untergebracht hatte, halb verhungert und endlich erfroren sind.

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Das Sturzbad.

Das Resultat dieser Untersuchungen gab Veranlassung, auch die Staatsgefängnisse einer ernsten Prüfung zu unterwerfen. Dabei kamen fast unglaubliche Thatsachen an das Licht der Oeffentlichkeit. So wurde am 2. December vorigen Jahres in dem Staatsgefängnisse zu Auburn ein Gefangener von Gefängnißbeamten durch kalte Sturzbäder getödtet. Er hieß More und war ein Neger, der sich zu Drohungen gegen die Gefängnißaufseher hatte hinreißen lassen und durch dieselben zur Züchtigung unter das Sturzbad gebracht wurde. Vor diesem fürchtete er sich gewaltig, denn alle Neger scheuen die Kälte fast mehr, als andere Leute das Feuer. Er wußte überdies, daß das Wasser eiskalt sein würde, er bat deshalb flehentlich um Schonung und Erbarmen und als dies nichts half, riß er sich los und entfloh – in die Werkstätte, wo er gewöhnlich arbeitete. Hier wurde er aber sofort wieder ergriffen und dann mit Gewalt unter das Sturzbad gebracht, in dem man alles da vorräthige Wasser, etwa fünf große Fässer voll, trotz seines Jammergeschrei’s über ihn ergoß. Als man ihn endlich losließ, brach er zusammen. Man trug ihn in seine Zelle, und fünf Minuten darauf starb er.

Der Gebrauch des kalten Sturzbades als Zwangsmittel und Folter für widerspenstige Gefangene ist seit 1845 in den amerikanischen Strafanstalten allgemein. In jenem Jahre erhielt nämlich ein Sträfling auf Anordnung des Gefängnißdirectors Peitschenhiebe und er starb unter denselben. Das Publikum, dem der Fall nicht unbekannt bleiben konnte, erhob einen Schrei des zornigsten Unwillens, die Peitschenstrafe mußte in Folge davon abgeschafft werden, und da man ein anderes Zwangs- und Züchtigungsmittel nicht entbehren zu können glaubte, führte man als solches das kalte Sturzbad ein.

Die Anwendung desselben ist in den verschiedenen Gefängnissen verschieden. In einigen erhält der Gefangene dasselbe im Stehen. In andern, wie z. B. in Auburn, wird er auf einen Stuhl so gesetzt, daß er weder die Füße, noch die Arme, noch den Kopf bewegen kann. Macht er dabei den Mund nicht recht fest zu und hält er ihn und die Nase nicht in gewisser Höhe, so strömt ihm das Wasser hinein und er ertrinkt.

Selbstverständlich ist die Anwendung des Sturzbades als Strafe je nach dem Charakter des Opfers und nach der Jahreszeit verschieden. Im Sommer dürfte es für einen Weißen gar kein großes Leid sein, während der Neger, der an die tropische Hitze gewöhnt ist, dasselbe auch da fürchtet. Wenige Weiße aber werden im Stande sein, zehn Minuten lang ein volles Sturzbad im Winter auszuhalten, und daß der oben erwähnte Neger in Folge eines solchen Bades starb, ist darum kein Wunder.

Daß man Zwangsmittel in einer Strafanstalt besitzen muß, versteht sich von selbst, und die Amerikaner haben eine ziemliche Anzahl derselben, neben dem Sturzbade, erdacht und in Anwendung gebracht.

Eines dieser Zwangs- oder vielmehr Foltermittel sind die Kloben und besteht aus einer Anzahl derselben in Verbindung mit Ringen, die man an den beiden Handgelenken und an einem Knöchel des zu Züchtigenden so befestigt, daß, so lange er sich in der Maschine befindet, die ganze Last seines Körpers auf einem Beine ruht. Dabei erregt das Emporziehen der Arme über den Kopf sehr bald die peinlichsten Schmerzen, die bei etwas langer Dauer geradezu unerträglich werden.

Eine andere Foltermethode ist der polnische Bock, der zu bekannt ist, als daß wir ihn hier zu beschreiben nöthig hätten. Der in den Bock Gespannte ist völlig hülflos und kann wie ein Ballen umhergewälzt werden, doch kennt man kein Beispiel, daß üble Folgen aus der Anwendung hervorgegangen sind.

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Die Krone.

Noch eine andere Folter, die man in der großen Anstalt zu Auburn gebraucht, ist die Krone, ein einfacher Helm, der auf dem Kopfe getragen wird, keine Schmerzen verursacht und mehr ein Schandzeichen als ein Folterwerkzeug ist.

Ferner hat man das Joch, eine vier bis fünf Zoll starke und fünf bis sechs lange Eisenstange mit einer Vorrichtung an jedem Ende zum Befestigen der Handgelenke und einer andern in der Mitte zum Umschließen [641] des Halses. Wird Einer in das Joch gespannt, so zieht man die genannten Vorrichtungen so stark an, daß er die Hände und den Hals nicht losmachen kann. Der Schmerz, den es erzeugt, hängt von der Schwere und Lange der Eisenstange, so wie von der Länge der Zeit ab, die er sie tragen muß.

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Der Kloben.  Das Joch.

Von allen diesen Strafmitteln wird das Sturzbad am meisten gefürchtet, das, trotz der traurigen Folgen, welche die Anwendung desselben gar nicht selten gehabt hat, noch immer allgemein in den Gefängnissen der Vereinigten Staaten gebraucht, ja in raffinirter Weise variirt wird. Statt das Wasser in einem Gusse einem Unglücklichen über den Kopf strömen zu lassen, benutzt man bisweilen einen Schlauch, aus dem man mit großer Kraft das eiskalte Wasser dem zu Strafenden mitten in das Gesicht treibt. Eine gewöhnliche Folge davon ist, daß in kurzer Zeit dem Leidenden das Blut aus dem Munde, der Nase und den Ohren fließt.

