Die Frauentage und die Frauenbewegung

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Titel: Die Frauentage und die Frauenbewegung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 718
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Frauentage und die Frauenbewegung.


Während sich auf dem Niederwald die festlichen Vorbereitungen zur Einweihung des Nationaldenkmals vollzogen, hatte sich in dem nahen Düsseldorf eine Schaar Frauen aus allen Gauen Deutschlands zusammen gefunden, um vom 25. bis 27. September den dreizehnten Frauentag des „Allgemeinen deutschen Frauenvereins“ abzuhalten. Der Verlauf desselben erfüllte alle Betheiligten mit hoher Befriedigung und hat, nach den vielseitigen Kundgebungen aus der anmuthigen Künstlerstadt zu schließen, wiederum den beabsichtigten Zweck erreicht, die erwünschte Propaganda für die sittlich ernsten Bestrebungen dieser weiblichen Pioniere in weitere Kreise getragen.

Diese Thatsache muß mit anfrichtiger Freude begrüßt werden, denn wiewohl die Frauenbewegung in Deutschlaud seit zwei Jahr- zehuteu die bedeutendsten Fortschritte gemacht lllld Tüchtiges ge,- leistet hat, um der heranwachsenden weiblichen Illgend eine den Zeitsorderungen entsprechende- praktische und geistige Ausbildung zu ermöglichen ltnd neue Berufswege zu eröstnen, so ist trotzdem das Verständniß für diese Brskredllttgetl noch kein allgemeiues. Iu Folge desseu wird auch die Aukündigung der Frauentage au vielen Orten mit gewisser Beuuruhigung aufgenommen. Was wollen diese fremden Frauen von den uusrigeu? Wie werden sie auf dieselben wirken? Das sind Fragen, die man fast überall vernimmt.

Sind diese Befürchtungen auch berechtigt?

Sehen wir uns nun die deutschen Frauen, die seit Jahren an diesen Tagen sich betheiligen und die hervorragendsten Verdienste um die Lösung der Frauenftage in Deutschland sich erworben haben, genauer an, lauschen wir ein Weilchen ihren Vorträgen und fragen wir nach ihrem früheren Leben und Wirken! Da wird uns nun ein interessantes und erhebendes Stück der Zeitgeschichte entgegentreten, ein Bild jener Tätigkeit sich vor unsern Augen entrollen, die in aller Stille rastlos an der sittlichen Hebung und Vervollkommnung unseres Volkes arbeitet. Wer da dachte, er würde hier einer wüsten Emanzipation begegnen, der wird beschämt den Hut abnehmen müssen und den Kämpferinnen für die Rechte der Frauen auf deutschem Boden gern den wohlverdienten Lorbeer gönnen.

Treten wir also ein in den Versammlungssaal des letzten Düsseldorfer Frauentages!

An der Spitze des grünen Tisches sitzt Frau Dr. Louise Otto Peters, die Begründerin des „Allgemeinen deutschen Frauenvereins“ und Vorsitzende desselben seit der ersten Versammlung [719] deutscher Frauen, welche sie 1865 nach Leipzig berief, wo kurz vorher der erste "Frauenbildungsverein" in's Leben getreten war.

Eine wunderbare Ruhe und Festigkeit blickt aus den Zügen dieser Frau, welche durch ihr ganzes Leben bewiesen hat, daß sie unter allen Verhältnissen Charakterstärke, Gesinnungstreue und Rechtsliebe bewahrte. Louise Otto wurde 1819 zu Meißen geboren. Eine glühende Freiheitsliebe und echten deutschen Sinn bekundete sie seit ihrer Jugend, und ihr warmes Herz für die nothleidenden Schwestern zeigte sich im Jahre 1848, wo sie, als in Sachsen eine Commission zur Organisation der Arbeit zusammentrat, eine Adresse an die Volksvertretung und den betreffenden Minister richtete, in welcher sie auch um Berücksichtigung der Arbeiterinnen bat.

