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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1855) 659.jpg
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[659]

No. 50. 1855.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteur Ferdinand Stolle.

Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Die schöne Kathi.
Novelle von August Schrader.
(Fortsetzung)


„Ich werde Ihre Bücher überwachen, Vater, überwachen Sie den Niklas.“

Der Apotheker reichte dem Advokaten die Hand.

„Ihnen, Ferenz, vertraue ich Alles an, meine Bücher, meine einzige Tochter. Der Frieden steht in naher Aussicht, und mit ihm Ihre Verheirathung.“

„Ich werde Ihr Zutrauen zu rechtfertigen wissen,“ sagte gerührt der junge Mann. „Ich fühle, daß ich Kenntnisse und Kraft besitze, eine gute Karriere zu machen, und wem steht ein glänzenderer Weg offen, als einem Rechtsgelehrten?“

Herr Czabo blieb von Neuem stehen, und sah seinen künftigen Schwiegersohn mit großen Augen an.

„Wie,“ rief er erstaunt, „wollen Sie vielleicht einen ähnlichen Weg einschlagen, wie jener Mann, der nichts geringeres beabsichtigte, als durch eine Revolution sich zum Könige von Ungarn zu machen? Ferenz, nehmen Sie sich sein Schicksal zur Warnung, jetzt irrt er als Vertriebener durch die Länder – o mein Gott, was für Unglück hat dieser Mensch angerichtet! Gott sei Dank, daß der Herr Generalfeldzeugmeister Herr im Lande geblieben ist und die Rebellen verjagt hat. Ich hoffe, er wird sie noch alle erwischen, damit jeder Kern zur Empörung ausgerottet wird. Wenn er nur so glücklich wäre, die Gräfin Andrasy, dieses übermüthige Weibsbild, dahin zu bringen, wohin sie gehört.“

„Die Nürnberger henken keinen, sie hätten ihn denn zuvor!“ sagte lächelnd der Advokat.

„Allerdings, das weiß ich auch!“ rief eifrig Herr Czabo. „Sie entschlüpft ihm aus der Hand, wie ein Aal, aber nur Geduld, wenn sie es jemals wagen sollte, nach Semlin zu kommen, so sollen ihre Abenteuer bald zu Ende sein. Selbst Niklas ist in jeder Beziehung stets meiner Meinung, und um der Ordnung zu dienen, sind wir zu Allem fähig. Jetzt vorzüglich muß ich doppelten Eifer beweisen – –“

„Jetzt, warum jetzt?“ fragte der Advokat.

„Weil ich heute bei der neuerrichteten Schutzwache unserer Stadt zum Commandanten erwählt bin.“

„Ah, ich gratulire, mein bester Herr Czabo!“

„Danke,“ antwortete stolz der Apotheker. „Morgen ist die erste Parade, bei der ich im vollen Glanze erscheinen werde – ich habe heute noch so viel zu besorgen, daß ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht.“

„Ihre Bücher werde ich nach Tische berichtigen, machen Sie sich deshalb keine Sorge – was das Hauswesen anbetrifft, so wird Netti und Kathi – –“

„Apropos, Kathi - nun ja, sie ist ein hübsches Mädchen, eine flinke Arbeiterin, aber eine schlechte Köchin. Ich werde indeß Nachsicht mit ihr haben. Aus dem Mädchen läßt sich noch etwas machen. Bis auf das Kochen entspricht sie den Empfehlungen ihres Vetters Lajos. Da fällt mir etwas ein!“

„Nun?“ fragte gespannt der Advokat, der eine wichtige Neuigkeit erwartete.

„Dieser Lajos hat sich vollständig geändert, daß ich mich über den alten Mann recht innig gefreut habe.“

„Was Sie sagen?“

„Gewiß! Deshalb habe ich ihm auch erlaubt, daß er hinter meinem Garten fischen kann. So oft er einen Hecht oder einen schlanken Aal erwischt, bringt er ihn mir. Ach, ich wußte es, daß alle diese Leute ihre Verirrung einsehen würden. Doch nun zu Tische, mein Freund – vorher aber will ich in der Küche noch einmal nachsehen, ob Kathi keine Dummheiten begangen hat.“

Die beiden Männer stiegen die Treppe hinab, und traten in das Wohnzimmer, wo Netti beschäftigt war, den Tisch zu decken.

Die Tochter des Apothekers war ein schönes, blühendes Mädchen von einundzwanzig Jahren. Ihre Gestalt war schlank, nicht üppig, aber edel geformt. Ihr dunkelbraunes Haar hing in zwei langen Flechten über den Rücken herab, während es über der weißen Stirn sich in einem schlichten Scheitel theilte. Das große blaue Auge, von dunkeln Brauen bedeckt, strahlte freundliche, milde Blicke und verrieth einen nicht gewöhnlichen Grad von Intelligenz. Ihre Wangen, die bei jeder Bewegung der frischen Lippen niedliche Grübchen zeigten, waren von einer feinen Röthe gefärbt, die zu dem weißen Teint des zarten ovalen Gesichts einen lieblichen Kontrast bildeten. Ein einfaches, dunkelblaues Kleid umschloß die schlanke Taille der Braut des jungen Advokaten.

„Netti,“ sagte Ferenz zärtlich, indem er ihre Hand ergriff und sie an seine Lippen zog, „es kostet heute Mühe, Sie zu sehen.“

„Sie haben Recht, lieber Ferenz,“ antwortete sie mit ihrer weichen, wohlklingenden Stimme, „mein guter Vater hat heute so viel Geschäfte, daß ich ihm ein wenig helfen muß.“

„Netti,“ rief Herr Czabo im Tone des Vorwurfs, „Du läßt Kathi allein in der Küche, die von der edeln Kochkunst so wenig versteht - Du hast ihr doch gesagt, daß der Braten – –“

[660] Netti trat zu dem Vater und ergriff seine Hand, als ob sie seinen aufkeimenden Unwillen rasch besänftigen wollte.

„Gewiß, lieber Vater,“ sagte sie bittend, „Kathi ist noch unerfahren und an unsere Küche noch nicht gewöhnt – haben Sie ein wenig Nachsicht mit ihr – bitte, mein guter Vater! Es ist nicht ihre Schuld, sie ist nicht einen Augenblick aus der Küche gekommen.“

„Wie,“ rief aufbrausend der Apotheker, „ist etwas mit dem Braten vorgefallen?“

„Wenn ich nicht darauf geachtet hätte – er wollte anbrennen.“

„O, mein Gott, wie ist doch ein armer Wittwer zu beklagen! Den Braten läßt man anbrennen, bei dem ich meine Ernennung zum Commandanten der Schutzwache feiern wollte! Nein, das ist unverzeihlich! Ich werde auf der Stelle – –“

„Vater,“ sagte Netti schluchzend, indem sie ihn bei der Hand zurückhielt. „Vater, wollen Sie mir etwas versprechen?“

Obgleich Czabo ein grimmiges Gesicht machte, so war es nun doch nicht so um’s Herz, wie es den Anschein hatte, er erkünstelte den Zorn, um eine schickliche Gelegenheit zu finden, der schmucken Köchin einen Besuch in der Küche abzustatten.

„Was soll ich versprechen?“ fragte er heftig.

„Daß Sie der armen Kathi nicht zürnen.“

„Nicht zürnen? Soll ich denn Alles so ruhig hingehen lassen?“

„Sie ist so ängstlich, daß sie kaum noch weiß, was sie thut.“

„Aengstlich, weshalb?“

„Vor Ihrem Unwillen.“

Der Apotheker sah seine Tochter einen Augenblick an. Er schien sich zu beruhigen.

„Gut,“ sagte er, „ich will sie diesmal mit der Strafpredigt verschonen, aber damit sie achtsamer und diensteifriger werde, muß ich ihr einen gelinden Verweis zukommen lassen.“

„Es wird nicht wieder geschehen.“

„Das hoffe ich! Du scheinst die Kathi gern zu haben?“ fragte er lächelnd.

„Sie ist wirklich ein gutes Mädchen, die unserer Wirthschaft noch eine tüchtige Stütze werden kann. Einem solchen Gemüthe muß man mit Milde begegnen.“

„Nun gut, ich werde Deinem Rath folgen; Kathi soll sehen, daß sie einen milden Herrn hat. Und Du sagtst, daß sie meinen Zorn fürchtet?“

„Ja.“

„So will ich sie beruhigen, damit sie nicht noch größeres Unheil in der Küche anrichtet. Decke den Tisch, Netti, und unterhalte unsern Ferenz, bis ich zurückkomme. Ihr habt doch wohl längst darauf gewartet, einige Augenblicke allein zu sein.“

Herr Czabo schob die Brille von der Stirn auf die Nase herab, und verließ lächelnd das Zimmer. Er schlug den Weg nach seiner Küche ein.

Als Netti sich nach ihrem Bräutigam umsah, saß er nachdenkend in einer Ecke des Sopha’s; er schien von der Unterhaltung zwischen Vater und Tochter nichts gehört zu haben.

Sie trat zu ihm, und legte sanft ihre kleine Alabasterhand auf seine Stirn.

„Woran denken Sie, Ferenz?“

Der Advokat erwachte aus seinem Sinnen.

„Verzeihung, Netti, ich dachte an Sie, an unser Glück!“

„Oder vielmehr an das, was Sie so oft beschäftigt, an Ihre Verse – habe ich Recht?“ fragte sie mit einem reizenden Lächeln.

„Netti!“ rief Ferenz, indem er ihre Hand küßte.

„Es soll kein Vorwurf sein, lieber Ferenz,“ fuhr sie mit einer reizenden Anmuth fort, „ich denke nicht daran, mich zu beklagen. Sie besitzen Geist und Talent, und Ihre schönen Verse haben mich oft erfreut – vernachlässigen Sie die edle Dichtkunst nicht, doch denken Sie dabei auch an Ihre Netti.“

Ferenz zog das reizende Mädchen sanft zu sich hernieder.

„Immer, immer, meine geliebte Braut!“ rief er aus, indem er seinen Arm um ihre biegsame Taille schlang und einen Kuß auf ihre reine weiße Stirn drückte.

„Ferenz,“ flüsterte sie erröthend, „ich werde stolz und glücklich sein, Ihre Frau zu heißen!“

„Und ich werde der seligste der Menschen sein, wenn ich mich Ihren Gatten nennen darf!“

Nun begann ein Liebesgeplauder, über dem den glücklichen jungen Leuten eine halbe Stunde verfloß, ohne daß sie es merkten. Der calculirende Herr Czabo hatte darauf gerechnet, er wußte, daß er in der Küche vor Ueberraschung gesichert war. Nachdem er noch einmal flüchtig durch die Glasthür gesehen, um sich zu überzeugen, daß Niklas in der Apotheke war, schlich er zu der Küche, die dem Wohnzimmer gegenüber lag und ein Fenster nach der Straße hinaus hatte.



III.
Aschenbrödel.

Der Apotheker schien etwas mehr zu beabsichtigen, als die neue Köchin wegen des angebrannten Bratens beruhigen zu wollen. Leise öffnete er die Thür, aus der ihm ein Dunst entgegenkam, der das erste Zeugniß von Kathi’s Versehen ablegte. Herr Czabo rümpfte die Nase, aber er schwieg.

Kathi stand am Herde und fachte mit einem Blasebalge das Feuer an, daß es laut knisterte. In den Töpfen, die auf dem Herde standen, rauschte und zischte es, als ob Wasser mit siedendem Oele gemengt sei. Die fleißige Köchin merkte den Eintritt ihres Herrn nicht sogleich. Herr Czabo blieb ruhig in der halbgeöffneten Thür stehen, und beobachtete das junge Mädchen mit einem unverkennbaren Wohlgefallen.

„Kathi,“ sagte er nach einer Minute, „wie steht es mit dem Mittagessen?“

Kathi erschrak; aber als sie Herrn Czabo sah, hing sie ruhig den Blasebalg an einen Nagel in der weißen Wand.

„Es kann angerichtet werden!“ antwortete sie in einem Tone, der umsonst den leichten Schrecken zu verbergen suchte.

Herr Czabo sah durch seine Brille auf die hübsche Köchin, als ob er ein Recept lesen wollte. Dabei holte er eine kleine silberne Dose aus der Tasche, und sog eine Prise ein, um die Augen klarer zu machen. Herr Czabo war kein leidenschaftlicher Schnupfer, aber er hielt den Taback für die Augen gut.

Die Köchin trug heute ein schwarzes Kamisol, das nachlässig den schönen Oberkörper einschloß. Ein rothes baumwollenes Tuch schlang sich um den Hals und bedeckte nur theilweise die Schulter, die wie Schnee aus dem schwarzen Mieder leuchtete. Das feine Gesicht, ein wenig von Ruß geschwärzt, war heute von der Hitze des Herdes geröthet. Das rebellische Rabenhaar hatte die weiße Mütze verschoben, es hing wirr über den Nacken und über die Stirn herab. Die kurzen Aermel des Mieders lagen so fest um den runden Arm, daß sie bei jeder Bewegung zu zerspringen drohten. Weiße Strümpfe und schwarze Schuhe bekleideten zwei Füßchen, die an Zierlichkeit und Elasticität denen einer Tänzerin zu vergleichen waren. Die Köchin bot in dieser Verfassung ein so reizendes Bild, daß man sich über Herrn Czabo nicht wundern konnte, wenn er in dem Beschauen desselben seinen angebrannten Braten vergaß. Kathi war eine zweite Aschenbrödel, die unter dem russigen Küchengewande eine seltene Schönheit verbarg. Der Umstand, daß sie sich ihrer Schönheit nicht einmal bewußt zu sein schien, erhöhte den Reiz derselben.

