Der hypochondrische Pluto

Textdaten
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Autor: Friedrich Schiller
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Titel: Der hypochondrische Pluto
Untertitel: Romanze
aus: Anthologie auf das Jahr 1782, S. 88 – 99
Herausgeber: Friedrich Schiller
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Erscheinungsdatum: 1782
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[88]
Der
hypochondrische Pluto.




Romanze.
Erstes Buch.


Der grobe Schulz im Tartarus,
     Marks Pluto zubenamset,
Der mit Abschied und Morgengruß,
Monarchisch in dem Erebus,

5
     Die Züchtlinge durchwamset,

Verlor zum Fluchen seine Brust,
Und fast zum Peitschen den Gelust.

Sein Vita sedentaria
     Auf seinem eh’rnem Sessel

10
Erhizte seine Postera,

Und hin und her und dort und da
     Stach’s ihn wie Salz und Nessel,

[89]

Das heiße Wetter obendrein
Kocht sein Geblüt zu Sulzen ein.

15
Zwar ward ihm mancher Sauerbronn

     Vom Flegeton geschöpfet,
Und durch Skarifikazion,
Blutigel, Venäsekzion
     Viel Blut ihm abgezäpfet.

20
Auch manch Klystier ward applizirt

Auch offner Leib effektuirt.

Sein Leibarzt, ein studirter Herr
     Mit knotigter Perüke,
Argumentirte ohn Beschwer

25
Aus Hippokrat und Zelsus her

     Wo’s Ihro Gnaden spüke:
„Gestrenger Schulz im Tartarus
Sind Hämorrhoidarius!“

„„Und Er ist mir ein dummer Tropf

30
     Samt seiner Pillenwaare!

Ein Mann wie ich – wo steht sein Kopf?

[90]

Ein junger Mann noch, Sauertopf!
     Im Frühling meiner Jahre!
Komm er mir mit Latwergen nicht.

35
Der Kolben fliegt ihm ins Gesicht.““


Wol oder übel – wollt’ ers nicht
     Mit Ihr Gestreng verderben,
(Weh dem der Fürstengunst zerbricht!
Husch! fleischen ihm ins Angesicht

40
     Die Splitter und die Scherben)

Er schweigt wohlweislich – weil er muß,
Das lernte sich – beim Zerberus.

„Apolln den himmlischen Barbier
     Soll man herunter holen!“

45
Flugs tummelt schon sein flinkes Thier

Vorbei am Mond ein Luftkourier
     Vorüber an den Polen;
Punkt vier Uhr flog mit ihm der Rapp,
Schlag fünf Uhr stieg er droben ab.

[91]
50
So eben hatt’ Apoll – wie froh !

     Gar ein Sonnet gedichtet?
O pfuy doch! Nein! bei Mamsell Jo
(Zum mindsten schwazt die Muse so)
     Hebammendienst verrichtet.

55
Ein Knäblein, wie in Wachs geprägt,

Ward Vatern Zevs fürs Hauß gelegt.

Der Gott durchlas den Höllenbrief
     Und stuzte drob nicht wenig,
Der Weg ist weit, die Hölle tief,

60
Und ihre Felsen steil und schief – – –

     Doch zalt mich ja ein König!
Frisch nimmt er Pelz und Nebelkapp, –
Und durch die Lüfte strampft der Rapp.

Die Loken à la mode gerollt,

65
     Geglättet die Manschetten,

Im Gallakleid von Spiegelgold
(Ein Schmuk den ihm Aurora zollt)
     Mit kostbarn Uhrenketten

[92]

Die Zähen auswärts, chapeau bas

70
So stand er vor dem König da.



Zweites Buch.


Der alte Murrkopf, wie bekannt,
     Bewillkommt ihn mit Flüchen:
„Ey pak er sich ins Pommerland!
Wie stinkt er doch nach Eau d’Lavande?

75
     Eh möcht ich Schwefel riechen.

Puh! schier’ er sich doch himmelan,
Er stekt mir ja die Hölle an.

Betroffen wich, wie angeblizt,
     Der Pillengott zurüke. – –

80
„Sind Seine Hoheit stets wie izt?

Im Cerebello, merk ich, sizt
     Das Uebel – welche Blike!
Wie rollen sie! wie flammt ihr Feu’r!
Der Fall ist schlimm! der Rath ist theur!

85
Ein Reis’chen nach Elisium

     Wird die Infarktus schmelzen,

[93]

Und freier in dem Zirkel um
Durch Bauch und Kapitolium
     Die zähen Säfte wälzen.

90
Drum dächt’ ich unmaßgeblich so:

Sie reisten – doch! incognito! –“

„Ja schöner Herr! ich glaubs ihm gern!
     Und wär nur hier zu Lande,
Wie bei euch balsamirten Herrn,

95
Euch niedlichen Olympiern

     Faullenzen keine Schande.
Und brauchte nur – ich folgte gleich!
Kein Oberhaupt das Höllenreich.

