Die Agraviados in Spanien

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Titel: Die Agraviados in Spanien
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aus: Das Ausland, Nr. 26; 28; 31–32; 37 S.  105–106, 110–112, 121–123, 127–128, 147–148.
Herausgeber: Eberhard L. Schuhkrafft
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: Cotta
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Erscheinungsort: München
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Die Agraviados in Spanien.[1]


Eine der räthselhaftesten Erscheinungen unserer Zeit, und gewiß selbst für manchen Staatsmann eine der unerwartetsten, war – nach dem vollendeten Siege der Hierarchie und des Despotismus in Spanien – das Auftreten der Agraviados: ein Aufstand der treuesten Unterthanen des Königs gegen den König zu Gunsten des Königs, gegen die Regierung der absolutesten und grausamsten Willkür, weil sie nicht willkürlich und grausam genug sey. Wer indessen den Gang der Ereignisse seit dem zweimaligen Umsturze der Constitution mit aufmerksamern Blicken verfolgt hatte, dem konnte es unmöglich entgangen seyn, daß die siegende Parthei von Anfang an aus zwei völlig entgegengesetzten Elementen bestand, die sich nur zur Erreichung eines gemeinschaftlichen Zweckes verbunden hatten, und daher nach der Erreichung dieses Zweckes nothwendig früher oder später in offene Gährung ausbrechen mußten. Und wer auch nur die Begebenheiten des Tages, ohne ihren tiefern Zusammenhang im Ganzen zu übersehen, vorurtheilsfrei betrachtete, der mußte bemerkt haben: daß nicht die Anhänger der Cortes, sondern die angeblichen Vertheidiger des Thrones, die wahren Revolutionärs waren, wenn wir unter Revolutionärs die Feinde der gesellschaftlichen Ordnung verstehen; daß die Bewegung, welche vorgeblich nur gegen die von den Cortes eingeführten Gesetze gerichtet war, eigentlich weniger den Cortes, als den Gesetzen überhaupt galt.

Agraviado heißt im Spanischen ein Mensch, dem man eine Ungerechtigkeit (un agravio) hat widerfahren lassen, indem man Dienste, die er geleistet, nicht belohnte, oder indem man dieselben verkannte.

Die Menschen, welche einen Theil der sogenannten Glaubensarmee ausgemacht haben, sind fest überzeugt, daß Ferdinand VII es nur ihren Anstrengungen verdankt, wenn er sich von einer ihm verhaßten Constitution befreit findet, die seinen freien Willen doch selbst in Sevilla und Cadix kaum so sehr beschränkt haben dürfte, als dieß gegenwärtig durch seine Freunde, die Royalisten, geschieht. Diese behaupten ihm die volle Machtvollkommenheit der absoluten Gewalt zurückgegeben zu haben; aber es versteht sich von selbst, daß diese Macht nicht anders ausgeübt werden darf, als durch sie selbst und gegen die, welche sie Negros nennen, d. h. gegen alle Spanier, welche Vermögen oder Bildung besitzen, und daß dieß nicht immer geschieht, ist ihre vorzüglichste Kränkung (agravio). Da sie beständig von der Ueberzeugung ausgehen, daß sie allein die Contrerevolution bewirkt haben, und daß sie Frankreich dabei weniger, als nichts verdanken: so gibt es natürlich keine Forderung, die sie sich nicht berechtigt hielten, an den König zu machen, welchen sie Negro nennen, so oft, durch einen freilich seltenen Zufall, der Staatsrath Sr. Katholischen Majestät eine vernünftige Maaßregel ergreift, oder ein Mitglied aufnimmt, welches kein völliger Dummkopf oder Tollhäusler ist. Daß ein Häuflein constitutioneller Milizen sie aus Spanien vertrieben hatte, ehe der französische Sanitäts-Cordon sich in eine Invasions-Armee verwandelte, ist ihnen völlig aus dem Gedächtniß entfallen; und wie sehr das französische Cabinett, wenn es irgend etwas von der Dankbarkeit dieser Leute erwartete, sich getäuscht hat, bedarf daher kaum einer Erwähnung.

Als die französische Regierung der apostolischen Parthei in Spanien Hülfe lieh, beging sie daher nicht bloß einen großen Fehler, sondern auch ein doppeltes politisches Verbrechen: einmal gegen ihr eigenes Land, indem sie demselben die Kosten eines ungerechten Krieges auflegte, von welchem ihm nie der geringste Vortheil werden konnte, sodann gegen einen Nachbarstaat, der es auf keine Weise beleidigt hatte, und, im Begriff, durch eine, wenn auch noch so mangelhafte, Reorganisation aus dem Zustande der Auflösung heraus zu treten, in welchen Priesterherrschaft und Fanatismus ihn gestürzt hatten, gestört und allen Convulsionen preisgegeben wurde, die aus einer Zerrüttung der edelsten Lebenskräfte hervorgehen müssen. Die Parthei, welche Frankreich im J. 1823 seiner Unterstützung würdig hielt, bestand fast ausschließlich aus dem verworfensten, unwissendsten, armseligsten Gesindel, mit einem Worte, aus der Hefe der Nation. Dem französischen Ministerium, so schlecht es auch unterrichtet gewesen seyn mochte, konnte dieß unmöglich verborgen geblieben seyn; es wußte, daß zwar die Mehrheit der Spanier, die Masse des Volks – wie die Mehrheit bei den meisten andern Nationen des Continents – sich wenig um politische Institutionen kümmerte, und in Bezug auf die Form seiner Regierung indifferent war, daß aber diese Mehrheit auch keineswegs [106] etwas anderes wollte, als festen, vernünftigen Gesetzen gehorchen, und daß alle, welche durch ihr Vermögen ein Interesse an der Wohlfahrt des Staates, durch ihre Bildung ein Urtheil über die Bedürfnisse desselben hatten, – sofern sie nicht durch selbstsüchtige Leidenschaften verblendet waren – sich entschieden für die Constitution erklärt hatten. Daß die sogenannte Revolution von Spanien, die man vorgab, nur eine Militärinsurrection gewesen sey, war eine zu grobe Unwahrheit, als daß man annehmen könnte, sie sey selbst von denen, welche sich ihrer zum Vorwande bedienten, jemals ernstlich geglaubt worden. Als im Februar und März 1820 der allgemeine Aufstand von Catalonien, Arragonien, Gallizien und endlich von Madrid die Minister Ferdinand VII vermochte, ihm zu rathen, den Eid auf die Constitution von Cadix abzulegen (ein Verzweiflungsschritt, welcher, drei Monate früher geschehen, im wechselseitigen Interesse der königlichen Autorität und der Rechte der Nation hätte modificirt werden können), war die Militärinsurrection unterdrückt; Riego – sein Corps auf eine Begleitung von 40 Mann zusammengeschmolzen – auf der Flucht, und Quiroga, auf der Insel Leon, eng eingeschlossen, im Begriff, zur Capitulation gezwungen zu werden. Das ganze spanische Volk war es, welches das unerträgliche, seit 1814 ihm auferlegte Joch abwerfen wollte; das Volk war es, von welchem die Revolution ausging. Die allgemeine Meinung des Volkes hatte sich so entschieden zu Gunsten einer politischen Veränderung ausgesprochen, daß keine Macht im Stande gewesen wäre, die Explosion zu verhüten. Die Freunde über den Erfolg war allgemein in ganz Spanien, und keine einzige Stimme der Opposition ließ sich vernehmen.