Herr Czabo war in eine Verfassung gerathen, daß es ihm schwer ward, das angefangene Gespräch fortzusetzen. Er trommelte mit den Fingern auf seiner Dose, als ob er Fassung und Gedanken heraustrommeln wollte. Er war der Herr vom Hause, folglich mußte er zuerst das Wort ergreifen.

„Kathi,“ begann er in einem Tone, der von dem eines Herrn himmelweit verschieden war, „weißt Du auch, daß heute ein wichtiger Tag für mich ist?

Die Köchin schob einen Topf vom Feuer zurück, dessen sprudelnder Inhalt den Rand zu übersteigen drohete. Das dadurch verursachte Geräusch hatte sie verhindert, die freundlichen Worte des Alten zu verstehen. Sie wandte ihr glühendes Gesicht von dem Herde ab, und fragte im Dialekte der Landleute jener Gegend:

„Was befehlen Sie, Herr?“

Herr Czabo trommelte stärker auf seiner Dose. Es war ein Glück, daß er denselben Gedanken noch einmal aussprechen konnte, denn es wäre ihm in diesem Augenblicke unmöglich gewesen, einen neuen zu finden. Fast lallend wiederholte er seine Frage.

„Nein, Herr Czabo!“ antwortete Kathi, indem sie sich mit der weißen Küchenschürze die schweißbedeckte Stirn trocknete.

[661] „Es hat sich eine Schutzwache in unserer Stadt gebildet, um den flüchtigen Rebellen entgegenzutreten, die jetzt häufig Semlin passiren, die nahe türkische Grenze zu erreichen. Mich hat man zum Commandanten derselben ernannt.“

Kathi’s Händen entsank der Zipfel der Schürze; sie sah schweigend den Commandanten an.

„Wundert Dich das?“ fragte lächelnd Herr Czabo.

„Nein!“

„Und doch scheint es so?“

„Ich freue mich, daß der junge Kaiser in Semlin so treue Unterthanen hat.“

„Wahrhaftig? So sind wir von gleicher politischer Farbe. Gefällt es Dir in meinem Hause?“ fragte der Apotheker, indem er die Dose öffnete und mit zwei Fingern ein wenig von dem duftenden Taback daraus hervornahm.

„Gewiß, Herr Czabo! Sie sind sehr freundlich, und Ihre Tochter ist die Güte selbst. Was kann eine arme Dienstmagd von ihrer Herrschaft mehr verlangen?“

Das ganze Gesicht des Apothekers lächelte; als ob er auf der Stelle einen schlagenden Beweis von seiner Freundlichkeit geben wollte, hielt er der Köchin die offene Dose hin, und fragte:

„Ein Prischen?“

„Danke, Herr Czabo, ich schnupfe nicht!“

Diese Worte sagte Kathi mit zitternder Stimme, als ob sie die besondere Aufmerksamkeit des Herrn Commandanten der Schutzwache erschreckt hätte. Dieser sah dem jungen Mädchen scharf, aber freundlich in das Auge. Kathi wich betroffen einen Schritt zurück, dann bückte sie sich, um ein Stück Holz unter dem Herde hervorzuholen. Das Halstuch verschob sich bei dieser Bewegung, und Herr Czabo sah einen wie aus Elfenbein geformten Nacken. Die Köchin beschäftigte sich mit dem Feuer.

„Wie befangen sie ist!“ dachte der Apotheker. „Vetter Lajos hatte Recht, ein solches bescheidenes Veilchen muß man sorgfältig wahren, damit es die Sonne nicht zu zeitig welkt. Eine arme Dienstmagd, sagtest Du?“ fragte er nach einer kleinen Pause. „Ich meine, Du besitzest genug, um nicht für arm zu gelten,“ fügte er muthiger hinzu.

Kathi wandte sich wieder zu ihrem Herrn, dann sagte sie mit bewegter Stimme:

„Ich bin so arm, lieber Herr, daß ich es kaum zu sagen vermag!“

Der Commandant ward von Mitleiden ergriffen, sein Lächeln verschwand und sein Blick ward ernst.

Das junge Mädchen erschrak von Neuem.

„Fürchtest Du Dich vor mir, Kathi?“

„Der Braten, Herr!“ sagte sie rasch, indem sie sich wieder zu dem Herde wandte und die Deckel der Töpfe öffnete, um nach den Speisen zu sehen.

„Sie fürchtet meinen Zorn wegen des angebrannten Bratens,“ dachte Herr Czabo lächelnd, „es ist Zeit, daß ich das arme Kind beruhige. Kathi!“ rief er laut.

„Herr Czabo?“ antwortete sie, ohne sich umzusehen.

„Sieh’ mich an, ich meine es gut mit Dir!“

Bei diesen Worten ergriff er den Arm des jungen Mädchens, so daß sie ihn ansehen mußte. Des Apothekers Gesicht schwamm in einem Meere von Freundlichkeit.

„Kathi, sei offen, ängstigt Dich etwas?“

„Nein, nein!“ flüsterte sie.

„Und doch glaube ich es zu errathen.“

„Sie, Herr Czabo?“

„Dein Vetter Lajos ist ein alter Bekannter –“

„Lajos, war er bei Ihnen?“

„Ich meine nur, er kann es mir sagen -“

„Das glaube ich nicht,“ antwortete Kathi mit einem schmerzlichen Lächeln, wobei sich die beiden Reihen ihrer wunderbar schönen Zähne zwischen den rothen Lippen zeigten.

„Und wenn er es mir schon halb und halb gesagt hätte?“

Aus Kathi’s Augen blitzte ein seltsamer Strahl, und ihr Kopf hob sich hoch empor.

„Lajos?“ rief sie wie verletzt. „Unmöglich!“

Der Commandant der Schutzwehr wunderte sich einen Augenblick über den Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden.

„Es steckt etwas dahinter,“ dachte er; „vielleicht hat der lange Niklas Glück gehabt, ich muß es um jeden Preis zu erforschen suchen. Bestätigt sich mein Argwohn, so jage ich den Unverschämten aus dem Hause.“

Mit Mühe legte er sein Gesicht wieder in die Falten der Freundlichkeit.

„Ei, mein Kinde sagte er mit einem feinen Lächeln, „fürchtest Du, daß Dein Geheimniß verrathen werde?“

„Herr, ich habe keine Geheimnisse!“ antwortete Kathi unschuldig.

„Du liebst, nicht wahr?“

Kathi schlug die Augen auf ihre weiße Küchenschürze; ihre kleinen berußten Hände spielten verlegen mit dem Zipfel derselben.

„Unglücklich?“ fuhr Herr Czabo fort.

Die Köchin antwortete nicht, aber ihr Gesicht blieb ruhig.

In Herrn Czabo regte sich ein Gefühl, das der Eifersucht nicht unähnlich war.

„Nun, habe ich Recht?“ fragte er kleinlaut.

„Sie haben Recht, Herr Czabo!“ flüsterte Kathi, indem sie zu ihren kleinen Füßen hinabsah.

„Und wer ist denn dieser glückliche Mann?“

„Das kann ich nicht sagen.“

„So muß ich ihn wohl errathen?“

„Das ist eine Unmöglichkeit!“ antwortete sie mit einem reizenden Lächeln der Verlegenheit.

Herr Czabo lauschte einen Augenblick nach der Küchenthür; als er bemerkte, daß die Hausflur völlig ruhig war, fragte er:

„Ist er jung?“

„Nicht so alt als ich!“ flüsterte Kathi.

Der Commandant stutzte; er dachte an Niklas, der kaum neunzehn Jahre alt war, und Lajos hatte ihm gesagt, daß seine Nichte zweiundzwanzig zähle. Er glaubte auf der Spur zu sein.

„Ist er reich?“ fragte er, denn er hatte die Absicht, die Armuth und Abhängigkeit seines Gehülfen zu schildern.

„Sehr reich!“ antwortete die Köchin.

Der Apotheker stutzte zum zweiten Male. Niklas konnte es also nicht sein. Er beschloß, seinen Plan zu ändern.

„Lebt er in Semlin, Kathi?“ fragte er, und der Verdacht stieg in ihm auf die Köchin sei deshalb in seine Dienste getreten, um den Geliebten in der Nähe zu haben.

„Nein, Herr!“

„Ah, ich errathe - er ist Soldat!“

„Ein Soldat von hohem Range,“ antwortete Kathi.

„Das dachte ich mir,“ rief Herr Czabo.

„Was?“ fragte sie verwundert.

„Er diente im Heere der Rebellen, wo die Waghälse leicht Obristen, selbst Generale wurden! Ah, mit dem hohen Range ist es aus, mein Kind. Die Herren Obristen und Generale laufen ohne Regimenter durch das Land, wenn sie nicht erhängt oder erschossen sind. Also daher kommt Deine Traurigkeit? Mein Kind, mit einem Rebellen mußt Du es nicht halten, alle diese Leute haben keinen guten Charakter. Ein anderes Städtchen, ein anderes Mädchen! Man kennt das. Wer weiß, mit welcher Person Dein Angebeteter jetzt liebäugelt, wenn er mit heiler Haut davon gekommen ist.“

„Sie irren, Herr Czabo, er ist kein Rebell, er ist im Gegentheil –“

„Nun, so sage es endlich, wer er ist,“ rief der ungeduldige Apotheker.

Kathi zögerte einen Augenblick, dann flüsterte sie ganz leise:

„Der junge General von S....!“

Der Commandant glaubte seinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Starr sah er die Köchin an.

„Wer? Wer?“ fragte er endlich gedehnt.

Die schöne Kathi verhüllte ihr Gesicht mit der Schürze, als ob sie sich schämte, die Verwegenheit ihrer Neigung bekannt zu haben.

„Der General!“ fragte Herr Czabo noch einmal.

Sie nickte mit dem Kopfe.

„Mädchen, bist Du toll?“

„Ach ja, das habe ich mir schon oft gesagt!“ flüsterte sie.

„Kathi, Du lieferst den Beweis, daß Du ein loyales Mädchen bist – das ist mir lieb. Du sollst in meinem Hause bleiben, so lange es Dir gefällt.“

„Ich danke, Herr Czabo.“

„Hier, nimm,“ fügte er hinzu, indem er eine Börse aus seiner [662] Tasche zog – es ist Dein halbjähriger Lohn im Voraus – kaufe Dir Kleider oder was Du sonst gebrauchst, ich habe es gern, wenn meine Domestiken nett gekleidet gehen.“

Ohne zu zögern, nahm Kathi die Börse an; sie machte einen Knix, und verbarg sie in der Tasche ihrer Schürze. Diese Bereitwilligkeit machte den verliebten Apotheker so kühn, daß er die Wange der Köchin streichelte. Fast wäre er in laute Bewunderung ausgebrochen über die Zartheit der weichen Haut.

„Kathi," murmelte er zärtlich, „wenn ich meine Sorge für Dicht etwas mehr ausdehne, als ich es sonst für meine Mägde gethan, so bedenke, daß ich Wittwer bin und Niemandem Rechenschaft von meinen Handlungen schulde. Hörst Du, Kathi? Vergiß nicht, daß ich Wittwer bin!“

„Herr Czabo!“ rief in diesem Augenblicke eine tiefe Baßstimme.

Die Köchin sprang erschreckt zu dem Herde. Der Gerufene wandte sich nach der Küchenthür. Da stand der lange Niklas mit aufgerissenem Munde auf der Schwelle.

„Was giebt’s?“ fragte der Hausherr in einem strengen Tone. „Warum ziehst Du nicht die Glocke, wenn ich in der Apotheke nöthig bin?“

„Herr Czabo, hören Sie denn Nichts?“ fragte der Gehülfe, dessen Blicke unablässig auf Kathi ruhten.

Alle lauschten. Ein Marsch von Trommeln ließ sich in der Entfernung vernehmen.

„Sehen Sie nur die Straße hinunter!“ sagte Niklas. Der Apotheker trat zu dem

Der Apotheker trat zu dem Fenster. Ein Wald von Bajonnetten blitzte in der Sonne. Der Marsch kam immer näher, und bald hörte man den festen, taktmäßigen Schritt der Soldaten. Ein Regiment österreichischer Infanterie marschirte an dem Hause des Apothekers vorüher.

„Kaiserliche Soldaten!“ rief Herr Czabo, indem er das Fenster öffnete.

In diesem Augenblicke begann die Regimentsmusik einen rauschenden Marsch. Die Töne drangen hell durch das geöffnete Fenster in die Küche. Herr Czabo war so entzückt von dem kriegerischen Schauspiele, daß er die schöne Köchin darüber vergaß.

„Gott sei Dank,“ rief er aus, „daß wir endlich wieder Soldaten in unsern Mauern haben, nun kann man sich doch ruhig zu Bette legen und ruhig wieder aufstehen! Es lebe der Kaiser!“

Kathi theilte die Begeisterung ihres Herrn nicht; der Anblick der Soldaten schien einen tiefen Eindruck auf sie ausgeübt zu haben. Unbeweglich stand sie an der Seite des Fensters und sah mit schmerzlichen Blicken die sonngebräunten und bestäubten Krieger vorüberziehen. Die Musik verhallte und der letzte Mann des Regiments verschwand. Man hörte nur noch das Geräusch der nachziehenden Volksmenge.

„Zu Tische!“ sagte Herr Czabo. „Kathi, trage die Speisen auf.“

Eine Viertelstunde später saßen Herr Czabo, Netti und Ferenz in dem freundlichen Wohnzimmer bei Tische. Niklas speiste in dem kleinen Kabinette neben der Apotheke.

