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Das Goldschiffchen in der Kirche zu Ebersdorf (Ziehnert)

Textdaten
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Autor: Widar Ziehnert
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Titel: Das Goldschiffchen in der Kirche zu Ebersdorf
Untertitel:
aus: Sachsen’s Volkssagen: Balladen, Romanzen und Legenden. Band 2, S. 81–88
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1838
Verlag: Rudolph & Dieterici
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Erscheinungsort: Annaberg
Übersetzer:
Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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[81]
9.
Das Goldschiffchen in der Kirche

zu
Ebersdorf.

[82] In der Kirche zu Ebersdorf bei Chemnitz hängt ein etwa 1 Elle langes Schiffchen von Holz, welches ehemals mit Gold gefüllt war. Das Gold, so wie alle andere Kapitalien, welche sich das Stift Ebersdorf, durch sein im 14. und 15. Jahrhundert sehr berühmtes und besuchtes Marienbild erworben, hat die Lichtewalder Gutsherrschaft an sich genommen, dagegen aber sich zu allen Baulichkeiten der Kirche zu Ebersdorf, so wie, sollte sie abbrennen, zu deren Wiederaufbau aus eignen Mitteln, ohne Zuthun der Gemeinde und des Kirchenärars, verpflichtet. Die Zeit nachstehender Begebenheit ist nicht zu bestimmen, vielleicht schon das 14. Jahrhundert.




[83]

     Wohl gräßlich ist des Feuers Wuth,
     doch rettet aus ihr schnelle Flucht;
     weh aber, wenn des Meeres Fluth
     im Aufruhr ihre Opfer sucht!

5
Es strecket die Arme so fürchterlich weit,

und giebt zum Entrinnen nicht Raum noch Zeit. –

     Das große, weite Mittelmeer
     durchfurcht ein Schiff mit schnellem Kiel,
     vom heil’gen Lande kommt es her,

10
     Venedig ist der Landung Ziel.

Wie schwellen die Segel vom Morgenwind,
wie rühren die Ruder sich so geschwind!

     Die welsche Mannschaft freute sich,
     daß ihre Fahrt so glücklich wär’,

15
     des Schiffes Hauptmann aber schlich

     voll bangem Ernst am Bord umher,
und sprach zu den Leuten: „Seid rüstig und wacht,
hart wird es hergehen in kommender Nacht!“

     Kaum sinkt der Abend auf das Meer,

20
     da wird die Luft so schwül und lau,

     und graue Wolken, regenschwer,
     umzieh’n des Himmels reines Blau,
und umlagern das Schiff wie ein drohender Wall,
als wollten sie’s fangen, all überall.

[84]
25
     Des Meeres Vögel schaaren sich

     und flattern ängstlich um den Mast,
     dumpf rauscht die Fluth, und fürchterlich
     entladet sich der Wolken Last.
Die Blitze zerreißen den Mantel der Nacht,

30
der Sturm erhebt sich und heult mit Macht.


     Heisch durch des Wetters Toben dringt
     des Hauptmanns ängstliches Gebot,
     wie rafft die Mannschaft sich, wie springt,
     wie müht’ sich Jeder in der Noth!

35
Wie beten sie laut! Der Sturmwind verweht,

als verschmäht’ es der Himmel, der Schiffer Gebet.

     Todtbleich auf dem Verdecke stand,
     gleich einer geistischen Gestalt,
     ein Rittersmann aus Sachsenland,

40
     der Junker Wolf von Lichtenwald.

Er kehrte vom heiligen Lande zurück,
durch Narben gewürdigt für’s schönste Glück.

     Er hatt’ ein Lieb im Vaterland,
     ein Fräulein, wunderhold und schön,

45
     doch konnt’ er Kunigundens Hand

     von ihrem Vater nicht erflehn;
er solle, sprach dieser, zuvor noch zwei Jahr
sich rühmlich erproben in Kampf und Gefahr.

     Der Junker, seinem Liebchen treu,

50
     zog flugs in’s heil’ge Land hinaus,

     und als das zweite Jahr vorbei,

[85]

     und er bestanden manchen Straus,
da schifft’ er zur Rückkehr in Joppe sich ein,
ach Jammer! ein Opfer der Wogen zu sein.

55
     Er stand todtbleich auf dem Verdeck.

     Wie flog im Sturm so wild sein Haar,
     wie furchte seine Stirn der Schreck,
     wie schlug sein Herz in der Gefahr!
Er schaute voll Angst in den Kampf der Natur,

60
dem Ritter nicht bangte, dem Liebenden nur.