Alles dies ist in Amerika allgemein bekannt, durch die veröffentlichten Untersuchungsacten sind zahlreiche Fälle an das Licht gekommen, in welchen die Gefolterten entweder das Leben oder den Verstand oder doch die Gesundheit verloren; trotzdem aber schämen die Amerikaner sich nicht, zu behaupten, ihre Zucht- und Armenhäuser, ihre Gefängnisse und all ihre andern ähnlichen Anstalten würden mit einer Humanität geleitet und verwaltet, wie in keinem andern Lande!




Blätter aus einem diätetischen Recept-Taschenbuche.
Diätetische Recepte zur Verhütung und bei Heilung von Krankheiten.


Aber ein Recept könnten Sie mir noch verschreiben, Herr Doctor.“ Dieser Wunsch, der mich verzweifelnd in die Arme meines Großvaterstuhles sinken machte, das war denn das Resultat eines halbstündigen Vortrags, den ich einem sogenannten gebildeten Patienten darüber gehalten hatte, daß sein Uebel nicht durch Arznei, wohl aber durch eine zweckmäßige Lebensweise gehoben werden könne. Und wie gläubig und vertrauensvoll zeigte sich mir dieser hinterlistige kranke Mensch während meines Vortrags! er nickte so zustimmend und beifällig dazu, daß ich ordentlich stolz darauf war, abermals eine kranke Seele dem Arzneiteufel entrissen zu haben. Aber das kommt davon, wenn man zu früh jubelt und die Menschen voreiliger Weise für vernünftig hält (in Bezug auf die Behandlung ihres Körpers und Geistes nämlich).

Wo soll denn aber auch bei unserer jetzigen Menschheit die Vernunft in dieser Beziehung herkommen? Im Hause werden die Kinder von Geburt an durch ihre abergläubischen Eltern und durch die an den Popanz glaubenden Kindermädchen tagtäglich mit Aberglauben aller Art vollgestopft; die Schule, welche durch naturwissenschaftlichen Unterricht wenigstens Etwas von jenem Aberglauben wieder ausrotten könnte und sollte, ist gezwungen, Gottes freimachende Naturgesetze zum größten Theile zu ignoriren; nach den Schuljahren heißt’s beim männlichen Geschlecht? „Geld verdienen“, während das weibliche nichts thut, als sich mit Kunst anhübscht, um einen Mann zu kapern. Von den Heilkünstlern ist aber in Bezug auf Ausrottung medicinischen Aberglaubens ebenfalls kein Heil zu erwarten, da die Kunst der Meisten ja auch nur auf Aberglauben beruht, und durch den Aberglauben der Kranken einträglich wird. Und was nun gar das Receptschreiben betrifft, so werden das unwissenschaftliche Heilkünstler am allerwenigsten abzubringen suchen, da die meisten derselben den größten Theil ihrer Weisheit nur „Recept-Taschenbüchern“ verdanken. Ja, wer dem homöopathischen Aberglauben huldigen und homöopathisch curiren lernen will, hat’s ganz leicht, auch ohne einen Blick in die medizinische Wissenschaft gethan zu haben: der braucht sich nur den homöopathischen Haus- und Familienarzt oder den homöopathischen Arzneischatz und ähnliche homöopathische Curir-Leitfäden anzuschaffen, um Alles, auch die Eifersucht seiner Frau, durch Bilsenkraut (aber wohl in sehr überallopathischer Gabe?) curiren zu können. Und was für eine hübsche Auswahl von Arzneimitteln hat man bei der homöopathischen Heilkünstelei! Hast Du z. B. Zahnschmerzen in Folge von Durchnässung, so kannst Du (nach Dr. Clotar Müller’s Haus- und Familienarzt S. 71–74) Rhus tox., Nux. mosch., Rhod. [642] Borax oder Natr. carb. anwenden; ziehen die Zahnschmerzen in die Augen, dann wähle zwischen Cham., Clem., Puls., Spig., Calc. c.; verschlimmern sie sich durch Geistesarbeiten, dann thut Bellad., Nux vom., Ignagtia gut, während bei Verschlimmerung durch Stochern Pulsatilla hilft; bei Zahnweh während des Stillens sind besonders geeignet: Chi., Calc. Merc., Nux vom., Sep., Sulph., Acon., Bellad., Ars., und so gibt’s für jeden absonderlichen Zufall bei Zahnweh eine Anzahl anderer Hülfsmittel. Manche dieser Arzneien, wie <Bellad., Stram., Schwefel u. a., empfiehlt die Homöopathie (s. Dr. Hirschel’s Arzneischatz S. 72.) gleichzeitig auch gegen Albernheit, fixe Ideen und Verrücktheit. O! daß doch dieses Zeug wirklich Etwas helfen könnte, dann würde ich es allen Homöopathen dringendst anempfehlen.

Um nun aber wieder auf das Receptschreiben zurückzukommen, ohne welches ein Kranker eben so wenig wie ohne Arzneien, Salben oder Pflaster zu gesunden aberglaubt, so will sich, da es nicht anders geht, auch der Verf. in Etwas dem herrschenden Aberglauben der unverständigen Menschheit fügen und den Lesern dieser Aufsätze ebenfalls Recepte verschreiben, aber freilich solche ohne Arzneien, die auch nicht in der gewöhnlichen Büchsen- und Bullen-Apotheke, sondern nur in Gottes Natur-Apotheke gemacht werden können. Die einen dieser diätetischen Recepte sollen vor Krankheiten schützen, die andern die Naturheilung bei Krankheiten unterstützen. Zur richtigen Würdigung dieser Recepte möge der Leser nochmals daran erinnert werden, daß

Krankheiten zu verhüten leichter ist, als sie zu curiren;“ und daß

die Heilung der Krankheiten stets dem Naturheilungsprocesse, nicht aber der ärztlichen Heilmacht zu verdanken ist.