Kathi saß in der Küche auf einer Bank und hielt sinnend den Kopf in der Hand. Die Speisen, die ihr Netti reichlich zugetheilt, blieben unberührt.



IV.
Die Einquartirung.

Es war drei Uhr Nachmittags.

Ferenz ordnete in seinem Zimmer die Rechnungsbücher und Herr Czabo befand sich in dem Verkaufslocale, weil um diese Zeit Niklas, der Gehülfe, die Geschäfte in dem Laboratorium zu besorgen pflegte. Netti saß in dem Wohnzimmer und arbeitete an einer Stickerei. Von Zeit zu Zeit sah sie durch das Fenster nach der Straße hinaus, in der Soldaten mit Zetteln in der Hand auf- und abgingen. Die müden Krieger suchten sich die ihnen angewiesenen Quartiere.

Um diese Zeit schlich Niklas aus dem Laboratorium über die Hausflur nach der Küche. Er steckte seinen Kopf durch die halbgeöffnete Thür. Die Küche war still und leer, aber der Eingangsthür gegenüber stand eine andere offen, die zu der Kammer der Magd führte, und in dieser Kammer stand Kathi vor einem Spiegel; sie war beschäftigt, ein buntes Tuch turbanartig uzm ihren Kopf zu schlingen. Dabei hob sie natürlich die vollen runden Arme empor, die von einem weißen Hemde zur Hälfte bedeckt waren, und Niklas sah die runde elastische Taille der schönen Kathi in ihrer ganzen Vollendung. Der arme Mensch stieß bei diesem Anblicke unwillkürlich einen tiefen Seufzer aus.

Kathi fuhr erschreckt vom Spiegel zurück, ließ die Arme sinken und sah nach der Thür. Der lange Niklas trat in die Küche, um sich so vortheilhaft als möglich zu zeigen, hatte er unter seinem grauen Arbeitsfracke weiße Wäsche angelegt und ein schwarzes seidenes Tuch um den hagern Hals geschlungen. Verlegen lächelnd stammelte er einige unverständliche Worte, die, wie es schien, einen Gruß bedeuten sollten.

Die Köchin hatte die zarten Gefühle des langen Apothekers seit einiger Zeit schon mit Schrecken bemerkt, denn Niklas hatte sie bei jeder Gelegenheit kundgegeben. Sie bedauerte ihn, deshalb sah sie ihn freundlich an und fragte in einem sanften, fast bewegten Tone:

„Was meinen Sie, lieber Herr Niklas?“

Die freundlichen Worte hatten dem schüchternen Muth eingeflößt.

„Was ich meine?“ fragte er laut. Und dabei verschlang er das reizende Gesicht Kathi’s, die nach Tische ihre einfache Toilette gemacht hatte, mit den Blicken.

„Nun ja.“

„Soll ich es Ihnen offen bekennen, liebe Kathi?“

„Wenn Sie anders gekommen sind, mit mir zu reden, so ist dies das beste Mittel, rasch zum Ziele zu gelangen.“

Als ob die Verzweiflung seinen Muth noch erhöhte, holte er tief Athem, und murmelte in der tiefsten Tiefe seines Basses:

„Ich meine, daß ich nicht mehr weiß, was ich meine, noch was ich thue. Ich unterscheide die Büchsen in der Apotheke nicht, lege verkehrte Gewichte in die Wage und gebe doppelte Dosen statt einfacher. Darüber macht mir Herr Czabo die bittersten Vorwürfe, und ich kann doch Nichts dafür. Vorhin stieß ich Senf in dem Laboratorium, da habe ich mit der schweren Keule beinahe meine eigene Hand zerschlagen. So kann das nicht mehr gehen, Jungfer Kathi, ich muß Abschied von Ihnen nehmen.“

Niklas ließ den Kopf sinken und trocknete mit der grünen Schürze seine Stirn, als ob ihm dieses Geständniß blutsauer geworden wäre.

„Mein Gott, Herr Niklas,“ sagte Kathi verwundert, „Sie wollen das Haus des Herrn Czabo verlassen, der es stets so gut mit Ihnen meint, und dessen einziger Gehülfe Sie sind?“

„Glauben Sie denn, daß ein Apotheker kein Herz im Leibe hat?“ schluchzte Niklas in wahren Bärentönen. „Im Gegentheil, dieses Organ des menschlichen Körpers ist bei ihm sehr gefühlvoll – bei Herrn Czabo nicht minder als bei mir. Herr Czabo ist funfzig Jahre alt – er hat schon eine Frau gehabt – er hat eine große Tochter – aber er ist Apotheker!“

Niklas konnte keine Worte mehr finden; er ergriff abermals seine Schürze und trocknete sich die schweißtriefende Stirn.

„Was ist Ihnen?“ fragte Kathi theilnehmend. „Sind Sie krank?“

„Nein, ich stampfte vorhin Senf in dem Laboratorium, und dieses beißende Gewürz ist mir in die Nase gefahren – das ist Alles – nun ist die Wirkung vorüber.“

„Das freut mich, lieber Herr Niklas,“ sagte Kathi, indem sie das Porzellan in dem Küchenschranke zu ordnen begann.

„Darf ich fortfahren, Jungfer Kathi?“ fragte der Apothekergehülfe nach einer Pause.

„Wenn Sie mir noch etwas zu sagen haben, so legen Sie sich keinen Zwang an.“

„Herr Czabo hat Ihnen die Backen gestreichelt, Kathi!“

„Wie?“

„O, ich habe es wohl gesehen. Kathi, trauen Sie dem alten Fuchs nicht. Die alte Katharina, seine vorige Haushälterin, hat er auch heirathen wollen – die arme Person ist darüber blind geworden.“

Kathis stellte sich, als ob sie diese Verleumdung nicht gehört hätte, sie fuhr ruhig in ihrer Arbeit fort.

„Ich muß wissen, woran ich bin,“ sagte Niklas leise, „und soll ich alle Minen springen lassen.“

(Fortsetzung folgt.)
[663]
Der König von Sardinien und seine Bersaglieri’s.
Die Gartenlaube (1855) b 663.jpg

Die Bersaglieri’s

Der König von Sardinien war in Paris und in London, wenn dieses Bild erscheint, haben die meisten Zeitungen pflichtmäßig jeden Tag erzählt, wie sie ihn honorieren und setirten, und als „den Dritten im Bunde“ hochleben ließen. Wenn’s Glück gut ist, geht der Schwedenkönig demselben Schicksale entgegen - wenigßens halten’s die Engländer bereits für eine ausgemachte Sache, daß Schweden im nächsten Frühjahre den „Dreibund" activ vermehren und daraus ein Glück bringendes „vierblätteriges Kleeblatt“ bilden werde.

Victor Emanuel, König von Sardinien, Piemont und Savoyen, geboren am 14. März 1820, ist, den Jahren, der Gestalt und seinem gewaltigen Schnurr- und Kinnbarte nach, in der kräftigsten jungen Mannesblüthe, eine athletische, gedrungene, energische Gestalt, aber doch schon etwas sichtlich von den ungewöhnlichen Krisen [664] und Sorgen seiner kurzen Regierung und häuslichen Trauer angegriffen. Er verlor bekanntlich vor Kurzem seine junge schöne Frau, seine Mutter und seinen Vater in kurzer Zeit hinter einander.

Die französische Revolution von 1848 brachte Sardinien am Schärfsten in Conflict mit den conservativen und reactionären Elementen seines Staates und anderer Mächte einerseits, und andererseits mit der Demokratie und dem leidenschaftlichen Republikanismus Italiens. Wir können hier nicht von des jetzigen Königs Vater, Karl Albert, seinem tragischen Kampfe gegen Oesterreich und die Republikaner zugleich, von seinem Untergange, seiner Thronentsagung (März 1949) und seinem Tode in tiefster Zurückgezogenheit (Juli 1850), nicht von der merkwürdigen sardinischen Geschichte dieser Zeit sprechen, und erwähnen hier nur, daß der jetzige König sofort nach seines Vaters Entsagung das schöne Beispiel eines Sieges der liberalen Elemente vom Throne herab gab, daß er mit großer Energie, Kraft und Ausdauer sein Staatsschiff glücklich und heldenmüthig zwischen der Scylla des Absolutismus und der Charybdis des Republikanismus hindurch steuerte, und es ihm gelang, seinem Lande und Volke eine neue Lebensfrische aus den revolutionären Bewegungen zu retten und zu sichern. Namentlich charakterisirt sich Sardinien ganz im Gegensatze zu allen anderen italienischen Staaten. Letztere interessiren nur durch ihre Vergangenheit, durch die Grabmale ihrer ehemaligen Herrlichkeit, Sardinien durch sein Leben, sein Werden, seine industrielle, mercantile, wissenschaftliche und literarische Entwickelung. Es ist im ganzen Süden Europa’s das einzige Land mit Preßfreiheit, mit öffentlicher Freiheit, mit Reformen, mit Freude an der Gegenwart, mit Hoffnungen für die Zukunft. Auch sind die Sardinier durchweg keine Italiener, sondern ein eigener, robuster, militärisch-disponirter Menschenschlag, als deren Typus und Ideal der König gelten soll. Der alte savoy’sche Theil der Bevölkerung hängt außerdem mit besonderer Liebe an dem regierenden Königshause, von dem er seit sechs Jahrhunderten ununterbrochen größtentheils nobel, ritterlich und anständig regiert ward. Viele Ahnen des Königs tragen edele historische Namen als tapfere Ritter in Turnieren und Kriegshelden aus den Zeiten der Kreuzzüge bis zu „Prinz Eugene, dem edeln Ritter.“

In Paris und London hat man dem jetzigen Könige wohl keine Zeit zu ritterlichen Thaten gelassen, wenn nicht gegen Gebratenes, Gesottenes, Geschmortes und Gepfropftes. Dagegen hat sein Heer in der Krim, an dessen Spitze er einst mit vieler persönlicher Tapferkeit selbst kämpfte, Gelegenheit genung, sich in den sogenannten ritterlichen Künsten zu üben. Es ist nicht unsere Absicht und liegt durchaus nicht in der Tendenz der Gartenlaube, die Apotheose eines Kriegsheers zu schreiben, wir wollen lediglich, nachdem wir aus dem französischen Heere die Zuaven, aus dem russischen die Kosaken, aus dem türkischen die Baschi-Boschuks als besonders interessante Truppentheile der im Orient kämpfenden Heere vorgeführt, auch der sardinischen Armee gerecht werden, die in den „Bersaglieri’s“ eine eben so gefürchtete Truppe besitzt, wie die Franzosen in den Zuaven.

In dem 15,000 Mann starken Kontingente, mit dem sich Sardinien den Alliirten in der Krim angeschlossen hat, nehmen diese Bersaglieri (Scharfschützen) sowohl ihrer Ausbildung nach, als in Bezug auf ihre Ausrüstung und Bewaffnung die hervorragendste Stellung ein. Wie überhaupt unter allen italienischen Staaten Sardinien die kriegerisch tüchtigsten Truppen besitzt, so unermüdlich sorgte es in der Vermehrung seiner Militärausbildungsanstalten und in der Beschickung erfahrener Generalstabsoffiziere nach Paris, Berlin und Wien dafür, aus dem vorhandenen Guten Vorzügliches herauszubilden und den Fortschritten in der Kriegswissenschaft zu folgen. Einem ausgezeichneten Krieger, dem General Alessandro Evasio Ferrero della Marmora, dem Bruder des Oberbefehlshabers Alfonso della Marmora, verdankt Sardinien die Schöpfung der Elitetruppe der Bersaglieri. Mit dem Plane, ein in jeder Beziehung ausgewähltes Corps zu bilden, bereiste er im Jahre 1835 Frankreich, England, Belgien und Preußen, um sowohl die Organisation der leichten Truppen, als auch die neueren Erfindungen in der Gewehrfabrikation kennen zu lernen. Nach seiner Zurückkunft legte er dem König Karl Albert ein Projekt zur Organisirung des Bersagliericorps vor, und es gelang ihm nach vielen Schwierigkeiten, die Bildung zweier Compagnien durchzusetzen, die mit einer von ihm erfundenen Büchse bewaffnet wurden und zu deren Chef er im Jahre 1836 ernannt wurde. Unter den Opfern, die die Cholera in der Krim zu Tausenden gefordert hat, beklagt Sardinien auch den General Alessandro della Marmora, der kurz nach seiner Ausschiffung daselbst starb.

Schon in dem Werke des österreichischen Generals Schönhals über die italienischen Feldzüge werden die Bersaglieri als in jeder Hinsicht ebenbürtige Gegner der österreichischen Jäger bezeichnet. Besonders Savoyarden und die muthigen, gewandten und abgehärteten Söhne der Hochalpen sind in den Bersaglieri stark vertreten. In den Kriegen mit Oesterreich stellte sich der wesentliche Nutzen der nach dem Muster der französischen Chasseurs de Vincennes weiter ausgebildeten Truppe überzeugend heraus, so daß ihre Vermehrung als unabweisbar erschien. Gegenwärtig bestehen sie aus 10 Bataillonen, jedes Bataillon zu 4 Feld- und einer Depôtcompagnie. Die Stärke einer Compagnie ist nach dem jetzigen Etat auf dem Kriegsfuße 93 Combattanten, so daß ohne die zurückbleibenden Depôtcompagnien die Bersaglieri in einer Stärke von 3720 Mann, die auf vollem Kriegsfuß auf 4000 Mann erhöht wird, im Felde stehen und dabei noch ein hinreichendes Depôt zurücklassen. Ihre Bewaffnung ist gegenwärtig die kurze, leichte Delvigne’sche Büchse, die sie mnit ungemeiner Sicherheit zu handhaben wissen, wie sie im Allgemeinen und hinsichtlich der Gewandtheit und Kühnheit der einzelnen Leute Alles besitzen, was man von den besten derartigen Truppen nur erwarten kann. Sie sind gleich den Zuaven und den Chasseurs der Franzosen die gefährlichsten Gegner der Russen, und ihre Kugeln zählen zu den unfehlbaren.

