Deutsche Städtebilder/Würzburg

Textdaten
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Autor: Max Haushofer
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Titel: Würzburg
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 303–309
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Reihe: Deutsche Städtebilder
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[303]

Deutsche Städtebilder.

Würzburg.
Von Max Haushofer.0 Mit Zeichnungen von Richard Püttner.


Die Gartenlaube (1890) b 303 3.jpg

Würzburg von den Steinbergen aus gesehen.


Ein schlauer Gesell ist er, der Mainstrom. Weil ihm die bösen Menschen, welche die Landkarten zeichnen, einen so gar kurzen Spielraum gelassen haben von seinen Quellen am Fichtelgebirge bis zum Altvater Rhein, macht er, um sich sein Dasein künstlich zu verlängern, die allerverwegensten Windungen, bis er endlich doch einsieht, daß er bei Mainz in den Rhein gehört. Am Mainstrome nun liegt das altehrwürdige Würzburg. Der Fluß ist hier schon recht stattlich; trägt er doch von Mainz bis Bamberg aufwärts Schiffe mit zweitausend Centnern Ladung. So kann man denn von der alten Würzburger Mainbrücke aus eine kleine Flotte bemasteter Schiffe betrachten, die hier vor Anker liegt; ab und zu gleitet auch ein Fahrzeug unter den altersgrauen Bogen der Brücke durch. Der Fluß ist zu seinen mächtigen Krümmungen genöthigt durch seinen Lauf, welcher das mitteldeutsche Berg- und Hügelland durchbricht. Die waldigen Höhen des Rhöngebirgs, des Spessarts und des Steigerwaldes senden ihre Ausläufer sich entgegen; durch dieselben mußte der Strom den Weg sich bahnen.

Landschaftlich gehört Würzburg zu den schönsten deutschen Städten, Man kann auf der alten Mainbrücke stehen und stromauf oder stromab schauen; die Festung Marienberg oben auf ihrem Felshügel, die graue Stadt mit ihrem prächtigen Dome, die rebenbewachsenen Stromufer und die fernen blauduftigen Höhenzüge: alles ist anmuthig und Gedanken weckend, ein reiches altes Städtebild.

Würzburg ist die Hauptstadt des alten Franken, der Punkt, wo fränkische Bevölkerung und fränkisches Leben am erkennbarsten dem Beschauer entgegentreten. Wer die Umgebung der Stadt durchwandert, gewinnt bald seine Anschauung vom fränkischen Volk. Die Leute sind von mittlerer Körpergröße, eher schlank als gedrungen, die Gesichter nicht überwältigend schön, aber klug und verständig. Die Mädchen sind hübsch; man sieht hier viele „Mariengesichtchen“, deren eigenthümliche fromme Schönheit ein älterer Beobachter der fleißigen Anschauung der Marienbilder in den Kirchen zuschrieb. Darum sagt auch ein alter Würzburger Spruch:

„Maria, Dich liebt Würzburg sehr,
Wo thut eine Stadt dergleichen mehr?
In Würzburg an so manchem Haus
Sieht ein Marienbild heraus.“

[304]
Die Gartenlaube (1890) b 304.jpg

Ansichten von Würzburg.
Zeichnung von [R]. Püttner.

[305] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [306] Ohne Zweifel ist es dieser lebhafte Marienkultus, der unsern Künstler veranlaßte, unter den Heiligenbildern, welche die alte Mainbrücke zieren, gerade das Standbild der Gottesmutter auf derselben noch zu einer besonderen Darstellung zu wählen.

Der Würzburger ist wie alle Unterfranken – mit Ausnahme der armen und verkümmerten Bewohner des Spessarts und der Rhön – heiter und lebensfroh, ein richtiger Weinländer. Würzburg geht ihm über alles. Er schaut herab auf den etwas schwerfälligeren Südbayern; aber auch auf den Rheinfranken, von dem er sagt:

„Wir guten Franken,
Wir loben und danken,
Daß wir nicht sein
Wie die Groben am Rhein!“

