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Textdaten
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Autor: Dr. med. Simon Scherbel
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Titel: Die Augen der Frauen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 602
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Augen der Frauen.
Von Dr. med. Simon Scherbel.

Wie Vieles und wie Schönes ist nicht schon über die Augen der Frauen geschrieben und gesprochen worden! Wie haben diese „strahlenden Sterne“ seit jeher Sänger und Dichter zu schwungvollen Dithyramben begeistert, zu den schönsten Liedern, welche die schmerzlich-süßen Gefühle besingen, die ein Frauenauge, versagend oder verheißend, hervorzurufen vermag! Von Al-Hafiz und Firdusi bis Heinrich Heine und Bodenstedt-Mirza-Schaffy, stets derselbe Preisgesang, wenn auch in tausend Variationen und in ungezählten Farbenmischungen von verherrlichenden Worten und Tönen!

Und doch ist das Auge der Frau nicht anders gebaut wie das des Mannes, und beide gleichen einander in der Art, wie sie gebildet sind, so vollkommen, daß der gewiegteste Anatom, wenn ihm ein Auge allein vorgelegt würde, nicht im Stande wäre, zu entscheiden, ob es das einer Frau oder eines Mannes gewesen ist. Daher giebt es denn unter den Naturforschern so manchen bösen Skeptiker, der von all dem, was die Dichter in das Auge der Frau hineingelegt und aus ihm herausgelesen haben, nichts, gar nichts vorgefunden haben will, der das schmachtende Blau, den „Widerschein des Himmels“, oder das feurige Schwarz, die „glutvollen Demanten“ des Frauenauges für einfaches blaues oder dunkles Pigment, d. h. Farbstoff in der Regenbogenhaut erklärt, und so kann auch der Arzt leider nicht umhin, zu gestehen, daß die Augen der Frauen ebensoviele „Fehler“ besitzen wie die der Männer, ja, daß es Leiden der Augen giebt, die in der weiblichen Welt viel häufiger anzutreffen sind als in der männlichen. Wenn wir hier mit einigen Worten darauf hinweisen wollen, so leitet uns der Wunsch, eine Mahnung und Warnung auszusprechen mit Bezug auf gewisse zunehmende Verschlechterungen in den Augen vieler Frauen, und dem weiteren Umsichgreifen jener nach Möglichkeit vorzubeugen, damit nicht schließlich die Wirklichkeit in einem zu schroffen Gegensatz stehe zu den Lobhymnen der überströmenden dichterischen Begeisterung.

Zunächst ist es die Kurzsichtigkeit, welche sich auch bei dem weiblichen Geschlechte immer mehr auszubilden beginnt, wenn sie auch nicht die hohen Grade erreicht, die wir bei dem männlichen Geschlechte antreffen. Die Ueberlastung mit Arbeit in den höheren Töchterschulen geht eben glücklicherweise nicht so weit wie in den höheren Bildungsanstalten der Knaben. Nun ist ja allerdings die Kurzsichtigkeit kein so großer Uebelstand, so lange sie nicht hochgradig ist, sie zwingt aber zur Benutzung einer Brille für das Fernsehen, was freilich den Reiz eines schönen Mädchenauges nicht eben erhöht. Allein wenn die Kurzsichtigkeit stärker wird, so machen sich doch größere Beschwerden bemerkbar, da es nothwendig wird, die Gegenstände näher an das Auge heranzubringen, was einen vermehrten Blutandrang nach dem Auge zur Folge hat. Dann stellen sich die sogenannten fliegenden Mücken (mouches volantes) ein, d. h. kleine dunkle Pünktchen, welche im Hellen vor dem Auge hin- und herschweben; es kann ferner zu Trübungen im Glaskörper kommen und zu noch gefährlicheren Veränderungen in der Sehnervenhaut.

Gegen die zweifellose Zunahme der Kurzsichtigkeit unter dem weiblichen Geschlecht läßt sich nur dadurch ankämpfen, daß in den Schulen für bessere Bänke und Tische und für hellere Beleuchtung gesorgt wird, und daß die Arbeiten in der Häuslichkeit, bei denen die Augen angestrengt werden müssen, verringert werden.

Ebenso wie die Kurzsichtigkeit ist auch die von Professor Donders in Utrecht vor noch nicht langer Zeit entdeckte Uebersichtigkeit in großem Maße in der Frauenwelt verbreitet. Während aber bei der Kurzsichtigkeit die Augenaxe zu lang ist, d. h. das Auge in der Richtung von vorn nach hinten länger ist als normal, und dieser Fehler durch eine Konkavbrille ausgeglichen wird, ist bei der Uebersichtigkeit die Augenaxe zu kurz, und hier ist eine Konvexbrille nöthig, um die dadurch bedingten Sehstörungen zu beseitigen. Die Uebersichtigkeit jedoch ist angeboren und läßt sich nicht erwerben.