Wir geben hier unsern Lesern ein treues Bild dieser verwegenen Bergsöhne und ihrer sehr zweckmäßigen und malerischen Uniformirung, die ganz entsprechend für den leichten Tirailleurdienst in Berg und Wald berechnet ist.




Die Säugethiere Deutschlands in früherer Schöpfungsperiode.
Von C. Giebel.
(Schluß.)


Aehnliche Prototypen wie sie uns in den Paläotherien und Anoplotherien begegneten, treffen wir vor der Existenz des Pferdes als des Repräsentanten der Familie der Einhufer in der mitteltertiären Epoche in Deutschland. Aus den Schichten des mainzer Beckens erhielt Kaup die Gebeine dieses Urpferdes, das er Hippotherium nennt. Alle bekannten Pferdearten haben an jedem Fuße nur eine Zehe, einen Huf, und neben dem einfachen Mittelhand- und Mittelfußknochen liegt unter der Haut versteckt noch jederseits ein dünner sogenannter Griffelknochen, der als Rest der verkümmerten äußern und innern Zehe zu betrachten ist. Der eine dieser Griffelknochen trägt bei dem tertiären Hippotherium eine wirkliche Zehe mit Hufe, eine Afterklaue, die aber den Boden beim Gehen nicht berührte, sondern frei neben dem großen Hufe hervorragte. An der Seite dieser Afterklaue findet sich dann noch ein besonderer Griffelknochen als Rudiment einer vierten Zehe. Uebrigens glich das Hippotherium einem sehr zierlich und schlank gebaueten Pferde, und zeichnete sich nur noch durch die zahlreichen feinen Fältelungen der Schmelzfalten seiner Backenzähne aus. Der Unterschied von Einhufer, Spalthufer und Vielhufer, der in der gegenwärtigen Schöpfung so scharf ausgeprägt ist, die schroffe Aneinanderreihung des heutigen Tapir, Elephant, Nashorn, Flußpferd, der Wiederkäuer und Einhufer findet sich in der tertiären Zeit der Schöpfung nicht: Paläotherien, Anoplotherien, Hippotherien, Mastodonten, Chöropotamen und Hirsche waren damals viel näher verwandte Gestalten als ihre Nachfolger in der diluvialen und gegenwärtigen Schöpfung.

Wir wenden uns von den großen Pflanzenfressern zu den gefährlichen Raubthieren, deren Existenz ganz von jenen abhängig [665] ist. Mit der Lichtung unserer Wälder, mit der Kultur unserer Felder verloren Luchs, Wolf und Bär ihre Schlupfwinkel und ihre Beutethiere, nur die kleineren Räuber: Marder und Wiesel, Fischotter und Dachs, Fuchs und Wildkatze lassen sich nicht aus ihren Verstecken verjagen, so sehr ihnen auch bis heute noch nachgestellt wird, denn ihre Existenz ist nicht an große Thiere gebunden, die der Mensch verdrängt oder unter seine besondere Obhut genommen, sie begnügen sich mit kleinem Wild, an dem kein Mangel ist.

Unser brauner Bär hatte bereits in der Diluvialepoche seinen Vertreter, dem jedoch der riesige Höhlenbär keinen freien Spielraum ließ. Der Höhlenbär war ein in ganz Deutschland sehr gemeines Raubthier, von der Größe und Stärke unserer stattlichsten Eisbären, aber noch gefräßiger, besonders begierig nach nahrhaften Knochen und was zunächst drum und dran hing. Seine Gebeine finden sich fast in allen unsern Knochenhöhlen, hier und da auch im offenen Diluvialboden, von den jüngsten Individuen an, deren Zähne noch in den Alveolen stecken, durch alle Alter bis zu den ältesten, welche ihre Zähnekronen bis auf den Alveolarrand abgenutzt haben. Ja man findet mit diesen Resten noch die angenagten Knochen, die dem Höhlenbär zur Nahrung dienten. Stark genug war er, um den Kampf mit jedem Landbewohner aufzunehmen, wir wissen aber nicht, ob er das Mammut und Rhinoceros wirklich aus Beutelust und im Vollgefühl seiner Kraft angriff.

Bevor die Bären überhaupt auf der Erdoberfläche erschienen, in der mittlern Tertiärepoche vertrat ihre Stelle und die der Hunde wieder ein Prototypus, wie wir solche schon unter den Hufthieren kennen lernten, nämlich wahre Bärenhunde, Raubthiere von der Größe der Bären, von deren plumpem und kräftigen Bau, ebenfalls Sohlengänger, aber mit entschiedenem Hundegebiß, d. h. mit sehr entwickeltem Fleischzahn, der bei den Bären als Omnivoren völlig verkümmert ist, und mit großen ächten Mahlzähnen. Letztere sind größer als bei den Hunden, auch ihrer drei statt zwei, und daraus schließen wir mit der größten Sicherheit, daß die urweltlichen Bärenhunde ein sanfteres, minder raubgieriges Naturell hatten als unsere wilden Hunde (Wolf, Schakal, Fuchs). Deutschland nährte indeß nicht viele Bärenhunde, ihr eigentliches Vaterland war Frankreich, von wo aus sie vielleicht nur Streifzüge in das mittlere und südliche Deutschland unternahmen. Ihre Ueberreste wurden bei Mainz und Ulm entdeckt.

Aus der Marderfamilie haben wir jetzt Marder, Wiesel, Fischotter und Dachs, alle lebten in Deutschland schon zur Diluvialzeit, in Gestalt und Bildungsverhältnissen, wie es scheint, gar nicht von den heutigen unterschieden. Zu ihnen gesellte sich aber damals noch ein Bewohner des europäischen Nordens, nämlich der Vielfraß. In verschiedenen Höhlen Deutschlands sind die Schädel und Gebeine dieses Höhlenvielfraßes gefunden worden und ihre Vergleichung mit der lebenden Art weist nur sehr geringfügige osteologische Differenzen nach, so daß wir der vorweltlichen ganz dieselbe Lebensweise, Naturell und äußere Erscheinung zuschreiben müssen. In ihm und dem Höhlenbären haben wir also im diluvialen Deutschland just dieselbe Vertretung der heutigen nordischen Raubthierfauna, wie wir sie bei den Pflanzenfressern beobachteten. Die Erscheinung ist keine isolirte, und berechtigt natürlich zu ganz demselben Schluß auf das vormalige Klima als die damaligen Repräsentanten der heutigen Tropen. Alle Welt meint, weil einst Mammute, Nashörner und Hyänen in Deutschland lebten, müsse zu selbiger Zeit auch ein mildes, tropisches Klima in unserem Vaterlande geherrscht haben. Aber die gleichzeitigen Bisamstiere, Rennthiere, Eisbären und Vielfraße verlangten ja zu ihrer Existenz ein kaltes eisiges Klima. Wie hoch wird nun das Quecksilber an der Reaumur’schen Skala gestanden haben können, auf + 20° oder – 10°? Wir meinen dagegen, daß uns die diluvialen Säugethiere Europa’s gar keinen sicheren Schluß auf das damalige Klima gestatten, sie waren specifisch andere Säugethiere als die heutigen Tropen- und Polarbewohner, können also auch sehr wohl unter andern Klimaten gelebt haben wie noch heute z. B. der hohe Norden und der warme Süden seine ganz eigenthümlichen Hirscharten hat. Und sollen wir dieser gemeinschaftlichen Heimath des Polar- und Tropenbewohners ein beiden gleich erträgliches Klima bereiten, so könnte das füglich doch kein anderes als das gemäßigte sein, und dieses herrschte, unsern tiefer eingehenden Untersuchungen zufolge, wirklich bereits während der Diluvialepoche in Deutschland.

Aus dem Hundegeschlechte treffen wir bei uns neben Mammut und Höhlenbär schon den Wolf, Fuchs und Haushund, letzteren freilich nicht als Wächter des Hauses, als treuen, ergebenen Diener und aufrichtigen Freund des Menschen, denn weder Häuser noch Menschen existirten in jener Zeit; wahrscheinlich lebte er nach Art des schlauen, verschmitzten Reinecke, doch nicht in Erdlöchern, sondern aus freiem Felde; an Hasen und Hühnern zum Jagen, an Ratten und Mäusen war ja kein Mangel. Reinecke’s schlaues Wesen datirt schon aus einer frühern Epoche, der tertiären, wo er mit stärkeren Pfoten und dickeren Zähnen begabt war und wohl kaum nöthig hatte, die Ränke, die ihn heute beschäftigen, auszusinnen. Der diluviale Isegrimm besaß – sein Zahn- und Skeletbau spricht dafür - jedenfalls größern Muth und Kraft als sein lungernder Nachkömmling, den nur die Noth zum Angriff des überlegenen Feindes treibt.

Die größten und gefährlichsten Raubthiere, Löwe, Tiger, Panther, Hyänen sind aus Deutschland und aus Europa verbannt. Bevor aber der Mensch den Erdboden beherrschte, bewegten auch sie sich freier, übten ihre Mordlust und sättigten ihre Gier an den zahlreichen und großen Pflanzenfressern selbst in dem friedlichen Deutschland. Die Hyänen bewohnen gegenwärtig Afrika und zwar die größere gefleckte das Kap, die kleinere gestreifte die nordöstlichen Länder. Sie sind weder Hunde, noch Katzen, sondern in Naturell und Gestalt wahre Zerrbilder derselben, die Katzen imponiren durch ihre schöne Gestalt und ihren entschiedenen Charakter, die Hunde durch ihr sanfteres Wesen, ihre großen geistigen Anlagen, ihre Treue, die Hyänen sind widerwärtig und häßlich, weil sie neben ihrer Gefräßigkeit und Feigheit keinen edlen Charakterzug aufzuweisen haben, und ihrer Gestalt das harmonische Ebenmaß der Hunde und Katzen fehlt. Diese Bestien waren einst in Deutschland gemein, gemeiner als alle andern Raubthiere. Die Höhlenhyäne der Diluvialzeit ist zwar etwas robuster gebaut, als die am Kap lebende, aber ihr Naturell war gewiß dasselbe. Es gab kleine Pflanzenfresser in genügender Menge, die sie ohne Gefahr für ihre eigene Existenz angreifen konnte, vielleicht überließen ihr auch Meister Petz und der bluldürstige Tiger den Abfall ihrer Beute. Den bengalischen Tiger übertrifft an Größe, Kraft, Blutgier und Mordlust kein Raubthier der heutigen Schöpfung, und mit eben diesen Auszeichnungen beherrschte er einst Deutschland. Man pflegt den diluvialen Tiger gewöhnlich Höhlenlöwe (Felis spelaea) zu nennen, aber sein Knochenbau, und weiter kennen wir ja von ihm nichts, gleicht in allen Einzelnheiten dem lebenden Tiger und nicht dem Löwen. Wäre auch er so häufig gewesen, wie die gefräßige Hyäne, der Wolf und Höhlenbär, so hätten sie den Pflanzenfressern gewiß das Garaus gemacht. Aber der Natur liegt die Existenz eines jeden ihrer Geschöpfe in gleichem Grade am Herzen, darum setzte sie der Vermehrung des Tigers in der Diluvialzeit ziemlich enge Grenzen. Wir finden dessen Gebeine nur sehr vereinzelt neben denen der eben genannten Raubthiere. Ebenso spärlich kommen die Ueberreste seiner Zeitgenossen von Luchs- und Leopardengröße vor, von denen noch nicht einmal ermittelt werden konnte, ob sie von einem ächten Luchs und Leoparden oder von andern gleich großen Katzenarten abstammen. Voraus ging diesen Arten eine tigergroße Katze in der mitteltertiären Epoche, die sich durch viel dickere, stärkere Zähne von dem heutigen Tiger unterschied, wahrscheinlich also weniger blutgierig und mordlustig und jedenfalls gefräßiger war. Sie lebte gemeinschaftlich mit Arten von der Größe des Jaguars und Panthers. Die Ueberreste, welche das mainzer Becken lieferte, sind leider so sehr fragmentarisch, daß die nähere Verwandtschaft dieser Arten darnach nicht festgestellt werden kann. Eine vierte Art der Tertiärepoche endlich steht ganz isolirt da. Sie hatte Panthergröße und ganz ungeheuer große, scharf messerförmige Eckzähne, eine fürchterliche Waffe, wie solche kein anderes vorweltliches und lebendes Raubthier aufzuweisen hat.