Dabei sind die Würzburger, da die Stadt und ihre Umgebung Jahrhunderte lang unter bischöflicher Herrschaft stand, streng katholisch. Seit dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts freilich ist der ausgleichende Zug, welcher in allen deutschen Städten an die Stelle früherer konfessioneller Einseitigkeit getreten ist, auch über Würzburg gekommen. Der jetzige bayerische Regierungsbezirk Unterfranken, dessen Hauptstadt Würzburg ist, enthält ja auch einzelne ganz protestantische Bezirke; so konnte die Provinzialhauptstadt mit ihren 55000 Einwohnern nicht ausschließlich katholisch bleiben. Der gewerbtreibende Bürgerstand von Würzburg scheint immer fleißig und thätig gemesen zu sein, aber neben seinem städtischen Gewerb nicht ungern etwas Weinbau in der Nachbarschaft getrieben zu hahen. Eine eigentliche Industrie aber entwickelte sich erst im Laufe dieses Jahrhunderts; denn so lange die Stadt unter fürstbischöflicher Herrschaft stand, wurde das ersparte Kapital mehr zur Gründung und Bereicherung geistlicher Orden, Stiftungen und Pfründen als zur Gründung und Erweiterung wirthschaftlicher Unternehmungen verwendet.

Das meiste hat zur Beseitigung provinzieller Beschränktheit jedenfalls die blühende Universität Würzburg beigetragen. Schon lange, ehe die Eisenbahnlinien und die Niederlegung der Festungswerke nach dem 1866er Kriege der Stadt betriebsames Handels- und Gewerbsleben aus allen Theilen Deutschlands zuführten, war es die Universität, die einen regen Erguß von geistigem Leben in die städtische Bevölkerung vermittelte.

Sehen wir uns aber die Stadt etwas näher an: sie liegt, wie erwähnt, zu beiden Seiten des Mainstroms, da wo derselbe, nachdem er von der „Schweinfurth“ bis zu der „Ochsenfurth“ eine beträchtliche Strecke von Norden nach Süden geflossen ist, sich wiederum nordwärts gewandt hat. Der größere und wichtigere Theil der Stadt, flacher gelegen, befindet sich auf dem rechten, östlichen Stromufer; der kleinere Stadtteil steigt die höheren westlichen Ufer hinan, zur Feste Marienberg. Den anschaulichsten Ueberblick über die ganze Lage und die Umgebnug der Stadt gewinnt man theils von der alten Mainbrücke aus, theils von den nördlich der Stadt, hart am Main gelegenen Steinbergen. Diese Berghöhen, an deren Gehängen der köstliche Steinwein wächst, gewähren einen entzückenden Ausblick über das Mainthal, über die ganze Stadt Würzburg und die fernen Höhenzüge des Maingaues. Unser Künstler hat diesen Ausblick in höchst stimmungsvoller Zeichnung (S. 303) wiedergegeben. Ebenso großartig aber ist der Ueberblick von dem südlich an den Festungsberg sich anschließenden Nikolausberge. Dort erhebt sich das „Käppele“, eine Wallfahrtskirch, zu welcher breite Steintreppen hinanführen. Auch diesen Aussichtspunkt findet der Leser unter unseren Zeichnungen, oben auf dem Doppelbilde. Am Abhange des Festungsberges, welcher mit seinem gethürmten Schlosse den eigentlichen Mittelpunkt der Stadt bildet, wächst der berühmte Leistenwein. Die alte Feste selbst ist jetzt Kaserne.

Und nun wenden wir uns von diesen Aussichtspunkten herab in das Stromthal! Die eigentliche Stadt, auf dem der Festung gegenüberliegenden Mainufer, ist im ununterbrochenen Halbkreise von reizenden neuen Parkanlagen umgeben. Sie hat einige schöne neue Straßen mit prächtigen Privatbauten und öffentlichen Anstalten: die Ringstraßen, die Ludwigstraße, den Kaiserplatz. Charakteristischer aber für Würzburg sind die alten Straßen, in deren Bauten sich die verflossenen Jahrhunderte spiegeln. So namentlich die Domstraße, deren malerische Durchsicht (S. 307) unserem Zeichner Gelegenheit bot, zu zeigen, wie es im alten bischöflichen Würzburg aussieht.