Man glaube doch nur endlich einmal, daß Krankheiten, Seuchen und vorzeitiger Tod nichts als die einfachen und nothwendigen Folgen unserer Lebensverhältnisse, gewöhnlich der mangelhaften Erfüllung unserer Lebensbedürfnisse sind, und daß deshalb bei richtiger Erfüllung dieser Bedürfnisse, sowie bei naturgemäßer Einrichtung unserer Lebensverhältnisse recht leicht Krankheiten zu verhüten sind. Natürlich muß man, um das Erkranken zu verhüten und die Erhaltung und Förderung des Wohlbefindens gehörig unterstützen zu können, die Bedingungen des Gesundseins und Gesundbleibens genau kennen. Man muß sich deshalb, gestützt auf die Kenntniß des Baues und der Thätigkeit unserer Körperorgane, mit den aus der Natur des Menschen hervorgehenden Bedürfnissen und mit dem Einflüsse bekannt machen, welchen ebensowohl die Außenwelt, wie die im menschlichen Organismus selbst auftretenden Thätigkeiten auf sein Befinden äußern. Jeder vernünftige Mensch müßte eigentlich seine Lebensweise nach den Regeln der Gesundheitslehre (die von Gott und Rechts wegen in jeder Erziehungsanstalt gelehrt werden sollte) so einzurichten verstehen, daß sein Organismus vor Schädlichkeiten geschützt bleibt. Wer versteht denn aber seinen Körper richtig zu pflegen? Wenn nur wenigstens die wissenschaftlich gebildeten Heilkünstler in ihrer Stellung als Hausärzte sich mehr der Gesundheit als der Krankheit annehmen wollten, dann würden sicherlich nach und nach bei der großen Menge Gesundheitsregeln mehr Eingang finden, als heilkünstlerischer Hokuspokus.

Was nun aber den Verlauf und die Heilung der Krankheiten betrifft, so ist kein Zweifel darüber, daß einmal entstandene Krankheiten nach ihren ganz bestimmten Gesetzen zum Guten wie zum Schlimmen verlaufen und zwar mit derselben innern Nothwendigkeit, womit sie entstanden sind. Deshalb vermag auch alle menschliche Kunst nur selten etwas Wesentliches daran zu ändern, und es ist eine Unwissenheit und Arroganz sonder Gleichen, wenn sich Heilkünstler brüsten, schweren Kranken oder gar Sterbenwollenden durch eigene Machtvollkommenheit mit Hülfe von Arzneistoffen Gesundheit und Leben wiedergeben zu können. Die medicinische Wissenschaft, von welcher freilich die meisten Heilkünstler nur wenig oder, wie die Homöopathen, gar keine Notiz nehmen, lehrt, daß bei Krankheiten auf keine andere Weise zu nützen und zu heilen ist, als durch weises Befolgen oder Einhalten jener Gesetze, denen der kranke wie der gesunde Körper unterworfen ist. Damit soll übrigens nicht weggeleugnet werden, daß die Heilkunst einige wenige Arzneistoffe besitzt, welche gewisse beschwerliche Krankheits-Erscheinungen, aber ja nicht etwa wirkliche Krankheiten, zu lindern und zu heben im Stande ist. Solche Hülfsmittel besitzt die Homöopathie nicht, und deshalb ist sie eben gar nichts werth.

Ehe wir nun für die Behandlung der einzelnen Organe unseres Körpers im gesunden und kranken Zustande diätetische Regeln in Receptform geben, soll erst einiger Vorschriften im Allgemeinen gedacht werden. Sie sind von Kranken aller Art genau zu beachten. Das oberste aller dieser diätetischen Heilgesetze ist:

1) Das kranke Organ verlangt die größte Schonung. Auf einem bösen Beine muß man nicht herumspringen wollen; den schlechten Magen tractire man nicht mit Gurkensalat und Speckkuchen; bei Heiserkeit der Kehle taugt Singen und Schreien nicht; das kranke Auge meide das grelle Licht; mit einer schwerathmenden Brust eile man nicht Trepp’ und Berg auf und ab u. s. f. Gegen dieses Hauptgesetz werden die meisten Verstöße gemacht, zumal bei der allmählichen Wiedergenesung eines kranken Theiles. Die meisten Kranken können nämlich die völlige Heilung und Kräftigung ihres kranken Organs selten ruhig abwarten und muthen viel zu frühzeitig dem noch im Genesen begriffenen, noch geschwächten Theile seine volle Thätigkeit zu. Die Folgen davon sind, daß neue Erkrankungen leichter eintreten und in unheilbare Entartungen ausarten. Außerdem werden aber auch Krankheiten durch eine schonungslose Behandlung der beteiligten Organe sehr oft bedeutend in die Länge gezogen.

