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Der große Blumen-Congreß im Krystall-Palaste zu Sydenham bei London

Textdaten
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Titel: Der große Blumen-Congreß im Krystall-Palaste zu Sydenham bei London
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aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 330-331
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Der große Blumen-Congreß im Krystall-Palaste
zu Sydenham bei London.

So ein freudiger, blumenreicher Tag ist auf Erden noch nicht dagewesen, als der erste Juni-Sonnabend dieses Jahres im Krystall-Palaste zu Sydenham bei London. Es war der volle, erste Völer-Congreß aller blühenden Schönheiten der Erde. Alle Zonen und Nationen hatten ihre schönsten Vertreterinnen im duftigsten, reichsten Schmucke, den die edle Kunst und Wissenschaft des höheren Gärtners der Natur zu verleihen im Stande ist, unter diese erhabenen Krystallbogen gesandt. Die Vertretung der gemäßigten Zone versteht sich von selbst; aber auch Italien, Grahams Town, Damaskus, Schiras, Calcutta, Bengalen, Algerien, Abyssinien, China, Siam, Assam, Birmanien und selbst Japan hatten volle durftige, blühende Stimme in diesem kosmopolitischen Congreß des vegetabilischen Weltschönheitsstaates. Es war das weite Blüthenkleid unserer ganzen Kugel, die Weltkarte der Flora und der Damenflora von England obendrein. Wie oft kam ich in Verlegenheit, was ich für himmlischer halten sollte, die gazige, blühende, entzückte Vertreterin weiblicher, oder die Abgeordnete vegetabilischer Schönheit. Vor einer roth und weit blüthenübersäeten, riesigen „Epacris“ stand ein rosiger, feiner, blühender Engel, unter dessen großen, gelben, blaubebändertem Strohhute die üppigen Locken so golden quollen, als könnte man direct Goldstücke oder Epaulettes daraus schmieden, und klappte in die weißen Hände und rief mit der süßesten, entzückenüberquellenden Stimme: „Mama, da möcht’ ich mitten hineinspringen und mitblühen!“ Kein Schönheitsrichter Paris hätte sich anders aus der Verlegenheit helfen können als durch ein solches Urtheil.

„Der Mensch wird wieder zur Erde, und aus der Erde wachsen Jahr aus Jahr ein so unsäglich schöne Blumen! Wenn ich einst im Sterben liege, werde ich daran denken und mich nicht fürchten,“ sagte eine blasse Dame im tiefsten Schmerz zu ihrem Begleiter vor dem blühenden Erica-Walle.

Das sind zwei Beispiele von den Wirkungen dieser Schönheit. Wie Lessing ganz richtig beweis’t, kann man die Schönheit selbst nicht mit Worten malen. Um in Worten eine Vorstellung von ihr zu geben, muß man’s wie Homer machen und die schönheit in ihrem Reize, in ihrer Wirkung zeigen, so daß er, um zu singen, wie schön Helene war, um welche der 10jährige trojanische Krieg entbrannte, sie vor ehrwürdigen, weißhaarigen Greisen vorbeigehen läßt, welche nun ausrufen: „Das ist sie, um welche der Krieg aufloderte, der so viel Blut und so viele Thränen kostet! Aber, was er auch kosten mag, diese göttliche Schönheit ist es werth!“ So wirkte sie auf ausgebleichte Greise, die Schönheit Griechenlands. So wirkten die Blumen auf Engländerinnen, die sonst so gern kal und vornehm thun vor den Augen der Welt.

Doch das ist mitten aus der Glorie. Suchen wir in epischer Reihenfolge ein Bild davon zu geben, mit Farbe und Duft, mit Sonnenschein und einer Herrlichkeit, wie sie noch nie beisammen war.

