Der letzte Krieg in Böhmen, aufgeführt in einem amerikanischen Hühnerhofe

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Der letzte Krieg in Böhmen, aufgeführt in einem amerikanischen Hühnerhofe
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 48
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Hahnenkampf
Blätter und Blüthen
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[48] Der letzte Krieg in Böhmen, aufgeführt in einem amerikanischen Hühnerhofe. Mein Freund Huber hat sicher den schönsten Hühnerhof unserer Stadt, und die Krone desselben ist ein starker weißer Hahn, der mit stolzer Würde, männlichem Ernste und liebevoller Sorgfalt seit Jahren das Regiment über sein Hühnervolk führt. Aber so liebreich er auch gegen seine ihm stets schmeichelnden Hühner ist, um so strenger ist er gegen die heranwachsenden Hähne, und der älteste derselben hatte seit einem Jahre unter dieser Tyrannei zu leiden. Selbst bei der Fütterung durfte sich der junge schwarze Hahn mit dem weißen Halskragen nicht zu nahe wagen, sonst wurde er mit Schimpf und Schande davongejagt. Aber wenn er gar einen Liebesblick mit einer jugendlich frischen schlanken Henne tauschte – die älteren und gesetzteren Hennen gaben sich mit dem jungen Fant gar nicht ab – dann wehe dem Unglücklichen! er wurde verfolgt und mußte den scharfen Sporn seines weißen Tyrannen nur zu schmerzlich fühlen. Oefters schon ermannte sich der junge Schwarz-Weiße, doch seine Kraftäußerung war vergeblich und brachte ihm nur Schmerz und Leidwesen. Gestern Morgen nun kam ich in den Hühnerhof – welche Veränderung! Der stolze weiße Hahn stand gesenkten Hauptes da, mit zerrissenem Kamme, herabhängendem Schwanze und mit blutigen Beinen, dessen eines den scharfen Sporn verloren hatte, ein Bild des Jammers und des Elends; die Außenwelt, das Interesse für seine Hühner, Alles, was ihn früher mit Stolz und Freude erfüllte, war für ihn abgestorben. Der „Gockel“ war physisch und moralisch ein gebrochener Mann!

Auf meine Anfrage erfuhr ich, daß der Schwarz-Weiße in den letzten Tagen wiederholt eine erniedrigende Behandlung von dem Weißen erfahren, heute Morgen daher einen entschiedenen Angriff auf seinen Tyrannen machte und nach halbstündigem, furchtbarem Kampfe als Sieger aus demselben hervorging. In jäher Flucht entstürzte der Weiße, verfolgt von seinem Rache schnaubenden, grimmen Sieger, bis endlich die sorgsame Hand der Hühnermutter Lucy den schwarzen Hahne ergriff, ihn in den Stall sperrte und dadurch die einheitliche Entwickelung der Verhältnisse auf dem Hühnerhof hemmte. Das Leben des Weißen war zwar gerettet – aber die Ehre verloren!

Wir beschlossen, den Schwarzweißen herauszulassen, um den Effect zu beobachten. Kaum war die Stallthür geöffnet, als der junge Held des Tages mit wenn auch blutigem, doch stolz erhobenem Haupte in triumphirendster Haltung hervortrat, einige rasche Schritte bis zur Mitte des Hofes machte und dann in kraftvollster Stimme sein Commandowort: „Kikeriki!“ ertönen ließ. Kaum war der erste Ton verklungen, als voll Entsetzen der Weiße zusammenschauderte und mit gebeugtem Körper davon stürzte. Der Schwarz-Weiße machte ihm einige Sätze nach, doch als er die verzweiflungsvolle Hast der Flucht sah, warf er ihm einen stolzen, verächtlichen Blick zu und ließ abermals sein Victoria ertönen.

Was war unter derlei Verhältnissen zu thun? An ein Beisammenbleiben solcher socialen Bestandtheile war nicht zu denken. Nach gemeinsamer Berathung mit meinem Freunde wurde Folgendes beschlossen: Der Hühnerstall muß getheilt werden. Die eine kleine Hälfte erhält eine Oeffnung nach dem benachbarten freien Platze. Der größere Theil der Heimath hat seinen Ausgang wie früher in den Hof. Es können die Weißkutten nicht mehr in dem Staatsverbande mit den Schwarz-Weißen leben; letztere werden das Vaterland allein für sich behalten, und die Weißkutten müssen aus aus dem alten „Bunde“ scheiden.

Seitdem erlebt der weiße Hahn anscheinend wieder glückliche Tage. Stolz wie früher geht er unter seinen Völkern einher, aber in der Nacht, wo er zwischen den Latten durch seinen schwarz-weißen Gegner sieht, ist sein Schlaf unruhig, es drücken ihn die Sünden, die den Kampf veranlaßt; er wird stets an seine furchtbaren Niederlagen und an seinen schmachvollen Sturz erinnert und ahnt, daß die Dauer der gegenwärtigen Situation gar wenig gesichert ist.