[110] Diese Allgemeinheit allein wäre hinreichend, den wesentlichen Unterschied der Volksbewegung, welche die Wiedereinsetzung der Cortes in Spanien verlangte, von der französischen Revolution zu charakterisiren, mit der dieselbe so oft in Parallele gestellt worden ist. Beide Bewegungen waren Reclamationen der Masse des Volkes gegen die ungleiche Vertheilung der Staatslasten, wenn von Ungleichheit der Vertheilung die Rede seyn kann, wo der eine Theil alles und der andere Nichts zu tragen hat. Nur vereinigten sich in Frankreich die beiden privilegirten Stände, welche die temporäre Macht in Händen hatten, zur Zurückweisung der an sie gerichteten Forderungen, und traten dadurch dem Volke, oder dem sogenannten dritten Stande, feindlich gegenüber. In Spanien dagegen ergriff der eine von den beiden privilegirten Ständen – die Aristocratie, mit Enthusiasmus die Sache des Volkes, und brachte seine Vorrechte willig dem Wohl des Ganzen zum Opfer, in der Ueberzeugung, daß der ohne diesen Schritt unabwendbare Verfall auch den aller Einzelnen zur Folge haben müßte. Wir finden daher fast alle großen historischen Namen Spanien, fast alle durch Geburt, Rang oder Glücksgüter ausgezeichneten Männer der Monarchie in den Reihen der Vertheidiger der Constitution. Die zweite Classe der Privilegirten, die Geistlichkeit, die durch ihren unermeßlichen steuerfreien Reichthum dem der ganzen übrigen Bevölkerung Spaniens beinahe das Gleichgewicht hielt, blieb allein der Meinung, daß es in ihrem Interesse liege, ohne Rücksicht auf das Wohl des Ganzen, auf der Behauptung ihrer Vorrechte zu bestehen, sah sich aber außer Stande, für den Augenblick der allgemeinen Bewegung sich mit Erfolg entgegen zu setzen, theils weil sie unter sich selbst keinesweges einig war, theils besonders, weil sie keinen unmittelbaren Einfluß auf den Mechanismus der Staatsinstitutionen übte, – und mußte daher wenigstens äußerlich den Schein annehmen, als billige sie, was sie nicht verhindern konnte.

Die Menschen, welche das französische Ministerium, oder in demselben die Partei der Congregation, unter dem [111] Namen der Glaubensarmee gegen die spanische Constitution bewaffnete, waren Anfangs ein zusammengeraffter Haufen von Verbrechern, Contrebandiers oder untreuen Beamten, welche mit den ihnen anvertrauten öffentlichen Geldern nach Frankreich durchgegangen waren. Einige Ehrgeizige, die sich später schämten, an ihrer Spitze gestanden zu seyn, glaubten darin ein Mittel zu finden, das ihnen eine glänzende Laufbahn eröffnen könnte; so der Graf Espana, ein geborner Franzose, aber in spanischen Diensten als Napoleon in Spanien einfiel, im Unabhängigkeitskriege als Anführer eines Freicorps ausgezeichnet, und zum General emporstiegen;[2] so Quesada, der nur Obrist war, als er die Fahne der Empörung gegen die Cortes erhob, und, nach Frankreich vertrieben, im Gefolge der französischen Armee als General zurückkehrte;ref>gegenwärtig Generalcapitän von Andalusien.</ref> so der Baron d’Eroles, der sich im spanischen Unabhängigkeitskriege vom Studenten zum Generallieutenant emporgeschwungen hatte, und ungeachtet er den Umsturz der Constitution selbst mit bewirken half, persönlich sich beständig zu constitutionellen Gesinnungen bekannt, weshalb, als er im Jahre 1826, in der Blüthe seines Alters starb, allgemein der Verdacht entstand, er sey vergiftet worden. An diese Männer schloß sich eine geringe Anzahl mißvergnügter und unruhiger Köpfe an: der alte General Eguia, – das wahre Muster eines Ultra – ein Mann, der jede seit dem Jahre 1750 in das Leben getretene neue Idee für Ketzerei und Hochverrath hielt: Mataflorida, ursprünglich ein armer Advocat (abogado de guardilla) darauf Mitglied der Cortes in Cadix, wo er die berüchtigte Adresse redigirte, welche, einer von den Persern hergenommenen Vergleichung wegen, die Adresse der Perser hieß (worin 69 Deputirte den König baten, die Constitution abzuschaffen) später durch seine Theilnahme an den Hofintriguen bereichert und für Geld zum Marquis erhoben, im Jahr 1821, nachdem er der Verantwortung wegen der Redaction der bereits erwähnten Adresse durch die Flucht entgangen war, Mitglied der Insurrectionsjunta von Catalonien;[3] Pio Elisalde, ein ehemaliger Kaufmann von San Sebastian, ein Mensch von starkem, heftigen Charakter, dessen Hauptleidenschaft ein tiefer Haß gegen Frankreich ist und gegen Alles, was aus Frankreich kommt, seitdem er im Unabhängigkeitskriege als Lieferant für die Armee des Generals Blake den Grund zu seinem jetzigen Reichthum legte;[4] Erro, gleichfalls ein Biscaier, vor dem Jahr 1808 Sekretär des Friedensfürsten, und darauf Controlleur zu Ciudad Real, während des Kampfes gegen Napoleon, Präsident einer Insurrectionsjunta in der Mancha, 1813 Intendant von Madrid, später Intendant von Barcelona, und nachdem er im Jahr 1820 durch die Cortes diese sehr einträgliche Stelle verloren hatte, Finanzminister der Regentschaft von Urgel;[5] der Erzbischof von Tarragona, Creus, (im Jahr 1825 gestorben), schon in den Cortes von Cadix einer der hitzigsten Vertheidiger der Inquisition und aller Grundsätze des alten Systems; neben diesen noch einige Andere. Der offene Schutz den ihnen Frankreich verlieh, vermochte jedoch nicht sie in Spanien zu halten: sie wurden vertrieben, und kehrten erst mit der französischen Armee zurück.

