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Autor: Emanuel Geibel
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Titel: Deutsche Wanderschaft
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 740
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[740]

 Deutsche Wanderschaft.
 Frühjahr 1868.[1]

Der Wald steht in Blüthe, die wilden Schwäne zieh’n,
Mir klingt’s im Gemüthe wie Wandermelodie’n;
Zum Stab muß ich greifen beim klaren Morgenschein,
Und singend wieder schweifen in’s deutsche Land hinein.

5
Ihr blauenden Gipfel, ihr Thäler, Gott grüß!

Ihr dunklen Eichenwipfel, wie rauscht ihr so süß!
Ihr wollt mir’s erzählen, daß wieder hoffnungsvoll
In alle deutschen Seelen ein Lenzodem quoll.

Durch Steingeklüft und Forsten zu klimmen, o Lust,

10
Auf schwindelnden Horsten zu lüften die Brust!

Tief unten verklingen die Glocken weit umher,
Ein Adler hebt die Schwingen vom Felsen zum Meer.

In’s Brausen der Quellen wie pocht der Hämmer Schlag!
Da födern die Gesellen das Eisen zu Tag,

15
Da wächst in rother Erde das Schwert für den Feind,

Der noch am deutschen Heerde uns dreinzureden meint.

Nun kommst auch du geschwommen im Kranze von Wein,
Willkommen, willkommen, du königlicher Rhein!
Du tränkst mit goldner Freude dein blühend Geländ,

20
Und weißt von keiner Scheide, die seine Stämme trennt.


Wie lang wird es währen, Altvater, so preßt
Man wieder deine Beeren zum Kaiserkrönungsfest!
Da kommt auf deinen Wogen im Purpurgewand
Der Hort des Reichs gezogen, das Banner in der Hand.

25
Dann ruh’n Wehr und Waffen, dann ist es vollbracht,

Dran tausend Jahr geschaffen, das Werk deutscher Macht,
In Norden und Süden der letzte Zwist gesühnt,
Und Freiheit und Frieden, so weit die Eiche grünt!

Emanuel Geibel.
  1. Das obige Gedicht wurde uns schon vor mehreren Monaten von dem Dichter eingesandt. Es beweist wenigstens, daß Emanuel Geibel bereits „im Frühjahr 1868“, also lange vor dem Lübecker Königsgruß und der Münchener Katastrophe, seinem politischen Zukunftswunsch Ausdruck gegeben hat.
    D. Red.