Die ersten Vorboten des Festes waren allerlei Wagen, vom „Cab“ und „Brougham“ an bis zur schwersten Familienkutsche alter Oberhausfamilien. Die „Cabs“ für die Blumenschau waren sofort zu erkennen. Die Kutscher trugen ja gewaschene Handschuhe, obgleich es Sonnabend war, und die neuen, leichten, gehauchten Hüte der Damen darin und die steifen Vatermörder und wundervollen Westen der Herren ihnen gegenüber und die goldenen Stockknöpfe zwischen ihren ganz neuen Handschuhen hervorkokettirend, verkündeten laut: Heute ist etwas Ungeheueres los! Die gewöhnlichen Familienkutschen vergaßen heute ihre Würde und suchten mit plebejer Leidenschaft durch das Gedränge zu rumpeln, obgleich sie dadurch ihr Ungeschick nur deutlicher verriethen und inwendige mit ihren in Vornehmheit fet gefrornen Paaren aussahen als wären sie nur aus Versehen und Vergessenheit aus unerreichbaren Höhen und vergangenen Jahrhunderten in die Gegenwart gerathen. Erst nach 12 Uhr erschienen die Flugmaschinen der jungen Welt- und Pferderennen-Aristokratie, durch die Straßen schießend wie Feuerspritzen und Wind machend, wie Palmerston, daß die Blätter von den Geraniums in den Knopflöchern der Kutscher davonstoben.

Es wäre Vieles zu singen und zu sagen von den Blumen-Congreß-Equipagen, deren nicht weniger als siebentausend, wie die Times angab, vor den Thoren des Krystall-Palastes erschienen, um die feinste Sahne der ganzen englischen, versauerten Gesellschaft unter die Blumen zu gießen, aber wir müssen uns kurz und an die Sache halten. So erwähnen wir nur noch, daß die Eisenbahn den ganzen Tag athemlos in langen überfüllten Zügen ununterbrochen hin- und herschnaubte, ohne jemals aufzuräumen und ganze Massen zu Fuß und zu Pferde ersetzen mußten, was der Dampf und die 7000 Equipagen an sich fehlen ließen.

Der Vormittag war trübe, so daß die Damen mit ihren elfenbeinerenen, reich umfranzten Sonnenschirmen und Parapluies ängstlich Wache hielten, um die ersten Tropfen aufzufangen; aber um 1 Uhr trat die Sonne, wie auf ein Trompeten-Signal, hinter den Wolken hervor und sagte strahlend und die wonnevollste Scene verklärend: Ich will das Meinige auch dazu beitragen zu diesem Ehrenfeste für meine Lieblingskinder auf der Erde. Und so schien sie wie noch nie vorher. die Blumen-Armeen, welche bisher außer unter dem Krystall- noch unter einem unabsehebaren Gazehimmel dunkel und trübe gestanden, bekamen alle klare, heitere Gesichter wie die Figuren eines alten Gemäldes unter einem neuen Lack. Der Gaze-Himmel wurde Duft und Aether, und Eisen und Glas des ganzen Tempels verwandelten sich in architektonisch geformte Sonnenstrahlen, [331] die nur dazu dienten, die schwellende Freude von mehr als 100,000 Menschen zusammenzuhalten, daß sie sich nicht in Seligkeit und Himmel auflöse. Die großen runden Geflechte mit den Schlingpflanzen hingen wie Kronenleuchter herunter, statt der Lichter mit seltsamen Blumen in ihren langen phantastischen grauen Armen. Draußen wurde der Durchbruch der Sonne durch ein allgemeines: „Präsentirt’s Gewehr!“ von Seiten der Damen gefeiert. So wie der erste Sonnenstrahl herabschoß, schossen unzählige Tausende von Sonnenschirmen in die Höhe und spannten sich auf zu dem buntscheckigsten Hut-Himmel. Man hörte das Knackern der Drähte inwendig bis in die weiteste, verschwimmende Ferne. Mehrere für ihre Teints zartfühlende Herren spannten sogar ihre Regenschirme auf.

Die Racen und Geschlechter der Blumen waren in einzelnen Regimentern und Bataillonen an grünen Kunsthügeln aufwärts aufgestellt, zwar in merkwürdiger Anarchie, wie sich das in England von selbst versteht, theils nach Klassen, theils nach Verhältniß ihrer Eigenthümer, aber das störte die unaussprechliche Schönheit und Großartigkeit des Schauspiels nicht. Jede Pflanze war ein Muster ihrer Art, ringsum mit vollentwickelten und knospenden Blumen, dicht bekleidet, so daß man sich am Meisten über die unbegreifliche Gärtnerkunst wundern muß, die es vermochte, solche Blüthenmassen gleichzeitig rings herum zu entwickeln. Jede Pflanze trug ein zusammenhängendes Festkleid, gewoben aus ihren eigenen Blumen, so daß sich Zweige, Stämme und Blätter oft ganz dahinter bargen. Einige wiegten sich hoch über der Menge zwischen den prismatischen Farbenspielen der rauschenden, riesigen Krystall-Fontaine und schienen mit den Vögeln zu kosen, die sich in diesen ewigen Frühling verirrt hatten und von Damen und Kindern mit dem größten Interesse überall hin verfolgt, größtentheils aber da gesucht wurden, wo sie nicht waren.

