Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Die Echo
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aus: Zerstreute Blätter. Erste Sammlung.
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Erscheinungsdatum: 1785
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Echo.

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Glaubet es nicht, gutherzige Kinder, glaubt nicht der Fabel des Dichters, daß die bescheidne Echo je eine ansprechende Bulerin des eitlen Narcissus oder eine schwatzhafte Verrätherin ihrer Göttin gewesen: denn nie zeigte sie sich ja einem Sterblichen, nie kam ein Laut zuerst aus ihrem Munde. Aber höret zu, daß ich euch die wahre Geschichte der Echo erzähle.

     Harmonia, die Tochter der Liebe, war eine thätige Mitgehülfin Jupiters bey seiner Schöpfung. Mütterlich gab sie aus ihrem Herzen jedem werdenden Wesen einen Ton, einen Klang, der sein Innres durchdringet, sein ganzes Daseyn zusammenhält und es mit allen vergeschwisterten Wesen vereinet. Endlich hatte sie sich erschöpft, die gute Mutter und weil sie ihrer Geburt nach nur halb eine Unsterbliche war, sollte sie sich jetzt mit dem Leben von ihren Kindern scheiden. Wie gieng ihr der Abschied so nah! Bittend fiel sie vor [191] dem Thron Jupiters nieder und sprach: gewaltiger Gott, laß meine Gestalt verschwinden unter den Göttern; aber mein Herz, meine Empfindung tilge nicht aus und trenne mich nicht von denen, denen ich aus meinem Herzen das Daseyn gegeben habe. Wenigstens unsichtbar will ich um sie seyn, damit ich jeden Hall des Schmerzes und der Freude, mit dem ich sie glücklich oder unglücklich begabte, mit ihnen fühle, mit ihnen theile.

     Und was würde es dir helfen, sprach der Gott, wenn du ihr Elend unsichtbar mit ihnen fühltest und ihnen nicht beyzustehen, ihnen auf keine Art sichtbar zu werden vermöchtest? denn das letzte versaget dir doch der unwiderrufliche Spruch des Schicksals.

     "So laß mich ihnen nur antworten dürfen; unsichtbar nur die Laute ihres Herzens wiederholen können und mein Mutterherz ist getröstet."

     Jupiter berührte sie sanft und sie verschwand sie ward zur Gestaltlosen, allverbreiteten Echo. Wo eine Stimme ihres Kindes tönet, tönet das Herz der Mutter nach: sie spricht aus jedem Geschöpf, [192] aus jedem brüderlichen Wesen den Laut des Schmerzes und der Freude mit dem Gleichlaut einer harmonischen Saite. Auch der harte Fels wird von ihr durchdrungen, auch der einsame Wald wird von ihr belebet; und o wie oft hast du mich, zärtliche Mutter, du scheue Bewohnerin der Einsamkeit und der stummen Haine mehr in ihnen erquickt als in dem öden Kreise Tonloser Menschenherzen und Menschenseelen. Mit sanftem Mitleid giebst du mir meine Seufzer zurück; so verlassen und unverstanden ich seyn mag, fühle ich doch aus jedem deiner gebrochenen Töne, daß eine alles-durchdringende, alles-verbindende Mutter mich erkennt, mich höret.