Die gefährlichsten Feinde, welche die Sache der Constitution in Spanien hatte, zählte sie indessen nicht unter diesen Partheigängern, sondern in der Camarilla, der unmittelbaren Umgebung des Königs, die, gewohnt durch ihren Einfluß die Staatsgeschäfte zu leiten, in der Einführung einer regelmäßigen Verwaltung ihre Macht bedroht sah. Der König Ferdinand, während der Regierung seines Vaters in einer Zurückgezogenheit gehalten, die an eine förmliche Gefangenschaft grenzte, und beständig von den Spionen seiner Mutter und des Friedensfürsten umgeben, hatte nicht sobald den Thron bestiegen, als er sich völlig dem für ihn neuen Vergnügen hingab, vor Menschen, die ihm ergeben waren, frei seine Meinungen aussprechen zu dürfen. Er gestattete den vornehmsten Beamten seines Hauses den Zutritt in seine Gesellschaft und setzte sich mit ihnen auf den Fuß der größten Vertraulichkeit. Während seiner Verbannung in Valencay befestigte sich die Gewohnheit, ohne alle Etiquette zu leben, in ihm noch mehr. Bei seiner Rückkehr nach Madrid fuhr er fort, außer den Ministern auch einige vertraute Diener und eine kleine Anzahl von Personen, die ihm während seiner Gefangenschaft Proben ihrer Treue gegeben hatten, seines persönlichen Umganges zu würdigen. Es versammelte sich des Abends eine Gesellschaft in einem der Gemächer des Königs,[6] die den Namen Camarilla erhielt. Bald wurde diese das Centrum der Regierung, indem Ehrgeizige die Neigung des Königs, frei von dem lästigen Glanze seiner Größe zu leben, zur Erreichung ihrer Plane benutzten. Alle Schritte des Ministeriums wurden hier controllirt, und das geschah mehr als einmal, daß ein Beschluß, den der König um 5 Uhr unterzeichnet hatte, durch ein drei Stunden später geschriebenes Billet widerrufen wurde. Der Minister Macanaz hatte Se. Majestät um 10 Uhr des Abends verlassen, ohne das geringste Zeichen einer Unzufriedenheit wahrzunehmen; des andern Morgens um 8 Uhr ging der König in Person, ihn zu verhaften und seine Papiere mit Beschlag zu belegen; er wurde in ein Staatsgefängniß geworfen, das er erst nach langer Zeit verließ. Der Herzog von San Carlos war um 11 Uhr des Abends aus dem Cabinett des Königs gekommen; bei seinem Erwachen des andern Tages erhielt er einen Verbannungsbefehl, der später in eine Gesandtschaft nach Wien verwandelt wurde. Der Ober-Polizeiintendant Echevarri hatte [112] mit dem König eine Cigarre geraucht und sogar ein Dutzend derselben von ihm zum Geschenke erhalten; eine Stunde darauf befand er sich auf dem Wege in das Staatsgefängniß von Segovia.

Außerdem, daß die Camarilla, deren Wirksamkeit durch die Constitution sehr enge Grenzen gesetzt war, den König beständig in feindseliger Spannung gegen dieselbe erhielt, bediente sie sich selbst der Civilliste, welche der Hof ihr überließ, so wie der Summen, welche ihr aus Frankreich zugesandt wurden, um Unruhen in den Provinzen zu erregen. Der spanische Bauer, welcher, wie überall der Landmann, vor Allem seine Ruhe liebt, unbekümmert ob der König absolut oder constitutionell heißt, ließ sich jedoch durch diese Reizungen zu keinen Uebereilungen verleiten, zumal da er zum Theil (besonders im südlichen Spanien, wo er Geld genug besaß, um den Verkauf der Klostergüter benutzen zu können) von der neuen Verwaltung bereits wesentlich Vortheile zu ziehen begann.

Die Camarilla nahm ihre Zuflucht zu den Priestern, die mit Unwillen der Schmälerung ihrer fürstlichen Revenüen und der Vernichtung ihres weltlichen Einflusses entgegensahen, und setzte durch ihre Hülfe den Himmel und die Religion in Bewegung, um die Ordnung des Staats umzustürzen. Schnell vergrößerte der Fanatismus die Reihen der Unzufriedenenen, und jetzt bildeten sich die Banden unter den Befehlen des Trapisten Antonio Maragnon, nach einander Soldat, Contrebandier, Straßenräuber und Mönch, und wieder Soldat und wieder Mönch, und, so wie die ersten Glaubensbanden erschienen, aufs Neue aus dem Kloster entwichen:[7] unter George Bessieres, einem gebornen Franzosen, wegen Betrügereien aus der Armee gejagt, darauf in spanischen Diensten einer republikanischen Verschwörung wegen zum Tode verurtheilt, und nur durch die Verwendung der konstitutionellen Behörden begnadigt, hierauf aber auf einmal in den Reihen der Glaubensarmee erscheinend; ferner unter dem Pfarrer Merino, schon während des Unabhängigkeitskrieges als Guerillero in Altkastilien berühmt, und nach dem Frieden von 1814 mit dem Grade eines Brigadiers und dem Genuß einer reichen geistlichen Pfründe entlassen; – endlich unter der Guerillasanführern Carnicer, Loche und anderen unbedeutenderen Chefs. Der Name dieser Anführer allein verbreitete Schrecken in allen Gemeinden, denen sie sich näherten; auch nahm die Landbevölkerung den eifrigsten Theil an den kräftigen Maßregeln, welche die konstitutionelle Regierung ergriff, um Spanien von diesem Raubgesindel zu befreien.