2) Der Kranke beobachte ein gleichmäßiges, ruhiges Verhalten und meide Ungewohntes. Es ist ganz erstaunlich, wie viele Menschen beim Unwohlwerden so gern etwas recht Absonderliches thun möchten und oft auch wirklich thun. Und dabei kommt in der Regel nichts Gutes heraus. Wer sonst gar nicht badete, will in’s Dampfbad; der Eine wünscht unsinnig zu schwitzen, ein Anderer abzuführen oder zu brechen; Mancher strebt seine Krankheit zu verlaufen, Mancher sie zu versaufen. Kurz, was doch eigentlich beim Kranksein am Natürlichsten ist, alle Thätigkeiten des Körpers nämlich im natürlichen, ruhigen und gewohnten Gange zu erhalten und nicht auf irgend eine Weise in dieser oder jener Richtung zu stören, das finden die meisten Kranken unnatürlich. Daher kommt es aber auch, daß eine große Menge von Krankheiten gleich von Haus aus in ihrem sonst gutartigen Verlaufe gestört und zu einem schlimmen Ende geführt werden. Daß wirksame Arzneistoffe gar nicht selten die Ursache eines unglücklichen Verlaufes von Krankheiten sind, davon ist der Verfasser so fest überzeugt, daß an sein Krankenbette nun und nimmermehr ein mittelsüchtiger Arzt kommen dürfte. Es ist sicherlich für jeden Kranken am besten, wenn er gleich anfangs im Zimmer oder Bette bleibt.

3) Dem kranken Körper sind die nöthigen Lebensbedürfnisse in zweckmäßiger Weise zuzuführen. Vor Allem sei die Luft stets (bei Tag und Nacht) rein und (wie überhaupt das Verhalten des Kranken) weder zu warm noch zu kalt, die Nahrung leicht verdaulich und mäßig nahrhaft, das Getränk mild und reizlos. Die Eindrücke auf Gehirn, Sinne und Nerven dürfen keine bedeutenden sein, weshalb alle stärkeren Gemüthsbewegungen, geistige und sinnliche Anstrengungen, grelles Licht, ergreifende Töne und starke Gerüche zu vermeiden sind. Auch auf Reinlichkeit ist zu halten und zwar ebenso am kranken Körper, wie in seiner Umgebung, deshalb sind warme Waschungen oder Bäder und öfteres Wechseln der Wäsche sehr dienlich. Es geschieht zum großen Nachtheile der Kranken zur Zeit noch sehr oft, daß Krankenzimmer nicht gehörig gelüftet werden, daß die Wäsche nur selten gewechselt und der Kranke überhaupt nicht ordentlich gereinigt wird, daß man ihm Nahrung fast ganz entzieht und nur Thee einzwingt. – Aus dem Gesagten geht sonach auch hervor, daß

4) alle schädlichen Einflüsse der Außenwelt vom Kranken möglichst abzuhalten sind, besonders: unreine Luft, Kälte und große Hitze, Zugluft, Feuchtigkeit, Reizmittel aller Art, giftige Substanzen, Gemüthsbewegung etc. Natürlich muß vorzugsweise nach Beseitigung derjenigen äußern Einflüsse getrachtet werden, welche die Krankheit veranlaßt haben und möglicher Weise noch fortwährend unterhalten. Es kommt sehr oft vor, daß langjährige Leiden nach Auffinden und Beseitigen einer bis dahin unbekannt gebliebenen Schädlichkeit in kurzer Zeit von Grund aus gehoben werden, und zu diesem Ausspähen gehört meistens keine große Gelehrsamkeit, nur gesunder Menschenverstand.

Bock.



[643]
Blätter und Blüthen.

Ein Sturm in der Sandwüste.[WS 1] – In den ausgedehnten Ebenen des nordwestlichen Asiens, wo sich weder Baum noch Strauch findet und nur selten eine geringe Erhöhung dem in die unendliche Ferne sich verlierenden Blick einen Ruhepunkt bietet, so wie in den dortigen Sandwüsten werden die Reisenden oft von Stürmen heimgesucht, die, besonders im Herbst und Winter, bisweilen eine so furchtbare Gewalt erlangen, daß sie Menschen und Thiere niederwerfen und sie unaufhaltsam über die Fläche hinschleifen. Noch schlimmer aber, wenn die Betroffenen vom Sturm emporgehoben werden; ihr Loos ist unfehlbar zerschmettert zu werden.

Zum Glück verkünden sich die heftigsten Stürme vorher und lassen den Bewohnern gewöhnlich noch Zeit sich in Sicherheit zu bringen. Dann zeigt sich unter Menschen und Thieren erst eine wachsame Aufmerksamkeit und eine ängstliche Stille, die dann von dem wildesten Treiben und Drängen unterbrochen wird, sobald die Zeichen der hereinbrechenden Naturerscheinung als untrüglich erkannt werden. Aus der Nähe und Ferne eilen die Heerden und die zerstreut weidenden Thiere herbei, legen sich nieder und schließen sich so fest wie möglich zusammen, ohne Unterschied: Kameele und Schafe, Pferde und Rindvieh, so zahlreich sie immer vorhanden. Die Menschen beeilen sich ihre Hütten niederzureißen und die Stäbe, Matten und Hausgeräthe so fest als möglich zusammenzubinden; Andere haben während der Zeit Gruben gegraben, worin sich die Familien verbergen, wenn auf der Oberfläche der Widerstand nicht mehr möglich wird. So vorbereitet, kann man den furchtbaren Druck noch ertragen. Wo aber im rasenden Sturm eine Windsbraut aufwirbelt, da reißt sie ihre Opfer in Masse vom Boden empor und führt sie mit zerbrochenen Gliedern auf ihrer tosenden Säule in die Ferne hinaus.

