Der letzte Liebesdienst (Die Gartenlaube 1859)

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Titel: Der letzte Liebesdienst
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 480
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[480] Der letzte Liebesdienst. Durch einige Lichter auf dem Tische und ein großes, rothes, weit in das Zimmer wärmendes Kohlenfeuer im Kamin, aus welchem oft lustig brennende Stückchen sich lossprengten, hatten zwei Junggesellen, alte Freunde, in London, oben drei Treppen hoch eben einen Kampf gegen die traurige, triefige, dicknebelige Atmosphäre draußen und die schwermüthige, spleenige Dicke und Dunkelheit im Zimmer begonnen, aber Freund „Bob“, der sich als Arzt und Mitglied der wundärztlichen Gesellschaft Robert Evans schrieb, blieb ein Bild der Verzweiflung und des Jammers, welk, wackelig, mager, hager, mumienartig, schlotterig in den Knieen und zitterig in den Händen, ein Stückchen vertrocknete Anatomie, ein geisterhaftes Exemplar aus Schauer-Romanen und „Nachtseiten der Natur“.

Nach seiner Geburt waren erst 45 Jahre verflossen, aber er sah wie ein Fünfundsiebenziger aus. Sein noch vor kurzer Zeit rabenschwarzes Haar erinnerte jetzt an eine weiße Taube in ärgster Mauserung. Auch mit den Zähnen stand es schlecht, mit seinem Appetite, mit dem ganzen Menschen. Er wollte weder essen, noch trinken, noch rauchen. Er lachte über keinen Witz und antwortete nicht einmal auf direct an ihn gerichtete Fragen.

„Ich halt’s nicht mehr aus,“ rief endlich sein Freund. „Du bist entsetzlich, Bob. Gott, wenn ich an Dich denke, wie wir in der Schule und auf der Universität übersprudelten von Kraft, Feuer und Jugendlust, wie Du noch vor wenigen Monaten bis zu Deiner Affaire als Testamentsvollstrecker des Sir Reginald –“

„Georg,“ unterbrach ihn der plötzlich noch geisterhafter erblassende Freund mit hohler Feierlichkeit, „wenn Du mich je lieb hattest, wenn unsere lebenslängliche Freundschaft kein leerer Wahn sein soll, versprich mir beim Himmel und auf die Heiligkeit eines Freundeswortes, mir einmal eine letzte Liebe zu thun.“

„Alter Freund, wohl hundert, wohl tausend Beweise meiner Freundschaft will ich Dir geben,“ rief Georg, ergriffen von dem Elende und dem Seelenleiden des Freundes.

„Meine Bitte wird Dir kindisch erscheinen,“ fuhr dieser dumpf und kurzathmig fort, „kindisch, wie ich schon aus furchtbarer Erfahrung weiß, sodaß Du mir sie trotz Deiner Willigkeit abschlagen wirst; aber wenn ich Dir meine Gründe erzähle, meine entsetzlichen Leiden, die mich rasch dem Grabe zuführen – dem lebendigen – o Gott, es kommt wieder! – Ich ersticke! Luft! Luft! Hülfe! Hülfe! Ich sterbe! Man begrub mich lebendig. O! Luft! Luft!“

In einem Augenblicke hatte Freund Georg das Halstuch des Unglücklichen aufgerissen und ihn mit einem Guß kalten Wassers und Reibung etwas zu sich gebracht.