Derselbe Pöbel der Hauptstadt, welcher 1823 die Franzosen bei ihrem Einzuge mit dem lautesten Enthusiasmus empfing, wollte wenige Tage zuvor einhundert Mann von der Bande des Bessieres, welche die Milizen einer kleinen Stadt zu Gefangenen gemacht hatten, in Stücken zerreißen. Und die Nationalmilizen, welche seitdem mit so großer Erbitterung verfolgt worden sind, standen damals drei Tage unter den Waffen, um zu verhindern, daß die Gefängnisse nicht von der wüthenden Masse aufgesprengt würden.

Die Insurgenten, auf allen Punkten geschlagen und bis zu den äußersten Grenzen verfolgt, flohen nach Frankreich, wo sie als Helden aufgenommen wurden, weil sie einen Vorwand darboten, den man lange gesucht hatte, in Spanien das constitutionelle System umzustürzen. Wahrscheinlich wollte die das französische Ministerium beherrschende Parthei durch den Angriff auf die Constitution von Spanien sich nur auf das ernstere Unternehmen vorbereiten, auch in Frankreich den Zustand vor der Revolution wieder herzustellen.

Die Männer, welche in Spanien damals an der Spitze der öffentlichen Angelegenheiten standen, waren unfähig, weit in die Zukunft vorauszusehen. Auf der einen Seite setzten sie, in der Ueberzeugung von der Zustimmung der Mehrheit der Nation den Ränken der Camarilla, die ihnen nicht unbekannt waren, keine durchgreifenden Maßregeln entgegen; auf der andern begingen sie den doppelten Fehler, einmal die Rüstungen von Frankreich für leere Drohungen zu halten, und dann, selbst in dem Falle, wenn sie wirklich zu Feindseligkeiten führten, vorauszusehen, daß die Dazwischenkunft einer Macht, die selbst von einem constitutionellen System regiert wurde, unmöglich die Wiederherstellung der absoluten Gewalt zur Folge haben könnte. Bereits im Anfang der Sitzung von 1822 trennte sich daher die Partei, die man Quillero nannte und die sich in gewisser Beziehung mit den französischen Feuillan’s vom Jahre 1791 vergleichen läßt, von der eigentlich revolutionären Partei, die dadurch zwar in den Besitz der Zügel der Regierung, aber nicht der Talente und des Einflusses kam, welcher den sogenannten Gemäßigten zu Gebot stand. War aber jener Mißgriff, der von denjenigen, die ihn begingen, am schwersten gebüßt worden ist, nicht zu entschuldigen? Schien es nicht, als wenn im Anfange des Zuges die Spanier sich Glück zu wünschen hätten über den schwachen Widerstand, welchen die französischen Waffen fanden? Mußten nicht die Proclamationen des Herzogs von Angouleme alle Besorgnisse beruhigen? Und standen nicht alle Schritte der Militärgewalt mit diesen Proclamationen im vollkommensten Einklang? Unmöglich konnte man voraussehen, daß das französische Ministerium nicht wagen würde, das denkwürdige Decret von Andujar in Kraft zu erhalten; daß Capitulationen, die unter der Garantie des Thronerben von Frankreich und einer französischen Armee von 100,000 Mann geschlossen waren, gebrochen werden würden, ohne daß eine einzige Reclamation gegen diese schmachvolle Verletzung feierlich eingegangener Verträge sich erhoben hätte: daß 50,000 Mann, die nach der vollkommenen Unterwerfung des Landes in Spanien zurückblieben, keinen anderen Zweck haben sollten, als unwillige Zeugen der grausamsten Reaction zu seyn, einer Reihe von Verfolgungen, die schrecklicher waren, als alle Gräuelscenen, deren Schauplatz Spanien seit der Vertreibung der Mauren gewesen war.

[121] Aber wir ziehen den Schleier über Unthaten, welche [122] die Menschheit entehren; ein Blick auf die Männer, welche – wenn nicht die obersten Leiter, doch die Stimmführer der herrschenden Parthei sind, wird hinreichen, um diese selbst zu charakterisiren.

Calomarde, gegenwärtig die bedeutendste Person in Spanien, der allmächtige Minister Sr. katholischen Majestät, ist von niederer Geburt und hat seine Laufbahn als Page bei einem Mitgliede des Raths von Castilien begonnen; später ging er in Staatsdienste über, und noch zu Anfang der Revolution von 1820 war er als öffentlicher Beamter in einer sehr untergeordneten Stellung. Er wurde Secretär der ersten Regierungsjunta, die unter Eguia an die Stelle der von Frankreich nicht anerkannten Regentschaft von Urgel trat. Der bekannte Ugarte, der durch den Einfluß des russischen Gesandten, Tatitscheff in die Camarilla gebracht worden war, und während der beiden ersten Jahre nach der Restitution den König unumschränkt beherrschte, erhob ihn zu der Stelle eines Justizministers, die er noch gegenwärtig bekleidet. Anfangs dem König eben nicht angenehm, wurde er nach und nach der Lieblingsminister desselben, und wußte sich der ausschließlichen Leitung aller wichtigen Staatsangelegenheiten zu bemächtigen, indem er zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der in Spanien zugleich der Premierminister ist, Salmon, einen unbedeutenden und völlig von ihm abhängigen Menschen machte, und alle jene Männer, die durch Talente oder persönliches Ansehen ihm gefährlich werden konnten, aus dem Vaterlande entfernte. So hält er seinen ersten Gönner Ugarte, seit er ihn aus der Gunst des Königs verdrängt hat, in einer Art von Verbannung in Italien; so haben der Graf Ofalia, Zea, Labrador und der Herzog von San Carlos Gesandtschaften oder außerordentliche Missionen fern von Spanien. – Lopez Ballesteros, der Finanzminister, der gleich Calomarde durch Ugarte’s Einfluß in’s Ministerium gebracht worden ist, verdankt es nur seiner Mittelmäßigkeit und Unbestimmtheit, daß er seitdem sich auf seinem Posten erhielt. Von Staatsökonomie hat er keinen Begriff; seine Talente beschränken sich darauf, beständig einige tausend Piaster für die Privatbedürfnisse des Königs im Rückhalt zu haben.

