Die österreichisch-ungarische Armee

Textdaten
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Autor: Alphons Danzer
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Titel: Die österreichisch-ungarische Armee
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 384, 386–387
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[384–885]

Waffengattungen der österreichisch-ungarischen Armee.
Originalzeichnung von W. Gause.
1. Deutsche Infanterie in Marschadjustirung – 2. Berittene Infanterieoffiziere. – 3. Hußaren in Attacke. – 4. Dragoner – 5. Feldartillerie. – 6. Ulanen. – 7. Bosnisch-herzegowinische Infanterie. –
8. Dalmatinische Landwehrschützen. – 9. Landwehrulanen. – 10. Tiroler Landesschütze zu Pferd. – 11. Marine. – 12. Leibgardereitereskadron. – 13. Genie.

[386]
Die österreichisch-ungarische Armee.
Von Alphons Danzer. Mit Originalzeichnungen von W. Gause.

Deutschmeister.

„Der Krieg kann in zehn Tagen und in zehn Jahren ausbrechen.“ Dieser denkwürdige Ausspruch, welchen der deutsche Reichskanzler vor wenigen Monaten offen im Parlamente gethan, wird noch geraume Zeit am treffendsten die europäische Lage kennzeichnen. Die allgemeine politische Unsicherheit erklärt aber zur Genüge die unablässige Thätigkeit aller Staaten auf militärischem Gebiete. Die alte habsburgische Monarchie ist hierbei nicht nur ihrer empfindlichen Grenzgestaltung wegen zu fortgesetzten militärischen Anstrengungen genöthigt, sondern auch, weil bei dem „in zehn Tagen oder in zehn Jahren“ ausbrechenden Entscheidungskampfe um die Herrschaft auf der Balkanhalbinsel die europäische Großmachtstellung Oesterreich-Ungarns überhaupt zu verfechten sein wird. Das wissen die leitenden Persönlichkeiten in Wien und Budapest sehr gut und darum wenden sie eine unausgesetzte, planmäßige Sorgfalt der Wehrmacht zu. Infolge dessen hat letztere in organischer, intellektueller und technischer Beziehung eine Entwickelung gewonnen, die vielfach noch nicht entsprechend gewürdigt wurde. Es erklärt sich letzteres aus den Katastrophen, die in rascher Aufeinanderfolge zweimal – 1859 und 1866 – über die kaiserlich-königlichen Waffen hereingebrochen.

Daß 1859 am Tage der Niederlage von Solferino das am rechten Flügel bei San Martino kämpfende Korps die ganze sardinische Armee zurückdrängte; daß 1866 die Südarmee die weit überlegene italienische Armee bei Custozza in Trümmer schlug, so daß es dem Erzherzog Albrecht freistand, nach Mailand oder nach Florenz zu marschiren; daß Tegetthoffs Eskadre 1864 bei Helgoland einen beachtenswerten Erfolg und bei Lissa 1866 einen glänzenden Seesieg errungen: das sind Ereignisse, welche infolge der gleichzeitigen Niederlagen auf anderen Operationsräumen und Kriegsschauplätzen im großen Publikum keine oder doch nur ebenso geringe Würdigung gefunden haben, wie der Umstand, daß im Jahre 1878 ein Bruchtheil der österreichisch-ungarischen Armee während eines kaum sechs Wochen dauernden Feldzuges Bosnien und die Herzegowina eroberte, zwei Provinzen, fast zweimal so groß als Hannover, ohne Straßen, ohne Hilfsquellen für die operirenden Truppen, von hohen Gebirgen durchzogen, mit Urwäldern bedeckt und von einer unbotmäßigen, kriegerischen Bevölkerung (1¼ Millionen Seelen) bewohnt. Der Kampf gegen eine wilde, waffengeübte Bevölkerung, in einem Lande, wo der Guerillakrieg von Geschlecht zu Geschlecht als Tradition sich fortgeerbt hat; der Kampf in der Bocca di Cattaro und in der herzegowinischen Felsenwelt,

„– wo alles klirrt in blanker Rüstung,
Wo jede Wohnung eine Feste,
Wo jeder Steinblock eine Brüstung,
Wo sich’s in jedem Felsenneste
Von Waffen und von Kämpfern regt –
Wo selbst das Weib die Waffen trägt,
Wo jeder Knabe schon ein Krieger; –“

ein solcher Kampf, sagen wir, stellt ganz außerordentliche Anforderungen an das physische Leistungsvermögen wie an die Entschlossenheit der Truppen und an die Umsicht der Führer.