Im Jahre 1849 redigirte sie die erste Frauenzeitung in Sachsen. Ein Jahr früher hatte sie August Peters (als Dichter Elried v. Taura) kennnen gelernt. Näher trat sie ihm, als er, ein Kämpfer für die Reichsverfassung, zu Rastak zum Tode ver-, urtheilt war. Nachdem das Urtheil ausgehoben und er ill's Zellen-, aesängniß zu Bruchsal gekommen war, verlobte sich Louise Otto dort mit ihm, in Gegenwart des Aussehers, durch ein Gitter vvn dem Geliebten getrennt. Sie blieb der Ellgel seines Gesang,- nifles, bis er 1.05^ die Freiheit erhielt. Ihre Romane llnd Dichtungen find bekannt. 1050 erfolgte ihre Vermählung mit A. Peters, mit dem sie die "Mitteldeutsche Volkszritung" herausgab, doch löste der Tod das glückliche Ehebündniß schon im Jahre 1004.

Seit 1805 trat Louise "Otto-Peters energisch ttud begeistert fll.'e das Necht der Frau ein. Seit achtzehn Jahrett redigirt sie im Verein mit Fräulein Auguste Schmidt, der Mitbegrüuderiu des "Allgemeinen deutschen Frauenvereius, dessen Organ "Nene Bahnen" (Verlag von Moritz Schäfer in Leipzig). Als stetige ersitzende leitete sie alle Frauentage ttud Versammlungen mit Gleichtnuth und Umsicht.

Wie ein Orchester der verschiedensten Instrumente, welche je,, doch harlttmusch im Eoneert zusammenstimmen, so verschieden silld die Persönlichkeiten der Frauen, welche mit Louise Otto den Vor,- stand des "Allgemeinen deutschen Frauenvereins^ bilden.

Keinen größeren Gegensatz vermag man sich vorzustellen, als bell von Louise Otto mit der keinen gedrungenen Gestalt und Auguste Schmidt. Diese, eine imposante Figur, mit einem Kops, dessen ausdrucksvolle, ledhaste Züge und geistsprühende dunkle Augen von ehemaliger außergewöhnlicher Schönheit sprechen, hat eine vollklingende Stimme, deren warmer Brustton Ieden sympathisch berührt. Sie besitzt eine seltene Rednergabe im speien Vortrag, weshalb ihr bei den meisten Frauentagen die Ausgabe zufiel, in der ersten öffentlichen Versammlung durch eine Ansprache gleichsam das Programm der Bestrebungen darzulegen.

Auch in Düsseldorf hielt sie am selben Abend vor einem zahlreich erschienenen Pnblienm die Begrüßungsrede, aus welcher tief innerliche Ueberzeugung und Begeisterung sprach und geist- reiche Dietion wie schwullgvolle Ausdrucksweise die Zuhörer fesselte. Sie ging von dem Widerstreit zwischen Bildung uttd Eultur., zwischen Ideal und Wirklichkeit aus und bewies, wie nur wahre Geistes,- und Gemüthsbildtlng im Stande sei, den Kampf ttnl das Dasein mit sittlicher Kruft aufzunehmen. Ieglicher Mangel an Gelegenheit für das weibliche Geschlecht zttr Atts,- bildnltg für das prakische Leben und für eitlen Fachberus sei Veranlassung gewesen, daß im Jahre .1005 ein Häuflein mul luger Frauen zufammengetrrten, um den nothleidenden Schwestern, den a.llritlstel^ Fronen tteue Bahuen zu eröffuen, auf dettett sie eineu festen Boden gewinnen in dem Eultttrkamps der Gegenwart, dem Ringen um's Dasein.

