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Autor: Ein Deutsch-Ungar
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Titel: Die Deutschen in Ungarn
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 403–407
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[403]
Die Deutschen in Ungarn.

Einige magyarische[1] Terroristen haben bekanntlich vor Kurzem im Bunde mit deutschen Ueberläufern in der Pester Stadtverordnetenversammlung den Beschluß durchgesetzt, daß gegen alle Billigkeit, ja gegen verbrieftes Recht und geschriebenes Gesetz das deutsche Theater in Budapest gesperrt, das heißt für immer unterdrückt werde. Dieser Beschluß entfesselte in deutschen Kreisen allenthalben einen solchen Sturm von Unwillen, daß sich die Pester Stadtverwaltung genöthigt sah, von der augenblicklichen Durchführung desselben abzustehen und dem bedrohten Kunstinstitut eine Gnadenfrist zu gewähren. Dieser bezeichnende Zwischenfall hat die Augen der Welt wieder einmal auf die Zustände gelenkt, die sich in Ungarn und besonders in seiner Hauptstadt seit dem Anfange der neuesten magyarischen Aera herausgebildet haben. Man glaube ja nicht, daß der geplante schwere Gewaltact, den die magyarischen Chauvinisten angesichts der allgemeinen Entrüstung zu üben nicht den Muth gehabt, etwa eine vereinzelte Erscheinung sei; nein, er ist nur ein Glied in einer langen Kette von Bedrängnissen, welche die Deutschen in Ungarn seit dem Jahre 1861 zu tragen haben. Es ist Pflicht der deutschen Presse, einmal wieder auf diese ungewöhnlichen Vorgänge zurückzukommen, und sie kann um so unbefangener ihre warnende Stimme erheben, als in Deutschland nicht eine Spur von feindseliger Stimmung wider das Magyarenthum zu finden ist, die liberale Mehrheit der Nation vielmehr den Geschicken des schönen Landes stets eine aufrichtige und immer lebendige Theilnahme bewahrt.

Sagen es doch die Magyaren offen und ohne Scheu: das Ziel, nach dem sie streben, sei die Ausrottung des Deutschthums im Gebiete der Stephans-Krone, sei die, wenn nothwendig, auch mit offener Gewalt durchzusetzende Magyarisirung der ungarländischen Deutschen. Fragt man sie nach ihrem Rechte zu solchem Vorgehen, so antworten sie, die Deutschen seien „Fremde“ im Lande und der Hausherr habe ein Recht zu fordern, daß seine Gäste sich entweder seiner Hausordnung fügen oder – gehen. Sind die ungarländischen Deutschen wirklich „Fremde“ in Ungarn, denen man so ohne Weiteres vorhalten kann: „Entweder Ihr werdet Magyaren oder Ihr verlasset das Land!“? Die Geschichte mag auf diese Frage die Antwort geben.

Die westlichen Gegenden Ungarns waren von Franken und Bajuvaren besiedelt, als die Magyaren – im Jahre 884 – unter ihrem Führer Almos und dessen Sohne Arpad in Pannonien erobernd einbrachen. Diese deutschen Stämme, die noch heute die Grenzcomitate gegen Oesterreich hin – Preßburg, Eisenburg, Wieselburg, Oedenburg – bewohnen, wurden durch die asiatischen Eroberer niemals von ihren Sitzen verdrängt und sind somit eine mindestens ebenso alte, wahrscheinlich aber ältere Nationalität in Ungarn, wie die Magyaren. Als Herzog Gehza das Bedürfniß empfand, zum europäischen Westen in dauernde friedliche Beziehungen zu treten und aus seinen Magyaren ein anerkanntes Mitglied der europäischen Völkerfamilie zu machen, verheirathete er seinen Sohn, den nachmaligen König Stephan den Heiligen, mit Gisella, der Tochter des damaligen Baiernherzogs, und in ihrem Gefolge kamen zahlreiche deutsche Ritter (die Chronik nennt einige Grafen von Henneberg und Wasserburg aus Baiern, die Ritter Hunt und Poznam aus Schwaben, Tibolt von Tannberg etc.) in’s Land, welche die ersten Burgen bauten, deutsches Recht und deutsche Rittersitte einführten und Stammväter vornehmer Geschlechter wurden, die noch heute blühen und deren Namen die Liste der Mitglieder des ungarischen Oberhauses zur guten Hälfte ausfüllen. Stephan der Heilige befolgte das Beispiel seines Vaters und lud ebenfalls viele deutsche Edle und Bürger ein, sich in Ungarn niederzulassen, und in gleicher Weise sein Nachfolger Peter. König Andreas der Zweite rief 1143 niederrheinische Colonisten in sein Reich, die das damals wüst liegende Siebenbürgen und Oberungarn bevölkerten und von denen die heutigen Zipser und Sachsen abstammen. Diese Deutschen kamen nicht etwa als landflüchtige Abenteurer, auch nicht als rechtlose Bettler, sondern dictirten dem Könige, der sie in seinem Gebiete aufnehmen wollte, ihre Bedingungen, schlossen mit ihm rechtsgültigen Vertrag, forderten weitgehende Privilegien und nahmen von den ihnen angebotenen Landstrecken erst Besitz, als ihnen alle Forderungen feierlich zugestanden worden waren.