Gleichwohl gelangten diese im „kleinen Kriege“ bethätigten Leistungen nicht zu allgemeiner Würdigung, weil das Urtheil des großen Publikums noch im Banne der Ereignisse auf den böhmischen Schlachtfeldern von 1866 lag. So ist es zu erklären, daß auch in jüngster Zeit, als ein bewaffneter Zusammenstoß zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland in die Nähe gerückt schien und die allgemeine Aufmerksamkeit sich in höherem Grade der kaiserlich-königlichen Armee zuwandte, über diese skeptische Stimmen laut wurden und Glauben fanden. Wer jedoch die Armee Oesterreich-Ungarns genau kennt; wer da weiß, mit welchem Eifer und Verständniß allerorten seit zwanzig Jahren ununterbrochen gearbeitet wird; wer die praktischen Uebungen auf den Uebungsplätzen und Manövrirfeldern kritisch beobachtet und die Erscheinungen der österreichisch-ungarischen Fachliteratur aufmerksam verfolgt: der wird einräumen, daß diese Armee zu hohen Erwartungen berechtigt. Sie befindet sich in einer so vorzüglichen Verfassung, wie es seit den Tagen des Prinzen Eugen von Savoyen nicht der Fall gewesen.

Man mag die Armee der österreichisch-ungarischen Monarchie mit den Augen des Freundes oder des eventuellen Gegners betrachten: man wird sie unter allen Umständen als eines der am schwersten wiegenden Machtmittel der großen europäischen Politik zu betrachten haben. Wer dies nicht thut, wird in der Stunde der Entscheidung erfahren, daß er schlecht unterrichtet war und einen unrichtigen Faktor in seine Rechnung aufgenommen hatte. Die rasch auf einander folgenden Niederlagen von 1859 und 1866 haben wie ein furchtbares, aber reinigendes Gewitter gewirkt. Was an Ehrgeiz, Talent und Vaterlandsliebe in dieser Armee geborgen war, wurde aufgewühlt und aufgewirbelt zu reger Mitarbeit an dem umfassenden inneren und äußeren Reorganisationswerke. Nicht vergeblich wurde zwanzig Jahre durchdacht und systematisch gearbeitet. Der erste reformirende Kriegsminister, Feldzeugmeister Baron Kuhn (1868 bis 1874), heute Korpskommandant in Graz, war ein Kraftgenie; mit rücksichtsloser Hand zerbrach er die alten Formen, stieß aber beim Wiederaufbau seines Radikalismus und seines Ungestüms wegen auf so heftigen Widerstand in den Hofkreisen, daß er weichen mußte. Nach ihm kam ein indifferenter Verlegenheitsminister, der aber schon nach zwei Jahren von einem wirklichen, auf der Höhe seiner Aufgabe stehenden Minister, dem Feldzeugmeister Arthur Grafen Bylandt-Rheidt, abgelöst wurde. Bis in die jüngsten Wochen war Bylandt unermüdlich thätig, die militärischen Machtelemente der habsburger Monarchie zu sammeln und zu kräftigen. Er war nicht der Mann der Inspirationen und zündenden Ideen wie der geistsprühende Kuhn, sondern der zielbewußten, positiven Arbeit, welche alle Gewaltthätigkeiten und Sprünge vermeidet. Er verband die Vorzüge des denkenden, wissenschaftlich gebildeten Generals, Technikers und Militärschriftstellers mit der Klugheit des zwischen den Gegensätzen vermittelnden Staatsmannes, welcher jedoch ein fachliches Interesse niemals den Opportunitätsrücksichten opferte.

Seit Mitte März dieses Jahres verwaltet Feldzeugmeister Ferdinand Freiherr von Bauer, bis dahin Kommandant des 2. Korps in Wien, das Kriegsportefeuille, welches Graf Bylandt-Rheidt nach fast zwölfjähriger Amtstätigkeit seiner tief erschütterten Gesundheit wegen niedergelegt hat.

