Die Darsteller von Oberammergau

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Titel: Die Darsteller von Oberammergau
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 396, 397, 400
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[396]
Aus dem Passionspiel in Oberammergau 1870.
Christus.
Johannes.
Die Gartenlaube (1870) b 396.jpg

Joseph Mair.
Christus.
Johann Zwink.
Johannes.
[397]
Die Gartenlaube (1870) b 397.jpg

Petrus  Maria
 Jakob Hett. Franziska Flunger.

[400]

Die Darsteller von Oberammergau.

„Der Passion“ in Oberammergau hat begonnen, und allwöchentlich wallfahrten Tausende auf allen zum Fuß der Zugspitze führenden Straßen und besonders am Ettaler Kloster vorbei zu dem bairischen Dorfe an der Ammer, aus dessen bescheidenen, längs des Flusses hingestreuten Häusern die Künstler hervorgehen, welche jahrüber mit erfahrener Hand zu schnitzen und zu bilden, zu gestalten und zu formen pflegen, und nun von erhabener, weitgedehnter Bühne herab zu dem in Staunen und Andacht versunkenen Volke sprechen. Die zierlichen Gebirgshäuser, hinter deren Fenstern die schmalen Werktische der fleißigen Kunstjünger sichtbar sind, tragen an ihrer Vorderseite bunte Bilder aus der biblischen und aus der Heiligengeschichte; blumenreiche und obstbaumbergende Gärtchen schließen das einzelne Besitzthum ein, und über dem Thale erheben sich die schönen, waldgeschmückten Berge von Unterammergau. Viele der zuströmenden Touristen mögen nur aus Neugierde kommen und mit dem einzigen Zwecke, sich durch den Anblick des Oberammergauer Passionsspiels ebenso unterhalten zu lassen, wie sie sich in Leipzig etwa durch die Messe oder in München durch das Octoberfest unterhalten lassen; schon Vielen von ihnen aber erging es ganz wider Erwarten, und ernster gestimmt, als sie kamen, in der Tiefe ihres Gemüthes angeregt und jeder spöttischen Bekrittelung unfähig, die der echte Bädecker-Reisende wohl überall im fremden Lande zur Schau trägt, verließen sie den Schauplatz einer so seltsamen und ganz einzigen Erscheinung.

Unleugbar sind Theilnahme und Aufmerksamkeit, die dem Oberammergauer Passionsspiel rings in Deutschland vom Volke im Allgemeinen, wie von den Gebildeten im Besonderen geschenkt werden, seit den letzten Jahrzehnten in bedeutender Zunahme begriffen und diese Thatsache ist als eine um so erfreulichere zu begrüßen, als das Oberammergauer Passionsspiel nicht allein darum so beachtenswerth ist, weil es sich durch den Raum von zweihundert Jahren bis in unsere, wie man versichert, Alles gleichgestaltende Gegenwart herauf gerettet hat, sondern auch darum, weil es bei der unmittelbaren Frische, mit welcher es wirkt, von einer Bedeutung für die deutsche Kunst und für die Entwickelung des deutschen Theaters zu werden verspricht, die heute noch gar nicht in ihrem weitesten Umfange gewürdigt werden kann.

Die Gartenlaube hat es bereits vor zehn Jahren für ihre Pflicht gehalten, dem Passionsspiel die eingehendste Aufmerksamkeit zu schenken; auch in diesem Jahre schon brachte sie, gleichfalls aus der geistvollen Feder Herman Schmid’s einen Artikel über die Vorproben zum Passionsspiel, der allgemeines Interesse gefunden hat. Und wie vor zehn Jahren bringen wir auch heute die portraitähnlichen Abbildungen der Hauptdarsteller, die in Schmid’s Artikel bereits Erwähnung gefunden haben: Christus, der in diesem Jahre zum ersten Male von dem Bildschnitzer Joseph Mair dargestellt wird, nachdem der frühere von Ammergau fortgezogen ist; Johannes, der in dem Bildschnitzer Zwink gleichfalls einen neuen tüchtigen Vertreter gefunden hat; Petrus, der auch heuer von dem Bildschnitzer Hett in unnachahmlich einfacher Treuherzigkeit gegeben wird, und Maria, deren Rolle zum ersten Male in den Händen der Franziska Flunger liegt, der Tochter des Schnitzers und Zeichnungslehrers, der vor zwanzig Jahren den Christus gespielt hat und nun wiederholt den Hohenpriester Annas darstellt.

Wir kommen gewiß mit Mittheilung dieser interessanten Portraits dem Wunsche vieler unserer Leser zuvor, denen es nicht vergönnt ist, in das schöne oberbairische Gebirgsthal zu wandern; wir aber rufen den wackern Spielern von Oberammergau auch für dieses Jahr ein herzliches Glückauf zu.