Neben Calomarde und dem Range nach über ihm wird als das Haupt der apostolischen Parthei der Herzog von Infantado betrachtet, einer der größten Herren des Königreiches, durch seine Geburt und seine unermeßlichen Reichthümer. In Paris erzogen, hat er immer in seinem äußeren Betragen die Manieren und Sitten der Zeit beibehalten, welche unmittelbar der französischen Revolution voranging. Während der Herrschaft des Friedensfürsten war er einer der Wenigen, die ihre Knie vor diesem unwürdigen Machthaber nicht beugten. Auf der Versammlung der spanischen Notabeln zu Bayonne spielte er eine thätige Rolle und schien aufrichtig die Parthei des neuen Königs zu ergreifen, welchen Napoleon den Spaniern gab. Nach der Schlacht bei Baylen ging er indessen zu den Patrioten über, und wurde an die Spitze einer Heeresabtheilung gestellt, die bei ihrem ersten Zusammentreffen mit den Franzosen vernichtet wurde; darauf ward er Mitglied der Regentschaft von Cadix, und endlich Gesandter in London. Bei der Rückkehr Ferdinands VII erhielt er die Präsidentschaft des Rathes von Castilien, die erste Stelle der Monarchie; zugleich hatte er Sitz im Staatsrath, als die Revolution 1820 eintrat, deren Ausbruch er in Madrid durch die falschen Maaßregeln beschleunigte, zu denen er rieth. Während der constitutionellen Regierung lebte er auf seinen Gütern zurückgezogen, ohne beunruhigt zu werden. Als die französische Armee einrückte, war der Herzog von Infantado in Madrid, und wurde von dem Herzog von Angouleme zum Präsidenten der damals eingesetzten Regentschaft ernannt. Bei der Rückkehr des Königs von Cadix verweigerte er ein Ministerium anzunehmen, behielt jedoch allen den Einfluß, den seine Schwäche und Nachläßigkeit ihm auszuüben gestattet. Als Zea, durch die Intriguen der apostolischen Parthei ermüdet, sich zurückzog, wurde der Herzog von Infantado, dessen Ehrgeiz durch seine Umgebung geweckt worden war, zum Premierminister ernannt; doch zeigte sich in kurzem seine Unfähigkeit so deutlich, daß ihm der König das Portefeuille wieder entziehen mußte, ohne daß er deshalb in Ungnade gefallen wäre. Der Herzog ist ein guter, liebenswürdiger Mensch, von angenehmen Sitten und aufgeklärten Ansichten, aber seiner Charakterlosigkeit wegen das Spielwerk der Parthei, welcher er sich, wahrscheinlich ohne selbst recht zu wissen, warum? ergeben hat. Wie der König und die Glieder der königlichen Familie hat er seine Camarilla, die eine unumschränkte Herrschaft über ihn übt. Diese besteht aus sehr untergeordneten Personen, im Solde des Pater Cyrillo, der durch ihre Vermittlung den Herzog zu allen denjenigen Schritten bestimmen läßt, welche das Interesse der Apostolischen verlangt.

Der Pater Cyrillo von Alameida, Staatsrath und Franciscaner-General, ist unter allen den Personen, die einen Einfluß auf das spanische Cabinet üben, die fähigste, und vielleicht, ungeachtet seines Standes, die vorurtheilfreiste. Zu Anfang der Revolution von 1820 zeigte Cyrillo liberale Gesinnungen; und man behauptet selbst, daß er Freimaurer sey, und zur Zeit der Constitution in der Loge de los duelos de Villalpando, in der Rua de las Huertas, einer der revolutionärsten Logen in Madrid, eifrig mitgearbeitet habe. Der Pater Cyrillo ist von mittler Größe, sein Auge ausdrucksvoll, er spricht mit Gewandtheit und Eleganz, und seine Bewegungen sind die eines Weltmannes. Aeußerlich zeichnet er sich vor den übrigen Mönchen seines Ordens nur durch große Reinlichkeit, und durch die Feinheit seiner Kutte und seiner Wäsche aus. Er besitzt keine gründlichen Kenntnisse, aber so viel Geist, daß er sich die Ideen anderer leicht aneignen, und sie mit Klarheit und Beredsamkeit wiedergeben kann. Er ist noch jung, und hat seine Würde durch die geschickte Benützung von Umständen erreicht, die wahrscheinlich jedem andern verderblich geworden wären. Durch seine Vorgesetzten, einiger kleinen Mönchssünden wegen, zur Strafe nach Amerika gesandt, kam er nach verschiedenen [123] Abentheuern nach Rio de Janeiro, wo es ihm gelang bei Hofe Zutritt zu erhalten. Er erweckte in dem verstorbenen König Johann VI zuerst die Idee der Vermählung der beiden ältesten Infantinnen mit König Ferdinand und seinem Bruder Carlos. Er fand Mittel, seine Vorschläge dem spanischen Hofe angenehm zu machen, und führte, unterstützt durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und den Einfluß der Königin Charlotte, der Gemahlin Johanns VI und Schwester Ferdinand VII, jene Unterhandlung glücklich zu Ende. Seit dieser Zeit hat der Pater Cyrillo eine regelmäßige Correspondenz mit der (verwittweten) Königin von Portugal unterhalten, und einen großen Antheil an den Intriguen gehabt, welche die Charte Don Pedros veranlaßte. – Er ist der vornehmste Rathgeber des Herzogs von Infantado, und zugleich die Hauptstütze des Ministers Calomarde, den er verachtet, aber als ein brauchbares Werkzeug für die Ausführung seiner Plane in seiner Stelle hält. Völlig dem Interesse der römischen Hierarchie ergeben, wird er von dem König so wenig, als von einem großen Theil der hohen Geistlichkeit geliebt, aber als Anführer eines Heeres von 13,000 Menschen, die in Spanien allein unter seinen Befehlen stehen, und wegen der Macht, die ihm die Einkünfte seines Ordens sichern, gefürchtet. Er hat die ausgebreitetsten Verbindungen mit allen Klassen der Gesellschaft, und steht in ununterbrochenem Briefwechsel mit allen Theilen der Welt.

