Deutschtum im Thal von Gressoney

Textdaten
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Autor: Woldemar Kaden
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Titel: Deutschtum im Thal von Gressoney
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 54–58
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Deutschtum im Thal von Gressonen.
Von Woldemar Kaden. Mit Bildern von P. Scoppetta.

Du kennst das Märchen von Vineta, jener vor grauen Jahren in die Fluten des nordischen Meeres hinabgesunkenen, geheimnisvollen Stadt. Wer gute Augen hat und schaut in die


Die Gartenlaube (1899) b 0054.jpg

Pont Saint-Martin.


Tiefe, der sieht noch heute

„anfangs wie dämmernde Nebel,
jedoch allmählich farbenbestimmter“

die Giebel der Stadt, Straßen, Paläste, den gotischen Dom, dazwischen wandelnd altväterisch Volk in verschollnen Gewändern. Der hört bekannte Laute, unbeholfene Worte, die zur Rede sich süßen, zur Sprache, die wie Muttersprache klingt. Er schüttelt den Kopf: ein Stück Deutschland liegt hier begraben ...

Um das große Festland der deutschen Sprache her liegen und lagen als zahlreiche Eilande, die sich, wie die Halligen durch Sturmfluten, einst, zur Zeit der gewaltigen Völkerstürme, von der Muttererde losgerissen, kleinere und größere Sprachinseln. Die Wogen des fremden Volkes umspülten sie ohne Unterlaß: so schmolzen die kleineren bald dahin, von den größeren ward Stück um Stück gerissen, das Gebiet dieses Deutschtums im Ausland ward mehr und mehr geschmälert. Sehr wenige dieser Sprachinseln trotzen der Flut noch heute, viele versanken ganz.

„Der Zweig eines Volkes,“ schreibt Bischer, „der über ein völkerscheidendes Gebirge sich hinüberstreckt, wird unwiderstehlich nach und nach in das fremde Volk eingeschmolzen, wenn nicht vom Bildungsmittelpunkte der eigenen Nationalität außerordentliche Anstrengungen ausgehen, seine Sprachen und Sitten zu retten.“

Diese Anstrengungen macht seit Jahren der Deutsche Schulverein. Gar vieles aber traf er nur noch als Schlacken an, als Trümmer, die sich bereits mit Moos und Gras, mit den Kulturpflanzen des fremden Landes bedeckt haben.

Wie eine halbverklungene Sage, deren Heimat uns kaum flüchtig in der Geographiestunde angegeben wird, trifft unser Ohr der Name der „Tredici Comuni“ und der „Sette Comuni“, der Dreizehn und der Sieben Gemeinden, wo, wie alte Urkunden sie nennen, homines teutonici, oder „Cimbern“, wie sie sich selbst nannten, mitten unter Welschen ein selbständig germanisches Wesen trieben.

In diesen „Comuni“, die in den Bergen der Provinzen Verona und Vicenza liegen, ist heute die deutsche Zunge fast verstummt, aber germanischen Ursprungs sind die Knaben und Mädchen, die mit den blonden Haaren und blauen Augen unter den schwarzhaarig-dunkeläugigen Altersgenossen die Schulen besuchen, in denen die obligatorische Unterrichtssprache das Italienische ist. Ihre Väter hat man einst überredet, daß ihre deutsche Mundart ein Tedesco bastardo sei, die Sprache wilder ungesitteter Menschen, und an vielen Orten, wo noch im vorigen Jahrhundert allsonntäglich deutsch gepredigt wurde, nahm man den Bethörten einen Eid ab, nie mehr deutsch zu reden.

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Die Gartenlaube (1899) b 0053.jpg

Friedrich mit der gebissenen Wange hält die Feinde auf, während sein Töchterchen trinkt.
Nach einer Originalzeichnung von A. Zick.