So oft in der Folge Kriege und Feindeseinfälle Ungarn verheerten und entvölkerten, nahm seine Regierung zu demselben erprobten Mittel ihre Zuflucht, um die menschenleeren Einöden mit blühenden Wohnstätten und civilisirter Bevölkerung zu beleben: sie rief deutsche Colonisten in’s Land und gewährte ihnen auszeichnende Vorrechte zum Dank und Lohn für ihre Culturthätigkeit. So that es Bela der Vierte nach den Mongolenzügen im Jahre 1268; so thaten es nach der endgültigen Vertreibung der Türken aus Ungarn Leopold der Erste, Karl der Sechste, Maria Theresia (die Deutschen des Banats und der Batschka sowie der ehemaligen Militärgrenze kamen damals nach Ungarn); so thaten es noch zuletzt die Regierungen Ferdinand’s und Franz Joseph’s, als es galt, das fiebererzeugenden durchaus werthlose Sumpfland die Temes und Bega entlang zu entwässern und in fruchtbarsten Weizenboden umzuzaubern. Die erste Bedingung, welche die deutschen Einwanderer immer stellten, war die, daß man ihnen ihre Sprache, ihr Volksthum unangetastet lasse. Wir haben historische Zeugnisse dafür, daß sie über dieses ihr heiligstes Kleinod mit einer Eifersucht wachten, gegen welche die Lauheit eines großen Theils ihrer Nachkommen kläglich absticht. Das berühmte Ofener Stadtrecht aus dem dreizehnten Jahrhundert (herausgegeben von Michnay und Lichner, Preßburg 1845) bestimmt, daß zum Stadtrichter nur ein Deutscher gewählt werden dürfe, der rein deutsche Ahnen Nachweisen könne. Der Rath bestand aus zwölf Mitgliedern, von denen zehn Deutsche sein mußten; der Rathsschreiber mußte ein Deutscher sein etc. Und dieses Ofener Stadtrecht, das durch Bela den Vierten im Jahre 1244 mittelst einer „goldenen Bulle“ neu bestärkt und bekräftigt wurde, galt auch in allen übrigen Städten Ungarns, die fast ausnahmslos von Deutschen gegründet, von Deutschen bewohnt waren.

Das sind die Rechtstitel der ungarländischen Deutschen, deren es dort nach einer magyarischen Quelle (Karl Keleti, „Hazánk és népe“, Pest 1873) 1,816,087 giebt, wobei man die 500,000 Juden, deren Muttersprache fast ausnahmslos deutsch ist, nicht mitrechnet und die Städter, die in der letzten Generation magyarisirt wurden, mit als Nationalmagyaren verzeichnet. Die Deutschen sind also zum Theil so alte oder ältere Landsassen in Ungarn als die Magyaren selbst, und sofern sie später als diese einwanderten, thaten sie es auf Grund rechtsgültiger Verträge; sie „Fremde“ zu nennen, heißt der Geschichte und dem öffentlichen Rechte in’s Antlitz schlagen; die Deutschen Ungarns sind in ihrem Vaterlande so wenig Fremde, wie die Deutsch-Oesterreicher in Oesterreich, die deutschen Schweizer in der Eidgenossenschaft oder die baltischen Deutschen in den Ostseeprovinzen.

Und sehen wir doch einmal, was diese „Fremden“ im Laufe der Geschichte ihrem ungarischen Vaterlande, ja dem magyarischen Stamme selbst geleistet haben! Deutsche Glaubensapostel, zuerst der Mönch Wolfgang von Einsiedeln in Schwaben, dann der Bischof Pilgrim von Lorch (979), zuletzt der Bischof Adalbert von Prag, predigten den heidnischen Magyaren das Christenthum und schlangen so das Band, welches die asiatischen Eroberer mit den Nationen Europas zu friedlicher Gemeinschaft verknüpfte; die deutschen Colonisten der Zips und Siebenbürgens lehrten die Magyaren den Bergbau und die Metallindustrien; sie bauten zuerst Burgen und Städte und gaben das Beispiel bürgerlicher Seßhaftigkeit, welche die Nomaden bis dahin kaum gekannt; aller Handel, alle Industrie ruhte im Mittelalter – wie ja zum großen Theil auch heute noch – in den Händen der Deutschen, die jedoch über diesen friedlichen Hantirungen ihre Wehrhaftigkeit nicht einbüßten und in den südlichen und östlichen Grenzprovinzen durch Jahrhunderte eine eherne Schutzmauer ihres ungarischen Vaterlandes waren. Christenthum, Städteleben, Bergbau, Handel, Industrie jenseits der Leitha, die ein seßhaftes Culturvolk von barbarischen Nomadenhorden unterscheiden, sind in Ungarn ziemlich ausschließlich deutschen Ursprungs, wir möchten sagen: deutsche Importartikel.