„Was ist das? Kann ich Dich allein lassen, während ich zu einem Arzt laufe?“

Er winkte mit der Hand leidenschaftlich, sich dies zu verbitten, und haschte eine Zeitlang nach Luft und Worten. „Es ist besser nun,“ sagte er endlich, „und ich will Dir nur Alles erzählen, die Gründe meines raschen Verfalls, meiner unsäglichen Leiden, meiner Bitte. Du weißt, vor einigen Monaten wurde ich zu Sir Reginald Cureton gerufen, um ihn in seiner letzten Krankheit zu behandeln. Erleichterung, kleine Eingriffe in den Proceß des Sterbens, in die Anfälle von abwechselndem Schmerz und Stumpfsinn – das war Alles, was ich thun konnte. Dann und wann fühlte er sich eine Zeitlang frei von Schmerz und konnte klar denken. Dies war aber keine Wohlthat für ihn; sein Gehirn bevölkerte sich mit scheußlichen Unholden seines Lebens, mit mißhandelten, ausgepfändeten, verhungerten Pächtern, ausgebeutetem Schweiße Anderer, mit Lastern und Grausamkeiten aller Art. Doch ich vergesse, daß er endlich todt ist – endlich –“ (er zitterte dabei und schauderte zusammen) „Genug, es war eine furchtbare Aufgabe, an diesem Todtenbette als Arzt zu stehen und zu wachen. Er fürchtete zwar das Leben nach dem Tode nicht, an welches er nie geglaubt, aber desto mehr den Tod, den Augenblick, in welchem sich dieses elende Leben für immer schließen sollte. „„Doctor,““ rief er eines Tages ganz grob und vornehm, wie früher in gesunden Tagen, „„man wird Ihnen nach meinem Tode eine gute Hand voll Banknoten zahlen, mehr, als Sie erwarten, hoff’ ich. Deshalb können Sie mir wohl auch einen Extra-Gefallen thun. Haben Sie von den Geschichten meiner Familie gehört, daß wir Cureton’s nie grade und ruhig zwischen den Bretern liegen geblieben seien.?““ Er meinte die Sage, die von den Cureton’s im Umlaufe war, daß man allemal den zuletzt in der Familiengruft beigesetzten Cureton in oder mit dem Sarge umgekehrt und umgestürzt gefunden, wenn man sie wieder für einen Todten geöffnet habe. Das Geschlecht war immer unbeliebt, sodaß man an Bosheit von Feinden hätte denken können, wenn sich jemals eine Spur von gewaltsamem Einbrechen in die Familiengruft gezeigt hätte. Und die Schlüssel waren immer im Besitz des jeweiligen Hauptes der Familie.

„Habe davon gehört,“ sagte ich, „aber wer wird an solche Absurditäten glauben?“

„Es ist wahr, entsetzlich wahr,“ rief der Kranke grimmig gereizt und gequält; „als ich meinen Bruder begraben half, hab’ ich mit eigener Hand den Sarg meines Vaters, der umgestürzt stand, aufgerichtet. Ein alter Mann, der damals noch lebte, hatte dasselbe mit dem Sarge seines Vorfahren gethan. Nun merken Sie, ich habe nicht Lust zu kratzen und zu rumoren in der Nacht des Sarges, bis ich erstickt bin. Wollen Sie deshalb dafür sorgen, daß man mich im Sarge, ehe er geschlossen wird, gehörig mit ungelöschtem Kalk bedecke?“

„Gewöhnt an sonderbare Einfälle Sterbender fühlt’ ich mich nicht überrascht und versprach, natürlich seine Bitte zu erfüllen. Einige Tage nach diesem Gespräch starb Sir Reginald. Ich sprach sofort mit dem Todtengräber und gab ihm eine Fünfpfundnote, mit der Bitte, der Instruction des Verstorbenen hinsichtlich der Einkalkung Folge zu leisten. Mit ihm war die besitzende Familie ausgestorben, aber eine lange Reihe mir gänzlich unbekannter, erwartungsvoller „Seitenlinien“ folgte seinem Sarge. Ich selbst ward am Begräbnißtage zu einem entfernten, gefährlichen Kranken abgeholt, sodaß ich dem Leichenbegängniß nicht beiwohnen konnte, aber schon am Nachmittag kam ich zurück, um mit den Gerichten und Raben, die sich in jedem reichen Todtenhause einfinden, verschiedene Geschäfte zu schlichten und mich dann übermüdet in meinem Zimmer, das dicht neben der Capelle und Familiengruft war, schlafen zu legen. Ich schlief rasch und fest ein. Was konnte mich daher mitten in der Nacht aus meinem tiefen Schlafe geweckt haben? Warum saß ich vor Angstschweiß triefend in meinem Bett? Warum horchte ich grausend mit brausenden Ohren auf ein leises, dumpfes, unterirdisches Geräusch? Eine Ratte in der Holzwand? Es gab keine Ratten in den Hallen der Cureton’s. Und doch hörte ich deutlich Etwas kratzen und rumoren im Finstern, tappen und pochen im Dunkeln, rauschen, poltern unten in der Nacht dumpf, aber entschieden und in furchtbarer Qual. Die Worte des Verstorbenen durchzuckten mich, sobald ich das Geräusch vernahm. Höchstens nach 5 Minuten stürzte ich halb angekleidet zu dem Todtengräber, immer von dem entsetzlichen Gedanken gequält, was jetzt unten in der Gruft geschehen möge. Der Todtengräber, sonst ein derber Mensch, erschrak zur Todtenblässe über mein Aussehen.