Im Winter, bei eisiger Kälte und heftigem Schneegestöber, worunter sich die Augen krankhaft schließen, finden sich die zerstreuten Heerden nicht immer zusammen. Manche Hütte wird dann vom Sturme entführt, noch ehe es gelang, dieselbe niederzureißen. Die Menschen in ihren Vertiefungen und Gruben werden vom Schnee bedeckt, worunter sie, von der Kälte betäubt, in einen festen Schlaf versinken, aus welchem sie oft nie wieder erwachen. Doch findet hier in der Regel noch Rettung statt. Aber wen das Unwetter ohne Vorbereitung auf der Sandwüste überkommt, den begräbt es unter schwerem Sande, und der Tod ist die unvermeidliche Folge.

Auf den Ebenen, wo vor Jahrtausenden die Wogen des kaspischen Meeres sich weithin nach Norden erstreckten und die jetzt zum Theil den zahlreichen Heerden der muhamedanischen Hirtenvölker, der Kirgisen, üppige Gras- und Krautweiden bieten, häufte sich an verschiedenen Stellen, durch die Kraft des Sturmes auf den ausgedehnten Flächen, der sandige Meeresgrund so hoch, daß auch ein mildes Klima nicht mehr im Stande ist, diese Düne mit Gras zu bekleiden. Die Kirgisen müssen die Strecken oft durchwandern, um die jenseits derselben liegenden Weideplätze zu erreichen. Während meines Aufenthaltes unter ihnen – schreibt der Verfasser des Tagebuches, dem diese Erzählung entnommen ist – wohnte ich selbst einige Zeit in der Nähe einer solchen Sandfläche in einer aus Lehm und unbehauenen Steinen erbauten Hütte. In der Umgegend befanden sich mehrere Hirtenfamilien, zum Theil in ähnlichen Lehmhäuschen, größtentheils aber unter tragbaren Zelten von rothen künstlich ineinandergefügten Stäben unter baumwollenen Decken. Ich ritt öfters einige Stunden in die Sandwüste hinein und fand ein seltsames Vergnügen daran, mich von den vom Sturme gebildeten wellenförmigen Bergen und Hügeln des zarten Sandes rings umgeben zu sehen, wie von einem Meere, welches im Augenblick der größten Erregung seine Gewalt ruhen läßt und es dem Wanderer erlaubt, einige Zeit trockenen Fußen über seine aufgethürmten Wellen dahinzueilen. Auf dem Sande sah ich oft eine Art Eidechsen mit Blitzesschnelle dahingleiten und vermittelst einer eigenen zitternden Bewegung ihres Körpers in den Sand versinken, um spurlos darunter zu verschwinden. Eines Tages, als ich mich von einem weiteren Ausfluge heimkehrend auf dem Wege nach meiner Wohnung befand, bemerkte ich die Kinder eines meiner Nachbarn, einen Knaben und ein Mädchen, welche im Sande spielten. Der Knabe belustigte sich damit, auf die Eidechsen Jagd zu machen. Wo er wußte, daß sich eine unter dem Sande verborgen hielt, berührte er sie mit einem Stäbchen, welches er in den Sand steckte, worauf das Thier sogleich hervorkam, schnell entfloh, in einiger Entfernung aber immer wieder unter der Oberfläche verschwand. Eines von diesen Thieren, welches der Knabe aufscheuchte, entfloh nicht sogleich, sondern lief der Gefahr entgegen, tauchte in den Sand, um einem dort verborgenen Gefährten, vielleicht seinem Weibchen, ein Zeichen zu geben, worauf dann auch sogleich eine zweite Eidechse hervorkam und nun beide davoneilten. Ich ermahnte die Kinder diese treuen Thierchen nicht ferner zu verfolgen, und setzte den Weg nach meiner Wohnung fort. Hier angekommen, traf ich meine Nachbarn, wie sie in ängstlicher Hast ihre Wohnzelte niederrissen, und erfuhr auf mein Befragen, daß wir einen Sturm zu erwarten hätten, welcher sich nach ihrer Angabe am äußersten Horizonte in einer dunkeln Streifwolke verkündete. Für mein steinernes Häuschen hatte ich nichts zu besorgen. Ich eilte nach dem Zelte, wo die Eltern der Kinder wohnten, welche ich vor etwa einer Stunde in der Sandwüste verlassen hatte. Aber sie befanden sich auf den entfernten Weideplätzen ihrer Heerden, und weil alle Nachbarn mit der Bergung ihrer eigenen Familien und ihrer Habe beschäftigt waren, so ritt ich selbst in die Steppe zurück, um den Kindern zu Hülfe zu kommen.

Die grasbedeckte Ebene hatte ich bald zurückgelegt, allein im Sande konnte ich meinem Pferde keinen raschen Schritt abgewinnen. Doch sah ich die Kinder bald; sie kamen mir weinend entgegen, denn sie hatten die herannahende Gefahr bemerkt und waren im Begriff, ihrer Heimath zuzueilen. Mir schien die Gefahr noch gar nicht so nahe, auch hatte ich nur einen unvollständigen Begriff von der Größe derselben. Ich nahm bis jetzt nur eine beängstigende Schwüle wahr und einen besonderen Druck der Luft von oben herab. Plötzlich aber wurde mein Pferd unruhig und meiner ferneren Leitung ungehorsam; es lief mit mir um einen Sandhügel herum und legte sich hinter demselben nieder. In einer Entfernung von einigen tausend Schritten aber rückte eine wandelnde Mauer von Sand und Schutt, wie sie der tosende Sturm auf seinem Wege durch die Wüste aufgethürmt hatte, in furchtbarer Hast auf mein Versteck heran. Noch fühlte ich nur erst einige leise Rundbewegungen der Luft. Die Kinder waren höchstens hundert Schritte von mir entfernt, allein sie konnten mich nicht mehr erreichen. Ich selbst warf mich neben meinem Pferde zur Erde und wurde bald darauf unter dem furchtbaren Druck des Sturmes mit Sand und Steinen förmlich überschüttet.