Unter den übrigen Säugethieren des vorweltlichen Deutschland treffen wir minder auffallende Gestalten als die erwähnten. Den vierzehn lebenden Fledermausarten haben wir nur sehr spärliche Ueberreste aus tertiären und diluvialen Gebilden entgegenzustellen, die eben nur die Existenz dieser Familie bei uns darthun, über die Organisation selbst aber noch keinen befriedigenden Aufschluß gaben. Ganz dasselbe gilt von dem Maulwurf, der Spitzmaus und dem Igel, welche früher, wie noch gegenwärtig die Familie der insektenfressenden Raubthiere repräsentiren. Von der jetzt in Deutschland überreich vertretenen Gruppe der Nagethiere lebten während der Diluvialepoche schon Eichhörnchen, Murmelthiere (nunmehr [666] in die Alpen zurückgedrängt) Ziesel, Biber, Wasserratten, gewöhnliche Ratten und Mäuse, Hasen und Kaninchen, während der tertiären Periode nur Pfeifhasen, die heute uns fehlen, Biber und Ziesel. Ihre zarten Gebeine entziehen sich den minder sachkundigen Blicken und wir dürfen daher hoffen, daß spätere sorgfältige Nachforschungen uns noch zahlreichere Arten dieser kleinen Thiere bringen werden. Es ist gar kein Grund vorhanden zu der Annahme, daß bei der überraschenden Mannigfaltigkeit der großen Raubthiere und Pflanzenfresseer die kleinen und sehr kleinen damals von der schöpferischen Kraft der Natur vernachlässigt sein sollten. Alle Bedingnisse ihrer Existenz waren ja während der tertiären und diluvialen Zeit ganz eben so wie heute vorhanden.

Die Vertheilung der Gewässer und ihr Verhältniß zu dem Festlande wechselte in den verschiedenen Schöpfungsepochen und wir finden daher auch innerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes Meeresbewohner, welche heute nur an den nördlichen Küsten und weit entfernt im Ocean leben. Mit Sicherheit kennen wir bereits Ueberreste von Seehunden und Delphinen und von Seekühen. Unter letzteren fesselt das merkwürdige Dinotherium des mainzer Tertiärbeckens die Aufmerksamkeit. Der allein bekannte kolossale Schädel desselben mißt über drei Fuß Länge und zwei Fuß Breite. Sein Bau ist eigenthümlich, im Wesentlichen aber für den Aufenthalt des Thieres im Wasser eingerichtet. Die Backzähne gleichen so sehr denen des Tapirs, daß sie, einzeln gefunden, sehr leicht verwechselt werden können. Ganz eigenthümlich biegt sich die Spitze des Unterkiefers, wie bei keinem andern Säugethiere abwärts und zwei gewaltige Stoßzähne ragen abwärts gerichtet aus derselben hervor. Das Dinotherium war ein Pflanzenfresser und bediente sich dieser enormen, eigenthümlich gestellten Stoßzähne wahrscheinlich nur zum Festhalten, wenn es das Wasser verließ, um sich am Ufer zu sonnen, ähnlich, wie sich das Wallroß mit seinen langen Stoßzähnen im Oberkiefer am Eise festhält. Die Körperlänge des Dinotheriums mag etwa zwanzig Fuß betragen haben. Eine andere tertiäre Seekuh in Deutschlands Gewässern war dem lebenden Dugong sehr verwandt und besaß flußpferdähnliche Backenzähne.

Nach dieser Aufzählung war Deutschland also in frühern Schöpfungsepochen von einer viel mannigfaltigeren Säugethierfauna bevölkert, als gegenwärtig. Wir finden die heutigen Gestalten vereint mit zahlreichen Vertretern aller Zonen und aller Welttheile, vereint mit Gestalten, welche der gegenwärtigen Schöpfung ganz fremd sind. Diese Fremdartigkeit war in der ältern Zeit eine allgemeine, denn neben Paläotherien, Anoplotherien, Hippotherien, Mastodonten, Dinotherien und Bärenhunden sahen wir nur einzelne heutige Gattungstypen, wie den Tapir, das Nashorn, Hirsche und Katzen. In der Diluvialepoche, der letzten, welche der gegenwärtigen Ordnung der Dinge vorausging, lebten meist Arten von Gattungen der Jetztwelt, die Zahl der eigenthümlichen tritt auffallend zurück, und es erscheinen im Gegentheil mehre Arten, welche von jetzt lebenden sich gar nicht unterscheiden lassen.




Ueber Frauenbestimmung.[1]
Von Prof. Biedermann.
V.
Der Erziehungsberuf der Frauen.

Kehren wir aus diesen weiteren Kreisen der Wissenschaft und des Lebens, wo die Frau gleichsam nur wie ein Gast vereinzelt bisweilen einspricht, zurück zu jener engsten und eigentlichsten Sphäre weiblicher Beruftsthätigkeit, in die stillen Räume des Hauses, so finden wir hier noch ein Feld der Wirksamkeit für die Frauen erschlossen, dessen liebevolle, sorgsame und dann gewiß auch erfolgreiche Bebauung das ächte Weib für die Entbehrung aller weitergreifenden Lebensrichtungen vollkommen entschädigt, ja, in den meisten Fällen gar nicht an solche denken lassen wird. Es ist dies der Beruf der Erziehung, der körperlichen, geistigen und sittlichen Ausbildung des nachwachsenden Geschlechts. Die Wirksamkeit der Frauen auf diesem Felde kann schon in ihrer jetzigen Ausdehnung eine unendlich fruchtbare und lohnende sein, wenn sie die ihr gesteckte Aufgabe ganz erfüllt; sie ist aber auch noch mannigfacher Erweiterung und Entwickelung fähig. Wie viel, wie unberechenbar viel vermag schon eine wohlgeleitete körperliche Pflege des Kindes von seinen ersten Lebensstunden an bis dahin, wo dasselbe der Fürsorge des Aelternhauses entwachsen ist, für dessen ganzes künftiges Lebensglück, für sein körperliches Wohlsein, für sein gemüthliches Behagen, für die kräftige Ausbildung seiner Geistesanlagen und somit für seine einstige Stellung und Wirksamkeit in der Welt auszurichten! Und diese Pflege ist, der Natur der Sache nach, vorzugsweise, ja beinahe ausschließlich den Händen der Frauen anvertraut, ihrer verständigen Sorgfalt überantwortet. Was die geistige Bildung der Kinder anbetrifft, so kann die Frau, wenn sie guten Willen, Eifer und eigene Vorbildung genug dazu mitbringt, einen wichtigen und weitreichenden Antheil daran haben. Ihr fällt naturgemäß der ganze erste Unterricht des Kindes zu, der mehr zufällig als planmäßig, mehr anregend als festhaltend, mehr in die Breite als in die Tiefe gehend sich verhält. Hier ist die leichte Beweglichkeit des Frauengeistes, ihre feine und sinnige Beobachtungsgabe für das Nächste und Unmittelbarste, ihr praktischer Sinn und ihre Ordnungsliebe recht am Platze. Im fortwährenden Umgange mit dem Kinde, welches sich in diesem früheren Alter vorzugsweise gern und mit Vertrauen an die Mutter oder ein anderes weibliches Wesen anschließt, kann die gebildete Frau beiläufig, mitten unter anderen Geschäften, dem kindlichen Geiste eine Menge für ihn passender und fruchtbarer Vorstellungen beibringen, kann ihn zum eignen Denken und Beobachten anleiten. Sie braucht dazu kaum etwas Anderes, als die von Natur rege Wißbegier des Kindes recht zu befriedigen und zu leiten, auf seine nie ermüdenden Fragen ebenso unermüdlich, aber auf die rechte Weise, zu antworten, nicht zu viel und nicht zu wenig, vor Allem so, daß das Kind ganz verstehe, was ihm gesagt wird, und daß ihm nichts gesagt werde, was es durch eignes Nachdenken und Sichbesinnen herausbringen kann.

Auch für die Anfänge eines planmäßigen wissenschaftlichen Unterrichts dürften die Frauen, bei genügender eigner Vorbildung, wohl geschickt sein, und gewiß wäre es als ein wichtiger Fortschritt zu begrüßen, wenn ein Theil dieses Unterrichts auf solche Weise aus der öffentlichen Schule in das Haus, dem er jetzt allzu sehr entfremdet ist, zurück verlegt werden könnte. In Nordamerika sollen die Mütter den Unterricht, nicht blos der Töchter, sondern auch der Söhne, und zwar selbst in manchen streng wissenschaftlichen Fächern, in Mathematik und Naturkunde, bis zu einem gewissen Punkte mit glücklichem Erfolge übernehmen. Bei uns hat man wenigstens angefangen, den Frauen einen Theil von dem, was ihnen gebührt, zurückzugeben und die Uebertragung des Unterrichts der weiblichen Jugend an weibliche Lehrerinnen in größerem Umfange als bisher anzubahnen. In England ist dies bereits in umfänglicherem Maße geschehen, und eine wohlthätige Folge davon scheint die vertraute Bekanntschaft mit den Erscheinungen und Vorkommnissen des täglichen praktischen Lebens zu sein, welche dort die Jugend beiderlei Geschlechts besitzt.

Unendlich wichtig ist der Einfluß, den das weibliche Gemüth auf die Entwickelung des Charakters und des ganzen Seelenlebens der ihr anvertrauten oder nahestehenden Jugend ausüben kann. Von den Mädchen versteht sich von selbst, daß ihre Gemüths- und Charakterbildung zum allergrößten Theile das Werk mütterlichen oder jedes sonstigen weiblichen Einflusses ist. Aber auch auf die männliche Jugend kann dieser Einfluß sich sehr weitreichend äußern. Wenn es wahr ist, daß die ersten Eindrücke auf das kindliche Gemüth die stärksten und bleibendsten sind (und die Erfahrung spricht allerdings dafür), so begreift sich leicht, daß der Same, der in dieser Zeit von Frauenhänden, den natürlichen Pflegerinnen der ersten Kindheit, ausgestreut wird, unaustilgbar für das ganze Leben fortwuchert – zum Guten oder Bösen – je nachdem er beschaffen war.

[667] Mit Recht hat man gesagt, daß die Frauen, ihrer Natur nach, den Kindern näher stehen. Frauen gewinnen daher auch in der Regel das Vertrauen, die Liebe und Anhänglichkeit der Kinder leichter als Männer. Frauen verstehen besser, als Männer, die Aeußerungen des kindlichen Wesens und wissen weit geschickter und tactvoller die richtigen zu unterstützen, die fehlgehenden mit leiser und weicher Hand in die rechte Bahn zurückzubeugen. Was für den sich erschließenden Kelch der Pflanze Luft und Licht sind, das ist für das kindliche und jugendliche Gemüth der warme Sonnenschein der Mutterliebe, jener höchsten, geweihtesten, segensvollsten Kraft im ganzen Menschenleben. Sie ist für den kräftigen jungen Geist das mildernde und sänftigende, für den weichen und zaghaften das stärkende und befeuernde, für den noch unklar in sich ringenden das klärende und läuternde Element, für Alle der heilige Genius, welcher sie durch das ganze Leben hindurch - nah oder fern, sichtbar oder dem irdischen Auge entzogen, wie ein heiliger Talisman schützend und segnend geleitet. Wäre uns die Jugend aller derer bekannt, welche sich später im Leben verlieren und verloren gehen, wir würden finden, daß den meisten davon jene Weihe sorgender und schützender Mutterliebe in den Jahren ihrer größten sittlichen Empfänglichkeit gefehlt hat, wie andererseits unter denen, welche sich im Leben als charakterfest und sittlich edel bewähren, wohl nur Wenige sein möchten, welche nicht diesen Vorzug hauptsächlich mütterlichem Einflusse verdankten.

Es ist vielfach und mit Recht die Bemerkung gemacht worden, daß große Männer sich in der Regel durch eine tiefe kindliche Verehrung und Liebe für ihre Mutter auszeichneten, so wie daß, wenigstens in vielen Fällen, ihr Bildungsgang einen überwiegenden Einfluß mütterlichen Geistes auf die Entwickelung ihrer Fähigkeiten oder ihres Charakters aufzeigte. Von den erstern Thatsachen bietet schon das Alterthum ein hervorragendes Beispiel dar in der kindlichen Ergebenheit jenes römischen Feldherrn Coriolan gegen seine Mutter, der zu Liebe er seinen Rachezug gegen Rom, welches ihn tief gekränkt hatte, rückgängig machte und dadurch sich selbst der Rache seiner neuen Verbündeten aussetzte. In der neuesten Geschichte ist vielleicht das hervorragendste Beispiel einer solchen kindlichen Ehrerbietung der große Kaiser Joseph II., der selbst in seinem kräftigsten Mannesalter, und als er bereits das kaiserliche Scepter über Deutschland führte, dennoch in den Angelegenheiten seiner österreichischen Erblande dem Willen seiner Mutter sich widerspruchlos unterwarf, obschon dieser Wille in den wichtigsten Punkten seinen Ansichten entgegen stand und nicht selten auf eine für ihn demüthigende Weise sich geltend machte. Was den Antheil mütterlichen Einflusses an der Bildung großer Männer betrifft, so ist hier vor Allem an Goethe zu erinnern und an die Frau Rath Goethe, deren mächtige Eigenthümlichkeit in ihrer Verwandtschaft mit dem Genie ihres großen Sohnes und in ihrem bedeutenden Einfluß auf diesen Bettina in ihren Gesprächen mit der Frau Rath Goethe[2] so bezeichnend geschildert hat.

Im Hinblick auf diese weitreichende Macht, welche die Frauen und namentlich die Mütter, auf die Geistes- und Charakterbildung des nachwachsenden Geschlechtes, und somit auf die ganze Zukunft der Menschheit bis in die fernste Zukunft hinaus zu äußern vermögen, kann man auf sie mit Recht jenes Wort anwenden, welches Schiller von den Künstlern gesagt:

„Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben,
Bewahret sie!
Sie sinkt mit Euch, mit Euch wird sie sich heben.“




Ein Besuch in Portsmouth.