[404] Doch weshalb auf die fernen geschichtlichen Ursprünge der ungarischen Cultur zurückgehen? Weshalb dabei verweilen, daß Deutsche es waren, die nach dem Rückfluß der verheerenden Tataren- und Türkenfluthen wüste Gegenden in blühende Provinzen verwandelten? Betrachten wir doch einmal die Rolle, welche das deutsche Element in der zeitgenössischen ungarischen Cultur spielt, die sich gern als eine specifisch magyarische giebt! Auf allen Gebieten des Geisteslebens, in allen Wissenschaften und Künsten sind es Deutsche, die zum Bau der eigenen ungarischen Cultur den ersten Grundstein legten. Wer hat Ungarn zuerst geologisch durchforscht und die erste gute geologische Karte des Landes angefertigt? Der Deutsche Max von Hantken. Wer hat die wissenschaftliche Philologie der magyarischen Sprache geradezu geschaffen? Der Deutsche Budenz. Wer hat zuerst die Mythologie und die früheste Cultur der Magyaren erforscht? Der Deutsche Stummer, der sich hinter dem später angenommenen magyarischen Namen Ipolyi verbirgt. Wem verdanken die Magyaren die erste wissenschaftliche Bearbeitung ihrer alten Kunst- und Baudenkmäler? Dem Deutschen Emerich Henßlmann. Wer war der erste Ethnograph und Geograph Ungarns? Der Zipser Deutsche Hündsdorfer, jetzt Hunfalvy genannt. Die zwei besten Geschichtswerke über Ungarn stammen von den Deutschen Feßler und Engel, welche die Magyaren Horvath und Szalay nicht zu überbieten vermochten. Der beste Detailforscher ungarischer Geschichte ist der jüdische Deutsch-Ungar Frankl, heute als Fraknoi und Domherr ein doppelter Renegat. Die bisher beste Würdigung eines magyarischen Nationalschriftstellers im Zusammenhange mit seiner Culturepoche giebt die preisgekrönte Studie „Ueber Revai und seine Zeit“, vom jüdischen Deutsch-Ungar Weiß, heute Banoczi. Es thut uns leid, daß wir diese, wie wir fürchten, langweilige Liste noch immer nicht schließen können. Das einzige Werk über Ackerbau und Bodenkultur in Ungarn hat der Deutsche Heinrich Dietze geschrieben; der erste Meteorologe Ungarns ist der Deutsche Guido Schenzl, gleichwie der Schöpfer der magyarischen Nationalökonomie der Deutsche Kautz und der Begründer der ungarischen Statistik der jüdische Deutsch-Ungar Hajduska, jetzt Körösi, ist. Die erste – und eigentlich bisher einzige – Literaturgeschichte der Magyaren stammt aus der Feder des Deutschen Franz Schedel, welcher seinen Namen später in Toldy umgewandelt hat. Wir finden ferner, daß der erste Chemiker Ungarns, Than, deutschen Ursprungs, und der erste Erforscher der ungarischen Spinnenfauna, Otto Hermann, ein Deutscher ist. Jeder einzelne Professor der höheren Lehranstalten des Landes hat seine Ausbildung in Wien oder Deutschland erhalten, und sämmtliche Lehrbücher, die an höheren Lehranstalten im Gebrauch stehen, sind aus dem Deutschen übersetzt oder aus deutschen Werken compilirt worden.

Und wie in der Wissenschaft, so in der Kunst! Die besten Historienmaler Ungarns, Than und Lotz, sind Deutsche und Schüler Rahl’s; der gefeiertste Künstler, den Ungarn hervorgebracht, Michael Munkacsy, ein Mann, den die landläufige Fabel als Erz-Hunnen darstellt, heißt eigentlich Lieb, ist, wie dieser Name lehrt, deutschen Ursprungs und hat seine Ausbildung in Wien, München und Düsseldorf erhalten. Liezen-Mayer und Wagner, die gleichfalls obenan stehen, wenn die Glanznamen der ungarischen Kunst verzeichnet werden, sind Deutsche und fühlen sich als solche. Franz Liszt, diese rühmlichste Verkörperung der ungarischen Musik, ist ein Deutscher und kann noch heute kein Wort Magyarisch; dasselbe gilt von Franz Erkel, dem Schöpfer der magyarischen Nationaloper.

Daß die Magyaren heute überhaupt eine Literatur in ihrer Sprache besitzen, verdanken sie den Anregungen, welche ihre berühmten „Gardisten“ in Wien zur Zeit Maria Theresia’s durch die Berührung der deutschen Cultur empfingen, wie denn die ersten Werke dieser Regeneratoren ihres Stammes theils Uebersetzungen, theils Nachahmungen deutscher (und allerdings auch französischer) Originalwerke waren. Einer der größten Dichter der Magyaren, Kisfaludy, führte seine Privatcorrespondenz in deutscher Sprache; Szechenyi, den die Magyaren selbst „den größten Ungar“ nennen, der Begründer der ungarischen Akademie, schrieb seine Tagebücher deutsch, verfaßte deutsche Gedichte und gelangte niemals dahin, das Magyarische fließend zu sprechen.

Wohin wir also in der ungarischen Kunst und Wissenschaft immer blicken, sind es deutsche Namen, die uns entgegentreten, ist es deutsche Geistesarbeit, auf die wir stoßen.

Da wir einmal bei der Abrechnung sind, machen wir sie gleich gründlich: Das deutsche Element in Ungarn hat sich nicht damit begnügt, den magyarischen Nachbarn die höchsten Güter der Civilisation zu erwerben, es hat auch dafür gesorgt, daß das Ausland von der magyarischen Cultur Kenntniß erhalte. Bis vor einem Jahrzehnt gab es in ganz Europa wohl keinen einzigen Nichtungarn, der magyarisch verstand, und selbst heute, wo dank deutscher Apostelthätigkeit für Ungarn die Aufmerksamkeit des Auslandes mehr auf dieses Land gelenkt ist, kann man noch an den Fingern einer Hand die Franzosen und Engländer herzählen, die ein magyarisches Buch im Original lesen können. Wenn trotzdem der Name Petöfy’s durch die ganze gebildete Welt klingt, so ist es, weil Deutsch-Ungarn ihn aus dem Original in’s Deutsche übersetzten, worauf ihn die anderen Nationen aus diesen Uebersetzungen in ihre eigenen Literaturen verpflanzten. Dasselbe gilt von Moritz Jokai, dessen Romane nur darum in alle gebildetes Sprachen übertragen werden konnten, weil Deutsch-Ungarn sich’s angelegen sein ließen, sein unter dem magyarischen Scheffel verborgenes Licht auf den deutschen Weltleuchter zu setzen.