Ein gründlicher Kenner Würzburgs behauptet, daß – wie sich solches ja für eine geistliche Stadt schickt – schon die Bauwerke, das bischöfliche Schloß sowohl, als die alten Domherrenhöfe, deutlich zeigen, daß die großen Herren hier im Cölibat lebten. Es wohnt trotz freier sonniger Lage in diesen Bauten eine gewisse kalte, einsame, klösterliche Pracht, in ihrer äußeren Erscheinung wie in den weiten öden Innenräumen; man merkt es, daß diese Häuser nicht für Frauen, nicht für Familien gebaut sind. Noch mehr offenbart sich freilich diese dunkle massive Pracht in den hochgethürmten mächtigen Kirchenbauten, die alten priesterlichen Residenzstädten so scharf ausgeprägte Profile verleihen. – Würzburg hat schöne Kirchen aus der Zeit des romanischen Stils. Großartig ist namentlich die dreischiffige Domkirche mit ihren vier schlanken Thürmen; sie ward um die Mitte des elften Jahrhunderts begonnen, hundert Jahre später vollendet, später in gotischem und dann in zopfigem Sinne umgestaltet. Aehnlich erscheint die hart nebenanstehende Neumünster-Kirche, in späterer Zeit sehr verunstaltet. In einem kleinen grasbewachsenen Friedhofe neben dieser Kirche ist das Grab des edelsten deutschen Minnesängers, Walthers von der Vogelweide. Statt des unscheinbaren Steines, der einst die Ruhestätte des Dichters bezeichnete, hat ihm die Nachwelt nunmehr ein schönes, mit bildnerischem Schmucke versehenes Grabmal gewidmet. Unsere Leser finden dasselbe an der unteren Seite des Doppelbildes. Auf letzterem zeigt sich auch der mächtige Kuppelbau der Stifthauger-Kirche. Uralt ist die Kirche von St. Burkard und die durch seltsame Thiergestalten an den Säulenkapitälen ausgezeichnete Schottenkirche. In ersterer befinden sich prachtvolle Holzschmitzereien (Chorstühle) aus spätgothischer Zeit, in letzterer nennenswerthe Wandmalereien. Ein berühmtes Bauwerk ist auch die gothische Marienkirche, deren Bau 1377 an Stelle einer bei Gelegenheit einer Judenverfolgung zu Grunde gegangenen Synagoge in Angriff genommen ward. Ein ganzes Jahrhundert aber währte es, bis der prachtvolle Bau vollendet werden konnte, zu dessen Kosten die Frauen ihre Schleier und Prachtgewänder, die Ritter Sporen und Rosse opferten. Damals galt die Würzburger Bauhütte als eine der besten Schulen der Steinmetzenkunst.

Zwischen diesen altehrwürdigen Kirchen, die von der Frömmigkeit und Kunst des Mittelalters Zeugniß geben, finden wir dann wieder jene Prachtbauten der Renaissance, welche der kunstsinnige Bischof Julius Echter von Mespelbrunn ins Leben rief. Ihre vollendete Zierde ist das 1584 vollendete Universitätsgebäude, großartig und edel in seiner aus antikem und gothischem Stile gemischten Erscheinung. Ihm ist die Neubaukirche angefügt, ein durchaus eigenartiges, in seinem Inneren als mächtiger Hallenbau imponirendes Bauwerk. Auch die Klöster der Karmeliter, der Minoriten und der Kapuziner rühren von demselben fürstlichen Erbauer her. Von seinem bedeutendsten Bauwerke, dem großartigen Juliusspital, sind nur das Portal und einige Galerien in ihrer ursprünglichen Gestalt erhalten geblieben; das übrige gehört einer viel späteren Zeit an. In der Allee vor dem Juliusspitale, welches auf unserem Doppelbilde oben erscheint, steht auch die Statue des Bischofs selbst, welche unser Künstler auch noch auf dem Bilde der Seite 308 als Wahrzeichen Würzburgs neben der alten Mainbrücke und der Feste Marienberg angebracht hat.

Fast in allen Straßen finden sich auch noch Bauten aus der Rokokozeit. So die prachtreiche Schönbornkapelle am Dome; das Stukkaturgewand des Domes selbst; dann vor allem die Würzburger Residenz, die neben einer Menge von Sälen und Zimmern (angeblich 300) nicht weniger als 24 Küchen enthält. Der schöne Hofgarten hinter der Residenz, von welchem unser Zeichner auf dem Doppelbilde eine kleine Ansicht giebt, enthält als wertvollste Merkwürdigkeit Thorgitter von unübertroffener Schmiedearbeit.