Nach einiger Zeit war der erste Windstoß vorüber, mein Pferd schüttelte sich aus dem Sande hervor. Allein der Sturm war noch heftig genug und die Luft dermaßen mit feinem Sande gefüllt, daß das Athmen kaum noch fortzusetzen war. Von den Kindern glaubte ich, sie müßten in meiner Nähe begraben liegen. Ich klopfte meinen Gaul, der auf der Kalmückensteppe in seiner Heimath an ähnliche Erfahrungen gewöhnt schien, auf den Hals, rückte einigemal am Zügel, und das treue Thier erhob sich. Wir drangen, mit dem Sturme kämpfend, vorwärts, um die Kinder in ihrer Noth zu unterstützen. Bei einem Versuche jedoch, die Augen zu öffnen, waren dieselben sogleich mit Sand gefüllt. Ich versuchte also, den durchdringenden Schrei nachzuahmen, den der Sohn der Steppe gellend in die weite Ferne zu schicken versteht, allein der heulende Sturm verschlang den Ton vor meinem Munde, Unter solchem Unwetter könnte auch eine Mutter ihr Kind nicht retten, und wenn es zu ihren Füßen mit dem Tode der Erstickung ränge.

An mein Pferd angeklammert, tappte ich noch eine Weile umher, nachgerade an meiner eigenen Erhaltung verzweifelnd. Da fühlte ich mich plötzlich von den zitternden Händen des Mädchens erfaßt, und als ich mit der Hand umhertastete, fand ich auch den Knaben auf, welcher seine Schwester fest umschlungen hielt. Ich ließ die Zügel meines Pferdes los, hielt mich an dem Riemen des Steigbügels und überließ unser Geschick der Leitung des Thieres, denn ein Mensch ist nicht im Stande, sich aus der sturmerregten Sandwüste herauszuhelfen.

Nach langem Kampfe, von Flugsand und Steinen an Gesicht und Händen zerpeitscht, erreichten wir endlich die grasbewachsenen Ebenen, wo wir etwas freier athmen konnten, und bald darauf meine Wohnung. Die Kinder, welche ich für heute beherbergte, versanken, todesmüde, bald in einen festen Schlaf und unser Erretter, der Kalmückengaul, gab durch ein munteres Wiehern und Nicken mit dem Kopfe sein Selbstbewußtsein zu erkennen, als ich ihn nach seiner Anstrengung so reichlich und kostbar bewirthete, als es meinen Vorräthen nach irgend thunlich war.

Am andern Morgen hatte sich der Sturm etwas gelegt, und die Eltern der beiden Geschwister waren in Todesängsten zurückgekehrt. Ihr Wohnzelt und Hausgeräth hatte ihnen der Sturmwind allerdings entführt, aber sie trösteten sich gern über den Verlust, denn ihre Kinder fanden sie wohlbehalten in meiner Hütte.




Ein rettender Einfall. Ein junger Musiker von Ruf in Paris, Monsieur L., hatte im Winter 1857 nahe Notre Dame de Lorette eine Wohnung für 1200 Francs gemiethet, für die man früher nur 500 gegeben hatte. Dieser exorbitante Miethzins flößte dem Monsieur L. die Hoffnung ein, daß sein Wirth ihn mit Erhöhung desselben verschonen werde. Aber zu seinem nicht geringen Schrecken erschien dieser mit einem jener kleinen gestempelten Papiere in der Hand, die dazu dienen, anzuzeigen, daß der Miether sich nach einer anderen Wohnung umzusehen habe.

„Ich bin gekommen,“ sagte der Hauswirth ohne alle weitere Einleitung, „Ihnen zu sagen, daß ich Ihre Miethe um 300 Francs mit dem nächsten Quartale erhöhe.“

„Aber lieber Herr!“ rief Monsieur L., „ich kann ja kaum die jetzige Miethe aufbringen, wie erst gar noch dreihundert mehr! Sie wissen, ich bin nicht reich; es ist dies mir rein unmöglich.“

„Sehr wohl; in diesem Falle werden Sie ausziehen. Hier ist eine gesetzliche Notiz zu dem Ende, Sie werden so gut sein und mir sogleich den gewöhnlichen legalen Accept geben.“

Bei diesen Worten seufzte der Musiker schwer und schaute den Wirth gar melancholisch an, endlich sagte er klagend: „So sei es denn.“

„Sie möchten nicht gern ziehen, sehe ich, doch Herr! jeder zieht so viel er kann aus seinem Eigenthum,“ bemerkte der Wirth.

„Da haben Sie Recht; aber mein Bedauern mißdeuten Sie. Ich gebe nichts um das Ausziehen; denn ich bin das schon gewöhnt, und in Bezug auf diese Wohnung habe ich gar kein Verlangen, sie zu behalten. Der Rauchfang ist schlecht und die Lage zu geräuschvoll. So wird mir nicht schwer werden, eine andere zu finden, eine bessere und weniger theure. Ihr eigenes Geschick ist es, Monsieur, das mir nahe geht.“

„Wie so?“ fragte der Wirth erstaunt. „Ich sollte meinen, mein Geschick sei eher zu beneiden, als zu bemitleiden.“

„Wie alt sind Sie?“ fragte der Musiker.