Mau hatte die Fran.. von jeher gelehrt, daß ihr Platz uur im Hause, ihr Wirkell nur iil der Ehe und in der Erziehung der Killder sei, allein die Verällderullgen und Unlgestultungen im soeialett ltnd wirthschafllichen Leben durch das Maschinenwesen ttnd erleichterten Vöfkerverkehr habeu dem Hause einen total ver- änderten Eharaker gegeben. Dttrch die Massenproduetion wurde eine Mettge Haus- und Handarbeit entbehrlich , die früher das ganze Frauenleben ausgefüllt habeu. Die zugleich sich immer mehr strigertldelt Lebensbedürfnisse machten Einschränkungen nothwendig, welche das Heirathen erschwerten; so wuchs die Zahl der uuver,- heirateten Frauen, die darauf angewiesen warell, sich selbst zll erhaltell, wollten sie nicht sittlich untergehen. Auf welche Weise aber sollten die Frauen erwerben, da sie, im engsten Rahmen des

Hauses nur zll mechatlischer Arbeit angehalten, nie gelernt hatten, diese zu verwerthell? Ia, sie wurden sogar verhindert, für Geld zu arbeiten, weil dies als eine gesellschaftliche Ertliedrigung galt.

Diesent Vorurtheil entgegenzuarbeiten, schrieb der "Allgemeine Fraueuverrill" das erlösende Wort auf sein Baulter : "Die Arbeit ist eine Pflicht lllld Ehre für die Frau wie für den Malta" - und "die Frau ist zu jedem Beruse berechtigt, zu dem sie besähigt ist^.

Um seiue Ideale zu verwirklichen, wurde Anregung zur Orgauisation von Frauenbildungsvereinen gegeben, welche Mädchen- Fortbildungsschufelt errichteten und jegliche Frauenarbeit förderten. Dies geschah im Anschluß an die Frauentage, welche, außer mehr- ulals in Leipzig, dem Hauptsitz des Vereius, in Brauuschweig, Kastel, Eisenach, Stuttgart, Gotha, Fratlkfurt am Main, Hannover, Heidelberg und Lübeck stattgefunden hatten.

Zunächst galt es, durch gritttdlichere und umfassendere Bildung den Frauen jene Befriedigung zu geben, welche aus dem Be- wußtseiu fließt, daß unser Dasein rinen Zweck habeu müste in der großen Vökersamilie.

Diese ausgezeichnete Rednerin, die Tochter eines höheren ^flieiers in Breslau, widmete sich dem Beruf der Lehrerin und Schulvorsteheritt. Vom Jahre .1802 an wirkte sie in Lespzig alt der Schule des Fräulein von Steyber sieben Jahre und über- nahm die Dirertnm derselben nach deren Tode im Jahre 1800. Thakrästig begann sie diese Uuterrichtsallstalt uach den jetzigen Bildungsansprüchen zu resormiren und an sie ein Seminar für Lehrerinnen zu schließen, das sich eines Rufes der Vorzüglichkeit erfreut. Das Zusammenwirten mit berttfstreueu verschmälerten Verwandten erluöglichte neben der vielelassigen Schule die Auspecht- haltung eines größeren Pensionats von Mädchen, die hier die Grundlage zll einem beledigenden Leben empfangen.

Uuter den Vorstaudsmitgliedern des "Deutschen Frauen- vereinst ist Frau 1)r. Henriette Goldschtnidt geb. Benas eine der begabtesten,. geistreichsten Frauen und Rednerinnen, welche gleich - falls durch ihre Eröfspttugsredeu manchem Frauentag den Erfolg vott vortthereiu gesichert hat. Die zierliche, keine Frauengestalt mit dem interessanten, ausdrucksvollen Gesicht und den leicht be,- weglichen Zügen ist die Trägerin energisch durchgeführter Reform- bestreblnlgell für die weibliche Erziehung. In Krotoschin, in der preußischen Provinz Posetl, geboren, verheiratete sie sich mit dem Rabbiner 1tr. Goldschmidt, an desten Seite sie erst fünf Jahre in Warschau lebte ttud seit fünfundzwanzig Jahren in Leipzig ihren Wohnsitz hat. Auch ihre öffentliche Wirksamkeit begann ntit der im "Allgemeinen deutschen Fmuenverein. Unabhällgig von demselben war sie in Leipzig Mitbegrüuderiu des "Vereins sür Falllilien- und Vokserziehung".