Wohl zu unterscheiden von der Uebersichtigkeit ist die bei Frauen ebenfalls sehr häufig vorhandene Weitsichtigkeit oder Alterssichtigkeit. Den letzten Namen hat sie daher, daß sie gewöhnlich erst im Anfang der vierziger Jahre auftritt, und ihre Ursache ist die Ermüdung des Accommodationsmuskels, nämlich desjenigen Muskels im Augeninnern, der die Aderhaut anspannt, infolge dessen das an derselben befestigte Band lockert, an welchem die Linse aufgehängt ist, und dadurch die ihrer eigenen Elasticität folgende Linse stärker gekrümmt macht, was für das Sehen in der Nähe (Accommodation) nöthig ist. Wenn dieser Muskel, wie alle Muskeln im Körper, mit zunehmendem Alter schwächer wird, wenn also infolge davon die Linse nicht mehr in die stärker gekrümmte Form versetzt werden kann, dann wird auch das Lesen in der Nähe immer schwieriger. Namentlich zeigt sich dies am Abend, und das Buch wird dann weit vom Auge entfernt und hinter das Licht gehalten, um das Lesen zu ermöglichen.

Hier erspart eine richtige Konvexbrille, die vor das weitsichtige Auge gesetzt wird, der Linse die stärkere Krümmung, erspart dem schwach gewordenen Accommodationsmuskel die Arbeit und ermöglicht also wieder das bequeme Lesen und Arbeiten in der Nähe. Deshalb ist es ein Fehler, unter solchen Umständen das Auge übermäßig anzustrengen, nur um das Tragen einer Brille zu vermeiden, was ja allerdings mancher Frau, die durchaus noch nicht gewillt ist, sich zu den „Alten“ zählen zu lassen, als „großmütterlich“ erscheinen muß. Die Konvexbrille hilft aber unter diesen Verhältnissen jene Altersbeschwerden, die sich unerbittlich geltend machen, leichter ertragen und bewahrt vor größerem Schäden an den Augen.

Gar nicht selten aber stellt sich eine solche Ermüdung des Accommodationsmuskels gewissermaßen vorzeitig ein, also schon vor dem vierzigsten Lebensjahre (oft schon im zwanzigsten Jahre), und dies ist eine der hauptsächlichsten Erkrankungen des Frauenauges. Professor Cohn in Breslau hat dies Leiden unter 811 Fällen siebenhundertzwanzigmal bei Frauen vorgefunden. Es ist also ein Mangel an Ausdauer im Sehen, eine leicht eintretende Ermüdung und wird Asthenopie genannt. Dieselbe kann so hochgradig werden, daß selbst für wenige Minuten ein anhaltendes Lesen oder Arbeiten ist der Nähe zur Unmöglichkeit wird, daß die Buchstaben oder die Nadelstiche durch einander laufen oder gleichsam zittern und schwanken, und daß schließlich bei fortgesetzter Anstrengung der Augen Schmerzen in denselben und Entzündung eintreten können. Die Asthenopie ist gewöhnlich auch die Folge einer andauernden Thätigkeit in der Nähe, kann aber auch von niederdrückenden Einwirkungen auf das Gemüth herrühren, z. B. von Schreck, Gram und Sorge, von erschöpfenden Krankheiten und von vielem Nachtwachen.

Mit zu den wesentlichsten Ursachen gehören die feineren Handarbeiten; vor allem also das Buntsticken, die Kanevasstickerei, die so beliebte Filetguipure, ganz besonders aber das Namensticken, der Plattstich und die feine Perlen- und Spitzenarbeit. Hier ist es erforderlich, die Arbeit dicht ans Auge heranzubringen, und dadurch wird der Accommodationsmuskel in einer Weise angestrengt, die ihn immer mehr entkräften muß, vornehmlich, wenn auch die Beleuchtung bei diesen Arbeiten eine nicht ausreichende ist. Wer durch den Kampf ums Dasein gezwungen ist, solche Arbeiten auszuführen, der möge wenigstens dabei genügende Unterbrechungen zur Erholung des Auges eintreten lassen und möge für gute Beleuchtung und große Vorzeichnungen sorgen. Der übrigen Frauenwelt ist jedoch von jenen feineren Handarbeiten, die ja heutzutage durch die Maschine ebenso gut und wohlfeil hergestellt werden, durchaus abzurathen.

Indem wir andere noch ernstere Augenleiden, welche überwiegend das weibliche Geschlecht bedrohen, z. B. den grünen Staar, hier übergehen, da die dabei auftretenden schweren Symptome sofort zum Arzte führen, wollen wir nicht unterlassen, hervorzuheben, daß, im Gegensatze zu den erwähnten Sehstörungen die Farbenblindheit in der weiblichen Welt äußerst selten ist, während doch drei bis vier Prozent der Männer an dieser Krankheit leiden.

So haben denn also auch die Augen der Frauen ihre Fehler, sogar solche, die ihnen mehr anhaften als den Augen der Männer. Ob auch jener geheimnißvolle Aufruhr, jene uralten und doch ewig neuen Empfindungen, die sie in dem „himmelhochjauchzend zum Tode betrübten“ Mannesherzen wachzurufen pflegen, zu diesen „Fehlern“ zu rechnen sind, darüber zu entscheiden, wollen wir den Dichtern oder den – Ehemännern überlassen.