„Auf, auf! Lügner, Betrüger!“ schrie ich ihm zu. „Den Augenblick zu dem Sarge des gestern Begrabenen, oder ich schlage Ihnen mit diesen Schlüsseln das Hirn entzwei. Sie haben ihn lebendig begraben.“

„Ich packte ihn beim Hemdkragen und hatte ihn im Augenblicke auf den Beinen. Er fuhr links in den Schlafrock und folgte mir mit klappernden Zähnen und Brecheisen, während ich ihn zog und zerrte. Der Mond schien hell auf das Thor des Grabgewölbes, aber ich brauchte in meiner zitternden Aufregung lange Zeit, den rechten Schlüssel zu finden. Endlich knarrten die schweren, eisernen Flügelthüren in den Angeln und das blasse, bläuliche Mondlicht brach sich in leichenfarbigem Glänze auf den silbernen Platten und Nägeln der Särge. Das kratzende und polternde Geräusch, das mich geweckt, hatte jetzt aufgehört, Alles war todtenstill; aber hinter der Eingangsthüre stand ein dunkeles Etwas, bei dessen Anblick der Todtengräber einen so entsetzlichen Schrei ausstieß, daß sich sofort viele Fenster des Reginald’schen Palastes mit Licht füllten und wir schnell Leute um uns bekamen. Der Sarg Sir Reginald’s stand vor uns ganz aufrecht. Als wir ihn öffneten, fanden wir die Leiche zerkratzt und verrenkt, im Gesicht dunkelblau und erhitzt, keine Spur von dem ungelöschten Kalke, um welchen es ihm im Sterben so ängstlich zu thun war. Ich weiß, was gesunder Menschenverstand und physiologische Kenntniß hier Alles vorbringen mögen. Reden wir nicht weiter von der entsetzlichen Thatsache, die mir seitdem meinen Schlaf, meine Gesundheit, vielleicht den größten Theil meines Lebens gekostet. Ich leide seitdem an Anfällen der Angst und einer Art Wahnsinn, während dessen ich selbst im Dunkeln zu kratzen und zu rascheln scheine, bis ich ersticke. Ich bin ruinirt durch diese häufigen Anfälle, die sich durch die steigende Furcht nicht vor dem Tode, aber wohl vor lebendiger Einsargung und Beerdigung oft bis zum Entsetzlichsten steigern. Bis jetzt hat mir noch Niemand diese letztere Qual abnehmen wollen. Jetzt wend’ ich mich an Deine Freundschaft. Willst Du mir, dem Gestorbenen, eine letzte Liebe erweisen?“

„Ich verspreche es Dir, liebster Freund, wenn ich irgend Etwas zur Erleichterung Deiner Leiden beitragen kann.“

„Nun denn, versprich mir, mir den Kopf abzuhauen, ehe ich beerdigt bin.“

So wie er das Versprechen für diese sonderbare That erhalten hatte, fing er an sich zu bessern. Aufenthalt am Meeresufer, das ihm manche lebendige Bereicherung seiner Aquarien lieferte, und einige Reisen stellten ihn so weit wieder her, daß die wahnsinnigen Erstickungsanfälle hypochondrischer Einbildung verschwanden und er wieder menschlich aussehen lernte. Einige Male hat er schon daran gedacht, ob nicht Alles, was er hier erzählt und was ihn so furchtbar quält, nur ein Schreckbild seiner Phantasie sei, aber er sucht diesen Gedanken selbst niederzudrücken und glaubt dann um so fester an jene furchtbare Nacht. Georg fürchtet aber doch, daß er vor ihm hinübergeht und ihm die letzte Liebe, die er ihm zu thun versprochen, nicht ersparen wird.