Vier Volkskndergärten und eine Bildungsanstalt für Kinder- gärttterinnen, aus der bereits dreihmtdert geprüfte Iltgelldführerin tt ett hervorgingen, sittd der Obhut der Frau Goldschlnidt als Vorsitzende des Vereins auvertraut; ihre Hauptaufgabe ist die, eine höhere Lehrauftalt für den erziehlichen Beruf des Weibes zu schaffen. Zur Verwirklichung dieses Gedankens begründete sie im Verein nlit hochangesehenen Männern der Wiffenschast das "Lyeenm für Damen" itl Leipzig, das einzige in Dentschlalld, das mit Volks- kindergärten in Verbilldllllg steht , welche den jttugen Damen Gelegenheit geben, sich für den erziehlichen Berus vorzubereiten. Ill diesent Lyeenm sindet auch die Kunst ihre Lehrstätte; ilt dem Modellkreursus ist schon Hervorragendes geleistet worden.

Die hohe Begabung für die Redekttttst verschaffte Frau 1)r. Goldschmidt Einladungen nach Kassel, Brauuschweig, Bremen, Lübeck , Stettin , Mannheim , Mainz :n:. , wo sie Vorträge hielt, welche für die Frauenbewegung von großem Nutzen waren nnd iu dettett sie unter Auderem für die Kittdergartettschnle plaidirte, itt ihrer Bedeutttug für den Fortbildungsuttterricht der weiblichen Iugend.

Außer in zahlreichen Brochuren faßte sie ihre Ansichten zu,- satllttten in dem Buche: "Ideell über weibliche Erziehung" (Neißuer, Leipzig). Auch auf dem Düffeldorser Frauentage hielt Frau 1)r. Goldschlllidt einen Vortrag über die Reform der weiblichen Erziehung, der um so mehr züudete, als man fühlte , daß Alles, was die Rednerin so scharfsinnig wie logisch darlegte, auch voll ihr im Lebett ttud Wirken betätigt worden war.

Fräulein Marie Calm aus Kastel ist den Lesern der „Gartenlaube“ als begabte Schriftstellerin bekannt, sie schrieb unter Anderem auch für junge Mädchen „Blick in's Leben“", "„Weibliches Wirken“, [720] "Echter Adele, "Daheim^ und "Draußen^, auch Novellen, Romane und Gedichte.

Marie Ealut, 10^2 als die Tochter des Bürgermeisters in Arolsen geboren, bildete sich ihrer innersten Neigung nach als Lehrerin aus, ging ein Jahr nach Genf, um die spanzöstsche Sprache gründlich zu erlernen, war sieben Jahre in England und Nußland als Erzieherin und überttahm, als sie heimgekehrt, zwei und eitt halbes Jahr die Vorsteherschaft einer Töchterschule zlt Lennep.

Begeistert schloß sie sich im Jahre 1005 an den "All- gemeinen deutscheu Franenverein^ an, in dem sie eine agitatorische Wirksamkeit entfaltete. In Kastel begründele sie mit anderen Damen einen Zweigverein, aus dem eine "Fachschule für ehn.- sirmirte Mädchen^ hervorgegangen ist, welche, Dank ihrer Vortrest,- lichkeit, sich der Unterstützuttg der Behörden erfreut. Jetzt der Vereins thätigkeit als Vorsitzende des "Frauenbildungsvereinse tnit voller Kraft sich widmend, hat sie zu unterrichten aufgehört.

Außer den genannten Damen sind es Fräulein Marianne Menzzer in Dresden, Frau Stadtrath Wiuter in Leipzig uud Frau Liua Morgenstern in Berlin, welche den Vorstand des "Allgemeinen dentschen Franettvereius^ vervollständigen. Die keine Gestalt der Ersteren mit dem vom weißen , schlichten Scheitel umrahmten lieben, ehrwürdigen Gesicht, verbirgt eiueu hohen edlen Sunt, ein warmes Gemüth für die Leidenden nnd Unterdrückten. In stiller bescheidener "Znrtickgezvgelcheit lebend, nahm sie dentloch von Beginn an lebhaften Antheil am "All-, gemeinen deutschen Fratteuvereitt^, auf dessett Versamutluttgett sie die Lohttsrage der Arbeiteriuueu aus das Eingehendste erörterte.