Um ein Mal ein paar Lungen von Seeluft zu schöpfen, sah’ ich mich diesen Herbst nach dem wohlfeilsten Markte für diesen Artikel um. Man empfahl mir zu diesem Zweck ziemlich allgemein Southampton und Portsmouth. Der Leser wolle hier so gut sein zu merken, daß ich in London wohne, wo Luft eben so schwer ächt zu haben ist, als irgend ein anderes Lebensmittel. Portsmouth, dachte ich, der englische Kriegs- und Militär-Marine-Hafen? Da läßt sich also nicht blos auf billige Weise Seeluft kaufen, sondern am Ende auch noch etwas Marine-Kriegswissenschaft. Also fort auf die Eisenbahn hinunter an den Busen des erdumgürtenden Oceans! In meinem Waggon bemerkte ich außer Leuten, die von Niemandem bemerkt werden, einen farbig bebänderten Rekrutirungs-Sergeanten, einen sechzehnjährigen sehr dummen Jungen, den er wie ein Basilisk mit den Blicken anbohrte, um ihn zu fangen, eine Portion braune, breite Matrosen und einen Schneider, dem der Sergeant auf den Kopf schwor, daß er nicht mehr als 4 Fuß 5 Zoll messe.

Bald sah ich nichts mehr, als die Windungen der Rekrutirungsklapperschlange, wie sie den sehr dummen Jungen umäugelte, umzüngelte und allmälig heranzog, um ihn zu fangen. Erst eine Cigarre, von der der Junge bald sehr blaß ward, dann ein Schluck und wieder ein Schluck, freundliches Herausschrauben des Zwecks seiner Reise, glänzende Gemälde von Fleisch, Bier, Spirituosen, Avancement und merkwürdigem, heilen Davonkommen aus dem dicksten Kugelregen, und daß nur ausnahmsweise ein Unvorsichtiger getroffen werde, da die Russen nie einen Engländer treffen könnten und was dergleichen mehr sich einfand. Der Junge horchte mit großen Augen, fing an zu fragen und immer wärmer zu werden. Einer mehr, dachte ich, was will das sagen, obgleich mir das junge frische Blut leid that, aber im Ganzen war ich schon gegen Mitleiden dieser Art abgehärtet. Hab’ ich doch fast alle Tage Heerden eingefangener Jungen von 16 Jahren durch die Straßen Londons transportieren sehen, welche den ungeheuern Verbrauch von Pulverfutter ersetzen sollen. Wie sie damit Rußlands Besiegung unterstützen wollen, begreife ich eben so wenig, wie jeder Andere, der diese Rekrutirungen mit angesehen.

Doch das bei- und mitunterläufig. Ich war schon in Portsmouth, und zwar auf dem Südseeplatze (Southsea Common) durch eine entsetzliche Kanonade aufgeweckt worden. Durch das geöffnete Fenster drang Pulvergeruch. Die weißen Wolken des furchtbaren Dampfes zogen schwerfällig über das weite Meer hinaus. Die metallene Musik des Pulvers verwandelte sich in Militärblechinstrumentalmusik, deren schmetternde Tonwellen über meinen Kaffee her zum Fenster hereinkamen, als wollten sie auch mich werben.

Ich sah zum Fenster hinaus auf Gruppen ziehender, schießender, scherzender Soldaten der Marine, der Linie, der Militia, von Rekruten in Lumpen und in roher, schmutziger Einkleidung. Hier und da schossen sie willkürlich nach Steinen und Pfählen. Von Schießständen aus den ganzen Vormittag ein unaufhörliches Geknatter einzeln und in Salven, Trommelgewirbel, Blechgeschmetter, das Gekreisch Betrunkener, das Gelächter und Gekeife verschiedener Soldatensorten durcheinander, ein wüstes Bild von Rohheit, Willkür und gänzlichen Mangels an Disciplin, so daß man sich in dem militärstraffen Deutschland schwerlich eine richtige Vorstellung davon machen kann. Um den Eindruck noch mehr zu trüben, arbeiteten hier und da Sträflinge in düsterm Schweigen zwischen den gezogenen Säbeln und geladenen Gewehren ihrer Wächter, Wagen ziehend oder im Meeressande wadend und baggernd. Gegen das farblose Einerlei der Sträflinge stachen die blutrothen Uniformen der Soldaten ordentlich wie Leben und Freiheit ab. Die Marine-Artillerie, dunkel uniformirt, zog donnernd und polternd wie ein schwarzes Fatum zwischen den Soldaten und Sträflingen hindurch.

Auf meinem Wege in die Stadt hinein suchte Labyrinthe von Ramparts, Ziehbrücken, Schanzen u. s. w. zu studiren, konnte ihnen aber keinen rechten Geschmack abgewinnen. Flaggen und Fahnen von Seide mit kostbarer Stickerei und goldenen und silbernen Besätzen flattern über mir; neben mir rechts und links schritten gemessen und stumm die Schildwachen oder standen sich mit komischer Gravität gegenüber, ehe sie sich ablös’ten. Die Straßen wimmelten von Soldaten und Matrosen. Durch ein Ladenschaufenster erkannte ich den kleinen Schneider aus dem Waggon wieder, rings umbaut von Uniformen und glitzernden Epaulettes. Von trunkenen und gruppenweise umherstehenden Soldaten und Matrosen in mannigfacher Weise gefoppt und insultirt, aber nicht berührt, kam ich endlich an meinem Ziele, dem Thore zu den Docks der Marine [668] an. Man examinirte mich, was ich wolle und wie ich heiße. Die Antwort, daß ich mir die Merkwürdigkeiten nur eben ansehen wolle, und ich so friedlich gesinnt sei, daß ich für einen zweiten Elihu Burrit gehalten werden könnte, genügte. Ich ward einem Policeman übergeben, der mich zu einigen andern Gästen der Docks mitnahm und uns dann überall hin aus unsern Wanderungen begleitete, damit wir nicht etwa für die Russen Zeichnungen aufnähmen oder Kanonen in die Tasche steckten.

Herr mein Gott, welche Fülle von Zerstörungsvorräthen! So weit das bewaffnete Auge reichte – und ich benutzte ein gutes Glas – nichts als Zerstörungsmaschinerie – kein Schiff, kein Pfahl, kein Pflock zu produktiven Zwecken. Nur im Depot der Ambulancen, den neuen Karren zum Wegschaffen der Verwundeten von Schlachtfeldern, dachte ich an die Möglichkeit, daß noch diese oder jene Ruine eines nützlichen Mitgliedes der menschlichen Gesellschaft gerettet werden könne. Aber 60,000 Mann, die Krimarmee Englands, liegt schon um Sebastopol herum, für diese sämmtlichen 60,000 Mann kamen diese Ambulancen zu spät. Und diese Ungeheuer von Kriegsschiffen, die trotz der baltischen und Schwarzemeerflotte noch hier ankerten und nach allen Seiten mit blinden Kanonenaugen glotzten – was wollen sie alle hier in ihrer schrecklichen Ruhe? Unabsehbar war der Hafen, und im ganzen weiten Gesichtskreise nichts als Seekriegswerkzeuge, nicht ein einziges Handelsschiff, nicht eine einzige Thätigleit zum Wohle der Menschheit oder nur eines einzigen Menschen, Alles vermeintlich blos zum Wohle, zur Ehre Englands.

Ich sah verwundete, entstellte, todtenbleich aus ihren verwirrten Bärten starrende Invaliden von der Krim aus einem Schiffe tragen, kriechen und schleppen, Einige darunter schon mitten im Sterben; ich sah Hunderte von unreifen Jungen nach andern Schiffen transportiren, damit sie auch als Invaliden oder gar nicht wieder kehrten. Um welchen Preis diese Menschenverwüstung? Hat die englische Diplomatie jemals dahin gebracht werden können, genau zu sagen, um welchen Zweck der Krieg geführt wird? Nein. Ein Federstrich, und aller Tod, alle Verwüstung ist umsonst gewesen, umsonst, wie z. B. die Schlacht bei Waterloo für England, die Palmerston als Kriegsminister leitete, um hernach Napoleon und alle seine Nachkommenschaft auf ewige Zeiten aus Frankreich zu verbannen und hernach der Erste in England zu sein, der Napoleon III. nach dem 2. December anerkannte. Ist die Geschichte ein Irrenhaus?

Nachdem ich mich unter den gelandeten Invaliden und Verstümmelten etwas umgesehen, wurden wir nach dem Kanonenwerfft geführt. Ein Raum von beinahe einer Stunde Länge und überall nur enge Wege offen lassend, sonst Alles mit Kanonen gefüllt, mit Tausenden von Kanonen und Zubehör, größtentheils mit unbrauchbar gewordenen Kanonen aus den verschiedenen Kriegen, Kanonen-Invaliden aus Spanien und Portugal, von Waterloo, von Navarino, von Indien, von China und besonders viel von der Krim. Da lagen sie symmetrisch geordnet und über einander geschichtet, Zeugen der Heldenthaten Englands, deren sich Niemand wirklich freuen kann.

Neben den Kanonen-Hospitälern Haubitzen von ungeheurem Kaliber, Lancaster-Kanonen, Pyramiden von Kugeln und Bomben, Kugeln in Myriaden von Sechsundachtzigpfündern bis zu Sechspfündern, ungeheuere Berge von Flintenkugeln, runden, dreieckigem pyramidenförmigen u. s. w. Ich hielt mich blos so lange zwischen diesen Schätzen auf, als ich Zeit brauchte, um in das Zeughaus zu kommen, wo mehr als 20,000 Flinten, außerdem Waffen aller Art aus allen möglichen Ländern und Zeiten parademäßig neben und über einander aufgeschichtet standen: Pistolen, Säbel, Lanzen, Piken, Bayonnette, Revolvers, Musketen aus Elisabeth’s, Anna’s, Cromwell’s Zeiten, Flinten mit Feuerschlössern aus den Niederlanden, aus den verschiedenen Perioden Deutschlands, birmanische Lanzen, otaheiti’sche Javelins – lauter historische Handwerkszeuge der Habsucht, der brutalsten Leidenschaften in der Menschenbrust, denn an Kriege für die Freiheit, für das Wohl der Menschheit glaube ich lange nicht mehr. Was die Menschheit vorwärts gebracht, befreit, humaner, wohliger, glücklicher gemacht, kam nie aus zerschossenen Köpfen und Herzen, sondern aus ganzen.

Leo meinte zwar, ein Krieg sei jetzt besonders sehr gesund, weil er das „scrophulöse Gesindel“ bei Seite schaffe. Wenn er be1laufig etwas Geschichte verstanden hätte, statt sie zu dociren und grausame Bände darüber zu schreiben, würde er vor allen Dingen gefunden haben, daß der Krieg das scrophulöse Gesindel schont und begünstigt, die gesundeste, kräftigste Jugend todt oder ebenfalls scrophulös macht und die Lieferanten und einzelne Leute mit Geld und Lorbeeren überhäuft, die großen Massen aber stets nur ärmer, besteuerter, dümmer, barbarischer und nur noch scrophulöser machte.

Doch, wo gerathe ich hin? Ich wollte Seeluft schöpfen und Portsmouth schildern und falle aus einem Räsonnement in’s andere. Das kommt davon, wenn man nichts von der erhabenen Kriegswissenschaft versteht und sie obendrein gar nicht leiden kann. Ich will also weiter nicht räsonniren, aber auch nicht beschreiben; wollte ich doch eben nur sagen, daß mir diese ganze Wirthschaft nicht gefiel. Und so wäre ich fertig, wenn ich nicht noch durch ein paar interessante Erlebnisse mich bei dem lieben Leser wieder in Gunst zu setzen gedächte, wenigstens in sofern, als man dann vielleicht zugiebt, daß man unter diesen Erlebnissen wohl ein Recht bekam, auf den modernen Gott Mars in England etwas tückisch zu werden.

Ich bekam während meiner Seelufternte durch eine Empfehlung Einlaß zu einer Kriegsgerichts-Sitzung im Admiralitätsgebäude zu Portsmouth. Zehn Richter, bestehend aus Marinekapitains in ihren splendiden blauen und goldenen Uniformen, umrahmt von andern glänzenden Uniformen, machten einen imposanten Eindruck. Es handelte sich um Bestrafung eines John West, Locomotivenführers von Profession, der seit einiger Zeit auf dem königlichen Schrauben- und Blockschiffe Hawke angestellt worden war. Er kam mit einem „scharfen Tadel“ davon. Sein Verbrechen bestand allerdings blos darin, daß er ohne Erlaubniß vom Schiffe an’s Land gegangen und dort über Nacht geblieben war; aber es klang doch human, zumal da man auf die Kürze seines Dienstes Rücksicht nahm und meinte, er sei wohl noch nicht recht an die Strenge der Disciplin gewöhnt gewesen.

