Die Fremdlinge

Textdaten
<<< >>>
Autor: Johann Gottfried Herder
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Fremdlinge
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Sechste Sammlung) S. 329-341
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1797
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Gotha
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
De Zerstreute Blätter VI (Herder) 384.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[329]

 Die Fremdlinge.

     Gegrüßet seid ihr mir, ihr Morgensterne
Der Vorzeit, die den Allemannen einst
In ihre Dunkelheit den Stral des Lichts,
In ihre tapfre Wildheit Milde brachten. –

5
Beatus, Lucius und Fridolin,

Und Columban und Gallus, Magnoald,
Othmar und Meinrad, Notker und Winfred[1]
Ihr kamet nicht mit Orpheus Leierton,
In Phrygisch-wilden Bacchustänzen nicht,

10
Noch mit dem blutgen Schwert in eurer Hand;
[330]

In eurer Hand ein Evangelium
Des Friedens und ein heilig Kreuz, mit ihm
Die Pflugschaar war es, die die Welt bezwang.

     Graunvoller Anblick! – Undurchdrungner Wald

15
Bedeckte Thäler, Auen und Gebürg’,

Bis hinten unersteigbar hoch das Eis
Der Glätscher glänzt in kalter Majestät.
Aus Klüften stürzten Ströme wild herab
Felsen zerreißend. Tief im Hain erscholl

20
Das Kampfgeschrei der Männer und des Uhrs,

Geschrei der Weiber und Gefangenen.
Aus Höhlen zischten Drachen; am Altar
Floß Menschenblut dem Wodan. Oede lag
Das Feld umher in trägem Sumpf und Moor.

25
Der armen Hütte ärmste Nothdurft ward

Von hartgehaltnen Knechten arm bestellt. –

     Da wagten aus entfernten Landen sich
Von Gott erweckte Männer in das Graun

[331]

Der alten Nacht, durchwanderten das Land,

30
Arm, einsam, unbekannt, verfolget. Da

Versuchte sich Beatus übern See;[2]
Der ungestüme schwieg vor ihm. Er trat
Vor eines Drachen Kluft; der Drach’ entfloh,
Und ließ die Höhle jetzt zur Wohnung Ihm

35
Und seinem Freund’ Achates. – Lucius,[3]

Aus Königsstamm und jetzt ein Wanderer,
Zwang Auerstier’ ins Joch; und Fridolin[4]
Bracht’ aus der Gruft den Todten vor Gericht
Mit ihm zu zeugen.


[332]
40
 Dann verschaffete

Der Orden Benedicts der Sonne Raum
Die Erde zu erwärmen. Wessen Hand
Hat diesen Fels durchbrochen? diesen Wald
Gelichtet? jenen Seucheschwangren Pfuhl

45
Umdämmt, und ausgehackt die Wurzel-Knoten

Der ewgen Eichen? Wer hat dieses Moor
Zum Garten umgeschaffen, daß in ihm
Italien und Hellas, Asien
Und Afrika jetzt blühet? War es nicht

50
Gottselger Mönche emsig-harte Hand?


     Und wie den Boden, so durchpflügeten
Sie wildre Menschenseelen. Manchen Uhr
Belegt’ ein Heilger mit dem sanften Joch
Des Glaubens. Mancher Drache flog, besprochen

55
Vom mächtgen Wort, lautzischend in die Luft

Zur Ruh der ganzen Gegend. Leo ging

[333]

Dem Attila[5] und manchem Giselaar,
Und Gibich, Godemar und Gunthar ging
Ein Bischof fromm entgegen, sprach mit ihm

60
So lange, bis der Dämon von ihm floh;

Die freche, starre Geißel Gottes ward
Ums heilge Kreuz gewunden. Billigkeit
Und Milde trat im schlichten Mönchsgewand’,
Im Waldeskittel, wie im Priesterschmuck

65
Hin vor den Thron, und ins Gewühl der Schlacht,

Trat zwischen die Zweikämpfer, in den Rath
Der Ritter, und ins Haus- und Brautgemach,
Versöhnend, schlichtend, sanftverständigend.
Dem Knecht entfiel die Kette. Menschenkauf

70
Und Menschendiebstal traf des Bannes Fluch. –

Wie Tempel und Altar, so ward auch Heerd

[334]

Und Eh befriediget. Gedrückte wallten
Zur Stäte des Erbarmens. Hungernde,
Verfolgte, Kranke flohn zum heilgen Raum,

75
Erflehend Gottes Frieden, der am Bett

Der Sterbenden, im Aufruhr, Pest und Noth,
Erquickte, linderte, beruhigte.