Durch ihre auf statistische Beweise begrüudeteu Aukageu der Arbeitgeber, sowie durch etu mühselig zusammengeholtes Ma,- terial über das Elend der Arbeiterinnen wnßte sie tnit ihrett einfachen, einem edel entrüsteten Gemüthe entsprossenen Worten die lebhafteste Sympathie der Znhörerinnen zu erwecken, so daß als nächste Aufgabe der Betheiligten beschlosten wurde, über ganz Deutschland Frattenvereiuigungen zum Rechtsschutz der Arbeiteriuueu ztt veraulasseu, die sich in jeder Beziehung der hülsloseu Arbeiteriuueu anznnehtnen und sie vvr Ausbeutung zu schützen haben.

Der Vortrag des Fräuleiu Menzzer stel in die letzte Düsses,- dorser öffentliche Versammlung. Uuter den Theilnehtueudeu war es Fräuleiu Ioh. Friedr. Wecker aus Frauksttrt am Maitt, welche gleich luit einer That antwortete, indem sie erkärte, die Inikative bereits ergrissen zu haben: noch in diesem Winter werde sie Feier,- abendsäle 'für Arbeiterinnen eröffnen und damit versuchen, ver-- bessernd auf das .Laos derselben, ihre sittlichen Anschauungen uttd ihre materielle Lage einzuwirken.

Weungleich Frau Stadtrath Wiuter dasjettige Vorstands,- ntitglied ist, das felteu eiueu Frauentag befucht oder soust in die Oessetttlichkeit tritt, so hat sie doch eitteu der wichtigsten Ehrenposten, als Schatzmeisterin des Vereins, den sie feit 10 Jahreu mit att-, erteuuenswerther Pflichttreue und Umficht vertritt"

Hier sei gleich bemerkt, daß ein Jahresbeitrag von 0 Mark jede uubescholteue Frau berechtigt , Mitglied des ,,Allgementeu deutschen Fraueuvereius" zu werdett, und jeder Zweigvereitl für je 400 Mitglieder 0 Mark an die Haupteasse zu zahlen hat, womit die Vereiuskofteu gedeckt werden. Außerdem besteht eine Stipendien-, easse für weibliche Studireude"

Die keine Fran mit der Brille, an die wir uns jetzt wenden, ist unfern Lefern wohl bekannt, denn gerade in letzter Zeit hat die ,, Gartenlaube" gelegentlich der Hygiene,-Ausstellung auf ihre Ver,- dieuste mehrmals hinweisen können. Es ist Frau Lina Morgen-, stern, die sich vor den audertt Dameu uamentlich durch ihrett praktischen Sinn und ein hervorragendes Organisationstalent aus,- zeichnet.

In Breslau am 25. November 1ZZ0 als das dritte Kind des Fabrikanten Albert Bauer und seitter Frau Fanny, geb. Adler, geboreu, erhielt sie von ihrer Mutter eine sehr sorgfältige Erziehung uud das Beispiel, sich luit felbftloser Hingebung wohlthätigen uud gemeinnützigen Werken zu widmen und darin den höchsten Lebenswerth, nächst eiuem beglückenden, friedlichen und geordneten Familienleben zu erkeutteu. 1040 begründete sie an ihrem Ge,- burtstage den in ihrer Vaterstadt noch heute bestehenden "Pfennige verein zur Uuterstützung armer Schukinder".

Nachdem ihre Verheiratung mit Theodor Morgenstern sie im Jahre 4854 nach Berlin geführt, gab sie fich als Lieblings- brschästigung in den Mußeftuuden, melche die Pstege der Kinder

. freiließ, der Dichtung und Schriftsteller^ hin. Ihre "Iuaend- ^ schristen" und "Kindererzählungen" sind meist der eigenen Kind- heit und dem Umgang^ mit den eigenen Kindern entnommen.

Im Jahre 4050 schloß sie sich den Frauen und Männern an, welche den "Verein znr Beförderung der Kindergärten^ in Berlin begründeten, deffen Vorsitzende sie sünf Jahre lang bis 1000 gewesen ist. Die Frucht ihres Fröbel- Studiums war das für Mütter geschriebene Büch "Das Paradies der Kindheit^ nud mehrere Kiuder,- und Iugendschristen. Innerhalb des Vereins begründete sie neben dem bestehenden Seminar für Kinder- gärtnerinnen" das "Kinderpflegerinnen -Instante. Mit Vorliebe wirtte sie für Verbreitung der Volkskindergärten.