Dem Rokokostile gehören auch die Karmeliterkirche und das Jesuitenkollegium sammt Kirche an, ferner der Bischofshof, der Petershof, das deutsche Haus und manche andere Paläste der Dom- und Stiftsherren.

Endlich müssen wir aber auch noch die alte Mainbrücke betrachten. Auch sie ist ein altehrwürdiges Bauwerk; im Jahre 1474 begonnen, hat sie eine Länge von 603 Fuß alten Maßes – jetzt nicht ganz 200 Metern. Auf ihre Pfeiler hat ein späteres Jahrhundert vierzehn kolossale Steinbilder fränkischer Landesheiliger gesetzt. Schon im Jahre 1133 hatte Würzburg durch Meister Enzelin eine steinerne Mainbrücke erhalten; diese aber ward durch [307] das wüthende Gewässer des Stromes bei einer Hochfluth im Jahre 1342 zerrissen, und über ein Jahrhundert währte es, bis man an den Bau der jetzigen Brücke schreiten konnte. Jetzt ist die alte Mainbrücke – eine zweite steinerne Brücke kam 1887 dazu – so recht der Platz, um Würzburger Landschaft und Volk vom Standpunkte des Spaziergängers aus zu betrachten.

Wie die Stadt selbst bietet auch die Umgebung manchen anmuthigen Blick. Vor allem beliebt aber ist der Ausflug nach dem zwei Bahnstationen entfernten Lustschlosse Veitshöchheim am Main, aus dessen reizendem barocken Parke unsere Leser eine Ansicht in der Mitte des Doppelbildes finden. Näher bei Würzbürg liegt das ehemalige Cistercienserkoster Oberzell, unmittelbar am Stromufer. In den ausgedehnten Räumen dieser Abtei arbeitet jetzt die weltberühmte Buchdruckmaschinenfabrik von König und Bauer. Unser Künstler hat auch sie auf einem reizenden kleinen Landschaftsbilde (Seite 309) wiedergegeben.

Dieses moderne Musteranwesen, so wohnlich in den alten Klosterhallen eingerichtet, ist ein bezeichnendes Bild der neuen Zeit. Aber noch ist die Erinnerung an die alte nicht verwischt. Am wenigsten in unserer schönen Mainstadt.

In Würzburg spukt es überall. Wie die modernen großen Weltstädte von Telegraphen- und Telephondrähten übersponnen sind, so Würzburg von den Goldfäden der Sage.

Schon an die Gründung Würzburgs knüpft sich eine höchst merkwürdige Geschichte, die den Ursprung der Stadt auf kein geringeres Ereigniß als auf den trojanischen Krieg zurückführt. Freilich sind die alten Chronisten darin recht uneinig, daß einige von ihnen sich erlauben, geflüchtete Abkömmlinge des Trojanervolks ins Würzburgische einwandern zu lassen, während Konrad Celtes berichtet, der kluge Odysseus sei mit seinen Genossen bei seinen Irrfahrten auch in Würzburg gelandet und habe dort eine Niederlassung gegründet. Der alte Homer weiß leider nichts davon; und so bleibt denn die Würzburger Reise des listigen Odysseus eine gänzlich unverbürgte Geschichte.

Eine andere eigenartige Sage haftet an einem ehernen Kreuzbild in der Neumünsterkirche. Ein schwedischer Soldat, heißt es, wollte das Kreuzbild stehlen, ward aber von der ehernen Gestalt des Gekreuzigten so fest in die Arme geschlossen, daß er nicht mehr von der Stelle konnte und erst am nächsten Morgen durch das Gebet eines Priesters wieder aus der schrecklichen Umarmung befreit ward. Schlimmer erging es dem Baumeister des Würzburger Domes, welcher sein stolzes Werk nur mit Hilfe des Teufels fertig brachte, dafür aber auch von diesem vom Gerüst weg geholt ward. Der Baumeister der Burkardskirche dagegen wollte seine Thürme anfänglich mit Schiefer decken; als ihm aber eine herabfallende Schieferplatte sein geliebtes Töchterlein erschlagen hatte, führte er die Thurmspitzen aus Hausteinen auf.

