Der tausendjährige Rosenstock am Dom zu Hildesheim

Textdaten
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Autor: Robert Geissler
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Titel: Der tausendjährige Rosenstock am Dom zu Hildesheim
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 700, 708
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[700]
Die Gartenlaube (1883) b 700.jpg

Der tausendjährige Rosenstock am Dom zu Hildesheim.
Nach der Natur gezeichnet von Robert Geißler.

[708] Der tausendjährige Rosenstock am Dom zu Hildesheim. (Mit Abbildung S. 700.) Der tausendjährige Rosenstock auf dem Friedhofe des Domes zu Hildesheim wächst und blüht, ringsum gegen starke Winde geschützt, inmitten der Mauern des ehrwürdigen Domes, emporgerankt an der Ostseite der halbrunden Gruftzelle heute noch wie zur Zeit Ludwig’s des Frommen.

Wäre es nicht eine bekannte Thatsache, daß die wilde Rose an vielen alten Gemäuern und Steinwänden von Geschlecht zu Geschlecht weiter wuchert, so müßte das Bestehen dieses merkwürdigen Strauches dem Wunderglauben reiche Nahrung zuführen. Aber wo die Verhältnisse so günstig sind wie hier, wo die Wurzeln sich tief in die Steinklüfte einbohren können und wo von ihnen äußere vernichtende Einflüsse abgehalten werden, da treibt diese wundervolle Pflanze ihre Blüten gewissermaßen in die Ewigkeit hinein.

Es bestehen über das Alter dieses Strauches unantastbare geschichtliche Ueberlieferungen seit dem elften Jahrhundert. Bischof Hezilo (gestorben 1079), der den durch Feuer zerstörten Dom neu aufbauen ließ, befahl, dem verschont gebliebenen Rosenstock „als einem merkwürdigen Denkmal der Vorzeit die sorgfältigste Pflege angedeihen zu lassen“.

Zweige und Wurzeln wurden während des Baues durch einen gemauerten Canal gedeckt, der gleichwohl den vergrabenen Wurzeln und einigen Ausschüssen so viel Luft und Licht ließ, daß sie bestehen konnten; und nachdem im Jahre 1120 der Rundbau, die Apsis, vollendet worden war, ward der Rosenstrauch an dem Mauerwerk emporgeführt.

Als vor 800 Jahren der Rosenstock bereits ein merkwürdiges Denkmal der Vorzeit genannt wurde, war er zweifelsohne schon von bedeutender Größe, denn seit unvordenklichen Zeiten hat er sich nicht verändert. Seine Wurzeln liegen unter dem mittleren Altar der Domgruft und der Stamm ist durch die zwei Meter dicke Mauer gewachsen. Hiernach ist die Ueberlieferung von der Entstehung des Domes an der Wurzelstätte des Rosenstockes nicht wohl anzuzweifeln, ebenso sind die skeptischen Aeußerungen mancher Besucher des Platzes, es würden von Seiten der Domgeistlichkeit, um das Wunder zu erhalten, von Zeit zu Zeit neue Setzlinge eingegraben, hinfällig.

Die ganz neuen ausgeschlagenen Triebe aus den alten Stämmen reden deutlich.

Die Geschichte des uralten Rosenstammes ist folgende. Ludwig der Fromme war in der Waldgegend, wo jetzt Hildesheim steht, „zu jagen den weißen Hirsch“. Er verlor beim Ueberschreiten des Flüßchens Innerste Pferd und Hunde und kam von seinem Jagdgefolge ab.

Als er vergeblich in sein Histhorn geblasen und, ganz verlassen, in der Einsamkeit knieend gebetet, sank er in tiefen Schlaf. Ein heiliges Gefäß, das er bei sich trug, hatte er über einen Rosenstock gehängt. Erwachend, sah er die Gegend weit und breit mit Schnee bedeckt, aber der Rosenstock leuchtete mit frischen Blüthen. Die Sache ist, wenn es etwa im Mai oder im Spätherbst gewesen, ganz erklärlich.

Dem vom Schlafe Erwachten kam die Erscheinung wie ein Wunder vor, und als auf erneutes Ansetzen seines Hornes die Jagdgesellschaft sich wieder einfand, beschloß Ludwig an der Stelle des Rosenstockes eine Capelle zu bauen.

Das wird schon damals ein alter, kräftiger Strauch gewesen sein, denn seine Wurzelfasern wurden durch den Bau nicht zerstört.

Und seine Rosen lachen noch heute dem stillen Beobachter entgegen und predigen von der Ewigkeit der vielgestaltigen Liebe, deren unvergängliches Bildniß die Rose ist.

Robert Geißler.