[127] Aber ist es denn bloß der persönliche Vortheil jener Männer gewesen, und etwa der ihrer Parthei, um dessentwillen [128] die Verfassung der Cortes gestürzt worden ist? Ist es nicht von dem französischen Ministerium, so wie von den hohen Mächten, welche einstimmig mit demselben verfuhren, mehr als einmal ausgesprochen worden, daß die Herstellung der Monarchie in Spanien der Zweck sey, dem man das Blut und das Gold von Frankreich zum Opfer gebracht habe? Wohl mag dieß die Meinung der Cabinette gewesen seyn, die sich durch die obwaltenden Mißverhältnisse zwischen der Neigung des Königs und den Freunden der Constitution in ihrem Urtheil bestimmen ließen. Auch läßt sich nicht läugnen, daß die letztern in ihren Beschränkungen der monarchischen Autorität etwas zu weit gegangen waren; aber man dachte nicht daran, daß die spanische Constitution keineswegs – wie einst die französische – das Erzeugniß einer Revolution war, die eine bestehende Ordnung der Dinge umgestoßen hatte, sondern nur die Rückklehr zu der alten Verfassung des Königreiches, welche die Gewalt zwar aufgelöst, aber nicht ersetzt hatte. Nur unter der Regierung Karl’s III hatte man versucht, die Wiedergeburt der Monarchie von dem Grundsatze der königlichen Alleingewalt aus zu bewerkstelligen; aber nach dem Tode dieses Fürsten war das Werk in Stocken gerathen, und die Herrschaft von Spanien nicht sowohl den Inhabern des Thrones in der alten Weise geblieben, als jedem in die Hände gefallen, der Kühnheit und Gewandheit genug besaß, sich des Staatsruders zu bemächtigen. Die Lage von Spanien ist in dieser Hinsicht nicht mit Unrecht öfters mit jener der Türkei verglichen worden; nur müssen wir nicht vergessen, daß wir der hohen Pforte zu viel Unehre anthun, wenn wir behaupten wollten, daß je in dem Serail von Stambul ein ähnliches Verhältniß statt gefunden habe, als unter der Regierung des Friedensfürsten am Hof des Vaters Ferdinand’s VII. Aus diesem schmachvollen Zustande hatten die Cortes die Monarchie erhoben, als sie dieselbe nach festen, wenn auch im Einzelnen verfehlten und durch die Seuche des französischen Liberalismus kränkelnden Gesetzen zu organisiren anfingen; in einen ähnlichen mußte sie wieder zurück sinken, sobald ihr die Stützen entzogen wurden, auf denen sie ruhte.

Ob dieser Zweck von den Männern, die gegenwärtig an der Spitze der Verwaltung von Spanien stehen, mit Bewußtseyn verfolgt wurde, wagen wir nicht zu entscheiden; uns kann die Thatsache genügen, die unwidersprechlich vor uns liegt, daß er erreicht wurde. Aber der Parthei, deren Organ diese Männer sind, müssen wir die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ihr Streben keineswegs blos auf Umsturz der durch die Cortes gegründeten Ordnung, oder auf die Zurückführung in die alte allgemeine Verwirrung geht, sondern allerdings auf Stiftung einer neuen Ordnung der Dinge, die aber vielleicht mit mehr Recht den Namen einer revolutionären verdienen möchte, als die, welche sie gestürzt haben. Und hier ist der Punct, wo sich die Masse der Anticonstitutionellen, der Freunde des Rey absoluto, wenn wir sie überhaupt je als ein Ganzes betrachten dürfen, in zwei Parteien scheiden, die einander eben so scharf gegenüberstehen und ihrer Natur nach gegenüberstehen müssen, als beide zusammen den Constitutionellen.

Wir haben bereits erwähnt, daß keine Klasse des spanischen Volkes im Ganzen der Constitution abgeneigt gewesen sey, außer der Geistlichkeit. Von dieser allein müssen wir auch annehmen, daß sie wohl gewußt habe, was sie wolle, als sie durch ihre eifrigste Mitwirkung den Erfolg der französischen Intervention versicherte. Der Verlauf hat gezeigt, daß sie zu klug war, um nicht einzusehen, daß sie sich mit diesem bloß temporären Siege nicht begnügen dürfe, da dieselbe Wirkung beständig wieder zu kehren drohte, so lange die Ursache vorhanden war, welche dieselbe zuerst herbeigeführt hatte. Als diese Ursache erkannte sie richtig den gänzlichen Mangel einer festen, gesetzlichen bürgerlichen Ordnung; eine solche Ordnung einzuführen, ohne ihre zeitigen Rechte und Besitzthümer zu gefährden, war daher, so wie sie den ersten Sieg errungen, ihr beständiges Streben. Wir glauben es gegenwärtig, ohne uns dem Vorwurf einer Uebereilung bloß zu stellen, aussprechen zu dürfen: das Ziel, welches die spanische Geistlichkeit seit der Restauration verfolgt, ist die Stiftung einer Theokratie, welche die Monarchie zwar nicht geradezu verdrängen, aber sich einverleiben und unterordnen und von sich abhängig machen soll.

So lange es möglich war, diesen Plan zu verbergen, mußte es der Geistlichkeit gelingen, Alle, welche mit den Beschränkungen der königlichen Autorität und überhaupt jeder Art der willkürlichen Gewalt durch die Cortes aus den verschiedensten Gründen übel zufrieden waren, durch eine in Spanien nicht befremdliche Verwechslung des Irdischen mit dem Göttlichen unter den Fahnen des Glaubens zu sammeln. Aber der erste positive Schritt – über das bloß negativ wirkende Umstoßen der Constitution hinaus – mußte das Geheimniß verrathen; und so leise es auch angedeutet wurde – in der Forderung der Inquisition, welche nie von den Geistlichen unmittelbar ausging, sondern bald von dieser, bald von jener Seite, gleichsam ohne ihr Wissen und Wollen erhoben wurde – so klärte diese Forderung doch sogleich jeden, dessen Interessen nicht mit denen des Priesterthums verschmolzen waren, über die den Freunden des Königes, wie des Volkes, und jedem Einzelnen persönlich drohende Gefahr der Unterdrückung auf. Und damit war auch bald die Spaltung der beiden bisher vereinigten Parteien, der sogenannten Royalisten und der Theokraten, entschieden. Die letztern hatten indessen, ehe es zu dieser Trennung kommen konnte, bereits nicht geringe Fortschritte gemacht; die wichtigsten Stellen der Monarchie waren mit ihren Anhängern besetzt; und wenn die ersteren nicht in der unmittelbaren Umgebung und in der persönlichen Stimmung des Königs ein Gegengewicht besessen hatten, so dürfte ihr Widerstreben schwerlich etwas gefruchtet haben. Nur daß der König selbst die Anmaßungen des Priesterthumes zurückwies, so oft sie eine gewisse Grenze überschritten, konnte den Fortschritten desselben einen Damm entgegen setzen.