Alle Nationen außer der deutschen beziehen ihre Kenntniß Ungarns und magyarischer Geistesarbeit aus zweiter Hand; blos die Deutschen haben sie aus erster Hand, aus derjenigen der Deutsch-Ungarn, die des Magyarischen mächtig sind, dafür Interesse und Liebe haben und es für ihren patriotischen Beruf halten, zwischen Ungarn und der Außenwelt beständig und sympathisch zu vermitteln. Derjenige magyarische Schriftsteller, der keinen deutschen Uebersetzer, Lobredner, Würdiger findet, bleibt der Welt unbekannt und nähme er in seinem Vaterlande die allerbedeutendste Stellung ein; der unbedeutendste Magyare aber, den ein Deutscher an der Hand nimmt, tritt mit diesem Führer sofort in’s Licht des weltweiten Bekanntseins.

Und wenn man im Auslande für die Magyaren Sympathieen hat, wenn man sie für ein auserwählt ritterliches Volk hält, wenn ihren Namen ein gewisser romantischer Nimbus umgiebt – wem anders verdanken sie es als wieder den Deutschen, deren Dichter sie mit Begeisterung besangen? Schrieb nicht Heine in dem schönen Gedicht „Im Januar 1849“:

„Wenn ich den Namen Ungar hör’,
Wird mir das deutsche Wamms zu enge;
Es braust darunter wie ein Meer,
Mir ist, als grüßten mich Trompetenklänge.

Es klirrt mir wieder im Gemüth
Die Heldensage längst verklungen,
Das eisern wilde Kämpenlied –
Das Lied vom Untergang der Nibelungen.“

War es nicht ein deutscher Dichter, Moriz Hartmann, der für die ungarische Freiheitsbewegung die heißen Strophen des Gedichtes „Kossuth“ fand:

„So hat nicht Capistran,
Nicht Irlands Dan gesprochen.
Wie jener blasse Mann,
Von Kerkerpein gebrochen,
Mit blassem Angesicht,
Mit Augen, welche blauen
Im Schatten dunkler Brauen
Gleich Veilchen zarter Frauen
Wie der zum Volke spricht!“

Haben nicht die Deutsch-Ungarn Nikolaus Lenau und Karl Beck ihrem Vaterlande unter den Völkern des Westens mehr Freunde geworben, als alle magyarischen Schriftsteller zusammengenommen?

Und nun wollen wir sehen, wie die Magyaren – denen wir Deutschen, nebenbei bemerkt, noch im vorigen Jahre gelegentlich der Katastrophe von Szegedin vor andern Nationen die thatsächlichsten Beweise selbstloser Bruderliebe gaben – wir wollen sehen, wie diese Magyaren es den Deutschen vergolten haben, daß sie ihnen die Cultur brachten, daß sie ihnen eine Literatur, Kunst und Wissenschaft schufen und ihnen die Aufmerksamkeit, die Sympathieen der fremden Völker zuwandten.

Als im Jahre 1861 das österreichische Regiment in Ungarn ein Ende nahm, benützten die wieder zu einem Theil ihrer Macht gelangten Magyaren die ersten Anfänge ihrer Autonomie dazu, um einen Kampf gegen das Deutschthum im Lande zu beginnen, der seit 1867 mit größeren Mitteln weitergeführt wird. Das [405] Hauptangriffsobject war die Landeshauptstadt Budapest. Wir haben oben durch Anführung einzelner Bestimmungen des alten Ofener Stadtrechts dargethan, daß die Doppelstadt Ofen-Pest in alter wie in neuer Zeit specifisch deutsch und auf ihr Deutschthum eifersüchtig war. Dieser Charakter der Landeshauptstadt sollte nun gewaltsam umgewandelt werden. Im Jahre 1861 bestanden in Budapest zwei deutsche Gymnasien und eine deutsche Realschule, und die Elementarschulen waren sammt und sonders deutsch. Die neue Regierung magyarisirte sofort alle diese Lehranstalten, nöthigte die deutschen Lehrkräfte zum Abgang, welche zum Theil wissenschaftliche Autoritäten allerersten Ranges waren, und ersetzte sie durch junge Leute von zweifelhafter Moralität, die außerdem jeder wissenschaftlichen Vorbildung entbehrten, dafür aber die Garantie, daß sie blos magyarisch vortragen würden, um so sicherer boten, als sie keiner andern Sprache mächtig waren. Durch dieses Vorhaben wurde eine ganze Generation von zum Theil hochbegabten und vielversprechenden Schülern in Bildung, Fleiß und Disciplin zurückgebracht; alle Knaben und Jünglinge jener Epoche verloren in der Folge mehrere Jahre, da sie aus dem ihnen unverständlichen fremdsprachigen Unterricht nicht den Nutzen zogen, und es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß aus jener Schülergeneration, welcher die Möglichkeit der Ausbildung geraubt wurde, bis zum heutigen Tage, also achtzehn Jahre später, nicht ein einziger halbwegs bedeutender oder nur irgendwie bemerkenswerther Mann hervorgegangen ist.

