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Die Entstehung von Schöneck (Ziehnert)

Textdaten
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Autor: Widar Ziehnert
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Titel: Die Entstehung von Schöneck
Untertitel:
aus: Sachsen’s Volkssagen: Balladen, Romanzen und Legenden. Band 2, S. 89–96
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1838
Verlag: Rudolph & Dieterici
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Erscheinungsort: Annaberg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Indexseite
[89]
10.
Die Entstehung

von
Schöneck.

[90] Schöneck, ein sogenanntes Freistädtchen im voigtländischen Amte Voigtsberg, ist der höchstgelegene Ort des voigtländischen Kreises. Nachstehende Erzählung, obgleich eben nicht unwahrscheinlich, ist doch wohl eine später gedichtete Erklärung des Namens Schöneck, den übrigens die rauhe, wilde Gegend wohl blos der Aussicht wegen verdienen möchte. Schöneck ward vermuthlich im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts gegründet.




[91]

Der Landvoigt Heinrich 1) reitet
     frühmorgens in den Wald,
laut klaffen seine Rüden,
     sein silbern Hiefhorn schallt.

5
Er sprenget dem Gefolge

     ein fein Stück Wegs voraus,
da stöbern seine Rüden
     ein Bärenlager aus.

Wild stürzt heran die Bärin,

10
     anhält der Voigt sein Roß,

und schießt nach ihr den Bolzen,
     doch fehl geht sein Geschoß.

Rasch aus der goldnen Scheide
     reißt er sein blankes Schwert,

15
das ihm im Schimpfturniere

     die Kaiserin verehrt.

Schon ist die Bärin nahe!
     Er hetzt die Rüden an,
die packen jach im Nacken

20
     das Thier mit scharfem Zahn.


[92]

Die Bärin brüllt vor Schmerzen,
     und reißt sich wüthend los,
und haut die scharfen Tatzen
     tief in des Ritters Roß.

25
Der Landvoigt ist verloren!

     Zu Boden stürzt sein Roß,
das Schwert ist ihm zerbrochen,
     und fern der Jäger Troß!

Da läuft mit seinem Schürbaum

30
     ein Köhlerbub’ daher,

so keck, als ob die Bärin
     ein duldig Lämmlein wär’.

Schon hat der Bärin Tatze
     des Voigtes Arm gefaßt,

35
da knickte ihren Nacken

     des starken Schürbaums Last.

Drauf zieht der Köhlerbube
     sein Messer vor, und stößt
es in des Thieres Gurgel:

40
     „Härr Voigt, ihr seid ärlöst!“ 2)


Da spricht der Voigt: „„Mein Retter,
     sag an, was forderst du
zum Dank? Ich war des Todes,
     kamst du nicht noch dazu!““

[93]
45
„Ko sei! – spricht drauf der Köhler –

     no, säht, i hoo schü soot,
wänn ihr für mi ä Plätzle
     zu ä klä Haisle hoot.“

„I hoo ä Schotz. Mei Vooter,

50
     der läßt mer se nett nämm;

doos is möch miseroblig,
     u därf o nett ä hämm.“

„I möcht’ mer’n Haisle bae
     für mi u meinen Schotz,

55
nür ho i no kä Spänle,

     kä Holz u a kä Plotz.“ 3)

Der Landvoigt lächelt freundlich:
     „„Fehlt dir nichts, als ein Haus,
so such’ in meinem Lande

60
     dir selbst ein Plätzchen aus.


Holz nimm dir aus dem Walde,
     dem du am nächsten bist,
auch Steine magst du brechen,
     so viel dir nöthig ist.

65
Und wenn von meinen Leuten

     dir’s etwa Jemand wehrt,
zeig’ ihnen dieses Ringlein
     und dies zerbrochne Schwert.““

[94]

Er gab ihm Schwert und Ringlein,

70
     der Köhler dankte schön,

und lief zu seiner Liebsten,
     straks an das Werk zu gehn.

Die Dirne schürzt’ sich eilends
     auf solche seine Mähr,

75
und zog mit ihm gar lustig

     im Lande lang umher.

Nach jeder Himmelsgegend
     durchzog das junge Paar
die Gauen, ohne daß noch

80
     ein Platz gefunden war.


Der Köhler rief wohl öfters:
     „O Geses, do is fei!“
Doch immer sprach die Dirne:
     „„Gih wögk, wos fallt dir ei?““ 4)

85
Und was der Köhler sagte,

     die Maid beschwatzte ihn,
und wider Willen mußt’ er
     stets mit ihr weiter zieh’n.

So kamen sie denn endlich

90
     auf eine Bergeshöh’

mit Wäldern und mit Wiesen,
     da rief die Maid: „„O je!

[95]

Doos is ä gor schü Eckel,
     do ko mer weitaus scha’,

95
dos is ä gor schü Eckel,

     do, du, do müss’ mer ba’ 5)!““

Der Köhler war’s gewillig,
     und fing flugs an zu bau’n,
und in dem nächsten Walde

100
     die Stämme umzuhau’n.


Kam Einer von den Jägern,
     der ihm darinnen wehrt’,
dem zeigt’ er flugs das Ringlein
     und das zerbrochne Schwert.

105
Da zogen sie die Hüte,

     und sagten mehr kein Wort,
und wünschten ihm gut Leben,
     und gingen ruhig fort.

Und als er war zu Stande

110
     mit Zimmern und mit Bau’n,

da ließ er sich vom Priester
     mit seiner Liebsten trau’n.

Bald, als um jenes Häuschen
     ein ganzer Ort entstand,

115
ward, nach der Dirne Worten,

     die Stadt Schöneck genannt.






[96]
Anmerkungen.

1) Landvoigt Heinrich. Die kaiserlichen Voigte, welche seit Ende des 10. oder Anfang des 11. Jahrhunderts über das, nach ihrer Würde benannte Voigtland erst auf Lebenszeit, bald aber erblich, herrschten, hießen alle Heinrich Reuß. Da aber die Zeit der Entstehung Schönecks nicht genau zu bestimmen ist, so bleibt auch ungewiß, welcher von diesen Heinrichen hier zu verstehen sey, vielleicht Heinrich der Reiche, der Stammvater derer von Weida, welcher in Urkunden von 1140 bis 50 oft genannt wird.

2) Härr – ärlöst! In voigtländischer Mundart so viel, als: Herr Voigt, ihr seid erlöst!

3) Ko sei – kä Plotz. In voigtländ. Mundart s. v. a.: Kann seyn! Nun seht, ich habe satt, wenn ihr für mich ein Plätzchen zu einem kleinen Häuschen habt. Ich habe einen Schatz. Mein Vater, der läßt mich sie nicht nehmen; das ist, mein’ ich, ein Herzeleid, und ich darf auch nicht heim! Ich möchte mir ein Häuschen baun für mich und meinen Schatz, nur hab’ ich noch kein Spänchen, kein Holz und auch keinen Platz.

4) O Geses – dir ei? voigtländ. s. v. a.: O Jesus, da ist fein (schön)! und: Geh weg, was fällt dir ein?

5) O je – mer ba’. voigtländ. s. v. a.: O je! das ist ein gar schön Eckchen, da kann man weitaus schau’n, das ist ein gar schön Eckchen, da, du, da müssen wir bau’n!