Die Gartenlaube (1890) b 307.jpg

Die Domstraße in Würzburg.

Von dem Würzburger Ortsheiligen, dem Schotten St. Kilian, erzählt die Legende, daß er mit zwei Schülern, Kolman und Dietman (auch Colonat und Totnan genannt), im Fränkischen das Christenthum verbreitet und auch den zu Würzburg hausenden Frankenherzag Geswert bekehrt habe. Weil Geswert aber mit der Witwe seines Bruders vermählt war, forderte der Heilige die Trennung dieser Ehe. Die Herzogin ließ dafür den Heiligen sammt seinen Genossen durch gedungene Mörder erschlagen und heimlicherweise die Leichen verscharren. Fluch und Jammer war der Lohn dieser bösen That; die Herzogin ward wahnsinnig, der Herzog von seinen eigenen Dienern erstochen.

So die christliche Legende. An Erinnerungen aus uralter Heidenzeit mahnt uns die Sage vom Grabenreiter, der in Sturm und Nacht, den abgeschlagenen Kopf auf dem Arme tragend, durch den alten Wallgraben hinter dem Juliusspital reitet. Dem Teufel können wir in Würzburg leicht begegnen; wir brauchen nur um Mitternacht durch die „lange Gasse“ zu gehen; dann kann es uns wohl blühen, daß er auf unsere Schultern springt und uns bis an die Straßenecke reitet. Auch im geistlichen Seminar zu Würzburg pflegte sich ehedem der Teufel jenen jungen Priestern auf den Rücken zu hocken, die ihr Brevier nicht ordentlich gebetet hatten.

Nirgends im Deutschen Reiche war der Hexen– und Teufelsglaube thätiger als in Würzburg. Er ist es, der die finstersten Schatten in die Geschichte der Stadt zeichnet, finsterer als die Greuel des Bauernkrieges und der Schwedenzeit. Die Hexenprozesse stiegen ins Maßlose unter der Herrschaft des Bischofs Philipp Adolf, in den Jahren 1622 bis 1631. Bis zum letztgenannten Jahre waren im Bisthum Würzburg neunhundert Menschen wegen Zauberei hingerichtet worden; die meisten starben eines qualvollen Todes auf dem Scheiterhaufen. Und wenn auch der Hexenglaube später etwas in Abnahme kam: noch über ein Jahrhundert lang forderte er seine unschuldigen Opfer; denn erst im Jahre 1749 wurde zu Würzburg die letzte Hexe verbrannt. Es war die unglückliche Maria Renata Singer von Mossau, Nonne im Kloster zu Unterzell. Die Sage läßt sie noch in den ehemaligen Klosterräumen geistern. Aber auch im Zwinger an der Stadtmauer zu Würzburg steht ein „Hexenthurm“, in welchem Hexen eingekerkert und gefoltert wurden und heute noch nächtlicher Weile geisterhaftes Aechzen und Stöhnen vernehmen lassen. Jene Mauer mit ihren alten Thürmen ist auf unserem Doppelbilde zu finden.

So geistert die Sage durch Würzburgs Gassen. Und selbst die vom Lichte der Wissenschaft durchflammten Hallen der Universität läßt sie nicht im Frieden; denn an der östlichen Mauer des Universitätsgebäudes wandelt um Mitternacht der „ewige Student“ spazieren. Zu Lebzeiten war er der tollste Zecher, Nachtschwärmer und Raufbold der Hochschule und ward dafür von seinem eigenen Vater verwünscht, bis zum jüngsten Tage den Carcer zu hüten. So lange er aber geistert, so lange, heißt es, solle die Hochschule blühen und gedeihen.

Nun – im Würzburger Hofkeller liegen Weine, die so alt und so edel sind, daß, wer von ihnen einen reichlichen Trunk thut, unbeschadet um Mitternacht durch alle Gassen Würzburgs [308] wandern und mit all den alten Gespenstern anbinden kann, ohne daß ihm Leides geschieht.

Aber wenden wir uns von diesen spukhaften Gestalten wieder der beglaubigten Wirklichkeit zu!