Auf diesen Angriff gegen die höchsten Bildungsinteressen einer ganzen Generation beschränkte man sich jedoch nicht. Ihr nächstes Object war ein anderer deutscher Culturfactor: das deutsche Theaterwesen der Hauptstadt. Im Jahre 1861 bestand in Budapest blos ein einziges Magyarisches Theater: die „Nationalbühne“, die trotz reicher Dotation jährlich ein kolossales Deficit zu verzeichnen hatte und im tiefsten Verfall begriffen war. Dagegen blühten zwei ständige deutsche Theater, das Ofener Festungs- und das Pester Stadttheater, und zwei deutsche Sommerbühnen in Ofen und Pest. Alle diese deutschen Anstalten standen unter städtischem Schutz und führten das Stadtwappen im Theaterzettel. Die erste Maßregel der neuen Stadtbehörde war, den deutschen Theatern den städtischen Schutz und das Recht, das Stadtwappen zu führen, zu entziehen. Dann wurde die Magyarisirung des Ofener Festungstheaters, hierauf die des Ofener Sommertheaters decretirt; ferner votirte die Stadtverordneten-Versammlung, zum guten Theil aus den Steuerpfennigen der deutschen Bevölkerung, eine riesige Summe zum Bau und zur Unterstützung eines magyarischen [406] Volkstheaters, das hauptsächlich die Pariser Cancan-Operette cultivirt, und zuletzt suchte sie ihrem bisherigen neunzehnjährigen Zerstörungswerke die Krone aufzusetzen, indem sie, wie wir im Eingange gesehen, das nur noch als Privatinstitut bestehende deutsche Theater, das letzte überlebende von den vier früher vorhanden gewesenen, zu unterdrücken begann.

Obwohl das ungarische Nationalitätengesetz vom Jahre 1968 ausdrücklich bestimmt, daß jeder Bürger in den Stadtverordneten-Versammlungen sich seiner Muttersprache bedienen dürfe, sofern diese Sprache von mindestens einem Fünftel der Gemeindebevölkerung gesprochen wird, faßte die Pester Stadtverordneten-Versammlung dennoch den Beschluß, daß in ihr blos magyarisch gesprochen werden dürfte, was zur Folge hätte, daß sich die bewährtesten bürgerlichen Elemente aus ihr zurückziehen mußten und der Platz ziemlich ausschließlich besitz- und bildungslosen, aus der Provinz eingewanderten Magyaren überlassen blieb, welche nun bekanntlich in der vielfach erörterten und tief gemißbilligten Weise mit dem Vermögen der Stadt wirthschaften.

Der §  21 des angeführten Nationalitätengesetzes lautet: „Die Gemeindebeamten sind verpflichtet, in ihrem Verkehr mit den Gemeindebewohnern deren Sprachen zu gebrauchen“; dem ungeachtet wurden seit 1861 mit Vorliebe solche Beamten angestellt, die blos des Magyarischen kundig sind, sodaß der steuerzahlende Pester Bürger sich in seinem Verkehr mit den Beamten der eigenen Stadt eines Dolmetschers bedienen muß, und in neuester Zeit wurde sogar mit offener Verhöhnung des § 23, jenes mehrerwähnten Gesetzes die Verfügung getroffen, daß städtische Behörden schriftliche Eingaben blos in magyarischer Sprache annehmen dürfen.

Diese administratiyen Maßregelungen wurden und werden auch von einem socialen Terrorismus begleitet, der den deutschen Bürger auf Schritt und Tritt beunruhigt und quält. Heißspornige magyarische Blätter brachten täglich Proscriptionslisten jener Geschäftshäuser, welche sich erkühnten, deutsche Firmenschilder zu führen; dieselben Blätter denuncirten alle Vereine, ja sogar enge Familienkreise, in denen deutsch conversirt wurde, und beschimpften einzelne Individuen, die deutsche Gesinnung und Anhänglichkeit an ihre Muttersprache freimüthig bekundeten. Der Abgeordnete Mocsary that in offener Sitzung des ungarischen Abgeordnetenhauses den Ausspruch: „Die deutsche Sprache muß bei uns die Sprache der Kellner und Hausknechte werden,“ und in allen magyarischen Kneipen wurde unter rohem Jubel ein Spottlied gegen die Deutschen gesungen, dessen erster Vers lautet: „Mégis hunczúta német!“ („Der Deutsche ist doch ein Hundsfott!“) Es ist nicht der geringste Grund zu der Befürchtung vorhanden, durch solche Mittheilungen in Deutschland etwa einen Rassenhaß zu entzünden. Der deutsche Charakter neigt nicht dazu. Aber es liegen doch unabweisbare Anlässe vor, diese fast im Stillen sich vollziehenden, aber ganz notorischen zeitgeschichtlichen Thatsachen dem öffentlichen Urtheil vorzuführen. Viele Tausende von Zeugen erlebten und erleben sie stündlich. Es würde ein großer Muth der Lüge, oder ein sehr unkundiges Publicum dazu gehören, wenn man den Versuch machen wollte, sie abzuleugnen oder zu widerlegen.