Der Krieg von 1000 gab ihr Veranlassung znr Gründung des ,,Vereius der Berliner Volkskücheue, den sie, Dattk den treuen Mithelfenden, die sie gefunden, mit ausdaueruder Euergie feit bald achtzehn Jahreu leitet und der zugleich Nachbildung in vielen Städten und Fabrikorteu gefunden hat.

Die Ereeste der sogeltannten Engelmacherinnen und die große Kindersterblichkeit bei den Armen gab ihr den Gedanken, imJahre 4008, im Znsammenwirten mit tüchtigen Frauen und Mäuuern, den "Kinderschutzverein" in's Leben zu rufen, den sie als Vor- sitzende bis 10^1 leitete und der noch hente Huuderte von Kindern rettet, die fonst dem Uutergaug geweiht worden wären.

Der Eiutritt in den "Allgemeinen dentschen Frauenverein" ließ sie der Erziehungsidee erwachsener Mädchen ihre volle Auf,- mertsamkeit zuwenden Um ihrerseits ein Ideal zu verwirkichett, das ihr dabei vorschwebte, errichtete sie 1800 im April aus eigene Kosten eine ".Wissenschaftliche Fortbildungsschule für junge Damen", der sie bis 18^8 vorstand und welche sie alsdaun nur aufgab, weil das eigeue Haus sie zu sehr beanspruchte. In dieser sehr besuchten Attstalt gab sie selbst, neben einer großen Anzahl mann,- licher Lehrkräfte, den Unterricht in Kindespstege und Erziehungs- lehre. Verbuuden mit dem Institut war ein Privatkindergarten, in welchem die Fortbildungsschülerinnen hospitirten.

Während des Kriegsjahres 48^0 und 18^1 überttahm sie die ..Oberlritnu^ bei der Verpflegung und Erfrischung durchziehender Truppett auf den Oft- und Niederschlesischen Bahnhöfen,. unterstützt von den Vorsteherinnen der Berliner Volksküchen und audertt Damen.

Die in jedes Hauswesen lies eingreifenden wirthschastlichett Veränderungen in Folge der Gründerjahre waren Veranlassung, daß die keine Frau ihre Mitschwestern ansforderte, znr Selbsthülfe ztt greifen, um die häuslichen Illteressen der Familie zu wahren, uud so begründete sie mit Gesinnungsgenossinnen den ....Berliner Hausfraueuvereiu", der die zersplikerten Fraueukräfte aufforderte, sich zu einer Macht zu vereiuigeu, um erfolgreich gegen die das Haus gefährdenden Uebelstände auznkämpfen. Seit zehn Jahren besteht dieser Verein, deffen Einfluß auf den Lebensmittelmarkt die hiergegen errichteten Verkaufsstätten vorläustg überstüsstg macht, während er nach anderer Richtung hin Veranstaltungen traf, die einen dauernden Segen für Frauenwohl haben, wie die ttuetttgelt- liche Stelleu,- und Arbeitsvermittelung, die Kvchschttle, die Prämien-, uud Altersverforgungseaste für Dienstboten u. a. m. Seit zehn Jahren redigirt Frau Morgeusteru die "Detttsche Hausfrauen- zeitung", Organ des Vereins und der gespannten Fraueninteressen, welche sich zu eiuem wahren Anwalte für das weibliche Geschlecht, seiue Pstichten und Nechte herausgebildet hat.

Ihre letzte Vereinsstiftung nnter Mitwirkung attderer Damen ist eine "Hansindustrie,- und landwirthschastliche Schale für mino-, rentte Mädchen, die aus dem Gefängnisse kommen"; dieselbe steht seit 1880 unter Leitung eines größeren Damen-Eomites, das seitte schwierige Aufgabe uach Kräften zu löfeu fucht.