Der Name unserer guten Stadt kommt geschichtlich nachweisbar zuerst im Jahre 704 vor; damals hieß er „Wirziaburg“, wie auch die Geschichtsforschung heutzutage noch „Wirzburg“ schreibt. Damals saßen auf der Höhe des jetzigen Marienberges in ihrer Burg die fränkischen Herzöge. Der heilige Kilian war es, welcher gegen das Ende des 7. Jahrhunderts in den ostfränkischen Landen zuerst das Christenthum verkündete und in Würzburg den Märtyrertod fand. Nach seinem Tode fielen die Ostfranken wieder in ihr altes Heidenthum zurück, und erst um die Mitte des 8. Jahrhnnderts gelang es dem heiligen Bonifacius, das Volk gründlicher zu christianisiren. Bischofssitze wurden alsbald in Franken gegründet, unter ihnen Würzburg, wo an der sagenhaften Todesstätte des heiligen Kilian die Salvatorkirche erbaut ward, um, nachdem sie 854 vom Blitzstrahl zerstört worden war, als die jetzige Neumünsterkirche wieder zu erstehen. Die jugendliche Bischofsstadt, die sich rasch an beiden Ufern des Mainstroms ausdehnte, hatte wiederholt in ihrer Nachbarschaft das Brandroth aufflammen sehen, das von den räuberischen Zügen der Ungarn herrührte; bis hart an die Thore der Stadt drangen die übermüthigen Zerstörer. Das veranlaßte die Bischöfe, ihre Stadt stark zu befestigen. Im Schutze ihrer Mauern wuchs dieselbe nun rasch. Im 11. Jahrhundert zeichnete sie sich durch die edle Treue aus, mit welcher sie gegen Papst und Bischof zu dem unglücklichen Kaiser Heinrich IV. stand. Wiederholt kämpften damals der Kaiser und seine Gegner um die Stadt. In der Hohenstaufenzeit sah Würzburg hochwichtige Staatsaktionen in seinen Mauern sich vollziehen; hier hielten König Konrad und Friedrich Barbarossa ihre Reichstage ab; hier feierte letzterer seine Vermählung mit Beatrix von Burgund; hier wurden Konzilien abgehalten, Päpste gewählt und bestätigt. Bei einem jener Reichstage (1168) wurde von Friedrich Barbarossa dem Bischofe Herold der Besitz der fränkischen Herzogswürde bestätigt. Zu Würzburg auch war’s, wo Heinrich der Löwe vom Kaiser seiner Herrschermacht und seines Landes entsetzt ward.

Datei:Die Gartenlaube (1890) b 308.jpg

Die alte Mainbrücke in Würzburg.

Im folgenden Jahrhundert ward es wieder stiller in der Stadt. Bald aber, um die Mitte des 13. Jahrhunderts, brachen böse Wirren aus. Die Würzburger Bürgerschaft empörte sich gegen die Gewalt ihrer Bischöfe, und anderthalb Jahrhunderte hindurch gab es nun Aufstände, Fehden, Schlachten und Friedensschlüsse zwischen dem Bürgerthum einerseits, den mit der Ritterschaft verbündeten Bischöfen andererseits. Schwer litt das städtische Leben unter diesen Reibungen und Kämpfen, welche erst ein Ende fanden, als im Jahre 1400 in der Schlacht bei Bergtheim die Widerstandskraft der Stadtbürger für immer gebrochen war. Kirchenbann und Reichsacht lagen während dieser trüben Zeit manchmal auf der Stadt, deren Leiden in einzelnen Jahren noch durch verheerende Hochfluthen des Mainstroms vermehrt wurden.

Noch andere Wirren traten hinzu. Denn in dem Zeitraume von 1261 bis 1391 erlebte Würzburg fünf große Judenverfolgungen. Dergleichen kam auch später noch vor. Einer kürzen Zeit der Ruhe folgten im 16. Jahrhundert neue Bedrängnisse. Die Bürgerschaft verband sich mit den aufständischen Bauern gegen den Bischof und dieser mußte fliehen. Aber die Bauern wurden durch das Heer des Schwäbischen Bundes geschlagen; daraufhin mußte auch die Stadt Würzburg sich an den Feldhauptmann Georg Truchseß ergeben.