Aehnlich wie in der Hauptstadt, ging es im ganzen Lande zu. Ueberall wurden die deutschen Schulen unterdrückt (mit offener Verletzung des Volksschulgesetzes vom Jahre 1868, welches bestimmt, daß jedes Kind in der Elementar- und Mittelschule in seiner Muttersprache unterrichtet werden müsse!) und man ersetzte sie durch magyarische. Die Verwaltung wurde ausschließlich magyarisch, selbst in reindeutschen Bezirken. Der magyarische Beamtenkörper wurde in jedem Orte ein Centrum der Propaganda, welche durch gesellschaftlichen und amtlichen Hochdruck den wohlhabenden und angesehenen Theil der Bevölkerung zum Magyarismus zu bekehren sucht.

Die deutschen Beamten des Staats und der Verkehrsanstalten, zum Theil alte Männer, die im Dienste des Landes und in redlicher Pflichterfüllung ergraut waren, wurden aus ihren Stellungen verdrängt; man machte ihr Verbleiben im Amte von der Erlernung der magyarischen Sprache abhängig, für die man ihnen eine Frist von sechs Monaten gewährte, welche einmal sogar gnädig um weitere sechs Monate verlängert wurde. Also ein Jahr zur Erlernung der schwersten europäischen Sprache, die in ihrem ural-altaischen turanischen Gefüge von allen iranischen Sprachen so urverschieden ist, daß ein indogermanischer Geist wenn er das Jugendalter überschritten hat, sich in ihre Eigenheiten überhaupt gar nicht mehr einleben kann. Solche Forderungen stellte man an alte Männer, die dabei von Amtsgeschäften fortwährend in Anspruch genommen waren und gar nicht die Zeit hatten, sich mit dem Erlernen eines fremden Idioms abzugeben. Natürlich war die Folge dieser Maßregel, daß neun Zehntel der deutschen Beamten entlassen wurden und am Abend ihres Lebens ihre Existenz vernichtet sahen.

So ging es in Ungarn, seit dem Jahre 1861 her. Heute nun liegen die Dinge so, daß die Deutschen, die 1861 bereits das Jünglingsalter erreicht hatten und nun das Magyarische nicht mehr erlernen konnten oder wollten, aus der Gemeinde- und Staatsverwaltung verdrängt wurden, daß ihnen Aemter und Ehrenstellen unzugänglich sind, daß die öffentlichen Laufbahnen für sie nicht existiren, daß sie im eigenen Vaterlande förmlich vaterlandslos dastehen. In der Hauptstadt, in reindeutschen Landbezirken giebt es keine einzige deutsche Volks- und Mittelschule mehr, und die Kinder werden in den Unterrichtsanstalten mit aller Macht magyarisirt. Das Gesetz schreibt wohl vor, daß Deutsch in den Schulen als obligater Lehrgegenstand vorgetragen werde, allein die oberen Schulbehörden geben den betreffenden Lehrern bei ihrer Ernennung zum Lehreramte den vertraulichen Wink, sich nicht allzu sehr anzustrengen, und wenn sie es trotzdem mit ihrem Berufe ernst nehmen und im Unterricht des Deutschen Eifer an den Tag legen, werden sie von ihren Collegen denuncirt und verlieren für immer die Aussicht auf Beförderung. Die Folge dieses Systems ist, daß die neue Generation, die seit 1861 erwächst, Deutsch nicht mehr als gebildete Sprache spricht, sondern als Küchenjargon radebricht, daß in vielen Fällen die Eltern sich mit den magyarisirten Kindern nicht mehr verständigen können.

Die allgemeine Cultur des Landes ist erschreckend zurückgegangen. Viele Orte, die früher ein gutes deutsches Theater, ja selbst eine Oper hatten, entbehren jetzt jeder Möglichkeit, sich bildende Genüsse zu verschaffen; deutsche Vereine, in denen edle Geselligkeit gepflegt wurde, haben sich aufgelöst und sind durch „Casinos“ ersetzt worden, in denen magyarische Beamten trinken und Karten spielen. Der Absatz guter Bücher hat abgenommen, das Land producirt nicht mehr Lehrkräfte genug für seinen Bedarf und muß für alle höheren Verwaltungszwecke, für alle technischen Aufgaben ausländische Fachmänner – meist doch wieder die verhaßten, aber unentbehrlichen „Schwaben“! – berufen.

Daß es so weit kommen konnte, ist allerdings zum Theil die Schuld jener zwei Millionen deutscher Bürger, die sich widerstandslos zu verachteten vaterlands- und rechtlosen Parias erniedrigen ließen. Die Deutschen Ungarns kamen eben anfangs der magyarischen Bewegung mit Sympathie entgegen, weil im Jahre 1861 Oesterreicherthum leider Ultramontanismus, Absolutismus und Reaction, der Magyarismus dagegen politische und religiöse Freiheit bedeutete; Freiheit allerdings nur für den magyarischen Stamm, nicht aber für die nichtmagyarischen Nationalitäten des Landes, was die guten für liberale Schlagworte schwärmenden Deutsch-Ungarn völlig übersahen. Als die Deutschen später erkannten, daß die neue Aera ihrer Sprache, ihrer Bildung, ihrem Volksthum an’s Leben gehe, waren sie schwach genug, Alles schweigend zu erdulden. Viele magyarisirten ihre Namen, gingen zur herrschenden Partei über, ließen sich mit Titeln und Aemtern dafür belohnen und suchen nun durch doppelten Eifer im Kampf gegen die Deutschen ihren eigenen deutschen Ursprung vergessen zu machen.