Die Theilttahme an den Frauentagen war für die vielbeschäftigte Frau stets ein freudiges Ereigniß; chres Levens Sonnenstrahlen aber find ihre erwachfenen Kinder, drei Töchter und zwei Söhue ttud das glückliche Ehelebeu mit ihrem Manne, Theodor Morgen- stern, der alle ihre Bestrebungen begünstigte" -

Unter den vielen Franen, welche hervorragende Verdienste nttt den "Allgemeinen dentschen Frauenverein" hatten, netlue ich befollders Emma Laddey in Müuchen und Frau Profestor Weber iu Tübiugen. Die Letztere, welche in Düsteldorf einen dnrch schlagenden Erfolg mit ihrem Vortrage: "Die Pflichten der ge-, bildeten Frau gegett die Frau alls dem Volk" hatte, ist eilte der liebenswürdigsten Persönlichkeiten In ihrer äußeren Erscheinung repräsenkrt sie die echte deutsche Hausfrau, aus deren freund-.

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Die Gartenlaube (1883) b 721.jpg

Die Führerinnen der Frauenbewegung in Deutschland. Originalzeichnung von Adolf Neumann.
Fräulein Marie Calm.               Frau Henriette Goldschmidt.
Frau Louise Otto-Peters.     Frau Lina Morgenstern.     Fräulein Auguste Schmidt.
Fräulein Jenny Hirsch.               Frau Anna Schepeler-Lette.

[722] lichen Gesichtszügen ein menschenfreundliches würdevolles Gemüth spricht. Sie wurde am 10. August 1829 aus dem Gute ihres Vaters, Herrn Walz auf dem Schweizerhof bei Ellwangen in Württemberg geboren. und zog mit ihren Eltern später nach Hohen,- heitn, wo der Vater Dtrertor der Landwirtschaft"..-. und Forstakadeune wurde. Sie heiratete den Laudwirthschaftslehrer l.tr. Weber, welcher später Professor an der Universität Tübingen würde. ^ Jahre lang lebten sie auf dem Lande, ihrem. Gute .Bläsieberg.. Hier bildete sich im Verkehr mit dem Volke das Verständnis, der human fühlen- den Frau für deflen Bedürfnisse.

Seit 10^0 nach Tübingen in's eigene Hans übergesiedelt, waudte sie alle freieZeit humanen Vereinen zu, die sie zum großen Theil selbst begründet und in denen sie die Mission der soeialen Pflichten der Frau erfüllt. über die sie so meisterhaft geschrieben hat. Soeben erscheint von ihr eine B Mission der Hausfrau^.

Eilt halbes Jahr später, als der "Allgemeine deutsche Frauen- derein", wurde zu Berliu aus Anregung des verewigten Präsidenten Lette, an deflen Namen sich so viele Schöpfungen für's Wohl der Menschheit knüpfen, ein Verein zur Förderung der Erwerhsfähi^eif de..., weiblichen Geschlechts beo.lmudrt, der bald nach dem Tode des Stifters den Natnen ,,Lette.-Verein" annahm. Der Begründer, der zugleich Vorsitzender war, übergab alsbald das Amt der Schrist- führung einer Dame, welche bereits delt erstell Frauentag zu Leipzig besucht und sich stets mit delt Bestrebungen fnr Frauen- erwerb und Frauenerziehung beschäftigt hatte. Es war Ieltny Hirsch, geboren den -25. November .1020 zu Zerbst, welche dies Ehrenalnt mit großer Umsicht unterbrochen bis zum -..sprsl 1008 verwaltete^ ilt ihrer Eigenschast als Schriftfuhrertn besuchte sie die Frauentage zu Berlitl, Darmstadt, Hamburg,. Wiesbaden, Breslau und Lübeck. Voll 10^0 bis 1081. redigirte sie delt "Franenanwak". Seit dem ..^prir dieses Jahres hat .sich Ienny Hirsch von aller Vereinsthätigkeit zurückgezogen, lllll sich ausschließlich der schriftstellerischen Thätigkeit zu widmen, die sie schon von 1800 bis l004 als Mitglied der Nedartion des "Bazars"^ geübt hatte.