     Und wilder wird des Sturmes Wuth,
     er wirft das Schiff hinauf hinab,
     und wühlet Schlünde in die Fluth,
     als grüb’ er rastlos Grab an Grab;

65
ihm leuchten die Blitze mit blendendem Schein,

verzweiflungsvoll blicken die Schiffer darein.

     Der Ritter rang die Händ’, und rief:
     „So soll ich sie nicht wiederseh’n?
     Nicht wiederseh’n – und muß ich tief

70
     hier in den Wellen untergeh’n!

Gott, Herrscher im Himmel, das Meer ist ja dein!
Gebiete den Fluthen! Erbarme dich mein!“

     Und schonungsloser tost die Fluth,
     das Schiff fliegt wie ein Federball,

75
     geworfen von des Sturmes Wuth,

     hinauf hinab im Wogenschwall.
Der Sturm macht die Mühe der Schiffer zum Spott;
sie befehlen müssig die Seele zu Gott.

[86]

     Der Ritter stürzt auf seine Knie:

80
     „O heil’ge Jungfrau, deren Bild

     in Ebersdorf oft mich und sie
     mit freud’ger Zuversicht erfüllt!
Wir lagen andächtig vor deinem Altar:
ach, hilf mir, ach, rette mich aus der Gefahr!“

85
     „Sie harrt – sie harrt daheim auf mich,

     und wird in Hoffnung glücklich seyn,
     und ha, indeß bricht fürchterlich
     des Schicksals Zorn auf mich herein.
O heil’ge Maria, erbarme dich mein!

90
was ich Köstliches habe, ich will dir es weih’n.“


     „Ein Schiffchen, voll mit Gold gefüllt,
     gelob’ ich dir daheim zu weih’n,
     und wüßt’ ich, was dir theuer gilt,
     es sollte dir zu Eigen seyn.

95
Nur gönn’ mir, du Hehre, mein einziges Glück,

und führ’ mich zu meiner Verlobten zurück!“

     Der Ritter ruft’s so inniglich,
     sein Auge glänzet thränenfeucht –
     und sieh, die Wolken klären sich,

100
     die Fluth wird still, der Sturmwind schweigt,

und in den gelüfteten Wolken erglänzt
die Scheibe des Mondes, mit Sternen umkränzt.

     Wie weht so sanft der Morgenwind,
     wie freuen sich die Schiffer sehr,

105
     wie fliegt das Schiff so pfeilgeschwind
[87]

     und sicher durch das glatte Meer!
Was innige Liebe verzweifelt begehrt,
die heilige Jungfrau hat’s gnädig erhört.

     Nach sieben Tagen lief das Schiff

110
     im Hafen von Venedig ein,

     und immer mächtiger ergriff
     den Ritter Wolf der Liebe Pein;
er kaufte ein wackres arabisches Roß,
das eilends ihn trüge zum heimischen Schloß.

115
     Und als er glücklich heimgekehrt,

     da grüßt ihn treuer Liebe Gruß,
     sein hocherfreuter Schwäher wehrt
     ihm nicht mehr Kunigundens Kuß,
und giebt gern den Bitten der Liebenden nach,

120
und beraumet zur Hochzeit den zwanzigsten Tag.


     Wolf aber, dem Gelübde treu,
     das er der heil’gen Jungfrau that,
     schafft freudig alles Gold herbei,
     das er in seinen Säckeln hat,

125
läßt bauen vom Bildner für reichlichen Sold

ein sauberes Schiffchen, und füllt es mit Gold.

     Drauf als die zwanzig Tage voll,
     und freudighell das Traugeläut
     von Ebersdorf herüber scholl,

130
     da eilte Wolf im Feierkleid

zur Trau, an der Rechten sein Liebchen hold,
in der Linken das kostbare Schiffchen voll Gold.

[88]

     Und eh’ die Weihe noch beginnt,
     da kniet er betend am Altar,

135
     vom Aug’ ihm eine Thräne rinnt,

     stillschaudernd denkt er der Gefahr,
und schweigend legt er mit frommen Sinn
das Kleinod am Fuße des Altars hin.

     Der Priester weiht die Beiden ein,

140
     und spricht bewegt: „Nicht all das Gold,

     der christlich fromme Sinn allein
     macht euch die Benedeite hold!
Das Schiffchen, es zeige den Pilgern fortan
die mächtige Hülfe der Heiligen an!“