Ungarn hat eine weitverbreitete deutsche Presse. Zwei deutsche Blätter der Hauptstadt haben jedes für sich allein mehr Abonnenten als alle magyarischen Blätter zusammengenommen. Diese Zeitungen waren die natürlichen Anwälte und Vertheidiger des Deutschthums. Ein um so beklemmenderes Schauspiel gewährt es, täglich zu sehen, wie solche hervorragende Organe ganz offen mit ihrem deutschen Wort unter der Fahne der ausgesprochensten Deutschenverfolgung kämpfen. Wenn der einzelne Deutsche aber sieht, daß er bei der Regierung keinen Schutz findet, daß seine eigene einheimische Presse mit der Bekämpfung gemeinsame Sache macht und daß isolirtes Hervortreten mit seiner Gesinnung ihn allen Möglichen Verfolgungen und Unbilden aussetzt, so wagt er es nicht mehr, Farbe zu bekennen, und verschließt seinen Groll in’s Herz, wo er weiterfrißt.

Heute sind es die Deutschen Ungarns allein, die unter diesen Zuständen leiden, aber die Magyaren werden bald genug [407] erfahren, ja erfahren es zum Theil schon jetzt, was sie sich und ihrem Lande angerichtet haben, als sie ihren Krieg gegen das die Cultur ihres Landes repräsentirende Deutschthum begannen. Die Magyaren haben bisher noch nicht das Experiment gemacht, sich ganz in ihren Magyarismus einzuschließen; sie haben es bisher noch nicht versucht, ihre Cultur von der des Westens zu isoliren. Bis zum Jahre 1833 lernte jeder gebildete Magyare Deutsch und Lateinisch und hatte, wenn er schon das Deutsche verschmähte, in seiner, wenn auch noch so schlechten, Latinität eine Brücke zum Westen. Von da bis 1861 war die Sprache der Bildung in Ungarn noch immer die deutsche. Die jetzt heranwachsende Generation der Magyaren und selbst der von deutschen Eltern abstammenden Ungarn spricht, liest, schreibt nicht mehr deutsch, aber auch keine andere europäische Sprache; denn das Lateinisch der Schulen reicht nicht zu literarischen und wissenschaftlichen Zwecken, und der Unterricht im Französischen, der in den Mittelschulen obligat gemacht wurde, ist wahrlich ein bloßes Späßchen, einzig und allein dazu bestimmt, einen scheinbaren Beweis gegen Jene zu liefern, die den Krieg gegen das Deutschthum als einen Krieg gegen die westeuropäische Civilisation darstellen.

Diese Generation also wird im Ganzen außer dem Magyarischen keiner andern europäischen Sprache mächtig sein. In all ihren ökonomischen Interessen auf Oesterreich und Deutschland angewiesen, die dem industrielosen Ungarn seine sämmtlichen Industrie-Artikel liefern und ihm seine Naturprodukte abkaufen, wird sie in Folge ihrer Unkenntniß der deutschen Sprache hülflos dastehen und den ganzen internationalen Handel und Verkehr fremden Einwanderern überlassen müssen, die nicht etwa, wie die eingeborenen Deutschen Ungarns, für das Land ein Herz haben, sondern es als Colonie betrachten werden, die man auf jede Weise auspressen und aussaugen müsse. Noch schlimmer aber, als auf ökonomischem, wird es diesem Nachwuchs auf geistigem Gebiete ergehen.

Heute publicirt noch jeder magyarische Forscher seine Arbeiten nebenbei deutsch und bringt sie so zur Kenntniß der Welt. In zehn, fünfzehn Jahren wird dies nicht mehr geschehen können; denn die magyarischen Gelehrten der Zukunft werden des Deutschen nicht mehr mächtig sein, und auch die Ungarn deutschen Namens werden ihr bisheriges Vermittlergeschäft nicht fortsetzen können, weil sie in den Schulen nicht lernen, sich ihrer Muttersprache zu höheren Bildungszwecken literarisch zu bedienen. So würde, wenn die Dinge sich nicht wandeln, Ungarn als Culturvolk aus dem Gesichtskreise der Völker des Westens verschwinden müssen. Man würde von dieser Nation und ihrer etwaigen geistigen und wissenschaftlichen Thätigkeit nichts mehr hören. Eingeschlossen in ihre der Welt unbekannte Sprache wie in eine chinesische Mauer, würden die Magyaren losgeschnitten sein von der europäischen Gemeinschaft und ihre Ausweisung der europäischen Cultur mit dem Rückfall in den vollen Asiatismus bezahlen.

Das Land wird es sehr bald fühlen, daß die Zweisprachigkeit allein den magyarischen Stamm bisher in Europa erhalten hat, daß das Deutschthum in Ungarn ein Glück für denselben war, daß er in seiner exclusiven Einsprachigkeit verkommen muß; das Land wird zu spät erkennen, daß eine in Europa ohne jegliche Verwandtschaft dastehende, nur von einer kleinen Zähl Individuen gesprochene Sprache an sich keine Existenzfähigkeit habe und nur unter der Mithülfe einer Weltsprache dauern und gedeihen könne.

Dies sehen übrigens die denkfähigen Magyaren selbst ein, und es ist gewiß bezeichnend, daß der Ministerpräsident Tisza von der Nothwendigkeit deutscher Bildung so überzeugt ist, daß er seinen Sohn in Berlin erziehen, daß er ihm durch preußische Lehrer die „Sprache der Hausknechte“ beibringen läßt. Die Einzelnen blicken tiefer und wollen die sichtlichen Gefahren, welche die öffentlichen Maßnahmen zur Folge haben, wenigstens von ihren eigenen Familien abwenden.