Wie in der Gliederung, Verwaltung und Ausbildung, so hat die österreichisch-ungarischen Armee auch in ihrer äußeren Gestalt seit zwanzig Jahren eine durchgreifende Aenderung erfahren. Wie unsere Bilder, in welchen man die kaiserlichen Truppen von ehedem kaum wiedererkennen dürfte, zeigen, gab hierbei das Streben nach Vereinfachung, nach dem praktischen Bedürfnisse des Feldlebens und nach Beseitigung alles Parademäßigen den Ausschlag.

Der historische und elegante, aber für den Dienst im Felde aus mehrfachen Ursachen bedenkliche weiße Waffenrock ist längst verschwunden. Ja ins Feld nimmt die Truppe überhaupt gar [387] keinen Waffenrock mit, denn derselbe (bei der Infanterie von dunkelblauer, bei den Jägern von hechtgrauer, bei den Dragonern von lichtblauer, bei der Artillerie von dunkelbrauner Farbe) wird nur in der Garnison im Frieden getragen, während im Felde die Blouse von der Farbe des Waffenrockes bei allen Waffen und Branchen das herrschende Kleidungsstück bildet, wie dies unsere Bilder ersehen lassen. Nur die Generale und Generalstabsoffiziere sowie die den Haupt- und Stabsquartieren zugetheilten Offiziere haben stets im Waffenrock auszurücken und dürfen die übrigens sehr bequeme und praktische, mit zwei oberen und zwei unteren Vordertaschen versehene Blouse nur im Bureau, auf der Mappirung[1] oder auf der Reitschule tragen.

Den Typus der „deutschen Infanterie“ pflegt man in dem auch hier im Bilde vorgeführten „Deutschmeister“ zu erblicken. Wir bemerken hierbei, daß unter „deutscher Infanterie“ kurzweg jene 55 Infanterieregimenter begriffen werden, welche sich in Oesterreich ergänzen, während die 47 anderen Regimenter, deren Ergänzungsbezirke in Ungarn liegen, „ungarische Infanterie“ genannt werden. Bei letzterer sowie bei der ungarischen Landwehr- (Honvéd-) Infanterie trägt die Mannschaft enge, in die Schnürschuhe gesteckte Beinkleider mit eigenartiger Verschnürung (vitézkötés), überdies auf dem je nach dem Regimente verschiedenfarbigen Aufschlage des Rockärmels sogenannte „Bärentatzen“, das heißt Litzen, bei der Mannschaft aus weißem Tuche, bei den Offizieren aus Gold oder Silber, je nach der Farbe der gelben oder weißen Knöpfe. Die deutsche Infanterie dagegen ist einfacher; sie hat keine Litzen und trägt Pantalons.

Was den bereits erwähnten „Deutschmeister“ betrifft, so ist dessen Volksthümlichkeit lediglich auf den Umstand zurückzuführen, daß die bezügliche Truppe aus „Wiener Kindern“ besteht und daher die Heimstätte des Wiener Witzes, der Wiener Lieder und des Wiener Humors ist. Das seit nahezu zweihundert Jahren (1696) bestehende 4. Infanterieregiment hat nämlich die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien zum Ergänzungsbezirke und den jeweiligen Hoch- und Deutschmeister (seit 1863 den Feldzeugmeister Erzherzog Wilhelm) zum Regimentsinhaber. Im übrigen dürfte zwischen diesem und den anderen Infanterieregimentern des Heeres in der Organisation, in der Ausbildung und im inneren Werthe kaum irgend ein Unterschied merkbar sein, denn die gleichen Dienst- und Exerzierreglements sowie der einheitliche Charakter des Offizierstandes, und zwar nicht nur bei sämmtlichen Fußtruppen des Heeres, sondern auch bei allen anderen Waffengattungen, wirken zusammen, um trotz der Verschiedenheiten in dem Bildungsgrade einzelner Nationalitäten sämmtlichen Truppen ein gleichförmiges Gepräge zu geben.