Nach des edlen Präsidenten Lette Tode leitete ellle. zelflang Professor von Holtzelldorss den nach. seinem Stisl^r genannten "Lette,-Verenl^, bis die älteste Tochter des Verstorbenen den Vorsitz übernahm, welche seit .l055 ihrem Vater .bereits eille wesentliche Stütze gewesen war.

Frau Allna Schepele'r Lette, welche als Deleg^trfe des von ihr vertretenen Vereins den Frauentag zu Düsseldorf besucht hat, ist 1020 zu Soldin geboren, verbrachte ihre Illgelldjahre ill Frankfurt an der Oder und Berliu , wohin ihr Vater versetzt

worden war, und begleitete denselben 1.040 nach Frankfurt am Main, als er zum Abgeordueten tn^s deutsche Parlament gewählt worden war. Hier entschied sich ihr .. Lebensschicksal. Sie lernte den Großhändler Herrn Schepeler lettnen unb wurde dessen Gattin. Allein ihr Ehegluck wurde durch den Tod ihrer Kinder, durch langes Leiden und den Tod ihres Mannes getrübt, und Frau Schepeler, die ihm allzeit eine treue Freundin, Beraterin und Pflegerin ge,- wesetl, zog nach seinem Verlust auf delt Wunsch ihres Vaters 1000 Berlin ; doch auch hier entzogen sie bald wieder ernste Pflichten ^ Wirksamkeit llach anßen hin. Der Vater erkranke. Monate g war sie ihm nebst der liebreichen Schwester eine unermüd- liche Pflegerin bis zu seiuem am ..... Deeember 1000 ersolgtelt Tode.

Es ist ihr gelungen, das Werk de^edlen Vaters zu eitlem Muster uller ähnlichen Bestrebungen zu machen, aber sie hat au hr ganzes Sein dasür eingesetzt. Das Leke-Hans in Verl all seinen segensreichen Anstalten ist das schönste Denkmal, deln Stifter errichtet ist. In ihm wird die Erziehung der Frau zur Arbeit gepflegt, die .Berul^bildultg, lllld es wird auf immer neue Mittel und Wege gefonnen, die Schranken wegzuräumen, welche einer Eutfaltung geistiger Kräste und technischer Fertigkeiten der Frauen hindernd illl Wege stehest. 10^ unternahm Frau Schepeler^Lettr die Neise nach Amerika, um aus der Weltausstellung zu Philadelphia und ilt andern bedeutenden Städten weibliche Uttterrichtsatlstalteu und Unterrichtsmittel kennen zll lernen.

Im Jahre 1000 berief der "Lette-Vereiu" einen Frauelltag llach Berlitl, auf welchem die Erwerbs,- und Bildullgsvereine zu einem^rbaude zusammentraten , welcher delt ^Leke-Verrin" als geschäftsführelldeu Leiter wählte, lllit der Bestimmtlug, alle zwei Jahre einen Frauentag da abzuhaken, wo schon Verbandvereine bestehen utl.d ein Austausch der Ersahrungen stattsinden, neue Anregtlltgelt gegebell werden sollen. nachdem bis zum Jahre 1.0^ beide Verrinsgruppen neben einander ohne jegliche Verbiudlltlg tagten, wurde auf dem Frauentage zu Frankfurt am Main eille Vereillbarung getroffen, von da ab gegeltseitig Deputirte zlt den Jahr um Jahr abwechselnd abzuhaltenden Versammlungen zu senden. Dleselt ^odus siegreich durchgeführt zu haben, mar eiues der letzten guten Werke der hoch verdienstvollell Luise Büchner ans Darmstadt, deren Name unsterblich und hervorragend fort,- lebell wirb ilt der deutschen Frauenbewegung.

Diese Frauenbewegung wie wir sie nunmehr kennen gelernt haben, kann nur unsere Sympathien erwecken, und wir schließen mit dem herzlichen Wunsche, daß diese Zeilen dazu beitragen mögen, dies edle Streben deutscher Frauen mehr und mehr zu verbreiten und zu fördern.