Mit alle dem ist freilich den Deutschen in Ungarn nicht geholfen, die als hingebende Patrioten, begeistert für den Ruhm und die Blüthe ihres Vaterlandes, den verhängnißreichen Folgen einer aus irrender Leidenschaft entsprossenen Politik mit Bangigkeit entgegen sehen. Freilich haben sie bisher unterlassen, was sie hätten thun müssen. Wenn man ihnen ihre theuersten Güter raubt, durch Beschimpfung ihrer Sprache und ihres Volksthums ihnen blutige Schmach zufügt, ihnen die Möglichkeit nimmt, ihren Kindern deutsche Bildung zu geben, sie zu Heloten im Lande macht: so mögen sie sich aufraffen; sie mögen ihren Widersachern die Paragraphen des Volksschul- und Nationalitätengesetzes entgegenhalten und sich von ihren verbrieften Rechten nicht widerstandslos abdrängen lassen! Sie mögen ihnen die Worte zurufen, die einer der Ihrigen, der große magyarische Politiker Nikolaus Wesselenyi, im ungarischen Reichstag von 1830 sprach:

„Der Gebrauch der Muttersprache ist ein unbezweifelbares Recht jeder Nation. Wenn die Nation in der Ausübung dieses ihres natürlichen Rechts behindert wird, bricht sie in Klagen aus; wenn man in der Behinderung verharrt, erweckt man Bitterkeit im Busen der Nation; wenn die Behinderung aber sich zur Bedrückung steigert, erweckt sie eine Reaction, die für die Regierung ebenso gefährlich, wie in ihren Folgen verhängnißvoll ist!“[2]

Ein Deutsch-Ungar.
  1. Bei dieser Gelegenheit wollen wir wiederholt das Unserige dazu beitragen, daß man „Magyar“ und „magyarisch“ richtig auszusprechen sich gewöhnt: man spreche „Madjar“ und „madjarisch“!
    D. Red.
  2. Wir sind in der Lage, diesen bezeichnenden Worten noch einen viel bedeutsameren Ausspruch anzuschließen, der im Hinblick auf die oben geschilderten Zustände unbedingt den Werth einer ernsten und gewichtvollen Mahnung erhält. Der Ausspruch ist das Product der Ueberzeugung eines Mannes, zu dem die Magyaren mit heiliger Verehrung aufschauen und der ihnen für alle Zukunft als die kühnste, gluthvollste und gewaltigste Ausprägung ihres Nationalbewußtseins und seiner Forderungen gelten wird. Freilich gehören seine Anschauungen noch einer Zeit an, die ihre Männer in der Schule der Humanität und in den Grundsätzen demokratischer Gleichberechtigung erzogen hatte. Der soeben erschienenen deutschen Ausgabe von Ludwig Kossuth’s Memoiren („Meine Schriften aus der Emigration“. Preßburg und Leipzig, C. Stampfel) ist folgende Stelle aus einem deutschgeschriebenen Briefe des berühmtesten Führers der ungarischen Sache vorausgeschickt:
         „Ich fühle mich berechtigt, zu hoffen, daß im ungarischen Vaterlande ohne Unterschied der Sprache noch Millionen von Bürgerherzen schlagen, in denen der Klang der Saite, die meine Schriften berühren, wohl noch einen Widerhall erwecken mag, und unter diesen – deß’ bin ich gewiß – werden die deutschen Patrioten Ungarns weder die mindest zahlreichen, noch die letzten sein. Sie haben es thatsächlich bewiesen, daß, obschon die Kenntniß der Sprache, welche das typische Merkmal der staatlichen Individualität und des historischen Charakters einer Nation bildet, gewiß sehr wünschenswerth und sehr wichtig ist, dennoch die Einheit der Sprache weder das einzige, noch das stärkste Band der politischen Einheit ist. Die Weltgeschichte liefert viele Beispiele, daß, während Völker einer und derselben Nationalität in verschiedene Nationen getheilt sein können, anderntheils die Verschiedenheit der Sprache kein Hinderniß der Nationaleinheit ist. Denn Nationalitäten (Rassen) sind blos ein Zufall der Natur, Nationen hingegen sind eine Schöpfung der Geschichte, die, durch die Gemeinschaft der Gesinnungen in den Werkstätten der historischen Entwickelung von gemeinschaftlichen Interessen ausgebildet, die Bürger eines Landes ohne Unterschied der Sprache mit heiligen Banden an den heiligen Begriff des ‚Vaterlandes‘ knüpft.“
         Wenn es möglich wäre, daß in Ungarn diese lichten, hohen und durchaus praktischen Ansichten des großen Patrioten wieder zur Geltung kämen, die in der That vollständig den neueren Erkenntnissen der Wissenschaft vom Völkerleben entsprechen, so würde dort aus dem Gefühle inniger Zusammengehörigkeit des magyarischen mit dem alteingeborenen und zweifellos hochpatriotischen deutschen Volkselement nur Heil und Gedeihen entsprießen, während die feindselige Abstoßung der beiden Elemente allerdings keine anderen als verwirrende und zerrüttende Folgen haben kann. Möchten wir es erleben, daß man sich wiederum verständnißvoll die Hände reichte! Es würden dadurch auch alle Trübungen schwinden, welche leider die alten Sympathien Deutschlands für das Magyarenthum im Angesicht des Kampfes wider unsere Stammesbrüder erfahren müssen.
    D. Red.