Ha! wär die Kaz zum Loch hinaus,

100
     Die Mäuse möcht’ ich sehen!

Sie liefen mir von Hof und Haus
Und jagten meinen Mufti ’naus!
     Würd drauf und drunter gehen!
Poz alle Donner! geh er mir!

105
Gewizigt bin ich für und für.
[94]

Was wars nicht schon für ein Tumult
     Der Thürme eingeschmissen!
Und wars denn damals meine Schuld,
Daß meine Filosofen Pult

110
     Und Ketten losgerissen?

Wie? rissen erst Poeten los?
Hilf Himmel! welch ein Ohrenstoß!

Bei langem Tage schwazt sich viel!
     Mag wohl auf euren Bänken

115
Euch träg genug beim Lombrespiel

Und Dudeldum und Federkiel
     Die Zeit vorüber hinken.
Der Müssiggang beißt wie ein Floh
Auf Sammetpolstern – wie auf Stroh.

120
Da weis vor ewger Langeweil

     Mein Bruder nichts zu treiben;
Und zündelt mit dem Donnerkeil,
Und schießt, ich hör’s ja am Geheul,
     Mit Wettern nach der Scheiben;

[95]
125
Daß Rheas arme Schulter schwankt,

Und mir für meine Hölle bangt.

Großvater Cölus sollt’ ich seyn!
     Ich wollt mir Ruhe schaffen.
Ihr müßtet mir in Leiber ’nein,

130
Und in den Windeln ay ay schreyn,

     Und durch fünf Fenster gaffen!
Vorerst noch über meinen Strom,
Und dann erst nach Elisium! –

Nun denk ich sezt er sich zu Pferd,

135
     Hoff’s, er wird mich begreifen;

Auch ists vielleicht der Mühe werth,
Er sagt was er izt angehört
     Dem Zevs beim Barteinsaifen.
Er mache was er wolle draus!

140
Das jükt mich nicht in meinem Haus.


Und damit kehrt der Herr zurük!
     Sein Servus! Gott befohlen!
Man kann ihm – Halt ’n Augenblik! –
Für seine Müh ein hübsches Stük

[96]
145
     Rothgüldenerz herholen.

Mag droben doch was rares seyn,
Wir Tartarer hofiren drein.““ –


Drittes Buch.


Somit beurlaubt sich der Gott
     Mit kurzen Reverenzen.

150
Als plözlich durch die Höllenrott

Hindurch sich riß ein Flügelbot.
     (Er kam von Tellus Gränzen)
Monarch! Ein Arzt! ein Wundermann.
Kommt hinterdrein – ich ritt voran.

155
Plaz für den fremden Praktikus!

     Er kommt mit Peitsch’ und Sporen.
Nikt freundlich jedem seinen Gruß,
Als wär’ er hier im Tartarus
     Erzogen und gebohren;

160
Freimüthig ohne Furcht und Grauß,

Wie Britten in dem Unterhaus.

[97]

„Gott grüß die Herren allesamt!
     So trift man hier zu Lande,
     Wohin, wer von Prometheus stammt,

165
Jedweden das Geschik verdammt,

     Noch trefliche Bekannte!
Wer weis’t mich nach Elysen hin?
Möcht gern die Brunnen springen sehn.“

„„Gemach! – der Fürwiz wird den Herrn

170
     Doch nicht so hastig treiben,

Er muß mir izt beim Siebenstern!
Er muß mir ungern oder gern
     Noch ein Rezept verschreiben.
Die Höll’ ist mein – Pluto mein Nam!

175
Heraus ’n mal mit seinem Kram!““


Mit einem scharfen Blike mißt
     Der Arzt den schwarzen Kaiser.
Zwar riecht er nicht am gnädgen Mist,
Beäugelt nicht was er gepißt,

180
     (Auch würd’ er deß nicht weiser.)

Durchdringend wie elektrisch Feu’r
Erspäht sein Blik – das Ungeheu’r.

[98]

„Monarch! Ich schenke dir die Beicht
     Der schlimmen Siebensachen.

185
So desperat der Rath dich däucht,

So ist doch auch der Fall nicht leicht –
     Und Kinder fürchten Drachen.
Ein Teufel frißt den andern! – kurz!
Ein Weibchen - oder – Niesewurz!

190
Sie tändle oder keife nun,

     (Ich weiß von keinem Dritten)
So jagt sie doch den Alp davon
Der dich auf deinem Eisenthron
     Erbärmlich zugeritten.

195
Jagt frei und flink bergab zum Fuß

Berg auf zum Kopf die Spiritus.“




Vivat der Doktor hochgelehrt,
     Der diesen Spruch thät fällen!
Ein ewig Denkmal ist er werth

200
Darauf in Marmor, hoch zu Pferd,

     Von Phidias zu stellen.

[99]

Ein Monument, das nie verdirbt,
Wenn Hippokrat und Boerhaave stirbt.

Kek nahen izt die Todte sich

205
     Zum höllischen Monarchen –

Der Frau Plutonin in die Küch
Ein Lapperdan – macht gute Sprüch,
     Und fromme Aristarchen.
Hieroben frommte der Gebrauch!

210
Juchhe! izt gilt er drunten auch!


P.