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Textdaten
Autor: Bernhard Endrulat
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Titel: Die Dithmarscher und die Bökelenburg
Untertitel:
aus: Von einem verlorenen Posten. Ein Buch der Erinnerung an Schleswig-Holstein.
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Gustav Carl Würger
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: MDZ München = Google, Minnesota = Google, Commons
Kurzbeschreibung: Deutsche Bauern. Bilder aus der alt-dithmarsischen Geschichte.
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[265]
I.


Die Dithmarscher und die Bökelenburg.

[267] An der Meeresküste zwischen den breiten Buchten, in denen sich die beiden großen Lebensadern des norddeutschen Landes, die Elbe und die Eider, mit der Nordsee vereinigen, wohnt seit Alters der Stamm der Dithmarscher. Von sächsischer Herkunft ist er, behaupten die Einen, von friesischer die Andern. Für beide Behauptungen sind Gründe und Gegengründe beigebracht und erörtert worden, und andere Historiker sind in die Mitte der Meinungsverschiedenheit getreten und haben die sächsische Abstammung der Dithmarscher aufrecht erhalten, aber ihre spätere Vermischung mit friesischen Einwanderern zugegeben. So Dahlmann.

Der Boden der dithmarsischen Wohnsitze ist größtentheils Marsch, tief, schwer und fruchtbar, namentlich an den Flüssen, weniger an der Nordsee. Diejenigen, die sich auf ihm niederließen und ihn bebauten, – und Bauern waren fast alle Dithmarscher, – wurden allmählig wohlhabend, ja reich; und da das Land nicht allein [268] den gewaltigen Fluthen abgerungen war, sondern noch fort und fort gegen die Uebergriffe des feindlichen Elementes vertheidigt werden mußte, so waren seine Bewohner kräftig, ausdauernd und vor allen Dingen voll Selbstbewußtsein und Liebe zur Freiheit.

Trotzdem beherrschten schon im zehnten Jahrhundert Fürsten einen großen Theil von Dithmarschen, wenn wir nicht sogar bis auf die Zeit Karls des Großen zurückgehen und zu den Sachsen, die sich diesem gewaltigen Streiter für das irdische Reich Christi nach einem dreißigjährigen, blutigen Kampfe beugen mußten, auch die überelbischen Dithmarscher zählen wollen.

Die späteren Herren des Landes waren die Grafen von Stade, denen die deutschen Kaiser die Hoheit über beide Ufer der Elbmündung vornehmlich wohl deßhalb verliehen haben, damit sie so besser im Stande seien, das für Deutschland als Waffenplatz und Missionsanstalt so wichtige Hamburg, damals freilich noch ein unbedeutendes Städtlein auf einer Insel der Alster,[1] vor den Angriffen der eifersüchtigen und habgierigen Normänner und Dänen zu schützen.

Die Grafen von Stade hatten ihre Residenz auf dem linken Ufer der Elbe, auf dem der Haupttheil ihres Gebietes lag. Dies ließ den freiheitliebenden Bauern [269] Dithmarschens ihre Abhängigkeit wahrscheinlich weniger drückend erscheinen und so verhielten sie sich ruhig. Um das Jahr 1030 aber siedelte ein Graf Lippold von Stade nach Dithmarschen hinüber, um das Land abgesondert von Stade zu beherrschen. Wie er sich zu dem eigentlichen Inhaber der Grafschaft, Siegfried II., dessen Verwandter er war, verhalten habe, und unter welchen Bedingungen die Trennung vor sich ging, leuchtet aus den Chroniken nicht recht ein.

Bei dem bekannten und gefürchteten Freiheitssinne der kräftigen Bauern konnte Graf Lippold’s Gedanke, die Herrschaft im Lande selbst auszuüben, nicht wohl durchgeführt werden, wenn er sich nicht auf eine starke Feste in Dithmarschen stützen konnte. Da soll er denn das Schloß zu Burg, dem Hauptorte des gleichnamigen Kirchspiels, angelegt haben. Die Bökelenburg hieß sie, weil sie auf einem mit Buchen bewachsenen Hügel erbaut wurde oder sich doch ein Buchengehölz in ihrer Nachbarschaft befand.