Dann kam George Stephens vor die Schranken, ein Freiwilliger im Marinecorps desselben Schiffes, ein brauner, wild umher blickender, vierschrötiger Kerl mit flatternden Haaren und Halstuchzipfeln, angeklagt, seinen Posten. als Schildwache auf dem Deck verlassen zu haben, in die Kajüte des Lieutenants gewaltsam eingebrochen, zwei Flaschen Wein daraus gestohlen, sich damit betrunken, einige Artikel in der Kajüte beschädigt, andere gestohlen und zu guter Letzt seinen Rausch auf dem Bette des Lieutenants ausgeschlafen zu haben. Es lag in dieser Reihe von Verbrechen schon an sich ungemein viel Naivität und – Unschuld; aber durch die Art, wie er sich nicht sowohl entschuldigte als vielmehr rechtfertigte, ward es mir ganz unzweifelhaft, daß dem Kerl ein Gefühl seines Unrechts ganz unmöglich war. Er war ganz entschieden einer der vielen „Wilden“ Englands, die von Gott, Gutenberg, Gutem und Bösem gar keine Vorstellung haben, nicht reflectiren, nicht denken, sondern blos Produkt ihrer verwahrlos’ten Naturtriebe sind. Auf die Frage, warum er seinen Posten verlassen, antwortete er: „War Alles still und keine Russen hier gar nicht und nirgends nicht hier im ganzen Lande nicht,“ warum er den Wein gestohlen: „Weil er einmal gekostet und da habe er so gut geschmeckt und gewärmt,“ warum er noch andere Sachen gestohlen: „Sie hätten ihm so sehr gefallen.“ In dieser Weise ging’s fort, so daß oft lautes Gelächter ausbrach. Das Urtheil: „Funfzig Hiebe,“ brachte nicht die geringste Aenderung auf der wüsten Steppe seines Gesichts hervor.

Nur durch die List eines Lieutenants, an den ich empfohlen worden war, gelang es mir, mich mit auf’s Deck des Schiffes zu schmuggeln, wo Stephens die „neunschwänzige Katze“ bekommen sollte. Die „neunschwänzige Katze“ ist eine ganz reelle, etwa zwölf Pfund wiegende Knute mit neun dicken Tauenden, jedes mit Knoten versehen. Stephens wurde bis auf die Beinkleider ausgezogen und in der Mitte der zusammengetrommelten Soldaten auf einen Block geschnürt, unten mit den Beinen, oben mit den ausgestreckten Armen an den Querbalken des Blocks. Commando. Der erste Hieb fällt prasselnd auf den breiten muskulösen Rücken, und die Knoten der neun Tauenden zeichnen sich sofort auf dem Fleische als aufschießende, roth anlaufende Beulen ab. Der Kerl zuckt, giebt aber keinen Laut von sich. Der zweite Hieb prasselt nieder. An einigen Stellen springt Blut. In bedächtigen langsamen Hieben, jeder mit voller Kraft des geschwungenen Armes – wie das Gesetz vorschreibt, folgen der dritte, der vierte, der fünfte Schlag, der fünfte schon auf rohes, hautloses, blutspritzendes Fleisch. Ich weiß nicht, wie es nach jedem folgenden Hiebe aussah. Zitternd und beinahe ohnmächtig lief ich nach dem äußersten Ende des Decks, und hörte trotz etwa 150 Schritt Entfernung, jeden neuen Hieb [669] Mir fielen Beschreibungen von großen „Runden“ ein, Runden, d. h. von Verurtheilten, die zu 50–100 Hieben verurtheilt, diese sich von allen Schiffen rings herum zusammen holen mußten. Nachdem er auf dem einen Schiffe seine Portion erhalten, wird der auf dem Block Geschnürte wieder in das Boot getragen, nach einem andern Schiffe auf’s Deck gezogen, dort mit der bestimmten Portion Knutenhieben bereichert, dann wieder in’s Boot, wieder auf ein anderes Schiff gebracht und so fort, bis er auf dem letzten Schiffe die letzten Hiebe erhält, – von solchen „Runden,“ auf welchen der Geknutete sich schon verblutet hatte, ehe er das dritte oder vierte Schiff erreichte; aber das Gesetz nahm doch seinen weitern Verlauf, bis der anwesende Wundarzt zufällig bemerkte, daß der Delinquent bereits todt sei.[3]

O, mir fiel bei dieser Gelegenheit so Manches wieder ein, was ich gesehen, gehört, gelesen, gedacht, empfunden! Aber dazu ist hier kein Platz, höchstens noch zu dem Jungen, den ich im Waggon bemerkt hatte und seiner Mutter. Ich traf letztere bitterlich schluchzend und förmlich heulend neben ihrem stumpf dastehenden Sohne. Sie hatte alle Mittel erschöpft, ihren Sohn wieder loszukaufen, los zu bitten, los zu weinen mit den Thränen einer Mutter. Vergebens, eben so vergebens wie die deutsche Mutter, die ihren eingefangenen Sohn bis in das Lager der deutschen Fremdenlegion auf Shorncliffe verfolgt hatte, um ihn aus den Schlingen der gemeinsten Betrügerei heraus zu winden. Wie viele andere deutsche Söhne, wie viele Amerikaner waren unter dem Vorwande, daß Arbeiter in England (oder drüben in Canada beim Eisenbahnbau) gebraucht würden, in die Falle des Werbers gegangen!




Blätter und Blüthen.

Das berliner Voigtland. Es ist etwa hundert Jahre her, als der alte Fritz sich den Plan von Berlin geben ließ und mit dem Krückstock dem Kammerdiener drohte, als dieser bei der Uebergabe sagte, daß Se. Majestät Residenz just die Form eines Schweinekopfes habe.

„Selbst Schweinekopf, versteht Er,“ sagte der König und nahm eine Prise; „wenn es Ihm Spaß macht, sollen daran Eselsohren kommen.“

Diese Eselsohren malte denn auch der alte Fritz mit Rothstift auf den Plan von Berlin – sie bezeichneten die Kolonie der aus dem sächsischen Voigtlande herbeigerufenen Handwerker, die ihre Freiwohnungen vor dem hamburger und rosenthaler Thore erhielten.

In kurzer Zeit war diese Kolonie von mehreren tausend Handwerkern bewohnt und die stolzen Berliner rümpften die Nase, sobald sie vom Voigtlande sprechen hörten, welches bald als Heimath der Prostitution und solider Rippenbrecher galt und dem ganzen berliner Charakter eine gewisse Rohheit im Auslande beilegte, die doch nur lediglich dem Voigtlande angehörte.

Heute ist im Verlauf von etwa zehn bis funfzehn Jahren eine großartige Metamorphose auch mit dem elendesten und armseligsten, ja verrufensten Stadttheil von Berlin vor sich gegangen; aber noch immer herrscht dort die Armuth und das Elend, doch jenes vererbte Elend des Proletariats, welches eine große Klasse von Menschen bedrückt, die arbeiten in dem Schweiße ihres Angesichts und alltäglich den Himmel darum bitten:

„Gieb uns unser täglich Brot!“

Dieses Jahrhundert hat schon Viel erlebt, und seine Erfahrungen haben die Menschen aus der Romantik in die Philosophie und aus der Philosophie in die Industrie geworfen. Die Industrie ist heute die Königin, der Alles huldigt, und ihr großes Reich hat ein Proletariat geschaffen, edler wie sonst, aber auch ärmer wie je. Die Industrie, die Alles beherrscht, hat eine Legion von Kindern, die sie hungernd verehren.

Das berliner Voigtland ist, wie früher der Heimathboden des Lasters, des Elends und des Proletariats, heute die Welt einer stets summenden Arbeit, eines von der Noth erfüllten Lebens und einer Gesellschaft geworden, die mit der Metamorphose ihres Stadttheils gleichen Schritt gehalten hat. Die elenden Baracken und wirklich unsauberen Häuser sind allmälig dort verschwunden und luftige Straßen, große, oft elegante Häuser haben sich dort erhoben und ein majestätischer Kranz von dampfenden Fabrikschloten umgiebt dieses Stadtviertel, in welchem der Fremde vergeblich noch Spuren jener berüchtigten Voigtländerei sucht, die mit dem ewig prasselnden Feuer der Essen und dem Singen des Ambos dort verschwunden ist. Eine imposante Perspektive bietet sich ihm statt dessen dar, die ihm ganz unwillkürlich eine Hochachtung vor der Majestät der Arbeit abnöthigt und mit Bewunderung jene zahllosen Arbeiter in Blousen und mit rußigem Gesicht betrachten läßt, die jenen Stadttheil jetzt ausschließlich bewohnen.

Noch vegetirt, der Ausdruck paßt vollkommen, dort jene unglückselige Klasse von Menschen, die mit Resignation empfinden, wie sie plötzlich zu Parias der Gesellschaft und zu Parias der Industrie geworden sind. Das ist die Klasse der Weber, jener thätigen, an Elend reichen Klasse, die auch dort von der lärmenden Industrie mehr und mehr in die entferntesten und ödesten Theile des Voigtlandes gedrängt, um unbejammert und unbeweint ein trostloses Dasein ihrer Thätigkeit auszuhauchen. Es muß uns ganz unwillkürlich das Mitleid in dem Herzen erwachen, wenn wir jener vom Fluch des Schicksals verfolgten Klasse gedenken, die, so thätig und emsig, immer mehr von dem Hammer und dem Kolben der Maschinen erschlagen wird und das Mark ihres Lebens mit hinein in die Stoffe webt, welche später eine vornehme Frau lächelnd und stolz über ihre alabasternen Schultern legt, weil sie noch schöner sind, wie diese. Möchten diese, vom Schicksal so begünstigten Frauen, die als Diamant ihrer Tugenden das Mitleid tragen sollen, doch jener Unglücklichen gedenken, die sie förmlich mit ihrem Elende voller Scham in die finstersten Ecken der Welt verbergen. Auch hier im Voigtlande haben sie ihr ausgedörrtes, von der Noth vergiftetes Leben in die Familienhäuser gepfercht, in denen oft zwei und selbst drei Familien eine Stube bewohnen und anscheinend von jenem Dunst der Armuth leben, den dort oft sechs bis neun Menschen verbreiten; es ist vielleicht möglich, daß diese ausgemergelten Weber sterben würden, wenn sie in eine Luft von größerer Reinheit kämen! Ist es möglich, kann man fragen, daß diese Menschen leben, wo der Preis ihrer Arbeit so gestellt ist, daß sie z. B. für 74 Ellen Thibet, an welchem 12 Tage ununterbrochen gearbeitet werden muß, vier Thaler erhalten? Kann man es wohl Leben nennen, solches Dasein, wobei das Brot vielleicht noch erworben werden kann, aber das Salz mangelt? Diese armen Weber, die mit ihrem Fleiß wie mit ihrer Arbeit verflucht, hier einen Stamm des Voigtlandes bilden, der jene unglückseligen Kinder hat, die mit zwanzig Jahren so aussehen wie mit funfzig, weil sie das Elend mehr als das Alter zu Greisen macht – diese armen Weber hat man zu Parias gemacht, und die Welt hat selbst nicht mehr Mitleid mit ihnen, obgleich sie es so sehr verdienen.

Eine andere bewundernswerthe Klasse, die dort wohnt, ist die der Tagelöhner für Alles; die Stuhlflechter, die Topfflechter und Marktträger; die Straßenkehrer und Lumpensammler – genug, jene Unglücklichen, die des Morgens von ihrem elenden Lager sich erheben, vor Kälte zusammenschaudern und mit ihrer nicht mehr benutzten Hülle, die hagere Frau und die sanft schlummernden Kinder zudecken; die ruhig warten muß, bis Jemand kommt, der ihnen einige Groschen verdienen läßt, um ein aus Hafer oder Kartoffeln bestehendes Mittagsbrot zu erhalten, oder welche mit dem ersten Grauen des Tages nüchtern ihre Wohnung und ihre Familie verlassen, um Arbeit und Verdienst zu suchen, und des Abends der Frau die wenigen Groschen geben, die sie erwarben; – oftmals auch stillschweigend die Achseln zucken und hungrig ein Lager aufsuchen, das hart und kalt und mit Sorgen gepolstert ist – – o ja, man hungert noch auf der Welt und es ist keine Romantik, dies den Reichen zu sagen!

Aber, wie gesagt, das sind mit noch manchen anderen bloße Ueberbleibsel des alten Voigtlandes, die aussterben und als Erbe nichts hinterlassen werden, als ihre Noth und ihr Elend; die große Mehrheit der heutigen Bewohner des Voigtlandes bildet die Klasse der Maschinenarbeiter, der Fabrikarbeiter und Gesellen. Ihre kräftigen Gestalten sehen wohlthuender aus, als die vom Hunger gedörrten der Weber und Tagelöhner; ihre rußigen Gesichter blicken voller Mitleid in die von einem dumpfen, rothen Lichte erhellten Fenster der Unglücklicheren, die schon weben, wenn sie zur Argeit gehen und noch schnurren, wenn sie davon kommen. Das ist das Proletariat der Metamorphose, das sein tägliches Brot mit dem Schlagen der nervigen Arme verdient, oder befreit von dem betäubenden Gekrach der Maschinen dem in allen seinen Fibern angestrengten Körper Ruhe gönnt. Wohl verdienen sie, wenn sie Arbeit haben, ihre tägliche Nahrung für ihre Familie, aber sie bezahlen sie theuer mit ihrer Kraft und ihrem Schweiß in diesen Zeiten der Theuerung, die so unendlich schwer auf einer Klasse lastet, die nur einen stereotyp sich gleichbleibenden Verdienst hat und die jetzt schon viel weiter in die besser situirten Kreise des behaglichen Bürgerstandes greift. Das ist die große Majorität der Metamorphose des Voigtlandes – eine arbeitende, rechtliche und Achtung gebietende Menschenklasse, [670] die das harte Eisen zu biegen vermag und dem harten Gefühl des Mitteids und der Theilnahme nicht fremd ist. Sie sind stolz auf ihre Arbeit, und die Sorgen der Lebenserhaltung, die sie drücken, verschließen sie in ihrer männlichen Brust; doch stählen sie die Arme damit und der Schlag sinkt kraftvoller auf den Ambos, das Feuer der Essen lodert prasselnder, die Maschinen ächzen lauter und ihre Kolben hämmern mitleidsloser - der Rauch ihres Schweißes steigt mit in die Luft durch den thurmhohen Schlot, bis er allmälig nachläßt wie das Feuer, dann endlich in der dunkeln Nacht verschwindet. Die Arbeit ruht - der Mensch und die Maschinen stehen still.