[54] reifen Früchte des Muskatnußbaumes, der von den Bandainseln stammt, gegenwärtig aber in Südasien und Westindien verbreitet ist, haben eine abgerundete Birnform und einen Durchmesser von 5 bis 6 cm. Bei ihrer Vollreife springt die Frucht und läßt einen carmoisinroten Mantel blicken, der das Samenkorn umschließt. Dieser Mantel wird im Handel Muskatblüte genannt, während der Kern die Muskatnuß heißt.

Bei dem Verbrauch der vorhin genannten Gewürze zeigen sich die Menschen wohl mehr als Blütennascher denn als Blütenesser. Asien kann aber auch Blumenliebhaber ausweisen, die jeden Vergleich mit unsern Blumenkohl-, Broccoli- und Artischockenfreunden aushalten.

In den tropischen Ländern wachsen Bäume, welche den sogenannten Pflanzentalg erzeugen. Es ist dies eine dicke ölige Masse, die man gut zu Kerzen verarbeiten kann, die aber von den Eingeborenen auch als Butter verbraucht wird. Im Innern Afrikas wird aus den Früchten der Bassia Parkii, eines zwergig wachsenden Baumes, die sogenannte Schibutter gewonnen. Auch in Indien wachsen solche Butterbäume, von denen uns hier der Mahwabaum, Bassia Latifolia, besonders interessiert. In seiner Gestalt und Belaubung ist er unserer Eiche ähnlich und erreicht eine Höhe von 12 bis 15 m. Seine Blüten sind eßbar und bilden während mehrerer Monate im Jahre sogar ein wichtiges Nahrungsmittel der ärmeren Volksklassen Centralindiens.

Im Februar bedecken sich die Bäume mit weißem Blütenschnee, und gegen Ende des Monats werden die Blumenblätter fleischig und schwitzen einen süßen Saft aus. Sie sind dann reif, wie die Eingeborenen sagen. Um diese Zeit ziehen von den benachbarten Dörfern Frauen und Kinder unter die Bäume, schlagen dort förmlich Lager auf und ernten, indem sie die Blüten pflücken oder abschlagen. Immer wird ein Teil der Blüten unberührt belassen, damit sie sich zu Früchten entwickeln können, aber trotzdem wird von einem vollkräftigen Baume eine Blütenlast von 2 bis 3 Centnern gewonnen. In den Dörfern, auf festgestampften Plätzen vor den Hütten, werden die Blüten in der Sonne getrocknet, wobei sie die Hälfte ihres Gewichtes verlieren, zusammenschrumpfen und rostbraun werden. Die getrockneten Blüten haben den Geschmack geringer Feigen und werden entweder allein, oder häufiger noch mit Reis u. dgl. vermischt als tägliches Gericht verzehrt.

Man verpachtet in Indien diese Blütenernte wie bei uns die Obsternte. Aus den Mahwablüten wird außerdem noch ein starker Spiritus, den die Indier Daru nennen, destilliert; anfangs hat das Getränk einen widerlichen Geruch, abgelagert soll es aber dem besten irischen-Whisky gleichkommen. Die Mahwabäume pflanzen sich wild durch Selbstsaat fort, und ihre Bedeutung für die Volksernährung ist so groß, daß es bei Strafe verboten ist, ohne besondere Erlaubnis der Gemeinde einen Mahwabaum umzuhauen, selbst wenn er aufgehört hat, fruchtbar zu sein.

Auch die Blüten der anderen Butterbäume sind eßbar, und berühmt ist in dieser Hinsicht der Junpiebaum, Bassia longifolia, an der Koromandelküste; ein Salat aus seinen Blüten gilt weit und breit als Delikatesse.

Doch genug dieser Beispiele aus nah und fern, aus alter und neuer Zeit! Sie zeigen, daß der Mensch, der Allesesser, auch die Blumen appetitlich findet und daß es auf Erden mehr Blütenesser giebt, als man bei flüchtiger Betrachtung anzunehmen geneigt ist.