Ob die getroffene Maßregel sich bis an’s Ende Lippold’s als ausreichend bewährte, ob er eines natürlichen Todes gestorben ist, oder ob die Dithmarscher ihn aus Liebe zur Freiheit erschlagen haben, darüber läßt uns die Geschichte im Dunkeln. Dagegen führt sie ausdrücklich an, daß Lippold’s beide Nachfolger, die gleich ihm im Lande wohnen und herrschen wollten, die Grafen Dedo [270] und Etheler der Weiße, einen gewaltsamen Tod erlitten, weil der Anblick der Herrscher den freigesinnten Bauern unerträglich war.

Solche Erfahrungen waren geeignet, von einer Wiederholung des gemachten Versuches abzuschrecken. Dithmarschen ward wieder mit den Besitzungen auf dem linken Elbufer bereinigt und von hier aus regiert. Fast ein volles Jahrhundert verging unter diesen Verhältnissen, da schlug wieder ein Graf von Stade, Rudolf II., der im Jahre 1135 zur Regierung gekommen war, seine Residenz in der Bökelenburg auf, ungewarnt durch das Schicksal seiner Vorfahren, nur dem Drange nach Erweiterung seiner Macht folgend. Das Trachten nach Befestigung der Herrschaft über das südliche Dithmarschen, und die beabsichtigte Unterjochung des zu jener Zeit noch freien nördlichen Theils, in der Rudolf eine Entschädigung für die kurz zuvor seinem Hause entrissene Grafschaft Salzwedel[2] erblickte, das waren die Gründe, welche den Grafen zu dem antrieben, was nach den Erfahrungen der Vergangenheit gewiß als ein gefährliches Wagniß angesehen werden, mußte.

Der Aufgabe, die sich Graf Rudolf II. gestellt hatte, [271] war er hinsichtlich seines Charakters durchaus gewachsen. Er wird uns als ein strenger, rücksichtsloser, gewaltthätiger Herrscher geschildert. Zu keiner Zeit aber mußte den Dithmarschern das überhaupt schon verhaßte Fürstenregiment unerträglicher erscheinen, als gerade damals, wo eine große Ueberschwemmung der Elbe die Felder verwüstet, ein äußerst langer, strenger Winter die Vorräthe der Bewohner verzehrt und demnächst erfolgter Mißwachs eine ungewöhnliche Theurung, ja Hungersnoth herbeigeführt hatte, so daß es den Meisten unmöglich war, den harten Anforderungen des Grafen in Bezug auf Steuern und Lieferungen nachzukommen.

Zwar wollte hie und da der dithmarsische Stolz die Armuth nicht eingestehen und so bestärkte namentlich ein Mann den Grafen in seiner Meinung, das Land sei noch immer reich und könne nicht nur die laufenden Abgaben entrichten, sondern auch noch die Rückstände früherer Jahre aufbringen. Dieser Mann, Maes Claus Maes, ein reicher Hofbesitzer auf Heine Vierth bei Eckstedt, war einst vom Grafen Rudolf eingeladen und glänzend bewirthet, unter Anderm auch mit Tafelmusik geehrt worden.[3]

In Erwiderung dieser Einladung gab der reiche Bauer [272] seinem Herrn ein Gastgebot, das sich durch eigenthümliche Schaustellung bäuerischen Reichthums in dieser Zeit allgemeiner Noth auszeichnete. Statt der Bänke dienten den Geladenen strotzende Säcke voll Korn zum Sitze, Ueberfluß an Speisen aller Art herrschte auf der Tafel und draußen auf dem Hofe liefen und sprangen Schafe, Schweine, Rinder und Pferde durcheinander und ersetzten durch ihr Geblöke, Geschrei, Gebrüll und Gewieher die Tafelmusik bei dem gräflichen Schmause.