„Fünfzig.“

„Und Ihre Gesundheit?“

„Bin sehr damit zufrieden.“

„Leider! wird Sie das wahrscheinlich nicht retten; in weniger denn drei Monaten sind Sie von diesem Moment an ein todter Mann.“

„Wie verstehen Sie das, Monsieur?“ fragte der Wirth, der immer[WS 2] mehr erstaunte. „Wollen Sie mich zum Narren halten?“

„Das Geschick ist es, das, wie Sie sagen, Sie zum Narren hält,“ erwiderte langsam und im trauernden Tone Monsieur L. „Erlauben Sie, daß ich mich näher erkläre. Vor zwei Jahren wohnte ich in der Vorstadt St. Germain. Mein Hauswirth wollte meinen Zins erhöhen, gerade so [644] wie Sie. Ich mochte dem mich nicht fügen; er kündigte, gerade so wie Sie und – nach drei Monaten war er ein todter Mann. Hören Sie weiter. Ich zog aus und wohnte in dem Marais. Doch kaum war ich auch da ein wenig warm geworden, als der Hauswirth ebenfalls die Miethe steigern wollte. Ich weigerte mich und mußte ausziehen. Der Wirth war ein junger gesunder Mann gewesen, aber nach drei Monaten war er – eine Leiche. Er wurde gerade an demselben Tage begraben, da ich sein Haus verließ.“

„Sehr sonderbar!“ murmelte gedankenvoll der Wirth.

„O, ich habe noch mehr zu erzählen,“ fuhr der Musiker fort. „Ehe ich hierher zog, wohnte ich in dem Hause des Monsieur B., den Sie, wie ich glaube, kennen. Er war ein Handelsmann, hatte sich aber zur Ruhe gesetzt.“

„Ja, ja! ich kannte ihn; er starb am letzten März.“

„Richtig, und gerade nach drei Monaten, nachdem er mir gekündigt hatte, weil ich die von ihm erhöhte Miethe nicht bezahlen wollte und konnte. Sie sehen doch wohl ein, daß das ein eigenthümliches Geschick ist. Sind Sie abergläubisch? Ich muß Ihnen gestehen, ich bin es und weiß, daß starke Geister meistens Fatalisten sind. Ich zweifle, sag’ ich Ihnen, keinen Augenblick, Sie sind ein Mann des Todes und das in drei Monaten, wenn Sie fest auf der Erhöhung des Zinses bestehen. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich gern alles thun wollte, was in meinen Kräften steht, um Sie Ihrem bösen Geschicke zu entziehen, allein das liegt außer meiner Macht; es ist mir unmöglich, mehr zu zahlen. Uebrigens werden Sie jedenfalls die Genugthung haben, daß Sie ein schönes Vermögen zurücklassen. Das sind glückliche Bursche, Ihre jungen lustigen Neffen! Und dann, es ist auch möglich, daß nach jenen drei Katastrophen die Fatalität aufgehört hat und nicht mehr meinen Fersen folgt. Es wäre am Ende eine Schwäche von Ihrer Seite, Ihre pecuniäres Interessen chimärischen Einbildungen zu opfern. Ich hielt es jedoch für meine Pflicht, Sie auf die Gefahr aufmerksam zu machen, der Sie sich allerdings aussetzen.“

„Und ich sage Ihnen meinen Dank, daß Sie dies gethan haben,“ erwiderte der Hauswirth, der offenbar mit Unruhe den Worten des Künstlern gefolgt war. „Und damit Sie sehen, daß ich Ihre Offenheit zu schätzen weiß, so sollen Sie in der Wohnung bleiben.“

„Ohne den Zins zu steigern?“

„Gewiß!“

„Wollen Sie den Miethcontract dahin ausstellen?“

„Mit Vergnügen.“

Der Miethcontract ward ohne Erhöhung des Zinses auf drei Jahre festgesetzt und noch dazu dem Miether es freigestellt, nach Verlauf dieser Zeit ihn auf neun Jahre zu verlängern. – Glückliche Imagination das! Sie sicherte dem Künstler eine Wohnung, die im Verhältniß billig war, auf mindestens drei Jahre.




Die Schillerfeier rückt immer näher und bringt – außer den großartigen Anstalten zur würdigen Begehung des hundertjährigen Geburtstages, mit jedem Tage neue Schriften und Kunstwerke. Scherer’s Prachtwerk: Schiller und seine Zeit (nach unserer Ueberzeugung, was die historischen Bilder anlangt, kein Prachtwerk), ist in einer Volksausgabe erschienen, die jedenfalls vielen Beifall finden wird. Johannes Scherer hat Schiller und seine Zeit nicht vom literar-historischen, sondern vom kulturgeschichtlichen Standpunkte aus aufgefaßt, und man muß es ihm lassen, daß er seine Aufgabe mit vieler Liebe und großem Enthusiasmus ergriffen, und bei seinem Talent der Darstellung auch mit Glück gelöst hat. – Für die Schuljugend ließ der Vorstand des sächsischen Pestalozzivereins ein „Leben Schiller’s“ erscheinen, das in verständlicher, einfacher, der Jugend angepaßter Weise die Lebensschicksale unseres großen Dichters erzählt und bei seiner großen Billigkeit in allen Schulen Deutschlands eine weite und allgemeine Verbreitung verdient. – Von Stuttgart aus wird ein bis jetzt unbekanntes Werk Schiller’s: „Geschichte von Württemberg bis zum Jahre 1740“, als nächstens erscheinend angezeigt. Schiller soll diese Geschichte im Auftrag der Herzogin Franziska von Württemberg im Jahre 1778 geschrieben haben, das Manuscript aber nach dem Tode der Herzogin in Privatbesitz übergegangen sein und jetzt endlich zur Veröffentlichung kommen. Jedenfalls ist abzuwarten, ob und wie viel davon unserem Schiller angehört.