     Weß ist der Erdenraum? Des Fleißigen.
Weß ist die Herrschaft? Des Verständigen.

80
Weß sei die Macht? Wir wünschen alle, nur

Des Gütigen, des Milden. Rach’ und Wuth
Verzehrt sich selber. Der Friedselige
Bleibt und errettet. Nur der Weisere
Soll unser Vormund seyn. Die Kette ziemt

85
Den Menschen nicht und minder noch das Schwert.

Der Allemannen Sitten und Gespräch
Sind nicht die besten Sitten. Das Gespräch
Von Bärenbraten, Auerochsenjagd
Und Weiberjagd und Mähr’ und Hunden – Doch

[335]
90
Genug, o Muse, lieber sage mir

Von Columban und Gallus, was du weißt.[6]


Verklungen war die Harfe Ossians
Im fernen West’, auf jenen Eilanden
Des sanften Galenstammes: Fingal lag

95
Im Grab’ und schwebte nur in Wolken noch.


     Was tönet jetzt aus neuen Wölbungen
Dort für ein andrer Klang? Nicht Ossians
Gesänge mehr; sie singen Davids Psalmen
Im feierlichen düstern Jubelchor.


[336]
100
Der Strom der Zeiten ändert seinen Lauf,

Und bleibt derselbe. Die zu Schlachten einst,
Zu Rettungen auf ferne Küsten zogen,
Errettend ziehn sie jetzt zu stillen Siegen aus.

     „Laß mich, o heilger Vater, (also sprach

105
Zu Comogellus Columban) laß mich

Mit meinen zwölf Gefährten über Meer
Und Land hinziehen, zu besänftigen die Welt.“

Er zog mit seinen Freunden über Land
Und Meer, bis er des Frankenkönigs Herz

110
Gewann. „Erwähle dir, sprach Siegbert,

In meinem Reich zu wohnen, wo du willst.“

In einer Wüste des Vogesischen
Gebürges fanden sie ein warmes Bad.
Sie bauten sich in alten Mauern an,

115
Hier Menschen zu erquicken Leib und Geist.

[337]

     Und viele Kranke walleten zu ihnen;
An Leib und Geist geneset kehrten sie
Zurück. Auch der Burgunderkönig kam,
Und bat den heilgen Mann um Lehr’ und Rath.

120
     „Thu deinen Aussatz von dir, König! sprach

Sankt Columban, und nimm ein ehlich Weib,
Zur Ehre dir und deinem Land’ und Stamm;
Von deiner Unzucht wasch’, o König, dich.“

     Brunhilde, Königs Mutter, hörte das;

125
Herrschsüchtig scheut sie eine Königinn,

Und haßte Columban. Er ward verbannt
Aus seiner Celle und aus Siegberts Reich.

     Jedoch die Meeresflut empörte sich,
Und bracht’ ihn wieder an den Strand. Er ging

130
Mit seinen Freunden bis zur Limmat hin,

Gen Arbon und hinüber nach Bregenz.


[338]

     Sie lehrten unermüdet, litten viel
Vom wilden Volk; (noch lehrt uns Columban
In seinen Schriften) bis er, ausgestoßen,

135
Die Alp’ hinüber ging zur Lombardei.


     Zu Füßen fiel ihm Gallus: „Laß mich hier
Zurück, den Sterbend-Kranken.“ – Columban,
Unwillig zwar, jedoch mitleidend ließ
Ihm Magnoald und Dietrich auch zurück.

140
     Erhebe dich, Gesang, vom Bodensee.

Zu jenen schönen Höhen, die uns einst
In heilgen Cellen das Verlohrene
Bewahrten, das noch jetzt die Welt belehrt.