Noch dieser Wahrnehmung so reicher Verhältnisse zeigte sich der Graf noch strenger im Eintreiben der Steuern als zuvor, und seine Gemahlinn Walburgis soll ihn darin nicht wenig bestärkt haben. Da aber beschließen die auf’s Aeußerste gereizten Dithmarscher der Tyrannei ein Ende zu machen.

Am Morgen des 15. März 1145, also an den berüchtigten Iden, erscheint vor dem Schlosse eine lange Reihe von Wagen, hochauf mit gefüllten Säcken beladen. So sind die störrigen Bauern also gefügig geworden und bringen das auferlegte Herrenkorn! Ja, auch in einer andern Weise kommen sie ihres gestrengen Herrn Wünschen entgegen! Schon längst hatte der Graf sein Auge auf die schöne, kräftig-blühende Tochter eines Bauern geworfen, und siehe da! auf dem vordersten Wagen sitzt die Jungfrau, schön geschmückt, wie um ihrem Liebsten zugeführt zu werden. Natürlich ließ man bei so friedlichem, [273] verführerischem Anschein den Wagenzug und seine Führer und Begleiter arglos in die Burg ein.

Als aber der letzte der Wagen gerade unter dem Thore hielt, so daß das Gatter nicht niederfallen konnte, da ertönte plötzlich ein Losungswort:

„Röhret de Hände, schnidet de Sacksbände!“

und siehe – aus den vermeintlichen Kornsäcken wickeln sich bewaffnete Männer heraus, wie einst dem Bauche des hölzernen Pferdes die griechischen Helden zum Verderben Troja’s entstiegen. Die Fuhrleute ziehen gleichzeitig im Nu verborgene Waffen unter ihren Kleidern hervor und so stürzt man sich auf die überraschte Besatzung der Bökelenburg. Nach kurzem Kampfe wird sie überwältigt und niedergemacht. Die Gräfinn Walpurgis, ihres Stolzes wegen den Dithmarschern besonders verhaßt, findet nach grausamen Mißhandlungen ihren Tod, – aber das Hauptziel des Rachedurstes der empörten Bauern, der Graf Rudolf, ist nicht zu finden.

Die Sieger beginnen denn mit dem Niederreißen der verhaßten Zwingburg. Da, am dritten Tage nach der Einnahme des Schlosses, vernehmen Einige aus dem Mauerwerk heraus das Geschrei oder Geschwätz einer Elster. Wie? Hatte nicht Graf Rudolf einen solchen Vogel stets um sich und liebte und hegte ihn seines Geplauders halber ganz besonders? Aufmerksam gemacht, [274] forscht man weiter nach; ein verborgenes Gemach wird entdeckt und der Graf in ihm.

Die Bauern, deren Grimm durch die gefallenen Opfer, durch die begonnene Zerstörung der Burg, durch die Zeit noch keineswegs abgekühlt ist, dringen ein; an ihrer Spitze besonders eifrig der junge Edemann Jürgens. Ein kurzer Kampf erhebt sich und bald entwaffnet endet der Graf sein Leben, durchbohrt von dem Spieße des jungen Bauern.

Sollte der Eifer dieses vielleicht noch durch ein Anderes als den Freiheitsdrang allein angefeuert worden sein? Sollte ihm vielleicht jene Jungfrau, die Auserkorene des Grafen, nicht so ganz fern gestanden haben? Die Geschichte erzählt uns Nichts über dieses Verhältniß, so bleibt also der Phantasie der weiteste Spielraum offen.

Anmerkungen

  1. Das gegenwärtige St. Petri-Kirchspiel Hamburg’s.
  2. Die Markgrafschaft Salzwedel war an das stader Grafenhaus kurz nach 1056 gekommen und fiel durch die Schlacht bei Aschersleben 1130 an die Grafen von Anhalt.
  3. „Stattlik trakteret mit Seidenspille.“ Johann Adolphi’s, genannt Neocorus, Chronik des Landes Dithmarschen; herausgegeben von Dahlmann.