Besonders viele Freundinnen erwarb sich eine Amsel, die fortwährend überall in höchster Lust neckisch zu pfeifen schien und gleichzeitig überall gesehen und gehört ward, so übermüthig lustig schoß sie umher, um sich alles zu besehen und Loblieder zu extemporiren. Könnt’ ich diese Lieder der Amsel übersetzen, wär’ ich vielleicht im Stande, diesen Universal-Blumen-Congreß zu schildern. Als Mensch ohne Flügel vermag ich nur einzelne Wunder namhaft zu machen, vor allen die Azalias. Hier in einem glühenden Berge so roth, so feurig, daß man schwarze Flecke in die Augen bekam wie vom Sehen in das glühende Roth der untergehenden Sonne, dort in einem rosigen Weiß, so transparent und zart, wie das Fleisch auf einem jungen Busen, dort wie ein alter König, durchweg in Scharlach oder Purpur, dort blau, wie ein leuchtendes Auge treuer Liebe, oder weiß, wie Hauche lichter Lämmerwölkchen auf dem hellen, saftigen, grauen Grunde der Blätter. Es waren die Farbenspiele in blühendster Fülle, aber auch die Rundung und Größe und fleckenlose Gesundheit dieser Tausende von Azalien, die ein immerwährendes Feuer von Ausrufungen des Staunens und Entzückens unterhielten. Wie graciös und grandios thronten die vasenartigen Blüthen der Riesenlilie (Lilium Giganteum). Nie sah man ein reineres Weiß als in den Blüthenkelchen der Phalaeopsis grandiflora. Von Dendrobium hingen die Dolden wie glühende Trauben bei Tokay oder Madeira. Und die Erica-Versammlung? Perlenmeere wie Wachs, wie ächte Korallen, wie Pyramiden von blauen, rothen, violetten, gelben und mischfarbigen Perlen. Zitternd vor jedem Schritte hingen die rothen Blumenhauche von den Zweigen der Boronia. Eine Distel vom Cap der guten Hoffnung blühte wie Gläser voller „Kirsch mit feinem Pomeranzen.' Auf der Vinca rosea alba mit blos vier großen weißen Blättern saßen zwei Blüthen wie Schmetterlinge. Eine Ananas erhob sich zwischen ihren zweischneidigen Blättern, wie gezogenen Riesenschwertern, um sich vor der Menge der Anbeißlustigen zu schützen, wie ein dichter goldener Stab. Ein Dendrobium Pierandii califolium war in Blüthen gekleidet, wie ein persischer Prinz, und doch erklärten einige Herren von Fach (erkenntlich an ihrem würdevollen Gange, ihrer festlichen Haltung und ihren Jägerröcken, aus denen sie stolz auf weiten, rauschenden Sammet und Meere von Seide und durchsichtige Sommerzeuge blickten), daß der Kopf ziemlich nackt aussähe. Wie muß denn ein Exemplar im vollen Ornate erscheinen?