Das sind die Bewohner des heutigen Voigtlandes, welches eine großartige Fabrikstadt geworden ist, und der Industrie täglich Weihrauch spendet. Die Noth ist dort zu Hause und dort die Wiege des berliner Proletariats; aber die Majestät der Arbeit feiert dort ihre Triumphe.

Eduard Schmidt. 




Zwischen Eiswänden. Da, wo der ewige Schnee anfängt, auf den Bergen und Hochebenen im Lande Tyrol, hört die Gemüthlichkeit auf. Des Wandrers Fuß wird oft plötzlich durch einen Riss, einen Spalt gehemmt, der die Schneefläche jach auseinander theilt, und sind diese Spalte von irgend beträchtlicher Breite, so hüten sich selbst die an diese Wegehindernisse gewöhnten Bergsöhne, sie mit ihrem Gebirgsstocke, Schaft genannt, und mit ihren Steigeisen an den Füßen, mittelst welcher sie im Stande sind, sicher aufzutreten, ohne Gefahr zu laufen bei jedem Schritte auszugleiten - zu überspringen, da ihre Tiefe oft so bedeutend und Menschenhülfe gewöhnlich so fern ist und die eigne Kraft und der Zufall nicht immer so durchhelfen, wie es in dem hier zu erzählenden Falle geschah. Lassen wir uns von einem kühnen Gemsensäger, der im Eifer der Verfolgung einer „Gamserl“ in einen solchen Schnee- und Eisspalt gerieth, mittheilen, wie er wieder heraus und an das warme Licht der Sonne kam.

„Alte Gemsböcke - so hub mein alter Führer an, mit dem ich das Gebirge durchstrich - führen das Leben eines Einsiedlers. Ungeselliger noch, als diese, erlesen sie zu ihrem Standorte die einsamsten, höchstgelegensten und unzugänglichsten Schlupfwinkel, zu welchen dann gewöhnlich nur ein Pfad führt, der kaum für ihres Gleichen gangbar ist, und es ihnen deswegen um so leichter macht, den Jäger zu verderben. Bergab auf ihn niederrennend, ist’s dem Bocke eine Kleinigkeit das Geschick zu wenden und denjenigen von der Felswand zu werfen, der ihm den Tod aus seiner Büchse zugedacht hatte. Ehe er das Fleckchen ausgefunden und all’ die Listen und Ränke erlernt, ist gewiß manches schöne Jahr über sein Haar hingegangen; doch nun steckt auch die Weisheit im Barte und des langen Lebens Erfahrung kommt ihm um so mehr zu Statten.

„Einen solchen alten Gemsbock also hatte ich ausgekundschaftet und brannte vor Begierde, seine Bekanntschaft zu machen, obwohl seine Winter- und Sommerwohnung eben nicht bequem zu erreichen war, und ich wohl wußte, daß ich auf dem zerklüfteten Steige den Stock gut brauchen müßte, um nicht in einen Riß zu gleiten. Es war über Nacht frischer Schnee gefallen und der Gletscher davon dicht überdeckt. Ich achtete in meinem Eifer dessen kaum, - ehe ich mir’s jedoch versah, wich die noch lose Decke unter meinen Füßen, und ich rutschte durch die ganze Dicke des ewigen Eises hinunter auf den steinigen Grund des Risses. Hören und Sehen waren mir vom Aufstoße vergangen. Als ich wieder zu mir selber kam, fühlte ich mich ganz erfroren, und alle Glieder thaten mir weh. Das aber war gut: Schmerz und Kälte hatten mich wieder zum Leben erweckt. Zum Sterben hatte ich damals eben keine Lust; am Wenigsten aber wollte ich lebendig begraben sein. So betete ich denn in meiner Herzensangst gar andächtig und auch wohl inbrünstiger, als dies je geschehen war, und legte mein Geschick in Gottes Hand. Nun erst schaute ich mich genauer um, zu sehen, wohin ich eigentlich gerathen. Nach dem Gottvertrauen hielt ich das für das Nothwendigste und Beste, denn dem beizustehen, der nicht wenigstens versucht, sich selber zu helfen, dürfte der liebe Herrgott wohl kaum verpflichtet sein.

„Der erste Aufblick gewährte mir freilich keinen sonderlichen Trost. Unweit von einander abstehende Eiswände erhoben sich zu beiden Seiten so hoch und steil, daß mich zum ersten Male ein Schwindel überfiel. Da hinaus zu kommen, sah ich keine Möglichkeit. Oben auf meinem offenen Sarge lag der sonst so schön gewölbte Himmel platt wie ein Kuchendeckel, und sah dermaßen schwarz, daß ich, trotz des hellen Lichtes oberhalb, die lieben Sterne an ihm deutlich funkeln sah. Vielleicht funkelte es mir auch nur vor Schreck so vor den Augen. Dadurch, daß die Erdwärme das ihr nächste Eis abgeschmolzen, hatte sich der untere Raum des Schneerestes zu einer mäßigen Wölbung erweitert, auf deren Sohle das Gletscherwasser gar lustig hinplätscherte. Nach einigem Ueberlegen klopfte ich an meine Tasche, und da ich fand, was ich suchte, so ging ich sofort an’s Werk.

Der Anfang war schwer, weil ich zum Ersteigen jener Höhe, wo die Eiswände einander näher traten, kein anderes Hülfsmittel hatte, als meinen Schaft. Sobald dieser mir nur ein Mal bis dahin geholfen, ward es mir leicht, mich mit angestemmtem Rücken und Steigeisen in der Schwebe zu erhalten, und rasch begann ich nun zu thun, wie ich mir vorgenommen hatte. Freudig schlug ich mein großes Einlegemesser auf und binnen Kurzem hatte ich damit mir gegenüber eine Stufe in das Eis gehauen,

Nach Art der Schlotfeger mich zu ihr hinaufschiebend, fußte ich bald mit beiden Beinen darauf, und als ich nun so gemächlich und sicher auf dieser ersten Sprosse meiner Himmelsleiter stand, da johlte ich so jubelnd, als sei damit schon Alles abgethan, und ich aus meinem schaurigen Grabe erlöst. Dem war jedoch nicht also, denn ehe ich noch in dieser mühseligen Weise die Hälfte der Kluft erklommen - da brach meine Klinge ab, und aus war's mit Hoffnung und Lustigkeit. Fast weinte ich im Niedersteigen, und es dauerte lange, ehe mir unten wieder ein guter Gedanke kam, Noch niemals hatte ich mich so hülflos gewußt, und war deshalb sehr traurig. Unverwandten Auges sah ich auf das rieselnde Eiswasser nieder, indem ich dabei nur der mich erwartenden Qualen der Einsamkeit, des Hungers und der Verzweiflung gedachte; vor Allem jedoch fürchtete ich den Spuk der heillosen Berggeister bei einbrechender Nacht.

„Je länger ich aber in dieser Trostlosigkeit auf das geschäftige Wasser niederblickte, um so deutlicher gewahrte ich, daß sich sein Lauf beschleunige, je weiter es vorwärts kam. „Wie? - das Bächlein so fleißig, und du so müßig?“ – sagte ich da zu mir selber, und im Schreck über den klingenden Widerhall der eigenen Stimme in dieser schweigsamen Oede sprang ich auf und lief mit dem Wasser, und je schneller es mir voranging, um so hastiger lief ich ihm nach, denn der Boden senkte sich stark, und so ward uns Beiden das Laufen leicht. Bald aber war's alle damit, Der Raum verengte sich plötzlich und das Fortkommen ward immer schwieriger, Bald mußte ich im Wasser auf allen Vieren hinkriechen, bald mich durch eine Klemme zwängen und ein Mal hatte ich mich in einer solchen so festgefahren, daß ich weder vor- noch rückwärts konnte. Auf die Gefahr hin mich für immer hier einzukeilen, drängte ich mich dennoch muthig gerade aus durch und kam so noch ziemlich wohlfeilen Kaufes davon. Mühseligkeiten und Angst aber hatten mich dermaßen erschöpft, daß ich fast ohnmächtig über einen Eisblock hinsank. „Nun ist's aus mit dir!“ Das war mein letzter Gedanke. Als ich nach einiger Zeit wieder erwachte - horch, da klangt wie der fröhliche Reigen eines Alpenhorns! „Jesus Maria, das Leben auf der Erde ist doch ein lustiges Leben!“ Das Johlen sorgloser Hirten? In diesem Klängen ging mir der Himmel auf, obwohl die letzte Strecke der Gletscherrinne nach oben so eng zusammenlief, daß ich ihn nicht sehen konnte. Um so größer aber wurde meine Sehnsucht nach seinem Lichte und die müden Beine thaten Wunder, Ich schritt rasch wieder vorwärts. Endlich hörte ich auch das Getöse des niederstürzenden Gießbaches näher und näher, die Wand vor mir that sich auf, und die sonnig warme Luft blies mich an. - Ich holte tief, tief Athem. - Wie mir da zu Muthe gewesen, lieber Herr, das kann ich nimmer beschreiben.




Aus der Fremdenlegion. Von deutschen Offizieren dienen in der britischen Fremdenlegion: Oberst von Aller, Kommandeur des zweiten leichten Infanterieregiments, früher in holsteinischen Diensten, Major Weiß,früher in holsteinischen Diensten, Kapitain Hinsching, früher in holsteinischen Diensten, Kapitain Bansen I, früher Wachtmeister in hannover’schen Diensten, Lieutenant Löffler, Kapitain Bansen II, Lieutenant Reimer, Lieutenant Rißler, früher preußischer Fähndrich, Lieutenant Gropp, früher in hannover’schen Diensten, Fähndrich Julius, früher in preußischen Diensten, Kapitain Schmidt, früher in preußischen, holsteinischen und brasilianischen Diensten, Lieutenant Basson, früher in holsteinischen Diensten, Kapitain von Brandi, früher in hannover’schen Diensten, Lieutenant Cauß, früher in holsteinischen Diensten, Fähndrich von Bünau, früher in preußischen Diensten, Kapitain La Croix, früher in holsteinischen Diensten, Lieutenant Heinecken, früher in österreichischen Diensten. Regimentsarzt Dr. Straube, früher auf Helgoland, Assistenzärzte: Dr. Dierkings, Sohn des bekannten Universitätspedells in Göttingen, Dr. Becker aus preuß. Minden.

Zweites Jägerregiment: Adjutant von Tempsky aus Braunschweig, Major von Jeß, früher in holsteinischen Diensten, Kapitain von Kropp, Sohn des Generale von Kropp in Berlin, Lieutenant von Wetzstein, früher in preußischen Diensten, Kapitain von Lilienstein, früher in preußischen und holsteinischen Diensten, Lieutenant von Reichenau, früher in nassauischen Diensten, Kapitain Hanßen, ein Badenser, früher in holsteinischen Diensten, Lieutenant Wilms aus Hamburg, früher in holsteinischen Diensten, Kapitain Schneidel, früher in holsteinischen Diensten, Lieutenant Rosenberg von Lipinsky, in preußischen und holsteinischen Diensten, Kapitain von Ohlzzen, früher in holsteinischen Diensten, Lieutenant Oehlschläger, früher in preußischen Diensten, Lieutenant Lottner, früher im preußischen siebenten Jägerbataillon, Kapitain Hartmann, Lieutenant Rasch, früher in hannover’schen Diensten, Kapitain Schultz, früher Lieutenant in Braunschweig, Kapitain Hoffmann, Regimentsarzt Dr. Steinau, früher in Berlin, Assistenzärzte: Jacobi und Schütz aus Göttingen. - Die Namen aller nicht deutschen Offiziere führen wir nicht auf, da diese uns wenig interessiren können, die der übrigen Regimenter folgen später.




Weihnachtsbücher. Unter den neuerdings erschienenen Gedichten möchten wir unsere Leser auch auf das jüngst in Berlin verschickte Poem: „Der Traum vom Himmel, von Ed. Schmidt“ aufmerksam machen. Es ist die rührende Klage eines Mannen um die verstorbene heißgeliebte Gattin, die ihm immer und immer wieder im Traum erscheint und seine Schmerzen und Thränen mit jeder Nacht von Neuem weckt. - In schmucker Form brillirt in den Schaufenstern das jetzt complet gewordene „Damen-Conversations-Lexicon,“ für das Wandbret über den Nipptisch einer Dame ein ganz praktisches und hübsches Weihnachtsgeschenk. Mit dem prachtvollen Einband der Saphir'schen Wilden Rosen, der sogar parfümirt dem Käufer oder der Empfängerin entgegen duftet, kann sich das Lexicon allerdings nicht messen. Freilich ist der Preis dieser Gedichte dadurch auch auf 8 Thlr. gewachsen.


Von  Bock’s Buch vom gesunden und kranken Menschen

habe ich eine Parthie sehr elegant in englischen Callico binden lassen. Preis 1 Thlr. 27 Ngr.

Leipzig.

Ernst Keil. 

  1. Siehe die Nummern 10, 14, 17 und 37 d. Jahrg.
  2. In der schon oben angeführten Schrift: „Dies Buch gehört dem König.“
  3. Solche Fälle sind ausführlich in einem jüngst erschienen englischen Werke: „Buckingham’s Selbstbiographie,“ geschildert worden.