     „In jenem Walde dort, ob dieser Burg,

145
Dort wo die Steinach aus dem Felsen springt,

Sprach Hildebald, ist eine Ebene;
Dahinten steigen Berge hoch empor.


[339]

     Nur ist Gefahr an diesem wilden Ort:
Denn Wolf und Bär kommt sich zu laben da!“ –

150
„Ist Gott mit uns, was thut uns Wolf und Bär?

Sprach Gallus, morgen, Brüder, ziehn wir hin!

     Und keine Speise kommt mir in den Mund,
Bis ich die Stäte meiner Rast erseh!“
So sprach der achzigjährge Greis und zog,

155
Besah das Land umher und betete.


     Er pflanzte einen Haselstecken statt
Des Kreuzes hin, und lebte wirksam dort
Mit seinen Brüdern Mang und Dietrich, trieb
Die Teufel heulend aus der Wüstenei.

160
     Er segnete den Bär und Wolf hinweg;

Die Schlange floh; er baute seine Cell’
Ins Nest der Schlangen, und die Ebne ward
Ein Garten, Fischreich, Fruchtreich, Segensvoll.


[340]

     Hier lebte Gall, verschmähend allen Reiz

165
Der Kirchenehren, wirkend weit umher

Mit Hülf’ und Trost; es flohen vor ihm Leid
Und Krankheit, Leibes und der Seelen Schmerz.

     Die schöne Wüste schenkt der König ihm;
Dann bauet’ er mit seinen Freunden dort

170
Ein Tempelhaus; der Heilige entschlief,

In Freundes Arm, ein fünf und neunzigjährger Greis.

     In seiner Celle folgt’ ihm Mang, sein Freund.
Nach funfzig Jahren stand ein Kloster hier
Und eine Bücherei. Mit Danke nenn’

175
Ich Ottmar, Waldo, Gottbert, Hartmuth, Grimmwald,

Der Bücher, Armen, und der Schulen Väter.

     Wer an Valerius und Cicero,
Lukrez und Silius, Quintilian,

[341]

Sallust und Ammian, Manilius

180
Und Columella sich erfreut; der sage

Sankt Gall und Mang u. allen Schotten Dank,
Die scotice mit altem Bardenfleiß,
Die Bücher schrieben und bewahreten.
Es lebe Benedictus und Sanct Maur,

185
Und wer uns je was Schönes aufbewahrt.



     Der Helden Fußtritt ist mit Blut gefärbt;
Bekehrungscolonieen gehen oft
In Staatslist über. Gute Galen, Euch,
Die bis gen Lappland, bis zur Lombardei

190
Die Völker lehrten, Bücher sicherten,

Nachkommen Euch des Menschlichsten der Helden,
Des Menschlichsten der Sänger[7] Ruhm und Dank!


  1. Bekehrer Deutschlands in der Schweiz, in Schwaben und am Rhein.
  2. Den Brienzer und Thuner See. Beatus hat den Namen St. Batt in der Volkssprache.
  3. Lucius, der Sage nach ein Brittischer Königssohn, Bekehrer der Graubündner.
  4. Fridolin, Bekehrer derer von Glarus und der Rheinanwohner. Zu Seckingen auf einer Insel des Rheins begraben.
  5. Attila, der Hunnen König. Leo 3. ging ihm in die Lombardei entgegen und rettete Rom. Giselaar, Gibich u. f. sind Könige der Allemannen und Burgunder.
  6. Gallus heißt ein Gale. Columban und seine Gefährten waren nicht von Fingals Stamm, aber edle Schotten, (Scoten) aus Erin (Nord-Irland) gebürtig. Der erste Zug Columbans war in die Hebriden, (die westlichen Inseln bei Schottland.) Auf Hy oder Iona war ein Chorherrnstift errichtet, nach einer morgenländischen Regel. Von da begaben sich viele nach Bangor, einem berühmten Kloster in Wales; von da in die mittäglichen Länder. S. Müllers Geschichte der Schweiz Th. 1. S. 158. 205. u. f.
  7. Fingal und Oßian.