Die Blüthezeit Würzburgs begann, als der gelehrte und staatskluge Domdechant Julius Echter von Mespelbrunn, noch nicht dreißig Jahre alt, den Würzburger Bischofssitz bestieg (1573). Dieser Fürst, welchen die Geschichte der deutschen Wissenschaft und der von ihm geleiteten Stadt mit gleichem Stolze nennen, ist ein leuchtendes Beispiel dafür, was ein einzelner Mann vermag, wenn ihm Weisheit und Stärke des Charakters gegeben sind. Daß er mit eiserner Hand die Reformation im Bannkreise seiner Herrschaft unterdrückte, begreift sich aus seiner Stellung als katholischer Reichsfürst. Daß er aber die verworrenen Finanzen des Hochstifts ordnete, den Volksunterricht durch Grundung zahlreicher Schulen in Würzburg und auf dem Lande hob, daß er die heute so blühende Würzburger Universität ins Leben rief und der leidenden Menschheit eine der segensreichsten Anstalten, sein großes Juliusspital, widmete, das verleiht seinem Andenken unvergänglichen Ruhm. Das Juliusspital, welches nicht [309] bloß für Kranke, sondern auch für Arme, für Waisen und für Obdachlose eine Zufluchtsstätte zu werden bestimmt war, erscheint für die damalige Zeit als das glänzendste Vorbild einer lediglich den menschlichen Leiden gewidmeten Hilfs- und Rettungsanstalt.

Die Gartenlaube (1890) b 309.jpg

Schwere Zeiten kamen mit dem Dreißigjährigen Kriege. Im Jahre 1631 nahm Gustav Adolf die Stadt nach geringem Widerstande. Die Feste Marienberg ward erstürmt, unermeßliche Beute von den Schweden gemacht. Heute noch stehen in der Bibliothek zu Stockholm die Bücher aus der großartigen Würzburger Bibliothek. Drei Jahre lang ward hierauf das Bisthum ausgepreßt und gebrandschatzt. Dann blieb es verschont, bis im Jahre 1647 die Schweden zum zweiten Male erschienen, eine harte Kriegssteuer zu fordern.

Lange litten die Stadt und das ganze Bisthum unter den Nachwehen des schweren Krieges. Zwar blieb die Stadt wenigstens fortan von Kriegslasten frei; aber eine Blüthezeit wie unter Bischof Julius erlebte sie erst wieder unter Bischof Franz Ludwig von Erthal (1779 bis 1795), welcher zu den edelsten Wohlthätern, zu den rechtlichsten und weisesten Fürsten gehört, die jemals einen deutschen Herrschersitz innehatten. Mit ihm endet eigentlich die bischöfliche Zeit Würzburgs. Es folgten noch einige wilde Jahre, während welcher französische und österreichische Waffen durch Würzburg erklirrten; das Herzogthum kam erst vorübergehend, endlich 1814 durch den Wiener Kongreß dauernd an das Königreich Bayern. – Nun ist Würzburg bayerische Provinzial- Hauptstadt, Die Zeiten der bischöflichen Herrschaft sind vergangen, wenn auch nicht vergessen. Die Sonne des 19. Jahrhunderts scheint in die alten Gassen, in die stillen Höfe der Domherrenpaläste, tanzt glitzernd auf den Wellen des Mainstroms und wärmt an den Gehängen des Stroms die edlen Trauben, aus welchen Steinwein und Leistenwein gekeltert wird. Und in dieser Sonne rührt sich ein junges Geschlecht. Ein gewerbfleißiges Bürgerthum arbeitet in den Werkstätten und Kaufläden, elegante Damen spazieren zwischen den neuen Prachtbauten der Ludwigstraße; flotte Lieutenants tummeln ihre Rosse auf den Exerzierplätzen, und vor dem ehrwürdigen Universitätsbau wimmelt’s von Studenten. Denn die Universität, die Alma Julia, erfreut sich großen Ansehens, ganz besonders die medizinische Fakultät, der zwei Fünftheile von den 1000 Musensöhnen angehören. Bei allen ernsten Geschicken, welche die Stadt durchlebte, ist heute der Zug des Anmuthigen der vorherrschende; und man braucht nicht gerade ein geborener Würzburger zu sein, um Würzburg neidlos eine der schönsten und liebenswerthesten Städte des deutschen Vaterlandes zu nennen.