[147] Vergebens hatte die apostolische Partei, oder – um uns eines bezeichnenden Ausdruckes zu bedienen – die Hierarchie, alle ihrem Reichthum, ihrer Macht, ihrem Einfluß zu Gebote stehenden Mittel angewendet, um durch friedliche Ausgleichung mittelst einer nur auf das Cabinett und die Umgebung des Fürsten wirkenden Intrigue ihr Ziel zu erreichen. Das Beispiel der von ihnen selbst gestürzten Constitution mußte die Leiter dieser Partei vorsichtig machen, indem es sie belehrte, wie wenig die Continentalregierungen, deren Einschreiten sie ihren Sieg verdankten, geneigt wären, Verletzungen der dem Throne gebührenden Achtung ungeahndet zu lassen. Man fand daher für gut, einen Weg einzuschlagen, der ungefähr die Mitte hielt zwischen bloßer List und offener Gewalt, und indem er dem König das volle Gewicht der letzteren zeigte, die Schuldigen doch nur für den Gebrauch der erstern verantwortlich machte.

War einst die Stütze der Constitution hauptsächlich der vermögendere und gebildetere Theil der Bevölkerung von Spanien gewesen, und zählte dieselbe daher ihre entschiedensten Anhänger in den reichen Provinzen Valencia und Andalusien, so konnte die Geistlichkeit dagegen auf die treue Anhänglichkeit jener Klassen der Gesellschaft rechnen, die ohne eigenes Vermögen, wie ohne Bildung, wenn auch nur heimlich immer die natürlichen Feinde aller derer sind, die durch die Gunst des Schicksals sich im Besitze beider befinden, auf die Ergebenheit des Pöbels in der Hauptstadt wie in den Provinzialstädten, und des größten Theiles der Landbewohner in den von der Natur weniger begünstigten Provinzen der Monarchie, vor allen aber des gebirgigen Cataloniens. Wenn die Cortes den wohlhabenden Bürger und Landmann zur Vertheidigung der Constitution bewaffnet und, neben der Linienarmee, aus seiner Mitte eine Art Landwehr (las milicias) gebildet hatten, so war es der Hierarchie gelungen, durch die Vorspiegelung, daß nur dadurch die stets unter den Waffen stehende constitutionelle Parthei gezügelt werden könne, den König zur Bewaffnung des Pöbels und des niedrigsten Volkes zu vermögen. In demselben Sinne, wie die „freiwilligen Milizen“ den immer mehr oder weniger royalistischen Linientruppen gegenüber das eigentliche constitutionelle Heer gewesen waren, wurden die sogenannten „royalistischen Freiwilligen“, das Heer der Hierarchie: und den vorurtheilsfreien Beobachter durfte es daher nicht befremden, die letzteren bald eben so kühn im Kampfe mit den Truppen des Königs zu erblicken, als einst die ersteren (am 7. July).

Betrachten wir den Gang der Ereignisse von dem ersten Moment, wo die Hierachie von ihren Streitkräften Gebrauch zu machen anfing, bis auf die neueste Gegenwart, so können wir der Mäßigung, Umsicht und Klugheit, welche dieselbe fortwährend entwickelt hat, unsere Bewunderung nicht versagen. Das Verlangen der Wiedereinführung der Inquisition hatte die für die Plane der Parthei gefährliche Folge gehabt, daß der König anstatt dieses hierarchischen Institutes ein royalistisches mit ähnlichen Functionen, aber nicht von der Geistlichkeit, sondern von der Regierung abhängig, errichtete. Die Einführung der Polizei in Spanien mußte, als der erste Schritt zu einer monarchischen Organisation des Königreiches, die den Interessen der Geistlichkeit nicht minder verderblich geworden wäre, als die Wiedereinführung der Constitution selbst, die Hierarchie daran erinnern, daß es die höchste Zeit sey, sich ihrer vollsten Macht zu bedienen, wenn sie ihr Spiel nicht ohne Widerstand verloren geben wollte. Sogleich liefen aus allen Provinzen Nachrichten ein, das Volk zeige Unzufriedenheit über die Errichtung einer Behörde, die, von dem ketzerischen Frankreich entlehnt, dem Charakter des Spaniers eben so sehr, als seiner Religion fremd sey. „Hinweg mit der Polizei! Nieder mit den Negros! Es lebe die Inquisition und der absolute König!“ war der Ruf, welcher dem unbewaffneten und bald auch dem unter dem Namen der royalistischen Freiwilligen bewaffneten Pöbel zur Losung bei Tumulten diente, die gewöhnlich mit der Mißhandlung und Plünderung der Constitutionellen, d. h. aller, die etwas zu verlieren hatten, endigten. In wieweit diese Scenen von der Geistlichkeit hervorgerufen und geleitet waren, wollen wir unentschieden lassen; daß aber von ihr die erste Veranlassung zu denselben ausging, kann nach dem Verfolg gegenwärtig keinem Zweifel mehr unterworfen werden.