- Und diese Geraniums, diese fleischigste aller blüthentreibenden Pflanzen! Eine Pyramide wie ein ungeheuerer Getreideschober, rundherum alles Blüthe in allen Farben, und jede Pflanze rund wie gedrechselt und rund herum mit Blüthen bedeckt. Hier traf uns eine Luftwelle voller Erdbeergeruch. O, Erdbeeren, Erdbeeren in dieser erschöpfenden, heißen Freude! Alle wurden wir von einem unsichtbaren Zauberstabe berührt. Alle Arten von Nasen erhoben sich und trauerten, um dann die Spur zu verfolgen. Erdbeeren? Kinderköpfe waren’s, runde Runkelrüben, Kürbisse, wenigstens zum Theil größer als Gänseeier. O, wie sie sogen und schnüffelten, und die Kinder ihre runden, geringelten Händchen ausstreckten und, wenn sie weggepatscht wurden, sich erinnerten, daß sie früher Daumenlutscher gewesen und nun doch etwas in den Mund zu stecken fanden! Später traf eine Dame eine ihrer Freundinnen, die sehr kränklich aussah: „Meine Theure, hast Du die Erdbeeren gesehen? O geh, geh, es wird Dir unendlich gut thun!“ - So schön, so erquickend war das Aroma, daß die Dame im vollen Ernste an deren Heilkraft für ein krankes Herz glaubte. Blasse, kranke Gestalten, in eleganten Handwagen umhergefahren, verweilten hier länger, und ein sehr bleicher, abgezehrter Mann mit dem großen, unlängst von der Königin eigenhändig vertheilten Orden: „Balaklava,“ mit seinem noch einzigen Arme schwer auf einen Führer gelehnt, stand hier besonders lange und holte tief, tief Athem. Diese Erdbeeren waren gleichwohl der gottloseste, tantalisirendste Theil der Ausstellung, da keine ausgestreckte Hand es wagen durfte, diese duftigsten Wunder von Fruchtblüthen nur zu berühren.

Vom Erdbeer-Departement stürzten sich dann auch die Meisten mit wilder Gier unter das unabsehbare Gläsergeklirr Eis löffelnder Damen und hindurch bis in die Gegenden des berühmten Labster-Salates mit kaltem Geflügel, ich allein blieb ein freier Mann und aß aus - der Tasche und guckte dabei der goldgespickten Aristokratie stolz in die Physiognomien, wohl wissend, daß Niemand diesen Grad von Unabhängigkeit erreicht hatte, wie ich.

Plötzlich hieß es: the fountains! the fountains!die Fontainen! Das Eis- und Labstersalat- und Erdbeerdepartement - Alles ward plötzlich Einsamkeit. Ueber 100,000 Menschen im feinsten Staate gruppirten sich draußen auf dem grünen, grünen Sammet des Parkes um die Bassins, die heute zum ersten Male ihr Meisterstück machen sollten. Da standen sie in unabsehbaren Gruppen voller Sammet und Seide unter flatternden Schirmen und Schleiern zwischen den weißen Statuen unter den malerischen Bäumen von der großen, weiten, offenen Landschaft, offen bis zu der dreißig Meilen entfernten, noch sichtbaren Buchholz-Höhe. Still, still warteten Hunderttausende auf die erste Entfaltung von mehr als hundert Wasserstrahlen in den verschiedensten Spielarten, des großen Ehrenpunktes, ob Paxton nun zeigen werde, daß er die berühmten Wasserkünste von Versailles übertreffe. Das Zeichen ward gegeben. Die schließenden Hähne wurden von einer kleinen Armee von Dienern zugleich gedreht, es zischte, es prodelte und plätscherte, silberne, dicke Arme wuchsen auf und höher und höher Fuß für Fuß. Und nun rauschte und donnerte und sprühte und glänzte es plötzlich in allen Richtungen in den blauen Himmel und die regenbogenspielenden Sonnenstrahlen hinein, hundertarmig sich kreuzend und wieder kreuzend und seltsam stehende und doch stets flüssige und sich wandelnde Figuren bildend. Der Wind griff in die leichten Wasserfiguren hinein und sprühte sie bald in dieser, bald jener Richtung auf die zartesten Kleider und Hüte. Kreischend hoben die Damen Röcke und Regenschirme auf und stoben nach allen Seiten aus- und übereinander. Mit der ersten vollen Entfaltung der Wasserkünste setzten 60 Mann ihre glänzenden Blasinstrumente an und schmetterten, daß sie braun und blau wurden, und die Menge platzte vocal in ein freudiges Jubelgeschrei aus, ohne den kleinen, kurzen Mann zu bemerken, der immer noch seinen weißen Hut trägt und so recht seelenvergnügt schmunzelte, Sir Joseph Paxton, der Erfinder des Krystall-Palastes und der Wasserkünste, der jetzt einen 8 englische Meilen langen Krystall-Palast als Fahr- und Eisenbahnweg zwischen dem Ost- und Westende Londons bauen will.