Die bevorstehende Feier hat natürlich auch viele Abbildungen unseres nationalsten Dichters hervorgerufen, unter denen wir ein kleines, von dem bekannten Schwerdgeburth gestochenes Portrait, Schiller in seinen alten Jahren vorstellend, hervorheben wollen. Die von der Baumgärtner’schen Buchhandlung in Leipzig herausgegebene Festgabe: Schillerfeier, enthält sehr gut gestochene Portraits von Schiller, Schiller’s Frau, Eltern und Geschwister, Frau von Kalb, Körner, Herzogin Amalie und einige Schillerhäuser. Unter den übrigen, auf Stahl, Kupfer und Stein hergestellten Conterfei’s verdient als besonders interessant ein von Schlick lithographirtes Bildniß bezeichnet zu werden, das den Liebling des deutschen Volkes als 26 jährigen jungen Mann darstellt – so viel wir wissen, das einzige Jugendbild Schiller’s. Die Lithographie ist einem Originalgemälde des Malers Reinhardt entnommen, welches sich in dem Besitze des in Leipzig lebenden Dichters Adolf Böttqer befindet und sehr schön ausgeführt.

E.




Kleiner Briefkasten.

K. C. in E. Bedaure, Ihnen über die Erzählung der „Doppelgänger“ keinen Aufschluß geben zu können, da Herr Gerstäcker versichert, selbst keine Auflösung zu kennen. Falls Sie etwas Näheres erfahren wollen, muß ich Sie bitten, Sich an genannten Herrn zu wenden, der ein viel zu liebenswürdiger Autor ist, als daß er Ihnen nicht antworten sollte.

L. in D. Wir machen Sie auf eine frühere Mittheilung unseres Briefkastens aufmerksam, worin wir alle tüchtigen Künstler ausdrücklich um Einsendung guter Illustrationen ersuchten. Bei der bekannten Richtung der Gartenlaube dürfte eine specielle Angabe, welche Illustration wir bedürfen, überflüssig sein.

N. in G. Auch Ihnen müssen wir die Bitte abschlagen. Wollte die Gartenlaube die Reden und Schilderungen aller Schillerfeste bringen, so würden 52 Doppelnummern kaum ausreichen. Wir überlassen das den täglich erscheinenden Zeitungen.


Im Verlage von Ernst Keil in Leipzig ist soeben erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben:
B. Auerbach s Volkskalender für 1860.
Mit Zeichnungen
von
Kaulbach und Julius Scholtz in Dresden,
Originalbeiträgen
von
B. Auerbach – Dr. K. Andree – Berth. Sigismund – Fr. Gerstäcker,
und einer neuen Sammlung
von
Geschichten des Gevattersmanns.
Preis br. 12½ Ngr.

Inhalt: I. Der Wettpflüger. Mit 21 Bildern nach Zeichnungen von Julius Scholtz in Dresden, in Holz geschnitten von Hugo Bürkner in Dresden. – II. Deutsches Bier in Amerika. Von Karl Andree. – III. Acht Tage in einer Thüringer Waldhütte. Von Berth. Sigismund. – IV. Eine Heimkehr aus der weiten Welt. Von Friedr. Gerstäcker - V. Neue Geschichten des Gevattersmanns. 1.Der hundertjährige Geburtstag des Kalendermanns. – 2. Neue Belehrungsbücher. – 3. Ein Kind unter zwölf Jahren, oder das Halbbillet. – 4. Eine Stunde ein Jude. – 5. Die angenagelte Wohlthätigkeit. – 6. Er ist ein Spion. – 7. Zieh Deinen Stiefel aus. – 8. Die sieben Wahrzeichen eines guten Dorfes. – 9. Hechingen und Florenz. Ein Gespräch. – 10. Gezwungene Wahl. – 11. Wann ist die Zeit. - 12. Eine Feldpredigt aus dem Jahre 1859.


Es ist ein großer Fortschritt, den wir gemacht, daß ein anerkannt berühmter Schriftsteller, wie Auerbach, seine Ehre darin sucht, an Stelle jenes zufälligen Allerlei, welches die Kalenderschriften gewöhnlichen Schlages darbieten, ein Volksbuch im edelsten Sinne des Wortes zu schreiben, um die Herzen zu bilden und die Köpfe zum selbstständigen vernünftigen Denken über tägliche Vorkommnisse im Leben der Gegenwart anzuregen. Auerbach hat einen tief innerlichen Beruf zum Volksschriftsteller in diesem Sinne. Den Ruhm der schöpferischen Kraft, plastische Gebilde voll Lebensfrische und Daseinsfülle vor die Augen zu führen, theilen mit dem Verfasser der „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ nur wenige zeitgenössische Talente, und das ist es was einem so harmlosen Unternehmen, wie die Herausgebe eines Volkskalenders, erhöhete Bedeutung verleiht. Derselbe ist nicht für Oesterreich, nicht für Preußen, oder ein anderes einzelnes deutsches Land bestimmt – er soll dem großen Deutschland, dem gesammten deutschen Volke angehören und das deutscheste Volksbuch sein zur Bildung einer Gemeinsamkeit des deutschen Lebens.

Wir dürfen hoffen, daß er die allgemeine Aufnahme, welcher er sich in den früheren Jahren erfreuete, auch diesmal finden und so die Veredelung und Bildung des deutschen Volkes weiter vermitteln wird, der sich Auerbach aus Liebe für die Nation mit hingebendem Ernste und lauterer deutscher Ehrlichkeit gewidmet hat.


  1. Probe aus dessen binnen Kurzem erscheinenden Gedichten.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Dieser Artikel ist mit fast wörtlich gleichem Inhalt bereits im Jahr 1853 erschienen.
  2. Vorlage: immr