Als diese Auftritte, außer den Folgen der Ausschweifungen, von denen sie begleitet waren, ohne Wirkung blieben, und die neu organisirte Polizei durch einen verständigen Intendanten (Recacho) immer festeren Fuß faßte, verschwand plötzlich Bessieres, einer der Verwegensten der Partheigänger, welche die ehemalige Glaubensarmee geführt hatten, aus Madrid, wo er mit Gunstbezeugungen überhäuft worden war, und erschien an der Spitze einer bewaffneten Bande in Aragonien, die dasselbe Geschrei erhob, welches bei den vorangegangenen Meutereien der royalistischen Freiwilligen gehört worden war. Die Verwegenheit der Empörer in diesem, wie in einigen früheren Fällen, ging so weit, daß man dem Könige selbst den Tod drohte, und seinen Bruder, Don Carlos, zum Regenten ausrief. Lächerlich war es, die Rebellen deshalb Carlisten zu nennen, da es erwiesen ist, daß aller Versuche ungeachtet, die zur Verführung dieses Prinzen gemacht wurden, Don Carlos nie einen Augenblick in seiner Treue gegen seinen Bruder und Fürsten gewankt hat. Aber wahrscheinlich war das Ganze nur ein Schreckbild, das dem schwachen Ferdinand das einst durch ihn selbst seinem Vater bereitete Schicksal in das Gewissen zurückrufen und ihn dadurch gehorsamer gegen die Gebote des Himmels machen sollte. Die Farce verfehlte indeß ihren Zweck; und wenn sie auf ein Lustspiel berechnet war, so mußte es ihre Urheber betrüben, sie bald in ein Trauerspiel verwandelt zu sehen. Die Regierung [148] sandte den General Espanna, dem es gelungen war, eine Garde nach Art der französischen zu organisiren, mit unumschränkter Vollmacht gegen die Empörer. Nach acht Tagen war Bessieres gefangen und erschossen, und seine Bande vernichtet.

Nur ein Mittel blieb jetzt der Hierarchie noch übrig, das freilich von dem zuletzt gebrauchten nur dem Grade nach verschieden seyn konnte: das der Gewalt der Waffen und – wir müssen es wiederholen – die Politik verdient unsere höchste Bewunderung, mit der einem Feinde der Krieg erklärt wurde, der nicht existirte, während der, gegen den die Feindseligkeiten in der That gerichtet waren, beständig überzeugt blieb, daß er keineswegs der angegriffene Theil sey, sondern daß man sich vielmehr zu seinen Gunsten bemühe. Der Aufstand in Catalonien war nur eine Wiederholung im Großen von dem, was der abentheuerliche Zug jenes Bessieres im Kleinen gewesen war. Die einzelnen Momente von beiden sind unsern Lesern noch zu frisch im Gedächtniß, als daß wir nöthig hätten, uns über die Details derselben zu verbreiten. Der einzige wesentliche Unterschied des letzten großen Spieles von dem früheren kleineren war der, daß dieses von seinen Urhebern von Anfang bis zu Ende bemeistert wurde, während jenes durch seine weitere Verbreitung den Charakter einer wahren Volksbewegung annahm, in welcher neben dem ursprünglichen Hauptinteresse der Geistlichkeit bald eine Menge der verschiedenartigsten einzelnen Interessen rege wurden. Die Nachfolger des Bessieres waren Carlisten, d. h. Schauspieler, von denen in dem aufgeführten Stücke jeder treulich die ihm aufgegebene Rolle spielte; die Empörer in Catalonien, unter der Ausführung der Contrebandiers Jep dels Estanys und Carayol, wie ihrer Genossen, wurden Agraviados; sie hatten außer dem allgemeinen Besten, für welches sie auftraten, auch noch ihre Privatbeschwerden (agravios), deren Abstellung sie verlangten; und leicht hätte es geschehen können, – wenn sie nicht zu früh von ihren geheimen Leitern verlassen worden wären – daß sie im Fall des Sieges ihrem Privatvortheil die Sache aufgeopfert hätten, für welche sie anfangs gestritten hatten. Selten endet eine Volksbewegung anders als mit dem Verderben derer, die sie zuerst hervorgerufen haben.

Vielleicht mochte dieß die Hierarchie ahnen, als sie, fast auf die bloße Nachricht, die Regierung sey gesonnen, den Aufstand ungeachtet seiner drohenden Gestalt mit Gewalt zu dämpfen, und auf die Nennung des Namens Espanna, sich beeilte, ihren Frieden zu machen. Daß sie durch denselben wenigstens zum Theil ihren Zweck erreichte, ist bekannt: wenn der König die Wiedereinführung der Inquisition standhaft verweigerte, so willigte er dagegen in die Aufhebung der Polizei, und – schmachvoll! – binnen der von den Insurgenten gesetzten Frist; diese blieben darauf ihrem Schicksal überlassen, da die übrigen Beschwerden derselben – die zuletzt darauf hinauskamen, „daß sie, die treuesten Unterthanen des Königs, doch nicht zugleich, wie die Billigkeit mit sich brachte, die reichsten wären – für die Geistlichkeit wenig Interesse hatten.

Daß es unter diesen Umständen den Generalen Espanna und Monet nicht schwer werden konnte, die Insurrection zu unterdrücken und die Chefs derselben aus Spanien zu vertreiben, kann uns darüber nicht zweifelhaft machen, daß der eigentliche Grund des Aufstandes noch keineswegs erledigt und der Hauptkampf nichts weniger als vollendet sey. Eine Parthey, welche in einer einzigen Provinz des Reiches eine Macht von 60,000 M. in’s Feld stellen und ohne sichtbare Anstrengung Monate lang erhalten konnte, ist nicht so leicht besiegt; und wir erwarten daher eher von dem völligen Triumphe der Theokratie, als von dem Aufgeben ihrer Ansprüche zu hören, so lange die spanische Regierung es verschmäht, die eben nicht allzudichten Reihen ihrer Vertheidiger durch die zahlreichen Freunde der gesetzlichen Ordnung zu vermehren, die gegenwärtig unter dem Namen der Constitutionellen proscribirt sind.

  1. Vergl. Les Agraviados d’Espagne, suivi de notices sur les hommes qui ont joué un rôle dans les affaires d’Espagne depuis l’abolition de la Constitution des Cortes en 1823. Par F. C. Paris 1827. 8., und die trefflichen Aufsätze über Spanien, von A. H. (Huber) in den „Politischen Annalen.“
  2. gegenwärtig Generalcapitän von Catalonien.
  3. Seit seiner Rückkehr nicht mehr in Gunst, und gegenwärtig sogar, in einer Provinzialstadt Frankreichs, in der Verbannung.
  4. gegenwärtig einer der wüthendsten Anhänger der apostolischen Parthei im Staatsrath.
  5. Darauf Finanzminister von Spanien, gegenwärtig Mitglied des Staatsrathes.
  6. Nach von Halen (Mémoires I. p. 118.) in einem Zimmer, wo die Diener des zweiten Ranges die Befehle des Königs erwarteten.
  7. Nach der Restauration seiner Ausschweifungen wegen, durch die er sich verächtlich machte, ins Kloster zurückgeschickt, in dem er starb.