Weder auf dem Schießplatze, noch bei Manövern wird der kritische Beobachter, sofern er nicht Paradekünste, sondern Geschicklichkeit in der Benützung des Bodens, Feuerdisciplin, Marschleistungen in der Ebene wie im Gebirge, kurz praktische kriegerische Verwendbarkeit zum Maßstabe der Beurtheilung nimmt, auffallende Unterschiede in der Ausbildung und Tüchtigkeit der einzelnen Truppen wahrnehmen können. Es ist dies ein besonderes Verdienst der Offiziere, welche insbesondere beim Unterrichte und bei der Uebung der Mannschaften weniger entwickelter Nationalitäten schwierige Aufgaben zu bewältigen und weitaus angestrengter zu arbeiten haben als Offiziere in Armeen, die aus einer einheitlichen Nation hervorgehen.

Die 2. Gruppe des Tableaus zeigt berittene Infanterieoffiziere, während wir auf der 3. die Attacke einer Hußarenschwadron sehen. Wie schon vorhin erwähnt, lassen alle Fußtruppen sowie die technischen Waffen bei der Ausrückung ins Feld Tschako und Waffenrock als Paradestücke in den Magazinen der Ergänzungsstationen zurück. Als Kopfbedeckung dient dann die schmiegsame Lagermütze, deren ausgestülpte Theile bei schlechtem Wetter oder bei Nacht im Bivouac als Ohren- und Nackenschutz herabgeschlagen werden.

Im Hinblicke auf die Eventualitäten des Nahkampfes nimmt jedoch die Kavallerie nebst der reitenden Artillerie die Paradekopfbedeckung als Schutzwaffe ins Feld mit, daher wir auf der 3. Skizze die Hußaren mit dem Tschako und Federbusch, auf der 4. die Dragoner mit dem Helm, auf der 6. die Ulanen mit der Czapka, und auf der 8. bis 10. die berittenen Dalmatiner (8) und Tiroler (10) Landesschützen und die Landwehrulanen (9) mit dem Hute, beziehungsweise mit der Czapka (Tatarka) sehen. Ueberdies haben die gesammte Kavallerie und bei der Artillerie die berittenen Mannschaften und Offiziere (5) den Waffenrock (bei den Hußaren den Attila) an einer Schnur über der linken Schulter hängen.

Die Geniesoldaten (13) besorgen in der österreichisch-ungarischen Armee die Verrichtungen der Mineure wie der Sappeure. Der neben ihnen stehende Unteroffizier der Leibgardereitereskadron (12) gehört einer Truppe an, die sich nur aus den besten Unteroffizieren der Kavallerieregimenter ergänzt und von altadeligen Offizieren befehligt wird. Sie bildet im Frieden einen Anhang des Hofstaates und hat daher ihre reiche glänzende Uniform, die Pickelhaube mit schwarzem Roßhaarbusche, die vergoldeten Achselschnüre, Schuppenepauletts etc. beibehalten. Im Kriege dient sie zur Begleitung der Armeehauptquartiere.

Offiziere und Mannschaften der Flotte (11) tragen das Gepräge aller übrigen Kriegsmarinen. Dagegen bilden die bosnisch-herzegowinischen Bataillone (7) eine Specialität; denn bei ihrer Bekleidung und Ausrüstung sind in erster Linie die Bedingungen maßgebend gewesen, welche der rauhe, von der Bora durchlöcherte, wildzerklüftete Karstboden des Prolog und der Dinarischen Alpen an eine Truppe in der Bewegung stellt.

Wir konnten hier nur flüchtig die hervorragenderen Gattungen der österreichisch-ungarischen Armee berühren. Wer jedoch Gelegenheit hat, das Innenleben dieser Armee, den trefflichen schneidigen Geist derselben, ihr Pflichtgefühl, ihre unausgesetzte intensive Thätigkeit und den hohen Bildungsgrad der Offiziere, insbesondere des Generalstabskorps, kennen zu lernen, der wird mit uns übereinstimmen, daß die Habsburgische Monarchie mit Ruhe und Zuversicht allen Ereignissen entgegenblicken kann.




  1. Zur Kartenzeichnung vorbereitende Terrainaufnahme.